Bildende Kunst. 187 mochten Himmel und Luft und Sonne und Sterne ihrer Natur nach verschwinden und durch orangefarbene, ultramarine, violette, zelbliche, ja grasgrüne Phantasmagorien ersetzt werden; dabei mochte das Festeste für den Menschen als solchen, der Mensch selbst, ja sogar das Bildnis eines bestimmten Menschen dem Will—⸗ kürgesetze einer bestimmten Farbenharmonie unterworfen werden: — es war erlaubt, denn es gefiel ebenso wie rote Baummassen, lastende Bergformen in der Färbung des Vitriols und zu Daunenbetten geballte Schwefelwolken von bleierner Schwere. Das sind nun freilich die ausbündigsten Erscheinungen, und weit mehr als in Deutschland sind sie in England und Frankreich zu Tage getreten, wo ein Idealismus dieser Stim— mung schon viel früher, in England fast seit Blake (1757 bis 1828) und sicher seit Rossetti (1828 1882), in Frankreich seit Moreau (1826— 1898) einzusetzen begann. Aber auch auf deutschem Boden fehlen sie keineswegs ganz, und sicher beruht auch hier der neueste Stimmungsidealismus auf einer Reiz— samkeit, für welche das Abgraben der Empfindungswelt hinab bis auf den Nervenreiz charakteristisch ist. Denn wie kommt denn eigentlich diese moderne Stimmung in der Malerei zu⸗ stande? Doch offenbar dadurch, daß Lichtfarbenreize, die ur— sprünglich aus der Erscheinungswelt her, als von bestimmten Gegenständen ausgehend, zur Aufnahme gelangen, nun um— gekehrt von der Psyche aus selbstthätig und in willkürlichen Phantasien des Lichts und der Farbe hervorgerufen werden. Es ist der ewig wiederkehrende Vorgang: gegen die stärkere seelische Durchdringung der Erscheinungswelt, wie sie die fort— schreitende Kultur bringt, und wie sie gleichsam die Seele mit immer unselbständigeren Bildern anfüllt und unselbständigerer Thätigkeit zu überliefern droht, reagiert diese, indem sie die neuerworbenen Mittel der Wiedergabe von sich aus in freier Form und selbständigem Thun idealistisch umbildet. — 2. Als der erste große Meister der neuen Stimmungs— kunst auf deutschem Boden kann Franz Stuck, geboren 1868.