202 Bildende Kunst. auszugestalten und zu schmücken. Mit diesem Sinne wird also auch bei der Entwicklung eines zeitgenössischen Baustils zu rechnen sein, oder richtiger: er wird als Keim und Anfang eines architektonischen Sinnes ohne weiteres schöpferisch werden. Im übrigen weisen neue Materialien wie neue Bedürfnisse wie auch der Zusammenhang mit der kunstgewerblichen Ent— wicklung auf einen neuen Gerüststil und damit auf Abwendung von dem Wandstil der Renaissance und ihren Tochter- und Enkelerscheinungen. Denn die Bedürfnisse gehen auf hohe, weite und besonders lichtreiche Räͤume, — wie ist unser Auge durch die neuen Arten künstlichen Lichtes verwöhnt worden! Solche Räume sind aber nur zu schaffen bei starker Durch— brechung der Wände: also viel Abschluß durch Glas — und demgemäß bei Anwendung starker tektonischer Rahmen: also gerüstartigem Aufbau. Und da gleichzeitig der Raummangel in den großen Städten, die für den Fortschritt der archi— tektonischen Bewegung maßgebend sind, hohe Wölbungen ver—⸗ bietet, vielmehr zum Einbau möglichst vieler Stockwerke flache Decken verlangt, so ergiebt sich ohne weiteres eine gewisse An— lehnung an den nationalen Stil der Spätgotik, den einzigen, der bisher gerüstlichen Aufbau mit flachen Decken oder wenigstens flach eingewölbten Decken vereinte. Also Glas-Eisenkonstruktion, maskiert durch eine gotisierende Steinfassade? Es ist die Lösung, die oft genug, zunächst an großen Warenhäusern, dann auch an Mietspalästen und ver⸗ einzelt sogar an Familienwohnhäusern versucht worden ist. Aber diese Lösung bringt wie jede andere immer wieder das schwere Problem der künstlerischen Verbindung von Stein und Eisen mit sich: und das heißt eines Eisens, dessen künstlerische Potenzen noch nicht klar entfaltet sind, und eines Steines, der mit allen Vorteilen einer starken Überlieferung seiner Ver— wendungsfähigkeit in tausend bekannten Stilen und Stil— nüancen auftritt. Daß da in allem Ornamentalen, und darüber hinaus auch oft noch im Tektonischen, zunächst der Stein noch siegt und gesiegt hat: wer wollte es nicht verstehen? So ist