Dichtung. 287 mit „Lienhard und Gertrud“ und Zschokke mit dem „Goldmacher⸗ dorf“ gewesen; schon bei ihnen war die bäuerliche, die ländliche Umgebung bevorzugt; ihnen schließt Bitzius sich an. Aber gerade in diesem Rahmen war es möglich, rein realistisch, nur den Dingen zugewandt, litterarisch traditionslos zu schaffen. Und da hat denn der Realismus des schweizerischen Pfarrherrn schon manches, ja vieles vom Impressionismus an sich: seine absolute Wahrhaftigkeit läßt ihn vor allem das Menschenherz, doch auch die Natur in feineren Regungen als den bisher be— kannten beobachten; dementsprechend erschließen sich ihm auch neue Stoffe zumeist des Häßlichen, und die Komposition wird unter der Wucht der andringenden Gegenständlichkeit der Welt ver— nachlässigt. Bitzius ist dem Keime nach der erste Impressionist. Aber so rasch und geraden Wegs wie er ist die deutsche Litteratur neben und nach ihm nicht zum Impressionismus fortgeschritten. Er hatte gleichsam jenseits der Grenzen der Überlieferung geschaffen. Diejenigen Dichter aber, die neben und nach ihm vor allem stärkeren Wirklichkeitssinn verrieten, schufen doch innerhalb dieser Grenzen: und so wurden sie, wie man zu sagen pflegt, fortgeschrittene Realisten, und ihr Wesen zehört nur teilweis der neuen Zeit, zumeist dagegen der Kultur der fünfziger bis siebziger Jahre an. Da ist, um nur einige der Größesten zu nennen, zunächst Friedrich Hebbel (1813 — 63). Seine „Maria Magdalena“ (1843) ließ, was unmittelbares Er⸗ fassen psychischer Wirklichkeit betrifft, den raschesten Fortschritt zum Impressionismus oder wenigstens einen Ausbau der Ge— fühlswelt erwarten, der erbarmungslos jeden Winkel des großen Gebietes erhellte. Allein über dies Stück hinaus schritt Hebbel im Naturalismus nicht fort; in seinen späteren Dramen behandelte er selbst die feinsten Fäden bewußter Vorstellungen und klaren Wollens nicht einmal unmittelbar anschaulich als Zettel oder Einschlag des dramatisch-psychologischen Gewebes, sondern schilderte sie gleichsaam nur wie den Gestalten aufgenäht und angeklebt; die Persönlichkeiten wurden bewußt stilisiert, und sie traten unter die Wirkungen einer so ausgesprochenen Schicksalsidee, daß sie deren Wucht unterlagen. Da ist ferner