Dichtung. 241 2. Im Jahre 1882 malte Böcklin sein Bild „Malerei und Dichtung“: zwei stehende Frauengestalten auf marmornem Unterbau in heiligem Lorbeerhain, zwischen ihnen das Becken eines Springbrunnens, dessen stracks emporschnellender Strahl das Bild in zwei Hälften teilt: die Malerei mit dem Wasser des Strahles spielend, gleichsam feierabendfroh nach gethaner Arbeit; die Dichtung hoch aufgerichtet, die Ferne mit dem Blicke suchend, bereit, aus der Schale in ihrer Rechten den kastalischen Trunk der Begeisterung zu nehmen. Es war um 1882 eine zutreffende Symbolik der Zeitumstände: die Dichtung schickte sich an, die Malerei in der Führung der nationalen Phantasiethätigkeit abzulösen. Freilich: noch verworren und ungeordnet fluteten vorwärts— drängende Strömungen durcheinander. Es gab keine Schule, —A0 Bekämpfung sich ein früh geschlossenes Neue hätte herausbilden können, — nur die Sehnsucht war da, die Sehnsucht vorwärts nach einer Dichtung, die wahrhaftig wäre und würdig der zroßen Thaten von 1866 und 1870. Da verfiel man wohl, um zu helfen, einem unbestimmten Goethekult; da besserte man eifrig an den äußeren Verhältnissen des Theaters, als wenn nicht dem Theater nur eine große Litteratur helfen könne, nie— mals aber das Theater der Litteratur; da forderte man wohl zar etwas wie ein Reichs-Dichtungsamt, um der lahmen Be— wegung der Poesie Beine zu machen. Das Beste in diesem Meinungsgewirr thaten noch die vorwärtsweisenden Tendenzen der nationalen dichterischen Vergangenheit. Mochten sie das Land des neuen Stils nur von ferne gesehen haben, die Bitzius und Ludwig und Hebbel und Anzengruber, mit dem Tiefsten ihrer Seele hatten sie ihm doch schon zugestrebt: mit dem Wahrheitsfanatismus ihres Schaffens, mit dem Erdgeruch ihrer Poesie, mit der unerbittlichen Folgerichtigkeit ihrer Ent— deckungsreisen ins eigene Innere, mit ihrem idealischen Zug zum Einfach-Großen, mit ihrer Abneigung gegen die spezifisch wissenschaftliche Seite des Historismus. Zu diesen Zügen brachte nun das neue Geschlecht neue Lamuprecht. Deutsche Geschichte. Erster Ergünzungsband. 16