Dichtung. 247 Geist der Dichtung durch „Anhäufung schildernder Details, Armut der Erfindung, Überwucherung des Nebensächlichen“; er mache vor allem die Kunst zur Wissenschaft. „Er will eine Leidenschaft sezieren, etwa die Trunkenheit (lies: Trunksucht). und nimmt nun von allen Trunkenbolden Züge her, um aus ihnen einen einzigen Säufer zusammenzusetzen, und er gewinnt auf diese Weise eine Leidenschaft, wie sie so, Rad in Rad, Zahn in Zahn greifend, so logisch richtig aufgebaut in der Wirklichkeit kaum einmal in die Erscheinung tritt“:: — er stellt alle wissenschaftlichen Kennzeichen eines Trunkenbolds zusammen, nicht diesen selbst. Aber das hielt Arno Holz (geb. 1863) und dessen Freund Johannes Schlaf (geb. 1862) nicht ab, die Lehren Zolas nochmals zu einer besonders scharfen Theorie zu raffinieren und nach dieser Skizzen zu schaffen, die im Jahre 1889 unter dem Titel „Papa Hamlet“ und unter dem Pseud⸗— onym B. P. Holmsen erschienen, sowie nach demselben Rezept ein Drama „Ddie Familie Selicke“ (erschienen 1890) zu ver⸗ fertigen. Und diese Vorgänge waren, wie wir später sehen werden, für die Wendung der Berliner litterarischen Be— strebungen von nicht geringer Bedeutung. Inzwischen aber hatte sich der naturalistische Impressio— nismus zunächst physiologischen Charakters wie in Berlin und München so auch sonst im Reiche entwickelt, und zwar der Hauptsache nach aus eigenster seelischer Entfaltung der Nation heraus und in spezifisch deutschen Erscheinungsformen. Und auch das deutsche Hsterreich nahm, wenngleich etwas später und weniger heftig und stoßweise, an der Bewegung teil, ja ging ihr auf dramaturgischem Gebiete fast voraus: 1889 schon oͤffnete sich die Hofburg unter der Leitung Burckhards der modernen Bewegung, und zu gleicher Zeit etwa nahm das im September 1889 gegründete Deutsche Volkstheater das neue Drama auf. Das „jüngste Deutschland' aber, von bösen Menschen hin und wieder auch das „grüne Deutschland“ genannt, erhielt inzwischen ganz revolutionären Charakter: