Dichtung. 255 Indes noch ehe Conradi zu einer Frühreife gedieh, der kein reicher und glücklicher Herbst folgte, war bereits die erste ganz moderne Lyrik, die Lyrik des physiologischen Impressio— nismus zur vollen Höhe ihrer Blüte gelangt: durch Liliencron. Liliencron aber hatte eine überaus begabte Vorläuferin gehabt in Ada Christen (geb. 1844, gest. 1901, — „Lieder einer Verlorenen“, 1868; „Aus der Asche“, 1870; „Schatten“, 1872; „Aus der Tiefe“, 1878). Was Ada Christen auszeichnet, das ist die weibliche Sorglichkeit in der Intensität der Beobachtung, und dabei eine Weichheit der Malerei trotz oft recht herben Inhalts, die Liliencron in dieser Verbindung weder in seiner ersten noch in seiner zweiten Periode erreicht hat. Im übrigen wurde Anfang der neunziger Jahre der Ver— such gemacht, den reinen Impressionismus Liliencrons noch zu übertrumpfen. Arno Holz, den wir schon als den ästhetischen Gesetzgeber des naturalistisch-impressionistischen Romans und des Dramas kennen gelernt haben, versuchte sich damals auch in der Lehre einer physiologisch-impressionistischen Lyrik. Seine Forderung ging dabei auf eine Dichtungsform, „die auf jede Musik durch Worte als Selbstzweck verzichtet, und die, rein formal, lediglich durch einen Rhythmus getragen wird, der nur noch durch das lebt, was durch ihn zum Ausdruck ringt“. Holz will also, um es anders auszusprechen, nur noch den Rhythmus zulassen als unmittelbarsten Ausdruck der inneren Struktur der Impressionen; er will, wie er es bezeichnet, den „immanenten Rhythmus“, der jedesmal „neu aus dem Inhalt herauswachse“. Warum nun das? Einfach, weil ihm alle anderen Kunstmittel zur Wiedergabe dichterischer Eindrücke, Reim, Strophe und Verwandtes, als verbraucht erscheinen: „was im Anfang Hohes Lied war, ist dadurch, daß es immer wiederholt wurde, heute Bänkelsängerei geworden.“ Kann nun eine solche Reaktion gegen bestehende Formen im Grunde etwas Verneinendes, allein schon zum Aufsuchen neuer Formen berechtigen? Wie man sich auch zu dieser Frage stellen möge: gewiß ist, daß die bloße Betonung eines Rhyth⸗ mus, von dem Wirkungen allerstärkster Charakterisierungsfähigkeit