Dichtung. 287 verwandter Art erinnern, neuerdings Dichtungen wie die Dauthendeys und Momberts bewiesen („Tag und Nacht“, 1894; Der Glühende“, 1896; „Die Schöpfung“, 1898). Ehe indes unmittelbar aus dem physiologischen Impressio— nismus naturalistischen Charakters Formen einer neuen idea— listischen Dichtung gewonnen wurden, war die Entwicklung schon längst beflügelten Schrittes jenem Impressionismus zu— geeilt, der neben die physiologischen Eindrücke immer mehr — weit mehr als eben der physiologische Impressionismus — psychologische und bald neurologische Eindrücke setzte. 2. Die Umformungen der innersten Seele der Lyrik, die bei dieser Gelegenheit eintraten, sind schon einmal gelegentlich der Schilderung der Dichtung der George und Hofmannsthal kurz berührt worden: hier ist der Vorgang systematischer zu verfolgen. Das Entscheidende war, daß man in das Reich der pri— mitiven Empfindungen, der ersten Reizvorgänge vordrang. Bis dahin war die Psychologie der Lyrik wesentlich in der Be— schreibung der Gefühle aufgegangen, hatte also den letzten Effekt geschildert, der sich in der Seele aus der gedächtnismäßigen Summation einer Fülle vorhergegangener einzelner Empfin— dungen hervorbildet. Jetzt trat immer schärfer das Bestreben auf, die einzelnen Augenblicke der Entstehung dieser Gefühle zu unterscheiden und nur die Anfangsmomente aufzugreifen, also das gleichsam wiederzugeben, was vor der Formulierung im Gefühl durch die Seele gezogen war und bisher die Bewußt— seinsschwelle noch nicht überschritten hatte: primitive Empfindung, nervöse Reizvorgänge. Damit wurden denn die Dichter langsam Meister der ge— fährlichen Kunst, sich selbst in ein handelndes und ein leidendes und in ein zugleich Handeln und Leiden beobachtendes Ich zu zerlegen; in Wettbewerb traten sie mit den Psychologen und den Psychiatern in dem Bestreben, sich bisher unbewußt ver— laufender Reizvorgänge bewußt zu werden. Lamprecht, Deutsche Geschichte. Erster Ergünzungsband. 17