266 Dichtung. Fortentwicklung des modernen Idealismus aus dem bloßen Stimmungsgehalt in festere, allgemein stoffliche Motive bald als ein Bedürfnis der Zeit, dessen tiefere Begründung sich später aus der Geschichte der Weltanschauung ergeben wird: man schrie nicht mehr bloß nach subjektiver Wahrheit und Schönheit, sondern nach objektiven Werten, nach Sittlichkeit und nach Glauben. Wie aber sollte jetzt diese mehr objektive Stimmung, dies Fühlen nicht mehr, sondern vielmehr Gefühl in den stilistischen Formen der Stimmungslyrik zum Ausdruck zgelangen? Ein neues Problem der Form ergab sich, das noch keineswegs gelöst ist. Doch wir wollen nicht in die Zukunft schauen. Es wird Zeit, zurückzublicken und zu erzählen, wie der neue Idealismus sich im einzelnen Bahn brach. Und da sei denn zunächst noch ein— mal daran erinnert, daß im ganzen und großen die ersten Zeiten der neunziger Jahre den Umschwung brachten. Damals hörte eine Anzahl spezifischer Bewegungen des Naturalismus auf oder geriet in ruhigere, gleichsam geschäftsmäßigere Bahnen: so u. a. die von dem Naturalismus ins Werk gesetzte Reinigung der Sprache vom Fehler, vom Fremdwort und vom Poapierdeutsch: 1885 war der „Allgemeine deutsche Sprachverein“ begründet worden, 1889 war Otto Schröders Buch „Vom papiernen Stil“ erschienen, 1891 folgten noch Wustmanns „Sprachdummheiten“. Damals schuf sich weiterhin künstlerische, ihrer Natur nach dem Idealen zugewandte Lebensfreude die Anfänge einer neuen Litteratur; 1890 erschien Langbehns „Rembrandt als Erzieher“ und erlebte in drei Jahren zweiundvierzig Auflagen, 1894 nahm der „Pan“ mehr für geschlossene Kreise und reichere Klassen, 1895 die „Jugend“ für die große Öffentlichkeit die junge Be— vegung auf. Und diesen äußeren Veränderungen entsprachen innerliche. Alte Humoristen von hoher Kunst und eindring— licher Seelenmalerei, wie Hans Hoffmann, traten wieder mehr in den Vordergrund der litterarischen Bühne, und auch unter den Jungen schaffte sich der Humor, dieser so häufige Begleiter eines lebensfrohen Idealismus, und noch mehr ganz allgemein gesteigerte Lebensfreude Platz: Kretzers noch etwas ältlich ge—