270 Dichtung. mus, in dem objektivere sittliche und religiöse Kräfte nach Entfaltung ringen. Von beiden Gattungen ist die zweite im allgemeinen die spätere, noch schwächere, noch im Werden be— griffene. Die erste dagegen, durch zahlreiche Dichter vertreten, weist wiederum stimmungsvoll gewandte Physiologen auf und stimmungsvoll gewandte Psychologen, die gern auch rein ner— vösen Sensationen leben. Der physiologische Idealismus der ersten Gattung ist uns schon aus Liliencrons zweiter Periode bekannt. Gewiß beruht die Bedeutung Liliencrons mehr auf dem Naturalismus seiner ersten Periode. Indes auch jetzt noch heben ihn die Leichtigkeit seiner Sprache und seines Verses, die virtuose Handhabung des Reims, kurz formale Eigenschaften weit über den Durch— schnitt der mit im Wettbewerb stehenden Dichter hinweg, und wenn er auch nicht so abgestufter Stimmungen fähig ist wie mancher andere, so hat er die Nation doch noch mit so schönen Dingen wie seinen Gedichtsammlungen „Kampf und Spiele“ und „Kämpfe und Ziele“ (1897) bedacht. Indes vollkommener noch als Liliencron selbst vertritt diese Art der Stimmungs⸗ dichtung sein Freund Gustav Falke (geb. 1853 in Lübeck, Musiklehrer in Altona; „Tanz und Andacht“, 1893, u. a. m.). Falke ist wärmer und gesättigter als Lilieneron, und schon schlagen die Eindrücke bei ihm gelegentlich ins Nervenhafte um. Dabei kann die Form nicht selten auf den ersten Blick als alt erscheinen und stark stilisiert, — so daß sie wohl an Goethes Frühzeit erinnert. Indes das ist nur Schein. Im Grunde ist Falk ganz modern; mit Erfolg ruft er weite Schwebungen von Spannungsgefühlen hervor, um die Stimmung zu intensivieren, und daraus ergeben sich ihm alsbald auch verwickeltere Formen: etwas Geheimnisvolles in der Sprache, etwas von seltsamer Feierlichkeit, ein Rätselreichtum der Rhythmen und Reime, ein raunender Tonfall des Musikalischen. Das alles kann dann den Dichter so weit tragen, daß er das erste Erfordernis eines guten physiologischen Impressionismus, die klare Gegenständlichkeit, verliert, daß sich ihm die Dinge nicht mehr zu einem räumlich⸗ zeitlich geschlossenen Ganzen zusammenfügen. Aber im allge—