Dichtung. 273 Aus der reinen, einsamen Seele kann keine Kunst, weder eine naturalistische noch eine idealistische, auf die Dauer leben, und am allerwenigsten helfen da Nervenexperimente entscheidend. Ein bloßes Seelenreich bleibt ein Traumreich, ja weniger: ein Reich der Schatten. Und dem Dichter winkt, wenn er diesem Reiche allein unterthan wird, nicht Weltfreudigkeit, die Grund— lage alles Schaffens, sondern Entsagung. Eben diese Ent— sagung stellte sich darum bei der neuen Dichtung bald ein als rin Zeichen, daß die Summe der Möglichkeiten auf der ge— wählten Grundlage erschöpft sei. Ich kann nicht lieben, ich kann nur sehnen, Denn ich bin krank und bin auch so müde, Ich kann nur traurig am Fenster noch lehnen, Zu schaun, wann der Traum mich zur Hochzeit wohl lüde: so singt Richard Perls, einer aus der Gruppe um George und Hofmannsthal. Gewiß, es war so, wie es Hofmannsthal einmal von der neuen Dichtung erzählte: sie hatte den Schmelz der ungelebten Dinge, Altkluger Weisheit voll und frühen Zweifels, Mit einer großen Sehnsucht doch, die fragt: ein neues Reich der Sensationen war erschlossen und aus seinen Schätzen war eine ganze Welt neuer Stimmungen gespeist worden, — aber bei diesem Eroberungszuge waren die Gestade der rohen, greifbarsten Wirklichkeit verlassen worden, und einsam trieb man auf dem Meere einer bloßen Reizsamkeit dahin, die unbefriedigt ließ. Das, wessen man bedurfte, war zunächst und an erster Stelle eine gesundere Verbindung der neuen nervösen Stim— mungen mit der unmittelbar anschaulichen Masse der älteren physiologischen Eindrücke, soweit diese inzwischen von größeren Teilen der Nation als dauernder neuer Erwerb aufgenommen war. Und darüber hinaus mußte zweitens eine Verschmelzung dieses ganzen neugewonnenen Gutes mit den größten, sich auch jetzt noch als unanfechtbar erweisenden Formschätzen früherer Perioden unserer Dichtung versucht werden. Lamprecht, Deutsche Geschichte. Erster Ergänzungsband. 2