274 Dichtung. Es sind Verbindungen, die inzwischen verwirklicht worden sind; nicht unbedeutende Dichter, wie insbesondere Ricarda Huch (geb. 1864) und Karl Busse (geb. 1872), haben sie her⸗ gestellt. Allein auch der vollere Ausbau bloß einer idealisierten Form genügte nicht. Ein großer Idealismus bedarf eines Mehreren: eines großen idealischen Gehaltes. Konnten da die bloßen persönlichen Stimmungen genügen? Nein: die Note der reli— giösen, der ethischen Gemeingefühle mußte wieder angeschlagen werden; darum handelte es sich. Und es ist nicht zu verkennen, daß auf diesem Boden seit einiger Zeit verheißungsvolle Anfänge emporkeimen. Vor allem ist da Friedrich Nietzsche zu nennen. Daß Nietzsche im Grunde eine künstlerische, ja eine dichterische Natur war, zeigt nichts besser als Sprache und Inhalt seines Haupt— werks, des „Zarathustra“; es wird davon später, wenn Nietzsches Weltanschauung zu besprechen ist, noch genauer die Rede sein. In seinen nicht allzu zahlreichen Gedichten aber tritt noch ge— nauer seine Zugehörigkeit zu den idealistischen Psychologen, ja Neurologen hervor. Er neigt zum Musikalischen, zur Inten— sivierung der Farben und Gerüche, zur Umgestaltung in stili— sierte Linien und auch zur Symbolik: er ist einer der stim— mungsvollsten unter den Stimmungsvollen: Tag meines Lebens! Die Sonne sinkt, Schon steht die glatte Flut vergüldet. Warm atmet der Fels: Schlief wohl zu Mittag Das Glück auf ihm seinen Mittagsschlaf? In grünen Lichtern Spielt Glück noch der braune Abgrund herauf. Tag meines Lebens! Gen Abend geht's! Schon glüht dein Auge Halbgebrochen, Schon quillt deines Taus Thränengeträufel,