Dichtung. 275 Schon läuft still über weiße Meere Deiner Liebe Purpur, Deine letzte zögernde Seligkeit. Was aber Nietzsche über die bloß Stimmungsvollen er— hebt, das ist sein tiefes ethisches Pathos und die bei ihm religiös und verehrend gestimmte Leidenschaft der Wahrhaftig— keit: und diese Empfindungen durchströmen auch die Mehrzahl seiner Gedichte, namentlich aus späteren Zeiten. Freilich: ein eigentlich und dem offen sich darbietenden Inhalte seiner Schöpfungen nach ethisch oder religiös gewandter Dichter war Nietzsche noch nicht. Dichtungen einer religiös und philosophisch gegenständlichen Lyrik treten als für die Zeit charakteristisch erst in den neunziger Jahren auf. Da schlägt z. B. die Poesie von Maurice von Stern (geb. 1860), einem der zahlreichen Balten, die aus dem Exil her heute die deutsche Kunst ähnlich befruchten, wie um die Mitte des 19. Jahr⸗ hunderts die Schleswig-Holsteiner die deutsche Wissenschaft gefördert haben, verhältnismäßig früh schon aus sozialistischen Tönen in religiöse um; die Sammlung „Mattgold“ vom Jahre 1893 bezeichnet die Wandlung. Das ist ein Zwitschern in den alten Bäumen! In Tau gebadet wacht die junge Welt; Im Dorf die Mädchen putzen sich und träumen, Und rosig ist das Kirchendach erhellt. Schon krähen Hähne und die Hunde bellen, Und auf den Gassen lärmt der Spatzen Schar; Der Dorfbach rauscht in morgenfrohen Wellen, Und in das Frührot qurrt ein Taubenpaar. Die Uhr schlägt fünf, und mit dem Früheläuten Erwacht das Dorf zu seligem Gebet; Ich höre Gott im Morgenwinde schreiten In stiller, stummer, heil'ger Majestät. Da raff ich mich empor von meinem Bette, Warm in dem Herzen und im Kopfe kühl, — Der Geist, befreit von des Gedankens Kette, Schwelgt feierlich in ewigem Gefühl.