278 Dichtung. Gattungen und Formen unterscheiden. „Die erste Gattung bildet die einfache Geschichte, deren Erzähler in der Wirklich— keit umherwandelt, um hier ein Stück aufzulesen und dort ein Stück, und zwar in der Absicht, einfach zu fabulieren, was und wie es interessant erscheint, oder jedoch, um zu moralisieren und Belege zu schmieden. Die zweite Gattung ist die Novelle, die sich in den einzelnen interessanten Fall vertieft, um das seelische oder sonst welches Problem zu ergründen, das in dem Falle verborgen liegt. Die dritte Gattung bildet der Roman, welcher sich nicht begnügt, einzelne Stücke der Wirklichkeit dichterisch zusammenzuschweißen, sondern die Wirklichkeit selbst, wie sie der Zeit des Erzählers, dieser Zeit, die des Erzählers Augen allein durchforschen können, zu Grunde liegt, in ihrem Gesamtcharakter auffaßt und widerspiegelt.“ Diesen drei Gattungen der Prosaerzählung entsprechen dann drei idealische Gattungen der Erzählung in gehobener Sprache: das Epos, die Novelle in Versen und die Ballade. Für unseren Zeitraum ist es nun charakteristisch, daß diese idealischen Formen, namentlich im Beginn, viel weniger aus⸗ gebildet sind. Die Novelle in Versen bleibt ihrer thatsächlichen Durchführung nach durchaus eine Nebengattung, die Ballade wird sehr häufig ins Lyrische oder ins Dramatische gezogen und ist auch in dieser Durchbildung wenig beliebt; das Epos endlich geht in den wenigen Dichtungen, die ihm zuzurechnen wären, vielfach ins Philosophische und Lyrische über. Am bezeichnendsten aber ist, daß sich der Gang der Ent— wicklung als Ganzes nur an der Prosagruppe verfolgen läßt. Das soll nun im folgenden geschehen. Ehe aber der Faden der Erzählung aufgenommen wird, bedarf es einer kurzen Auseinandersetzung über das besondere Wesen der prosaischen Kunsterzählung und die in ihr ver— borgenen Komponenten. Eine solche Erörterung ist insofern nicht leicht, als es im ganzen 19. Jahrhundert keine allgemeiner angenommene und ganz selbständig durchgebildete Theorie der Hauptkunstform, des Romans, gegeben hat: denn Spielhagens hierher einschlagende Arbeiten, an die man zunächst zu denken