280 Dichtung. kommt: und die Skizze wird damit formell fast zur alleinigen Komponente des Romans, ist gleichsam seine Zelle. Gilt nun das Gleiche von der Novelle? Gewiß, auch sie setzt sich aus Skizzen zusammen, nur daß die Skizzen — und, wenn sie vorkommen sollten, die Reflexionen — nicht so locker aneinander gereiht werden wie im Romane. Vielmehr erlaubt hier die Kürze einer Erzählung, die nicht eine ganze Zeit schildern, sondern nur irgend eine Ereignisgruppe, welche ein spannender Inhalt verbindet, darstellen will, eine gekürzte und geschürzte, gleichsam dramatisierte Behandlung der Skizze und damit deren Stilisierung. Und diese Umbildung der Skizze ist nicht bloß gestattet, sie wird bei entschiedener Anwendung der Kunstprinzipien der Novelle sogar gefordert. Konnte darnach eine Zeit des Naturalismus der Novellen⸗ form günstig sein? Niemals, denn sie wünschte ja überall eben jene naturalistische Behandlung der Skizze, welche die Nopelle nicht zuläßt. So blieb denn für die Kunsterzählung, soweit sie nicht den Inhalt einer Zeit im großen ergreifen und grundsätzlich erschöpfen wollte, nur die einfache Geschichte übrig, oder wie man es vom Standpunkte der Novellisten der fünfziger bis siebziger Jahre ausdrücken konnte: die Modernen schrieben nur noch „novellistisch angehauchte Skizzen“; die eigentliche Gabe des künstlerischen Gestaltens in der Komposition trat viel schwächer zu Tage als die Fabulierungskunst. Im übrigen verblieb es natürlich nicht bloß bei den reinen Kunstformen des großen Romans und der kurzen Geschichte; vielmehr be— standen schon von früher her und bildeten sich von neuem noch manche Zwischenformen. Gemeinsam aber war ihnen allen die mehr oder minder formlose Zusammenstellung aus der Skizze. Aber die Skizze selbst: ist sie in der neuen Zeit die alte geblieben? Keineswegs. Gerade in ihrem Wesen traten zu— nächst starke Veränderungen ein, — und durch diese hindurch wurden dann auch Wandlungen der aus ihr zusammengesetzten Kunstformen veranlaßt — abgesehen von den Änderungen,