284 Dichtung. Roman entsteht, der von der Wiedergabe bloßer Eindrücke lebt, die gleichwohl Momente festen Urteils bieten sollen. Der eigenartige Großstadtroman, der auf diese Weise ent— steht und den man wohl Thesenroman nennen könnte, ist zu⸗ erst, schon seit den fünfziger Jahren, in Paris entwickelt worden; er war hier eine parallele Erscheinung zum Thesendrama der Dumas kils und Genossen. In Berlin ergaben sich seit den siebziger Jahren langsam natürliche Wachstumsbedingungen eines verwandten Romanes; doch begreift es sich, daß die neue Form nun nicht ohne starke Pariser Einflüsse zum Durchbruch gelangte. Ihr Hauptvertreter war neben Theophil Zolling („Klatsch“ 1888,„Frau Minne“ 1889) und dem weit bedeutenderen Fritz Mauthner (Romancyklus „Berlin W“: „Das Quartett“, „Der Villenhof“, „Die Fanfare“ 1889 ff.) Paul Lindau (geb. 1839). Von Lindaus Romanen kommt hier namentlich der Cyklus „Berlin“ in Betracht, dem ,Der Zug nach dem Westen“ (1886), „Arme Mädchen“ (1887) und „Spitzen“ (1888) angehören. Freilich kommt in diesem nicht ganz durchgeführten Cyklus keines⸗ wegs das ganze Berliner Leben zu Worte; ein Vergleich etwa mit den „Rougon-Macquart“ Zolas ist völlig ausgeschlossen. Im ganzen bleibt Lindau vielmehr in dem uralten Thema des Salonromans stecken; fast nur das Verhältnis von Mann und Weib ist behandelt. Und in der Richtung dieses Themas spitzen sich darum auch die Thesen zu, falls solche offen verfochten werden. Doch wäre es ungerecht, nicht auch anzuerkennen, welche Fülle feiner Beobachtungen großstädtischen Kulturlebens gleichwohl in diesen Romanen steckt; Lindau ist ein Mann mit scharfen Augen; und was er gesehen hat, das weiß er zwar nicht immer poetisch, gewiß aber vielfach künstlerisch darzustellen. Auf das eigentliche Gebiet der neuen Litteratur freilich führten diese Berliner Großstadtromane Lindaus noch nicht; trotz mancher Neuerungen bewegten sie sich noch in der Technik des französischen Romans der fünfziger und sechziger Jahre und auf der Höhe des Wirk— lichkeitssinnes, der diesem zu Grunde liegt. Moderner in dieser Hinsicht ist der im übrigen schwächere Zolling: indes auch bei ihm kann trotz mancher Anleihe bei dem Variser Roman