Dichtung. 295 immer breiterem Pinsel. Zugleich aber ließ ihn seine litte— rarische Erfahrung die Klippe vermeiden, an der die jungen impressionistischen Eiferer bei der Durchbildung der großen Kunst⸗ erzählung so leicht scheiterten. Seine Romane wollen nicht die ganze Zeit umfassen; er begrenzt sie auf kleinere Themata, die auch mit Mitteln intensivierter Darstellung noch zu erschöpfen sind. Und auch innerhalb dieses Bereiches erscheint er nicht als absoluter, am wenigsten als bloß physiologischer Im— pressionist. Dazu fesselt ihn die eigentlich seelische Seite des Lebens viel zu sehr. Und so baut er im Grunde mehr die Psychologie impressionistisch aus und erscheint von dieser Seite her auch als ein Vermittler zwischen dem ursprünglich mehr dem Äußerlichen zugewandten und dem späteren, vornehmlich psychologischen Impressionismus. Von den zahlreichen Frauen, die namentlich seit den sechziger Jahren auf dem Gebiete der Kunsterzählung thätig waren, teils den alten Beruf des Weibes als Märchenerzählerin erweiternd und fortsetzend, teils von ganz modernen, emanzi— patorischen Gedanken getrieben, wäre in diesem Zusammenhang wohl am ehesten Ossip Schubin (Lola Kirschner) zu nennen. Lola Kirschner steht seit 1884 in unermüdlicher litterarischer Thätigkeit, und schon ihr erster Roman „Ehre“ zeigte ihre ganze Art: den sinnlichen Zug und die Begabung, durch geschickt heraus— gerissene Einzelheiten, die impressionistisch gegeben werden, stark auf Einbildung und Anschauung zu wirken. Im großen freilich hält die Dichterin ganz an der alten Romanform fest; sehr weit ist sie davon entfernt, eine konsequente Neuerin zu sein. Die merkwürdigsten Persönlichkeiten unter den Übergangs⸗ erzählern aber sind wohl Kretzer und Sudermann. Was sie miteinander gemeinsam haben, ist freilich nur die Thatsache, daß sie, jüngere Männer (Kretzer ist 1834 geboren, Sudermann 1857), impressionistischen Fortschritten von vornherein nicht fremd gegenüberstanden, sondern in und mit ihnen groß wurden. Sie nahmen daher das naturalistische Ergebnis nicht nachträg— lich in sich auf, sondern begannen von vornherein mit ihm zu schaffen und ließen es in sich je länger je mehr wirken.