Dichtung. 325 fachen Versuchen geistiger Bethätigung gewidmet war, klar im Jahre 1886 in die moderne Bewegung eingetreten; seit dieser Zeit hatte er Beziehungen zu gewissen litterarischen Kreisen Berlins. Voll entbunden aber wurde seine litterarische Kraft doch erst 1889 im Verkehr mit Arno Holz. Dieser trieb ihn in einen Impressionismus, den auch der „Bahnwärter Thiel“ noch nicht aufgewiesen hatte; und zugleich erschloß sich dem Dichter die dramatische Form als die seiner Begabung ge— mäßeste!: es entstand „Vor Sonnenaufgang“. Das Drama führt in die sittlich völlig verdorbene Welt eines schlesischen Dorfes, dessen Bauern durch Auffindung von Kohlen unter ihrem Grund und Boden zu reichen Faulenzern geworden sind. In einer Familie, deren Untergang durch erb⸗ liche Trunksucht unabwendbar ist, scheint sich einem noch rein gebliebenen Mädchen die Gelegenheit zu eröffnen, durch Ver— heiratung mit einem Fremden den entsetzlichen Zuständen, in denen sie lebt, zu entrinnen: diese Aussicht verschwindet, und sie giebt sich den Tod. Das Drama, das wie andere Dramen Hauptmanns zur Charakteristik des allgemeinen Verlaufes der dramatischen Entwicklung hier etwas genauer besprochen werden soll, bietet noch eine Mischung sehr verschiedener Stilarten: der Impressionismus ist wohl angestrebt, aber nicht einmal in der Führung der Scenen und des Dialogs gleichmäßig erreicht, wie denn überhaupt die Technik im engeren Sinne noch etwas Ur— wüchsiges hat; und neben dem Zuge zur Entfaltung eines originären deutschen Naturalismus stehen noch Einwirkungen der Werke Tolstojs und namentlich Ibsens. Zweierlei Inner⸗ licheres ist dagegen schon mit sicherem Instinkte getroffen: die Folgerichtigkeit des Verlaufes der Handlung und die Zurück— führung dieser Handlung auf die einfachste Form. Und damit ist denn auch schon die Möglichkeit eröffnet, thunlichst auf bloß formalem Wege, ohne starkes Hervorheben einer besonderen So viel wird sich an den Ausführungen Schlenthers, Hauptmann? S. 72, gegenüber Meyer, Deutsche Litteratur im 19. Jahrhundert S. 831 f. aufrecht erhalten lassen.