334 Dichtung. der großen dramatischen Aufgaben der Zukunft, auf die eine gewaltige, klare und echte Linie der Entwicklung bereits von Goethes „Götz“ und Schillers „Tell“ her hinweist. Sollen auf der Bühne wieder die großen Angelegenheiten der Menschheit, nicht bloß die Fragen der mehr privaten und intimen Kreise des Lebens verhandelt werden, so muß der Schritt zu dem großen kulturhistorischen Drama und im besonderen auch zum sozialen Drama der Vergangenheit gethan werden. Gerhart Hauptmann hat dem naturalistisch-⸗impressionistischen Drama in Deutschland als deutscher Dichter die vornehmlichste Bahn gebrochen. Neben ihm aber steht noch eine ganze Reihe von teilweis nicht unbedeutenden Dichtern, die man doch nicht nur als seine Schüler, ja nicht einmal bloß als seine Um— gebung oder als seine Nachfolger bezeichnen kann: von denselben allgemeinen Tendenzen der Entwicklung erreicht und gehoben, haben sie zum großen Teil selbständig ihren Weg gemacht, — soweit denn überhaupt einem Individuum innerhalb der treibenden sozialpsychischen Kräfte seiner Zeit Selbständigkeit zu wahren vergönnt ist. Werden sie hier kürzer behandelt, so liegt das in der Konsequenz eines Verfahrens, dessen Absicht vor allem auf gedrungene Darstellung geht, und dem es deshalb von Wert war, einen Dichter, und natürlich den wichtigsten, als für eine ganze Richtung repräsentativ herauszugreifen. Von diesen Dichtern wäre an erster Stelle wohl Max Halbe (geb. 1865) zu erwähnen mit seinen Dramen „Eis—⸗ gang“ (1892), „Jugend“ (1893), „Mutter Erde“ (1898) und „Die Heimatlosen“ (1899). Halbe ist vor allem Virtuos der Zustandsschilderung, bleibt aber auch gern in dieser stecken. Da, wo es ihm gelungen ist, die behagliche Breite eines dramatischen Impressionismus mit den Katastrophengesetzen des alten Dramas innig zu durchdringen, hat er am meisten den Sinn des großen Publikums der neunziger Jahre getroffen: darum war damals die „Jugend“ sein erfolgreichstes Drama. Noch feiner und sicherer in der impressionistischen Technik als Halbe ist vielleicht Georg Hirschfeld (geb. 1873), und in der Schärfe der Beobachtung übertrifft er selbst Hauptmann, —