Dichtung. 339 „Gaea“: die gegensätzliche Entwicklung des Realisten, der sich mit allen seinen Diesseitswünschen in die Welt einnistet, und des entsagenden Idealisten wird geschildert; und die Krone wirklichen Glückes fällt dem Idealisten zu. Im ganzen aber ergab sich als die Form des Symbolismus, die volkstümlich wurde, doch durchaus das Traum- und noch früher das Märchendrama; und man mag bei Erwähnung dieser That— sache wohl der Märchendramen Raimunds rückwärts gedenken, die bis heute der deutschen Bühne nicht verloren gegangen sind und eben in den Jahren des neuen Märchenspiels zum Teil etwas wie eine Auferstehung gefeiert haben. Im übrigen konnten die Stoffe zu den neuen Dramen am besten fremden Litteraturen entnommen werden, namentlich den phantastischen des Orients. Und damit war dann die Mög— lichkeit eines entscheidenden Wurfes für einen Dichter gegeben, der vornehmlich formbegabt, aneignungsfähig und litterar— historisch imprägniert war. Dieser Dichter war Ludwig Fulda (geb. 1862). Im Jahre 1892 gelangte Fuldas „Talisman“ auf die Bühne. Der außerordentliche Erfolg dieses Stückes wurde gewiß teilweis mit dem Stoffe verdankt: ein junger König angehenden Caesarenwahns wird von dem klugen Omar dadurch geheilt, daß ihm ein ganz augenscheinlicher Irrtum, in den er sich und seinen Hof und sein Volk verstrickt hat, von einem kleinen Mädchen nachgewiesen wird: worauf er be— schließt, künftig mit Rat seines Volkes zu regieren, um vor bösen Versehen gegenüber der Wirklichkeit der Thatsachen be— wahrt zu sein. Allein daneben war es doch nicht minder der leichte, frohe Ton des orientalischen Märchens, der anzog und entzückte. Freilich in dieser einfachen Form nur kurze Zeit. Wenige Jahre später hat Fulda dem „Talisman“ ein zweites Märchendrama folgen lassen, den „Sohn des Kalifen“, — ohne Glück: die reine Märchenstimmung war schon vorüber. Zu gute kam sie dagegen noch einem Stücke, das fast gleichzeitig mit Fuldas „Talisman“ auftauchte, der Bearbeitung des indischen Dramas Mritschhakatika, die Emil Pohl, ein älterer Dichter, in schön gebauten Versen unter dem Namen 22*