Weltanschauung. 409 mehr durchdenkenden Standpunkte, der dem litterarischen Enthusiasmus seiner Jugendzeit gefolgt war, zum Stimmungs— mäßigen über. Er näherte sich jetzt den Vierzigern, in deren Mitte er, jäh getroffen, zusammenbrach (Anfang 1889); er begann im Bereich seines Gefühlshorizontes zu herrschen. Der Apho— rismus tritt zurück, die Persönlichkeit geht in Pathos auf, und dies Pathos schwillt in dem Hauptwerke dieser Zeit, dem „Zarathustra“, zum Symbolischen an, zum erhabenen Ton der Prophetie, der Verkündigung. Und schon findet sich in den späteren Partien des „Zarathustra“ ein jähes Abbrechen von Gedanken- und Empfindungsreihen — da, wo es berechtigt ist, wie in dem wunderbaren Abschnitt „Mittags“ oft von großer Schönheit —, und etwas Unvermitteltes wirkt befremdend. Doch ist der Eindruck auf empfängliche Gemüter berauschend, und die Sprache drängt dicht bis ans Musikalische heran und wirkt um so packender, als der Inhalt oft rätselhaft erscheint und nur dem noch verständlich wird, der alle Irrgänge des Nietzscheschen Denkens bereits durchwandert hat. Spätere Werke zeigen dann den Verfall des Stiles ins hastig Eilende, gelegentlich Rhetorische, Barocke; wie sie denn auch inhaltlich und in dem Mangel des zarten Flaums, des Duftes gleichsam der sittlichen Persönlichkeit des Verfassers bei aller Schärfe und klaren Anpassung des Stils an das Gedachte schon einer Verfallszeit angehören. — Nietzsche hat selbst in den Grundfesten seiner Welt⸗ anschauung wiederholt geschwankt, wenn auch die Basis der gleichen Persönlichkeit nicht zu verkennen ist: und so wäre es leicht, jeden seiner Sätze durch einen anderen, ihm nicht minder angehörigen Satz zu widerlegen. Er ist im höchsten Grade „kein ausgeklügelt Buch“, sondern ein „Mensch mit seinem Widerspruch“; er hat auch Perioden stärkster innerer Zer⸗ rissenheit gehabt und schwer unter ihnen gelitten. Es ist daher unmöglich, selbst diejenigen seiner Anschauungen in einem ganz geschlossenen Bilde vorzutragen, die nach seinem geistigen Tode, in den neunziger Jahren, die Welt mächtig zu erregen be⸗ gonnen haben. Ja eben die Thatsache ist bezeichnend, daß die