419 Weltanschauung. Zeitgenossen sich vielfach an einem ganz unklaren und jedenfalls in seinen Hauptpunkten nicht zu verwirklichenden System be— rauscht haben und vielfach noch berauschen. Als Grundvorgang tritt bei Nietzsche hervor, was schon bei Ludwig, Hebbel, Gutzkow, Wagner geschah: er wendet sich mit Entschiedenheit von einem verzweifelnden oder auch nur entsagenden Pessimismus ab, wie er ihm besonders durch Schopenhauer vermittelt worden war. Bei ihm wie bei Wagner hatte sich dieser spezielle Einfluß Schopenhauers schließlich geltend gemacht vor allem auf Grund des Zusammenhangs, daß Schopenhauers System, das echteste Kind unserer ältesten Romantik, auf der Verwerfung der Verstandesseite des Lebens und der begeisternden Hervorhebung der Phantasieseite beruhte: als Künstler hat sich Nietzsche wie Wagner, abgesehen von einer eigenen pessimistischen Durchgangsstimmung, Schopenhauer gefangen gegeben. Aber als Künstler hat er sich auch, wie nicht minder Wagner, von ihm befreit. Der ästhetische Opti— mismus schlug, bald ethisch gewandt, durch und nahm die Form einer unbedingt enthusiastischen Hingebung an das Leben an wider allen Pessimismus, ja diesem Pessimismus als einer sittlichen Krankheit zum Trotze. Das Leben, das große freie Leben wird Nietzsche nun alles. „In die Höhe will es sich bauen mit Pfeilern und Stufen, das Leben selber: in weite Fernen will es blicken und hinaus nach seligen Schönheiten, — darum braucht es Höhe! Und weil es Höhe braucht, braucht es Stufen und Widerspruch der Stufen und Steigenden! Steigen will das Leben und steigend sich überwinden!“ Eine unbedingte Betonung des Willens zum Leben, der Wollust, seine Abgründe zu überschreiten, seine Tücken zu besiegen, es höher zu peitschen, hinein in ein Ideal neuer Menschlichkeit: das ist das Leben und die Lehre Nietzsches. Und von hier aus, nicht ohne Einfluß Darwinistischer Vor— stellungen, erbaut Nietzsche in sich die Hoffnung auf eine wunder— barere Höhe menschlichen Daseins als die bestehende, auf eine sittliche Wiedergeburt, wie sie schon so viele künstlerische Seelen in Deutschland vor ihm ersehnt hatten. Und auch in den freilich