I12 Weltanschauung. wächst in den fünfziger bis siebziger Jahren mit dem Siege der Realpolitik und den steigenden Triumphen eines oft skrupel⸗ losen Erwerbssinnes die Liebe zur problematischen Natur: der Kultus des Erfolges, der Macht und damit des Helden, des Genies beginnt. In den Zeitromanen verwandelt sich die problematische Natur in die Heroennatur. So schon primitiv in Auerbachs „Auf der Höhe“ (1865); dann auch bei Spiel— hagen bereits in den „Hohenstein“ (1863), ganz deutlich aber, wenn auch unter einer dem Helden feindseligen Tendenz des Verfassers, erst in dem Roman „In Reih' und Glied“ (1866). Und die Ereignisse von 1870 waren dann in mancher Hinsicht den Helden aus dem Roman in die Wirklichkeit zu versetzen geeignet, und die Vorgänge des letzten Jahrzehntes des 19. Jahr— hunderts dienten dazu, seine Stellung in der Gunst der ffent— lichkeit zu befestigen. Dennoch wäre es falsch, den Heroenkult der Gegenwart nur auf Rechnung der besonderen politischen Ent— wicklung Deutschlands zu setzen; er ist vielmehr ein eingeborenes Erzeugnis der modernen Kultur der Reizsamkeit, darum findet er sich früher als in Deutschland schon in Frankreich: bei Graf Gobineau; und früher als in Frankreich wiederum in England und in dem großen Kolonialland englischen Geistes: bei Carlyle und Emerson. Die Kultur der Reizsamkeit ist eben zunächst äisthetisch; und der Künstler bedarf des Helden. Für Deutschland ist es bezeichnend, daß um die Mitte der neunziger Jahre Emerson in den Kreisen der „Moderne“ beherzigt zu werden begann, und daß das 1877 erschienene Renaissancebuch des Grafen Gobineau 1896 ins Deutsche übersetzt ward: um diese Zeit war der Heroenkult bei uns schon so verbreitet, daß er fremde Zuflüsse aufzunehmen ver— mochte. Begonnen aber hat er schon etwa um 1890: damals erhob sich zuerst die auch noch heute leidlich fortströmende Flut biographischer Litteratur, — und damals zeigten sich auch die ersten sicheren Anzeichen einer künftigen Popularität Nietzsches. In Nietzsches Denken aber hatte das Heroenideal schon viel früher Fuß gefaßt, ja es war seiner Persönlichkeit eigentlich eingeboren, denn schon von Kind auf hatte er das