14 Weltanschauung. und Erleider des Schicksals zu sterben. Und zwei Moralen scheiden sie, die Herrenmoral, die Moral des starken Willens, und die Sklavenmoral, und die Herrenmoral wird siegen. Wie freilich: das ist eine Frage, die Nietzsche zu ver— schiedenen Zeiten verschieden beantwortet hat. Doch findet sich schon früh und später alles andere überwältigend besonders die Ansicht, daß es heutzutage möglich sein müsse, den Übermenschen, den Träger der Herrenmoral in ihrer künftigen Vervollkommnung geradezu zu züchten. Denn das sei das Spezifische unseres Zeit— alters, daß es die Kenntnis aller primitiven Kulturen, daß es den weiten Überblick auch über die Entwicklung der hohen Kulturen des Menschengeschlechts zum ersten Male ganz besitze: und die aus dem Werdegang der menschlichen Entwicklung gewonnenen Ein— sichten müßten es dazu befähigen, den Zukunftsgang zu beein— Tussen. Und Nietzsche selbst erscheint sih dann als der Mann, der aus den geschichtlichen Vorgängen zum ersten Male die nötigen praktischen Folgerungen gezogen habe, als der große Züchter und der neue Heiland, der mit dem Buche „Also sprach Zarathustra“ der Welt das Testament einer neuen Sittlichkeit und vollendeten Wiedergeburt schenke, als der Christ und Anti— christ zugleich, und in den Irrgedanken der letzten Zeit versteigt er sich bis zu einem völligen Vergleich mit Jesus und unter— zeichnet seine letzten, schon wahndurchzogenen Briefesworte als „Der Gekreuzigte“. Natürlich ist der neue Sittenkoder Nietzsches, der zum Übermenschen führen soll, ein Gesetz durchaus des starken Willens. Darum werden die alten Tafeln zerschlagen, die diesem Willen ungünstig erscheinen: die Umwertung aller sittlichen Werte tritt ein, und der Fluch des Hasses wird über die alten ausgesprochen und das Christentum als deren Behälter. Aber bald zeigte sich Nietzsche, dem strengen und frommen Charakter, daß eine bloße Sittlichkeit des starken Willens, wie sie nach der Zertrümmerung der christlichen Ethik und mit ihr des christlichen Gottesglaubens übrig blieb, doch zur Hervor— bringung des ersehnten Idealzustandes nicht genüge. Um ob— zusiegen, bedurfte es eines stärkeren Haltes. Und wo fand ihn