Weltanschauung. —417 Ideals des „Renaissancemenschen“ zu Felde; Spielhagen wandte sich 1897 im „Faustulus“ gegen die Umwertung der Werte. Und auch Proteste von Jüngeren fehlten und fehlen nicht. Im ganzen aber traten die Schriften Nietzsches zunächst dennoch einen Siegeszug an fast ohnegleichen. Der aphoristische Charakter ihrer Gedanken schuf ihnen auch da, ja da vor allem Einlaß, wo man das System ablehnte und sich bloß dem all⸗ gemeinen, die Befreiung der Persönlichkeit betonenden Zuge des neuen Denkens hingab. Ihre Sprache gewann auch die Unmündigen im Geiste, wie sie auf den Stil selbst von Gegnern revolutionierend gewirkt hat. Eine große Anzahl von er— klärenden und widerlegenden Schriften erschien und erscheint noch heute; und noch ist das Ende der allgemeinen Einwirkung nicht völlig abzusehen. Sind es aber nur die fascinierenden Einflüsse der Schriften selbst und der hinter ihnen webenden, lebenden Persönlichkeit Nietzsches, die dies Wunder wirken? Mit nichten! Der Wieder— geburtsgedanke ist inzwischen unter gewissen Verflachungen all— gemein geworden, und sichtbarlich wandelt die Nation die Bahn von dem Versuche der Lösung ethischer Probleme hinein ins Gebiet des Religiösen. Eine breitere Grundlage erhielt der Gedanke ethischer Wiedergeburt oder wenigstens notwendigen sittlichen Fortschritts zuerst wohl durch eine natürliche Reaktion gegen den teilweis recht platten, vielfach an den Rationalismus des 18. Jahr— hunderts erinnernden Aufklärungsgeist der fünfziger bis siebziger Jahre. Man begann gegenüber einer rein mechanischen Lebens— und Weltanschauung wenigstens Langeweile, gelegentlich auch schon Ekel zu empfinden. Und selbst Angehörige dieser An— schauung, die tiefer fühlten, erhoben die sehnsuchtsvolle Frage wenn nicht gar Forderung des Plus ultra. Zertrümmert scheint, zermalmt zu losem Staube Des Menschenglückes Grundbaufels, der Glaube. Der scharfe Blick der Forschung der Natur Bekennt sich blind für eine Gottesspur. Lamprecht, Deutsche Geschichte. Erster Ergänzungsband. 27