Weltanschauung. 421 einfach Religiöse abgeklärt; es ist die Zeit, da Harnacks „Wesen des Christentums“ von neuen Gottessuchern eifrig gelesen wird. Ob freilich der Zug ins Metaphysische dem Christentum wirklich zu gute kommen wird? Ist das moderne Christentum in der Verfassung der klugen Jungfrauen, die des Bräutigams warteten? Hat es in den großen Fragen, Anliegen, Nöten des letzten halben Jahrhunderts so zur Nation geredet, daß seine Stimme noch jetzt volles Gehör finden wird? Jedenfalls sind die neunziger Jahre die Zeit, in denen ein neuer Geist schon in mannigfaltigen Zungen zu Worte kam, wenn seine Außerungen auch heute noch vielfach recht unabgeklärt lauten. Von nur wenigen wichtigsten und in sich schon leidlich deutlichen Richtungen soll infolgedessen hier die Rede sein. Da ist zunächst eine ethische Tendenz, die in abgeschwächter Weise an den Wiedergeburtsgedanken erinnert, auch — wenn— gleich im Sinne des Gegensatzes — Einiges vom Evolutionismus aufgenommen hat, vor allem aber noch an alte liberale Ideale anknüpft. Sie hat sich dabei mit der von englischem und amerikanischemn Boden kommenden ethischen Bewegung be— freundet, ohne doch gerade in ihr aufzugehen. Am ein— fachsten ist sie vielleicht durch den Gedanken eines künftigen ewigen Friedens und durch das Bestreben gekennzeichnet, schon jetzt diesem Frieden vorzuarbeiten. Im Dienste dieser Idee hat die Baronin Bertha von Suttner (geb. 1848) ihren Roman „Die Waffen nieder“ geschrieben, der 1889 erschien und es im Jahre 1896 in der Volksausgabe schon auf eine Auflage von achtundzwanzigtausend Exemplaren gebracht hatte. Und schon etwas früher kam diese Richtung zum Ausdruck in der Dichtung Adalberts von Hanstein „Von Kains Geschlecht“ (1888) mit dem Schlußaxiom: Nicht um des Blutes willen gedeiht ja der Kampf! Glück soll sprießen dereinst aus wachsendem Leid, So wie dem Irrtum allein die Wahrheit entsprießt! — Und das Ende des Krieges ist heiliger Friede. Da es sich hier um einen Glauben handelt, so tritt auch früh schon der Umschlag umnmittelbar ins Religiöse ein, und leise