Weltanschauung. 429 Und wer wollte leugnen, daß der Versuch in weiten Kreisen Anklang fand? In Kruses Langobardendrama „Rosamunde“ (1878) können sich sogar die alten Germanen nicht enthalten, ein materialistisches Glaubensbekenntnis abzulegen, und in der Erzählungslitteratur war es wohl erst August Niemann in seinem Roman „Bacchen und Thyrsosträger“ (1882), der außerhalb der speziell christlichen Kreise dem Materialismus entschieden entgegentrat. Und noch neuerdings hat Höckel eine weite OÖffentlichkeit mit seinen im Grunde materialistischen Welträtseln“ (1899) erfreuen können. Materialismus und ein wenn auch kräftiges Epigonentum Kants und Hegels waren die Erscheinungen, welche die fünfziger bis siebziger Jahre zunächst charakterisierten. Sollte sich demgegenüber die neue Zeit der Reizsamkeit nicht durch metaphysische Vorläufer angekündigt haben — väte neben Ludwig und Hebbel, neben Menzel und Böcklin, neben Liszt und Wagner kein Philosoph zu nennen? Leicht wird hier der Name Schopenhauers auf die Lippen kommen. Aber die Lage ist eine verzwickte. Nachdem Kant mit seiner Hegemonie der praktischen Vernunft und Fichte mit seiner Thathandlung des Ich vorangegangen waren, ist Schopenhauer gewiß der erste vollgültige Metaphysiker des Triebes gewesen; aber sein Hauptwerk, „Die Welt als Wille und Vorstellung“, 1819 erschienen, kam zu spät für die Frühromantik von 1800, deren Geiste es eigentlich angehörte, und zu früh für die An— fänge der Reizsamkeit, von der für die metaphysische Seite des Buches Verständnis frühestens erst während der Zeit ihrer oollsten Blüte zu erwarten war. So ward es zu einer Zeit⸗ lose von seltsamsten Schicksalen. Für Schopenhauer zerfällt das Seelenleben des Menschen in zwei deutlich geschiedene Teile, das Denken, die Verstandes⸗ und Vernunftthätigkeit, und das Fühlen und Wollen. Dabei reduziert er aber das Fühlen auf das Wollen — denn alle Gefühle seien auf den einen Gegensatz von Lust und Unlust zu bringen. Freilich muß dann das Wollen triebartig gedacht Derden. Aber so versteht es Schopenhauer auch, und