Weltanschauung. 433 zähligen Willensstrebungen, die unserem Körper als einem Zu⸗ sammengesetzten, als einer Einheit materieller Objekte innewohnen. Und Ähnliches gilt für Tiere und Pflanzen: auch sie sind schon sKomplexe aktueller seelischer Einheiten. So bilden denn den Inhalt des Seins überhaupt aktuelle seelische Einheiten, und da diese durchgängig in Beziehungen zu einander stehen und durch diese sich vorstellen, so erscheint das All als eine unendliche Vielheit von Willensthätigkeiten, die sich durch ihre Wechselbestimmung, die vorstellende Thätig⸗ keit in eine Entwicklungsreihe von Willenseinheiten verschiedenen Umfanges ordnen. Diese unendliche Vielheit von Willens— thätigkeiten aber wird von uns, indem wir von der Vorstellung unserer individuellen Einheit auf eine universelle schließen, als Weltwille und als solcher göttlich gedacht: und die Welt— entwicklung wird uns zur Entfaltung göttlichen Willens und Wirkens. Diese Entfaltung vollzieht sich nun zunächst im Aufbau des Organischen, das nur das äußere Sein der göttlichen Aktualität darstellt; und der Zweck ist dabei, die Erfolge des geistigen Wirkens bleibend zu befestigen und stetig neue Unterlagen für eine fortgesetzte Steigerung dieses Wirkens zu gewinnen. Über das Organische hinaus aber wirkt sich der Wille des Geistes aus im Sinne eines ständigen Wachstums der geistigen Energie: so daß hier eine stetig schöpferische Entwicklung vorliegt. So wird die Natur zu einer Vorstufe des Geistes, und in einem ununterbrochenen Zusammenhang zweckvoller Gestaltungen, in ewigem Werden und Geschehen geht über sie hinaus eine Welt immer neuen geistigen Lebens hervor. Lebhaft gemahnen diese Anschauungen, die Wundt unter erdrückenden Nachweisen aus einem gewaltigen Wissensmaterial vorträgt, an die Anfänge der subjektivistischen Metaphysik in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, nur daß sie um einen Grad höher stehen. Was Herder damals ahnungsvoll phantasierte, was vor ihm schon Leibniz seiner Zeit weit vorauseilend schöpferisch und prophetisch lehrte: die Auffassung der Welt als eines Organismus, in dem Natur und Geschichte Lamprecht, Deutsche Geschichte. Erster Ergänzungsband. 28