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        <title>Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung</title>
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            <surname>Lamprecht</surname>
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      <div>Tonkunst. 
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gewonnenen Beseelung, ein Vorgang der Rationalisierung, den 
man wohl mit der Verknöcherung des kontrapunktischen Stiles 
vergleichen darf. 
Und schon zeigten sich seit etwa Mitte des 18. Jahr— 
hunderts, mit dem beginnenden neuen seelischen Zeitalter des 
Subjektivismus, in dem wir noch heute leben — denn Klop⸗ 
stock und Lessing, Goethe und Schiller sind unseres Fleisches 
und Blutes —, es zeigten sich mit diesen Anfängen eines neuen 
Zeitalters in den Jahrzehnten der Empfindsamkeit und des 
Sturmes und Dranges Spuren der Auflehnung gegen diese 
Rationalisierung der Musik und Keimansätze einer neuen Musik, 
die weit mehr noch als alle musische Kunst bisher auf die 
Wiedergabe des Seelischen ausgingen. Kein Zweifel: mit dem 
neuen Zeitalter des Geisteslebens in Dichtung und bildender Kunst 
zog auch, leise zunächst, eine neue Musik herauf. Frühester Führer 
dieser Bewegung war Gluck. Und man braucht sich nur einer 
Gluͤckschen Oper und fast noch besser einiger der wunderbar er⸗ 
greifenden Lieder Glucks (z. B. der Kompositionen zu Klopstock⸗ 
schen Oden) zu erinnern, um unmittelbar von dem Neuen er— 
griffen zu sein. Mit einfachsten Mitteln, fern von der nament⸗ 
lich in der Gesangskunst zur Routine gewordenen virtuosen 
Architektonik, tiefste Empfindungen zu wecken, und zwar Empfin⸗ 
dungen von einheitlicher Dauer während eines und desselben 
musikalischen Kunstwerkes: das ist das Ideal, das Gluck und 
seinen Nachfolgern vorschwebt. 
Aber freilich: leicht zu verwirklichen war dies Ideal nur 
im Gesang. Denn hier spricht Seele unmittelbar zu Seele: 
und was das neue Zeitalter empfand, das gegenüber der Art 
und dem Gebahren des 16. bis 18. Jahrhunderts unendlich ge⸗ 
hobene Interesse des Menschen am Menschen, wie es sich in 
den Freundschafts- und Liebesenthusiasmen der Zeit am un— 
mittelbarsten auswirkte, das gab sich ohne weiteres auch durch 
die gesanglichen Ausdrucksmittel kund. Darum erhebt sich mit 
der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts eine ungeahnte Blüte 
des Liedes, und aus dem Lied bricht selbst da, wo es sich noch in</div>
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