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        <title>Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung</title>
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            <surname>Lamprecht</surname>
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      <div>Bildende Kunst. 
89 
Früheren herab bis auf den jüngsten französischen Roman und 
die letzten Geckenlaunen der Mode; und daß das deutsche Volk 
jede neue freie und große Wallung eigenen Fortschrittes mit 
den schon älteren Erfahrungen Englands und Frankreichs — 
und zwar nicht selten englischen, durch Frankreich vermittelten, 
ja auch französischen, durch England vermittelten Erfahrungen — 
zu verquicken pflegt. Dabei ging dieser etwas verwickelte 
Prozeß früher ziemlich langsam vor sich; heutzutage, wo sich 
die Entwicklungsdifferenzen chronologisch ziemlich ausgeglichen 
haben, wo weder Frankreich hinter England noch Deutschland 
hinter Frankreich noch um eine volle Generation zurück ist, 
vollzieht er sich reißend schnell, ist aber freilich auch mit der 
immer stärkeren chronologischen Annäherung der Nationen in 
seiner alten Form im Absterben begriffen. An die Stelle tritt, 
bei immer wachsendem Verkehr und stets steigender Ausbildung 
einer großen internationalen Gesellschaft der führenden Kreise, 
ein einfacher gegenseitiger Austausch, eine wechselseitige Durch— 
dringung auf gleicher Grundlage, die man sich unter dem 
ohysikalischen Bilde der Diosmose veranschaulichen kann. 
Früher aber und für Deutschland speziell während der 
Zeiten der neuen bürgerlichen Kultur, seit etwa 1750, war es 
der allgemeine Zustand, daß neue Errungenschaften nur schwer 
ohne einen Hinblick auf die fortgeschrittene Kultur der west— 
lichen Nationen gemacht werden konnten. Und noch früher, 
don etwa 1550 bis 1750, war es noch schlimmer. Da war 
die alte bürgerliche Kultur des späteren Mittelalters verfallen, 
an die Stelle war eine fürstliche und adlige Surrogatkultur 
getreten, die sich über den Verfallsvorgängen innerhalb der 
Nation nur dadurch mühsam aufrecht erhielt, daß sie aus der 
im 16. Jahrhundert noch in reicher Abblüte befindlichen italie— 
nischen und später aus der französischen Kultur schöpfte: das 
Kulturniveau der Nation als Ganzes war gesunken, und über 
ihm schlugen die Wogen der hereinbrandenden Kultur der 
romanischen Nationen zusammen. 
Dies Gesamtbild aber wurde noch durch einen weiteren Zug 
so wesentlich charakterisiert, daß wir auch diesen hier mit ein—</div>
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