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        <title>Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung</title>
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      <div>330 
Dichtung. 
wenigstens für das Publikum Shakespeares: für uns gehören 
sie ihrem sozialpsychischen Gehalte nach, soweit dieser vom 
Dichter unbewußt individualisiert worden ist, eben doch nur 
der Zeit Shakespeares an. Und wer wird heute selbst in den 
Schweizern des „Tell“ gerade die Schweizer des 13. oder 14. 
Jahrhunderts klar erkennen wollen, wer in den Niederländern 
des „Egmont“ die Niederländer gerade der zweiten Hälfte des 
16. Jahrhunderts? Nur in „Wallensteins Lager“ fühlen wir 
mit Sicherheit den vollen Hauch des Dreißigjährigen Krieges. 
Wenn aber Schiller die soziale Psyche dieser schweren 
Zeit mehr als andere Dichter den sozialpsychischen Charakter 
anderer Perioden zu neuem Leben erweckt hat, so erklärt sich 
das zu nicht geringem Teile daraus, daß er die Sprache der 
Personen des Lagers mehr als sonst üblich der Sprache des 
17. Jahrhunderts angenähert hat. Denn worin konzentriert 
sich der feine Duft des sozialen Seelenlebens eindringlicher und 
gleichsam körperlicher als in der Sprache? Die Kunst, die 
Sprache einer sozialen Welt zu beherrschen, muß heute als 
Vorbedingung für deren künstlerische Wiedergabe betrachtet 
werden. Es entspricht darum der elementarsten Forderung 
eines naturalistischen Impressionismus, wenn „de Waber“ 
Hauptmanns den schlesischen Dialekt in all seinen Besonder— 
heiten sprechen. 
Wenn aber die Sprache das greifbare Leben gleichsam der 
Gesamtseele einer menschlichen Gesellschaft darstellt und die 
menschlichen Gesellschaften in ihren größten und weitesten Er— 
scheinungen doch nicht bloß als gleichgültig nebeneinander be— 
stehende Teilgruppen eines großen, zu einer bestimmten Zeit 
bestehenden nationalen oder auch internationalen Körpers be— 
griffen werden können, sondern vielmehr als die Gesellschaften 
verschiedener, seelisch weit voneinander abweichender Zeitalter, 
ergeben sich dann nicht gänzlich neue Aufgaben und Grund— 
lagen für jedes historische Drama? Muß dann nicht das 
herkömmliche Drama der geschichtlichen Begebenheit, das der 
Hauptsache nach nur dadurch als historisch charakterisiert zu 
werden pflegt, daß uns aus unserer Lernzeit her bekannt</div>
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