<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?>
<TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0">
  <teiHeader>
    <fileDesc>
      <titleStmt>
        <title>Tonkunst, Bildende Kunst, Dichtung, Weltanschauung</title>
        <author>
          <persName>
            <forname>Karl</forname>
            <surname>Lamprecht</surname>
          </persName>
        </author>
      </titleStmt>
      <publicationStmt />
      <sourceDesc>
        <bibl>
          <msIdentifier>
            <idno>1892073803</idno>
          </msIdentifier>
        </bibl>
      </sourceDesc>
    </fileDesc>
  </teiHeader>
  <text>
    <body>
      <div>
        <pb n="1" />
        <pb n="2" />
        <pb n="3" />
        —A
UE
—78

———

374
        <pb n="4" />
        <pb n="5" />
        Deutsche Geschichte

Karl Tamprecht.

Erster Ergänzungsband.

Berlin 1902.
R. Gaertners Verlagsbuchhandlung
Hermann Heyfelder.
W. Schönebergerstraße 26.
        <pb n="6" />
        Zur jüngsten
deutschen Vergangenheit.

Karl Tamprecht.

Erster Band.

Tonkunst — Bildende Kunst —
Weltanschauung.

Dichtung —

Berlin 1902.
R. Gaertners Verlagsbuchhandlung
BHermann Heyfelder.
5W. Schönebergerstraße 26.
        <pb n="7" />
        Alle Rechte vorbehalten.

De
—
9*F
        <pb n="8" />
        Vorwort.

In den Jahren 1891 bis 1895 sind die ersten sechs Bände
meiner Deutschen Geschichte zum ersten Male erschienen; sie
führen die Erzählung bis ins 16. und teilweis bis ins 17. Jahr—
hundert.

Wenn seitdem in der Veröffentlichung weiterer Bände eine
Pause eingetreten ist, so lag hierfür ein doppelter Anlaß vor.
Einmal haben sich an die bisher erschienenen Bände weit—
greifende Erörterungen über Wesen, Ziel und Methode der
Geschichtswissenschaft überhaupt geknüpft. Wie mir diese Er—
örterungen erwünscht waren, so habe ich es für meine Pflicht
gehalten, an ihnen sorgfältig und eingehend teilzunehmen!.
Weiter aber ergab sich mit dem Fortschreiten der Arbeit an
dem Buche selbst ein Umstand, der einen raschen Fortgang der
Veröffentlichung verhinderte. Als ich zur Darstellung der Ge—
schichte des nationalen Seelenlebens im 17. und 18. Jahr—
hundert gelangte, zeigte sich, daß die psychologische Charakteristik
des individualistischen Zeitalters bei seinem Ausgang im
18. Jahrhundert in der Tiefe und Klarheit, die als Ziel vor—
schweben mußten, erreichbar war nur unter durchaus eingehender
Kenntnis schon des nächsten, subjektivistischen Zeitalters, das in

Eine Bibliographie der umfänglichen Litteratur, die mein Buch
in dieser Hinsicht hervorgerufen hat, wie meiner eigenen inzwischen veröffent—
lichten methodologischen Arbeiten wird in der dritten Auflage des ersten
Bandes der Deutschen Geschichte demnächst erscheinen.
        <pb n="9" />
        VI

Dorwort.

der deutschen Entwicklung mit der Periode der Empfindsamkeit
einsetzt. Und als ich demgemäß zunächst das seelische Wesen
dieser Periode festzulegen suchte, ergab sich wiederum, daß das
vollständig nur möglich war unter ganz anschaulicher und ganz
genauer Kenntnis der psychischen Strömungen des 19. Jahr⸗
hunderts, vor allem auch der jüngsten Zeit und der Gegenwart.
Kurz, es stellte sich heraus, daß die Unterschiede der seelischen
Zeitalter der neuen und neuesten Zeit, so evident und bedeutend
iie an sich sind, doch bis in die eben noch mögliche feinste Aus—
gestaltung ihres Wesens hinein nur dadurch klargelegt werden
können, daß man die jeweils untersuchte Periode bis ins kleinste
mit der vorhergehenden und der folgenden vergleicht.

Diese Erfahrung war für mich in diesem Umfange neu.
Für die urzeitlichen und mittelalterlichen Perioden hatte das
Erfassen der einzelnen Perioden selbst der Hauptsache nach
genügt. Aber war diese Erfahrung an sich wunderbar? Psycho—
logen von Fach haben mir immer wieder versichert, ein
solches Ergebnis sei mit Sicherheit vorauszusehen gewesen. Es
ist wie mit der Erkenntnis der psychischen Entwicklung im
Jugend- und Mannesalter des Menschen. Wer wird nicht die
Fortschritte des Knaben- und Jünglingsalters leicht erkennen?
Aber die Unterschiede der psychischen Entwicklung von den
dreißiger zu den vierziger und von den vierziger zu den fünfziger
Jahren festzustellen, ist weit schwerer und vielleicht auch nur
durch viel sorgsamere Vergleichung der einzelnen Perioden nach
rückwärts und vorwärts, als sie sonst geübt wird, wirklich
eingehend möglich.

Indem ich nun den Weg betrat, auf den ich durch diese
Erfahrung gewiesen wurde, ergab sich's, daß ich zunächst lange
zu schweigen hatte; die Vorarbeiten für das 16. bis 19. Jahr⸗
hundert häuften sich wohl, konnten aber nicht bis zu vollem
Abschluß geführt werden. Und es fand sich weiter, daß schließlich
am frühesten ein Band zur Vollendung gelangte, der sich mit
der allerjüngsten Vergangenheit, ja teilweis sozusagen noch mit
der Gegenwart unseres Volkes beschäftigt. Ihn lege ich im
folgenden vor.
        <pb n="10" />
        Vorwort.

VII
Im übrigen hat sich im Verlauf der Arbeit des letzten Jahr—
fünfts der Plan des ganzen Werkes doch einigermaßen um—
gestaltet. Von inneren Veränderungen will ich hier nicht
sprechen, da sie im wesentlichen wirtschafts- und sozialgeschicht⸗
liche Momente betreffen, die in dem vorliegenden Bande nicht
zur Darlegung gelangen. Vor allem aber haben sich äußere Ver—
änderungen als nötig herausgestellt. Die Zahl der ursprünglich
vorgesehenen Bände hat sich für die neuere und neueste Zeit als
unzulänglich erwiesen. Würde sie eingehalten, so würde sich
wohl ein Gerippe der Darstellung erzielen lassen, mehr aber
nicht. Es liegt jedoch im Interesse des Lesers wie des Autors,
daß gerade die neueren Zeiten auch mit Nerven und Muskeln
ausgestattet, sozusagen durch und durch körperhaft vorgeführt
verden.
Unter diesen Umständen ist die Darstellung des indi—
vidualistischen Zeitalters (vom 16. Jahrhundert bis etwa zur
Mitte des 18. Jahrhunderts) auf vier Bände, die Darstellung
des darauf folgenden subjektivistischen Zeitalters auf ebenfalls
vier Bände erweitert worden; der Anschluß an die Gegenwart
endlich wird durch zwei Ergänzungsbände hergestellt, deren
einer von der Tonkunst, bildenden Kunst, Dichtung und Welt—⸗
anschauung der jüngsten Vergangenheit sprechen soll, während
der andere von Wirtschaft, Gesellschaft, Reich und Volk
(dieses im weitesten Sinne auch außerhalb der Reichsgrenzen
genommen) berichten wird. Demnach wird das ganze Werk,
wenn es dem Verfasser vergönnt sein sollte, es zu vollenden,
zwölf Bände und zwei Ergänzungsbände umfassen. Und diese
Bände sollen enthalten:

eine erste Abteilung, die Bände 124: die sog. Urzeit und

das Mittelalter, die Zeitalter des symbolischen, typi—
schen, konventionellen Seelenlebens;

eine zweite Abteilung, die Bände 5—8: die sog. neuere

Zeit, das Zeitalter individuellen Seelenlebens;
eine dritte Abteilung, die Bände 9—12: die sog. neueste
Zeit, das Zeitalter subjektiven Seelenlebens;
        <pb n="11" />
        vIJ1

Vorwort.

die beiden Ergänzungsbände endlich: die zeitgenössische
Geschichte — eine Zeit, die sich im Verlaufe des
vorliegenden Bandes als Periode der Reizsamkeit er—
geben wird.

Eine innerliche Verschiebung der Einteilung gegenüber der
früheren Anordnung liegt allerdings diesem breiteren äußeren
Ausbau nicht zu Grunde; vielmehr hat sich die schon während
der Arbeiten der achtziger Jahre getroffene Einteilung bei ge—
nauerem Studium als zutreffend erwiesen. Mit Rücksicht auf
die Möglichkeit, die gefundene Einteilung auch in der Ent—
wicklungsgeschichte anderer Völker vergleichend zu verwerten, be—
tone ich dieses Ergebnis.

Entsprechend aber der von Anbeginn festgehaltenen Periodi—
sierung ist nun schon in den bisher veröffentlichten Bänden ein
besonders starker Einschnitt in der Darstellung nach dem vierten
Bande, gelegentlich des Uberganges vom Mittelalter zur neueren
Zeit, zwischen den Zeitaltern des urzeitlich und mittelalterlich
gebundenen und dem Zeitalter individuellen Seelenlebens gemacht
worden: die Erzählung hat im Beginne des fünften Bandes
alle großen Errungenschaften der früheren Jahrhunderte noch
einmal wiederholend zusammengefaßt, um auf der breiten
Grundlage früherer Kultur die Darstellung der ferneren Ent—
wicklung fortzuführen. Dies Verfahren soll nun bei einer er—
neuten Auflage des fünften Bandes und bei der Abfassung
des Anfangsbandes der dritten Abteilung (subjektivistisches Zeit—
alter von etwa 1750 ab) wiederholt und noch schärfer accen—
tuiert angewandt werden, so daß eine deutliche Dreiteilung
entsteht und jede der drei Abteilungen ein in sich geschlossenes
und von sich allein aus verständliches Ganze bildet.

Was soeben von der scharfen Abgrenzung der Darstellung
in den einzelnen drei Abteilungen gesagt ist, gilt natürlich
in noch verstärktem Maße von den Ergänzungsbänden. Sie
können zwar nicht durchaus in den vollen Fluß der Darstellung
einbezogen werden, wie dieser in den früheren Bänden verläuft.
Dazu steht die historische Forschung den geschilderten Zeiten
noch zu nahe; nur Umrisse und Entwürfe einer Erzählung,
        <pb n="12" />
        Vorwort.

Ix
nicht diese selbst in ihrem ruhigen Eintauchen in den Strom
des Geschehenen kann gegeben werden. Um so mehr aber
eignen sich diese Bände zu längeren geschichtlichen Rückblicken
und auch zu mancher allgemeineren geschichtlich vergleichenden
Betrachtung: ja solche Betrachtungen und Rückblicke sind not—
wendig, soll der Stoff tiefere Bedeutung und historischen
Charakter erhalten. Hieraus folgt, daß auch jeder dieser Bände
in sich abgeschlossen und an und für sich verständlich ist,
so daß es zu seiner Lektüre keiner stärkeren historischen Vor—
kenntnis oder gar der Vorkenntnis der früheren Bände der
Deutschen Geschichte“ bedarf.

Daß im übrigen gerade der jetzt vorgelegte Band in vieler
Hinsicht ein Wagnis bedeutet, habe ich keinen Augenblick
verkannt. Ohne Frage giebt es viele Zeitgenossen, die
einzelne Teile des dargestellten Stoffes, und auch gewiß eine
große Anzahl, die das Ganze weit besser kennen als ich. Es
wird daher leicht sein, mir hier und dort Ungenauigkeiten, ja
auch Fehler nachzuweisen: so wie es immer Leute geben wird,
in deren Augen mein Buch mit dem Nachweis solcher Fehler
gerichtet ist. Aber ich erkläre ganz offen, daß ich für solche
Leser nicht geschrieben habe. Das, worauf es mir ankommt,
liegt nach anderer Richtung. Ich habe den Versuch machen
wollen, zunächst mich selbst, dann die Zeitgenossen, die dafür
ein Bedürfnis empfinden, über den inneren Zusammen—
hang der wichtigeren historischen Erscheinungen unserer Zeit
zu unterrichten, zu unterrichten an der Hand einer geschicht—
lichen Erfahrung, wie sie, wenigstens für den im Verhältnis zu
allem Geschehenen freilich noch immer sehr bescheidenen Umkreis
der deutschen Geschichte, nicht jedem ohne weiteres zur Ver—
fügung steht und im ganzen und großen nur noch berufsmäßig
erworben werden kann. Sollte mir das gelungen sein, unter
vielen Unvollkommenheiten natürlich und unter manchen Schwie—
rigkeiten auch der Darstellung, deren Kleid einem noch im
Wachstum befindlichen Stoffe nur schwer bis zu vollem Sitzen
angepaßt werden kann, so wäre ich reichlich belohnt.
        <pb n="13" />
        Vor wort.

Dabei möchte ich nicht unterlassen zu bemerken, daß ich
ein überlegsames Buch habe schreiben wollen. Es liegt mir
nichts an urteilsloser Zustimmung, ich wünsche Kritik. Darum
sind nicht bloß die einfachen Thatsachen nebeneinander gestellt,
was leicht genug gewesen wäre; vielmehr ist der entwicklungs—
geschichtliche Zusammenhang scharf betont. Möglich, daß dabei
manche Richtungslinie zu streng gespannt, manche Thatsache zu
energisch hervorgehoben worden ist. Aber es giebt auf dem Ge—
biete der Geschichtswissenschaft heutzutage keine größere Sünde
als das bloße Heranschleppen und im Grunde rein kompila—
torische Zusammenstellen von Stoff- und Thatsachenmassen.
Davon haben wir genug und übergenug: ja wir sind daran,
im Stoffe völlig kritiklos zu versinken; in Wahrheit und von
einem höheren Standpunkte aus kritiklos auch dann, wenn
dieser Stoff nach allen „methodischen Grundsätzen“ bearbeitet
dargeboten — aber eben nur beschreibend dargeboten wird.
Das, wessen wir bedürfen, läßt sich mit einem Worte aus—
drücken: Fermente, Gärungsmittel hinein in den Stoff! Zer—
setzen der radis indigestaque moles durch Urteil, durch Ver—
gleichung! Nicht bloßes Aneinanderreihen des Geschehenen aus
tausend Quellen, wenn auch in noch so kritischer Scheidung,
sondern methodische Vergleichung der Tausende von bloß be—
schreibend gewonnenen Thatsachen hin auf die treibenden seelischen
Kräfte des geschichtlichen Inhalts! Diesem Ziele habe ich in den
folgenden Blättern nachgestrebt; ruhige Klarheiten und An—
schaulichkeiten einfacher Art wollte ich in dem Chaos der zahl—
reichen geschichtlichen Erscheinungen der jüngsten Vergangenheit
suchen. Mag dabei einmal ein Zug in der Darstellung zu
scharf geraten sein, was schadet es? Und ist es überhaupt
möglich, der nie abbrechenden Stetigkeit der Entwicklung in ihren
Tausenden, Millionen, ja unzähligen und unendlichen Einzel—
momenten in irgend einer Darstellung gerecht zu werden?
Immer wird der Leser bei Schilderungen dieser Art übersehene
Momente zwischen den Zeilen lesen müssen; und nur seine
mitthätige Phantasie kann jene Kontinuität der Entwicklung
        <pb n="14" />
        Vorwort.

XI
herstellen, die vorzuführen auch einer weit mehr künstlerischen
Erzählung als der meinigen versagt ist.

Im einzelnen glaube ich diesen Zeilen nur wenig hinzufügen
zu dürfen; sie sind für ein Vorwort an sich schon fast zu lang
geraten. Es versteht sich, daß ich wie die Quellen so auch die
schon ziemlich zahlreiche Litteratur zur Geschichte unserer jüngsten
Vergangenheit eifrig benutzt habe, bei wichtigeren Fragen auch
die Speziallitteratur. Emsige Untersucher des „Details“
werden auch hier und da Spuren und Anklänge früherer Dar—
stellungen finden. Ich habe sie nicht ausgemerzt oder verwischt,
wie man das wohl zu thun pflegt, um angeblich original zu
sein; wer dadurch die Originalität meines Buches beeinträchtigt
glaubt, der mag dieses Glaubens bleiben. Daß im übrigen
jedes Urteil in meinem Buche selbst gefunden oder selbstthätig,
und zwar selten ohne Modifikationen, angeeignet ist, wird nicht
verkannt werden.

Sollte ich allen danken, denen ich, teils infolge mündlicher
Aussprache, teils infolge der Lektüre ihrer Schriften, für mein
Buch Dank schulde, so würde ich ganze Reihen von Namen
nennen müssen: denn mehr vielleicht als sonst bisweilen ge—
schichtliche Schriften ist dies Buch erlebt. Unterlassen aber
kann ich es doch nicht, wenigstens denjenigen Leipziger Herren,
die sich der großen Mühe unterzogen, einzelne Teile oder gar
das Ganze der Revisionsbogen vor dem Abdruck zu lesen und
mit ihrem speziell fachmännischen Urteile zu begleiten, auch
öffentlich auszusprechen, wie viel ich ihrem Rate und ihrer
Einsicht verdanke: Möchten sie, die Herren Barge, Barth,
Göhler, Prüfer, Vogel und Witkowski, ein klein wenig Ent—
schädigung für ihre Mühe in der Wahrnehmung finden, daß
mein Buch durch ihre Mitarbeit Vieles gewonnen hat.

Leipzig, April 1901.
K. Tamprecht.
        <pb n="15" />
        <pb n="16" />
        Inbablt.

Tonkunst.
l. Einleitung 222
Allgemeines: Künstlerischer Charakter der Zeit, Musik
und philosophische Spekulation besonders starke deutsche
Elemente der Phantasiethätigkeit. Gesamtdisposition des
Stoffes. R. Wagner als Schöpfer des Wort-Ton-Dramas:
Werke seiner ersten und seiner zweiten Periode; Unterschiede
und Gemeinsames beider. Grundzüge des Neuen in ihnen:
Gesamtkunstwerk und symphonische Dichtung.
II. Umrisse einer Entwicklungsgeschichte der deut—
schen Musikße...... PT—
Mittelalterliche Periode: Volkstümliche Monotonie und
Monodie. Kirchenmusik: Cantus fixrmus, Sequenz, kontra—
punktische Polyphonie. Musik des individualistischen Zeit—
alters: Entstehung der harmonischen Setzart auf dem Boden
der volkstümlichen Musik, Übertragung auf die Kunstmusik;
Choral und Madrigal. Monodie und Instrumentalmusik,
Fortschritte zum Arioso und zur Symphonie (Cantate und
Sonate). Musik des subjektivistischen Zeitalters: erste Periode
bis auf den alternden Beethoven, Romantik, neueste Zeit.
III. Der technische Charakter speziell der neuesten
Musie..
Harmonik (Chromatik), Stimmführung, Rhythmik. Ver—
hältnis der Neuerungen zum Seelenleben der Zeit: musi—
kalische Reizsamkeit. Folgen der einzelnen Neuerungen für
die musikalische Form: verstärkte Geschlossenheit und Lang—
at migkeit, Entwicklung des neueren Liedes, des Wort⸗-Ton—
Dramas, des modernen Oratoriums, der symphonischen
Dichtung.

Seite
6—14

15-23

2435
        <pb n="17" />
        XIv

Inhalt.

IV. Entwicklungsgeschichte speziell der neuesten
Musik, besondere Bedeutung Wagners in ihr ..
Übergänge: Brahms. GErste Generation der neuen Kunst:
Liszt, Wagner, Cornelius. Zweite Generation: R. Strauß,
H. Wolf. Wagners singuläre Stellung als kulturgeschicht—
licher Repräsentant der Anfänge der neueren Musik: poetisch—
musischer Charakter des Wort-Ton-Dramas, speziell drama—
tische Entwicklung der Technik der neuen Musik, Anderungen
im Orchester und Gesangstil.
V. Wagners Bedeutung für die philosophischen und
ethischen Anfänge der Periode der Reizsamkeit
Wagners Weltanschauung bis zur Mitte des Jahrhunderts:
ihre Entfaltung, ihre Elemente, Anfänge der Regenerations—
lehre. Bekanntschaft mit den Ideen Schopenhauers, deren
Einwirkung. System des entwickelten Wagnerschen Denkens:
Regenerationslehre und Gesamtkunstwerk (Kunstwerk der
Zukunft).
VI. Das Gesamtkunstwerk und die Periode der
Reizsamkeit. . .

Das Gesamtkunstwerk einer Gruppe der Künste und
das Gesamtkunstwerk aller Künste. Das Gesamtkunstwerk
aller Künste ein Charakteristikum der Urzeit und des subjekti—
vistischen Zeitalters. Ähnlichkeit und Unähnlichkeit beider
Zeitalter: hier triebmäßiges, dort vorstellungsmäßiges Nerven⸗
leben das entscheidende Merkmal. Nachweis dieses Unter⸗
schiedes zunächst auf ästhetischem Gebiete. Folgerungen aus
der Gesamtthatsache des nervösen (reizsamen) Charakters
unseres Zeitalters auf dessen entwicklungsgeschichtliche Stellung.
Gewisse Erscheinungen der modernen Reizsamkeit (Vertret⸗
barkeit der nervösen Reize, Schaffen vieler Künstler auf
mehreren Gebieten der Kunst, Annäherung der Künste
untereinander) bedingen das Erscheinen des Gesamtkunstwerks.
und zwar des vornehmlich musikalisch charakteristerten Ge—
samtkunstwerks als des ersten großen Ausdruckes der
neuen Zeit.

Seite

36 46

47592

53266

Bildende Kunst.
J. Die allgemeinen Entwickhungsstufen der deutschen
Malerei..... — ..
1. Die einzelnen bildenden Künste in ihrer Bedeutung

für die entwicklungsgeschichtliche Forschung. Besondere Wich-

69 85
        <pb n="18" />
        Inhalt.

XvV

Seite
tigkeit der Malerei. Umriß und Farbe in der deutschen
Malerei: symbolistisches, ornamentales, typisch-konventionelles,
individualistisches, subjektivistisches Zeitalter. Allgemeiner
seelischer Charakter dieses Zeitalters. Umriß und Farbe in
ihrem Verhältnis zur Wiedergabe des Raumes. — 2. Natür—
liches und künstlerisches Sehen und Reproduzieren der Er⸗
scheinungswelt. Das künstlerische Sehen als entwicklungs—
mäßiges Prinzip für die Periodisierung der Kunstgeschichte.
Das künstlerische Sehen und die Form. Die Formen—
geschichte die entwicklungsgeschichtlich allein zulässige Ge—
schichtsdarstellung. Form und Stoff. Gemeinform und Stil.
Naturalismus und Idealismus. Der Impressionismus als
jüngste Ausbildung des künstlerischen Wirklichkeitssinnes.
II. Die Entwicklung der deutschen Malerei unter
den Einflüssen des Klassizismus, der Romantik
und des Historismus ......

1. Einleitend: allgemeiner Verlauf der deutschen Kultur
seit dem 12. und 18. Jahrhundert, Aufschwung im 14. und
15. Jahrhundert, Verfall seit etwa 153050. Folgen für
die Selbständigkeit der Kulturentwicklung vom 16. zum
18. Jahrhundert und noch darüber hinaus: Rezeptionen aus
den Westländern (England und Frankreich), Renaissancen im
16. und im 18. Jahrhundert. — 2. Die Entwicklung der
deutschen Malerei im subjektivistischen Zeitalter vor der Ent⸗
faltung des vollen Impressionismus. Früheste impressio—
nistische Anfänge, Graff und Chodowiecki, die Kopenhagener,
Runge, die Süddeutschen. Ausgang des Frühimpressionismus.
Einflüsse der hellenischen Renaissance: klassizistische und
romantische Malerei. Die Düsseldorfer Schule. Der aus—
gebildete Historismus: das große Geschichtsbild und das
historische Sittenbild. Abschluß des Wiederholungskurfes der
Malerei des 14. bis 18. Jahrhunderts.

III. Der Sieg des Impressionismus..

1. Die Entwicklung der englischen und französischen
Malerei zum Impressionismus. England: Gainsborough,
Turner, Crome, Constable. Frankreich: Rokoko, Klassizismus
und Romantik; die Schule von Fontainebleau und ihre Vor—⸗
läufer, besondere Stellung Millets, Courbet; Manet und die
Fortführer seiner Malerei; gegenwärtige Strömungen in der
französischen Malerei. — 2. Entwicklung der deutschen Malerei
zum Impressionismus. Ülteste Anfänge. Entwicklung der

86 - 102

—E
        <pb n="19" />
        xvI

Inhalt.

Stimmungslandschaft in den dreißiger und vierziger Jahren:
die Düsseldorfer und die Münchener. Der physiologische
Impressionismus des Figurenbildes: Menzel, Pettenkofen,
Leibl. Psychologischer Impressionismus: vlamische und
holländische Entwicklung, Israels; Liebermann. Allgemeine
Verbreitung und Sieg des Impressionismus. — 8. Das
Wesen des malerischen physiologischen und psychologischen
Impressionismus. Zeichnerische Kunst und Kunst des Licht⸗
eindrucks; Fragen der Komposition und der Raumwiedergabe;
Möglichkeit eines Übergangsidealismus. Psychologische Grund—
agen der neuen Kunst.
V. Die idealistische Kunst der Übergangszeit und
des physiologischen Impressionismus . . ..,
1. Allgemeine Vorbedingungen einer idealistischen Kunst.
Mischungsvorgänge zwischen der älteren und der impressio⸗
nistischen Kunst. Universalgeschichtliche Bedeutung eines
künstlerischen Naturalismus und Idealismus. Entstehung
eines Übergangsidealismus in England und Frankreich, vor
allem in Deutschland. — 2. Anselm Feuerbach, Hans vp. Marées.
3. Arnold Böcklin. — 4. Hans Thoma. — 5. Max Klinger.
V. Die idealistische Kunst des psychologischen Im—
pressionismus......... . 5.. . .“*..
1. Äußere Schicksale und innerstes Wesen des Idealismus
der Übergangszeit und des physiologischen Impressionismus
Idealismus der Form und des Gehaltes). Charakter des psycho⸗
cogischen Idealismus: Ausbildung zum modernen Ornament
und zum Plakatstil, sowie zum Idealismus der Stimmung
und der Idee. Herkunft des Stimmungsgehaltes. —
2. Meister des Stimmungsidealismus: Stuck, Exter, v. Hof⸗
mann, Schultze-Naumburg, Leistikow. Meister der Malerei
der Idee: v. Uhde.
VI. Bildnerei, Kunstgewerbe, Baukunst ......
Die Entwicklung der älteren Bildnerei unter dem Einfluß
des Klassizismus und seiner Folgeerscheinungen, die vier
neuen Richtungen der Plastik (Seffner; Hildebrand, Klinger;
Meunier; Minne, Zijh. Das englisch-amerikanische und das
deutsche Kunstgewerbe; Pflanzenornamentik, Tentakelstil, Ge—
rüststil des Möbels. Die Baukunst: Fortdauer des Alten,
Aussichten in die Zukunft.

Seite

137—21738

—179 192

192 —20
        <pb n="20" />
        Inhalt.

xvn

Seite
Dichtung.

l. Steigender Wirklichkeitssinn in der Dichtung
der letzten drei Jahrhunderte.. 8
Verhältnis der künstlerischen Phantasiethätigkeit zur
dichterischen. Kern der Entwicklung der Dichtung auch heute
die Lyrik. Steigender Wirklichkeitssinn der Lyrik nachge—
wiesen an drei Abendgedichten von Paul Gerhardt, Matthias
Claudius, Otto Julius Bierbaum. Der steigende Wirklichkeits—
sinn in der Dichtung des 19. Jahrhunderts auch sonst anerkannt.
II. Der innere Entwicklungsgang der modernen
Dichtung nachgewiesen am Gegensatze der wich—
tigsten lyrischen Dichtungen.
1. Naturalistisch-physiologischer Impressionismus; erste
Periode der Lyrik v. Liliencrons (über deutsche Kriegs—
dichtung im 19. Jahrhundert) — 2. Ideaalistisch-physio—
logischer Impressionismus; zweite Periode der Lyrik v. Lilien⸗—
erons. — 3. Naturalistisch-psychologischer Impressionismus;
erste Art der Dichtergruppe um George und Hofmannsthal. —
4. Idealistisch-psychologischer Impressionismus; zweite Art der
Dichtergruppe um George und Hofmannsthal (Zusammenhang
der Dichtung dieser Gruppe mit der Zeit der Empfindsamkeit
und der Romantik, dem französischen Symbolismus und den
englischen Prärafaeliten;: im Grunde deutscher Charakter)
III. Außere Anfänge und Schicksale des dichte
rischen Impressionismus . . . . . . .......
1. Vorgeschichte der impresstonistischen Dichtung in Deutsch—
land: die Berliner und Märker (v. Kleist, v. Voß, E. T. A. Hoff⸗
mann, v. Ungern-Sternberg), die süddeutsche Dorfgeschichte
Bitzius), die Dramatiker (Hebbel, Ludwig, Anzengruber).
Allgemeiner Stand der deutschen Litteratur vor dem Impressio—
aismus. — 2. Leise Keime und innere Ursachen des Im—
pressionismus, äußere Einflüsse (Frankreich, Rußland, die
Nordgermanen). — 3. Anfänge des Impressionismus in
Berlin, München, Wien und anderswo. Charakter der
jungen litterarischen Generation. Sieg des physiologischen
Impressionismus in der zweiten Hälfte der achtziger Jahre
Umschwung um 1890.
IV. Die Lyrik.. 24
1. Vorgeschichte, naturalistisch-physiologischer Impressio—
nismus: die Übergangslyrik (Heinrich Hart, Avenarius);
Lamprecht, Deutsche Geschichte. Erster Ergünzungsband. II

207—2138

214 —233

2342250

251 -276
        <pb n="21" />
        XVIII

Inhalt.

Seite
stoffliche Neuerungen, Anfänge der impressionistischen Form
(„Moderne Dichtercharaktere“, Holz, Conradi); Höhe des
Impressionismus (v. Liliencron), Stilisierung dieser Kunst
(Holz). — 2. Naturalistisch-psychologischer Impressionismus:
die psychologische Vertiefung bis ins Neurologische und ihre
Folgen; die Dichter Mackay, Arent, Dehmel. — 8. Eintritt
idealistischen Umschwungs: Umrißstil der Rhythmenpoesie von
Holz, symphonische Dichtung, Vergleich mit den Vorgängen
auf dem Gebiete der bildenden Künste, besondere Bedeutung
der symphonischen Dichtung, Chronologie des Umschwungs. —
4. Der idealistische Impressionismus: Vorstufen, Höhezeit des
physiologischen Idealismus (v. Liliencron, Falke), psycho—
logischer Idealismus der Stimmungsdichtung (Bierbaum,
George, v. Hofmannsthal), Anfänge eines ethischen und
religiösen Idealismus (Nietzsche, v. Stern, v. Grotthuß. Evers)
Die Kunsterzählung ..............
1. Vorbemerkung: zwei Gruppen der Kunsterzählung.
Genauerer Charakter der Prosagruppe: Roman, Novelle, kurze
Geschichte; die Skizze als konstituierendes Element der Prosa—
erzählung, ihre Geschichte seit den dreißiger Jahren und ihr
moderner Charakter. — 2. Der physiologische Impressionis—
mus: Berliner Roman; Einfluß der Franzosen, insbesondere
Zolas, erste Münchener und Berliner Romane eines vollen
Impressionismus; extreme Durchbildung des physiologischen
Impressionismus durch Holz und Schlaf; Erweichung der
Formen; dauernde Ergebnisse. — 83. Der Übergangsroman.
Allgemeine Rolle des Naturalismus im Verlauf der Phantasie—
thätigkeit menschlicher Gemeinschaften. Vordringen des
Impressionismus in den alten Roman. Bejahrte Vertreter
des Übergangsromanes: Fontane; Frauen: Ossip Schubin;
jüngere Männer: Kretzer, Sudermann. — 4. Psychologischer
und neurologischer Impressionismus, Stimmungs- und
Heimatskunst. Verfall des physiologischen Impressionismus.
Individualpsychologischer Impressionismus: Anfänge, Periode
der rein psychologischen Skizze, Erweichung ins Stimmungs—
volle, symbolistischer und allegorisierender Roman. Sozial—
psychologischer Entwicklungszweig: Übergänge, Zusammenhang
mit der landschaftlichen Kunsterzählung seit den dreißiger
Jahren, moderne Heimatskunst.
VI. Das Drama........ . 314-3875
1. Anfänge des neuen Dramas; Ibsen. Die Vorläufer:
Hebbel, Ludwig, Anzengruber. Wildenbruch. Jüngere Experi—

4
        <pb n="22" />
        Inhalt.

XIX

Seite
mentatoren vornehmlich in Norddeutschland: extremes Hand—
lungs- und Zustandsdrama. Ibsen, seine Schicksalsidee und
seine impressionistische Technik. — 2. Vornehmlich physio—
logischer Impressionismus. Erhöhung der Bühnenillusion
seit den siebziger Jahren; neue Bühnen. Das impressio—
nistische Drama gewinnt die öffentliche Bühne. Gerhart
Hauptmann: „Vor Sonnenaufgang“, „Friedensfest“, „Ein—
same Menschen“; „College Crampton“, „Biberpelz“; „Die
Weber“, „Florian Geyer“. Andere Dramatiker des Im—
pressionismus: Halbe, Hirschfeld, Karl Hauptmann, Schnitzler,
Langmann, v. Wolzogen, Hartleben. — 8. Märchen-⸗ und
Traumdrama, Symbolismus. Psychologische Regungen, ihre
erste Form das Traum- und Märchendrama; Zusammenhang
desselben mit dem Symbolismus. Anfänge des neuen
Dramas: Wildenbruch, Goldschmidt, Gumppenberg, Fulda,
Pohl. Hauptmann: „Hannele“, „Versunkene Glocke“, „Schluck
und Jau“. Ernst Rosmer, Sudermann. — 4. Das neuro—
logische Stimmungsdrama. Das reine Stimmungsdrama:
Anfänge bei den physiologischen Impressionisten, Durchbildung
bei der Gruppe um George und Hofmannsthal. Das
mythische Stimmungsdrama: Maeterlinck. — 5. Das Über—
gangsdrama und das exakt psychologische Drama. Suder—
mann: „Ehre“, „Sodoms Ende“, „Heimat“, „Schmetterlings⸗
schlacht“, „Morituri“, „Das Glück im Winkel“, „Johannes“,
„Johannisfeuer“. Hauptmann: „Fuhrmann Henschel“, „Michael
Kramer“. Allgemeine Wendung ins exakt Psychologische. —
6. Drama und Weltanschauung (Schicksalsidee). Rückblick auf
die Entwicklung des modernen Dramas; Notwendigkeit der
Ergänzung der äußeren impressionistischen Form durch die
innere Form einer Schicksalsidee. Geschichte der Schicksals—
idee im neueren Drama seit dem 16. Jahrhundert. Stellung
des Realismus und Impressionismus zur Schicksalsidee. Zu—
nehmende Spuren einer immanenten Schicksalsidee im im—
pressionistischen Drama; besondere Stellung Hauptmanns
und Sudermanns. Ausßlick.
Weltauschauung.
J. Rückblick und Einleitung.............
1. Charakter der Darstellung in den letzten beiden Ab—
schnitten: Persönlichkeit und sozialpsychische Strömung. —
2. Genauere Darleqgung des Wesens der Reizsamkeit nach
11*

379 389
        <pb n="23" />
        X

Inhalt.

Seite
den Erfahrungen der letzten Abschnitte: Verschwinden der
alten wissenschaftlichen, Einsetzen der neuen künstlerischen
Kultur; Folgen dieses Wechsels; innerste seelische Ursachen
der Umwälzung; Charakter der Kunst unter dem Einfluß
dieser Ursachen; Fortwirken derselben auf anderen als
ästhetischen Gebieten.
II. Die evolutionistische Ethik ... *
Ethische Anschauungen der ersten Hälfte des 19. Jahr—
—
Denken. Entwicklung einer zunächst individual-psychologisch
begründeten Ethik. Zutreten des sozialpsychischen und des
⸗polutionistischen Elementes; die Ethik Wilhelm Wundts.

390 —402

[II. Die Ethik der sittlichen Wiedergeburt.. 403 - 424

1. Die Vertreter des Regenerationsgedankens bis auf
Nietzsche: Ludwig, Hebbel, Gutzkow, Wagner, v. Stein.
Verwandte englische und skandinavische Strömungen, Carlyle
und Ruskin, Ibsen. — 2. Friedrich Nietzsche, der Schrift—
steller und Dichter, der Denker und Mensch, der Prophet. —
3. Allgemeine Neigungen zu sittlicher Wiedergeburt und
religiöse Stimmungen der neunziger Jahre. Breite sozial⸗
psychische Grundlagen erneuten sittlichen Interesses: Reaktion
gegen den Intellektualismus, Kulturkampf, soziale Frage,
Aufkommen des künstlerischen Zeitalters. Wendung um 1890.
Die neuesten ethischen und religiösen Richtungen.
IV. Metaphysieee..
Natur und Geist als Pole des metaphysischen Denkens.
Monistische Strömungen unter dem Einfluß der allgemeinen
Entwicklung des Seelenlebens seit dem 16. Jahrhundert:
Panpsychismus, intellektualistischer Monismus, Anfänge
voluntaristischer Metaphystk, Schopenhauer, Wundt. Moderne
Versuche metaphysischer Fundamentierung unterhalb des
Willens: Fechner, v. Feldegg. Möglichkeit eines modernen
Dualismus; Wiederaufleben der christlichen (katholischen)
Philosophie.
V. Erkenntnis und Wissenschaft..
1. Psychologie und Erkenntnistheorie. Entwicklung und
allgemeine Lage der Psychologie: die Psychologie der zweiten
Hälfte des 18. Jahrhunderts, Kants, der Identitätsphilosophen
und Herbarts; neuere empirische Psychologie, die Physiologen,
Fechner, Wundt und seine Schule;: Gärung in der Gegen—

425439

40 - 463
        <pb n="24" />
        Inhalt.

XXI

Zeite
wart. Entwicklung der Erkenntnistheorie: der alte und der
erneute Kant, Tendenz der neueren Erkenntnistheorie von
Kant hinweg zu reinerem Phänomenalismus; heutige Lage.
Verhältnis der Psychologie und Erkenntnistheorie zu der
wissenschaftlichen Entwicklung der Gegenwart. — 2. Die
Wissenschaft. Allgemeine Lage der Naturwissenschaften:
Neovitalismus und Energielehre. Die Geisteswissenschaften:
Methode und Kerndisziplin derselben; die Geschichtswissenschaft
als Kerndisziplin; Entwicklung der Geschichtswissenschaft:
der Staat als „eigentliches“ Arbeitsgebiet, der Paradieses-
gedanke in seinen letzten Ausläufern, die Ideenlehre — keine
entwicklungsgeschichtliche Anschauung. Gärungszustand der
Gegenwart.
VIJ. Umschauu...
Die Reizsamkeit als gemeinsame Grundlage der Phantasie⸗
thätigkeit wie der Weltanschauung und der Wissenschaft: —
des modernen Seelenlebens überhaupt. Entwicklungsgeschicht—
liche Stellung der Periode der Reizsamkeit. Außere Ähnlich—
keit, innere Verschiedenheit im Verhältnis zu den Kultur—
momenten der Urzeit. Verfall? Eventuelle Lösung bedenk—
licher Probleme der geistigen Kultur der Gegenwart auf
sozialpolitischem Wege. Schluß.

464471
        <pb n="25" />
        Tonkunst — Bildende Runst —
Dichtung — Wellkanschauung.
        <pb n="26" />
        Tonkunst.

Lamprecht, Deutsche Geschichte. Erster Ergänzungsband.
        <pb n="27" />
        <pb n="28" />
        Es besteht für den Kundigen kein Zweifel mehr darüber,
daß wir seit dem Kriege von 1870 -71 nicht bloß in ein neues
politisches Leben, sondern auch in die Zeit einer neuen Kultur
eingetreten sind. Anzeichen, die einen vollen Ubergang zum
Neuen ankünden, häuften sich deutlich seit den achtziger Jahren;
Spuren des Neuen führen bis in die vierziger Jahre des 19. Jahr⸗
hunderts zurück.

Von diesem Neuen soll im folgenden die Rede sein.

Dabei wird sich denn immer und immer wieder ergeben,
daß das neue seelische Leben zunächst und vor allem in Fort—
schritten der Kunst, der Tonkunst, der bildenden Kunst, der
Dichtung zum Ausdruck gelangt. Auch diesmal, wie wohl immer
oder wie wenigstens der Regel nach, wurde eine neue Stufe
tiefster und das heißt seelischer Entwicklung mit einer Wand—
lung des ästhetischen Menschen begonnen: so wahr ist es, daß
Phantasie und daß Begeisterung die lebendigsten aller civilisato—
rischen Triebe sind!. Im Künstlertum, im Kampfe gegen Natur—
wissenschaft und gelehrten Historismus siegte die neue Kultur.
Ich bemerke sogleich an dieser Stelle, daß sich die psychologische
Terminologie meiner Darstellung keinem der verbreiteteren psychologischen
Systeme anschließt. Eine Psychologie, die für die Geschichtswissenschaften
etwa eine ähnliche Rolle wie die Mechanik in den Naturwissenschaften über—
nehmen könnte, ist noch nicht weit genug entwickelt; induktive Forschungen
können daher einstweilen nur mit der populären Psychologie operieren —
oder, richtiger gesagt, nur das psychologische Denken an sich in den Vorder—
zrund stellen und darum an der Hand derjenigen psychologischen Begriffe
vorwärts dringen, die sich im Verlaufe ihrer eigenen Durchbildung ein—
stellen. Für Begriffe der letzteren Art ist in diesem Buche natürlich
auch eine bestimmte Terminologie eingehalten.
        <pb n="29" />
        Tonkunst.

Und noch heute ist, was wir von ihr besitzen, wesentlich
künstlerischen Charakters; wie denn noch heute Vielen das künst⸗
lerische Ideal das höchste menschliche Ideal schlechthin bedeutet.
Wohl haben wir schon Anfänge einer neuen Sittenlehre und
ganz allgemein einer neuen Weltanschauung, wohl vereinigt sich
stärkste wissenschaftliche Thatkraft und Fähigkeit, eine neue, dem
kommenden Zeitalter angemessene Seelenlehre zu begründen: allein
diese wissenschaftlichen Versuche stehen einstweilen noch nicht
unter dem Zeichen des vollendeten Erfolges, geschweige denn
daß sich auf ihren Ergebnissen bereits klar umgewandelte
Einzelwissenschaften erhöben, — und was die Sittenlehre eines
Nietzsche und die Metaphysik eines Fechner betrifft: sind sie
nicht vielmehr Ergebnisse dichterischer Eingebung und phantasie—
voller Vermutung, als unumstößliche Ergänzungen eines festen,
venn auch noch in sich lückenhaften wissenschaftlichen Aufbaus?

So ist denn diese neue Kultur einstweilen noch künstlerisch
zurch und durch, so wie es die Kultur der Minnesänger etwa
war und die Kultur des Klassizismus; und ganz verstanden
verden kann sie daher nur bei centraler Betrachtung ihrer
künstlerischen Erzeugnisse.

Auf diesem Boden aber wird das, was wir Deutschen
speziell aufzuweisen haben — denn die neue Kulturentwicklung
ist ein Gemeingut der europäischen Völkerfamilie, — zeitlich
begrenzt durch Tonkunst einerseits und Sittenlehre und Welt—
anschauung andrerseits; eine neue Tonkunst ist das früheste,
eine neue, jetzt noch dichterische Philosophie ist das bisher
späteste Kind dieser Entwicklung.

Tonkunst und Philosophie —: es sind zugleich die weit—
ragenden Äste am Baum der neuen Kultur, an denen der Genius
unseres Volkes mehr als der irgend eines anderen üppige und
reife Früchte getragen hat. Schon im Zeitalter des Klassizis—
mus waren wir auf diesen Gebieten schlechthin führend: was
haben England, Frankreich und Italien den Händel und Bach,
den Mozart und Haydn und Beethoven, was den Herder und
Kant und den Fichte und Schelling und Hegel an die Seite zu
stellen? Und auf diesen Gebieten führen wir auch jetzt. Was
        <pb n="30" />
        Tonkunst.

will etwa, um die Vergleiche dem künstlerischsten der lebenden
europäischen Völker zu entnehmen, Bizet besagen gegenüber
Wagner, und Barrèès gegenüber Nietzsche? Hier ruhen die
starken Kräfte unseres Volkes: in der Macht der empfindungs—
mäßigen wie der spekulativen Einbildung werden wir auch heute
noch von niemand übertroffen, und mit nichten hat ein bei
aller Größe so geringfügiges Ereignis, wie es der Krieg von
1870 -71 gegenüber dem Ganzen einer schon drittehalb Jahr—
tausend umfassenden Volksentwicklung war, unsere tiefste Ver—
anlagung dauernd verändert.

So ist's recht, wenn der Versuch eines kulturgeschichtlichen
Verständnisses unserer jüngsten Vergangenheit — und damit
zugleich unserer unmittelbarsten Gegenwart — mit der Er—
zählung und Erörterung der großen Ereignisse der Tonkunst
beginnt und mit der Darlegung der jüngsten Fortschritte der
Weltanschauung schließt. Dazwischen aber sei dann, breiter
und behaglicher, weil unverständlich ohne genaue Kenntnis der
analogen Entwicklung der gleichstrebenden Nachbarvölker, die
Entwicklungsgeschichte unserer modernen bildenden Kunst und
der Dichtung gelagert.

Freilich: wenn so in der Darstellung wie auch chronologisch
und dem Charakter ihrer inhaltlichen Vollendung nach die
Tonkunst an die Spitze rückt und rücken muß: so steht der
Autor diesem Muß nicht ohne Bangen gegenüber. Denn erstens:
er ist gerade auf diesem Gebiete am wenigsten fachmännisch er—
fahren, am meisten von fremdem Urteil abhängig. Und zweitens:
die Darstellung der Entwicklung der modernen Musik hat sich
tief ins Technische hinein zu erstrecken, wenn sie das Wesen
der Dinge treffen soll: wird aber hier jeder Leser folgen wollen?

Doch es hilft nichts: nicht das Wohlbehagen des Lesers,
die Sache vielmehr hat zu entscheiden; und was den Autor
betrifft, so muß er sich schließlich bescheiden der Hoffnung ge⸗
trösten, daß vielleicht auch auf diesem heiklen Felde Athene ihn
nicht zittern lassen wird. —
        <pb n="31" />
        Richard Wagner, der 1813 geboren ist, hat einige Zeit
bor und noch etwas länger nach 1850 den größten Umschwung
seines inneren Lebens erfahren; es ist bezeichnend, daß er um diese
Zeit nahezu vier Jahre dichterisch⸗musikalisch unfruchtbar gewesen
ist. Aber unmittelbar vor und nach dieser mageren Zeit liegen
die fetten Jahre seiner zwei großen Perioden, der Perioden, da
er ein Dreißiger war und „‚Rienzi“, den „Fliegenden Holländer“,
Tannhäuser“ und „Lohengrin“ schuf, und da er ein Vierziger
geworden war und in emsigstem Empfangen den Grund legte
zu den vier großen Werken seiner späteren Zeit und der vollsten
Reife: den „Meistersingern“, dem „Nibelungenring“, „Tristan
und Isolde“ und „Parsifal“.

„Rienzi“ ist von Wagner selbst noch als eine Art Gesellen⸗
stück angesehen worden. Zwar ist der Meister hier schon
darüber hinaus, wie in seinen Jugendstücken, den „Feeen“ und
dem glücklicherweise vergessenen „Liebesverbot“, der Nacheiferung
fremder Musik auch im einzelnen zu verfallen. Trotzdem liegen
noch unverkennbare Anregungen aus der sogenannten großen
hervischen Oper der Italiener und der Franzosen und namentlich
bon Spontini her vor, Anregungen, die den allgemeinen Charakter
des Werkes noch so wesentlich bestimmen, daß man es wohl
geradezu als letzte große Erscheinung der romanischen Helden⸗
oper bezeichnet hat.

Wie ganz anders ist da schon der „Fliegende Holländer“
bolles Eigentum der persönlichen Bildkraft Wagners! Als der
Künstler nach wirren Wanderjahren im Kapellmeisterdienst in
        <pb n="32" />
        Tonkunst.
den baltischen Landen, in Riga, gestrandet war und von dort
aus die Aufführung seines „Rienzi“ in Paris ersehnte, an der
Stelle, die ihm damals als erste und würdigste erschien, —
und als ihm auf der Seereise nach London in Sturm
und Wogenprall die Poesie des nordischen Meeres aufging: da
tauchte, wohl auch im Anschluß an die Lektüre der mächtigen
Meeresbilder Heinrich Heines, des ersten Seedichters der
modernen europäischen Völker, vor seiner regen Einbildung
die Gespenstergestalt des uferlosen Seefahrers auf und ließ
ihm nicht Ruhe, bevor sie nicht dichterisch umfaßt, lieb
gewonnen, bewältigt war. So ist der „Fliegende Holländer“
Wagners erste wirklich ganz erlebte Oper; darum ist ihr Text
kein Opernlibretto im alten Sinne mehr, sondern, trotz noch
beibehaltener alter Scenenordnung, eine Dichtung: ein Werk,
das von einheitlicher Stimmung getragen und durchhaucht ist.
Und darum ist auch schon die Musik, trotz teilweis festgehaltener
früherer Formen, nicht mehr eine alte, in der sich die musika—
lischen Empfindungen in ruckweisen, unter sich so gut wie un—
verbundenen Ergüssen auf einzelne herkömmliche architektonische
Formen, auf Arien und Duette, auf Anfangs- und Schluß-—
chöre und dergleichen verteilen: — neu ist sie vielmehr, wenigstens
bereits der Absicht nach, in der Tendenz, den ganzen Verlauf der
Handlung mit einem musikalisch zusammenhängenden sympho—
nischen Gewebe zu begleiten, ja ihn in ein solches Gewebe
aufzulösen: aus der Ballade der Senta im zweiten Akt ent—
sprossen nach Wagners eigener Angabe die thematischen Keime
zur ganzen Musik der Oper. Aber freilich: war die Absicht
schon erreicht, das ganze Werk musikalisch zu einer einzigen
großzügigen Symphonie zu gestalten? Wagner hat auch hier
den Abstand zwischen Wollen und Vollbringen selbst deutlich
bezeichnet: er sah später im „Fliegenden Holländer“ nur
noch ein Übergangswerk; er fand nun alles nur „in weitesten,
oagesten Umrissen gezeichnet“, und ihm erschien „vieles noch
unentschieden, das Gefüge der Situationen meist noch ver—
ichwimmend“.
Die Meisterwerke der ersten Periode sind ,Tannhäuser“ und
        <pb n="33" />
        Conkunst.
„Lohengrin“. „Tannhäuser“ ist im Frühjahr 1845 vollendet
worden, im Herbst dieses Jahres fand die erste Aufführung statt.
„Lohengrin“ wurde im Sommer 1847 fertig; Wagner hat das
Werk persönlich erst 18641 in Wien aufgeführt gesehen. Beide
Schöpfungen näherten sich aufs engste dem Ideale des Musik—
dramas, das Wagner damals in seiner Seele trug. Innigste Ver—
knüpfung dichterischen und musikalischen Empfängnisses, feinste
Abschattierung menschlicher Empfindungen, namentlich nach der
dunkleren, unbekannteren, nervösen, zunächst nur musikalisch
reizbaren Seite hin durch Anwendung der Mittel einer bis
dahin unerhörten Feinheit musikalischer Nüancierung, Aus—
dehnung des Atems der Dichtung, ihrer Brust gleichsam und
ihrer Lunge zu ungeahnter Fülle der Gefühle durch engstes
Zusammenschmieden dichterischen und musikalischen Ausdrucks:
das war es, was der Meister beabsichtigte. Und er erreichte
es. Aus der Beschäftigung mit dem Ganzen des Stoffes von
alsbald sowohl dichterischer wie musikalischer Absicht her, aus dem
organischen Wachsen der einzelnen Scenen unter dieser doppelten
Schaffensweise erhob sich in der Phantasie Wagners ein Ge—
samtbild, das ohne weiteres die thematischen Strahlen der Ge—
samtmusik wie den eigenartigen Rhythmus der Dichtung dar⸗
bot: und wie aus dem Rhythmus die textliche Form, so wurde
aus den Themen, die sich zu Leitmotiven verdichteten, das un—
unterbrochene Gewebe einer symphonischen Musik geschafsen.
Diese symphonische Musik aber, welche all die architekto—
nisch-musikalischen Einzelbauten der alten Oper, die Ritornelle,
Kavatinen, Terzette, über den Haufen warf, gab nun zugleich
den Stoffen ihre erhabene Einheitlichkeit und ihren gemein—
menschlichen Zug. Denn der Text — und damit der Inhalt —
war auch im einzelnen mit durch die Musik bestimmt; die
Musik aber ist nur der Wiedergabe menschlicher Gemeingefühle,
dieser freilich auch in höchsten Grade fähig. Ein unendlicher
Gewinn für die Klassizität eines Werkes, — wenn anders wir
Dichtungsinhalte klassisch nennen, deren Charakter Züge auf—
weist, die zu allen Zeiten und Herzen sprechen. Wo aber
bieten sich solche Inhalte dar? Lassen sie sich vom Einzelnen
        <pb n="34" />
        Tonkunst.

*
*

schlechthin erfinden? Schwerlich: denn der Einzelne ist Kind
einer bestimmten Zeit und Abkömmling eines bestimmten Ortes.
Wahrhaft klassische Stoffe sind daher nur solche, die von den
Urvätern und frühesten Ahnen herausgebracht sind und im
Erbgang von einem Geiste der Zeiten zum anderen gleichsam
abgeschliffen sind und eingebüßt haben, was an ihnen an—
stößig und eckig war im Sinne“ einer vorübergehenden Mode
und eines besonderen Momentes. Darum lassen sich allgemein
menschliche Inhalte nur in große Traditionen bannen, darum
ist das griechische Drama stofflich ein Drama der Überlieferung,
darum wurden in der Malerei der modernen Völker die höchsten
menschlichen Gefühle in der von Geschlecht zu Geschlecht fort—
schreitenden Darstellung der christlichen Heilsvorgänge und der
Madonnenbilder festgehalten, darum hat Goethe, als er Unver—
gängliches gab, zur Sage vom Faust gegriffen. Und auch Dantes
„Göttliche Komödie“ hat ihre Vorläufer zurück vom 14. bis zum
9. Jahrhundert. Konnte darum das Musikdrama und wollte es
stofflich nichts geben als das Gemeinmenschliche der Gefühle, so
war es auf Inhalte uralter Erzeugung angewiesen; und so lebte
in ihm die mittelalterliche Sagenwelt auf von „Tannhäuser“ bis
„Parsifal“, und darüber hinaus noch der urgermanische Mythos.

Man sieht in diesem Zusammenhang, welches Recht man
hat, vom Inhalt des Wagnerschen Musikdramas ausgehend
von romantischer Oper zu sprechen.

Indem aber in „Tannhäuser“ und „Lohengrin“ zum ersten
Male alte Sagenstoffe unter dem reinigenden Hauche und ver—
einfachenden Einflusse der Musik auf ihren rein menschlichen
Gehalt gebracht, und indem dieser Gehalt durch symphonische
und dichterische Verarbeitung dem Rahmen eines einheit—
lichen Werkes der musischen und redenden Künste einverleibt
ward, begann die Seele des neuen Kunstwerkes zu atmen.
Gewiß: noch nicht ganz rein. Noch gestört von allerlei Er—
innerungen an die alte Oper. Die architektonische Struktur
der Musik war noch nicht ganz unterdrückt. Die Scenen waren
noch nicht alle auf rein seelischen Gehalt gebracht. Sensationelle
Vorgänge störten noch; als Reste der großen Oper stellten sich
        <pb n="35" />
        —10

Conkunst.

pomphafte Aufzüge ein; in der Pariser Bearbeitung des „Tann—⸗
häuser“ wurde gar das Zugeständnis einer Art von Ballet ge—
macht. Aber dennoch: die Form des „Kunstwerkes der Zukunft“
war wenigstens der Absicht, dem höchsten Wunsche des Meisters
nach gefunden.

Nach dem „Lohengrin“ hat Wagner lange Zeit in tastenden
Versuchen zu weiterem Aufstieg zugebracht; ein Wortdrama,
drei Tondramen wurden begonnen. Schließlich machte sich das
Bedürfnis nach Abklärung in schriftstellerischem Wirken Luft;
1849 erschien „Die Kunst und die Revolution“, 1830 ,Das Kunst⸗
werk der Zukunft“, „Kunst und Klima“, 1851 „Oper und Drama“,
„Eine Mitteilung an meine Freunde“. Dann folgten, in ge⸗—
ringen, fast nur dichterischen Anfängen über die fünfziger Jahre
rückwärts reichend, im ganzen in der zweiten Hälfte der fünfziger
Jahre empfangen und in sehr wichtigen Teilen mehrfach auch
erst in der Muße des zweiten längeren Schweizer Aufenthalts
— D—
der reifen Periode Wagners. Was sie zunächst in ihrer all—
gemeinen Form — nicht schon in ihrer spezifisch musikalischen
Technik — von den Schöpfungen der vorhergehenden Periode
scheidet, das ist das entschiedene Abbrechen aller Brücken zur
alten Oper und der rastlose Zug zum Reinmenschlichen und
dadurch zur absoluten Verinnerlichung und Vereinfachung der
Handlung. Daraus ergiebt sich dann ohne weiteres eine strikt
symphonische Form, die mit dem Ganzen der Handlung ver—
knüpft wird, indem ihre Themen und Gegenthemen den Haupt—
momenten dieser entnommen werden. Der inneren Reife vor
allem wie auch zum Teil der Entstehung nach lassen sich da
nacheinander gruppieren „Meistersinger“, „Nibelungenring“,
Tristan und Isolde“ und „Parsifal“.

Die „Meistersinger von Nürnberg“ verhalten sich zu den
anderen Schöpfungen dieser zweiten Periode ähnlich wie der
„Rienzi“ zum „Fliegenden Holländer“, „Tannhäuser“ und
„Lohengrin“. Das neue Ideal schimmert durch, ist aber noch nicht
erreicht. Die ursprüngliche Absicht bei den „Meistersingern“ war,
einen bestimmten geschichtlichen Zustand humoristisch zu ironi—
        <pb n="36" />
        Conkunst.

11

fieren. Das erforderte natürlich die Vorführung von vielen
Einzelheiten, verwickelte also die Fabel. Als dann Wagner
später, in der zweiten Fassung des Textes vom Jahre 1861,
seine Meinung änderte und eine ernstere Verinnerlichung der
Handlung anstrebte, war diese doch nicht mehr ganz erreichbar.
Gewiß, nach den Ausführungen eifriger Wagnerfreunde bildet
die unglückliche Liebe Hans Sachsens zu Evchen den Mittel⸗
punkt des Werkes, — jene Liebe, die sich im Verschweigen
tiefster Empfindung äußert, als in Walter Stolzing der rechte
Freier gekommen ist, ja die sogar in männlicher Resignation diesem
Freier zum ersehnten Ziel verhilft. Allein Thatsache bleibt, daß
dieser Kern doch nicht sinnfällig genug herausgearbeitet ist, daß er
verdeckt wird von tausend Äußerlichkeiten einer bunten Hand—
lung. Und diese Art des Aufbaues der Fabel spiegelt sich doch
bei aller musikalischen Einheit ein wenig in dem blühenden
Körper der Musik wieder, so wunderbar auch das Vorspiel die
zu Themen gewordenen Gefühle des Ganzen durcheinander—
weben mag.

Gewiß haben wir demgegenüber im „Nibelungenring“
manchen Fortschritt!. Aus sicherem Kunsttrieb hat sich hier
Wagner schon in dem frühesten Entwurf („Siegfried“ von 1848)
dem nordischen Mythus, nicht der weit jüngeren deutschen Sagen—
form zugewandt: denn viel stärker pulsieren in diesem jene gene—
rischen, jene Gemeingefühle, auf deren Wiedergabe die Musik hin—
drängt. Das Los Wotans, des Gottes, der da herrschen und doch
zugleich auch lieben will, des Gottes, der in schwerem Kampf
zu der Einsicht gelangen muß, daß Herrschaft Liebe ausschließt,
und der an dieser Einsicht mit dem Geschlecht seiner Genossen
zu Grunde geht, bildet hier den eigentlichen Mittelpunkt, um
den die musikalischen und dichterischen Gefühle kreisen. Was
aber auch hier noch nicht gelang, das war eine ganz kurze
Zurückführung des weitschichtigen Mythus auf diesen Kern. Es
blieb eine Unsumme von Handlung; der Geist ältester germa—
nischer Sagenform, der nur auf Handlung geht, nur durch Hand⸗

,Rheingold“ und „Walküre“ 1851456, „Siegfried“ (erste Hälfte)
1857 beendet; „Götterdämmerung“ 1869 74.
        <pb n="37" />
        2

CTonkunst.

lung charakterisiert, nur durch Handlung liebt und verurteilt,
er ließ sich nicht unterdrücken. So dehnte sich das Ganze zur
Trilogie aus, und diese Schwierigkeit ist durch den unerhörten und
vielfach narkotisierenden, gelegentlich aber auch zerstreuenden
Glanz der Instrumentation wie die Reichtümer des musikalischen
Lyrismus wohl verdeckt, nicht aber beseitigt.

Gewiß, das Wagnersche Kunstwerk der zweiten Periode be—
durfte der Sagenstoffe mit ihrer Läuterung zeitlicher Vorgänge
ins Reinmenschliche; aber dies Reinmenschliche mußte zudem in
einfacher Handlung, in wenigen verinnerlichten Zügen gegeben sein.
Welche Stoffe hätten sich da, in diesem Wettbewerb ganz be—
stimmter Forderungen, dem Meister wohl mehr gefügt als,Tristan
und Isolde“ und „Parsifal“ — die mittelalterlichen Heldenlieder
der weltlichen und der Gottesminne? Ist's ein Zufall, daß
beide schon in unserer großen mittelalterlichen Dichtung ge—
würdigt worden sind, je von dem tiefsinnigsten und von dem
sinnenfreudigsten Dichter der Zeit behandelt zu werden?

„Tristan und Isolde“, 1854 empfangen, stellt sich zu dem
Nibelungenring“ schon auf den ersten Blick dadurch in Gegen—
satz, daß Personenzahl und äußere Handlung aufs denkbar
Einfachste beschränkt sind. Im Vordergrunde stehen eigentlich
nur zwei handelnde Gestalten, die Helden des Titels; alle
anderen Personen gehören dem zweiten und dritten Plane an.
Und nur eine Handlung im engsten Sinne beherrscht das
Ganze: die Liebestragödie Isoldens und Tristans. Und noch
mehr: über die drei großen innerlichen und entscheidenden
Momente, in denen diese Tragödie hervorbricht, wird die Ein—
heit des Ganzen noch hinausgeführt und vertieft, indem im
Grunde nicht einmal die Hauptgestalten, sondern das sich in
ihnen verkörpernde, sie ganz beherrschende eine Gefühl, die
Liebe, zum Diapason des Stückes gemacht wird. Von ihr,
der Frau Minne, die so oft angerufen wird, geht im eigent—
lichsten Verstande die belebende Wärme und die ununterbrochen
einheitliche Wirkung des Stückes aus; wie denn Wagner in
einem Briefe an Liszt bekennt, daß die Sehnsucht nach Liebe
und die Sehnsucht nach dem Tode in der eigenen Brust die
        <pb n="38" />
        Tonkunst.

13
Motive seines Schaffens gewesen seien. Daß damit zugleich
eine rein symphonische Durchführung der musikalischen Seite
gewährleistet war, leuchtet nach früheren Ausführungen ein.
„Sehnsucht, Sehnsucht, unstillbares, ewig neu sich gebärendes
Verlangen — Schmachten und Dürsten; einzige Erlösung: Tod,
Sterben, Untergehen, Nichtmehrerwachen“: so hat Wagner selbst
sein Tristandrama bezeichnet. Und könnten diese Empfindungen
nicht ohne weiteres Unterlagen einer bloß musikalischen sympho—
nischen Dichtung sein?
„Parsifal“, das letzte große Werk, mit dem sich der Meister
seit 1837, seit seinem vierundvierzigsten Lebensjahre trug, über—
schreitet noch die Stufe der in „Tristan und Isolde“ gefundenen
Lösung. Denn hier ist der objektive Mittelpunkt, die centrale
Sonne des Stückes gleichsam nicht bloß ein noch so eindring—
liches Gefühl; es ist vielmehr ein sinnlich-symbolisches Element
von erhabener Majestät: der Gral; und die an sein Wesen an—
knüpfenden mannigfachen Stimmungen der Reinheit, des frommen
Sichhingebens, der unnahbaren Hoheit, des gottgesandten
Wunders ergeben das Grundgewebe der symphonischen Dichtung.
Lebendig aber werden diese Stimmungen, konkret gewendet treten
sie hervor in der Geschichte Parsifals, des weltentrückten reli⸗
ziösen Genies, des „reinen Thoren“. Der Gral adelt die
Seele des kühnstürmenden, kraftüberhobenen Jünglings durch
Erregung des tiefsten menschlichen und zugleich überirdisch—
religiösen Gefühls, des Mitleids. Mitleid schmilzt seine Seele
am: das ist das Geheimnis der gänzlich vereinfachten Hand—
lung. die in die tiefsten Schächte reinen Seelenlebens führt
und von da aus zum Sittlichen, vom Sittlichen zum Göttlichen
mporstrebt.
Wagner hat, nach unendlichen Mühen seines Lebens, im
Jahre 1882 noch die Aufführung des „Parsifal“ erlebt; 1883 ist
er gestorben. Hätte er noch Größeres geben können? Eins ist
sicher: der Wunsch ist ihm geworden, sein Kunstwerk durch
innere Läuterung bis in die Höhen jener Empfindungswelt
hinaufzuheben, der er immer hat dienen wollen, deren neuer
        <pb n="39" />
        Tonkunst
Aufbau zu höherem Wert und Glanz sein ganzes Herz erfüllte,
der religiösen.

Denn Wagner war im Tiefsten eine religiöse Natur; und
nur aus seiner Weltanschauung als einem Ganzen ist der wesent—
liche Inhalt seines Lebens zu verstehen. Es ist davon noch später
zu sprechen. Sehen wir aber auf sein äußerliches Werk, wie
wir es soeben in flüchtiger Umschau durchwandert haben, so
springt schon jetzt in die Augen, daß es in zweierlei Richtung
über die Vergangenheit hinausging: es beruhte auf einer bis
dahin unerhört innigen Verknüpfung der redenden und musischen
und — da es dem Theater angehörte — auch der nachahmenden
und der bildenden Künste: es war ein Gesamtkunstwerk; und
weiter: es entwickelte in sich aus der innigen Durchdringung
der Künste, vor allem der redenden und der musischen, eine neue
musikalische Form, die Form der symphonisch-theatralischen
Dichtung.

Hat es damit tieferen Entwicklungsrichtungen Ausdruck ge⸗—
geben? Mit der Beantwortung dieser Frage steht und fällt die
geschichtliche Bedeutung Wagners als Künstler. Wir suchen
diese Frage zunächst für die musikalische Seite, für die sympho—
nische Dichtung zu beantworten. Soll das aber gründlich ge—
schehen, so dürfen wir uns einen kurzen UÜberblick über die
Entwicklung der abendländischen, insbesondere deutschen Musik
seit etwa einem Jahrtausend nicht verdrießen lassen.
        <pb n="40" />
        II.
Die Musik des frühen und hohen Mittelalters ist, soweit

ie nationale, und das heißt weltliche Kunst war, im Grunde
nur Musik der menschlichen Stimme gewesen. Natürlich gab
es Instrumente; aber sie wurden doch vornehmlich nur zur
Angabe des Rhythmus bei Tanz und Kampfesgang gebraucht;
im Verein mit der menschlichen Stimme dienten sie weiter zur
Tonfüllung des Gesanges, wirkten also wie die rohe Farben⸗
gebung innerhalb des Umrisses unserer ältesten Malerei, gleich—
sam flächen- und körperbildend. Weitere Anwendungen künst—
lerischer Art verbot schon die Unvollkommenheit ihres Tones.
Aber selbst wenn die Tongebung reiner gewesen wäre, hätten
die Instrumente dennoch nicht umfassend benutzt werden können;
dazu mangelte noch das Gefühl fuͤr Tonschattierung und Ton—
dynamik.
Denn das ist vielleicht das Bezeichnendste der Vokalmusik,
des Gesanges dieser Zeit, daß sie gänzlich entfernt noch war
von jeder Beseelung; man sang in der Weise der heutigen
kirchlich gebundenen Litanei oder so etwa, wie heute Kinder,
marschierende Soldaten, kneipende Studenten zu singen pflegen:
ohne ein Persönliches musikalischer Stimmung, dem bloßen
physikalischen Ton folgend — objektiv gleichsam und nichts als
Ohr, so daß das Herz, das Gemüt ohne merkbareren Anteil
im Ausdruck blieb. Uud so wenig wie eine Dynamik vorhanden
war, kannte man eine Schattierung der Melodie durch Harmoni⸗
fierung: der Gesang war Einzelgesang, Monodie: man sang
monoton und monodisch.
        <pb n="41" />
        16

Tonkunst.

Auf der seelischen Grundlage dieser weltlichen Musik er—
wuchs auch die Kirchenmusik. Nur daß hier doch, beim
Psalmodieren und sonst, vielfach der Einzelne allein sang und
auch allein singend empfunden ward. Das führte dann bald dazu,
daß man der einfachsten durchgehenden Monodie, dem Cantus
lirmus, doch mehr persönliche Elemente einverleibte und nament—
lich anhängte, indem man z. B. die jubilierenden Kadenzen des
Hallelujah im Überschwall individueller Gefühle in die Länge
zog und somit abänderte. Auf diese Art entwickelte sich aus
dem Cantus firmus die ebenfalls noch einstimmige Sequenz, —
sehr früh, schon im 9. Jahrhundert, hat Notker für diese
musikalische Form berühmte Terte gedichtet.

Und zur selben Zeit etwa mag man auch bereits aus
der Monodie hinausgelangt sein. Aber zunächst nicht im
Gesang, sondern auf der Orgel, dem weitaus am höchsten ent—
wickelten Instrument der Zeit, das auf diese und auf noch viel
spätere Jahrhunderte in seiner verhältnismäßigen Fülle und
Reinheit einen fast magischen Eindruck gemacht haben muß.
Hier hatte man nun zum Spiele beide Hände zur Verfügung:
man konnte Töne gegeneinander, Note gegen Note, punctum
eontra punctum marschieren lassen und so ganze Manöver mit
Tönen ausführen. Es ist die Entstehung der polyphonen Musik
und des Kontrapunktes, wie sie an den Namen des Mönches
Hucbald von St. Amand (zweite Hälfte des 9. Jahrhunderts)
geknüpft wird.

Der Kontrapunkt ist in der Ausbildung, die er seit dem
13. Jahrhundert zu den kunstvollsten Systemen erfuhr — in der
kontrapunktischen Musik des 16. Jahrhunderts marschieren bis zu
dreißig Stimmen neben⸗- und gegeneinander —, die vollendetste
Musikform der mittelalterlichen Zeitalter geistiger Gebunden—
heit. Denn auch in ihm hat noch, wie in der weltlich-nationalen
Musik, der Ton zunächst bloß physikalischen oder nervenreizenden,
dagegen keinen stimmungsvollen Wert, und es handelt sich in
ihm nicht so sehr um den fein abgewogenen musikalischen Aus—
druck menschlicher Gefühle, wie um Klangexerzitien für Ohr und
Nervenbahnen. Darum ist die Harmonie ein Zufall in dieser
        <pb n="42" />
        Tonkunst.

17
Musik; die Satzart ist vielmehr derart, daß die einzelnen
Stimmen vollständig gegen- und nebeneinander laufen, freilich
unter immer klarerer Ausscheidung und Verminderung gewisser
Mißklänge (Dissonanzen). So war denn in dieser Zeit Musiker,
wer ein feiner Berechner der kontrapunktischen Tonbewegungen
war und gleichsam virtuose Tänze von Tönen zusammenzustellen
verstand: und die musische Kunst wetteiferte schließlich in geist- und
seelenloser Künstlichkeit wenigstens vorübergehend mit den inner—
lich verwandten Ausgängen der Scholastik und der absterbenden
Architektur gotischen Stiles.

Aber schon wartete der Erbe. Der Umschwung kam von
der Volksmusik her, und auch diesmal noch wesentlich aus
dem Gesange. Auf diesem Gebiete zuerst und viel früher als
auf dem hieratischen zeigte sich's, daß die geistige Grundlage des
mittelalterlichen gebundenen Seelenlebens am Zusammenbrechen
war: wie sich denn ganz ähnlich das deutsche Recht unter den
Verschiebungen des wirtschaftlichen und socialen Lebens in neu—
zeitliche Verhältnisse gegen Ausgang des Mittelalters und im
16. und 17. Jahrhundert weit rascher verändert hat, als das
kanonische Recht der Kirche.

Das aber, was hier vor sich ging, war folgendes. Es
begann sich zunächst neben dem herkömmlichen Volkslied in
seiner monodischen, dem Tonausdruck nach noch völlig ge—
hbundenen Form ein weltlicher Kunstgesang für eine Stimme
zu entwickeln. Wann dies zuerst der Fall gewesen, wer weiß
es? Gewiß aber ist, daß dieser Kunstgesang zur Zeit der
Minnesänger vorhanden war. Nun hätte man von hier zur Be—
seelung der Individualstimme gelangen können, sollte man
meinen. Doch mit nichten war das der Fall; dazu war
die allgemeine seelische Grundlage der Nation noch längst nicht
genügend individualisierungskräftig: einer der lehrreichsten Be—
weise für die außerordentliche, für den Fortschritt des Volks—
lebens schlechthin ausschlaggebende Bedeutung der allgemeinen
psychischen Veränderungen. Was eintrat, war vielmehr eine
leisere Verwandlung noch auf dem Boden einer halbgebundenen
Kultur: der Gesangsvortrag blieb noch ohne Dynamik, aber

Lamprecht, Deutsche Geschichte. Erster Ergänzungsband. 2
        <pb n="43" />
        18

Tonkunst.

er wurde seelisch abschattiert dadurch, daß die Monodie erst
zum dreistimmigen Gesang, schließlich zum Quartett erweitert
ward. Es sind die großen Ereignisse des 15. und 16. Jahr⸗
hunderts; nun erscheint die Stimme, von der die Melodie ge—
tragen wird, als Tenor, und zu ihr stellen sich in gleichem
Rhythmus allmählich nicht mehr kontrapunktisch, sondern har⸗
monisch die vox alta und die vox bassa ins Verhältnis, der
Alt und der Baß, denen dann im Quartett noch eine weitere,
zumeist eine zweite Oberstimme zur Seite tritt.

Es ist ein Vorgang von der außerordentlichsten Bedeutung.
Bis dahin hatte jeder Ton für sich ein eigenes, aber gleichsam
nur physikalisches Leben gehabt und zunächst nur auf die Nerven
gewirkt. Darum war der Aufbau der Musik im Kontrapunkt
ein mathematisch-architektonischer gewesen: gewisse Regeln,
nicht Stimmungselemente, objektive Kunst, nicht Empfindungs⸗
drang waren maßgebend gewesen für Erfindung und Aus—
schmückung der Musik. Jetzt trat der einzelne Ton jeder Melodie
nicht mit gegengestellten Tönen zugleich, sondern für sich, aber
umgeben von einem harmonischen Mantel anderer Töne auf,
deren Zusammensetzung, die innerhalb gewisser Grenzen zu
freier Wahl stand, dazu bestimmt war, ihn zu charakterisieren,
ihn nicht bloß klangschön wirken zu lassen, sondern ihm Stim—
mung zu geben. Erst jetzt begann damit das im höheren Sinne
Seelische der Musik zu erblühen: die Thore eines neuen, des
individualistischen Zeitalters der Musik hinaus über die Räume
des mittelalterlich gebundenen Stiles öffneten sich.

Die Errungenschaft geht nun alsbald auf das Gebiet der
Kunstmusik über: die hieratische Musik verliert dadurch wenigstens
da, wo sich die Gemeinde an ihr beteiligt, im Choral den
Kontrapunkt und muß dem harmonischen Satze Eintritt ge—
statten, woraus sich denn ganz neue Formen der Kirchenmusik
(Motette u. s. w.) entwickeln; die weltliche Kunstmusik entfaltet
entsprechend dem mehrstimmigen Volksgesang, nur kunstvoller,
das Madrigal.

Aber war damit schon die volle Beseelung der Musik ge—
vonnen? Die Abschattierung der Empfindungen war erreicht,
        <pb n="44" />
        Tonkunst.

19
nicht aber die ganze und fessellose Dynamik. Diese hat erst
die zweite Hälfte des 16. Jahrhunderts gebracht, und anfangs vor
allem in Italien: denn seit dem Übergang der großen vlämischen
Tonkünstler nach Italien und seit Palestrina hatte dieses Land
auf lange Zeit die Führung in der europäischen Musikgeschichte an
sich gerissen. Und die Dynamik wurde — es muß und kann
von nun ab nur in noch stärker zusammenfassenden Zügen er—
zählt werden, als bisher — erreicht da, wo die stärksten
Empfindungen musikalisch ausgedrückt werden mußten, im
Dramma poer wusica. Diese erste Form der Oper bedeutete
bekanntlich nach dem Empfinden der Zeitgenossen die Wieder⸗
belebung des antiken Dramas, d. h. einer theatralischen Kunst⸗
form hoher Kultur mit sehr ausgesprochenen Charakteren und
Leidenschaften. Da blieb denn nichts übrig, als die monotone,
adynamische Monodie zu verlassen. Gewiß war das schwer,
aber doch sehen wir allmählich Fortschritte gemacht, und wir
können sie abschätzen nach den Fortschritten einer neuen Teil⸗
nehmerin der Gesangeskunst, der Instrumentalmusik, die erst jetzt
entscheidend in die Entwicklung der Musik eingreift.

Das 16. und 17. Jahrhundert brachten entschiedene Ver—
besserungen wenigstens für die Saiteninstrumente, während die
Blasinstrumente noch bis tief ins 18., ja ins 19. Jahrhundert
hinein recht unrein blieben; namentlich die Geigenbaukunst
lieferte seii dem 17. Jahrhundert vorzügliche Ergebnisse. So
brauchte dem Dramma per musica nicht mehr eine ein—
gehendere instrumentale Begleitung zu fehlen und fehlte ihm
auch nicht. Und bald entwickelte sich, am reichsten zunächst wohl
in Italien, auch die Instrumentalmusik an sich selbständig, und
war gern auch schon nach den Grundsätzen der harmonischen
Satzart: wie der menschliche Einzelgesang das Arioso gefunden
hatte, so fand die Instrumentalmusik die Symphonie.

Eine ganz neue Höhe der musikalischen Ausdrucksmittel
war dadurch erreicht; und der neue Geist suchte nun auch neue
musikalische Formen. Die alte Kontrapunktik begann außerhalb
des hieratischen Gebrauchs abzusterben; im harmonischen Satze,
dessen Theorie vornehmlich in der ersten Hälfte des 18. Jahr—

2*
        <pb n="45" />
        20

Tonkunst.

hunderts ermittelt ward, begannen aus neuen Strukturgesetzen
neue Gattungen der musikalischen Erfindung zu erwachsen: wie
bald vermehrten sich die einfache Cantata und die einfache
Sonata, das gesungene und das gespielte Musikstück harmonischen
Satzes zu den verschiedensten Formen: der Arie, dem Recitativ,
der Suite, dem Konzert u. s. w. Und nun erstand jene reiche
Welt einer neuen Musik, von Schütz und Schein, den großen
deutschen Anfängern des Neuen an bis zu Händel. Mit Bach
feierte zwar die alte Kontrapunktik noch einmal eine Auf—
erstehung: ergiebt sie sich in den Werken für Orgel, die Bachs
Thätigkeit zentral zum Ausdruck bringen, als ein diesem In—
strument anscheinend wesenhaftes Element, so übertrug sie Bach
doch auch auf andere Gattungen der Komposition. Aber wie
er nebenher ein Meister volltöniger Harmonik ist, so ist seine
Kontrapunktik überhaupt nicht mehr die schematische früherer
Zeit und wird in seiner Behandlung ein starkes Ausdrucksmittel
der Stimmung. Durch Haydn und Mozart aber finden dann
die neuen musikalischen Formen ihre klassische Ausprägung: sie
haben vor allem die Melodie verinnerlicht und sie zum Dolmetsch
feiner abgestufter Empfindungen umgeschaffen. Und damit erhob
sich denn ein großes Zeitalter neuer Musik mehr als eben—
bürtig der Blütezeit der ausgehenden mittelalterlichen Musik
eines Dufay und Ockeghem, Isaac und Senfl, und zugleich um
eine Entwicklungsstufe höher.

Aber schon in der Reifezeit dieser Kunst begann etwas Ahn⸗
liches einzutreten wie früher die Umwandlung der Kontrapunktik
zu bloß virtuoser Berechnung von Tönen. Wie sich die alte
Musik architektonisiert hatte, so geschah es auch mit der neuen.
Die musikalischen Formen der Sonate, der Suite, der Sym—
phonie, um nur die gebräuchlichsten Arten zu nennen, setzten sich
aus einer Anzahl kleinerer formaler Teile, gern etwa dreien,
zusammen, für deren Wesen und Stimmung feststehende typische
Auffassungen zur Geltung gelangten. Nach diesen Auffassungen
wurde aufgebaut, erhielten die Teile, oft ohne nähere Stimmungs—
beziehung zu einander, ihre Fügung als Ganzes. Es war,
innerhalb des Bereiches der seit dem 16. Jahrhundert steigend
        <pb n="46" />
        Tonkunst.

21

gewonnenen Beseelung, ein Vorgang der Rationalisierung, den
man wohl mit der Verknöcherung des kontrapunktischen Stiles
vergleichen darf.
Und schon zeigten sich seit etwa Mitte des 18. Jahr—
hunderts, mit dem beginnenden neuen seelischen Zeitalter des
Subjektivismus, in dem wir noch heute leben — denn Klop⸗
stock und Lessing, Goethe und Schiller sind unseres Fleisches
und Blutes —, es zeigten sich mit diesen Anfängen eines neuen
Zeitalters in den Jahrzehnten der Empfindsamkeit und des
Sturmes und Dranges Spuren der Auflehnung gegen diese
Rationalisierung der Musik und Keimansätze einer neuen Musik,
die weit mehr noch als alle musische Kunst bisher auf die
Wiedergabe des Seelischen ausgingen. Kein Zweifel: mit dem
neuen Zeitalter des Geisteslebens in Dichtung und bildender Kunst
zog auch, leise zunächst, eine neue Musik herauf. Frühester Führer
dieser Bewegung war Gluck. Und man braucht sich nur einer
Gluͤckschen Oper und fast noch besser einiger der wunderbar er⸗
greifenden Lieder Glucks (z. B. der Kompositionen zu Klopstock⸗
schen Oden) zu erinnern, um unmittelbar von dem Neuen er—
griffen zu sein. Mit einfachsten Mitteln, fern von der nament⸗
lich in der Gesangskunst zur Routine gewordenen virtuosen
Architektonik, tiefste Empfindungen zu wecken, und zwar Empfin⸗
dungen von einheitlicher Dauer während eines und desselben
musikalischen Kunstwerkes: das ist das Ideal, das Gluck und
seinen Nachfolgern vorschwebt.
Aber freilich: leicht zu verwirklichen war dies Ideal nur
im Gesang. Denn hier spricht Seele unmittelbar zu Seele:
und was das neue Zeitalter empfand, das gegenüber der Art
und dem Gebahren des 16. bis 18. Jahrhunderts unendlich ge⸗
hobene Interesse des Menschen am Menschen, wie es sich in
den Freundschafts- und Liebesenthusiasmen der Zeit am un—
mittelbarsten auswirkte, das gab sich ohne weiteres auch durch
die gesanglichen Ausdrucksmittel kund. Darum erhebt sich mit
der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts eine ungeahnte Blüte
des Liedes, und aus dem Lied bricht selbst da, wo es sich noch in
        <pb n="47" />
        22

Tonkunst.
herkömmlicher architektonischer Form zu ergehen versucht, trieb—
mäßig das neue, tiefere Stimmungsleben hervor.

Anders mit der Instrumentalmusik. Hier war die Zahl
der Instrumente immer größer, die Erringung der technischen
Herrschaft über die Stimmmittel, sei es des einzelnen Instru—
mentes, sei es des Orchesters, immer schwerer geworden:
tausend Bande hielten an der hergebrachten Architektonik fest,
und nur ein Meister von vulkanischer Kraft konnte sie zerreißen.
Dieser Meister war Beethoven in seiner letzten Periode. Die neunte
Symphonie erhebt sich jubelnd in einer einzigen gewaltigen
Grundstimmung über alle Musik der Vorzeit; in nie erhörten lang-
andauernden Atemstößen trägt sie die einheitliche Empfindung,
von der sie beseelt ist, an das Ohr des Empfänglichen, und
als sollte der Beweis geliefert werden, daß die psychische Kraft
der Instrumente jetzt der Beseelung des Gesanges wenn nicht
gewachsen sei, so doch an sie heranreiche, endet sie mit dem
alles überhallenden Hochgesang an die Freude.

Mit Beethovens letzten Werken war ein neues Zeitalter
der Musik vollends eingeleitet, das subjektivistische, das Zeit—
alter der Gegenwart. Aber war es mit ihm vollendet? Nein,
Beethoven bedeutet nur den Abschluß einer ersten Stufe. Denn
sieht man genauer zu für die Zeit zwischen Gluck und
Beethoven, so findet man, daß die architektonische Musik dieser
Zeit überhaupt doch schon stark durchsetzt ist von Elementen
der psychologischen Vertiefung, des stimmungsvollen Pathos im
modernen Sinne. Und diese Elemente nehmen zu; Mozart
wird von ihnen schon ganz anders getragen, als Haydn
in seinen jüngeren Jahren, Beethoven bereits in seiner Anfangs—
zeit nicht minder als Mozart. So steht der alternde Beethoven
am Ende einer ersten Stufe der modernen Musik. Freilich:
einer ersten Stufe. Denn hat er etwa, so ist man ebenfalls
zu fragen berechtigt, in der neunten Symphonie das volle, ihm
vorschwebende Ziel der Beseelung, der tiefsten und reichsten
Stimmungsschattierung der Musik wirklich schon erreicht?

So hieß es nach Beethoven weiter, vorwärts. Nicht ein
        <pb n="48" />
        Tonkunst.

28
Endiger, ein Eröffner neuer Zeit war der große Meister, so
betrachtet.

Und nun tritt die Frage auf: ist diese neue Zeit ge—
kommen? Hat die Musik so, wie in immer stärkerer seelischer
Intensivierung auf die Zeiten der Empfindsamkeit die der
Romantik, und auf die Romantik die Periode der modernen
Reizsamkeit gefolgt sind, so nach Beethoven eine Periode
weiteren Fortschritts erlebt?

Wir können hier zunächst nur nach allgemeinen Eindrücken
urteilen. Die Musik der sogenannten klassischen Periode, der
Zeit von Gluck bis Beethoven, versteht und schätzt heute „jeder⸗
mann aus dem Volke“. Sie lebt mit uns und ist uns familiär
geworden. Die Musik der Romantik, von Weber über Spohr
und Schumann bis auf Wagner in den Werken seiner früheren
Periode (Rienzi, Holländer, Tannhäuser, Lohengrin), versteht
auch jedermann und schätzt sie, weiß sie aber doch recht wohl
von der ihm noch viel heimlicheren klassischen Musik zu trennen.
Sie ist etwas anderes. Die Musik Liszts und Wagners in
seiner zweiten Periode (namentlich Nibelungenring, Tristan und
Isolde, Parsifal) und die Musik von zumeist jüngeren Nach⸗
folgern dieser Meister, wie Cornelius, Strauß, Wolf, Bruckner,
ja auch von Brahms, verstehen viele nicht und schätzen sie des—
halb weniger: sie ist ihnen zu neu.

Bedeuten nun diese Abschätzungen zugleich Periodisierungen?
Nur eine eingehende Untersuchung der Musik der letzten Gruppe
kann hier unwiderruflich entscheiden.
        <pb n="49" />
        III.
Merkwürdigerweise ist diese letzte Gruppe auf ihre innerste
musikalische Form hin noch wenig untersucht worden; namentlich
die zahlreiche Wagner-Litteratur bietet in dieser Richtung
wenig!. Das Ganze der neuen Musik hat dann neuerdings
Rietsch einer litterarischen Untersuchung unterworfen, indem
er ihre besondere Harmonik, Stimmführung und Rhythmik
festzustellen suchte.

Die Harmonik ist die Lehre von dem Verhältnis der Töne
zu einander; es wird gleichsam das Fleisch, der Stoff des
musikalischen Körpers in seinem jeweils charakteristischen Ge—
halte betrachte. Die Stimmführung spricht von den in sich
zusammenhängenden Tonreihen der menschlichen Stimme wie
der Instrumente, sie handelt von der Muskulatur des musi—
kalischen Körpers. Die Rhythmik endlich faßt das Zeitverhältnis
der Stimmen unter sich, wie dies Zeitverhältnis als Ganzes,
den Rhythmus also der Tonreihen ins Auge. Es ist, als
Das Beste aus der älteren Litteratur scheinen mir gelegentliche
Bemerkungen Liszts, sowie sein großer Aufsatz über den „Fliegenden
Holländer“ (Ges. Schriften Bd. III, Abt. ) zu sein. Man ogl. auch
K. Mayrberger, Die Harmonik R. Wagners, an den Leitmotiven aus
„Tristan und Isolde“ erläutert (1881): eine innerhalb des behandelten
engen Bereichs recht aufklärungsreiche Schrift; und zu ihr ergänzend
M. Arend, Harmonische Analyse des Tristanvorspieles (Bayreuther Blätter
1901, IV.-VIJ. Stück). Im übrigen ist im folgenden vielfach und eingehend
H. Rietsch, Die Tonkunst in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahr—
hunderts (Sammlg. musikwiss. Arbeiten Heft III), Leipzig, Breitkopf &amp; Härtel.
1900, benutzt worden.
        <pb n="50" />
        Tonkunst.

25
wollte man eine Lehre des Skeletts des musikalischen Körpers
geben.

Was bieten nun Harmonik, Stimmführung und Rhythmik
—V

Am wichtigsten wird es sein, die Harmonik zu betrachten.
Und hier wird zum genaueren Verständnis bis auf diejenige
Periode der musikalischen Entwicklung zurückzugreifen sein, die
den harmonischen Satzbau brachte, alfo das zweite, mit dem
14. und 15. Jahrhundert einsetzende, mit dem 18. Jahrhundert
zum Aushallen gelangende Zeitalter der deutschen Musik. Da
war nun die Harmonisierung anfangs grundsätzlich und auch
praktisch fast ausnahmslos diatonisch, d. h. es wurden zur
Bildung der Harmonien überwiegend Ganztöne, im Gegensatz
zur chromatischen (und enharmonischen) Tonfolge, benutzt.
Dabei galt dann für die Melodiebildung wie noch heute, daß
diejenige Stufe der diatonischen Tonleiter, auf die allein irgend
ein Akkord bezogen werden kann, das sogenannte Fundament, als
einzige Erkenntnisquelle der Konsonanzen und Dissonanzen in
Betracht kam.

Die in diesen Schranken verlaufende Musik hat für unsere
heutigen Ohren etwas Hartes, Herbes, Erhabenes — in Summa
Frühzeitliches; es sind die Enpfindungen, die der protestantische
Choral in seiner ursprünglichen Harmonisierung in uns erweckt.

Dem 17. Jahrhundert aber fing diese Musik bereits an,
zu rauh, zu kantig und eckig gleichsam zu klingen; es begann
darum, die härtesten Akkorde durch „Färben“ der Töne, durch
Einführung von Halbtönen zu mildern: die Chromatik erhob
ich neben der Diatonik. Im 18. Jahrhundert standen dann
Chromatik und Diatonik — etwas schematisch und massiv
ausgedrückt — gleichberechtigt nebeneinander. War da nun
anzunehmen, daß diese Verschiebung von der Diatonik zur
Chromatik mit jenem neuen, dritten Zeitalter unserer Musik⸗
zeschichte abbrechen werde, das leise seit der Mitte des 18. Jahr⸗
hunderts einsetzte? Wie wäre das denkbar gewesen, da doch
gerade auf der Einführung der chromatischen Elemente, der

zebrochenen Farben gleichsam, jene schärfere Schattierungs—
        <pb n="51" />
        26

Tonkunst.

möglichkeit der Musik beruhte, die eine Kultur verlangte, die
in immer feinere Nüancen des Seelenlebens verläuft? Im
Gegenteil, die Chromatik nahm zu: beim alternden Beethoven,
bei Schubert, Weber, Marschner, dem jungen Schumann hat
ie schon das Übergewicht, bis sie in der neuen Musik bei allem
grundsätzlichen Festhalten an der Diatonik beinahe völlig siegt, so
daß Dur und Moll sich vermischen und sich fast die Aussicht auf
ein anderes Tonsystem, als das bisher bestehende, aufthut.

Und wer kühn ist, wird auf Grund dieser Vorgänge vielleicht
gar die entwicklungsgeschichtliche Stellung der neuen Musik
dahin bestimmen wollen, daß sie zwar noch nicht der Held,
wohl aber der Vorbote eines ganz neuen Tonsystems sei, das
sich auf dem Grunde rein chromatischer Verhältnisse aufbauen
würde.

Wie dem auch sei: hier soll die Eröffnung dieser Aussicht
nur dazu dienen, den Charakter der neuen Musik verständlicher
zu machen. Es ist eine Musik, die noch grundsätzlich und der
Lehre nach diatonisch erscheint; aber der tonale Grundcharakter
wird doch in tausend Fällen immer und immer wieder zum
Zweck feinerer Abschattierung der Tonempfindungen chromatisch
durchbrochen. Da wird z. B. die Modulation viel leichter ge—
handhabt, besonders gern in der Form, daß man dasselbe
Motiv in wenig verwandten Tonarten, häufig nur um einen
halben Ton versetzt, wiederholend nebeneinander stellt. Oder man
operiert ständig mit akkordfremden Tönen, so daß geradezu eine
bolle Lehre darüber entwickelt wird, wie sie möglichst kühn ein—
zusetzen seien. Oder endlich leiterfremde Akkordtöne werden nicht
mehr ausnahmsweise verwendet, sondern tauchen gruppenweis in
regelmäßig gedachten Ansätzen auf. Und dieser Vorgang vollzieht
sich derart, daß auf diese Weise gebildete fremdartige Zusammen—
klänge anfangs nur zu ganz bestimmtem Zweck, zu einmaliger
vorübergehender Färbung, auftreten, dann aber gleichsam nicht
mehr als Eindringlinge gefühlt erscheinen, sondern sich zu
eigenen, ständig gebrauchten Akkorden befestigen.

Nun tauchen freilich neben diesen außerordentlichen Fort—
schritten der Chromatik ganz bewußt auch Erneuerungen der
        <pb n="52" />
        Tonkunst.

27
herben Diatonik vornehmlich des Anfangs der zweiten Periode
inserer Musik wieder auf. Geschieht das aber auf dem Wege
organischer Weiterbildung? Keineswegs! Es ist nur eine
Folge des Historismus, der etwa von den zwanziger bis achtziger
Jahren des 19. Jahrhunderts alle unsere Künste beherrscht
hat: die geschichtliche Einsicht stellte diese alte herbe Musik
zur Verfügung, und man nahm deren Harmonik gern auf, wo
sie der jetzt, also nur moderner Weise mit ihr verknüpft ge⸗
fühlten Empfindungswelt des Herben und Primitiven den
hesten Ausdruck zu geben vermochte. Es handelt sich also
thatsächlich nur um eine Renaissance des Alten zur Vergrößerung
der Spannungsweite des modernen musikalischen Empfindens;
ind demgemäß ist die Nachahmung auch niemals genau, sondern
moderneni Bedurfnis angepaßt; so gebraucht man z. B. in der
modernen Musik die sogenannten Nebensextakkorde selbständig,
was in ihrer eigentlichen Zeitheimat, dem späteren Mittelalter,
aiemals der Fall war.

Es ist also mit diesem musikalischen Historismus wie mit
anderen Historismen, etwa den Anknüpfungen der englischen
Prärafaeliten oder der deutschen Idealisten (Böcklin, Klinger)
an das Quattrocento oder den Wiederbelebungsversuchen
früherer Zeiten im historischen Roman: getragen von einem
—D000 gingen sie zu—
nächst von Kontrastwirkungen aus und benutzten diese zur Wieder⸗
gabe bisher unbekannter oder wenigstens noch nicht sinnlich
genau zum Ausdruck gebrachter Empfindungen: — daß sie
damit zugleich, wenigstens gelegentlich, wie in der Malerei,
einem noch tieferen Bedürfnis der Zeit gerecht wurden, gehört
einem anderen Zusammenhang an und wird später in diesem
erörtert werden.

Wie wuchtig dieser Gegensatz zwischen moderner Chromatik
und urwüchsiger Diatonik benutzt werden kann, zeigt ein⸗
dringlich z. B. die symphonische Dichtung „Tod und Ver—⸗
klärung“ von Richard Strauß: hier erscheint der im Titel
hervorgehobene Kontrast musikalisch geradezu auf diesem Gegen⸗
satze aufgebaut. —
        <pb n="53" />
        28

Tonkunst.

Wir nehmen von der Harmonik Abschied und wenden uns
zur Stimmführung. Freilich, wie sich sogleich zeigen wird,
nur äußerlich: denn im Grunde sind die modernen Anderungen
in der Stimmführung nur Folgen der immer mehr aus—
gesprochenen chromatischen Neigungen. Sie lassen sich mit
einem Wort dahin zusammenfassen, daß die Nebenstimmen
immer mehr von der Hauptstimme losgelöst werden. Die
Akkorde werden gleichsam aufgetröselt, die Nebenstimmen
schweifen ab, stellen sich gegen die Hauptstimme: es scheint, als
solle das alte kontrapunktische Tonexerzieren wieder beginnen.
Was ist aber der Grund dieser Befreiung? Einfach das Be—
dürfnis, zur Gewinnung neuer und immer feinerer Ton—
schattierungen die Nebenstimme bis zu dem Grade zur Haupt—
stimme in Dissonanz zu setzen, daß ein volles akkordmäßiges
Zusammenklingen nicht mehr als möglich oder doch schon als Wag-
—
weise chromatisch geführt; oder es werden bei ihnen akkordfremde
Töne angewendet, und gern wird der Satz mit einer liegenden
Stimme, einem beharrlichen Tone, dem Orgelpunkte, aufge—
nommen, dem es dann obliegt, entlegene und zerstreute Harmonien
zu binden und damit eine Milderung und Verschleierung der
harmonischen Kühnheiten zu erzielen. So liegt denn dieser
modernen Polyphonie, deren leise Anfänge schon in der so—
genannten „obligaten Begleitung“ Beethovens auftauchen,
keineswegs eine Regung nach rein physikalischer Auffassung der
Töne zu Grunde, wie sie das psychische Motiv der Kontra—
punktik war, sondern genau das Gegenteil: das Bedürfnis,
immer noch mehr stimmungsmäßig zu spalten und zu
schattieren. —

In der Rhythmik halten wir uns hier zunächst an jenes
engere Gebiet, in dem es sich nur um das Verhältnis der
Töne zu einander innerhalb eines Motivs handelt; von der
Rhythmik im weiteren Sinne, dem Zeitmaß eines ganzen musi—
kalischen Kunstwerks, wird bald in anderer Verbindung die
Rede sein. Innerhalb eines bloßen Motivs sind nun zwei
Fälle denkbar: entweder Rhythmus und Takt (Metrum) fallen
        <pb n="54" />
        Tonkunst.

29
zusammen, oder aber der Rhythmus entwickelt seine Accent⸗
ordnung gegen die metrische. Und da hat nun fur beide
früheren Musikperioden und auch noch für die klassische Musik,
in der schon die Anfänge des dritten Zeitalters eingeschlossen
sind, im allgemeinen gegolten, daß Rhythmus und Takt zu—
sammengehen. Anders in der neuen Musik und in Anfängen
schon bei Schumann und Chopin. Da entwickelt sich der
Rhythmus recht häufig gegen das Metrum und wird so ein
viel stärkeres Reizmittel in der Maß- und Accentordnung; für
manche der hier auftauchenden Möglichkeiten des Auseinander—
fallens von Metrum und Rhythmus liegt der Vergleich mit der
physiologischen Erscheinung eines Herzens nahe, das infolge
hoher Aufregung in unregelmäßigen Schlägen geht.

Aber auch da, wo Takt und Rhythmus zusammengehen,
entwickelt die neue Kunst unbekannte Freiheiten. So findet
man sehr häufig schon innerhalb enger Grenzen Taktwechsel,
oder es werden Taktgattungen angewandt, die aus einem ge⸗
raden und einem ungeraden Metrum zusammengesetzt sind.
Vor allem aber wird die Führung des Tempos ungleich freier,
und damit dringt denn eine unerhörte Dynamik ein: das Haupt⸗
zeitmaß wird unter ständigen Schwankungen durchgeführt, wie
sie die musikalische Empfindung schärfer zum Ausdruck bringen
sollen; die Stärkegrade werden mit der weitestgehenden Feinheit
behandelt, Intonationsschwankungen vorgenommen u. s. w. Das
ist denn recht eigentlich die Domäne des modernen Kapell⸗
meisters, der unter der Durchführung all dieser neuen An⸗
regungen zum vollen Künstler geworden ist: — welche Periode
der Vergangenheit hat etwa eine Gestalt aufzuweisen, wie die
Hans von Bülows?

Freilich: genau wie in der Harmonik und ebenso, wenn
auch in mehr abgeleiteter, mittelbarer Weise in der Stimm—
führung eine Neigung vorhanden ist, gegenüber der größeren
Freiheit der modernen Musik auf die strengen Formen der Vor—⸗
zeit zurückzugreifen, so auch in der Rhythmik. Aber auch das
Motiv ist hier das gleiche: man bezweckt nichts als noch reichere
Durchbildung der Ausdrucksmittel. Und so hat denn, um ein
        <pb n="55" />
        30

Tonkunst.
Werk wiederum desselben Meisters anzuführen, Richard Strauß
in seiner Tondichtung „Ein Heldenleben“ neben allen rhyth—
mischen Neuerungen doch auch die klare und streng übersicht—
liche Rhythmik der Alten angewandt, um gewissen Empfindungen
namentlich des Heroischen und Großgearteten einen Ausdruck
zu schaffen, der dem modernen Ohr unmittelbar eingeht. —
Faßt man die neuen Erscheinungen in Harmonik, Rhythmik
und Stimmführung zusammen, so darf man wohl sagen: sie
bilden ein Ganzes und geben der in ihnen lebenden und
atmenden Musik einen bestimmten neuen Charakter. Und so
ist denn auch ihre Wirkung auf das Seelenleben der Zeit wie
auf die Entwicklung der Musik klar und einheitlich gewesen.
Zunächst besteht kein Zweifel darüber, daß das Ohr und
die übrigen Aufnahmestellen des modernen Menschen für musi—
kalische Eindrücke ungleich empfindlicher geworden sind. Man
hat es gelernt, Schallwellen bewußt aufzunehmen und als schön
zu empfinden, die bis dahin in musikalischer Kombination über—
haupt nicht leicht zusammentrafen oder aber weder harmonisch noch
rhythmisch als schön empfunden, ja überhaupt nicht (wenn dies
— ———
Und diese Erweiterung des ästhetischen Empfindungsvermögens
ist vornehmlich nach der Richtung hin eingetreten, daß eine bisher
unbekannte Feinheit der Nüancierung erreicht ward, die es nun
gestattete, auch bis dahin unerhörte, noch in der Tiefe der
Seele schlummernde, noch nie ins musikalische Bewußtsein ge—
hobene Feinheiten der Empfindung durch Töne auszudrücken.
Gewiß waren das Errungenschaften, die, wie alle psychischen
Fortschritte, zunächst nur in kleinen, geistig und künstlerisch
führenden Kreisen auftraten: hier ward in ewiger Wechsel—⸗
wirkung des schöpferischen Zeugens und Empfangens, der immer
stärker differenzierten Empfindung und des technischen Versuches
das Neue geschaffen — freilich im Sinne eines gesetzmäßigen
Fortschreitens innerhalb der Entwicklungsbahn, die dem ge—
schichtlichen Verlauf menschlicher Gesellschaften durch das Wesen
der menschlichen Seele vorgezeichnet ist. Aber, wie Kant ge—
meint hat, die Musik ist eine aufdringliche Kunst. Und sie ist die
        <pb n="56" />
        Tonkunst.

31

bevorzugte Kunst der demokratischen Zeit, die sich seit Mitte des
18. Jahrhunderts vorbereitete. So drangen denn die Neuerungen
rasch ins „Volk“ und trafen dort auf nicht völlig vorbereitete
Ohren. War das nun der Grund, warum die neue Kunst, wie man
in der Umgangssprache zu sagen pflegt, „auf die Nerven fiel“?

Alle Kunst will fesseln und erregt darum Spannungs—
gefühle. Aber fallen Spannungsgefühle immer alsbald in
gleichsam voller Nacktheit „auf die Nerven“? Die ältere Kunst
richtete sich mit ihren Spannungsgefühlen im allgemeinen an
die oberen Empfindungen, an das Gemüt, an die Gefühle, an
die seelischen Gesamthaltungen, die auf Grund zahlreicher Einzel—
affektionen der Nerven durch gedächtnismäßige Zusammenfassung
und Umgestaltung dieser Affektionen gebildet werden. Sie
grub also in der Seele bloß bis ins Stockwerk der Gefühle
herunter; die darunter liegende mehr primäre, nervöse Schicht
erreichte sie nicht oder doch nicht unmittelbar.

War das nun die Art auch der neuen Musik? Die Musik
wirkt erfahrungsmäßig mehr als irgend eine andere Kunst auf
die Nerven; sie geht gleichsam sinnlich in die Nervenbahnen ein.
Warum das so ist, ist hier nicht zu untersuchen; die Thatsache
besteht. Und sie steht fest auch schon unter normalen Verhält—
nissen, d. h. dann, wenn das Tonempfinden bei schaffendem
und genießendem Teil im allgemeinen das gleiche ist. In
unserem Falle aber galt das gerade Gegenteil. Nicht bloß
durch gelegentliche unerwartete musikalische Wendungen, nein,
ganz ausgesprochen systematifch, in jedem Moment der gerade
ihr eigenen Harmonisierung, Stimmführung, Rhythmik wollte
die neue Musik auf die Nerven wirken. Dissonanz und immer
wieder Dissonanz, so klagte man.

Nun haben verwandte Inkonvenienzen natürlich bei jedem
Übergang von einer Periode zur anderen bestanden: die
führenden Empfinder waren weiter, als die geführten, empfangen—
den Hörer. Aber diesmal griff der Unterschied doch wohl be—
sonders tief, wurde jedenfalls — was schließlich dasselbe
ist — besonders scharf empfunden. Der Grund hierfür ist wohl
darin zu suchen, daß, wie schon angedeutet, die Erregung von
        <pb n="57" />
        32

Tonkunst.
Spannungsgefühlen diesmal nicht erst auf der höheren Stufe
des spezifischen musikalischen Stimmungsgehaltes eintrat, sondern
durchaus schon in dem Tonmaterial selbst, den Bausteinen gleich⸗
sam des musikalischen Gebäudes beschlossen lag. Denn gewiß ist
es etwas anderes, ob ich Dissonanzen — und ihre Folge: Span—
nungsgefühle — grundsätzlich und ständig schon in der Struktur,
dem Korper der Musik empfinde, oder ob ich, bei Durchbildung
dieser Struktur ohne Einschluß von Spannungserregung, Disso⸗
nanzen nur dann fühle, wenn einer besonders disharmonischen
Stimmung gelegentlich Ausdruck gegeben werden soll. Im
letzteren Falle wird es zu einer vorübergehenden, im ersteren
zu einer ständigen Bildung von Spannungsgefühlen kommen.
Eben das letztere war nun in der neuen Kunst der Fall; es
schien, als sollte sich der Strom eines neuen Tonsystems er⸗
gießen, zu dessen künstlerischem Durchleben es viel feinerer
Nerven — und an erster Stelle der Nerven überhaupt —
bedürfe; und jedenfalls wurden die äußersten Gebiete des be—
stehenden Tonsystems mit einem nie rastenden Mute extremen
technischen Versuchens abgesucht.
Trotz alledem ist das speziell musikalische Publikum, ja in
einigen Richtungen auch schon die größte Offentlichkeit der
neuen Kunst gefolgt. Heute steht es fest: es ist eine erhöhte Auf—⸗
nahmefähigkeit der Nerven für musikalische Eindrücke nach ihrer
Abschattierung wie nach ihrem Zusammenklang und ihrer Auf⸗
einanderfolge gewonnen, das Feld der zur Vorstellung ge⸗
langenden Nervenreize ist also nach Seiten hin erweitert, die
bis dahin unangebaut lagen: tausend neue Empfindungs⸗
nüancen vor allem, und namentlich wieder Nuancen im Gebiet
des Schwebend⸗Atherischen, Geheimnisvollen, Ahnungsreichen,
Nervös⸗Schmerzlichen sind uns zugänglich geworden. Hier liegen
die Haupttrümpfe der neuen Kunst.
Indem nun aber von vornherein, und wie sich zeigte, mit
Recht mit einer erhöhten musikalischen Reizbarkeit und Auf⸗
nahmefähigkeit auch der Hörenden gerechnet wurde, veränderten
sich zugleich die Grenzen der musikalischen Formen, innerhalb
        <pb n="58" />
        Tonkunst.
33
deren man in der alten Kunst noch Empfänglichkeit haätte er—⸗
warten können.

So war es z. B. jetzt, bei gesteigertem Sinn für die
Chromatik und damit auch für deren Gegenteil, die Diatonik,
möglich, trotz größter Mannigfaltigkeit des harmonischen Lebens
den tonalen Grundcharakter weit entschiedener als bisher zum
Ausdruck ausgedehnter musikalischer Kunstwerke zu machen. Denn
weit entfernt davon, daß das moderne Ohr sich durch fort—
währende Häufung chromatischer Momente in der Aufnahme
und dem Festhalten des tonalen Grundcharakters stören ließ,
faßte es vielmehr, eben infolge des Reizes der chromatischen
Gegenwirkungen, diesen Charakter um so entschiedener ins
Auge, erhielt es sich um so mehr seine einheitlichere Stimmung.
Und so brauchte der Künstler nicht zu fürchten, daß der Hörer
den Faden der Tonalität verliere, auch wenn er diesen durch
Werke von früher nicht gekannter Ausdehnung hin einheitlich
und energisch festhielt. So ist das z. B. in Wagners „Parsifal“
geschehen; mit weit mehr Recht führt er die Angabe in As—
Dur, als manche Symphonie der älteren Zeit die Bezeichnung
ihrer besonderen Tonart. Entsprechende Erscheinungen traten auch
in Stimmführung und Rhythmik auf. Die moderne Musik hat es
z. B. durch rastlose Modulationen infolge veränderter Harmonik
zu bisher fast unerhört langen und dennoch unaufhaltsam
wirkenden Steigerungen (von 30, 40 und mehr Takten) ge—
bracht und verfügt dadurch schon auf dem Wege der Stimm—
führung über ganz neue Mittel, große Tonwerke aufs ent—
schiedenste zu binden und zu vereinheitlichen. Und durch die
zahlreichen Abweichungen zwischen Takt und Rhythmus ist auch
das rhythmische Gefühl so gestärkt, daß es trotz aller rhyth—
mischen Dissonanzen oder vielmehr eben wegen dieser einen be—
stimmten Rhythmus auch dann noch klar festhält (nicht „aus
dem Takt kommt“), wenn er sich über ein besonders langes
Werk erstreckt. Auch hier bietet wieder die Musik Wagners
hervorragende Beispiele; so hinterläßt z. B. der „Lohengrin“
noch tagelang nach der Aufführung, ähnlich etwa einer bewegten
Seefahrt, die Empfindung eines bestimmten Rhythmus.

Lamprecht, Deutsche Geschichte. Erster Ergünzungsband. 3
        <pb n="59" />
        34

Tonkunst.
Da versteht es sich denn von selbst, daß diese neuen pfy⸗
hischen Voraussetzungen für das Schaffen und bald auch das
Hören von Musik alle Formen des bisherigen musikalischen
Kunstwerks auf die Dauer sprengen mußten. Ganz andere
Langatmigkeit und ganz andere innere Geschlossenheit, als bis—
her: das wurde die unumgängliche Losung der neuen Musik.

Wie konnte da also die alte musikalische Architektur mit
ihrer breiten malerischen Lagerung, mit ihren Ausbauten und
Annexen, die Symphonie und Sonate mit ihren Teilen von oft
so verschiedenartigem Empfindungscharakter, und wie gar die Oper
mit ihren Arien, Ritornellen, Duetten, Terzetten, Chören be⸗
stehen bleiben? Alle diese Formen mit ihren starken Ein⸗
schnitten, mit ihrem Lückenmäßigen waren für die neue Musik
im Grunde unbrauchbar — am meisten freilich die Oper: hier
hat schon Gluck die Unmöglichkeit des Fortlebens in den alten
Formen gefühlt. Wie also in der Architektur ein Bauten—
komplex von heiter hingelagertem malerischem Auseinander, der
Hofbau etwa eines deutschen Bauern mit Wohnhaus und Scheuer
und Stallgebäuden und Koben beim Übergang zur städtischen
Kultur dem einen großen, alles umfassenden Bürgerhause mit
——— hatte weichen müssen, so

schwanden jetzt die malerisch-architektonischen Formen der alten
Musik noch des klassischen Zeitalters vor neueren, umfang⸗
reicheren, einheitlicher und kompakter organisierten Gebilden.
Diese neuen Gebilde aber vermochten am leichtesten da
gewonnen zu werden, wo nicht bloß unbestimmte Gefühle das
Gerüst der musikalischen Stimmung abgaben, sondern unzwei—
deutige Mittel der Sprache die Stimmung entschieden und
klar zum Ausdruck brachten: also in der von Texten begleiteten
Musik: im Lied, im Oratorium, in der Oper. Und so geschah
es. Das Lied wurde schon in der zweiten Hälfte des 18. Jahr⸗
hunderts der Träger der jungen Anfänge der neuen Kunst; die
Oper sah sich seit Gluck auf denselben Pfad gedrängt und
schlug ihn erfolgreich ein seit Wagner; und das Oratorium ist,
wenn auch noch tastend, des gleichen Weges gegangen seit Liszt.
Und die Instrumentalmusik? Hat sie die großen eurhyth—⸗
        <pb n="60" />
        Tonkunst.
F
misch-architektonischen Formen der klassischen Zeit schon ver—
lassen? In vielen kleineren Gattungen noch nicht, wenngleich
die Zahl der freieren Bildungen auch hier schon die der alten,
gebundenen überragt. In den großen Gattungen dagegen ist
das Streben nach einer neuen Eurhythmie im Sinne der Ver—
einheitlichung und organischen Durchführung einer bestimmten
Stimmung ganz unverkennbar. Weit geht es zurück; schon
Beethovens „Sonata quasi una fantasia“ kann in diesem Zu—
sammenhang genannt werden. Und bereits um die Mitte des
19. Jahrhunderts hat es in Deutschland zu den Keimen einer
neuen Form, der der symphonischen Dichtung, geführt; Liszts
violleicht erstes hierhergehöriges völlig klares Werk, die Musik—
dichtung nach V. Hugos ‚Ce qu'on entend sur la montagne“
ist 1849 vollendet, 18834 auf einem Hofkonzerte zu Weimar
zuerst gespielt, 1857 veröffentlicht worden.
        <pb n="61" />
        IV.
Doch die Darstellung gerät unwillkürlich in die Erzählung
der neuesten Musikgeschichte. Nicht ohne Grund. Denn nach
allem, was in dem vorigen Abschnitt ausgeführt wurde, ist es
klar: seit etwa Mitte des 19. Jahrhunderts befinden wir uns
thatsächlich in einer neuen Periode der Musik, zu welcher die
romantische Musik und die klassische Musik, soweit diese vor⸗
wärts weist, ebenso Vorperioden bilden, wie die Zeiten der
Empfindsamkeit mit folgendem Sturm und Drang und die
Jahrzehnte der Romantik Vorperioden sind zu dem Zeitalter
der heutigen Reizsamkeit in bildender Kunst und Dichtung.
Umschlossen aber ist dies Paar von je drei Perioden gleich⸗
mäßig von dem großen, sie alle beherrschenden Moment des
subjektivistischen Seelenlebens; oder anders ausgedrückt: das
Zeitalter des Subjektivismus, die sogenannte „neueste Zeit“,
die in Deutschland um 1750 einsetzt, um die „neuere Zeit“, das
individualistische Zeitalter seit der Reformation abzulösen, zeigt
zunächst die Entwicklungsphasen der Empfindsamkeit der
Romantik und der Reizsamkeit (Nervosität), und diese werden
auf musikalischem Gebiete durch die Musik der Klassiker, soweit
sie vorwärts weist. der Romantiker und der „Neuen“ gekenn—
zeichnet.

Der Neuen, nicht bloß Wagners. Denn es ist ein
Irrtum, wenn man die neue Musik, wie sie bei Wagner in
dessen zweiter Perivde (also nach 1850) einsetzt, schlechthin als
—D
den thatsächlichen Verlauf der neuen Kunst wird vielmehr zeigen.
        <pb n="62" />
        Tonkunst.

37
daß Wagner nur eine persönliche Stellung innerhalb dieser
generell neuen Kunst hat, an deren Durchbildung auch andere
außer ihm den regsten Anteil genommen haben und nehmen:
eine persönliche Stellung freilich, die infolge ganz besonderer
Umstände kulturgeschichtlich als überlegen erscheinen muß.

Der unmittelbarste Ausgangspunkt für die neue Musik ist
in den späteren Werken Beethovens gegeben. Hier hat Liszt
am meisten innerlich angeknüpft; hier vor allem begeisterte sich
der Herold der neuen Musik vor dem großen Publikum, Hans
von Bülow; und was Wagner betrifft, so hat er die neunte Sym⸗
phonie schon mit zwanzig Jahren auswendig gewußt, und man
kennt seine niemals verleugnete überschwängliche Verehrung für
sie und ihren Schöpfer.

Der erste Begründer und der Hauptkämpfer zugleich der
neuen Kunst aber war Liszt (1811 -1886). Was tiefste Schöpfer⸗
kraft angeht, hat man ihn zu Wagner wohl gar in das Ver—
hältnis gestellt, in dem man Goethe zu Schiller zu sehen pflegt.
Sicher ist, daß er außer der Anknüpfung an Beethoven und an
gewisse mehr äußerliche Reformen von Berlioz (Programmmusik
m Sinne eines einheitlichen Kunstwerkes, bestimmte orchestrale
Anderungen) eigentlich keinen Vorgänger hatte, als er, zum Teil
lange vor Wagner, in seiner Klaviermusik die unbekannten
Pfade der neuen Musik betrat und in den frühesten seiner
symphonischen Dichtungen ihre erste große instrumentale Form
noch vor der Mitte des Jahrhunderts zu offenbaren begann:
„Tasso“ ist 1849 in Weimar zur Jahrhundertfeier der Geburt
Goethes aufgeführt worden. Und was ist Liszt Wagner als Freund,
Berater, unermüdlicher Helfer und Prediger seiner Kunst gewesen!
Wird trotzdem die Bedeutung Liszts erst in neuerer Zeit mehr
gewürdigt, so hängt das mit dem besonderen Charakter seiner
Werke zusammen. In Betracht könnten da an erster Stelle
jeine Lieder kommen. In ihnen ist der neue Stil bereits völlig
ausgeprägt: der reine Fluß der Melodie ist aufgehoben; zu
Gunsten einer größeren subjektiven Ausdrucksfähigkeit ist das
melodische Gefüge gelockert; durch ganz kurze, einen oder wenige
Takte umfassende Tonglieder ist eine Anpassung an die feinsten
        <pb n="63" />
        38

Conkunst.
Schattierungen der Stimmung ermöglicht. Indes diese Lieder
sind erst spät zu den Ohren eines größeren Publikums ge—
drungen. Man muß hier bedenken, daß Liszt in Ungarn ge—⸗
boren und seinem Wesen nach international war; das Lied
aber verlangt einen nationalen Lebensquell der Gefühle. Neben
dem Liede war dann die zweite volkstümliche Form der neuen
Musik die Oper. Auch hier fehlen Leistungen Liszts. Blieb
als dritte Möglichkeit, rasch und weit zugleich zu wirken, die
Klaviermusik übrig. Da hat Liszt viel geschaffen, aber seine
Klavierstücke sind meist schwer zu spielen.

Im Grunde war daher das Einflußgebiet Liszts begrenzt auf
das große Orchester- und das Chorwerk: in der neuen Kunst also
auf die symphonische Dichtung und das Oratorium. Auf diesen
Gebieten hat nun Liszt auch Großes geschaffen. Doch im Ora—
torium galt immer noch, ja soeben noch durch die Auffassung
Mendelssohns doppelt fest und scheinbar für immer begründet,
der kirchliche Charakter; und so sehr ihm Liszt in seinem
Christus“ und der „Heiligen Elisabeth“ gerecht ward, so war
doch das Gebiet infolge der herrschenden Ansicht ein begrenztes.
Liszts symphonische Dichtungen aber, „Tasso“ und „Hunnen⸗
schlacht“, „Die Ideale“, „Orpheus“ und „Prometheus“, vor
allem die „Faustsymphonie“ und die „Dantesymphonie“, hatten
in Wettbewerb zu treten mit der wunderbar reichen sympho—
aischen Erbschaft der klassischen Zeit und trafen fast überall
auf fest eingeschworene Bewunderer dieser.

So hat Liszt das Schicksal so vieler Großen geteilt; er wird
erst Generationen nach seinem Tode, und auch dann vielleicht
mehr in dem bewundernden geschichtlichen Verständnis der Zeit—
zenossen, als in seinen Werken leben.

Im übrigen ist es gut, sich diesen Zusammenhang zu ver—⸗
gegenwärtigen; erst an der Kehrseite der Erfolge Liszts bei
Lebzeiten läßt sich ermessen, welch ungemeine agitatorische Kraft
Wagner beseelt hat. Daß aber unter solchen Umständen stille
Kleinere der ersten Generation der neuen Kunst während ihres
Lebens nicht recht zu Worte gekommen sind, ist eigentlich selbst—
berständlich. Das war im ganzen das Los von Peter Cornelius
        <pb n="64" />
        Tonkunst.

39
(18242 1874). Und das war es, obwohl Cornelius, Musiker
und Dichter zugleich, gerade auf dem populärsten Gebiete der
neuen Kunst, im Liede, Wunderbares geschaffen hat. Jetzt
freilich erkennt man seine große und wahre Empfindung an
und beginnt seine Weihnachtslieder, seine Chorgesänge, seine
Trauerchöre für Männerstimmen häufiger zu singen; und seine
beste, beim Erscheinen auf der Bühne zuerst arg zerzauste Oper
„Der Barbier von Bagdad“ (1859) gewinnt eben in diesen
Tagen von Theater zu Theater an Boden.

Da hatte es denn die zweite Generation der neuen Kunst doch
schon um vieles besser. Hugo Wolf hat seit Ende der achtziger
Jahre unter früher Anerkennung durch die Zeitgenossen Lieder—
cyklus auf Liedercyklus geschaffen, bis ihn ein schweres Los
vom Erfolge hinwegrief; Richard Strauß, seit Mitte der
achtziger Jahre anerkannt, hat in symphonischen Dichtungen die
Technik der neuen Musik mit außerordentlichem Scharfsinn be—
reichert, wennschon seine von ihm besonders geliebte Oper
Guntram“ (1894), vornehmlich auch wegen technischer Schwierig—
keiten, bisher nicht hat Fuß fassen wollen.

Eine gesonderte Stellung endlich unter den großen deutschen
Meistern des 19. Jahrhunderts nimmt Brahms (1833-1897)
ein; und schwer ist es in der That, seine geschichtliche Stellung
schon mit dem Anspruch auf auch nur eine Spur von End—
zültigkeit zu umschreiben. Sicherlich ist er keiner der im
strengen Sinne modernen musikalischen Entwicklungsrichtungen
einzuordnen. Aus geht er vor allem von Beethoven. Daneben
finden sich in seiner Musik romantische Elemente im engeren
Sinne des Wortes: Brahms ist von Schumann in das musi⸗
kalische Leben eingeführt worden um die Mitte der fünfziger
Jahre, zu eben der Zeit, da Wagner in die zweite Periode
seiner Kunst eintrat. Endlich enthalten seine Werke zweifelsohne
eine Unsumme von Spuren der neuen Kunst. Aber er baut
im allgemeinen doch noch nach der Architektonik der klassischen
Musik; wie Schumann und Mendelssohn hat er noch alte vier—
sätzige Symphonien geschrieben, wenn er auch schon durch Groß—
zügigkeit und reichere Einheit des Ganzen selbst Beethoven
        <pb n="65" />
        10

Tonkunst.

übertrifft. Und grundsätzlich neigt er nicht zur Weiterbildung
der musikalischen Formen. Dennoch kann Brahms im weiteren
Sinne den Modernen zugerechnet werden. Er hat die neuen,
in der Ausbildung des Motivwesens höchster Einheitlichkeit
zustrebenden Formen zwar ebensowenig angewandt, wie er sich
der grell realistischen, nervenerschütternden instrumentalen Effekte
bediente, — wie ihn denn überhaupt eine innere Scheu abhielt,
sich in die Abgründe des modernen reizsamen Empfindungs—
lebens zu stürzen. Aber er ist doch von diesem Leben nicht
unberührt geblieben. In tausend Obertönen beben die
Schwingungen der Seele einer reizsamen Zeit auch in seiner
Seele und in seiner Musik mit. Dies reizsame Wesen tritt
uns entgegen in den vielen Rhythmen, die gegen das Metrum
gehen, in den unzähligen grüblerischen Harmonien und in ge—
wissen klanglichen Kombinationen, so im Gegenspiel höchster
Diskante mit tiefsten Bässen. Und wo Brahms in der alten
Diatonik schreibt, da klingt auch sie herb, wie bei den Modernsten,
und nicht mit der ihr in früheren Zeiten eigenen psychischen
Wirkung. So hat Brahms in heißem Erleben den alten
Stimmungsgehalt mit vielfach schon modernen Mitteln noch
einmal in außerordentlicher Weise vertieft. Es ist eine ganz
persönliche Art, eine in ihrer Weise einzige Vereinigung über—
lieferter und werdender Momente. Es ist eine Stellung, die
sich entwicklungsgeschichtlich mit der Bachs in einem anderen
UÜbergang von Zeitalter zu Zeitalter vergleichen ließe. Wie
es über Bach hinaus einen Fortschritt in seinem Stile nicht
gab, so wird ein Gleiches von Brahms gellen dürfen: als ein
nomo sui genoris wird er fortleben im Gedächtnis der Geschichte.

Oder sollte er sich den Übergangsidealisten vergleichen
lassen, die wir auf dem Gebiete der Malerei finden werden,
einem Böcklin, Thoma, Klinger? wäre Klinger nicht bloß zu—
fällig einer der feurigsten Verehrer des Meisters? Was dem
Musiker und den Malern gemeinsam erscheint, ist die Ver—
schmelzung von alt und neu im Feuer einer höchst persönlichen
Einbildungskraft.

Indes — uns interessiert hier nicht eigentlich der weitere Ver—
        <pb n="66" />
        Tonkunst.

24

lauf der neuen Musik, sowie ihre jüngste Umgestaltung in eine
sogenannte musikalische „Moderne“; wir könnten da ebensogut
Betrachtungen über die musikalische Zukunft anstellen: inwieweit
etwa noch das Oratorium umzuschaffen sei und dann die großen
Orchesterwerke befruchten könne, — ob sich die Kammermusik, eine
Musikform in der Weise der Malerei Meissoniers, von großer Fein—
—D
auch eine Belebung durch Umbildung ihrer Formen erfahren
werde u. s. w. Dergleichen Fragen könnte man aufwerfen; und
wie man sie auch beantworten möchte, man würde aus ihrer Be—
handlung immerhin wertvolle Anregungen auch für die Kenntnis
der Vergangenheit gewinnen. Wir indes ziehen den direkten Weg
historischer Behandlung weiter, und da fesselt uns entwicklungs—
geschichtlich nur die „Urzeit“ der neuen Musik, die neue Musik
als erste große künstlerische Erscheinungsform eines neuen
Seelenlebens, des Seelenlebens der Gegenwart, der Periode
der Reizsamkeit. Auf diesem Gebiete aber ist nur noch eine,
freilich wichtige Frage zu behandeln: die nach der Stellung
Wagners in dem allgemeinen soeben geschilderten Entwicklungs
gang. Denn was man auch sagen möge: Wagner ist die
repräsentative Persönlichkeit dieser Bewegung und, wie wir
hald sehen werden, er ist noch mehr: er ist die repräsentative
Persönlichkeit der Anfänge der reizsamen Periode überhaupt.

Da versteht es sich nun zunächst von selbst, daß jene früh von
ihm geübte dichterische Art der Behandlung der dramatischen
Probleme, die von vornherein — und zwar nicht zum geringsten
von musikalischen Anregungen aus — auf innerstes Erfassen der
seelischen Vorgänge hinwies, den Meister ohne weiteres der
neuen Kunst zuführen mußte. Wenn Wagner aus dem tiefsten
Drange seiner Phantasie Texte schuf ohne novellenhafte Elemente,
ohne Intriguen, ohne anekdotische Beigaben; wenn er die Be—
gebenheiten unmittelbar dem Born des menschlichen Herzens
entströmen ließ; wenn er große Charaktere immer mehr von
einfachsten Voraussetzungen aus zur Handlung brachte und zur
Schuld: wie mußte er da schöpferischen Anteil nehmen an einer
Musik, deren erstrebles Ideal Großzügigkeit, einfaches Wesen,
        <pb n="67" />
        2

Tonkunst.
Gedrungenheit und klarer Verlauf war? Hier treten die Zu—
sammenhänge zwischen der Kunst Wagners und den allgemeinen
zeitgenössischen Fortschritten des musischen Sinnes zu Tage;
Wagners Oper ward darum zum Musikdrama einer ihm immer
enthusiastischer zufallenden Zeit, weil es vom dramaturgischen
Standpunkt her dem seelischen Drängen der musikalischen Ent—
wicklung entgegenkam, ja vorauseilte. In diesem Zusammentreffen
beruht zunächst die technische Einheit des musikalischen Dramas:
es konnte bei vereinfachter Behandlung der Fabel ein volles
Kunstwerk sein, weil es symphonische Dichtung werden konnte.

Symphonische Dichtung: — die Worte bezeichnen das musi—

kalische Wesen des Wagnerschen Kunstwerkes. Nicht als ob
das Drama ganz zur Musik im Sinne der symphonischen
Dichtung geworden wäre. Aber die Annäherung, und damit
das schöpferische Eingreifen Wagners in die Entwicklung der
neuen Musik, war beträchtlich. Er gestaltete vor allem, dem
greifbareren Charakter der dramatischen Dichtung gemäß, die
Themen und Gegenthemen des symphonischen Kunstwerks fester
aus, indem er nur eine begrenzte Anzahl immer wiederholter
Motive zuließ, die zugleich die einzelnen Personen des Dramas
und ihr Auftreten charakterisierten. So entstanden — nicht
ohne Voranfänge bei Weber und auch Meyerbeer — die be—
kannten Leitmotive, Auslösungen der höchsten, den ganzen
Empfindungskreis des dramatischen Vorwurfs umfassenden und
abschließenden Begeisterung: zugeflüstert seien sie ihm von
den Gestalten einer bereits bis zur höchsten Lebhaftigkeit ge—
reiften künstlerischen Empfängnis, behauptete der Meister.
—
schlag in den Zettel der musikalischen Begleitung. Und dadurch
entsteht jenes symphonische Gewebe, auf dessen breitem Plan
die Gestalten des Dramas leben, leiden und handeln.

Gewiß ist damit die Musik nicht mehr rein symphonische
Dichtung. Denn neben den Ton tritt immer wieder gleich—
berechtigt das Wort, und beide ergänzen sich. Wie der Rhyth—
mus des Versbaus, die Art des Reims und der Allitteration,
die Häufung dunkler und heller Vokale den dichterischen
        <pb n="68" />
        Tonkunst.
48
Gehalt der emporquellenden Gefühle bezeichnet und mit deren
Wandel in linden und schroffen Wirkungen wechselt, — so
schmiegt sich im Aufgehen in die Gefühle das musikalische Ge—
webe des Orchesters und der Singstimmen doch auch dem
dichterisch erforderten dramatischen Ausdruck an als ein Ganzes
mit der Sprache und erhält dadurch — genau wie die Sprache
als Unterlage nur der Dichtung angesehen gelegentlich un—
gleichmäßig, ja zerhackt erscheint — etwas für sich betrachtet
Springendes, Nervöses, Abbrechendes im Vergleich mit der
rein symphonischen Schöpfung. Aber gerade in diesen Mängeln
der Sprache und der Musik, wenn man jede für sich nimmt, zeigt
sich die Einheit des ganzen Kunstwerks und seiner Empfängnis.

Auf dem Gebiete der Musik allein aber war die Wirkung
des Gesamtkunstwerks doch groß genug, um Wagner ahnungs—
voll schon in seiner ersten, klar und deutlich in seiner zweiten
Periode der Entwicklung der neuen Kunst zuzudrängen. Wie
stark dabei Einfluß und direktes Einwirken Liszts war, — wer
will es heuteschon ganz ermessen? Sicher ist, daß Wagner die neue
Technik in vieler Hinsicht doch auch selbständig und auf Grund
eigenster Funde geübt hat: er hat, ein Zeichen des wahren Er—
finders, persönlichen Stil und unverkennbare Eigenart. So hat
Mayrberger darauf hingewiesen, daß Wagner, um bei langen
Sätzen oder Motiven dem Hörer das Bewußtsein der Tonalität
zu erhalten, ein für ihn besonders charakteristisches Mittel an—
wendet, das etwa der rhetorischen Ellipse entspricht. Wie es
nämlich in der Rede möglich ist, in bewegtem Gefühl oder in
aufgeregter Leidenschaft, zuweilen auch der Kürze und Zierlichkeit
halber, ein Wort oder mehrere Wörter auszulassen, um durch
deren dem Hörer zugemutete selbstthätige Ergänzung die
Wirkung zu erhöhen, so löst Wagner häufig die Dissonanzen
der Chromatik nicht stufenweise in eine Konsonanz auf, sondern
verschweigt die Auflösung und hält eben dadurch, daß er sie
dem Hörer zuweist, die diatonische Grundlage aufrecht. Es ist
eins unter vielen Mitteln Wagners, der neuen Musik gerade
den Charakter zu geben, dessen er für sein Drama bedurfte:
wird die Forschung einmal alle diese Mittel systematisch ans
        <pb n="69" />
        Tonkunst.

Licht gezogen haben, so werden wir imstande sein, ein gutes
Teil des Wagner persönlich eignenden Stils zu überblicken.
Daß im übrigen der Meister alle Künste der neuen Technik
und namentlich der Chromatik virtuos handhabte, ist bekannt
genug; auch der Aufnahme alter musikalischer Technik zur Ver—
stärkung des Gegensatzes war er hold; man braucht da noch
gar nicht an die „Meistersinger“ oder die zahlreichen Monodien
seiner Dramen im Sinne des späteren Mittelalters zu denken:
im „Parsifal“ wird das ganze Gralsmotiv und das Glaubens—
thema im Sinne der älteren Kunst diatonisch gehalten, um hier
überirdische Segenskraft, dort Festigkeit und Unerschütterlichkeit
des Glaubens zu versinnbildlichen; Kundrys unstete Seele da—
gegen, Herzeleidens mütterliche Angst und Amfortas' Qual
werden in wesentlich chromatischen Motiven verkörpert.

Will man heute, wo kaum schon die Anfänge einer tieferen
Durchforschung der neuen Musik vorhanden sind, sich, freilich
ein wenig grob, vergegenwärtigen, inwieweit Wagner Meister
und Mitbegründer der neuen Musik genannt werden kann, so
gedenkt man wohl am besten seines außerordentlichen Einflusses
auf die musikalische Durchbildung und Verstärkung des Orchesters
und auf die Begründung einer neuen Weise zu singen. In
beiden Hinsichten sind die Anderungen bekannt, die er mit nie
rastender Energie durchsetzte. Schon gelegentlich seines langen
ersten Pariser Aufenthalts hatte er jene Genauigkeit und Fein—
heit der Franzosen in der Aufführung von Werken der redenden
und der musischen Künste bewundern gelernt, die noch heute
die deutsche bei weitem übertrifft. Nach Deutschland zurück—
gekehrt, hatte er dann an die deutschen Orchester französische An—
forderungen gestellt: Unerbittlichkeit in dieser Hinsicht war eine
der Ursachen seines Dresdner Unglücks. Und als er dann an
die Aufführung seiner eigenen Werke der zweiten Periode heran—
ging, verschärfte er diese Sorgfalt noch und erzog so jene
Orchester und erzielte jene Darbietungen, die jeder Dynamik
und Zeitschwankung gerecht wurden. Und wie war inzwischen
von ihm auch das Orchester selbst in seiner Zusammensetzung
herändert worden! Aufgaben einer neuen Dynamik und Er—
        <pb n="70" />
        Tonkunst.
45
findungen neuer Klangwirkung bedurften neuer Instrumente und
zahlreicherer Instrumente schon bekannter Gattung: so wurden
neben den Streichinstrumenten namentlich die Blasinstrumente
verstärkt; schon im „Lohengrin“ tritt Elsa fast ausschließlich
von Blasinstrumenten gefolgt auf, und König Heinrich wird
von Posaunen und Trompeten begleitet. Wer aber wüßte
nicht von den Änderungen, welche die Kunst Wagners im Ge—
sang hervorgerufen hat: der bel canto verschwand, die musi—
kalische Deklamation gewann das Feld, der spezifisch „deutsche
Stil“ des Gesanges, wie die Wagnerianer wohl sagen, kam
zur Entwicklung.

Wie sehr das alles in das praktische Dasein der Musik ein—
griff, zeigt die Thatsache, daß Wagner seit den sechziger Jahren
immer und immer wieder bestrebt war, eine eigene Schule der
ausführenden Musik zu begründen.

Und doch, wir werden es nicht verkennen, spiegelten sich
in den Veränderungen des Orchesters und des Gesangs nur
ungleich einschneidendere und tiefere Veränderungen des inneren
Wesens der Musik wieder, — trat hier nur besonders deutlich
das Werden einer neuen musischen Kunst zu Tage. Und diese
musische Kunst war nicht auf stille Wirkungen beschränkt; sie
suchte nicht bloß die Heimlichkeit der Kammermusik auf, und
auch die Hallen der Orchesteraufführungen genügten ihr nicht.
Sie war verschwistert mit der Dichtung und innig verschmolzen
mit der volkstümlichsten und füx das Zeitalter charakteristischsten
aller poetischen Gattungen, mit dem Drama: das Theater
suchte sie auf, ja schuf es um und sprach von der Bühne her
laut zu den lauschenden Massen. Und indem sie so zu einer
Macht der Zeit ward, förderte sie den neuen Geist der musischen
Bewegung gerade an der Stelle, an der er am ehesten durch—
zudringen vermochte: in der Wiedergabe der durch Worte be—
stimmt gekennzeichneten und doch auch orchestraler Wirkung
zustrebenden musischen Begeisterung, in der vokalen und zu—
gleich instrumentalen Kunst der Oper.

So ist denn das vor allem für Wagner das Charak—
teristische, daß er, mag er auch den Ruhm des Begründers der
        <pb n="71" />
        16

Tonkunst.

neuen Musik mit anderen teilen, doch lange Zeit hindurch
der einzige Meister war, der diese neue Musik der Nation
wirklich nahe brachte. Insofern war er in ganz anderer Weise
als selbst Liszt der Repräsentant seiner Zeit. Und was seine
Bedeutung in dieser Hinsicht noch erhöht: er war es nicht bloß
in musikalischer, er war es auch — wenn sich auf lockere und
noch halb undurchsichtige Strömungen so bestimmte Worte
anwenden lassen — in ethischer und philosophischer Hinsicht.
        <pb n="72" />
        F.
Noch heute gilt Wagner im Gespräche der Gebildeten ge—
legentlich als unselbständiger Anhänger, ja bloßer Schüler
Schopenhauers. Kein größerer Irrtum ist denkbar; Wagner
hatte die Grundfesten einer ganz anders gearteten Welt—
anschauung schon gewonnen, ehe er Schopenhauers Schriften
kennen lernte; und längst bereits ist das von den Wagnergelehrten,
unter den Biographen vor allem von Chamberlain, überzeugend
nachgewiesen worden.

Um 1850 war Wagner in den Fundamenten seines all⸗
gemeinen Denkens fertig. Gelegt hat er diese Fundamente in
der für ihn überwiegend traurigen Zeit zwischen etwa 1840
und 1850, in den dreißiger Jahren also seines Lebens.

Damals, als er von Riga hoffnungsfreudig nach jenem
Paris gekommen war, in dem er aus der Entfernung der
baltischen Provinzen her den Mittelpunkt und die Fleisch—
werdung aller Kunst zu verehren gelernt hatte, wurden, seit
1839, die eigentlichen Grundzüge seiner Weltanschauung ent
wickelt. Wie anders war doch dies Paris, als er es sich vor—
gestellt hatte! Käuflichkeit, unlauterer Sinn, Wettbewerb mit
allen Mitteln des Kapitalismus auf den idealen Gebieten der
Kunst überall, so schien es, wohin er sah, — und er selbst ge—
legentlich halb verhungert, auf Lohnarbeiten angewiesen, ver—
dammt zur Herstellung von Melodienarrangements nach Opern
von Halévy und Donizetti! Das sollte der Welten beste
sein? Nimmermehr. Die Kultur, wie sie bestand, war das
Verderbnis der Welt. Ein tiefer Pessimismus erfüllte den
        <pb n="73" />
        8

Tonkunst.
Meister — ein Pessimismus, der durch die Dresdner Erfahrungen
gegen Ende der vierziger Jahre wohl noch verstärkt wurde.
Aber Wagner hätte nicht der schaffenskräftige Mensch sein
müssen, als den er sich jederzeit bewährt hat, wenn ihm nicht
schon früh der Trieb, zunächst nur dunkel empfunden, auf—
getaucht wäre, nun diese schlimme Welt zu bessern und damit
einen Ausblick wenigstens zu eröffnen auf eine andere Kultur,
eine schönere Zukunft. Der Instinkt des Regenerationsgedankens
regte sich. Bereits auf der Reise nach Paris hatte er den
„Fliegenden Holländer“ empfangen, in Paris bildete er ihn
durch: das Kunstwerk, in dem er den reinsten Pessimismus,
aber auch schon die Religion des Mitleids predigt. Was die
Beschäftigung mit diesem Stoffe für die Entfaltung seiner
Weltanschauung ausgetragen hat, das hat Wagner schon in
den fünfziger Jahren deutlich übersehen und anerkannt. Und
daneben kam ihm in Paris, zunächst wohl auf dem Wege der
Kontrastwirkung, sein deutscher Sinn erst recht zum Bewußtsein,
und auch dieser, gestärkt durch Beschäftigung mit der deutschen
Mythologie, bestärkte ihn zwar in seinem Pessimismus, hob
ihn aber zugleich empor zu der verschwommenen Hoffnung einer
großen, glänzenden Zukunft der Kultur seines Volkes: — nicht
in eine erträumte paradiesische Vergangenheit floh dieser Deutsche
vor dem Elend der Zeit, wie einst der Schweizer Romane
Rousseau: in die Zukunft streckte er sich wollend wünschend
in noch nebelhaften, doch wohlthätigen Phantasien. In Dresden
aber, noch vor 1848, verdichteten sich die Nebel zu bestimmten
Vorstellungen. Wagner sah eine Regeneration der Welt nur
möglich auf dem Wege der Kunst, — es war eine der ersten
klareren Vorahnungen der heute offen liegenden Thatsache, daß
das Zeitalter des sogenannten Realismus von etwa 1830 bis
1880, das Zeitalter einer naturwissenschaftlich und historisch
charakterisierten Aufklärung eines Tages abgelöst sein werde
durch eine neue Zeit mit der Kunst, der ästhetischen Seite der
Kultur, als Führerin an der Spitze. Und schon erschien
ihm als diejenige Gattung der Kunst, die den Umschwung
herbeiführen müsse, an erster Stelle die Dichtung und die
        <pb n="74" />
        CTonkunst.

—9

Musik, und insbesondere die Kunst des musikalischen Dramas.
Es waren Überzeugungen, die Wagner dann in der ersten Zeit
des Jahrzehntes seiner Verbannung (1849 - 1859), in der frucht⸗
baren Stille der Schweiz, noch mehr befestigt und auch schon
litterarisch zum Ausdruck gebracht hat.

Was diesen Ansichten aber noch fehlte, war das deutliche
Bewußtsein ihrer allgemeinsten und darum anscheinend sicheren
Begründung. Es war zunächst weiter nichts, als eine aus—
einanderstrebende, wenigstens nicht kernhaft verbundene Masse
möglichst verallgemeinerter persönlicher Erfahrungen; die Ein—
heit war nur in dem subjektiven Untergrund der Seele Wagners
gegeben. Wagner, der immer ganz persönlich gedacht und
empfunden hat, war sich dessen wohl bewußt, und eben darum
hatte er schon lange nach einem philosophischen Fundament
seines Denkens ausgeschaut. Er war dabei an Feuerbach ge—
raten, den Modephilosophen der Zeit, allein er hatte nicht ge—
funden, was er suchte. Da fiel ihm, 1834, das Buch Schopen—
hauers in die Hände, kam ihm, wie er alsbald an Liszt
schrieb, „wie ein Himmelsgeschenk in seine Einsamkeit“. In
der That: hier hatte der Drang des Künstlers eine rationale
Auslösung durch den kongenialen Denker gefunden; wenigstens
für die pessimistische Grundlage seiner Empfindung, nicht minder
für seine ethischen Ideale, die im weitesten Sinne christlich—
religiös und deshalb solche des Erbarmens waren, hat Wagner
in Schopenhauer seinen Meister verehrt. Und — wunderbarer
Zufall — auch in der besonderen Schätzung nicht bloß der
Kunst, sondern speziell auch der Musik begegneten sich wiederum
die beiden; von hier aus erklärt es sich, daß sich Wagner
durch Schopenhauer schließlich geradezu zu philosophischem
Denken angeregt sah; sein „Beethoven“ (1870) ist eine Art von
Ergänzung zu Schopenhauers Metaphysik der Musik.

Im übrigen aber blieb Wagner einem grundsätzlichen und
metaphysischen Pessimismus fern; nie ist ihm sein Pessimismus
etwas anderes, als eine zu überwindende Übergangsstufe gewesen,
und jenseits seiner schwarzen Schatten leuchteten ihm früh schon
die Verheißungsscheine der Regeneration. Und das je mehr, je

Lamprecht, Deutsche Geschichte. Erster Ergänzungsband,
        <pb n="75" />
        50

Tonkunst.

länger er lebte, und je sicherer er dem von ihm erschauten
Ideale der Kunst näher zu kommen glaubte. Darum tritt sein
Pessimismus am meisten hervor in den Werken der ersten Periode,
die vor der Bekanntschaft mit Schopenhauer liegen, vor allem im
„Fliegenden Holländer“; in der zweiten Periode dagegen hellt er
sich auf; aus dem Pessimismus von „Tristan und Isolde“ und
des „Nibelungenrings“ erheben sich die „Meistersinger“ zur Be—
jahung des Willens zum Leben, und im „Parsifal“ folgt auf die
Bejahung des Willens die That. Drei Jahre aber, bevor der
„Parsifal“ vollendet ward, am Abend seines Lebens (1880), er⸗
klärte der Meister: „Wir erkennen den Grund des Verfalles
der Menschheit, sowie die Notwendigkeit einer Regeneration der⸗
selben; wir glauben an die Möglichkeit dieser Regeneration
und widmen uns ihrer Durchführung in jedem Sinne.“

Worin bestand nun dieser Glaube, worin die Durchführung?
Es sind Fragen, die in den engen Zusammenhang, ja die Ein—
heit der Weltanschauung und der Kunst Wagners einführen,
und die zugleich, subjektiv, von der Seele des Meisters aus
betrachtet, die Entstehung des Musikdramas als eines Gesamt—
kunstwerks erklären.

Wagner sah in der bestehenden Kultur eine „Lügengeburt
der mißleiteten Menschheit“, ans Licht gebracht durch die wirt—
schaftliche Entwicklung zum Kapitalismus, durch den Verderb
der Rassen infolge von Vermischung mit unedlem, speziell
jüdischem Blut, und durch den Verderb des Blutes infolge
tierischer Nahrung. Psychisch und physisch war für ihn der
Mensch der modernen Civilisation entartet, und die Ordnung
dieser Civilisation erschien ihm als anarchisch, ihr Staat als
Notstaat, ihr Christentum, verglichen mit dem Geist des Evan—
geliums, als „abschreckend warnendes Beispiel“, ihre Gesell—
schaft als Organisation des Raubes und der Bedrückung. Und
zu diesem Bilde stellte er nun ein anderes Bild in Gegensatz, das
in seinem Herzen lebte — das Bild einer ihm keineswegs un⸗
erreichbar erscheinenden, glänzenden Zukunft. Da sah er in be—
sonders gehobenen Momenten wohl die Menschheit staatenlos
dahinleben und dennoch im sicheren Genuß der höchsten Kultur—
        <pb n="76" />
        Tonkunst.

51
güter: denn ihr Besitz schien ihm durch die Verwirklichung des
Ideals einer neuen Religion gewährleistet. Fand er doch, daß
der religiöse Zug des Lebens der weltbeherrschende sei, und hat er
doch als tiefstes Erlebnis seines „persönlichen Bedürfnisses“ aus—
gesprochen, daß „die Anerkennung einer moralischen Bedeutung
der Welt die Krone aller Erkenntnis“ sei.

Wie aber diese neue Zeit heraufführen? Da es sich um
die Wandlung und Erhöhung der Menschenseele handelte, so
schienen alle äußeren Machtmittel, etwa gar politische, zu ver—
sagen. Nur die Religion vermag nach Wagner das Wunder zu
wirken, — aber nicht die verdorbene Religion der bestehenden
Kirchen, sondern eine neue, höhere Form, die da werden soll. Das
Werden aber, die Geburt dieser neuen Religion kann sich nur
auf einem Wege vollziehen: dem der Kunst, denn diese allein
reicht an das Göttliche, und „das Kunstwerk ist die lebendig
dargestellte Religion“.

Die Form dieser Kunst muß dabei die denkbar höchste
——
Drama, sondern das Drama in seiner Vereinigung von
Wirkungen der bildenden, der redenden und der musischen
Kunst, das vollendete Drama, das Kunstwerk der Zukunft.
Genügt aber allein die Form? Nein, — auch der Gehalt muß
gesteigert werden: diese Form muß geeignet sein, das Höchste
und Tiefste, was der Menschengeist zu fassen imstande ist, in
sich zu bergen und auf die verständlichste Weise mitzuteilen.
Hier tritt die Forderung eines Inhaltes auf, der, rein mensch—
lich und eben dadurch göttlich zugleich, allem Zufälligen, allem
spezifisch Zeitlichen und Räumlichen entzogen ist und darum
dauernd wirkt und alle Herzen rührt, — jener Inhalt, der im
Drama zugleich als einzig möglicher erscheint, sobald die
Musik zu dem gesprochenen Worte hinzutritt und von ihm
abstreift, was aus dieser Zeitlichkeit gleichsam an ihm haftet
und es verunziert.

Erinnert man sich an dieser Stelle früherer Ausführungen
über Charakter und Entstehung der modernen Musik, so zeigt
sich, wie sich hier bei Wagner Weltanschauung und Kunst be—

4*
        <pb n="77" />
        z2

Tonkunst.
dingen, — wie einfachste Forderungen der technischen Fortbildung
der Musik, die auf Einheit und Größe des Kunstwerkes hin—
drängen, zugleich zusammenfallen mit den innersten Bedürf—
nissen eines künstlerischen Herzens; wie Reales und Ideales
ineinanderfließt: wie die Einheit des Gesamtkunstwerks ent—
steht, die Einheit des Kunstwerks der Zukunft.
        <pb n="78" />
        VI.
Der Historiker wird dem Dichter gern folgen, wenn er
ihm entzückende Fernsichten aufthut. Aber er wird sich, viel—
leicht nach einem gewissen Rausche, doch immer vorbehalten, die
Dinge auch von seinem Standpunkte aus zu betrachten. Und
da wird denn an die Stelle des verengten Horizonts künst—
lerischer Verzückung der weite Sehkreis geschichtlicher Erfahrung
treten müssen, sollen die Dinge nicht subjektid — und wo—
möglich in dem höchsten Grade der Subjektivität, der Ekstase —,
sondern vielmehr objektiv, in ihrem gehörigen Verhältnis
zu allem anderen erscheinen. Die Aussicht braucht deshalb
nicht weniger fesselnd zu sein; und im engeren Sinne lehr⸗
reicher als das schimmernde Ideal des Künstlers ist sie gewiß.

Hier bietet nun das Gesamtkunstwerk Richard Wagners,
vom geschichtlichen Standpunkte aus ins Auge gefaßt, Anlaß
zu Betrachtungen, die wesentlich zu sein scheinen zum
Verständnis der modernen Kunst und des modernen Seelenlebens
überhaupt.

Ist die Idee des Gesamtkunstwerks an bestimmte Zeitalter
der Entwicklung einer menschlichen Gesellschaft, insbesondere
eines Volkes, gebunden? — Das ist, etwas äußerlich gefaßt.
die wichtigste Frage, die hier auftaucht.

Man muß da zwischen zwei Arten von Gesamtkunstwerken
unterscheiden: dem Kunstwerk der schwesterlich näherstehenden
Künste, z. B. aller bildenden oder aller darstellenden Künste,
und dem Kunstwerk aller Künste schlechthin.

Da kann nun das Gesamtkunstwerk schwesterlich verwandter
        <pb n="79" />
        54

Conkunst.

Künste zu jeder Zeit auftreten. Gewiß unterliegt auch sein Dasein
jedesmal gewissen Bedingungen, aber diese Bedingungen sind
nicht solche tiefst sozialpsychischer Natur, nicht solche eines be—
stimmten Zeitalters. Nehmen wir z. B. die bildenden Künste,
so tritt bei diesen erfahrungsmäßig das Gesamtkunstwerk zu
Tage, sobald ein bestimmter Baustil kräftig entwickelt und im
Zusammenklang damit ein bestimmter Farbensinn eingebürgert
ist: mit anderen Worten dann, wenn für Umriß und farbige
Flächenfüllung beherrschende Motive gewonnen sind. Natür—
lich: denn durch was sonst sollen denn die bildenden Künste
beherrscht sein, wenn nicht durch Umriß und Flächenbehandlung,
durch den Stilcharakter also der beiden ersten Dimensionen, der
in seiner jeweiligen Besonderheit zugleich die Behandlung der
dritten Dimension einschließt? Solche Zeiten des Gesamt—
werks bildender Kunst sind alle Perioden ganz ausgesprochenen
Stils gewesen: der gotische Stil hat seine überhöhten Pro—
portionen auf die menschliche Gestalt und damit auf Plastik
und Malerei übertragen, die Renaissance hat wie die Gotik
das Kunstgewerbe in seine Architekturformen gebracht, das
Rokoko hat, wie Gotik und Renaissance, einen spezifischen —
in diesem Falle lichten — Ton gleichmäßig im Kunstbau, in
der Malerei und nicht minder auch in der Bildkunst verwendet.
Und stehen wir heute nicht an der Schwelle der Entfaltung
einer neuen bildenden Gesamtkunst? Und zeigt sich nicht schon,
daß sich zu deren Durchbildung ein bestimmter Farbengeschmack
mit dem Konturengeschmack einer bestimmten, erst werdenden
Baukunst verbinden wird?

Wenn wir aber vom Wagnerschen Kunstwerk sprechen, so
ist von Perioden eines so partiellen Gesamtkunstwerks nicht die
Rede. Das, was Wagner bezweckte und in gewissem Grade
erreichte, war die Verbindung aller Künste, der bildenden wie
der darstellenden, wie der musischen, in dem einen Kunstwerk
des musikalischen Dramas. Ist nun dieser Gedanke allen Zeit—
altern zugänglich, — oder wann tritt er auf? Die Spuren
führen von der Gegenwart her nicht zurück über das große Zeit—
alter subiektiven Seelenlebens, das in der deutschen Entwicklung
        <pb n="80" />
        Tonkunst.

55
mit den Ideen der Empfindsamkeit und des Sturmes und Dranges
heraufzieht, und in dem wir uns noch heute befinden. Herder ist es,
der zuerst eingehend den Gedanken eines solchen und der Haupt⸗
sache nach schon des Wagnerschen Gesamtkunstwerks geäußert
hat. Seitdem ist der Gedanke nicht wieder verschwunden; sehr,
sehr häufig haben sich ihn, ganz unabhängig voneinander, be—
deutende Männer des 19. Jahrhunderts zu eigen gemacht; so, um
nur ein paar Zeitgenossen und keineswegs Freunde Wagners zu
nennen, Otto Ludwig und Friedrich Hebbel, beide in den vierziger
Jahren, eigentlich fast noch vor Wagner. Und der zweite Teil
von Goethes „Faust“, so wie sich ihn der Dichter als ein
inniges Ganzes von Sing⸗-, Schauspiel- und Tanzkunst dachte:
war er nicht eigentlich das erste Gesamtkunstwerk in deutschen
Landen? Das Gesamtkunstwerk Wagners ist also nicht ein
—DDDD
eines bestimmten Zeitalters, einer Epoche.

Gehen wir nun aber von diesem Zeitalter rückwärts in
der deutschen Geschichte — in den Geschichten anderer Völker
würde sich bei Vorgehen auf analogem Gebiete die Sache nicht
anders gestalten —, so mögen wir schon lange wandern, ehe
wir auf ein zweites Zeitalter eines gleich umfassenden Gesamt—
kunstwerks stoßen. Dieses Zeitalter ist erst — die Urzeit.
Gewiß: damals noch, in den Anfängen unserer beglaubigten
Geschichte, und noch viel mehr, wie die Analogie anderer Völker
lehrt, in den Nebeljahren der „vorgeschichtlichen“ Zeit — bei—
läufig eines bösen Widerspruchs im Beiwort —: da gab es
ein solches Gesamtkunstwerk, denn da hatten sich die einzelnen
Künste noch nicht ausgelöst und herausgeläutert aus der in
Mimik (lebendiger Bildnerei), dichterischem und musikalischem
Vortrag zugleich bestehenden, schließlich einmal in ganz früher
Vorzeit aus dem gemeinmenschlichen Spieltrieb heraus ent—
standenen Urkunst.

Freilich im übrigen welche Gegensätze zwischen dem Ge—
samtkunstwerk von heute und dem der Urzeit! Und doch wieder,
wenn wir näher zusehen würden, welch merkwürdige Überein—
stimmungen! Ist es z. B. ein Zufall, daß die Schöpfungen
        <pb n="81" />
        z6

Tonkunst.

unseres Zeitalters, die den Charakter des Gesamtkunstwerks
tragen oder ihm zuneigen, ihrem Gehalte nach einer sagengläubigen
oder mythologischen Urzeit angehören: Faust II. Teil, die
Werke Wagners, Hebbels nicht zu Ende geführter „Moloch“,
Ludwigs beabsichtigte Oper „Blaubart“? Doch nicht Ähnlich—
keiten aufzusuchen, Unterschiede vielmehr aufzudecken, ist in
diesem Falle die erste Aufgabe der Forschung. Und da ergiebt
sich ein überaus wichtiger Unterschied, in dem alle anderen
gipfeln: die psychische Grundlage ist nahe verwandt, aber von
ihr aus wird in der Urzeit instinktiv, triebmäßig, in der
Gegenwart bewußt, wenn nicht gar raffiniert geschaffen.

Die Sache würde der Erwägung wenigstens an dieser Stelle
nicht weiter wert sein, — wenn sich nicht herausstellte, daß
eine große Anzahl moderner Entwicklungserscheinungen zu den
entsprechenden Erscheinungen der Urzeit in demselben Ver—
hältnis stehen, ja daß ... Doch wir wollen sehen.

In der Malerei erschöpfte sich die Kunst der Urzeit im
Ornament. Vergleichen wir nun die Ornamentik dieser Zeit
mit der der Gegenwart, so sind die äußeren Ahnlichkeiten er—
staunlich. Hier wie dort nur Andeutungen der allgemeinsten
Form des Gegenstandes — man denke an unsere Plakatkunst,
unsere Tapeten, unsere Stoffmuster —, hier wie dort die Farbe
im allgemeinen nur dekorativ gemeint, zur bloßen Flächen⸗—
füllung bestimmt und darum unplastisch, ohne Andeutung des
Reliefs aufgetragen. Freilich: in der Urzeit das alles naiv,
aus dem niederen Können und dem unausgebildeten Formen—
gedächtnis einer werdenden Kunst heraus, in der Gegenwart
dagegen das alles bewußtes „Raffinement“, der Umriß absicht—
lich vereinfacht, und die Farbenbehandlung das Ergebnis einer
Freiluftmalerei, die über eine Periode mehr plastischer Behand⸗
lung hinaus nicht mehr plastisch, sondern nur noch in Farben⸗
eindrücken, zweidimensional gleichsam, zu sehen gewohnt ist.

In der Bildnerei, die in der Urzeit, soweit wir sehen,
fast ausschließlich Flachbildnerei, vornehmlich in Holz und Erz,
war, derselbe Fall: damals nur Formen ganz im Sinne der
soeben geschilderten Ornamentik, heutzutage, wenn ornamentale
        <pb n="82" />
        Tonkunft.

57

Formen gewählt werden, formell analoge Bildungen und diese
sogar auch — dies wohl zufällig — in einer Flachmanier,
die selbst bei Ausführung in Stein dem platten Holzornament
nachgebildet wird: und vor allem wieder der Unterschied zwischen
triebmäßigem und bewußtem Schaffen.

Übergehen wir die Baukunst, in deren Bereich die Urzeit
kein Vergleichsmaterial bietet — und doch waren die elenden
Hütten dieses Zeitalters nach Ausweis unserer Volksrechte Ge—
rüstbauten wie die heutigen Vorläufer eines künftigen Gerüst—
stils! —: wenden wir uns vielmehr der Dichtung zu. Da
steht denn die älteste Form des Volksliedes zum Vergleich mit
analogen Erzeugnissen der Gegenwart. Was ist da nun der
Unterschied zwischen folgenden Strophen:

Dort spielt ein Kind am Ufer,
Die Barke durchschneidet den See,
Es küßt die Rose der Thau,

Was lächelst du trübe und weh?

und:

und:

Drei Laub' auf einer Linden,
Die blühen also wohl;

Sie thät viel tausend Sprünge,
Ihr Herz war Freuden voll ..

Du brichst ein dürres Ästlein,
Das ist so knospenleer,

Und reichst mir deine Hände —
Wir sahen uns nimmermehr — —

Ist nicht in allen dreien das formal eigentlich Charak—
teristische die unvermittelte Nebeneinanderstellung von Bild und
Empfindung? — Aber die erste dieser Strophen ist von
Mackay, die zweite aus des „Knaben Wunderhorn“, die dritte
von Lilieneron; die mittlere citiert Scherer in seiner Litteratur⸗
geschichte als Musterbeispiel primitiven Volksliedes, die beiden
anderen gehören dem modernsten physiologischen Impressionis—
mus an! Und bei genauerem Zusehen liegen die Unterschiede
auch auf der Hand; die Bilder im ersten und letzten Gedicht
        <pb n="83" />
        58

Tonkunst.
sind raffiniert modern, — das Bild des mittleren ist typisch,
tausendmal gebraucht und instinktiv angewendet!.

So hätten wir die ganze ästhetische Seite des urzeitlichen
Seelenlebens mit der der Gegenwart verglichen: denn außer
dem Volkslied und dem Ornament in Malerei und Bildnerei
giebt es kein brauchbares Vergleichsgebiet. Und überall das
gleiche Ergebnis verwandter Formen, — nur dort triebmäßig,
hier bewußt erzeugt. Würden da andere Gebiete der Psyche
beider Zeitalter andere Ergebnisse liefern? Es scheint bei dem
engen Zusammenhang aller Äußerungen des seelischen Lebens
ein und derselben Zeit unmöglich, — so unmöglich, wie daß
ein Naturforscher bei einem Fische warmes Blut, bei einem
Vierfüßler den Knochen eines Vogels nachwiese.

Wir haben also sehr merkwürdige Übereinstimmungen
zwischen der Psyche urzeitlicher Kulturen und dem Seelenleben
der Gegenwart gefunden, — aber doch nur äußerliche Überein⸗
stimmungen, denen eine tiefe Antinomie zur Seite steht: das,
was aus früher Zeit als Ergebnis bloßer Triebe, instinktiven
Schaffens überliefert ist, tritt uns heute als aus der vollsten
Bewußtheit individuellen Erzeugens hervorgegangen entgegen.

Wie erklärt sich das? Dürfen wir den Lockungen einer
Vergleichung zwischen Gegenwart und Urzeit noch weiter, hinein
his ins hypothetisch Zusammenfassende, folgen?

Es wird den Vorgang der Kulturentwicklung, soweit er
rein geistiger Natur ist, wohl vollständig erklären, wenn man
behauptet, er bestehe darin, daß Erscheinungen, die sich in der
menschlichen Seele zunächst unbewußt abspielen, durch immer
intensivere seelische Arbeit langsam in den Bereich klarer Vorstel—
lungen gehoben werden: der Kulturprozeß ist im Grunde ein
Prozeß der Selbsterkenntnis. Daß dieser Prozeß nur durch
überaus verwickelte Vorgänge der sogenannten materiellen und

mMan ogl. zu dem oben Ausgeführten auch noch den Nachweis bei
Richard M. Meyer, Deutsche Litteratur des 19. Jahrhunderts S. 874 ff.,
daß sich der dichterische Impressionismus des Amerikaners Walt Whitman,
einer der ältesten, wenn nicht der älteste aller Impressionismen des 19. Jahr—
hunderts, an die Urpoesie des alten Testaments anschließt.
        <pb n="84" />
        Tonkunst.

59
äußeren Kultur, u. a. durch stärkste Fortschritte menschlicher
Arbeitsteilung und Arbeitsvereinigung, hervorgerufen und ge—
fördert werden kann, ist selbstverständlich.

Im Verlaufe dieser Aufdeckung gleichsam der menschlichen
Seele gelangt nun jede Kultur in Phasen, in denen sie, was
sie bei günstiger Überlieferung in geschichtlicher Forschung als
einstens instinktiv empfunden und gethan erkennt, in der Praxis
der Gegenwart und des Lebens gleichsam bewußt noch einmal
entdeckt und ausführt, indem sie den allgemeinen psychischen Zu—
stand, aus dem in der früheren Zeit triebmäßig gehandelt
worden ist, nun in das Licht völlig klarer Vorstellungen hebt
und aus dieser lichtvollen Kenntnis her bewußt handelt.

Sind diese Beobachtungen richtig, so würde es sich nur
darum handeln, festzustellen, welcher Art denn gerade der
psychische Zustand ist, von dem aus in der Urzeit wie heute
die Handlungen erfließen. Es ist eine Frage, auf die die Urzeit
keine Antwort geben kann, da ihr der eigene Zustand ja eben
unbewußt war; wir werden das Problem also aus Beobach—
tungen der Gegenwart lösen müssen. Und da lautet denn die
Fragestellung: welches sind die psychischen Erscheinungen, die
gerade das heutige Zeitalter von früheren Zeitaltern trennen,
mithin für die Gegenwart charakteristisch sind?

Das jüngste große Zeitalter deutschen Seelenlebens setzt
ein mit der Empfindsamkeit und geht durch die Jahrzehnte
der Romantik hindurch zu den modernen Zuständen über, die
psychisch längst als die der Nervosität erkannt sind. Man darf
dabei mit dem Worte „Nervosität“ nicht ohne weiteres den Be—
griff des Krankhaften verbinden: es handelt sich nur um ein
uns in verstärkter Weise bewußt gewordenes Leben der Nerven,
das man deshalb vielleicht besser, da einmal das Wort „Ner—
oosität“ bestimmte Nebenvorstellungen erweckt, für den hier ge⸗
meinten Sinn mit dem Worte „Reizsamkeit“ vertauschen wird
Daß dann freilich auch in dieser, Reizsamkeit“ leicht etwas Krank⸗
haftes steckt, in dem Sinne, in dem der Arzt von Entwicklungs⸗
krankheiten spricht, — wer wollte es leugnen? Krankhaft in
diesem Sinne sind aber alle jeweils neuen seelischen Erscheinungen
        <pb n="85" />
        —V

Tonkunst.
gewesen. Was indes Empfindsamkeit, Romantik und Reiz⸗
samkeit gegenüber der seelischen Eigenart früherer Zeitalter als
gemeinsames Kennzeichen aufweisen, das ist ein immer stärker
in den Vorstellungsbereich gehobenes Nervenleben — von dem
bis zu Weinkrämpfen gesteigerten Freundschaftsdienst der fünf—⸗
ziger und sechziger Jahre des 18. Jahrhunderts an bis zu den
piel feineren, in der Seele gleichsam noch tiefer abgegrabenen,
noch bewußter hervorgerufenen „Sensationen“ der Nervenkünstler
der Gegenwart.

Von dieser Charakteristik des letzten, noch andauernden
psychischen Zeitalters her scheinen sich nun mit einem Schlage alle
Verwandtschaften der Gegenwart mit der Urzeit zu erklären, —
und wir werden deren später noch weit mehr finden, als die des
vorläufig allein berührten ästhetischen Gebietes. Die Urzeit
lebte, wie die Psychologie jedes der sogenannten Naturvölker
zeigt, vornehmlich mit den Nerven; aber sie lebte darin in—
stinktiv: hatte die oberen Schichten gleichsam des Seelenlebens,
die Gebiete der Gefühls- und Verstandesthätigkeit noch nicht
entfernt in der Intensität, die wir kennen, entdeckt. Wie hätten
da die unteren feinsten Regungen der Nervenbahnen schon ins
Bewußtsein gehoben sein sollen? Indem aber die Welt der
gefühls- und der verstandesmäßigen Thätigkeit im Laufe zahl—
reicher Generationen immer mehr vorstellungsmäßig bewältigt
und damit zugleich unendlich bereichert und nüanciert wurde,
drang das letzte Zeitalter allmählich, gleichsam von oben herab,
hindurch durch die Gefühlswelt, vorstellungsmäßig zu den,
sagen wir einstweilen einmal Nerven vor und begann auch
deren Welt nunmehr in eifrigen Entdeckungsfahrten bewußt zu
erobern. Es geschah in Erscheinungen, die — wie man jetzt sieht,
sehr natürlicher, ja notwendigerweise — an das äußere Gewand
der geistigen Zustände der Urzeit erinnern mußten, ohne ihm doch
innerlich auch nur im geringsten zu gleichen: das, was sie von
ihm trennt, ist die in den wandelbarsten und mannigfachsten Er—
scheinungsweisen zu Tage tretende Bewußtheit des Schaffens.

Diese Erklärung ist zunächst nur, was eine noch nicht all—
seitig durch Thatsachen gestützte Darlegung ist: eine Vermutung.
        <pb n="86" />
        Tonkunst.

61
Allein wenn diese Vermutung nun durch eine Fülle später noch
anzuführender klarer und anschaulicher Thatsachen überaus wahr—
scheinlich gemacht werden würde, so wahrscheinlich, wie nur
immer historische Ereignisse angesehen werden können, für die
man einen Beweis erbracht hat? — Wie auch diese Frage später
zu beantworten und zu behandeln sein mag: schon jetzt wird
es möglich sein, in ihrem Bereiche noch einen, freilich sehr
subjektiven Beweis, den Beweis ad hominem zu führen.
Wenn die Gegenwart und die Urzeit vornehmlich als Perioden
eines dort triebmäßigen, hien vorstellungsmäßigen Nervenlebens
bezeichnet werden, — wäre es dann wohl möglich, jenseit ihrer
Grenzen weitere Perioden zweifellos vollsaftiger Entwicklung
zu denken? Die Frage fällt mit der anderen zusammen, ob
es wohl innerhalb der menschlichen Seele noch elementarere
Vorgänge, als die des bloßen Nervenlebens gebe? Wir werden
sie verneinen müssen. Dann aber wäre dem Zeitalter der Ur—
zeit als einer ersten menschlichen Anfangszeit (wenn auch viel—
leicht von sehr vielen Einzelperioden von der Dauer vieler
Jahrtausende) die Gegenwart als ein Zeitalter, wenn nicht des
Schlusses, so doch des Verfalles entgegengesetzt? Und, um
eine vielfach mißbrauchte Analogie mit aller Vorsicht anzu—
wenden, wir ständen in einem Greisenalter der Entwicklung,
das eben deshalb auch scheinbar kindliche Züge aufwiese?
Man weiß, wie groß die Zahl derer ist, die diese Frage
heute bejahen. Der Historiker wird für diese Verzweifelnden
oder Resignierten den Beweis ad hominem gelten lassen, ohne
sich etwa deshalb auf ihre Seite zu stellen. Denn was heißt
Verfall? Und wie lange kann Verfall sich erstrecken, — welche
Unsumme von Entwicklungsmomenten kann er umfassen? Und
bedeutet Einsicht der Lage nicht auch Möglichkeit der Abhilfe?
Ja, — hier stehen wir vor der großen Frage des zwan—
zigsten Jahrhunderts, — und nicht bloß wir, alle Völker über—
haupt des abendländischen Kulturkreises einschließlich der ab—
geleiteten Amerikaner — und wir Deutschen vielleicht noch am
wenigsten dringlich. Und diese Frage ist denn doch zu lösen.
Freilich nur durch eine unendlich vermehrte geschichtliche Einsicht.
        <pb n="87" />
        ze

Tonkunst.
Wir könnten unsere heutige Lage um vieles sicherer, und weit
hinaus jedenfalls über die bloße Analogie mit der Urzeit, bestimmen
durch sehr eingehende geschichtlich-vergleichende Forschungen über
unsere Kultur im Verhältnis zu der Kultur fortgeschrittenerer
Völker, weniger der Griechen und Römer, bei denen nahe Ver—
wandtschaft mit uns und tausend zwischen uns und ihnen in Re—
zeptionen und Renaissancen gezogene Verbindungen die Einsicht
in die verhältnismäßige Bedeutung der Vergleichsmomente
stören, als vielmehr durch intensive Vergleiche mit der geschicht—
lichen Entwicklung der Inder, der Chinesen und teilweis auch
der Japaner — kurz, der geschichtlichen Träger des großen
asiatischen Kulturkreises, des zweiten in der Welt, der neben uns
und entwicklungsgeschichtlich vielfach vor uns steht. Aber haben
solche Forschungen schon mehr als begonnen? Und kümmern sich
unsere Historiker etwa zumeist um diese Dinge? Nein — die
müssen innerhalb des engen Bereichs der europäischen und womög—
lich gar nur innerhalb der eigenen nationalen Geschichte „indi—
viduell“ verfahren, nach den Königen auch die Minister, Gesandten
und andere Kärrner, nach den Malerfürsten auch die Farben—
reiber ins Auge fassen und Geschichten schreiben statt Geschichte.

Gehen wir aber von der Thatsache aus, die für die ästhe—
tische Seite der Entwicklung schon nachgewiesen ist, daß das
moderne Zeitalter und noch mehr die unmittelbare Vergangen—
heit und Gegenwart psychisch charakterisiert sind durch ein
steigendes Hervortreten des bewußten Nervenlebens, so erhält
das Gesamtkunstwerk Wagners alsbald eine Beleuchtung, die
es mit einem Schlage zu einer der wichtigsten — wenn nicht
geradezu zur wichtigsten — Einleitungserscheinung der Periode
der Reizsamkeit erhebt.

Wir treten hier dem Verständnis am leichtesten näher
von der Beobachtung jener eigentümlichen Erscheinungen her,
die im Übergang der nervösen Reize untereinander bestehen,
so daß Schallwellen Lichtempfindungen, Erregungen des Tast—
gefühls Gehörsempfindungen, Lichtwellen Geschmacksempfin—
dungen u. dergl. hervorrufen: Vorgänge, welche wissen—
schaftlich zuerst mit dem Namen der Sywmopse bezeichnet
        <pb n="88" />
        Tonkunst.
68
worden sind. Einige dieser Vorgänge kann bekanntlich jeder
leicht bei sich hervorrufen; als bewußte Empfindungen in
außerordentlicher Ausdehnung der möglichen Kombinationen,
sowie auch in dem heutigen Umfang ihrer — bewußten — Ver—
breitung sind es doch ziemlich moderne Erscheinungen!.

Einer der frühesten bewußten deutschen „Synoptiker“ ist
der wunderliche E. T. A. Hofmann gewesen: „nicht sowohl
im Traume als im Zustande des Delirierens, der dem Ein—
schlafen vorhergeht, vorzüglich wenn ich viel Musik gehört habe,
finde ich eine UÜbereinkunft der Töne, Farben und Düfte. Es
kommt mir vor, als wenn alle auf die gleiche geheimnisvolle
Weise durch den Lichtstrahl würden und sich dann zu einem
wundervollen Konzert vereinigen müßten. Der Duft der dunkel—⸗
roten Nelken wirkt mit sonderbarer magischer Gewalt auf mich;
unwillkürlich sinke ich in einen träumerischen Zustand und höre
dann, wie aus weiter Ferne, die anschwellenden und wieder
verfließenden Töne des Bassethorns.“ Von Hofmann ab mehren
sich aber verwandte Erscheinungen bei unsern Dichtern und
Künstlern, — bis der Übergang der Empfindungen von gewissen
Richtungen unserer modernen Lyrik, wie schon einmal an—
deutungsweise von der extremen Romantik, als etwas ganz Ge—
wöhnliches behandelt wird. Davon wird später noch zu sprechen
sein; hier sei nur an die merkwürdigen Beziehungen von
Malerei und Musik bei Feuerbach erinnert und an die mit be—
sonderer Treue aufgezeichneten Empfindungen Otto Ludwigs,
dem z. B. bei dem Gedanken an Schiller und Goethe bestimmte
Farbenerscheinungen auftraten, dem Musik und Farbenerschei⸗
nungen durcheinander gingen, und der bei dergleichen Phäno—

Freilich geht eine der geistreichsten Theorien über die Entstehung
der Sprache, die von K. W. Ludwig Heyse, von der Anschauung aus, daß
schon in der frühesten Zeit jedem äußeren Eindruck, auch dem durch das
Auge vermittelten, unbew ußt eine Klangvorstellung entsprochen habe —
und daß diese Klangvorstellungen in Laute umgesetzt worden seien. Ent—
präche diese Hypothese über die Entstehung der Sprache der Wirklichkeit,
so wäre ein neues, überaus charakteristisches Moment für die Ver—
aleichung von Gegenwart und Urzeit gewonnen.
        <pb n="89" />
        34

Tonkunst.
menen „die Anwesenheit einer gewissen, ihnen entsprechenden
und sie stets begleitenden Stimmung, jedoch traumartig“ fühlte.
Wird man sich da noch wundern, wenn Hans von Bülow wohl
an das Orchester die Aufforderung richtete, eine Stelle „mehr
rot oder grün“ zu spielen? Schreibt doch schon der Kapell⸗
meister Kreisler in Hofmanns „Elixiren des Teufels“ an Wall—⸗
born: „Auch hatte ich gerade ein Kleid an, dessen Farbe in
Ois-moll geht, weshalb ich zu einiger Beruhigung der Zu—
schauer einen Kragen aus F-dur-Farbe darauf setzen lassen.“

Nun sind diese Fälle gewiß auch heute noch vielfach als
extrem zu bezeichnen. Und Leute, die, wie Huysmans Roman—⸗
held des Esseintes!, in jedem Likör ein anderes Instrument
hören, im Curaçao eine Klarinette, im Kümmel eine Oboe, im
Anisette eine Flöte, die deshalb ihren Schnapsschrank mit
Recht eine orgue aux liqueurs nennen und sich durch
Mischung seines Inhalts den häuslichen Genuß eines mächtigen
Orchesters verschaffen können, — solche Leute wird es wohl
in Deutschland noch nicht geben. Wohl aber trifft man
zganz allgemein auf Erscheinungen, die, wenn auch nicht gleich
tark ausgesprochen, doch auf einen gegenüber früheren Zeiten
viel entschiedeneren Zusammenhang der einzelnen physio—
logischen und psychischen Funktionen hinweisen. Und von diesen
Erscheinungen sind zwei, unter sich nahe verwandte für die
künstlerische Entwicklung der Gegenwart von größter Bedeutung
geworden. Die eine besteht darin, daß sich die einzelnen Künste
in ihren Ausdrucksweisen wie in dem erstrebten Erfolge dieser
in einer Weise einander nähern, die, außer der Urzeit, keine
frühere Periode gekannt hat?. Und die andere liegt in der
schon viel früher wahrnehmbaren, jetzt aber besonders weit
berbreiteten Thatsache vor, daß künstlerisch begabte Menschen

1 Das Modell ist der Graf Robert Montesquiou, von dem wir ein
schönes Porträt von Whistler haben.

» Auf diesen Punkt braucht hier nicht genauer eingegangen zu
verden, da er ganz neuerdings in einem Aufsatz Platzhoffs im Kunst—
wart (herausgegeben von F. Avenarius) 1901 S. 317 ff. (Januarhefte)
eingehend und geistreich behandelt worden ist.
        <pb n="90" />
        Tonkunst.
35
auf den verschiedensten Gebieten nicht bloß der einen Gruppe
der bildenden oder der darstellenden Künste, sondern beider
zugleich thätig sind. Das erste ganz vollkommene Beispiel
hierfür scheint Philipp Otto Runge, der Begründer des
ersten deutschen, leider so kurzlebig verlaufenen malerischen
Impressionismus im Beginne des 19. Jahrhunderts geboten
zu haben. Er war zunächst bildender Künstler auf fast jedem
Gebiete, er malte, er schnitt Silhouetten, er zeichnete Vorlagen
für Geräte, er war der Erfinder jener Ornamentik, als deren
Schöpfer gewöhnlich Neureuther betrachtet wird. Aber er
komponierte auch, schriftstellerte und dichtete und hatte starke
philosophische Interessen; den Beweis erbringen seine „Hinter—
lassenen Schriften“, die 1842 von seinem Bruder herausgegeben
worden sind. Und Hand in Hand mit einer so mannigfachen
Begabung pflegt dann ein Zug aufs Einheitliche zu gehen, so
vie in jeder höher stehenden Volkswirtschaft die stetig zu—
aehmende Arbeitsteilung durch eine entsprechende Arbeitsver—
einigung gegengewogen wird; und diesem Zuge entspricht dann
äußerlich ein Bedürfnis der Einsamkeit. So schwebte schon dem
nervösen Kleist das Ideal des einfachen Landlebens vor; Ludwig,
der so lange darüber im Unklaren blieb, ob er mehr als
Musiker oder als Dichter geboren sei, wäre am liebsten Dorf⸗
schulmeister geworden, und selbst Wagner, der große Agitator,
hat lange Jahresreihen der Einsamkeit gehabt und genossen.
Dieser Drang der Vereinheitlichung aber, innerlich aufgefaßt,
führt nun fast regelmäßig zu starker Berücksichtigung der Musik.
Es kann das auf den ersten Blick merkwürdig erscheinen. Wie
aber wäre es im Grunde anders denkbar in einem vornehmlich
dem Nervenleben als dem bewußt Neuen zugewendeten Zeit—
alter? Denn die Musik ist unter allen Künsten diejenige, die
sich am unmittelbarsten an die Nerven wendet. Darum steht
die Musik im Mittelpunkte aller jener Wechselreize, von deren
gegenseitiger Vertretbarkeit oben die Rede war: und Farbe
und Gestalt, Malerisches und Dichterisches ruft bei über—
leitung der Eindrücke von einem Sinne zum andern vor allem
nusikalische Empfindungen hervor.
Lamprecht, Deutsche Geschichte. Erster Ergänzungsband.
        <pb n="91" />
        36

CTonkunst.
Nun aber fasse man alle diese Erscheinungen: das starke
Nervenleben der Zeit, den Drang der Künste nach Einheit, die
Bevorzugung der Musik und anderes gemeinsam ins Auge,
und man wird verstehen, was das Gesamtkunstwerk Wagners
hedeutete. Es war die erste ganze Errungenschaft der neuen Zeit:
tausend annoch vereinzelten Tendenzen verhalf es zu einem
einzigen Ausdruck, den großen Bruch schuf es in dem Damm
der Zeit, durch den die Wasser eines neuen Seelenlebens un—
aufhaltsam einströmten. Noch Voltaire hatte sagen können:
Oe qui serait trop sot pour être dit, on le chante; bei
Wagner findet sich der Satz: „Was nicht wert ist, gesungen
zu werden, ist auch nicht der Dichtung wert.“ Die Musik war
jetzt die führende der Künste geworden, und derjenige ihrer
besonderen Lieblinge, der zugleich ein Meister der anderen
Künste war, eröffnete mit seinem in erster Linie doch musi—
kalischen Gesamtkunstwerk die neuesten Zeiten.
        <pb n="92" />
        Bildende Runst.
        <pb n="93" />
        <pb n="94" />
        1. Viele der gegen Schluß des vorigen Abschnittes aus—
gesprochenen allgemein entwicklungsgeschichtlichen Gedanken sind
einstweilen noch Vermutungen, wenn auch von mancher Wahr⸗
scheinlichkeit, und viele werden es auch noch am Schlusse dieses
Buches bleiben, da zu ihrer endgültigen Kritik eine viel ein—
gehendere Kenntnis anderer höchst entwickelter Kulturen nötig ist,
als fie dem Verfasser zur Seite steht. Was vor allem — und wohl
nicht dem Verfasser allein — fehlt, das ist, wie schon einmal an—
gedeutet, eine umfassende Kenntnis des seelischen Charakters
derjenigen ostasiatischen Entwicklungsstufen, die dort noch nach
den Zeiten durchlaufen worden sind, die unserer Gegenwart
seelisch entsprechen. Erst eine solche Kenntnis würde mit mehr
Sicherheit darüber urteilen lassen, inwiefern und in welchem
Grade unser Zeitalter wirklich schon als ein solches des Ver—
falles betrachtet werden müsse, — und, verbunden mit einem
eingehenden Verständnis der Stufen urzeitlicher Kulturen vieler
anderer Völker, auch erst darüber ein abschließendes Urteil ge—
statten, mit den Erscheinungen speziell welcher Stufen der
Urzeit die heutigen Vorgänge eines nervös charakterisierten
Seelenlebens genauer in Parallele zu stellen seien.

Das aber läßt sich den Ausführungen gegen Ende des
odorigen Abschnittes immerhin mit Gewißheit entnehmen, daß
ein Gesamtkunstwerk im Sinne Wagners und eine Musik wie
die moderne nur auf einer schon überaus hohen Kulturstufe
möglich ist — und daß mithin zu ihrem eigentlichen Verständ—
        <pb n="95" />
        70

Bildende Kunst.
nis auf eine Anzahl früherer Stufen unserer nationalen Ent—
vicklung zurückgegangen werden muß.

Das Gleiche gilt auch für die bildende Kunst, schon wegen
der engen Wechselverbindung aller seelischen Erscheinungen
innerhalb einer bestimmten menschlichen Gemeinschaft und inner—
halb eines bestimmten Zeitalters dieser Gemeinschaft unter—
einander. Nur daß die einzelnen Entwicklungsstufen hier viel
besser überliefert sind und für unser Verständnis viel weiter
zurückgehen. Denn was haben wir im Grunde von der deutschen
Tonkunst des ersten Jahrtausends unserer Ara für Kenntnis
außer dem Inhalt häufig recht vieldeutiger, kurz abgerissener
Notizen? Für die bildende Kunst aber liegt aus diesen Zeiten
eine geschlossene Überlieferung vor, und diese greift noch über
sie rückwärts hinaus in vorgeschichtliche Zeiten, seitdem sich
die Gräber unserer Urvorfahren geöffnet und monumentale
Schätze in Fülle geliefert haben. Von nirgends her läßt sich
daher besser, als von der Geschichte der bildenden Kunst aus
ein Einblick in die ganze Raumtiefe unserer nationalen Ent—
wicklungszeitalter und damit unserer heutigen Kultur überhaupt
gewinnen. Und daß ein solcher Einblick auch im besonderen
für das geschichtliche Verständnis der Kunst der Gegenwart
notwendig ist, bedarf keiner besonderen Betonung.

Dies Verständnis wird aber wieder unter den bildenden
Künsten am besten aus der Geschichte der Malerei gewonnen.
Die Bildnerei tritt in diesem Zusammenhang schon deshalb
außer Wettbewerb, weil sie in den ältesten Zeiten, soweit wir
noch sehen können, vornehmlich Flachbildnerei gewesen ist und
deshalb mit der Malerei vielfach gemeinsame Gesetze der Ent—
wicklung gehabt hat. Die Baukunst aber kommt zunächst nicht
in Frage, weil sie in der Durchbildung ihrer einzelnen Ent—
wicklungsstufen häufig genug von außerkünstlerischen Rück—
sichten mit bedingt ist: so von den jeweils bestehenden Raum—
bedürfnissen und von der jeweils zur Verfügung stehenden
Kenntnis der statischen Gesetze, — ganz davon abgesehen, daß
für sie auch die Fragen des Materials und des Klimas von
weit größerer Bedeutung sind wie für irgend einen anderen
        <pb n="96" />
        Bildende KUunst.

71
Zweig der bildenden Kunst. Dazu kommt, und zwar für die
Auffassung der geschichtlichen Forschung ausschlaggebend, noch
ein anderer Punkt. Malerei und Bildnerei sind im Verhältnis
zur Baukunst nachahmende Künste: sie schaffen in innigster An—
lehnung des Auges an die Formen der Erscheinungswelt.
Darin liegt es begründet, daß diese Erscheinungswelt an sich
geradezu einen ständigen, weil der Hauptsache nach in sich un—
—
wicklung: das so schwer zu findende Moment außerhalb der
Flucht der historischen Erscheinungen, das zu deren Erkenntnis
und entwicklungsgeschichtlicher Bewertung doch so nötig ist, hier
ist es gegeben. Die Baukunst dagegen bietet schlechtweg nichts,
was diesem eigenartigen Verhältnis entspräche, so wenig wie die
Musik, — während die Dichtung hier wieder auf die Seite von
Bildnerei und Malerei tritt: — und darum sind Baukunst
und Musik an sich weit weniger geeignet, unmittelbar in die
elementaren Vorgänge der künstlerischen Entfaltung menschlichen
Gemeinschaftslebens einzuführen, als die anderen Zweige der
Phantasiethätigkeit.

Übersieht man die Entwicklung der deutschen Malerei nach
ihren einfachsten und gröbsten komponierenden Elementen, nach
Umriß und Farbe, so ergiebt sich in den elementarsten Zügen,
die auf die scharf gefaßten Urerscheinungen zurückgeführt sind,
etwa folgendes.

Wir sehen in den ältesten Funden die Reste einer Zeit
vor uns, in der die Farbe überhaupt noch keine Rolle spielte
oder wenigstens nur für roheste Flächenfüllung in ein paar
hunten Tönen in Betracht kam: so in den Verzierungen der
Töpferwaren der Steinzeit. Im übrigen beschränkt sich die
Kunst auf lineare Elemente und Wiedergabe einzelner kleiner
Teile der Erscheinungswelt (Blätter u. a. m.), die so allgemein
amrissen sind, daß man kaum die Form wiedererkennt: so daß
das künstlerische Gebilde fast nur noch als Symbol der natür—
lichen Vorlage erscheint. Man kann also von einer symbolistischen
Kunst reden.

Eine jüngere Periode der Urzeit geht über diese einfachste
        <pb n="97" />
        72

Bildende Kunst.
Welt der Form schon hinaus. Es erscheint anfangs die Tier—
gestalt im allgemeinen, dann auch die Gestalt bestimmter Tiere,
schließlich auch Pflanzen: zwar noch in sehr allgemeinen Um—
rissen wiedergegeben, aber doch schon so, daß man sie erkennt: eine
ornamentale Kunst von oft hoher Ebenmäßigkeit der Formen ist
erreicht. Die Farbe tritt dabei jetzt auch schon in reicherer Palette
auf, wenngleich noch in ungebrochenen, starken Tönen; und diese
Töne werden ohne jede Beziehung zur Lokalfarbe der dar—
gestellten Gegenstände nach rein dekorativen Grundsätzen zur
Flächenfüllung des Ornaments benutzt: rote Pflanzen, goldene
Tiere u. s. w.

Schreiten wir weiter vorwärts ins sogenannte Mittelalter,
in die Zeit etwa vom 9. bis zum 15. Jahrhundert, so läßt sich
verfolgen, wie sich der bisher ornamentale Umriß immer mehr
dem wirklichen Charakter des Umrisses annähert, ohne ihn doch
ganz zu erreichen. Es ist eine leise Veränderung in fast un—
merklichen Gradabstufungen zu dem hin, was wir gewöhnlich
mit dem Wort realistisch bezeichnen: und wenn man die Haupt—⸗
momente der gradmäßigen Verschiebung zum Ausdruck bringen
will, so kann man von einer erst typischen, dann konventionellen
Bewältigung des Umrisses sprechen. Indem aber diese Ver—
schiebung eintritt, erweitert sich zugleich das Stoffgebiet der
Malerei. Neben der Einzelfigur wagt man jetzt Scenen wieder—
zugeben, hier und da finden sich auch schon leise, freilich nach
unseren Begriffen höchst verunglückte Versuche der Wiedergabe
der Landschaft: man weiß die Tiefe noch nicht zu geben und
geht statt dessen (wie heute die Kinder) in die Höhe. Doch
stellen sich damit immerhin schon die ersten Versuche zur Be—
wältigung der elementaren Linearperspektive ein. Die Farbe
ist im Anfang dieser Periode noch ein rein dekoratives Element
zur bloßen Flächenfüllung; noch im 9. und 10. Jahrhundert
finden sich goldene Rinder, blaue Pferde, noch im 12. Jahr⸗
hundert gelegentlich, wenigstens im Kontur, gelbe und rote
Pflanzen. Im ganzen aber vollzieht sich allmählich der Über—
gang zur Lokalfarbe, wenn auch zunächst in nur sehr roher
und summarischer Erfassung der Töne der Erscheinungswelt.
        <pb n="98" />
        Bildende Kunst.

76
Die folgende Periode, das Zeitalter des Individualismus,
das 15. bis 18. Jahrhundert, bringt zunächst den völlig
realistischen Umriß, d. h. den Umriß so, wie wir ihn bei ein—
gehender, den Gegenstand speziell ins Auge fassender Be—
trachtung seinem Verlaufe nach wirklich sehen, doch als eine
scharfe Linie, also zeichnerisch erfaßt. Das ist schon im Anfang
der Periode da, ja eben hiermit setzt sie ein. In ihrem Ver—
lauf kommt dazu ein volles Verständnis und eine virtuose
praktische Durchbildung der Linearperspektive, die in den Ver—
kürzungen der Deckengemälde der Barock- und noch mehr
der Rokokobauten übermütige Triumphe feiert. In der Farbe
wird zunächst, gleichzeitig mit der Entwicklung eines anfangs
etwas gezierten Geschmacks für gebrochene Töne, die Wieder—
gabe des Lokaltones voll erreicht, und darüber hinaus tritt
bereits das Problem der belichteten Farbe auf. Dabei wird das
Licht, das nun zugleich anfängt, das Gefühl der Raumtiefe
zu vermitteln, anfangs noch sehr ins Ungefähre aufgesetzt: in
weißen oder gelben Tönen oder gar in Tönen der Komplementär—
farbe, rosa auf hellgrün, bläulich auf gelblich u. s. w. Später
wird dann eine größere Annäherung an die Wirklichkeit erreicht,
indem das Licht in feinen Schattierungen der Lokalfarbe auftritt.
Und bald beginnt man auch einzusehen, daß das Licht vermöge
seiner Reflexe in der Luft nicht bloß an den Gegenständen
haftet, sondern auch den Zwischenraum ausfüllt und in ihm
gemalt werden muß. Die Fragen der Luftperspektive drängen
sich auf und damit erste große Versuche im Landschaftlichen, und
für den Innenraum werden die Schwierigkeiten des Hell—
dunkels berührt: was zu einer starken Ausbildung jenes
Sittenbildes Anlaß giebt, das die Innenräume lebendig macht.
Was aber auf diesen Gebieten erreicht wird, das ist noch nicht
die volle Wiedergabe des Lichtes, sondern nur eines von kon—
zentrierter Lichtquelle ausstrahlenden, im engeren Sinne des
Wortes beleuchtenden Lichtes: das Licht als das eigentliche
Medium, in dem wir alle Dinge sehen, das sich als Licht—
empfindung in uns zur Erscheinungswelt sinnlich so verhält,
wie erkenntnismäßig unser Bewußtsein, dies Licht ist noch nicht
        <pb n="99" />
        Bildende Kunst.
gefunden: die Dinge sind noch nicht auf Lichteindrücke reduziert.
Dementsprechend ist der Umriß als Linie, den der Lichteindruck
nicht mehr kennt, noch nicht verschwunden, wenn auch schon
bedroht, und die Bilder behalten noch etwas vom Charakter
der Zeichnung.

Die neueste Zeit beginnt in deutschen Landen ganz leise
frühestens mit der Mitte des 18. Jahrhunderts, ausgesprochener,
aber zunächst noch keineswegs in ungestörter Entwicklung mit
dem Ende dieses Jahrhunderts, im völligen Siege erst mit
der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Sie kennt im ent—
wickelten Stadium nur noch Lichteindrücke, die natürlich in
Farben wiederzugeben sind, und löst den Umriß völlig in
belichtete Grenzen von Farbeneindrücken auf. Dabei wird
der sinnlich-ästhetische Eindruck nach der Gegenwart zu
immer mehr auf seine momentanste Form zurückgeführt, auf
jene Form, die gleichsam erst aus den Nerven frisch hervor—
geht; und immer weniger werden Eindrucksarten zugelassen,
die aus mehreren Gesichtsreizen gedächtnismäßig zusammen—
gezogen sind. Der Eindruck wird also sozusagen immer
reiner, immer mehr — unter Ausschaltung der gedächtnis—
mäßigen Summierung — ein Eindruck im strengsten Sinne,
eine „Impression“. Daher kann man die letzte Entwicklungs—
stufe dieses Zeitalters am besten mit dem Worte „Impressionis—
mus“ bezeichnen; in Deutschland hat sie als allgemeine Er—
scheinung erst etwa seit den fünfziger Jahren in geringeren
Spuren, seit den siebziger Jahren stärker eingesetzt, bis sie um
1890 etwa gesiegt hat. Die impressionistische Malerei bildet
die Parallelerscheinung der bildenden Künste zur neuen Musik;
ein weiteres volles Gegenstück, das etwa zur gleichen Zeit
spurenhaft, voll aber erst in den achtziger Jahren einsetzt,
werden wir auf dem Boden der Phantasiethätigkeit in der
Geschichte der Dichtung finden.

Wie aber sollen die letzten beiden Zeitalter, vom 16. zum
18. Jahrhundert, und von 1750 ab als Ganzes bezeichnet
werden? Die Frage ist nicht gleichgültig, sondern zwingt
dazu, soll sie nicht einseitig gelöst werden, diese Zeitalter nicht
        <pb n="100" />
        Bildende Kunst.

75
bloß vom Standpunkt der Phantasiethätigkeit, sondern als
psychisches Ganzes überhaupt zu betrachten.

Und da ergiebt sich denn folgendes. Die drei Jahrhunderte
von etwa 1450 bis 1750 bringen bekanntlich die Lösung von
der mittelalterlichen „Gebundenheit“; ihr erstes ganz hervor—⸗
stechendes Ereignis ist in Deutschland die Reformation: die
Befreiung des mittelalterlichen Menschen von jeder fremden Ver⸗
mittlung seiner religiösen Beziehungen zum Absoluten, seien
sie auch durch die Einrichtungen einer vielleicht noch so treff⸗
lichen Kirche gewährleistet, ferner die Gotteskindschaft des Ein—
zelnen, d. h. die Möglichkeit des Einzelnen, daß er — nur
die eine Schranke bleibt: innerhalb der Grenzen der evangelischen
Botschaft — fromm werde auf eigenem Wege. Indem aber
diese Jahrhunderte den Einzelnen befreien, vereinzeln sie ihn
zugleich: nie, weder früher noch später, ist der Einzelne so sehr
auch isoliert, ein für sich stehender Mikrokosmos, menschlich
also gesellschaftslos gewesen und gedacht worden. Das Natur—
recht, dem die Staatslehre dieser Zeit entwuchs, gipfelte in
der Auffassung, daß der Staat eine mechanische Summation
von Individuen sei, die eines Tages aus freien Stücken zu—
sammengetreten seien, um unter freiwilligem Aufgeben des
ihnen angeborenen Rechtes absoluter Freiheit eben ihn, den
Staat, sei es als Demokratie, sei es als Monarchie, zu be—
gründen; und das abschließende philosophische System dieses
Zeitalters, das Leibnizens, stellte sich die Welt als System von
Kräften vor, deren jede, sehr bezeichnend Monade genannt,
gänzlich unabhängig von der anderen dastehe und mit der
anderen nur dadurch in Verbindung sei, daß sie, je nach der
Feinheit der Durchbildung, ein ebenso richtiges, mehr oder
minder umfassendes Bild der Welt in sich widerspiegele, wie
die anderen. Das sind charakteristische Kennzeichen einer Zeit,
deren innerstes Wesen man schon verhältnismäßig früh erkannt
hat, indem man es als individualistisch bezeichnete.

Wie ordnet sich nun diesem Zeitcharakter der besondere
Charakter der Phantasiethätigkeit, in unserem speziellen Falle
wieder der der Malerei, ein? Einfach genug. Das, was in
        <pb n="101" />
        76

Bildende Kunst.
diesen Jahrhunderten erreicht ward, war die eingehendste
realistische Kenntnis des Einzelobjektes. Dies Objekt wird für
sich betrachtet und so im höchsten Maße plastisch gesehen:
daher der Erwerb der vollen Fähigkeit der Wiedergabe des
Umrisses und der Lokalfarbe. Dagegen keine volle Einordnung
der Einzeldinge in das Ganze, vor allem nicht in das Ganze
des Lichts, in das Ambiente, wie es einige Vorläufer späterer
Zeiten in dieser Periode schon genannt haben, — und darum
keine Erfassung der Außenwelt als eines in sich geschlossenen,
lückenlos in sich zusammenhängenden Ganzen von Licht—-
eindrücken.

Dem individualistischen Zeitalter folgte seit Mitte des
18. Jahrhunderts das subjektivistische. Das ist die Zeit der
Empfindsamkeit, des Freundschaftskultus und des Aufkommens
der Psychologie als einer von der Metaphysik unabhängigen
Wissenschaft, der Kulturgeschichte, der Statistik und der Lehre
vom Staate als einem Organismus: die Zeit, in der der
Mensch im Menschen den höchsten Gegenstand der Liebe und
der Erkenntnis sehen lernte: die Zeit einer Auffassung des
Menschen als eines nicht bloß individuellen, sondern sozialen
Wesens. Jetzt begriff man, daß die Welt sich gewiß zunächst
in jedem Einzelnen widerspiegele, aber nicht gleichmäßig in
jedem, sondern verschieden nach dem Subjekt: daß jeder Mensch
insofern intellektuell der Herr der Welt sei in seiner Weise,
daß aber erst die Summe aller individuellen Potenzen, die in
einer menschlichen Gemeinschaft in sehr verschiedenartiger Weise
begriffen seien, organisch verbunden ein Kulturganzes bilde:
ein Kulturganzes, in dem eine höhere Menschlichkeit sich ent⸗
wickeln und der Einzelne an seinen Aufgaben wachsen könne.
So stand der Mensch jetzt nicht mehr isoliert da, als Indi—
biduum, sondern sozial, auf andere bezogen, als Subjekt. Und
mit Recht ließ sich auf Grund der Beobachtung dieser be—
sonderen Stellung dem Zeitalter der Name des subjektivistischen
geben, der anfangs nur von der Erkenntnistheorie Kants ge—
golten hatte.

In all diesen Zusammenhängen liegt zugleich die Be—
        <pb n="102" />
        Bildende Kunst.

77

gründung dafür, daß dies Wort und der dahinter stehende
Begriff ohne Schwierigkeit auch auf die bildende Kunst dieser
Zeit und vornehmlich auf deren jetzt führenden Zweig, die
Malerei, angewendet werden kann. Denn das, was die Kunst
dieses Zeitalters giebt, ist eben der subjektive Eindruck, den der
Künstler der Erscheinungswelt entnimmt und unter stärkerem
oder schwächerem Einleben seiner Persönlichkeit in den Gegen—
stand zum Kunstwerk zu gestalten sucht. —
Wir sehen jetzt, daß die subjektivistische und die indi—
vidualistische Kunst des 19. und der vorhergehenden letzten
drei Jahrhunderte nichts ist, als der ins Ästhetische gezogene,
der Phantasiethätigkeit zugewandte Ausdruck der Psyche dieser
Zeiten. Sollte es mit der Kunst der vorhergehenden Zeitalter
anders sein? Wie wäre es möglich: bildet doch die Phantasie—
thätigkeit eine so wichtige Seite des jeweiligen Seelenlebens,
daß die anderen Gebiete desselben notwendig mit ihr in be—
ständigem wechselseitigen Verhältnis stehen müssen: so daß
jede wohl abgegrenzte und (wie das nun einmal zum leichteren
Verständnis nicht anders geht) in Perioden zerlegte Abwandlung
der Kräfte der Phantasiebildung nur ein Ausschnitt ist aus dem
analog verlaufenden, nur viel umfangreicheren Prozeß des
gesamten nationalen Seelenlebens überhaupt. Übrigens könnte
der Beweis für jedes einzelne Zeitalter auch aus den That—
sachen selbst anschaulich und leicht erbracht werden, wenn es
die Okonomie der Darstellung an dieser Stelle zuließen.

Was haben wir also? Vor uns tauchen von der Urzeit
ab bis zur Gegenwart fünf Zeitalter der Entwicklung der
nationalen Psyche auf, und ihnen gehören naturgemäß fünf
Wandlungen der bildenden Künste und insbesondere der Malerei
an: vom Symbolischen ins Ornamentale, von diesem ins
Typisch⸗Konventionelle, hiervon ins Individualistische und von
diesem wieder ins Subjektivistische schreitet die Entwicklung
fort. Und diese Wandlungen kommen zur Erscheinung in der

Erbracht ist er in meiner Deutschen Geschichte Bd. 126 passim.
        <pb n="103" />
        78

Bildende Kunst.
sehr verschiedenartigen Behandlung des Umrisses und der Farbe:
wobei das älteste Zeitalter fast nur den Umriß, das jüngste
fast nur die Farbe kennt.

Diese geschichtlichen Erfahrungen können schematisch und
äußerlich erscheinen. Wie wenig sie es sind, vermag mit
vollstem Erfolg hier nicht dargethan zu werden: es hieße eine
deutsche Kunstgeschichte in organischem Aufbau ihrer Entwicklung
vortragen. Wohl aber läßt sich an einem wichtigsten Beispiel
mit zwei Worten zeigen, was eine klare Periodisierung der
Entwicklung von Umriß und Farbe bedeutet. Man wird nicht
zweifeln, daß das jeweilige ästhetische Raumgefühl einer der
wichtigsten Faktoren der kunstgeschichtlichen Entwicklung ist. Nun
erweist sich aber die Geschichte des Raumgefühls als in gänzlich
untrennbarem Zusammenhang mit der des Umrisses und der Farbe
befindlich, oder, wenn man das lieber hört, die Entfaltung
des Raumgefühls findet unmittelbaren Ausdruck in den Wand—
lungen von Farbe und Umriß. In der ersten, symbolistischen
Periode ist das Raumgefühl noch so gering, daß eine bloße
symmetrische Anordnung von Linien und anderen Dekorations—
teilen ohne Umrahmung befriedigt; im ornamentalen Zeitalter
ist der Raum des Ornaments stets schon gebunden: es besteht
eine Umrahmung, innerhalb deren sich die Ornamente um einen
virtuellen Mittelpunkt legen in dem Sinne, wie man in dem
Ornament des Rokokos von der Anordnung der Schmuckteile
um ein virtuelles Centrum reden kann. Dabei werden in beiden
Zeitaltern nur die beiden Dimensionen der Länge und Breite
bewältigt. Das dritte, mittelalterliche Zeitalter bringt dann
in stetig zunehmenden Versuchen der Linearperspektive die erste
Anschauung der dritten Dimension und die ersten Fragen der
Raumvertiefung; das individualistische Zeitalter setzt diese Ver—
suche fort, indem es die Linearperspektive bewältigt und, freilich
noch unvollkommen, die Luftperspektive hinzuzieht; das Zeitalter
endlich, in dem wir uns befinden, hat eine bis dahin unerhörte
Raumvertiefung auf dem Wege der Wiedergabe des belichteten
Farbeneindruckes erzielt.

Wird man nun noch an der Fruchtbarkeit einer ent—
        <pb n="104" />
        Bildende Kunst.

79
wicklungsgeschichtlichen Betrachtung von Umriß und Farbe
zweifeln?

Aber noch mehr: es ist die einzig zulässige. Der Nach—
weis dieser Thatsache führt zu Gedankenreihen, die beim Leser
wohl schon längst angeklungen sein mögen.

2. Es ist bisher von einem symbolistischen und einem
ornamentalen Zeitalter gesprochen und es ist behauptet worden,
daß in dem ersten dieser Zeitalter die Gegenstände der Er—
scheinungswelt in der Kunst nur in den allerallgemeinsten Um—
rissen, noch nicht einmal ornamental, und in dem zweiten Zeit—
alter nur ornamental seien wiedergegeben worden. Liegt da
nicht die Frage auf den Lippen, ob denn etwa gar die Menschen
dieser Zeitalter nur ornamental oder noch nicht einmal orna—
mental gesehen haben sollen, so daß sie eben auch nur orna—
mental oder noch nicht einmal so zeichnen konnten?

Die Antwort lautet: ja und nein, je nach dem, was man
unter Sehen versteht. Zunächst: es ist kein Zweifel, daß die
Menschen dieser Zeiten auch naturalistisch sehen konnten, wenn
sie wollten. Wir haben Überlieferungen schon aus dem 7. und
83. Jahrhundert, in denen, im Gegensatz zur gleichzeitigen orna—
mentalen Kunst, Deutsche Tiere und Verwandtes ganz natura—
listisch gezeichnet haben; ja, vereinzelt reichen solche Über⸗
lieferungen für die Nordgermanen bis weit in die vorgeschicht⸗
lichen Jahrhunderte zurück. So bestand ein doppeltes Sehen?
Gewiß. Die physiologischen Reize, welche den Augennerv er⸗
faßten, und das Bild auf der Netzhaut waren in dem Auge
der Germanen im allgemeinen — sie mögen freilich durch—
schnittlich schärfer gesehen haben als wir — ganz dieselben
wie bei uns. Und wenn ein Germane dies physiologische Bild
unmittelbar, nach der Natur, mit äußerster Intensität und Treue
durch den Stift festzuhalten suchte, so war das Ergebnis im
allgemeinen das gleiche, wie bei einem dilettantischen Zeichner
von heutzutage. Anders dagegen, wenn derselbe Germane als
Künstler schuf: dann kam bei der Wiedergabe des Gesehenen
        <pb n="105" />
        30

Bildende Lunst.

ein Ornament, und nur ein Ornament, heraus. Wie ist diese
Thatsache nun erklärlich, die überlieferungsmäßig ganz feststeht
und sich in den niederen Kulturstufen anderer Völker ständig
wiederholt? Einfach durch den Umstand, daß das künstlerische
Bild nicht nach der Natur aufgenommen wurde, sondern viel⸗
mehr an der Hand der gedächtnismäßig zurückgebliebenen Vor—⸗
stellungen des einst Erschauten: der Germane sah im allgemeinen
nicht intensiver als so, daß er von dem Gegenstand ein orna—
mentales Bild behielt; und dies fixierte er nachher, wenn seine
Phantasie ihn zum Schaffen anregte.

Man mache die Probe, ob man denn selbst — wenn nicht
Künstler — heute schon Gesehenes im allgemeinen um so vieles
schärfer behalte; man beobachte die Kinder, die, wenn sie
zeichnen, nach der Darstellungsweise der niederen Kulturstufen
verfahren.

Also: von dem Inhalt des Bildes auf der Netzhaut, das
die volle Welt der Erscheinungen wiedergiebt, wurde nur ein
geringer Bruchteil in die Vorstellung gehoben, zu anschaulicher
Vorstellung umgeformt, und dieser Teil war Grundlage der
Kunstübung.

Nun versteht sich ohne weiteres der Entwicklungsgang der
deutschen Malerei und bildenden Kunst überhaupt — wie auch
der ganz analoge Entwicklungsgang der Kunst anderer Völker:
aus dem physiologischen Bild wird immer mehr in die ge⸗
dächtnismäßig klare Anschauung gehoben, die Annäherung der
Kunst an die Erscheinung der Dinge nimmt zu, die Kunst
wird immer naturalistischer. In welchen Entwicklungsstufen
das geschieht, wissen wir. Fügen wir nur noch hinzu, daß das
Eintreten der höheren Stufen durch eine immer stärkere Inten—
sität des Lebens, durch den Übergang schließlich zum Schaffen
nach dem Modell vermittelt werden mußte, und daß diese Ver—
mittlung nur möglich war, wenn Künstler zu sein ein be—
sonderer Beruf ward: die wirtschaftliche Arbeitsteilung, die
Möglichkeit einer sozialen Schichtung, in der viele materiell
produzieren, um anderen die Möglichkeit zu geben, rein dem
Schauen zugewandt intensiver zu sehen und hieraus genauer
        <pb n="106" />
        Bildende Kunst.

51
zu gestalten, ist deshalb notwendige Voraussetzung für die Ent—
wicklung einer höheren Kunst.

So ist der Fortschritt der Kunst bedingt durch die Art
und Weise, die Form des menschlichen vollbewußten Sehens:
ein formales Prinzip liegt den Entwicklungsperioden der Kunst
zu Grunde, nicht ein Prinzip, das stofflich aus den Gegen—
ständen der Kunst genommen werden könnte.

Es ist das ein Moment, das auf das entschiedenste betont
werden muß, sowohl für die Gegenwart, in der man wieder
viel von einer Stoffkunst hört, wie auch für die jüngst ver—
flossenen Jahrzehnte, während deren viele niemals zwischen
Armeleutemalerei und Freiluftmalerei, zwischen stofflichem und
formalem Naturalismus unterscheiden lernten. Was aber muß
man gar von einer Geschichtschreibung und noch mehr von einer
historischen, sei es der Litteratur oder der Dichtung oder
anderen Gebieten angehörigen Forschung denken, die sich von
stofflichen Prinzipien beherrschen läßt? Darstellung wie Unter—
suchung werden auf historischem Gebiete von vornherein irre
gehen, wenn sie nicht streng daran festhalten, daß für jedes
geschichtliche Verständnis das Ausgehen von der Entwicklung
der Form notwendig ist.

Denn was ist die Form? Sie ist gegenüber dem Stoff,
den die Erscheinungswelt in der einen oder anderen Weise
stellt (Gegenstand der Darstellung, Material in Stein, Erz,
Schallwellen u. s. w.), der Geist, der diesen Stoff beseelt; sie
ist die in die Dinge hineingehauchte Psyche. Geschichte aber
ist unter allen Umständen seelisches Geschehen und nichts
anderes.
Und sind diese Ausführungen, die sich allerdings gegen sehr
verbreitete Erscheinungen im Betrieb der Geschichtswissenschaften
richten, denn so neu? Wenn Goethe immer und immer wieder
als eine seiner wesentlichsten Erfahrungen betont, nur die Form
mache den Dichter, meint er da etwas anderes als das Gesagte?

Freilich giebt es scheinbare Ausnahmen von der Regel.
Eine der wichtigsten, die immer wieder zu Täuschungen Anlaß
giebt, ist in den besonderen Verhältnissen bei Beginn einer

Lamprecht, Deutsche Geschichte. Erster Ergänzungsband. 6
        <pb n="107" />
        82

Bildende Kunst.
Periode starker Vorstellungserweiterungen begründet. Nehmen
wir z. B. in der Malerei und der Dichtung die Erweiterung
des Wirklichkeitssinnes, wie man zu sagen pflegt, d. h. des
Vorstellungsumfanges in den dreißiger Jahren des 19. Jahr—
hunderts: sie führte zum Bauernbild und zur Dorfgeschichte;
oder fassen wir die gleiche Erscheinung auf höherer Stufe
in den achtziger Jahren ins Auge: sie führte zum Arme—
leutebild und zum sozialen Roman des vierten Standes —
oder ziehen wir, aus früherer Zeit, die Erweiterung der perspek—
tivischen Anschauung, überhaupt die neuen malerischen Tendenzen
in den ersten Jahrzehnten des 16. Jahrhunderts in Betracht:
sie führten zur ersten selbständigen Landschaftsmalerei. Da
kann nun wohl im ersten Augenblick die Frage auftreten, was
früher vorhanden war: das neue Obiekt, der weiter er—
griffene Stoff, oder der Sinn, der ihn erfaßte? Indes bei
genauerem Zusehen ist doch die Antwort nicht im geringsten
zweifelhaft. Es sind die neuen Triebe am Baume der Vor—
stellungserweiterung, die zuerst hervorsprossen; diese strecken sich
dann zuerst nach der Seite neuer Stoffe, die ihnen besonders
zusagen, die von ihnen am leichtesten geformt werden können;
erst später ergreifen sie die ganze Erscheinungswelt auch in
den Teilen, wo ihnen verschiedenartige Hindernisse, am häufigsten
etwa eine schon bestehende Tradition anderer Formung, rasche
und mühelose Entfaltung versagen. So handelt es sich auch
in diesen Fällen im Grunde doch um keine Stoffkunst, sondern
um eine Formkunst, die zunächst nur auf einen bestimmten
Stoff beschränkt ist: und von dieser Seite her, nicht vom
Stoffe aus, muß in die Tiefe solcher Erscheinungen gedrungen
werden.

Freilich werden wir uns im übrigen über den Begriff der
Form noch klarer werden müssen. Denn der Ausdruck ist viel—
deutig, und die folgende Darstellung, die ihn verwendet, kann
nicht durchsichtig werden, ist er nicht vorher erörtert.

Die Form, von der bisher geredet worden ist, ist die
Form, vermöge deren ein bestimmtes Zeitalter der Kunst die
Erscheinungswelt wiedergiebt. Wäre man nicht versucht, sie
        <pb n="108" />
        Bildende Kunst.

88
Stil zu nennen? Allein dies Wort wird doch in anderem
Sinne gebraucht: zumeist in Anlehnung an die jeweilige Form
der Baukunst, die mit der hier behandelten Form, schon
wegen der oben genauer besprochenen entwicklungsgeschichtlichen
Stellung der Baukunst, keineswegs zusammenfällt. So wird
man die Form vom Stile scheiden müssen und sie darum
wenigstens da, wo das einfache Wort Form Mißverständ⸗—
nisse herbeiführen könnte, am besten Gemeinform oder ge—
mein⸗psychische Form oder Form eines bestimmten Zeitalters
nennen.

Innerhalb dieser Gemeinform seiner Zeit nun, sie im ein—
zelnen verändernd und fortbildend, schafft dann der einzelne
Künstler. Denn wie er auch immer thätig sein möge, er ist eine
Persönlichkeit und thut damit gegenüber der Wirklichkeit und der
Art, wie diese von der Gemeinform ergriffen wird, ihr sein
Eignes hinzu. Dabei sind denn unendlich viele Schattierungen
in dem Wesen dieses Eignen denkbar. Aber sie alle bewegen
sich innerhalb zweier Pole. Dem Künstler kann entweder der
Drang innewohnen, aufs weiteste — oft meint er selbst:
gänzlich — in der Erscheinungswelt aufzugehen und diese so
natürlich wie nur irgend innerhalb der Tendenz der herrschenden
Gemeinform denkbar, ja über diese in leisen Schritten hinaus
wiederzugeben: in diesem Falle spricht man von Naturalismus.
Oder aber er läßt in das Kunstwerk außer der Form seines
Temperaments auch noch seine Neigung und Stimmung, im
stärkeren Falle Spuren seiner Weltanschauung, seiner sittlichen
Maximen und anderer stofflich-persönlichen Elemente einfließen:
dann wird man ihn zu den Idealisten rechnen. Demnach wäre
auch noch eine persönliche Form, und in ihr wieder eine natura—
listische und eine idealistische Abart zu unterscheiden. Und
dabei können diese Formen bei ein und demselben Künstler
vertreten sein: gerade die Großen — auf deutschem Boden
z. B. die van Eycks, Dürer, Rembrandt, Rubens — haben
die naturalistische Wiedergabe stark gefördert und die neuen
Errungenschaften dieser zugleich idealisiert.

Man sieht hieraus, wie wenig es möglich ist, die Geschichte
        <pb n="109" />
        34

Bildende Kunst.
der Phantasiethätigkeit etwa nach idealistischen und natura—
listischen Perioden zu gliedern. Wo sich eine starke Fortbildung
des Wirklichkeitssinnes vollzieht, also ein neuer Naturalismus
einsetzt, da ist alsbald auch der Idealismus zur Stelle, und
beide greifen selbst beim gleichen Künstler, wie viel mehr erst
bei verschiedenen Künstlern desselben Zeitalters, wirksam und
ständig ineinander. Und auch nach vorwiegendem Naturalismus
und Idealismus lassen sich große Perioden der Entwicklung
nicht abgrenzen. Denn was soll eine Scheidung, die immer
nur mit einem Mehr oder Minder rechnet? Elemente vor
allem der höchsten Periodenbildung müssen klar und eindeutig
und darum auch im höchsten Grade eigenartig sein. Nur
für den speziellen Verlauf einer Kunst innerhalb einer be—⸗
stimmten Periode mag eine Charakteristik der Einzelvorgänge
nach dem Überwiegen naturalistischer und idealistischer Elemente
zulässig sein. Und auf diesem Boden wird sich dann der
Regel nach herausstellen, daß in Anfangszeiten einer neuen
Phantasiethätigkeit der Naturalismus überwog, worauf eine
Zeit stärkerer Idealisierung einsetzte. Natürlich: die Künstler
erobern erst die Ausdrucksweise eines verstärkten Wirklichkeits⸗
sinnes; sind sie ihrer Meister, so schaffen sie aus dieser Be—
herrschung heraus mehr persönlich, typisierend, idealistisch.

Es erhellt hiernach, daß der Gebrauch der Wörter Idealis⸗
mus und Naturalismus (Realismus) zur Bezeichnung eines
bestimmten Zeitalters unzulässig ist. Es hat zu allen Zeiten
Naturalismus und Idealismus gegeben; und da die Gemein—
form im Verlauf der nationalen Geschichten in ihrer Entwicklung
erfahrungsmäßig durch die Entfaltung eines immer stärkeren
Wirklichkeitssinnes (richtiger: durch die immer vollständigere
Hebung physiologischer Gesichtseindrücke in den Bereich be⸗
wußter Anschauung), also durch naturalistische Vorgänge be—
stimmt ist, so bilden die verschiedenen Naturalismen der ver—
schiedenen Zeitalter das eigentlich zusammenhaltende Band der
kunstgeschichtlichen Entwicklung. Wir können demgemäß von
einem symbolistischen, ornamentalen, typisch⸗konventionellen,
individualistischen, subjektivistischen Naturalismus sprechen und
        <pb n="110" />
        Bildende Kunst.
85
müssen dies sogar auf die Gefahr hin, die grade unter
Historikern häufigen -Ismenfeinde schwer zu verletzen. In
diesem wie manch anderem Falle ist eben in der Wissenschaft
Klarheit wichtiger als ein vielleicht noch so berechtigter künst—
lerischer Widerwille gegen Begriffsbildung.

Die letzte Stufe dieses Naturalismus aber, also die Aus—
bildung des modernen Naturalismus, liegt nun im Impressionis—
mus vor. Von ihm war in den allgemeinsten Zügen und
grundsätzlich schon die Rede. Wie er sich vor allem in deutschen
Landen im einzelnen geschichtlich entfaltet hat, und wie sich
innerhalb seines Verlaufes die anfangs mehr impressionistisch-
naturalistischen Elemente in mehr impressionistisch-idealistische
umsetzten, das soll nun im folgenden zunächst für die Malerei
erzählt werden.
        <pb n="111" />
        II.
1. Da ist nun vor allem zu betonen, daß die Ent—
wicklung grade der bildenden Kunst in Deutschland während
der Anfänge des subjektivistischen Zeitalters alles andere als
leicht und damit auch einfach gewesen ist. So sicher das bis
auf den heutigen Tag letzte Ziel, der moderne Impressionismus,
schließlich erreicht worden ist, so verworren waren die Wege,
die zu dieser entwicklungsgeschichtlichen Landmarke führten.

Grund hierfür war in erster Linie der ungeheure Kräfte—
verfall unseres Volkes seit etwa 1530 bis 1550.

Wir hatten seit dem 12. und 18. Jahrhundert in unserer
inneren Entwicklung ebensoviel Glück gehabt wie Unglück im
äußeren Schicksal. In denselben Zeiten, in denen das große
mittelalterliche Kaisertum seit dem Investiturstreit troß so
glänzender Herrschergeschlechter, wie es Salier und Staufer
waren, ja eben wegen der wunderbaren Kraft dieser Herrscher
blutvoll und majestätisch wie die sinkende Sonne eines klaren
Abendhimmels zu Grunde ging, wurde unsere Kultur beinah
unerwartet aufs nachhaltigste befruchtet. Schon spurenhaft
vorhandene Anfänge einer engeren Welthandelsverbindung mit
dem mittelländischen Becken des asiatisch-europäischen Kultur—
kreises bildeten sich rasch aus; durch die Kolonisation des
heutigen deutschen Nordostens wurde die Ostsee erschlossen und
für Norddeutschland ein großer internationaler westöstlicher
Handel mit den Endpunkten London, Bergen, Nowgorod be—
gründet. Die Folge war eine reißende Zunahme der Städte—
kultur in ganz Deutschland und eine in unerwarteter Schnellig⸗
        <pb n="112" />
        Bildende Kunst.

87
keit steigende Bedeutung des Bürgertums. Weit intensiver und
weit rascher, als das aus eigenen Kräften allein hätte ge—
schehen können, vollzog sich wenigstens für einen Teil der
Nation der Übergang von der Naturalwirtschaft zur Geldwirt—
schaft mit all seinen allgemeinen seelischen und geistigen Folgen:
es war, wenigstens was die Beziehungen zum Mittelmeer an—
geht, die erhöhte Fermentation von Kulturen, die, wie z. B. die
japanische durch die chinesische, die griechische durch die klein—
asiatische und ägyptische, die römische durch die griechische, von
außen her durch Handels- und Verkehrszusammenhänge mit
entwicklungsgeschichtlich höheren Zuständen in Berührung
kommen und nunmehr geil emporschießen. So haben wir in
unseren Städten des 15. Jahrhunderts gelegentlich schon Er—
scheinungen fast der modernen Geldwirtschaft; halb modern
oder wenigstens durchaus vom Mittelalter geschieden muten
uns ihre fortgeschrittensten Persönlichkeiten an, und in Deutsch—
land hat dann eben auf Grund der angedeuteten Entwicklungen
die Reformation im tiefsten aller menschlichen Empfindungs⸗
kreise, im religiösen, den Trennungsstrich zwischen Mittelalter
und Neuzeit gezogen.

Aber blieb diese Kultur erhalten? Sie schwand teilweis
wieder dahin mit den Voraussetzungen, auf denen sie beruhte:
sie wurde, langsam natürlich, ein Opfer des Zeitalters der
Entdeckungen. Als Deutschland durch die Verlegung der
großen Handelsherde nach dem Westen Europas aus den un—
mittelbarsten Zusammenhängen des Welthandels ausschied, da
war, unter gleichzeitiger Wirkung gewisser innerer Ver—⸗
schiebungen zwischen der politischen Bedeutung der Städte und
Territorien, sein Schicksal entschieden. Schon seit etwa 1530
geht es nicht mehr recht vorwärts in materiellen wie auch
geistigen Dingen, Verfallserscheinung häuft sich auf Verfalls—
erscheinung, bis der entsetzliche Krieg der dreißig Jahre die
Lage besiegelt. Die Fürstin unter den Nationen war zum
Aschenbrödel geworden; Frankreich und England hatten Deutsch—
land überholt.

Das ist der Charakter der deutschen Kultur des 16. bis
        <pb n="113" />
        88

Bildende Kunst.

19. Jahrhunderts. Bis in die Zeiten nach dem Kriege von
1870/71, bis zur wiedergewonnenen Einheit waren wir den west—
lichen Nationen in den meisten Dingen der Kultur unterlegen und
sind es in einer Reihe der feinsten Dinge noch heute. Es muß
das offen ausgesprochen werden; es schändet nicht; und es ist
nach dem Verlauf unserer Geschichte leicht erklärlich. Der
Träger der modernen Kultur ist das Bürgertum. Wann hat
sich dies moderne Bürgertum bei den drei Nationen vergleichs—
weise entwickelt? In England wird es in der zweiten Hälfte
des 17. Jahrhunderts bedeutsam; die Führung der Nation be—
ansprucht es seit Beginn des 18. Jahrhunderts. In Frank
reich regen sich bürgerliche Interessen stärker seit etwa 1730;
sie fiegen 1789. In Deutschland wird das Bürgertum sozial,
in den gesellschaftlichen Vorgängen der Empfindsamkeit, tastend
regsam seit etwa 1750, bildet zarte Ansätze eines primitiven
politischen Verständnisses aus seit etwa 17680 — bringt es
aber zu den ersten Bildungen politischer Parteien erst im
19. Jahrhundert, nach jener jünglingshaften Heldenzeit während
der Jahre der Freiheitskriege. Wirklich etwas zu sagen hat,
führend wird es also erst im 19. Jahrhundert.

Man muß diese hier ganz grob hingeworfenen Datierungen
ständig im Auge haben, will man die deutsche Kultur seit 1750,
ja will man die Zusammenhänge der europäischen Kultur der
letzten Jahrhunderte überhaupt verstehen. Da die modernen
Kulturfortschritte sozial auf bürgerlicher Grundlage erwachsen,
und da die Kulturentwicklung der drei großen zentral- und
westeuropäischen Nationen im allgemeinen durchaus denselben
Weg nimmt, so liegt nach der soeben gegebenen Chronologie
auf der Hand, daß die jeweils neuesten Erscheinungen der
Regel nach in England auftauchen werden, darnach in
Frankreich, endlich in Deutschland. Und es ist klar, daß
das bei den Nachzüglern nicht ohne Beeinflussung seitens
der Vorderleute geschehen wird. So erklärt es sich, daß
Frankreich ständig eine Fülle englischer Kultureinflüsse aufge—
nommen und mit den eigenen Entwicklungskeimen verschmolzen
hat und noch aufnimmt und verschmilzt — von Voltaire und
        <pb n="114" />
        Bildende Kunst.

89
Früheren herab bis auf den jüngsten französischen Roman und
die letzten Geckenlaunen der Mode; und daß das deutsche Volk
jede neue freie und große Wallung eigenen Fortschrittes mit
den schon älteren Erfahrungen Englands und Frankreichs —
und zwar nicht selten englischen, durch Frankreich vermittelten,
ja auch französischen, durch England vermittelten Erfahrungen —
zu verquicken pflegt. Dabei ging dieser etwas verwickelte
Prozeß früher ziemlich langsam vor sich; heutzutage, wo sich
die Entwicklungsdifferenzen chronologisch ziemlich ausgeglichen
haben, wo weder Frankreich hinter England noch Deutschland
hinter Frankreich noch um eine volle Generation zurück ist,
vollzieht er sich reißend schnell, ist aber freilich auch mit der
immer stärkeren chronologischen Annäherung der Nationen in
seiner alten Form im Absterben begriffen. An die Stelle tritt,
bei immer wachsendem Verkehr und stets steigender Ausbildung
einer großen internationalen Gesellschaft der führenden Kreise,
ein einfacher gegenseitiger Austausch, eine wechselseitige Durch—
dringung auf gleicher Grundlage, die man sich unter dem
ohysikalischen Bilde der Diosmose veranschaulichen kann.

Früher aber und für Deutschland speziell während der
Zeiten der neuen bürgerlichen Kultur, seit etwa 1750, war es
der allgemeine Zustand, daß neue Errungenschaften nur schwer
ohne einen Hinblick auf die fortgeschrittene Kultur der west—
lichen Nationen gemacht werden konnten. Und noch früher,
don etwa 1550 bis 1750, war es noch schlimmer. Da war
die alte bürgerliche Kultur des späteren Mittelalters verfallen,
an die Stelle war eine fürstliche und adlige Surrogatkultur
getreten, die sich über den Verfallsvorgängen innerhalb der
Nation nur dadurch mühsam aufrecht erhielt, daß sie aus der
im 16. Jahrhundert noch in reicher Abblüte befindlichen italie—
nischen und später aus der französischen Kultur schöpfte: das
Kulturniveau der Nation als Ganzes war gesunken, und über
ihm schlugen die Wogen der hereinbrandenden Kultur der
romanischen Nationen zusammen.

Dies Gesamtbild aber wurde noch durch einen weiteren Zug
so wesentlich charakterisiert, daß wir auch diesen hier mit ein—
        <pb n="115" />
        30

Bildende Kunst.
führen müssen, zumal er noch für die Gegenwart von Be—
deutung ist. Schon die Entwicklungsstufen der mittelalterlichen
Kultur erhielten durch Aufnahme antiker Elemente gelegentlich
eine andere Färbung: immer und immer wieder drängten
sich die weltgeschichtlichen Elemente in der Form klassischer
Renaissancen in den Zusammenhang der nationalen Entwick—
lung ein: bald unorganisch und dann rasch wieder fast gänzlich
ausgestoßen, wie zum größten Teil in den Renaissancen Karls
des Großen und der Ottonen, bald auch organisch und dann
in die eigene Entwicklung aufgesaugt, wie in der Rezeption von
Teilen des römischen Rechts seit den Staufern. Dann aber kam
mit dem 15. und 16. Jahrhundert und von da ab andauernd für
fast ganz Europa die größte aller organischen Renaissancen: die
echte, eigentliche Renaissance. Wie wirkte sie auf die verschiedenen
Nationen? Im ganzen kann man, sieht man vom 19. Jahr—
hundert ab, wenigstens für die drei bisher betrachteten Völker,
Deutsche, Franzosen und Engländer, je eine doppelte Periode
ihres Einflusses unterscheiden: das 15. bis 16. Jahrhundert,
und später bei den Franzosen das 17., bei den Engländern
und Deutschen das 18. Jahrhundert. Von diesen beiden
Periodengruppen war die erste, insofern eine aktive Nationali—
sierung fremder Elemente in Betracht kam, mehr vorbereitend,
die zweite dagegen ging tief in Fleisch und Blut: so wenigstens
bei den Franzosen und Deutschen; die Engländer haben sich,
wie einst schon die Angelsachsen, den klassischen Einflüssen über—
haupt weniger zugänglich erwiesen. Für Franzosen und
Deutsche aber besteht innerhalb der zweiten Gruppe der große
Unterschied, daß die Periode dieser Gruppe bei den Franzosen
noch in das Zeitalter des Individualismus, unter das Regime
Ludwigs XIV. fiel, — im 18. Jahrhundert spielen die klassi—
zistischen Bestrebungen nur noch eine Nebenrolle; ziemlich frei
von ihr, nur mehr in Äußerlichkeiten von ihr bestimmt, hat
sich die französische Kultur schon seit etwa 1730 entwickelt.
Anders in Deutschland. Hier brach die zweite, hellenische
Periode der Renaissance unmittelbar in die Jugendvorgänge
des subjektivistischen Zeitalters seit etwa 1750 hinein, gab
        <pb n="116" />
        Bildende Kunst.

91

in der Dichtung zu der Zeit, da diese aus Empfindsamkeit
und Sturm und Drang dazu überging, einen neuen Idealismus
zu entwickeln, diesem Idealismus einen antiken Anstrich — und
bestimmte, wie wir sehen werden, noch weit mehr das Schicksal
der bildenden Künste. Nur die Musik hielt sich von diesem
Ansturm frei — wie auch hätte die Antike ihr beikommen
sollen? —: und darum ist allein sie völlig klar, frühzeitig und
organisch entwickelt worden. Und auch die Philosophie wurde
von der Antike weniger betroffen: da wurde die ganze Wirk—
lichkeit der Zeit, die hinter jeder Bildung einer wahrhaften
Weltanschauung stehen muß, als ein genügendes Gegengewicht
gegen jede Renaissance erprobt.

Wir übersehen jetzt im allgemeinen die besonderen Um—
stände, die fördernden und die hemmenden Elemente, unter
deren Dasein sich die seit dem 16. Jahrhundert in ihrer
Weiterbildung so schwer geschädigte und darum gegenüber
fremden Einflüssen so wenig widerstandsfähige deutsche Kultur
und so auch die bildenden Künste und speziell die Malerei seit
etwa 1750 entwickelten: starke Einwirkung einer Renaissance,
die seit dem 15. Jahrhundert andauerte und nun eben wieder
in neuer Kraftentwicklung begriffen war; ständiger Einfluß der
weiter fortgeschrittenen bürgerlichen Kulturen der Westländer,
Englands und Frankreichs.

—

2. Selbständige Versuche in der Richtung auf eine sub—⸗
jektivistische Malerei sind auf deutschem Boden seit 1750 immer
und immer wieder hervorgetreten. Aber sie haben im all—⸗
gemeinen nicht durchdringen können gegenüber einer Strömung
antikisierender Formen, die sich, einmal an der Oberfläche be—
findlich, mit modernen Neigungen bis weit hinaus noch über
die siebziger Jahre des 19. Jahrhunderts verband.

Die subjektivistische Richtung trat begreiflicherweise zuerst
im Bildnis auf und im eigentlichsten Bürgerstande: denn
das Bildnis muß, wenn es als echt und ähnlich wirken soll,
immer der jeweiligen eingeborenen Ausbildung des künstlerischen
        <pb n="117" />
        32

Bildende KUNunst.
Sehens folgen: es sei denn, daß dieses Sehen schon bis zur
gänzlichen Auflösung des Umrisses fortgeschritten sei und damit
die Möglichkeit, ein Bild aus der Nähe zu betrachten —
worauf das Bildnis der Regel nach angewiesen ist — allzusehr
beseitigt habe. Bürgerlich aber mußte dieser neue Impressio—
nismus sein gegenüber der noch fortdauernden fürstlichen und
Adelskunst, weil eben das Bürgertum der eigentliche Träger
der Kultur des neuen Zeitalters zu werden begann.

Die ersten Spuren des Neuen finden sich daher bei bürger—
lichen Malern und Porträtisten, so namentlich Graff (1736 -1818)
und Chodowiecki (1726— 1801), den beiden eng befreundeten
Meistern Dresdens und Berlins, — bei dem letzteren außer in
den Porträts auch in den zahlreichen Sitten-, Kostüm- und Zeit—
bildern, die seiner fleißigen Nadel verdankt werden. Charak—
teristischer von beiden ist Graff; während Chodowiecki das Neue
eigentlich zunächst nur stofflich ergriff und ihm zugleich seine
Kunst, die fast ganz die der Zeichnung und der Radierung war,
nur schwer gestattete, in der Wiedergabe des Lichtes über die
Errungenschaften namentlich der Niederländer des 17. Jahr—
hunderts hinauszugehen, hat Graff als Ölmaler gewaltige
Schritte nach vorwärts gethan. Er machte sich frei von der
eingehenden Behandlung der Nebendinge; nur den Kopf gab
er überzeugend wieder in einem konzentrierten Lichte bei meist
hell gewählter Palette; und im Kopfe wieder ging er ganz auf
den Eindruck des Geistigen, des Auges. Seine besten Porträts,
unter denen sich eine große Anzahl von Bildnissen unserer
Geisteshelden aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts
befindet, so ein Lessing, Herder, Wieland, sind ersten Ranges
und vermögen sich, rein künstlerisch betrachtet, durchaus, aber
selbst entwicklungsgeschichtlich einigermaßen neben der englischen
Bildniskunst der gleichen Zeit zu halten.

Viel weiter vorwärts auf dem Wege der subjektivistischen
Malerei führte eine Strömung bürgerlicher Landschaftsmalerei,
die sich von Dänemark her, indes — wie denn Dänemark
damals noch eine Domäne deutschen Geisteslebens war — von
Norddeutschen entwickelt, weiter nach Norddeutschland hinein,
        <pb n="118" />
        Bildende Runst.

os
und hier vornehmlich in Hamburg, in einem letzten Vorort
aber südlich noch bis Dresden verbreitete. Sie knüpft sich an
die Namen Jusls, Dahls und Friedrichs, und sie findet ihren
Höhepunkt in Philipp Otto Runge (1777—1810). Bei den
Kopenhagenern ist vor allem das Bestreben wahrzunehmen,
die Landschaft nicht mehr in den Gegenständen, sondern in der
Farbe, in den das Ganze frei durchwaltenden Tönen wallenden
Lichtes wiederzugeben. So entfernt sich namentlich Friedrich,
der fortgeschrittenste dieser Gruppe, von der herkömmlichen
konventionellen Beleuchtung mit ihrem gleichmäßigen Ton oder
mit ihren durch besondere Himmelserscheinungen motivierten
Lichteffekten; er sucht das lichtumflossene Einfache auf, die
großen Formen der See etwa oder langhinstreichende Land⸗
massen in verschwimmenden Tönen des Zwielichts. Der
Mecklenburger Runge, die schönste Zeit seiner Wirksamkeit in
Hamburg ansässig, ist gegenüber den Kopenhagenern fester;
mehr gleichsam Landmensch sieht er die Umrisse noch ziemlich
linienhaft. Dennoch ist er ein Meister der Beobachtung des
Lichtes; er zuerst hat farbige Schatten gemalt. Und keines—
wegs bloß auf eine Erweiterung des malerischen Wirklichkeits—
sinnes ist er bedacht; im tiefsten Grunde eine starke Persön—
lichkeit, schafft er idealistisch das nach ihm wenig fortgepflegte
monumentale Bildnis und wird der Erfinder einer Ornamentik,
die in ihren konstituierenden Elementen wie sogar in ihrer
dekorativen Palette lebhaft an die Anfänge der modernen
oollimpressionistischen Ornamentik erinnert.

Fast noch früher aber als in Norddeutschland zeigen sich
auch in Süddeutschland Spuren einer neuen Malkunst. Hier
eröffnet der Züricher Salomon Geßner (1730 -1788) den Reigen
mnit seinen stimmungsvoll-sentimentalen Landschaftsradierungen
freilich noch arkadischer Gattung; viel mehr auf die Natur selbst
und deren leuchtend-farbige Seite gehen dann ein die Vedutenmaler
Philipp Hackert (1737 — 1807), der die Landschaft freilich vielfach
noch in altem Sinne, doch unter stärkerem Abschreiben des natür—
lichen Wesens auffaßte, und Ludwig Heß (1700 —1800), der erste,
der der Schweizerlandschaft Töne feineren Lichtes abgewann.
        <pb n="119" />
        4

Bildende Runst.

Aber entschieden durchgeschlagen hat weder die norddeutsche
noch die süddeutsche Bewegung. Die süddeutsche war gegen—
über ihrer Schwester im Norden insofern im Nachteil, als ihr
in den Alpen, die sie zunächst fast allein wiedergab, mehr
eine Umriß- als eine Stimmungslandschaft zu Gebote stand,
falls man unter einer Stimmungslandschaft eine Landschaft
verschwindender Konturen, aber starker Beleuchtungserschei—
nungen in Dunst und Nebel verstehen will, wie sie die
Seeküsten des Nordens darbieten. Aber auch später, als in
Süddeutschland Richtungen auftraten, die schon leise nicht
bloß auf eine bessere Behandlung des Lichtes und einen
stärkeren Realismus der Darstellung ausgingen, sondern der
modernen Form der subjektivistischen Malerei, dem Impressio—
nismus, näher traten, als Bürkel und Spitzweg in München
malten, sind diese Richtungen doch für den Gesamtfortschritt
zunächst unfruchtbar geblieben; noch in den dreißiger, ja
vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts wurden ihre Leistungen
als Erzeugnisse eines unkünstlerischen, unbegabten und gänzlich
unorientierten Dilettantismus verachtet. Und von Hamburg
aus ist wohl, etwa im dritten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts,
die künstlerische Befruchtung einiger Akademien des Binnenlandes
versucht worden, — der Hamburger Kaufmann hat sogar zumeist
Bilder aus dem bayrischen Hochland gemalt: aber eine größere
Wirkung ist auch von diesen Vorgängen nicht ausgegangen.

Die herrschende Malerei war vielmehr zunächst die des
Klassizismus und der Romantik. Diese Malerei aber hat
die gemeinsame Entwicklungsgrundlage, daß sie Kunst—
anschauungen verdankt wurde, die der herrschenden Renaissance
entsprangen.

Da hatte nun schon die ältere Renaissance des 16. Jahr—
hunderts die deutsche Kunst im Grunde zum Absterben gebracht.
Zwar in der Malerei, wo antike Vorbilder fehlten, war man
eigene, nationale Wege gegangen, obwohl diese schließlich nur
an einer Stelle zu dauernder Blüte geführt hatten: in Holland,
da, wo sich vermöge der besonderen Lage des Landes der Anschluß
der gesamten Kulturentwicklung an den Aufschwung West—
        <pb n="120" />
        Bildende Kunst.
ä
europas hatte vollziehen lassen und das Elend des allgemeinen
deutschen binnenländischen Verfalls nicht eingetreten war. In
der Baukunst aber und auch in der Bildnerei hatte die Re—
naissance schon des 16. Jahrhunderts verhängnisvoll gewirkt:
eine reine heimische Kunst war verloren gegangen: in lang—
samem Absterben, wenn auch unter Aufnahme mancher nationaler
Elemente hatte eine halbfremde Renaissancearchitektur und
Renaissanceplastik eine Architektur und Plastik des Barocks
und des Rokokos geboren. Und von diesen an sich nicht volks—
tümlichen Kunstformen unterlag dann das Rokoko in Deutsch⸗—
land schließlich nicht einmal mehr nationaler Bearbeitung!
Die Fürsten und, soweit er es vermochte, auch der Adel bezogen
die besseren Werke dieser Kunst aus Frankreich, oder ließen
französische Werkleute zu deutschen Bauten kommen oder sandten
begabte Künstler nach Paris in französische Lehre.

Dazu kam, daß diese fremde Kunst auch die noch vor—
handenen Resterscheinungen nationaler Malerei immer mehr
erdrückte. Das Rokoko erzeugte schließlich ein architektonisches
Gesamtkunstwerk, dem sich die Malerei unterordnen, in dessen
Räumen sie sich französieren und klassisch akademisieren mußte.
Was dann noch außer dieser Berührung verblieb, war der
Hauptsache nach nur die Bildnismalerei und die Sittenmalerei
für bürgerliche Kreise: und wir haben gesehen, wie Graff und
Chodowiecki hieran anknüpfend die Anfänge einer neuen Kunst
entwickelten.

Im ganzen aber räumte das Rokoko im Bereich volks—
tümlicher Kunstübung völlig auf: nicht bloß die Entwicklung
der Kunstformen brach ab, selbst die künstlerische Technik drohte
verloren zu gehen.

Und soweit der Zusammenhang der alten volkstümlichen
Kunst noch nicht durch die alte Renaissance und deren Folge—
stile bis zum Rokoko hin durchbrochen war, wurde er schließlich
von der neuen, hellenischen Renaissance des 18. Jahrhunderts
beseitigt. Denn diese Renaissance brachte die Lehren Winckel—
manns und die Vorliebe für die antike Plastik: die Bildnerei
der Griechen galt als der unübertreffbare Höhepunkt aller
        <pb n="121" />
        6

Bildende Kunst.
menschlichen Kunst, als die vollendetste Umgestaltung der Natur
in Kunst für alle Zeiten der Vergangenheit wie Zukunft. An
ihrem Kanon und Wesen begann man daher nicht bloß die
moderne Bildnerei, nein, fast noch mehr die moderne Malerei
zu messen. Weg mit der Farbe, — nur noch der Umriß gilt;
weg mit der Seene des Sittenbildes und weg erst recht mit der
Landschaft: nur die statuarische Haltung der Gestalten, nur
eine Malerei gleichsam im plastischen Flachbild entsprach jetzt
hohen künstlerischen Zielen.

Was mußten diese Lehren für die ermattete, fast schon zu
Boden gedrückte volkstümliche Kunst bedeuten! Sie stärkten
sie nicht oder läuterten sie zu rascherer und reicherer Durch—
bildung, so wie etwa verwandte Lehren gegenüber der nationalen
Dichtung gewirkt haben: sie erdrückten sie. Nun gingen
auch die letzten Erinnerungen fast an die einst so blühende
künstlerische Technik der heimischen Kunst verloren; man
„malte“ nur noch im bloßen Umriß, mit dem Zeichenstift und
höchstens unter verstohlener Zulassung der Contrebande der
Farben; man schraubte sich künstlich zurück auf den entwicklungs—
geschichtlichen Standpunkt etwa des 14. und 15. Jahrhunderts.
Was demnach die Kunstgeschichte des 19. Jahrhunderts wenigstens
in der Malerei zunächst werden mußte, war klar: ein freilich
von modernen Elementen durchsetzter Wiederholungskurs der
Leistungen des 14. bis 18. Jahrhunderts.

Nur in ganz allgemeinen, darum abkürzenden und hier
und da zu entschieden zugreifenden Zügen überschauen wir den
Verlauf dieses Kurses.

Er beginnt wie billig mit einer rein zeichnenden Kunst
antik⸗-bildnerischen Stils und anfangs zumeist auch antiken
Inhalts. Der Meister dieses Stils war Carstens (1754-98).
Dann folgten, innerhalb dieses Stiles, doch unter stärkerer
Hinzunahme der Farben, die sich je länger je weniger umgehen
ließen, die klassizistischen Landschafter: Idealisten einer aus typi—
sierten Kulissen zusammengesetzten und ins Ganze durch—
komponierten Landschaft: Koch, Rottmann, Preller. Der letzte
hedeutende Klassizist war Genelli (1798 -1868).
        <pb n="122" />
        Bildende Kunst.

97
Aber neben die klassizistische Kunst hatte sich bald eine
comantische gestellt, der künstlerischen Form nach ihr zu—
nächst gleich, inhaltlich aber verschieden. Es war eine Zwei—
teilung der Entwicklung, die dadurch möglich ward, daß diese
ganze zeichnerische Kunst, wie jede moderne Umrißkunst, Großes
nur leisten konnte durch Entfaltung eines stark gedanklichen
Charakters. Denn wird in Kulturen von unserer Entwicklung
die sinnliche Seite betont, so treten alsbald Farbe und Licht
hervor als unumgängliche Körperelemente gleichsam der Malerei:
nur im Gedanklichen läßt sich noch der bloße Umriß, die Zeichnung
halten. Bestand nun aber um 1800 eine bloße Zeichen—
kunst und wurde dadurch der Inhalt Mitherr der Malerei, so
mußten neben die klassizistischen Ideen auch immer mehr roman—
tische treten: denn die Romantik war ganz anders, als es
früher der Klassizismus gewesen, die geistige Herrscherin
nindestens der ersten Generation des neuen Jahrhunderts. So
stellten sich denn neben die Klassizisten zunächst die Nazarener,
uind Carstens wurde abgelöst durch Overbeck (1789 -1869).
Zugleich aber zeigte sich, daß die romantischen Empfindungen
und Ideen doch in viel vertiefterem Sinne Zeitausdruck
waren, als die klassizistischen; die Nazarener gründeten und be—
fruchteten zahlreiche Schulen in Deutschland, so besonders in
Wien, Dresden und Frankfurt; und ihre letzte Generation wies
als Hauptvertreter nicht einen Mann von den kleinen Ab—
messungen Genellis auf, sondern zwei so wunderbar poetische
Naturen wie Moritz von Schwind (1804—1871) und Ludwig
Richter (18031884). Und auch malerisch⸗-technisch blieben die
Romantiker der Zeit nicht so fern wie die Klassizisten: schon
das brachte sie dem nationalen Empfinden näher, daß sie die
Ideale ihres Umrißstiles nicht mehr in der Antike und noch
dazu in der Bildnerei suchten, sondern auf christlichem Boden,
in der Malerei des italienischen Quattrocentos und der folgenden
italienischen, gelegentlich sogar der entsprechenden deutschen
Jahrhunderte. Und was noch mehr besagte: diese Romantiker
unterdrückten die Farbe nicht mehr von Grund aus, wenn sie
sie auch anfangs überaus schüchtern, gleichsam nur als Umriß—

Lamprecht, Deutsche Geschichte. Erster Eraünzungsband. *
        <pb n="123" />
        —

Bildende Kunst.
füllung verwandten: sie waren doch im Grunde zu modern,
zu christlich vor allem, um sie nicht zu lieben. Und so schuf
schon ihre erste Generation eine, freilich oft in geschmackloser
Buntheit angewandte Palette kalten Tones (blauer Grund—
farbe), die wie eine abgeblaßte Palette des Rokokos aus—
sieht und gewiß auch zu dieser Beziehungen hat; und die
späteren Generationen gingen erst recht, wenn auch immer
noch mit Zurückhaltung, ins Farbige.

Ehe indes dieser Fortschritt eintrat, vereinigte ein ge—
waltiger Meister, Cornelius (1783—-1867), in seinem Können
gleichsam Klassizismus und Romantik, indem er mehr romantisch
von Dürer ausging, später aber Anregungen vornehmlich von
dem italienischen Cinquecento, der Höhezeit der ersten großen
Renaissance, erhielt und indem er zugleich, ein Moment, das
in die Zukunft wies, starke Einwirkungen jener historischen Be—
trachtungsweise der Dinge erfuhr, die seit den dreißiger
Jahren ein immer wichtigeres Element des allgemeinen Denkens
zu werden begann. Sein Nachfolger, freilich nicht recht wert,
hm die Schuhriemen zu lösen, war Wilhelm von Kaulbach.

Inzwischen aber war mit leisen Rucken von der Umriß—
kunst aus hin zur wirklichen Farbe und nicht mehr bloß zu
farbiger Konturfüllung ein Fortschritt auf der Bahn des großen
Wiederholungskurses gemacht worden, der den berechtigten
Tendenzen der Zeit selbst verdankt ward. Für gewisse Gegen—
stände, die sich nun einmal nicht antikisieren und romantisieren
ließen, hatte sich ein gesunder Realismus ausgebildet, ein
Realismus, der schon ein wenig nach dem Impressionismus hin—
schielte, ohne doch bereits als sein unmittelbarer Vorgänger
gelten zu können: man hatte handfeste Militärbilder, topo—
graphisch deutlich erkennbare Landschaften und unstilisierte,
wirklich ähnliche Bildnisse malen gelernt. Es war einstweilen
eine stille Winkelkunst, die zunächst abgelegen in unakademischen
Orten, wie Nürnberg oder Hamburg, blühte; aber auch in Wien
und Berlin trat sie auf, und in München machte sie sogar dem
großen Cornelius zu schaffen.

Hängt es mit der Strömung auf mehr Wirklichkeit, die
        <pb n="124" />
        Bildende Kunst.

99
in diesen kleinen Anfängen fühlbar ist, zusammen, daß sich auch
bon den Romantikern seit Schadows Leitung der Düsseldorfer
Akademie (1826f.) eine mehr der Wirklichkeit zugewandte
Schule loslöste? Schadow kam von den Romantikern her,
hatte aber in Rom französischen Kolorismus schätzen gelernt:
denn die Franzosen waren niemals einer solchen Farben—
verwüstung unterlegen als die Deutschen; davor hatte sie das
bei ihnen wirklich lebendige Ausleben eines eigenständigen
reichen Rokokos und der viel geringere Einfluß der hellenischen
Renaissance bewahrt. Französische Zusammenhänge bestimmen
also schon hier mit die deutsche Entwicklung: wie oft werden
wir ihnen noch im Verlauf der deutschen Malerei des 19. Jahr—
hunderts begegnen! Freilich darf man sich nun den Kolorismus
der Düsseldorfer Schule nicht zu stark vorstellen, so außer
ordentliches Aufsehen er bei seinem Auftauchen in den Kunst—
ausstellungen, namentlich in Berlin, als eine unerhörte Kühn—
heit machte. Es war eine Farbigkeit im Sinne der Über—⸗
gangszeit vom 16. zum 17. Jahrhundert, beileibe noch nicht etwa
Rubens oder gar Rembrandt, und daneben noch sehr, sehr viel
Zeichnung — das Ganze ein wenig flau, „schön“, nach unserer
Auffassung Farbendruck — aber angewandt doch schon auf
neue Gebiete, so die Landschaft (die Achenbachs, Lessing), das
bald „so beliebte“ Düsseldorfer Sittenbild (wobei aber die Eng—
länder, namentlich Wilkie, Pate standen) und auch auf die
Historie im damaligen Verstand, namentlich die ölbildliche
Illustration der Klassiker.

Weitergeführt wurde der allgemeine Repetitionskurs der
Entwicklung der Malerei vom 14. bis zum 18. Jahrhundert mit
einem großen Sprung Anfang der vierziger Jahre, der un—
mittelbar den Vlamen, mittelbar den Franzosen verdankt wurde.

Die Franzosen hatten, wie schon bemerkt, niemals den
Kolorismus verloren. Und sie hatten ihn seit den zwanziger
Jahren, damals, als in Frankreich der Historismus mit Michelet,
Mignet, Thiers, Thierry, Guizot seine großen Triumphe zu
feiern begann, zur Entwicklung einer neuen Geschichtsmalerei
ausgenutzt, nachdem schon vorher die koloristischen Romantiker,
        <pb n="125" />
        00

Bildende Kunst.

vornweg Delacroix, gezeigt hatten, was die Farbe bei virtuoser
Behandlung vermöge. Der erste große Meister dieser Historien—
malerei war Delaroche. Von dieser Malerei waren denn auch
die Vlamen, wie von jeder großen Bewegung der französischen
Kultur des 19. Jahrhunderts, stark beeinflußt worden. Aber
sie hatten ihr anch, wie ebenfalls jedem anderen französischen
Kultureinfluß des Jahrhunderts, ihr starkes germanisches Naturell
entgegengestellt und sich dabei in diesem Falle auf Rubens ge⸗
stütgt. So kam es während der dreißiger Jahre in Belgien
zu der Historienmalerei der Wappers, de Keyzer, Slingeneyer,
Gallait, Bièfve, die im wesentlichen die volle Entwicklungshöhe
der Kunst des 17. Jahrhunderts wiederaufleben ließ, so wie
etwa Rubens auf ihr gestanden hatte.

And diese Kunst wurde nun in Deutschland seit 1842 durch
einige Bilder Gallaits und de Biöfves bekannt und wirkte — um
einer herkömmlichen Redensart einmal zu vollem Recht zu ver⸗
helfen — wirklich wie eine Offenbarung. Was sich in dem deutschen
Wiederholungskurs leise als eine künftige Möglichkeit angedeutet
hatte, ein Kolorismus im Sinne des großen vlamischen Meisters
italienischer Farbung: hier schien es vollendet. Was Wunder,
daß jetzt deutsche Schüler zahlreich in den Werkstätten Brüssels
und Antwerpens auftauchten? Und von den Vlamen drangen sie
zu den Franzosen vor, unter denen namentlich Couture ein be⸗
liebter Lehrer der Deutschen ward, und zu den vlamischen
Einwirkungen fügten sie — in gewissem Sinne wieder ein
Schritt vorwärts zum farbigen Licht — Einflüsse der Vene—
tianer. Aus diesen Zusammenhängen ging die große deutsche
Historienmalerei der fünfziger Jahre hervor, deren bezeichnendster
Meister Piloty gewesen ist; mit seinem „Seni vor Wallenstein“
(1855) begannen ihre glänzendsten Zeiten. Und die Technik
dieses malerischen Historismus wurde von Knaus, Vautier,
Defregger auf die Sittenmalerei übertragen, von den Achen⸗
hachs mit einer etwas älteren Malweise verschmolzen, von Len—
bach unter emsigem Studium der verschiedensten alten Meister
dem Bildnis zugeführt, von Makart endlich in gewaltigen deko—
rativen Bildern zu ihren vollsten koloristischen Reizen entwickelt.
        <pb n="126" />
        Bildende Kunst.

101
Hatte man nun damit den ganzen Kreis der Alten durch—
wandert? Nein, noch gab es an einer Stelle zu lernen, da,
wo die Alten dem Licht-Farbeneindruck als Grundelement des
malerischen Sehens und Schaffens am nächsten getreten waren:
für die Deutschen bei gewissen Holländern der großen Zeit, wie
Pieter de Hooch, Terborch u. a., für die Franzosen (und dadurch
teilweis auch Vlamen) bei gewissen Italienern und Spaniern
des 17. Jahrhunderts, am Ende vornehmlich bei Velasquez.
Es war ein letzter Moment der Abhängigkeit von den Alten,
der, soweit die deutsch-vlamische Entwicklung in Betracht kam,
auch an ein bestimmtes Stoffgebiet anknüpfte, an das Sittenbild:
denn in diesem hatten sich die vorbildlichen Meister der Vergangen—
heit zumeist bewegt. Die Anfänge liegen hier in Flandern;
das erste ein Wahrzeichen bildende Kunstwerk ist Leys' „Hoch—
zeit im 17. Jahrhundert“ (1845). Leys hat sich dann in einer
zweiten Periode, seit Mitte der fünfziger Jahre, mehr von den
alten Vlamen des 15. Jahrhunderts und Dürer beeinflussen
lassen, womit der Übergang zur religiösen Malerei zusammen—
hing; hier ist auch der Punkt, wo entwicklungsgeschichtlich die
religiös-archaische Malerei des Düsseldorfers v. Gebhardt und
seiner Schüler abzweigt. Im inneren Deutschland aber kam
das historische Sittenbild zur rechten Blüte erst mit den sechziger
Jahren, etwa gleichzeitig, eher etwas früher, als die damals
einsetzende Bewegung einer kunstgewerblichen Renaissance; seine
Höhezeit fällt etwa in die Zeit der Münchener Ausstellung und
das Jahr 1876; und in München, in Diez und seiner Schule,
hat es wohl auch seine besten Triumphe gefeiert.

Es war in dem letzten Jahrzehnt der vollen Lebenskraft
jenes Historismus, der seit den zwanziger und dreißiger Jahren
die Nation so vielfach, und nicht bloß auf ästhetischem Gebiete,
hatte rückwärts schauen lassen: jenes Historismus, der die studierende
Jugend in besonderer Andacht vor den Kathedern der Geschichts—
professoren versammelte, der in der Vergangenheit etwas an
sich und selbstverständlich Besseres verehrte, der den Enthusias—
mus des Antiquars erzeugte und die Begeisterung für die po—
litische Größe des Mittelalters, der den historischen Roman und
        <pb n="127" />
        102

Bildende KUunst.

schließlich die Butzenscheibenlyrik großzog. Wie hätte er nicht
auch die Malerei und alle anderen Künste am Alten festhalten
sollen, stofflich und technisch? Man malte Bilder, die alte
Geschichten darstellten, Staatsaktionen und zuständlich Kleines,
und man malte sie im alten Stile.—

War das aber ein Zustand von der Gewähr längerer
Dauer? Wie die gläubige Bewunderung der Vergangenheit
immer mehr zu deren Verständnis führte und ein Verständnis
zum Vergleich mit der Gegenwart, und wie dieser Vergleich dann
den unumstößlichen Entschluß zeitigen mußte, wie alle Ge—
schlechter vordem vornehmlich der Gegenwart zu leben: — so
erschöpfte man schließlich auch den Lehrgang der über alles ge—
liebten und bewunderten Alten, sah sich mit Einem vor den
Thoren der Schule und mußte sich entschließen, auf eigene Faust
zu leben. Man war reif zu Neuem: die Kunst sagte dem 17.
und 18. Jahrhundert Ade, wie vorher dem 14. bis 16. Jahr—⸗
hundert; sie ward eine Kunst der Gegenwart und verwarf mit
den Lehrern der Vergangenheit zugleich den Historismus und in
ihm die Wissenschaft, deren Ausdruck er war: ihre eigene
Leiterin wollte sie fortan sein auf unbekannten Pfaden, und
indem sie den Mut hierzu gewann, ward sie in der That Füh—
rerin in ein neues seelisches Leben überhaupt und auf ihrem
engeren Gebiete Führerin hin zur modernen Phantasiethätigkeit
des Impressionismus.
        <pb n="128" />
        III.
1. Hat darum die deutsche Kunst, insbesondere die Malerei,
den Weg zum Impressionismus allein zurückgelegt, ohne Hilfe
der Kunst anderer Völker? Keineswegs. Ihr größter Pfad—
finder nach diesem Ziele, Menzel, hat so gut wie keine Schüler
gehabt. Noch einmal machte sich hier geltend, daß der furcht—
bare Verfall seit dem 16. Jahrhundert uns grade erst im
18. Jahrhundert recht künstlerisch abhängig gemacht hatte von
den Franzosen, und daß uns die hellenische Renaissance in
unserer Armut und Hilflosigkeit ganz anders entscheidend als
anderen Völkern eine Wiederholung jener Stufen der Kunst
aufgedrungen hatte, die entwicklungsgeschichtlich eigentlich schon
überwunden waren. Das gab anderen Völkern einen Vorsprung,
den sie inzwischen genutzt hatten. Spätestens in den Zeiten
unseres großen Historienbildes und unseres geschichtlichen
Sittenbildes entwickelten sie schon so kräftige Triebe des Im—
pressionismus, daß wir ihnen nicht nachkamen, daß wir viel—
mehr nach dem großen Kriege von 1870,71 namentlich von den
Franzosen aufzunehmen hatten, was wir selbst nicht in aller
Eile hätten nachholen können, selbst wenn die geistige Dispo—
sition dazu vorhanden gewesen wäre, — victi victoribus leges
—X
Aber freilich: unvorbereitet traf uns das rasche Eindringen
des malerischen Impressionismus in den siebziger Jahren nicht
— sonst hätte er auch nicht so rasch siegen können —: viel—
mehr gab es auch in unserer Kultur tausend Anfänge schon
und Vorahnungen und Vorschöpfungen des Kommenden. Sie
        <pb n="129" />
        104

Bildende Kunst.

einmal bis ins einzelne nachzuweisen, wird eine der schönsten
Aufgaben eines Geschichtschreibers der deutschen Kunst im
19. Jahrhundert sein.

Gehen wir im folgenden zunächst auf die fremde Entwick—
lung ein, so kann es nicht die Absicht sein, sie völlig gleich—
mäßig und unter Berücksichtigung aller ihrer wichtigen Erschei—
nungen zu schildern. Es kann sich vielmehr nur darum han—
deln, die Momente herauszuheben, die zum Verständnis der
etwas verwickelten deutschen Vorgänge, diese im weiteren Sinne
genommen, unerläßlich sind.

In den Vordergrund tritt da zunächst die Entwicklung der
englischen Landschaftsmalerei. England ist das geeignetste
Land für die Erkenntnis zarter Wirkungen des Lichtes, — schon
in Deutschland hatten wir wahrnehmen können, daß die ersten,
folgenlos gebliebenen Versuche voller subjektivistischer Malerei
an den Seeküsten, und ebenfalls im Landschaftlichen, in den
malerischen Objekten weiter Raum- und Luft- und Licht—
beziehungen gemacht worden waren. Und England war das
Land fortgeschrittenster bürgerlicher Kultur. So kann es nicht
wunder nehmen, wenn der erste große landschaftliche Subjek—
tivist Englands, Gainsborough (1727 -1788), schon in den
Zeiten des Rokoko gelebt hat. Von ihm hat er nun gewiß
noch einige Stilelemente. erhalten: die unwirkliche Anmut der
Linien, die salonmäßige, seidige Farbengebung. Aber durch
sie hindurch klingt doch deutlich schon ein Zug zur bloßen
Wiedergabe der Farbeneindrücke, und die Landschaft erscheint
nebeldurchwirkt und in den Umrissen gelockert.

Auf Gainsborough folgte Turner, ein frühester Meister
absoluten Lichts und bloß des Lichtes in seinen verwegensten
alles durchsetzenden Manifestationen, von der Silberflut eines
Lichtmorgens an bis zu den purpurnen und goldenen Feuer—
werkskünsten eines sonnigen Abends. Aber er hat keine Nach—
folge gefunden; die weitere Entwicklung knüpfte vielmehr an
Gainsborough an. Auf ihm hat in der nächsten Maler—
generation vor allem Crome (1769- 1821) gefußt, nur daß er
aicht mehr die duftige Landschaft Suffolks, sondern die kräftige
        <pb n="130" />
        Bildende Kunst.

—105
Norwichs malte. Darum blieb er denn auch, bei allem rea—
listischen Eingehen in Einzelheiten, im Umriß fester, und, ein
Schüler und Verehrer Hobbemas und seiner kräftigen Flach—
landschaften, steht er etwa auf der Entwicklungshöhe Michels
oder auch schon Huets in Frankreich. Zugleich aber nahm in
seiner Generation die englische Malpraxis eine Technik stark
auf, die allein schon zeigt, wie weit man bereits ganz allgemein
für eine wirkliche Farbenkunst reif war. Im Jahre 1805
wurde die Society of painters in watercolours begründet,
und schon vorher hatte man die Aquarellmalerei besonders
lieben gelernt. Die Aquarellmalerei bringt lichte Farben und
führt gern unmittelbar vor die Natur, gestattet außerdem, mit
Meisterschaft betrieben, ganz besonders leicht die Wiedergabe
einer als Summe von Farbeneindrücken gesehenen Landschaft
und erlaubt daher, die alten landschaftlichen Kompositions⸗
grundsätze zu verlassen, — auch in Deutschland hat sie, in der
Durchbildung der Aquarelle Karl Werners (1808 -1894) und
Eduard Hildebrandts (1818 -1868), vornehmlich in den fünf⸗
ziger und sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts eine Rolle in
der Vorbereitung des vollen Impressionismus gespielt.

In England hat Constable (1776 -1837) im Anschluß
an die Entwicklung der bisher genannten Meister einige Prin—
zipien des Aquarells auf die Olmalerei übertragen. So kennt
er z. B. nicht mehr die alte Landschaft mit ihren hübsch auf—
gebauten Kulissen und ihrem System der drei sorgsam aus—
gebauten braunen, grünen, blauen Gründe, er sieht auch nicht
mehr auf die alte bildmäßige Wirkung — durchschneidet z. B.
Bäume im Stamm —, und er malt nicht mehr spitz, sondern
breit und wuchtig. Und da schwindet denn mit dem Zeichne—
rischen auch die alte Stilisierung des Umrisses; das Natürliche
erscheint natürlich; die Farben beginnen das Bild zu kon—
stituieren, Luft und Licht beginnen sich zu regen: die Bilder
atmen einen anfänglichen Impressionismus.

Constable ist in Armut gestorben. Aber er hat seine Kunst
nach Frankreich übertragen. Im Jahre 1827 stellte er in
Paris aus, machte Aufsehen und erhielt die große goldne Me—
        <pb n="131" />
        los

Bildende Kunst.
daille. Später sind auch in England die Landschaftsmaler
seines Weges gezogen, wenngleich der volle technische Impressio—
nismus sich dort seit den fünfziger Jahren schließlich auf ganz
anderem Wege, nämlich aus der eingehendsten naturalistischen
Behandlung jeder kleinsten Einzelheit durch die Prärafaeliten,
entwickelt hat.

In Frankreich hatte schon die erste Zeit erwachender bürger⸗
licher Kultur einen Versuch erlebt, in lichten Farben zu malen:
bereits Watteau ging ins Helle und noch weit mehr van Loo
(1705 - 1765) und Boucher (1703 1770). Allein sie alle,
ohne dauernd durchzudringen. Vielmehr trat durch den Ein—
luß der großen Italiener, namentlich Rafaels und Tizians, und
im Zusammenhang mit den Einwirkungen der hellenischen Re—
naissance bald eine Verdunkelung der Palette ins Bräunliche,
Graue und Gelbliche (foncé) ein: zu der Zeit, da die Deutschen jede
Farbe fast verloren, erhielten sich die Franzosen wenigstens die
Farbenkunst der David und Genossen, die Palette des Klassi—
zismus. Von diesem Kanon aus, der sich mit der langen
Dauer des französischen Klassizismus in gewissen Abwand—
lungen bis auf Ingres und seine Schule erhielt, haben die
Franzosen dann in einer oberen Strömung der Malerei, ähnlich
wie die Deutschen, eine Art freilich viel freieren kunstgeschicht⸗
lichen Wiederholungskurses durchgemacht: da wird Prudhon
während des ersten Jahrzehnts des 19. Jahrhunderts in der
Behandlung der klassizistischen Farbenwerte besonders fein, da
geht Géricault zu der neuen, freilich recht brutalen Farben—
gebung eines leuchtenden Kolorismus über, bis Delacroix
(1799 1863) als Stürmer und Dränger den endgültigen
Fortschritt bringt, der eben noch innerhalb der alten Kunst des
17. Jahrhunderts denkbar war: wunderbar glühende Farben,
namentlich ein brennendes Dunkelrot, die Raumtiefe noch ge—
schaffen durch Rembrandtsches Helldunkel, der landschaftliche
Hintergrund fast zu verwechseln mit der Technik des Rubens.
In dieser Richtung haben dann Maler, wie Decamps, Fleury,
Chassériau und gröber Couture (1815—1879), der Lehrer der
Deutschen, fortgeschaffen; doch bleibt in dem hier gegebenen
        <pb n="132" />
        Bildende Kunst.

107
Zusammenhange der Ablauf dieser oberen Strömung in seinen
Einzelheiten gleichgültig.

Um so mehr interessiert uns eine untere Strömung in
Frankreich, die seit den zwanziger Jahren stärker ward; denn
sie brachte die ersten Entwicklungsphasen hin zum Impressio—
nismus, und sie ging, wie schon erwähnte verwandte Bewe—
gungen in Deutschland und England, auf die Landschaft. Ihre
ersten Vertreter waren keineswegs angesehen; neben ihren schnöde
behandelten Schöpfungen prangten noch lange als eigentliche
Kunst die Erzeugnisse der großen klassizistischen Landschaft, der
vus ajustée; der arme George Michel (1763 — 1843), der erste
große Meister der neuen Landschaft, hat so wenig wie Con—
stable ein angenehmes Leben gehabt. Aber diese frühe Gene—
ration kümmerte das wenig. Unbefangen machte sie ihre Aus—
flüge aus Paris in die wechselvolle Landschaft von St. Cloud
und Ville d'Avray und brachte die gewonnenen Eindrücke mit
möglichster Treue auf die Leinwand.

Durchschlagend aber wirkte diese Generation noch nicht,
sondern erst die nächste, die schon unter dem Einflusse Constables
stand und als Schule von Fontainebleau bekannt ist. Fünf
Jahre nach der Ausstellung der Bilder Constables in Paris
liegen ihre Anfänge, die sich an den Aufenthalt Rousseaus
(18124 1867) und bald auch einiger anderer Maler in dem
Dorfe Barbizon, mitten unter den reichen und abwechslungsvollen
Schönheiten des Waldes von Fontainebleau, knüpfen; und über
ein Menschenalter fast hat sie geblüht, um schließlich dem
Historismus der fünfziger Jahre anerkannt zur Seite zu treten,
ja ihn in der Weiterentwicklung ihrer Tendenzen zu besiegen.
Da finden wir Rousseau, den knorrigen Heroiker mit seinen
noch im ganzen dunklen Tönen, schwer, in der Luft vielfach
trüb, noch von vorwiegend gelber Stimmung; da tritt uns
der Vater Corot (1796—1875) entgegen, ein lichtfreudiger
Idealist, der mehr wie andere Glieder der Gruppe schon den
Umriß auflöst, von liebenswürdiger lyrischer Begeisterung: wie
er bescheiden von sich sagte, uns alouette, qui pousse de
petites chansons dans mes nuages gris; da ist der launen—
        <pb n="133" />
        108

Bildende Kunst.
hafte, prickelnde Diaz; da präsentieren sich, schon weiter fort—
geschritten in der neuen Technik, der Tiermaler Troyon (1810
bis 1865), der kurz vor seinem frühen Tode in seinen Boufs
se rendant au labour die urwüchsigste Kraft verriet, und
vor allem Daubigny (1817-1878), eine träumerische, musi—
kalische Seele, derjenige Meister der Schule, der in seinen
späteren Bildern alle Fortschritte der neuen Kunst mitmachte
und die Zeit der alten Revolutionäre der dreißiger und vierziger
Jahre mit jener der jüngeren der sechziger und siebziger verbindet.

War nun mit der Kunst von Fontainebleau schon der
volle Impressionismus, die Darstellung der Erscheinungen als
Summen von farbigen Lichteindrücken, erreicht? Keineswegs.
Nur ein Schritt auf dem Wege dahin war gethan. Die
Meister dieser Kunst sind fast alle gute Zeichner gewesen, und
grade derjenige von ihnen, der dem vollen Impressionismus
am nächsten steht, Corot, hat mit dem liebevollsten Eingehen
auf jedes Detail gezeichnet. So halten sie im Grunde an
dem zeichnerischen Gerüst des Bildes fest. Aber fest verwachsen
mit der Landschaft, deren Reize sie wiedergeben, Kenner all
ihrer Heimlichkeiten im Duft und Atem gleichsam der Erde,
beleben sie dies Gerüst, umkleiden es mit den blühenden
Einzelheiten des Eindrucks der Gegenstände und auch dem
Flaum schon der Eindrücke der Luft und des Lichtes. Sie
—DD
aber ihr Gedächtnis war scharf und ihr Empfinden konzentriert
genug, um aus dem Erschauten mehr festzuhalten, als die Vor—
gänger vermocht hatten. Und zu dem Festgehaltenen gehörten
auch schon die feinen atmosphärischen Werte, das „Ambiente“ der
Dinge; es ist kein Zufall, wenn diese Meister gern zu dem die
Dinge leis umrandenden Pastellstift griffen an Stelle des Pinsels.

Man fuhlt, daß hier die Vorbedingungen für eine große
idealistische Kunst gegeben waren. Und ihr Meister kam in
Millet (1814-51874), dem armen Bauernburschen aus der
Normandie, dem grüblerischen Philosophen, der so gern die
Griechen las und von ihnen vor allem den Theokrit, dem so
lange darbenden kleinen Einwohner von Barbizon. Er war
        <pb n="134" />
        Bildende Kunst.

109
es, der zuerst auf Grund der Errungenschaften seiner Mit—
strebenden die Landschaft von Fontainebleau auf ihre ein—
fachen großen Linien zurückführte, der mit wenigen aufgesetzten
Farben und noch lieber mit der großzügigen Sprache des
Pastellstifts die Daseinsharmonie dieser Landschaft enträtselte:
den klaren, fast lebendig atmenden Bau des Geländes, das
Schwingen der Luft, das Leuchten des Himmels im Silber der
Mittagssonne oder in den wogenden Strahlen des Abendrots.
So erschien ihm die Landschaft belebt, pathetisch, heroisch ganz
ohne den Aufwand der gezeichneten Kulissen des älteren klassi—
zistischen Idealismus: die Imponderabilien triumphierten, die
Mutter Erde sprach gleichsam aus ihnen: es war der tiefe
Herzschlag des Pantheismus. Und in diese Landschaft trat
der Mensch — der Landmann in seiner nackten Wahrheit. Den
Bauer nicht bei seinen Festen, wo er dem neugierigen Städter
interessant“ erscheint, nein, den Bauer bei seiner Arbeit, in dem
schweren, von Jahr zu Jahr wiederholten Kampfe und in dem
doch zugleich so ruhigen Zusammensein mit der Natur hat Millet
nach den ewigen Zügen seines Wesens geschildert: als den un—
erläßlichen Bestandteil und doch zugleich harten, hart arbeitenden
Herrscher der Kulturlandschaft. Und das geschah mit den—
selben großen Zügen, mit denen er die Landschaft wieder⸗
gab. Monumental, wie aus Erz gegossen — wie leicht hat
Meunier diesen Typus, übertragen auf den vierten Stand
des modernen Industriearbeiters, plastisch behandeln können! —,
in dem erhabenen Hauch des Dauernden, nur sich selbst lebend,
auf den knappsten Ausdruck seiner äußeren Formen gebracht
und darum in der Poesie und dem Idealismus des Alltags: so hat
er diesen Bauer vor uns gestellt, nur in der Grundnote seiner Be⸗
wegung, reliefartig vom Hintergrunde abgehoben, in der einfachen
Selbstverständlichkeit seines Daseins feierlich, in fast mystischer
Wirkung. Kam dann gar zu der einfachen Darstellung noch
ein entsprechendes Stimmungsmoment, wie in dem „Angelus“ von
1859, so sind Kunstwerke von unvergänglichem Werte entstanden.

Millet ist ein Meister für sich; die Entwicklung schritt
weiter fort, der immer mehr anwachsende Wirklichkeitssinn
        <pb n="135" />
        110

Bildende Kunst.
drängte zu einem stets stärkeren Impressionismus. Und bald
stellte sich heraus, daß es sich im Grunde um zwei Stufen des
Fortschrittes handelte. Die erste Stufe ist dadurch charakterisiert,
daß der Wirklichkeitssinn sich noch mit der mehr äußerlichen,
gleichsam physiologischen Betrachtung der Dinge begnügte: daß
der einzelne Gegenstand zunächst ins Auge gefaßt ward, daß dessen
Körperlichkeit deshalb — und mit ihm auch noch halbwegs der
Umriß — in erster Linie wiedergegeben wurde, und daß sich
das Ganze des Bildes immer noch aus den einzelnen Gegen—
ständen zusammensetzte. Dieser Stufe, und zwar der frühesten
Entfaltung, gehörte die Schule von Fontainebleau an; Millets
idealistische Malerei, welche die Formen noch streng bewahrte,
wenn sie auch deren scharfen Umriß schon abschliff, welche so oft
noch den idealisierten Menschen in großer Figur, gleichsam im
Relief vor eine Landschaft niedrigen Horizontes setzte, ist nur
unter den allgemeinen Bedingungen dieser Stufe denkbar und
verständlich. Vollendet wurde diese Stufe durch Courbet
(1819 - 1877). Courbet hat das Stoffgebiet der französischen
Malerei stark erweitert — er war u. a. der erste wirkliche
Marinemaler —, er hat die Errungenschaften der Schule von
Fontainebleau auf die Innenmalerei übertragen, er hat in der
Komposition die Konsequenzen der neuen Kunst stärker gezogen,
er hat zuerst das Kunstprinzip der vérité vraie, wonach man
nur die Natur und nicht sich selbst geben solle, mit der Über—
zeugtheit Zolas verkündet, wenn er ihm auch in seinen Bildern
so wenig wie Zola gerecht ward, und er ist mit allen Mitteln
großstädtischer Propaganda, Agitation und Reklame für das
Neue eingetreten. Er war zweifellos ein großer Maler. Aber
sein Verdienst ist, entwicklungsgeschichtlich betrachtet, doch nicht
das der Begründung einer neuen, höheren Phase des Impressio—
nismus, wie man wohl hören kann: er bringt nur den physio—
logischen Impressionismus zum vollen Ausdruck und vor allem:
er zeigt der Welt, daß er da ist, und daß er sich von dem ge—
wonnenen Boden nicht mehr wird vertreiben lassen.

Die zweite, höhere Stufe dagegen wird erreicht durch Manet
1833 -1883). Sie unterscheidet sich von der ersten dadurch,
        <pb n="136" />
        Bildende Kunst.

111
daß nunmehr nur jener farbige Lichteindruck wiedergegeben wird,
den ein Abschnitt der Erscheinungswelt als Ganzes auf ein
empfängliches Auge macht. Es ist gleichsam das Netzhautbild
als Ganzes, das auf die Leinwand gebracht werden soll. Das
Körperliche des einzelnen Gegenstandes, für sich betrachtet,
schwindet dabei, während der dreidimensionale Eindruck des
vollen Sehgebietes zunimmt, da die zwischen den Gegenständen
lutende Luft in ihren verschiedenen farbigen Abstufungen nach
der Tiefe zu besser zum Ausdruck gebracht wird. Es ist gegen—
über dem physiologischen ein psychologischer Impressionismus;
die harte Außerlichkeit der Dinge wird dem inneren Gesichts—
eindruck als eine Totalität untergeordnet.

Manet hat anfangs ganz in den überlieferten Bahnen
der Kunst geschaffen. Erst seit etwa 1860 zeigt sich bei ihm
ein Umschwung; 1868 war er im Salon schon mit zwei Bildern
bertreten, der „Geißelung Christi“ und dem „ruhenden Mädchen
mit einer Katze“ (Olympia), die vom Herkömmlichen so sehr
abwichen, daß sie stets von einem dichten Kreise von Spöttern
umgeben waren; um 1870 entstanden dann die ersten Werke
eines im wesentlichen schon vollendeten psychologischen Impressio⸗
nismus, vor allem das „Ehepaar Nittis“ und das „Rennen von
Longchamps“. Und zugleich wurde Manet immer persönlicher.
Sehr begreiflich. Der Maler, der die Gesichtsbilder in seiner
Seele als malerisches Objekt betrachtet, steht diesem Objekt
nicht so fern als der Maler, der sich ausgesprochenermaßen
oder auch naiv an die körperhafte Außenwelt als Vorlage
hält. Können wir denn überhaupt anders als bildlich von den
Gesichtsbildern in unserer Seele sprechen? Gehen hier nicht
das perzipierte Bild und die perzipierende Seele, Objekt
und Subjekt von selbst durcheinander? Wird nicht das Be—
obachtete von vornherein in die eigene Phantasie, das Gesehene
in ein Geahntes, das Erschaute in ein vom Subjekt aus
Empfundenes umgesetzt? In diesem so überaus leicht ein—
tretenden Übergange liegt es begründet, wenn sich der psycho—
logische Impressionismus früh in eine Stimmungskunst, in
einen primitiven Idealismus der Stimmung umgestaltet. Schon
        <pb n="137" />
        112

Bildende Kunst.

bei Manet ist das teilweis der Fall gewesen, noch mehr trat
dann die Wandlung bei seinen Nachfolgern, z. B. Degas ein.

Wir werden auf deutschem Boden in der Entwicklung der
Malerei wie auch in der Entwicklung der Dichtung dieselbe
Erscheinung wiederfinden: der psychologische Impressionismus
schlägt alsbald in den Idealismus der Stimmung um, der sich
als Symbolismus oder Neuromantik oder wie man sonst die
betreffenden Erscheinungen genannt hat, offenbart; und bei
stärkerer Entwicklung festerer Elemente einer ständigen Stim—
mung, d. h. bei dem leisen Auftauchen konstituierender Motive
einer Weltanschauung, kann sich dieser primitive Idealismus
dann zu höher stehenden, klareren Formen entwickeln, welche der
Ableitung des Wortes Idealismus von Idee entsprechen. Noch
an verschiedenen Stellen wird auf diese für die Entwicklung
des modernen Seelenlebens überaus bezeichnenden Umformungen
zurückzukommen sein.

Im übrigen versteht es sich, daß Manet nur der Be—
gründer, nicht der Vollender des psychologischen Impressionis—
mus der Malerei gewesen ist. Für uns liegt aber kein wesent⸗
licher Grund vor, die weitere Entwicklung in Frankreich noch
genauer zu verfolgen. Nur das sei bemerkt, daß sich für die
Gegenwart in Frankreich im ganzen und großen drei Richtungen
der Malerei unterscheiden lassen.

Eine erste taucht die Erscheinungswelt in eine Art hellen
Nebels, der den Umriß gänzlich zerflattern und die Dinge wie
durch eine unendlich weiche und dann noch verwischte Photo—
graphie hindurch erkennen läßt. Man könnte sie die Malerei
der Kurzsichtigen nennen. Sie ist zugleich die Malerei der
delikaten Farbenabstufungen und der Versuche, die Bilder auf
bestimmte Töne, ein zartes Grau etwa oder Gelb oder
Rosa, zu stimmen: die Malerei der Farbensymphonie. Vielfach
schließt sie sih an die Kunst Puvis de Chavannes an, die
sich, Wandmalerei und ein dekoratives Element der Baukunst
im höheren Sinne, in sehr hellen, duftigen Farbenharmonien
ergangen hatte. Im ganzen ist leicht zu ersehen, daß diese
Kunst, trotz der Verschleierung des Umrisses, doch im Grunde
        <pb n="138" />
        A

118
eben noch auf diesem beruht; es ist eigentlich eine Kunst der
Zeichnung, die dem modernen, auf Farbeneindrücke gerichteten
Auge nur die nötigen Zugeständnisse scheinbarer nebelhafter
Auflösung macht; entwicklungsgeschichtlich steht sie auf dem
Niveau der Anfänge von Fontainebleau, ist also eigentlich eine
zurückgebliebene Erscheinung. Denn im Grunde ist hier die
Schwierigkeit, farbige Lichteindrücke in den feinsten Abschattie—
rungen wiederzugeben, nicht gelöst, sondern vielmehr — nach
heutiger Auffassung — umgangen.

Eine zweite Richtung, die der eigentlich entwicklungs—
geschichtlichen Kunst, geht darauf aus, die Errungenschaften
des psychologischen Impressionismus zu bergen und auszubauen.
Es handelt sich da um zweierlei: darum, reinere, feinere, zarter
gegeneinander abschattierte Farbeneindrücke in sich aufzunehmen,
also noch besser sehen zu lernen, und darum, das feiner Ge—
sehene nun auch im Bilde wiederzugeben und anderen zu ver—
mitteln. Auf dem ersten Gebiete ist natürlich die intensive,
rasch aufnehmende und den Augenblickseindruck zäh festhaltende
Beobachtung das wichtigste Geschäft und zunächst das einzige
Mittel, um weiter zu gelangen; in unendlich verschärftem
Maße ist es gerade in Frankreich angewandt worden. Aber
daneben hatte in Deutschland schon Goethe das Studium der
Optik empfohlen, und in England hatte Ruskin bereits in den
bierziger Jahren ebenfalls die Wissenschaft als Hilfsmittel der
Malkunst herangezogen. Das ist denn auch in Frankreich, und
wiederum hier wohl in besonders hohem Grade, geschehen;
nach Anleitung der feinsten Erfahrungen und Beobachtungen
der Optik hat man zu sehen gelernt und namentlich im Reiche
der Widerscheine wahre Entdeckungen gemacht. Wie aber das Be⸗
obachtete farbentechnisch verwenden und wiedergeben? Da zeigte
sich bald, daß die bloße Mischung der Farben den feinen Ab—⸗
stufungen der Farbeneindrücke auch nicht entfernt mehr gerecht
wurde. Dagegen lag schon die alte Malererfahrung vor, daß sich
der Eindruck feinster Nuancen durch Nebeneinanderstellung gewisser
Farbentöne erreichen lasse, wenn man das Bild aus gewisser
Entfernung betrachtet. Diese Praxis mußte jetzt systematisch

Lamprecht, Deutsche Geschichte. Erster Ergänzungsband. 8
        <pb n="139" />
        114

Bildende Kunst.
ausgebaut werden; in dieser Richtung verlief die Entwicklung.
Nun hatte schon Manet in seinen späteren Bildern so gearbeitet.
Und die ihm nächstverwandten Meister setzten diese Art zu—
nächst fort, wenn auch noch grundsätzlicher und mit noch weiter
entfaltetem Farbensinn, so vor allem Besnard. Bald aber ging
eine andere Richtung noch weiter. Um eine noch stärker diffe—
renzierte Wirkung zu erhalten, begann sie grundsätzlich jeden
Farbeneindruck nicht mehr durch eine Farbe, sondern durch
eine Farbenzusammenstellung wiederzugeben, etwa nach Analogie
des Sonnenlichts, dessen weiße Farbe bekanntlich durch die
bunten Farben des Spektrums gebildet wird. Es ist eine
Methode, bei der die Nüancen durch Zusammenstellen der in
der Farbentechnik bekannten Farbenwerte auf dem Wege der
Kombination und Permutation fast bis ins Unendliche gesteigert
werden können: und so kann sie an sich sehr wohl als ein geeignetes
Mittel erscheinen, der für unser Empfinden thatsächlichen Un—
endlichkeit, weil dem ständigen Übergange der Farben gerecht
zu werden. Durchaus auf bestimmte Regeln gebracht erscheint
sie nun in dem sog. pointillage, der regelmäßigen Verbindung
einer gewissen Anzahl von Farbentupfen zur Wiedergabe der
Nüancen; daneben aber tritt sie häufiger in freierer Form auf.
Die Entfaltung dieser ganzen Technik erfolgte wohl zuerst, und
jedenfalls zuerst ganz augenscheinlich, in der Landschaftsmalerei,
und der eigentliche Meister der hierher gehörigen Landschafts—
kunst ist seit Ausgang der siebziger Jahre Monet (geb. 1840);
neben ihm sind u. a. noch Pissaro (geb. 1830) und Lebourg
(geb. 1849)9 zu nennen. Auf die Wiedergabe von Er—
scheinungen, die dem Auge näher stehen, vor allem des Menschen,
hat Lenoir (geb. 1841) die Methode angewandt.

Doch wäre es falsch, wollte man sich die französische Kunst
der Gegenwart von den Experimentatoren des Neuen beherrscht
denken. Nur wenige sind es, die ins Unbekannte streben, wenn
auch die allgemeinen Errungenschaften der Malerei im Sinne der
Meister von Fontainebleau, sowie Courbets und selbst Manets
fast durchweg angenommen sind. Im ganzen herrscht — und
das ist die dritte Richtung — die Neigung zur Vermittlung
        <pb n="140" />
        Bildende Kunst.

115
zwischen alt und neu. Denn Frankreich ist im Grunde wie
in seinem sozialen Leben so in seiner Kunst konservativ. Daß
innerhalb dieser vermittelnden Strömung die verschiedensten
Mischungen von alt und neu denkbar sind, das giebt heute
der französischen Kunst einen guten Teil ihres Charakters.
Und was für Kombinationen kommen da nicht auch wirklich
vor! Der jüngere Dubufe z. B. malt ganz in den Farben der
modernen Kunst, des stärksten psychologischen Impressionismus,
verbindet aber damit die lineare und umrißfeste Formgebung der
Alten: die Wirkung ist, selbst bei Bildnissen, eine rein dekorative.
Und doch darf man vielleicht die Stärke dieser Versuche, Altes
und Neues zu amalgamieren, nicht unterschätzen: denn wo wäre je
Dauerhaftes anders als aus der Verbindung von Vergangenheit
und Gegenwart, von Bestand und Fortschritt geschaffen worden?

2. In Deutschland liegen die Anfänge der neuen Kunst
nicht so früh wie in England, und ihre Entwicklung geht nicht
so klar und gleichsam systematisch vor sich, wie in Frankreich.
Ist doch Frankreich das Land der folgerichtigsten Geschichte
schon darum, weil diese sich zum großen Teil in Paris, also
unter der Einheit des Ortes, und in einer Großstadt, und das
heißt unter Ziehung auch der äußersten Folgen jeder jeweils
herrschenden Entwicklungsrichtung abspielt.

Wir wissen, wie sich in deutschen Landen hier und dort
unter der zunächst alles beherrschenden oberen Strömung des
Wiederholungskurses schon in den Zeiten des Klassizismus und
der Romantik stille, der Wirklichkeit zugewandte Unterströmungen
bildeten: dahin gehört die Vedutenmalerei schon seit Beginn des
19. Jahrhunderts, die Militärmalerei nach 18183, die Malerei der
Jagdstücke, die Bildniskunst u. a. m. Und diese dünnen realistischen,
farbenfroheren Unterströmungen schwollen immer mehr an, ihre
Tendenz begann in der Schadowschen Schule (1826f.) schon
die obere Strömung zu treffen, und in dem Fortgang dieser
Schule, in der Person des leider so früh vollendeten Rethel,
im Laufe der vierziger Jahre trat gradezu eine Vermischung ein.

2*
        <pb n="141" />
        16

Bildende Kunst.
Es war dasselbe Jahrzehnt, in dem die Unterströmungen
auch sonst, und mehrfach schon beinah außer Berührung mit
der Oberströmung, das Interesse einer weiteren öffentlichkeit
zu gewinnen wußten. Dem großen Publikum traten sie in
der Lithographie und im Holzschnitt nahe: es ist die Zeit der
Begründung unserer ersten illustrierten periodischen Blätter,
des Entstehens unserer frühesten öffentlichen Karikatur, die
Zeit, auf deren gesundem Boden später die Busch und die Ober⸗
—V
Die wichtigsten Fortschritte aber wurden doch im stillen ge—
macht, und zwar, ähnlich wie um einige Jahrzehnte früher
in England und in Frankreich, auf dem Gebiete der Land⸗
schaftsmalerei. Und der Kreis wiederum innerhalb dieses
engeren Gebietes, auf dem man vorwärts drang, war der der
Malerei landschaftlicher Stimmungen.

Stimmungsmalerei kann objektiv und subjektiv getrieben
werden; es kann sich darum handeln, daß der Künstler der
Landschaft eine persönliche Stimmung einverleibt, oder aber
daß er die in der Landschaft selbst gegebene Stimmung aus
ihr herausholt. Natürlich aber giebt es zwischen diesen Gegen—
sätzen eine Masse von Übergängen. Die klassizistische und
romantische Ideallandschaft war sehr häufig und im Grunde
immer subhjektiv stimmungsvoll gewesen: welche starken Accente
des persönlichen Pathos sprechen z. B. aus Rottmanns
Marathonbild! Jetzt dagegen handelte es sich darum, objektive
Stimmungen wiederzugeben, was dann unmittelbar in die
atmosphärische Seite der Landschaft, in Licht und Luft hinüber—
führte: denn eben in diesen sind vornehmlich die Elemente
objektiver Stimmungsbildung beschlossen.

Wie sehr häufig bei dem Versuche, neue Seiten der Wirk—
lichkeit der Darstellung zu erobern, suchte die Kunst auch dies—
mal vor allem die Stellen auf, welche die Lösung der Aufgabe
erleichterten, also die Landschaften starker Stimmung: es waren,
da man das Meer noch kaum gewonnen hatte und an die
früheren Versuche der Kopenhagener nicht anknüpfte, die Land⸗
schaften der Mosel und des Mittelrheins mit ihrem starken
        <pb n="142" />
        Bildende Kunst.

117
Gehalte an Wasserdampf und mit den braungoldenen Tönen ihrer
herrlichen Abende und, dicht bei ihnen, die Landschaften der
Eifel mit ihrer Schwermut, mit der Verlassenheit ihrer lang—
hinstreichenden Hochebenen und dem phantastischen Wechsel ihrer
geologischen Formationen. Hier entwickelten die Düsseldorfer
schon in den dreißiger Jahren eine rege Thätigkeit; Lessing,
einer ihrer Größten, entdeckte vor allem die Eifellandschaft und
gab sie mit einer bis dahin unerhörten Treue der Beobachtung
wieder.
Etwas später aber ward noch ein anderes Gebiet stärkster
Stimmungselemente entdeckt, die bayrische Hochebene, nament—
lich nach dem Salzburgischen zu, diese Stätte wohl der
größten deutschen Regenmengen und jedenfalls eines in den
Lufterscheinungen besonders intensiv wechselnden Himmels.
Hier war schon der wunderliche, vergnügsame Spitzweg
(1808 - 1885) mit seinen Landschaftsbildern zu Hause; vor allem
aber wurde diese Landschaft und das südlichere Voralpengebiet
überhaupt der Herrschaftsbereich von Schleich (1812 1874):
auf der entwicklungsgeschichtlichen Höhe etwa der Schule von
Fontainebleau hat er, teilweis in großen Formaten, Luft und
—DD—
Übergang in eine kältere Palette fehlt, um ganz Wahrheit
zu sein.

Und auch sonst fehlte es in Deutschland nicht an Über—
gängen zu einem physiologischen Impressionismus der Landschaft;
auch aus den mitteldeutschen Gebieten wäre eine ganze Anzahl
wenn auch minder hochstehender Meister zu nennen. Ja selbst
die Hilfe des Aquarells, von dem schon gelegentlich der englischen
Entwicklung die Rede war, versagte nicht. Hier wirkte in den
fünfziger Jahren namentlich Karl Werner, in den sechziger
Eduard Hildebrandt. Beide malen in freier Luft, und beide
setzen das Licht schon stark in den Lokalton. Und beide er⸗
reichen die Höhe der ihnen zugänglichen Wirklichkeitswiedergabe,
indem sie mit Vorliebe außerhalb Deutschlands thätig sind, in
Gegenden mit reicherem, sich mehr aufdrängendem Licht, der
eine in Italien und den östlichen Mittelmeerländern, der andere
        <pb n="143" />
        118

Bildende Kunst.

in seinen Reisen um die Welt unter dem Einfluß nicht bloß
starken, sondern auch sehr verschiedenartigen Lichtes. Was Wunder,
wenn sich besonders ihm, dem Kosmopoliten, die Geheimnisse
dieses Lichtes aufdrängten? Daheim aber machte man ihm
zum Vorwurf, er erstrebe phantastische Eindrücke und die Gegen⸗
stände wären ihm bis zu dem Grade nur Unterlage zur Dar—⸗
stellung von Lichtwirkungen, daß darüber Form und Kompo—
sition verloren gehe. Es sind Vorwürfe, die den ungewollten
Beweis erbringen, daß Hildebrandt unmittelbar an der Schwelle
zum psychologischen Impressionismus stand.

Aber all diese verheißungsvollen Ansätze führten nicht zu
einer grundsätzlichen und durchschlagenden Wendung. Es war
ihr Schicksal, daß sie, entsprechend der Zerstreuung der deutschen
Kultur, vereinzelt blieben; es fehlte die gegenseitige Anregung
und der aus ihr hervorgehende Trieb auf einen allgemeinen
Fortschrit. Zudem: wie übermächtig war in den Tagen
dieser Malerei der Historismus, und das hieß die Figuren—
malerei: — vor allem gerade in München und Düsseldorf
feierte sie, dort im Historienbild, hier im Sittenstück, in den
fünfziger und sechziger Jahren ihre größten Triumphe.

Aber auch der Übergang zu einem physiologischen Im—
pressionismus des Figurenbildes schlug nicht durch; denn im
Grunde wurde er nur durch zwei große, aber vereinzelt bleibende
Meister vertreten, durch den sterreicher Pettenkofen und vor
allem den Preußen Menzel.

Von der Lithographie ausgehend, die sein Vater und auch
er anfangs berufsmäßig betrieben, zeigt Menzel (geb. 1815) schon
in seinen ersten Olbildern gegen Ende der dreißiger Jahre eine
damals fast allein dastehende Wahrheit in der Beobachtung des
Farbigen und in seinen Zeichnungen zur Zeit Friedrichs des
Großen (von 1840) einen malerischen Zug, der eine bis dahin
unbekannte Tonfeinheit der Holzschneidekunst hervorrief. Im
nächsten Jahrzehnt, deutlich seit 1830 („Tafelrunde Friedrichs
des Großen“), beginnen dann weitere Entdeckungen Menzels auf
dem Gebiete der Malerei. Sie laufen etwa parallel den im—
pressionistischen Anfängen der Prärafaeliten und haben mit
        <pb n="144" />
        Bildende Kunst.

119
diesen im Keime viel Ähnlichkeit. Das Ziel ist in beiden Fällen,
mit der eingehendsten Sorgfalt das einzelne malerische Element
der Erscheinungswelt zu erfassen und zur Darstellung zu bringen
in der Erwartung, daß bei stärkstem Wirklichkeitsstudium im
einzelnen sich auch stärkste Wirklichkeitswirkung im ganzen her—
ausstellen müsse. So ist denn Menzel, wie er mit einer litho—
graphierten Selbstbiographie begonnen hatte, bis in sein hohes
Alter ständiger Begleiter seines Tageslebens mit Stift und
Pinsel geblieben; immer und immer wieder hat er mit dem
kleinsten Gegenstand seiner Umgebung gerungen, um ihn male—
risch zu bewältigen, nicht anders, wie er bis zu jedem Stück
Litze der fridericianischen Uniformwelt archäologisch und malerisch
durchdrang.

Seit den sechziger Jahren wurde Menzel mit der so er—⸗
rungenen Kunst der Maler der großen politischen Gegenwart:
„Krönung in Königsberg“, „Abreise König Wilhelms zur Armee
—DDD00
Scenen aus dem Pariser und Veroneser Volksleben, katholische
Prozessionen und protestantische Gottesdienste Brunnenpromenade
in Kissingen, Ballpausen der Berliner Gesellschaft, Scenen aus dem
Leben am preußischen Hofe, — vor allem aber der große Epiker der
modernen Arbeit: „Eisenwalzwerk“ vom Jahre 1876. In diesen
Bildern offenbart sich seine ganze Kunst. Das, was sie aus⸗
zeichnet, ist freilich nach wie vor der unglaublich sichere Blick
für das Einzelne. Daher — und auf diesem Gebiete reicht
Menzel bis tief in die Auffassung des psychologischen Im—
pressionismus hinein — vor allem keine Komposition: der Vor—
gang als Ganzes wird genau so erfaßt, wie er sich abspielt,
das Bild ist nichts als ein Ausschnitt aus dem Leben. Schon
das Königsberger Krönungsbild ist so gemalt und erregte eben
darum Anstoß bei Hofe. Darum weiter keine Spur künstlicher
Lichtführung mehr: frei flutet der Strahl, und frei werden die
Dinge von seinen tausend und abertausend Widerscheinen umspielt.
Da sollte man denn freilich auch statt der alten Farbenwelt
des Renaissancepinsels eine solche farbiger Lichteindrücke er—
warten. Aber hier ist nun das Gegenteil der Fall; denn hier wirkt
        <pb n="145" />
        120

Bildende Kunst.
Menzels Auffassung des Einzelnen ein. Er zeichnet das Ein—
zelne noch, weil er es zunächst einzeln und darum in der strengen
Umrißform sieht. Und wo er bis ins einzelne nicht mehr
zeichnet, da malt er jedenfalls — der Beweis innerlich zeichne—
rischen Empfangens — mit spitzem Pinsel. Er verbindet also
moderne Komposition des Ganzen mit einer oft unendlich
minutiösen, überaus phantasievollen und doch den Gegenstand
mit hartem Wirklichkeitssinn umdrängenden Zeichnung im
einzelnen. Wie sollte da die Farbenwelt als Ganzes, als licht⸗
durchwebt und lichtverzehrt, zu ihrem ganzen Rechte kommen?
Das ist das Gebiet, auf dem Menzel am alten Kanon fest—
hält; und so bezeichnet seine Malerei in gewisser Richtung die
äußerste Grenze eines physiologischen Impressionismus, ohne sie
zu überschreiten.

Es ist eine persönliche Stellung, die an sich vielleicht schon
die Bildung einer Schule ausschloß, sicher aber unter dem Fort—
dauern des technischen wie stofflichen Historismus bis in die
siebziger, ja achtziger Jahre hinein zu dieser nicht führen konnte:
und so ist die Kunst Menzels einsam geblieben. Ahnlich steht
es mit der Kunst August von Pettenkofens (1822 -1889). Nur
daß diese schon nicht mehr unbeeinflußt von den Franzosen
war: nur halb als unabhängiger Pfadfinder eines deutschen
Impressionismus ist Pettenkofen zu rechnen.

Pettenkofen ist wohl der erste deutsche Offizier außer
Diensten, der in der Geschichte des Ringens des späteren
19. Jahrhunderts nach einer neuen Kultur einen unbestreit—
baren Platz einnimmt. Wir werden solcher Offiziere im
Fortschreiten unserer Betrachtungen noch mehrere treffen:
hier sei nur an den Philosophen v. Hartmann, den Maler
o. Uhde, den Dichter v. Liliencron, den Ethiker v. Egidy er⸗
innert. Ein Gemeinsames durchzieht das Wirken aller dieser
Männer. Sie verlassen den Beruf mit einer strengen Erziehung
zur Treue und Wahrhaftigkeit der Arbeit; sie treten in kräf—
tigem Mannesalter unvoreingenommen, nicht allzusehr von
kulturellen Überlieferungen belastet an das Werk, zu dem sie
ihre Begabung hinzieht. So schaffen sie frei, ernst und im
        <pb n="146" />
        Bildende Uunst.

121

Sinne von Urnaturen, zumeist auch in hohem Grade unbeküm—
mert um Beifall, und alle die Vorteile, welche die Entwicklung
einer hohen Kultur auf kolonialem Boden auszuzeichnen pflegen,
fallen ihnen zu; in dem Neuland ihrer Seele ist nicht viel
wegzuräumen, und der kräftige Boden bietet der geringsten Ein—
saat tausendfältig Frucht.

Pettenkofen lernte zu guter Zeit Bilder von Troyon und
Millet kennen und er zweifelte nicht, daß sie eine höhere Stufe
der Entwicklung darstellten als die Malerei der Wiener Aka—
demie. Und so folgte er ihnen. Was darum seine Kunst
schon der fünfziger Jahre auszeichnet, das ist der Ton des
absolut Gegenständlichen, die Ruhe der Beobachtung, das Breite
und die Freiheit der farbigen Behandlung. Aber freilich verbindet
sich damit ein stark persönliches Element. Pettenkofen ist in
Galizien aufgewachsen; es steckt etwas Lenausches in ihm; in
hohem Grade ist er schwermütig-stimmungsvoll.

Ohne Stimmung hat dem physiologischen Impressionismus
Leibl (1844-1900) gehuldigt. Leibl, von Geburt ein Rhein⸗
länder, war seinem Wesen nach ein Bayer und in München
zu Hause. Nach München aber waren schon früh einige Ein—
flüsse der Männer von Fontainebleau gedrungen. Leibl speziell
lernte 1869, zur Zeit, da er sein erstes Bild in die Offentlich—
keit brachte, auf der Münchener Ausstellung Millet, Corot und
Courbet kennen, und alsbald schloß er sich Courbet an, mit
dem er auch seiner Persönlichkeit nach vielfach harmonierte,
und begann, wie Millet, Bauernmaler zu werden; in Aibling
in Oberbayern nahm er seinen ständigen Aufenthalt. Leibl
hat die erste, physiologische Entwicklungsstufe der neuen
Kunst auf deutschem Boden zum chöchsten Ausdruck gebracht;
restlos geht bei ihm die Wirklichkeit, noch als außer uns liegend
geschaut, noch nicht in bloße nervöse Farbenempfindungen um—
gesetzt, in die Leinwand auf: es ist wie die klarste Farben—
photographie, es ist eine technische Vollendung sondergleichen.

Leibl feierte seine ersten Triumphe fünfundzwanzigjährig,
noch bevor er zu Courbet in erneute Lehre ging; man mag
ihn darum wohl als spezifisch deutschen Künstler feiern, wenn
        <pb n="147" />
        122

Bildende Kunst.
er auch später von den Franzosen viel gelernt hat; und jeden—
falls hat er schon 1869, mit als einer der ersten, in München
den hergebrachten Historismus und die Alleinherrschaft der
Schule Pilotys erschüttern helfen.

Es war zu der Zeit, da ein Manet in Paris sich der
Höhezeit seiner Kunst nahte, da in Frankreich die zweite, psycho—
logische Stufe des Impressionismus erreicht ward. War um
diese Zeit diese fernere Entwicklung in Deutschland schon vor—
bereitet?

Wir müssen sagen: keineswegs. Die weitere Entfaltung
der deutschen Landschaftsmalerei, von der aus am ehesten, ja
vielleicht allein der Übergang zur bloßen Malerei der Farben—
eindrücke hätte hervorgehen können, ließ auf sich warten;
Bilder der anfänglichen neuen französischen Kunst, die gelegent—
lich in Deutschland erschienen, fanden statt Verständnisses nur
Hohn — Hohn der Hauptsache nach von seiten derselben
Künstler, die mit ihrem akademischen Historismus auf den
Schultern der französisch-vlamischen Malerei der fünfziger Jahre
standen, ja zum guten Teile in den fünfziger Jahren selbst in
Paris gelernt hatten. Man hielt die militärisch geschlagenen
Franzosen auch künstlerisch für besiegt. Und diese Auffassung
störte auch das bisher noch immer rege Hin und Her junger
deutscher Maler in den Pariser Werkstätten. Der alte Zu—
sammenhang der kontinentalen Kunst erlitt auf mehrere Jahr—
zehnte eine Unterbrechung.

Für die deutsche Malerei hatte das zur Folge, daß sie den
psychologischen Impressionismus und damit wenigstens den
äußeren Anlaß zum endgültigen Bruch mit dem technischen und
stofflichen Historismus nicht unmittelbar und damit auch wenigstens
nicht ganz aus Frankreich erhielt, sondern vielmehr vermittelt
durch die Kunst der Holländer und später auch ein wenig der
Vlamen.

Wir wissen schon, daß die vlamische Kunst des 19. Jahr—
hunderts technisch ganz den Franzosen gefolgt ist: der Schule
von Fontainebleau entspricht die Schule des Waldes von
Tervueren bei Brüssel; der belgische Courbet heißt de Groux;
        <pb n="148" />
        Bildende Kunst.

128
Manets Kunst wurde seit 1875, zuerst durch Hermans „Morgen—
dämmerung“, in den Werkstätten von Brüssel und Antwerpen
heimisch. Daneben fehlten freilich die Ausläufer jenes ein—
heimischen Historismus, der die binnendeutsche Malerei der
vierziger und fünfziger Jahre so stark beeinflußt hatte, auch in
den siebziger Jahren noch nicht; neben die deutschen Maler des
historischen Sittenbildes, neben die Diez, Claus Meyer, Friedr.
Aug. Kaulbach stellt sich in Belgien de Braekeleer. Heutzutage
aber, darf man sagen, malen die Vlamen technisch fast ganz
in der Weise der modernen Franzosen, nur daß sie diese Technik
in germanischem Geiste und speziell wieder im Geiste ihres
Stammes handhaben. Die Formen werden da schärfer und
roher, aber auch charakteristischer als bei den Franzosen; die
Farben fallen mehr ins Graue und Braune; es ist der Unter—
schied des durchsichtigen Meerwassers füdlich der Höhe von
Boulogne und der dumpfen, gelblichen See von Dünkirchen und
Ostende. Zugleich tritt die Note des allgemeinen Stils zurück,
während sich die Persönlichkeit hervordrängt. Die Zahl der
Erperimentatoren ist weit größer als in Frankreich; das Züng—
lein an der Wage des technisch für möglich Gehaltenen schwingt
weiter aus. Dazu wird der Inhalt weit mehr betont; alle
UÜbergänge von einem primitiven Idealismus der Stimmung
bis zum ausgesprochen Symbolischen sind vertreten und ge⸗
winnen Einfluß auf die malerischen Eigenschaften des Bildes.

Es ist die Kunst eines sehr lebenssicheren Stammes von
starker Ausgesprochenheit der Empfindung, die Kunst der Nach—
fahren nicht bloß von Rubens, sondern auch von Jordaens;
im inneren Deutschland spricht sie weniger unmittelbar an
und hat sie darum auch weniger Einfluß erlangt als die ihr
doch vielfach verwandte Kunst der Holländer. Denn diese ist
nicht so radikal; sie zeigt weniger Lust zum Experimentieren
und mehr Anschluß noch an die großen Alten; dazu ist sie um
eine Schattierung feiner, bürgerlicher.

Wenn aber die holländische Kunst für den Fortschritt der
deutschen Malerei zur Lichtkunst von ganz besonderer Be—
deutung ward, so spielt hier fast ebenbürtig neben der Technik
        <pb n="149" />
        124

Bildende Kunst.
seiner Maler der besondere Charakter des Landes selbst eine
Rolle. Denn wo anders als in Holland sollte der deutsche
Maler die feinsten Probleme dieser neuen Lichtkunst erfassen
lernen? Etwa an den deutschen Küsten der Ostsee, die doch
nur in geringem Grade die atmosphärisch so mannigfaltigen
Erscheinungen des Westens bieten? Oder an den Schlick—
gestaden der deutschen Nordsee mit ihren noch so kalten, frostigen
Tönen? Erst da, wo das Meer unter den erwärmenden Ein⸗—
fluß letzter Ausläufer des Golfstroms gerät, wo laue Meeres—
nächte bei kalter Temperatur des Landes hinter den Dünen
einen ständigen Austausch wechselndster Bewölkungen und Be—
lichtungen veranlassen, in diesem holländischen Binnenflachland
zudem mit seinen kanaldurchzogenen, wassergesättigten Ebenen
mit ihren tausend Dunsterscheinungen der sich erhebenden und
scheidenden Sonne, erst in dieser ganzen Landesschöpfung mit
dem ewig wiederholten Gegensatz der Reflexe stillen Wassers
und brausender Meeresflut konnten die Anfänge einer vollendeten
deutschen Lichtkunst gleichsam selbstverständlich erwachsen.

Und der deutschen war natürlich die holländische Malerei
selbst vorangegangen. Zwar hatte sie längst die großen Über⸗
lieferungen der Pieter de Hooch oder Jan Vermeer van Delft
verloren, die schon einmal so vernehmlich an die Pforten einer
freien Lichtkunst geklopft hatten. In der Übersättigung der
kaufmännischen Kultur um 1700, in der Gelecktheit eines
Adriaen van der Werff war die holländische Malerei der großen
Zeiten versiegt, und später hatte sie sich ohne besondere Eigenheiten
dem Abfolgeschema von Rokoko, Klassizismus, Romantik ein—
geordnet. Nur daß Jongkind, 1819 zu Latrop geboren, später
in Paris, die vué ajustée, die Kulissenlandschaft der Fran—
zosen schon ins Duftige zog, so daß man ihn mit Corot ver—
gleichen konnte: eine leise Erinnerung an die flüchtigen Wechsel
des malerischen Gesamttons der Heimat. In dieser selbst aber
ging man erst seit den fünfziger Jahren etwas weiter: Meister
wie Mesdag und de Haas traten auf, und ohne viel Aufsehens
wurde zwar nicht die anfangs oft so schreiende Lichtkunst der
Franzosen und der däftig lastende Luftton der Vlamen, wohl
        <pb n="150" />
        Bildende Kunst.

128
aber eine Lichtmalerei der diskreten, nirgends farbenfälligen
und doch überall wunderbar lichtfreudigen Gesamtstimmung der
holländischen Landschaft erreicht. Derjenige Meister aber, der
diese Kunst in den siebziger Jahren zur höchsten Blüte ent—
wickelte, war der Groninger Jude Israels (geb. 1824). Man
hat ihn wohl den holländischen Millet genannt, und das mag
nach einer stofflichen Analogie zutreffend sein: wie Millet seine
Bauern und seine Landschaft von Barbizon liebte und dar—
stellte, so schildert und liebt Israels sein Meer und seine
Schiffer von Zandvoort. Im übrigen aber ist Israels doch
entwicklungsgeschichtlich fortgeschrittener, wenn auch von dem
gleichen aristokratischen Pathos wie Millet: seine Personen
leben in Luft und Licht wie in einem Fluidum, das ihnen
daseinsnotwendig ist, — und so steht er in der äußeren Form,
im höchsten technischen Sinne zwischen Millet und Manet,
ja malt eigentlich fast nach Manets nur auf Holland über—
tragener und dadurch gemäßigter Anschauung.

Es ist klar, was diese Entwicklung Hollands bei den nahen
Beziehungen der holländischen und binnendeutschen Malerei für
das innere Deutschland bedeutete. Und wie nun, wenn ein Maler
kam, der in Paris die Technik der Franzosen erlernte, sie in Holland
mit Israels' Art verschmolz und dann im inneren Deutschland
selbst voll unerbittlicher Wahrhaftigkeit mit klarem eigenem Auge
im neuen Sinne anwandte? Er mußte, da die Malerei mittlerweile
auch im Binnenland für einen Fortschritt über die feinsten Licht—
künstler der Alten hinaus reif war — da auch schon die Stufe eines
klaren physiologischen Naturalismus an verschiedenen Stellen
erreicht schien — mit der Wucht eines Revolutionärs wirken.

Dieser Maler war Liebermann. Liebermann, 1849 in
Berlin geboren, ging 1872 nach Paris und malte zunächst in
der Art Courbets. Darauf war er 1878 während des Som—
mers in Barbizon und fand an Millet einen ihn fesselnden
Meister, wenn er ihm auch persönlich nicht nahetrat; nach
dessen Tode trieb es ihn zu Israels, und dieser wurde nun,
neben dem Klima Hollands, sein eigentlicher Lehrer. Später
ist er nach Deutschland heimgekehrt, hat aber die in der Fremde
        <pb n="151" />
        26

Bildende Kunst.
errungenen Eigenschaften behalten: regen Sinn für technischen
Fortschritt, dabei Großzügigkeit und Einfachheit, beides aber in
der weichen Umwelt der ausgesprochensten Erscheinungen der
Luft und des Lichtes. Spuren dieser Auffassung zeigte Lieber—
mann schon, da er noch vor dem Pariser Aufenthalt als
Schüler der Weimarer Akademie das Volk bei seiner Arbeit zu
belauschen begann („Gänserupferinnen“ von 1872). Und Fort—
schritte in ihr brachten, freilich unter starkem Einfluß Millets,
die „Arbeiter im Rübenfeld“, die „Schusterwerkstätte“, die
„Bleiche“ und das „Münchener Bierkonzert“. Ganz aber fand
sich Liebermann doch erst in holländischen Vorwürfen; da ist
eines seiner schönsten Bilder der „Hof des Waisenhauses zu
Amsterdam“ (1881) geworden, wenn auch andere Stücke, wie
die „Frau mit den Ziegen“ oder der „korbtragende Mann“ in
Dünenlandschaft, charakteristischer sein mögen: denn vor allem
weiß er den milden Silberglanz einer von Sonnenlicht durch—
wirkten, von keinerlei Baulichkeiten eingeengten Luft zu erfassen.

Im übrigen blieb Liebermann in Deutschland als Meister
der neuen Kunst nur kurze Zeit allein, wenn er auch zunächst
alle Stöße widerwilliger Aufnahme und höhnender Ablehnung
zu ertragen hatte. Verhältnismäßig rasch drang die neue Art
durch, und nach fünfzehn Jahren etwa hatte sie gesiegt — und
mit ihr eine große Anzahl auch der Fortschritte, die in Frank⸗
reich zu Manet und, wie wir gesehen haben, über Manet hin⸗
aus geführt haben. Ja wie die Vlamen so sind auch die
Deutschen ein Volk eifriger Experimentierer geworden; und wie
die Fortschritte zur Lichtkunst sich in Frankreich bei genauerer
Betrachtung als weniger von den romanischen denn von den
germanischen Bestandteilen der Nation getragen ergeben, wie
Italiener und Spanier auf diesem Gebiete künstlerischer Ent—
wicklung fast ganz unfruchtbar geblieben sind, so haben sich
neben Deutschen und Vlamen vor allem auch die Nordgermanen
der neuen Technik angenommen, auch sie, wie Deutsche und
Vlamen, Bewohner nebelreicher, sonnendunstiger Länder, eines
Himmelsstriches, in dem sich das Licht empfänglichen Augen mit
der Wucht des Körperlichen aufdrängt.
        <pb n="152" />
        Bildende Kunst.

127
Unter den Berliner Meistern ist Skarbina, mit Liebermann
im gleichen Jahre 1849 geboren, vor allem der Mann des Ex—
periments geworden, ein technischer Tausendkünstler und Hexen—
meister, nebenher ein Verehrer des Prickelnden. Von Pariser
Boulevardscenen ausgehend wurde er seit etwa der Mitte der
achtziger Jahre weit mehr, als das Liebermann je gewesen,
Vertreter einer raffinierten Lichtkunst auf deutschem Boden.
Dabei fand er seine Stoffe, nachdem er eine Zeitlang nach
holländischer Art geschaffen hatte, vor allem auch im Leben
der deutschen Großstadt des Nordens und hier wieder
vielfach im Reiche des Pikanten; er zuerst hat in Deutsch—
land den Reizen des Weibes in der neuen Malweise ge—
huldigt. Neben Skarbina trat dann in noch jüngerer Zeit
Walter Leistikow als Berliner und märkischer Landschafter
auf, — freilich, um rasch jenen Übergang zu einer idealistischen
Malerei zu vollziehen, der einer vollendeten Lichtkunst so
leicht wird.

Im ganzen aber wurde die neue Art nicht in Berlin zu—
erst heimisch, sondern vielmehr in München, das sich seit 1870
immer mehr zur künstlerischen und geistigen Hauptstadt des
Südens entwickelt hat. Da war im Jahre 1886 Piloty ge—
storben; Pilotys große Schüler, Defregger, Max, Lenbach,
standen im Zenith ihres Ruhmes, — es war ein freier Mo—
ment, während dessen die Lichtkunst alsbald eindrang. Früheste
Vertreter waren hier Albert Keller, der freilich nicht zu allen
Konsequenzen des Systems fortschritt; dann der wunderliche
Freiherr von Habermann; klar vor allem und nicht ohne an
Leibls körperhafte Gegenständlichkeit zu erinnern, der Graf
Kalckreuth der Jüngere mit seinen großfigurigen Bildern; ferner
Kühl, der Maler fein empfundener Innenansichten, namentlich
von Kirchen und alten Rathäusern und von Straßenscenen in
dem dunstigen Gemisch von Regen und Nebel; endlich unter
den Tiermalern Zügel, und unter den Bewältigern künstlichen
Lichts, namentlich in Bildern aus der Gesellschaft, Heinrich
Schlittgen.

Inzwischen aber hatte sich die neue Art auch sonst in den
        <pb n="153" />
        128

Bildende Kunst.
Städten deutscher Malkunst verbreitet, mit am frühesten in den
Gegenden der nordischen Meere, namentlich in Hamburg, wo
Olde und Dettmann wichtige Anhänger wurden, dann auch in
Mitteldeutschland, in Weimar und Dresden. Später sind, und
dann meist recht kräftig, auch Düsseldorf, Frankfurt, Leipzig,
Wien in die Bewegung eingetreten.

Im ganzen wird sich sagen lassen, daß etwa um 18985,
nach mehr als einem Jahrzehnt von Kämpfen, die um 1887
stärker wurden und im ersten Jahrfünft der neunziger Jahre
besonders tobten, der Sieg des Neuen in Deutschland ent—
schieden war. Jetzt verstummte die feindliche ältere Ästhetik;
ein kräftiges Mäcenat, wie es den Deutschen jüngst er—
worbener Reichtum zu gestatten begann, kam der neuen
Kunst zu gute, und hier und da schwenkte sogar schon die
amtliche Kunstpflege zu ihr ab oder erwies ihr wenigstens
wohlwollende Duldung.

3. Die Leser des vorigen und des vorvorigen Abschnittes
werden vielleicht schon vielfach gefragt haben, worin denn nun
im Grunde und im einzelnen die neue Kunst bestehe? Was es
denn eigentlich auf sich habe mit dem impressionistischen Natu—
ralismus, und wie denn seine beiden Stufen, die physio—
logische und die psychologische, genau zu scheiden seien? Und
ist nicht auch schon über diese Fragen hinaus das sie be—
herrschende Problem aufgetaucht, welche seelischen Grundlagen
denn für diese Kunst Voraussetzung seien?

Es ist jetzt Zeit, daß diese Fragen beantwortet werden.

Die ältere Kunst war im Grunde noch immer eine zeich—
nerische Kunst. So sehr auch bei ihr gelegentlich der klare
Linienumriß, das aufdringlichste Element der Zeichnung ver—
deckt sein mochte, immer lag er doch thatsächlich vor. Und
immer kam er durchschlagend in der allgemeinen Komposition
des Bildes zum Ausdruck. Denn diese Komposition war nicht
selten geradezu im Sinne eines Reliefs bildnerisch gemeint und
architektonisch. Gewisse Liniengruppen bildeten gewisse Har—
        <pb n="154" />
        Bildende Kunst.

—E
monien, am einfachsten etwa in einer Anlage pyramidalen
Aufbaus nach oben oder nach unten oder in energischem Drängen
nach rechts oder links oder auch in einer Seitenverschie—
bung der pyramidalen Anordnung nach einer der beiden Rich—
tungen. Gewiß wurde dabei auch auf die Verteilung der
Farbenelemente und damit auch des Lichtes Rücksicht ge—
nommen; aber doch stand dies Problem an zweiter Stelle, be—
herrschte nicht das Ganze der Komposition. Erst innerhalb des
zeichnerisch gegebenen Gerüsts, das zumeist auch vor aller Farbe
der Leinwand des künftigen Bildes genau einverleibt wurde,
galt es dann Farbe und Licht zur Geltung zu bringen. Und
dabei erschienen diese beiden Elemente im Grunde noch getrennt.
Das Licht gab die Höhen und Tiefen, die Farbe den Lokalton.
Das Licht galt also noch nicht als das allgemeine Fluidum,
in dem jeder Gegenstand gleichsam schwimmt, sondern als Ele—
ment einer mehr oder minder hellen, zu den Gegenständen erst
hinzutretenden Beleuchtung. Darum wirkte es entweder ins
Helle oder ins Dunkle: belichtete Stellen wurden ins Weißliche
oder Gelbliche gezogen, die Schatten erschienen schwarz. Nun
hatte man freilich längst bemerkt, daß mit einer solchen Be—
handlung des Lichtes der Wirklichkeit nicht Genüge geschehe:
die Bilder erschienen zu kalt, zumal sie, zur Ausschließung der
wechselnden Beleuchtungen eines vollen Sonnentags, in nach
Norden gelegenen Werkstätten gemalt wurden. Es war also
dafür zu sorgen, daß die Bilder trotz der gewählten Licht—
behandlung einen warmen Eindruck machten. Hierfür setzte man
denn jeder Farbe je nach Bedarf ein gewisses Maß von warmen
gelblichen, bräunlichen, rötlichen Tönen zu, so daß dann die
Schatten z. B. ins Braune oder auch Rote fallen konnten; durch
diesen Ton glaubte man dem Bilde das Leben des Lichts ein—
zuverleiben. Natürlich war auf diese Weise das gesamte Wesen
der Wirklichkeit im Bilde von Grund aus verändert: denn da
wir alle Dinge im Lichte sehen, so entfernte jede schiefe Be—
handlung gerade des Lichtes alles andere unaufhaltsam von dieser
gesehenen Wirklichkeit.

In diesem Zusammenhang wird klar, daß eine weitere

Lamprecht, Deutsche Geschichte. Erster Ergänzungsband. 9.
        <pb n="155" />
        180

Bildende Kunst.
Entwicklung der malerischen Wiedergabe der Wirklichkeit von
keiner anderen Seite her als von der tieferen Erfassung der
Probleme des Lichtes erfolgen konnte. Und hier wiederum
war nun die Grundlage alles Fortschrittes in der Einsicht ge—
geben, daß ein Bild nicht mehr aus der Zeichnung konstituiert
werden könne, da wir in der künstlerisch-anschaulichen Wirklich—
keit niemals Linien erblicken, sondern nur aus Lichteindrücken;
denn was wir auch sehen, alles setzt sich aus Lichteindrücken
zusammen. Das Studium des Lichteindrucks: das war daher
die neue Losung. Und da ergab sich denn langsam, in grad—
mäßig steigender Erkenntnis, daß es überhaupt nicht bloß ein
Licht gebe, sondern tausend Lichter, daß ein abstraktes Licht
für die Anschauung überhaupt nicht vorhanden sei, sondern eine
ungeheure, niemals ganz zu ergründende Unendlichkeit von
farbigen Lichtern — von farbigen Lichtern auch in den Schatten.
Denn kein Schatten ist schwarz und lichtlos, wie man bis da—
hin im Grunde geglaubt hatte: auch die Finsternis noch hat
ihre Lichter.

So kam es darauf an, das Bild aus Lichteindrücken auf—⸗
zubauen: einfach, wie sie sich darbieten, aber freilich in den kaum
zu bewältigenden Summen der unendlichen Abstufung ihrer
Nüancen sollten sie wiedergegeben werden. Was ergab sich da für
die Komposition? Konnte jetzt die Frage nach ihr nicht im
Grunde als etwas, an der älteren Kunst gemessen, Willkürliches
erscheinen? Schnitt ein Bild nicht immer in mehr oder minder
brutaler Weise ein Stück heraus aus der unendlichen räum—
lichen Symphonie des Lichtes? So konnte man dazu kommen,
jede Komposition überhaupt zu verwerfen, — eine Summe von
fesselnden, künstlerisch erhebenden Lichteindrücken, ein Ausschnitt
aus dem leuchtenden Fluidum war das Bild, nichts weiter.
Aber war nicht gerade in der Auswahl des künstlerisch Inter—
essanten doch auch ein Grundsatz, ein Keim neuer Kompositions—
kunst gegeben? Konnte man in der allgemeinen Lichtsymphonie
nicht gleichsam Sätze, Abschnitte herauszugreifen suchen von
besonderer Geschlossenheit? Etwa Momente, die ein feines
Spiel von Nüancen derselben Farbe aufwiesen, deren Rhythmen
        <pb n="156" />
        Bildende Kunst.

131

dann wohlgeordnet vorgetragen wurden, oder auch Momente
von Eindrücken gemischter Farben, deren Werte nach den noch
nicht ins Bewußtsein gehobenen stillen Trieben eines neuen Ge—
schmackes angeordnet wurden? Ein ganzes Nest neuer Pro—
bleme ergab sich da, und die neue Kunst ergriff diese Probleme
mit besonderem Eifer.
Natürlich aber waren mit der vollen Entwicklung der Licht—
kunst die alten Lokalfarben und die schwarzen Schatten und
ihre Korrektur, der warme Ton, verschwunden. Was hat man
dabei nicht namentlich dem Ton nachgejammert! Ohne ihn sei an
eine Harmonie, an ein Zusammengehen der Farben im Bilde
nicht zu denken! —: bis sich schließlich, freilich erst bei einer
gewissen Höhe der neuen technischen Leistungsfähigkeit, zeigte,
daß die hart, aber genau nebeneinander gesetzten Farbennüancen
der Wirklichkeit ein bis dahin ungeahnt feines, — und, was
mehr besagt, wahres Zusammengehen des Ganzen bewirken.

Erst recht verschwand natürlich das Zeichnerische. Denn
selbst die Umrisse der Dinge lösten sich jetzt, genau besehen, in
Lichteindrücke feiner Grenzstreifen auf. Und damit verschwand
auch die bisher gewohnte Behandlung der Tiefe, des Raumes.
Wie für die Komposition, so war im Grunde auch für
die Perspektive bisher im wesentlichen die Zeichnung maß—
gebend gewesen: die Linearperspektive also, und zwar noch nicht
einmal die rein natürliche, sondern eine etwas nach den künst—
lerischen Bedürfnissen des Bildes korrigierte, welche die Dinge
im Vordergrund gern etwas zusammenschob, um im Hinter—
grund größere Tiefe zu gewinnen. Gewiß hatte man daneben
auch schon die Luftperspektive gekannt und angewandt. Aber
im Grunde in welch rohen, abgekürzten, noch immer aus Un—
vermögen stilisierten Formen! Da war der Hintergrund blau,
der Vordergrund braun, der Mittelgrund zumeist grünlich-braun
oder auch in anderen Farben gegeben worden, so wie man
noch heute wohl Holzschnitten oder Photographien den Ein—
druck des Farbigen verleiht, indem man sie mit einem Über—⸗
druck versieht, der vom Vordergrund zum Hintergrund eine
        <pb n="157" />
        132

Bildende Kunst.

allmähliche Farbenverschiebung über Braun in Grün und
Blau aufweist.
Nun kam die neue Kunst mit ihrem einzigen Element, dem
abschattierten Lichteindruck. Wie anders sah sie die Unsumme
von farbigen Widerscheinen der in der Luft befindlichen Wasser—
bläschen und sonstigen leise Reflexe hervorrufenden Elemente:
wie erschien ihr das Fluidum dieser Luft auf zehn Meter
anders gefärbt als auf zwanzig, auf zwanzig anders als auf
dreißig und so fort! Und erst hinter diesen Luftschichten, die
durch einen ununterbrochenen Übergang von Nüancen farbigen
Lichtes miteinander verbunden waren, lagen die Gegenstände,
wurden durch sie wie durch unendlich fein abschattierte farbige
Gläser gesehen! Es war klar, hier ergaben sich die Elemente einer
ganz anders genauen Wiedergabe der räumlichen Vertiefung
als sie die Linearperspektive bieten kann: gewiß wurden deren
Gesetze auch fürderhin, aber jetzt in ihrer durchaus natürlichen
Form angewandt; aber sie wurden verfeinert und aufs wesent—
lichste ergänzt durch die eingehende Wiedergabe der jeweils
bestehenden Luftreflexe je nach der Entfernung.

Es war eine Wandlung, die sich am ehesten, weil ein—
fachsten da vollziehen konnte, wo große Tiefen die Veränderung
der belichteten und widerscheindurchtränkten Luft leichter zu
beobachten gestatteten. Dies war in der Landschaft der Fall:
darum hat sich die neue Kunst am liebsten und auch am orga—
nischsten in der Landschaftsmalerei entwickelt. Im allgemeinen
erst später, nachdem man die Probleme der Landschaft schon
gelöst hatte, ist man dann zu der schwierigeren Bewältigung
auch des Malerischen der Innenräume fortgeschritten.

Indem nun aber so in jeder Beziehung, und vor allem
auch in der Behandlung des Raumes, mit der Konstituierung
des Bildes aus dem Lichteindruck Ernst gemacht wurde — ein
Vorgang, der sich äußerlich u. a. auch darin zeigte, daß man
weit mehr als früher in freier Luft malte —, ergab sich eine
Schwierigkeit, die für das Verständnis jener idealistischen Kunst—
formen von großer Bedeutung ist, die aus dem malerischen
        <pb n="158" />
        Bildende Kunst.

188
Impressionismus hervorgingen, und von denen bald die Rede
sein wird. In welcher Weise nämlich gestaltete sich denn jetzt die
Wiedergabe einer raumtiefen Landschaft, in deren Vordergrunde
eine stark betonte Staffage von Fabelgestalten, Tieren, Menschen,
etwa gar in Lebensgröße, auftrat, wie nicht selten gerade bei
Bildern idealistischen Inhalts? Hier war zunächst klar, daß die
Gegenstände der größeren Tiefen, und mit ihnen diese Tiefen
selbst, durch einfache Farbennüancen der lichterfüllten Luft wieder—
gegeben werden konnten. Reichte aber die gewonnene Kenntnis
der Farbennüanecen der belichteten Luft schon dazu aus, auch aus
ihr allein heraus die Raumtiefenverhältnisse, die Plastik der
Körper des Vordergrundes anschaulich zu machen? War der
farbige Lichtcharakter der Luft zwischen dem Auge des Malers
und den weiter zurückliegenden Teilen eines solchen Körpers
so sehr von dem Charakter derselben Luft, aber nur zwischen
dem Auge und den vorderen Teilen dieses Körpers gemessen,
verschieden, daß er in anschau- und darstellbaren Farbennüancen
klar zu Tage trat? Keineswegs. Wie also diese Körper
malen? — Es blieb nichts übrig, als das Plastische der
Körper, ja teilweis auch sonst der Gegenstände des Vorder—
grundes, soweit sie besonders eingehend geschildert wurden, in
diesem Falle doch noch auch durch die Zeichnung, durch die
alten Hilfsmittel der Form mit wiederzugeben.

Nun hieß das zweifelsohne einen starken Rest früherer
Malweise in Bildern von dieser Art belassen. Es hieß ein—⸗
gestehen, daß hier die technische Differenzierung der Licht—
eindrücke der neuen Kunst noch nicht weit genug fortgeschritten
war, um das gegebene Problem voll zu lösen. Indem aber
hier Momente der alten Kunst angewandt wurden, wenn auch
natürlich abgeschwächt und der neuen angenähert: war damit
nicht, vom Standpunkte dieser neuen Kunst aus, ein Element
gegeben, das deren eigentliche Anforderungen nur ungefähr
erfüllte, sie typisierte, idealisierte? Kein Zweifel: und so lag
eben in diesem Zusammenhange von vornherein die Möglichkeit
einer sehr merkwürdigen idealistischen Übergangskunstbe—
schlossen. Es ist die entwicklungsgeschichtliche Grundlage schon
        <pb n="159" />
        1834

Bildende Kunst.
der Kunst Millets; in Deutschland beruht auf ihr die große
Übergangsreihe der Feuerbach, Böcklin, Thoma, Klinger.

Übrigens: liegt diesem besonderen Verhältnis, vom Stand⸗
punkte der Linearperspektive, also des entscheidenden Moments
der Vergangenheit her betrachtet, nicht doch auch ein anschauliches
Motiv zu Grunde? Gegenstände in weiterer Entfernung sehen
wir nicht mehr in ihrer ihnen besonders eignenden, spezifischen
Plastik, dazu bilden sich die von ihnen ausgehenden Wirkungen
auch der Linienverhältnisse im Auge zu mikroskopisch ab: wir
erkennen sie vielmehr nur noch zweidimensional, als Fläche, —
das Körperhafte ergänzen wir rein durch Analogievorstellungen.
In der Nähe dagegen sehen wir auch schon kleinere Gegen—
stände dreidimensional, zunächst gewiß, indem wir ihre Umriß—
elemente verfolgen, — indes, wer weiß, ob nicht auch schon auf
Grund einer überaus feinen, nur von uns noch nicht in ganz
deutliche Vorstellung und klare Anschauung gehobenen Luft—
perspektive? Wie dem auch sei: jedenfalls entspricht die linear—
perspektivisch-zweidimensionale Anschauung ferner Einzelobjekte
dem ebenfalls ja zweidimensionalen Farbeneindruck, während
es für die Nähe augenscheinlich ist, daß die Summe der von
einem Gegenstand ausgehenden Farbeneindrücke jene Plastik
noch nicht vollbewußt wiedergiebt, die uns durch die Linear—
perspektive vermittelt wird.

Wir sind mit alledem der rein psychologischen Betrachtung
der neuen Kunst nahe gekommen. Was diese selbst betrifft,
so geht aus unserer bisher gepflogenen Untersuchung hervor,
daß es sich bei ihr im vollendeten Impressionismus grundsätzlich
nur um ein einziges Element handelt: den Reiz belichteter
Farbe oder, wie man auch sagen kann, da die Farbe immer
belichtet ist, der Farbe schlechthin. Das Bild setzt sich aus be—
sonders unmittelbaren Farbenempfindungen, Farbeneindrücken
zusammen, deren Werte auf die Leinwand gebracht sind.

Indes diese ganze neue Kunst, in der der Farbeneindruck
sozusagen alsbald am Ende der Nervenbahn abgefangen und
koloristisch registriert wird, ist doch erst die letzte Stufe der
Entwicklung: es ist der psychologische — bei vollster Durch—
        <pb n="160" />
        Bildende Kunst.

188
führung könnte man fast sagen neurologische — Impressionismus.
Vor ihm liegt eine Übergangsstufe, in der den Gegenständen
außer uns noch mehr Zeit gelassen wird, auf uns nicht einen
Momenteindruck, sondern eine Summe solcher Eindrücke zu
machen, die wir dann gedächtnismäßig in einen zusammen—
fassen, — in der sozusagen von den Objekten in unserer An—
schauung etwas mehr bleibt, als nur ein einziges Eindrucksergeb⸗
nis, ein festeres Bild gleichsam von objektiverem, scheinbar mehr in
der Erscheinungswelt außer uns gegebenem Wert, eine klarere,
genauere, körperhaftere Anschauung, nicht bloß der Husch
eines Eindrucks. In diesem Falle erscheint das Bild noch
nicht so ganz nur auf unserer Innerlichkeit, auf unseren
raschen Perzeptionen aufgebaut, es erscheint mehr als Durch—
schnittsergebnis der Beobachtung und des dieser untergelegten
Seins; es hat gleichsam mehr plastischen Charakter. Nennt
man die Periode einer solchen, noch nicht ganz vollendeten
Eindrucksmalerei die des physiologischen Impressionismus, so
läßt sich für diese Taufe anführen, daß das Wort „physio—
logisch“ in den siebziger Jahren zur Bezeichnung des damals
erreichten äußersten Grades von Wirklichkeitssinn aufkam, —
und daß dies eben der im vorigen charakterisierte Wirklich—
keitssinn war. Und die Bezeichnung „psychologischer Impressio⸗
nismus“ wird sich aus analogen Gründen in den Augen
derjenigen rechtfertigen, die wissen, wie Ende der achtziger
Jahre das Wort „physiologisch“ von „psychologisch“ zur Be—
nennung eines neuen, höheren Grades von Wirklichkeitssinn ab—
gelöst wurde.

Kann man freilich sagen, daß der Wirklichkeitssinn selbst
des physiologischen, geschweige denn des psychologischen Im—
pressionismus schon allgemein verbreitet sei? Keineswegs!
Dem Laien, dessen Aufnahmefähigkeit noch auf die Nüancen
der früheren Kunst eingestellt ist, erscheinen die neuen, viel
feineren und zugleich schärferen, gleichsam schreienderen Ab—
schattierungen der Farbenwelt als im hohen Grade peinlich;
sie erregen ihm Spannungsgefühle, die er im Bereiche der ihm
geläufigen Assoziationen nur schwer oder gar nicht lösen kann:
        <pb n="161" />
        186

Bildende Kunst.
sie „fallen ihm auf die Nerven“. Und andererseits ist klar, daß
die immer feineren Eindrücke des fortgeschrittenen Impressio—
nismus nur von besonders farbenreizsamen Naturen, von
„nervösen Malerseelen“ empfunden — und vor allem so
lebhaft empfunden werden können, daß sie in der malerischen
Technik einen ihnen entsprechenden Ausdruck zu erhalten ver—⸗
mögen.

Es sind Erscheinungen, die sich bei der Entwicklung des
neuen musikalischen Sinnes in völlig entsprechender Weise er—
geben haben.
        <pb n="162" />
        IV.
1. Man wird vielleicht in dieser Darstellung der modernen
deutschen Malerei die Erwähnung der noch fortwirkenden alten
Kunst erwarten, die doch noch immer so bedeutende lebende
Vertreter hat wie Lenbach. Es würde zu Unrecht geschehen.
Denn dies Buch hat keinen statistischen Charakter, sondern
entwicklungsgeschichtlichen, und darum interessiert hier nicht
alles und jedes an unserer Zeit, selbst nicht einmal alles Be—
deutende, sondern nur der Inbegriff derjenigen Momente, die
in entscheidender Weise den jüngsten Vorgang der Entwicklung
kennzeichnen.

Was bedeutet es nun in dieser Hinsicht, wenn sich seit
etwa den neunziger Jahren in Deutschland — wie übrigens
auch in Frankreich — gewisse Seiten der alten Kunst wieder
mehr geltend machen? Wir stehen im Beginn einer Erscheinung,
die nach Jahrzehnten starker seelischer Entwicklung fast regel⸗
mäßig zu Tage tritt. Die neue Bewegung ist bis an die
äußersten Grenzen der Ausdehnung ihrer Lebensfähigkeit ge—
langt, sie fängt an, sich, wie ein durch den Pflug aufgelockerter
Acker, zu setzen, und nun beginnt die Zeit der Verschmelzung
mit dem Alten: noch lebendige Kräfte aus den tieferen Schichten
der Entwicklung steigen auf und beginnen in den verschiedensten
Verbindungen mit den neuen das ständige, dauernde Amalgam
einer längeren neuen Periode des Volkslebens zu bilden. Denn das
Neue kann nicht traditionsleer bleiben; es hieße die Unterbrechung
des Organischen, jener Lebensform, die psychischen wie physischen
Lebensvorgängen hier auf Erden in gleicher Weise eignet.

So scheinen denn die neueren Mischungsprozesse zu beweisen,
        <pb n="163" />
        138

Bildende KRunst.
daß die Anschauungsintensität des jüngsten, impressionistischen
Naturalismus an ihrer Grenze angelangt ist, — und in der
That hat schon mindestens das letzte Jahrzehnt nichts grund—
sätzlich Neues mehr gebracht. Damit können denn auch die
Verdienste der großen Maler möglichst reiner Wirklichkeit schon
heute einigermaßen geschichtlich geschätzt werden. Wer würde
heute noch verkennen, daß der physiologische und der psychologische
Impressionismus, der letztere auch für Deutschland zuerst in
Frankreich vorbildlich durchgebildet, dann aber wie die frühere
Stufe doch auch selbständig entfaltet und erst recht selbständig
fortentwickelt, in der That eine höhere Stufe der malerischen und
damit überhaupt der künstlerischen Phantasiethätiakeit herauf—
geführt haben?

Aber ist dies Verdienst ein im höchsten Sinne einzig—
artiges? So wie jedes Volk in den Anfängen der Entwicklung
seine ornamentale Kunst hat, so macht es im seelischen Verlaufe
seines Lebens andere Perioden seiner Phantasiethätigkeit durch,
und bei ungehinderter, nicht zu früh durch störende Gewalten
abgebrochener Entfaltung wird es auch sein Zeitalter des Im—
pressionismus erleben: so wie es z. B. die Japaner, nicht ohne
starke Einwirkung auf die europäische Kunst, erlebt haben und
noch erleben. Es handelt sich hier nicht um im höchsten Sinne
singuläre Vorgänge, sondern zunächst nur um regelmäßige Ent—
wicklungserscheinungen nationalen Seelenlebens, wenn diese
Erscheinungen wohl auch im Verlaufe aufeinander folgender
Völkergeschichten in jeweils höheren Accentuierungen auftreten,
wie diese der Aufnahme steigernder und stärkender Elemente
früherer Kulturen verdankt werden. Und weil dem so ist, so
gehören die Künstler, die sich in erster Linie der Fortbildung
des Wirklichkeitssinnes widmen, auch der Periode des Wirk—
lichkeitssinnes, die sie schaffen, im besonderen an; diesseits wie
jenseits derselben fehlt vielfach die feinste seelische Verwandt—
schaft, um ihre Leistungen voll zu würdigen: sie sind Diener
und Helden vornehmlich der Gegenwart: horae inserviendo
consumuntur.

Aber neben ihnen giebt es andere Erscheinungen, Künstler,
        <pb n="164" />
        Bildende Kunst.

189
die nicht in gleichem Grade in der Bewältigung der formellen
Probleme der zeitgenössischen Kunst aufgehen, sondern sich,
unter ihrer vollen Kenntnis und Ausnutzung, ja auch
Förderung, doch über sie erheben, um in der ihnen besonders
verliehenen Sprache zu sagen, was ihr Herz bewegt. Es sind
die spezifischen Persönlichkeiten unter den Helden der geistigen
Bewegung — Individualitäten ausgesprochenster Art, wie sie
nur einmal vorkommen, und wie sie mit dem Grunde ihres
Wesens, wemn auch gebunden an die Formen einer bestimmten
Zeit, doch bei besonders günstigem Zusammentreffen der Um—
stände wenigstens zum Teil vorbildlich und wirksam werden
können für viele Zeiten. Denn gewiß ist ja richtig, daß das
Element des Singulären an sich schon jeder menschlichen Hand—
lung anklebt: im strengsten Sinne des Wortes wird niemals
etwas zweimal gethan, wie auch in der Natur niemals etwas
zweimal geschieht, schon deshalb, weil Naturvorgänge wie mensch—
liche Handlungen wenigstens in dem Kreise der uns denknot⸗
wendigen Vorstellungen der Zeit angehören. Aber wie ver—
schwindet doch der singuläre Bestandteil des Handelns bei Tausen⸗
den und Abertausenden von Handlungen nicht bloß des Alltags,
nein, auch bei vielen der Handlungen, die anscheinend für Zeiten
gelten so lang, daß sie nur noch der fromme Sinn des Psalmisten
mit dem Währen eines Tages vergleichen wird. Wo bleiben
sie vor dem Antlitz einer wissenschaftlich entwickelten Geschichte,
die vielen politischen und kriegerischen Einzelereignisse, ganz zu
geschweigen der höfischen Festvorgänge der Zeiten? Kann man
ihnen gegenüber nicht schon von der unendlichen Dauer des
Werkes eines Künstlers, eines Gelehrten großen Stiles reden?

Soweit aber der Künstler in Betracht kommt, so besteht
eine höhere Gewähr der Dauer seines Werkes eben dann, wenn
er es als Persönlichkeit geschaffen hat, wenn zu dem Besonderen
der Zeit und der Nation noch das Besondere der Individualität
augenscheinlich hinzutritt. Insofern haben idealistische, und das
heißt eben spezifisch persönliche Einzelkunstwerke im allgemeinen
eine höhere weltgeschichtliche Wirkung zu erhoffen als natura—
listische: denn in ihnen wirkt deutlicher und energischer als
        <pb n="165" />
        140

Bildende Kunst.
in diesen ein doppelt und dreifach Singuläres bedeutsam
weiter. Wer empfindet das nicht, wenn er noch heute mit
innigstem Anteil die „Antigone“ des Sophokles hört, oder sich
mit innerem Gewinn in die Frömmigkeit der Betrachtungen des
ursprünglichen Buddhismus vertieft, oder auch mit frischestem
Entzücken Hokusais hundert Ansichten des Fuhsiyama betrachtet!

Es sind Erzeugnisse ganz persönlicher Art, die, gleichen
psychischen Vorbedingungen etwa, wie sie unser Kulturzeitalter
darbietet, entsprungen, für uns aber doch gleichsam zeit- und
raumlos, wie die Psyche an sich, auf unser Interesse eindringen,
unsere Seele einnehmen und bereichern. Es sind Erbstücke
gleichsam des weltgeschichtlichen Verlaufs, die ihrem inneren
Wesen nach dem Untergange entzogen scheinen und darum
noch ganz anders Erzeugnisse des Ewigen im Menschen sind, als
Einzelerrungenschaften eines mit der jeweiligen Entwicklungs—
stufe enger verknüpften und darum weit leichter wieder mit ihr
zu Grunde gehenden seelischen Energieverbrauchs oder gar
Kriege und Staatsgeschäfte und Schlachten. Werden wir aber
deshalb die allgemeineren Errungenschaften der Kulturarbeit
gering achten? Soll nicht sogar auch der äußere Verlauf der
Geschichte, das Schicksal der Völker in Ausbreitung und Kampf
und Sieg und Untergang in der großen geschichtlichen Be—
trachtung seinen Platz haben? Der Botaniker wird sich wenig
darum kümmern, ob diese oder jene Eiche von stärkeren Nach⸗
barn im Wuchs unterdrückt oder vom Blitz zerspellt wird: es
giebt genug Eichen, und was bedeutet ihm die hypothetische Indi—
vidualseele der Eiche? Eine große menschliche Gemeinschaft da—
gegen, ein Volk, bildet unter allen Umständen einen so wertvollen
Ast, ein so schönes Blatt wenigstens an jenem Baume der
Menschheit, dessen Wurzeln wir ebensowenig kennen wie die
Ausläufer seines Wipfels, daß uns immer auch sein äußeres
Schicksal fesseln wird. Und hat die Muse der Historie nicht
noch immer etwas von erzählender Schwatzhaftigkeit? „Die
Kinder, sie hören es gerne!“ Darum soll uns auch die äußere Ge—
schichte nicht, noch weniger aber freilich die stille Kulturarbeit im
Kleinen „Schein“ sein oder gar „Lüge“, Wörter, mit denen
        <pb n="166" />
        Bildende Kunst.

141
Ranke und Hegel die ihnen weniger wichtig erscheinenden Seiten
des geschichtlichen Lebens bezeichnet haben. Jeder Kleinste unter
uns webt mit am Webstuhl nicht bloß der Zeit, sondern auch der
Ewigkeit; keiner kann entbehrt werden, und die innere Gleichheit,
die vor dem Gott des Christen gilt, gilt auch vor dem Richtstuhl
der Geschichte. Hinweg mit der heidnischen, gegenchristlichen, ja
unmenschlichen Ansicht, daß nur die große Persönlichkeit die Ge—
schichte mache: ein Schlag ins Angesicht ist sie des gemein—
menschlichen Wesens.

Aber wir wuchern mit verschiedenen Pfunden. Der ewige
Kern des Wirkens des einen ist im Verhältnis zur Masse
des Geschaffenen gering; bei anderen bildet er den breiten,
seinem Geschlecht, seiner Nation, ja der Menschheit leuchtenden
Silberblick des Lebens. So verleibt auch der technische Meister
des Impressionismus, ganz abgesehen davon, daß er mit
nerviger Kraft eine höhere Kulturstufe seiner Kunst erklimmen
hilft, seiner Schöpfung einen Teil seines Wesens ein: die
vérité vraie, von der Courbet träumte, eine individualitätslose
photographische Abstraktheit der Kunst, giebt es nicht, und Zola
hat recht mit seinem Ausspruch von dem coin de la nature
vu à travers un tempérament. Von einzigartigerem Werte sind
aber doch die Kunstwerke, in denen sich das Temperament zur
Persönlichkeit erweitert und wir den Weg von dem natura—
listischen Pol der Lebenswiedergabe hin zu dem idealistischen
beschritten und vollendet sehen. Natürlich nicht, ohne daß vor—
her der Weg einer naturalistischen Kunst in jeder möglichen
Form der Hingabe und Bewältigung passiert sei. Kein großer
Idealist, der nicht ein großer Naturalist war, ist und jederzeit
sein kann. Kein Pencz oder Beham, sondern ein Dürer, keine
Nachahmung oder gar Nachahmung der Nachahmer des Ur—
sprünglichen, sondern Ursprünglichkeit, — das sei die höchste
Losung des Künstlers; und ist dies Ziel nicht zu erreichen, dann
nicht in einem haltlosen Scheinidealismus zerflattern, sondern
wenigstens Meister sein einer thunlichst unverbrüchlichen Wirk—
lichkeitswiedergabe, Meister einer im weitesten Sinne des Wortes
vollendeten Technik.
        <pb n="167" />
        142

Bildende Kunst.
Es ist schon früher davon die Rede gewesen, daß ein
höchster Idealismus nicht an Zeiten gebunden ist, daß er nicht
Perioden bildet, ja kaum Epochen. Aus den soeben gepflogenen
Erwägungen geht das Gleiche hervor. Der Geist weht, wo
er will. Daß Zeiten einer im Abschluß begriffenen Entwicklungs⸗
stufe höheren Wirklichkeitssinnes mehr dem Idealismus zuneigen
werden, soll freilich damit nicht geleugnet werden: denn da gilt
es auch für die Kleineren, die in Masse auftreten können, das
neue Silber einer erhöhten Technik persönlich auszumünzen.
Und gewiß bietet eine zu bestimmter Höhe der Vollendung ge—
brachte Technik auch dem großen Zeitalter erst recht Gewähr voll⸗—
endeter Schöpfungen. Und zweiselsohne werden sich in Zeiten
starken technischen Fortschritts auch bedeutende Kräfte leichter
mehr dessen Förderung zuwenden oder aber — da ja der
Idealist erst das Gesellentum des Naturalismus zu überwinden
—V0
wohl bleibt bestehen, daß Naturalismus und Idealismus stets
nur Erscheinungsformen derselben entwicklungsgeschichtlichen
Stufe der Kunst sind: der Individualismus des 15. bis
18. Jahrhunderts hat ebenso seinen Naturalismus wie seinen
Idealismus gehabt, und das Gleiche gilt von dem subjekti—
vistischen Zeitalter seit 1750 und in ihm wieder von der im—
pressionistischen Periode der Gegenwart.

Wie sehr diese Beobachtungen zutreffen, zeigt die That—
sfache, daß in Deutschland ein starker Idealismus neuerdings
schon in der Zeit des UÜbergangs zum reinen Impressionismus
eingetreten ist, und daß eben dieser Idealismus des Übergangs
den ersten Ruhmestitel der deutschen Malerei der zweiten Hälfte
des 19. Jahrhunderts bildet. Denn hier tritt uns die glänzende
Reihe der Namen Feuerbach, Böcklin, Thoma, Klinger entgegen:
sie wird man an erster Stelle nennen, wenn man das spezifisch
Deutsche in der europäischen Kunst des jüngsten Zeitalters be—
zeichnen will. Gewiß haben auch die Engländer in der Über—
gangszeit eine idealistische Kunst gehabt und ebenso die Fran—
zosen: dort wäre auf die freilich sehr überschätzten Prärafaeliten
mit ihrem gemeinen Schönheitsideal, dem sinnlichen Gesicht
        <pb n="168" />
        Bildende Kunst.

148
der Frau des Rossetti zu verweisen, hier auf die edle Kunst
Millets und — ziehen wir neben der Malerei auch die Bildnerei
mit heran und rechnen wir Belgien zu Frankreich — auf des
Maler⸗-Bildners Meunier wunderbare Idealisierungen des vierten
Standes. Und gewiß ist es kein Zufall, daß überall in dieser
Übergangszeit eine idealistische Kunst einsetzte; wir werden die
besonderen Ursachen dieser Erscheinung noch später betrachten.
Aber in Deutschland war diese Übergangszeit besonders lang,
so daß sich dieser Idealismus, durch bedeutende Meister ver—
treten, ganz anders ausleben konnte als bei den Nachbarn des
Westens; hier ist der Punkt, wo uns die bei uns so besonders
schwierige und verzögerte Entwicklung des technischen Impressio—
nismus zu gute kam. Denn so konnte es geschehen, daß Werke
dieses Idealismus noch heute entstehen, während der erste Meister
dieser Richtung, Feuerbach, schon Ende der fünfziger und während
der sechziger Jahre die für ihn entscheidenden Werke schuf: —
länger als ein Menschenalter hat in unseren raschlebigen Zeiten
im Grunde ein und dieselbe Erscheinung, wenn auch in gewissen
Abwandlungen, die Aufmerksamkeit der Zeitgenossen gefesselt.

2. Feuerbach, 1829 geboren, in Umriß und Komposition
anfangs vornehmlich durch Couture bestimmt, den französischen
Historienmaler, der zu gleichen Teilen etwa aus der Romantik
seit Delacroix und aus dem Klassizismus des Ingres herkam,
in der Farbe von seinem venetianischen Aufenthalt ab im
besten Sinne Schüler Tizians, steht, wie man sieht, der äußeren
Form nach am Ausgang des technischen Historismus. Und hat
er diesen später in der Farbe zu Gunsten eines überaus ver—
minderten Kolorismus, in Umriß und Komposition zu Gunsten
einer viel stärkeren Betonung des Zeichnerischen verlassen, so
war das gewiß ein Schritt über das Gebiet des Historismus
hinaus, aber keineswegs so ohne weiteres zu Gunsten irgend
eines Impressionismus. Was seine Werke dennoch an die
Spitze der Übergangsidealisten setzt, sind Eigenschaften der
inneren Form. Wie sein tieftragisches „Vermächtnis“ in so
        <pb n="169" />
        Bildende Kunst.

vielen Sätzen immer und immer wieder bezeugt, war Feuer⸗
bach eine ganz moderne, reizsame Natur: ein Grübler von
tiefer Melancholie, musikalischer Eindrücke bis zur Ekstase fähig,
dabei asketisch angelegt, voll jeglichen Verzichts auf Selbst—
zufriedenheit und voll des Pessimismus des 19. Jahrhunderts.
Darum sprechen seine Bilder gleichsam gedämpft zu uns, jeder
schrille Laut ist fern; kein Zug der Leidenschaft stört, eine er—
habene Ruhe spiegelt die in tausend Aufregungen erworbene
Resignation des Kämpfers wider, — wie gern hat er Iphi—
genienbilder gemalt: er zuerst hat die herbe Schönheit, die von
Willkür freie Gesetzmäßigkeit, die Selbstverständlichkeit des
bloßen Angeschautseins des modernen idealistischen Kunstwerks.
Und er zuerst prägte diese Eigenschaften in einem besonderen
Körperideal und auch schon in der Idealisierung des Gesamt—
bildes aus.

Ganz hat sich Feuerbach erst in Rom (seit 1856) gefunden,
im Anblick der großen Monumentalmaler des 16. Jahrhunderts
und der bildnerischen Schöpfungen der Antike. Jetzt erst ward es
ihm aus den innersten Tiefen seiner Veranlagung her zu einer
überzeugungsvollen Erfahrung, ja zu einer Offenbarung, die
ihn wie eine Erleuchtung und vollkommene Seelenwandlung
anmutete, daß die künstlerische Phantasie nicht mit der bloßen
Aufnahmefähigkeit für die Natur erschöpft sei, daß sie vielmehr
ihre höchste Kraft erst zeige in dem Vermögen, aus der
Summe der gedächtnismäßig aufgespeicherten Anschauungs—
eindrücke in dichterischer Kraft das herauszugreifen, was in
individueller Umgestaltung ein Bild ergiebt!. Schon früh hatte
Feuerbach seine Seele erfüllt gefunden von Bildern, deren an—
schauliches Leben ihn bedrängte, bis er sie in Gemälden aus
sich heraus bannte: jetzt, in der erhabenen Stille Roms, begriff
er dies seelische Dasein als das des Künstlers.

Dabei wies ihn die eigene Begabung wie die Landesnatur
vor allem auf die Wiedergabe menschlichen Lebens und ganz
besonders menschlicher Körperhaftigkeit: ihre phantasievolle Nach—

S. Allgeyer, Anselm Feuerbach,. S. 389 -90.
        <pb n="170" />
        Bildende Kunst.
145
schöpfung erschien ihm immer mehr als nächste und erste
Aufgabe. Und da begriff er denn, obwohl mit einem
unglaublich aufnahmefähigen Formengedächtnis ausgestattet,
daß auf diesem Gebiete nicht Studien allein, und daß noch
weniger selbst die eifrigste Anschauung ihn das Leben des
menschlichen Körpers je ganz gedächtnismäßig würden umfassen
lassen; wer sollte diese unendliche Summe von Bewegungs⸗
kombinationen beherrschen, wer die freien Verkürzungs- und
Überschneidungsmöglichkeiten, die der menschliche Körper in
Gerüst- und Muskelspiel darbietet? Und so blieb er, obwohl
idealistisch der Typisierung der Formen zugewandt, dennoch wie
der eifrigste Naturalist dem Modell getreu — freilich dem sich
bewegenden nackten Modell, weshalb er denn mit Kinderstudien
begann —: und je mehr er dann das Modell studierte, mit um
so stärkerer Gewalt drang immer und immer wieder der nackte
Mensch in den Gesichtskreis seines Schaffens.

Damit wurde das großfigurige Bild das eigentliche Ar—
beitsgebiet des Künstlers, — und das Problem der Form, wie
wir es oben besprachen, der scharfen Umrissenheit von Figuren,
die aus der Nähe betrachtet werden, mußte von ihm ganz
anders behandelt und gelöst werden als von den Meistern der
flimmernden Lichtschwaden der neuen Kunst, insbesondere der
Kunst der Landschaft. Indem sich nun dieser Prozeß bei Feuer—
bach vollzog, indem sich ihm die innerlich erschauten Gestalten an
der Hand beständiger Kontrolle an der Erscheinungswelt zu
festen, kanonischen Formen des Menschen, zu typischen Idealen
verdichteten, nicht mehr so sehr getragen von Farbenerschei—
nungen, die vielmehr allmählich zurückwichen, wie von der
Plastik bildnerischen Erfassens: tauchte eine moderne plastisch—
malerische Auffassung des Menschen empor, deren Dasein, wenn
auch vorläufig nur in einem Künstlerkopf, die Voraussetzung
war für jede weitere Entwicklung eines impressionistischen Idea⸗
lismus. Denn da es, wie wir gesehen haben, der impressio—
nistischen Technik einstweilen noch nicht gelang, nahgesehene
Großfiguren allein mit den Mitteln der Wiedergabe reiner Licht⸗
Farbeneindrücke zu bewältigen, so mußte von anderen Seiten

Lamprecht, Deutsche Geschichte. Erster Eraünzunasband. 10
        <pb n="171" />
        146

Bildende Runst.

her, noch von den technischen Voraussetzungen der alten Kunst
aus Ideal und Kanon dieser Figuren geschaffen werden, sollte
anders auch ein idealistischer Zweig des vollen Impressionis—
mus gedeihen und Blüten und Früchte tragen in reicher Fülle.

Dies Ideal, die moderne malerisch-plastische Form des
Reinmenschlichen zu schaffen, war Feuerbach sein Leben hin—
durch bemüht. Die Höhe seiner Kunst aber liegt in der Zeit,
da er in der Verwirklichung dieses Ideals rasch fortschritt,
ohne doch schon die koloristischen Fähigkeiten seiner Jugendzeit
verloren zu haben. Es ist eine Periode, die sich mit dem
Dantebild von 1858 ankündigt und in wachsenden Leistungen
bis zu den Jahren 1870 bis 1871 ansteigt. Dabei verein—
fachten sich dem Meister in dieser großen Zeit auch die Pro—
bleme der Komposition immer mehr, und seine Formensprache
wurde immer energischer. Welch ein Abstand in dieser Hinsicht
oon der Madonna der Dresdener Galerie von 1860 bis zu den
Bildern der Schackgalerie („Pieta“ 1863, „Francesca da Rimini“
1864, „Hafis am Brunnen“ 1866), und noch viel mehr von hier
bis zum „Gastmahl des Platon“, dessen erste Ausführung (jetzt
in Karlsruhe) 1867 begonnen ward, und den Iphigenien- und
Madonnenbildern oder auch dem „Varisurteil“ der letzten Jahre
dieser Periode.

Aber indem diese Vereinfachung eintrat, verschob sich in
den letzten fünfzehn Lebensjahren der Gestaltungstrieb des
Meisters nach zwei Seiten hin. Die Form besiegte immer
mehr das Element des Malerischen und sogar des Räumlichen
im weiteren Sinne; und indem sie überwog, bildete sich eine
Neigung zu ihrer Überführung ins Mehr⸗-als-menschliche, Ti⸗—
tanenhafte, und damit eine Kompositionsweise, die den Einzel—
körper in seinen Stellungs- und Bewegungswandlungen nur
noch als Inbegriff des unendlichen Formenreichtums und der
Formenpracht der Natur betrachtete und ihn darum nur noch
als Teil einer allgemeinen Formensymphonie, nicht mehr als
selbständiges Moment verwandte. Die Folgen der ersteren
Richtung zeigen sich schon in der monumentalen Ausführung
des „Symposions“ in der Berliner Nationalgalerie; hier ist der
        <pb n="172" />
        Bildende Kunst.

147
sinnliche Reiz der Farbe bereits gebrochen zu Gunsten einer
übermäßig zeichnerischen Betonung der Formen. Die Folgen
der zweiten Richtung gelangen in der „Amazonenschlacht“ von
1873 und in dem „Titanensturz“ von 1879 zum Ausdruck.
Bei aller Beherrschung der Gesamtanlage mit einem feinen,
ausgeglichenen, gleichsam sublimierten Licht und bei allem
Zauber monumentaler Dramatik ist hier der Schritt zu einer
Formensprache fast im Sinne Michelangelos gethan.

Aber das, was Feuerbach charakterisiert, ist doch nur an
erster Stelle ein neues plaftisch-malerisches Ideal des Menschen.
Man braucht nur die Titel der von ihm bisher angeführten
Gemälde zu mustern, um zu sehen, daß ein Zweites hinzukommt.
Der menschliche Körper in seiner idealischen Form ist ihm in
seiner besten Zeit doch nur Komponente von Bildern, in denen
ein rein menschlicher Inhalt in einfachster Anschaulichkeit zur
Darstellung gelangen soll. Darum, weil er diesen höchsten
Wunsch ruhiger Anschaulichkeit rein menschlicher, an keine Zeit
und keinen Ort gleichsam mehr geketteter Vorgänge und Ge—
fühle am einfachsten in klassischen Stoffen glaubte verwirklichen
zu können, hat Feuerbach so viel aus der Antike gemalt. Was
bedeuteten in dieser Hinsicht nicht für ihn die immer und immer
wieder in Angriff genommenen Iphigenien⸗- und Medeenstoffe!
Hier glaubte er rein menschlichen Gehalt in typischer und
darum idealisierter Form am leichtesten der Leinwand einver—
leiben zu können. So ist er nicht bloß ein Idealist der Körper—
form gewesen, sondern der Bildform überhaupt: er zuerst zeigte
in modernem Sinne, wie man in einem Figurenbilde nicht bloß
nach der Weise des Historismus erzählen, sondern, sogar mit
einem großfigurigen Bilde, auch stimmen könne, und wie der
Einschuß von Stimmung, der Idealismus der Gefühle alsbald
auch zu einer abgewandelten Formgebung, einem Idealismus
des Gesamtbildes führe. Es ist der Weg, den später Böcklin
und Thoma und auch Klinger mit ganz anderer Sicherheit ge⸗
wandelt sind.

Feuerbach ist 1880 gestorben — wenige Jahre, bevor die
Welt zum Verständnis seiner Kunst heranreifte. Denn um die

10*
        <pb n="173" />
        148

Bildende Kunst.
Mitte der achtziger Jahre erhob sich schon das Gestirn Böcklins
mit weithin wärmendem Strahle. Feuerbach aber hat schwer
gelitten unter dem Unglück, unverstanden zu bleiben bis zum
Tode. Denn er wußte seinen Wert zu schätzen, wenn nicht
zu überschätzen. Aber eben deshalb war doch wohl noch
unglücklicher als er ein Künstler, der nicht minder als Vor—
läufer der großen Idealisten gelten darf, und dem es gleich—
wohl nicht vergönnt war, in der eigenen Brust starke und stän—
dige Widerstandskraft zu finden gegen äußere Verkennung.
Hebbel hat einmal aus tiefster Kenntnis gewisser seelischer
Grundbedingungen seiner Zeit im Jahre 1847 geäußert, daß „in
der geistigen Sphäre hin und wieder an gewissen Punkten mit
Notwendigkeit ein Übergangsgeschöpf hervortreten müsse, das
der Idee nach einer höheren Gattung angehören muß, als es
durch seine noch mangelhaften Organe zu realisieren vermag“.
Und er hat gefragt, wie denn wohl ein solches Geschöpf dem
Widerspruch zwischen Wollen und Vollbringen entfliehen könne?

Das von Hebbel aufgeworfene Problem hat das Schicksal
von Hans von Marées (1837-1887) beherrscht!. Markées,
der schon in jungen Jahren in München als ein überaus be—
gabter Künstler galt, hat den ins Inhaltliche hinüberschweifenden
Idealismus Feuerbachs niemals ganz erkannt, geschweige denn
anerkannt. Vielmehr kam er schon in München der Auffassung
näher, daß die Kunst unter allen Umständen keine Symbolik
des Empfindens oder gar Erkennens sei, sondern daß ihre
einzige Aufgabe darin bestehen müsse, sichtbares Sein zu immer
klarerem und reicherem Ausdruck zu entwickeln. Durchaus deut⸗
lich wurde ihm diese Anschauung aber doch erst in Rom, wo
er seit 1864 weilte. Und keineswegs mit einem Male, wie eine
Intuition, brach sie über ihn herein. Jahrelang vielmehr,
während er anderen schon längst als ein untrüglicher, ganz in
sich fertiger Führer galt, hat er immer und immer wieder mit
sich gerungen, sich ihrer zunächst grundsätzlich zu bemächtigen.
wVgl. Fiedler, Schriften über Kunst S. 3609—462: Hans von Marées,
u. a. m. Außerdem sind handschriftliche Aufzeichnungen über den Mars6es—
schen Kreis von Arthur Volkmann benutzt.
        <pb n="174" />
        Bildende Kunst.

149
Aber schließlich stand ihm fest, daß die künstlerische Thätigkeit
nur auf die Idealisierung des Sichtbaren gehen könne, und daß
es hierzu nötig sei, sich die Natur in allen Einzelheiten ihrer
Wirksamkeit so völlig zu eigen zu machen, daß es möglich sei,
aus ihrer intimsten Kenntnis her reproduzierend zu schaffen,
ohne noch eines besonderen Studiums für den einzelnen Fall
zu bedürfen. Also grundsätzlich zunächst absoluter Naturalis—
mus — und das hieß doch um 1865 schon wenigstens physio—
logischer Impressionismus? —, aber dieser Naturalismus nicht
eindrucksweise angewandt, sondern seinem Inhalte nach zu—
sammengefaßt zu größeren Gedächtnisgruppen, die dann typische
und somit idealisierte Formen der Eindrücke ergeben sollten,
wenn sie im Bilde zur Darstellung gelangten. Oder anders
ausgedrückt: gedächtnismäßige Zusammenfassung der Einzel—⸗
eindrücke zu Eindruckssammlungen; und diese Eindrucks—
sammlungen Formen der Darstellung.

Marses brachte zur Verwirklichung seiner Absicht ein un—
glaubliches Formengedächtnis mit; auf seinem letzten Karton
waren Akte aus dem Kopf gezeichnet, die sich von anderen,
später nach dem Modell gezeichneten als in keiner Weise ver—
schieden erwiesen. Bei diesem Formensinn lag es ihm nun
nahe, den Schwerpunkt seiner Malerei vor allem in die plastische
Modellierung der Figuren und in die Wiedergabe der Umrisse und
der Raumtiefe zu verlegen, soweit nicht etwa eine Typisierung von
Eindrücken schon ohne weiteres und naturnotwendig wieder zur
stärkeren Betonung der Form zurückführte. In diesem Sinne
hat er denn zu schaffen versucht, und darnach wählte er sich
seine Gegenstände: einfache Wiesengründe, sanft hügeliges Ge—
lände, mäßige Baumgruppen, ab und zu ein Wasserspiegel,
eine ferne Berglinie, — vor allem aber in der Landschaft
große, meist nackte Figuren, auch Tiere, insbesondere Pferde,
und dementsprechend zumeist antike Stoffe: „Urteil des Paris“,
„Raub der Helena“, „Amazonenschlacht“, Hesperidenbilder mit
dem ständig wiederholten Motiv des Orangenpflückens u. a. m.

In diesen und verwandten, teilweis auch mittelalterlichen
Scenen bestrebte sich nun Marées, einer geschlossenen Gesichts—
        <pb n="175" />
        —150

Bildende Kunst.
vorstellung Ausdruck zu geben und zugleich in allgemeinen
Formen die denkbar höchste Illusion der Wirklichkeit zu erreichen.
Aber es gelang ihm nicht, sich genug zu thun. Immer und
immer wieder übermalte er, was andere oft in der ersten Aus—
führung als am besten gelungen gefunden hatten, malte und
malte, und zerstörte, was er geschaffen.

Das ist die Tragik dieses Künstlerlebens — die Tragik
unzulänglicher Kräfte bei hoch gespannten Zielen. Es ist
die größte Seite an Marses, daß er dieser Tragik nicht unter—
legen ist. Er zwang sich zum Glauben an sich, und darum
unterzwang er diesem Glauben auch andere. Derselbe Mann,
der einsam und auftraglos bei verschlossener Werkstatt malte,
der im Kunsthandel keinen Namen hatte, begeisterte die besten
jungen Kräfte durch die Macht seiner Lehre — und wurde so
mit zum Erzeuger und Beseeler einer neuen idealistischen
Kunst. Was er gewonnen hatte und was man bei ihm
gewann, das war der rücksichtslose, heilige Idealismus einer
jüngsten, dem modernen Auge entsprechenden bloßen Formen—
kunst — einer Formenkunst hinaus über das Wissen und
Können Feuerbachs.

3. Feuerbach schreibt in seinem Vermächtnis: „Rom, dieser
gottbegnadeten Insel des stillen Denkens und Schaffens, habe
ich so viel zu danken. Es ist mir in Wahrheit eine zweite
Heimat geworden, und immer wenn mein künstlerisches Denk—
vermögen in Deutschland brachgelegt wurde, durfte ich nur die
italienische Grenze überschreiten, und eine Welt von Bildern
stieg in mir auf. Bei einfacher Lebensweise erinnere ich mich
während eines Zeitraums von beinah siebzehn Jahren kaum
eines körperlichen Unwohlseins. Mein reizbares Wesen wich
einer angeregten Ruhe, die mich fortan auch in Gefahren nicht
verließ. Ich fing an, das Alleinsein zu lieben, das ich früher
so schwer ertragen hatte.“

In Rom hat Maröées gelebt, in Rom ist Klinger gereift;
Rom war auch die Lehrmeisterin Böcklins.
        <pb n="176" />
        Bildende Kunst.

151
Böcklin, der 1827 zu Basel geboren und 1901 auf seiner
Villa bei Florenz gestorben ist, war ein geborenes Farben⸗
genie. So fand er bei Schirmer in Düsseldorf, dem letzten
großen Jdylliker der klassizistischen Landschaft, leidliche Förderung,
sehnte sich aber doch — es war in den vierziger Jahren, in
denen man in Deutschland zunächst die Vlamen kennen gelernt
hatte — nach dem stärkeren historischen Kolorismus von Brüssel
und Paris. Freilich haben ihn dann in Brüssel Rembrandt
und Rubens schließlich weniger angezogen als die van Eycks,
Roger van der Weiden, Memling und Bouts: ihre Farbenwelt,
wie sie fast in den magischen Tönen sonnendurchglühter Glas—
fenster leuchtet, nahm ihn alsbald gefangen, und unter diesen
Meistern wirkte wieder am meisten Bouts auf ihn, der am
wenigsten erzählt, am meisten anschaulich hinstellt. Und in
Paris erging es ihm ähnlich; auch hier fruchteten die modernen
Lehren wenig und als dauernde Eindrücke seines Aufenthaltes
blieben ihm fast nur einige miterlebte Scenen der Revolution.

Aber schon 1850, zweiundzwanzigjährig, fand Böcklin das
Land seiner Verheißung, Italien. Und hier blieb er zunächst
sieben Jahre in Rom — Jahre schwerer Entbehrung, die ihn
doch nicht niederdrückten: in einem Augenblick höchster Not
hat er, nach wenigen Tagen der Bekanntschaft, ein armes
Römermädchen geheiratet. In dieser Zeit begann er seinen
Sinn für Kolorismus, seinen Zug zur dichterischen Belebung
bis hin zur Fabelwelt, sein besonderes Stilgefühl und ins—
besondere seinen ganz ungewöhnlich anschaulichen Raumsinn
auszubilden und in Eins zu verschmelzen, begann er ein selb—
ständiger Künstler zu werden. Denn Rom bot alles, um ihn
in seinen angeborenen Neigungen zu fördern: architektonischen
Charakter der Landschaft, lebendige Farbenwelt, tausend starke
Eindrücke auf die Phantasie — und jene Stille, die für jede
Konzentration reicher Kräfte notwendig ist. Er skizzierte viel
nach der Natur, vor allem aber durchstreifte er Gebirg und
Flachland, um zu sehen, zu sehen allein, und so in seinem
unglaublich aufnahmefähigen Gedächtnis aufzuspeichern, was
seine Phantasie so mit Fornigehalt erfüllen konnte, daß sie
        <pb n="177" />
        152

Bildende Kunst.

später ohne unmittelbare Vorlage und ohne Modell zur
glühendsten und währsten Sprache im Bilde kam.

Die Werke seiner ersten Periode freilich, bis etwa 1862,
zeigen noch nicht den Ausdruck innersten Bestrebens. Böcklin
war ein Spätreifer; er schloß sich in dieser Zeit, etwa wie sein
Freund und Mitschüler bei Schirmer, Franz-Dreber, noch an
die klassizistisch-romantisch-idyllische Landschaft herkömmlichen
Stiles an. Allerdings in ziemlich naturalistischer Formgebung;
mit den heroischen Landschaften etwa Prellers, aber auch mit
denen der spezifischen Idylliker, ja in späterer Zeit sogar Franz⸗
Drebers verglichen erscheinen seine Bilder dem phyfiologischen
Impressionismus zwar nicht angehörend, aber doch angenähert.
Es ist das Moment, aus dem heraus sich, abgesehen von
späteren, weiter führenden Raumexperimenten, am ehesten die
Stellung Böcklins zur allgemeinen Entwicklungsgeschichte der
Malerei bestimmen läßt.

Gegen Schluß dieser Periode aber konnte sich Böcklin in
Rom nicht mehr halten; er hatte die Bewunderung Feuerbachs,
aber die Welt blieb vor seinen Bildern kalt; und so verließ
er Italien. Dann kam ein erster Umschwung. Sein „Pau
im Schilf“ erregte auf der Münchener Ausstellung von 1859
Aufsehen: wo hatte man bisher schon so reiche und so satte
Farben gesehen? Und die äußeren Lebensverhältnisse des
Meisters besserten sich. Auch die innere Entwicklung verlief
günstig; in dem Jahrzwölft von 1862 bis 1874 etwa reifte
Böcklin den höchsten Zielen der siebziger und achtziger Jahre
entgegen. Im allgemeinen ist er auch jetzt noch Landschafter;
die Figuren bilden der Hauptsache nach noch bloße Staffage.
Daneben stehen freilich gelegentlich reine Figurenbilder, wie
eine „Euterpe“ (von 1861) oder „Magdalenens Trauer an der
Leiche Christi“ oder „die Muse des Anakreon“, und in ihnen
bildet sich der Körper, insbesondere das Frauenideal der folgen⸗
den Zeit aus: die Italienerin, ja insbesondere Römerin in
zartem, gelegentlich üppigerem Körper, schlank und darin
germanischem Gefühl angenähert; in der Kleidung das feine
Gefältel von Batist oder noch lieber seidenen Schleiern. In
        <pb n="178" />
        Bildende Kunst.

153
der Landschaft aber wächst das dichterische Element, der Stim—
mungsgehalt, und vor allem die schweren, schwermutsvollen
Stimmungen sind bevorzugt: das Dämmerungsvoll⸗Düstere im
„Gang nach Emmaus“, das Schaurig-Gespensterhafte im „Ritt
des Todes“, das Grausige in der „Felsenschlucht“, das Ent—
setzliche im „Furienbild', das Drohend-Geheimnisvolle im
„Heiligen Haine“. Dabei wird mit dem Wachsen des Stim—⸗
mungsgehaltes die Staffage immer bedeutsamer — das Mensch-
liche oder menschlich Empfundene drängt sich heran —: bis es
ausnahmsweise schon in voller Ebenbürtigkeit mit der Land—
schaft erscheint, so in dem liebesschwülen Abendbild der den
Amor entsendenden Venus. Dabei steigt dann durch Herein—
ziehen des Großfigurigen ganz allgemein die Plastik des
Bildes, — wie denn gelegentlich schon Figuren auftreten, die,
nicht mehr sichtbar handelnd, nur durch ihr einfaches Dasein,
gleichsam bloß bildnerisch Stimmung ausdrücken —: die
Gliederung der Gegenstände wird entschiedener, die Farbenwerte
werden leuchtender und begrenzter, das Heroische scheint leise
—V0
Dichterische gehobener Formen.

Es ist der Übergang zu der großen Zeit Böcklins, den fünf—
zehn Jahren von 1873 bis 1887, die der Meister der Haupt—
sache nach in Florenz, gegen Ende auch in Zürich zugebracht hat.
Jetzt erblüht ihm ganz der große Stil, der Stil idealistischen
Umrisses und Raumes, idealistischer Farbe, idealistischen Lichtes.

Das erste Jahrfünft bringt diesen Stil dem Stoffe nach
mehr begrenzt zum Ausdruck, da nämlich, wo er sich am
einfachsten verwirklichen ließ, am Menschen. Dieser tritt
jetzt im Bilde entschieden hervor, die Haltung des Land—
schaftlichen wird bescheiden. Und wo die Natur mehr mit—
spricht, da redet sie durch Elemente, die sich dem plastischen
Wesen des neuen, zunächst im Menschenkörper verwirklichten
Stiles leicht unterordnen oder, ihrem Wesen nach formlos, die
Stilisierung nicht vermissen lassen: so durch das Wasser —
jetzt beginnen die gewaltigen Seebilder — oder durch Luft—
gebilde, die z. B. im „Kentaurenkampfe“ das Landschaftliche be—
        <pb n="179" />
        164

Bildende KNunst.
herrschen. Um diesen neuen Elementen freien Platz zu schaffen,
wird dann die Landschaft aus der Froschperspektive genommen;
erst der tiefe Horizont vermittelt ganz die in ihnen ruhende
Poesie. Später erst, zumal in einer Reihe schönster Frühlings—
bilder, tritt dann eine pflanzlich und geologisch mehr belebte
Landschaft auf: und damit bilden diese Darstellungen ebenso
den Übergang zu den Schöpfungen der Jahre 1878 bis 1887,
wie die Fresken im Baseler Museum (1868 — 70) von der
Betonung des Landschaftlichen zum Figürlichen geführt hatten.

Worin besteht nun im einzelnen das Neue des Stils in
diesem Lustrum? Das Wesentliche ist eine außerordentliche
Erweiterung des Formen- und auch des Raumgefühls. Menschen
und Tiere, das beherrschende Element des Bildes, erhalten
statuarische Fassung; im Umriß werden sie gegenüber dem ver—
schwimmenden Kontur der früheren Zeit hervorgehoben; wie
im Relief bewegen sie sich vor dem Hintergrund und er—
halten das Wesen des unmittelbar Greifbaren um so mehr, je
stärker bei tiefgelegtem Horizont eine weite Fernsicht des Hinter—
grundes erstrebt wird. Und gelegentlich kommt dazu, wie z. B.
im „Kentaurenkampf“, geradezu eine reliefartige Anordnung der
Scene. Dasselbe Bild aber, das diese Anordnung des Figür—
lichen und Räumlichen zum ersten Male ganz vollendet zeigt,
die „Venus Anadyomene“ von 1873, funkelt auch schon im
Schmucke einer bis dahin unerhörten idealischen Farbengebung.
Hier erscheinen jene Töne des Ultramarin, die in wunderbarer
Tiefe leuchten, und jene gleichsam schöpfungsmäßige koloristisch—
pathetische Palette wird gewonnen, die in der fortschreitenden
Vervollkommnung der achtziger Jahre zu einer nur Böcklin
eigenen Farbenwelt geführt hat.

Der Idealismus der Farben- und Formgebung aber ward
von einer zwar nicht unvorbereiteten, aber doch erst jetzt ganz
stark einsetzenden Änderung des dargestellten Inhalts begleitet.
Dem pantheistischen Naturgefühl des Meisters genügten die
natürlichen Gestaltungen nicht mehr und er ergänzte sie durch
eine Welt märchenhafter Geschöpfe. Jetzt zieht Aphrodite, die
Schaumgeborene, heran und mit ihr das vergnügt-sinnliche Volk
        <pb n="180" />
        Bildende Kunst.

155
der Tritone und Nereiden und Nymphen und Najaden; Diana
jagt auf Gefilden, die von Kentauren und Faunen bevölkert
sind, und Pan flötet um die heiße Stunde des Mittags.
Wer aber will immer unterscheiden, ob diese Wasserfrauen
deutsche Meerweibchen sind oder klassische Nymphen? Und
spielt diese Welt neben der Lyra nicht die Harfe? wird neben
der Tritonsmuschel nicht die Laute gehört? Den antiken
Figuren treten solche der deutschen Sage zur Seite, aber auch
Personen der biblischen Überlieferung und des Gestaltenkreises
der Renaissance, vor allem aus dem Lieblingsbuche Böcklins,
Ariosts „Kasendem Roland“ — ja selbst moderne Menschen,
Sonntagskinder natürlich, junge Mädchen, Hochzeitsreisende,
mischen sich in den unbewußt, triebartig, enthusiastisch mit
der Natur fühlenden Chor. Denn in einem pantheistischen
Gefühl sind sie alle eins, — und von ihm beseelt erhalten sie
auch im Grunde einerlei Wesen. Sie haben eine diesem Gefühl
entsprechende Gebärde, Muskelausstattung, ja ein ihm notwendig
konformes Skelett: sie sind nur der fernen Abstammung nach
noch antik oder germanisch oder christlich oder aus dem Heiden—
land der Renaissance: in Wirklichkeit haben sie das pantheistische
Naturgefühl des 19. Jahrhunderts zum Vater und zur Mutter
die Böcklinsche Phantasie.

Aber diese bunte Gesellschaft trieb den Meister weiter.
Bedurfte sie nicht einer ihr nun noch mehr angemessenen, ihren
jauchzenden, trauernden, schwärmerischen, lärmenden Instinkten
gänzlich angepaßten Welt? Die Jahre 1878 bis 1887 bringen
die Sonnenhöhe der Kunst des Meisters, — hatte er sich am
Schluß der vorhergehenden Periode mit dem fiedelnden Tod
zur Seite porträtiert, so steht am Schlusse dieser Veriode
das Selbsthildnis mit dem Lorbeerzweige.

Vor allem handelte es sich da um die Landschaft: wie war sie
plastisch zu gestalten, wie die Form im besonders betonten Sinne,
wie der Umriß zu gewinnen, ohne sie den gewaltigen Wirkungen
des Lichtes und der Farbe zu entziehen? Lange hat Böcklin hier
hin und her versucht; und es gehört zu den reizvollsten Aufgaben
geschichtlicher Forschung auf dem Gebiete jüngster Vergangen—
        <pb n="181" />
        156

Bildende Kunst.
heit, seine Experimente an den Bildern von etwa 1873 ab zu
verfolgen. Seit etwa 1878 aber ist die Aufgabe gelöst, und
wir sehen eine Landschaft von phantastischer Schönheit auf⸗
tauchen ohne jede Spur des Verschwommenen in der Wieder⸗
gabe des Lichts: die „Gefilde der Seligen“ bieten das erste
vollendete Beispiel. Da haben wir denn die charakteristische
Landschaft Böcklins mit ihren an Botticelli und das Arnothal
erinnernden Bestandteilen: eine Flachlandschaft mit Wiese und
Wasser, von einzelnen Bäumen bestanden, mit niedrigem Horizont,
den die höher aufsteigende Pflanzenwelt durchschneidet, mit
fernhinstreichenden Bergen: das Ganze gelegentlich vertieft ge⸗
dacht als ein stilles, niedriges Thal, bisweilen auch als linde
Höhe mit ausgreifender Fernsicht. Und in diesem schier un—
begrenzten Raum erscheinen Blumen und Bäume und Acker
und Fels und Luft und Wasser stilisiert: die Blumen in der
Weise der Meister des 15. Jahrhunderts gesehen, wie Nah—
gebilde in Lokalfarben und plastisch gehoben; die Bäume, meist
von tektonischer Form, Pappeln und Cypressen, Lorbeer und
Platanen, Weiden, Tannen und Birken, vom oberen Bildrand
schon oft vor der Kronenbildung durchschnitten, bei dargestellter
Krone in Blattbildung und Kronenumfang streng umrissen, oft
geradezu in Hainen und Alleen künstlich gepflanzt und künstlich
geköpft; das Land von Menschenhand zu Wällen und Gräben
und Thälern und Buchten künstlich geordnet; der Fels gern
behauen, mit einer Vorliebe für Spiegelungen gut geglätteten
Marmors; selbst das Wasser in umbordeten Bächen und Becken
und Springbrunnen künstlich geführt, und die Wolkengebilde
aufgebaut zu grandiosen Architekturen. Freilich bleibt neben
dieser Landschaft in alter, ja fortentwickelter Schöne die un—
gebändigte Kraft des Meeres bestehen — eines der größten Werke
Böcklins, das „Spiel der Wellen“ (1888), giebt eben die Poesie
dieser Kraft wieder —: aber auch hier wird die Woge technischer
behandelt als bisher, treten magischere Farbenspiele auf als
früher.
Damit war denn erreicht, was nach der Wendung um das
Jahr 1872 notwendig erschien: derselbe Formcharakter galt jetzt
        <pb n="182" />
        Bildende Kunst.

157
für die Gestalten wie die landschaftliche Umgebung. Indes indem

beides, Gestalten wie Landschaft, einem durchaus idealplastischen

Prinzip der Formgebung unterworfen worden war, ergab es sich

als notwendig, daß dies Prinzip auch den Raum erfaßte, in dem

Landschaft wie Gestalten lebten. Hier lag die schwerste Auf—

gabe: unablässig hat Böcklin daran gearbeitet, die plastische

Stärke der Raumwirkung zu erhöhen. Soweit hier die Linear—

—DD00 der

Kunst der Anordnung der landschaftlichen Kulissen zusammen;

daneben kamen Tiefe des Horizonts gegen den beherrschenden

Aufbau der Figuren im Vordergrund, Durchschneiden der
Pflanzenwelt und tausend andere Hilfsmittel in Betracht. Voll
verwirklicht aber konnte die neue Absicht doch nur werden im
Bereiche der Farbe und des Lichtes. Und da der Meister hier
bei der plastischen Wirkung des Vordergrundes auf das starke
Spiel der Widerscheine in wassergesättigter Luft und die
Dunstigkeit der Beleuchtung nicht rechnen durfte, wollte er
nicht das Ebenmaß des Ganzen aufgeben, so blieb ihm, der
dem physiologischen Impressionismus Mitteleuropas zeitweis
nicht fern gestanden hatte, jetzt nur noch jene Farbenwelt
zur Verfügung, welche gleichsam atmosphärenfreie klarste Tage
Italiens aufweisen. Und in diesem Bereich kam es dann
darauf an, die überreiche Tonabfolge der italienischen Land—
schaft, deren absolute Differenzen im Raum des Gemäldes
wiederzugeben jeder menschlichen Palette versagt erscheint, doch
in ihren wichtigsten relativen Abständen so einzufangen, daß
der Eindruck einer schier unendlichen Abstufung von vorn nach
hinten erreicht wurde. Das war das Problem, das Böcklin zu
immer neuen Farbenexperimenten trieb, ihn insbesondere nach
einem Malmittel suchen ließ, welches die Farben so dünn auf—
zutragen gestattete, daß der Malgrund, eine weiß grundierte und
blanke Holztafel, durchscheine und die Farben fast wie in einem
Glasgemälde leuchten lasse. Und in einer ziemlich verwickelten
Technik, nach dem Durchproben zahlreicher alter Malweisen,
gelang es ihm, die entsprechenden Mittel zu finden. Er ver—
fügte schließlich über eine Farbenskala, die ihm die Möglichkeit
        <pb n="183" />
        58

Bildende Kunst.
zu bisher für märchenhaft gehaltenen Kontrasten gab. Mit
ihr brachte er es fertig, noch im Mittelgrunde ungebrochene
Farben im hellsten Sonnenschein leuchten zu lassen, indem er
die Kontraste im bläulichen Schattenlicht des Vordergrundes
so stark wählte, daß sie selbst den warmen Mittelgrund zurück⸗
drängten: dieser aber rückte dann wieder die Berge des Hinter—
grundes in die weitesten Fernen. Auf diese Weise schuf er
für den Beschauer ein wohliges, ja überquellendes, den Rahmen
gleichsam sprengendes, ein idealistisches Raumgefühl: eine Ver—
doppelung der Intensität seiner Empfindungen ergreift ihn und
gleicht für seine Anschauung den Raum der plastischen Ideali⸗
sierung der Gestalten an.

Eine gehobene Harmonie der gesamten äußeren Form ist
damit erreicht, und es bedarf nur noch einer ebenfalls idealistischen
inneren Harmonie, eines zur äußeren Form ebenmäßigen starken
Stimmungsgehalts, um Kunstwerke von idealistischer Vollendung
entstehen zu lassen. Böcklin erklimmt im Zenith seines Schaffens
auch diese steilste Höhe. Zumeist, indem sich Natur und Ge—
staltenwelt das Gleichgewicht halten und die eine dieselbe
Stimmung in uns auslöst wie die andere ; so am vollendetsten
wohl im „Spiel der Wellen“. Bisweilen aber auch in der Art,
daß entweder das Landschaftliche oder das Lebendig⸗Organische
überwiegt, jeder Teil aber zur vollen Wirkung doch des anderen
bedarf. In den meisten Fällen steht hier, aus begreiflichen
Ursachen bei der Entwicklungsweise dieser Kunst, das Organische
im Vordergrund, am wunderbarsten vielleicht im „Schweigen
im Walde“, diesem Bilde sowohl nordischer wie südlicher Phan⸗
tasie, der Verkörperung jener schreckhaften Einsamkeit abgelegener
Waldtiefen, in die die freieren Widerscheine der Lichtung hinein—
spielen. Für das Überwiegen des Landschaftlichen bietet ein
großgeartetes Beispiel der , Prometheus“ vom Jahre 1882: die
stilisierte Landschaft eines über brandenden Wogen auf⸗
gebauten Gebirges, das sturmumweht und flutzerrissen in
doppeltem Stockwerk bis zur letzten Höhe des Bildes auf⸗
ragt, einem Himmel und einem Wolkenmeer noch eben
Platz lassend, in deren erstickend enger Atmosphäre Prometheus
        <pb n="184" />
        —AV

159

über die Berge hingelagert ist, ein ungeheurer, vergeblich ringen—
der Riese.

1882 und 1883, für die deutsche naturalistische Kunst die
Zeiten des Übergangs zur unmittelbarsten Wiedergabe von
Licht-Farbeneindrücken, waren auch Böcklins größte Jahre. Aber
auch diese Blüte hatte nur Augenblicke vollster Schönheit;
schon meldeten sich Zeichen des Verfalls. Der Meister stand
hereits an der Schwelle des Greisenalters, das Gedanken und
Gewohnheiten zugewandt ist: lag es nicht nahe, daß aus der
Stilisierung Manier und aus der Stimmung Allegorie ward?

Was sich schon früher ankündigte, hat deutlich eine fünfte
Periode des Meisters seit 1887 etwa zur Reife gebracht. Dies
Jahr zeitigte das Bild „Vita somnium breve“, mit seinem
Inhalt selbst ein Eingangsdenkmal in die frostigen Hallen des
Alters: eine Darstellung der vier Menschenalter, noch in der
Höhe meisterhafter Form- und Farbengebung, aber gedanklich
komponiert: eine Radierung wäre dem Stoffe ebenso gerecht
geworden. Und bald schwindet in der Behandlung von In—
halten, die sich bis zum platt Allegorischen verlieren — im
Jahr 1891 malte der Meister eine Freiheit mit Palme, Adler und
phrygischer Mütze — auch die Fülle und Kraft anschaulicher
Bewältigung. Der Pinsel zerfließt und giebt die Plastik der
Formen nicht mehr wieder, der Umriß wird grob zeichnerisch,
das Formengedächtnis nimmt ab, die Raumbewältigung im
alten Sinne schwindet. Die Einheit der Konzeption der
großen achtziger Jahre verliert sich; der Meister beginnt zu
schwanken zwischen schroffer Stilisierung und dem früheren
Naturalismus der sechziger Jahre. Es sind Zeiten, in denen
sich Böcklin nicht wohl fühlte; 1890 trat ein Schlaganfall ein.
Aber noch war seiner Kraftgestalt mehr als ein Jahrzehnt ver—
gönnt, und die Luft Italiens und des geliebten Florenz, wohin
er 1892 wieder übersiedelte, zeitigten noch den Aufschwung
einer reichen Nachblüte. Sogar neue Anschauungskreise und
Gegenstände zu bewältigen gelang noch, und den Kopf schließ—
lich voll von noch unausgeführten Ideen hat der Meister die
Erde verlassen.
        <pb n="185" />
        160

Bildende Kunst.

Böcklins allgemeine Bedeutung liegt darin, daß er den Weg
gefunden hat, die moderne Farbenwelt so zu intensivieren, daß sie
der idealistisch gesteigerten Wiedergabe der Form in ebenbürtiger
Harmonie zur Seite trat, — und daß ihm gelungen ist, in
dem Zusammenwirken von Form und Farbe auch den Raum
so zu meistern, daß das Raumgefühl intensiviert erscheint. Halt
dagegen machte seine Idealisierung noch vor den modernen spezi⸗
fischen Lichterscheinungen. Nicht als ob er nicht auch Lichteffekte
beherrscht hätte. Aber es sind solche begrenzter Art: die
zarten, dunstigen, unendlich abschattierten Widerscheine liegen
nicht im Bereiche seiner Kunst, sie sind mit dieser unverträglich:
nur die allgemeine Helligkeit, die Helligkeit einer frühlings—
feuchten Atmosphäre hat er idealistisch verkörpert. Damit
hängt die stoffliche Begrenzung seines Anschauungskreises zu—
sammen. Nordischer Phantastik keineswegs abhold, ist Böcklin
doch wesentlich der Idealisierung der italienischen Natur, genauer
noch der Natur der italienischen Westküste treu geblieben.
Damit fiel denn die ganze Poesie des cisalpinen Lichtes hin—
weg. Und auch innerhalb der gegebenen Grenzen sind es vor
allem die weihevollen, die Feststimmungen der Natur und ihrer
Lebewesen, denen der Meister auf der Höhe seiner Kunst nach—
geht; selten nur hat er den trüberen Stimmungsgehalt des
Herbstes, nicht zu häufig den heißwehenden Odem des Sommers
gemalt: dem Lenz vor allem lebt er und in der heißen Zeit
der Poesie des südlichen Meeres.

Der Gefühlsleiter nach aber bewegt sich Böcklin durch fast
alle Reiche, die sich der Mitempfindung des Alls erschließen:
neben dem Sinnigen wird das Ernste und Wehmütige veranschau—
licht, neben dem Einfachen das Gemessene und Würdige; neben
Ausgelassenheit und Scherz und heimlichem Humor steht Sehn⸗
sucht und Trauer und trostlose Schwermut; und Lieblichkeit
und Erhabenheit sind oft, Schauer und Schrecken doch nicht
selten wiederkehrende Gefühle. Begrenzt noch im Gegenstand
der Darstellung, weil gebunden noch an eine gewisse Wiedergabe
des Lichtes, ist Böcklins Kunst schier unendlich in der wandeln—
den Belebung der Natur durch Gefühle: das Herz des
        <pb n="186" />
        Bildende Kunst.

161
Meisters durchpulst seine Schöpfungen in all seinen Schlägen,
Regungen und Tiefen.

4. Hans Thoma, ein Bauernsohn vom Schwarzwald,
1839 geboren, wurde zwanzigjährig Winterschüler der Karls—
ruher Akademie, dreißigjährig Schüler Courbets. Von Courbet
wurde er in den fortgeschrittensten Impressionismus der sech—
ziger Jahre eingeweiht: als er aber im Winter von 1869 auf
1870 zehn große Bilder von je zwei Meter Breite in der neu
errungenen Formensprache der Franzosen zu Karlsruhe aus—
stellte, fiel er damit in einer unerhörten Weise durch — und
still und verstockt, wie er war, zog er sich zunächst nach München
zurück. Später hat er dann lange verborgen in Frankfurt am Main
gelebt, bis die neunziger Jahre Ruhmes die Fülle brachten und
der Fürst seines Landes ihn in die Stadt eben der Akademie
berief, deren Lehrern er früher so viel scheinbar veraebene
Mühe gemacht hatte.

Entwicklungsgeschichtlich ist Thoma Idealist des vor—⸗
geschrittenen physiologischen Impressionismus, wie Böcklin
Idealist der Anfänge dieses Impressionismus gewesen war: in
diesem Sinne setzt er die Reihe der deutschen Idealisten fort.

Freilich hat er dabei, der äußeren Form nach, den Idealis—
mus kaum über Böcklin hinaus gefördert, und auch in der
Virtuosität der Technik ist er diesem keineswegs gewachsen.
Nicht als ob er auf dem Gebiete formaler Fortbildung nicht
Großes hätte leisten können, — wer wird bei dem Maler eines
Bildes wie „Die raufenden Buben“ glänzende technische Ver—
anlagung verkennen? Aber diese Seite seiner Kunst fesselte
ihn nicht, denn er wurde von einer ganz anderen Gewalt völlig
in Anspruch genommen und gleichsam mit Beschlag belegt:
von der Macht einer überquellenden dichterischen Phantasie.

Und diese Phantasie hat nun, im Gegensatz zu der aller
anderen Idealisten dieser Reihe, keine Spur von Kosmopolitismus
an sich; fie ist durchaus und rein deutsch. Ob Ausländer Thoma
ganz oder auch nur einigermaßen verstehen können? Jedenfalls ver—

Lamprecht. Deutiche Geschichte. Erster Ergünzungsband. 11
        <pb n="187" />
        162

Bildende Kunst.

steht Thoma das Ausland nicht. Denn er mag von ihm malen,
was er will, einen englischen Strand oder die Felsenriffe des
Gardasees oder die verbrannte Ebene der Campagna: es ist
alles eins und wird alles deutsch, — und selbst die Italienerinnen
werden bei ihm zu deutschen Frauen in fremder Maske.
Im Banne unverlierbaren Deutschtums aber ist Thoma
wiederum von einer ganz besonders eigenwilligen, niemals ver—
kennbaren Phantasie beherrscht. Er sieht weder die einfache
Wirklichkeit, wenn er schafft, so gut er sie in der Skizze ab⸗
konterfeit, noch erfassen ihn die anschaulichen Ideen der Zeit.
Zwar nähert er sich ihnen gelegentlich: seine Stillleben und
seine Bildnisse zeigen, was sein Wirklichkeitssinn vermag; und
in den Allegorien späterer Jahre nähert er sich auch inhaltlich
bisweilen besonderen Zeitgedanken. Aber ganz daheim ist er doch
nur im einfach mit der Phantasie erfaßten Gegenständlichen.
Und da erhalten alle seine Schöpfungen, Menschen, Tiere,
Landschaften, etwas gleichsam Stumm-Belebtes: sie strotzen von
innerem Leben, aber sie behalten es bei sich und eröffnen sich
traulich nur dem, der sich ihnen innig hingiebt. Das ist die
Wesensverwandtheit Thomas mit dem ersten großen holländischen
Maler Dirk Bouts, der auch auf Böcklin so eindrucksvoll gewirkt
hat; auch den Gestalten von Bouts ist ihr Geheimnis Pflicht,
und sie reden selbst unter Landsleuten nur zu den Sonntags⸗
kindern, die die Kraft besitzen, den Zauber. der sie umgiebt, zu
hrechen.
Dabei ist diese besondere Begabung Thomas wie ein
feiner Geruch, der alles durchdringt; kein Gebiet des An—
schaulichen ist ihm und seiner Malerei verschlossen, überall sieht
er geheimen Sinn und baut aus dessen Kenntnis die Dinge in
einfacher Gegenständlichkeit auf. Muß da noch gesagt werden,
daß er eine fromme Natur ist? Gottselig und kampflos, mit
dem frohen Vertrauen des Nachtwandlers schreitet er seines
Wegs durch diese wogende Welt, dem Sämann gleich, den er
so oft gemalt hat:
        <pb n="188" />
        Bildende Kunst.

Va, vient, lance la graine au loin.
Rouvre sa main et recommence;
Et je médite, obscur témoin,
Pendant que déployant ses voiles
L'ombre oàâ se méôle une rumeur
Semble élargir jusqu'aux étoiles
Le geste auguste du semeur.

(Victor Hugo.)

163

Thomas Kunst ist so in noch ganz anders umfassendem
Sinne als die Kunst Böcklins nur die Entwicklung seiner
Phantasie, nicht seiner Technik!. Gewiß ist das für Thoma nicht
—D
nicht von der Natur, ohne zu leiden. Aber diese Entwicklung
war sein Schicksal. Auch zeigen die ersten Jahre der Selb—
ständigkeit den Meister technisch noch sorgsamer und noch eher
in den Geleisen des Courbetschen Impressionismus, wenngleich
von Anbeginn die rein aufs Anschauliche im deutschen Sinne
gerichtete Einbildungskraft die Beleuchtungsfrage beiseite schiebt
und sich an die Formen hält, die in der unbestimmten Helligkeit
aber sehr bestimmten Luftklarheit des deutschen Spätnachmittags
leben.
In der Wahl der Gegenstände ist Thoma in dieser ersten
Zeit so unbegrenzt wie nur je; er malt alles, Landschaft und
Bildnis, Tierstück und Figurenbild, Stillleben und gelegentlich
sogar Innenbilder, — doch ist bezeichnend, daß er von vorn⸗
herein dem Historienbild ebenso fern bleibt wie dem erzählenden
Sittenbild: seine Kunst ist immer ausschließlich rein an—
schaulich. Innerhalb seines Bereiches aber bevorzugt er die
tiefe Versenkung, die Wiedergabe der Kraft des Gemütes: so
1 Darum sind auch die Perioden der Entwicklung Thomas schwerer
zu umgrenzen als die der Entwicklung Böcklins. Es kommt hinzu, daß
das Böcklin-Werk (München, Photograph. Union, 3 Bde) einstweilen eine
leichtere Übersicht über das Werden des Meisters vermittelt, als dies beim
Thoma-Werk für Thoma der Fall ist; wenigstens nach dem Stande vom
Dezember 1899 bis Februar 1900, in denen die Studien zum oben—
stehenden Texte gemacht wurden. Seitdem ist übrigens ein 3. Band
dieses Werkes hinzugekommen. Vgl. zum Folgenden auch H. Thode,
Hans Thoma, 1891; F. H. Meißner, Hans Thoma. 1899; 6. Thode,
H. Thoma u. s. Kunst. 1899.
        <pb n="189" />
        164

Bildende Kunst.

in dem schon jetzt häufiger anklingenden Motiv des Dorf—
geigers oder des Pflügers und des Sämanns, und so nicht
am wenigsten in der Landschaft. Denn in ihr zunächst, und
allenfalls noch im Bildnis, liegt in dieser frühesten Zeit seine
Stärke. Dabei ist er im Landschaftlichen vor allem im
Schwarzwald, am Oberrhein und am Main — kurz in seiner
Heimat und in Gebieten, die dieser Heimat verwandt sind, zu
Hause; und besonders haben es ihm wiederum Berg und Thal und
Fluß dieser Mittelgebirgslandschaften angethan. Da malt er mit
Vorliebe deren langhinstreichende Züge, teils aus einem Winkel
des Thals, teils von beherrschender Höhe aus; aber auch stille
Plätzchen im Garten, am Bach, auf der Wiese behagen ihm.
Und all diese Landschaften sind Frühlingslandschaften oder solche
noch kornbewegten Sommers; der Herbst ist selten, und den
Winter kennt Thoma fast nicht: denn den hat er während
seiner Lehrjahre nicht auf dem Lande beobachtet.

Aber allmählich wendet sich seine Phantasie. Leise, leise
kann man die Übergänge in der Landschaft verfolgen. Es sind
noch die blumigen Wiesen von ehedem und die einsamen Wald—
weiden, die Winkel im schweigenden Tann und die lauschigen
Eckchen am Bach; aber die Menschen werden auf ihnen allmählich
bedeutsamer. Sie spielen, sie lustwandeln, sie brechen Blumen:
sie beginnen auszusprechen, was die Natur sie empfinden läßt.
Es ist noch nicht das Figurenbild; am allerwenigsten sind die
Gestalten schon reliefmäßig behandelt und die Landschaft zum
Hintergrund gemacht. Aber Mensch und Natur sind nicht
bloß gleichsinnig, sondern auch schon gleichwertig nebeneinander
gestellt. Dementsprechend wird die Landschaft doch mehr Dol—
metsch von Stimmungen und deshalb vereinfacht; ein breiter
Pinsel streicht lange Berghalden hin und blanke Wasser—
spiegel, der Vordergrund wird im großen Zug gehalten: das
Ganze geht etwas nach dem Panorama zu und beginnt
monumental zu werden. Und das unbeschadet aller Innigkeit
und Gemütstiefe, — fern bleibt alles eigentlich architektonische
Empfinden, sogar die italienischen Landschaften dieser Zeit
haben es nicht.
        <pb n="190" />
        Bildende Kunst.

168
Und indem sich die Landschaft wandelt, wandelt sich weiter

das Verhältnis des Malers zu den Erscheinungen überhaupt.

Alles wird einfacher und will deutlicher sprechen; das Natur—⸗

antlitz der Erde giebt diese Sprache nicht mehr her: die

Mythologie drängt sich auf, zuerst die allgemeine, dann eine

persönliche. Es sind Umbildungen, die sich mehren, je stärker

sich der Meister den Vierzigern nähert; sie leiten seine große

Zeit ein. Zwar mit der antiken Mythologie ist Thoma ständig

auf gespanntem Fuße; seine Faune sind immer Philister

zeblieben. Und auch die nordische Mythologie, zu der ihn

zelegentlich Richard Wagner verleitet, liegt ihm nicht: er ist
kein Berserker, und Siegfried ist bei ihm ein lyrischer und kein
Heldentenor. Da geht es mit der christlichen Legende schon
viel besser und allem, was wir zur Geschichte des christlichen
Heilsweges rechnen können. Ganz aber giebt sich Thoma doch
nur in seiner höchsteigenen, selbstgeschaffenen Mythologie: und
die ist grunddeutsch im Sinne unserer Märchen. Da treten
zuerst Frauen und Kinder auf, keine Putten, sondern deutsche
Pausebacks, keine Musen oder Charitinnen, sondern deutsche
Mütter und Mädchen. Eine der ersten ganz gelungenen
Schöpfungen ist hier die „Nacht“ vom Jahre 1875: durch
den Sternenglanz eines wunderbar bewölkten Himmels tragen
weiche Wolken die Mutter Nacht mit zwei träumenden Kindlein
im Schoße. Und auch schon in den Fresken für das Ullmannsche
Haus vom Jahre 1875 tritt Thomas Märchenkinderwelt auf. Eine
der liebenswürdigsten Schöpfungen des Meisters auf diesem Ge—
biete ist dann die sogenannte Puttenwolke, ein Motiv, das er am
vollendetsten wohl 1879 verkörpert hat: die Auflösung der unseren
Kleinen so teuren weißen Schäfchenwolken des Hochsommers
in eine Schar lieblich spielender Kinder, mit verwundert
zwischendrein schauendem Himmelsblau und Blumenguirlanden
zu Füßen. Aber daneben taucht nun eine ganze mythologische
Welt auf: Meerweiber, nackte Flötenbläser an nächtlichen Ge—
wässern, idyllische Hirten an Quell und blumigem Ufer; und
kleine Wolkenkinder, die wohl gar auf den klingenden Fittichen
eines Raben einsam und allein den gewagten Flug über
        <pb n="191" />
        166

Bildende Kunst
Berg und Thal versuchen hin durch die azurenen Höhen des
Himmels.

Das alles wirkte nun auf die Technik des Meisters. Seit
seinem fünfzigsten Jahre etwa kommt es zu Wandlungen, aus
denen fast ein neuer Stil hervorgeht. Die Landschaft wird
nun mit noch breiterem Pinsel und in noch zarteren Schattie—
rungen behandelt, zugleich aber für ihre Formen ein be—
stimmterer Ausdruck gesucht: hierdurch wird die Zahl der das
Stimmungselement enthaltenden Motive nochmals verringert:
und das Endergebnis ist bei aller Lyrik ein monumentaler
Charakter. Indem aber die Landschaft so in einfachsten Har—
monien zu tönen beginnt gleich den langgezogenen Accorden
eines Orchesters, tritt der Mensch aus ihr hervor als der per—
sonifizierte Träger dieses Klanges, dieser Empfindung. Die
Staffage wird jetzt großfigurig; und in fester Zeichnung er—
scheinen die Gestalten abgehoben von dem Raume, der hinter
ihnen in weite Fernen verläuft. Diese Auffassung findet sich
am frühesten in den „Badenden Frauen“, dem „Heimweg,“
dem „Einsamen Ritt“, der „Flucht nach Ägypten“; es sind
Bilder aus den Jahren 1888 und 1889.

Anfang der neunziger Jahre nahm dann Thoma, wenn
auch in anderem Sinne, eine Thätigkeit wieder auf, zu der er
als Knabe einst bestimmt gewesen war: er begann zu litho—
graphieren; und es entstanden nun jene Blätter einer neuen
Kunstlithographie, die heute so viele deutsche Häuser schmücken.
Sie waren anfangs recht einfach, dann steigerte der Meister die
Technik vom bloßen Eintonblatt hellen Papiers zur Verwendung
von Tonpapieren mit genau auf sie eingepaßter Schattierung
der Zeichnungsfarbe und von da zu Blättern im Mehrfarben—
druck, für deren Nüancierung alle Erfahrungen der modernen
Chemie nutzbar gemacht wurden. Und bald zeigte sich, daß auch
vom Standpunkte der persönlichen technischen Entwicklung des
Meisters her die neue Kunst gewählt war. Denn wenn diese
vom spitzen zum breiten Pinsel, von der breiten Arbeit zur
strengeren Umreißung der Figuren des Vordergrundes und
dom Umreißen schließlich fast zum Zeichnen fortgeschritten war,
        <pb n="192" />
        Bildende Kunst.

167
so mußte sie als Unterlage diejenige zeichnende Kunst besonders
willkommen heißen, die am weichsten war und am leichtesten
Stimmung aufnahm und wiedergab. Diese Kunst aber war
die des Steindrucks.

Was Thoma im Steindruck geschaffen hat, weist meist auf
ältere Funde seiner Phantasie zurück, und auch frühere Studien
nach der Natur sind benutzt worden. Dabei tritt die Land—
schaft noch mehr zurück und siegt fast ganz das Groß—
figurige. Und mehr noch: die Technik der immer noch
fortgeschaffenen Olgemälde beginnt sich nun dem litho—
graphischen Zeichnungsstile anzunähern, ja unterzuordnen. Nie
war Thoma pikant in der Farbe, ja auch nur stark sinnlich
gewesen: jetzt verlieren die Farben den goldigen Schimmer
früherer Zeiten und werden leicht harte, stumpfe, auf Einzel⸗
heiten verzichtende Flächenfüller; immer hatte sein Schaffen bei
aller Fülle und Fruchtbarkeit das Schwere, Strenge, Arbeits⸗
bolle des deutschen Bauern behalten: jetzt erscheint die ganze
—V
werten Anmut: die Bilder werden fast zu kolorierten Zeich—
nungen, und aus ihnen spricht beinah unverhüllt nicht mehr der
Maler, der manneskräftig der Erscheinungswelt als etwas in
sich Vollendetem zugewandt ist, sondern der Greis altväterischen
Sinnens und Denkens.

Sollte es das Schicksal des Übergangsidealismus sein, in
einer neuen Kartonkunst zu enden?

3. Mar Klinger, geboren 1887, war in den ersten Perioden
seines Schaffens vornehmlich Radierer und ist jetzt vornehmlich
Bildhauer: — er weist in einigen Zügen zurück auf Genelli
und Schwind und deren Vorgänger bis, ins 18. Jahrhundert;
und er ist der letzte der Idealisten der Übergangszeit, er weist
—

Radierung und Kupferstich, die Fürstinnen im Reiche
jener Künste, die Klinger unter dem Namen Griffelkunst zu—
sammengefaßt hat, waren im Laufe des 19. Jahrhunderts von
        <pb n="193" />
        168

Bildende Kunst.
ihrer Höhe weit herabgesunken. Wo huldigten ihnen noch
große Künstler wie einstens Dürer und Rembrandt? Teilweis
schon seit Marcanton, erst recht dann seit der Zeit der Rubens—
stecher und ihrer Nachfolger im 18. Jahrhundert hatten sie,
nun Sklavinnen des Pinsels und Meißels, zumeist der Re—
produktion von Kunstwerken der Malerei und Bildnerei gedient
und demgemäß illustrativen Charakter angenommen. Und das
war im 19. Jahrhundert noch schlechter geworden. Zwar der
Linienkupferstich hielt sich in der Wiedergabe der größten
Meisterwerke der Malerei ungefähr noch auf alter Höhe, aber
für die einfache Illustration traten Lithographie, Holzschnitt
und auch der unkünstlerische Stahlstich so vernichtend in Wett—
bewerb, daß die Radierungen fast ganz, der Kupferstich beinahe
oerschwanden.

Sollten demgegenüber beide Techniken wieder Gefäße künst—
lerischen Schaffens werden, so bedurfte es der Loslösung von
der Illustration und des Eintritts eines Augenblicks, in dem
sie zugleich berufen erschienen, der allgemeinen entwicklungs—
geschichtlichen Richtung des malerischen Auges zu besonders
leichtem Ausdruck zu verhelfen. Dieser Moment kam mit dem
Impressionismus, wenigstens für die Radierung: denn keine
andere Schwarzweißtechnik ist auch nur annähernd in gleicher
Weise wie sie imstande, das Licht in dem bloßen Gegensatze
zweier Farben lebendig zu machen.

Klinger ist in deutschen Landen der größte Meister der
neuen Kunst, die damit möglich ward. Und schon sehr früh,
zwanzigjährig, begann er von ganz bestimmten Gesichtspunkten
her in ihr zu schaffen. Er selbst hat später in seinem 1891
geschriebenen, 1893 veröffentlichten Büchlein über die Griffel—
kunst ausgeführt, was ihm vor allem als Vorzug der Radierungs—
kunst erscheint: die Möglichkeit, schärfste Gegensätze von Licht
und Schatten bis zur Darstellung von direktem Licht und
direkter Dunkelheit herauszuarbeiten; die Freiheit zu scharfer
Betonung des Rhythmus und der Bewegung, und dadurch der
Handlung, auf dem Wege zeichnerischen Umrisses; die Mög—
lichkeit, ohne definierten Hintergrund darzustellen; das leichte
        <pb n="194" />
        Bildende Kunst.

169
Verschmelzen selbst naturalistischer Darstellung mit der Orna—
mentik. Das Zusammenwirken dieser Freiheiten, die allesamt
die Malerei nicht besitzt, erlaubt es dann, tausendmal frischer
und intensiver als in der Malerei in einer gleichtönigen Folge
von Bildern ein Stück Leben im schnellen Wechsel aller nur
zugänglichen Eindrücke wiederzugeben: „sie mögen sich episch
ausbreiten, dramatisch sich verschärfen, mit trockener Ironie
uns anblicken: nur Schatten, ergreifen sie selbst das Un—
zeheuerliche, ohne anzustoßen.“

Man sieht, wie diese Kunstweise phantasiebelebt sein muß,
soll sie bedeutend wirken. Denn wie in der Dichtung und
Musik die Worte und Töne zu Strophen und harmonischem
Satze, so schießen hier die einzelnen Scenen zu Gruppen—
kompositionen zusammen: nicht das einzelne Anschauliche, sondern
ganze Anschauungskreise, ganze sinnliche, aber gedankenhaft ver⸗
hundene Gebiete müssen als groß empfundener Inhalt ins
Leben treten.

Eben in diesen Zusammenhängen lag für Klinger der Reiz
der Radierung. Denn er gebietet über eine Phantasie, die an
Intensität die Thomas erreicht, an Ausdehnung und Reichtum
der Gestaltung aber nicht bloß sie, sondern auch die Böcklins
hei weitem übertrifft. Ja fast zu reich ist sie. Überwältigend
steigen ihre Eindrücke aus unerschöpflichem Born hervor und
bedrängen einander und verdrängen, so daß nicht selten phan—
tastische Gebilde von einer Fülle der Zusammensetzung ent—
—VV—
beständig sprudelnden Quell die Malerei genügen? In der
Radierung erst ergoß er sich auf sein eigenstes Gefilde.

Dabei zeigen bereits gewisse Radierungen der ersten Periode
1877 1880) den Stil des zukünftigen Meisters. In den
„Rettungen des Ovid“ erscheint das Ornamentale beinah schon
in der Vollendung, gewiß aber ganz in dem Reichtum der
späteren Werke, — und merkwürdig berührt dabei, wie gewisse
biel später auftauchende Eigenheiten der modernen kunst—
gewerblichen Ornamentik, wie schon einmal ähnlich bei Runge,
hbis ins einzelnste vorgebildet erscheinen. Und wie anmutsvoll
        <pb n="195" />
        170

Bildende Kunst.
ist der bunte Wechsel pflanzlicher und tierischer Elemente, und
mit welcher Energie des Animalischen ist der ornamentale
Mensch in den Schmuckrahmen eingefügt: und schon trägt
dieser ornamentierte menschliche Körper leise Züge eines persön—
lichen Stils, schon scheinen hier jene schmächtigen, straffen,
sehnigen Formen angedeutet, die, Angehörige einer modernen
Eisenzeit, für Klinger später mehr als für irgend einen anderen
deutschen Künstler bezeichnend geworden sind. Aber auch im
Landschaftlichen ist bereits manches von dem späteren Klinger
vorhanden, so vor allem die Umgießung der geologischen
Elemente in die Formen einer persönlichen Gebirgsarchitektur
und deren eindrucksvolle Gliederung bei aller phantastischen
Uppigkeit des bedeckenden Pflanzenwuchses. Dagegen ist der
Mensch als Figur und Staffage noch wenig persönlich gebildet:
noch ganz überwiegt hier der Stoff die Form und die Über—
lieferung das eigene Schaffen.

Um wie vieles führt da eine zweite Periode (1880 -1888)
weiter, die zugleich durch das Schaffen wenigstens an einem
großen Gemälde, dem „Urteil des Paris“, sowie, gegen ihr
Ende, durch den Übergang zur Bildnerei charakterifiert wird.
Die „Intermezzi“, die im Beginn dieses Zeitabschnittes stehen,
vergegenwärtigen wohl am besten, was Klinger in den ersten
vier Jahren seiner Radierungskunst zunächst technisch erreicht
hatte. Für Deutschland, darf man fast sagen, ist in dieser kurzen
Zeit der Charakter der modernen Radierung erobert worden,
namentlich die geistreiche Verbindung von reiner Radierung
mit Aquatintamanier und anderen Techniken, deren Kombi—
nationen Klinger auch später durch eine Fülle großer und
kleiner Erfindungen bereichert hat. Mit dieser erhöhten Technik
aber näherte sich der Künstler nun vor allem den Problemen
des eben damals in Deutschland um sich greifenden psycho—
logischen Impressionismus: es ist einer der interessantesten
Momente seiner Entwicklung. Am frühesten kklingt dieser
Impressionismus wohl an in vier großen Landschaften aus
dem Jahre 1880: es sind Experimente in verschiedenem Licht;
man könnte sie geradezu als Zeiten des Tages bezeichnen. Und
        <pb n="196" />
        Bildende Kunst.

171
wie stellt sihh da Klinger zu der neuen Kunst? Es ist dieselbe
Behandlung, die wir später in seiner Malerei beobachten
werden, — nur hier noch viel unmittelbarer durch die Technik
der Radierung veranlaßt, wie dort durch die Forderungen eines
malerischen Idealismus: er lehnt ihre Forderungen nicht ab,
aber er ordnet sie der Form unter und ist dadurch veranlaßt,
das Licht zu idealisieren. Nichts ist in dieser Hinsicht bezeich—
nender als das vierte dieser Blätter, das „nächtliche Dorf“:
eine Landschaft, die ganz in moderner Lichtauffassung, doch in
dieser stilisiert gegeben ist; findet sich doch hier sogar schon
jene stilisierende Behandlung der atmosphärischen Luft und der
Lichteffekte, sowie vornehmlich auch der Wolken, in der Klinger
später bis zu anthropomorpher Umformung der Wolkengebilde
fortgeschritten ist. Später hat er dann die Behandlung der
modernen Lichtprobleme in der Radierung noch viel umfassender
aufgenommen; namentlich die „Dramen“ (1881 -83) strotzen
von immer und immer wieder anders gewendeten Experimenten
in dieser Richtung.

Es sind Versuche von hohem Interesse: sie ergaben für
Klinger die Notwendigkeit, zunächst wenigstens als Radierer
Umriß und Form nicht fallen zu lassen, so sehr sich auch gerade
durch die malerischen Lichtexperimente die Tiefe und Aus—
drucksfähigkeit der Radierung steigern ließ; und sie wiesen
damit den Maler bei aller Bereitwilligkeit, impressionistische
Errungenschaften aufzunehmen, doch auf das Plastische der Er—
scheinungen hin bis zu dem Grade, daß, freilich innerer Ver—
anlagung entsprechend, aus dem Maler der Bildhauer hervor—
ging, hervorgehen mußte. In diesen Zusammenhängen beruht
die Einheit der Kunst Klingers und der Vielen, die heute in
harmonischer Verbindung von Malerei, Bildnerei und auch
Baukunst idealistisch schaffen.

Was Klinger noch weiter an der Radierung festhielt, das
war die Überfülle seiner Phantasie und sein grüblerischer, da⸗
mals noch nicht aus pessimistischen Stimmungen zum Optimis—
mus freudiger Entsagung durchgegorener Charakter. Und so
bildete sich zunächst noch wesentlich auf diesem Gebiete sein
        <pb n="197" />
        72

Bildende Kunst.
Stil weiter. Und innerhalb dieses Bereiches drängte er jetzt
vor allem einem abgeschlossenen Ideal des menschlichen Körpers
zu. Der Cyklus „Ein Leben“ (1881-1884) zeigte da schon
ziemlich klar den Grundtypus; vollendeter aber trat er erst in
dem Cyklus „Eine Liebe“ (18791887) hervor. Dies Werk
oerdankt seinen Abschluß und das freie Künstlertum seiner besten
Blätter den Jahren des Pariser Aufenthalts (18831887) und
der stillen Einwirkung der Handzeichnungen Lionardos im
Louvre. Nicht als wenn Lionardo Pate der besonderen Formen
geworden wäre. Wohl aber hat seine Kunst den Meister auf
seinem Wege zum allgemein Menschlichen begleitet. Und so
tauchen sie denn jetzt auf, diese wie aus Metall geschmiedeten
Körper mit der scharfen Betonung der Hüftpartie als der
Stelle, die für die Bewegung des körperlichen Gesamtmechanis—
mus entscheidet, jene Männer mit den unerbittlich harten
Muskeln und die Frauen, deren Nervengeflecht gleichsam offen—
gelegt ist, deren Muskulatur von ständig harmonischem Gebrauch
nicht minder gespannt ist als die der Männer; und über des
Meisters Kunst hinaus darf man wohl sagen: das moderne
Körperideal, das Ideal einer kraftsuchenden und sportfreudigen
Zeit ist gefunden.

Die großen Radierungscyklen der späteren Zeit, „Vom
Tode“ J und II und die „Brahmsphantasie“, haben diesen Er—
rungenschaften grundsätzlich nicht viel Neues hinzugefügt. Nur
daß der Mensch jetzt wie in seinem Denken so in seinem an⸗
schaulichen Schaffen immer mehr an die erste Stelle tritt. Es
waren die Zeiten einer Wandlung der Weltanschauung des
damals etwa dreißigjährigen Künstlers: aus dem Elend zu—⸗
fälligen Daseins richtete er seine Blicke empor zu den Momenten
ewiger Dauer, zu der Natur, von der ihm Hilfe kam: und in
dieser Wandlung besann er sich auf sich selbst und in sich
auf den Menschen: weit mehr als früher begann er ihn zu
lieben, immer mehr wurde er weltfreudig und lebensfrisch.

Zwar das letzte der großen Radierungswerke, die Brahms⸗
phantasie, der Versuch, Musik in die bildende Kunst der
Radierung umzusetzen, führte ihn auf gewisse Ausgangspunkte
        <pb n="198" />
        Bildende Kunst.

173
seiner Entwicklung zurück: auf das malerische Element, auf
die Phantastik der Darstellung, auf eine Formengebung, die
vor allem einer vagen, mehr musikalisch gearteten Einbildung
entgegenkommt: nichts bezeichnender, als daß die Aquatinta—
manier wieder stärker auftritt und daß das Werk in seiner
Gliederung, seinen Intermezzi und stimmungsvoll gesteigerten
Teilen wie an die Formen der Musik so am meisten unter
allen Werken der darstellenden Kunst an die Jugend—
schöpfung der Ovidischen Rettungen erinnert. Und auch die
Ausführung trägt malerischen Charakter: neben Tönen von
zartester Feinheit, einer Wiedergabe namentlich der Fleischtöne
wie auf dem durchscheinenden Fadengewebe dünnen Batists,
steht da, wo es der malerische Ausdruck verlangt, breite, ja
flüchtige Behandlung.

Die beiden anderen Werke aber, die Cyklen vom Tode,
bringen mit ihrem ernsten idealischen Gehalte, mit ihren tiefen
Grübeleien über das Wesen von Mensch und Schicksal den
Verzicht auf alle spielenden Formen früherer Jahre: die reiche
Ornamentik fällt dahin zu Gunsten gelegentlich angewandter
schwerer Architektonik, namentlich romanischen Barocks; und die
heitere Fabelwelt halb humoristisch, halb grotesk behandelter
Zwischenwesen zwischen Natur und Mensch ist abgestorben.
Die reliefmäßige Komposition der Scene, vereinzelt schon früher
berwendet, wird nun zur Regel; und riesenmäßig, als statuarische
Kolosse erscheinen die menschlichen Körper vor tief gelegtem
Horizont. Und was für Körper! Jetzt erscheint das neue Körper⸗
ideal nun auch im einzelnen durchgebildet, und der Künstler ver—
liert sich in die entzückende Betrachtung und Wiedergabe
jeder Einzelheit des Muskelspiels. Raffiniert feine Strichlagen
werden den leisesten Andeutungen von Muskelanstrengung und
Muskelruhe gerecht; wie mit seidig schillernden Mitteln erscheint
der Körper modelliert. Da verschwindet denn die frühere Ver—
bindung der Radiertechnik mit der Aquatinta; die Grab—
stichelarbeit überwiegt, aber nicht in den groben Linien der
Stecher des 17. und oft noch des 19. Jahrhunderts, sondern
in den feinsten Schattierungen, wie sie die galvanoplastische
        <pb n="199" />
        — —*

Bildende Kunst.
Verstählung erlaubt, und auch der Hintergrund, alles Land—
schaftliche unterliegt der erhöhten Technik. Diese Landschaft
aber kennt jetzt nur noch eine allgemeine idealistische Belichtung
ind wird ihren Formen nach gleichsam zum Gobelin der vor ihr
und um sie spielenden Scene, — nicht bloß ihre geologischen
Elemente, auch die atmosphärischen und pflanzlichen unterliegen
der Stilisierung, und nicht selten verschwinden ihre Tiefen in
Abtönungen, die den Raum fast nur noch wie einen Schleier,
eine bloße Andeutung des Räumlichen hinter der figürlichen
Scene erscheinen lassen.

Es versteht sich, daß diese Entwicklung den Künstler zur
Plastik hindrängte — daß daher seine Malerei in Ol nur noch
eine Übergangsstufe zu dieser sein und daß sie deshalb in
einem Zeitalter des Impressionismus von vornherein idea—
listischen Charakter haben mußte.

Klingers erstes großes Gemälde, das „Urteil des Paris“,
1884-87 in Paris entstanden, zeigt sofort diesen persönlichen
Idealstil. Auf einem hochgelegenen Mosaikboden, von dem
eine weite Umschau auf blühende Landschaften des Hinter—
grundes gewonnen wird, erscheinen die Göttinnen vor Paris,
dem Hermes zur Seite steht, in weiter Entfernung voneinander
stehend, die eine völlig nackt, die andern in verschiedenen Stufen
der Entkleidung. Die Anordnung der Gestalten ist friesartig:
kein reicher Kontrapost, keine wirksame Überschneidung oder Ver—
deckung der Figuren; und sie ist reliefmäßig: scharf und deutlich
umrissen heben sich die Körper vom Hintergrunde ab. Trotz—
dem ist die Raumwirkung bedeutend. Denn die Landschaft im
Hintergrunde ist mit ihrem tief liegenden Horizont durch reiche
Gliederung und lebensfrohes Licht weit hinausgerückt, und der
Vordergrund ist durch einen Rahmen stark architektonischen und
plastischen Charakters schon seinerseits raumtief gestaltet. Und
das Licht? Die Probleme des fortgeschrittenen Impressionis—
mus? Klinger ist nicht eigentlich Kolorist; ihm fehlt der
Sinn für das Blühende der Farbe. So steht er den kolo—
ristischen Versuchen der Idealkunst Böcklins fern. Die Farben
sind bei ihm kühl behandelt, und eine allgemeine idealische
        <pb n="200" />
        Bildende Kunst.

175
Belichtung ist die Folge. Aber innerhalb dieser hell genommenen
Belichtung sieht der Künstler überaus fein; sein Sinn für Ab—
schattierung von Lichtwerten steht höher wie bei anderen
Idealisten. So werden denn die Nüancen der Licht-Farben—
zindrücke innerhalb der allgemeinen Helle sehr wohl festgehalten,
festgehalten namentlich auch für die Fleischpartien. Aber sie
sind so fein, daß sie in der Nähe für das gewöhnliche Auge
um so weniger wirken, als das „Parisurteil“ wie fast alle
inderen Gemälde Klingers ein Werk von sehr großen Ab—
messungen ist. Darum erscheint denn die Darstellung in diesem
wie anderen Gemälden von der Nähe aus gesehen flach. Tritt
man aber weiter weg, so erhöht sich mit jedem Schritte rück—
wärts die Plastik und Tiefe, bis sie bei großer Entfernung,
oft 30— 40 Schritten, ein erstaunliches Maß erreicht. So
ist der Künstler recht eigentlich zum Wandmaler geboren.
Klinger ist aber während seines Pariser Aufenthaltes
auch schon als Bildhauer thätig gewesen. Als er dann, in
den Jahren 1888—1892, seine Werkstatt nach Rom verlegte,
war es erst recht seine Absicht, plastisch zu arbeiten. Indes
der gewaltige Eindruck der südlichen Farbenwelt, in welche die
Formen unablöslich getaucht zu sein scheinen, führte ihn nach
früheren zahlreichen impressionistischen Versuchen hier nochmals
zum Studium des malerischen Impressionismus. Und aus
ihm heraus erstanden, gewiß nicht ohne den Einfluß der
Marsͤesschen Überlieferung wie der Kunst Signorellis und
Botticellis, der Meister einer Zeit, in der die Bildnerei die
Führung der Künste gehabt hatte, von neuem große Werke
dealistischer Malerei, die „Kreuzigung“ (1888 -91), die
„Pietà“ (1890) und „Christus im Olymp“ (1893 -96). Es sind
Schöpfungen, die sich dem Parisurteil unmittelbar anschließen,
nur von einem noch mehr geläuterten, vor allem plastischeren
und mehr auf Zusammenhang im gebundenen Raum berechneten
Stile. Zugleich zeigen sie von Bild zu Bild eine unverkenn⸗
bare Steigerung der Ausdrucks- und Komppositionsfähigkeit.
Die „Kreuzigung“ steckt im einzelnen noch voll von Erinne—
rungen an Renaissance und Antike, die Lichtführung ist noch
        <pb n="201" />
        170

Bildende Kunst.
nicht ganz einheitlich; wo, etwas gegen das Prinzip der bloßen
Reihung, die Figuren überschneiden, gehen sie noch nicht recht
voneinander los. Die „pPietaà“ ist viel gleichmäßiger durch—
gearbeitet und von größter Feinheit der Lichtwerte, doch versagt
der Himmel mit seinen gelblich-rosa⸗-blau-grünen Tönen. Am
höchsten steht „Christus im Olymp“, auch inhaltlich ein Ge—
mälde, das dem Stoffe im großen Sinne und ergreifend ge—
recht wird.

Den Künstler aber hatte es während der Jahre, die diesen
Werken angehörten, immer unwiderstehlicher zu der Technik
gezogen, auf die ihn doch schließlich alles hinführte, zur
Plastik.

Allerdings war er damals in bildnerischen Versuchen nicht
mehr Neuling; ja er hatte schon Bedeutendes zu schaffen be—
gonnen: die Anfänge der „Salome“ führen noch in den Pariser
Aufenthalt, der erste Entwurf zum „Beethoven“ stammt aus
dem Jahre 1887. Aber diese Werke, deren eines auch heute noch
nicht völlig abgeschlossen ist, tragen oder trugen doch wenigstens
noch etwas vom Charakter des Malerischen; ja bei der Kon—
zeption der „Salome“ kann man an Einflüsse der Radierung
denken: oder sind die am Fuße der Halbfigur angebrachten
Köpfe eines verzweifelnden, zu Grunde gerichteten Jünglings
und eines lüstern aufblickenden Alten wirklich künstlerische
Empfängnisse eines Bildners? Und weiter wurde in den An—
fängen dieser Zeit die Frage nach der Farbigkeit der Plastik,
wie die erste Bearbeitung des „Beethoven“ zeigt, zu sehr im
malerischen Sinne gelöst. Später hat dann Klinger eine viel
diskretere Farbigkeit des Bildwerks bevorzugt, wie sie namentlich
die Arbeit in buntem Gestein ermöglicht, und er hat diese Be—
vorzugung mit dem Ideal eines durchweg und seiner Natur
nach farbigen architektonischen Gesamtkunstwerks in Verbindung
gebracht. Vor allem aber entspricht es diesem im Grunde noch
malerischen und innerhalb der Malerei wieder idealistischen
Zuge, daß die ersten plastischen Werke noch einen bestimmten
inhaltlichen Charakter zeigen: gewisse Stimmungen, gewisse
seelische Haltungen sollen zum Ausdruck gelangen. So ist die
        <pb n="202" />
        Bildende Kunst.

177
furchtbare „Salome“ (endgültige Fertigstellung 189293) mit
ihrem Sphinxköpfchen auf dem elegant bekleideten Rumpfe,
mit den kalten Augen und dem höhnisch-gierigen Munde und
den Tatzenhänden die Verkörperung der perversen Instinkte
und des Raubtiertriebes der modernen Dirne; so giebt der
Kopf der „Kassandra“ (ohne Rumpf schon 1886 vollendet) den
Gefühlen der unheilahnenden Prophetin Ausdruck. Das ge—
waltigste Werk dieser ersten Periode aber ist der „Beethoven“
(noch nicht vollendet): der Meister vornüber gebeugt auf einem
broncenen Throne, dessen Flachbilder sehnsuchtsreichen Verzicht
und hoheitsvolle Hingabe verkünden, in erhabener Begeisterung
vor sich hinschauend, im Augenblick des Übergangs zur
schöpferischen That; mit dem Thron in überirdische Sphären
entrückt, ihm zur Seite ein zu raschen Schwüngen aufsteigender
Adler.
Die volle plastische Periode Klingers aber, die seit 1895
etwa beginnt, bezeichnet etwas anderes. Es ist eine Bildnerei des
nackten rein Körperlichen ohne irgendwelche inhaltlichen, dich—
terischen Beziehungen, eine Plastik, der man die Entstehung
aus gleicher Hand mit den großen Werken der Radierung und
der Malerei nur an gewissen Eigenheiten persönlichen Stils an⸗
sieht. Den Übergang zu dieser Periode bezeichnen schon die
Bildwerke am Fuße der großen plastischen Umrahmung des
„Christus im Olymp“; hier ist es zunächst der nackte Körper
allein, der den Künstler fesselt: auf der einen Seite ein unter⸗
setzter Körper in Vorderansicht, in verzweifelndem Aufringen,
schon bewegter als alle früheren plastischen Schöpfungen des
Meisters, auf der anderen ein zarter, sehniger Rücken in sehnsuchts—
vollem Emporstreben; nur an zweiter Stelle schieben sich psychische
Momente ein, erscheinen die beiden Bilder als Verkörperungen
des zu vergeblichem Kampf schreitenden Heidentums und der in
— aber
stehen schon im Bereich der neuen Periode die Bildwerke, die
seit 1896 entstanden sind: so die „Badende“ und die „Kauernde“
und andere mehr. Denn sie wollen nichts außer sich selbst, sie
sind nur Akte im höchsten Sinne des Wortes: unbewußt sich

Lamprecht, Deutsche Geschichte. Erster Ergänzungsband. 12
        <pb n="203" />
        78

Bildende Kunst.

darbietende Verherrlichungen der Schönheit des Menschen—
körpers. Aber — und hier zeigt sich die Persönlichkeit ihres
Schöpfers — sie sind nicht beschaulichen Charakters: dramatisch
bewegt sind sie alle, und das Muskelspiel, das durch die
tärksten eben noch in das Urmaterial des Blockes hinein
zu bannenden Bewegungen ausgelöst wird, zeigt den mensch—
—DD
zulsten Mikrokosmos.
        <pb n="204" />
        V.
1. Die idealistische Kunst der Übergangszeit und des
physiologischen Impressionismus — so können wir wohl die
Kunst der großen Idealisten von Feuerbach bis Klinger ent—
wicklungsgeschichtlich bezeichnen — hat in ihren schöpferischen
Geistern von mindestens etwa Ende der fünfziger bis in die
neunziger Jahre geblüht — mehr als ein Menschenalter: dann
gingen ihre letzten Vertreter ins Zeichnerische oder Bildnerische
über, Thoma zur Lithographie, Klinger, der schon universaler
als seine Vorgänger mit der Radierung begonnen hatte, zur
Plastik. Von der Gunst des Publikums getragen, also mit
innerem Anteil angeschaut und angeeignet wurde diese Kunst
aber erst seit den achtziger Jahren. Noch im September 1870
schrieb Feuerbach von Rom an seine Mutter: „Gieb wohl
acht! Berliner Ausstellung 1870, letzter Saal, Totenkammer
benannt, oberstes Stock, unter dem Plafond, in verkehrtem
Licht: Medea und Urteil des Paris von Anselm Feuerbach.
Miete einen trockenen Platz im Lagerhaus und lasse die Bilder
in ihren Kisten einstellen. Es ist das Beste für sie und mich.
Ich war unwohl, grenzenlose Müdigkeit, unüberwindlicher Ekel.“
Mitte der achtziger Jahre sah sich Böcklin anerkannt; sein
Tod im Jahre 1901 erweckte in den geistig lebenden Teilen
der Nation das ungeteilte Gefühl der Trauer.

Man muß sich das vergegenwärtigen, will man gegen die
Entwicklung unseres neuesten Idealismus, desjenigen des psycho—
logischen Impressionismus, nicht ungerecht sein. Er hat in
ieinen frühesten ganz charakteristischen Erscheinungen um die

12 *
        <pb n="205" />
        180

Bildende Kunst.
Wende der achtziger Jahre zu den neunziger Jahren eingesetzt;
er ist also noch ganz im Werden. Man wird ihn deshalb
noch nicht abschließend beurteilen oder darstellen können —
weshalb er auch hier nur gestreift werden soll —; wohl aber
kann man seine allgemeinen entwicklungsgeschichtlichen Voraus—
setzungen klar legen, und man wird immerhin qgut daran thun,
dies zu wagen.

Die Idealisten der fünfziger bis neunziger Jahre hatte
ein außerordentliches Gedächtnis für das Anschauliche, ein
Weiterschauen über die Einzelerscheinung des Alltags hinein
in den Typ, und die Fähigkeit dichterischer Stimmungswieder—
gabe trotz aller — oder vielmehr innerhalb aller Stilisierung
ausgezeichnet. So waren sie zu schlichter Vollendung vor—
gedrungen: das eigentlich Geistreiche fehlt — auch bei Klinger
wenigstens in den Gemälden —; etwas Strenges und Reines
nimmt in ihren Bildern ein; eine stille Feierlichkeit umfängt
uns. Dabei hat dieser Ernst nichts Trübes; ruhige Heiterkeit
vielmehr spricht aus den Werken. Es ist die Heiterkeit einer
von Willkür freien Gesetzmäßigkeit, des Gleichmaßes, der
Selbstverständlichkeit des Dargestellten. Denn diese Bilder
wollen nichts erzählen: sie sind ein Angeschautes an sich, sie
geben neben der Form keinen äußeren Inhalt, sondern nur
Stimmung: sie gehen auf in dem Gehalt der Anschauung und
Empfindung. Und darum kennen ihre Meister keine Unter—
schiede äußerlich-stofflicher Bewältigung mehr: sie malen weder
Tierstücke, noch Stillleben, noch Historien, noch Sittenbilder,
noch Landschaften, sondern Bilder beliebigen Inhalts, aber
mit einem ganz sicheren Stimmungsgehalt.

Was war nun nach alledem, in zwei Worten gesagt, das
Wesentliche dieser Kunst?

Bei jedem Idealismus wird man zwischen Form- und
Gehaltsidealismus unterscheiden müssen. Der Formidealismus
beruht immer auf der bewußten Typisierung jener Erscheinungen
der Natur, welche der naturalistischen Anschauung jeweils zu—
gänglich geworden sind, und auf der Ausgestaltung wieder dieses
typisch Angeschauten zum Individuellen, zum singulär Ange—
        <pb n="206" />
        Bildende Kunst.

181

schauten im einzelnen Kunstwerk. Der Gehaltsidealismus kann
im ganzen ein doppelter sein: er kann dem Kunstwerk einen
Stimmungsgehalt geben oder einen Ideengehalt, einen mehr
primitiven Zusatz von persönlicher Empfindung des Künstlers,
oder einen Zusatz, der, zwar auch empfindungsgemäß und
anschaulich gewandt, doch in den großen sittlichen und
religiös-metaphysischen Gedankenkreisen der Zeit wurzelt. Dabei
ist selbstverständlich, daß der Stimmungs- oder Ideengehalt
vielfach auch die Typisierung des naturalistisch Erschauten und
damit die Form mit bestimmen wird.

In der idealistischen Malerei der fünfziger bis neunziger
Jahre ist nun der Gehalt fast ausschließlich stimmungsmäßig;
wo er ideenmäßig wird, setzt die Zeichnung ein: die Radie—
rungen Klingers. Aber auch der stimmungsmäßige Gehalt
wird in einer Form zum Ausdruck gebracht, die, entsprechend
noch dem technischen Historismus, in leisem Widerspruch nicht
selten mit dem physiologischen Impressionismus, an der zeich—
nerischen Grundlage des Bildes vielfach festhält und jedenfalls
die menschliche Gestaltenwelt in einer Plastik des Umrisses
wiedergiebt, die mit weiteren Fortschritten des Impressionismus
nicht vereinbar war.

Hier tritt die Achillesferse dieses Idealismus zu Tage,
der Teil, wo er sterblich war. Wie konnte sich eine ständig
zunehmende Reduktion der impressionistischen Malerei auf bloße
Licht-Farbeneindrücke mit der starken Plastik, der Flachbild—
komposition gleichsam dieses Idealismus befreunden oder auch
nur abfinden? Die großen Gemälde Klingers enthalten das
äußerste noch Denkbare an gegenseitigen Zugeständnissen —
darüber hinaus war keine Ausgleichung mehr denkbar und hat
keine stattgefunden.

Wenn aber nun der volle Licht-Farbeneindruck des psycho⸗
logischen Impressionismus in sein Recht trat: wie konnte er
formales Prinzip eines neuen Idealismus werden? Auch hier
standen, nur jetzt ganz anderswohin führend, die beiden Wege
der Typisierung der Form und der Erfüllung dieser Form mit
Stimmungs- oder mit Ideengehalt zur Verfügung.
        <pb n="207" />
        182

Bildende Kunst.

Die Formenkunst des neuen Idealismus hat zunächst zum
modernen Ornament und zum Plakatstil geführt. In einfachster
Weise. Ein Licht-Farbeneindruck, auf seine reinste Natur reduziert
und somit typisiert, ergiebt nichts als einen hellen, mit äußerst
unsicherer Grenze versehenen Farbenfleck. Will man ihn be—
grenzen, so muß die Grenze in ihren ungefährsten Formen um—
schrieben, d. h. sie muß ornamentiert werden. So entsteht bei
einer typisierenden Kombination mehrerer oder vieler Licht—
Farbeneindrücke ein scharf ornamentiertes Gebilde, das inner—
halb der einzelnen, durch ornamentale Umrisse getrennten Teile
von Farbentönen in den belichteten Lokalfarben erfüllt ist. Nun
sind aber dem psychologischen Impressionismus alle Gegenstände
nur Kombinationen von Farbeneindrücken: sie alle kann daher ein
auf diesem Impressionismus aufgebauter Formidealismus orna—
mentieren. Und er thut dies auch. Wendet er das Verfahren auf
zanze Scenen oder menschliche und tierische Gestalten an, so
entsteht der moderne Plakatstil; unterwirft er ihm dagegen bloß
pflanzliche Gegenstände, so erhält man das moderne Ornament.
Denn dies Ornament ist grundsätzlich pflanzlicher Natur.

Man darf sich hinsichtlich des Ornaments nicht dadurch
beirren lassen, daß es in seinen spezifischen Formen anfangs
aus England zu uns gelangt ist. Dort haben die Prärafaeliten
weit früher als wir in Deutschland einen psychologischen Im—
pressionismus — und eben aus ihm bereits auch ganz folge—
richtig das moderne englische Ornament entwickelt. Dies eng⸗
lische Ornament hat aber in Deutschland erst Eingang ge—
funden, als die Zeit erfüllt war: als auch die deutsche Kunst
zum psychologischen Impressionismus fortschritt; dann freilich,
weil aus der eigenen Entwicklung her erwünscht, mit reißender
Schnelligkeit. Und hierauf hat sich in diesem Ornament
zenau so wie in England auch in Deutschland eine Weiter—
entwicklung nochmals zurück in vereinfachtere Formen vollzogen.
Von den ornamentierten Pflanzen, Lilien, Hyazinthen, Alpen—
veilchen, Disteln u. a. m. haben sich die Blätter losgelöst und
sind zum selbständigen Ornament geworden. Dabei ist ihre
begetative Form immer mehr vereinfacht worden und schließlich
        <pb n="208" />
        BSildende KRunst.

183
nur die organische Schwingung übrig geblieben, die heute —
ähnlich einer verwandten pflanzlich-ornamentalen Schwingung
des romanischen Stils — unser ganzes Kunstgewerbe, vom Buch—
druck in seinen ornamentalen Teilen bis zur Möbelindustrie,
durchsetzt.

Es ist ein Vorgang von großem entwicklungsgeschichtlichen
Interesse. Denn wie diese neue Pflanzenornamentik der alten
der Urzeit und, ihrem Formgehalt nach, auch der Tierorna⸗
mentik der Urzeit so überaus ähnlich ist — es ist davon schon
die Rede gewesen — so hat auch die urzeitliche Ornamentik
die gleiche Auflösung ihres organischen Ornaments in einzelne
Teile und das selbständige Fortleben dieser Teile erlebt. Nur
daß der Vorgang, der sich zu unserer Zeit in wenigen Jahren
vollzog, dort zur Vollendung mehrerer Jahrhunderte bedurfte.
Um so viel leben wir rascher, als unsere Ahnen!

Neben dem Formenidealismus in Ornament und Plakat—
stil — die ja beide schließlich nur durch den Stoff der Dar—
stellung getrennte Entwicklungen von gleicher Grundlage her
sind — hat sich im psychologischen Impressionismus aber auch
ein Gehaltsidealismus entwickelt. Und dieser Vorgang ist von
mindestens gleich hohem Interesse.

Der primitive Gehaltsidealismus wird immer Stimmungs—
idealismus sein. Fraglich bleibt dabei bloß, woher die
Stimmung genommen wird, die das Kunstwerk erfüllen soll.
Sie kann persönlich sein im höchsten Sinne des Wortes: so
war es bei den großen Idealisten der Übergangszeit der Fall.
Darum sind sie alle anfangs nicht verstanden worden, haben alle
anfangs leiden und kämpfen müssen. Sie kann aber auch all—
zemeiner einer gewissen Zeit, einer gewissen Umwelt entspringen,
wobei dem einzelnen Künstler der persönliche Anteil an seinen
Schöpfungen dennoch gewahrt wird, wenn er auch in diesem
Falle weit mehr als Vertreter seiner Zeit, denn als Vorläufer
der Formkunst auftritt. Dieser zweite Fall trifft nun im all—
gemeinen für die Stimmunaskunst des psychologischen Im—
pressionismus zu.

Nicht als ob sie deshalb nicht an die allgemeinen Stim—
        <pb n="209" />
        184

Bildende Kunst.
mungselemente des Übergangsidealismus in vielem Betracht
anschlösse. Im Gegenteil. Denn das eben war für diese Über—
gangskunst das Charakteristische, daß sie um die Mitte der
achtziger Jahre anfing verstanden zu werden, und daß sie in
den neunziger Jahren populär ward. In den Kreisen der
Nation, welche nicht bloß der vergangenen, sondern auch der
zeitgenössischen Kunst leben wollten, entwickelte sich um diese
Zeit und mit den Jahren immer breiter ein Verständnis für
die Stimmungen des Übergangsidealismus, und auf der breiten
Grundlage dieser Empfindungen ist dann die Stimmungskunst
des psychologischen Impressionismus erwachsen.

Woher kam nun dies Verständnis? Es kam, um es mit
einem Worte zu sagen, aus dem raschen Erwachsen der modernen
Psyche in weiten Kreisen: aus der Zunahme der Reizsamkeit. Es
ist ein Moment, das wir etwas eingehender verfolgen müssen,
denn nur aus seinem besonderen Charakter erklären sich gewisse
Eigenschaften des modernsten malerischen Idealismus.

Die Reizsamkeit ist im allgemeinen eine Folge unserer
modernen Lebensverhältnisse: sie ist das psychische Gesamt—
erzeugnis der Entwicklung unserer heutigen sozialen und wirt—
schaftlichen Kultur auf dem Boden desjenigen Menschen⸗
materials, das die Vergangenheit der Gegenwart zur Durch⸗
bildung dieser Kultur überlieferte. Besonders stark und be—
zeichnend ersteht daher die Reizsamkeit in den Mittelpunkten
des modernen Gesellschafts- und Wirtschaftslebens, in den
großen Städten.

Wie aber bilden sich nun auf dieser Grundlage besondere
ästhetische Bedürfnisse? Das moderne Leben ist insofern be—
sonders unästhetisch, als es zu beständigen Störungen der
geistigen Konzentration führt. Das ewige Hasten, der Pfiff
der Lokomotive, das Klingeln der Straßenbahn, die ständige
lüberschwemmung mit Postsachen, der zudringliche Nachrichten-
dienst der Zeitungen, die steigende Zahl von persönlichen Be—
rührungen bei ständig erhöhter Leichtigkeit des Personenverkehrs,
dies und vieles andere legt vor allem den Wunsch nahe, dem
Sklaventum des Augenblicks zu entfliehen: den Wunsch nach
        <pb n="210" />
        Bildende Kunst.

185
Ruhe im geistigen Genuß, ein stilles Sichversenken in ein
Dasein, dessen festliche Stunden von keiner Roheit des Daseins⸗
kampfes gestört, dessen Summe dem freien Flug der Ein—
bildungskraft gewidmet sein müsse.

Für die Erfüllung dieses Wunsches ist, bei dem schwachen
religiösen Interesse der letzten Generationen, seit langem schon
die Kunst im weitesten Sinne des Wortes eingetreten — zu—
nächst nur für begrenzte Kreise, dann, mit der Entwicklung
der Reizsamkeit zu einer seelischen Haltung der führenden
Klassen, in immer höherer Potenz und weiterer Ausdehnung.
Und da kam nun an erster Stelle die bildende Kunst in Be—
tracht; denn die Dichtung und noch mehr die Tonkunst er—
fordern zu vollem Genuß eine willenskräftigere, persönlichere
Konzentration: — aber die gerade scheute man, der war man
in mancher Hinsicht am wenigsten gewachsen. In diesem Zu—
sammenhang versteht es sich auch, wenn unter den bildenden
Künsten wiederum die Malerei besonders bevorzugt ward: denn
eben sie stellt an eine persönliche Initiative im Genuß die ge—
ringsten Anforderungen. So schmückte man denn sein Heim mit
Bildern, später immer mehr auch mit anderen Werken der
Kunst und des Kunstgewerbes, um in stillen Stunden, sich selbst
hingegeben, in leiser Anregung durch die Umgebung rasch den
Weg ins Land der Phantasie zu finden. Da ist denn klar, wie
solche Kunstwerke als treue, stille Anreger und Begleiter der
Stimmung beschaffen sein mußten: sie mußten den Reiz zarter
Harmonien in sich tragen; etwas Geheimnisvolles, Lockendes,
Rätselhaftes, etwas Außerweltliches, Paradiesisches, Himm—
lisches, etwas Pathetisches, das sich dennoch nicht aufdrängt,
etwas von einem Freund, der zur geweihten Stunde spricht,
ohne gebeten zu sein, sonst aber schweigt, etwas Diskretes: das
alles mußte ihnen eignen.

Und doch wieder: auch ganz andere Eigenschaften mußten
sie haben. Denn dem reizsam nervösen Menschen ruft der
Dämon seines Innern doch immer und immer wieder sein
Raste nicht! zu: und so sucht dieser Mensch auch in der Ver—
senkung noch den Genuß der Erregung. Wie nun die Be—
        <pb n="211" />
        186

Bildende Kunst.
dingungen eines solchen Genusses mit jenen sanften, quietistischen
Harmonien mischen? Es ist das Problem des modernen
Idealismus der Stimmung; und auf die verschiedenste Weise
hat man es gelöst und versucht man es weiter zu lösen. Sehr
nahe liegt ein Motiv, das man das der Jugend nennen könnte —
hat doch das Wort Jugend sogar den Titel für eine bekannte
Zeitschrift der neuen Richtung hergegeben und für eine Be—
wegung im Kunstgewerbe, die sich mehr oder weniger an diese
Zeitschrift geknüpft hat. Da wird der Kontrast jugendlicher,
nicht selten vor allem geschlechtlicher Empfindungen gegenüber
dem Erregung suchenden Ruhebedürfnis ausgespielt. In der—
selben Richtung liegt es, wenn der Gegensatz zwischen raffi—
nierter und primitiver Kultur heraufbeschworen wird, und
Scenen einer vorweltlichen Unschuldswelt oder auch Dar—
stellungen in der Art der nach unseren Empfindungen naiven
Malerei des 14. und 15. Jahrhunderts vor uns entrollt werden.
Allgemeiner leistet dann schon der Eindruck des Fremdartigen,
nicht selten auch des Perversen dieselben Dienste: Japanismen,
Assyriaca und Agyptiaca, Sensationen aus den Zeiten des Ritter⸗
tums in romantischem Lichte, wunderliche Allegorien, seltsame
Farbenbuketts abenteuerlicher Pflanzenformen u. dergl. mehr
treten hervor.

Und all die mit diesen Stoffen als Stimmungserregern
verbundenen Stimmungen, all die Wünsche und stillen, oft un—
bewußt gebliebenen Bedürfnisse der modernen so ruhebedürftigen
und so reizsamen Seele sollte nun der neue Idealismus des
Licht-Farbeneindruckes befriedigen! Mußte er nicht hierzu aus
der strengen Form der herkömmlichen Linienkunst herausgehen,
selbst wenn es ihm technisch möglich gewesen wäre, wenigstens
einiges strenger Zeichnerische noch festzuhalten? Es war klar: dem
extremsten Bedürfnis der neuen Welt entsprach nur die Farben—
symphonie, Farbendichtung, Farbenorgie. Dabei mußte dann
das Körperliche ins Ornamentale gezogen werden und, des be—
sonderen Rhythmus seiner Eigenbewegung verlustig, in den un—
gefähren Linien seines Umrisses einen Rhythmus annehmen,
der dem gleitenden Wogen der Stimmung entsprach; dabei
        <pb n="212" />
        Bildende Kunst.

187
mochten Himmel und Luft und Sonne und Sterne ihrer Natur
nach verschwinden und durch orangefarbene, ultramarine, violette,
zelbliche, ja grasgrüne Phantasmagorien ersetzt werden; dabei
mochte das Festeste für den Menschen als solchen, der Mensch
selbst, ja sogar das Bildnis eines bestimmten Menschen dem Will—⸗
kürgesetze einer bestimmten Farbenharmonie unterworfen werden:
— es war erlaubt, denn es gefiel ebenso wie rote Baummassen,
lastende Bergformen in der Färbung des Vitriols und zu
Daunenbetten geballte Schwefelwolken von bleierner Schwere.

Das sind nun freilich die ausbündigsten Erscheinungen,
und weit mehr als in Deutschland sind sie in England und
Frankreich zu Tage getreten, wo ein Idealismus dieser Stim—
mung schon viel früher, in England fast seit Blake (1757 bis
1828) und sicher seit Rossetti (1828 1882), in Frankreich seit
Moreau (1826— 1898) einzusetzen begann. Aber auch auf
deutschem Boden fehlen sie keineswegs ganz, und sicher beruht
auch hier der neueste Stimmungsidealismus auf einer Reiz—
samkeit, für welche das Abgraben der Empfindungswelt hinab
bis auf den Nervenreiz charakteristisch ist. Denn wie kommt
denn eigentlich diese moderne Stimmung in der Malerei zu⸗
stande? Doch offenbar dadurch, daß Lichtfarbenreize, die ur—
sprünglich aus der Erscheinungswelt her, als von bestimmten
Gegenständen ausgehend, zur Aufnahme gelangen, nun um—
gekehrt von der Psyche aus selbstthätig und in willkürlichen
Phantasien des Lichts und der Farbe hervorgerufen werden.
Es ist der ewig wiederkehrende Vorgang: gegen die stärkere
seelische Durchdringung der Erscheinungswelt, wie sie die fort—
schreitende Kultur bringt, und wie sie gleichsam die Seele mit
immer unselbständigeren Bildern anfüllt und unselbständigerer
Thätigkeit zu überliefern droht, reagiert diese, indem sie die
neuerworbenen Mittel der Wiedergabe von sich aus in freier
Form und selbständigem Thun idealistisch umbildet. —

2. Als der erste große Meister der neuen Stimmungs—
kunst auf deutschem Boden kann Franz Stuck, geboren 1868.
        <pb n="213" />
        188

Bildende Kunst.
bezeichnet werden. Stuck hat als Zeichner begonnen; 1882-84
erschienen von ihm Allegorien und Embleme, 1886 Karten und
Vignetten; auch drei Gruppen Monatsallegorien besitzt man von
ihm, deren eine in den Fliegenden Blättern erschienen ist.
Erst um 1887 ging er zur Malerei über, und im Grunde ist
er immer stark Zeichner geblieben. Das giebt ihm entwicklungs—
geschichtlich eine Stellung ganz im Anfang der neuen Stim—
mungskunst; das erklärt, wie es ihm möglich war, um die
Jahre 1893 -94 aus einem zart-nervösen Farbenstil an⸗
scheinend unvermittelt in eine leidenschaftlich flammende und
sinnlich kitzelnde Schwarzfarbenmalerei überzugehen. In seinen
Bildern haben aber die gut gesehenen und gezeichneten Gegenstände
einen so starken Überwurf von Licht-Farbeneindrücken, daß das
Zeichnerische äußerlich ganz verschwindet — und die Eindrücke
sprühen in raffinierten Effekten eines geradezu durchtriebenen
Farbensinnes. Dabei ist Stuck alles, was die moderne Reiz⸗
samkeit verlangt: launisch, barock, geistreich, epikurisch; von der
qualvollen Sinnlichkeit, die das Grausame liebt; und doch
scheinbar wieder ganz urweltlich und paradiesisch, wenn auch
paradiesisch brutal. So ergeht er sich mit Vorliebe in der
Darstellung vorsintflutlicher Vorgänge des Liebeslebens, die er
mit den pikanten Mitteln allermodernster Kunst malt, damit
der Gegensatz von Stoff und Behandlung sinnlich aufreize.
Und einen verwandten Gegensatz trägt er auch in andere
Stoffe; er hat eine Innocentia gemalt, die verführerisch ist,
und eine Allegorie der Sünde, die nur programmmäßig ab—
schreckt; eine Athene mit den leichtsinnigsten Augen und den
aufgeworfensten Lippen einer fatalen Venus ist ihm gelungen;
und auch sehr viel Heiligeres hat sein Pinsel nicht verschont.
Kann da die Landschaft bei Stuck mehr als der Kanevas ani—
malischer Stimmungen sein? Sie hat bei ihm kein eigenes
Leben. Sie schwingt in den Tonwellen der Gestalten, sie
giebt die Obertöne der Dissonanzen, die für diese angeschlagen
sind: und darum lebt sie gern in sehnsuchtsvollen Farben—
schleiern der Nacht, noch lieber in den schwülen Dämmerungs—
schauern der Schäferstunde. Gewiß hat Stuck auch andere
        <pb n="214" />
        Bildende Kunst.

189
Stoffe gemalt als erotische; ob er aber je eine Landschaft nicht
erotisch oder wenigstens sinnlich erregend gemalt hat, scheint
zu bezweifeln.

Und doch eignete sich gerade das Landschaftliche an sich,
von nur mitsingender, mittönender, gleichsam mitduftender,
mäßig betonter Staffage belebt, für diese Künste eines psycho—
logischen Stimmungsimpressionismus: und auf ihrem Gebiete
hat diese neueste Kunst in der That bisher die reinsten Triumphe
gefeiert. Hier treten uns die Namen Julius Exters (geb. 1868)
und Ludwig von Hofmanns (geb. 1861) entgegen. Exter ist an
Besnard gebildet; seine „Welle“ und sein, Verlorenes Paradies“
geben von ihm die beste Vorstellung. Hofmann steht mehr auf
eigenen, deutschen Füßen; er ist unser größter Farbenschwelger; er
versteht es thatsächlich, Landschaften märchenhaften Wesens in
die Eindrücke seiner Farbenpsyche aufzulösen und landschaftliche
Symphonien ertönen zu lassen, deren Themen unvergeßlich
sind. Mehr nach der Gebundenheit der ornamentierten Land⸗
schaft des Licht-Farbeneindrucks strebt dagegen schon die Kunst
Schultze-Kaumburgs (geb. 1869); diese Gebundenheit in ein—
drucksvollen Formen, bis zu landschaftlich-ornamentalen Vor—
lagen für Wandteppiche, erreicht zu haben, ist die Eigenart
Leistikows (geb. 1865).

Doch wer wird hier die Namen aller derer finden wollen,
die auf diesem Felde noch heute oder erst heute thätig sind?
Ein Gang durch die Säle des großen malerischen Wettstreits der
Nationen auf der Pariser Weltausstellung zeigte, daß es sich
hier der spezielleren Phantasiedurchbildung dieser Meister nach
um eine Kunst recht eigentlich germanischen Charakters handelt;
daß hier neben uns Schweden und Norweger mehr phantastisch,
Dänen sinniger und Vlamen gegenständlicher malen, daß die
Bewegung erst im vollen Ansatz ist, und daß ihr Ausklingen
noch nicht so bald zu erwarten scheint.

Freilich: in dem Idealismus des künstlerischen Gehalts steht
noch über der Stimmungskunst die Kunst der Idee, der religiösen,
ethischen Gemeinempfindung. Sollte nicht auch sie von der idea—
listisch gewandten Technik einer Malerei aufgesucht werden, die am
        <pb n="215" />
        190 Bildende Kunst.
Ziele neuer Formen angelangt ist? Die Voraussetzung einer
allgemeinen Kunst dieser Art würde allerdings nur eine große
ethische, metaphysische, religiösse Bewegung bilden können —
— und wer kann trotz mancher günstiger Vorzeichen sagen, ob und
wann eine solche einzutreten vermöchte? Wohl aber hat es —
eines der vielen Zeichen dafür, daß unser Volk der modernen Zeit
in stärkerem Zusammenhang mit dem Alten folgt, als andere
Nationen — in deutschen Landen schon früh einen Maler ge—
geben, der auf eigene Faust, unmittelbar aus der Lehre eines
fortgeschrittenen Impressionismus heraus, dem höchsten Ideale
einer solchen Ideenkunst, dem religiösen, zustrebte. Es ist
Fritz von Uhde.

Uhde ist 1848 geboren, war bis zum Jahre 1877 Reiter⸗
offizier und gab erst dann dem angeborenen Triebe zum Malen
auch in der Wahl des Berufes nach. Er schwelgte im Kolorit
Makarts, lernte die Pariser Impressionisten mehr der physio—
logischen als der psychologischen Richtung kennen und fand
dann erst, wie Liebermann, in Israels seinen Meister. So
malte er zunächst ganz naturalistisch; seine „Näherinnen“ und
sein „Leierkastenmann“ waren neben Liebermanns Bildern mit
die ersten, welche den vollen Impressionismus in Deutschland
einleiteten.

Allein schon wenige Jahre später, 1884, ist Uhde der
religiösen Kunst zugewandt; damals wurde das Bild „Lasset
die Kindlein zu mir kommen“ fertig, dann folgten „Komm,
Herr Jesus, sei unser Gast‘, der „Gang nach Emmaus“, das
„Abendmahl“, die „Bergpredigt“, die „Heilige Nacht“ und
anderes: mit immer größerer Inbrunst versenkte sich der Meister
in die Geheimnisse des Glaubens.

Und die Art, wie er das malerisch that, war die, welche
die große Kunst immer und immer wieder angewandt hat.
Wie Dürers „Marienleben“ in dem deutschen Bürgerhause des
16. Jahrhunderts spielt und Rembrandts „Apostel“ der Be—⸗
völkerung der Jodenhouttuine Amsterdams entnommen scheinen,
so entstammen Uhdes biblische Gestalten der Gegenwart, nur
mit denselben Zugeständnissen an den geschichtlichen Sinn der
        <pb n="216" />
        Bildende Kunst.

19]
Zeitgenossen, die auch, nur bei dem geringeren Grade dieses Sinnes
entsprechend weniger ausgedehnt, bei Dürer und Rembrandt
gemacht sind. Und die Kunst der äußeren Form ist ebenfalls
dieselbe, wie bei den Malerfürsten der Vergangenheit: hier wie
dort wird die modernste Form der Technik, bei Uhde also ein
fast bis auf den bloßen Licht-Farbeneindruck reduzierter Im—
pressionismus angewandt. Ist deshalb die Wiedergabe natura—
listischh? Weder für das 16. und 17. Jahrhundert noch für
Uhde kann man das behaupten. Die heiligen Vorgänge, von
dem Hauche und Dufte einer so unendlich gestalten- und formen⸗
—DDDD
her zu einer gewissen Typisierung; noch mehr thut das, auch
bei so traditionslosen Bildern wie „Komm, Herr Jesus,
sei unser Gast“ der Inhalt. Daher idealisiert Uhde die
Luft- und Lichteindrücke — vielleicht teilweis, ohne es zu
wollen. So ist z. B. in dem Mittelbild der Heiligen Nacht
mit einfachen, aber nicht mehr aus der Natur abgeschriebenen
Mitteln der Luftperspektive eine außerordentliche Tiefenwirkung
des Innenraumes erreicht, die zur Folge hat, daß die Jungfrau
im Vordergrund des Bildes als dessen Dominante mächtig, ja
fast wunderbar hervortritt. Und schon in dem Gemälde aus
früher Zeit „Lasset die Kindlein zu mir kommen“ ist durch
eine ganz bestimmte Art der Lichtführung — einzelne Fenster
des Innenraumes sind teilweis mit Gardinen verhängt —
eine besondere Innigkeit der Stimmung und ein gleichsam un—
zewolltes und darum überaus schlicht wirkendes Hervortreten
der Person Christi erreicht.

Man kann also bei Uhde sehr wohl von einer idealistischen
Kunst auch der äußeren Form reden; und wäre nicht inzwischen
der Stimmungsidealismus des psychologischen Impressionismus
entwickelt worden, so könnte man vielleicht im Ungewissen sein,
ob man seine religiöse Malerei nicht besser etwa derjenigen
der älteren Idealisten — über deren selbst fortgeschrittensten,
Klinger, er im Impressionismus weit hinausgeht — anschlösse.
Und wer würde gar an dem idealen Gehalte, an der tiefen
Frömmigkeitsstimmung der Bilder Uhdes zweifeln?
        <pb n="217" />
        92

Bildende Kunst.
Gleichwohl spricht ein an sich sehr äußerlicher Umstand
dagegen, daß Uhde schon den vollen Ausdruck des religiösen
Idealismus erreicht habe, dessen die neuere Malerei fähig ist.
Uhde hat keinen vollwertigen Nachfolger gefunden. Eine
religiöse Kunst darf, will sie groß sein, nicht bloß individuelle,
subjektive Stimmungen wiedergeben; eine religiöse Kunst muß
mehr sein, als eine That persönlicher Frömmigkeit. Alle
zroße religiöse Kunst ist kirchliche Kunst gewesen, hat Stim—
mungen zum Ausdruck gebracht, die mehr oder minder Gemein—
gut der Zeit waren, und ist eben darum Herzenssache ganzer
Gruppen und Geschlechter von Malern gewesen. Dies Moment,
und mit ihm die Nachfolge anderer, fehlt Uhde. Natürlich
wird ihn niemand dafür verantwortlich machen. Es fehlt der
Zeit. Und hier sehen wir in den tiefsten Spiegel der Ent—
wicklung des malerischen Idealismus der Gegenwart. Eine
idealische Kunst höchsten Ranges kann nicht bestehen ohne
das Sturmeswehen einer Weltanschauung, durch das sich alle
oder wenigstens alle Berufenen ergriffen fühlen: sie bedarf der
ganzen Psyche des Menschen der führenden Schichten, um
schaffend und nachempfindend wahrhaft Großes zu zeugen.

Wird uns eine solche Kunst noch beschert werden? Wir
vertrauen dem Genius unseres Volkes, der die Ahnen von
Höhe zu Höhe geführt hat, und wir glauben an eine Er—
neuerung großer Zeiten in noch niemals erlebtem Sinne.
        <pb n="218" />
        VI.
Vom allgemeinen entwicklungsgeschichtlichen Standpunkte
aus könnte jetzt die Darstellung der bildenden Kunst ge—
schlossen werden. Denn soweit es dem Verfasser gegeben ist,
den eigentlichen Verlauf des ästhetischen Seelenlebens der
Nation auf dem Gebiete der bildenden Kunst aufzudecken,
ĩio weit ist das geschehen. Aber es gehört zur stofflichen Voll—
ständigkeit der Darstellung, daß noch der Entwicklung derjenigen
Künste mit einem Worte gedacht werde, die bisher nur nebenbei
Erwähnung fanden, der Bildnerei, des Kunstgewerbes und der
Baukunst. Und jedenfalls wird eine Übersicht über die Ent—
faltung dieser Künste, und würde sie auch nur mit zwei Worten
gegeben, das Gute haben, zu zeigen, wie sehr sie von der Malerei
abhängig waren oder wenigstens denselben allgemeinen Ein—
lüssen unterlagen wie diese.

Die Bildnerei der dreißiger bis siebziger Jahre hat unter
der fortdauernden Einwirkung des Klassizismus gestanden, wie
er sich auch in der äußeren Form der Malerei geltend machte;
daneben erwachte dann leise auch in ihr der allgemein steigende
Wirklichkeitssinn des 19. Jahrhunderts, und endlich traten,
etwas spät freilich im Verhältnis zur allgemeinen Entwicklung,
Einflüsse der Renaissance und namentlich des Barocks auf, die
noch heute einen gewissen Teil unserer Plastik, vor allem die
Berliner Hofkunst, beherrschen: hier in merkwürdiger, freilich
nicht durchgehender und auch nicht voll organischer Verbindung
mit dem modernen Ideal des sehnigen, sportgeübten Körpers.

Lamprecht, Deutsche Geschichte. Erster Eragünzungsband. 13
        <pb n="219" />
        194

Bildende Kunst.
Würde man den Verlauf dieser Kunst im einzelnen ver—
folgen wollen, so geschähe das am besten an den öffentlichen
Statuen, deren Zahl in dem demokratischen Jahrhundert aufs
fruchtbarste, freilich auch furchtbarste zugenommen hat, während
in den früheren Jahrhunderten im allgemeinen nur Fürsten ein
öffentliches Denkmal zukam. Die Folge dieser Überschwemmung
mit öffentlichen Statuen vielfach auch bürgerlicher Herkunft
ist dann gewesen, daß das Fürstendenkmal in immer gewaltigerer
Masse emporgetürmt wurde: nur eine die Lebensmaße weit
übersteigende Reiterstatue schien es in diesem Falle thun zu
können, und nicht selten wurden der Kolossalfigur des re—
—DVD
Miniaturausgaben beigegeben, wie die Donatoren mittelalter—
licher Gemälde ihren heiligen Patronen: an dem Maria-Theresia—
Denkmal in Wien kann man sogar Miniaturreiter erblicken.
Im übrigen genügte unter den neuen Voraussetzungen selbst das
plastische Denkmal in Form des kolossalen Tafelaufsatzes nicht
mehr; man mußte die Baukunst zu Hilfe nehmen: und so ent⸗
standen jene neuen Typen des Kyffhäuserdenkmals — oder auch
schon des Kaiserdenkmals in Koblenz, bei denen die Herstellung
einer malerischen Harmonie zwischen Monument und Landschaft
eine der wesentlichsten, übrigens offenbar sehr schwer zu lösenden
Aufgaben bildet.

Der Gegenwart gehört diese ganze Richtung bloß archi—
tektonisch, plastisch dagegen nur in gewissen Einzelheiten an;
denn im tiefsten Grunde ist die jüngste Zeit von ganz anderen
bildnerischen Problemen bewegt. Man kann für sie vier
Richtungen unterscheiden, für die es charakteristisch ist, daß sie
sich ohne weiteres nach gewissen Entwicklungsperioden der Malerei
abgrenzen lassen. Die eine geht auf eingehendste und voll—
ständigste Wahrheit zunächst des physiologischen Eindruckes, sie
entspricht dem physiologischen Impressionismus der Malerei;
die andere entfaltet eine Idealplastik im Sinne des malerischen

1Vgl. das harte Urteil über sie oder wenigstens ihre letzte Ent—
wicklung bei Hildebrand, Problem der Form S. 99— 100 (1893).
        <pb n="220" />
        Bildende Kunst.

195
UÜbergangsidealismus; die dritte und vierte idealisieren den
physiologischen und psychologischen Impressionismus. Und in
der That: welche anderen Strömungen wären auch denkbar?
Wie soll die Plastik z. B. etwa der naturalistischen Seite des
osychologischen Impressionismus gerecht werden?

Die erste Richtung, die des physiologischen Impressionis—
mus, ist äußerlich zumeist schon dadurch gekennzeichnet, daß sie
den Marmor und erst recht das Erz malerisch behandelt, den
Marmor bisweilen auf die einfachste Weise: durch bloßes Unter—
lassen des Abschleifens und Polierens. Groß ist sie vor allem
im Bildnis, und hier wird wohl Seffner als ihr erster
deutscher Meister gelten können: seine Büsten z. B. des Königs
Albert und der Königin Carola von Sachsen, des Physio—
logen Ludwig und des Physikers Wiedemann zeigen die
eingehendste Wiedergabe des gegenständlichen Lebens, ohne die
Beseelung vermissen zu lassen. Neben die Büste sind dann in
dieser Entwicklung seit etwa 1890 nach französischem Vorbild —
dort wurden sie schon seit 1868 wiederbelebt — die Medaille
und die Plakette getreten.

Als eigentlich große deutsche Plastik aber wird die der
zweiten Richtung gelten können: die Plastik Hildebrands (geb.
1847), Volkmanns (geb. 1881) und Maisons (geb. 1854). Sie
wurzelt mit der Malerei der großen Idealisten, vor allem
Böcllins, in demselben Boden, und sie ist nicht minder wie
diese von römischen und italienischen Eindrücken mit bestimmt.
In welcher Weise hier die Anregungen von der Malerei und
der Bildnerei her durcheinandergingen, inwieweit der Grübel⸗
sinn und die Lehre von Marées Gelegenheiten gemeinsamen
Gedankenaustausches der Maler und Bildhauer darboten, das
im einzelnen festzustellen ist heute wohl kaum schon möglich:
genug, daß der Führer dieser Richtung, Hildebrand, in seinem
Buchlein über das Problem der Form (1893) Theorien auf—⸗
gestellt hat, die der Praxis auch der Malerei des Übergangs⸗
dealismus fast durchaus entsprechen, und daß der letzte große
Ubergangsidealist, Klinger, als Plastiker in gewissem Sinne
auf den Wegen Hildebrands wandelt. Gewiß ist hier eine

13*
        <pb n="221" />
        18ß8

Bildende Kunst.
gegenseitige Befruchtung der Kunstgattungen eingetreten, wie
sie sonst in der deutschen Entwicklung der zweiten Hälfte des
19. Jahrhunderts nicht ihresgleichen hat, und gewiß hat in ihr
die Plastik zu einer Zeit, da die Entwicklung des malerischen
Impressionismus jedes anschauliche Verständnis der Form zu
zerstören drohte, in einem Momente stärkster Gefährdung dem
malerischen Idealismus wirksam Hilfe geleistet.

Die Bildnerei des physiologischen und psychologischen
Impressionismus ist in Deutschland erst in Anfängen vertreten.
Auch das beleuchtet wieder das Verhältnis zur Malerei: die
plastische Entwicklung folgt im allgemeinen der malerischen
nach. In Blüte dagegen steht diese neue Plastik schon in
Frankreich und in den vlamisch-holländischen Gebieten. Und
dieser Umstand mag es bei den engen ideellen Beziehungen
zwischen der niederländischen und der binnendeutschen Kunst
rechtfertigen, wenn sie hier nicht an der Hand der deutschen An—
fänge, sondern an den Meistern Belgiens und Hollands, teilweis
auch Frankreichs mit zwei Worten charakterisiert werden soll.

Der große Meister der physiologisch-impressionistischen Ideal—
plastik ist da der Belgier Meunier (geb. 1831); wir kennen ihn
schon als Maler und in der Malerei als den belgischen Millet.
In der That ist es die Richtung etwa Millets, nur noch in
etwas stärker betonter Eindruckskunst, die Meunier auf das Erz
überträgt, das er seiner malerischen Eigenschaften wegen be—
sonders liebt: und was er in dieser Kunst schafft, das ist das
Ideal des modernen Heros der mechanischen Arbeit, des Mannes
des vierten Standes. Das Kraftgefühl des Sklaven, das
Brutale der Thätigkeit, die bei aller physischen Gewalt ge—
beugte Energie, das stumme Dienen unter der Herrschaft über—
legener Mächte schildert er mit ergreifender Wahrhaftigkeit:
und weiß er es auch im gewöhnlichen Sinne des Wortes zu
idealisieren, ihm das Abschreckende zu nehmen, so ist das nicht
die Folge der Beschönigung, sondern der Komposition in einer
Geschlossenheit des Umrisses und einer Einheit des Raumbildes,
die unmittelbar an die von dem Meister verehrte Antike erinnern.

Die psychologisch-impressionistische Bildnerei hat ihren
        <pb n="222" />
        Bildende Kunst.

197

Hauptvertreter in Frankreich. Rodin hat hier zuerst gelehrt,
bei oft summarischer Behandlung des Einzelnen vermöge
einer Stellung der Glieder, die nicht selten höchst willkürlich,
aber höchst zielbewußt, ja bis aufs äußerste und darüber
hinaus berechnet ist, die Sprache einer unerhört starken
plastischen Ausdrucksfähigkeit zu reden. In Belgien hat er in
dem frommen Vlamen Minne einen Nachfolger gefunden, der
mit einer gegenüber dem Meister etwas erweichten Formen—
sprache den spätgotischen Stil als die große Kunstform seines
Volkes und seines Glaubens verband. Einen ähnlichen Weg
ist dann in Holland Zijl gegangen. Minnes größtes Werk
ist das Grabdenkmal für Volders, den Begründer der belgischen
Arbeiterpartei: zwei nackte Männer, die sich auf schwankendem
Schiffe zu stützen suchen. Das, was ihn wie Zijl charakterisiert,
ist der klare, straffe, sehnige Umriß bei gelegentlich ganz phan—
tastischer Reduktion des plastischen Körpers auf seine Haupt—
momente bis hinein ins bloß Architektonische, ja Ornamentale:
kurz, der Versuch, den Körper gleichsam nur auf Eindrücke zu
bringen. Die Wirkung ist stark und einfach, und so könnten
hier die Anfänge einer Kunst vorliegen, die auch dem Religiösen
nicht fern steht: der Mensch unter der Gewalt Gottes, das
Atom im Sturme des Staubes, Resignation durch Ruhe in
Gott, das sind große Stimmungen hinaus über das Persönliche,
Anfänge vielleicht einer idealen Kunst höchster Konzeption,
welche die Schöpfungen namentlich Minnes predigen.

Vor der Baukunst ist jetzt vom Kunstgewerbe zu reden:
denn das ist die erste große oder wenigstens merkwürdige
Thatsache in der Geschichte der jüngsten Baukunst, daß sehr
wesentliche Einwirkungen auf sie neuerdings vom Kunstgewerbe
und zwar von der Ornamentik wie von der Tektonik des
Möbelstils ausgehen.

Darüber, wie das moderne Ornament aus stärksten Stili—
sierungsbestrebungen des Impressionismus, vor allem der Kunst
des reinen Licht-Farbeneindrucks hervorgegangen ist, ist schon
früher berichtet worden. Auch davon ist bereits die Rede gewesen,
        <pb n="223" />
        198

Bildende Kunst.
daß dieser Stil naturgemäß zuerst in England entstand: hier
führten die Versuche Ruskins schon in den vierziger Jahren,
die Kunst demokratisch in den Dienst des Lebens zu stellen für
jedermann, zu dem Bestreben der Prärafaeliten, ihren Im—
pressionismus kunstgewerblich durchzubilden: und so schuf vor—
nehmlich William Morris, der aus der Schule von Rossetti
und Burne⸗Jones hervorging, den sogenannten neuenglischen Stil,
indem er den Anforderungen der Meister zunächst die Weberei
und die Glasmalerei dienstbar machte und zugleich altnationalen
gotischen sowie fremden japanischen Einflüssen Zutritt verstattete.

Mit dieser zunächst vornehmlich ornamentalen Bewegung
verknüpfte sich dann eine andere, konstruktive, an der nicht zum
geringsten auch Amerika beteiligt war. Sie ging darauf aus,
an Stelle eines Mobiliars, das noch immer von dem letzten
auslaufenden Formgefühl der Renaissance, also eines Wand⸗
stils, bestimmt war, ein anderes Mobiliar zu setzen, zu dem
das Formenmotiv vom Werkzeug hergenommen wurde: keine
andere Schönheit als die der Zweckmäßigkeit und darum keine
architektonisch-dekorativen Formen, sondern nur die Masse
dessen, was nach mechanischen Gesetzen notwendig war: diese
Masse aber unter dem Schönheitsgefühl der Zweckmäßigkeit
organisch gestaltet. Es war, als würde jedes Möbelstück zum
Werkzeug, ja zur Maschine: dünn aufgebaute, straffe, profillose
Formen, die sich nur bei tadelloser Arbeit herstellen lassen;
Eleganz des Schlanken, Einfachen, in klarem Rhythmus Auf—
strebenden und Schwingenden: Gerüststil.

Auch auf welchem Wege sich die neue Ornamentik und
der neue Gerüststil des Mobiliars untereinander verbanden, ist
schon angedeutet worden. Die Ornamentik diente entweder
als Raumfüllung: dann blieb sie meist ungestört; oder aber
sie ward zur Umrahmung verwandt: dann bedurfte man
symmetrischer Reihen. Diese Reihen wurden aus der Orna—
mentik dadurch gewonnen, daß man einzelne ihrer Teile, zu—
meist die langgestreckten Blätter im Sinne des Lilienblattes,
von ihr ausschied, für sich in rhythmischen Harmonien und
Kontrasten anordnete und bei dieser Gelegenheit dann mehr zu
        <pb n="224" />
        Bildende Kunst.

199
einfachen geschwungenen Linienmotiven umbildete. Diese Motive
zeschwungener Linien ließen sich dann sehr leicht mit dem
aeuen Gerüststil des Mobiliars verknüpfen; sie belebten diesen,
ohne sein innerstes Gesetz zu zerstören. Und so entstand aus
der Kombination ursprünglich impressionistischer Elemente und
der Elemente eines Schönheitssinnes mechanischer Zweckmäßig—
keit das moderne Möbel.

In Deutschland waren die ruhmreichen Traditionen des
alten Kunstgewerbes um die Wende des 18. Jahrhunderts
abgebrochen. Seitdem nahmen sich die Architekten des Kunst⸗
gewerbes an, in der Nachahmung klassischer Formen etwa
Schinkel, in der Durchbildung einer romantischen Gotik etwa
Heideloff — vielfach ohne Rücksicht auf das Material und ohne
Kenntnis der einzelnen Techniken: im ganzen unfruchtbar.
Darunter dauerten dann gewisse Auslaufsströmungen des Rokoko
fort, und französischem Einfluß wurde ein nicht minder langes
Ausleben auch eines vielfach abgewandelten Empire verdankt.
Im ganzen trat die Ruhe der Versumpfung ein, — bis, etwa
mit den sechziger Jahren, mit dem steigenden Reichtum der
Nation das Kunstgewerbe einen ähnlichen Wiederholungskurs
der alten Stile durchzumachen begann wie vor ihm die hohe
Kunst. Der Stil der Renaissance, der sogenannte altdeutsche
Stil, kam auf und erreichte etwa um 1880 seine Höhe; dann
folgten in reißendem Zuge Barock und Rokoko und reines
Empire: bis sie alle seit etwa 1890 einen Feind erhielten, der
sie jetzt zu verschlingen droht: den neuen Stil.

Der neue Stil beginnt in Deutschland, wie etwa dreißig
Jahre früher in England, zunächst mit der Ausbildung der
Ornamentik; dann kommt, seit etwa 1890 auf dem Kontinent
und zwar zuerst in Paris eingeführt, auf deutschem Boden seit
etwa 1897 heimischer, der neue Gerüststil des Möbels hinzu. Und
jetzt haben sich, natürlich unter der Fortdauer gewisser Einflüsse
von außen her, doch der Hauptsache nach schon in nationaler,
von verwandten französischen und englischen Formen wohl unter⸗
scheidbarer Form beide durchdrungen: eine neue Kunst des Hauses
Meerstanden die modern ist und sich nicht mehr an Altes anlehnt.
        <pb n="225" />
        200

Bildende Kunst.

Konnte nun diese ganze Entwicklung ohne Einfluß auf die
Baukunst bleiben? Gewiß haben Kunstgewerbe und Baukunst
niemals so wenig durchaus notwendige innere Beziehungen ge—
habt, wie in einer Zeit, da große Teile der Nation in häufig
gewechselten Wohnräumen zur Miete wohnen: dennoch ist dieser
Einfluß beträchtlich gewesen und noch im Wachsen.

Es besteht darüber Einverständnis, daß bisher weder die
vielfach neuen Raumbedürfnisse unserer Zeit noch die neuen
Materialien, Eisen, Glas, in bisher unbekannter Weise zum
Wand- und Deckenbau verwandter Gips, bisher unzugängliche
Werksteine, dazu geführt haben, uns einen Baustil zu ver—
schaffen. Soll besonders stark „repräsentiert“ werden, so bauen
wir auch heute noch gern archaisch; da herrscht noch der in Malerei
und Bildnerei überwundene Historismus. Aber dieser Histo—
rismus sitzt auch unserer Architektur des einfachen Baues noch
tief im Blute. Unsere Mietshaus- und Villenfassaden sind die
abgewandelten Palastfassaden der Renaissance und ihrer Folge—
stile, und nach deren Fensteranlage richten sich die Innen—
räume; unser Bürgertum, geistig aus der fürstlich-adligen
Fremdkultur des 17. und 18. Jahrhunderts seit etwa 1750
erlöst, steckt doch architektonisch noch in deren Gehäuse: will
ein Kommerzienrat besonders gut wohnen, so wohnt er
„fürstlich“.

Wer will sich wundern, daß unter all diesem Mißgeschick
das Schlimmste eingetreten ist? Wir haben durchschnittlich
keinen Sinn mehr für das, was architektonisch schön ist. Wir
glauben nicht mehr an den einfachen Reiz rhythmischer Linien
und eines Wechsels von Licht und Schatten, der von belichteten
und beschatteten Bauteilen her harmonisch atmet. Wir stehen
—DDDDVVDD
Werke nicht mehr.

So ist das Erste und Wichtigste, was wiedererworben werden
muß, der Sinn für den Rhythmus der Struktur und das
Ebenmaß der Linien, in denen diese sich kundthut. Wird uns
hierzu das neue Kunstgewerbe, insbesondere der Gerüststil des
        <pb n="226" />
        Bildende KUNunst.

201
Möbels, verhelfen? Schon bestehen Bestrebungen, nach dem
Rhythmus, der im Mobiliar schläft, unter harmonischer Ent—
wicklung seiner Eigenschaften im Zusammenhang mit dem
Charakter des Raumes, in dem es aufgestellt wird, eine Ge—
samtschönheit eingerichteter Räume zu entwickeln; unter der
Führung des jetzt in Berlin wirkenden Vlamen van den Velde
werden sie von starkem Erfolge getragen: hoffen wir, daß sie
uns zunächst wieder einen klaren und festen Sinn für den
architektonischen Rhythmus von Innenräumen, und von diesem
aus auch einen Sinn für den äußeren Rhythmus der Gesamt—
struktur und der Fassade großer Architekturen in zeitgemäßem
Sinne eröffnen werden.

Das, was uns das 19. Jahrhundert aus all dem Gemeng
historischer Baustile und tastender Versuche nach einem neuen
Ideale hin als guten Anfang einer neuen architektonischen
Empfindung hinterlassen hat, ist der Sinn für das baulich
Malerische. Freilich nicht in der mehr tektonischen Richtung
auf die malerischen Wirkungen der einzelnen Teile eines Baues
in ihrem Verhältnis zu einander, sondern für jenes Malerische,
das wir empfinden, wenn wir das Innere einer mehrschiffigen
gotischen Kathedrale betreten und uns die schwachen, gebrochenen,
vielleicht gar bunten Lichter umfangen, die durch die mannig—
fachen, beim Vorwärtsschreiten stets wechselnden Kombinationen
von Pfeilern hindurchfluten. Es ist also kein eigentlich archi—
tektonisch-malerischer Sinn, den wir haben; es ist vielmehr
nur die lebendige Empfindung für Licht-Farbeneindrücke, die von
einer besonderen baulichen Konstellation ausgehen können. Sie
ist es, die wir überall suchen, in unseren großen Eisenhallen,
in Bauten so wechselnden architektonischen Charakters ihrer ein—
zelnen Teile wie den neueren Museumspalästen von Bern und
Zürich und München, in der Anlage der Straßen neuer Stadt—
teile, zu deren künstlerisch gedachter Durchführung das starke
Steigen großstädtischer Bevölkerungen so oft Anlaß giebt, und
nicht minder in den neuerdings immer stärker auftauchenden
Versuchen, ganze Städte als Kunstwerke zu betrachten und
nach den einheitlichen Gesichtspunkten hoher Kunst zu verwalten,
        <pb n="227" />
        202

Bildende Kunst.

auszugestalten und zu schmücken. Mit diesem Sinne wird also
auch bei der Entwicklung eines zeitgenössischen Baustils zu rechnen
sein, oder richtiger: er wird als Keim und Anfang eines
architektonischen Sinnes ohne weiteres schöpferisch werden.
Im übrigen weisen neue Materialien wie neue Bedürfnisse
wie auch der Zusammenhang mit der kunstgewerblichen Ent—
wicklung auf einen neuen Gerüststil und damit auf Abwendung
von dem Wandstil der Renaissance und ihren Tochter- und
Enkelerscheinungen. Denn die Bedürfnisse gehen auf hohe,
weite und besonders lichtreiche Räͤume, — wie ist unser Auge
durch die neuen Arten künstlichen Lichtes verwöhnt worden!
Solche Räume sind aber nur zu schaffen bei starker Durch—
brechung der Wände: also viel Abschluß durch Glas — und
demgemäß bei Anwendung starker tektonischer Rahmen: also
gerüstartigem Aufbau. Und da gleichzeitig der Raummangel
in den großen Städten, die für den Fortschritt der archi—
tektonischen Bewegung maßgebend sind, hohe Wölbungen ver—⸗
bietet, vielmehr zum Einbau möglichst vieler Stockwerke flache
Decken verlangt, so ergiebt sich ohne weiteres eine gewisse An—
lehnung an den nationalen Stil der Spätgotik, den einzigen,
der bisher gerüstlichen Aufbau mit flachen Decken oder wenigstens
flach eingewölbten Decken vereinte.
Also Glas-Eisenkonstruktion, maskiert durch eine gotisierende
Steinfassade? Es ist die Lösung, die oft genug, zunächst an
großen Warenhäusern, dann auch an Mietspalästen und ver⸗
einzelt sogar an Familienwohnhäusern versucht worden ist.
Aber diese Lösung bringt wie jede andere immer wieder das
schwere Problem der künstlerischen Verbindung von Stein und
Eisen mit sich: und das heißt eines Eisens, dessen künstlerische
Potenzen noch nicht klar entfaltet sind, und eines Steines, der
mit allen Vorteilen einer starken Überlieferung seiner Ver—
wendungsfähigkeit in tausend bekannten Stilen und Stil—
nüancen auftritt. Daß da in allem Ornamentalen, und darüber
hinaus auch oft noch im Tektonischen, zunächst der Stein noch
siegt und gesiegt hat: wer wollte es nicht verstehen? So ist
        <pb n="228" />
        Bildende Kunst.

208
das Wallotsche Reichstagshaus ein Eisenbau, aber in der
Steinmaske eines abgewandelten Barocks.

Eine voll befriedigende Lösung wird sich hier wohl erst dann
einstellen, wenn sich die neue Ornamentik und der Gerüststil
des Kunstgewerbes der Architektur noch mehr als bisher be—
mächtigen: denn den Anforderungen dieser Kunst gegenüber ist
der Stein ebenso, wenn nicht gar noch mehr traditionslos als
das Eisen, und so mag eher als bisher ein gerechter Aus—
zleich versucht werden.

Und hierhin scheinen die Zeichen jetzt zu deuten. Wer
etwa Bauten der frühesten Gotik in Frankreich und auch in
Deutschland, die Elisabethkirche in Marburg z. B., betrachtet
und die spätere Entwicklung der Gotik kennt, dem kommen
diese Bauten wohl herb und jungfräulich unbeholfen vor: und
er sieht durch die cyklopischen Anlagen ihrer schmucklosen
Strebepfeiler, durch die klotzartigen Bekrönungen der Punkte,
wo einem Gewölbeschub durch aufgesetztes Steingewicht ent⸗
zegengewirkt werden soll, hindurch wohl schon die schlankeren
Abstufungen der Zukunft mit ihrem Maßwerk und ihrem
Statuenschmuck und die Fialenbekrönungen eines spätern Jahr—
—VV
im sogenannten neuen Stil, in denen tastend, aber noch schwer⸗
fällig und herb ein Neues ergriffen zu sein scheint, das so—
zusagen noch nicht lebt oder nur lebt wie das Küchlein im Ei,
das hinausdrängt in Licht und Luft, aber noch nicht für sie
entbunden ist. Möchten die schöpferischen Kräfte schon unter
uns weilen, die es befreien, und die erzeugen, was der bilden—
den Kunst der Gegenwart noch fehlt: einen tektonischen Stil
und eine große Architektur der Zukunft.
        <pb n="229" />
        <pb n="230" />
        Dichtung.
        <pb n="231" />
        <pb n="232" />
        .

Die Darstellung der modernen Kunstgeschichte ist in den
rinzelnen Kapiteln des vorigen Abschnitts bis in den psycho—
logischen Brennpunkt der Entwicklung hinein getrieben worden:
bis in den Punkt, in dem sich alle Ausstrahlungen menschlicher
Thätigkeit wie in einer Sonne central treffen, um in einer
großen Glut, in einem einzigen Feuer emporschlagend und den
besonderen Mitteln der Forschung bisher nicht weiter lösbar,
ein göttliches, ein natürliches Geheimnis zu bleiben.

Wir nehmen jetzt die gleiche Analyse für die Dichtung
auf. Wir brauchen uns dabei um die volle äußere Entwicklung
der modernen Dichtung einstweilen nicht zu kümmern. Ja ohne
hierauf selbst später noch in allen Einzelheiten eingehen zu
müssen, können wir uns bereits jetzt vorstellen, daß sich ihr die
älteren Stufen der Dichtung allmählich nähern, daß sich in
und neben diesen, ähnlich wie in und neben dem Historismus
der Malerei im Laufe des 19. Jahrhunderts, ein immer stärkerer
Wirklichkeitssinn geltend machen wird: bis er obsiegt und sich
in den Formen des Impressionismus ein neues litterarisches
Kleid schafft, eine neue Dichtung begründet.

Was uns zunächst obliegt, und was wir, um den Zu—
sammenhang der einzelnen Gattungen nationaler Phantasie—
thätigkeit genau zu überblicken, unmittelbar nach der zur
psychologischen Analyse aufsteigenden Behandlung der bildenden
Kunst vornehmen müssen, das ist die allgemeine psychologische
Charakteristik der Dichtung. Nach ihr wird dann — in um—
        <pb n="233" />
        208

Dichtung.
gekehrter Reihenfolge also wie bei der Behandlung der bilden⸗
den Kunst — das Werden im einzelnen zu betrachten sein.

Und wie in der Kunst die Malerei, so soll uns in der
Dichtung die Lyrik führen. Denn die Lyrik bildet die Ur—
erscheinung aller Poesie; und wie sich zeigen wird, bleibt sie
dieser besonderen Stellung auch in unserer Periode treu: denn
mehr als irgend eine andere poetische Gattung, wenn auch der
Hffentlichkeit vielleicht weniger bekannt, hat sie fast alle
Wendungen der neuesten Geschichte der Dichtung zuerst oder
wenigstens zuerst wirksam eingeleitet.

Ehe aber an einzelnen Dichtern, den führenden Meistern
und Gruppen der Lyrik, eine genaue Analyse der modernen
Lyrik versucht wird, bedarf es der Lösung einer Vorfrage. Es
muß, als Voraussetzung alles Folgenden, gezeigt werden, daß
in dieser Lyrik die dichterischen Eindrücke von einer früher nie
erreichten Intensität sind: daß sich in ihr in der That ein
neuer und gegenüber jedem Stadium der nationalen Vergangen⸗
heit gesteigerter Wirklichkeitssinn offenbart.

Nun würde dieser Beweis für das Ganze der modernen
Lyrik natürlich erst dann ganz gegeben sein, wenn er in genauer
Vergleichung dieses Ganzen mit dem lyrischen Ganzen früherer
Perioden durchgeführt wäre. Man sieht aber alsbald, daß ein
solcher Beweis an sich und namentlich im Zusammenhang
unserer Betrachtungen kaum möglich ist. Doch wird man zu—⸗
gleich auch zugeben, daß es genügen muß, an einem typisch
gewählten Beispiel den Unterschied der Intensität lyrischer und
dichterischer Eindrücke überhaupt im 17., 18. und 19. Jahr⸗
hundert — und das heißt für das 19. Jahrhundert in der
modernen Periode — zu zeigen. Ich stelle zu diesem Zwecke im
folgenden drei verschiedene Abendlieder aus den drei Jahr—
hunderten nebeneinander: von Paul Gerhardt, von Matthias
Claudius, von Otto Julius Bierbaum.

Paul Gerhardt (vor 1666):

Nun ruhen alle Wälder,
Vieh, Menschen, Stadt und Felder,
Es schläft die ganze Welt:
        <pb n="234" />
        Dichtung.

209

Ihr aber, meine Sinnen,
Auf, auf, ihr sollt beginnen,
Was eurem Schöpfer wohlgefällt.
Wo bist Du, Sonne, blieben?
Die Nacht hat dich vertrieben,
Die Nacht, des Tages Feind:
Fahr hin, ein ander Sonne,
Mein Jesus, meine Wonne,
Bar hell in meinem Herzen scheint.
Der Tag ist nun vergangen,
Die güldnen Sternen prangen
Am blauen Himmels Saal:
Also werd' ich auch stehen,
Wenn mich wird heißen gehen
Mein Gott aus diesem Jammerthal.

Matthias Claudius (1779):
Der Mond ist aufgegangen,
Die goldnen Sternlein prangen
Am Himmel hell und klar;
Der Wald steht schwarz und
Und aus den Wiesen steiget
Der weiße Nebel wunderbar.

schweiget

Wie ist die Welt so stille
Und in der Dämmrung Hülle
So traulich und so hold!

Als eine stille Kammer,
Wo ihr des Tages Jammer
Rerschlafen und vergessen sollt.

Otto Julius Bierbaum:
Die Nacht ist niedergangen,
Die schwarzen Schleier hangen
Nun über Busch und Haus.
Ldeis rauscht es in den Buchen,
Die letzten Winde suchen
Die vollsten Wipfel sich zum Neste aus.
Noch einmal leis ein Wehen,
Dann bleibt der Atem stehen
Der müden, müden Welt.
damprecht, Deutsche Geschichte. Erster Ergänzungsband.
        <pb n="235" />
        210

Dichtung.
Nur noch ein zages Leben
Fühl durch die Nacht ich schweben,
Auf die der Friede seine Hände hält.
Man wird zunächst nicht zweifeln, daß der Dichter des
jüngsten Zeitalters, Bierbaum, die Gedichte seiner Vorgänger ge—
kannt hat. Denn welcher Gebildete kennt sie nicht? Von Claudius
aber ist nachgewiesen, daß sein Gedicht eine zeitgemäße Um—
bildung der Verse Paul Gerhardts bildet!. Die Gedichte
stehen also in einer gewissen Abhängigkeit voneinander; die
Stimmung, die ausgedrückt werden soll, ist dieselbe; auch
die rhythmische Form ist, unter gewissen Abweichungen,
die gleiche. Aber dabei welche Verschiedenheiten in der
Wiedergabe der Eindrücke! Schon die Andeutung nur der
augenscheinlichsten Unterschiede wird mehr als genügend zeigen,
welch außerordentliche Steigerungen der Wirklichkeitssinn vom
17. zum 18. und vom 18. zum 19. Jahrhundert erlebt hat.
Das Lied Paul Gerhardts hat neun Strophen; die
Schilderung des Landschaftlichen ist mit den drei Strophen
abgeschlossen, die oben gegeben sind; in den folgenden, nicht
mehr abgedruckten Strophen tritt die Wahrnehmung der
äußeren Welt immer mehr zu Gunsten des Ergusses frommer
Empfindung zurück.

Claudius' Lied hat sieben Strophen, wovon die fünf
letzten, hier nicht wiedergegebenen, ganz dem direkten Ausdruck
religiöser Stimmung dienen: nur daß noch einmal auf den
Mond hingewiesen wird und zur Schilderung der konkreten
Erscheinungen die Zeile „Kalt ist der Abendhauch“ hinzukommt.

Bierbaums Gedicht ist mit den citierten zwei Strophen
vollständig; es giebt nur die Situation und in dieser die
Stimmung mit: als dem Ausdruck der Stimmung fur sich allein

S. D. Jacoby in Wagners Archiv f. d. Gesch. der deutschen
Sprache und Dichtung 1, 381; eit. Sauer in Kürschners D. Rational⸗
litteratur 50, 2, 293 Anm. Hiernach ist Claudius oben citiert; Gerhardt
nach Bd. 31, 139 40.
        <pb n="236" />
        Dichtung.

211

gewidmet könnte höchstens die letzte Zeile der zweiten Strophe
angesprochen werden.

Wir haben also für den modernen Dichter vor allem die
Kürze. Die Kürze aber bedeutet Konzentration. Wie durch—
brochen von Empfindungsäußerungen ist bei Paul Gerhardt die
Situationsschilderung, wie von ihr eingeschlossen auch noch
bei Claudius! Bei Bierbaum fallen Situation und Stimmung
so gut wie zusammen.

Damit ergiebt sich zugleich ein weiterer Unterschied. Die
älteren Meister geben die Empfindung direkt wieder: ja diese
direkte Wiedergabe beherrscht ihre Dichtung. Der moderne
Dichter verlegt die Empfindung derart in die Schilderung des
Sinnfälligen, daß der genießende Hörer mit regstem innerem
Anteil seiner Phantasie veranlaßt ist, sie aus dieser selbstthätig
auszulösen: durch die indirekte Behandlung der Stimmung wird
er in ein Spannungsgefühl versetzt, dessen Lösung ihn zwingt,
die in Frage stehende Stimmung subjektiv von sich aus zu er—
zeugen. Es ist das einer der wichtigsten Unterschiede der sub—
jektivistischen Dichtung von der früheren Poesie. Nicht als ob
Spannungsgefühle nicht auch früher schon erregt worden wären.
Aber die ständige Absicht des Dichters, sie durch den Hörer
lösen zu lassen und so dessen aktiv eingreifende Phantasie—
thätigkeit zu erzeugen, wird in dieser Ausdehnung doch erst eine
Eigenheit der Dichtung seit frühestens der Mitte des 18. Jahr—
hunderts. Doch nicht dies Moment haben wir hier ins Auge
zu fassen, sondern vielmehr die Zunahme der mehr äußerlichen
Fähigkeit, Dinge und Gefühle wiederzugeben, und das hinter
ihr stehende Walten und Wachsen des Wirklichkeitssinnes.

Da kommt denn für die Wiedergabe der Gefühle vor
allem die Behandlung des Rhythmus in Frage. Man recitiere
die drei Gedichte laut, man vergleiche im besonderen noch die
letzte, müd schleppende Zeile der Strophen Bierbaums mit den
entsprechenden Zeilen bei Claudius und Paul Gerhardt: und
man wird nicht zweifelhaft sein über die Fortschritte“ welche
die musikalisch-⸗rhythmische Wiedergabe der Stimmung bei Bier—

haum aufweist — obgleich gerade in dieser Hinsicht auch die
14*
        <pb n="237" />
        212

Dichtung.

beiden früheren Gedichte schon auf einer für ihre Zeit sehr
hohen Stufe stehen.

Was aber am augenscheinlichsten ist, das ist die Steigerung
der Intensität der Beobachtung für die äußeren Erscheinungen —
die Zunahme des physiologischen Wirklichkeitssinnes. Während
die Beobachtung bei Paul Gerhardt noch so allgemeine Gegen—
stände aufsucht wie Wälder, Vieh, Menschen, Stadt, Felder,
die ganze Welt und am Himmel Sonne und Sterne — eine
Beobachtung, die man vom malerischen Standpunkte aus fast
noch versucht wäre, typisch oder gar ornamental zu nennen —,
und während auch Claudius neben dem Abendschweigen des
Waldes und der nächtlichen Nebelbildung noch mit den Stern—
lein und dem Monde am Himmel zu thun hat, setzt Bierbaum
mit Schilderung der feinsten Züge ein, die den kommenden
Abend charakterisieren, Züge, die man im Gedichte selbst noch
einmal nachlesen möge: ist eine Beobachtung von diesem
Eingehen auf die Intimitäten der Erscheinunaswelt etwas
schlechthin Neues.

Nun ist, wie schon angedeutet, mit der Vergleichung
dieser drei Gedichte, die in einem ungefähren Abstand von etwas
mehr als je einem Jahrhundert zu einander stehen, an sich
gewiß noch nichts Endgültiges und Allgemeines über die Ge—
schichte des dichterischen Wirklichkeitssinnes ausgesagt. Allein
es läßt sich getrost behaupten, daß jede genauere Betrachtung
der deutschen Litteratur der letzten drei Jahrhunderte da, wo
eine Vergleichung möglich erscheint, im allgemeinen immer
wieder zu dem hier vorliegenden Ergebnis führen wird. Die
Vergleichung, die an dem Schaffen dreier Dichter von guter
mittlerer Begabung und Bedeutung durchgeführt worden ist,
hat thatsächlich typische Werte und typische Abstände ergeben:
auf dem Gebiete physiologischer wie psychologischer Beobachtung
ist die moderne Dichtung den früheren Entwicklunasstufen der
nationalen Dichtung überlegen.

Daß sie aber in der bei Bierbaum auftretenden Intensität
und darüber hinaus thatsächlich etwas Neues und zwar ein
Erzeugnis jüngster Zeit ist, das ist auch sonst das Urteil der
        <pb n="238" />
        Dichtung.

213

hesten Kenner. So giebt z. B. der verstärkte Wirklichkeitssinn
in Mielkes Geschichte des deutschen Romans im 19. Jahrhundert
den eigentlichen Grundton der entwicklungsgeschichtlichen Dar—
stellung ab; und Richard M. Meyer hat in seiner Deutschen
Litteraturgeschichte des 19. Jahrhunderts den Nachweis ge—
liefert, daß gewisse moderne Formen des physiologischen Im—
pressionismus sich bei Goethe und Lenau erst in Vorahnungen
finden und, ganz vereinzelt bei dem Amerikaner Walt Whit—
man auftretend, in dieser Ausprägung noch von Freiligrath
der, deutschen Dichtung vergebens zur Beherzigung empfohlen
worden sind.
        <pb n="239" />
        I.
1. Bisher ist auch für das Gebiet der Dichtung schon
nebenher der Gegensatz eines physiologischen und eines psycho—
logischen Impressionismus eingeführt worden, obwohl der Nach⸗
weis einer Entwicklung innerhalb dieses Gegensatzes erst für
die bildende Kunst erbracht worden ist. Jetzt, wo der all—⸗
gemeine Charakter der modernen Dichtung als der Poesie eines
verstärkten Wirklichkeitssinnes feststeht, ist es an der Zeit, diese
Gegensätze auch innerhalb der Dichtung genauer aufzusuchen
und nachzuweisen. Sind sie deutlich erfaßt, so ist der Schleier
der Entwicklung der modernen Dichtung gelüftet.

Man wird dabei diese Gegensätze am ehesten hoffen dürfen
bei den Hauptvertretern der ersten und der zweiten Phase der
modernen Lyrik zu finden. Als Hauptvertreter gilt nun für die
erste Phase schon jetzt unbestritten v. Lilieneron; für die zweite
Phase sind Stephan George und Hugo von Hofmannsthal nebst
den um sie stehenden Dichtern als zuständigste, wenn auch in
mancher Hinsicht etwas extreme Vertreter auch schon ziemlich all⸗
gemein anerkannt, und jedenfalls bilden sie die weitaus deutlichste,
greifbarste und charakteristischste Gruppe innerhalb der jüngsten
Entwicklung.

Zunächst von Liliencron. Liliencron, 1844 zu Kiel ge—
boren, preußischer Offizier in den Feldzügen von 1866 und
1870,71, nahm als Hauptmann seinen Abschied und hat 1884,
also vierzigjährig, seine erste Gedichtsammlung, die Adjutanten⸗
ritte, erscheinen lassen. Später folgten andere Sammlungen,
auch Dramen und Epen; die Blütezeit der ersten Periode des
Dichters liegt in den achtziger Jahren.
        <pb n="240" />
        Dichtung.

215
Liliencron ist eine durch und durch ursprüngliche Natur
und darum auch fern jeder engeren Abhängigkeit seiner Dichtung
von früheren und fremden litterarischen Strömungen. Ein
Junker vom Lande, der sich mit Stolz des Normannenblutes
in seinen Adern entsinnt, ist er auch als Dichter ein selbst⸗
gemachter Mann, der nur ganz im allgemeinen auf der Grund⸗
lage der von seinen Ahnen her ererbten Geisteshaltung steht.
Jagd, Krieg und Liebe, das sind seine Ideale. Und seine Liebe
ist von unbändiger Sinnlichkeit, wie der Tanz ihm nur eine
andere Form der Jagd ist. Und die Jagd wieder fesselt ihn nur
als ein Scheinspiel des Krieges. Der Krieg aber, das ist sein
Lebenselement, nicht eine harte Notwendigkeit sondern quellendes
eigentlichstes Dasein, und Schlachtendunst wird ihm zu er⸗
frischender Lebensluft: der Luft jenes Lebens, dem er ent—
gegenjauchzt: „Leben hurra!“ So fehlt ihm in seiner Höhe—
zeit jede, aber auch jede Spur von Empfindsamkeit und
Entsagung; muß er verzichten, so geschieht es in Selbst⸗
zerfleischung, und er wird schrecklich im Gefühl zornigen Duldens.
Dies alles, diese Richtung auf leidenschaftlichste Stimmungen,
auf unschattierte Gemeingefühle gleich den Ingredienzien einer
fernen Urzeit, verbindet sich dann mit einem massiven, fast
mythischen Gottesglauben, mit einem triebmäßigen, von den

Altvätern her vererbten Christentum, über dessen festen Formen,
ein Anachronismus der Gegenwart, nur selten das pantheistische
Gefühl des modernen Dichters aufblitzt.

Was muß eine solche Natur als Dichter sein? Liliencron
ist zunächst, wie er das Wort einmal von einem verehrten
Kriegskameraden gebraucht, „von der nackten Wirklichkeit des
Seins tief durchdrungen“. Er beschreibt grundsätzlich nichts,
was er nicht gesehen hat; sündigt er gegen diesen Grundsatz,
so wird er blutleer; das Sein ist ihm heilig. Und so ist er
auch in der Form fromm und wahrhaftig. Er ruht nicht, bis
nicht der Ausdruck das feinste, durchscheinendste Kleid seiner
Gefühle und Anschauungen geworden ist; und die dem Offizier
doppelt anerzogene Treue im kleinen begnügt sich im Dienste
der Sprache nur mit dem Vollendetsten und Höchsten. Und dieser
        <pb n="241" />
        216

Dichtung.
Absicht kommt eine ausgesprochene Anlage entgegen. KCilien—
rron ist in der Behandlung unserer Sprache unglaublich
gewandt, reimsicher und rhythmusfest: es liegt in seinen
Worten etwas von der ruhigen Hand und dem scharfen Auge
des junkerlichen Landwirts, der straff im Bügel durch sein
Eigentum trabt und schaut, wie die Felder blühen. Dabei
hat diese Sprache trotz aller Wucht und Geradheit etwas Musi—
kalisches: freilich das Musikalische des Trompetenschalls, den
Ton alter Kriegsmusik und die rhythmische Hurtigkeit eines
Bach oder Händel. Und wie ist nun diese Sprache gemodelt!
Nichts mehr von den konventionellen Dichtertönen der Epigonen
red fünfziger bis sechziger Jahre, von ihrem Auszahlen aus
einem traditionellen Wortschatz, von ihrem fein ciselierenden
Sprachhandwerk. Groß tritt das Wort daher und urwüchsig
stark: kühne Anakoluthe, Annäherung an das gesprochene Deutsch
und dessen unvergleichliche Frische und Unmittelbarkeit, Ge—
dankenschattierungen durch Heranziehung unverbrauchter Sprach⸗
juwele des Alltags, rasches, kavaliermäßiges Vordringen zum
gesuchten Ausdruck, unmittelbar selbstsichere Unbesorgtheit, alle
instinktiv ergriffenen Ziele zu erreichen: „Flatterndes Ge—
plauder“: und das alles bald in freien Rhythmen unter
starker Bindung des Wortmetrums an den Sinn, bald —
und mit Vorliebe — in geschlossener Form unter meisterlicher,
ja halsbrecherischer Handhabung des Reimes.
Mußte Liliencron so nicht der Meister eines physiologischen
Impressionismus werden, einer Lyrik, die sich wesentlich den
äußeren Eindrücken zuwandte?
Und wie begünstigte der Krieg, der erste, größte, er—
habenste Gegenstand seines Lebens und seiner Dichtung,
diese Art:
Platz da, und Ziethen aus dem Busch!
Mit Hurrah drauf in Flusch und Husch!
Und vorgebeugten Leibes rasen

In einem Strich von Pferdenasen

Wir zwei weit voran den Husaren:

So sind wir in den Feind gefahren.
        <pb n="242" />
        Dichtung.

2317

Die roten Jungen hinterher

In todesbringender Carrière,

Daß wild die Spitzen der Chabracken
Den Grashalm fegen wie der Wind.
Und hussa, hep, die bunten Jacken,
Sind wir am Waldesrand geschwind.
Beknatter, dann ein tolles Laufen,
Wir konnten kaum mit ihnen raufen,
So rissen die Gascogner aus

Vor unserm Säbelschnittgesaus.

Dem Kriege fast ausschließlich, seinen raschen, blitzschnell
wechselnden Eindrücken, seiner hehren Aufregung der Nerven
gehören die schönsten und frühesten der Eingebungen des
Dichters an, und lange noch jenseits der großen Kämpfe lebt
er im Rausche ihrer Impressionen:

Bisweilen ist mir, als ob ich höre

Die Trommeln wirbeln und den Ruf der Hörner.
Und siegestrunken bricht aus tausend Kehlen,

Es klingt zu mir aus ungemessnen Fernen

Ein brausend Hurrah jauchzend zu den Sternen.

Man sagt wohl, die Kriege von 1866 und 1870 hätten
uns keine Poesie gebracht. Aber wie hätte man vor diplomatisch
eingeleiteten Kriegen, deren Ausbruch noch wenige Wochen vor
der Kriegserklärung zweifelhaft oder gar unwahrscheinlich
war, unmittelbar jenen Ausdruck der Gefühle erwarten können,
den in der Zeit der Freiheitskriege die jahrelange Not, das
Zähneknirschen unter der Faust eines fremden Zwingherrn ohne
Großmut hervorbrachte? Die neuen Kriegszeiten konnten nicht
die Seher und Propheten, konnten nicht einen Arndt und
Körner und Schenkendorf erzeugen. Erst im Kriege selbst er—
wuchs die Poesie, und es war nicht die Poesie des Unter—
drückten, sondern des Siegers. Sie aber ist es, die wir bei Lilien—
eron finden — finden im Verein mit einer unglaublich sicheren,
nur dem Sieger möglichen Beobachtung der Einzelvorgänge des
Kampfes. Jawohl, es ist etwas wie technische Dichtung, wie
ein Gegenstück zur technischen Strategie eines Moltke. Aber
wer in ihren Geist eintaucht, wird sie nie wieder vergessen,
auch da nicht, wo sie statt der geschlossenen dichterischen Form
        <pb n="243" />
        2us

Dichtung.
nur die der Kunsterzählung annimmt, wie in den unglaublich
lebensvollen Kriegsnovellen des Dichters.

Im übrigen war dieser rasche, harte, stahlnervige Impressio—
nismus, der Zug bei Zug setzt und dem Hörer überläßt, aus den
momentanen Schlägen atemlos das Ganze zu bilden, doch keines—
wegs innerlich an Krieg und Heergeschrei gebunden. Leicht
ging er in Dichtungsarten ein, die, zwischen Lyrischem und
Episch-Dramatischem schwankend, im eilenden Fortgang einer
Handlung die Vereinigung der einzelnen Eindrücke hurtig
herbeiführen. Von den Gattungen, die sich hier darbieten, hat
Liliencron vornehmlich zwei gepflegt, die Tagebuchdichtung und
die Ballade. Und in der Ballade vor allem erfreut er durch
knappste Erzählung; es ist wie eine prall sitzende Husaren⸗
uniform: und die enge Schnürung der Sprache wird nicht
selten zu komischen Wirkungen ausgenutzt. Daneben treten dann
gewaltige Stücke auf namentlich von leidenschaftlichem Sinn
für Selbständigkeit, von einer Art Urpathos der Freiheit, als
Krone der Sang von dem unbändigen Freiheitsdrang der
Sylter Friesen mit dem Kehrreim! Lewwer duad üs Slaav!

Aber allmählich erweitert der Dichter seinen Stoffkreis;
die impressionistische Schilderung wird auf einfache Vorgänge
des Alltäglichen ausgedehnt: ruhige Scenen aus dem Klein—
leben, gern mit Naturschilderungen verknüpft, tauchen auf,
daneben Scenen aus der sogenannten Gesellschaft und aus dem
High life — diese nicht selten mit grimmigem Humor:
Es singt ein Lied von Felix Mendelmaier

Der lange Lieutenant mit dem Ordensbändel.
Das alte Fräulein brütet Rätseleier,

Besorgt den Thee und duftet nach Lavendel.

„O Isis“ brummt der Rat, der liebe Schreier.
Weh mir, wie langsam schwingt der Abendpendel!
Zu Ende. Gott sei Dank. Ich atme freier

Und bade mich daheim in Bach und Händel.
Besonders eigenartig sind die Naturschilderungen, die zahl—
reicher erst gegen Schluß der ersten Periode einsetzen. Sie be—
1 Pidder Lüng, Werke 9, 18ff.
        <pb n="244" />
        Dichtung.

219

wegen sich genau wie die bisherigen Impressionen des Dichters
in Vorgangs⸗, Handlungs-, Bewegungseindrücken: Liliencron
kennt keine Naturzustände.
Gleichviel weshalb, ich bins, ich bin verbannt
Auf diese kleine, deichumrahmte Insel.
Weit liegt mein walddurchrauschtes Vaterland.
Hier schleicht und kriecht das Wattenmeergerinsel
Durch Schlick und Schlamm, ein schmutzig gelbes Band.
Poltert der Sturm nicht, nörgelt Windgewinsel.
Ich seh die Sonne morgens Wasser trinken
Und abends wieder in die Wogen sinken.
Es ist der tiefe Sinn für das Handlungsmäßige in den
Dingen, der Sinn, der sieht, wie „der Morgen die Nacht
schweigend in seine Lungen saugt“, wie „Hammerschlag und
Kolbenstöße der Welt ihr hartes Pflichtgeräusch verkünden“:
es ist der Sinn, der urzeitlichen Kulturen eignet, der sie das
Epos zur großen Kunstform entwickeln läßt, der ihnen die
Tierornamentik, die Ornamentik des Lebendigen am ehesten
nahelegt. Es ist die seelische Haltung, die auf das Belebte,
das Äußere geht, der die Dramen und die feineren Stöße und
Ströme des Inneren noch unerschlossen sind.

In der That fehlen diese Stöße und Störungen auch bei
Liliencron. Seelisch kennt er nur Vollgefühle, ungebrochene
Farben:
Aufjauchzend, sterngestreift, in Hochgedanken,
Jäh nieder, erdgeschleift, in Dorn und Ranken,
Verfolgt, zerhackt von giergequälten Raben
Bist du, mein aufgewühltes Herz.
So auch, wenn er mildere Empfindungen zu schildern hat,
wie in den Parallelstrophen der beiden Gedichte „Abschied vom
Vaterland“ und „Heimkehr“.
1. Es wogt mein Schiff, es sinkt und hebt,
Ein Sturmlied singen die Matrosen.
Es wogt mein Herz, es singt und bebt,
Es schlägt der Sturm den Heimatlosen;
und:
        <pb n="245" />
        220

Nichtung.
2. Es schreit mein Herz, es jauchzt und bebt
Der alten Heimat heiß entgegen;
Und was als Kind ich je durchlebt,
Klingt wieder mir auf allen Wegen.

So bleibt der Dichter auch bei lyrischer Empfindungs—
grundlage gleichsam balladenmäßig, da er immer in aus—
gesprochenem Sinne erzählt: statt Zustände Handlung, Hand—
lung, Handlung. Ergeben sich trotzdem gewaltige Stimmungs⸗
wirkungen, so hängt das damit zusammen, daß nur das Auf—
quellen von Urgefühlen geschildert wird: Urgefühle aber sind
Gemeingefühle: um sie wirksam zu machen, bedarf es nur
einer Andeutung im flüchtigsten Eindruck.

All das giebt nun der eigensten und ursprünglichsten Kunst
Liliencrons bestimmte Grenzen. Da er sehen können muß, was
er singt, so ist die Poesie des Seelenlebens nur in Andeutungen
vorhanden, — nirgends Kantilenen der Stimmung und des
Gemüts. Weil er das Seelische nur im Physiologischen er—
greift, sinkt er leicht ins Alltägliche, bisweilen ins Platt—
Prosaische. Und auch da, wo er hiervor bewahrt bleibt, ist er
in seinen lyrischen Gedichten von jenem instinktiv Geistlosen,
rein und bloß Anschaulichen, den Zustand gleichsam unbewußt
Erfassenden, das in jeder Gattung der Phantasiethätigkeit
Kennzeichen des physiologischen Impressionismus ist. Darüber
bei einfacher Wiedergabe von Eindrücken hinwegzugelangen,
giebt es für Lilieneron anscheinend nur ein Mittel: den mög—
lichst glänzenden Gebrauch des Vergleichs. Und darin ist er
Meister:

Der Sturm preßt trotzig an die Fensterscheiben
Die rauhe Stirn; tiefschwarze Wolken treiben,
Wie Fetzen einer Riesentrauerfahne,
Und schnell, wie Bilder ziehn im Fieberwahne.
der, von einem Pechvogel:
Der andre trieb im Schweiße seinen Pflug,
Hoch wie die Wolken sah das Glück er jagen,
Auf jeder Rennbahn blieb zurück sein Wagen,
Statt Weines fand er nur den Wasserkrug. —

8
—
        <pb n="246" />
        Dichtung.

221

2. Aber was bisher gesagt ist, charakterisiert den Dichter
nur während seiner ersten Periode, während der Zeit des reinen
physiologischen Impressionismus. Mit den neunziger Jahren
geht er langsam in eine andere Art über; die bisher ganz
naturalistische Weise seines Impressionismus verschwindet, und
nach und nach tauchen idealistische Farben auf, verschmilzt
zugleich die neue Form der ersten Periode unvermerkt mit
syrischen Formen älterer Überlieferung. Liliencron hat in
seinem Epos „Poggfred“ (18095) selbst diese neue Periode launig
und der Veränderung vollauf bewußt begrüßt:

Was thu ich nun hinein in die Behälter?
Frinnrung? Traum? Erlebnis? Phantasie?
Ich habe Angst, mein Blut wird täglich kälter,
Zum Teufel geht allmählich der Esprit.
Zusammen schab ich drum, eh immer älter,
Die schäbigen Reste meiner Poesie.

Denn vor mir, greuliche Pagode,

Hockt steif des Dichters „zweite Periode“.
In der That: der Dichter wird ruhiger, die scharfe Ab—
grenzung der Eindrücke verliert sich das Moment der Stimmung
nimmt überhand:
Langsam graut der Abend nieder,
Milder wird die harte Welt,

Und das Herz macht seinen Frieden,
Und zum Kinde wird der Held.
Das sind in diesen vier Zeilen gewiß noch vier gut um—
rissene Eindrücke, aber das Ganze ist schon unendlich stimmungs—
voll. Gedichte dieser Art werden häufiger, häufiger auch Ein—
drücke, denen, oft durch ein einziges Wort, eine starke Stim—
mungsnote gegeben wird:

Hart am Ufer steht mein Fuß,
Drüben, horizontdurchlassend,
Friert am Strand ein schmales Wäldchen.
Dder:
Und immer stiller wirds im Hain,
Es schlief die ganze Erde ein,

Der Wind nur durch die Hecken
Spielt Haschen und Verstecken.
        <pb n="247" />
        222

Dichtung.

Dieser Stimmungsgehalt wird dann gelegentlich so stark,
daß er nervöse Schwebungen und Spannungsgefühle hervor—⸗
ruft, die der Hörer durch thätige Teilnahme der eigenen Ein—
bildungskraft auslösen muß. Das ist dann schon der Übergang
zu einer Dichtung, die ihrem Hauptmoment nach Stimmungs-
dichtung ist, also, da sie die Persönlichkeit des Dichters ganz
in den Vordergrund schiebt, idealistische Dichtung, wenn auch
noch einer niederen, subjektiven Gattung. Man höre und
genieße:
Die große gelbe Rose ruhte schwer

Auf schwarzem Marmorsarg in Marmorhallen.
Wess' Hand sie brach, und wer sie trug anher,
Auch wer die Leiche war, ist mir entfallen.

Es schlief der Sarg, von Blatt und Blumen leer,
Im Dämmer, eine Sphinx, auf Löwenkrallen.
Der Abendwolken lichtgeflocktes Heer

Entstieg dem Meere, rot wie Blutkorallen.

— — — Liliencron hat in seinen späteren Dichtungen
Stücke dieser Art von großer Schönheit. Es ist ein idealistischer
Impressionismus physiologischen Charakters; nicht selten bilden
seine Schöpfungen unmittelbare Gegenbilder zu den ent—
sprechenden Erzeugnissen der impressionistischen Malerei: —
Vor mir dehnt sich ein großes Meer

Ohne Wellensturz, heilig und leer.

Der Küstensand, auf dem ich geruht

War von Gold und rot wie Blut,
überschimmert von bläulichem Licht

Zweier eirunder Sonnen, die dicht an dicht
Aber der See am Himmelsrande

Sich zeigten mit purpurnem Wolkenbande,
Das leicht sie überfällt und ungezwungen,
Als wärs um zwei Rokokospiegel geschlungen.
Ich konnte, ohn mit den Augen zu blinken,
In ihren milden Flammen ertrinken.
Dünn, wie meines Spazierstocks Lauf,
Schossen nah hinter mir Bäumchen auf,
Sechs an der Zahl, gut ausgerichtet,

Nur in den Gipfeln blattverdichtet ....
Ich stand auf den Inseln der ewigen Ruh.
        <pb n="248" />
        Dichtung.

223

Und wie mich ihr sanftes Leuchten beglückte,
Und wie mich ihr herrlicher Glanz entzückte,
Spannt ich die Arme dem Schöpfer aus:
Ich wohnte in seinem Vaterhaus.

Man sieht: hier ist auch schon der Symbolismus eingekehrt;
die Summe des äußerlich Angeschauten ist nur ein Widerschein,
erhält Leben nur von Stimmungen, die unter ihm fluten und
in ihm als durch einen Spiegel gesehen emportauchen.

Streckt sich der Dichter hier bis an die Grenzen der
modernen Symbolisten, deren Wesen wir bald kennen lernen
werden, so verschmilzt er andererseits in der Stimmung auch
Alt und Neu in manchmal überraschend sicherer Harmonie:

Und eine Ruhe kommt gezogen,

Mein Herz schlägt seinen alten Schlag,
Die Unglücksvögel sind verflogen,

Mir ahnt ein neuer Thatentag.

Da bück ich mich und pflück im Schreiten
Aus Feld und Knick mir einen Strauß
Und trag ihn, voll von Seligkeiten,

Der Liebsten heißen Danks nach Haus.

Wie sind doch hier die Gefühle unmittelbar geschildert,
wie ist die Form die der geschliffenen Kunst der fünfziger
Jahre, wie hält man mit dem Dichter unter alten Dächern
Einkehr! Es ist eine Richtung, in der Liliencron in den
letzten Jahren weit gegangen ist, ja zu weit, bis zu un—
zweifelhaften Langweilern. Aber doch hört man in den meisten
der Stücke, die hierher gehören, inhaltlich auch das Neue heraus,
wie sich auch in der Form Alt und Neu begrüßen: und sollte
nicht eben der schöpferischen Vermählung von Alt und Neu
der Euphorion einer Zukunftsdichtung entsteigen können? —

Indes die Entwicklung der modernen Dichtung machte bei der
Ausgestaltung des physiologischen Impressionismus nicht Halt
und noch weniger bei dessen idealistischer Umwandlung oder
Vermischung mit großen Traditionen: unersättlich strebte der
Wirklichkeitssinn vorwärts in das Seelische hinein und drängte
        <pb n="249" />
        224

Dichtung.
hier an gegen die unbekannten Gebiete der bloßen Reizvorgänge,
bis er seinen Fuß auf jungfräuliches Land gesetzt hatte.

3. Der psychologische Impressionismus gelangt am besten
oder wenigstens am geschlossensten und eindringlichsten in der
Poesie einer Gruppe von Dichtern zum Ausdruck, die sich seit
1892 um die „Blätter für die Kunst“ scharten, eine Zeitschrift,
die zuerst nur intim — das ist ein Lieblingswort dieser Gruppe
und der Gegenwart überhaupt — „für eine auserwählte Gemein—
schaft von Künstlern und Kunstanhängern“ erschien. Es sind an
erster Stelle Stephan George und Hugo von Hofmannsthal, dann
Karl Wolfskehl, Leopold Andrian, Richard Perls, Max Dau⸗
thendey u. a. m.: Leute von meist zurückgezogen-aristokratischem
Leben, langer Gehrock und breite Halsbinde, Haartracht der
dreißiger Jahre, gern von reichen Eltern, modern in Gänse—
füßchen, nicht ohne einigen Snobismus, im übrigen jung: Hof⸗
mannsthal, geboren zu Wien 1874, wird in Kürschners Litteratur⸗
kalender von 1898 noch als Doktorand der Philosophie verzeichnet.

Diese Gruppe will nichts von unmittelbar anschaulicher
Wirklichkeit wissen; sie will eine „geistige Kunst“; bewußt er⸗
scheint ihr die Welt als Reihe bloßer Sensationen, und diese
Sensationen sind ihr darum folgerichtig allein Gegenstand der
Dichtung. Und unter diesen Sensationen sucht sie wiederum
weniger diejenigen auf, die die Oberfläche des Seelenlebens
— D
Untergründe der Psyche führen. Denn die vulgären Gefühle
sind ihr nichts Einfaches und darum Großes mehr, sondern zu—
sammengesetzte Bildungen, wie die Blüte des Tausendschönchens
oder der Sonnenblume, Ansummungen jeweils einer großen Menge
von elementaren Empfindungen, von nervösen Reizen noch ohne
klaren und abgegrenzten Inhalt, welche das Gedächtnis erst zu
dem groben Bündel eines ganz konkreten und seinem Inhalte
nach klareren Gefühls zusammenfaßt.

Diese unteren Reize nun vor allem, diese noch nicht mit be⸗
stimmtem Inhalte oder gleichsam nur von Düften und Nebeln
        <pb n="250" />
        Dichtung.

225
halb ausgefüllten Gefäße von Empfindungen gilt es bewußt in
sich aufzunehmen und aus ihrem Gehalt die Dichtung zu ge—
talten. Geschieht das, so wird eine Poesie erblühen als Gegen—
pol des physiologischen Impressionismus, „jener verbrauchten
und minderwertigen Schule, die einer falschen Auffassung der
Wirklichkeit entsprang“. Und diese Poesie wird „keine Er—
findung von Geschichten, sondern Wiedergabe von Stimmungen“
erstreben, „keine Betrachtung, sondern Darstellung; keine Unter—
haltung, sondern Eindruck“.

Wie nun dies Ziel erreichen? Da giebt es zunächst den
Weg einfacher Schilderung seelischer und besonders nervöser
Reizvorgänge. Und hier wird von der neuen Schule sehr früh
schon eine außerordentliche Meisterschaft erreicht, wie denn die
Schule die Form überhaupt in jedem Sinne hochhält und
fördert.
Wir schreiten auf und ab im reichen Flitter
Des Buchenganges beinah bis zum Thore,
Und sehen außen in dem Feld vom Gitter
Den Mandelbaum zum zweitenmal im Flore.
Wir suchen nach den schattenfreien Bänken
Dort, wo uns niemals fremde Stimmen scheuchten:
In Träumen unfre Arme sich verschränken,
Wir laben uns am langen milden Leuchten.
Wir fühlen dankbar, wie zu leisem Brausen
Von Wipfeln Strahlenspuren auf uns tropfen,
Und horchen nur und blicken, wenn in Pausen
Die reifen Früchte an den Boden klopfen.
(Stephan George.)
Außer den leisen und leisesten Schattierungen des Her—
kömmlichen aber sucht man vor allem auch neue Gebiete seelischer
Reize auf. Zwar nicht ganz mit dem wunderlichen Zuge der
Franzosen, diese wie jede neue Richtung ins Extrem zu stoßen,
bis sie, in diesem Falle, zu den Narretheien schon der Goncourts,
namentlich aber der Huysmans, Rods und Rosnys gelangte.
Aber doch in grundsätzlich neuen und nicht immer von einem
gewissen Snobismus freien Richtungen. Dahin gehört es
vor allem, wenn die Übergangssensationen zwischen zwei spezi—

Lamprecht, Deutsche Geschichte. Erster Ergünzungsband. 15
        <pb n="251" />
        226

Dichtung.
fischen Sinneseindrücken in die Dichtung eingeführt werden:
die tönenden Farben, die farbigen Vokale, die gehörten oder
gesehenen Tastgefühle: Erscheinungen, die in der Dichtung be—
wußt allerdings schon von E. T. A. Hoffmann verwertet worden
sind. Dahin gehört auch die Schilderung der Vermischung
höherer und höchster Sinneseindrücke, das Aufheben der
festesten und anschaulichsten Grenzen unserer Empfindung, des
Raumes etwa und der Zeit. Es sind Dinge, die man sonst
doch wohl nur dem Jenseits zugeschrieben hat:
Et toi, divine Mort oùu tout rentre et s'éfface,
Accueille tes enfants dans ton seéin étoilé,
Affranchis nous du temps, du nombre ét de l'espace
Et rends nous le repos que la vie a troublé.
FILeconte de Lisle,.)
Die neue Dichtung aber verwendet diese Sensationen
wenigstens schon für die irdische Ekstase. So Stephan George
in seinem Gedicht „Weihe“, das in den allgemeinsten Zügen
denselben Vorgang schildert wie Goethes „Zueignung“. Der
Dichter ruft sich zu, die Muse der Dichtung am Gestade eines
Stromes zu erwarten:

Im Rasen rastend sollst du dich betäuben
An starkem Urduft, ohne Denkerstörung,
So daß die fremden Hauche all zerstäuben,
Das Auge schauend harre der Erbhbörung:
Siehst du im Takt des Strauches Laub
Und auf der glatten Fluten Dunkelglanz
Die dünne Nebelmauer sich zersplittern?
Hörst du das Elfenlied zum Elfentanz?

schon zittern

Schon scheinen durch der Zweige Zackenrahmen
Mit Sternenstädten selige Gefilde,

Der Zeiten Flug verliert die alten Namen,
Und Raum und Dasein bleiben nur im Bilde.
Die Übergangssensationen zwischen spezifischen Sinnes—
eindrücken aber werden als etwas ganz Gewöhnliches von der
Schule eingehend zur Darstellung gebracht. So von Hofmanns—
thal im „Tod des Tizian“:
        <pb n="252" />
        Dichtung.

227

Und wie des Dunkels leiser Atemzug

Den Duft des Gartens um die Stirn mir trug,
Da schien es mir wie das Vorüberschweifen

Von einem weichen, wogenden Gewand

Und die Berührung einer warmen Hand.

In weißen, seidig weißen Mondesstreifen

War liebestoller Mücken dichter Tanz,

Und auf dem Teiche lag ein weicher Glanz

Und plätscherte und blinkte auf und nieder.

Ich weiß es heut nicht, ob's die Schwäne waren,
Ob badender Najaden weiße Glieder,

Und wie ein süßer Duft von Frauenhaaren
Vermischte sich dem Duft der Aloë..

Das rosenrote Tönen wie von Geigen,

Bewoben aus der Sehnsucht und dem Schweigen,
Der Brunnen Plätschern und der Blüten Schnee,
Den die Akazien leise niedergossen,

Und was da war, ist mir in Eins verflossen:

In eine überstarke, schwere Pracht,

Die Sinne stumm und Worte sinnlos macht.

4. Nun ist klar, daß auf diesem Wege kaum noch weiter
zu gelangen ist, wenigstens innerhalb der Grenzen der seelischen
Grundlage der Gegenwart; die naturalistische Entwicklung des
psychologischen, ja des neurologischen Impressionismus erscheint
mit der Aufnahme dichterischer Formen wie der geschilderten
erschöpft. Aber inzwischen war längst, ja fast gleichzeitig und
Schlag auf Schlag den naturalistischen Errungenschaften dieses
Impressionismus folgend ein neuer Idealismus emporgeblüht.
Der Blick.

der farbendürstend in sich selbst gesenkt
Nach immer neuer Wunder unerwachtem Spiele späht
(Ludwig Klages)
hatte den Reizvorgang nicht mehr als Objekt aufgesucht; viel—

mehr umgekehrt schuf der Dichter aus sich heraus die Sensa—

tionen, sprachen diese subjektip aus ihm in neuen Zungen:

ibermächtig und breiten Stromes trat in den Formen neuro—
15*
        <pb n="253" />
        228

Dichtung.

logischer Impressionen ein Idealismus zunächst der persön—
lichen Stimmung hervor.

Es war zugleich eine wichtige Wandlung der psycho—
logischen Anschauung im allgemeinen. Der naturalistische Im⸗
pressionismus hatte die Seele nur als Bühne für das bunte
Spiel von Eindrücken angesehen, als den leeren Ort gleichsam
unablässig sich folgender psychischer Aktualitäten, als „Tempel
des Traumes“ (Maeterlinck); von dem festen Kern der Persön—
lichkeit, von einer Seele als Subjekt war wenig übrig ge—
blieben. Jetzt wendete sich die Anschauung leise, wenn auch
noch längere Zeit ein unklares Gefühl pantheistischer Gebunden—
heit an das All der Natur und der Geschichte vorwaltete. So
hewegt sich von Hofmannsthal noch in Zweifeln:

Ganz vergessener Völker Müdigkeiten
Kann ich nicht abthun von meinen Lidern
Noch weghalten von der erschrockenen Seele
Stummes Niederfallen ferner Sterne.
Viele Geschicke weben neben dem meinen,
Durcheinander spielt sie alle das Dasein,
Und mein Teil ist mehr als dieses Lebens
Schlanke Flamme oder schmale Leier.
Allein thatsächlich trug doch ein primitiver Idealismus,
der Idealismus der Stimmung, den Sieg davon; und er war
nicht denkbar ohne eine Psychologie, die dem leeren Ort der Sen—
sationen ein wenigstens triebhaftes Ich, eine keimhafte Persön—
lichkeit entgegensetzte. Und dies Ich wirkte sich nun mit seinen
Stimmungen oft phantastisch und nicht selten auch noch gespreizt
genug in einer neuen Dichtung aus.

Zunächst kam es, genau wie in dem idealistischen Im—
pressionismus der Malerei, zu einer außerordentlichen Steigerung
der Eindrucksmittel unter gleichzeitiger Vereinfachung und Ver—
einheitlichung der Komposition. Eine Vorliebe für ungestört
verlaufende Vorgänge kommt auf und für Massenzüge, und die
Kürze wird gesucht: „rein ellenmäßig die Kürze“. Das alles
bedeutet dann eine starke Zucht der Phantasie in der Auswahl
der verwirrend mannigfaltigen Eindrücke, die aus der dichte—
        <pb n="254" />
        Dichtung.

229

rischen Empfängnis hervorgehen: eine Zucht, die freilich ohne
dreinsprechende Aufsicht des Verstandes kaum möglich war.
Das so gewonnene Gerüst der Dichtung aber wird dann mit
einem Wunderwerk von Umkleidungen, die durch idealistische Mal—
mittel geschaffen werden, völlig überdeckt und gleichsam aus—
gebaut: „Stimmungsbilder in allen Spektralfarben“ treten auf
und in allen Tonkombinationen, allen Dissonanzen und Konso—
nanzen und Assonanzen des Geruches und des Tastgefühls, un⸗
erhörte Töne und Farben, satt und glühend, Feuerwerke der Be—
rührungseindrücke und Orgien des Geruches, Vorlieben für
Funkelndes, Sterne, Edelsteine, Zerlegungen der chemischen
Prozesse des Blumenduftes, Luxusgefühle des Glatten, Rauhen:

Fliehende Kühle von jungen Syringen.

Dämmernde Grotten cyanenblau.

Wasser in klingenden Bogen

Wogen —

Auf phosphornen Schwingen

Zehnende Wogen.
Purpurne Inseln in schlummernden Fernen.

Silberne Aste auf mondgrüner Au.

Boldne Lianen auf zu den Sternen.

Von zitternden Welten

Sinkt Feuerthau. (Max Dauthendey.)
Dazu stärkste Mittel zur Intensivierung der Grund—
stimmung neben all den Lilaträumen und den Sensationen
mennigroter Wiesen: ein allumtönendes Geläut der Stimmungs—
malerei, ein aus Abgrundtiefen aufsteigender Hall des Pathos,
ein erhabener Hauch der Sprache — alles in der Richtung des
Feierlichen, Andeutenden, Ungewissen, Ahnungsvollen, Ge—
heimnisreichen:

Das ist die Kunst des großen Hintergrundes
Und das Geheimnis zweifelhafter Lichter;
Das macht so schön die halbverwehten Klänge,
So schön die dunklen Worte toter Dichter.
(v. Hofmannsthal.)
Und zahlreich und in äußerster Verfeinerung sind die Mittel
entwickelt, all diesen Forderungen zu genügen. Da verschwimmt
        <pb n="255" />
        230

Dichtung.
die Zeichnung der Vorgänge ins Ungewisse, wie in den Malereien
eines Puvis de Chavannes: das Gerippe des Geschehnisses
wird nicht mehr sichtbar, auch wenn es grundsätzlich genau ge—
zeichnet ist, die Konstruktion bleibt verdeckt wie in den Bildern
Stucks, nur der Duft, der Hauch, der Geruch der Ereignisse
wird gesammelt. Da wird die Sprache in eine sinnliche,
nervenfällige, Reizvorgänge untersten Grades erregende, kurz
musikalische Haltung gezogen .....:
Die Seele weint in ängstlichen Gefühlen:

Ich kann die Worte nicht zu Klängen finden,
Kann die Gedanken nicht zu Kränzen winden,
Um roter Wunde heißen Brand zu kühlen —
so klagt der Dichter (Richard Perls), dem die Muse der neuen
Dichtung den Kuß versagt. Wenn aber diese Muse den
Dichter erhört, dann entstehen musikalische Wortdichtungen von
unerhört sonorem Klange:

Hinaus zum Strom! Wo stolz die hohen Rohre

Im linden Winde ihre Fahnen schwingen

Und wehren junger Wellen Schmeichelchore

Zum Ufermoose kosend vorzudringen.
(Stephan George.)
Und nicht die Sprache allein thut es. Auch der Gedanke
wird in den Strudel der Stimmung gezogen — am häufigsten
durch überaus feine, ja raffinierte Anwendung stark duftender,
narkotisch wirkender Gleichnisse, Symbole, Allegorien, Embleme.
So wird z. B. für Hofmannsthal die Sprache der Dichtung
geradezu zur Sprache des Bildes, der Metapher. Und damit
wird denn die Sprache auch als Ausdruck des Gedankens eine
andere. Sie hat hier nicht mehr die Aufgabe, mit „Näherungs⸗
werten dem gemeinen Tagesverkehr und seinem derben Bedarf“
zu genügen. Sie muß vielmehr eine neue syntaktische Kunst
entfalten, sie muß die weitesten Schreine ihres Wortschatzes
durchwühlen lassen und mit neuen Kostbarkeiten aufwarten, sie
muß ungeahnte Kombinationen ihrer Mittel anwenden, um
der unerhörten Intensität der Stimmungen gerecht zu werden.
Denn glühendste Farben und tiefste Klänge, intimste Töne
        <pb n="256" />
        Dichtung.

281
und versteckteste Pulsschläge verlangt man von ihr, und eine
Dolmetscherin soll sie sein des „geheimnisvollen, unsichtbar
rauschenden und anziehenden Untertons“ dichterischer Ver—
ständigung.

Ja, eine Dolmetscherin! Das ist es: All die Mittel dieser
Dichtung, die doch immer wieder auf die Sprache hinauslaufen
oder deren Dunstkreis passieren müssen, sie sind gleichsam doch
nur Schattenspiele eines hinter dem Vorhang, hinter der sinn⸗
lichen Erscheinung des Gedichtes sich abspielenden Ereignisses,
das seinerseits erst das eigentliche Wesen und die Seele des
Gedichtes darstellt. Diese Dichtung ist symbolisch durch und
durch: und daß sie es ist, beweist, trotz aller Wunderlich—
keiten und Modethorheiten im einzelnen, daß sie einen Höhe—
punkt bildet in der Entwicklung der Poesie der modernen
Stimmung. Denn die Stimmung sucht ein gefühlvolles Ideal
hinter den Dingen und wird erst dann Genüge ihrer Sehn⸗
sucht finden, wenn alle äußeren Mittel dichterischer Darstellung
jenem einen Ziele untergeordnet sind, das hindurch durch den
Schleier der Komposition und der Sprache auf einen durch—
sichtigen seelischen Gehalt hinweist.

Das alles zeigt aber auch, daß dieser Idealismus der
osychischen und nervösen Eindrücke seine Vorgeschichte hat. Und
in der That erinnert einzelnes zurück bis an die Dichtung der
Empfindsamkeit.

O Desiderata!

Qäme sie wetterumhüllt dir in den sterbenden Feuern (der Sonne),

Käme sie leise bang vom Schattenhügel gewandelt:

Nieder sänkest du ganz! —
Diese Verse von Ludwig Klages, könnte sie nicht Klopstock
gedichtet haben? Aber das sind verstreute Anklünge. Dagegen
spricht man wohl von dieser neuesten Poesie der Reizsamkeit
als von einer Neuromantik. Sollte damit der Glaube angedeutet
werden, daß sich in der Poesie unserer Tage die alte Romantik
boll wiederhole, so würde die Entstehung des Wortes bei seinem
Bildner einen bedenklichen Mangel geschichtlichen Denkens und
eine schlimme Unkenntnis der litterargeschichtlichen Thatsachen
        <pb n="257" />
        2sꝛ

Dichtung.
voraussetzen. Denn der gradmäßige Unterschied der neuen
Dichtung von der alten Romantik ist augenscheinlich; und gut
hat ihn Richard Perls hervorgehoben:

Ich bette dich in traumestiefe Ruh,

Geh ein, mein Freund, zum alten Heiligtume,

Dort flüstert und dort raunet man dir zu

Ein neues Wissen um die blaue Blume.
Ein neues Wissen! Gewiß finden sich in der Dichtung
der Romantik Vorboten des modernen Symbolismus, so wie
fich in den Dichtungen der Empfindsamkeit Vorzeichen der
Romantik nachweisen lassen. Aber sind deshalb je zwei dieser
Perioden und damit wohl gar sie alle drei ihrer innersten
Seele nach identisch? Es wird eine der lohnendsten Aufgaben
einer Kultur- und insbesondere Litteraturgeschichte des subjekti—
vistischen Zeitalters sein, die Unterschiede in der seelischen Basis
der empfindsamen, der romantischen und der modernen Dichtung
einmal ganz genau zu bestimmen. Daß diese Dichtungen aber
überhaupt verschieden sind, das kann selbst dem oberflächlichen
Kenner der litterarischen Denkmäler der drei Perioden nicht
zweifelhaft bleiben.

Aber wenigstens von den französischen Naturalisten und
Idealisten des psychologischen Impressionismus, den Baudelaire,
Verlaine, Mallarms sollen unsere Dichter ausgegangen sein!
Gewiß liegt da die Entwicklung der analogen französischen Dich—
tung früher als die der deutschen; Baudelaire starb 1867, und die
„Fleurs du Mal“ erschienen 1837. Die deutsche Entwicklung
aber nur als eine Kopie der französischen anzusehen würde nichts
anderes heißen, als etwa beispielsweise meinen, die deutsche
Empfindsamkeit von 1750 sei durch die Einfuhr und Lektüre von
Yoricks Sentimentaler Reise veranlaßt worden. Gewiß haben
unsere deutschen Dichter in der Form von den Franzosen ge—
lernt, denn diese waren geschichtlich früher am Platze; die Be—
hauptung aber, daß sie ihnen in bloßer Nachahmung gefolgt
seien, sollte schon durch die Thatsache ausgeschlossen sein, daß
wesentliche Züge der entsprechenden französischen Poesie bei
hnen fehlen. Und zwar gerade die hervorragend französischen:
        <pb n="258" />
        Dichtung.

288
der starke und sinnliche Kult des Weibes, das Aufsuchen über—
feiner Narkosen von der Art etwa, wie diese durch gewisse
Litaneien des romanischen Katholizismus hervorgerufen werden,
und Verwandtes. Nein, die Gruppe von George und Hofmanns⸗
thal ist deutsch; und pflegt sie bei ihrer Vorliebe für das Selt—
same, Prunkende, halb Perverse vielfache Beziehungen zu ex—⸗
tremen Richtungen auswärtiger Kulturen, so z. B. auch zum
englischen Prärafaelitentum, so ist sie dennoch in ihrem Innersten
sogar ausgesprochen national, ja es fehlt ihr nicht einmal die
offensichtliche vaterländische Wallung:
Schon lockt nicht mehr das Wunder der Lagunen,

Das allumworbene, trümmergroße Rom,

Wie herber Eichenduft und Rebenblüten,

Wie sie, die deines Volkes Hort behüten,

Wie deine Wogen, lebengrüner Strom. GEtephan George.)
Dieser psychologisch-impressionistische Idealismus ist aber
zugleich bisher die letzte völlig abgeschlossene Errungenschaft
unserer dichterischen Kultur; mit ihm endet einstweilen der Lauf
der modernen Entwicklung. Und wie der Parallelismus der
ganzen Bewegung zu den Vorgängen auf dem Gebiete der
bildenden Künste, so läßt sich auch die innere entwicklungs—
geschichtliche Geschlossenheit dieses Verlaufes nicht verkennen: der
physiologische Impressionismus mußte in einen psychologischen,
ja, bei stärkster Vertiefung, in einen neurologischen Impressionis—
mus auslaufen, und auf dem Gebiete jeder dieser Entwicklungen
mußte einer Zeit naturalistischer Eroberung der neuen Kunst—
mittel eine Zeit idealistischen Ausbaues parallel gehen und
nachfolgen.
        <pb n="259" />
        III.
1. Im übrigen ist charakteristisch, daß die litterarische
Bewegung doch erst längere Zeit nach der Musik und den
bildenden Künsten oder wenigstens der Malerei zum ent—⸗
schiedenen Bruch mit einer anders gearteten Vergangenheit ge—
langte. Die „Blätter für die Kunst“ konnten es aussprechen:
„Nie wäre bei uns Schrifttum und Dichtung von heute in so
traurige Störung geraten, wenn ihre Vertreter zu den gleichzeitig
lebenden Meistern der bildenden und der Tonkunst den Blick
erhoben hätten.“ Freilich: würde die Dichtung durch einen Lehr—
gang bei den anderen Gattungen der Phantasiethätigkeit wirklich
im Innersten gefördert worden sein? Die einzelnen Gebiete
menschlichen Seelenlebens sind in tieferen Zusammenhängen ver—⸗
ankert als in denen von ein paar oberflächlichen Abhängigkeiten.

Es soll hier nicht versucht werden, die Vorgeschichte des
dichterischen Impressionismus auf deutschem Boden auch nur
in den allgemeinsten und gröbsten Zügen vollständig zu zeichnen.
Ein solches Vorhaben würde die konomie dieses Buches
sprengen, wurde den Leser entwicklungsgeschichtlich nicht viel
über die allgemeinen Einsichten hinausbringen, die sich gelegent⸗
lich der eingehenderen Betrachtung der Vorgeschichte der im—
pressionistischen Malerei ergeben haben, und wäre zudem nach dem
heutigen Stande der gelehrten Einzelarbeit nur sehr bruchstück—
weise möglich. Genug daß die leisen Bewegungen, die zwar
noch nicht das Neue sind, aber doch zu ihm überführen, in
der Dichtung doch fast so weit wie in der Malerei zurückreichen
und auch ähnliche Phasen, wie in dieser, durchlaufen haben.
        <pb n="260" />
        Dichtung.

285
Eine früheste Vorstufe führt hier auf märkischen Boden
und insbesondere nach Berlin: in das Land und die Stadt
des scharfen Realismus und der Beobachtung in diesem Sinne.
Heinrich von Kleist (1777 -1811) ist als Erzähler etwa, was
Philipp Otto Runge als Porträtist war: er hat schon eine an
Maupassant erinnernde Technik, indem er die Erzählung damit
beginnt, daß er unmittelbar in eine gespannte Situation ver⸗
setzt und diese dann eingehend und energisch ausmalt. In der
Erfindung ist dann freilich Vieles noch romantisch. Aber doch
wird man schon an Willibald Alexis, einen der ersten größeren
Realisten, und an Theodor Fontane, fast einen der ersten Im—
pressionisten, genahnt: und beide waren Märker. An den
frühen Realismus des Berliner Kriegs- und Paradebildes wie
die Verdienste Friedrich Wilhelms III. um eine realistischere
Denkmalsplastik gemahnt es weiter, wenn einer der frühesten
scharfen Schilderer moderner deutscher Gesellschaft, ein kleiner
Stendhal, Julius von Voß (1768 - 1838), bis 1798 preußischer
Leutnant war: wir verdanken ihm, bei all seiner Frivolität in
der Art der gleichzeitigen deutschen und französischen rationa—
listischen Litteratur, außerordentlich treue Schilderungen des
preußischen Heeres von 1806 und namentlich seines Offiziercorps.
Von Königsberg gebürtig, aber nach vielen Seiten hin Berliner
geworden, war ferner Ernst Theodor Amadeus Hoffmann (1776
bis 1822), bei allen romantischen Schrullen und Schauergefühlen
ein außerordentlich scharfer Beobachter der Wirklichkeit, im
Grunde vielleicht der erste wirklich ganz Berlinische Dichter!:
jedenfalls ein Dichter ganz auf eigenem Postament, mit einer
Fülle von Zukunftssensationen, ein Mann der Weltlitteratur,
—
reich. Und mit Hoffmann brach der stetige Fluß des Berliner
Realismus keineswegs ab. Wird man auch bei Willibald
Alexis und selbst bei Gutzkow, als Schilderer des aristokratischen
Berlins, keine durchaus sicheren und unmittelbaren Vorahnungen
des modernen Impressionismus suchen wollen, so steht diesem
dafür der Baron Alexander von Ungern-Sternberg (1806 —1868)
S. Mielke 3, 69.
        <pb n="261" />
        326

Dichtung.
nicht fern — wenigstens nicht in seinen späteren Arbeiten, nach—
dem er die allzustarke Abhängigkeit von Dickens abgestreift hatte.
Da hat er, mit Leib und Seele feudal gesinnt und in den
fünfziger Jahren Kreuzzeitungsmann, was freilich weder frivole
noch humoristische Behandlung ausschloß, das Leben des preußi⸗
schen Adels am Hofe wie außer Hofe, überhaupt das aristo—
kratische Berlin mit unübertrefflicher Treue geschildert.

Indes die eigentlichsten und tiefsten Ubergangsformen zum
Neuen sind doch schließlich nicht auf märkischem und Berlinischem
Boden erwachsen. Dazu war die märkische und wohl auch die
Berliner Kultur wenigstens der ersten Hälfte des 19. Jahr⸗
hunderts im Verhältnis zur deutschen Gesamtkultur noch zu wenig
bedeutend. Der wachsende Wirklichkeitssinn bedurfte, wo er sich
erfolgreich regen sollte, stärkerer Anregungen, bezeichnenderer Ob⸗
jekte. Und da er vornehmlich in der bürgerlichen Kultur als der
innerhalb der Nation allgemein führenden erwachte, so wandte er
sich zunächst dem alten Bauerntume, da, wo es kräftig und
knorrig und altererbtem Boden verwachsen saß, als inter—
essantestem Gegenstande, weil größtem Gegensatze zu. Neben die
Bauernmalerei trat die Dorfgeschichte, und vorflehmlich in Süd⸗
deutschland, in Schwaben und in der Schweiz, ward sie zuerst
heimisch. Berthold Auerbach (1812-82) wird als ihr Begründer
gefeiert, und so konventionell uns heute seine Bärbeles und
Josephs erscheinen, in den vierziger und fünfziger Jahren galt
seine Darstellung als ein Ausbund von Realismus. Derjenige
freilich, der zu weitaus schärferer Beobachtung vordrang und
dadurch zu einem eigentlichen Vorläufer des modernen Im—
pressionismus wurde, war der Schweizer Albert Bitzius, Jere—
mias Gotthelf (1797 -1854). Bitzius war Pfarrer, und seine
Absicht war es keineswegs an erster Stelle, Bauernnovellen
künstlerischen Charakters oder auch nur bäuerliche Erzählungen
zu schreiben. Seine Werke gehören vielmehr einer ganz anderen
Richtung an, die von altersher in der Schweiz gepflegt ward
und auch in einigen Dichtungen Kellers noch in starken Lichtern
ausstrahlt: sie sind in Erzählungen gekleidete Volkspädagogik.
Die größesten früheren Autoren dieser Richtung waren Pestalozzi
        <pb n="262" />
        Dichtung.

287
mit „Lienhard und Gertrud“ und Zschokke mit dem „Goldmacher⸗
dorf“ gewesen; schon bei ihnen war die bäuerliche, die ländliche
Umgebung bevorzugt; ihnen schließt Bitzius sich an. Aber gerade
in diesem Rahmen war es möglich, rein realistisch, nur den
Dingen zugewandt, litterarisch traditionslos zu schaffen. Und
da hat denn der Realismus des schweizerischen Pfarrherrn
schon manches, ja vieles vom Impressionismus an sich: seine
absolute Wahrhaftigkeit läßt ihn vor allem das Menschenherz,
doch auch die Natur in feineren Regungen als den bisher be—
kannten beobachten; dementsprechend erschließen sich ihm auch neue
Stoffe zumeist des Häßlichen, und die Komposition wird unter
der Wucht der andringenden Gegenständlichkeit der Welt ver—
nachlässigt. Bitzius ist dem Keime nach der erste Impressionist.
Aber so rasch und geraden Wegs wie er ist die deutsche
Litteratur neben und nach ihm nicht zum Impressionismus
fortgeschritten. Er hatte gleichsam jenseits der Grenzen der
Überlieferung geschaffen. Diejenigen Dichter aber, die neben
und nach ihm vor allem stärkeren Wirklichkeitssinn verrieten,
schufen doch innerhalb dieser Grenzen: und so wurden sie, wie
man zu sagen pflegt, fortgeschrittene Realisten, und ihr Wesen
zehört nur teilweis der neuen Zeit, zumeist dagegen der Kultur
der fünfziger bis siebziger Jahre an. Da ist, um nur einige der
Größesten zu nennen, zunächst Friedrich Hebbel (1813 — 63).
Seine „Maria Magdalena“ (1843) ließ, was unmittelbares Er⸗
fassen psychischer Wirklichkeit betrifft, den raschesten Fortschritt
zum Impressionismus oder wenigstens einen Ausbau der Ge—
fühlswelt erwarten, der erbarmungslos jeden Winkel des
großen Gebietes erhellte. Allein über dies Stück hinaus schritt
Hebbel im Naturalismus nicht fort; in seinen späteren Dramen
behandelte er selbst die feinsten Fäden bewußter Vorstellungen
und klaren Wollens nicht einmal unmittelbar anschaulich als
Zettel oder Einschlag des dramatisch-psychologischen Gewebes,
sondern schilderte sie gleichsaam nur wie den Gestalten aufgenäht
und angeklebt; die Persönlichkeiten wurden bewußt stilisiert,
und sie traten unter die Wirkungen einer so ausgesprochenen
Schicksalsidee, daß sie deren Wucht unterlagen. Da ist ferner
        <pb n="263" />
        238

Dichtung.
Otto Ludwig (1813-685). Ludwig ist mit einem noch stärkeren
Wirklichkeitssinn ausgestattet als Hebbel; seine Erzählung
Heiterethei“ setzt die Dorfgeschichte in einer Weise fort, daß trotz
aller Applikationsstickerei von Humor und Laune und tausend
persönlichen Motiven, trotz eines gewissen Arabeskentums nach
der Art von Jean Paul doch ein Bild des thüringischen
Bauernlebens von bis dahin unerhörter Treue entsteht. Und
wie gewaltig gar sind einzelne Teile der Erzählung „Zwischen
Himmel und Erde“ in ihrer absoluten Gegenständlichkeit, in dem
vollen Impressionismus der Naturschilderung, in der feinen,
wenn auch noch nicht neurologischen Zergliederung des inneren
Wesens der Gestalten! Aber Ludwig hat diese Erzählungen
später beinah verworfen, wie er noch mehr den „Erbförster“
(1853) und frühere Versuche verwandter Dramen verworfen
—DD
summe psychologischer Reflexe hin durch ein ganzes Drama,
hinweg mit der Betonung des Sozialpsychischen in den Ge—
stalten, hinweg mit den Ahnungen einer tieferen Stufe der
Sensation: veredelt muß das Drama werden nach der Schick⸗
salsidee und dem noch halb erzählenden dramaturgischen Kanon
Shakespeares! Der Dichter ist die besten Jahre seiner zeugenden
Kraft diesem Irrlicht nachgezogen und in dem Sumpfe zahl—⸗
reicher, auf die Praxis unanwendbarer theoretischer Betrachtungen
erstickt, in den es führte. Da ist endlich Anzengruber (1839
bis 1889) — ein Naturdichter, wenn das Wort erlaubt ist,
fast wie Bitzius, und doch als ehemaliger Schauspieler auf der
Bühne zu Haus wie in der Heimat. Aber sein Talent blieb
begrenzt; er gelangte nicht weiter als dazu, den ganzen
Realismus der Dorfgeschichte in das Bauerndrama zu über—
tragen: und auch dies nur im Rahmien der starken und alten
Entwicklung des Wiener Volksstücks. So entstand etwas in
sich Vollendetes, sieht man von den Stücken und Scenen ab,
die sich mit dem dritten Stande beschäftigen: aber eben etwas
Vollendetes als der Abschluß einer reichen Entwicklung, eine
Gipfelkunst, an der Raimund seine Freude gehabt haben würde, —
eine Kunst nur mit andeutenden Votenzen der Zukunft.
        <pb n="264" />
        Dichtung.

239
Hebbel, Ludwig, Anzengruber, drei stärkste Träger und
Ahner des Kommenden, sind vornehmlich Dramatiker gewesen.
Sollte es nicht besonders schwer gewesen sein, den Impressio—
nismus gerade im Drama zu entwickeln? Im Drama, das
neben dem Empfängnis der Gestalten mit aus der regelnden
Obereinwirkung einer Schicksalsidee entsteht — und das heißt
einer Weltanschauung, deren wesentlichste Zeitmomente noch
heute erst zum Teil der impressionistischen Kultur angehören,
in den fünfziger Jahren aber deren noch ungeborenem Wesen
noch so fern standen, daß ihr fehlender Miteinfluß in der
Entstehung des Dramas allein schon dessen Übergang zum
vollen Impressionismus verhindern konnte? Auch in Frankreich
haben zu den Zeiten des Impressionismus noch Dumas kils
und Augier geblüht und vegetiert wenigstens noch heute Sardou —
alles Söhne eines früheren, bloß realistischen Lebens der
Dichtung. Und bei uns beginnt die litterarische Revolution
mit den achtziger Jahren, steht die physiologisch⸗impressionistische
Lyrik mit etwa 1884, die Kunsterzählung wenig später auf
ihrer Höhe, — das erste ganz impresfionistische Drama dagegen
ift erst Hauptmanns „Vor Sonnenaufgang“ von 1889, und die
öffentliche Bühne ist dem deutschen Impressionismus erst in den
neunziger Jahren entscheidend gewonnen worden. Nein, manche
große Dramatiker der fünfziger bis siebziger Jahre haben dem
Impressionismus ihrer Beanlagung nach wohl nahe gestanden,
aber begründet und eröffnet haben sie ihn nicht.

Im ganzen aber war das Drama dieser Zeiten erst recht
anders geartet. Niemand wird den Gebrüdern Hart im wesent⸗
lichen widersprechen können, wenn sie von dem Zustand vor
1882 meinten: man halte die Zeit der Tragödie und des
höheren Dramas für auf immer geschwunden; nur dem Kon—
versationsstück, dem Lustspiel, dem Schwank und der Posse
gebe man noch eine Zukunft. Das Interesse für ernstere Kunst
sei beim Publikum verloren, bei den Dichtern setze man voraus,
daß sie weder die Technik des Aufbaues und der Komposition
verstünden noch spannen oder interessieren könnten; einzig von
der Nachahmung der Franzosen erwarte man Heil. In der
        <pb n="265" />
        240

Dichtung.
That mangle Originalität und Lebensfülle. Die Charaktere
seien im Begriff, zu konventionellen Masken zu erstarren; was
früheren Jahrhunderten der Harlekin, der Pantalon, der
Grazioso, die Colombine waren, das seien dem heutigen der
Backfisch, der Bonvivant, die Soubrette. Man schaffe die Ge—
stalten nicht mehr aus dem Leben und dem eigenen Inneren
heraus, sondern aus Bühne und Büchern: „überall Reproduktion,
Abklatsch und Nachdruck.“

Das war gewiß ein scharfes Urteil, ein Urteil jenes Zornes,
der schöpferisch Neues sucht. Dennoch würde es mit mancher
Berechtigung auch die Kunsterzählung und die Lyrik getroffen
haben. Vor allem die Lyrik. Da war die hohe, wenn auch
so vielfach schon abgeleitete Formenschönheit Geibels im Begriff
zu versiegen; jetzt kamen die Epigonen der Epigonen, und die
Butzenscheibenlieder erklangen in dünnem Geklimper. Und
auch in der Kunsterzählung ging es, wenigstens im ganzen,
nicht mehr recht vorwärts. Wo war der Reflexionsroman der
Jungdeutschen geblieben, wo der große Roman der Gegenwart,
der breit in aller Kultur fußende Roman des „Neben—⸗
einanders“ von Gutzkow? Der historische Roman gewann das
Feld und umschanzte sich mit Citaten und Exkursen, — bis
ein letzter Versuch, ihn in großgearteter Epopöe durchzuführen,
in Freytags „Ahnen“ scheiterte. Zwar traten neue Namen
hervor, die den Gegenwartsroman immer realistischer gestalteten,
die wesentlich in die neue Zeit hinüberführen halfen, am glanz⸗
vollsten vielleicht in sterreich: Karl Emil Franzos, Peter
Rosegger, die Ebner-Eschenbach, und die Novelle erblühte unter
der Feder Heyses zu den feinsten, duftigsten, künstlerischsten
Gebilden.
Aber die Kunsterzählung macht keine Litteratur. Es bedarf
eines höheren Schwunges, einer mehr als bloß im sichtbarsten
Bereich der Wirklichkeit gestaltenden Einbildungskraft, um neue
Zeiten zu zeugen. Und die neuen Zeiten sind auch diesmal
nicht von der Erzählung her, sondern in einer neuen Lyrik und
Dramatik geschaffen worden.
        <pb n="266" />
        Dichtung.

241

2. Im Jahre 1882 malte Böcklin sein Bild „Malerei
und Dichtung“: zwei stehende Frauengestalten auf marmornem
Unterbau in heiligem Lorbeerhain, zwischen ihnen das Becken
eines Springbrunnens, dessen stracks emporschnellender Strahl
das Bild in zwei Hälften teilt: die Malerei mit dem Wasser
des Strahles spielend, gleichsam feierabendfroh nach gethaner
Arbeit; die Dichtung hoch aufgerichtet, die Ferne mit dem
Blicke suchend, bereit, aus der Schale in ihrer Rechten den
kastalischen Trunk der Begeisterung zu nehmen. Es war um
1882 eine zutreffende Symbolik der Zeitumstände: die Dichtung
schickte sich an, die Malerei in der Führung der nationalen
Phantasiethätigkeit abzulösen.

Freilich: noch verworren und ungeordnet fluteten vorwärts—
drängende Strömungen durcheinander. Es gab keine Schule,
—A0
Bekämpfung sich ein früh geschlossenes Neue hätte herausbilden
können, — nur die Sehnsucht war da, die Sehnsucht vorwärts
nach einer Dichtung, die wahrhaftig wäre und würdig der
zroßen Thaten von 1866 und 1870. Da verfiel man wohl,
um zu helfen, einem unbestimmten Goethekult; da besserte man
eifrig an den äußeren Verhältnissen des Theaters, als wenn
nicht dem Theater nur eine große Litteratur helfen könne, nie—
mals aber das Theater der Litteratur; da forderte man wohl
zar etwas wie ein Reichs-Dichtungsamt, um der lahmen Be—
wegung der Poesie Beine zu machen. Das Beste in diesem
Meinungsgewirr thaten noch die vorwärtsweisenden Tendenzen
der nationalen dichterischen Vergangenheit. Mochten sie das
Land des neuen Stils nur von ferne gesehen haben, die
Bitzius und Ludwig und Hebbel und Anzengruber, mit dem
Tiefsten ihrer Seele hatten sie ihm doch schon zugestrebt: mit
dem Wahrheitsfanatismus ihres Schaffens, mit dem Erdgeruch
ihrer Poesie, mit der unerbittlichen Folgerichtigkeit ihrer Ent—
deckungsreisen ins eigene Innere, mit ihrem idealischen Zug
zum Einfach-Großen, mit ihrer Abneigung gegen die spezifisch
wissenschaftliche Seite des Historismus.

Zu diesen Zügen brachte nun das neue Geschlecht neue

Lamuprecht. Deutsche Geschichte. Erster Ergünzungsband. 16
        <pb n="267" />
        —*

Dichtung.
Gaben — gefährliche Gaben, Gaben vornehmlich der Pandora
der neuen volkswirtschaftlichen, gesellschaftlichen, politischen Ent—
wicklung. Es sind die entscheidenden Beimischungen, die wir
kennen: der Einfluß der Großstadt, ja der Weltstadt mit ihren
neuen Erlebnissen, der den alten, unseren Romanen so lieb ge—
wordenen Gegensatz von Residenzstadt und plattem Land in
den des zentralen politischen, sozialen, kommerziellen Treibens
und der provinzialen Ruhe verwandelte, bis auch das Industrie—
leben der Provinzen seine Dichtung fand und all diese Gegen—
sätze in der großen Sehnsucht nach Heimatkunst aufgingen und
verschmolzen; — der Kultus des Erfolges und der Macht, der
Ehrgeizige zum Äußersten aufstachelte; — die aristokratische
Ehrfurcht vor dem Großen und das demokratische Haschen nach
dem Volkstümlichen; — der scharfe Blick für die Wirklichkeit,
dem das Lieblingswort der siebziger Jahre, das Wort „physio⸗
logisch“ entsprang; — der nervöse Zug zum lauten Lärm und
der nervöse Zug zur stillen Beschaulichkeit, das harte Trommel⸗
fell und das empfindliche Ohr: — — doch wer zählt sie her,
all die tausend Erscheinungen eines neuen Lebens, in denen
sich in schillernder Buntheit das neue Wesen der Reizsamkeit
Bahn brach?

Und zu alledem kamen fremde Einflüsse von zweierlei Seiten,
aus hoher Kultur und von den Völkern des Nordens und Ostens,
die deutschem Wesen bisher mehr als Kulturempfänger zu
danken denn als Kulturbringer selbstthätig gespendet hatten. Von
Frankreich meldete sich der sogenannte Naturalismus, das heißt
der physiologische Impressionismus Zolas. Zola wurde in
Deutschland vornehmlich durch sein „Assommoir“, seit 1877,
bekannt; klarer übertragen wurde sein Einfluß seit den achtziger
Jahren durch die Münchener, vor allem G. M. Conrad; in
mißverstandener und übertriebener Form wurde seine Lehre
endlich nochmals eingeführt durch die Berliner in der zweiten
Hälfte der achtziger Jahre, zu einer Zeit, da der Dichter in
Frankreich schon dem Andrang anders fühlender Schüler,
vor allem Bourgets, zu erliegen drohte. Aber hat man in
Deutschland wirklich stark an den eigentlichen Zola geglaubt?
        <pb n="268" />
        Dichtung.

248
War man noch in den achtziger Jahren weithin von einem
Satze überzeugt wie dem folgenden: Le retour à la nature,
Vévolution naturaliste, qui emporte le siècle, pousse peu
à peu toutes les manifestations de l'intelligence huwaine
dans une môme vie scientifique? Waren das für die
deutsche Kultur nicht unverstandene Sirenenklänge aus dem
positivistischen Systeme Comtes und aus dessen litterarischer
Ausmünzung durch Taine — aus fast unbekannten Vorgängen
der dreißiger bis fünfziger Jahre der französischen Kultur—
geschichte? Die Schilderung der deutschen litterarischen Ent—
wicklung wird zeigen, inwieweit Zola und der französische
Naturalismus in ihr eine Macht waren.

Merkwürdiger jedenfalls griffen die nordgermanischen und
die slavischen Litteraturen ein. Man kann nicht eigentlich sagen:
in der Lyrik und in der Kunsterzählung. Das Hauptgebiet
ihres Einflusses war vielmehr das Drama. Warum? Diese
Litteraturen erinnern in mancher Hinsicht an die Bedeutung
der deutschen homines novi innerhalb derselben Zeiten unserer
Entwicklung, der vielen Offiziere zumal, der Liliencron, Uhde,
Egidy und anderer. Das, was diesen zu gute gekommen war,
war ihre geistige Jungfräulichkeit gewesen: fast bedingungslos
konnten sie sich dem neuen reizsamen Seelenleben hingeben,
ohne durch frühere litterarische, künstlerische, philosophische Ein—
drücke und entgegenstehende Traditionen allzuviel gestört zu sein.
Ähnlich war die Lage der östlichen und nordischen Nationen; auch
— 0
genommene Neulinge; und nirgends kam ihnen diese Lage im
Vergleich mit den großen historischen Litteraturnationen mehr
zu gute als im Drama. Denn in welcher Gattung der Dichtung
ist die Tradition stärker, wo die „Mache“ von mehr Bedeutung?
Und so entfalteten denn eben diese Nationen den neuen, impressio—
nistischen Stil des Dramas frei und in voller Reine, ungestört
von den Hindernissen einer belastenden Vergangenheit.

Von diesen Litteraturen wirkten nun die schwedische und
russische auf die deutsche nicht so übermäßig. Von Schweden her
ward eigentlich erst Strindberg von Einfluß, und dieser erst nach

16*
        <pb n="269" />
        244

Dichtung.
der entscheidenden deutschen Revolutionszeit von 1885 auf 1886,
mit den Tragödien „Der Vater“ (1887) und „Fräulein Julie“
(1888). Innerhalb der russischen Litteratur stand Turgenjew
so stark unter dem Einfluß der Franzosen, daß er, der Heimat
entwurzelt, ins Manierierte verfiel und in Deutschland wenig
Nachahmer von Bedeutung fand. Bei weitem mehr hat bei uns
Dostojewski gewirkt. Einen wirklich großen Einfluß aber ge—
wann doch nur Tolstoj. Indes bei ihm wiederum beruht die
Wirkung doch nicht so sehr auf der Form, die in Werken wie
„Krieg und Frieden“ (1865) oder „Anna Karenina“ (1874-76)
zu spezifisch russisch bleibt, wie vielmehr auf dem Inhalt: dieser
aber gehört der ethischen Bewegung an und hat die Stoffwahl
deutscher Autoren wohl nur dahin beeinflußt, daß sie gelegentlich
gewisse sozialpsychische Materien bevorzugten.

Am stärksten ist in Deutschland zweifelsohne die Wirkung
der Norweger gewesen. Und hier wieder war Björnsen innerhalb
des hier zur Darstellung gelangenden Zeitraums der Hauptsache
nach doch nur ein Vorläufer Ibsens. Was aber Ibsen dem
deutschen Drama der Gegenwart gegeben hat seit der Aufführung
seiner „Gespenster“ im Jahre 1881, was er ihm besonders wurde,
seitdem die Schüler Scherers, Otto Brahm und Paul Schlenther,
seine Werke in Berlin heimisch machten, das läßt sich nicht mit
zwei Worten sagen: man müßte denn den Dichter in naiver Ein—
verleibungssucht der nationalen Entwicklung so zuordnen wollen,
wie etwa die Engländer Händel zu nostrifizieren pflegen. Es
wird in der Geschichte des Dramas noch eingehend von Ibsen
die Rede sein müssen.

3. Außerlich begann die neue litterarische Bewegung in
Deutschland etwa im Jahre 1882 mit dem Erscheinen der
„Kritischen Waffengänge“ der Brüder Heinrich und Julius Hart
(geb. 1835 und 1859). In einer Reihe von Heften schlug das
Brüderpaar los auf Kruse als Dramatiker und auf Lindau als
Kritiker. Satiriker und Feuilletonist, betrachtete Hugo Bürger und
        <pb n="270" />
        Dichtung.

245

Albert Träger als Schauspiel- und Gedichtfabrikanten à la mode
und kam auf Spielhagen und den Roman der Gegenwart,
empfahl den Grafen Schack als den Dichter, der in die Zukunft
weise, und erwartete Großes von dem Deutschen Theater
L'Arronges. Im ganzen war dabei das Bestreben, mit den Alten
abzurechnen, gepaart mit starken erziehlichen Lehren für eine neue
Kritik und vor allem mit der lebhaften Erwartung, ja Prophe⸗
zeiung einer neuen Litteratur, die sich durch Wahrhaftigkeit
der Empfindung und klares Durchscheinen der Dichterpersönlich—
keiten, sowie durch innige Verschmelzung neuer Inhalte mit
neuen Formen auszeichnen werde. Wurde das alles zunächst
von der Lyrik verlangt, so galt im Grunde doch der Heerruf vor
allem dem Drama: ein Drama der „Gedanken und tiefen Ge—
fühle“ wird erhofft, hinweg mit den ,fünfaktigen, in Scenen und
Jamben gebrachten Mordgeschichten“! Und eins über alles
soll die neue Dichtung sein: national! „Die Nation strafft
fich zusammen, und das, was man Nationalgeist nennt, soll
kein leeres Wort mehr sein! Wir fühlen uns als Deutsche,
als Vertreter des Germanentums gegenüber dem oberherrlichen
Romanismus, dem andrängenden Slavismus. Energischer
fließt das Blut in unseren Adern, und nach den matten Ver—
dauungsstunden des verflossenen Decenniums, nach dem bloßen
Rausch des Genusses ... fühlen wir wieder das Bedürfnis nach
großen Idealen.“

Um die Zeit, da die Harts also sprachen, war die neue
Bewegung schon in ihren Anfängen da, und auch der Reichstag
beschäftigte sich mit ihr gelegentlich der Beratung eines Gesetzes
über den Kolportagebuchhandel. Eine verderbliche neue Litte—
ratur, hieß es da, schieße jetzt ins Kraut und stehe unter dem
Einflusse des schnöden Naturalisten Zola; und ganz besonders
ein Werk wurde als gemeingefährlich bezeichnet, die „Kinder
des Reichs“ von Wolfgang Kirchbach (1883). Nun war zwar
das Buch Kirchbachs inhaltlich gut deutsch und so „moralisch“
als nur möglich, und in der Form hatte es mit Zola nicht
den geringsten Zusammenhang. Richtig aber war, daß sich
damafs in München gegenüber der älteren Litteraturgeneration
        <pb n="271" />
        246

Dichtung.
um Paul Heyse ein neues Geschlecht zu regen begann, dem
neben Martin Greif (geb. 1839) und Georg Michael Conrad
(geb. 1846) auch Kirchbach (geb. 1857) angehörte, und daß
Kirchbachs Buch einen physiologischen Impressionismus noch
sehr primitiver Form und eigenster Erfindung aufwies. Und
bald traten auch, durch Conrad, der in Paris gewesen war,
Beziehungen übrigens nur allgemeiner Natur zu Zola ein, und
der Münchener Kreis erweiterte und festigte sich: seit dem
J. Januar 1885 erschien, von ihm getragen, die Zeitschrift
„Die Gesellschaft“.

Beinah gleichzeitig machten auch die Harts in Berlin den
Versuch, die Neuerer um eine Zeitschrift zu sammeln; am
1. April 1885 kamen ihre „Berliner Monatshefte für Litte—
ratur, Kritik und Theater“ heraus. Aber nur ein halbes
Jahr. Dann gingen sie ein, und die Lefer wurden der „Ge—⸗
sellschaft“ überwiesen. Dennoch drang die neue Strömung
auch in Berlin vorwärts; bald erscholl in Bleibtreus Broschüre
„Revolution der Litteratur“ ein gellender Drommetenstoß von
unreinen Alarmtönen, und im Herbst 1886 trat eine Anzahl
junger Poeten in dem Verein „Durch“ zusammen und
forderte neben der Hinwendung der Dichtung zu modernen
Inhalten auch eine neue Form verstärkten Wirklichkeitssinnes:
„Die moderne Dichtung soll den Menschen mit Fleisch und
Blut, mit seinen Leidenschaften in unerbittlicher Wahrheit
zeigen, ohne dabei die durch das Kunstwerk sich selbst gezogene
(so!) Grenze zu überschreiten, vielmehr um durch die Größe
der Naturwahrheit die ästhetische Wirkung zu erhöhen.“ Zu—
gleich trat wohl in diesen Kreisen zuerst das entsetzliche Wort
„Moderne“ auf.

Und nun kamen zu alledem in Berlin die fremden An⸗
regungen aus der russischen und nordischen, vor allem aus der
französischen Litteratur. Und hier war es Zola, der, in Paris
schon verworfen, noch einmal als Bau- und Eckstein eines
neuen litterarischen Gebäudes dienen sollte. Zwar hatten sich
auch schon die Harts gegen ihn ausgesprochen: er verstoße in⸗
folge einer „ebenso originellen wie falschen Theorie“ gegen den
        <pb n="272" />
        Dichtung.

247
Geist der Dichtung durch „Anhäufung schildernder Details,
Armut der Erfindung, Überwucherung des Nebensächlichen“;
er mache vor allem die Kunst zur Wissenschaft. „Er will eine
Leidenschaft sezieren, etwa die Trunkenheit (lies: Trunksucht).
und nimmt nun von allen Trunkenbolden Züge her, um aus
ihnen einen einzigen Säufer zusammenzusetzen, und er gewinnt
auf diese Weise eine Leidenschaft, wie sie so, Rad in Rad,
Zahn in Zahn greifend, so logisch richtig aufgebaut in der
Wirklichkeit kaum einmal in die Erscheinung tritt“:: — er stellt
alle wissenschaftlichen Kennzeichen eines Trunkenbolds zusammen,
nicht diesen selbst. Aber das hielt Arno Holz (geb. 1863)
und dessen Freund Johannes Schlaf (geb. 1862) nicht ab, die
Lehren Zolas nochmals zu einer besonders scharfen Theorie zu
raffinieren und nach dieser Skizzen zu schaffen, die im Jahre
1889 unter dem Titel „Papa Hamlet“ und unter dem Pseud⸗—
onym B. P. Holmsen erschienen, sowie nach demselben Rezept
ein Drama „Ddie Familie Selicke“ (erschienen 1890) zu ver⸗
fertigen. Und diese Vorgänge waren, wie wir später sehen
werden, für die Wendung der Berliner litterarischen Be—
strebungen von nicht geringer Bedeutung.

Inzwischen aber hatte sich der naturalistische Impressio—
nismus zunächst physiologischen Charakters wie in Berlin und
München so auch sonst im Reiche entwickelt, und zwar der
Hauptsache nach aus eigenster seelischer Entfaltung der Nation
heraus und in spezifisch deutschen Erscheinungsformen. Und
auch das deutsche Hsterreich nahm, wenngleich etwas später
und weniger heftig und stoßweise, an der Bewegung teil, ja
ging ihr auf dramaturgischem Gebiete fast voraus: 1889 schon
oͤffnete sich die Hofburg unter der Leitung Burckhards der
modernen Bewegung, und zu gleicher Zeit etwa nahm das
im September 1889 gegründete Deutsche Volkstheater das
neue Drama auf.
Das „jüngste Deutschland' aber, von bösen Menschen hin
und wieder auch das „grüne Deutschland“ genannt, erhielt
inzwischen ganz revolutionären Charakter:
        <pb n="273" />
        248

Dichtung.

Kein rückwärts schauender Prophet,
Geblendet durch unfaßliche Idole;
Modern sei der Poet,

Modern vom Scheitel bis zur Sohle.
(Arno Holz.)
Und da begann sich denn das Bild zu runden, das Bahr ge⸗
legentlich der Beschreibung der spanischen ,Moderne“ so anmutig
gezeichnet hat: „Der Hochmut gegen alles, was vorher geschah,
und der einsame Stolz, der alle Hoffnungen der Menschheit
erst von sich selbst datiert, verächtlich gegen die Narren und
Schurken ringsum in Vergangenheit und Gegenwart; der
kühne, weltüberfliegende Schwung, der sich immer gleich an
ganz Europa adressiert; das üppige Pathos, das die nüchternen
Gründe des Verstandes verschmäht und durch das kämpferische
Säbelrasseln des Pronunciamentos ersetzt; jene wunderliche
Mischung von Arme-Leute-Geruch und einer gymnasiasten—
haften Grandezza, und eine unerschöpfliche Lust am ewigen
Reformieren, die nichts in der ganzen Welt in Ruhe lassen
will; natürlich auch ein unerbittlicher Pessimismus, der kein
Mitleid kennt: alles ist schlecht, ohne Ausnahme, wohin immer
man sich wenden mag.“ Und mancher hoffnungsvolle Mutter—
sohn ging an dieser Stimmung zu Grunde. Denn mit der
Nervosität, die sich bei der scharfen Aufnahme impressionistischer
Momente namentlich anfangs fast ausnahmslos einstellte, ver⸗
band sich nur zu häufig ein Cynismus, der nichts für rein
hielt und darum auch sich selbst besudelte.

Im übrigen prägte sich für den oberflächlichen Beobachter
der neue Zustand namentlich in zwei Richtungen aus: die
Jungen waren antiklassisch, und sie waren antibürgerlich. Sie
waren antiklassisch, weil sie um jeden Preis national sein
wollten, und weil sie die Antike als durch sich überwunden
betrachteten. Sie waren antibürgerlich, weil sie durch die
Stoffwahl zu ihren Dichtungen auf das impressionistisch
zunächst am leichtesten zu Bewältigende, auf das Leben der
unteren Stände, hingewiesen waren, weil sie zumeist arm
waren, wie einst die Pariser antibourgeoise Boheẽme und die
        <pb n="274" />
        Dichtung.

249

ebenso antibourgeoise Malerkolonie von Fontainebleau, und
nicht zum geringsten weil die Litteratur vor ihnen, die Litte—
ratur der Geibel, Heyse, Freytag eine spezifisch bürgerliche ge—
wesen war. Und sie wurden durch ihren Gegensatz zum
Bürgertum wie durch einen ideologischen Wahrheitsfanatismus
in einzelnen Fällen bis in däs Gebiet der sozialdemokratischen
Parteipolitik getrieben.
Wenn trotz alledem die neue Kunst siegte, so zeigte sie
sich eben darin als Ergebnis eines eingeborenen Dranges der
nationalen Lebensentwicklung. Im Jahre 1888 machte ihr
Wildenbruch in den „Quitzows“ die ersten Zugeständnisse, denen
in der „Haubenlerche“ (September 1890) stärkere folgten; im
Jahre 1890 nahm Wilbrandt in seinen „Neuen Zeiten“ Teile
der impressionistischen Technik auf und näherte sich Fulda, der
Schüler Heyses, in seinem „Verlorenen Paradies“ wenigstens
dem Stoffe nach der neuen Kunst, um sich ihr 1891 in der
„Sklavin“ auch der Form nach zu verschreiben; 1892 folgten
von älteren Dichtern Rosegger und Franzos. Und doch war
der Impressionismus in einem seiner eigentlichsten Vertreter,
Gerhart Hauptmann, erst 1891 zum ersten Male auf der ge—
wöhnlichen Bühne erschienen! Dagegen traten von den großen
Vertretern der älteren Kunsterzählung wohl Spielhagen, Heyse,
Wilbrandt, Hopfen inhaltlich gegen den Impressionismus auf, —
aber sie wurden doch auch selbst zusehends impressionistisch, und
Spielhagen hielt schließlich auf den in Berlin anwesenden Ver—
treter des ganz impressionistischen Pariser freien Theaters,
Antoine, einen begeisterten Trinkspruch.
Hätte man darnach dem naturalistischen Impressionismus
um 1890 nicht ein günstiges Horoskop noch auf Jahre stellen
sollen? Man hätte sich arg getäuscht. Eine Umfrage, die
Kurt Grottewitz im Jahre 1891 bei vierundsiebenzig deutschen
Dichtern und Schriftstellern über die Zukunft der deutschen
Litteratur veranstaltete, ergab nach Grottewitzens Gruppierung
neben den „Alten“ und einer „Mittelpartei“ folgende Klassen
der „Jungen“: Vorposten, gemäßigte Realisten, Naturalisten;
        <pb n="275" />
        250

Dichtung.
Impressionisten; Symbolisten und neue Romantiker, Sozial—
psychologen, Nietzscheaner und Neuidealisten.

Die Toten reiten schnell in den modernen geistigen Be⸗
wegungen. Schon sah sich der physiologisch-naturalistische
Impressionismus vor seinem Ende, das psychologische Interesse
zog am Himmel der Dichtung herauf, und bald überstrahlte
diesen die Morgenröte eines neuen, physiologischen, psycho—
logischen Idealismus. Es ist ein Gang, der uns auf die Be—
trachtung der Einzelvorgänge in den besonderen Gebieten der
Lyrik, der Kunsterzählung und des Dramas hinweist.
        <pb n="276" />
        IV.
1. Soll eine kurze Übersicht der modernen Lyrik gegeben
werden, wie sie den besonderen Punkten, die wir in der Dichtung
Liliencrons und des Hofmannsthalschen Kreises kennen gelernt
haben, parallel läuft und sie verbindet, so kommt es keines⸗
wegs darauf an, alle Töne widerhallen zu lassen, die in den
letzten zwei Jahrzehnten im deutschen Dichterwald erklungen
sind. Und auch die schönsten Töne, d. h. die Töne, die der
Verfasser dieses Buches für die schönsten hält, zu Gehör zu
bringen, ist keineswegs die Aufgabe. Nur darauf kommt es
an, den allgemeinen Verlauf der lyrischen Entwicklung zu
kennzeichnen und in seinen wichtigsten Schattierungen durch
Dichter und Dichtungen zu veranschaulichen.

Und da stehen denn entwicklungsgeschichtlich, wenn auch
der bloßen Chronologie nach noch weit in das letzte Jahrzehnt
des Jahrhunderts hinein reichend an erster Stelle Versuche,
die aͤlteren lyrischen Formen neu zu beleben, sie modernen
Stoffen dienstbar zu machen und aus ihnen zugleich eine
idealistische „große lyrische Form“ zu entfalten, eine Form des
lyrischen Cyklus, in dem einzelne Gedichte durch einen gemein⸗
samen Inhalt miteinander verbunden sind. Es sind Versuche
von großem Interesse, zumal in ihrem Verlauf immer mehr der
neue Geist einer impressionistischen Lyrik in die traditionelle
Formgebung einbricht.

An erster Stelle ist diese Entwicklung vertreten durch
Heinrich Harts „Lied der Menschheit“ (1887 ff.) und Avenarius'
Dichtung „Lebe“ (1893).
        <pb n="277" />
        252

Dichtung.
Von dem hohen ethischen und sozialpolitischen Inhalt
des Gedichtkranzes „Lebe“ wird später noch die Rede sein;
Harts „Lied der Menschheit“ ist ein Versuch, die Gesamtent—
wicklung des Menschen von den Uranfängen der natürlichen
Schöpfung bis zu den tausend und abertausend Ausstrahlungen
seines Wesens in der Gegenwart zu besingen; dieser Absicht
nach erinnert es an die nicht minder grandiosen Versuche der
Cyklen Leconte de Lisles.

Dabei ist in Harts Gedicht der Formcharakter im ganzen
der einer philosophischen Epopös; doch geht die Form leicht
ins Lyrische über, wie denn nach früheren Ausführungen der
Gebrüder Hart (Kritische Waffengänge 6, 11) das Epos je
nach der Natur des Dichters lyrischer oder dramatischer gefärbt
sein kann. Im übrigen ist die Form sorgsam, doch voll
inneren, leidenschaftlichen Feuers und durchglüht vom Pathos
des Redners: langatmende Sätze, flutende Rhythmen, Selbst⸗
begeisterung am eigenen Wort, trunkene Hingerissenheit vom
immanenten Zuge der Dinge. Im Grunde aber ist diese
Poesie doch noch nicht reizsam, sondern eher empfindsam oder
gefühlsam, wenn es erlaubt ist, dieses Wort der Sprache
Nietzsches anzuwenden; sie hat gelegentlich Klopstocksche Züge;
—DDDDD—
drücke selbst; und sie zahlt in der Sprache nicht selten noch
mit Münze aus dritter Hand, aus der Hand der klassizistischen
Epigonen.

Viel moderner, ja man könnte sagen an einzelnen Stellen
fast zu modern ist dagegen Avenarius. Er gehört zu denen,
die schon die feinsten Sensationen erhaschen und sie nicht mehr
platt wiedergeben, sondern in die Schilderung verarbeiten; bis
ins tiefst Pathologische hinein sieht er klar, und was er sieht,
teilt er nicht in pathetischer Form mit, sondern in einer
Sprache, die dem Gegenstande knapp ansitzt, wenn sie auch
von reicher Gemütswärme durchtränkt erscheint. Im ganzen
kann man seinen Cyklus wohl ein Psychodrama im Gewand
lyrischer Ergüsse nennen, das in einem Hohen Liede des künst⸗
lerischen Optimismus ausklingt; inhaltlich stellt sich das Ge—
        <pb n="278" />
        Dichtung.

253

dicht damit etwa neben ein Denkmal der bildenden Kunst wie
Klingers Radierung „An die Schönheit“.

Und liegt nicht überhaupt ein Vergleich dieser idealistischen
Übergangslyrik mit der Entwicklung der Übergangsmalerei von
Feuerbach bis auf Klinger nahe? Noch auf dem Boden der
alten herkömmlichen Psychologie fußend, doch ihn gewaltig
ausweilend und in ständigen Zusätzen des Neuen zum Alten
früh zu idealischen Formen emporläuternd, stellt diese Poesie,
parallel der Übergangsmalerei, eine spezifisch deutsche Er—
scheinung des modernen europäischen Seelenlebens dar, die den
anderen Nationen in dieser Ausdehnung und Tiefe fehlt: wie
die Böcklin oder die Klinger so haben auch die Hart und die
Avenarius in England und Frankreich im ganzen aenommen
kaum ihresgleichen.

Inzwischen aber hatte sich auf deutschem Boden schon eine
Lyrik des reinen physiologischen Impressionismus entwickelt.
Sie war, wie nicht minder die entsprechende bildende Kunst,
anfangs vor allem auf das Stoffliche gerichtet, das ihr be⸗
sonders leicht lag: neben dem Armeleutebild und der Kohl—
kopflandschaft gedieh das soziale Gedicht, das die Not der unteren,
hbon der Dichtung noch nicht „konventionalisierten“ Stände
schilderte. Daneben standen schwache erste Versuche, auch
formell weiter zu gelangen: neben veränderter Stoffwahl leise,
oft recht ungelenke Andeutungen einer neuen Kunstform.

Bezeichnend für diesen Ubergangszustand ist vor allem die
Gedichtfammlung „Moderne Dichtercharaktere“, die 1884 aus
einem der Berliner Kreise junger Dichter hervorging. Hier
finden sich Gedichte, die, in der Form uralt, doch dem Stoffe
nach Neues bieten; dicht daneben steht formell und technisch
wirklich Neues und auch wieder inhaltlich Altes, das nur in
Außerlichkeiten, wie in der Weglassung des Reimes und im
Gebrauch des freien Rhythmus, Spuren der fortschreitenden
künstlerischen Bewegung zeigt. Als in sich fertigster und

vollendetster der Dichter, die sich in dieser Sammlung ein
Stelldichein gaben, erscheint wohl Arno Holz (geb. 1863).
Er ist hier freilich noch ziemlich auf alten Pfaden, doch
        <pb n="279" />
        254

Dichtung.
gerade auf ihnen wirkt er am deutlichsten mit der Kraft
eines wahren Dichters; daneben macht sich ein spezifisch physio⸗
logischer Zug geltend, der mit Entschiedenheit auf das charak—
—DD
der Beanlagung nach im Kreise der „Dichtercharaktere“ wohl
nur einer, der unglückselige Hermann Conradi (1862 -1890):
frühreif, eine bedauernswerte Mischung von hochsteigendem
Idealismus und niederziehender Sinnlichkeit, ist er der Günther
der neuen litterarischen Revolution geworden. Das, was ihn
den Neuen vor allem anreiht, ist seine absolute Wahrhaftigkeit
in der Wiedergabe des dichterischen Erlebnisses; besonders in
den „Liedern eines Sünders“ (1887) tritt dieser Zug neben
allem Faulen des Inhalts sympathisch und alles andere be—
herrschend hervor. Und dieser Zug macht ihn denn auch zu
einem Vertreter nicht bloß mehr des physiologischen Impressio⸗
nismus; sein ltief quellender Wirklichkeitssinn dringt vielmehr
schon bis in die Lebenskammern der neuen Psychologie vor:
und er weiß, was er hier erschaut, in freien Rhythmen wieder⸗
zugeben, die sich dicht und fein wie Schleier der Empfindung
anschmiegen. So ist in ihm schon sehr Vieles vom Kern der
neueren Lyrik vorgebildet, zumal er auch schon die intensive
moderne Anschauung mit der großen, leidenschaftlichen Form
verbindet. Und er ahnt in seiner zwiespältigen Natur sehr wohl,
wie sehr er ein unglücklicher Vorbildner, ein Unglücksherold sei:

Ich weiß — ich weiß: nur wie ein Meteor,

Das flammend kam, sich jäh in Nacht verlor,
Werd' ich durch unsre Dichtung streifen!

Die Laute rauscht. Es jauchzt wie Sturmgesang
Wie Südwind kost — es gellt wie Trommelklang
Mein Lied und wird in alle Herzen areifen....

Dann bebt's jäh aus in schriller Dissonanz ...
Die Blüten sind verdorrt, versprüht der Glanz
Es streicht der Abendwind durch die Cypressen.
Nur wen'ge weinen ... Sie verstummen bald.
Was ich geträumt: sie geben ihm Gestalt —
Ich aber werde bald pergessen. ..
        <pb n="280" />
        Dichtung.

255
Indes noch ehe Conradi zu einer Frühreife gedieh, der kein
reicher und glücklicher Herbst folgte, war bereits die erste
ganz moderne Lyrik, die Lyrik des physiologischen Impressio—
nismus zur vollen Höhe ihrer Blüte gelangt: durch Liliencron.
Liliencron aber hatte eine überaus begabte Vorläuferin gehabt
in Ada Christen (geb. 1844, gest. 1901, — „Lieder einer
Verlorenen“, 1868; „Aus der Asche“, 1870; „Schatten“, 1872;
„Aus der Tiefe“, 1878). Was Ada Christen auszeichnet, das
ist die weibliche Sorglichkeit in der Intensität der Beobachtung,
und dabei eine Weichheit der Malerei trotz oft recht herben
Inhalts, die Liliencron in dieser Verbindung weder in seiner
ersten noch in seiner zweiten Periode erreicht hat.

Im übrigen wurde Anfang der neunziger Jahre der Ver—
such gemacht, den reinen Impressionismus Liliencrons noch zu
übertrumpfen. Arno Holz, den wir schon als den ästhetischen
Gesetzgeber des naturalistisch-impressionistischen Romans und des
Dramas kennen gelernt haben, versuchte sich damals auch in
der Lehre einer physiologisch-impressionistischen Lyrik. Seine
Forderung ging dabei auf eine Dichtungsform, „die auf jede
Musik durch Worte als Selbstzweck verzichtet, und die, rein
formal, lediglich durch einen Rhythmus getragen wird, der
nur noch durch das lebt, was durch ihn zum Ausdruck ringt“.
Holz will also, um es anders auszusprechen, nur noch den
Rhythmus zulassen als unmittelbarsten Ausdruck der inneren
Struktur der Impressionen; er will, wie er es bezeichnet, den
„immanenten Rhythmus“, der jedesmal „neu aus dem Inhalt
herauswachse“. Warum nun das? Einfach, weil ihm alle
anderen Kunstmittel zur Wiedergabe dichterischer Eindrücke,
Reim, Strophe und Verwandtes, als verbraucht erscheinen:

„was im Anfang Hohes Lied war, ist dadurch, daß es immer
wiederholt wurde, heute Bänkelsängerei geworden.“

Kann nun eine solche Reaktion gegen bestehende Formen
im Grunde etwas Verneinendes, allein schon zum Aufsuchen
neuer Formen berechtigen? Wie man sich auch zu dieser Frage
stellen möge: gewiß ist, daß die bloße Betonung eines Rhyth⸗
mus, von dem Wirkungen allerstärkster Charakterisierungsfähigkeit
        <pb n="281" />
        256

Dichtung.

erwartet werden, thatsächlich zu einer eng geschnürten, nur das
Wesentlichste betonenden Sprache führen mußte: die super—
lativische rhythmische Sprache hatte einen sprachlichen Kontur⸗
stil, eine bloße Umrißpoesie zur Folge.

Konnte nun aber bei einer so überaus starken Stilisierung
der Form der Inhalt naturalistisch sein oder bleiben — noch
dazu naturalistisch in jener physiologisch-impressionistischen Art,
die so gern zur Beschreibung neigt? Holzens eigene Gedichte
(„Phantasus“, 1898) geben die Antwort. Gewiß ist eine
Anzahl von ihnen rein naturalistisch. Wie aber steht es mit
dem folgenden Gedichte, das zugleich als Probe der Gattung
dienen mag?

Über die Welt hin ziehen die Wolken.
Grün durch die Wälder
Fließt ihr Licht.
Herz, vergiß!
In stiller Sonne
webt linderndster Zauber,
unter wehenden Blumen blüht tausend Trost!

Aus fernem

Vergiß! Vergiß!
Grund pfeift, horch, ein Vogel ...
Er singt ein Lied.
Das Lied vom Glück!
Vom Glück.
Da ist doch wohl kein Zweifel: außerordentlich spielt hier
das Stimmungselement mit, und gerade in und vielleicht nur
vermöge der stark stilisserten Form kommt es so mächtig zur
Geltung. Unvermutet ist der naturalistische Asthetiker aus seiner
Normenwelt ins Stimmungsvolle, Primitiv-Idealistische hin—
übergeglitten. Und es handelt sich dabei nicht um die Elemente
persönlichen Empfindens, die schließlich jede Lyrik in sich
trägt, sondern um ein Übermaß, um ein Pathos der Em—
pfindung. Daß aber die Form Holzens noch in viel höherem
Grade das Gefäß gewaltiger dichterischer Erregungen werden
kann, das haben, will man sich nicht der Goetheschen Lyrik
        <pb n="282" />
        Dichtung.

287
verwandter Art erinnern, neuerdings Dichtungen wie die
Dauthendeys und Momberts bewiesen („Tag und Nacht“, 1894;
Der Glühende“, 1896; „Die Schöpfung“, 1898).

Ehe indes unmittelbar aus dem physiologischen Impressio—
nismus naturalistischen Charakters Formen einer neuen idea—
listischen Dichtung gewonnen wurden, war die Entwicklung
schon längst beflügelten Schrittes jenem Impressionismus zu—
geeilt, der neben die physiologischen Eindrücke immer mehr —
weit mehr als eben der physiologische Impressionismus —
psychologische und bald neurologische Eindrücke setzte.

2. Die Umformungen der innersten Seele der Lyrik, die

bei dieser Gelegenheit eintraten, sind schon einmal gelegentlich
der Schilderung der Dichtung der George und Hofmannsthal
kurz berührt worden: hier ist der Vorgang systematischer zu
verfolgen.
Das Entscheidende war, daß man in das Reich der pri—
mitiven Empfindungen, der ersten Reizvorgänge vordrang. Bis
dahin war die Psychologie der Lyrik wesentlich in der Be—
schreibung der Gefühle aufgegangen, hatte also den letzten
Effekt geschildert, der sich in der Seele aus der gedächtnismäßigen
Summation einer Fülle vorhergegangener einzelner Empfin—
dungen hervorbildet. Jetzt trat immer schärfer das Bestreben
auf, die einzelnen Augenblicke der Entstehung dieser Gefühle zu
unterscheiden und nur die Anfangsmomente aufzugreifen, also
das gleichsam wiederzugeben, was vor der Formulierung im
Gefühl durch die Seele gezogen war und bisher die Bewußt—
seinsschwelle noch nicht überschritten hatte: primitive Empfindung,
nervöse Reizvorgänge.

Damit wurden denn die Dichter langsam Meister der ge—
fährlichen Kunst, sich selbst in ein handelndes und ein leidendes
und in ein zugleich Handeln und Leiden beobachtendes Ich zu
zerlegen; in Wettbewerb traten sie mit den Psychologen und
den Psychiatern in dem Bestreben, sich bisher unbewußt ver—
laufender Reizvorgänge bewußt zu werden.

Lamprecht, Deutsche Geschichte. Erster Ergünzungsband. 17
        <pb n="283" />
        X

Dichtung.

Was Wunder, wenn sie dabei fast noch leichter als
Psychiater und Psychologen dem verfielen, was Jules Lemattre
la recherche pédantesque des sensations rares genannt hat!
Man höre Dörmann, einen jungen, 1870 zu Wien geborenen
Mann, der 18091 unter dem Titel „Neurotika“, 1892 unter
dem Titel „Sensationen“ Gedichte herausgab:

Ich liebe die hektischen, schlanken
Narzissen mit blutrotem Mund.
Ich liebe die Qualengedanken,
Die Herzen zerstochen und wund.
Ich liebe die Fahlen und Bleichen,
Die Frauen mit müdem Gesicht,
Aus welchen in flammenden Zeichen
Verzehrende Sinnenglut spricht;:
Ich liebe die schillernden Schlangen,
So schweigsam und biegsam und kühl;
Ich liebe die klagenden, bangen,

Die Lieder vom Todesgefühl!
Ich liebe die herzlosen, grünen
Smaragde vor jedem Gestein;
Ich liebe die gelblichen Dünen
Im bläulichen Mondenschein;
Ich liebe die glutendurchtränkten,
Die Düfte, berauschend und schwer
Die Wolken, die blitzedurchsengten,
Das graue, wutschäumende Meer;
Ich liebe, was niemand erlesen,
Was keinem zu lieben gelang:
Mein eignes, urinnerstes Wesen
Und alles, was seltsam und krank
Waren das Auswüchse, die in Deutschland keinen eben
sehr fruchtbaren Nährboden fanden — wie viel weiter sind in
dieser Hinsicht französische und auch englische Dichter ge⸗
gangen! —, so blieb doch bestehen, daß die neue Lyrik auf
unterste psychische Vorgänge fundamentiert werden sollte. Nicht
gar viel später als Dörmann hat Schaukal in einem Aufsatz
        <pb n="284" />
        Dichtung.

259

über die Forderung von sogenannten Gedanken in der Dichtung
erklärt, daß ein dichterisches Erzeugnis, sei es ein einfaches
Lied oder die künstlerisch vollendetste Tragödie, niemals etwas
anderes bedeute als „die Antwort des Dichters auf einen Reiz“.

Darnach bestand das Geheimnis der poetischen Formgebung,
im weitesten Sinne dieses Wortes, eigentlich darin, gewisse
Klänge, Farben, Eindrücke des Tastgefühls ganz unabhängig
vom Sinne in der Sprache so wiederzugeben, daß gewisse
Empfindungen, die der Dichter hatte, eben durch ihre Zu—
sammenstellung auf den Hörer übertragen wurden. Und hierbei
ergab sich denn bald, daß bei entschiedener Folgerichtigkeit einer
solchen Anschauung die Dichtung zur bloßen Dienerin von
Sensationen wurde.

Nun wirken aber diese Sensationen nur auf gewisse,
wesentlich intellektuell gefärbte Momente unserer Seele, wie sie
denn auch durch Selbstbeobachtung, einen mehr oder minder
rationalen Vorgang, empfangen werden. Man darf sich in
diesem Urteil, das jede Lektüre oder jedes Hören rein psycho—
logisch- oder gar neurologisch-impressionistischer Gedichte ergiebt,
nicht durch die Wörter Traum, Geheimnis, Rätsel, ja auch
Sehnsucht täuschen lassen. Diese Wörter, wie sie die Dichter
dieser Kunst überaus häufig gebrauchen, drücken im Grunde nur
aus, daß die neuen Sensationen eben erst jüngst und darum
überraschend ins Bewußtsein gehoben sind oder wohl gar erst
noch gesucht werden. Am allerwenigsten jedenfalls wirken diese
Gedichte an sich ethisch oder gar religiöss. Die Gefühle des
oberen sittlichen Niveaus, die Gemeingefühle für Familie,
Heimat, Vaterland, Menschheit, Gott und Welt werden nur
matt erregt; die reine Sensationslyrik verhält sich zu ihnen
der Regel nach gleichgültig.

Um es mit einem Wort zu sagen: der folgerichtige Natu—
ralist der bloßen Reizdichtung zeigt der Absicht nach fast noch
mehr als der physiologische Impressionist etwas von der
wissenschaftlichen Strenge des Forschers und sucht sich darum
jener persönlichen Einflußsphäre zu entwinden, die des Dichters
— 0

17*
        <pb n="285" />
        260

Dichtung.
keine ursprüngliche Wirkung, sie bringen vielmehr grundsätzlich
qur dichterischen Rohstoff.
Freilich: so ernst und so entschieden, wie sie gemeint war,
ist diese Lyrik nur selten in Erscheinung getreten; noch mehr
als bei dem physiologischen Impressionismus vermischte sich
hier die naturalistische Tendenz alsbald mit der idealistischen.
Daß trotzdem beide auseinanderzuhalten sind, und daß sich
nach ihnen auch die poetischen Erzeugnisse wie zum guten Teile
elbst die Dichter scheiden lassen, bleibt darum nicht minder
vahr. Denn wie will man entwicklungsgeschichtlich überhaupt
andere Gegensätze aufstellen als polare und andere Unter—
scheidungen als solche à potiori?
Soweit ich die zeitgenössische Dichtung übersehe, scheint
—
pressionismus näherte, Henry Mackay (geb. 1864) gewesen zu
sein („Kinder des Hochlands“, 1888). Mackay ist oft herb
und kräftig, von starken und reichen Eindrücken, von klarer
männlicher Sprache — einer der wenigen unter den Neueren,
der noch Trinklaunen mit Feuer zu besingen weiß. Und so ge—
lingt ihm die Wiedergabe physiologischer Eindrücke trefflich.
Aber er hat daneben auch einen formell weichen und feinen
Zug, der ihm z. B. eine außerordentlich tönereiche Malerei
der äußeren Erscheinung des Meeres gestattet, — und von
ihm aus gewinnt er dann eine besondere Stellung zum Seelen—
leben. Und da schildert er überaus abschattiert und intensiv
seltene Stimmungen und nimmt auch schon Fühlung mit dem
reinen Nervenproblem. Über ihn hinaus aber zieht dann desselben
Weges, sofort neurologischen Wunderlichkeiten zugewandt, Wil⸗
helm Arent (geb. 1864), reich, sorglos lebend, frühreif, persönlich
bon schwer nervösem Charakter. Der Kenntnis zugänglich
st er heute erst von seiner dritten Gedichtsammlung an, die 1885
unter dem Titel „Aus tiefster Seele“ erschien; und hier schlägt
er nun neben vielem thöricht Phrasenhaften, neben sehr Altem
und neben einem großen Überfluß von philosophischem Pathos
doch auch schon jene traumselig weiche Sprache der nervösen
        <pb n="286" />
        Dichtung.

261

Eindrücke an, die später weit voller aus dem Munde der Dichter
der neunziger Jahre ertönte.

Der merkwürdigste aber jener Dichter, bei denen ein rein
psychologischer Impressionismus wenigstens den Hauptbestand⸗
teil der Kunst ausmacht, ist Richard Dehmel (geb. 1863; „Er—⸗
lösungen“, 1891; „Aber die Liebe“, 1893; „Weib und Welt“,
1896; „Lebensblätter“, 18905). Dehmel hat sehr viel Barockes;
neben Schwulst steht Prosa und wirkt noch mehr fast als jener
reflektiert, abstoßend, erkültend. Aber all dies Schwanken überholt
aicht selten ein merkwürdiger lyrischer Schwung und eine un—
zlaubliche Sicherheit der pfsychologischen und auch schon der
neurologischen Technik. Darnach ist das Gesamtergebnis in
oielen Fällen bedenklich; eine merkwürdige Zerrissenheit der
Eindrücke, von der es manchmal scheint, als sei sie beabsichtigt;
eine fortwährend von Beobachtung und Nachdenken bedrohte,
an sich überquellend starke Einbildungskraft; dazu oft das
Gegenteil einer großen, freien Form: Halbangedeutetes, geheimnis⸗
voll Erscheinendes, von dem man bisweilen nicht weiß, ob es
der Kunst oder dem Ungeschick des Dichters verdankt wird.
Aber daneben wieder große Treffer feinster Beobachtung, die
auch in der Form zu wahren Kunstwerken ausgestaltet werden,
wenn diese Form einige sprachliche Unbeholfenheit zuläßt oder
zur Voraussetzung hat. So namentlich in der Kinderpoesie:
auf diesem Gebiete mag Dehmel mit seiner tiefen Versenkung
in jede Regung, jeden Eindruck der Kinderseele am ehesten
dauernd Neues geschaffen haben. Und noch nach einer anderen
Richtung hin erscheint seine Poesie wenigstens entwicklungs⸗
geschichtlich wichtig. Neben kurzatmigen Impressionen in ge⸗
wöhnlicher Sprache, in denen äußere Erfahrung und seelischer
Vorgang oft kunterbunt durcheinander wirbeln, stehen Gedichte,
in denen sich eine Seele, die in Superlativen innerer Spannungs⸗
intensitäten lebt, in langen Gesängen ergeht, welche in einer
nicht selten blendenden, prunkenden, gleich einem Moreauschen
Geinälde schmuckbeladenen, in strengem Tonfall majestätisch
gleitenden Sprache dahinfließen. Es ist, als hörte man einen
uinderen Dichter. Dabei sind diese im Grunde überaus inten—
        <pb n="287" />
        262

Dichtung
siven Eindrücke oft abgemildert, sie erscheinen in halb nebel—
haften Umrissen, in zarter, stimmungsvoller Erweichung: es ist
das Eindringen idealischer, im stark betonten Sinne des Wortes
persönlicher Werte.

3. An zwei Stellen, im Verlauf sowohl des physiologischen
wie des psychologischen Impressionismus, haben wir so den Um—
schwung aus einer naturalistischen zu einer idealistischen Lyrik
eintreten sehen: dort zeigte die Rhythmenpoesie nach den strengen
ästhetischen Grundsätzen von Holz, hier die Ungebundenheit der
Dichtungen Dehmels den Übergang. Mußte dieser Übergang
nicht tief in der Entwicklung begründet sein, wenn er sich fast
gleichzeititg in so abweichenden Vorgängen durchsetzte? Und
beide Male handelte es sich zunächst um dieselbe Art des
Idealismus, um den primitiven Idealismus der persönlichen
Stimmung.

Und dies war wiederum derselbe Idealismus, den wir
auch in der Entfaltung der bildenden Kunst zuerst verfolgen
konnten.

Und innerhalb dieser Grenzen zeigten sich jetzt ebenfalls wie
im Gebiete der Malerei zwei Möglichkeiten weiterer Durch—
bildung: entweder konnte man wie dort die Lichtfarbenreize,
so hier die lautlich-nervösen Sensationen konturieren, in stärkstem
Umriß geben, — dann entstand dort der Plakatstil und das
Drnament, hier der Umrißstil der Holzschen Rhythmenpoesie;
oder aber man ließ dort die Farben, hier die sprachlichen Reiz—
effekte in weiche Harmonien austönen, — dann ergab sich dort
die Farbensymphonie und hier etwas, das man in Erinnerung
an die Poesie der Stephan George und Hofmannsthal wohl
symphonische Dichtung nennen könnte, wäre dieser technische
Ausdruck nicht schon von der Musik zur Bezeichnung der freien
symphonischen Formen seit Liszt vorweggenommen.

Und wie in der Malerei schließlich von diesen Möglich—
keiten in der hohen Kunst allein die Farbensymphonie (und in
der Bildnerei die ihr entsprechende Plastik) siegte, so trium—
        <pb n="288" />
        Dichtung.

268
ohierte in der Poesie die symphonische Dichtung: denn Plakat⸗
stͤl und Ornament gehören ins Kunsthandwerk, und ein voll⸗
endeter Umrißstil in der Dichtung führt schließlich nicht weiter
als bis zur künstlerisch aufgefaßten Reportage.

Dennoch soll nicht verkannt werden, daß die Rhythmen⸗
dichtung hier und da — wie ja auch die ornamentale Malerei —
große Leistungen aufweist; denn für manchen poetischen Gehalt
var in ihr thatsächlich jene engste und doch noch aus⸗
reichende Form geschaffen, deren eigenartige Schönheit wie die
einer Maschine wirkt. Und wer wollte verkennen, daß gewisse
—D00——— B. das Weglassen
des Artikels, wodurch einfache Nomina wie Nomina propria
wirken können u. dgl., zu rechter Zeit und an rechter Stelle
angewandt auch in einer Lyrik anderen Stils gewaltig wirken?
Es ist, wie wenn in Farbensymphonien hier und da stark
strichhafte Umrisse zu ausgesprochenster Reliefierung verwendet
werden. Im übrigen aber ist in der symphonischen Dichtung
auch sonst manches zur Geltung gekommen, was zugleich an
den Umrißstil erinnert: so die große, einfache Form, die ge—
drängte Sprache, das konzentrierte Bild, mit einem Worte die
Kürze, die Unterbringung reichen Inhalts in knappster Form:
etwaͤs wie das Prinzip der Klingerschen Plastik, um auch hier
eine jener Analogien mit der bildenden Kunst auszusprechen, die
ich bei Aussührungen von der Art, wie sie eben gemacht
wurden, auf Schritt und Tritt herandrängen.

Indes der Zweig des Idealismus, der eigentlich in der
hohen Kunst weiter entwickelt wurde, war doch nicht der der
Rhythmenpoesie, sondern der der symphonischen Dichtung.

Und hier beginnen nun, zur Wiedergabe zunächst der
Stimmung, all die tausend Kunstmittel zu spielen, die der sinnen—
fälligsten Erweichung und persönlichsten Umbildung primitiver
Empfindungen dienen können. Und innerhalb der Sprache, deren
weites Bereich an erster Stelle von der Anwendung dieser Kunst⸗
mittel durchwebt und durchzogen wird, ist es wiederum vor
allem der Laut, der zunächst in Anspruch genommen erscheint,
ind darum überwiegen die musikalischen Elemente. Allein
        <pb n="289" />
        264

Dichtung.

neben der Sprache werden auch sonst Eindrücke jeder Art
herangezogen, um den neuen persönlichen Stimmungsidealismus
zu beleben, und zwar vornehmlich auch Eindrücke des Auges.
Und da versteht es sich leicht, wie in diesem Zusammenhang
—IDDDDD—
gleichzeitigen idealistischen Malerei deutlich, eben „augenfällig“
hervortreten, und nicht selten findet sich Musikalisches und
Malerisches in innigster Mischung:
Sorglosen Lächelns

Die Lippen geschürzt,
Fröhlich die blühenden
Wangen gerötet

Tanzen wir Kinder des Glücks
Unsere sonnigen Pfade dahin.
Rosenkränze

Und schimmernde Bälle
Werfen wir uns

And den Fremdlingen zu.
Wer uns begegnet,

Dem huscht es wie Gold
über das sinnende

Antlitz.
Auf weichen Armen

Trägt uns das Weib,

Süß von Küssen

Duftet die Luft.

Unser Wort

Ist Gesang

Und Gesang

Unsre Antwort. (Christian Morgenstern.)
Dder:
Beglänzt vom Mondlicht lag die Tempelhalle
Auf heitrer Höhe. In den heil'gen Stufen
Geheimnisvoll mit Wink und Wort gerufen
Erbebt' ich, ob mein Los auch glücklich falle.
Und oftmals hielt ich bange an. Die Fluren
Durchzog ein Reigen. — Graue Mäntel wallten,
Und höhnisch grüßten bleiche Spukgestalten,

Und ängstend groß verschwammen die Konturen.
        <pb n="290" />
        —RE

265

Und weiter schritt ich, höhenwärts, mit Zagen.
Ein Märchenschloß erstand in blauer Ferne,
Und sachte gingen Sterne um und Sterne,
Als wollte schüchtern schon der Morgen tagen.

Dann stand ich schauernd in der Halle Schweigen.
Mit goldner Klinge schnitt ein bleicher Knabe
Vom Lorbeerbaume mir die Siegesgabe,
Den höchsten Preis, in grün belaubten Zweigen.
(Wilhelm Holzamer.)
Mit alledem ist, auf dem Wege der Verschweißung oft
recht wechselnder Elemente, in Formen, von denen teilweis
schon gelegentlich der Schilderung der Dichtung der George
und Hofmannsthal die Rede gewesen ist, im ganzen aber doch
unter steigender Entwicklung der stilisierenden Motive zunächst
eine idealistische Lyrik des Stimmungsgehaltes geschaffen worden.

Zweifelsohne eine große Errungenschaft.

Um sie zu würdigen, bedenke man, daß die frühere idea—
listische Lyrik des 19. Jahrhunderts sich zum größten Teil in
keiner eigenen Formenwelt bewegte, sondern in der Formenwelt
der Antike, des Klassizismus, der aus der Fremde befruchteten
Romantik. Und man bedenke weiter, daß in dieser neuen idea—
listischen Lyrik — und können wir hier nicht auch schon sagen:
in der modernen bildenden Kunst, ja können wir, späteres vor⸗
ausnehmend, nicht sogar auch schon von der modernen Dichtung
iberhaupt reden? —: daß also in der modernen Phantasie⸗
chätigkeit überhaupt zugleich mit der neuen idealistischen Form
auch die moderne Stimmung als ein neuer und nationaler
Inhalt heranreifte.

Das sind wahrlich große Dinge. Die Stimmung erwächst
mit der Formgebung. Sie ist mit ihr unlösbar verbunden.
Und daher unverkennbar ein neuer Stil.

Allein in dieser Einheit liegt auch die Begrenzung. Wie?
Sollte sich ein wesensanderer Idealismus, namentlich ein nicht
mehr rein persönlicher, sondern mehr objektiver Idealismus
sittlichen und patriotischen und religiösen Gehaltes in dieses
Gewand kleiden lassen? Schwerlich. Nun aber erschien die
        <pb n="291" />
        266

Dichtung.
Fortentwicklung des modernen Idealismus aus dem bloßen
Stimmungsgehalt in festere, allgemein stoffliche Motive bald
als ein Bedürfnis der Zeit, dessen tiefere Begründung sich
später aus der Geschichte der Weltanschauung ergeben wird:
man schrie nicht mehr bloß nach subjektiver Wahrheit und
Schönheit, sondern nach objektiven Werten, nach Sittlichkeit
und nach Glauben. Wie aber sollte jetzt diese mehr objektive
Stimmung, dies Fühlen nicht mehr, sondern vielmehr Gefühl
in den stilistischen Formen der Stimmungslyrik zum Ausdruck
zgelangen? Ein neues Problem der Form ergab sich, das noch
keineswegs gelöst ist.

Doch wir wollen nicht in die Zukunft schauen. Es wird
Zeit, zurückzublicken und zu erzählen, wie der neue Idealismus
sich im einzelnen Bahn brach. Und da sei denn zunächst noch ein—
mal daran erinnert, daß im ganzen und großen die ersten Zeiten
der neunziger Jahre den Umschwung brachten. Damals hörte
eine Anzahl spezifischer Bewegungen des Naturalismus auf oder
geriet in ruhigere, gleichsam geschäftsmäßigere Bahnen: so u. a.
die von dem Naturalismus ins Werk gesetzte Reinigung der
Sprache vom Fehler, vom Fremdwort und vom Poapierdeutsch:
1885 war der „Allgemeine deutsche Sprachverein“ begründet
worden, 1889 war Otto Schröders Buch „Vom papiernen Stil“
erschienen, 1891 folgten noch Wustmanns „Sprachdummheiten“.
Damals schuf sich weiterhin künstlerische, ihrer Natur nach dem
Idealen zugewandte Lebensfreude die Anfänge einer neuen
Litteratur; 1890 erschien Langbehns „Rembrandt als Erzieher“
und erlebte in drei Jahren zweiundvierzig Auflagen, 1894 nahm
der „Pan“ mehr für geschlossene Kreise und reichere Klassen,
1895 die „Jugend“ für die große Öffentlichkeit die junge Be—
vegung auf. Und diesen äußeren Veränderungen entsprachen
innerliche. Alte Humoristen von hoher Kunst und eindring—
licher Seelenmalerei, wie Hans Hoffmann, traten wieder mehr in
den Vordergrund der litterarischen Bühne, und auch unter den
Jungen schaffte sich der Humor, dieser so häufige Begleiter
eines lebensfrohen Idealismus, und noch mehr ganz allgemein
gesteigerte Lebensfreude Platz: Kretzers noch etwas ältlich ge—
        <pb n="292" />
        Dichtung.

267
zeichnete Romanfiguren erhielten einen Zug ins Humoristische,
Hauptmann und Sudermann schrieben 1892 den „Kollegen
Trampton“ und „Jolanthes Hochzeit“, und in Ernst von Wolzogen
bermeinte man nach den „Kindern der Excellenz“ (1890) und
dem Drama „Das Lumpengesindel“ den eingeborenen Vertreter
eines impressionistischen Humors entdeckt zu haben. Und Hand
in Hand mit diesen speziell litterarischen Anzeichen ging von
Jahr zu Jahr stärker der Umschwung in einen Idealismus
zuch der Lebensanschauung, gingen ethische und religiöse Strö—
mungen, von denen noch später zu sprechen sein wird.

In diesem allgemeinen Umschwung aber stellte sich auf
dem Gebiete der Dichtung doch wieder die Lyrik als führend
heraus; seit 1891 begann auch äußerlich die Zahl der lyrischen
Sammlungen zu wachsen; 1891 kam wieder unter altverehrtem
Namen ein moderner Musenalmanach heraus, und zahlreiche
neue Zeitschriften an sich vermischten Inhalts boten der Lyrik
mmer mehr eine bequeme, wohnlich gemachte und häufig be⸗
suchte Stätte.

4. Freilich ist auch dieser moderne lyrische Idealismus
nicht ohne Vorboten und Vorstufen erwachsen. Ja es lassen
sich sogar zwei Strömungen unterscheiden, die früh auf ihn
hinweisen, eine mehr romantische und eine, die von mehr
flassizistischer Auffassung aus zum Impressionismus hinüber⸗
geht: und bereits um 1870 ist dementsprechend von besonders
hellsichtigen Naturen, wie z. B. Scherer, ein kommender Um—
schwung zum Idealismus geahnt worden.

Der mehr romantischen Richtung gehört wohl mit als
frühester Träger Oskar Linke (geb. 1854) an; aus dem Realis⸗
mus heraustretend kehrt er gern zu den breiten Tummelplätzen
alter romantischer Neigungen zurück und erschaut etwa in den
Bestrebungen der sizilisch-normannischen Kultur unter dem
Staufenkaiser Heinrich VI., der auf ihr eine neue Welt⸗
monarchie aufbauen wollte, ähnlich wie Goethe im zweiten
Teile des „Faust“ antike Schönheit und mittelalterliche Kaiser—
        <pb n="293" />
        268

Dichtung.

macht vereinigt. Aber auch bei Held erwacht in seinen „Gor—
gonenhäuptern“ (1887) eine Art hellenischer Romantik, und
Bleibtreu, der hochbegabte, aber überaus wandelbare Vertreter
eines frühesten Impressionismus, hat nicht nur 1884 einen
Roman „Der Nibelungen Not“ veröffentlicht, sondern auch in
seinem „Tiroler Liederbuch“ (1885) begeistert ausgerufen:
Du dunkles nicht, du helles Mittelalter,
Ich höre deiner Vogelweide Chor,

Ich fühle deinen Minneernst, o Walther,
Und sieh, die Morgensonne flammt empor.
Leise mitklingende Elemente einer selbständig idealistischen
und speziell romantisch charakterisierten Richtung wurden dann
in den achtziger Jahren auch von Otto Brahm, dem Schüler
Scherers, litterarisch und dramaturgisch als neben dem Natura—
lismus notwendig erwünscht und vertreten.

Früher indes und in gewissem Sinne organischer begann
zu dem impressionistischen Idealismus eine Reihe von Dichtern
überzuleiten, deren älteste noch vielfach Beziehungen zum
Klassizismus hatten. Ihr wichtigster und frühester Vertreter
ist der Graf Schack, der nicht umsonst von den ersten Herolden
und Vorkämpfern der impressionistischen Revolution, den Ge—
brüdern Hart, so innig verehrt wurde. Schack hat etwas
von der Maréesschen Auffassung der Natur wie ja auch ein
wenig von seinen Schicksalen: die Nation ist ihm gegenüber un—
dankbar geblieben und wird ihn besser wohl erst verstehen,
wenn sie, zunächst rein inhaltlich, in den universalen, die
weitesten Grenzen der Welt seiner Zeit umfassenden Horizont
—
hat bei scharfer psychologischer Beobachtungsgabe namentlich
etwas von der Gegenständlichkeit des späteren vollen Impressio—
nismus; nur daß er dabei, im Gegensatz zu dem oft hastig—
nervösen Wesen der Späteren, in ruhiger Monumentalauffassung
verharrt: ein idealistisches Element, das ihm den Vorwurf
der Kälte eingetragen hat.

Nach Schack steht den Neueren schon um ein ganz Er—
—VV
        <pb n="294" />
        Dichtung.

269
in Breslau, — „Lieder an eine Verlorene“, 1878; „Dichtungen“,
1883). Seinem Wesen nach ist er gleich Schack ein Nord⸗
deutscher vom Seestrand und seinem Charakter nach mehr in
Holstein als in Schlesien zu Haus. Das, was ihn innerlich
zum Vorläufer des impressionistischen Idealismus stempelt, ist
eine vornehme und gerade Wahrhastigkeit bei stolzer Ent—⸗
sagung, ein kräftiger und thätiger Sinn im stillen Kampfe um
hohe Ziele. In der Form ist er weniger gewandt als Schack,
ber moderner. Der Offizier tritt zu Tage, und neben langen
Gesühlsergüssen verlaufen schon impressionistische Schauer,
für deren Zeichnung bereits eine tiefe Kenntnis nervöser Sen⸗
sationen zur Verfügung sieht. Dabei ist der Prinz weit davon
entfernt, im naturalistischen Impressionismus aufzugehen; er
vergißt sich nie, so sehr er auch aufglüht, wenn ihn das
Stimmungsganze der Dichtung beherrscht.

Wiederum einen Schritt weiter dem Idealismus der Gegen⸗
wart zu thut Alberta von Puttkamer (geb. 1849; „Dichtungen“,
1885; „Accorde und Gesänge“, 1889; „Offenbarungen“, 1894).
Neben einer reinen, sozusagen sachlich impressionistischen Kraft
gebietet sie über ein starkes Pathos und über eine Gewalt der
Stimmung, die sie namentlich zur Pflege der Romanze und
Ballade befähigen.

Schack, der Prinz Schönaich-Carolath, die Frau von Putt⸗
kamer entstammen alle bekannten Adelsgeschlechtern. Ist das
ein Zufall? Als Vierten im Bunde könnte man Adalbert
von Hanstein nennen (geb. 1861; „Menschenlieder“, 1887).
Frischer Impressionismus bei starkem Erfassen doch auch des
Stimmungsgehaltes, eine aus der Zustandsanschauung in den
Historismus abschweifende Phantasie, endlich nicht selten eine
auch über die Stimmungsdichtung hinausstreifende Problem⸗
stellung lassen ihn als einen der entschiedensten Vertreter des
neuen Idealismus erkennen.

Treten wir jetzt aber ganz auf den Boden dieses Idealis—
mus, so werden wir zunächst zwischen jenem primitiven
Stimmungsidealismus zu unterscheiden haben, der sich unmittel—
har aus dem Gehalt der Dichtung erhebt, und jenem Idealis—
        <pb n="295" />
        270

Dichtung.
mus, in dem objektivere sittliche und religiöse Kräfte nach
Entfaltung ringen. Von beiden Gattungen ist die zweite im
allgemeinen die spätere, noch schwächere, noch im Werden be—
griffene. Die erste dagegen, durch zahlreiche Dichter vertreten,
weist wiederum stimmungsvoll gewandte Physiologen auf und
stimmungsvoll gewandte Psychologen, die gern auch rein ner—
vösen Sensationen leben.

Der physiologische Idealismus der ersten Gattung ist uns
schon aus Liliencrons zweiter Periode bekannt. Gewiß beruht
die Bedeutung Liliencrons mehr auf dem Naturalismus seiner
ersten Periode. Indes auch jetzt noch heben ihn die Leichtigkeit
seiner Sprache und seines Verses, die virtuose Handhabung
des Reims, kurz formale Eigenschaften weit über den Durch—
schnitt der mit im Wettbewerb stehenden Dichter hinweg, und
wenn er auch nicht so abgestufter Stimmungen fähig ist wie
mancher andere, so hat er die Nation doch noch mit so schönen
Dingen wie seinen Gedichtsammlungen „Kampf und Spiele“
und „Kämpfe und Ziele“ (1897) bedacht. Indes vollkommener
noch als Liliencron selbst vertritt diese Art der Stimmungs⸗
dichtung sein Freund Gustav Falke (geb. 1853 in Lübeck,
Musiklehrer in Altona; „Tanz und Andacht“, 1893, u. a. m.).
Falke ist wärmer und gesättigter als Lilieneron, und schon
schlagen die Eindrücke bei ihm gelegentlich ins Nervenhafte um.
Dabei kann die Form nicht selten auf den ersten Blick als alt
erscheinen und stark stilisiert, — so daß sie wohl an Goethes
Frühzeit erinnert. Indes das ist nur Schein. Im Grunde ist
Falk ganz modern; mit Erfolg ruft er weite Schwebungen von
Spannungsgefühlen hervor, um die Stimmung zu intensivieren,
und daraus ergeben sich ihm alsbald auch verwickeltere Formen:
etwas Geheimnisvolles in der Sprache, etwas von seltsamer
Feierlichkeit, ein Rätselreichtum der Rhythmen und Reime, ein
raunender Tonfall des Musikalischen. Das alles kann dann den
Dichter so weit tragen, daß er das erste Erfordernis eines guten
physiologischen Impressionismus, die klare Gegenständlichkeit,
verliert, daß sich ihm die Dinge nicht mehr zu einem räumlich⸗
zeitlich geschlossenen Ganzen zusammenfügen. Aber im allge—
        <pb n="296" />
        Dichtung.

271

meinen zeigt sich dieser Mangel doch nicht so häufig, daß es
gerecht wäre, den Dichter darnach entscheidend zu beurteilen.
Falkes beste Art zeigt etwa das Gedicht „Sommerglück“:

Blütenschwere Tage

In Düften und Gluten rings,

Mein Herz tanzt wie auf Flügeln

Fines trunkenen Schmetterlings.
Die Rosen über den Mauern,

Der Birnbaum drüber her,

Alles so reich und schwer

In sehnenden Sommerschauern.

Das juligelbe Land

Mit dem träumenden Wälderschweigen,
Fern am duftigen Rand

Darüber die Wolken steigen. —
D, wie sag ich nur,

Was alles mein Wünschen ins Weite führt!
Mich hat des Glücks eine leuchtende Spur
Mit zitternder Schwinge berührt.
Von den jüngeren Dichtern, deren hier noch eine Anzahl
genannt werden könnten, mögen Schaukal („Verse“, 1892 -96;
Meine Gärten, einsame Verse“, 1897; „Tristia“, 1898) und
von Scheffer („Seltene Stunden“, 1898; „Die Eleusinien“,
1898) herausgegriffen werden, um bestimmte Richtungen zu
harakterisieren. Schaukal huldigt noch sehr deutlich einem
physiologischen Impressionismus. Aber doch unter stärkstem
Uberwiegen der Stimmung, so daß diese schon die härtere Form
zu beugen beginnt: etwas Weiches, Musikalisches, Nebel,
Dämmerung werden charakteristisch, und gelegentlich befindet
man sich schon in dem Lande rein nervöser Stimmungen.
Scheffer dagegen ist zwar auch musikalisch gewandter physio—
logischer Impressionist, wie Schaukal, aber er bleibt dabei
kälter, reflektierender, und eine kühle Gedankenlyrik trägt ihn
gelegentlich schon ganz ins Philosophische hinein, wie ihn andrer⸗
seits seine festeren Formen zu Ausflügen in das Gebiet der
Ballade oder wenigstens dessen Grenzlande verlocken.
        <pb n="297" />
        272

Dichtung.

Im ganzen hat diese Richtung in ihren Ausläufern etwas
Unbehagliches, ein wenig Frostiges; die Bestimmtheit des
physiologischen Eindrucks ordnet sich eben der Stimmung nicht
leicht unter; und da, wo sie diesem Mangel durch Gedanken
abhelfen will, steht sie zu sehr unter der geistlosen Gegenständ⸗
lichkeit der Gattung, wird sie banal.

Da sind die psychologischen Stimmungsdichter besser daran;
ganz anders leicht gehen bei ihnen naturalistische und idealistische
Elemente zusammen. Die Dichter dieser Art könnten an Per—
sönlichkeiten wie den früher behandelten Wilhelm Arent an—
geschlossen werden, und als ihr Fahnenträger und Herold würde
dann, nachdem der ihnen angehörende Kreis derer um George
und Hofmannsthal schon ausführlich besprochen worden ist,
neben Dörmann und Morgenstern namentlich Julius Otto
Bierbaum erscheinen. Bierbaum ist 1865 zu Grünberg in
Schlesien geboren; wir haben von ihm u. a. „Erlebte Ge—
dichte“ (1892), die Sammlung „Nemt, Frouwe, disen Kranz“
(1894) und „Lobetanz“ (1895). Was ihn charakterisiert, das
ist die unendlich weiche und zarte Stimmung in gebrochenen
Tönen auf breiter psychologischer, ja neurologischer Grund—
lage. Er ist dabei diesen Stimmungen so hingegeben, daß er
fie oft und namentlich anfangs kaum in Verse zu fassen im—
stande ist; in einer zerfließenden Sprache von so geschmeidigen
Formen breitet er sie aus, daß der Unterschied von Vers und
Prosa fast verschwindet. Aber auch im Vers bleibt er schließlich
gleich traumselig, lind und wehmutsvoll, und er intensiviert
diese Gefühle vielfach auch durch Zerlegung in erhöht geschilderte
nervöse Reize, und der Eindruck trifft fast das Gehör, als
schlüge der Dichter dreifach besaitete Harfen.

Konnte sich nun aber ein solcher psychischer, nervöser Zu—
stand der Stimmungsdichtung lange erhalten? Ließ sich von
ihm aus auch nur entfernt etwas wie ein Weltbild gewinnen?
Und ist als Endergebnis, wie im sittlichen Leben ein extremer
Sozialismus oder Individualismus, so im ästhetischen Leben
ein extremer Physiologismus oder auch nur ein extremer Psycho—
logismus überhaupt denkbar?
        <pb n="298" />
        Dichtung.

273

Aus der reinen, einsamen Seele kann keine Kunst, weder
eine naturalistische noch eine idealistische, auf die Dauer leben,
und am allerwenigsten helfen da Nervenexperimente entscheidend.
Ein bloßes Seelenreich bleibt ein Traumreich, ja weniger: ein
Reich der Schatten. Und dem Dichter winkt, wenn er diesem
Reiche allein unterthan wird, nicht Weltfreudigkeit, die Grund—
lage alles Schaffens, sondern Entsagung. Eben diese Ent—
sagung stellte sich darum bei der neuen Dichtung bald ein als
rin Zeichen, daß die Summe der Möglichkeiten auf der ge—
wählten Grundlage erschöpft sei.
Ich kann nicht lieben, ich kann nur sehnen,

Denn ich bin krank und bin auch so müde,

Ich kann nur traurig am Fenster noch lehnen,

Zu schaun, wann der Traum mich zur Hochzeit wohl lüde:
so singt Richard Perls, einer aus der Gruppe um George und
Hofmannsthal. Gewiß, es war so, wie es Hofmannsthal
einmal von der neuen Dichtung erzählte: sie hatte

den Schmelz der ungelebten Dinge,

Altkluger Weisheit voll und frühen Zweifels,

Mit einer großen Sehnsucht doch, die fragt:
ein neues Reich der Sensationen war erschlossen und aus seinen
Schätzen war eine ganze Welt neuer Stimmungen gespeist
worden, — aber bei diesem Eroberungszuge waren die Gestade
der rohen, greifbarsten Wirklichkeit verlassen worden, und einsam
trieb man auf dem Meere einer bloßen Reizsamkeit dahin, die
unbefriedigt ließ.

Das, wessen man bedurfte, war zunächst und an erster
Stelle eine gesundere Verbindung der neuen nervösen Stim—
mungen mit der unmittelbar anschaulichen Masse der älteren
physiologischen Eindrücke, soweit diese inzwischen von größeren
Teilen der Nation als dauernder neuer Erwerb aufgenommen
war. Und darüber hinaus mußte zweitens eine Verschmelzung
dieses ganzen neugewonnenen Gutes mit den größten, sich auch
jetzt noch als unanfechtbar erweisenden Formschätzen früherer
Perioden unserer Dichtung versucht werden.

Lamprecht, Deutsche Geschichte. Erster Ergänzungsband.

2
        <pb n="299" />
        274

Dichtung.
Es sind Verbindungen, die inzwischen verwirklicht worden
sind; nicht unbedeutende Dichter, wie insbesondere Ricarda
Huch (geb. 1864) und Karl Busse (geb. 1872), haben sie her⸗
gestellt.

Allein auch der vollere Ausbau bloß einer idealisierten Form
genügte nicht. Ein großer Idealismus bedarf eines Mehreren:
eines großen idealischen Gehaltes. Konnten da die bloßen
persönlichen Stimmungen genügen? Nein: die Note der reli—
giösen, der ethischen Gemeingefühle mußte wieder angeschlagen
werden; darum handelte es sich.

Und es ist nicht zu verkennen, daß auf diesem Boden seit
einiger Zeit verheißungsvolle Anfänge emporkeimen.

Vor allem ist da Friedrich Nietzsche zu nennen. Daß
Nietzsche im Grunde eine künstlerische, ja eine dichterische Natur
war, zeigt nichts besser als Sprache und Inhalt seines Haupt—
werks, des „Zarathustra“; es wird davon später, wenn Nietzsches
Weltanschauung zu besprechen ist, noch genauer die Rede sein.
In seinen nicht allzu zahlreichen Gedichten aber tritt noch ge—
nauer seine Zugehörigkeit zu den idealistischen Psychologen, ja
Neurologen hervor. Er neigt zum Musikalischen, zur Inten—
sivierung der Farben und Gerüche, zur Umgestaltung in stili—
sierte Linien und auch zur Symbolik: er ist einer der stim—
mungsvollsten unter den Stimmungsvollen:
Tag meines Lebens!
Die Sonne sinkt,
Schon steht die glatte
Flut vergüldet.
Warm atmet der Fels:
Schlief wohl zu Mittag
Das Glück auf ihm seinen Mittagsschlaf?
In grünen Lichtern
Spielt Glück noch der braune Abgrund herauf.
Tag meines Lebens!
Gen Abend geht's!
Schon glüht dein Auge
Halbgebrochen,
Schon quillt deines Taus
Thränengeträufel,
        <pb n="300" />
        Dichtung.

275
Schon läuft still über weiße Meere
Deiner Liebe Purpur,
Deine letzte zögernde Seligkeit.

Was aber Nietzsche über die bloß Stimmungsvollen er—
hebt, das ist sein tiefes ethisches Pathos und die bei ihm
religiös und verehrend gestimmte Leidenschaft der Wahrhaftig—
keit: und diese Empfindungen durchströmen auch die Mehrzahl
seiner Gedichte, namentlich aus späteren Zeiten.

Freilich: ein eigentlich und dem offen sich darbietenden
Inhalte seiner Schöpfungen nach ethisch oder religiös gewandter
Dichter war Nietzsche noch nicht. Dichtungen einer religiös
und philosophisch gegenständlichen Lyrik treten als für die Zeit
charakteristisch erst in den neunziger Jahren auf. Da schlägt
z. B. die Poesie von Maurice von Stern (geb. 1860), einem
der zahlreichen Balten, die aus dem Exil her heute die deutsche
Kunst ähnlich befruchten, wie um die Mitte des 19. Jahr⸗
hunderts die Schleswig-Holsteiner die deutsche Wissenschaft
gefördert haben, verhältnismäßig früh schon aus sozialistischen
Tönen in religiöse um; die Sammlung „Mattgold“ vom Jahre
1893 bezeichnet die Wandlung.

Das ist ein Zwitschern in den alten Bäumen!
In Tau gebadet wacht die junge Welt;

Im Dorf die Mädchen putzen sich und träumen,
Und rosig ist das Kirchendach erhellt.

Schon krähen Hähne und die Hunde bellen,
Und auf den Gassen lärmt der Spatzen Schar;
Der Dorfbach rauscht in morgenfrohen Wellen,
Und in das Frührot qurrt ein Taubenpaar.

Die Uhr schlägt fünf, und mit dem Früheläuten
Erwacht das Dorf zu seligem Gebet;

Ich höre Gott im Morgenwinde schreiten

In stiller, stummer, heil'ger Majestät.

Da raff ich mich empor von meinem Bette,
Warm in dem Herzen und im Kopfe kühl, —
Der Geist, befreit von des Gedankens Kette,
Schwelgt feierlich in ewigem Gefühl.
        <pb n="301" />
        276

Dichtung.

Was von Stern hier erreicht, die religiöse Stimmung,
das erscheint dann bei ihm wie bei anderen bald ins Positivere
—
giösen Resignation als einer Form moderner Askese fällt
vollends ab: man dringt vor in das Land vollen, ruhigen
Gottvertrauens und in die Vorhallen wenigstens mystischer
Verzückung. Auch hier sind einige Balten von Bedeutung, so
der Freiherr von Grotthuß (geb. 1868) wie auch der Deutsch—
russe von Andrejanoff (geb. 1857); am entschiedensten und
frühesten aber tritt diese Richtung doch wohl in den Dichtungen
von Franz Evers zu Tage (geb. 1871; „Fundamente“, 1892;
„Psalmen“, 1893):
In weichem Lilapurpur

Liegt fern ein Traumesland;
Blaudunkel glühn die Wellen,
Und golden ist der Strand.
Cypressenwälder wiegen
Im Wind ihr Nadellaub,
Und in den Lüften liegen
Maiglück und Sonnenstaub.
Die himmelhohen Kuppeln,
Die ewigen Berge schaun

Im Scharlachschnee der Frühe
Hin auf die goldnen Gaun.
Das Glück, das Glück umschmiegt uns,
Wir sind vom Schmerz befreit

Und unsre Seele wiegt uns

In blaue Ewigkeit. ...
        <pb n="302" />
        1. Die kurze Erzählung der Entwicklung der Lyrik, wie
sie soeben gegeben worden ist, läßt noch eine Welt von litterar⸗
historischen Fragen offen. Denn es war hier keineswegs die
Aufgabe, eine Litteraturgeschichte der Gegenwart in der Nuß
zu geben: nur gewisse Hauptrichtungen sollten gekennzeichnet,
nur der Zusammenhang derselben mit der allgemeinen Ent—
wicklung des Seelenlebens sollte nachgewiesen werden. Daß
dabei an dem gezeichneten Bilde von litterarhistorischer Seite
her vieles zu ändern und zu bessern sein wird, unterliegt
keinem Zweifel: aber der Nachweis einer engen und allgemeinen
Verbindung unserer modernen Lyrik mit dem weiten Bereich
der nationalen Phantasiethätigkeit und der Bewegung der
nationalen Psyche wird dadurch nicht aufgehoben werden,
sondern nur noch verstärkt zum Ausdruck gelangen.

Gehen wir jetzt daran, uns die Entwicklung der Kunst⸗
erzählung in den jüngsten Zeiten zu vergegenwärtigen, so gelten
da dieselben Gesichtspunkte: nur daß sich die Übersicht bei der
geringeren Bedeutung der Erzählung für die Entfaltung der
Phantasiethätigkeit noch verhältnismäßig kürzer wird fassen
lassen.
Unter den Werken der Kunsterzählung wird man zunächst
zwei große Gruppen zu bilden haben: eine höherer Idealisierung
umd gebundener Rede, und eine mehr unmittelbarer Wieder—
gabe der Wirklichkeit und der Sprache der Prosa. In der
Gruppe der Prosaerzählungen aber kann man wieder mit den
Brüdern Hart (Kritische Waffengänge 6, 53) am besten drei
        <pb n="303" />
        278

Dichtung.
Gattungen und Formen unterscheiden. „Die erste Gattung
bildet die einfache Geschichte, deren Erzähler in der Wirklich—
keit umherwandelt, um hier ein Stück aufzulesen und dort ein
Stück, und zwar in der Absicht, einfach zu fabulieren, was und
wie es interessant erscheint, oder jedoch, um zu moralisieren
und Belege zu schmieden. Die zweite Gattung ist die Novelle,
die sich in den einzelnen interessanten Fall vertieft, um das
seelische oder sonst welches Problem zu ergründen, das in dem
Falle verborgen liegt. Die dritte Gattung bildet der Roman,
welcher sich nicht begnügt, einzelne Stücke der Wirklichkeit
dichterisch zusammenzuschweißen, sondern die Wirklichkeit selbst,
wie sie der Zeit des Erzählers, dieser Zeit, die des Erzählers
Augen allein durchforschen können, zu Grunde liegt, in ihrem
Gesamtcharakter auffaßt und widerspiegelt.“

Diesen drei Gattungen der Prosaerzählung entsprechen
dann drei idealische Gattungen der Erzählung in gehobener
Sprache: das Epos, die Novelle in Versen und die Ballade.
Für unseren Zeitraum ist es nun charakteristisch, daß diese
idealischen Formen, namentlich im Beginn, viel weniger aus⸗
gebildet sind. Die Novelle in Versen bleibt ihrer thatsächlichen
Durchführung nach durchaus eine Nebengattung, die Ballade
wird sehr häufig ins Lyrische oder ins Dramatische gezogen
und ist auch in dieser Durchbildung wenig beliebt; das Epos
endlich geht in den wenigen Dichtungen, die ihm zuzurechnen
wären, vielfach ins Philosophische und Lyrische über.

Am bezeichnendsten aber ist, daß sich der Gang der Ent—
wicklung als Ganzes nur an der Prosagruppe verfolgen läßt.
Das soll nun im folgenden geschehen.

Ehe aber der Faden der Erzählung aufgenommen wird,
bedarf es einer kurzen Auseinandersetzung über das besondere
Wesen der prosaischen Kunsterzählung und die in ihr ver—
borgenen Komponenten. Eine solche Erörterung ist insofern
nicht leicht, als es im ganzen 19. Jahrhundert keine allgemeiner
angenommene und ganz selbständig durchgebildete Theorie der
Hauptkunstform, des Romans, gegeben hat: denn Spielhagens
hierher einschlagende Arbeiten, an die man zunächst zu denken
        <pb n="304" />
        Dichtung.

279
geneigt sein könnte, bieten doch wesentlich nur eine subjektive
Darlegung und Rechtfertigung der Praris des Dichters. Gleich⸗
wohl müssen wenigstens einige Ausführungen gewagt werden.
Sie gehen vom Roman aus.

Der Roman soll ein Weltbild geben, jedenfalls ein in sich
geschlossenes Ganzes, womöglich eine volle Überschau über den
Inhalt einer Zeit, je umfassender und je tiefer, um so besser. Ist
das nun überhaupt möglich? In wohl aufgebauter und fest
zentralisierter Erzählung offenbar nur für Zeiten sehr ein⸗
fachen) seelischen Zusammenhangs, also am besten etwa für
Romane, die in Mittelaltern oder in Urzeiten spielen. Gewiß
aber nicht in dieser Art für den Zeitroman, den Roman der
Gegenwart, die vornehmste und in der letzten Zeit vornehmlich
gepflegte Form. Dazu ist unsere Zeit psychisch und sozial viel
zu sehr differenziert und auch gerade den Zeitgenossen viel zu
wenig übersichtlich. Es bleibt also nur die Möglichkeit eines
lockeren Baues übrig: das, was Gutzkow den Roman des
Nebeneinanders genannt hat: große Erzählungsgruppen werden
aneinander gereiht und unter sich lose verbunden. Diese
Art des Baues kannte man nun schon im 17. Jahrhundert;
der „Don Quixote“ bietet dafür ein Beispiel. In unseren
Tagen hat dann der Umfang des zeitgenössischen Lebens dazu
geführt, die einzelnen Gruppen geradezu in besonderen
Romanen, die aber einen Cyklus bilden, aneinander zu
reihen; das war schon der Fall in Balzacs „Oomédie de
la vie humaine“, da freilich noch sehr unvollkommen; voll⸗
endet hat die Form zuerst Zola in seinen Rougon-Macquart“
gehandhabt.

Welches ist aber nun der Bau des Einzelromans oder des
einzelnen Teils eines cyklischen Romans? — Er setzt sich
im ganzen zusammen aus Reflerionen des Autors und Skizzen
der vorgestellten, sei es physischen, sei es psychischen Er—
scheinungswelt. Und da ist es nun für die uns hier be—
schäftigende Periode wesentlich, daß die Reflexion, das subjektive
Element als ausgesprochene Komponente fehlt oder doch im
ganzen nur noch verborgen unter der Form der Skizze vor—
        <pb n="305" />
        280

Dichtung.
kommt: und die Skizze wird damit formell fast zur alleinigen
Komponente des Romans, ist gleichsam seine Zelle.

Gilt nun das Gleiche von der Novelle? Gewiß, auch sie
setzt sich aus Skizzen zusammen, nur daß die Skizzen — und,
wenn sie vorkommen sollten, die Reflexionen — nicht so locker
aneinander gereiht werden wie im Romane. Vielmehr erlaubt
hier die Kürze einer Erzählung, die nicht eine ganze Zeit
schildern, sondern nur irgend eine Ereignisgruppe, welche ein
spannender Inhalt verbindet, darstellen will, eine gekürzte und
geschürzte, gleichsam dramatisierte Behandlung der Skizze und
damit deren Stilisierung. Und diese Umbildung der Skizze ist
nicht bloß gestattet, sie wird bei entschiedener Anwendung der
Kunstprinzipien der Novelle sogar gefordert.

Konnte darnach eine Zeit des Naturalismus der Novellen⸗
form günstig sein? Niemals, denn sie wünschte ja überall
eben jene naturalistische Behandlung der Skizze, welche die
Nopelle nicht zuläßt.

So blieb denn für die Kunsterzählung, soweit sie nicht
den Inhalt einer Zeit im großen ergreifen und grundsätzlich
erschöpfen wollte, nur die einfache Geschichte übrig, oder wie
man es vom Standpunkte der Novellisten der fünfziger bis
siebziger Jahre ausdrücken konnte: die Modernen schrieben nur
noch „novellistisch angehauchte Skizzen“; die eigentliche Gabe
des künstlerischen Gestaltens in der Komposition trat viel
schwächer zu Tage als die Fabulierungskunst. Im übrigen
verblieb es natürlich nicht bloß bei den reinen Kunstformen
des großen Romans und der kurzen Geschichte; vielmehr be—
standen schon von früher her und bildeten sich von neuem noch
manche Zwischenformen. Gemeinsam aber war ihnen allen die
mehr oder minder formlose Zusammenstellung aus der Skizze.

Aber die Skizze selbst: ist sie in der neuen Zeit die alte
geblieben? Keineswegs. Gerade in ihrem Wesen traten zu—
nächst starke Veränderungen ein, — und durch diese hindurch
wurden dann auch Wandlungen der aus ihr zusammengesetzten
Kunstformen veranlaßt — abgesehen von den Änderungen,
        <pb n="306" />
        Dichtung.

281

welche diese an sich aus Motiven ihrer Eigenbewegung heraus,
erlitten.
Schon die Skizze der dreißiger bis siebziger Jahre, das
Grundelement des Romans dieser Zeit wie der damals fast
noch mehr blühenden Novelle, war stark durch den Journalismus
bestimmt worden. Und Journalismus hieß doch auch damals
—DD
in dieser oder jener Form — nicht immer in der heute berufs—
mäßig und technisch ausgesprochenen — sind doch schon die
meisten Romanschreiber des jungen Deutschlands zu irgend
einer Zeit ihres Lebens gewesen. Aber ihre Rapporte, ihre
Skizzen waren noch breit angelegt, ließen die Persönlichkeit
des Reporters durchschauen, waren reflexionsreich und verliefen
dementsprechend in langgezogener Darstellung.
Mit dem Untergang des Romans des jungen Deutschlands,
seit den fünfziger Jahren, wurde das anders. Jetzt kam uns,
schließlich erst nach französischem Vorbild ganz durchgebildet
und in den sechziger und siebziger Jahren blühend, die Skizze
der Paul Lindau und Genossen, der Rapport des Feuilleton⸗
stils, die preziöse, geistreichelnde, witzelnde Darstellung ab—
gerundeter kleiner Wirklichkeitsstoffe. Das ist die Art, gegen
die dann die Brüder Hart in ihren „Kritischen Waffengängen“
so unsanft loszogen: mit dem Beginn der neuen litterarischen
Bewegung der achtziger Jahre war ihre Zeit dahin. Und nun
entfaltete sich langsam die Reportage der Gegenwart. Zwar
war man noch nicht alsbald so weit, die Biographie durch ein
Interview, die dramaturgische Kritik durch einen bloßen Bühnen—
bericht — was haben Dichter, Schauspieler, gewohnheitsmäßige
Premiorenbesucher gesagt? — zu ersetzen. Aber man ging
doch früh in dieser Richtung vorwärts. Kürze, Konzentration,
Verdichtung, Zeitersparnis im Schreiben und Lesen, das wurde
die Losung. Also: Momentaufnahme, Telegraphenstil, kein
Witz mehr, nur noch Beobachtung, kein Geist, aber scharfe
Augen, findige Witterung, strammes Zugreifen und vor allem
flinke Beine: das war, was man wollte. Galt das zunächst für
        <pb n="307" />
        282

Dichtung.

die Prosa!, so färbte doch die journalistische Reportage alsbald
und wie von alters her auf die litterarische Skizze ab. Auch
hier hieß es vor allem: Gegenständlichkeit, Kürze, Form—
verdichtung; und der Roman wich teilweise der Erzählung
und die Novelle dem, was die Amerikaner, in diesem Falle die
„ersten am Platze“, short story getauft haben.

Entwicklungsgeschichtlich war es die Überführung der
Skizze zunächst in den physiologischen Impressionismus. Und
aus dem physiologischen ist sie dann in den psychologischen
und den neurologischen Impressionismus übergegangen und
aus diesem heraus schließlich weich und — soweit es die Kürze
zuließ — musikalisch geworden: hat sie mit einem Worte die
uns schon bekannte Stufenleiter psychischer Eindrücke auch ihrer—
seits durchlaufen. Und wie sollte sie nicht, nachdem sie einmal
auf den Eindruck gestellt war?

Dem Schicksale der Zelle aber folgte, wenn auch mit
manchen besonderen Wendungen, das Schicksal der aus ihr er—
bauten Organismen. Wir gehen zur Entwicklung des Romans
und der kunstvoll erzählenden Geschichte über.

2. Hier war zunächst klar, daß der neue Roman sich da
in seinen Anfängen am frühesten einstellen mußte, wo die
Übergänge von der feuilletonistischen zur naturalistischen Skizze
am ehesten stattfanden, und wo dieser bloße Übergang schon
genügte, um dem Roman neue, naturalistischere Stoffe zu—
zuführen. In Deutschland war das in Berlin der Fall, und
dieser Zusammenhang erhob Berlin in den ersten Zeiten der
neuen Litteratur wenigstens auf dem Gebiete der Kunsterzählung
teilweise zur führenden Stadt: das, was entwicklungsgeschicht—
lich zunächst entstand, war der Berliner Roman der achtziger
Jahre. Will man ihn verstehen, so bedarf es eines kurzen
Einblicks in die besonderen Anregungen, welche ein groß—
städtisches Leben der Litteratur darbieten kann. In dem un—

1 Vgl. Bahr, Moderne S. 12.
        <pb n="308" />
        Dichtung.

288
endlich reichen und wandlungsvollen Daseinskreis der größeren
Stadt geschieht zunächst so viel an sich kaum Erwartetes, giebt
es so viel zur Wirklichkeit werdende Kombinationen unwahr—
scheinlicher Dinge und Ereignisse, daß schon deren bloße Wieder⸗
erzählung oft geeignet erscheinen kann, in hohem Grade zu spannen.
Das hatte Eugen Sue bereits in Paris erprobt und darauf
seine fesselnden Romane der vierziger Jahre aufgebaut. Dabei
ist es denn kaum noch nötig, Darstellungen bloßer Reportage
der gemeinen Wirklichkeit durch Erhöhung der Lichter der Er—
zählung zu heben. Das, was geschieht, ist eben an sich wunder—
bar und eindrucksvoll genug. Es kommt nur darauf an, es
kurz, schlagend, der Wirklichkeit gemäß, mit Weglassung des
Unwesentlichen wiederzugeben. So kann hier die sozusagen
absolute und reine naturalistische Skizze besonders leicht auf—
kommen: und ihre Entwicklung bedeutete in den achtziger
Jahren an sich schon einen wesentlichen Fortschritt.

Sehr häufig aber tritt in der Großstadt zu diesem Element
noch ein weiteres. Das Erzählte bildet einen Teil jenes ge—
sellschaftlichen Werdens, dem die meisten Leser angehören. Sie
lesen daher nicht bloß mit abstrakt-ästhetischem, sondern auch
mit praktisch⸗sittlichem Anteil. Und das zwingt den Schrift⸗
steller, wenn er höher steht, auch in dieser Hinsicht Farbe zu
hekennen. Er urteilt zugleich. Und da gemäß den wechselnden
Ereignissen bald diese, bald jene ganz spezielle Seite des
sittlichen oder gesellschaftlichen Zustandes an das SVicht
gezogen wird und demgemäß für sich beleuchtet werden muß, so
urteiltj er nicht aus allgemeinen Prinzipien heraus, die er
immer wieder hervorholen und ausbreiten müßte, sondern er
urteilt über den Fall oder die Fälle nur innerhalb ihres
Horizonts, also einseitig und darum apodiktisch, in der Form
einer These. Auf diese Weise werden alle wichtigeren Vor—
gänge des sozialen wie des politischen und schließlich auch des
aͤsthetischen, ja sogar des wissenschaftlichen Lebens auf Thesen
zugespitzt, um deren Formeln laut im Für und Wider gekämpft
wird. Die Folge von alledem ist, daß die Kritik in allen
hervorragenderen Fällen in die Skizze eingeht, und daß ein
        <pb n="309" />
        284

Dichtung.

Roman entsteht, der von der Wiedergabe bloßer Eindrücke
lebt, die gleichwohl Momente festen Urteils bieten sollen.

Der eigenartige Großstadtroman, der auf diese Weise ent—
steht und den man wohl Thesenroman nennen könnte, ist zu⸗
erst, schon seit den fünfziger Jahren, in Paris entwickelt worden;
er war hier eine parallele Erscheinung zum Thesendrama der
Dumas kils und Genossen. In Berlin ergaben sich seit den
siebziger Jahren langsam natürliche Wachstumsbedingungen
eines verwandten Romanes; doch begreift es sich, daß die neue
Form nun nicht ohne starke Pariser Einflüsse zum Durchbruch
gelangte. Ihr Hauptvertreter war neben Theophil Zolling
(„Klatsch“ 1888,„Frau Minne“ 1889) und dem weit bedeutenderen
Fritz Mauthner (Romancyklus „Berlin W“: „Das Quartett“,
„Der Villenhof“, „Die Fanfare“ 1889 ff.) Paul Lindau (geb.
1839). Von Lindaus Romanen kommt hier namentlich der Cyklus
„Berlin“ in Betracht, dem ,Der Zug nach dem Westen“ (1886),
„Arme Mädchen“ (1887) und „Spitzen“ (1888) angehören.
Freilich kommt in diesem nicht ganz durchgeführten Cyklus keines⸗
wegs das ganze Berliner Leben zu Worte; ein Vergleich etwa
mit den „Rougon-Macquart“ Zolas ist völlig ausgeschlossen.
Im ganzen bleibt Lindau vielmehr in dem uralten Thema des
Salonromans stecken; fast nur das Verhältnis von Mann und
Weib ist behandelt. Und in der Richtung dieses Themas spitzen
sich darum auch die Thesen zu, falls solche offen verfochten werden.
Doch wäre es ungerecht, nicht auch anzuerkennen, welche Fülle
feiner Beobachtungen großstädtischen Kulturlebens gleichwohl in
diesen Romanen steckt; Lindau ist ein Mann mit scharfen Augen;
und was er gesehen hat, das weiß er zwar nicht immer poetisch,
gewiß aber vielfach künstlerisch darzustellen. Auf das eigentliche
Gebiet der neuen Litteratur freilich führten diese Berliner
Großstadtromane Lindaus noch nicht; trotz mancher Neuerungen
bewegten sie sich noch in der Technik des französischen Romans
der fünfziger und sechziger Jahre und auf der Höhe des Wirk—
lichkeitssinnes, der diesem zu Grunde liegt. Moderner in dieser
Hinsicht ist der im übrigen schwächere Zolling: indes auch bei
ihm kann trotz mancher Anleihe bei dem Variser Roman
        <pb n="310" />
        Dichtung.

285

späterer Zeit von eigentlichem Impressionismus noch nicht ge⸗
sprochen werden.

Entfesselt wurde der Impressionismus der Kunsterzählung
in Deutschland erst durch die Einwirkungen Zolas auf jüngere,
von der früheren französischen Litteratur weniger berührte
Geister. Litterarisch bekannt wurde dabei Zola in Deutschland
erst seit dem „Assommoir“ (1877), um etwa 1885 mit „Germinal“
den Höhepunkt seines Einflusses zu erreichen. Und dieser rein
litterarische Einfluß hat vornehmlich doch nur in Berlin gewirkt.
Durch persönliche Beziehungen dagegen und darum viel
kräftiger, freilich auch in viel stärkerer Umformung, wurde
Zolas Einfluß nach Süddeutschland, und hier wieder vor⸗
nehmlich nach München, vermittelt. Der Träger der gegen—
seitigen Beziehungen war hier, wie schon einmal kurz bemerkt,
Georg Michael Conrad (geb. 1846), ein bayrischer Franke, der
Anfang der achtziger Jahre aus Paris nach Munchen kam und
hier mit Kirchbach wie auch Greif den Kern jener neuen litte⸗
rarischen Bestrebungen herausbildete, die sich gegen die „Epi⸗
gonen“ der fünfziger Jahre und vor allem gegen Heyse wandten.
Das aber, was Conrad von Zola übernahm, war vornehmlich
nur der unbedingte Wirklichkeitssinn und der Fanatismus der
Wahrhaftigkeit; im übrigen war er feurig, zufassend, ja zu—
fahrend, und darum schon durch sein Temperament von Zola
um Welten geschieden.

Conrad hat mit seinem Roman „Was die Isar rauscht“
(1887; zweiter Teil „Die klugen Jungfrauen“ 1889) in Süd—
deutschland den ersten Versuch eines impressionistischen Romans
gemacht. Es ist ein Roman des „Nebeneinander“ im Sinne
Gutzkows. Aber nicht ein Vollbild der Welt wird gegeben,
sondern nur ein Stadtbild des Münchener Lebens, und auch in
diesem engeren Rahmen tritt eigentlich nur die Bier- und
Kunststadt hervor. Dazu welch diffuser Charakter der ein⸗
zelnen Teile! Nicht eigentlich von einem Gemälde, nur von
einer Bilder- oder richtiger Skizzengalerie kann man reden,
deren einzelne Teile lose durch das Motiv des Rauschens der
Isar, das fast in jede Schilderung hineintönt, zusammen—
        <pb n="311" />
        286

Dichtung.

gehalten werden. Im einzelnen freilich, im Bereich jeder
besonderen Skizze sind die Anforderungen eines physiologischen
Impressionismus weithin und vielfach meisterhaft verwirklicht.
Die Zustands- und Daseinsschilderung, die durchaus überwiegt,
ist kräftig, sie strotzt nicht selten von Leben, die Detailmalerei
ist ebenso emsig als anschaulich: und wenn man in der Technik
nicht schon den vollendeten Impressionismus zu sehen vermag,
da vielfach noch alte Elemente stören, so ist doch der Übergang
zu ihm bewußt und energisch angebahnt.

Fast gleichzeitig mit Conrads Münchener Roman erschienen
auch in Berlin 1887 die ersten Keimlinge des neuen Impressio⸗
nismus. An erster Stelle ist da wohl Bleibtreus (geb. 1859)
Roman „Größenwahn“ zu nennen; an zweiter käme etwa
Wolzogens „Kühle Blonde“ in Betracht.

In beiden Fällen versuchen die Dichter, genau wie Conrad,
die neue Auffassungsweise unmittelbar innerhalb der großen
Kunstform des alten Romans des Nebeneinanders anzuwenden:
freilich, wie ebenfalls schon Conrad, nicht in der Ausdehnung
auf das gesamte Zeitbild der Gegenwart, sondern nur auf
einen größeren Ausschnitt desselben. Und innerhalb dieses
engeren Bereichs bildet dann wieder Wolzogens Roman das
eigentliche Gegenstück zu dem Conrads: wie dieser München
so will er Berlin schildern. Nur daß der Versuch in diesem
Falle noch weit weniger gelingt. Immer und immer wieder
zeigt sich's im Verlauf der Darstellung, daß der Stoff für die
erstrebte impressionistische Technik viel zu umfangreich ist. Da
aber der Dichter an dieser ins kleine eingehenden Technik trotz⸗
dem nach Kräften festhält, so muß er schließlich die Vorführung
der einzelnen Stoffmassen, statt in die Breite zu erzählen, auf
die an sich dann genauere Schilderung von bloßen Einzel—
momenten beschränken: man erkennt daher die Dinge gleichsam
nur auf einen Husch, wie eine Landschaft, auf die uns ein
zwischen Tunneln durchsausender Eilzug von Zeit zu Zeit einen
flüchtigen Ausblick gestattet: und so wird man überanstrengt
und enttäuscht zugleich, und das Endergebnis ist Unfriede und
Unlust. Etwas anders greift Bleibtreu das Problem an.
        <pb n="312" />
        Dichtung.

287
Nicht lokal und räumlich, sondern psychologisch und moralisch
grenzt er den Abschnitt des Zeitbildes ein, dessen Charakter
sein Roman erhellen soll: die verschiedenen Arten des Größen—
wahns sollen zur Darstellung gelangen. Gewiß ein Vorwurf,
der an sich große Aussichten eröffnet; hatte nicht Sebastian
Brant das Thema vor Jahrhunderten in noch viel größerer
Ausdehnung mit außerordentlichem Erfolge behandelt, — wenn
auch freilich satirisch und im Anschluß an alte Traditionen
der Stammessatire? Und Bleibtreu brachte glänzende Eigen—
schaften mit für eine moderne Durchführung; im einzelnen sind
seine Schilderungen von packendem Impressionismus. Gleich—
wohl scheiterte der Versuch — und nicht bloß daran, daß wir
zwischen dem eigentlichen Romane endlose Klatschereien zu dem
unerquicklichen Thema der litterarischen Kritik mit in den Kauf
nehmen müssen, — er scheiterte vor allem doch an der inneren
Unmöglichkeit, mit den Mitteln der neuen Technik alsbald einen
so gewaltigen Stoff umfassend zu meistern.

Das, was diesen und wohl auch anderen verwandten
Werken der Zeit fehlt, ist die langsam aus der impressio—
nistischen Skizze als Zelle herausgebildete Form einer neuen
Art der Romankomposition, die imstande gewesen wäre, die
Summe der impressionistischen Skizzen wirklich zu einem Ganzen
zusammenzufassen. Man war zu ungeduldig; man wollte
das Ganze haben vor den Teilen. Konnte aber von einem
Kunstwerke des großen Romans die Rede sein, wenn das
Nebeneinander der Skizzen schließlich ein mechanisches blieb?
So hatten die Meister des französischen Impressionismus,
so hatte vor allem Zola es nicht gemeint. In Zolas Werken
findet sich im allgemeinen eine bis ins einzelnste gehende Klein—
malerei ganz durchgeführt nur in den ersten Abschnitten und
Kapiteln; dann wird durch Hervorheben nur einzelner Züge
gezeigt, wie aus dem ursprünglichen „Milieu“ durch langsame
und ununterbrochene Umsetzung seiner „Valeurs“ ein anderes,
zunächst ihm noch verwandtes entsteht, bis schließlich im Verlauf
weiterer Umsetzungen der innere Gesamtzustand von dem ur—
sprünglichen so verschieden erscheint, daß die alten äußeren Be—
        <pb n="313" />
        288

Dichtung.

ziehungen der Personen zu einander gänzlich unerträglich werden
und die Katastrophe hereinbricht. Da ist also ein innerer Zu—
sammenhang vorhanden oder wenigstens in hohem Grade an⸗
gestrebt; und jene losere Form der Komposition ist überwunden,
die nichts thut, als Skizze neben Skizze, Scene neben Scene,
Bild neben Bild stellen. In Deutschland dagegen verharrte
man noch lange bei der mechanischen Art der Zusammenfügung
des Ganzen: es war, als ob man dem Roman jenen Schau—
bühnencharakter geben wollte, den man der Seele des In—
dividuums zuschrieb: so wie sich in dieser, wie auf einem
eigens dazu hergerichteten Podium, die Eindrücke gleichsam nur
mechanisch trafen und folgten, so sollte der Roman nur ein
Stelldichein, ein leeres Gehäuse sein für etwa durch Raum
und Zeit und deren vageste Unterkategorien zusammengehaltene
Skizzen.

Die Folge war natürlich — und das ist das eigentlich
Bezeichnende der nächsten Zeit —, daß die Führung der inneren
Entwicklung ganz an den Ausbau der Skizze überging.

Da tritt uns nun an erster Stelle wiederum der Name
Bleibtreus entgegen: schon längst vor dem Experiment seines
soeben behandelten Romans hatte er die Technik der im—
pressionistischen Skizze zu hoher Kunst zu entfalten begonnen.
Dies vor allem in einer bis dahin unerreichten Meisterschaft
und Treue zugleich der Schlachtenschilderung: wie unter—
scheidet sich da z. B. sein „Dies irae“ (1882), eine gewaltige
Darstellung der Schlacht von Sedan in Form der Er—
innerungen eines französischen Offiziers, von Wildenbruchs
bombastischen Heldenliedern „Vionville“ (1874) und „Sedan“
(1875)1 In anderen Stoffen freilich erreichte Bleibtreu
diese Höhe nicht; nicht selten stören vor allem romantische
und sentimentale Neigungen.

Auf seinem glänzendsten Gebiete aber fand Bleibtreu einen
ebenbürtigen, wenn nicht überlegenen Wettkämpfer in Liliencron.
Und eben Liliencron zeigt am besten, wie die neue Kunst einst⸗
weilen ganz auf die Skizze beschränkt ist. Denn in längeren
Erzählungen ist er gern ganz altmodisch und weiß sich selbst
        <pb n="314" />
        Dichtung.

289
mit den Einzelheiten der neuen Skizze schwer zu behelfen: ganz
impressionistisch dagegen ist seine Kunst in den kleinen, un⸗
rechterweise Novellen genannten Kriegsskizzen. Denn hier wird
das höchste Ziel einer auf das Außere gehenden impressio—
nistischen Kunst erreicht: man erhält den so schwer künstlerisch
wiederzugebenden Eindruck des Unvermittelten zwischen den
Einzelereignissen einer Schlacht, und diese Ereignisse selbst
fluten im raschen Wechsel des Tempos bald, bald huschen sie
nur vorüber; eilends, und doch völlig klare Bilder hinterlassend,
sowie greifbar nahe in ihrem Detail schreitet die Erzählung
vorwärts.

Und Liliencron stand mit dieser neuen Kunst bald nicht
mehr allein. Aus Wien, das sich im allgemeinen erst etwas
später an der neuen litterarischen Bewegung beteiligte, meldete
sich doch schon seit dem Ausgang der achtziger Jahre Karl
von Torresani mit höchst flott gezeichneten Freilichtbildern
(„Die Juckercomtesse“ 1890 u. a. m.), und Berlin wurde von
Rudolf Stratz mit raschem Zugreifen gezeichnet („Unter den
Linden“ 1894 u. s. w.). Noch früher aber ward ein echter
Berliner, Hugo Land (Landsberger, geb. 1861), vielleicht zum
charakteristischsten Vertreter dieser Skizzenart (,Die am Wege
sterben“ 1889). Denn Land kennt kaum schon eine Schilderung
der speziell psychischen Vorgänge; er giebt fast nur sinnlich—
physiologisch Erkennbares, ja beinah nur Augenfälliges wieder:
dies aber mit der schlagendsten Beobachtung, und zwar nicht
flüchtig, sondern in einer ausgedehnten Darstellung, die jedem
Einzeleindruck gerecht wird.

Da ist es nun anziehend, zu sehen, was Land erreicht,
wenn er einen Roman schreibt. Sollte hier nicht die vollendete
Kunst im einzelnen doch schon eine neue Komposition auch des
Ganzen ermöglicht haben? Der soziale Roman Lands „Der
neue Gott“, der 1890 erschien, sollte die Frage, womöglich
bejahend, beantworten. Aber wie sehr enttäuscht er: nichts ist
erreicht als Einzelbilder, und diese wieder haben unter dem Ver—
—
— DDDDV00—

Lamprecht. Deutiche Geschichte. Erster Ergänzungsband. 19
        <pb n="315" />
        2908

Dichtung.
bloße physiologische Impressionismus zwar kunstreiche Skizzen
ermöglichte, eine große Kunstform des Romans aber, wenigstens
auf deutschem Boden, nicht zu erringen vermochte.

Inzwischen aber hatte sich auch schon ergeben, wie wenig der
physiologische Impressionismus bei ganz folgerichtiger Durch—
führung des ihm zu Grunde liegenden Prinzips imstande war,
wahrhaft dichterisch zu wirken. Den Nachweis erbrachte derselbe
Arno Holz, der, wie wir wissen, durch seine Lehre einer neuen Lyrik
auch schon das Daseinsrecht der rein naturalistischen Lyrik
untergraben hatte. Es geschah schon 1889 in dem gemeinsam
mit Johannes Schlaf verfaßten Buche „Papa Hamlet“, das
unter dem Pseudonym von Bjarne P. Holmsen erschien. Das
Buch umfaßt drei Erzählungen, deren erste dem Ganzen den
Namen gegeben hat. Und diese Erzählungen bewegen sich nun
in der pedantisch genauesten Schilderung jeglicher Einzelheit
der Vorgänge, die sie darstellen; mit Recht spricht von Hanstein
von ihrem „Sekundenstil, insofern Sekunde für Sekunde Zeit
und Raum geschildert werden“. Brauchen doch die Verfasser
in einer der Erzählungen, die den Tod eines Studenten zum
Gegenstande hat, achtundzwanzig Seiten, um zu schildern, wie
der Verwundete stirbt! Und das Pedantische des Stils färbt
sogar auf die typographische Ausstattung ab: hier vornehmlich
liegen die Anfänge jener Systematik mehrzahliger Punkte und
Gedankenstriche, die dann in gewissen Dichtungen der neunziger
Jahre üppig ins Kraut geschossen ist.

Das eigentlich Charakteristische aber an der Lehre Holzens
und Schlafs ist, daß sie im Grunde alle Zustandsschilderung
aufhebt: es giebt nach ihr in der Kunsterzählung wie im
Leben nur ein Werden auch der kleinsten Schattierungen und
Nuancen. Denn war dies etwa eine Fundamentalauffassung
der bisherigen Kunsterzählung gewesen? Keineswegs; und
namentlich der Roman hatte bisher zum großen Teil von der
Schilderung ruhend gedachter Zustände gelebt. Ein durch—
greifendes Prinzip der bisherigen künstlerischen Erzählung, wie
es im 19. Jahrhundert gegolten hatte, war also hier ver—
neint; und grundsätzlich blieb damit, nach der bisherigen
        <pb n="316" />
        Dichtung.

291

Terminologie der Dinge, eigentlich nur das Drama übrig. Das
ist der Zusammenhang, der es begreiflich macht, daß einer der
bedeutendsten Dramatiker der neuen Litteratur gerade von Holz
und Schlaf lernen konnte: Gerhart Hauptmann hat sein erstes
Drama dem pseudonymen Holmsen zugeeignet „in freudiger An—
erkennung der durch sein Buch empfangenen entscheidenden An—
regung“ (Sommer 1889).

Auf dem Gebiete der Kunsterzählung selbst aber wurde
eine andere Seite der Lehre Holzens, die Forderung strengster
Objektivität, wenige Jahre später am besten, weil thatsächlich
ad absurdum geführt durch den eigenen Mitarbeiter an „Papa
Hamlet“, durch Johannes Schlaf. Im Jahre 1892 erschienen
Schlafs Skizzen „In Dingsda“. Es sind Darstellungen aus
dem Leben eines kleinen Ortes, ganz im Sekundenstil, ganz
physiologisch-⸗impressionistisch. Aber dennoch schmeckt durch diese
Skizzen überall etwas Besonderes durch, das sie zusammenhält
und für Viele gewiß auch erst genießbar gemacht hat: die
träumerische, weiche Persönlichkeit des Verfassers. Und so
sind wir hier im Grunde nicht mehr auf naturalistischem Boden:
die Stimmung schlägt hervor, und in Wahrheit erscheint schon
ein primitiver Idealismus.

Es ist der Weg, in den allmählich alle Pfade des physio—
logischen Impressionismus gemündet sind.

Sehr falsch aber wäre die Ansicht, daß mit dem Ver⸗
schwinden des impressionistischen Naturalismus als Kunstform
nun auch die Wirkungen aufgehoben worden seien, die im ein⸗
zelnen von ihm ausgingen. Im Gegenteil. Die Errungen—
schaften und Anregungen, die aus dieser Bewegung der
kommenden Kunst vermittelt wurden, waren ebenso zahlreich
wie wertvoll. Beseitigt war jetzt vor allem die oft so ver—
logene und namentlich von falscher Sentimentalität durchseuchte
Form der alten Kunsterzählung. Verschwunden war weiterhin
das geschwollene Papierdeutsch und statt dessen das gesprochene
lebendige Wort eingeführt; Anakoluthe waren bei längeren
Perioden häufiger geworden und erzielten nicht selten ge—
waltige Wirkungen; ganz allgemein verlief die Erzählung in

19*
        <pb n="317" />
        292

Dichtung.

einem rhythmischen Wechsel kürzerer und längerer Sätze: und
gerade in diesem wandlungsreichen Bau wurde eine neue Kunst
der Syntax entfaltet. Des weiteren war der Sprachschatz
bereichert worden; aus der Umgangs- und Familiensprache,
aus den Mundarten, aus dem Bereiche der Schall- und Laut—
nachahmung waren ganze Scharen neuer Wörter in die Litte⸗
ratur gedrungen und hoffähig geworden. Und auch die eigent—
liche Technik der Erzählung hatte an feinerer Ausgestaltung
gewonnen. Trotz der Absicht, nur einen reinen Abklatsch des
Lebens zu geben, war es dennoch darauf angekommen, zu spannen,
und tausend neue Steigerungsformen der Momentwirkung
wurden diesem Ziele gerecht. Nötig war es ferner geworden,
leiseste Ubergänge dennoch greifbar vorzuführen, und die ein⸗
gehendste Technik der sprachlichen Schattierung ward darum
entwickelt. Das alles waren nicht wieder verschwindende Er—
gebnisse des Versuches, in die phyfiologisch erreichbare Umwelt
litterarisch bis zu einer früher niemals errungenen Genauigkeit
einzudringen, wenn auch in dieser Umwelt zunächst ein be⸗
stimmtes Stoffgebiet, das des Häßlichen, Gemeinen, ja Ab⸗
stoßenden und Widerwärtigen, als besonders leicht zu erobern
bevorzugt worden war. Und schon früh führte dieser Versuch
über den rein physiologischen und äußerlichen Bereich hinaus
in die Gebiete des Seelenlebens, und ein psychologischer Im—
pressionismus war im Anzug. Ehe indes seine Entfaltung ver—
folgt wird, gilt es noch einige sehr merkwürdige Erscheinungen
des ÜUberganas von alter zu neuer Kunst ins Auge zu fassen.

3. Sieht man von einigen Stücken Liliencrons und viel—
leicht auch Bleibtreus ab, so hat der ausgesprochene physio⸗
logische Impressionismus schwerlich Leistungen aufzuweisen,
denen man längere Lebensdauer in der Gunst auch nur des
lebenden litterarischen Publikums wird zuschreiben wollen.
Jeder Naturalismus hat etwas von der Art des Curtius, der
sich in den Abgrund stürzte: er opfert sich einem als notwendig
        <pb n="318" />
        Dichtung.

293
erkannten Fortschritt, und seine Experimentatoren sind auf
dem Gebiete der Kunst selten zugleich große Meister. Wie
sollte es auch anders sein? Ist das Kunstleben wirklich nur
die höhere Ausbildung einer Art des Spieltriebes urzeitlicher
Kulturen, wie nach neueren Forschungen kaum zu bezweifeln, so
liegt eben in der bloßen Phantasiethätigkeit als solcher von
vornherein sein unverlierbarer Kern, und das Problem, in
welcher Form und Durchbildung sich dieser Spiel— und Kunst⸗
trieb jeweils äußert, ist für die Kunstbethätigung an sich eine
Nebenfrage, so central es auch für die Kunstgeschichte erscheinen
mag. Von diesem Standpunkte aus muß es der Kunst⸗
bethätigung als solcher stets lieb sein, wenn die Form nicht
wechselt, denn jeder Wechsel bedeutet für sie Unruhe und
Störung ungetrübten Auswirkens. Ist es deshalb nötig, mit
steigender Beherrschung und Erkenntnis der Welt durch die
Verstandeskräfte gleichwohl eine neue, der bestehenden an Wirk
lichkeitsgehalt überlegene Formenwelt zu entwickeln, so wird
die Kunstbethätigung gegenüber diesem ihr halb aufgedrungenen
„Naturalismus“ an sich doch immer zurückhalten und glücklich
sein, wenn der Prozeß der Umbildung wieder einmal ab—
geschlossen ist: so daß sie von neuem mit Formenwerten zu
wirtschaften vermag, deren Durchbildung zum Einfachen und
darum Großen vollendet ist.

Diese Zusammenhänge machen es begreiflich, daß in Zeiten
naturalistischer Fortschritte so gern Übergangsrichtungen auf—⸗
tauchen, die von dem Alten bewahren möchten, was noch nicht
veraltet ist, und von dem Neuen annehmen, was schon erprobt
scheint: kluge Künstler, konservative Naturen, schaffenskräftige
Greise werden sich da leicht zu Gruppen solcher Richtungen
zusammenfinden. So lief denn auch neben der Entwicklung des
physiologischen Impressionismus eine Übergangsströmung her,
die sich namentlich der großen Kunsterzählung annahm, da
diese mit rein naturalistischen Mitteln anscheinend gar nicht
oder wenigstens noch nicht zu verwirklichen war: ein Über—
gangs-, ein Vermittlungsroman tauchte auf.

Charakteristisch für diesen Roman ist zunächst, daß er, den
        <pb n="319" />
        294

Dichtung.
Forderungen der neuen Kunst entsprechend, fast durchaus Zeit—
roman war. Der historische Roman brach ab, wenn auch noch
Günther Walloth (geb. 1856; „Octavia“ 1885, „Der Gla—
diator“ 1888 u. a. m.) und einige andere den Versuch machten,
ihn naturalistisch umzubilden. Es war ein negativer Vorgang,
aber im Grunde doch der erste starke Erfolg des Impressio—
nismus auf dem Gebiete der großen Kunsterzählung. Und er
wurde verstärkt durch die Erscheinung, daß schon länger thätige
Dichter der älteren Kunst, bei aller Aufrechterhaltung der her—
kömmlichen Form im ganzen, doch im einzelnen dem Impressio—
nismus innerhalb des Gegenwartromans immer stärkere Zu—
geständnisse machten. Das galt z. B. in hohem Grade von
Spielhagen, daneben aber selbst von Meistern wie Wilbrandt
und Heyse. Lag es da nicht nahe, daß dieser und jener von den
Alten geradezu einen Übergangsstil entwickelte, vielleicht sogar
mit allmählich überwiegender Betonung des Neuen?

Diesen Weg ist vor allem Theodor Fontane (1819-1899)
gegangen. Fontane war, seit seiner starken Schulung durch den
englischen Realismus, wie sie namentlich die Balladen von 1860
aufweisen, von vornherein für einen neuen deutschen Natura—
lismus besonders günstig vorbereitet. Freilich kam diese Dis—
position bis in die achtziger Jahre hinein wesentlich nur den
prächtigen Schilderungen seiner „Wanderungen durch die Mark
Brandenburg“ zu gute. Dann aber, seit 1882, wandte er sich
dem modernen Roman zu, zuerst in „L'adultera“ noch vor—
nehmlich in alten Formen oder wenigstens als ein Mann über—
aus vorsichtigen ÜUberganges, darauf, immer deutlicher neuen
Geist und Stil verratend, in „Cecile“ (1886-87) und
„Irrungen Wirrungen“ (1888). Später folgten dann noch
„Stine“ (1890), „Unwiederbringlich“ (1891 —92), „Frau Jenny
Treibel“ (1892,983), „Effi Briest“ (1895), „Die Poggenpuhls“
(1896) und „Der Stechlin“ (1898). Fontane stand im Beginn
dieses neuen Abschnittes seines Schaffens in der Mitte der
Sechziger; und so trat er dem eingehenden Schilderungs—
bestreben des Impressionismus von vornherein mit der Behag⸗
lichkeit der Erzählungsweise des Alters nahe: er malte mit
        <pb n="320" />
        Dichtung.

295

immer breiterem Pinsel. Zugleich aber ließ ihn seine litte—
rarische Erfahrung die Klippe vermeiden, an der die jungen
impressionistischen Eiferer bei der Durchbildung der großen Kunst⸗
erzählung so leicht scheiterten. Seine Romane wollen nicht die
ganze Zeit umfassen; er begrenzt sie auf kleinere Themata, die
auch mit Mitteln intensivierter Darstellung noch zu erschöpfen
sind. Und auch innerhalb dieses Bereiches erscheint er nicht
als absoluter, am wenigsten als bloß physiologischer Im—
pressionist. Dazu fesselt ihn die eigentlich seelische Seite des
Lebens viel zu sehr. Und so baut er im Grunde mehr die
Psychologie impressionistisch aus und erscheint von dieser Seite
her auch als ein Vermittler zwischen dem ursprünglich mehr
dem Äußerlichen zugewandten und dem späteren, vornehmlich
psychologischen Impressionismus.

Von den zahlreichen Frauen, die namentlich seit den
sechziger Jahren auf dem Gebiete der Kunsterzählung thätig
waren, teils den alten Beruf des Weibes als Märchenerzählerin
erweiternd und fortsetzend, teils von ganz modernen, emanzi—
patorischen Gedanken getrieben, wäre in diesem Zusammenhang
wohl am ehesten Ossip Schubin (Lola Kirschner) zu nennen.
Lola Kirschner steht seit 1884 in unermüdlicher litterarischer
Thätigkeit, und schon ihr erster Roman „Ehre“ zeigte ihre ganze
Art: den sinnlichen Zug und die Begabung, durch geschickt heraus—
gerissene Einzelheiten, die impressionistisch gegeben werden, stark
auf Einbildung und Anschauung zu wirken. Im großen freilich
hält die Dichterin ganz an der alten Romanform fest; sehr
weit ist sie davon entfernt, eine konsequente Neuerin zu sein.

Die merkwürdigsten Persönlichkeiten unter den Übergangs⸗
erzählern aber sind wohl Kretzer und Sudermann. Was sie
miteinander gemeinsam haben, ist freilich nur die Thatsache,
daß sie, jüngere Männer (Kretzer ist 1834 geboren, Sudermann
1857), impressionistischen Fortschritten von vornherein nicht
fremd gegenüberstanden, sondern in und mit ihnen groß wurden.
Sie nahmen daher das naturalistische Ergebnis nicht nachträg—
lich in sich auf, sondern begannen von vornherein mit ihm
zu schaffen und ließen es in sich je länger je mehr wirken.
        <pb n="321" />
        296

Dichtung.
Bei Kretzer geschah das im ganzen mehr nach der stofflichen
Seite hin, — er ist der erste große Armeleutemaler der Roman—
litteratur; Sudermann dagegen verarbeitete die Ergebnisse des
Impressionismus mehr innerlich, in der Formgebung

Kretzer ist vom Arbeiter zum Schriftsteller geworden; kein
Wunder daher, wenn er den vierten Stand erstaunlich gut
kennt und ihn auch vor allem darstellt. So in seinen früheren
Romanen „Die beiden Genossen“ (1880), „Die Betrogenen“
(1882), „Die Verkommenen“ (1883) und in „Meister Timpe“
(1888), zweifelsohne dem Höhepunkt des naturalistischen
Schaffens des Dichters. Dabei spielt von diesen Erzählungen
die erste noch nicht in Berlin, sondern in einer kleinen Stadt,
doch ist der Held ein Berliner sozialdemokratischer Agitator; die
späteren Romane dagegen haben vornehmlich Berlin zum Schau—
platze und bilden eine Art proletarischer Fortsetzung des zeitlich
zumeist früher liegenden bourgeoisen Berliner Romanes der
Lindau und Genossen. Deutliche Einwirkungen des neuen
Stoffes auf die Form im impressionistischen Sinne zeigen
zuerst „Die Verkommenen“: wir erhalten hier eine sehr genaue
Kleinmalerei bestimmter Berliner Elendsviertel. Doch giebt
der Dichter dabei keineswegs bloß „menschliche Dokumente“;
starker Idealist, ist er stets mit dem Herzen, nicht bloß mit
den Nerven bei der Sache. Im übrigen ist in diesem Roman
die allgemeine Kunstform noch uralt, etwa die des jungdeutschen
Romans, wenn man überhaupt schon von einer Kunstform
reden will. Denn eine starke dichterische Beanlagung tritt
zwar kräftig zu Tage, aber sie ist erst halb litterarisch erzogen:
es fehlt der Künstler, ja es fehlt sogar noch ein wenig der
Gebildete: die Schilderung ist zwar gegenständlich, aber platt;
die Sprache hat noch etwas Linkisches, der Stil ist schleppend,
und kleine Unreinlichkeiten des Denkens machen die Lektüre
fast unerträglich.

Wie viel höher steht da, in gewissem Sinne ein Meister—
werk, „Meister Timpe“! Zwar ist auch hier die große, auf das
Ganze gehende Formgebung noch altväterisch, und auch im
einzelnen erinnert Vieles an vergangene Zeiten: die glücklicher—
        <pb n="322" />
        Dichtung.

297
weise seltenen Naturschilderungen verraten gröbliche Unkenntnis
auch einfacher Lebenserscheinungen der Natur, der Dialog der
besseren Gesellschaftsschichten ist ganz unwahrscheinlich geführt,
zerstreute und unsystematische Versuche, Mundarten einzuführen,
gelingen nicht recht, und die Schilderung des Gestenspiels er—
innert an die Manieren jugendlich-unbeholfener Jünger der
Bühnenkunst. Aber sobald sich der Dichter erst einmal ordent⸗
lich eingeschrieben hat und auf das Hauptthema, die Schilderung
des langsamen seelischen Verfalls des Titelhelden kommt, treten
all diese Elemente zurück und werden vor der gewaltigen in
den wirklich wichtigen Dingen sich offenbarenden Kraft des
Dichters vergessen; und auch Nebenschilderungen rufen die
sttärkste Illusion hervor durch die unerhörte Wahrhaftigkeit der
Darstellung, so z. B. die Scenen am Stammtisch der Weiß—
hbierkneipe Meister Jamraths. Und in der Haupthandlung
wächst aus dem urväterlichen Formenwesen schließlich in
trauriger Schönheit ein nicht mehr bloß physiologischer, sondern
schon psychologisch schildernder Impressionismus hervor: ja
in den gewaltigsten Momenten scheinen bereits symbolische
Motive durch.

So ist die Entwicklung des Dichters ins Symbolistische
schon angedeutet, wie sie später „Das Gesicht Christi“ (fünfte
Auflage 1899) besiegelt hat.

Im ganzen aber wird man die Romane der frühen Periode
Kretzers als zunächst nur dem Stoffgebiet, dann auch steigend
der Form nach dem Naturalismus zugewandt bezeichnen können,
ohne daß doch in ihnen jemals ein konsequenter Impressionismus
zrreicht würde.

Verwickelter als bei Kretzer liegen die Dinge bei Suder—
mann. Zunächst ist kein Zweifel, daß Sudermann als Künstler
weit höher steht als Kretzer. Die Frage nach dem Impressio—
nismus kann daher bei ihm nicht in gleichem Grade bloß auf
die Einzelheiten der Schilderung hin gestellt werden, in denen
die ganze Entwicklung des modernen Wirklichkeitssinnes den
Dichter der Gegenwart ohnehin leicht auf impressionistische
Motive verweisen wird. Vielmehr erhebt sich hier alsbald das
        <pb n="323" />
        2os

Dichtung.

Problem der impressionistischen Umgestaltung der großen Form,
der Gesamtdisposition des Romans: wie weit ist sie ein—
getreten, wie weit gewollt, wie weit vermieden? Indes diese
Frage kompliziert sich nun für Sudermann noch einmal durch
den Umstand, daß der Dichter nicht bloß, ja nicht einmal an
erster Stelle und seiner Grundanlage nach Erzähler ist, sondern
Dramatiker. Denn gewiß hat er, der Reihenfolge seiner ver—
öffentlichten Werke nach, als Erzähler begonnen; dem kleinen
Bändchen schlüpfriger Geschichten „Im Zwielicht“ vom Jahre
1887 folgten zunächst der große Roman „Frau Sorge“ (1887),
dann die „Geschwister“ (1888), „Der Katzensteg“ (1889),
„Jolanthes Hochzeit“ (1892) und endlich „Es war“ (1894), —
wogegen die Dramen erst mit der „Ehre“ (1890) einsetzten,
um dann freilich in rascher Folge, vor allem seit 1896, die er—
zählenden Werke zu überholen. Allein diesem äußeren Anschein
entspricht nicht der wirkliche Entwicklungsgang des Dichters.
Thatsfächlich hat er mit dramatischen Arbeiten begonnen, die
nur nicht an die Öffentlichkeit gelangten, und ist dann immer
mehr wieder zum Drama zurückgekehrt, sobald er Träger eines
bekannten Namens geworden war.

Dem Entwicklungsgange entspricht auch die innere Anlage
Sudermanns. Soll sie mit einem Worte bezeichnet werden, so
bietet sih im Grunde doch nur der Ausdruck dramatisch dar.
Und zwar dramatisch wesentlich im Sinne eines physiologischen
Impressionismus. Denn wie Wildenbruch ist Sudermann im
Grunde ein mäßiger Psychologe; er sieht mehr in die Breite
als in die Tiefe. Dagegen ist er, um Wildenbruch nochmals
—DDD
Blick für das Außere, das Physiologische des Vorgangs: eben
hierin liegt seine Stärke. Mit welchen Augenblicksaufnahmen
des Momentes weiß er nicht oft zu überraschen; wie erhascht
er nicht in Schilderungen der Veränderungen des Gesichts—
ausdrucks wie auch der atmosphärischen Wechsel der Land—
schaft das kaum Bemerkbare, im Nu Vorüberhuschende, Flüch—
tigste der Sekunde! Er steht in dieser Hinsicht an Begabung
etwa zwischen Spielhagen und Zola, noch nicht so ganz Im—
        <pb n="324" />
        Dichtung.

299
pressionist wie dieser, doch jenem an Intensität der Beobachtung
mehr als ebenbürtig.

Mußte nun diese Seite der Beanlagung des Dichters
leicht zur impressionistischen Kunsterzählung drängen, so führte
andererseits die dramatische Ader zum Aufsuchen der künst—
lerischen Disposition einer bei weitem fester geschürzten Hand—
lung, als sie im impressionistischen Roman sonst gefunden
worden war. Und so hätte Sudermann wohl am ehesten die
Lösung des schweren Rätsels einer impressionistischen Dispo—
sition der großen Kunsterzählung gelingen können. Wenn er
diese Aufgabe gleichwohl nicht löste, wenn er vielmehr in seinen
Dichtungen das dramatische Bedürfnis nach einer fest um—
schriebenen Handlung in der herkömmlichen Formgebung des
Romans befriedigte, so scheint, abgesehen von den Schwierig—
keiten, die in der Sache liegen, dafür noch eine andere Seite
seiner Begabung von wesentlichem Einfluß gewesen zu sein:
seine Klugheit, Überlegtheit, Fähigkeit einer oft überscharf—
sinnigen kalten Berechnung. Denn diese wies ihn nach der
Stimmung des litterarischen Publikums von 1890 zunächst nur
auf ein Kompromiß hin, auf die Verbindung alter Form des
Ganzen mit langsamen, dem Gesamtcharakter eben noch an—
gemessenen Zugeständnissen an die neue Kunst im einzelnen.

Die Romane Sudermanns sind weithin bekannt, und der
Leser wird sich, wenn er seine Erinnerungen durchgeht, leicht
ein Bild davon machen können, inwiefern diese allgemeinen Be—
obachtungen für den Verlauf der Romanschöpfungen des Dichters
im einzelnen zutreffen. Im ganzen gehört in den frühesten
Erzählungen namentlich die Exposition gern völlig der alten
Technik an. Im Fluß der Darstellung dagegen finden
sich dann schon früh Umrisse des Impressionismus selbst über
die Schilderung hinaus und hinein in die Ausgestaltung der
allgemeinen Kunstform; und unterbrochen werden sie schließlich
entscheidend eigentlich nur noch durch die Neigung zu Effekt—
scenen, sowie die Konsequenzen eines starken Zuges zum Senti—
mentalen und gelegentlich auch Lüsternen, wie es jedem Natu—
ralismus an sich fern steht: bis sich der Dichter auch in dieser
        <pb n="325" />
        300

Dichtung.
Hinsicht mehr zu beherrschen weiß. Mit alledem tritt dann
doch ein gemäßigter Impressionismus immer entscheidender her⸗
vor: wie in seinen Dramen so geht der Dichter auch in seinen
Romanen langsam mit der Zeit, und soweit das litterarische
Publikum impressionistische Anschauungen älteren Gedanken—
assoziationen einfügt, ist auch er bereit, sie aufzunehmen, ja der
allgemeinen Entwicklung vielleicht sogar um einige Schritte
vorauszueilen. Das alles tritt aber doch nicht so entscheidend
hervor, daß seiner Art zu erzählen dadurch der Charakter des
Übergangsstiles genommen würde.

4. Inzwischen aber war, um etwa 1800, die Zeit des
reinen physiologischen Impressionismus ihrem Ende nahe.
Zeigte das die schon einmal erwähnte Umfrage von Kurt
Grottewitz in nackter Deutlichkeit, so wiesen auch allerlei
Nebenerscheinungen schon länger auf den gleichen Ausgang hin.
In der neuen Form hatte sich schließlich ein entfesselter stoff⸗
licher Naturalismus widerlich eingenistet; eine große Anzahl
angeblich litterarischer Erzeugnisse strotzten von Brutalität und
Gemeinheit. Und dem krankhaften Sensualismus machten sogar
Naturen wie Wildenbruch („Astronom“, 1887) und Kretzer
(„Drei Weiber“, 1886) Zugeständnisse. Nicht minder gingen
die litterarischen Höflichkeitsformen in einer mehr als derben
Entwicklung des satirischen und polemischen Humors wie in
einfach schimpfender Grobheit, und dies nicht bloß auf dem
engeren Gebiete der schönen Litteratur, verloren.

Das bedeutete den Verfall, und da waren denn zunächst
Parallelerscheinungen wie die des soeben besprochenen Über—
gangsromans sehr begreiflich; zugleich aber drängte die Ent—
wicklung weiter vorwärts, hinein in einen bis dahin unerhörten
psychologischen, ja neurologischen Impressionismus.

Dabei war diese Entwicklung, wie sich der trefflichen
ditteraturgeschichte des 19. Jahrhunderts von R. M. Meyer
zum ersten Male völlig deutlich entnehmen läßt, keineswegs
unvorbereitet: es waren schon Schriftsteller vorhanden, die,
        <pb n="326" />
        Dichtung.

301
eifrige Psychologen, doch im übrigen noch ganz im alten Stile
schufen, ja die selbst noch derart erzählten, daß der Leser zwischen
sich und der Darstellung immer noch den vermittelnden, um—
gestaltenden, verdeutlichenden Autor der dreißiger bis fünfziger
Jahre wahrnahm. Eine der vornehmsten Erscheinungen auf
diesem Gebiete war wohl Margarethe von Bülow, 1860 ge—
boren, 1888 im Rummelsburger See ertrunken bei dem Ver—
suche, einen im Eise eingebrochenen ihr fremden Knaben zu
retten. Margarethe von Bülow hatte jenen „Wolfshunger“
des 18. Jahrhunderts „nach Menschen“; Meyer eitiert von ihr
die Worte: „Ich möchte sie manchmal auf der Straße anfallen
uind sie zwingen, daß sie mir mitteilen, was sie denken und
einpfinden.“ Ihr größtes Werk, „Jonas Briccius“ (1886), ist
ganz ein psychologischer Roman, wenn auch noch in alter
Technik. Ein feiner psychologischer Grübler und Beleuchter
‚abgelegener Gebiete des Seelenlebens“ war ferner der positiv
hristliche Hermann Oeser (geb. 1849; „Vom Tage“, 1888,
Stille Leute“ 1890 u. a. m.): wie denn Frauen und gute
Christen sich neben den eigentlichen, zumeist nervösen Pfad—
findern gern durch ein feines psychologisch-praktisches Verständ—
nis auszeichnen.

Im ganzen aber zeigte sich doch, daß auch ein voller psycho—
logischer Impressionismus zunächst nur auf dem Wege der
Skizze und der aus ihr erwachsenden kurzen Geschichte zu er—
reichen war. Gewiß hat ja der psychologische Roman für die
Technik der großen Kunsterzählung den Vorteil, daß er auf die
— höchstens einiger
Individuen und damit auf eine natürlich gegebene enge Einheit
hinausläuft, die dann sehr wohl in genauem impressio⸗
nistischem Eingehen auf Einzelheiten erreicht werden kann:
dennoch gehörten auch hier die ersten mehr durchschlagenden
Versuche der Skizze an.

In diesem Zusammenhange wurde zuerst die litterarische
Thätigkeit Gerhart Hauptmanns von Bedeutung. Nach Wag⸗
nissen (um 1885), ein Epos über Jesus von Nazareth oder auch
ein Tagebuch des Judas Ischarioth zu schreiben, Werke, die nur
        <pb n="327" />
        302

Dichtung.
psychologisch hätten ausfallen können, veröffentlichte Hauptmann
1887 den „Bahnwärter Thiel“, seinen ersten Versuch, einen
bestimmten Charakter wirklich allseitig „auszuwickeln“, wie man
im 18. Jahrhundert gesagt haben würde. Gewiß ist dabei
noch der Einfluß des Zolaismus, namentlich in einem zer—
streuten, den einzelnen Vorfällen gleichsam nur ruckweise an⸗
gefügten Symbolismus erkennbar, und die naturalistische Technik
steht noch nicht auf der Höhe; vor allem die Exposition ist der all⸗
gemeinen Form nach noch ungelenk, ja sogar stilistisch ungeschickt.
Aber was der Dichter vor allem will: psychologisch schildern,
das gelingt schon. Feiner noch ist die Studie „Der Apostel“
vom Jahre 1890. Hauptmann zerfasert hier den Typ des
religiösen Schwärmers und zeigt, indem er das Bild der
wachsenden Psychose schildert, wie eine Fülle von Neben—
stimmungen dem religiösen Wahnsinn von heute seinen be—
sonderen Zeitcharakter aufdrückt.

Während dieser Anfänge eines unmittelbaren psycho⸗
logischen Impressionismus, wie er ganz entschieden wohl am
frühesten in Hauptmanns Skizzen hervortritt, gestaltete sich
aber auch der physiologische Impressionismus von sich aus in
leisen Ubergängen ins Psychologische, ja Neurologische um,
indem er zum „Salonnaturalismus“ wurde, sich von der
Schilderung der unteren Schichten derjenigen höherer Kreise
zuwandte und hier auf verwickeltere seelische Erscheinungen
stieß, an deren Darstellung er nicht vorbeikam: wobei denn die
bisher geübte Technik die entsprechenden Abänderungen zur Er—
fassung des Psychologischen erleiden mußte. Hauptvertreter
dieser Wandlung auf deutschem Boden ist Heinz Tovote (geb.
1864; „Im Liebesrausch“ 1889, und andere Romane, dazu
eine Skizzensammlung „Ich, Nervöse Novellen“ 1892). Tovote
hat von Maupassant viel gelernt, wie auffällig namentlich seine
Skizzen zeigen; er ist ein sehr flotter Erzähler, warm und an—⸗
schaulich, freilich von jener Lebhaftigkeit, die Tiefe ausschließt.
Leider sind seine Erzählungen dabei dem Gegenstande nach meist
schlüpfrig; und die Gefahr hat ihm gedroht, in der Dirnen—
novelle zu versinken.
        <pb n="328" />
        Dichtung.

303

In der Entwicklung des eigentlichen psychologischen Im—
pressionismus aber, soweit er auf Individualpsychologie aus—
ging, vollzog sich schon früh eine Wendung, die wir aus der
Geschichte der Lyrik schon kennen: die auf den Gegenstand ge—
richtete seelische Versenkung schlug auf den Dichter zurück; die
Erzählung fremder psychischer Zustände wurde mit der Kund—
gebung der eigenen vermischt: und die Stimmung trat hervor
als erstes Moment eines primitiven Idealismus. Und das
geschah mit solcher Gewalt, daß sogar die spätesten Erscheinungen
noch des physiologischen Impressionismus mit Stimmungs—
elementen durchsetzt wurden.

Auf psychologischem Gebiete aber war auch diese Er—
scheinung nicht ohne Vorläufer, um deren Nachweis sich wiederum
R. M. Meyer besondere Verdienste erworben hat. Eine
romantische Stimmung, die leicht in zarten Symbolismus um—
schlug, war in neuen Formen schon gegen Ende der siebziger
Jahre aufgetreten, litterarisch nur scheinbar im Zusammenhange
mit dem Humor etwa eines Raabe, in Wirklichkeit teils in un—
mittelbarer Anknüpfung an die alte Romantik, so an Tieck,
oder in leisem Suchen nach neuen Mitteln idealistischen Aus—
drucks Auf diese Weise hat der Darmstädter Max Rieger seit
Ausgang der siebziger Jahre gedichtet und später eine Sammlung
don Novellen in der Art Tiecks herausgegeben („Der neue
Phantasus“ 1887), und nicht anders ist Steinhausen immer
romantisch und fromm und humorvoll und gelegentlich auch
schon symbolistisch thätig gewesen („Irmela“ 1880, „Markus
Zeisleins großer Tag“ 1883). Und beide gehörten in ihrer
Zeit keineswegs zu den Jungen, beide reichten mit ihren Kinder—
jahren vielmehr eher in die allerletzten Zeiten der Romantik zurück;
Rieger ist 1828, Steinhausen 1836 geboren. Zu diesen beiden
trat dann der philosophische August Niemann (geb. 1839;
„Bakchen und Thyrsosträger“ 1882), ein Erneuerer des alten
Reflexionsromans der Romantik und auch sonst von romantischen
Gebärden, wenn auch in der Einzeldarstellung realistisch. Und
auch Adalbert Meinhardt (Marie Hirsch, geb. 1848) gehört
neben manchem anderen mit ihren „Reisenovellen“ (1885) dieser
        <pb n="329" />
        Dichtung.
Richtung an; sie ist elegisch, sie moralisiert, und sie liebt das
Märchenhafte.

Im ganzen sind alle diese Schriftsteller erst in späteren Jahren
zur Produktion oder wenigstens zur Veröffentlichung ihrer Werke
gekommen; man könnte wohl versucht sein, sie als Ausläufer
der Romantik zu bezeichnen, als die Gruppe einer letzten Epigonie
nach der klassizistischen Epigonie der fünfziger und auch noch
sechziger Jahre. Indes dem widerspricht doch der Charakter des
kräftig Gesammelten, wenn auch zugleich etwas Resignierten in
ihren Werken: weit mehr erscheinen sie als Vortrab eines künftigen
symbolistisch-romantischen Idealismus. Freilich von den Jüngsten
sind sie doch auch wieder vielfach getrennt, denn sie gehören der
Generation an, die nach dem Zeitalter der großen alten Männer
unter Kaiser Wilhelm J. eigentlich mit Kaiser Friedrich hätte
zu Worte gelangen sollen, der aber dieses Wort wie fast ganz
im Staate so auch vielfach im allgemeinen Kunstleben durch
den frühen Tod des Kaisers abgeschnitten worden ist. So
stehen sie ein wenig vereinzelt da; an Altes anknüpfend und
doch schon Ahner des Neuen, sind sie Gestalten wie die Hage⸗
dorn oder Haller oder auch Gellert des 18. Jahrhunderts.

Im ganzen kam darum das stimmungsvoll Neue wiederum,
wie schon das physiologisch und psychologisch Impressionistische,
nicht in Anknüpfung an die größeren Kunstformen der Über—⸗
lieferung und die vorbereitenden Werke des UÜbergangs empor,
sondern wuchs ganz von sich aus; und demgemäß wurde es,
sieht man von Einzelerscheinungen, wie Bahrs ganz auf franzö⸗
ischem Einflusse beruhendem Roman „Gute Schule (1890) ab,
zunächst ebenfalls nur in kleinen Geschichten und Skizzen
lebendig. Und da zeigte es denn alsbald, wie die entsprechende
Lyrik, einen vornehmlich musikalischen, mildtönenden, weichen
Charakter. Es ist eine Erscheinung, die wir im Drama wieder—
finden werden; lagen dem physiologischen Impressionismus der
Dichtung ganz allgemein die Beziehungen zur Malerei besonders
nahe, so dem psychologischen und noch mehr dem neurologischen
nicht minder allgemein die Beziehungen zur Musik.

Vielleicht kann man es auf diesen Umstand zurückführen,
        <pb n="330" />
        Dichtung.

305
wenn in dieser Kunst sterreich, und das hieß Wien, zum Teil
die Führung übernahm. Und sicherlich war es wienerisch, wenn
in diesem Zusammenhange die Verquickung von Sentimentalität
und Frivolität als ein längere Zeit mit besonderer Liebe ge—
oflegtes Moment emporkam. Der Hauptvertreter dieser
Schattierung war der Wiener Arthur Schnitzler (geb. 1862;
„Anatol“ 1893 u. a. m.); mit mehr Meisterschaft als andere
hat er Seelenzustände in den weichen, zerfließenden Formen
kurzer Skizzen wiedergegeben. Charakteristisch war dabei für diese
hesondere Richtung die Vorliebe für die dialogisierte Novellett«:
recht eigentlich ein Kunstwerk des so sehr zum „Plauschen“
—
die Ebner-Eschenbach die Form der dramatisierten Novelle ge—
legentlich mit großer Kunst gehandhabt hat.

Aber auch im Reiche wurde die psychologisch-impressio—
aistische Sktizze und Geschichte in den neunziger Jahren eine
immer beliebtere Erzählungsform; sie unterwarf sich dabei teil—
veis der Neigung der Zeit zum Märchen, die wir in der Ge—
schichte des Dramas noch genauer kennen lernen werden, und
führte, idealistisch gewendet, einerseits zu gänzlicher Erweichung
in bloße, fast rein lyrische Stimmungsbilder, andererseits zu
einem phantastischen Symbolismus. Es sind Übergänge, in
denen sich erst leise, dann immer fester umrissen hinter der ge—
schilderten Erscheinungswelt eine andere seelische Welt empor—
hildete, die dann durch die Erscheinungswelt als die Summe
und das Ganze ihrer Symbole geheimnisvoll hindurchzuglänzen
degann.

Indem aber diese symbolistischen Vorstellungen immer mehr
entfaltet wurden, trat an Stelle der kurzen Geschichte, die
der verwickelteren Gedoppeltheit der symbolistischen Erzählung
aur schwer gerecht werden kann, wieder mehr die längere Ge—
schichte der Roman. Und zugleich wurde an Stelle des psycho—
logischen Impressionismus, der sich gegenüber den symbolistischen
Neigungen leicht als zu tageshell und als zu reinlich und zu fest
konstruiert erwies, die dumpfere, unbestimmtere, ahnungsreichere
neurologische Impression gesetzt. Der gänzlich ungewohnte

amprecht, Deutsche Geschichte. Erster Ergünzungsband. 20
        <pb n="331" />
        306

Dichtung.
Eindruck, den diese neue Kunst bei ihrem Erscheinen machte, ist
von Bahr, wohl dem größten Anempfinder der litterarischen
Vorgänge in Frankreich und Deutschland während der achtziger
und neunziger Jahre, besonders sinnfällig beschrieben worden!.
Von dem Romane Georgs von Ompteda „Drohnen“ (1893)
sagt er: „Keine Handlung und gar keine Psychologie und nicht
einmal das gemeine Vermögen der Naturalisten, das tägliche
Leben zu malen: diese vielen Dinge sehen wir kaum. Aber
wir fühlen sie, wir zucken von ihnen, sie rieseln in uns. Der
nervöse Gehalt wird von ihm aus den Dingen gezogen und in
den Leser gebracht. Plastisches fehlt; er geht ohne Umweg
unmittelbar gleich an die Nerven. Aus Menschen und Dingen
weiß der Verfasser nur den eigenen Dunst, der um sie schwebt,
weiß er nur ihre Musik zu holen. Am schönsten ist das an
der „Gräfin Ines‘ in seiner letzten Sammlung „Unter uns
Junggesellen‘ (18904) gelungen. Nirgends wird seine Weise
deutlicher als in dieser gelassenen, schlichten und doch so un—⸗
gemeinen Erzählung, die ein Wunder an Harmonie von Gefühl
und Form ist. Nichts geht vor, als daß ein junger Mann
eine junge Dame kennen lernt. Von dem jungen Mann erfahren
wir gar nichts, und so mag sich jeder selber an seine Stelle
denken. Von der jungen Dame erfahren wir nichts als den
Geruch ihrer Worte, wir hören die liebe Farbe ihrer Stimme,
und so mag sich jeder für sie die besten Formen denken. Nur
die Melodie tönt, wie die zwei jungen Leute sich mit leisen
Fäden ziehen. Das giebt einen unsäglichen Reiz, weil es im
Grunde gar keine Gestalten, sondern uns in die Stimmung
bringt, selber zu gestalten. Es wirkt wie ein stilles Lied, wie
leises Flüstern auf der Geige und läßt uns ins Weite träumen.
Ich habe nie eine so nichts als musikalische Prosa ge⸗
lesen.“ Und gleich darauf bemerkt Bahr von dem Roman der
Ricarda Huch „Erinnerungen von Ludolf Ursleu dem Jüngern“
(1893): „Sie erzählt die Wirrungen, die eine ungestüme und
fündige Liebe über eine Hamburger Familie bringt und der

Renaissance, neue Studien zur Kritik der Moderne S. 67 ff. 1897.
        <pb n="332" />
        Dichtung.

307

Tod erst löst. Seltsam ist nun, wie der Leser ohne große
Handlungen, ja ohne große Worte, indem die Sprache gefaßt
und immer episch bleibt, unbeschreiblich aufgeregt, durch Angst,
Zorn und Schmerz getrieben, im Innersten bewegt wird. Durch
das Thema? Es ist alt, und da es sehr langsam und um—
ständlich in Gang gebracht wird, höchstens stiller Betrachtungen
fähig. Durch die Form? Gs ließe sich leicht eine glücklichere
Behandlung denken, und der breite, geflissentlich pedantische, oft
gewaltsam goetheisierende Stil müßte eher beruhigen und
dämpfen. Also wie? Man kann es nicht sagen. Es ist wieder
ganz die Wirkung der Musik, wo man auch nicht weiß, warum sie
denn traurig oder heiter ist, als weil sie eben unerklärlich traurig
oder heiter macht. Man wird von Accorden unaufhaltsam in
Stimmungen gezogen.“ Musikalische Wirkung ist Wirkung
auf die Nerven: das, was die Huch wie von Ompteda bringen
und unter Anwendung nicht bloß der von Bahr geschilderten,
sondern auch noch einer ganzen Anzahl anderer Kunstmittel
ausüben, ist die Herrschaft über die neurologischen Eindrücke.
Daß aber eine neurologische Technik den Symbolismus in
hohem Grade begünstigt, ja für ihn in seiner modernen Aus—
gestaltung Voraussetzung ist, zeigt wiederum die Musik mit den
starken symbolischen Wirkungen des Musikdramas und noch mehr
der symphonischen Dichtung.

Dieser Symbolismus ist, in Deutschland wenigstens, seiner
weiteren Entwicklung nach eine Kunst vornehmlich impressiven,
weiblichen Charakters. Kein Wunder daher, wenn Frauen seine
vornehmsten Vertreterinnen sind. Gewiß haben auch einige
Autoren, wie schon der Schweizer Walter Siegfried (geb. 1858)
in seinem Romane „Tino Moralt“ (1890), dem Drama des
Verfalls künstlerischer Schaffenskraft, einige Neigung in dieser
Richtung gezeigt, und selbst der männliche Fontane hat ge—
legentlich (in „Effi Briest“, 1895) das Beschauliche ins Sym—
bolische gesteigert und sich damit auch neurologischer Technik
genähert. Im Vordergrunde aber stehen doch Frauen: Isolde
Kurz, Anselm (Selma) Heine, Helene Böhlau, Ricarda Huch.

Von der symbolistischen Technik wird noch gelegentlich

20 *
        <pb n="333" />
        308

Dichtung.

der Dramen Maeterlincks genauer zu reden sein; die Möglich—
keiten ihrer Durchbildung in der Kunsterzählung spiegelt wohl
die Entwicklung Helene Böhlaus am mannigfaltigsten wieder.
Helene Böhlau, 1859 zu Weimar geboren, hat sich in weitere
litterarische Kreise zuerst mit den prächtigen, humordurchwirkten
„Ratsmädelgeschichten“ eingeführt. Klar, aber noch maßvoll
zu Tage getreten aber war ihr Symbolismus bereits in dem
„Schönen Valentin“ (1886): denn schon auf dieses Werk paßt
in prägnantem Sinne die Begriffsbestimmung, die sie von der
Dichtung gegeben hat: „Poesie ist ein Beiseiteschieben des gewohn—
heitsmäßigen Schauens, durch welches man mit Bewußtsein und
Kraft eine uns vertraute Erscheinung zum ersten Male voll
genießt.“ Später aber ist sie in der symbolistischen Umdeutung
lebensvoller Wirklichkeit weiter gegangen; im „Rangierbahn—
hof“ (1896) wirkt bereits alles Greifbare, jede konkrete Er—
scheinung nur als Statthalter noch von Korrelaten einer
höheren, tieferen und reineren Welt, die hinter den Dingen
wogt und waltet. Und in „Adam und Eva“ oder „Halbtier“
(1899) vollzieht die Dichterin dann den Ubergang vom Sym⸗
bolischen ins fast allein Allegorische; und die Heldin des Romans
erscheint ihr „als der Begriff des ewig bedrückten Weibes, des
geistesberaubten, unentwickelten Geschöpfes, dem alles geboten
werden darf, das alles hinnimmt“. Natürlich verschwindet,
je mehr die Allegorie eintritt, um so mehr jede Charakter—
zeichnung, und die Personen werden Schemen, Gestelle mit
darüber drapierten Begriffen. Zugleich sinkt die Kraft der
realistischen Schilderung, und an ihre Stelle tritt eine „groß—
artig stilisierte Kunstprosa voll prächtiger Einzelheiten“ (Meyer).

Mit der vollen Entfaltung der psychologisch- oder gar
neurologisch-symbolistischen und schließlich allegorisierenden Er—
zählung ist einer der Pole moderner psychologischer Erzählungs—
kunst erreicht. Hinter der Erzählung tritt hier schließlich der
Erzähler immer mehr mit seinen Stimmungen und seinen
Hoffnungen, seinem Glauben und seinem Zweifel hervor: nicht
zufällig sind die letzten und äußersten Erzeugnisse dieser Richtung
fast nur noch subjektive Bekenntnisse der Dichter und noch
        <pb n="334" />
        Dichtung.

309

häufiger Dichterinnen: es sind individualpsychische Ausläufer
der Entwicklung im verwegensten Sinne des Wortes.

Aber daneben steht und erwächst gerade in den letzten
Jahren zu siegreicher Ausbreitung ein zweiter, sozialpsychischer,
kollektivistischer Entwicklungszweig: die Erzählung, die auf
eingehender Wiedergabe der seelischen Erscheinungen des ge⸗
sellschaftlichen Lebens beruht. Und auch er hat sich langsam
aus dem alten psychologischen Roman entfaltet und ist in leisen
Übergängen impressionistischer Technik modern geworden.

Die alte psychologische Erzählungskunst hatte es im Grunde
nur mit der Individualpsychologie zu thun gehabt: sie hatte
die Geschichte eines, selten mehrerer „bedeutender“ Menschen
geben wollen. In diesem Sinne hat noch 1893 Spielhagen
in seinem „Sonntagskind“ den alten psychologischen Roman in
deutlich ausgesprochener Absicht dem Roman des sozialen Milieus
gegenübergestellt bei allen Zugeständnissen, die er inzwischen der
impressionistischen Technik im einzelnen gemacht hatte.

Allein neben diese Auffassung trat nun doch eine sozial⸗
psychische. Unter einem „bedeutenden“ Menschen hatte die
alte Kunstübung der Regel nach einen über dem Durchschnitt
stehenden Charakter verstanden: etwas von dem alten Fabulieren
des Epos, wenn auch nicht mehr gerade ins Transcendent—
Wunderbare, so doch ins Außerordentliche hinein, hatte ihr
noch angehaftet. Das wurde nun abgestreift. Gerade die
Durchschnittscharaktere in ihrer Entwicklung zu begreifen und
zu malen, erschien jetzt, anfangs wenigstens, als eigentliche
Aufgabe. Und insofern diese Charaktere die sozialen Merkmale
der Zeit wiedergaben, lag damit für den sozialpsychischen Roman
die unvermerkte Entwicklung aus den mehr physiologisch—
impressionistischen, naturgemäß mehr den Zuständen zugewandten
Formen nahe. So erklärt es sich denn, wenn sich schon bei
Kretzer deutliche Ubergänge zum sozialpsychologischen Roman
auffinden lassen. Und der erste große Meister dieses Romans
war bereits Fontane. Stärkere Neigungen zum Sozialpsychischen
treten bei ihm schon in „Frau Jenny Treibel“ (1803) hervor,
dieser köstlichen Typisierung der feineren Berliner Bourgeoisie
        <pb n="335" />
        310

Dichtung.
oberhalb der Frau Wilhelmine Buchholz. Fast ganz gehen
dann aber Fontanes letzte Werke in der seelischen Schilderung
sozialer Typen auf: die „Poggenpuhls“ (1806) bringen die
Naturgeschichte der armen adligen Offizierfamilie,, Der Stechlin“
(1898) die Charakterzeichnung des preußischen Junkers. Etwa
gleichzeiiig aber mit Fontane sind auch sonst' einige Dichter,
deren Bedeutung sonst mehr früheren entwicklungsgeschichtlichen
Perioden der nationalen Phantasiethätigkeit angehört, in ästhetis ch
dielleicht besonders hochstehenden Werken zum sozialpsycho⸗
logischen Roman übergegangen. So vor allem Adolf Wilbrandt
(geb. 1837) in seinem „Hermann Ifinger“ (1892), übrigens unter
kräftiger Absage gegen einen übertriebenen Naturalismus. Und
auch Wildenbruch, der bis dahin Meisterschaft eigentlich nur
in der Psychologie des Kindes bewährt hatte, kehrte mit der
„Schwesterseele“ (1894) in der Heimat der „Alltäglichkeits—
osychologie“ ein.

Im ganzen aber wurde der moderne sozialpsychologische
Roman doch von jungen Kräften getragen, die nun in immer
größerer Zahl auftauchten. Und als früheste Führer dieses
Chores traten Georg Freiherr von Ompteda (geb. 1863) und
Wilhelm von Polenz (geb. 1861) hervor. Von ihnen ist
Polenz nicht so fein und technisch nicht in dem Grade modern
wie Ompteda. Aber die sozialen Umwelten namentlich des
platten Landes seiner obersächsischen Heimat giebt er doch mit
ausgesprochenem Geschick wieder („Pfarrer von Breitendorf“,
1803 u. a. m.). Ompteda, ein Niedersachse, ist nach anfäng—
lichem Schwanken mit „Sylvester von Geyer“ (1807) scharf
und sicher in die sozialpsychologische Bahn eingelenkt: der Ge—
schichte eines armen adligen Offiziers von seiner Geburt bis
zu seinem frühen Tode, eines Offiziers nur des Mittelmaßes.

Hohen Aufschwung aber nahm diese Richtung, als sie
mit einer breiteren, ihr naturgemäß parallel laufenden Strömung
berschmolz: mit der Richtung auf Heimatskunst.

Die sozialpsychologische Betrachtungsweise wird immer
gern am Boden haften: denn nur in der beständigen Berührung
mit den nährenden und schaffenden Mächten der Erde und
        <pb n="336" />
        Dichtung.

311

eben damit schon fern jedem überschwänglichen Subjektivismus
findet sie wahres Gedeihen. Und so sind denn die Vorstufen
ihrer modernen Ausbildung thatsächlich in den heimatlichen
Richtungen der Dichtung der nächstvergangenen Generationen
zu suchen: die Bauernkunst der vierziger und fünfziger Jahre ist
ihr Ursprungsgebiet, und Jeremias Gotthelf mit seinen Schweizer⸗
geschichten, Otto Ludwig mit seinen Thüringer Erzählungen
find ihre vornehmsten Paten. Von diesen Anfängen ab hat
dann, wenn auch zeitweis durch den großstädtischen Impressio—
nismus überschattet, die ganze Bewegung doch nie wieder nach—
gelassen oder gar aufgehört: Zeuge dafür ist u. a. ein so starkes
Talent wie der Balte Theodor Hermann Pantenius (geb. 1843),
der konservativ-orthodoxe Romancier der Ostseeprovinzen (, Die
von Keller“ 1885), — noch größerer Gestalten, wie namentlich
der sterreicher Anzengruber und Rosegger, in gewissem Sinne
auch der Ebner-Eschenbach, nicht zu gedenken.

Wie mächtig aber diese Strömung schließlich aus den
Vorbedingungen der modernen Litteratur und zugleich des
nationalen Daseins der Gegenwart hervorquoll, dafür zeugt
die Erscheinung, daß schließlich auch die allgemeine Litteratur
landschaftliche Färbung erhielt — wie sehr ist doch Sudermann
Preuße, Hauptmann Schlesier! —, und noch mehr vielleicht
die Thatsache, daß eine neue landschaftliche Dichtung ihr
Haupt alsbald auch in dem wiedergewonnenen Elsaß, freilich
einer uralten und klassischen Geburtsstätte deutscher Dichtung,
erhob: 1891 erschienen die Alsalieder Christian Schmidts, 1895
die „Lieder eines Elsässers“ von Fritz Lienhard, der seither
mächtig in die Heimatsbewegung eingegriffen hat, und 1899
kam es in Straßburg sogar schon zur Gründung eines be—
sonderen Elsässer Theaters, für das elsässische und andere
deutsche Dichter im Geiste des alten Arnoldschen „Pfingst⸗
montags“ rüstig schufen und schaffen.

Eine ganz besondere Bedeutung aber erhielt diese Strömung
zur Heimatkunst seit etwa dem Jahre 1897, bis wohin die
frühesten Spuren ihrer ausgesprochenen Pflege vor allem in
sterreich zurückgehen: und zwar ebenfalls aus einem all⸗
        <pb n="337" />
        312

Dichtung

gemeinen Zusammenhange heraus. Seit dieser Zeit etwa be—
gann nämlich der idealistische Zug, der im Stimmungsroman
auch die Kunsterzählung ergriffen hatte, sich zu dem Bedürfnis
nach weit objektiveren idealistischen Elementen zu erweitern:
und hier, auf dem Boden des Kultus der größten objektiven
idealen Elemente dieser Welt, des Patriotismus und vor allem
der Heimatliebe, begegnete er sich nun mit der Unterströmung
der Heimatkunst und erhob diese zu einer wahrhaft wichtigen
Erscheinung des nationalen Gesamtlebens.

Was diese Erscheinung für die Nation und die Kunst und
die Zukunft beider zu bedeuten haben wird, das läßt sich heute
noch nicht voll abschätzen. Aber eins ist sicher: die Bewegung ist
mächtig und allgemein; überall weist namentlich die Kunst—
erzählung schon Erzeugnisse starker territorialer Eigenart auf
und kräftige Talente, die sie pflegen; dann folgt die Lyrik,
und, wie das Beispiel des Elsasses zeigt, auch dramatische
Versuche sind nicht ausgeschlossen. Die für das deutsche Leben
unendlich wichtige Thatsache, daß die engen heimatlichen
Bildungen in besonderer territorialer Verfassung, landschaftlicher
Sitte und stammeshaftem Geistesleben, die den nationalen
Einheitszug des 19. Jahrhunderts siegreich überlebt haben, nun
auch gegen den nivellierenden Einfluß allgemein europäischer
litterarischer Tendenzen, ja gegen die schon spürbaren Ein—
wirkungen einer Weltlitteratur für ihr Sonderdasein nicht so
sehr in blinder Abwehr wie in kräftigem Sonderschaffen macht—
voll eintreten, verbürgt uns auch fernerhin die Eigenheit unserer
Kultur: jenes weit verstreute, überall gleich starke, nirgends
übermäßig konzentrierte und darum nirgends einseitige geistige
Schaffen, das unser Wesen so sehr von dem anderer Nationen
der europäischen Völkerfamilie abhebt. Und die Thatsache, daß
in der Heimatkunst zugleich jene uns schon aus der Lyrik
bekannte Entwicklungstendenz des psychologischen Impressio—
nismus auf einen Idealismus nicht bloß der subjektiven
Stimmung, sondern objektiver Werte hin eine sichere Grundlage
gefunden hat, erscheint von guter Vorbedeutung für die Ent—
faltung einer idealistischen Erzählungskunst überhaupt. Sie
        <pb n="338" />
        Dichtung.

313
kommt aber auch dem Drama zu statten: denn dieses bedarf,
um höchste Höhen zu erreichen, der allgemeinen Anerkennung
objektiver Werte des höheren sittlichen Niveaus, der ethischen
Freude also an Familie, Heimat, Vaterland, und des sittlichen
Verwachsenseins mit gewissen elementaren religiösen Vor—
stellungen, die von jedermann, wenn auch nicht im gewöhnlichen
Sinne des Wortes geglaubt, so doch als wohlthuend und
sebensnotwendig unmittelbar empfunden werden müssen.
        <pb n="339" />
        VI.
1. Die Entwicklung des neuen Dramas ist in Deutschland
vornehmlich durch Hebbel, Ludwig und Anzengruber vorbereitet
worden. Und schon hatten diese da, wo sie im Sinne des
Impressionismus tiefer in den äußerlichen wie den psycho⸗
logischen Prozeß eindrangen, auch andere Gegenstände behandelt
als das alte Drama: Hebbels „Maria Magdalena“, Ludwigs
„Erbförster“, Anzengrubers Bauerndramen suchen die stoffliche
Wirklichkeit der niederen Klassen auf. Und Anzengruber, den
ausgesprochensten Vorläufer der neuen Periode, sehen wir in
seiner Kunst im allgemeinen noch scheitern, sobald er ihr die
wirklichkeitsgetreue Darstellung auch nur besserer bürgerlicher
Kreise zumutet.

Nach Anzengruber aber erwuchs der neuen dramatischen
Kunst noch von einer ganz anderen Seite her, man kann nicht
sagen eine unmittelbare Vorbereitung, wohl aber ein Beistand,
der den Übergang stark erleichterte. Und das geschah, während
Anzengruber ein Vollblutösterreicher war — wenn er auch in
Norddeutschland schon früh geschätzt wurde —, in Berlin. Es
kommt da ein wenn auch innerlich vielfach abweichendes, so
doch äußerlich ähnliches Moment in Betracht, wie wir es schon
in der Entfaltung des Berliner Romans kennen gelernt haben:
die besonderen Berliner Verhältnisse begünstigten es, daß sich
hier ein Dichter entwickelte, der, bei vollem Festhalten an dem
alten historisierenden Idealismus, doch vor allem nervös war
und die äußere, physiologische Seite des Geschehens stark be—
tonte: v. Wildenbruch.
        <pb n="340" />
        Dichtung.

315
Die Aufführung der „Karolinger“ Wildenbruchs in Berlin
im Jahre 1882 war zweifelsohne ein wirkliches Ereignis, wenn⸗
gleich der Dichter schon vorher, übrigens nach endlosem Harren,
auf der deutschen Bühne außerhalb der Reichshauptstadt Fuß zu
fassen begonnen hatte. Zwar erkannte die hauptstädtische Kritik
schon früh die psychologische Leere des Dichters: es schien, als
—DDDDDDD
war bezeichnend, daß Wildenbruch trotzdem durchdrang. Denn
was man vor allem zu genießen gekommen war, das war der
bunte Verlauf des Lebens, der dramatische Pomp, die wuchtigen
Scenen. Und mehr: dies Physiologische erschien nervös ge—
faßt: in jagender Hast folgte Handlung auf Handlung; die
große dramatische Anlage im äußeren Aufbau und das be—
sondere Geschick, die moderne Reizsamkeit aufzustacheln, waren
unverkennbar. Und so ward Wildenbruch auf einige Zeit —
etwa ein Jahrfünft — der Held des Tages; erst dann begann
er von neueren, jüngeren Dichtern überholt zu werden, die nun
dem schweren Problem des modernen Dramas mit ganz anderem
Ernst und Rüstzeug auf den Leib rückten.

Freilich: zu einem großen deutschen Drama führten auch
diese späteren Versuche lange Zeit nicht. Es wird einmal be—
sonders lehrreich sein, kann aber hier nicht unternommen
werden, die sehr verschiedenartigen Anläufe zu einem neuen
Drama in spezifisch litterargeschichtlicher Forschung genauer zu
untersuchen, wie sie etwa in den Hohenstaufendramen Martin
Greifs (1886f.) und im „Trifels und Palermo“ von Lilien⸗
rrons, auch einem Hohenstaufendrama aus dem Jahre 1886,
ferner im „Königssohn und Rebell“ von Felix Schulz (1887),
in dem „Naphthali“ von Fritz Lienhard (1888), in dem „Fest
auf der Bastille“ von Franz Herzfeld (1889) u. a. m. vorliegen:
bis im „Nero“ von Julius Brand (Hillebrand) 1890 der deut—
liche Versuch auftritt, das Drama, nach Analogie der Ent—
wicklung der Kunsterzählung, einstweilen einmal nur aus einer
Sammlung von Scenenskizzen modernen Charakters aufzubauen.
Dabei mischen sich freilich bei Brand in dies absolut impressio—
nistische Verfahren schon romantische und symbolistische Elemente.
        <pb n="341" />
        316

Dichtung.

Im ganzen aber wird sich doch sagen lassen, daß alle diese
Versuche, soweit sie die Form weiterbildeten, zwischen zwei Exr⸗—
tremen verliefen, dem einen, das die Zukunft des Dramas durch
stärkste Anhäufung von Handlungsmomenten beschwören wollte,
und dem anderen, das vielmehr auf eine Zustandsschilderung
nach Art des „Sekundenstils“ der Kunsterzählung ausging:
so daß man hier unschwer dieselben Gegensätze wiedererkennt,
die sich schon in der Lyrik zwischen rhythmischer Kürze und
breitem Hinlagern der Gefühle nachweisen ließen, und die sich
zuerst auf dem Gebiete der bildenden Künste in dem Kontrast
zwischen ornamentierter und verblasener Freiluftmalerei aufthaten.
Und wenn sich dabei noch weiter herausstellt, daß bereits dieser
erste große Gegensatz in der Entwicklung des modernen Dramas
sich nicht mehr auf naturalistischem, sondern schon idealistischem
Gebiete abspielt — denn alle herangezogenen Vergleichs-
momente, rhythmische Kürze und Ornamentik wie stimmungs—
volle Breite und Symphonien verblasener Farben haben das
gemein, daß sie den Impressionismus schon idealisieren —, so
eröffnet das besondere Aussichten auf das Wesen des modernen
Dramas, ja vielleicht des Dramas überhaupt, die später noch
genauer zu verfolgen sein werden!.

Als Dichter eines möglichst starken Handlungsstils trat iu
der Zeit der Anfänge wohl Bleibtreu am meisten hervor.
Bleibtreu suchte als dramatische Unterlage gern ausgedehnte
geschichtliche Entwicklungsreihen auf, und diese schob er dann
so wuchtig in den Vordergrund, daß die Personen fast ver—
schwanden, sie wären denn ausnahmsweise die verkörperten
Träger des furchtbar und im Grunde unpersönlich dahin—
schreitenden Schicksals. Waren nun aber die Personen Bleib—
treus im allgemeinen Schemen, so genügte es, sie mit
den Mitteln einer primitiven Kunst zum Handeln zu bringen.
Und daran hat sich denn der Dichter in der That zumeist
genügen lassen. Natürlich geriet er damit sozusagen aufs
Drnamentale und ins Kunsthandwerkk: und darum hat

S. unten Abschnitt 6 S. 363 ff.
        <pb n="342" />
        Dichtung.

317
diese Richtung entschiedene Folgen und große Wirkungen nirgends
gezeitigt.

Das andere Extrem der Versuche wird am besten durch
die „Familie Selicke“ Holzens und Schlafs, der uns schon be—
kannten Dichter zu gesamter Hand, gekennzeichnet (1890). Es
ist der Anonymus Holmsen ins Dramatische übertragen: wie
denn der „Sekundenstil“ der Kunsterzählung eigentlich von
selbst ins Dramatische überging. Freilich, in was für ein
Dramatisches! In das des bloßen Alltags, der unweigerlich
aufsteigenden Langenweile. Und darum ist dieser Richtung,
wie sie z. B. noch in Schlafs „Meister Oelze“, einem reinen
Zustandsdrama“ vom Jahre 1892, auftrat, schon die äußere An—
erkennung des Bühnenerfolges ebenfalls versagt geblieben. Von
tieferen Erwägungen aus aber war es erst recht klar: der bloße
Abklatsch der Wirklichkeit that es im Drama noch bei weitem
weniger als in anderen Gattungen der Dichtung; es galt vor
allem, irgend eine Schicksalsidee anzuerkennen, deren Walten die
Gestaltung des Stoffes auch künstlerisch unterstellt werden
mußte. Begrüßte gleichwohl ein so einsichtiger Kenner der
litterarischen Strömungen wie Fontane die „Familie Selicke“
als wirkliches Neuland, so erinnert das gegenüber der über—
mäßig abschätzigen Beurteilung des naturalistischen Impressionis—
mus in der Gegenwart sehr zur Zeit daran, wie sehr doch auch
die heutigen idealistischen Versuche dem naturalistischen Bestreben
des Frühimpressionismus eine außerordentlich vertiefte Er—
kenntnis und Auffassung der Wirklichkeit zu danken haben.

Im übrigen aber war schon längst der Dramatiker wirk—
sam, der eine neue Kunst naturalistisch und idealistisch zu—
gleich, wie in moderner Technik so unter dem Eindruck einer
modernen Schicksalsidee entfaltete; und schon hatte er auch,
ein Fremdgeborener, einen entscheidenden Einfluß auf die Fort—
hildung der deutschen Kunst erlangt. Es war Hendrik Ibsen.

Die neuen Anforderungen des Impressionismus an die
dramatische Kunst, eine Kunst, die, von Wirklichkeitssinn und
Weltanschauung, von realistischen und idealistischen Momenten
zugleich abhängend, sich da nur schwer umwandelt, wo sie schon
        <pb n="343" />
        318

Dichtung.

eine längere Vergangenheit besitzt, brachten es mit sich, daß das
neue Drama viel eher bei halb traditionslosen Völkern er—
blühte als bei den Völkern einer großen litterarischen Über—
lieferung, bei Italienern und Spaniern etwa oder bei Fran—
zosen, Engländern und Deutschen. Die dramatisch halb
traditionslosen Vöolker aber waren die Nationen des äußersten
europäischen Nordens und Ostens: die Kolonialvölker gleichsam
des alten centraleuropäischen Bildungsbereichs, die hier die
Gunst aller Kolonien genossen, neue Errungenschaften höchster
Bildung auf jungfräulichem Boden besonders leicht und klar
entwickeln zu können: die Skandinavier und Russen. Bei
ihnen sind darum die Anfänge des impressionistischen Dramas
— wie überhaupt der modernen Dichtung: es ist davon schon
die Rede gewesen — am frühesten und ungehindertsten empor—
geblüht. Von diesem Drama aber hat nun in Deutschland,
bei aller Bedeutung der Russen Dostojewski und Tolstoj, doch
wieder das nordgermanische, stammverwandte am meisten ein—
gewirkt und innerhalb seines Bereiches wiederum das nor—
wegische. Der wichtigste Schöpfer aber des modernen nor—
wegischen Dramas war Ibsen.

Ibsen (geb. 1828) zeichnete sich schon in seinen Dramen
der fünfziger und sechziger Jahre, die der künstlerischen Form
nach im wesentlichen noch dem damals blühenden Historismus
angehören, durch die Entwicklung einer besonderen Welt sittlicher
Ideen aus. Es ist eine Periode, die mit „Kaiser und Galiläer“
(1878) abschloß. Inzwischen aber hatte er, etwa seit 1864,
seit er im Auslande weilte, das früher schon gestreifte reine
Sitten- und Gesellschaftsdrama wieder aufgenommen, indem er
gegenüber den Konvenienzen und Lügen der bestehenden Ge—
sellschaft immer stärker die Notwendigkeit absoluter Wahr—
haftigkeit und im Zusammenhang damit das Recht einer
höheren Freiheit, sowie die Pflicht zur Einhaltung eines feineren
Sittengesetzes für das Individuum betonte. Und im Verfolg
dieser Tendenzen modelte er dann zugleich, von einem un—
bestechlichen Wahrheitssinn auch in der Formgebung weiter—
getrieben, die Technik des herkömmlichen Dramas so lange um,
        <pb n="344" />
        Dichtung.

319
bis sein impressionistischer Charakter entwickelt war. Dieser
Prozeß, in welchem sich also neue Schicksalsidee und neue
Technik auf Grund modernen Wirklichkeits- und Wahrheits—
sinnes die Hand reichten, begann mit dem „Bund der Jugend“
(1869), setzte sich fort über die „Stützen der Gesellschaft“
(1877), ging seinem Abschluß entgegen in „Nora“ (1879) und
in den „Gespenstern“ (1881) und erschien vollendet in der
„Wildente“ (1884), in „Rosmersholm“ (1886) und in der
„Frau vom Meere“ (1888). Doch zeigten sich in diesen letzteren
Stücken seit etwa Mitte der achtziger Jahre schon Neigungen
zu stärkerer Symbolik, grüblerischer Psychologie und einem
rein ethischen Idealismus, die eine weitere Entwicklung ein—
leiteten. Und diese trat dann, nachdem der Dichter 1801 in
seine Heimat zurückgekehrt war, ganz deutlich hervor in den
späteren Dramen seit „Hedda Gabler“ (1890).

Das, was zunächst den formalen Impressionismus Ibsens
kennzeichnet, ist die bis ins einzelste durchgeführte Darstellung
der äußeren, physiologischen Wirkungen psychischer Vorgänge.
Ibsen beobachtet wie ein Nervenarzt, ist der genaueste Kenner
der physiologischen Seite des Seelenlebens. Und er giebt diese
Seite in den feinsten Augenblicksregungen wieder, wie sie sich
im Sprechen und im Schweigen, im Redenwollen und Stocken
und Verstummen, ja oft nur in einer Geste oder einer Wendung
des Körpers äußern. Es ist eine zunächst sozusagen natur—
wissenschaftliche Auffassung, eine Auffassung von außen her,
ein rein physiologischer Impressionismus. Und wie der Natur—
forscher niemals mit seiner Seele in die Gegenstände seiner
Forschung eingehen kann, da diese menschliche Seele nicht
besitzen, wie er mithin seinem Stoffe auch niemals geistig
coordiniert ist, sondern ihn immer als zu sich subordiniert
vorstellt, so verfährt Ibsen in der Beobachtung des Seelenlebens
seiner Gestalten: sich diesen als Fleisch und Blut von seinem
Fleisch und Blut gleichzuordnen, in sie hassend und liebend
aufzugehen, liegt ihm fern. Die Welt, die er schildert, unter⸗
steht vielmehr dem Gesetze einer absoluten Kausalität ihrer
zigenen Bildung, die keinen Eingriff, ja selbst keine eigentliche
        <pb n="345" />
        320
2

Dichtung.

Wärme der Darstellung gestattet, die eben nur geschildert sein
will; sie ist ein für allemal für sich und in sich monistisch—
immanent organisiert, und der Dichter zeigt uns ihre Schick—
sale nach ihren Gesetzen ganz objektiv, wie das Schauspiel
einer Vivisektion. Ibsen kennt also absolut kein Schicksal von
irgendwelcher Transcendenz, das etwa gar ästhetischen Rück—
sichten in der Abrundung von Menschenschicksalen zugänglich
gedacht werden könnte, und seine Dramen stellen, von dieser
Seite her betrachtet, kein „geschlossenes Kunstwerk“ im Sinne
der Kunstlehre früherer Zeiten dar, sondern einfach ein Stück
Leben, wie es nach den Gesetzen seiner eigenen Kausalität
selbstmächtig abläuft.

Trotzdem kommt es bei ihm zu einer gewissen Geschlossen⸗
heit des Kunstwerks. Nur daß diese nicht dem inhaltlichen
Zusammenstimmen der Handlungen, sondern erst der formal—⸗
künstlerischen Behandlung des gegebenen Handlungsverlaufes
verdankt wird. Und da besteht nun die Kunst des Dichters
zumeist darin, daß er dem Zuschauer unmittelbar nur die
Katastrophe vorführt, während die Erzählung der Verknüpfung
der Ereignisse, die zur Katastrophe drängen, nur durch die
Mitteilungen ungezwungener Erinnerungen der Beteiligten
während der Katastrophe selbst erfolgt. Bei dieser Form—
gebung wird dann Zeit gewonnen, die Katastrophe selbst in
vollster Ausführlichkeit und in der ganzen illusionistischen Breite
des Alltagslebens vorzuführen: und eben in dem Gegensatz
zwischen dem einförmig-ruhigen Sichhinschieben der Gewohn—
heiten und dem furchtbaren, in sie eingesprengten, sich zwischen
ihnen vollziehenden Inhalt der Katastrophe liegt zum großen
Teile die zauberische Anziehungskraft des Ibsenschen Theaters.

Was aber entwicklungsgeschichtlich wichtig ist: erst diese An—
ordnung der Fabel läßt überhaupt auf der Bühne die volle Ent—
faltung des Menschenlebens im impressionistischen Sinne zu.

Unser Drama ist der Geschichte seines inneren Aufbaus
nach bekanntlich aus der Erzählung erwachsen. Die Mysterien
des Mittelalters wollten den Hauptgang der christlichen Heils—
thaten lebendig erzählen. Die Bühne Hans Sachsens ist der
        <pb n="346" />
        Dichtung.

321
Schauplatz von Personen, die, Figuren einer bestimmten Hand—
lung, diese Handlung noch zum großen Teile selbst erzählen;
es giebt Stoffe, die Hans Sachs sowohl in der Form der Er—
zählung wie in der des Schauspiels behandelt hat, und der
Unterschied zwischen beiden Arten der Behandlung erweist sich
dabei noch nicht als allzugroß. Auch das Drama Shakespeares
trägt den Zusammenhang mit der Erzählung noch deutlich an
der Stirn geschrieben; und auch die Bühne des Globetheaters
war noch nichts als ein Schauplatz für Personen, die in einer
hestimmten Kombination eine Geschichte von sich erzählten. Aber
selbst das deutsche Drama des Klassizismus, von dem der
Romantik nicht zu reden, hatte noch nicht die volle Illusion
der Wirklichkeit zum Ziele, wie wir sie heute begreifen: denn
noch waren starke Reste des alten Erzählungscharakters übrig
geblieben: die Einzelpersonen setzten vor den Mithandelnden
zum Nutzen eines leichteren Verständnisses der Zuschauer das
Wesen ihrer Charaktere auseinander; sie teilten in Monologen Ge—
heimnisse ihrer Seele mit, deren Tiefen sie in der Wirklichkeit
sogar im Selbstgespräch niemals erschlossen haben würden; sie
machten ihren Gefühlen in beiseite gesprochenen Worten Luft,
deren Gebrauch sie im Ernstfall weislich unterlassen haben würden:
kurz, sie zeigten eine den Erzähler charakterisierende, eine epische
Redseligkeit, die in schreiendem Widerspruch stand mit der seelischen
Disposition, die für sie in gewissen Momenten anzunehmen
war. Und nicht anders benahmen sich die Personen im Dialog.
Sie erzählten sich zu Gunsten des zuhörenden Publikums Dinge,
die sie unter sich längst kannten und kennen mußten; sie machten
ihren Empfindungen aufs entschiedenste Luft gegenüber der Er—
wähnung von Vorkommnissen, die sie, wenn sie der Wirklichkeit
angehört hätten, bei ihrer längst schon vorhandenen genauen
Bekanntschaft mit denselben kalt gelassen haben würden. In
Summa: im Monolog wie im Dialog sprachen die Personen
zum guten Teil noch zum Publikum: erzählten.

Diesen zähen und tief auf die Form des Dramas ein—
wirkenden Rest der alten Erzählungstechnik hatten auch die
ersten impressionistischen Neuerer auf deutschem Boden noch

Lamvprecht. Deutiche Geschichte. Erster Ergünzungsband. 21
        <pb n="347" />
        322

Dichtung.
keineswegs entschieden beseitigt. Zwar hat sich bereits Hebbel
wiederholt gegen Selbstcharakteristiken der Personen des Dramas
und Verwandtes ausgesprochen, aber Ludwig z. B. schwor
schließlich selbst in Sachen kleinster Kunstgriffe dramatischer Be—
seelung noch auf Shakespeare.

Erst Ibsen hat hier das Ganze einer neuen Technik ge—
schaffen, das dem Seelenleben der zweiten Hälfte des 19. Jahr—
hunderts entsprach, das für das Drama das ist, was die Frei—
lufttechnik für die bildenden Künste. So sehr er den Fortschritt
der Handlung, hierin den Franzosen folgend, in den Dialog
verlegte und nicht mehr in bunte Bilder und gröblich äußere
Handlungen, so unterdrückte er doch zugleich den Monolog, das
Beiseite und die Selbstcharakteristik und vermied die erzählende
Exposition und Verwandtes; und indem er den Dialog bis
auf die kleinste Einzelheit nach dem Leben in lückenlos sicherer
Folgerichtigkeit aufbaute, gab er ihm auch den vollen Schein
dieses Lebens. Dabei führte er ihn so, daß die Momente, aus
denen die dargestellte Katastrophe hervordrängt, gleichwohl,
oft nur in ganz kurzen Andeutungen, dennoch aber vollständig,
zum Bewußtsein des Hörers kamen. Und so erreichte er eine
Lebenswahrheit, die, dem Erzählungsdrama älterer Zeiten
grundsätzlich fern, dem Wirklichkeitsverständnis der Vorgänge
derart nahe kommt, daß eine volle Illusion erreicht wird: daß
die Bühne als Rahmen des Lebens erscheint, nicht als Podium
einer durch die Personen der Handlung vorgetragenen Er—
zählung.

2. In Deutschland war, während sich eigenständige An—
fänge eines neuen Dramas zeigten und die Dramen der zweiten
Periode Ibsens auftauchten, ja eigentlich schon vorher gefühlt
worden, daß man, wenn nicht auf dem Gebiete des Dramas
selbst, so doch auf dem der Bühnendarstellung vorwärts gehen
müsse: vom Theater her also wurde zuerst der stärkere Illusionis—
mus des modernen Wirklichkeitssinnes gefordert. Sehr natür—
lich: war er doch hier verhältnismäßig leichter, und ohne das
        <pb n="348" />
        Dichtung.

323

Auftauchen starker Neuerer der dramatischen Dichtung ab—
zuwarten, zu befriedigen.

Schon in den siebziger Jahren hatten darum hierher
gehörige Versuche begonnen; in den Reformen der Meininger
Bühne kamen sie zunächst noch dem historischen Drama und
dem Drama der klassischen Litteraturperiode zu gute. Indes
—DDD0
des Gegenwartdramas und verwandelte sich damit zu einer
unmittelbaren Vorwirkung des ausgesprochenen Impressio—
nismus.

Im Theaterwesen selbst aber ging man noch weiter. Um
den Schlendrian der bestehenden Praxis zu brechen, erschien
die Begründung einer Musterbühne notwendig; 1883 kam es
nach dem freilich nicht erreichten Muster der Comédieé frangaise
zur Begründung des Deutschen Theaters in Berlin.

Und ein paar Jahre darauf wurde dann Ibsen in Berlin
auf die Bühne gebracht: durch ein Vorstadttheater zunächst,
das Residenztheater, an dem Anno eine treffliche Schauspiel—
truppe speziell zur Darstellung des modernen Dramas durch—
bildete.

Da aber Ibsen doch nur sehr spärlich gegeben wurde und
die neuen nationalen Dramatiker auf der Bühne so gut wie
gar nicht zu Worte gelangten, so suchte die Ungeduld des
Sturmes und Dranges der achtziger Jahre noch nach einer anderen
Möglichkeit, das neue Drama zur Aufführung zu bringen.
Sie fand sich in den sogenannten Freien Bühnen, Gesellschafts—
unternehmungen zunächst nur der Kreise, die sich für die neue
Kunst begeisterten. Die Idee ging, nicht ohne Einfluß des
Pariser Théatre libre Antoines — das aber ein Geschäfts—
unternehmen war und ist —, in Berlin zunächst von Theodor
Wolff und Maximilian Harden aus; an die Spitze der ersten
Freien Bühne schwang sich dann als Leiter Otto Brahm. Und
diese Bühne wurde nun ganz in den Dienst der jungen Be—
wegung gestellt; im ersten Spieljahr (188990) wurden neben
Dramen von Björnson, Strindberg, Tolstoj und den Goncourts
Stücke von Anzengruber, Fitger, Hauptmann, Holz und

21*
        <pb n="349" />
        Dichtung.

Schlaf zu Gehör gebracht. Später ist dann in Berlin noch
eine „Deutsche Bühne“ und eine „Freie Volksbühne“ für die
Arbeitermassen entstanden, und „Freie Bühnen“ mit verwandten
Aufgaben und ihnen mehr oder minder entsprechende Ein—
richtungen sind auch in Leipzig, München, Hamburg und
anderswo emporgeblüht.

Schon diese Folge von teilweis freilich rasch vorüber—
gehenden Gründungen bezeugt, wie energisch jetzt die neue
Kunst der Bühne zudrängte. Und so blieb es denn nicht bei
vrivaten Veranstaltungen. Schon von 1890 ab ging Suder—
manns „Ehre“, freilich noch ein Kompromißstück, über die
öffentlichen Bühnen Deutschlands und bald auch des Auslands.
Dann eroberten sich Hauptmanns Dramen „Das Friedensfest“
und „Einsame Menschen“ anfangs der neunziger Jahre rasch das
Deutsche Theater in Berlin und die Hofburg in Wien; und
„Hannele“ erschien in Berlin zuerst im Königlichen Schauspiel—
hause (14. November 1893). Den vollen Triumph der neuen
Kunst aber bezeichnete die Aufführung von Hauptmanns
„Webern“. Noch 18092 polizeilich verboten, sind sie seit Sep—
tember 1894 auf dem Berliner Deutschen Theater binnen dreier
Jahre mehr als zweihundertmal gegeben worden.

Begleiterscheinungen dieses Aufschwungs waren die jetzt
voll zu Tage tretende Ausbildung einer neuen Schauspielkunst,
in der Reicher mehr das impressionistische, Kainz mehr das
nervöse Element vertrat, sowie gewisse Veränderungen in dem
hergebrachten Repertoire der großen Toten. Da tauchte Molière
wieder stärker auf, durch Fuldas witzig-elegante Übersetzung
zur Aufführung doppelt empfohlen, und von Goethe erlebten
die „Zustands- und Seelendramen“ „Tasso“ und „Iphigenie“
und namentlich wohl „Tasso“ etwas häufiger die Aufführung.

Was aber wichtiger war: im Beginn der größeren äußeren
Fortschritte fand sich uber den Norweger Ibsen hinaus auch
ein deutscher Dichter, der dem vorwärtsdrängenden dramatischen
Leben lange Zeit hindurch beinah regelmäßig einen repräsen⸗
tativen Ausdruck zu geben wußte: Gerhart Hauptmann (geb.
1862). Hauptmann ist nach einer Jugend, die sehr mannig—
        <pb n="350" />
        Dichtung.

325
fachen Versuchen geistiger Bethätigung gewidmet war, klar im
Jahre 1886 in die moderne Bewegung eingetreten; seit dieser
Zeit hatte er Beziehungen zu gewissen litterarischen Kreisen
Berlins. Voll entbunden aber wurde seine litterarische Kraft
doch erst 1889 im Verkehr mit Arno Holz. Dieser trieb ihn
in einen Impressionismus, den auch der „Bahnwärter Thiel“
noch nicht aufgewiesen hatte; und zugleich erschloß sich dem
Dichter die dramatische Form als die seiner Begabung ge—
mäßeste!: es entstand „Vor Sonnenaufgang“.

Das Drama führt in die sittlich völlig verdorbene Welt
eines schlesischen Dorfes, dessen Bauern durch Auffindung von
Kohlen unter ihrem Grund und Boden zu reichen Faulenzern
geworden sind. In einer Familie, deren Untergang durch erb⸗
liche Trunksucht unabwendbar ist, scheint sich einem noch rein
gebliebenen Mädchen die Gelegenheit zu eröffnen, durch Ver—
heiratung mit einem Fremden den entsetzlichen Zuständen, in
denen sie lebt, zu entrinnen: diese Aussicht verschwindet, und
sie giebt sich den Tod. Das Drama, das wie andere Dramen
Hauptmanns zur Charakteristik des allgemeinen Verlaufes der
dramatischen Entwicklung hier etwas genauer besprochen werden
soll, bietet noch eine Mischung sehr verschiedener Stilarten: der
Impressionismus ist wohl angestrebt, aber nicht einmal in der
Führung der Scenen und des Dialogs gleichmäßig erreicht, wie
denn überhaupt die Technik im engeren Sinne noch etwas Ur—
wüchsiges hat; und neben dem Zuge zur Entfaltung eines
originären deutschen Naturalismus stehen noch Einwirkungen
der Werke Tolstojs und namentlich Ibsens. Zweierlei Inner⸗
licheres ist dagegen schon mit sicherem Instinkte getroffen: die
Folgerichtigkeit des Verlaufes der Handlung und die Zurück—
führung dieser Handlung auf die einfachste Form. Und damit
ist denn auch schon die Möglichkeit eröffnet, thunlichst auf bloß
formalem Wege, ohne starkes Hervorheben einer besonderen

So viel wird sich an den Ausführungen Schlenthers, Hauptmann?
S. 72, gegenüber Meyer, Deutsche Litteratur im 19. Jahrhundert
S. 831 f. aufrecht erhalten lassen.
        <pb n="351" />
        326

Dichtung.
Schicksalsidee, zu einer festen Gestalt des Dramas im großen
zu gelangen: jenes Bestreben, das jedem Naturalismus —
dem modernen speziell unter der Voraussetzung der Kausali—
tät — besonders naheliegen wird. Und auch die Vereinfachung
drängt zu einer solchen Gestalt hin. So besteht in „Vor
Sonnenaufgang“ schon nahezu die Einheit der Zeit und des
Ortes nach den strengsten Anforderungen. Auch die späteren
Stücke Hauptmanns zeichnen sich durch so festen Schluß aus,
am meisten vielleicht gerade die Traumdichtung „Hannele“:
denn je mehr ein Stück an Illusionskraft verlangt, um so
mehr muß als erste Anforderung der Illusion gerade der straffe
Schluß der Handlung betont werden.

Auch das „Friedensfest“ und „Einsame Menschen“, Haupt⸗
manns Dramen der Jahre 1890 und 1891, stehen noch — ja
in gewissem Sinne noch mehr — unter dem Einflusse Ibsens;
das eine erinnert an die „Gespenster“, das andere an
„Rosmersholm“ und „Hedda Gabler“. Beides sind Familien—
dramen. In beiden handelt es sich darum, daß eigenartig be—
anlagte und entwickelte Individuen an den engen Schranken
von Familie und Ehe zu Grunde gehen; im „Friedensfest“ die
Angehörigen zweier Generationen einer unglücklichen, in den
„Einsamen Menschen“ der Mann einer wenigstens nicht glück—
lichen, nach zu früher Verlobung leichthin geschlossenen Ehe.
Beide Stücke zeigen auch schon im einzelnen eine meisterhafte
Führung des Dialogs; hier hat Hauptmann das Vorbild
Ibsen erreicht; und der allgemeine Illusionsgehalt ist dement—
sprechend außerordentlich. Dabei ist das Motiv des Ideals
einer höheren, innerlicheren Moral, das zu erreichen die pro—
zrammatische Aufgabe der Helden Ibsens bildet, in den „Ein—
samen Menschen“ zwar angeschlagen, aber nicht mit dem ge—
heimnisvollen, phosphoreszierenden Glanze der Dramen des
Norwegers durchgeführt. Voll erreicht dagegen erscheint in den
„Einsamen Menschen“ schon die Schilderung der Bildungs—
nüancen fein organisierter moderner Seelen; und die Tragik
des Stückes ist nicht die der Übertretung handfester sittlicher
        <pb n="352" />
        Dichtung.

327
Gebote, sondern vielmehr zartester gegenseitiger Daseins—
bedingungen einer hochstehenden freien Menschlichkeit.

Von nun ab aber beginnt Hauptmann viel mehr eigene
Wege zu gehen. Und diese führen ihn in doppelter Richtung:
zur impressionistisch-individualpsychologischen Komödie und zum
impressionistisch-sozialpsychischen Massendrama.

Der Komödie gehören „College Crampton“ (1892) und
der „Biberpelz“ (1893) an. Von ihnen ist das erste Stück,
das durch eine Aufführung von Moliéres „Geizigem“ angeregt
wurde, im Grunde nur die bis ins kleinste ausgeführte
Charakterstudie eines trunksüchtigen Professors einer schlesischen
Malerakademie, bei der dem Dichter Erinnerungen an einen
akademischen Jugendaufenthalt in Breslau zu Hilfe gekommen
sein werden; die bürgerlich-kaufmännischen Kreise, die dem
Collegen Crampton“ gegenübergestellt erscheinen, sind, wenn
auch mit bezeichnenden Strichen, doch nur andeutend gemalt
und weniger gelungen. Das Wesen der Komödie erhält das
Stück zum Teil durch die genial-humorvollen Züge des Helden
und die Gegenfigur seines Faktotums, eines sorgsam-biederen
Dienstmannes, — vor allem aber durch seinen freilich etwas
unorganischen und äußerlich gehaltenen Ausgang, indem uns
die Möglichkeit einer Besserung des traurigen Zustandes des
Helden, wenn auch nur von ferne, gezeigt wird. In viel um—
fassenderem Sinne ist der „Biberpelz“ eine Komödie, die
Komödie des dummen Strebertums: freilich eine Satire zu—
zleich und insofern ein weiterer Schritt auf dem Wege, den
Kleist mit dem „Zerbrochenen Krug“, Hebbel mit dem „Trauer⸗
spiel in Sicilien“ beschritten hatte.

Indes noch bevor der „Biberpelz“ auf der Bühne erschien,
war Hauptmann in völlig neue Bahnen eingelenkt. Liegt der
geschichtlichen Betrachtung bei der Tragikomödie, wie soeben
beinerkt, eine Anknüpfung an Hebbel und Kleist nahe, und läßt
sich gelegentlich der Familienstücke des Dichters vergleichsweise
rückwärtsgreifen mindestens bis auf Ludwigs „Erbförster“
und Hebbels „Maria Magdalena“, so versagen für die sozial—
osychischen Massendramen, für die „Weber“ (1892) und „Florian
        <pb n="353" />
        zꝛ8

Dichtung.
Geyer“ (18096), eigentlich alle historisch vergleichenden Be—
trachtungen, man müßte denn an den bei verwandten Absichten
künstlerisch ganz anders gearteten „Tell“ Schillers anknüpfen.

„Die Weber“, welche die Aufstandszeiten der von Hunger⸗
typhus zu Hungertyphus getriebenen Weber des Riesengebirges
in den vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts zum Gegenstand
haben, sind das erste Drama der deutschen, wenn nicht der
Weltlitteratur, das eine ganze soziale Masse, eine sozialpsychische
Schicht des Volkes als den eigentlichen Helden greifbar auf
die Bühne bringt. Und diesem sozialen Helden ergeht es wie
den individuellen Helden des modernen Dramas: in unleidliche
Zustände hineinversetzt, in Verhältnisse, die ihm die Lebensluft,
ja die Daseinsmöglichkeit rauben, kämpft er gegen eine über—
legene Schicksalsmacht, um sich an ihrer Gewalt zu verbluten.

Der Aufbau des Stückes ist in hohem Grade klar. Gewiß
hatte sein Inhalt in den Überlieferungen der Heimat und
speziell auch noch der Familie Hauptmanns schon Züge um—
gestaltender Sage angenommen: ein Vorgang, der die Ver—
dichtung des Stoffes sehr erleichtern mußte. Gleichwohl galt
es ein Wagnis, das ohne Vorbild war: wie in den Familien⸗
dramen die excentrische Lage eines Mitgliedes, durch besondere
Ereignisse in eben diesem ihrem Wesen klargelegt, zum Er—
wachen des Heroismus dieses Mitgliedes und zu seinem Fall zu
führen pflegte, so mußte hier ein verwandtes Schicksal für eine
ganze soziale Schicht anschaulich gemacht werden.

Der erste Akt des Stückes zeigt uns den Vorgang der Waren⸗
abnahme der Weber im Hause des Fabrikanten: das ganze Elend
einer bis zur Verzweiflung an der Zukunft fortgeschrittenen Be—
völkerung der Hausindustrie wird uns vor Augen geführt. Aus
dem ärmlichen verhungerten Volke tritt dabei der körperlich
besonders bevorzugte und darum widerstandsfähiger gebliebene
Weber Bäcker hervor: einer der künftigen Führer des Aufstands.
Der zweite Akt führt in die Intimität der Armut; wir be—
gleiten den alten Weber Baumert in seine verwahrloste Hütte
und lernen seine Frau, seine Töchter, seinen Sohn, einen
Idioten, und seinen Enkelsohn, das uneheliche Kind der einen
        <pb n="354" />
        Dichtung.

329
Tochter, kennen. Und in diese Welt tritt ein zweiter Führer
der drohenden Erhebung, auch er physisch kräftig, der soeben
aus dem Militärdienst heimkehrende Webergeselle Jäger: der
Renommist, der in dem allgemeinen Umsturz doch zu kräftigem
Handeln gelangt neben dem mit angeborener Kühnheit, ja
Frechheit ausgestatteten Bäcker. Ein dritter Akt spielt in einer
der Gaststuben der Weberdörfer. Auf diesem Boden, nicht ohne
Einfluß des Alkohols, der diese ausgemergelten Gestalten erst
auf den verantwortungsreichen Weg zur That weisen kann, er—
steht, zum Teil auch durch Reibung an dem sozialen Gegensatze
zu den in der Gaststube vertretenen Gesellschaftsschichten des
Handwerks- und Kaufmannsstandes, der blinde Impuls des
Widerstands. Und nun wälzt sich die in Fanatismus geratende
Menge gegen das Haus des Fabrikanten; der vierte Akt spielt
in diesem Hause; er zeigt die Stimmungen, Gefühle, Ent—
schlüsse der oberen Schichten, den berufstreuen Schritt des
Pfarrers, der in unerschütterlichem Vertrauen auf das Bibel—
wort der stürmenden Menge entgegentritt, und die Flucht des
Fabrikherrn. Der fünfte Akt endlich ist der des blind wütenden
Schicksals; ein Sturmangriff des Militärs, das zur Unter—
drückung des Aufstandes herbeigerufen ist, führt den Tod eines
Webers herbei, der, fest wurzelnd in militärisch-vaterländischen
und bibelgläubigen Erinnerungen, sich der Teilnahme am Auf—
stand versagt hat: der Unschuldige leidet mit dem Schuldigen:
gleichmäßig hin über alle schreitet die Nemesis.

Wer die Aufführung des Dramas mit erlebt hat, der wird
nicht zweifeln: die Seele ganzer Volksmassen in ihren tausend
Stimmungen, ihren Freuden und Hoffnungen, ihren Tollheiten
und Leiden auf die Bühne zu bringen, das ist dem Dichter ge—
lungen. Nicht als ob wir nicht auch schon früher Gesamt—
eindrücke verwandter Art gelegentlich von der Bühne erhalten
hätten. Allein sie waren weder in dem Drama, dem sie an—
gehörten, führend, noch wirkten sie mit der gleichen Kraft der
Illusion, weil sie nicht gleich überzeugend individuell in Raum
und Zeit gefaßt waren. So sind die Volksscenen in den
Stücken Shakespeares kulturgeschichtlich zeitlos oder waren es
        <pb n="355" />
        330

Dichtung.

wenigstens für das Publikum Shakespeares: für uns gehören
sie ihrem sozialpsychischen Gehalte nach, soweit dieser vom
Dichter unbewußt individualisiert worden ist, eben doch nur
der Zeit Shakespeares an. Und wer wird heute selbst in den
Schweizern des „Tell“ gerade die Schweizer des 13. oder 14.
Jahrhunderts klar erkennen wollen, wer in den Niederländern
des „Egmont“ die Niederländer gerade der zweiten Hälfte des
16. Jahrhunderts? Nur in „Wallensteins Lager“ fühlen wir
mit Sicherheit den vollen Hauch des Dreißigjährigen Krieges.

Wenn aber Schiller die soziale Psyche dieser schweren
Zeit mehr als andere Dichter den sozialpsychischen Charakter
anderer Perioden zu neuem Leben erweckt hat, so erklärt sich
das zu nicht geringem Teile daraus, daß er die Sprache der
Personen des Lagers mehr als sonst üblich der Sprache des
17. Jahrhunderts angenähert hat. Denn worin konzentriert
sich der feine Duft des sozialen Seelenlebens eindringlicher und
gleichsam körperlicher als in der Sprache? Die Kunst, die
Sprache einer sozialen Welt zu beherrschen, muß heute als
Vorbedingung für deren künstlerische Wiedergabe betrachtet
werden. Es entspricht darum der elementarsten Forderung
eines naturalistischen Impressionismus, wenn „de Waber“
Hauptmanns den schlesischen Dialekt in all seinen Besonder—
heiten sprechen.

Wenn aber die Sprache das greifbare Leben gleichsam der
Gesamtseele einer menschlichen Gesellschaft darstellt und die
menschlichen Gesellschaften in ihren größten und weitesten Er—
scheinungen doch nicht bloß als gleichgültig nebeneinander be—
stehende Teilgruppen eines großen, zu einer bestimmten Zeit
bestehenden nationalen oder auch internationalen Körpers be—
griffen werden können, sondern vielmehr als die Gesellschaften
verschiedener, seelisch weit voneinander abweichender Zeitalter,
ergeben sich dann nicht gänzlich neue Aufgaben und Grund—
lagen für jedes historische Drama? Muß dann nicht das
herkömmliche Drama der geschichtlichen Begebenheit, das der
Hauptsache nach nur dadurch als historisch charakterisiert zu
werden pflegt, daß uns aus unserer Lernzeit her bekannt
        <pb n="356" />
        Dichtung.

331

ist, wie seine Personen diesem oder jenem Jahrhundert an—
gehören: — muß es nicht dadurch erst wirklich recht historisch
unterbaut werden, daß sein gesellschaftliches Milieu vornehmlich
auch durch die Sprache deutlich dahin charakterisiert wird, daß
es einer bestimmten Vergangenheit angehöre? Und ergiebt sich
nicht weiterhin aus diesem Zusammenhang noch ein ganz anderes
historisches Drama, als das bisher gepflegte, nämlich das sozial—
psychische oder das Drama des historischen Zustandes, wie man
sich früher ausgedrückt haben würde: ein Drama, das uns
die Leiden, Schicksale, Katastrophen der gesellschaftlichen Schichten,
der Volksseele von ehedem in der Sprache von ehedem als dem
einzig und allein charakteristischen sozialpsychischen Gewande
zeigt? — Anfänge eines solchen Dramas, die sich an Schillers,
an Grabbes Namen knüpfen, hat Hauptmann in seinem „Florian
Geyer“ zu einer der Absicht des Dichters nach klaren, neuen
Art des dramatischen Kunstwerks aufzubauen versucht.

„Florian Geyer“, benannt nach einem der Hauptführer
des Bauernkrieges von 15285, führt in die Reformationszeit.
Es ist, im weitesten genommen, das Wagnis, die deutsche
Volksseele dieser Zeit auf der Bühne aufleben zu lassen. Und
dies Ziel wird zunächst durch Behandlung der Sprache erstrebt.
Alle Personen reden, unter den für das Verständnis der Gegen—
wart unerläßlichen Einschränkungen, die Sprache des 16. Jahr—
hunderts, und zwar ebenso dem Wortschatz wie dem Satzbau
nach. Aber noch über die Sprache hinaus wird der kultur—
geschichtliche Seelenzustand des 16. Jahrhunderts in jedem Sinne
aufgesucht: die nach unserem begrifflich viel nüancierteren und
sittlich viel zersetzteren Empfinden rohe und gewaltthätige
Seele des 16. Jahrhunderts tritt auch in Haltung und Hand⸗
lungsweise der Personen ständig in Erscheinung. Und erst inner—
halb dieses großen zeitpsychischen Diapasons bildet sich die be—
sondere dramatische Handlung.

Diese Handlung aber ist dann wiederum und noch einmal im
engeren Sinne sozialpsychisch, denn der Held derselben ist eine
—E
gegen die weltlichen und geistlichen Grundherren, gegen Adel und
        <pb n="357" />
        3838

Dichtung.
Fürsten, ihr zumeist recht unklar geartetes Streben nach einer
anderen Verfassung des Reiches, die ihren Bedürfnissen besser
gerecht würde, ist der besondere Vorwurf des Dramas. Und
die Behandlung im einzelnen ist dann ähnlich der Be—
wältigung des Stoffes in den „Webern“. Wie dort so er—
scheinen hier über der großen Masse als dem Gesamthelden
besondere Führer: einige Bauern und vor allem der zu den
Bauern übergegangene, ihre Ideale teilende Ritter Florian
Geyer. Und die Katastrophe tritt hier wie dort in verwandter
Weise ein: die politischen Gewalten überwinden die soziale
Revolution, und in dem Kampfe fallen Gerechte wie Un—
gerechte; die geschichtliche Notwendigkeit fährt unerbittlich daher,
die besonderen Wünsche des bäuerlichen Kollektivhelden, an sich
vielleicht ideales Recht, werden ins Unrecht gesetzt durch die
brutale Macht der allgemeinen Interessen. Es ist ein Kampf
ums Dasein und eine Niederlage im großen; von sittlichen Ge—
setzen, vom Triumphe des Guten ist nicht die Rede.

In der Schicksalsidee, wie man sie hier ausgesprochen
finden kann, scheint die innere Notwendigkeit beschlossen zu
liegen, soziale Massendramen historisch zu fassen. Denn wer
würde sich so leicht bei dem Gedanken beruhigen können, zu
sehen, wie ganze Volksschichten in einer nur gedachten Krisis
allgemeinen sozialpsychischen Lebens selbst auch nur scheinbar
ungerecht zu Grunde gehen? Nur die Thatsache, daß solche
Katastrophen wirklich vorgekommen zu sein scheinen, berechtigt
doch wohl nach dem überwiegenden Urteil der Zeitgenossen zu
ihrer dramatischen Bearbeitung. Auch die „Weber“ sind im
Grunde ein historisches Drama. —

Wie dem auch sei, Hauptmann hat in „Florian Geyer“
den Weg gewählt, in der allgemeinen seelischen Welt der
Reformationszeit den Bauernstand als Helden kämpfen, kurze
Zeit siegen und dann untergehen zu lassen. Ein vom Stand—
punkte des Historikers und auch wohl des allgemeinen geschicht⸗
lichen Verständnisses der Gegenwart aus ungeheures Wagnis!
Ungeheuer an sich, doppelt ungeheuer für eine Zeit, deren
Volksseele an erster Stelle und im allgemeinsten Sinne doch
        <pb n="358" />
        Dichtung.
333
nicht durch die sozialagrarische, sondern durch die ganz anders
geartete reformatorische Bewegung erfüllt war. Ließ sich da
die religiöse Bewegung wirklich von der ersten Stelle weg und
zur Seite schieben? Immer und immer wieder drängt sie sich
hervor: neben die Vertreter des bäuerlich-gutsherrlichen Zwistes
treten Humanisten, Reformatoren, Papisten. Gewiß wird dadurch
das Bild reicher, und mit großer Kunst ist für seine Entfaltung
durch die fünf Akte des Dramas und das prächtige Vorspiel hin—
durch gesorgt. Gleichwohl verwirren sich die Fäden, und wo
das nicht der Fall ist, werden sie nur mit Anstrengung und
darum zu äußerlich auseinander- und zugleich zusammengehalten.
Darüber kommen denn die Personen, die individuellen Begeben—
heiten, das Gerüst der Handlung zu kurz. Und auch der
„Bauernheld“ als Collectivum verschwindet unter dem Druck
verworrener Gegensätze; erst im letzten Akt bekommen wir wirk—
liche Bauern deutlicher zu sehen, und diese nur im kläglichsten
Zustand, im Augenblick jähen Niedergangs ihrer Sache.

Indes hier soll nicht kritisiert werden; Werturteile, ja
auch nur das Aufdecken der Konsequenzen bestimmter An—
schauungen, soweit es in Urteil umschlägt, liegen der Absicht
dieses Buches gänzlich fern. Nur die ungeheuren Schwierig—
keiten des kulturgeschichtlichen Dramas im vorliegenden Falle,
hei dem einmal gewählten Stoffe galt es zu betonen.

Und auch die allgemeinen Schwierigkeiten, die sich bei ver—
wandten Versuchen stets wieder einfinden werden, sind außer—
ordentlich. Die Volksseele einer bestimmten Zeit soll wenigstens
in ihrem wichtigsten Organe, der Sprache der Zeit, darüber
hinaus aber auch an sich im jeweils besonderen Charakter der
Triebe und Handlungen, zum Tönen, zum Leben gebracht
werden. Welche Studien, welche Kraft und Dressur der Ein—
bildungskraft sind da von nöten! Und auf dieser allgemeinen
Grundlage soll sich die Psyche eines bestimmten Standes, be⸗
stimmter sozialer Kreise wieder von dem Allgemeinen abheben,
und auf dieser begrenzten Grundlage dann nochmals die Seele
und der Charakter bestimmter Individuen!

Gleichwohl liegt nach dieser Richtung unzweifelhaft eine
        <pb n="359" />
        334

Dichtung.
der großen dramatischen Aufgaben der Zukunft, auf die eine
gewaltige, klare und echte Linie der Entwicklung bereits von
Goethes „Götz“ und Schillers „Tell“ her hinweist. Sollen auf
der Bühne wieder die großen Angelegenheiten der Menschheit,
nicht bloß die Fragen der mehr privaten und intimen Kreise
des Lebens verhandelt werden, so muß der Schritt zu dem
großen kulturhistorischen Drama und im besonderen auch zum
sozialen Drama der Vergangenheit gethan werden.

Gerhart Hauptmann hat dem naturalistisch-⸗impressionistischen
Drama in Deutschland als deutscher Dichter die vornehmlichste
Bahn gebrochen. Neben ihm aber steht noch eine ganze Reihe
von teilweis nicht unbedeutenden Dichtern, die man doch nicht
nur als seine Schüler, ja nicht einmal bloß als seine Um—
gebung oder als seine Nachfolger bezeichnen kann: von denselben
allgemeinen Tendenzen der Entwicklung erreicht und gehoben,
haben sie zum großen Teil selbständig ihren Weg gemacht, —
soweit denn überhaupt einem Individuum innerhalb der
treibenden sozialpsychischen Kräfte seiner Zeit Selbständigkeit zu
wahren vergönnt ist. Werden sie hier kürzer behandelt, so liegt
das in der Konsequenz eines Verfahrens, dessen Absicht vor allem
auf gedrungene Darstellung geht, und dem es deshalb von
Wert war, einen Dichter, und natürlich den wichtigsten, als
für eine ganze Richtung repräsentativ herauszugreifen.

Von diesen Dichtern wäre an erster Stelle wohl Max
Halbe (geb. 1865) zu erwähnen mit seinen Dramen „Eis—⸗
gang“ (1892), „Jugend“ (1893), „Mutter Erde“ (1898) und
„Die Heimatlosen“ (1899). Halbe ist vor allem Virtuos der
Zustandsschilderung, bleibt aber auch gern in dieser stecken.
Da, wo es ihm gelungen ist, die behagliche Breite eines
dramatischen Impressionismus mit den Katastrophengesetzen
des alten Dramas innig zu durchdringen, hat er am meisten
den Sinn des großen Publikums der neunziger Jahre getroffen:
darum war damals die „Jugend“ sein erfolgreichstes Drama.
Noch feiner und sicherer in der impressionistischen Technik als
Halbe ist vielleicht Georg Hirschfeld (geb. 1873), und in der
Schärfe der Beobachtung übertrifft er selbst Hauptmann, —
        <pb n="360" />
        Dichtung.

335
wenigstens läßt sich das auf Grund seines ersten Stückes, des
Einakters „Zu Hause“ (1893), sagen. „Die Mütter“ (1895)
zeigten dann freilich ein Nachlassen der impressionistischen Kraft,
mindestens in der Belebung der Nebenfiguren. Was aber bei
Hirschfeld bestehen blieb und sich späterhin noch erweitert hat,
das ist das Haftenbleiben am Skizzenhaften, an der Wieder—
gabe eines bloßen, oft recht kleinen und unbedeutenden Stückes
Leben, — es ist, als lese man eine ins Dramatische erhobene
Skizze oder auch eine Skizzensammlung der Kunsterzählung:
das Problem der Kombination impressionistischer Kleinmalerei
und dramatischer Schürzung, die schwierigste freilich aller Auf—
gaben für den naturalistisch-impressionistischen Dramatiker, ist
nicht gelöst, vielfach nicht einmal recht ergriffen.

Erwähnen wir im übrigen nur kurz noch Karl Hauptmann
(geb. 1858), den nicht unbedeutenden Bruder Gerharts, und
von sterreichern Arthur Schnitzler mit seinen dramatischen
Jugendarbeiten, sowie Philipp Langmann (geb. 1862), und be—
merken wir endlich noch, daß der naturalistische Impressionis—
mus auch schon früh in die Komödie und das satirische Schau—
spiel gedrungen war, wie er denn von einem innerlichen Zuge
zum Tragikomischen naturgemäß beherrscht wird: Ernst
von Wolzogens „Lumpengesindel“ und Otto Erich Hartlebens
„Angèle“ wären hier schon aus dem Anfana der neunziger
Jahre zu nennen.

Im übrigen erwies sich die ganze Richtung in ihrer Reinheit
nicht eben sehr fruchtbar, wie denn auch Gerhart Hauptmann
selbst schon um die Mitte der neunziger Jahre über sie hinaus—
gewachsen war. Sie verrohte vielmehr in der zweiten Hälfte
dieses Jahrzehntes, entweder in der Richtung, daß das Äußerste
an bloßem, wo möglich rein physiologischem Impressionismus,
wenn auch mit Ernst und ehrlichem Bestreben, geboten wurde,
oder so, daß bei entschiedener Begabung für das Dramatische
zwar der Impressionismus besser der allgemeinen dramatischen
Idee angepaßt, zugleich aber auch alle Anmut verloren und
derbe Schlager beliebt wurden.
        <pb n="361" />
        336

Dichtung.
3. Allein war denn auch nur bis in die ersten neunziger
Jahre hinein ein physiologischer Impressionismus wirklich der
Alleinherrscher geblieben? Ist das Drama nicht eine Dichtungs—
form, die, vornehmlich gerade wegen der stark betonten AÄußer—
lich keiten, um so mehr auch das Innerliche widerzuspiegeln hat?
Ist es daher ohne eingehende Psychologie überhaupt denkbar?
Die beste Antwort auf diese Fragen liegt in der Thatsache,
daß das Drama entwicklungsgeschichtlich überhaupt immer erst in
Zeiten höher entfalteten — und das heißt bewußt und spontan
ausdrucksfähig gewordenen — Seelenlebens auftritt. So ist
denn auch das physiologisch-impressionistische Drama stets zu—
gleich von psychologischen Motiven erfüllt gewesen, wenn diese
Motive auch zumeist mehr sozial- als individual-psychologischen
Charakters waren, und es ist dieses Wesen auch in der bisher
gegebenen Darstellung in einem gewissen Schwanken der Charak—
teristik zwischen physiologisch und psychologisch zum entsprechen—
den Ausdruck gelangt. Im ganzen aber ließ sich natürlich unter
diesen Umständen leicht, in kaum merklichen Schritten ein Über—
gang zu immer stärkerer Betonung des Psychischen vollziehen:
und schließlich mußte ein in der Hauptsache psychologisch charak—
terisiertes impressionistisches Drama das Ergebnis sein.

Zunächst aber trat doch eine etwas anders geartete Ent—⸗
wicklung in den Vordergrund. Es versteht sich nach dem Ge—
sagten leicht, daß nirgends fast energischer und deutlicher als auf
dem Gebiete des Dramas seit Anfang der neunziger Jahre
Gemüt und Einbildungskraft es gegenüber dem mehr vom Ver—
stande getragenen dichterischen Betrieb eines äußerlichen Im—
pressionismus zu Gegenwirkungen brachten: man suchte das dem
Herzen Entsprechende, ja das Phantastische. Und das fand sich
nun zunächst nicht so sehr im rein psychologischen als vielmehr
im Märchen- und Traumdrama, die ja beide im Grunde nur
dadurch verschieden sind, daß im Märchen eine phantastische
Handlung alsbald einsetzt, während im Traumdrama erst
innerhalb des Stückes selbst die Fabel von einem realen
Untergrunde in phantastische Handlungen übergeführt wird.
Technisch nahegelegt aber wurde diese entschiedene Reaktion
        <pb n="362" />
        Dichtung.

337
noch außerdem von dem Augenblick an, da die physiologisch—
impressionistische Kunst bis zu einer solchen Kraft der Illusions—
fähigkeit gesteigert war, daß man ihr das Vermögen zutrauen
konnte, selbst das Märchen- und Traumhafteste auf der Bühne
wahrscheinlich zu machen. Mit dem Traum- und Märchen—
drama aber verbanden sich alsbald, bald laut, bald leise, sym—
bolistische Elemente. Das Märchen und der künstlerische
Traum, die seherische Dichtung, sind Formen urzeitlicher
Phantasiethätigkeit: in frühen Zeiten treten sie instinktiv und
spielerisch auf, ohne tiefen Inhalt oder wenigstens so, daß ihre
Träger sich dieses Inhalts, wenn er da ist, nicht voll bewußt
werden. Gewiß wird nun namentlich das Märchen auch heute
noch so fortgebildet, aus bloßer Lust am Fabulieren; aber es
bildet als solches nicht eine entwicklungsgeschichtlich bedeutungs—
volle Form unserer Dichtung. Wo Traum und Märchen sich heute
der hohen Poesie nähern, da geschieht das vielmehr nicht trieb—
mäßig, sondern bewußt, und darum steht hinter diesen Formen
jetzt stets ein höherer Gehalt: und die äußeren Vorgänge
erscheinen symbolisch. Wir sehen in solchem Falle das bunte
Spiel der Vorgänge, bei dem wir uns nicht beruhigen, gleich—
sam als einen Vorhang an, den es zurückzuschlagen gilt, um
hinter ihm das eigentliche Ereignis zu erblicken.
Symbolismus in diesem Sinne ist also von dem modernen
Märchendrama unzertrennlich, es sei denn, daß dieses musikalisch
abgewandelt wird in der Art, daß es durch die Musik zunächst
aur, der urzeitlichen Wirkung gleich, auf die Nerven und von
diesen erst auf die Empfindungen und Gefühle gehen will.
Darum haben schon die Romantiker das Märchen symbolisiert.
Und ein Gleiches wie vom Märchen gilt von der Heldensage,
insofern sie im modernen Drama aufleben soll. Bereits in Hebbels
„Nibelungen“ beruhen die Abweichungen von der Gestaltung
der Sage im alten Epos vornehmlich auf der Einführung sym—
bolischer Züuge; und die Personen sind fast nur noch Träger
von Ideen. Ähnlich steht es bekanntlich auch schon mit den
in diesem Zusammenhang in Betracht kommenden Musik—
dramen Wagners. Und schreitet der Dichter heute zur Ein—
vamprecht, Deutsche Geschichte. Erster Ergänzungsband. 29
        <pb n="363" />
        338

Dichtung.
führung auch nur wunderbarer Züge im Drama fort, so kann
—D—
oder in der unbewußten Anwendung eines Kunstmittels, das auch
—

Aus alledem ergiebt sich, daß das phantastische Reaktions—
gefühl gegen den physiologischen Impressionismus notwendig
symbolistische Züge annehmen mußte. Wurde aber das Märchen
einige Jahre hiudurch geradezu zur dramatischen Lieblingsform
der Zeit, so mag noch ein anderes Motiv mitgespielt haben. Über
all dem eingehenden Studium des Außeren hatte man wirklich die
dramatische Psychologie als besondere Kunst gleichsam halb ver—
lernt. Jetzt beherrschte man den Apparat äußerer Illusionen und
schritt unwillkürlich weiter auf die tieferen psychologischen Pro—
bleme zu. Wo und wie aber konnte man da am leichtesten lernen,
ohne doch den Schüler zu zeigen? Gewiß im und am Märchen—
drama. Wie der primitive physiologische Impressionismus die
Armeleutewelt aufgesucht hatte, so bewegte sich daher der
primitive psychologische Impressionismus in der Traum- und
Märchenwelt, und öfters, wie z. B. in Hauptmanns „Hannele“,
haben beide Welten sich in einem Kunstwerk zusammengefunden.

Das Erscheinen des symbolistischen Dramas wurde an—
gekündigt durch Wildenbruchs „Heiliges Lachen“ (Februar 1892),
ein Tendenzstück gegen den vom Kaiser verdammten politischen
Pessimismus, künstlerisch betrachtet eine grobe symbolistische
Zimmermannsarbeit. Denn Wildenbruch hatte von dem neuen
Prinzip nur das Äußerlichste erfaßt: Emblem und Allegorie.
Nicht viel weiter gelangte er aber auch im „Willehalm“ (1897).
Wie viel reicher und feiner hatte da inzwischen schon der Wiener
Musiker Adalbert von Goldschmidt (geb. 1848) die Allegorie
dem Symbolismus in seinem Melodrama „Gaea“ dienstbar
gemacht, einem Mysterium der menschlichen Entwicklungsgeschichte
nach moderner Auffassung! Und fast noch lebendiger war dann
die Allegorie gebraucht, ja fast schon wieder zu voller Wirk—
lichkeit verklärt worden in der buddhistischen Trilogie Hans
von Gumppenbergs „Alles und Nichts“ (1894). Es ist dem
Stoffe nach wie ein menschlicheres Gegenstück zu Goldschmidts
        <pb n="364" />
        Dichtung.

339

„Gaea“: die gegensätzliche Entwicklung des Realisten, der sich
mit allen seinen Diesseitswünschen in die Welt einnistet, und
des entsagenden Idealisten wird geschildert; und die Krone
wirklichen Glückes fällt dem Idealisten zu. Im ganzen aber
ergab sich als die Form des Symbolismus, die volkstümlich
wurde, doch durchaus das Traum- und noch früher das
Märchendrama; und man mag bei Erwähnung dieser That—
sache wohl der Märchendramen Raimunds rückwärts gedenken,
die bis heute der deutschen Bühne nicht verloren gegangen sind
und eben in den Jahren des neuen Märchenspiels zum Teil
etwas wie eine Auferstehung gefeiert haben.

Im übrigen konnten die Stoffe zu den neuen Dramen am
besten fremden Litteraturen entnommen werden, namentlich den
phantastischen des Orients. Und damit war dann die Mög—
lichkeit eines entscheidenden Wurfes für einen Dichter gegeben,
der vornehmlich formbegabt, aneignungsfähig und litterar—
historisch imprägniert war. Dieser Dichter war Ludwig Fulda
(geb. 1862). Im Jahre 1892 gelangte Fuldas „Talisman“
auf die Bühne. Der außerordentliche Erfolg dieses Stückes
wurde gewiß teilweis mit dem Stoffe verdankt: ein junger
König angehenden Caesarenwahns wird von dem klugen Omar
dadurch geheilt, daß ihm ein ganz augenscheinlicher Irrtum,
in den er sich und seinen Hof und sein Volk verstrickt hat,
von einem kleinen Mädchen nachgewiesen wird: worauf er be—
schließt, künftig mit Rat seines Volkes zu regieren, um vor
bösen Versehen gegenüber der Wirklichkeit der Thatsachen be—
wahrt zu sein. Allein daneben war es doch nicht minder der
leichte, frohe Ton des orientalischen Märchens, der anzog und
entzückte. Freilich in dieser einfachen Form nur kurze Zeit.
Wenige Jahre später hat Fulda dem „Talisman“ ein zweites
Märchendrama folgen lassen, den „Sohn des Kalifen“, — ohne
Glück: die reine Märchenstimmung war schon vorüber. Zu
gute kam sie dagegen noch einem Stücke, das fast gleichzeitig
mit Fuldas „Talisman“ auftauchte, der Bearbeitung des
indischen Dramas Mritschhakatika, die Emil Pohl, ein
älterer Dichter, in schön gebauten Versen unter dem Namen

22*
        <pb n="365" />
        340

Dichtung.
„Vasantasena“ auf die Bühne brachte. Volle Berührung mit
der naturalistisch-impressionistischen Richtung und damit volle
Einordnung in den allgemeinen litterarischen Verlauf gewann
das neue symbolistische Drama aber erst durch Gerhart Haupt—
manns Fiebertraumstück „Hannele“.

Hauptmann hat im ganzen drei symbolistische Dramen
geschaffen, „Hannele“ (1893), die „Versunkene Glocke“ (1898)
und „Schluck und Jau“ (1899). Von ihnen verhält sich
Schluck und Jau“ zu den beiden anderen Stücken etwa so
wie der „Biberpelz“ oder „College Crampton“ zu den natura—
listischen Familiendramen: es ist, wie Hauptmann es ausdrückt,
ein Spiel zu Scherz und Schimpf, eine Art Tragikomödie, eine
scherzhafte, humoristische Auflösung gleichsam der symbolistischen
Kunstform. Den Gipfelpunkt aber der symbolistischen Kunst
Hauptmanns bezeichnet die „Versunkene Glocke“, wie „Hannele“
den Anfang. „Hannele“, im Grunde eine einzige große Scene,
ttellt die Fieberträume eines unglücklichen jungen Mädchens
dar, das, ein Bastardkind, von seinem Stiefvater, einem rohen
Maurer, aufs schändlichste behandelt, gemartert, geschlagen und
schließlich in die dunkle Nacht hinausgestoßen, in halber religiöser
Ekstase den Tod im Dorfteiche gesucht hat, aus dem es einen
Zuruf der ihm im Tode vorangegangenen Mutter zu hören
geglaubt, das aber noch lebend aus dem Wasser gezogen worden
ist. Im Armenhause von der milden Hand des Schulmeisters
gebettet, von dem treuen Auge einer Diakonissin bewacht, er—
schaut nun Hannele in Visionen, die dem Zuschauer in voller
Gegenwärtigkeit vorgeführt werden, ihr letztes Stündlein, ihren
Tod und die Vorbereitungen zu ihrer Fahrt in den Himmel:
Begebenheiten, in denen sich die persönlichen Anschauungen
eines braven Menschenherzens, biblische Züge und volkstüm—
liche Überlieferungen, Individuelles und Allgemeines, Ver—
quickungen einer jungfräulich sich regenden Neigung zu dem ver—
ehrten Schulmeister mit Funken himmlischer Liebe zu einem er—
greifenden Ganzen mischen.

Vom formalen Standpunkte aus betrachtet ist „Hannele“
in überaus schwieriger Versuch symbolistischer Dramatik. Der
        <pb n="366" />
        Dichtung.

341
Dichter traut sich eine solche Gewalt der Illusion zu, daß er rea—
— DD
feinsten Gewebe supranaturalistischer Vorgänge stellt. Ist nun
diese Kraftprobe der impressionistischen Technik sowohl in den
diesseitigen wie in den jenseitigen Scenen gelungen? Nach
dem Durchschnitt der Aufnahme, die das Drama bei den Zu—
schauern gefunden hat, sollte man glauben: ja!. Doch scheint
die Zahl derjenigen, welche der jähe Wechsel von Himmel und
Erde gleichwohl aus der Illusion gerissen hat, nicht ganz gering
zu sein; und jedenfalls hat der Dichter selbst in seinem symbo—
listischen Hauptwerk, der „Versunkenen Glocke“, den Gegensatz
gemildert. Wodurch, kann erst nach einer kurzen Übersicht über
den Inhalt dieses Dramas verdeutlicht werden.

Die „Versunkene Glocke“ ist im Grunde die Mär von der
Unmöglichkeit des schöpferischen Triebes des Pantheismus, falls
er alle Weiten seiner Weltanschauung ausmessen will. Wir
werden in eine Märchenumgebung versetzt, in der zwei Welten
sichtbar vorgeführt werden, außerdem aber zwei Welten sinnlich
anklingen. Die beiden ersten Welten sind die der Menschen
und die einer Natur, deren Kräfte, wenn auch untermenschlich,
so doch psychisch belebt gedacht werden und in Gestalten
deutsch-volkstümlicher Phantasie verkörpert sind: dem Nickel—
mann, dem Waldschratt, den Elfen, den Holzmännerchen und
Holzweiberchen. Zwischen beiden Welten vermitteln die alte
Wittichen, ein Waldweib im Gebirg, das von den Menschen
drunten im Thal für eine Hexe gehalten wird: eine menschliche
Gestalt, der die Naturgewalten familiär sind, und Rautendelein,
eine Extraktgestalt gleichsam der Kräfte der Natur, die sich hin—
sehnt in die höher beseelte Welt der Menschen. Die beiden
nur anklingenden Welten sind die des Christentums mit seinem
Gefühl der Sünde und seinem Gebot der Reue, mit seiner
Überzeugung, daß der Mensch aus eigenen Kräften nichts ver—
möge und gut sein könne nur aus der Macht des Christengottes,

Interessant sind die Bemerkungen Schlenthers, Hauptmann?
S. 181f., über die Schwierigkeiten der schauspielerischen Bewältigung.
        <pb n="367" />
        342

Dichtung.

und die Welt des germanischen Mythos, dessen Götter im Be—
wußtsein ihrer Vergänglichkeit doch voll frohen Heldentums
dahinleben, Vorbilder eines menschlichen Heroismus, der nach
allem greift, selbst nach den Sternen.

In die Welt der Menschen hineingeboren ist der Künstler,
der Glockengießer Heinrich. Und trotz eines unbewußt in ihm
waltenden Strebens nach Vollgewalt im Bereich und mit den
Mitteln des ganzen großen belebten Alls sieht er sich in dieser
Welt, die zugleich die Welt des Christentums ist, festgehalten
durch sein Weib, das ihn nicht versteht, durch seine Kinder,
durch die Gemeinde, für die er ohne innere Befriedigung die
Glocke eines hoch am Bergesabhang gelegenen Kirchleins schafft.
Da stürzen die Wesen der zweiten Welt, der Welt der Natur—
gewalten, die Glocke während des Transportes zur Höhe ins
Thal, hinab in die dunklen Fluten eines Bergsees: sie ver—
eiteln die Entheiligung ihrer Regionen durch die Kirche. Dem
Künstler aber bedeutet diese Katastrophe schließlich nach herbem
Schmerz einen glückbringenden Umschwung: selbst mit in den
Sturz — „war's willig? widerwillig?“ — verwickelt, gelangt
er durch die alte Wittichen und Rautendelein in Verkehr mit
jener anderen, den Menschen und dem Christengott abgewandten
Welt, mit der Welt eines pantheistischen Glaubens. Und selbst
im tiefsten Herzen Pantheist, sucht er sie alsbald schöpferisch
zu bewältigen. Er zieht hinauf in die Berge; er will ein
Glockenspiel von unerhörter Gewalt schaffen, das, in einem
Sonnentempel aufgehängt, die Harmonie der Sphären tönen soll:

mit wetternder Posaunen Laut
Mach' es verstummen aller Kirchen Glocken
Und künde, sich im Jauchzen überschlagend,
Die Neugeburt des Lichtes in der Welt, —*
und er zwingt zur Durchführung dieses Planes die Natur—
gewalten mit der Vermessenheit menschlicher Ungeduld in
seine Dienste.

Und nun erlebt er, daß er doch selbst nur Teil ist dieser
großen Welt des Alls, nicht ihr Bezwinger und Beherrscher.
Die Naturgewalten empören sich, die Menschen stürmen gegen
        <pb n="368" />
        Dichtung.

3438
ihn an — er besiegt sie anscheinend: da treffen ihn die tiefsten
Harmonien, die Grundtöne christlich-menschlicher Lebens—
auffassung: er erfährt, daß sein Weib das Opfer seines über—
menschlichen Strebens geworden ist; seine Kinder erscheinen
vor ihm mit dem bauchigen Krüglein, in das sie die Thränen
der Mutter gesammelt; von dem Schemen der Mutter, die sich
in den Bergsee gestürzt hatte, berührt, tönt die versunkene
Glocke in immer stärkeren Pulsen hinauf in seine andere Welt.
Da wird er schwach: er verläßt den Ort seiner neuen Wirk—
samkeit, verläßt Rautendelein, bricht mit Natur und Natur—
gewalten. Aber die Schwäche rächt sich an ihm; er ist seinem
Innersten untreu geworden, und so bleibt ihm nichts übrig
als der Tod, der ihn mitleidig aufsucht.

Man sieht: auch hier ist das Schema des naturalistisch—
impressionistischen Dramas der früheren Zeit des Dichters noch
nicht oder wenigstens noch nicht völlig verlassen: die Anlage
zu einem Aufgehen und Scheitern in schöpferisch-drangsamem
Pantheismus liegt bei Heinrich vor; ausgelöst wird sie durch
seine Bekanntschaft mit der zweiten Welt. Nur daß diese
Welt sich weniger in die seine eindrängt, als daß er sie auf—
sucht. Dadurch wird der Held des Dramas aktiv; er leidet
nicht nur, er verteidigt sich nicht bloß, er kämpft, er hat die
Kraft vorwärts weisenden Wollens. So kommt mehr Handlung
in das Stück; es ist nicht nur in der Art der naturalistischen
Stücke Katastrophe; dem Schicksal tritt nicht bloß ein mit dem
—
Welt geschaffener und dieser zustrebender Mensch entgegen: und
so zermalmt es zwar, wie früher, aber erst nach langem und
wechselvollem Widerstand. Und in diesem Kampfe handelt es
sich nicht mehr um die bloße halb physiologische Frage des
Daseins, sondern um die höchsten Probleme der Menschheit.
Gewiß ist Heinrich ein Zeittypus; er ist in gewissem Sinne
der Nietzschesche Ubermensch und er verkörpert das künstlerische
Schaffensideal, das wenige Jahre vor dem Erscheinen der „Ver—
sunkenen Glocke“ in Langbehns Buche „Rembrandt als Er—
zieher“ als das höchste menschliche Ideal überhaupt bezeichnet
        <pb n="369" />
        34

Dichtung.
worden war, entsprechend der vornehmlich künstlerischen Vor—
wärtsentwicklung der Nation seit den fünfziger Jahren. Aber
das Drama geht doch über all das noch hinaus. Das Thema
des Pantheismus mit seinen zahlreichen Variationen ist das
große Problem der europäischen Welt seit den Tagen Giordano
Brunos; die Neuzeit lebt und webt in ihm; über Jahrhunderte
erstrecken sich die Lösungsversuche der Fragen, welche die „Ver—⸗
sunkene Glocke“ anregt.

So ist auch die Form nicht mehr die des naturalistischen
Impressionismus. Sie ist sozusagen dauerhafter empfunden
als bloß modern, und sie nimmt darum manches vom alten
Drama auf. Der Inhalt des Ganzen ist zwar einfach und
läßt der Schilderung Raum; dennoch ergiebt sich gegenüber
dem reinen Katastrophendrama ein Mehr von Handlung, und
zu deren Lösung werden einige Verwicklungen nicht gescheut.
Fernab stehen wir dem Intriguendrama, aber auch die Grenze
des Zustandsdramas ist überschritten. Eine neue Auffassung
des Schicksals, dem gegenüber die Selbständigkeit des Helden
größer erscheint als bisher, schafft eine neue dramatische Form.

Und auch im Einzelnen der Technik vollzieht sich ein Aus—
gleich zwischen alt und neu. Das Märchendrama scheint den
Vers zu verlangen: er tritt auf, und zwar in einzelnen Partien
in großer Schönheit und Vollendung. Aber gleichwohl bleiben
die wesentlichen Errungenschaften des naturalistischen Im—
pressionismus. Die Charakteristik ist scharf und scheut keine
Härten. Für den Bau der Sprache und des Verses ist es
bezeichnend, daß mitten unter hochdeutsch redenden Personen
die alte Wittichen sich ihres ebenfalls in Verse gebrachten
gründlich dialektischen Schlesfisch bedienen kann, ohne daß das
in Sprache wie Rhythmus auffällt. Ja gerade der Vers wirkt
hier versöhnend. Das krasse Nebeneinander von Wirklichkeits—
und Phantasiescenen in „Hanneles Himmelfahrt“ wird dadurch
oermieden; die höhere Form mildert, ja verbindet die Gegensätze.

Nach der „Versunkenen Glocke“ ist Hauptmann neuerdings
noch einmal in „Schluck und Jau“ (1899) halb und halb auf
die Form des Märchendramas zurückgekommen. Schluck und
        <pb n="370" />
        Dichtung.

345

Jau sind zwei arme Teufel und Trunkenbolde, die an den
Thoren eines märchenhaften Fürstenschlosses aufgegriffen werden
und durch entsprechende Simulationen des Hofpersonals unter
Teilnahme des wirklichen Fürsten dazu gebracht werden sollen,
sich selbst für Fürst und Fürstin zu halten: ein Experiment,
das bei Schluck zum Erschrecken gut, bei Jau, hier auch nicht
in seinem ganzen möglichen Umfang unternommen, weniger
gelingt. Der Stoff ist alt, die Behandlung schwerfällig.
Zwar führen die bewußten Anlehnungen an Shakespeare sowohl
in der Sprache wie in der Zeichnung der beiden Rüpel, der
heitere Märchenton, der namentlich bei Erwähnung der zarten
Liebe des Fürsten zur Sidselill angeschlagen wird, und nicht
minder auch die skizzierende Art der Charakterzeichnung in der
Schilderung des Hofes und Hofgesindes ohne Fährlichkeit in
das romantische Land, das hier und da etwa als das Land der
französischen Liebeshöfe angedeutet wird. Aber man sieht: was
den Dichter eigentlich fesselt, ist doch nicht die bunte Seifen—
blase eines verworrenen Geschehens, sondern die Charakteristik
der seelischen Regungen im Grunde nur einer Person, des
armen Muß-Fürsten Schluck. Auch insofern stellt sich „Schluck
und Jau“ neben „Kollege Crampton“. In beiden Stücken
liegen zunächst und eigentlich Charakterstudien vor.

Und begann nicht auch schon in der „Versunkenen Glocke“
im Grunde das psychologische Interesse zu überwiegen? Aus
dem Symbolismus heraus schreitet der Dichter einer neuen Ent—
wicklungsperiode, der eines ausgesprochenen Psychologismus, zu.

Indes war die Periode des Traum- und Märchendramas
mit den Werken Hauptmanns keineswegs erschöpft und ab—
geschlossen. So brachte z. B. auch Ernst Rosmer (Elsa Bernstein)
nach Dramen eines naturalistischen Impressionismus, der aus
dem Physiologischen schon stark ins Psychologische übergriff,
in den „Königskindern“ von 1895 ein Märchendrama. Aber
entwicklungsgeschichtlich gelangte die Dichterin doch nicht über
den scharfen Dualismus von Naturalismus und Phantasma
hinaus, der „Hannele“ kennzeichnet, wenn sie auch zur Ver—
söhnung des Gegensatzes ein neues Moment, nämlich die Ver—
        <pb n="371" />
        346

Dichtung.

wendung von Musik, einführte. Unter den späteren Märchen—
dramen aber wären vor allem wohl Sudermanns „Drei Reiher—⸗
federn“ zu erwähnen, eine in hurtigen Versen dramatisierte,
im Grunde aber epische Geschichte von einem Prinzen, der
vergebens nach einem Ideale sucht, dessen Besitz ihm schon in
seinem Weibe geschenkt ist, und darüber dies Ideal verliert.

4. Aber auch mit dem Märchen- und Traumdrama waren die
Versuche, auf mittelbarem Wege gleichsam zum psychologischen
Drama zu gelangen, noch keineswegs abgeschlossen. Worin die
eigentliche Schwierigkeit lag, direkt vorwärts zu dringen, in—
wiefern namentlich die Konkurrenz von hochstehender Psychologie
und klarer, auf sicherer Weltanschauung begründeter Schicksals—
idee erst ein wirklich einheitliches Drama der Gegenwart erzeugen
kann, und inwieweit bei diesem notwendigen Zusammenwirken
der Faktor der Schicksalsidee bisher noch versagte, davon wird
erst später eingehend die Rede sein können.

Sicher ist, daß man sich um die Mitte der neunziger
Jahre in Deutschland einstweilen mit einem schwachen Ersatz⸗
mittel der Weltanschauung behalf, der Stimmung — jener
persönlichen Stimmung des Dichters, die wir, wie bereits
öfter betont, schon in der Lyrik und in der Kunsterzählung
wie nicht minder auf dem Gebiete der bildenden Künste als
erstes Ubergangsmoment zu idealisierender Kunstübung kennen
gelernt haben. Es trat also ein, was man wohl die lyrische
Erweichung des Dramas genannt hat: eine schon vertiefte
Psychologie zunächst des eigenen Ichs führte zur Verknüpfung
der objektiven psychologischen Erfahrungen mit subiektiven
Momenten der Stimmung.

Erste Spuren dieser Entwicklung lassen sich nun bereits
früh wahrnehmen; entsprechend dem stärkeren psychologischen
Gehalt des Dramas schon in den Formen des physiologischen
Impressionismus wurden sie bereits bei dessen fortgeschrittensten
Vertretern bemerkbar. So hat Hirschfeld bereits seit mindestens
Mitte der neunziger Jahre elegische Momente und Charaktere.
        <pb n="372" />
        Dichtung.

347
deren Umrisse gleichsam duftig komponiert sind wie die Konturen
in gewissen Gemälden der Kunst der Farbensymphoniker; ähnlich
zeichnet Schnitzler in seinen frühesten Dichtungen; noch weiter
endlich geht Ernst Rosmer, eine Dichterin, für deren von Anfang
an zerflatternde und stimmungsvollere Produktion der Name
des Dramas „Dämmerung“ vom Jahre 1883 charakteristisch
ist. Gleichzeitig aber mit ihr, ja vielleicht noch früher finden
sich Spuren lyrischer Erweichung auch schon in den Dranen
Hartlebens, des heimlich sentimentalen, offen ironischen Dichters,
so in der „Angèle“ von 1891, in „Hanna Jagert“ von
1893 u. a. m.

Als dann neben dem naturalistischen Drama die Märchen—
und Traumdichtung mit all ihren symbolistischen Elementen
erblühte, da lag es in der Natur auch dieser Entwicklung,
daß zugleich der dramatische Lyrismus stieg: denn Symbole
wirken immer auf die langsam aufquellende, lyrisch charakte—
risierte Empfindung. Der Zusammenhang zeigt sich schon
darin, daß diese Dramen wieder das musikalische Element, den
Vers begünstigen; unmittelbar zu Tage tritt er in Hauvptmanns
„Versunkener Glocke“.

Zum besonderen Kunstwerk ist das Drama der lyrischen
Erweichung dann durch die namentlich neurologischen Experi—
menten nachgehende Gruppe um George und Hofmannsthal,
vor allem durch Hofmannsthal selbst entwickelt worden; von
ihm haben wir die Dramen „Gestern“ (1892), „Der Tod
Tizians“ (1892), „Der Thor und der Tod“ (1894), „Die
Hochzeit der Sobeide“ (1899) und „Der Abenteurer“ (1899).
In kleinen Scenen finden wir hier die große formale Kunst
dieser Gruppe und vor allem Hofmannsthals selbst wieder:
die Verse schmeicheln sich wie Musik ins Ohr; und nicht selten
werden Töne hoher elegischer Weichheit angeschlagen. Aber das
Ergebnis des Anhörens mehrerer von diesen Stücken ist dennoch
die Eintönigkeit, wenn auch die Eintönigkeit der Anmut.

Kann es gelingen, das Drama, die objektivste aller
Dichtungsformen, mit persönlichen Stimmungselementen so zu
durchtränken, daß wir jeden Augenblick den Dichter vernehmen,
        <pb n="373" />
        348

Dichtung.

ohne daß die Gattung leidet? Schwerlich: die idealischen
Elemente des großen Dramas müssen anderswoher kommen:
aus einem Glauben, der Autor und Publikum zugleich und
gleichmäßig erschüttert. Das wesentlich neurologische Drama
aber ist ein Kind nervöser Einsamkeit und aristokratisch zurück⸗
gezogener Empfindung. So wird es, selbst im Falle günstigster
psychologischer Veranlagung seiner Dichter, doch nur ein Neben—
schoß bleiben am Baume der Dichtung auch der Gegenwart.
Ist aber diese psychologische Begabung selbst bei Hofmanns—

thal, um von den Kleineren zu schweigen, in jenem hohen Maße
vorhanden, das für das moderne Drama unerläßlich ist? In
seinem „Thor und Tod“ läßt Hofmannsthal Claudio sagen:

Was weiß ich denn vom Menschenleben?

Bin freilich scheinbar drin gestanden,

Aber ich hab' es höchstens verstanden,

Konnte mich nie darein verweben,

Hab' mich niemals dran verloren.
Es könnten Verse eines Selbstbekenntnisses sein, so sehr ent⸗
spricht ihrem Inhalt der Charakter des Dichters. Und nicht bloß
der des Dichters allein, sondern sogar der der ganzen Gruppe.
Hofmannsthal und verwandte Naturen sind viel zu sehr reizsame
Neurologen, um Dramatiker zu sein. Sie haben die Welt
der eigenen inneren Erfahrung abgetastet und abgelauscht bis
auf die Nerven: daher die wunderbare Fülle ihrer Stimmungen.
Aber die äußere Welt kennen sie gleichsam nur verstandes—
mäßig, denn die Nervenbeobachtung bildet nur den Sinn für
verstandesmäßige Zergliederung aus. Und sie kennen die Welt
auch nur oberflächlich, denn sie sind viel zu viel nur mit sich be⸗
schäftigt. Wie sollten sie da Dramatiker sein? Der Dramatiker
wende seine Augen vor allem von sich weg: Kenntnis der
Erscheinungs- und der Menschenfülle außer ihm sei seine erste
Aufgabe. Erst an zweiter Stelle beobachte er dann scharf sein
Inneres, um sein grundsätzlichstes Streben durch Selbsterkenntnis
ergänzend zu vertiefen.

Gewiß war es nichtsdestoweniger entwicklungsgeschichtlich
gleichsam nötig, das Drama bis in das Extrem der lyrischen Er—
        <pb n="374" />
        Dichtung.

349
weichung zu treiben; neue, unverlierbare Erweiterungen der drama—
tischen Kunst sind auch auf diesem Wege gewonnen worden. Aber
eine neue Grundlage für das Ganze eines dramatischen Auf—
baues wurde dabei nicht erreicht, — konnte nicht erreicht werden.

Es ist ein Urteil, das man auch über einen anderen Ver—
such eines ganz besonders neurologischen Stimmungsdramas
wird fällen müssen, der vom Vlamland ausging, aber, wie
die vlamische Kunst des 19. Jahrhunderts überhaupt, nicht
ohne Wirkung im inneren Deutschland geblieben ist. Denn
der Vlame, der diesen Versuch unternahm, Maeterlinck, steht
zwar gleich den vlamischen Malern des Impressionismus und
der Farbensymphonie und gleich den Meistern der belgischen
Plastik technisch im engsten Zusammenhange mit der franzö—
sischen Kunst, im Grunde aber ist er doch, wie diese Maler, ger—
manisch; und in der besonders energischen Art, mit der er in
der Luft liegende Probleme erfaßt und der Lösung zuführt,
erweist er sich sogar als hervorragender Träger einer spezifischen
germanisch-vlamischen Stammeseigenschaft, jener derb zugreifen—
den Kühnheit, welche die Vlamen schon des Mittelalters aus—
zezeichnet hat.

Maeterlinck veröffentlichte zuerst eine Gedichtsammlung
„Serres chaudes“; bekannter wurde er aber erst durch seine
Dramen, deren früheste, „La princesse Maleine“, „Les aveugles“
und „L'intruse“, wohl auch die für seine neurologische Technik,
infofern diese Nachahmer gefunden hat, bezeichnendsten sind.

Das, was Maeterlinck in diesen Dramen erzählt, sind zeitlose
Geschichten oder auch nur raumlose Zustände — so ist das Stück
„Les aveugles“ eigentlich nur ein endloser, zu litaneimäßiger
Narkose ausgedehnter Klagegesang über die Hilflosigkeit der
Blinden —: höchstens daß durch die Schilderung des klimatischen
und räumlichen Charakters der Typ der Niederlande leise hin—
durchschaut. Aber dieser Typ ist dann als der einer längst
vergessenen, märchenhaften Zeit genommen. Und auch sonst zeigt
die Handlung durchaus das Wesen des Märchenhaften: keine
Spur von wirklichen Menschen mit Fleisch und Blut —
Maeterlinck schreibt vor, daß die Rollen seiner Stücke durch
        <pb n="375" />
        350

Dichtung.
Marionetten gegeben werden sollen —; keine Anzeichen inner—
licherer Motivierung, keine folgerichtige Geschlossenheit; im Gegen—
teil: Wunder auf Wunder und Spiritismus an allen Enden.
Soweit dabei von einer Psychologie die Rede ist, ist es die
der Urzeit und das heißt eben des Märchens: impulsive Ent⸗
schlüsse, die stets unmittelbar ausgesprochen werden; ewige Ana—
logieschlüsse an Stelle kausalen Denkens ; Glaube an Zeichen
und Vorbedeutungen; Zulassung der Natur als einer mit ihren
Wirkungen ständig in das menschliche Leben eingreifenden gleich—
berechtigten Macht, einer Kameradin gleichsam der menschlichen
Gesellschaft. Und in diesen Grenzen eines urzeitlichen Denkens
herrscht auch urzeitliche Empfindung: alles fällt auf die Nerven
allein, und von ihnen aus reagieren unmittelbar alle Gestalten.

Aber freilich: dieser ganze geistige Zustand wird nicht naiv
wirksam in dem Sinne, daß der Autor in ihm instinktiv und
triebmäßig lebte, geschweige denn, daß die Hörer dazu ein⸗
geladen würden, dies zu thun, sondern er wird bewußt und
raffiniert durchgeführt mit den äußersten Mitteln eines modernen
neurologischen Impressionismus.

Das Ergebnis ist natürlich, daß alles seltsam und sonder⸗
bar erscheint — seltsam und sonderbar sind Maeterlincks Lieb⸗
lingsworte —, daß die Gestalten der Bühne wie noch mehr
die Zuschauer von einer Nervenerregung in die andere fallen,
daß sie verängstigt und erschrocken werden in dem Grade etwa,
wie der Mensch unvordenklicher Zeiten einmal voll Grauens
unbegreiflichen Naturgewalten gegenübergestanden haben mag.
Und dieser Charakter der Dichtung wird noch gesteigert durch eine
absichtlich unbeholfene Formgebung und gelegentliche Span—
nungen der Unverständlichkeit — Aufschiebungen nötiger Er—
klärungen, vorfrühe Einführung von Momenten und Gestalten,
die eigentlich erst viel später gebraucht werden, u. dergl. mehr.

Was ist nun die Wirkung dieser sonderbaren Dichtung?
In „Princesse Maleéine“ erklärt der König einmal: „Jeder,
der hierher kommt, wird krank.“ Das ist es. Diese Poesie
fällt auf die Nerven; kein Zufall, daß eines Sinnes Beraubte,
Blinde, Taube, daß Irrsinnige öfters in Maeterlincks Dramen
        <pb n="376" />
        Dichtung.

35
1

vorkommen. Die Wirkung ist fast direkt und beinah aus—
—ö
wicklung zeigt sich in gewissem Sinne vollendet: von der Dar—⸗
stellung der physiologischen Erscheinungen ging sie aus und
reduzierte deren Wirkungen auf Nerveneindrücke; jetzt schließt
sie mit einem Apparat äußerer dramatischer Erscheinungen,
deren ausgesprochene Absicht es ist, fast nur noch nervöse Er—⸗
regung hervorzurufen.

Freilich: ebenso richtig ist es, zu sagen, daß diese Erregung
bei anderen nicht eintreten würde, wäre sie nicht in der
untersten Stufe gleichsam des Seelenlebens, in dem Nerven—
raum des Dichters vorhanden gewesen, und hätte er nicht für
sie in seinen Dramen den für ihr Wirken auf die moderne
Seele eben notwendigen und entsprechenden Ausdruck ge—
funden. Von diesem Gesichtspunkt aus betrachtet handelt es
sich bei den Dramen Maeterlincks um neurologische Stimmungs—
dramen ausgesprochensten Charakters, ja um eigentlich mehr
als rein subjektive Stimmungsdramen: denn da das in ihnen
vertretene mythische und Märchenelement wenigstens für das
seelische Empfinden und Auffassen weit zurückliegender Zeiten
der objektiven Wirklichkeit angehörte, so wird ihnen auch für
das Empfinden der Gegenwart noch etwas von jener Wirk—
lichkeit, als ein psychisches Sediment gleichsam aller Urzeiten
und Mittelalter, zu teil: sie wirken wie Gespensterscenen auf
noch halb und im stillsten Stillen gespenstergläubige Gemüter.

Ist es bei diesem Zusammenhange verwunderlich, daß
Maeterlinck persönlich sehr bald stärkste, durchaus mittelalterliche,
ja urzeitliche Spuren religiöser Gebundenheit verriet, daß er,
Spiritist schon bei Abfassung der „Princesse Maleine“, später
Mystiker ward und Sucher eines urzeitlich gebundenen Gottes—
—
des Humbles“ (1806) zeigt diese Entwicklung vollzogen.

In Deutschland hat Maeterlinck anfangs wenige unmittel⸗
bare Nachahmer gewonnen, wenngleich seine erstaunliche tech—
nische Kunst früh Bewunderer fand: neuerdings dagegen scheint
sein Einfluß ein wenig im Wachsen zu sein: Ernst Rosmer
        <pb n="377" />
        352

Dichtung.

z. B. geht in einer jüngeren Schöpfung, „Mutter Maria“, ent—⸗
schieden seiner Kunst neurologischer Wirkungen nach.

Entwicklungsgeschichtlich aber wird man Maeterlinck mit
den deutschen Stimmungsdramatikern zusammenstellen müssen.
So verschieden die Technik auf beiden Seiten ist, so ver—
wandt ist das Ausgehen von der Nervengrundlage und das
Drängen in die Stimmung: nur daß diese Stimmung bei den
Deutschen mehr subjektiv gefaßt und darum mehr von der
Person des Dichters her dem Zuhörer vorgetragen wird,
während der Vlame, wie gesagt, mit objektiven Momenten
vergangener Zeiten arbeitet, die der Gegenwart nur noch als
Stimmungswerte gegenwärtig sind, und daher imstande ist,
diese Momente mehr aus den gegenständlichen Erscheinungen
des Dramas selbst heraus im Zuhörer wachzurufen. Läßt sich
aber darum Maeterlinck schon als „objektivistischer Idealist“
bezeichnen? Ersetzt seine halb objektive Stimmungsgrundlage
dem modernen Menschen wirklich eine Weltanschauung? Keines—
wegs, vielmehr wird diesem der Weg, den Macterlinck ein—
geschlagen hat, bei klarer Überlegung um so weniger zum Ziele
zu führen scheinen, je wahrhaft moderner er selbst im Grunde
seines Herzens fühlt, — und das, was daher an Maeterlinck
anziehend bleiben wird, wird schließlich doch nur die rein neuro—
logische Grundlage sein.

Und so weist denn auch der Entwicklungsgang des neu—
rologischen Dramas wieder darauf hin, daß es mit rein impressio—
nistischen Experimenten, selbst unter Dreingabe irgendwelcher
Stimmung, auf dem Gebiete des Dramas nicht gethan ist: daß
vielmehr festere Elemente einer objektiven Weltanschauung der
Gegenwart hinzukommen müssen, soll eine große dramatische
Kunst entstehen. Elemente einer solchen Weltanschauung aber
sind vielfach konservative Elemente: und so begreift es sich,
daß man, indem man das Bedürfnis dunkel fühlte, den Blick
rückwärts wandte in die Vergangenheit: Versuche der Ver—
quickung von alt und neu, UÜbergangsstufen zwischen dem Drama
von heute und gestern haben schließlich am meisten das Be—
dürfnis eines Dramas großer Weltanschauung gefördert. Freilich
        <pb n="378" />
        Dichtung.

353

ist damit nicht etwa schon unmittelbar und an sich eine neue
Weltanschauung entwickelt und dramatisch wirksam geworden:
neue sittliche und metaphysische Ideale können nur aus den
tiefsten Tendenzen des Gesamtverlaufs der Kulturerscheinungen
— V
idealistischen Drama der Zukunft zu gute gekommen. Denn sie
führte, indem man an das psychologische Drama der Ver—⸗
gangenheit anknüpfte und dessen Anforderungen und Ergebnisse
nur immer mehr zu vertiefen bestrebt war, zu einem dem
Charakter des modernen Impressionismus möglichst entsprechen—
den und darum den Anforderungen der Zeit gemäß exakten
dramatischen Psychologismus: dieser aber, die volle Erfassung
der Charaktere des Stückes in ihrer heute erreichbaren seelischen
Ganzheit, begann erst die wichtigste und unerläßlichste Vor—
bedingung zu schaffen für ein Drama, das eben diese Voll⸗
—DV

5. In der That hatte sich zunächst, diesen Zusammen—
hängen vorarbeitend, schon längst ein Drama der Übergangs—
formen von alt zu neu entwickelt.

Es hatten sich da ähnliche Dinge abgespielt wie in der
Geschichte der Kunsterzählung: in starken Massen hatte sich
neben dem Neuen zunächst das Alte gehalten, und schon diese
Thatsache hatte die Entwicklung eines Dramas des Übergangs
begünstigt. Von diesem Alten nun, so trefflich es auch teilweis
noch war, ist hier nach der ganzen Anlage dieses Buches nicht
zu sprechen. Wohl aber von den Männern des Übergangs. Mit
wenig Worten kann da zunächst über Richard Voß (geb. 1851)
berichtet werden. Seine Dramen „Alexandra“ (1886), „Eva“
(1889) u. a. sind Ausläufer der französischen Comédie des
mours mit einigen Zugeständnissen an die impressionistische
Technik: eben dieser Kompromißform halber wurden sie seiner
Zeit viel gegeben und gern gesehen.

Der klassische Dichter aber des Ubergangsdramas, wie ja
auch der Übergangserzählung ist Sudermann. Schon das ist

Lamprecht, Deutsche Geschichte. Erster Ergänzungsband. 2
        <pb n="379" />
        354

Dichtung.
für ihn in dieser Hinsicht charakteristisch, daß er keine Schule
gebildet und keinen Anhang gefunden hat. Selbstverständlich
soll dabei mit dem Worte „Übergangsdrama“ kein Werturteil,
etwa gar in tadelndem Sinne, ausgesprochen werden. Wer weiß
denn schließlich, ob aus der Vereinigung von alt und neu, die
Sudermann immer wieder in stets neuen Schattierungen schafft,
nicht am Ende doch wenigstens zu einem Teile die Kunstform
der Zukunft hervorgehen wird? Hat nicht der Klassizismus
des 18. Jahrhunderts die Vereinigung der Neuerungen der
Empfindsamkeit und des Sturms und Drangs mit Früherem,
freilich unter starkem Einschuß der Antike und eigener selb—
ständiger Eigenschaften gebracht?

Im ganzen darf man wohl betonen, daß Sudermann sich dem
naturalistischen Impressionismus von vornherein auch deshalb
nicht voll hingab, weil ihn schon sehr früh ethische Probleme
tiefer beschäftigten als andere gleichzeitige Dramatiker. Er ist
selbst im Innersten tief leidenschaftlich und räumt darum der
großen, auf dem Naturboden auch der Gegenwart gewachsenen
Leidenschaft mit ihrem Ethos und Pathos in allen seinen
Stücken, selbst da, wo sie, wie in dem stark modernen „Johannes“,
halb pervers auftritt, eine entscheidende Stelle ein, — wenn er
sie auch nie ohne allerlei Vorbehalt austoben läßt. So wittert
er gleichsam ein neues sittliches Ideal, ohne es ganz zu erreichen.

Diese Zwitterstellung giebt ihm einerseits immer wieder
den Anstoß, Persönlichkeiten von einer Freiheit und Größe des
Wuchses zu schildern, wie sie wenigstens der physiologische
Impressionismus nicht leicht verträgt, und andererseits doch
auch wieder die impressionistische Technik immer stärker und
mit steigender Meisterschaft zu pflegen. Und dabei ist unver—
kennbar, daß sich zwischen den zwiespältigen Richtungen seines
Schaffens immer mehr ein Ausgleich vollzieht in dem Sinne,
daß eine voll impressionistische Technik in stetiger Fortbildung
schließlich doch einer leisen Stilisierung dienen lernt unter dem
Einfluß allgemeiner, auf eine besondere Schicksalsidee hinaus—
laufender Tendenzen.

Von Sudermann haben wir die „Ehre“ (1890), „Sodoms
        <pb n="380" />
        Dichtung.

355
Ende“ (1891), die „Heimat“ (1893), „Die Schmetterlings⸗
schlacht“ (1895), „Morituri“ (drei Einakter: „Teja“, „Fritzchen“,
„Das Ewig-Männliche“, 1896), „Das Glück im Winkel“
(1896), „Johannes“ (1898) und „Johannisfeuer“ (1900).

Bezeichnend für den Dichter ist schon, daß gerade sein
erstes großes Drama, die „Ehre“, obwohl erst dem Jahre 1890
angehörig, nicht eigentlich als naturalistisch bezeichnet werden
kann. Es ist noch ein Thesenstück im Sinne der Comédie
des moœurs, von der Sudermann überhaupt ungemein, nament-—
lich für die künstlich verschränkte Scenenführung, gelernt hat.
Und auch die eigentliche Technik, die äußere Form, ist keines—
wegs impressionistisch. Sie trägt vielmehr ebenfalls den
Stempel des fortgeschrittensten französischen Realismus der
Dumas Kils, Augier und Sardou. Möglich daß dieser Zu—
sammenhang dadurch noch stärker geworden ist, daß Sudermann
das Stück unter Beirat Blumenthals einer Bearbeitung unter⸗
zogen hat. Im Stücke selbst wird die These, ganz nach der be—
sonders von Dumas kils geübten Art, durch eine ausdrücklich als
Chorus eingeführte Person, den Grafen Trast, vertreten. Sie
lautet im Obersatz: „Mein Herz pflegt stets in dem Takte zu
schlagen, welchen die Sitte des Landes verlangt, dessen Gast—
freundschaft ich genieße. Denn ich mache mich gern zum
Sklaven des Milieus.“ Hieraus wird dann abgeleitet, daß
es sehr verschiedene Ehrbegriffe gebe, und aus dem Konflikt
dieser verschiedenen Begriffe, so wie sie in Deutschland nach
der Abstufung der bürgerlichen Entwicklung differenziert er—
scheinen, erwächst das Drama. Im übrigen, innerhalb der
damit gegebenen Idee und der Technik des französischen Realis—
mus, bewegt sich der Autor sofort als ein überaus begabter
Dramatiker, der streng architektonisch zu gliedern weiß, der mit
großer Sicherheit Höhen und Tiefen der Handlung schafft, und
der höchstens durch die übergroße Feinheit in dem Ineinander—
flechten der Motive, durch die raffiniert und anscheinend fast
phantasielos kalkulierte Verklammerung der Handlung leicht
etwas wie Kälte hervorruft.

Der äußere Erfolg des Stückes war außerordentlich; sehr

22 *
        <pb n="381" />
        356

Dichtung.

früh hat es sich auch die Sympathie des Auslandes und be—
greiflicherweise zunächst der romanischen Nationen erobert.

Die „Heimat“ hat noch mancherlei Ähnlichkeit mit der
„Ehre“. Vor allem der Umstand, daß ein Heimkehrender nicht
mehr in die einstige alte Umwelt paßt und daraus der Konflikt
erwächst, nähert beide Dramen außerordentlich. Und auch darin
gehören sie, vom Standpunkte der Entwicklung aus betrachtet,
zusammen, daß die „Heimat“ wie die „Ehre“ noch kein eigent—
lich impressionistisches Drama ist. Gewiß: bei ihrer ersten
Aufführung wurden beide Dramen als unerhört naturalistisch
empfunden; heute aber erkennen wir sie doch der äußeren Form
nach noch als Übergangsstücke; und vor allem leiden sie noch
oiel an Schaumschlägerei und Rhetorik.

Am meisten nähert sich Sudermann dann dem rein natura—
listischen Drama des Milieus in „Sodoms Ende“ und in der
„Schmetterlingsschlacht“. In beiden ist die Umwelt des ge—
wöhnlichen früh-impressionistischen Dramas aufgesucht: die
Großstadt in ihren sittlich zersetzten, vielfach auch physisch ver—
wüsteten Kreisen. In beiden, vornehmlich freilich in „Sodoms
Ende', besteht die Handlung eigentlich nur aus einer Zu—
sammenreihung von Skizzen, die weit mehr als sonst bei
Sudermann ins Kleine ausgeführt sind. So könnte man fast
davon reden, daß der Dichter hier völlig im Impressionismus
untergegangen sei; es war zu der Zeit, da sich auch Wilden—
bruch, Wilbrandt, Fulda u. a. impressionistischer Kunst be—
sonders hingaben.

Da brachte das Jahr 1896 einen Umschwung. Suder—
mann ging von jetzt ab, unter allem Festhalten an dem Im—
pressionismus der äußeren Form, der z. B. gerade in seinem
jüngsten Werke, dem „Johannisfeuer“, stark hervortritt, doch
bor allem den Weg der Seelenmalerei, hob damit einzelne Ge—
stalten hervor, versuchte, wenn auch mit psychologisch-impressio—
nistischer Technik, immer mehr große und leidenschaftliche Per—
sönlichkeiten zu schaffen und näherte sich auf diese Weise dem
Drama des starken, von irgend einer Schicksalsidee beherrschten
Konfliktes. Ja es schien gerade im Jahre 1806 einen Augen—
        <pb n="382" />
        Dichtung.

357
blick, als wollte er das fernste Ziel, die Herrschaft eines idea—
listischen, von einer bestimmten Weltanschauung regierten Dramas
auf einmal erreichen. Damals erschienen von ihm unter dem
gemeinsamen Titel „Morituri“* drei Einakter: ein geschichtliches
Stück, „Teja“, in der gehaltvollen Prosa des älteren Historien—
stils, ein Stück aus der Gegenwart, „Fritzchen“, unter vollendeter
Anwendung des Impressionismus, und ein Märchenspiel, „Das
Ewig⸗Männliche“, in prächtig bunten, oft prickelnden Versen:
Arbeiten also recht verschiedener äußerer Formgebung. Aber sie
trafen sich in derselben Idee. In allen drei Fällen handelt es
sich ums Sterbenmüssen, um das Fatum des Todes, das alle
gleichmäßig antritt und doch so ungleichartig, indem es den
besonderen Umständen der Lebensführung auch einen besonderen
Charakter entnimmt. Aber hat nun der Dichter diese Idee
irgendwie vertieft? Hat er einen augenscheinlichen inneren
Zusammenhang zwischen den drei abweichenden Arten des
tödlichen Geschickes in den drei Stücken hergestellt? Läßt sich
dem dreigeteilten Ganzen etwa gar eine völlig klare, sie ver—
bindende höhere Auffassung, der Kern einer Weltanschauung
entnehmen? Schwerlich. Es scheint ein mißlungener Versuch
zu sein; es ist eine nur äußerliche Zusammenfassung.

Dagegen ist vom „Glück im Winkel“ an, das auch im
Jahre 1896 erschien, kein Zweifel mehr darüber, daß sich
Sudermann wenigstens immer mehr der Charakterschilderung
zuwendet, und zwar in zunehmend stärkerer Intensivierung
gegenüber dem, was unsere dramatische Kunst vor der Zeit
des Impressionismus leistete. Schon die Hauptpersonen des
„Glücks im Winkel“ erbringen den Beweis, noch mehr der
Titelheld und die drei Personen der Herodesfamilie im
„Johannes“. Freilich ist dabei die Sprache wenigstens im
„Johannes“ noch unbeholfen; und oft sind Dutzende gegen—
seitiger Beziehungen der Handelnden in so wenige Worte
hineingeklügelt, daß es überaus schwer, wenn nicht unmöglich
wird, allen Absichten des Dichters in der kurzen Frist zu
folgen, die während des Verlaufes der Handlung auf der
Bühne gegeben ist. Das Zusammendrängen und Verwickeln,
        <pb n="383" />
        358

Dichtung.

zu dem Sudermann von jeher neigte, hat hier einen Grad er—
reicht, der aus der allgemeinen künstlerischen Tendenz der letzten
Jahrzehnte auf Konzentration wohl noch Nahrung empfangen
hat, die Wirkung des Stückes aber entschieden schädigt.

Das letzte Drama Sudermauns dagegen, das „Johannis⸗
feuer“, ist von diesem Fehler fast frei und auch sonst klarer, da
es nicht so überaus verschiedene Welten, wie die des Evan—
geliums mit der von Rom zernichteten, im jähen Verfall be—
griffenen jüdischen Nationalkultur kontrastiert, sondern vielmehr
Gestalten aufweist, die sich näher stehen und deshalb in stärkerer
Selbständigkeit nebeneinander und gegeneinander leben können.
Im übrigen ist auch das ,Johannisfeuer“ durchaus psychologisch;
und so unterliegt es wohl keinem Zweifel mehr, daß sich Suder⸗
mann seit der zweiten Hälfte der neunziger Jahre aus dein Drama
des Übergangsstils heraus in der Richtung eines Dramas des
einfachen psychologischen Impressionismus entwickelt hat, das
als beste Vorstufe für ein Drama der großen Weltanschauung
gelten muß.

Und das ist nun keineswegs ein vereinzelter Vorgang. Die
Wendung entspricht vielmehr einer allgemeinen, auch sonst wahr⸗
nehmbaren und in der allgemeinen Strömung der Entwicklung
der Phantasiethätigkeit verlaufenden Tendenz: der physiologische
Impressionismus macht, unter mancherlei noch immer nicht ab⸗
geschlossenen symbolistischen und romantischen Intermezzos, einem
cein realistischen, durch keinerlei Symbolismus gebundenen
psychologischen Impressionismus Platz; und neben Sudermann
ist vor allem auch Hauptmann dieses Weges gezogen.

Hauptmann hatte in seinen Anfangsdramen die Seelen—
zeichnung des naturalistischen Impressionismus geübt: Ergreifen
des Sozialpsychischen namentlich enger menschlicher Gemein—
schaften und dies wieder namentlich in seiner äußeren, gleichsam
physiologischen, bloß sprachlichen Erscheinung; und auch in der
Schilderung der einzelnen Charaktere vornehmlich Malen und
Darstellen des Beständigen, individuell Zuständlichen, Dauern—
den, das zu Aktion und Reaktion nur gebracht werden kann
durch einen äußeren Anstoß, das Erscheinen einer fremden
        <pb n="384" />
        Dichtung.

359
Person in dem geschilderten Kreise u. dergl. mehr. Allein schon
früh läßt sich doch bei ihm hierüber hinaus ein besonderer Sinn
für die Entwicklung der Charaktere wahrnehmen. Oder besser:
die Auswicklung der Charaktere, den Prozeß, in dem sich ge—
wisse Charaktere von klar und abgeschlossen gegebenen Potenzen
her unter gewissen Umständen zu deren voller Entfaltung fort—
hewegen. Darum liegt ihm in seinen Dramen von vornherein
die Charakterstudie nahe; Vockerat in den „Einsamen Menschen“,
College Crampton, die Wolffen im „Biberpelz“ sind solche
Charaktere, die er besonders eingehend studiert hat, ohne sie
freilich im Zustandsdrama anders als in ihrer jeweiligen Lebens⸗
breite, gleichsam im Querdurchschnitt zu erfassen. War es
aber denkbar, daß einer ausgesprochenen Begabung solche Experi—
mente genügten? Schon vor allen Dramen, die heute bekannt
sind, hat Hauptmann in seinen Skizzen das Problem tiefer zu
fassen gesucht. Sind nun diese Skizzen der Zeichnung des
Abnormen gewidmet und insofern besonders geeignet, nicht
über den Charakter der Studie hinaus zu wachsen, so läßt sich
in den neunziger Jahren das wachsende psychologische Interesse
des Dichters auch in den Dramen verfolgen. So vor allem
in der „Versunkenen Glocke“: es ist das erste Stück, in dem
Hauptmann den Versuch einer Auswicklung des Charakters
seines Helden macht und sich damit dem eigentlichen psycho—
logischen Drama nähert. Aber noch war dieser Versuch nur
ein tastender, und der Märchenton schloß von vornherein eine
naturalistisch feiner ciselierte Charakterschilderung aus. Sollte
ein volles Seelenleben in seiner Entwicklung zur Darstellung
gelangen, so war auf das reine Drama zurückzugreifen.

Im Jahre 1899 erschien Hauptmanns „Fuhrmann
Henschel“. Das Milieu ist das alte schlesische, auch die Technik
im einzelnen ist die alte. Es wird z. B. schlesisch gesprochen,
und die Personen sind schon in den Schattierungen der Sprache
charakterisiert, und zwar so fein wie im „Biberpelz“; der
Kellner George aus Meißen, in Schlesien thätig, spricht sächsisch
mit schlesischem Anklang, wie die Wolffen im „Biberpelz“ auf
schlesisch berlinert. Neu aber ist der Charakter der Fabel.
        <pb n="385" />
        360

Dichtung.

Henschel, selbständiger Fuhrmann in dem Hotel eines schlesischen
Bades, ein herkulisch gebauter, gutmütiger, gerader, aber nicht
weltkluger Mann, hat im Haushalt mehrfach Unglück gehabt
und ist im Begriff, seine Frau zu verlieren. Diese erschließt,
hilflos ans Bett gefesselt, aus kleinen Zügen gutmütigen Ent⸗
gegenkommens ihres Mannes gegenüber der Dienstmagd Hanne
eine Neigung zu derselben; eifersüchtig läßt sie sich von Henschel
versprechen, daß er nach ihrem Tode Hanne nicht heiraten
werde. Henschel giebt das Versprechen, ohne ihm großen Wert
beizulegen, da er sich rein fühlt (erster Akt). Die Frau stirbt.
Henschel entschließt sich auf Zureden des Hotelwirts, Hanne
gleichwohl zu heiraten, da er von deren hartem, ja grund⸗
bösem Charakter trotz langer Möglichkeit der Beobachtung keine
Ahnung hat (zweiter Akt). Hanne, nun Frau Henschel, ist
ihrem Mann untreu; ein Kind aus der ersten Ehe, das sie zu
pflegen hatte, stirbt. Henschel leidet unter der Ehe; in seiner
Gradheit glaubt er, frohes Leben in sein Heim bringen zu
kinnen, indem er ein uneheliches Kind seiner Frau, dessen Dasein
ihn nicht von der Heirat abgehalten hatte, dieser ohne ihr
Wissen zuführt. Der Eindruck bei der Frau ist der entgegen—
gesetzte des erwarteten (dritter Akt). Andere Leute kennen die
Frau besser. Henschel wird an öffentlichem Orte, im Wirts—
hause, von der Untreue seiner Frau unterrichtet, nachdem er
schon lange unter der stillen Zurückhaltung früherer Freunde
gelitten (vierter Akt). Er bricht unter der Wahnvorstellung,
daß sein Unglück Folge des Bruches des Versprechens an
seine erste Frau sei, zusammen und giebt sich selbst den Tod
fünfter Akt).

Man sieht auf den ersten Blick, daß es sich hier nicht
bloß um eine der impressionistisch herkömmlichen Katastrophen
handelt; nicht die zufällige Störung eines labilen Gleichgewichts
erzeugt plötzliches Verderben, sondern das längere Nebeneinander
zweier Charaktere reift allmählich das Unglück. Charakteristisch
hierfür ist schon, daß in dem Stück wohl die Einheit des Ortes
gewahrt ist, nicht aber mehr die der Zeit. Dabei ist einer
dieser Charaktere kieselhart und im ganzen darum unveränder—
        <pb n="386" />
        Dichtung.

361]

lich. Der andere dagegen ist weich, und darum unterliegt er.
Die einzelnen Phasen dieses langsamen Unterliegens schildert
das Stück. Nicht als ob in dessen Verlauf eine Anderung des
Charakters Henschels erfolgte. Der tiefere Grund seines Wesens
bleibt. Schon im ersten Akt ist er ein sorgloser und doch wieder
in delikaten Fragen übergewissenhafter, etwas hypochondrisch
angelegter Mann, der schon nach kleinen Schicksalsschlägen ge—
legentlich an den Strick denkt. Aber was sich ändert, das ist
die Konstellation der Grundeigenschaften seines Wesens; lang—
sam verschwinden die frohen, lebenspendenden, und die verhäng⸗
nisvollen, verderblichen treten hervor. Es ist, wie wenn der
Himmel sich überzieht, erst leise, dann drohend, um sich schließ—
lich im Blitzschlag zu entladen. Und diesen Prozeß hat der
Dichter mit aller Kunst dramatisch-impressionistischer Schilderung
vorgeführt. Dabei ist doch andrerseits die Schilderung des
Zuständlichen, des Milieus der Fuhrmannswohnung, des Hotel—
lebens, des Kneipwirtsdaseins und der Gaststube völlig fest—
gehalten, und weitere Blicke fallen darüber hinaus auch auf das
handwerkliche Dasein eines kleinen Badeortes. Psychologisches
und Zustandsdrama zugleich, so könnte man „Fuhrmann
Henschel“ nennen.

Wird diese Verbindung bei Hauptmann fortdauern? Wird
sie dem rein psychologischen Drama weichen?

Das neueste Drama Hauptmanns, „Michael Kramer“ (1900),
erteilt hierauf einstweilen allein die Antwort. Sein Inhalt
ist mit zwei Worten erzählt: ein Maler, Lehrer an der Kunst—
schule einer Provinzialhauptstadt — deutlich ist im Stiücck
Breslau gekennzeichnet —, hat einen ungeratenen Sohn, und
dieser geht zu Grunde. Was das Stück uns giebt, ist zunächst
die Schilderung gewisser Milieus: der Familie wie der
Schülerschaft des Malers, letzteres vergegenwärtigt durch seine
Tochter und einen begeisterten männlichen Schüler von außer—
halb, der mit seiner Frau zugleich das allgemeine Milieu
modernen Malerelends repräsentiert, endlich des Kneipmilieus,
in dem der Sohn verkehrt. Aber alle diese Milieus sind doch
naur Mittel zu einem einzigen Zweck: zur Kontrastierung von
        <pb n="387" />
        z62

Dichtung.
Sohn und Vater. Und diese Kontraftierung ist nun auf der
Grundlage erblicher Belastung des Sohnes vom Vater her mit
großer Feinheit durchgeführt. Was wir vor uns haben, ist ein
psychologisches Drama.

Und schon sind Anzeichen in genügender Anzahl vor—
handen, daß die Wendung zu einem exakten psychologischen
Impressionismus allgemein werden wird. Nichts ist hierfür
vielleicht bezeichnender, als daß diese Neigung sich auch, ja vor
allem bei den hervorragendsten Dramatikern Österreichs wahr—
nehmen läßt. Es könnten da zunächst erwähnt werden: Hermann
Bahr, der seit dem „Tschaperl“ (1897) ganz augenscheinlich
in die Bahn psychologischer Kunst eingelenkt ist, und Rudolf
Lothar (geb. 1865), dessen „Ritter, Tod und Teufel“ schon
im Jahre 1896 das Muster eines psychologisch tief fundamen—
tierten Einakters darbot. Schließlich aber taucht in diesem
Zusammenhang auch wieder der Name Schnitzlers auf. Schnitzler
hat sich zunächst 1895 in dem Schauspiel „Liebelei“ dem In—
halte nach noch in derselben Welt der Wiener Lebemänner be—
wegt, der sein „Anatol“ angehört; doch ist die impressionistische
Zustandsschilderung hier schon mehr als sonst in gleichzeitigen
Stücken spezifisch dramatischen Gesetzen unterworfen. Einen
weiteren Schritt aus den Regeln des früheren Impressionismus
heraus und hin auf stärkere dramatische Wirkungen hat
Schnitzler dann in dem Schauspiel „Freiwild“ (1896) gethan.
Und seitdem ist er nur noch mehr in rein psychologische Bahnen
eingelenkt. So vor allem in den drei Einaktern „Die Gefährtin“,
„Paraeelsus“, und „Der grüne Kakadu“ (3. Aufl. 1900, von
etwa 1898), von denen „Die Gefährtin“ das seelisch am
tiefsten erfaßte ist, während „Der grüne Kakadu“ mit Recht die
Bezeichnung einer Groteske trägt und „Paracelsus“ noch halb
dem Märchenhaften angehört. Was aber vielleicht als noch charak—
teristischer denn die Teilnahme Österreichs erscheint, das ist die
Thatsache, daß in sterreich wie im Reiche auch Dichter zweiten
Ranges in den Psychologismus einlenken. Freilich: liegt da
nicht die Gefahr einer Verflachung nahe? Und ist denn mit
der Wendung zur reinen Psychologie auch bei den führenden
        <pb n="388" />
        Dichtung.
368
Dichtern nun wirklich der Zugang zum großen Drama schon
pollends gesichert?

ö. Unsere Darstellung der dramatischen Entwicklung ist,
je mehr sie sich der unmittelbarsten Gegenwart näherte, um so
mehr auch in den Punkten, die als charakteristisch heraus—
zgegriffen wurden, eingehend gestaltet worden — eingehender
als früher die Schilderung der Entwicklung der Lyrik und der
Kunsterzählung. Denn nur so konnte dem Leser schlagend das
vielfach Unklare und Zweifelhafte der heutigen Lage gerade
auf dem Gebiete des Dramas zur Anschauung gebracht werden.
Ist denn schließlich bisher etwas erreicht worden, das längere
Lebensdauer verspräche? Das Drama des physiologischen Im—
pressionismus, soweit dieser überhaupt rein auftrat, hat ver—
sagt. Eine Mischung physiologisch- und psychologisch-impressio—
nistischer Elemente hat es allerdings zu größeren Erfolgen ge—
bracht. Die primitive Idealisierung des dramatischen Im—
pressionismus im Märchen- und Traum- wie auch im
Stimmungsdrama aber ist wiederum bald an rascher Erschöpfung
der möglichen Vorwürfe und an der Unvereinbarkeit innerer
Gegensätze zu Grunde gegangen. Als lebenskräftiger und aus—
sichtsreicher erwies sich somit im allgemeinen nur der reine
Psychologismus einer gemäßigt impressionistischen Kunst. Aber
ist denn selbst auf diesem Boden bisher schon wahrhaft Großes
gediehen?
.... Das Drama lebt nicht von möglichst naturalistischer
Wiedergabe des Geschehens allein: sonst wäre es nichts als
eine besonders verlebendigte Erzählung. Nun ist ja das Drama
allerdings aus der Erzählung entstanden. Ist es aber eine
solche geblieben, und soll es noch heute eine solche sein? Keines—
wegs: in den Höhepunkten seiner Entwicklung ward es viel—
mehr und wird es immer wieder zum Verkünder von Welt—
anschauungen. Die Handlung wird geschürzt; das ist nicht
möglich ohne Auswahl des Bedeutenden in ihr: und was
        <pb n="389" />
        364

Dichtung.
bedeutend ist, kann im letzten Grunde nur nach dem Maßstabe
einer Weltanschauung bemessen werden.

So muß das moderne Drama wirklicher Vollendung eine
doppelte Form aufweisen: eine äußere der jeweils höchst er—
reichbaren sozial- und individual-psychologischen Technik und
eine innere der Schicksalsidee, nach deren Wesen die Gestalten
des Stückes leiden und handeln. Der Dichter erlebt zunächst
in seinem Innern gewisse Gestalten bis zu dem Grade, daß er
der Entbindung von ihnen bedarf, soll seine Einbildungskraft
nicht an Überfülltsein zu Grunde gehen; er vollzieht diese Ent⸗
lastung, indem er die Gestalten in eine bestimmte Handlung
hinein- und damit einem Schicksal unterstellt, dessen Verlauf
von dem, was er für edel, gut und groß hält, d. h. von seiner
Weltanschauung abhängig ist.

Die äußere Form ist für das Drama das Erste; sie giebt
ihm auch in erster Linie Zeitcharakter. Aber daneben steht
für jede höher entfaltete dramatische Kunst eine innere Form,
die Form der Weltanschauung.

Ist nun diese innere Form durchaus und in jeder Hinsicht
nur rein persönliches Eigentum des einzelnen Dichters? Oder
ist auch ihre Entwicklung von allgemeinen geschichtlichen Wand—
lungen abhängig? Das ist die Frage, die hier zunächst auf⸗
taucht, und von deren richtiger Beantwortung die Sicherheit
abhängig zu sein scheint, mit der man über Gegenwart und
nächste Zukunft des heutigen deutschen Dramas urteilen kann.

Und da liegt nun zunächst auf der Hand, daß einzelne
kleine Schattierungen der Weltanschauung zweifelsohne indi—
viduelles Eigen der einzelnen Dichterpersönlichkeit sind — genau
so, wie auch einzelne Eigenheiten der äußeren Form immer
dem besonderen Charakter der einzelnen schöpferischen Persön⸗
lichkeit angehören werden. Aber darüber hinaus sind, wiederum
wie bei der äußeren Form, die allgemeinen Züge der Welt—
anschauung doch Momente und Ergebnisse der generellen Kultur—
entwicklung — schon deshalb, weil die Weltanschauung eines
Dramas, soll dieses wirken, nicht bloß dem Dichter vom Herzen
kommen, sondern auch dem Publikum zum Herzen gehen muß.
        <pb n="390" />
        Dichtung.

3685
Und weil sie dies sind, darum ist eine große, allgemeine, Dichter
und Publikum zugleich umfassende, einheitliche, der ganzen Zeit
angehörige Weltanschauung die Voraussetzung eines großen
Dramas.

Ist nun diese Voraussetzung für die Gegenwart erfüllt?

Die Weltanschauungen der letzten drei bis vier Jahr⸗
hunderte lassen sich in ihrem Verhältnis zum Drama am besten
in transcendente und immanente scheiden.

Die wirksamste aller transcendenten Weltanschauungen war
in dieser Zeit die christliche. Völlig und klar ausgeprägt aber hat
sie während dieser Periode eigentlich nur im katholischen Drama
bestanden. Dies verlegt in seiner reinsten Gestalt das Schicksal
noch in den Himmel, in die Liebe und Gnade eines über⸗
weltlich, jenseitig, persönlich gefühlten Gottes. Und diese
Gnade ist es, die den schuldigen Helden, den Sünder schließlich
dennoch erlöst. Und alle Gestalten des Dramas sind gebunden in
diese Liebe, haben Seelen, deren gute Eigenschaften im Grunde
als Gnadengaben Gottes, deren schlechte als Werk des Teufels
erscheinen. Es ist das Drama Calderons, des christlichsten
aller großen Dramatiker der europäischen Völkergemeinschaft.

Auf evangelischem Boden dagegen, in der vollen Luft zu—
gleich schon der philosophischen Regungen der Renaissance kommt
dies christlich-transcendente Schicksal eigentlich nur noch ab⸗
geblaßt vor, durchsetzt von dem Gedanken der Gotteskindschaft
des Menschen, unterhöhlt von Vorstellungen einer religio
naturalis, die sich seit dem 16. Jahrhundert im Anschluß an
den Immanenz predigenden Stoicismus der spätrömischen Zeit
entwickelten: es ist die Atmosphäre, in deren allgemeinem Be—
reiche Shakespeare atmet.

Und mit dem Emporsteigen eines neuen großen seelischen
Zeitalters um 1750, mit der Empfindsamkeit und ihrem
Freundschaftskult und der zunehmend stärkeren Vergesellschaftung
der Individuen setzte speziell in Deutschland immer fester
nun ein Trieb immanenter Weltanschauungen ein, und das
Schicksal erschien gegeben in Abhängigkeit von dem inneren
Charakter der Zeit und des Ortes, erschien gekettet an Zeit—
        <pb n="391" />
        366

Dichtung.
geist und Umwelt. Da kann denn dieses Schicksal nicht mehr
gleichsam persönliche Beliebung eines transcendenten Gottes
bleiben, sondern wird zur gesetzlichen Ordnung der Welt und, da
es sich im Drama um die seelische Welt handelt, zur Ordnung
des seelischen Kosmos: dem der Summe der sozialpsychischen Kräfte
zu Grunde liegenden Entwicklungsgang. Darnach ist das Drama
des vollendeten Klassizismus dasjenige, in dem der Kampf des
Einzelnen, des Helden, der Hauptgestalt des Dramas gegenüber
der Wucht der umgebenden Kulturwelt und der Ideen, die sie be—
herrschen, zum Ausdruck gelangt. Und dabei brauchen die Mächte
der Umwelt keineswegs immer objektiv zu erscheinen, sondern
können auch subjektiv auftreten, eingebettet in bestimmte
Charaktere, als deren Auffassungen, Neigungen, Strebungen.
In diesem Falle verschwindet die abgesonderte, sinnliche, konkrete
Darstellung der Umwelt, und es entsteht das klassische individual
vosychologische Drama.

Es ist hier nicht durchweg zu verfolgen, in welchen ein⸗
zelnen Vorgängen dem dramatischen Kunstwerk der klassischen
Periode die in ihm erreichte Ausgeglichenheit von äußerer und
innerer Form verloren gegangen ist; genug, daß die Sprengung
durch die intensivere Fortbildung der äußeren Form erfolgte,
während sich zu den neuen Ausgestaltungen dieser Form noch
nicht eine entsprechende innere Form einstellte.

Die äußere Form wurde fortgebildet schon in der Zeit
des sogenannten Realismus, in den Jahrzehnten siegender
Naturwissenschaft seit 1830, und die Führung hatte dabei
Frankreich; die deutschen Dramatiker wurden Schüler Scribes
und der von ihm ausgehenden Bewegung, — und sie unter⸗
warfen sich dieser Führung um so eher, als der Einfluß schon
der französischen Tragédie classique auf das deutsche Drama
trotz Lessing niemals ganz beseitigt worden war. Die Franzosen
aber in ihrem Bestreben, über die Phantasien ihrer Romantik
hinauszugelangen, gingen damals vor allem auf die realistische
Ausgestaltung der äußeren Form der Handlung aus: diese,
nicht mehr die Charaktere, deren Zugabe doch eigentlich die
Handlung ist, trat in den Vorderarund des künstlerischen Inter—
        <pb n="392" />
        Dichtung.

367

esses. Es ist die Gegenerscheinung zur Entwicklung der gleich—
zeitigen Historien- und Genremalerei; wie in der Malerei der
Gegenstand vor dem Farbenleben beachtet wurde, so bevorzugte
hier der Dramatiker die Fabel vor dem Seelenleben der Ge—
stalten. Indem man nun aber bei festgehaltener Einheit des
Dramas möglichst großen Reichtum der Handlung erstrebte,
wurde der Kausalnexus zu scharf betont, kamen Spannungs-—
künste und Effekthaschereien auf, die schließlich zu impotenten
Steigerungen namentlich gegen den Schluß der Akte führten
und den Schauspieler als Virtuosen in den Vordergrund
drängten: verlor man in Summa die Innerlichkeit der Hand⸗
lung und damit ihre Verknüpfung mit der höheren Idee eines
Schicksals. Das Drama wurde damit schon vor den Zeiten
des modernen Realismus wieder zu einer freilich äußerst
kunstvollen und lebendigen Erzählung, und an Stelle der
Schicksalsidee fand sich eine bestimmte Tendenz des Dichters
ein, der Versuch, irgend einen gerade umstrittenen Satz aus
dem Bereich der sittlichen oder wohl auch der metaphysischen
Fragen als wahr oder nicht wahr nachzuweisen: im besten Falle
allerlei Weltverbesserungs- oder Weltschmerzideen, im schlimmeren
das Thesenstück der Dumas kils und Augier und ihrer Nach—
ahmer in Deutschland. Das war, vom Standpunkte der
inneren Form aus betrachtet, das Erbe, welches die beginnende
moderne Bewegung in den achtziger Jahren übernahm.

Da konnte es nun kaum zweifelhaft sein, wie sich das
Drama weiterentfalten würde. Ganz der Durchbildung zu—
nächst der äußeren Form zu jener illusionistischen Stärke zu—
gewandt, die wir heute besitzen, warf der deutsche Impressio⸗
nismus mit wenigen Ausnahmen so viel als möglich auch noch
die letzten Resterscheinungen der inneren Form über Bord: das
Thesenstück verschwand, von stark bewußter Gestaltung der
Schicksalsider war keine Rede mehr, das Drama sollte nichts
sein als die Wiedergabe eines Stückes physiologischen, sozial⸗
psychischen, individualpsychischen, neurologischen Lebens.

Aber konnte man sich mit alledem begnügen, als man immer
mehr zur vollen Herrschaft über die neue äußere Form gelangte
        <pb n="393" />
        368

Dichtung.

und begriff, daß es auch auf diesem Gebiete Grenzen der Fort—
bildung gäbe, wie sie in der That durch die allgemeine seelische
Potenz der Zeit gesteckt sind und jetzt erreicht schienen? Schon
früh, mit dem Eintritt mehr individualpsychischer Betrachtung,
sah man sich naturgemäß auf die tiefere Durchdringung der
Charaktere gegenüber der Handlung und gegenüber der Umwelt
hingewiesen und fand in diesem Wechsel des Interesses auch
die Aufforderung, wieder an jene Momente zu denken, welche
die Charaktere verbinden. Und damit ergab sich zwar noch
nicht der Gedanke an die Weltanschauung als eine das Handeln
der Gestalten beherrschende und sie zugleich idealisierende
Macht — aber doch ein Schritt in dieser Richtung. Das
Stimmungsdrama kam auf: nicht seine Weltanschauung trug
der Dichter in die Handlung seines Dramas hinein, wohl aber
ein mehr AÄußerliches seiner Persönlichkeit, seine Stimmung.
Es ist ein Zug gleichsam anfänglicher, primitiver Idealisierung.

Allein: kann eine solche Idealisierung bloß durch eine per—
sönliche Stimmung erreicht werden? Keineswegs, denn — wie
schon einmal früher bemerkt — das Motiv, das idealisiert,
muß in der Offentlichkeit des Publikums wirken, muß objektiv,
muß dem Dichter und den Zuschauern gemeinsam sein. Mehr
als vielleicht sonst irgendwo in der Dichtung drängt sich hier
eine Ablehnung rein subjektiven Empfindens auf: eine Welt—
anschauung muß es sein und, da es sich um menschliches
Handeln dreht, vor allem die sittliche Seite einer Weltanschauung,
die klärend, idealisierend in die impressionistische Technik des
Dramas eingreift, um sie zu höherem Fluge zu befähigen.
Ethische Weltanschauung, mit Rücksicht auf die besonderen
Absichten und das Wesen des Dramas klare Schicksalsidee —
das ist es, was dem neuesten Drama noch mangelt.

Warum ist man nun nicht alsbald in dieser Richtung
weitergegangen? Ja ... wird man nicht sagen dürfen: weil
man über die Stimmung hinaus im allgemeinen noch nichts
Festeres zu geben hatte? Es ist kaum zu bestreiten: die ge⸗
wünschte, die notwendige Weltanschauung war nicht vorhanden!

Allein etwas besaß man doch, gleichsam einen Anfang zu
ihr: die naturalistisch-impressionistische Strömung hatte zunächst
        <pb n="394" />
        Dichtung.

369
bei den Künstlern eine fast fanatische Liebe zur Wirklichkeit
und Wahrheit erzogen, und etwas von dieser Liebe hatte sich,
wenigstens in Kunstsachen, auch dem Publikum mitgeteilt. Und
von hier aus, von einem allgemeinen Wahrheitstriebe her
wurden denn in der That allmählich wenigstens Ansätze zu
einer dramatischen Weltanschauung gewonnen.

Zunächst drängte schon die äußere impressionistische Form
an sich, welcher Art sie im einzelnen auch war, wenn ganz
ernst und wahrhaftig genommen, auf gewisse Rudimente eines
immanenten Begreifens der Welt. Wird ein einfaches Lebens—
bild dramatisch hingestellt, eine Handlung, wie sie jeden Tag
geschehen sein könnte, so muß sie der Dichter von vornherein,
eben um sie für jeden Tag wahrscheinlich zu machen, in das
Sozialpsychische eintauchen, und so entsteht unmittelbar der
Gegensatz zwischen Individuum und Umwelt. Und dieser Gegen—
satz wird noch verschärft durch die Thatsache, daß sich auch die
einfache Handlung selbst bei peinlichster naturalistischer Behand—
lung nicht in allen ihren Phasen und Eindrucksmomenten auf
die Bühne bringen läßt, daß immer und unter allen Umständen
abgekürzt werden muß: wodurch, da dies natürlich in charak—
terisierendem Sinne zu geschehen hat, die Elemente der Ge—
stalten einerseits, die der Umwelt andererseits stärker hervor⸗
treten. Bilden aber Gestalten und Umwelt die natürlichen
Komponenten der Handlung gerade ganz besonders im im—
pressionistischen Drama, so ist in dem Konflikte beider das
eigentliche Thema der Handlung gegeben, und dies Thema ist
ein solches einer Weltanschauung der Immanenz.

In der That sehen wir nun dies Thema schon von den
Anfängen des modernen Dramas her angeschlagen. Dabei ist
die Umwelt zuerst mit Vorliebe eng genommen: der Kreis
namentlich der Familie wird aufgesucht, — woher die Fülle
von Ehe; und Familiendramen, das Thema des ,‚Verhältnisses“,
des Haushalts zu dreien u. s. w. Aber bald werden auch weitere
Kreise der Umwelt ergriffen, die Grenzen der speziell gesell—
schaftlichen Formen werden überschritten, und das Gebiet der
großen sozialen Konflikte wird erreicht (Hauptmanns „Weber“

Lamprecht, Deutsche Geschichte. Erster Ergänzungsband. 24
        <pb n="395" />
        370

Dichtung.
und „Florian Geyer“); nur die weitesten aller Arenen, die
nationale, staatliche, kosmopolitische, sind noch wenig betreten
worden. Und alsbald bildet sich, zuerst bei Ibsen, dann, mit
gewissen Änderungen, auch bei Hauptmann, Sudermann, Halbe,
Hartleben, Ernst Rosmer, Schnitzler u. a. auch eine besondere
Form der Konfliktsbehandlung unter diesen Umständen heraus:
eine Stilisierung also der Handlung und damit ein deutlicher
Beweis für das Vorhandensein wenigstens idealistischer Mo—
mente. Wir werden zunächst in eine Umwelt eingeführt, die
im Verhältnis zu den Bestrebungen der zur Handlung be—
rufenen Gestalten in labilem Gleichgewicht steht; dann erscheint
eine Person, welche dies Gleichgewicht stört, indem sie dem
Helden sein zum Kampfe gegen die Umwelt drängendes Innere
erst völlig erschließt und frei macht, und der Konflikt beginnt.
Genügt in großen sozialen Dramen eine Person nicht, so
werden statt deren wohl auch mehrere aufgebracht, so z. B. in
Hauptmanns „Webern“ der starke Weber Bäcker und der aus
der Garnison heimkehrende Webergesell Jäger.

Man darf bei diesen Gestalten wohl an etwas wie einen
immanenten, die Handlung in Bewegung setzenden deus ex
machina denken, wenn der Ausdruck erlaubt ist. Die Berechtigung
hierzu ergiebt sich, wenn man Eigentümlichkeiten des parallel
laufenden impressionistischen Romans heranzieht. Dieser ist be—
kanntlich in den besten Fällen so gebaut, daß ein soziales Milieu
geschildert erscheint, daß dann dessen langsame Änderungen vor⸗
geführt werden, und daß endlich zu Tage tritt, wie gewisse
Personen, die sich in dem Zustand des ersten Milieus sehr
wohl fühlten, in dem Schlußzustand nicht mehr leben können
und zu Grunde gehen, es sei denn, daß sie sich diesem Zustand
anpassen. Wie man sieht, wird also der Konflikt im Romane
durch Verschiebung des Milieus erzeugt und dieses (und
das heißt die immanente Gesetzmäßigkeit) dadurch als über—
mächtig erwiesen. Dieser Weg, der langsame und eindring—
liche Erzählung voraussetzt, kann im Drama nicht eingeschlagen
werden. Hier wird daher das Problem so gefaßt, daß sich
der Held oder die Heldin durch einen äußeren Anlaß, zumeist
        <pb n="396" />
        Dichtung.

371

eine hinzukommende Person, auf einmal und unerwartet als
im Konflikt mit dem Milieu befindlich erkennt und im Kampfe
mit diesem zu Grunde geht.

Dieser Zusammenhang zeigt, daß der äußere Anlaß, die
hinzukommende Person, ein sehr starkes Moment einer Stili—
sierung der Handlung ist und beweist mithin wiederum für ein
idealistisches, d. h. von einer bestimmten Weltanschauung ab—
hängiges Drama. Und in tausend anderen kleinen Be—
obachtungen, die namentlich die starke Vereinfachung der Hand⸗
lung betreffen würden, würde sich auch sonst noch der Nachweis
erbringen lassen, daß es sich schon in den Dramen des natura—
listischen Impressionismus, wenn auch noch keineswegs um eine
klar ausgesprochene Weltanschauung, so doch um Elemente
einer solchen handelt.

Freilich werden diese als für ein Drama von höchster Be—
deutung ausreichend noch nicht erachtet werden können. v. Han—⸗
stein berührt doch wohl einen springenden Punkt, wenn er
einmal von Fuhrmann Henschel behauptet, das sei ein Mensch,
„der sich niemals als Thäter seiner Thaten fühlt, weil er
nur immer den Weg trottet, den ihm die Umstände anweisen“.
Die Umstände! Das ist es. Es fehlt den handelnden Per—⸗
sonen noch der starke sittliche Nerv; sie sind zu sehr Utilitarier
oder sittlich ratlos. Darum sind auch die Konflikte nicht stark,
und gelegentlich wird man am Schluß eines Dramas an das
Hornberger Schießen erinnert.

Aber auch hier zeigen sich doch schon Spuren weiterer
Entwicklung. Charakteristisch scheint zu sein, daß man augen⸗
blicklich vielfach geneigt ist, Sudermann als Dramatiker neben
Hauptmann zu stellen, ja vor ihm gehen zu lassen, obwohl
Hauptmann der tiefere Psycholog und auch wohl die stärkere
dichterische Kraft ist. Warum?

Hauptmann läßt seine Einzelpersonen zu sehr im Zuständ⸗
lichen stecken. In seiner Begabung liegt etwas Plastisches,
wie er sich denn eine Zeitlang zum Bildhauer bestimmt fühlte.
Darum schafft er gern Menschen an sich, aus reiner Freude
an ihrem Dasein, ohne in ihnen eine Idee, etwa gar eine sitt—

24 *
        <pb n="397" />
        27
372

Dichtung.

liche Idee zu verkörpern. Dem entspricht denn auch sein
passives Verhalten und seine weiche, fast weibliche Art, zu ganz
offensichtlichen Konsequenzen einer bestimmten Weltanschauung,
zu sittlichen Problemen Stellung zu nehmen. Das erscheint
zunächst um so eigentümlicher, als in ihm von Jugend auf
ein starker religiöser Zug wahrnehmbar ist, wenn dieser Zug
sich auch wohl niemals zu positivem Christentum verdichtet hat.
Und es wird auf den ersten Augenblick noch verwunderlicher, wenn
wir von v. Hanstein, der ihn in entscheidenden Jahren (1885 ff.)
genau gekannt hat, hören, er habe vor allem einen starken
sozial-ethischen Zug gehabt. Freilich: spricht v. Hanstein dann
weiter von Entsagungspessimismus, so ist die Erklärung gegeben.
Es ist eine, wenn auch edle, sittliche Resignation, die Hauptmann
kennzeichnet. Gewiß treten gelegentlich neben ihr leise opti—
mistische Lichter auf, so z. B. in dem prächtigen Lied der Eisen—
bahnräder oder auch in den minder bekannten Worten, mit
denen der Dichter „Das bunte Buch“, eine Gedichtsammlung
vom Jahre 18858, eröffnen wollte (Schlenther, Hauptmann?
S. 173): „Wie eine Windesharfe sei deine Seele, Dichter!
Der leiseste Hauch bewege sie. Und ewig müssen die Saiten
schwingen im Atem des Weltwehs; denn das Weltweh ist die
Wurzel der Himmelssehnsucht. Also steht deiner Lieder Wurzel
begründet im Weh der Erde; doch ihren Scheitel krönet
Himmelslicht.“ Indes solche leiseste Hoffnungen einer kommenden
Regeneration sind vorübergehende Stimmungen, und keineswegs
ist aus ihnen ein kräftiger Optimismus hervorgewachsen. Denn
noch neuerdings, in dem Drama „Michael Kramer“ (1900),
legt der Dichter dem Titelhelden — ich zweifle nicht, als Aus—
druck eigenster Überzeugung — Worte klagender Resignation
in den Mund: „Wo sollen wir landen, wo treiben wir hin?
Warum jauchzen wir manchmal ins Ungewisse? Wir Kleinen,
im Ungeheuren verlassen? Als wenn wir wüßten, wohin es
geht ... Von irdischen Festen ist es nichts! — Der Himmel
der Pfaffen ist es nicht! Das ist es nicht, und jen's ist
es nicht, aber was ..... (mit gen Himmel erhobenen Händen)
was wird es wohl sein am Ende???“ Gewiß, der Mann, der
        <pb n="398" />
        Dichtung.

373
verzweiflungsvoll oder mindestens entsagend in diese Worte
ausbricht, ist ein Mann härtesten eigenen Pflichtbewußtseins,
und er will erziehlich wirken an seinem Sohne im Banne seines
Pflichtbewußtseins, — aber doch, was ihn am tiefsten kenn⸗
zeichnet, das ist eine große Unklarheit des Denkens und der
Empfindung in den höchsten Fragen des Daseins und dem—
gemäß, da er ein ernster Mann ist, eine große Sehnsucht nach
Ruhe im Glauben und nach einer festen Zuversicht, die er
noch keineswegs sein eigen nennt.

Hauptmann mag im Wesen Kramers die tiefsten Be—
dürfnisse unserer Zeit widergespiegelt und verkörpert haben:
den Weg zum vollen idealistischen Drama hat er bisher, trotz
aller Ansätze zu einer Weltanschauung in seinen Dramen,
noch nicht gefunden.

Viel näher kam bisher Sudermann diesem Ziele. Ja
darauf, daß er von vornherein sittlich klarer stand, beruht, wie
bereits einmal angedeutet, eigentlich schon sein Charakter als
UÜbergangsdramatiker: er hat sich an den Impressionismus nie—
mals verloren, wohl aber sich ihm um so mehr langsam hin—
gegeben, je mehr dieser sich reinigen und mit idealistischen
Elementen verbinden ließ. Sudermanns Glaubensbekenntnis
steht am deutlichsten am Schlusse des „Katzenstegs“ verzeichnet
und hat sich seit dieser Aufzeichuung wohl nur in Neben—
punkten verändert. Wir finden da Boleslaw bei der Leiche
Reginens, so wie wir Michael Kramer soeben vor der Leiche
seines Sohnes haben philosophieren hören. „Und wie er
dachte und sann, ward ihm zu Mute, als ob die Nebel sich
lichteten, welche den Boden des menschlichen Seins vom mensch—
lichen Bewußtsein trennen, und er sähe eine Strecke tiefer, als
der Mensch sonst pflegt, in den Abgrund des Unbewußten
hinein. Das, was man das Gute und das Böse nennt, wogte
haltlos in den Nebeln der Oberfläche umher; drunten ruhte in
träumender Kraft das — Natürliche. Wen die Natur be—
gnadet hat, sprach er zu sich, den läßt sie sicher in ihren
dunklen Tiefen wurzeln und duldet, daß er dreist zum Licht
emporstrebe, ohne daß die Nebel der Weisheit und des Wahnes
        <pb n="399" />
        374

Dichtung.

ihn hemmen und verwirren.“ Aber freilich, dieser Natur—
zustand gilt Sudermann als möglich nur bei großen und
freien Charakteren, wie Regine deren einer gewesen war.
Für uns gewöhnliche Sterbliche wird, „was die Natur von
uns fordert, zu Schmutz und Sünde“, — und doch erscheint
uns, „was die Menschensatzung will, schal und ab—
geschmackt“. „Es ist gut, daß in diesem Chaos, wo gut und
böse, Recht und Unrecht, Ehre und Schmach wirr durch—
einander taumeln und wo selbst der alte Gott im Himmel
ohnmächtig dahinschwindet, ein fester Pol uns übrig bleibt, um
den sich alles aufs neue ordnen muß, ein Fels, an den wir
Ertrinkenden uns klammern können, und an dem es zu scheitern
selbst noch Wollust ist — das Vaterland.“

So steht für Sudermann fest, daß in dem Schwanken
moderner Weltanschauung und Sittlichkeit eine neue Ord—
nung nur aus der größten aller diesseitigen gesellschaftlichen
Ordnungen, der nationalen, hervorgehen kann, und daß sich
ihren Geboten jedermann fügen muß, will er nicht untergehen.
Auch jene Urnaturen, darf man freilich fragen, die mit
den Wurzeln ihrer Kraft bis in eine Zeit gleichsam vor
aller nationalen Ordnung, und damit auch vor aller Kultur
zurückreichen? Und die Antwort kann nur lauten: auch sie.
Und damit ist ein Herd großer sittlicher Konflikte im Drama
geschaffen.

Hat nun aber der Dramatiker Sudermann schon von dieser
Erwägung aus geschaffen? Wie man auch seine Dramen be—
trachte: die stärksten Konflikte auf diesem Gebiete hat er noch
nicht aufgesucht, und von seinen letzten Dramen im besonderen
führt „Johannes“ einen von vornherein sittlich entwurzelten,
mehr als modernen Charakter vor, während im „Johannis-
feuer“ der sittliche Konflikt, der sich in der soeben umrissenen
Form bis dicht zur Katastrophe entwickelt, schließlich doch noch
umgebogen wird: unbedingt und über alles siegt die Sittlichkeit
der sozialen Triebe, des Hauses, der Heimat.

Ist so die Stellung auch Sudermanns im einzelnen noch
zweifelhaft, wie es in noch viel höherem Grade und viel inner—
        <pb n="400" />
        Dichtung.

375
licher auch die Hauptmanns ist, so bleibt doch bei alledem
gewiß, daß die letzten Dramen beider Dichter gleichmäßig die
Absicht zeigen, die dramatischen Konflikte sittlich zu vertiefen:
fern schon stehen sie ihrer inneren Form nach dem rein physio—
logischen oder psychologisch-impressionistischen Drama, und
auch die äußere Form, obwohl sie grundsätzlich und jetzt
namentlich auch bei Sudermann rein impressionistisch ist,
zeigt doch schon starke Spuren der Ummodelung nach den
inneren Bedürfnissen.

Es ist eine Wandlung, wie wir sie auch in der Zunahme
philosophischer, wenn auch teilweis noch recht mystischer Lyrik
beobachten konnten, wie sie nicht minder in der steigenden
Durchsetzung unserer Kunsterzählung mit ethischen und sogar
metaphysischen Problemen, sowie in der Entwicklung einer
kräftig wachsenden Heimatskunst vorliegt: sie führt unmittelbar
hinein in die jüngsten Kämpfe um eine neue Sittlichkeit und
um einen neuen Glauben.
        <pb n="401" />
        <pb n="402" />
        Weltanschauung.
        <pb n="403" />
        <pb n="404" />
        1. In den Abschnitten über bildende Kunst und Dichtung
sind die Entwicklungsvorgänge einer neuen ästhetischen Kultur
ihren allgemeinen Strömungen nach geschildert worden. Ist
damit die Absicht erreicht worden, in jeder Hinsicht allen Per—
sönlichkeiten gerecht zu werden, die innerhalb der Darstellung
dieser Strömungen genannt worden sind? Keineswegs! Aber
diese Absicht war auch gar nicht vorhanden.

Es wäre ein Irrtum, anzunehmen, daß die Einzelpersonen,
deren Wirken wichtig genug ist, um im geschichtlichen Ge⸗—
dächtnis festgehalten zu werden, nun sozusagen mit Haut und
Haar, mit Leib und Leben in die Geschichte übergingen. Die
geschichtliche Kunst charakterisiert nur im Relief, von einem be—
stimmten, durch den Verlauf der allgemeinen Richtungen ge—
gebenen Standpunkte aus; sie hat nicht die Aufgabe, Personen
in Rundplastik darzustellen, — nicht einmal in der historischen
Biographie ist das die Pflicht. Und niemand hat das schon
besser gewußt als der Anfänger und Meister aller der Absicht
nach wissenschaftlichen Geschichtschreibung, Thukydides: selbst
von den größten Helden der von ihm behandelten Zeit, von
Perikles z. B., teilt er uns nur die Züge mit, die für den all—
gemeinen Verlauf der Dinge von unbestreitbarer Bedeutung
waren. Eine wissenschaftliche Geschichte ist kein Gemisch durch—
einander verwebter Vollbilder von Persönlichkeiten.

Und läßt sich denn überhaupt die Persönlichkeit als Ganzes
wissenschaftlich erfassen? Wissenschaftlich denken heißt ver—
gleichen, — und das Individuum ist eben dadurch gekennzeichnet,
daß es kein Vergleichsobjekt ist. So sind Individuen überhaupt
nur Gegenstände ahnenden Verständnisses, nicht wissenschaft—
        <pb n="405" />
        380

Weltanschauung.
lichen Urteils. Das wissenschaftliche Urteil geht über den
Einzelnen hinweg, sucht das mehreren Einzelnen Gemeinsame,
faßt dieses in einen Begriff, stellt das gegenseitige Verhältnis
der zahlreichen, auf diese Weise gewonnenen Begriffe zu einander
fest und steigt auf diesem Wege vom Individuum auf zur Er⸗
kenntnis der allgemeinen, in den Individuen verlaufenden
Strömungen.

Freilich: lassen sich diese Strömungen, selbst wenn sie
nicht singulär sind, sondern sich ihrem innersten Wesen nach
in den Vorgängen parallel laufender nationaler Entwicklungen
wiederholen, so daß das ihnen Gemeinsame als Grundtendenz
und tiefste Regel vergleichend festgestellt werden kann: — lassen
sie sich genau darstellen? Es ist dasselbe Problem, das sich,
nur in viel einfacheren Formen, in der Mechanik ergiebt, wenn
es darauf ankommt, den Verlauf einer Bewegung in dem
ganzen Charakter ihres kontinuierlichen Zusammenhanges zu
beschreiben. Schon das ist bekanntlich nicht möglich. An Stelle
des kontinuierlichen Zusammenhanges gelingt es nur, die ein—
zelnen, wenn auch minimal voneinander entfernten Momente
der Bewegung zu erfassen und zu beschreiben: die Bewegung
wird in einzelne Beharrungszustände zerlegt und deren gegen⸗
seitiges Verhältnis zu einander vergleichsweise festgestellt. Um
wie viel schwerer ist es da, das Kontinuierliche eines großen
geschichtlichen Verlaufes, z. B. etwa der Bewegung des Im—
pressionismus, darzustellen! Auch hier bleibt nichts übrig, als
den ununterbrochen flutenden Zusammenhang in Einzelmomente
leisesten gradmäßigen Fortschreitens aufzulösen und so zu zeigen,
wie die Entwicklung von dem einen, an sich im Verhältnis
zur Gesamtentwicklung auch bloß graduellen, polaren Gegensatz,
z. B. von den ersten ganz naturalistischen Anfängen des
physiologischen Impressionismus, zu dem anderen polaren
Ende, z. B. zu den jüngsten Erscheinungen des idealistischen
psychologischen Impressionismus, fortschreitet. Wie aber sollen
die unendlich feinen Übergänge, die zwischen diesen polaren
Gegensätzen liegen, nun sämtlich klar beschrieben und an—
schaulich greifbar gemacht werden? Es versuchen hieße das Leben
        <pb n="406" />
        Weltanschauung.

381
selbst wiederholen. Und schon die Sprache versagt hier; sie stellt
jene Unsumme von Abschattierungen der Wörter und der hinter
diesen stehenden Begriffe nicht zur Verfügung, deren es als
Materials bedürfen würde, um die einzelnen Nuancen des Ge—
mäldes der Wirklichkeit entsprechend herauszubringen. Und sie
versagt dabei sogar schon für die Schilderung der Gegenwart,
obwohl doch zu deren Beleuchtung gerade ihr heutiges Material
am ehesten beitragen könnte; und sie versagt in noch viel
höherem Grade — und je weiter rückwärts, um so stärker —
für jene Vergangenheiten, auf deren Wiedergabe auch nur im
groben der gegenwärtige Charakter ihres Körpers und ihres
Baues nicht mehr zugeschnitten ist. Aus diesem Zusammenhang
ergeben sich jene trostlosen Stunden des Geschichtschreibers, der
bestimmte Gegensätze und Schattierungen der Vergangenheit
deutlich fühlt, zugleich aber sich außer stande sieht, sie mit den
vorhandenen Sprachmitteln schlagend auszudrücken. Man könnte
da im ersten Augenblick wohl an eine neue Terminologie zur
Ausfüllung der Lücke denken. Aber eine solche Terminologie
würde unendlich sein, hieße mindestens die Wiederbelebung aller
alten Sprachmittel, in denen vergangenes Seelenleben sich jemals
verkörpert hat! Unmöglich — nur um die Festlegung einiger
grober und gröbster Beziehungen der allerwichtigsten Unterschiede
vergangenen Seelenlebens kann es sich wenigstens zunächst
handeln, so, wie sie etwa bisher in der Einordnung der Entwick—
lung menschlicher Gemeinschaften in gewisse psychische Perioden
vor liegt!.

Und nun das weitere Problem! In den Rahmen jener
feinen Übergangsnuancen zwischen polaren Gegensätzen einer
geschichtlichen Entwicklung, die sich eben noch aufstellen lassen,
find jetzt wiederum jene einzelnen Persönlichkeiten möglichst
individuell einzuzeichnen, die vornehmste Träger dieser Nuancen
gewesen sind! Die einzelne Schattierung in ihrem Verhältnis
zu den vor und nach ihr liegenden Schattierungen giebt den
Standpunkt ab, von dem aus die Rundgestalten der Individuen,
die für sie charakteristisch sind, zu Flachbildern historischen
1 S. oben S. 69ff.
        <pb n="407" />
        382

Weltanschauung
Charakters umgearbeitet werden müssen! Liegen hier nicht Auf⸗
gaben von unendlicher Feinheit vor, die zudem schließlich aus
der wissenschaftlichen Auffassung heraus doch ins Künstlerische
führen, in denen das logische Urteil abgelöst wird vom Gefühl,
vom Instinkte?

Man vergegenwärtige sich diesen Verlauf der geschicht—
lichen Arbeitsweise, um sich mit der Überzeugung zu erfüllen,
daß die sichersten Thatsachen auf geschichtlichem Gebiete nicht
die individuellen sind, die in ihrer unmittelbaren Anschaulichkeit
so leicht den Eindruck unzerstörbarer Gewißheit hervorrufen,
sondern die allgemeinen: jene groben Thatsachen, deren tiefster
Kern durch Vergleichung, durch ein wahrhaft wissenschaftlich
urteilendes Verfahren festgestellt werden kann. Und man ge—
winne diese Überzeugung unmittelbar anschaulich, indem man
statt der bunten Vorgänge der Gegenwart, die unsere Aufmerksam—
keit zu ihren Gunsten einseitig von dem Verfolgen der tieferen
Strömungen ablenken, vielmehr Vorgänge einer weiteren Ver—
gangenheit beispielsweise heranzuziehen suche, in denen unser
Auge neben den verwirrenden Erscheinungen des Alltags auch
der allgemeinen Zusammenhänge leichter habhaft wird. Was ist
da z. B. für unser Mittelalter sicherer: daß es ein Lehns—⸗
wesen gegeben hat, oder daß ein bestimmter Kaiser einen be—
stimmten Fürsten in einem bestimmten Jahre belehnt hat?
Die generelle Thatsache ist durch tausend Nachrichten belegt
und auch dadurch begrifflich sichergestellt, daß auch sonst oft
da, wo sich in der Entwicklung der Völker Naturalwirtschaft
findet, ein Lehnswesen entfaltet scheint: die vergleichende Be—
trachtung von unendlich vielen Nachrichten aus der eigenen
Volksentwicklung wie die vergleichende Umschau auf dem Ge—
biete der allgemeinen Völkergeschichte ergiebt sonach dasselbe
Resultat: es ist das statistische Gesetz der großen Zahl, das
sich hier in einer außerordentlichen Sicherheit der historischen
Anschauung auswirkt. Dagegen die einzelne Belehnung! Wie
wenige haben sie beobachtet! Und wenn wir von allen diesen
Wenigen genaue Aufzeichnungen des Ereignisses hätten: —
würden sie sich, bei ihrer verhältnismäßig geringen Zahl, auch
        <pb n="408" />
        Weltanschauung.

383
nur bis zu dem Grade decken, daß wenigstens die Haupt—
momente des Ereignisses über jeden Zweifel erhaben wären?
Erfahrungsgemäß nicht: so stark pflegen die Abweichungen
in der Fixierung selbst eines einfachen singulären Ereignisses
zu sein, auch wenn keinerlei besondere Absicht oder Neigung
der Entstellung vorwaltet. Und so läßt sich behaupten, daß
jedes individuelle Ereignis schon aus der Art seiner Über—
lieferung her leichter bestritten werden und selbst in seinem
Kernvorgang weniger sichergestellt werden kann als eine all—
gemeine Tendenz, ein sogenannter Zustand. Diese allgemeinen
Zusammenhänge sind es, aus denen es sich u. a. begreift, daß
Ranke das reifste Werk seines geschichtlichen Denkens, die „Welt—
geschichte“, grundsätzlich nur noch auf Tendenzen erbaut hat
und nicht auf Persönlichkeiten.

Und diese Zusammenhänge mögen es auch richtig erscheinen
lassen, wenn hier, an dieser bescheidenen Stelle, als wichtigstes
Ergebnis der bisherigen Darstellung keineswegs die Wirksamkeit
einzelner, noch so bedeutender Personen gebucht wird, sondern
vielmehr der Zusammenhang der großen, die letzten Jahr—
zehnte unserer Geschichte durchwaltenden seelischen Strömungen.

2. Und da ist es denn charakteristisch, daß die neue
Periode der Reizsamkeit sich vor allem auf dem Gebiete der
Phantasiethätigkeit äußert: ähnlich wie einst das große subjekti—
vistische Zeitalter mit den Jahren der Empfindsamkeit als einer
Periode wieder erwachender deutscher Dichtung begann. Leise
kann man verfolgen, wie seit den vierziger Jahren schon in
einzelnen verstreuten Zügen, machtvoll dann und allgemein mit
den siebziger und achtziger Jahren ein Seelenleben der Phantasie
das alte, mehr rationale, vornehmlich wissenschaftliche Dasein
ablöst und erst dem Historismus, und das heißt den Geistes—
wissenschaften, später auch den Naturwissenschaften den Krieg
erklärt und im Streite mit ihnen zu siegen sucht. Die erste Stufe
der Entwicklung ist dabei die, daß die Kunst zunächst wenigstens
für ihr eigenstes Gebiet Befreiung von der Bevormundung
        <pb n="409" />
        384

Weltanschauung.
durch die Wissenschaft verlangt: der Kampf gegen eine wissen⸗
schaftlich-philosophische Asthetik. Ihn haben schon Ludwig
und Hebbel aufgenommen, freilich noch bescheiden genug: so
hat Hebbel noch 1848 vor der philosophischen Ästhetik die alte
Hochachtung, möchte aber doch für die künstlerische Praxis
daneben die Erfahrungen der Künstler hören, und besonders
wichtig erscheinen ihm eingehende Bekenntnisse über das Ge—
heimnis des eigentlichsten schöpferischen Vorgangs. Richard
Wagner ist dann schon nicht mehr so zurückhaltend; er schafft
seine Ästhetik aus seinem Werke und duldet keine Götter neben
ihm. Wie dann im Laufe der achtziger Jahre die letzten
Reste der alten ästhetischen Wissenschaft von den Künstlern ab—
geschüttelt wurden, wie mit der vollen Entfaltung der neuen
Kunst zunächst die Herrschaft des Historismus fiel — hat doch
schon in dieser Zeit ein großer Künstler eine altägyptische
Landschaft mit Telegraphendrähten versehen — das sind be—
kannte Thatsachen. Zugleich aber erweitern sich die Ansprüche
der neuen Phantasiethätigkeit auf Beherrschung des gesamten
Seelenlebens. Von außerordentlicher Bedeutung war hier, daß
die moderne Kunst in höherem Grade als die Künste früherer
Zeitalter Mitthätigkeit im phantasievollen Genuß verlangt, da
ihre Technik auf Hervorrufung von Spannungsgefühlen beruht,
die vielfach von dem Genießenden gelöst werden müssen.
Fiedler, der Freund von Marées und Böcklin und Hildebrand,
hat das zuerst ganz erkannt und daraufhin in den siebziger
und achtziger Jahren seine Lehre vom produktiven Kunstgenuß
entwickelt. Wenn aber die Nation zur Mitarbeit am Phantasie—
leben aufgefordert und hingerissen wurde, wenn dementsprechend
so produktive Genießer auftraten wie etwa Hermann Bahr,
einer der feinsten Nachempfinder der Zeit: hieß das nicht die
Nation langsam überhaupt auf künstlerischen Boden stellen?
Und die Nation folgte diesem Rufe: die begeisterte und über—
raschend schnelle Aufnahme des Buches „Rembrandt als Er—
zieher“, das in diese Regionen lockte, war um 18090 hierfür
ein überraschendes Zeugnis.

In den neunziger Jahren hat dann die Phantasiethätigkeit
        <pb n="410" />
        Weltanschauung.

385
auch noch den stärksten Wall, der ihrer Strömung entgegen—
stand, zu durchbrechen oder wenigstens zu überfluten gesucht:
den naturwissenschaftlichen Sinn. Der naturalistische Im—
pressionismus physiologischen wie psychologischen Charakters
hatte zwar den Historismus beiseite geschoben, dagegen war er
den Naturwissenschaften noch befreundet geblieben, ja in den
Lehren Zolas wie noch mehr in denen der deutschen Nach—
treter des Franzosen war sogar die Grundmeinung die ge—
wesen, daß in diesem Naturalismus eben eine Vereinigung von
Kunst und Wissenschaft vorliege wenn nicht gar die Kunst in
Wissenschaft übergeführt sei, und man hatte die impressionistischen
Beobachtungen im einzelnen vermeintlich nach der Methode der
Naturwissenschaften gemacht. Über diese Auffassung ging nun
der idealistische Impressionismus der neunziger Jahre stracks
hinweg. Gewiß bewahrte er die mit gewaltigen Mühen er—
rungene höhere Genauigkeit der impressionistischen Beobachtung,
aber er unterwarf sich ihr nicht einfach, sondern nutzte sie aus
als ein Werkzeug zu feinster Wiedergabe subjektiv-persönlicher
Stimmung. Und schon zeigen sich jetzt hierüber hinaus die An—
fänge eines objektiven Idealismus sittlicher und metaphysischer
Weltanschauungen, die sich erst recht nicht ausschließlich Ge—
setzen bisheriger naturwissenschaftlicher Beobachtung unterordnen
werden. Und war denn selbst schon im naturalistischen Im—
pressionismus nichts anderes von Bedeutung gewesen als nur
die den Naturwissenschaften nachgebildete Methode? Keines—
wegs. Die Wissenschaften gehen auf Verallgemeinerung der
Erfahrungen und bringen die Einzelthatsachen unter Begriffe;
die Kunst ergreift das Einzelne mit schöpferischer Gewalt: die
Ziele der Kunst und der Wissenschaft sind verschieden. Auch
eine Kunst, die mit wissenschaftlicher Genauigkeit beobachtet,
wird doch nach dieser Beobachtung ihre eigenen Wege gehen
und eben darin ihre Selbständigkeit gegenüber der Wissenschaft
bald um so stärker offenbaren. In den neunziger Jahren
wurde in der Kunst auch der letzte Rest noch einer Herrschasft
der Naturwissenschaften gebrochen: frei flutete die Kultur
einer neuen Phantasiethätigkeit in eigenem Bette, erfüllte
Lamprecht,. Deutsche Geschichte. Erster Ergänzungsband. 25
        <pb n="411" />
        886

Weltanschauung.
das Leben, soweit es sich ihr näherte, bis zur letzten kleinen
Schöpfung des Kunsthandwerks und griff auch weithin ein in
die Gebiete ferner liegenden geistigen Lebens, in den Kreis sitt—
licher Vorstellungen, in die Tummelplätze metaphysischer Speku—
lation, ja selbst in die abgelegenen Felder der Wissenschaft; es
wird davon noch die Rede sein. Und bedarf es noch weiterer
Ausführung, daß diese neue Kultur der Kunst auch sonst das
Leben mit dem Dufte ihres Daseins erfüllte? Daß unter
ihrem Einfluß die Schätzung der praktischen Berufe zunahm
und ihnen zugleich gern ein künstlerisches Motiv untergelegt
ward, daß die Erziehung wieder ästhetische Werte zu bevorzugen
begann, daß der Kultus und die Pflege des menschlichen
Körpers im Sport erwuchs, daß das Leben im ganzen heller,
freudiger, willensstärker ward, daß die ständige pessimistische
Grundnote des subjektivistischen Zeitalters ins Leisere zu ver—
hallen begann? Man vergegenwärtige sich die neuen Welten,
die im Erblühen anderer spezifisch ästhetischer Kulturen er—
standen sind, die Welt der Ritterzeit des 12. Jahrhunderts
etwa und die der Kultur seit etwa 1750, und man ziehe die
Unsumme von Vergleichen mit der Gegenwart, die sich als—
bald aufdrängen, um den ganzen Umschwung zu empfinden.
Was aber war die innerste Bewegungsursache dieses Um—
schwungs? An dieser Stelle unserer Übersicht kann es mit
einem Worte ausgedrückt werden: die Reizsamkeit, die ins
Schöpferische umgesetzte Fähigkeit bewußter Perzeption neuer,
bis dahin wesentlich vorstellungslos gebliebener innerer Reiz—
ergebnisse. Diese Reizergebnisse liegen, genauer betrachtet,
zwischen der vollen alten Vorstellung und der bloßen nervösen
Reizung; sie haben von beiden etwas, jedenfalls fehlt niemals
das sinnliche Element. Hervorgerufen werden sie durch
Spannungen und vornehmlich durch eine ganze Reihe solcher
hintereinander, eine Reihe, die man wohl am besten als
Schwebung bezeichnen kann: durch Spannungen und Schwe—
bungen also, die ohne Lösung oder wenigstens ohne genügende
Lösung bleiben. Der Erfolg ist der des Ahnungsvollen, des
unklar Erwartenden, des sehnsuchtsvollen Dranges ins Neue,
        <pb n="412" />
        Weltanschauung.

387
Dämmernde, Unheimliche, Ungeheure, Symbolische, Mystische, im
Falle stärkerer Erregtheit die unbestimmte Empfindung der Angst,
der Furcht und verwandter Gefühle. Sollen nun diese Zu—
stände der Unlust aufhören — falls sie nicht etwa perverser
Weise als Lust empfunden werden — so bedarf es ihrer selbst—
thätigen Auslösung durch die Phantasie dessen, der ihnen
unterworfen ist, und diese Auslösung erfolgt in der Art, daß
sich der bloße, beinahe rein nervöse Reizvorgang nun mit
gegenständlicherem Inhalte anfüllt.

Dies ist das eigentlich Charakteristische, und hieraus er—
klärt es sich, wenn die moderne Kunst nicht mehr nach ihrem
positiven, stofflichen Vorstellungsgehalte bestimmt werden kann,
sondern mehr nach ihrem psychologischen und neurologischen
Wesen, nach einer also fast nur innerlichen und gleichsam
formalen Bedingtheit: daher kein Gefühl, sondern Stimmung,
keine Willensäußerung mit Willensgehalt, sondern Vorgang des
Wollens an sich, Trieb, Streben; und ebenso nicht Denkinhalt
zunächst, sondern Denkvorgang. Wie es Bahr einmal ausgedrückt
hat: „Vordem begnügte sich die Litteratur mit den Thatsachen
der Gefühle, deren Wesen und Weise vorausgesetzt wurden, und
deren bewegende Kraft nur die Handlung führen und die
Charaktere bestimmen sollte. Aber das Gefühl selber wurde
gar niemals durchforscht, untersucht, zergliedert, um ihm den
Prozeß zu machen und seinen Steckbrief aufzunehmen. Jetzt ist
es umgekehrt. Was jenen die Hauptsache war, die Spannung
rascher, reicher und bewegter Handlung und die Versammlung
seltener und bizarrer Charaktere, das achten wir gering. Das
Werkzeug von einst zur Gestaltung des Gegenstandes ist selber
jetzt Gegenstand geworden, das Mittel zur Bewegung und
Leitung des Vorwurfes selber Vorwurf, und eine neugierige,
unerbittliche, rastlose Enquete ist eröffnet worden über alle Ge—
fühle in der Brust des Menschen, wie sie sind, wie sie wachsen
und wechseln, wie sie verlaufen.“ So erklärt sich der Charakter
der neuen Phantasiethätigkeit, wie wir diese in Musik, bildender
Kunst und Dichtung gefunden haben. Die Musik wirkt durch
den Übergang zum vorwiegend Chromatischen und ein Heer

95 *
        <pb n="413" />
        388

Weltanschauung.

anderer Neuerungen in dem Bereiche ihrer Kunstmittel dahin,
daß ihre Sprache selbst schon, ganz abgesehen von dem Inhalt
dessen, was sie ausspricht, eine Sprache der Schwebungen und
Spannungsgefühle ist; in der bildenden Kunst thun die unver—
mittelten Farbenzusammensetzungen des Impressionismus dieselbe
Wirkung; in der Dichtung wird diese ebenso durch eine grund—
sätzlich impressionistische wie durch eine symbolistische Sprache
erreicht. Und in den Künsten, die einen unmittelbaren Zu—
sammenhang ihres Schaffens mit der Natur aufweisen, indem
sie deren Bildungen oder wenigstens die Analogien dieser Bil—
dungen nachschaffen, in der bildenden Kunst vor allem, aber auch
in der Dichtung und hier wieder vornehmlich im Drama, wird
dasselbe Ergebnis auch schon dadurch hervorgerufen, daß die
Natur nur eben in ihrer intensivsten Gestalt wiedergegeben wird:
denn diese Eindrücke intensivster Gestalt im Aufgehen der Ge—
sichtseindrücke in Farbenmomente, der Handlungswahrnehmungen
in Handlungsmomente sind fast nur noch nervöse Reizvorgänge
ohne eindeutigen Vorstellungsinhalt, und bewirken darum Span—
nungsgefühle und deren Summation, die Schwebung. Und indem
so alle Darstellungsmittel der modernen Kunst auf die Nerven,
und auf die Nerven fast allein hinweisen, führen sie zum ersten
Male grundsätzlich und ausgedehnt in das Gebiet der Phantasie—
thätigkeit jene merkwürdigen Erscheinungen ein, die zuerst unter
dem Namen der audition colorée bekannt wurden: die gegen—
seitige Vertretung der spezifischen Sinneswerkzeuge, das Prickeln
auf der Haut beim Anhören von Tönen, die Tonassociation bei
Aufnahme von Farben, kurz die ungewöhnliche Erregung der
Sinne bei nicht für sie spezifischen Sinnesreizen. Es ist eine
Kunst, der das Seelenleben nur aus Aktualitäten zu bestehen
scheint: diese, die ohne Unterlaß aufeinander folgenden Sensa—
tionen, die Webungen, Wallungen, Spannungen, Schwebungen,
die kleinsten noch eben erkennbaren und jetzt erst völlig auf—
gedeckten Momente der psychologischen Kontinuität sind das
Material ihrer Formgebung. Daher die Wiedergabe der Er—
scheinungswelt im Flimmer der Impressionen, mag es sich um
Bildnerei oder Malerei, um Erzählungskunst oder Drama handeln.
        <pb n="414" />
        Weltanschauung.

38 9
Und keineswegs der naturalistische Impressionismus bloß
bedient sich dieser Mittel der Darstellung, möge er nun die physio—
logisch sichtbare oder die psychologisch anschaubare Welt dar—
stellen. Auch der idealistische Impressionismus in der Stim—
mungskunst wie in den ersten Anfängen einer objektiveren Ent—
wicklung steht genau auf derselben Grundlage. Schon daß auch
die Musik in diesen Kreis getreten ist, die in Anbetracht der Dar—
stellungsmittel idealistischste aller Künste, ist da Beweises genug.
Noch mehr aber ergiebt sich der impressionistische, und das heißt
moderne Charakter auch unserer idealistischen Kunst aus der That—
sache, daß die Neuerungen ja überhaupt gar nicht das Objekt der
Kunst betreffen, sondern vielmehr deren Ausdrucksmittel: eine
idealistische Kunst aber beruht primär auf veränderten Objekten
der Kunstübung. Daß diese neuen Objekte, in der Gegenwart
das immer stärker auftauchende persönliche Stimmungsmoment
und die ersten Spuren neuer Schicksalsideen und Weltanschau—
ungen, dann auch auf die Ausdrucksmittel einwirken und diese
umgestalten, ist richtig. Allein das ist ein sekundäres Moment,
und es entfaltete sich in der jüngsten Vergangenheit erst, als die
impressionistischen Ausdrucksmittel schon entwickelt waren, hat
also in seiner Entfaltung diese zur wenigstens zeitlich gegebenen
Voraussetzung.

Wenn aber so das ganze große Gebiet der Phantasie—
thätigkeit sich von dem Duft, ja von dem Lebensodem eines
neuen seelischen Daseins erfüllt zeigt, haben dann die übrigen
Gebiete des Seelenlebens sich dieser neuen Atmosphäre fern—
halten können? Schon der Umstand, daß alle seelischen Er—
scheinungen derselben Zeit ständig zu einander im Verhältnis
stehen, das individualpsychisch wie sozialpsychisch geltende Gesetz
der psychischen Relationen verbietet dies. Das neue Seelen—
leben ist zunächst auf dem ihm innerlichst verwandten Gebiete
der Phantasie heimisch geworden, aber es dringt weiter vor
und hat auch schon andere Gebiete weithin erobert: so vor
allem das der sittlichen Anschauungen.
        <pb n="415" />
        II.
Hatte das große Zeitalter des Subjektivismus schon früh,
bereits im 18. Jahrhundert eine eigene durchschlagende Sitten—
lehre entwickelt? Keineswegs!

Die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts wies, weniger in
der philosophischen Bearbeitung der sittlichen Probleme, die hier
nicht allein in Betracht kommt, als in den sittlichen Anschauungen
des praktischen Lebens eine Fülle nebeneinander verlaufender
ethischer Strömungen auf. Da war vor allem noch die christliche
Moral mit ihrem Gebot der Nächstenliebe bis zur Aufopferung
des eigenen Ichs. Da war weiter die Sittenlehre der natür—
lichen Religion des 16. bis 18. Jahrhunderts mit ihrem Ideal
der Humanität. Beides Systeme, die vor allem auf das Ganze
der menschlichen Gesellschaft sehen und darum von der An—
nahme innerlicher Gleichheit der Menschen ausgehen. Da
waren ferner aus dem Zeitalter des voll entwickelten Indi—
vidualismus zwei Systeme, die zunächst den Einzelnen für sich
ins Auge faßten: der Utilitarismus seit Bacon und die Ethik
der Selbstvervollkommnung seit Leibniz, das eine wie das
andere sehr verschiedener Wendungen fähig je nach dem, was
man unter Glück oder Vollkommenheit verstand. Da waren
endlich aus dem Zeitalter des Subjektivismus Kants kate—
gorischer Imperativ und die ethischen Gedanken der philoso—
phischen Romantik.

Aber keines dieser Systeme überwog eigentlich, wenn nicht
etwa, aber mehr innerhalb der unteren Klassen, das einer ins
        <pb n="416" />
        Weltanschauung

391
Massive abgewandelten christlichen Ethik; und am wenigsten Ein—
fluß hatten im Grunde die Lehren Kants und der späteren
Metaphysiker gewonnen. Kants Imperativ wird in der Ge—
schichte der preußischen Erhebung während der Freiheitskriege
unvergessen bleiben; hat er sich aber später weite Kreise unter—
worfen? Und gar die Ethik Fichtes und seiner Nachfolger
blieb auf wenige Anhänger beschränkt.

Es ist auch immer wieder gefühlt worden, daß eine wirk—
lich allgemein durchschlagende Ethik gerade des Subjektivismus
noch nicht entwickelt worden war; in tausend Andeutungen
und Wünschen tönt dieses Gefühl vor allem in unseren Dichtern
wider; und noch der unglückliche Conradi hatte um 1887 vor,
in einer Romantrilogie die Entwicklung eines Menschen von
einer extrem individualistisch-ästhetischen Weltanschauung durch
eine sozial-ethische hindurch zu einer höheren dritten unbekannten,
zu einer Ethik der Zukunft zu schildern.

Und diese Unklarheit der sittlichen Lebenshaltung und
der sittlichen Ziele fiel in eine Zeit, die, weyigstens seit den
dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts, sich auf den weiten Ge—
bieten der Natur- wie der Geisteswissenschaften immer mehr
einem Verstandesleben zuwandte, die also am wenigsten im
stande war, die bestehende Lücke auszufüllen, und die dennoch
gegen ihr Ende hin der Thatsache inne ward, daß jede Art
des Intellektualismus das Herz unbefriedigt lassen muß.

Konnte nun aus dem Abschluß wenigstens dieser lang—
andauernden wesentlich intellektualistischen Entwicklung eine
neue Ethik starker Verbreitungsfähigkeit hervorgehen — eine
Ethik von hinreißender Gewalt und von unaufhaltsamen Trieben
und von Geboten, die unerbittlich sich aufdrängen?

Die Geschichte der evolutionistischen Sittenlehre giebt auf
diese Frage die Antwort.

Mit dem Erscheinen von Darwins Buch über die Ent—
stehung der Arten durch natürliche Auslese (1859) war noch
mitten in die blühende intellektualistische Zeit, wenn auch mehr
gegen ihr Ende zu, ein Gärungsstoff geworfen, der berufen
schien, die sittlichen Vorstellungen aufs stärkste umzugestalten.
        <pb n="417" />
        392

Weltanschauung.
Denn was besagt die Lehre Darwins? Sie weist einmal un—
widerleglich nach, daß die heute lebenden Formen tierischer und
pflanzlicher Organismen sich in ununterbrochener allmählicher
Wandlung aus früheren, weit einfacheren Formen entwickelt
haben; und sie sucht zweitens die Wirkung gewisser mechanischer
Prinzipien, so vor allem des der natürlichen Auslese, als zur
Erklärung der stattgehabten Vorgänge ausreichend zu er—
weisen. Nun versteht sich, wie ungeheuer der Rückschlag schon
der Lehre von der kontinuierlichen Entwicklung der Lebe—
wesen an sich auf die Ethik sein mußte. Die Organismen
nicht mehr in ihrem Wesen stetig —: was blieb da noch stet?
Es war eine dumpfe, erst allmählich empfundene Wirkung auf
die Geister, ähnlich jener der Lehre des Koppernikus, daß die
Erde nicht mehr das Centrum der Welt sei, wie man so lange
geglaubt, sondern ein kleiner Körper, der sich in und mit einer
Fülle von Welten bewege. Und vor allem die sittlichen Be—
griffe traf Darwins Behauptung. Jene Begriffe, von denen
man bisher geglaubt hatte, daß sie droben hangen unveräußer—
lich, die elementarsten sittlichen Normen, — waren denn auch
sie etwas erst Gewordenes? und also Veränderliches?

Und weiter noch: beseitigte nicht das Mittel zur Entwick⸗
lung der Variabilität, der ‚,Kampf ums Dasein“, alle ethischen
Vorstellungen überhaupt? Und ergab nicht die ganze Lehre,
wie sie in dem Buche von der Abstammung des Menschen
(1871) auf einen untermenschlichen Ursprung unserer Gattung
hinauszulaufen schien, die Unmöglichkeit jeder metaphysischen
Verankerung sittlicher Begriffe? Es waren Bedenken, die sich
vor allem in der breiten Masse jener Gebildeten geltend machten,
die in die tieferen Gründe der Lehre Darwins nicht weiter
eindrangen.

Etwas abgeschwächt wurde das Ungeheure der Wirkung
der gesamten Lehre durch den Umstand, daß schon vor Darwin
die Entwicklung der Arten vielfach als eine überaus wahrschein—
liche Hypothese, ja halb erkannte Thatsache geahnt und vorgetragen
worden war, ja daß man aus ihr und aus den zu ihrer Er—
klärung aufgestellten Vermutungen sogar schon einige neue
        <pb n="418" />
        Weltanschauung.

398
ethische Normen abgeleitet hatte. So hat in Deutschland
Wilhelm Jordan bereits in dem Epos „Demiurgos“ (1854) den
Kampf ums Dasein als das eigentliche Geheimnis der Ent—
wicklung gezeichnet und hieraus für die sittlichen Anschauungen
seines Helden Folgerungen gezogen. Späterhin hat dann
freilich Jordan, nunmehr mit den Lehren Darwins vertraut,
seine Meinung weit deutlicher formuliert und eine Ethik gelehrt,
die sich in den Versen Fritz Kögels zusammenfassen läßt:

Soll alles, was du hast und bist, verderben?
Bleibt nichts von deinem Sein und Ich zurück?
Bau über dich hinaus und laß den Erben
Gesundheit, Stärke, Selbstbeherrschung, Glück!

Indes zunächst und im allgemeinen war man doch ratlos;
und Darwin selbst ist weit davon entfernt geblieben, die
sittlichen Folgen seiner Entwicklungslehre ganz zu empfinden.
In der That war die Aufgabe, eine Ethik des Evolutionismus
zu entwickeln, scharf ins Auge gefaßt, nicht eben leicht. Denn
zweierlei Ethiken konnten bei genauerem Eingehen auf die
Lehren des Darwinismus begründet werden.

Einmal hatte Darwin für die Entwicklung der organischen
Welt die Erklärungsreihe der Anpassung und Vererbung (soweit
man diese etwa noch heute gelten lassen will) und der Zucht⸗
wahl oder natürlichen Auslese, wonach nur die kräftigsten
Individuen überleben, gefunden. Es waren egoistische Prin⸗
zipien; übertrug man sie auf die Menschenwelt und die will—⸗
kürliche und das heißt sittliche Regelung der Entwicklung der⸗
selben, so kam man zu einer physiologischen Entwicklungsethik
des Egoismus. Und da ergab sich denn als eine der ersten
und grundsätzlichsten Forderungen, daß alle Hindernisse für die
natürliche Auslese fallen müssen, so vor allem das Erbrecht
und jede Begünstigung des Einzelnen durch Momente, die
außerhalb seiner individuellen Anlage liegen. Und weiter ergab
sich, daß die Auslese geregelt werden müsse: also Heiratsverbote
gegenüber Kranken, Beseitigung allzu Schwacher oder Schwacher
uͤberhaupt u. s. w. Ferner mußte nach den Prinzipien einer
        <pb n="419" />
        304

Weltanschauung.
physiologischen Entwicklungsethik aus den großen Idealen der
Menschheit, wie sie wenigstens die christliche Moral und die
Sittenlehre der Humanität klar besitzen, die Idee der Gleichheit
aller Menschen vor dem Sittengesetze ausscheiden: Entwicklung
der Gattung vielmehr zu einer höheren Art, zu einem vom
heutigen Menschen auch physiologisch verschiedenen Übermenschen:
das wurde die Idee, in der alles gipfelte. Also nicht das
Wohl aller galt mehr, sondern das der Tüchtigsten, der
Wenigsten; nicht Friede auf Erden hieß es, sondern Streit,
Haß, Kampf ums Dasein: ja Kampf ums Dasein — bis wohin?
Bis zu dem Punkte, daß die Übermenschen nach erreichtem
höheren Niveau dann doch wieder fortkämpfen um eine höhere
Stufe und so Stufe auf Stufe folgt: — und am Ende die
Pyramide sich gipfelt und Er übrig bleibt, der Höchste, Letzte,
Einzige? .... Das ist der Ausgang, der in der Konsequenz
des Systems liegt, — es ist die Konsequenz Stirners und der
Anarchisten.

Andererseits aber hatte nun Darwin doch wieder den
Nachweis geliefert, daß neben dem egoistischen Prinzip der
Zuchtwahl innerhalb der organischen Welt zugleich ein alt—⸗
ruistisches Prinzip der Mutterliebe und verwandter Triebe
von Anbeginn bestehe. Und er hatte weiter gelehrt, daß
dieses altruistische Prinzip sich bei den Herdentieren und
Tierstaaten zum sozialen erweitere, und daß aus dem sozialen
Prinzip der Tierwelt das moralische der Menschheit hervor⸗
gehe. Mit anderen Worten: neben Voraussetzungen einer rein
egoistischen Ethik bot die Lehre Darwins doch auch Momente
dar, die auf eine soziologische Entwicklungsethik des Altruismus
hinwiesen.

Und konnten nun diese Elemente durch die egoistische Evo⸗
lutionsethik ohne weiteres ausgestoßen werden?

Keineswegs! Es ist klar, daß die Ziele des ethisch-physio—
logischen Evolutionismus, die Regelung der natürlichen Aus—
lese, die Erringung eines Übermenschentums und tausend andere
Forderungen thatsächlich gar nicht aufgenommen oder verwirk—
licht werden können ohne stärkste Bindung der Freiheit des Ein—
        <pb n="420" />
        Weltanschauung

395
zelnen: denn wie soll denn z. B. das Erbrecht verschwinden, der
Geschlechtsverkehr kontrolliert werden ohne schärfsten Sozialis—
mus oder Kommunismus? Die physiologische Ethik forderte
also zu ihrer Durchführung eben die soziologische Seite der
darwinistischen Sittenlehre, und auch sie wieder in ihrem
Extrem, in einem äußersten Altruismus.

Da zeigt sich also klar: zieht man alle biologischen Prinzipien
der Entwicklungslehre in Betracht, so wie sie Darwin vortrug,
und wird man nicht bloß von dem Gedanken der entwicklungs⸗
mäßigen Ungleichheit der Menschen und dem Phantasma einer
raschen Emporläuterung der höchstentwickelten zu einer neuen
phyfiologischen Daseinsstufe erfaßt, so wird durch den Evolutio—
nismus der alte Gegensatz zwischen Egoismus und Altruismus,
zwischen persönlichen und sozialen Trieben und Anforderungen
des Einzelnen und des Ganzen keineswegs beseitigt. Nur das
läßt sich allenfalls sagen, daß er gegenüber dem Hergebrachten
eine gewisse, zunächst allerdings nur theoretische Verschärfung
erfährt.

Enthielt mithin, so allseitig betrachtet, die Entwicklungs—
lehre wirklich die Gärungsstoffe einer neuen Ethik? Keines⸗
wegs: das uralte Problem der Abfindung mit dem Gegensatze
des Allgemeinen und Besonderen blieb bestehen; und alle
Systeme, die es auf Grund der Entwicklungslehre für erledigt
erklärten und aufheben wollten, scheiterten.

Von allen diesen Versuchen aber bietet ein weiteres ge—
schichtliches Interesse im Grunde nur einer: der von der
Sozialdemokratie gemachte.

Virchow hatte auf der Münchener Naturforschervers ammlung
vom Jahre 1877 das Wort fallen lassen, die Darwinsche
Theorie führe zum Sozialismus. Möglicherweise ist das der
Anlaß gewesen, daß sich der sozialdemokratische Führer Bebel
des Darwinismus zur Begründung einer neuen Ethik annahm.
Freilich unter starken Zumutungen an Leichtgläubigkeit und
Gutherzigkeit. „Das Darwinsche Gesetz des Kampfes ums
Dasein“, so führt er aus, „das darin gipfelt, daß das höher
—DDD00———— niedere verdrängt
        <pb n="421" />
        896

Weltanschaunng.
und vernichtet, findet in der Menschheit den Abschluß, daß
schließlich die Menschen als denkende und erkennende Wesen
ihre Lebensbedingungen, also ihre sozialen Zustände und
alles, was damit zusammenhängt, zielbewußt beständig ändern,
verbessern und vervollkommnen, und zwar in dem Sinne,
daß schließlich für alle Menschenwesen gleich günstige Da—
seinsbedingungen vorhanden sind.“ Ist dann der Ideal—
zustand erreicht, so wirkt er „schließlich dergestalt auf die
Intelligenz und Einsicht ein, daß der Gedanke an Herrschaft
über andere gar keinen Platz in einem Gehirn mehr findet“.
Man sieht: eine ins Utopische umgebogene physiologische Ent—
wicklungsethik.

Was sich aber bei dem Versuche Bebels, die Entwicklungs—
lehre für eine sozialistische Moral in Anspruch zu nehmen,
zeigt: daß nämlich ein solches Vorhaben nur durchführbar ist
unter Beugung der evolutionistischen Thatsachen oder des ge—
sunden Menschenverstandes, das ließe sich ebenso an den Ver—
suchen individualistischer Ethik nachweisen, die auf Darwins
Anschauungen hin gemacht worden sind. In Wahrheit ver—
hält sich eben die Thatsache der Entwicklung zu dem großen
ethischen Problem des Gegensatzes zwischen Altruismus und
Egoismus indifferent, oder vielmehr sie umschließt es: eben
im Verlaufe der Entwicklung wird dieser Gegensatz abgewandelt
und veredelt und — so gebietet vielleicht eine frohe Hoffnung —
endlich einmal in einer noch nicht vorauszusehenden Weise
gelöst werden.

Aus diesen Zusammenhängen ergiebt sich, daß die
eigentliche Aufgabe einer Ethik noch des intellektualistisch—
wissenschaftlichen Zeitalters nicht so sehr auf ein bloß evo—
lutionistisches System hinauslaufen konnte, als vielmehr in
dem Versuche gipfeln mußte eines zeitgemäßen Ausgleichs
individual- und sozialethischer Prinzipien auf modern-wissen—
schaftlicher, und das heißt von metaphysischer Anschauung
losgelöster Grundlage, unter gleichzeitiger Einführung der—
jenigen entwicklungsgeschichtlichen Momente, die sich der ein—
gehendsten wissenschaftlichen Prüfung als haltbar und darum
        <pb n="422" />
        Weltanschauung.

397
zugleich als notwendig erwiesen. Diesen Weg hat denn auch
die wissenschaftliche Entwicklung auf ethischem Gebiete im all—
gemeinen eingeschlagen. Und sie konnte dabei in gewissem Sinne
schon von Kant ausgehen.

Denn bereits Kant hatte der äußeren Form der Sittlich—
keit, die da befiehlt: so mußt du handeln! die innere Form
der Moralität, die da fordert: so sollst du sein! entgegen—
gesetzt und damit jedes äußere Sittengesetz, möge es nun als
ein solches der Natur oder der Offenbarung erscheinen, und
hiermit wieder im Grunde jeden Zusammenhang zwischen Ethik
uͤnd Metaphysik aufgehoben. In der That war denn auch
nach ihm grundsätzlich nicht mehr irgend eine von außen heran⸗
tretende metaphysische Idee das Fundament der Ethik, sondern
der Mensch erschien als sein eigener moralischer Gesetzgeber —
als das Geschöpf, das irrend und sündigend das Sittengesetz
selbst zu schaffen und vor seiner Vernunft als letzter Instanz
zu verantworten habe.

Allein diese letzte Instanz der Vernunft, gipfelnd in der
Annahme einer transcendenten Freiheit und eines transcen⸗
denten Gewissens, war denn bei Kant doch schließlich wieder
noch übererfahrungsgemäß gedacht und wurzelte, so sehr sie
zugleich überindividuell war und damit den sozialen Charakter
neuerer ethischer Theorien vorwegzunehmen schien, in Wahr—⸗
heit in einer bloß intelligibeln Welt. Und so geschah es denn,
daß Kants Ethik sehr leicht doch wieder metaphysische Elemente
beigemischt wurden: so ist es z. B. noch bei Lotze geschehen,
insofern dessen Ethik in der Unabhängigkeit des Inhalts und
der Gültigkeit der moralischen Ideen von der Erfahrung
Kantsche Elemente enthält: die —
Ideen wird da erklärlich gemacht nur durch die Annahme, daß
wir, indem wir diese Ideen verwirklichen, an der Erreichung
des Weltzweckes als an der Herstellung eines unbedingt wert⸗
vollen Gutes mitarbeiten.

Indes eine solche Ableitung des obersten ethischen Gebotes
aus doch noch metaphysischen Elementen, so sehr sie sich
immer wieder von jener Forderung der Freiheit her zudrängt, die
        <pb n="423" />
        zos

Weltanschauung
unser bewußtes Wollen aufstellt, ist doch im Verlaufe der
späteren wissenschaftlich-intellektualistischen Zeit des 19. Jahr—
hunderts immer mehr zurückgetreten. Maßgebend war hierfür
vielleicht mit die Scheidung zwischen den Objekten der Meta—
physik und der Religion, die sich seit dem subjektivistischen
Zeitalter immer klarer vollzogen hat. Umfaßte noch bis ins
18. Jahrhundert hinein die Religion, als uralter Ausdruck
jeglicher metaphyfischen Philosophie, eigentlich zwei große Ge—
biete, nämlich das des Bedürfnisses der Welterklärung und das
des Strebens nach Heiligung oder nach dem Besitze eines
höchsten Gutes — Gebiete, die freilich durch vielfache Mög⸗
lichkeiten der Gedankenverbindung zusammenhängen —, so trat
seit Kant theoretisch und dann auch immer deutlicher in der
Praxis der Unterschied ein, daß die Frage nach der Einheit
der Welt als metaphysisch, die Frage nach der Erkenntnis des
höchsten Gutes und der Möglichkeit, die Wirkung desselben zu
erfahren, dagegen als religiös betrachtet wurde. Ist dann
darüber hinaus neuerdings die Frage immer stärker aufgeworfen
worden, inwiefern selbst noch Ethik und Religion unzertrennbar
zusammenhängen oder nicht, so ergab sich doch zunächst bei der
Trennung metaphysischer und religiöser Betrachtungen und
teilweis auch Überzeugungen als sicher vor allem die Trennung
von Ethik und Metaphysik; und die hieraus folgenden Er—⸗
scheinungen des Denkens wurden sichtbar besonders von der
Zeit jener Forscher an, die nicht mehr dem Bannkreis der
Identitätsphilosophie angehörten.

Der erste große Philosoph, der hier in Betracht kommt,
ist Beneke gewesen. Bei ihm hat das Bestreben, die Ethik
rein psychologisch und keineswegs mehr metaphysisch zu be⸗
gründen, schon unzweifelhaften Erfolg. Er basiert die Ethik
auf die psychischen Wertverhältnisse. Psychische Werte sieht
er dabei sich nach den Steigerungen und Herabstimmungen
unseres Seelenlebens bilden, die entweder unmittelbar aus der
Empfindung oder aus deren Reproduktion, und hier dann
teils als Einbildungsvorstellungen, teils als Begehren, hervor—
gehen: Steigerungen bedeuten Erhöhung, Herabstimmungen
        <pb n="424" />
        Weltanschauung.
Erniedrigung der Wertschätzung. Durch solche Vorgänge unseres
Seelenlebens kommen wir nach der Lehre Benekes zu einer
Abstufung der Güter und Übel; und diese Abstufung ist beim
normalen Menschen so bemessen, daß die höchsten sittlichen
Güter den obersten Platz einnehmen. Wir sind in dieser
Richtung von der Natur im Grunde unserer Seele mit einem
feinen Gefühl ausgestattet; aus den gleichartigen Auslösungen
dieses Gefühls ergeben sich die sittlichen Begriffe, und aus
diesen geht schließlich auf dem Wege der Bildung sittlicher
Urteile ein allgemeines Sittengesetz hervor.

Man sieht: diese Ethik beruht zunächst auf rein individual⸗
psychologischer Grundlage. Doch geht Beneke von dieser Grund⸗
lage immerhin auch schon auf die Fragen der menschlichen Ge⸗
sellschaft ein. Sittlich gut erscheint ihm dabei nicht bloß das⸗
jenige, was den höchststehenden Wertverhältnissen der seelischen
Funktionen des Einzelnen entspricht, sondern auch das, was
für die Gesamtheit, auf die wir wirken, das wertvollste ist.
Doch stehen die individualpsychischen Beobachtungen noch ent⸗
scheidend im Vordergrunde.

Es ist ein Standpunkt, den die spätere Ethik der wissen⸗
schaftlichen Periode zumeist von dem Augenblick an verlassen
hat, da aus Gründen, die vornehmlich in der wirtschaftlichen
und gesellschaftlichen Entwicklung der Nation beschlossen waren,
die sozialpsychischen Probleme mehr in den Vordergrund traten.

Es geschah das der Hauptsache nach in den siebziger und
achtziger Jahren. Und nun erfolgte, auf der Grundlage
des mittlerweile voll entfalteten Evolutionismus, ein den An⸗
forderungen der Zeit gemäßer Ausgleich individual⸗ und sozial⸗
ethischer Momente. Das erste große aus dieser Konstellation
hervorgehende System hat hier, nach mannigfachen Bearbeitungen
einzelner Gebiete durch andere, unter denen namentlich Iherings
„Zweck im Recht“ hervorragt, Wundt in seiner Ethik (1886)
geschaffen.

Wundts Ethik fußt auf der Thatsache, daß der Mensch
sich im Verlauf der Zeiten allerdings aus einem Zustande
sozialer Indifferenz heraus individualisiere, aber nicht, „um sich
        <pb n="425" />
        1

30

Weltanschauung.
bleibend von der Gemeinschaft zu lösen, aus der er hervorging,
sondern um sich ihr mit reicher entwickelten Kräften zurück—
zugeben“. Dementsprechend verläuft nach Wundt die ethische
Entwicklung so, daß das „Allgemeine, die Rücksicht auf das
umfassendste Lebensgebiet, immer mehr zur Richtschnur des
Handelns wird“. Dieser Entwicklungsgang sozialisiert aber die
Menschen nicht im Kommunismus, sondern in einer mannig—
faltigen, in immer reicheren Gliederungen abgestuften Gesell—
schaft. Und er bringt in diesem Verlauf immer größere
„objektive geistige Werte“ hervor, die ihrerseits die Gesellschaft
dann wieder dahin befruchten, daß „aus der schöpferischen Kraft
individuellen Geisteslebens“ immer weitere „neue objektive Werte
von noch reicherem Inhalte entstehen“.

Offenbar ist in diesem System Wundts in der That eine
dem Entwicklungsgedanken unterstellte große universalistische
Ethik geschaffen; neben dem Individuellen steht das Soziale,
und die letzten großen Systeme des individualistischen Zeitalters,
Selbstvervollkommnungsethik wie Utilitarismus, erscheinen über—
wunden. Aber erscheint das System nicht leicht mehr als eine
tiefdurchdachte Entwicklungsgeschichte der Sittlichkeit denn als
eine Sittenlehre im herkömmlichen Sinne des Wortes? Begnügt
es sich nicht mit einer umfassenden Registrierung des beste henden
Zustandes? Gewiß stellt es auch Normen auf im Sinne einer
scharfsinnigen und erschöpfenden Kodifikation des höchsten sitt⸗
lichen Empfindens der Gegenwart. Aber mit höchst energischen
Geboten über diese hinaus, vorwärts in eine neue Zukunft
wies es die Zeitgenossen ihrer überwiegenden Meinung nach
nicht. Es ist zunächst und nach seiner Stellung vom Stand—
punkte der Gegenwart aus noch ein Erzeugnis der großen
wissenschaftlichen Kulturperiode der dreißiger bis achtziger
Jahre des 19. Jahrhunderts.

Neben dieser großen systematischen Darstellung begannen
aber um dieselbe Zeit etwa Ziegler (geb. 1846) und Jodl
(geb. 1848) die sozialpsychologisch-ethische Betrachtung im be—
sonderen auch für die Pädagogik und die Nationalökonomie nutz—
bar zu machen. Dabei faßte Ziegler das Sittliche als ein
        <pb n="426" />
        Weltanschauung.

401
Produkt der Wechselwirkung der menschlichen Triebe und ver—
nünftiger Überlegung des Einzelnen und der Gattung ohne über—
natürlichen Ursprung und unterstellte es ganz dem Wandel der
geschichtlichen Entwicklung, wobei denn das Gute der Haupt—
sache nach als das von der Gesellschaft in immer höherem
Grade als nützlich Erkannte zur Erscheinung gelangte. Es
waren ähnliche Anschauungen, wie diejenigen Jodls, der Auf—⸗
gabe und Ziel des Einzelnen in dem Bestreben fand, sein
Selbst zum Selbst der Menschheit zu erweitern.

Nun verstand sich, daß unter diesen Umständen die Religion
mit der Sittlichkeit gar nicht mehr oder nur noch lose zu—
sammenzuhängen brauchte, vorausgesetzt, daß der Einzelne sich
zur Verwirklichung des aufgestellten Ideals in sich allein stark
genug erschien und ihn das leidenschaftliche Gefühl seiner Ohn—
macht in dieser Hinsicht nicht vielmehr gerade dem praktischen
Glauben an eine göttliche Macht entgegentrieb. Und that—
sächlich fühlte ein Teil der Gebildeten des ausgehenden 19. Jahr⸗
hunderts diese Stärke sittlicher Selbstherrlichkeit. Diesem Ge—
fühl vornehmlich verdankte die sogenannte ethische Bewegung
ihren Ursprung, die im Jahre 1878 in den nordamerikanischen
Societies for ethical culture ihren Ursprung nahm und 1892
auf Anregung des Professors der Astronomie Förster in Berlin
und des Philosophen v. Gizycki (18831 -1895) zur Begründung
der Deutschen Gesellschaft für ethische Kultur geführt hat.
In ihr soll, ohne die Forderung des Glaubens an einen per—
sönlichen Gott, ein Zustand der Gerechtigkeit, Wahrhaftigkeit,
Menschlichkeit gepflegt werden.

Aber waren diese praktischen Ausläufer der Ethik einer
zunächst intellektualistischen Periode noch das, was die vor—⸗
—
Form einer großen sittlichen Bewegung ersehnte? Ganz andere
Forderungen als die einer angeblich philiströsen Moral glaubte
man jetzt an die ethischen Ideale der Zukunft stellen zu müssen:
Forderungen eines ethisch-ästhetischen Auslebens des Einzel—
menschen, ja einstweilen nicht einmal eigentlich Forderungen,
sondern nur vage Erwartungen und Hoffnungen eines höheren

Lamprecht, Deutsche Geschichte. Erster Ergünzungsband. 26
        <pb n="427" />
        —A

Weltanschauung.
Menschentums, eines Zeitalters gereinigter, von allen Schlacken
dieser Erde durchaus befreiter Sittlichkeit. Nicht so sehr Ge—
danken wie halb mystische Prophezeiungen einer sittlichen
Regeneration, eines neuen Übermenschentums tauchten empor.

Es ist die Wandlung, die sich mit dem Eintritt des neuen
Zeitalters künstlerischen Daseins ohne weiteres und sozusagen
organisch ergab.

Und nicht mehr etwa auf dem Wege ruhiger Untersuchung
wollte man nun eingehen in die Vorhöfe des neuen sittlichen
Fühlens, um sehnsuchtsvoll nach dem noch verhüllten Aller—
heiligsten einer neuen ethischen Kultur zu spähen, — nein: mit
Jauchzen und Enthusiasmus und, wenn nötig, unter der frohen
Unlust der Askese, in starker Erregung der Gefühle sicherlich
und mehr noch der Nerven war man dem ersehnten Ziele
gerades Wegs entgegenzueilen bereit. Mit dem Aufkommen der
neuen, künstlerischen Kultur bemächtigten sich Dichter und
Musiker, Maler und Philosophen phantantasievoller Empfängnis
der ethischen Fragen und träumten und schufen schließlich
träumend ein neues Reich sittlicher Wiedergeburt.
        <pb n="428" />
        III.
1L. Schon Otto Ludwig hat, und bereits Ende der dreißiger
Jahre, in erstem dunklem Ahnen den Gedanken einer sittlichen
Regeneration durch künstlerische Mittel berührt: in Zeiten, da
sich erst in den allerleisesten Spuren all die Mächte wirtschaft—
licher, sozialer, geistiger Natur geltend machten, die später die
Periode der Reizsamkeit heraufgeführt haben. „Unsere ganze
Erziehung durch Schule, Kunst und Gesellschaft,“ sagt Ludwig
1839, „arbeitet nur dahin, uns zu zerstückeln; von Glück hat der
zu sagen, dessen Sein sich wieder aufbaut aus den Trümmern,
in die man es schlug. Sollte nicht der Zweck der Kunst etwa
nur der sein, den zerstückelten Menschen wieder zu bilden?
Die Menschenganzheit muß mein Ideal sein von nun an im
Leben und in der Kunst. Versöhnung des Menschen mit dem
Leben, — darum ein anderes Leben!“ In prophetischem Ahnen
steigen hier die Linien einer anderen Zeit auf — einer Zeit, da
die Kunst erziehlich wirken wird, Lebensodem sein wird einer
Menschheit, die sich ein neues, in sich harmonisches Leben aufbaut.

Von ähnlichen Empfindungen ist auch Hebbel beseelt ge—
wesen. Gewiß: Hebbel hatte die pessimistische Note seiner Zeit;
„Alles Leben ist Raub des einen am anderen“ hat er schon
in den vierziger Jahren gesagt und damit in seiner Weise den
Darwinismus vorweggenommen: und welch furchtbares Urteil
über Leben und Geschichte enthalten nicht, bei der besonderen
Stellung des Dichters zur Kirche, die Worte: „Der Ekel der
Menschheit vor sich selbst war die Wurzel des Christentums.“
Dennoch ist Hebbel niemals im Pessimismus verzweifelt ge—
wesen oder auch nur trostlos; auf duftigen Schwingen trug

96 *
        <pb n="429" />
        404

Weltanschauung.

ihn sein dichterischer Idealismus immer wieder der leisen
Ahnung einer künftigen sittlichen Wiedergeburt entgegen:

Den längsten Traum begleitet
Ein heimliches Gefühl,
Daß alles nichts bedeutet,
Und wär' uns noch so schwül.
Da spielt in unser Weinen
Ein Lächeln bald hinein:
Ich aber möchte meinen,
So sollt' es immer sein
Weit klarer tritt dann der Wiedergeburtsgedanke bei
Gutzkow auf. Die große Form des Gegenwartromans, des
Romans des Nebeneinanders, die er in den fünfziger Jahren
in den „Rittern vom Geiste“ und im „Zauberer von Rom“ schuf,
war ihm keineswegs bloß eine Kunstform. Er glaubte in
ihr und ihrer würdigen Anwendung im Dienste der Zeit zu—
gleich ein Allheilmittel der sittlichen Schäden gefunden zu
haben. Vor allem in den „Rittern vom Geiste“ (1830 —51) legt
er das anschaulich dar. Es sei nötig, führt er aus, die Mensch—
heit auf eine neue politische, sittliche, seelische Ordnung der
Dinge vorzubereiten. Die Ritter vom Geist seien dazu bestimmt,
den Übergang zu dieser Ordnung herbeizuführen: alle die, die
sich dem im Romane selbst vorgetragenen Gedanken der Wieder—⸗
geburt zuwenden, seien solche Ritter, und alle, alle lädt der
Dichter ein, es zu werden. Welcher Art ist aber der Gedanke
des „neuen Bundes des allgemeinen Menschengeistes“? Ein sehr
einfacher! Es giebt nach Gutzkow eine kleine „Leiter von Be—
griffen, die so einfach, so tief in der Menschenbrust begründet
sind, daß sie die einfachste Intelligenz erklimmen kann. Auf
diese Begriffe reiche sich die Menschheit die Hand, beschwöre
sie und erkläre feierlich, auf diesen Schwur hin nur noch
leben und sterben zu wollen. Ein solcher Bund des Geistes
nur noch fünfzig Jahre in Wirksamkeit, und die Streitfragen
werden vereinfacht, die alten, wie Schlinggewächs wuchernden
Unbilden werden von selbst verdorrt und zusammengefallen sein.“

Sieht man näher zu, so findet man, wie bei Gutzkow
        <pb n="430" />
        Weltanschauung.

405
noch Ideale der sittlichen Wiedergeburt und sozialistische, ja
vielleicht kommunistische Ziele dicht bei einander bestehen; es ist
ein demokratisches Gefühl, das seine menschheitlichen Erziehungs—
pläne durchweht, sehr fern dem Empfinden etwa, das Goethe
den Erziehungsgedanken der aristokratischen Geheimgesellschaft
seines „Wilhelm Meister“ eingab. Und wie leicht dachte sich
Gutzkow die Verwirklichung seiner Pläne! Die ganze liebens⸗
würdige Unbeholfenheit des bürgerlichen Denkens über öffent⸗
liche Dinge noch um die Mitte des 19. Jahrhunderts durch⸗
scheint seine Worte mit schwacher Phosphorescenz.

Da war Richard Wagner mit seinen Regenerationsideen,
die wir schon kennen, bereits viel praktischer und jedenfalls
klarer, obwohl auch er schon in den vierziger Jahren den Ge—
danken der Wiedergeburt faßte, und obwohl auch ihn das
dunkle Ahnen einer höheren sittlich-religiössen Zukunft im
Grunde noch auf die Dresdener Revolutionsbarrikaden führen
konnte, ihn, den strammen Vertreter des Satzes, daß einer Herr
sein müsse und König! Später hat dann Wagner den
Wiedergeburtsgedanken in immer engere Verbindung mit seiner
Kunst gebracht, nichtd ohne Einfließen Schopenhauerscher Ge—
danken und nicht ohne demokratische Tendenz: bis ihm die
volle Überzeugung erwuchs, daß es möglich sei, durch ein volles
Erleben und Entfalten des Kunstwerkes der Zukunft eine
religiöse Reinigung und Erhöhung der Menschheit und damit
ein goldenes Zeitalter idealisierten Menschentums herbei—
zuführen.

Wagners Gedanken sind später von Heinrich von Stein,
dem Frühvollendeten (18371887), in die allgemeinere Form
gebracht worden, daß ästhetische Thätigkeit überhaupt als
intensiveres, intensivstes Leben eine Erweiterung der zeit—
genössischen Seele verbürge und hinaufführen müsse auch in
eine ungekannte sittliche Zukunft. Stein kam von dem opti—
mistischen Materialismus Dührings her und geriet als Haus—
lehrer Siegfried Wagners in die geistige Atmosphäre des
Vaͤters. Es ist klar, daß mit seinen Anschauungen im Grunde
der mit Otto Ludwig begonnene Prozeß abschließt; was Ludwig
        <pb n="431" />
        106

Weltanschauung.
dunkel geahnt hat, spricht Stein offen aus: zu einer Zeit —
Steins Buch „Helden und Welt“ erschien 1888 —, da die
Erfüllung, ein neues ästhetisches Zeitalter, das eine ethische
Revolution begann, schon nahe herbeigekommen war.

Denn wieder einmal erstand in unserer Entwicklung der
alte Zusammenhang zwischen Asthetisch und Ethisch, zwischen
Phantasiethätigkeit und Gewissen, der den Germanen so eigen⸗
tümlich und den Romanen im allgemeinen so fremd ist. Oder
wo hätten ihn z. B. die Franzosen in den letzten Jahr—
hunderten besessen, außer in ihrer Schopenhauerschen Periode
nach 1870, und das heißt unter deutschem Einfluß? Man
weiß es, die germanische Kunst ist eine Charakterkunst, eine Kunst
zugleich des Individuellen und Substantiellen, die romanische
mehr eine Formalkunst: schon diese banal gewordene Beobachtung
genügt, um den engen Zusammenhang zwischen Ethik und
Asthetik zu erklären überall da, wo die germanische Zunge er—
klingt „und Gott im Himmel Lieder singt“.

Daher hat denn die Entwicklung des deutschen Regene—
rationsgedankens auch ihre Parallelen vor allem in anderen
germanischen Ländern, so in Skandifavien und England,
freilich mit den für diese Nationen charakteristischen Unter—
schieden. In England wirkten fast noch vor Wagner und
Gutzkow Carlyle und Ruskin, und Ruskin trat seit etwa 1860
unmittelbar als Nationalökonom und Gesellschaftsverbesserer
auf, wußte für seine Reformgedanken gewaltige materielle Mittel
flüssig zu machen und leitete aus einer intensiven volkstüm—
lichen Verbreitung des Kunstgeschmacks, der er den größten
Teil seiner Zeit widmete, die praktische Hoffnung ab, die
Lehren einer neuen Religion der Schönheit und einer sittlich
schönen, ja wirtschaftlich schönen Lebensführung vorzubereiten.
In Skandinavien aber ward Ibsen in seinen Dramen der
Träger einer weit in die Zukunft weisenden sittlichen Lebens—
anschauung, die zuerst in dem letzten Werke seiner ersten Periode,
in „Kaiser und Galiläer“ (1873) vollströmend hervorbricht. Da
erscheint der Glaube an ein „Drittes Reich“, ein Paradies der
Zukunft, in dem aus Griechentum und Christentum die Einheit
        <pb n="432" />
        Weltanschauung.

407
einer ungekannt hohen Kultur erwachsen soll, in dem das freie
Ich der schützenden Gehäuse von Staat und Kirche kaum noch
bedürfen wird. Der Mensch aber, das lehren dann die Dramen
der größten Zeit Ibsens, soll sich mit allen Kräften nach diesem
Reiche strecken, soll in seine Grenzen hineinwachsen, indem er
sich in den Dienst des zartesten Gewissens und der größten
Idee stellt: das ist der zulässige, der große, der verehrungs⸗
würdige Egoismus, der niedere Eigensucht nicht kennt, und
dem gegenüber die Frage nach gut und böse, an dem Maß⸗
stabe der heutigen Sittengesetze gemessen, mit Vorsicht auf—⸗
zuwerfen ist.

Die Engländer haben auf deutschem Boden schließlich
wenig, Ibsen hat seit den achtziger Jahren um so gewaltiger
eingewirkt. Inzwischen aber war in Deutschland selbst der
Geist erstanden, ja hatte sich in furchtbar frühem Verlöschen fast
schon ausgelebt, in dessen Forderungen all die lang an⸗
gesponnenen und dunkel geahnten Ideale einer sittlichen Wieder—
geburt wie in einem scharfen und zerstörend sengenden Brenn—
spiegel zusammentrafen.

*

2. Friedrich Nietzsche (1844 - 1900) war kein Philosoph —
was hat er nicht alles gegen Philosophen geredet! Er war
ein Künstler, Dichter, Seher. Z8war hat er eine mehr wissen⸗
schaftliche, positivistische Periode gehabt; ihr Hauptdenkmal
sind die psychologisch tiefbohrenden Bände „Menschliches, All⸗
zumenschliches“ (1878—79). Aber selbst in dieser Zeit und
in diesem Buche bricht immer und immer wieder eine ästhetische
Natur hervor. Nietzsche verachtete im Grunde das Denken;
es stand ihm weit unter der künstlerischen Empfängnis, war
ihm eigentlich nur Vorstellung, Wahn, Irrtum. Darum hält
er weilausspinnende Logik für ein Unglück, mindestens ffür
etwas Überflüssiges. Und auch Wahrheiten kannte er nicht,
es seien denn subjektive: Glaubenssätze, Überzeugungen.

Zunächst war Nietzsche Dichter und als Dichter Lyriker.
Dabei gehörte er der modernen Poesie an, nur machte er deren
Entwicklungsgang überaus rasch durch. Schon früh hatte er
        <pb n="433" />
        408

Weltanschauung

ein rein naturalistisch-impressionistisches Ideal des Menschen;
der Übermensch seiner späteren Zeit soll dann mit allen Lebens—
formen der Wirklichkeit vertraut sein, sie ganz mit dem voll—
kommensten Reichtum an Reaktionsgefühlen auf Eindrücke um—
fassen, sie restlos in sich einschlürfen können, um sie zu be—
herrschen. Führend wurde Nietzsche dabei geradezu in der
Entwicklung der freien lyrischen Rhythmen; schon in den
achtziger Jahren, in den letzten Zeiten seiner freien und großen
Schöpferkraft, vor allem im „Zarathustra“ (seit 1881), hat er sie
glänzend ausgebildet. Freilich nicht ohne Vorbilder und fremde
Beihilfen, die festzustellen eine der lehrreichsten Aufgaben
moderner Sprach- und Stilgeschichte sein wird, vor allem aber
doch selbständig als ein Günstling unserer Sprache, die ihn
mit Gnadengaben überschüttete: er hat von sich sagen dürfen,
daß ihn mit der deutschen Sprache eine lange Liebe, eine
heimliche Vertrautheit, eine tiefe Ehrfurcht verbinde.

Im übrigen wies ihn die Anlage seines Denkens und
Empfindens, zumal in der späteren, schwer nervösen Zeit,
ebenso auf den Aphorismus, wie der Zusammenhang mit der
Entwicklung der Dichtung. Denn die bezeichnende Form der
denkhaften Prosa des Impressionismus ist eben der Aphoris⸗
mus: Eindruck wird neben Eindruck gesetzt und oft wohl gar
nur mit Überlegung gemischte Stimmung gegen Stimmung:
sie alle, Stimmungsinhalte wie Eindrücke, nur beruhend auf
der Gleichheit der Herkunft von derselben Persönlichkeit, im
übrigen jeder vom anderen verschieden, jeder sein Thema bis
in die äußersten Denkmöglichkeiten verfolgend — und darum
unter sich nicht in systematischem Zusammenhang und logischer
UÜbereinstimmung. Es ist wie eine moderne Musik mit ihrem
Reichtum ungelöster Dissonanzen, der nur durch einen Orgelton
zusammengehalten wird: hinter den dissonierenden Teilen des
Gesamtgehalts steht nichts als die Persönlichkeit des Verfassers.

Aber Nietzsche blieb nicht, was er um 1880 war, natura—
listischer Impressionist. Von der „Morgenröte“ (1881) an,
entschiedener schon seit der „Fröhlichen Wissenschaft“ (1882)
ging er von dem mehr beobachtenden, mehr wissenschaftlichen.
        <pb n="434" />
        Weltanschauung.

409

mehr durchdenkenden Standpunkte, der dem litterarischen
Enthusiasmus seiner Jugendzeit gefolgt war, zum Stimmungs—
mäßigen über. Er näherte sich jetzt den Vierzigern, in deren Mitte
er, jäh getroffen, zusammenbrach (Anfang 1889); er begann
im Bereich seines Gefühlshorizontes zu herrschen. Der Apho—
rismus tritt zurück, die Persönlichkeit geht in Pathos auf, und
dies Pathos schwillt in dem Hauptwerke dieser Zeit, dem
„Zarathustra“, zum Symbolischen an, zum erhabenen Ton
der Prophetie, der Verkündigung. Und schon findet sich in den
späteren Partien des „Zarathustra“ ein jähes Abbrechen von
Gedanken- und Empfindungsreihen — da, wo es berechtigt ist,
wie in dem wunderbaren Abschnitt „Mittags“ oft von großer
Schönheit —, und etwas Unvermitteltes wirkt befremdend.
Doch ist der Eindruck auf empfängliche Gemüter berauschend,
und die Sprache drängt dicht bis ans Musikalische heran und
wirkt um so packender, als der Inhalt oft rätselhaft erscheint
und nur dem noch verständlich wird, der alle Irrgänge des
Nietzscheschen Denkens bereits durchwandert hat.

Spätere Werke zeigen dann den Verfall des Stiles ins
hastig Eilende, gelegentlich Rhetorische, Barocke; wie sie denn
auch inhaltlich und in dem Mangel des zarten Flaums, des
Duftes gleichsam der sittlichen Persönlichkeit des Verfassers bei
aller Schärfe und klaren Anpassung des Stils an das Gedachte
schon einer Verfallszeit angehören. —

Nietzsche hat selbst in den Grundfesten seiner Welt⸗
anschauung wiederholt geschwankt, wenn auch die Basis der
gleichen Persönlichkeit nicht zu verkennen ist: und so wäre es
leicht, jeden seiner Sätze durch einen anderen, ihm nicht minder
angehörigen Satz zu widerlegen. Er ist im höchsten Grade
„kein ausgeklügelt Buch“, sondern ein „Mensch mit seinem
Widerspruch“; er hat auch Perioden stärkster innerer Zer⸗
rissenheit gehabt und schwer unter ihnen gelitten. Es ist daher
unmöglich, selbst diejenigen seiner Anschauungen in einem ganz
geschlossenen Bilde vorzutragen, die nach seinem geistigen Tode,
in den neunziger Jahren, die Welt mächtig zu erregen be⸗
gonnen haben. Ja eben die Thatsache ist bezeichnend, daß die
        <pb n="435" />
        419

Weltanschauung.
Zeitgenossen sich vielfach an einem ganz unklaren und jedenfalls
in seinen Hauptpunkten nicht zu verwirklichenden System be—
rauscht haben und vielfach noch berauschen.

Als Grundvorgang tritt bei Nietzsche hervor, was schon
bei Ludwig, Hebbel, Gutzkow, Wagner geschah: er wendet sich
mit Entschiedenheit von einem verzweifelnden oder auch nur
entsagenden Pessimismus ab, wie er ihm besonders durch
Schopenhauer vermittelt worden war. Bei ihm wie bei Wagner
hatte sich dieser spezielle Einfluß Schopenhauers schließlich
geltend gemacht vor allem auf Grund des Zusammenhangs,
daß Schopenhauers System, das echteste Kind unserer ältesten
Romantik, auf der Verwerfung der Verstandesseite des Lebens
und der begeisternden Hervorhebung der Phantasieseite beruhte:
als Künstler hat sich Nietzsche wie Wagner, abgesehen von
einer eigenen pessimistischen Durchgangsstimmung, Schopenhauer
gefangen gegeben. Aber als Künstler hat er sich auch, wie
nicht minder Wagner, von ihm befreit. Der ästhetische Opti—
mismus schlug, bald ethisch gewandt, durch und nahm die
Form einer unbedingt enthusiastischen Hingebung an das Leben
an wider allen Pessimismus, ja diesem Pessimismus als einer
sittlichen Krankheit zum Trotze. Das Leben, das große freie
Leben wird Nietzsche nun alles. „In die Höhe will es sich
bauen mit Pfeilern und Stufen, das Leben selber: in weite
Fernen will es blicken und hinaus nach seligen Schönheiten, —
darum braucht es Höhe! Und weil es Höhe braucht, braucht
es Stufen und Widerspruch der Stufen und Steigenden!
Steigen will das Leben und steigend sich überwinden!“ Eine
unbedingte Betonung des Willens zum Leben, der Wollust,
seine Abgründe zu überschreiten, seine Tücken zu besiegen, es
höher zu peitschen, hinein in ein Ideal neuer Menschlichkeit:
das ist das Leben und die Lehre Nietzsches.

Und von hier aus, nicht ohne Einfluß Darwinistischer Vor—
stellungen, erbaut Nietzsche in sich die Hoffnung auf eine wunder—
barere Höhe menschlichen Daseins als die bestehende, auf eine
sittliche Wiedergeburt, wie sie schon so viele künstlerische Seelen
in Deutschland vor ihm ersehnt hatten. Und auch in den freilich
        <pb n="436" />
        Weltanschauung.

411
sehr vorübergehenden Überlegungen, wie dies Ideal etwa durch
praktische Maßnahmen zu erreichen sei, ähnelt er den Vor—
gängern: gleich Gutzkow erachtet er einen Bund freier Geister
für fähig, die neue Zeit zu verwirklichen.

Was ihn aber von den früheren Vertretern des Wieder—
geburtsgedankens trennt, das ist sein aristokratisches Denken.
Gutzkow hatte vermöge der Annahme einiger ganz einfacher
Begriffe — also noch intellektualistisch — eine Regeneration
des ganzen Volkes, der allgemeinen Menschheit herbeiführen
wollen; Wagner erstrebte das Gleiche auf dem Wege der Kunst
und Religion — gefühlsmäßig — für dieselbe Gesamtheit.
Es waren Träume liberal-demokratischer Zeiten; Wagner hat
dementsprechend auch das Genie noch nicht als geistigen
Tyrannen angesehen, der sich die gemeine Masse der Durch—
schnittsmenschen unterjocht und unterzüchtet, sondern als höchste
Verkörperung der allgemeinen Volkskräfte. Inzwischen aber
hatten sich die Zeiten geändert; schon v. Stein und Ibsen
dachten anders. Mit der vollen Entwicklung der Reizsamkeit
war, wie einstens mit der Zeit der Empfindsamkeit, nur graduell
von der Trunkenheit der tollen“ Jahre der Originalgenies des
18. Jahrhunderts verschieden, der Geniekultus eingezogen.

Die Wandlung kann man am besten in der Umbildung
der „problematischen Natur“ der dreißiger bis fünfziger Jahre
in den modernen „Heros“ verfolgen. Problematische Naturen
sind nach Dingelstedt („Unter der Erde“, 1841) Leute, die
durchaus selbständig ihr Ich in den Mittelpunkt dieser Welt
stellen und, unbekümmert um Sitte und Gesetz, ihr und anderer
Leben nur durch ihre subjektiven Stimmungen, ihre Leiden—
schaften, ihre Anschauungen bestimmen wollen. „Gelingt es
ihnen, über Thatsachen und Überlieferungen den Sieg davon—
zutragen, so heißen sie Genies, Eroberer, Helden. Im ent—
gegengesetzten, häufigeren Fall schwankt die öffentliche Meinung
zwischen den Kategorien Verbrecher, Wahnsinnige. Ihr Unter—⸗
Jang vollzieht sich sicher, und mit ihnen fallen diejenigen, die
sie in ihren Zauberkreis gezogen haben.“ Man sieht: dieser
Zeit ist der heutige „Held“ noch problematisch. Aber nun
        <pb n="437" />
        I12

Weltanschauung.
wächst in den fünfziger bis siebziger Jahren mit dem Siege der
Realpolitik und den steigenden Triumphen eines oft skrupel⸗
losen Erwerbssinnes die Liebe zur problematischen Natur: der
Kultus des Erfolges, der Macht und damit des Helden, des
Genies beginnt. In den Zeitromanen verwandelt sich die
problematische Natur in die Heroennatur. So schon primitiv
in Auerbachs „Auf der Höhe“ (1865); dann auch bei Spiel—
hagen bereits in den „Hohenstein“ (1863), ganz deutlich aber,
wenn auch unter einer dem Helden feindseligen Tendenz des
Verfassers, erst in dem Roman „In Reih' und Glied“ (1866).
Und die Ereignisse von 1870 waren dann in mancher Hinsicht
den Helden aus dem Roman in die Wirklichkeit zu versetzen
geeignet, und die Vorgänge des letzten Jahrzehntes des 19. Jahr—
hunderts dienten dazu, seine Stellung in der Gunst der ffent—
lichkeit zu befestigen. Dennoch wäre es falsch, den Heroenkult
der Gegenwart nur auf Rechnung der besonderen politischen Ent—
wicklung Deutschlands zu setzen; er ist vielmehr ein eingeborenes
Erzeugnis der modernen Kultur der Reizsamkeit, darum findet
er sich früher als in Deutschland schon in Frankreich: bei Graf
Gobineau; und früher als in Frankreich wiederum in England
und in dem großen Kolonialland englischen Geistes: bei Carlyle
und Emerson. Die Kultur der Reizsamkeit ist eben zunächst
äisthetisch; und der Künstler bedarf des Helden.

Für Deutschland ist es bezeichnend, daß um die Mitte
der neunziger Jahre Emerson in den Kreisen der „Moderne“
beherzigt zu werden begann, und daß das 1877 erschienene
Renaissancebuch des Grafen Gobineau 1896 ins Deutsche
übersetzt ward: um diese Zeit war der Heroenkult bei uns
schon so verbreitet, daß er fremde Zuflüsse aufzunehmen ver—
mochte. Begonnen aber hat er schon etwa um 1890: damals
erhob sich zuerst die auch noch heute leidlich fortströmende Flut
biographischer Litteratur, — und damals zeigten sich auch die
ersten sicheren Anzeichen einer künftigen Popularität Nietzsches.

In Nietzsches Denken aber hatte das Heroenideal schon
viel früher Fuß gefaßt, ja es war seiner Persönlichkeit
eigentlich eingeboren, denn schon von Kind auf hatte er das
        <pb n="438" />
        Weltanschauung.

413

lebhafteste Bedürfnis überschwenglicher Verehrung empfunden.
Mit dem Gedanken der Lebensfreudigkeit aber verband sich
ziese Heroensehnsucht bei Nietzsche durch die Idee des starken
Willens. In seinem Kampfe gegen alles, was Verzweiflung
im Leben heißen könnte, bediente sich Nietzsche als wirksanmister
Waffe des Glaubens an die stärkende Kraft des Schaffens und
in die allbesiegende Gewalt des machtvollen Willens. Daß
Schaffenslust und Willensstärke alles vermögen, das war seine
innigste Überzeugung, und er hat sie im Martyrium seines
Lebens als Blutzeuge besiegelt. Schaffenslust und Willensstärke
aber: ist das nicht das Genie, der Held?

Auf diesem Heroenkult, auf diesem Satze vom starken
Schaffen baut sich Nietzsches Denken empor, wenn es aus den
Niederungen des Lebens aufblickt zu den Höhen der Wieder—⸗
geburt. Und so sehr klammert es sich an diesen Kult, daß
ihm ein starker Wille alles gilt, daß er ihm sogar indifferent
erscheint gegenüber den Normen der bestehenden Sittlichkeit, daß
er ihm ein Wille ist zum Guten wie zum Bösen, ja, gemessen
an der verpesteten Sittlichkeit unserer Zeit viel mehr noch zum
Bösen: daß er ihm die starke Willkür wird früherer, besserer
Zeiten, da das Wollen noch nicht an die tausend schlechten
Konvenienzen einer mißleiteten Kultur gebunden war, daß er
ihm zum Willen zur Macht an sich wird, zum Willen der aus
der gewöhnlichen Menge der Sterblichen herausstrebenden Geister,
zum Willen der „blonden Bestie“.

Diesen Willen wieder aufleben zu lassen in einer untrüg⸗
lichen, hohen Idealen zugewandten Bethätigung seines Strebens,
das erscheint Nietzsche als das große Ziel der Zukunft. Und
im dies Ziel zu begründen und begreiflich zu machen, bildet
er in seiner „Genealogie der Moral“ den ganzen Inhalt und
Verlauf der Geschichte dem ursprünglich vorausgesetzten Zustand
der „blonden Bestie“ wie dem ersehnten Ideale des „Über⸗
menschen“ an. Zwei Geschlechter der Menschen, voneinander
stark und fast durch physiologische Unterschiede getrennt, ziehen
sich durch die Zeiten der Geschichte: Herren und Sklaven,
Willensstarke und Willensschwache, Vorbereiter der Zukunft
        <pb n="439" />
        14

Weltanschauung.

und Erleider des Schicksals zu sterben. Und zwei Moralen
scheiden sie, die Herrenmoral, die Moral des starken Willens,
und die Sklavenmoral, und die Herrenmoral wird siegen.

Wie freilich: das ist eine Frage, die Nietzsche zu ver—
schiedenen Zeiten verschieden beantwortet hat. Doch findet sich
schon früh und später alles andere überwältigend besonders die
Ansicht, daß es heutzutage möglich sein müsse, den Übermenschen,
den Träger der Herrenmoral in ihrer künftigen Vervollkommnung
geradezu zu züchten. Denn das sei das Spezifische unseres Zeit—
alters, daß es die Kenntnis aller primitiven Kulturen, daß es den
weiten Überblick auch über die Entwicklung der hohen Kulturen
des Menschengeschlechts zum ersten Male ganz besitze: und die aus
dem Werdegang der menschlichen Entwicklung gewonnenen Ein—
sichten müßten es dazu befähigen, den Zukunftsgang zu beein—
Tussen. Und Nietzsche selbst erscheint sih dann als der Mann,
der aus den geschichtlichen Vorgängen zum ersten Male die
nötigen praktischen Folgerungen gezogen habe, als der große
Züchter und der neue Heiland, der mit dem Buche „Also sprach
Zarathustra“ der Welt das Testament einer neuen Sittlichkeit
und vollendeten Wiedergeburt schenke, als der Christ und Anti—
christ zugleich, und in den Irrgedanken der letzten Zeit versteigt
er sich bis zu einem völligen Vergleich mit Jesus und unter—
zeichnet seine letzten, schon wahndurchzogenen Briefesworte als
„Der Gekreuzigte“.

Natürlich ist der neue Sittenkoder Nietzsches, der zum
Übermenschen führen soll, ein Gesetz durchaus des starken
Willens. Darum werden die alten Tafeln zerschlagen, die diesem
Willen ungünstig erscheinen: die Umwertung aller sittlichen
Werte tritt ein, und der Fluch des Hasses wird über die alten
ausgesprochen und das Christentum als deren Behälter.

Aber bald zeigte sich Nietzsche, dem strengen und frommen
Charakter, daß eine bloße Sittlichkeit des starken Willens, wie
sie nach der Zertrümmerung der christlichen Ethik und mit ihr
des christlichen Gottesglaubens übrig blieb, doch zur Hervor—
bringung des ersehnten Idealzustandes nicht genüge. Um ob—
zusiegen, bedurfte es eines stärkeren Haltes. Und wo fand ihn
        <pb n="440" />
        Weltanschauung.

415

Nietzsche? „Religion haben,“ hat er einmal gesagt, „heißt dem
Leben einen ewigen Sinn geben, mitten im Endlichen das
Unendliche fühlen und besitzen.“ Nur eine oberste religibse
UÜberzeugung, so lehrte er jetzt, könne den Halt bieten, dessen
der Kämpfer um den starken Willen bedürfe. Und so sehnte
sich der Zerstörer des alten Glaubens nach einem neuen. Und
im August des Jahres 1881, „sechstausend Fuß jenseits von
Menschen und Zeit ... am See von Silvaplana, bei einem
mächtigen, pyramidal aufgetürmten Block“ ward ihm die Er⸗
hörung, fand er in plötzlicher Enthüllung des Geistes die
höchste Formel der Bejahung“. Es ist der Glaube an die
zwige Wiederkunft, an einen Kreislauf des Seins, in dem wir
jeden erlebten Augenblick immer und immer wieder erleben
werden. „Alles geht, alles kommt zurück; ewig rollt das Rad
des Seins. Alles stirbt, alles blüht wieder auf; ewig läuft
das Jahr des Seins. Alles bricht, alles wird neu gefügt;
ewig baut sich das gleiche Haus des Seins. Alles scheidet,
alles grüßt sich wieder; ewig bleibt sich treu der Ring des
Seins.“ Es ist eine uralte orientalische, dann pythagoreische
Lehre, die jetzt, nach früherem flüchtigem Aufflackern, als ein
letzter rettender Strahl aus dem Abgrund der schon leidenden
Seele des Sehers aufstieg.

Und was erwartete er nicht von ihr! „Wenn du dir den
Gedanken der Gedanken einverleibt hast, so wird er dich ver—
wandeln! Dein Leben — dein ewiges Leben! So leben, daß
du wünschen mußt, wieder zu leben, ist die Aufgabe, — du
wirst es jedenfalls. So leben, daß wir nochmals leben und
in Ewigkeit so leben wollen! Unsere Aufgabe tritt in jedem
Augenblick heran. — Wir wollen ein Kunstwerk immer wieder
erleben! So soll man das Leben gestalten, daß man vor
seinen einzelnen Teilen den Wunsch hat! Drücken wir das
Abbild der Ewigkeit auf unser Leben!“ So ist dieser Glaube
ein zwingendster Anleiter zum starken Willen und hin zum
Ubermenschen, und immer mehr wird er siegen — „und die
nicht daran Glaubenden müssen ihrer Natur nach endlich aus⸗
sterben. Nur wer sein Dasein für ewig wiederholungsfähig
        <pb n="441" />
        t16

Weltanschauung.
hält, bleibt übrig.“ Zunächst aber sind die Großen, die
Stillen, die in sich Starken die Berufenen. „Wachet und
horcht, ihr Einsamen! Von der Zukunft her kommen Winde
mit heimlichem Flügelschlagen, und an feine Ohren ergeht
gute Botschaft. Ihr Einsamen von heute, ihr Ausscheidenden,
ihr sollt einst ein Volk sein: aus euch, die ihr euch selber aus—
wähltet, soll ein auserwähltes Volk erwachsen: — und aus
hm der Übermensch.“

Und so wäre er denn vollzogen, der Übergang von der
Ethik zur Metaphysik, wie er zur Begründung einer Ethik
allen Zeitaltern notwendig ist, die unter dem zwingenden Begriff
einer allgemeinen Kausalität stehen. Denn wie soll in solchen
Zeitaltern — Zeitaltern hoher Kultur — das praktische Problem
der Willensfreiheit, das mit der Ethik immer wieder auftritt,
anders seiner Lösung nahegebracht werden als dadurch, daß
die für unsere praktische Einsicht bestehende Freiheit des Willens,
die von der Physik geleugnet werden muß, doch immer wieder
in irgend einer Weise eine metaphysische Sanktion erhält?

Und war es denkbar, daß der künstlerische, ästhetische
Traum einer neuen, höheren, sittlichen Welt anders endete?
Schon bei Wagner ging er die engste Verbindung mit der
Religion ein; in einer kirchlich und christlich indifferenten,
dem Geniekult ausschweifend huldigenden Epoche, wie sie viel—
leicht nicht zum geringsten durch den aristokratischen Charakter
aller Kunst bedingt ward, endete ein System — richtiger eine
Anzahl selbständiger, in revelatorischer Begeisterung vorgetragener
Normen einer neuen Sittenlehre im Glauben.

3. RNietzsche blieb zuerst so gut wie unbekannt; unanerkannt
noch ist er schwerem Geschick erlegen. Und als die junge Zeit
für ihn reif war und seine Lehre einzuschlürfen begann, da
erhoben noch immer die Alten den entschiedensten Einspruch.
Wilbrandt kritisierte 1894 in seinem Roman „Die Osterinsel“
das Problem des „Göttermenschen“; Heyse zog 1895 in „Üüber
allen Gipfeln“ gegen die entsittlichende Verwirklichung des
        <pb n="442" />
        Weltanschauung.

—417

Ideals des „Renaissancemenschen“ zu Felde; Spielhagen wandte
sich 1897 im „Faustulus“ gegen die Umwertung der Werte.
Und auch Proteste von Jüngeren fehlten und fehlen nicht.
Im ganzen aber traten die Schriften Nietzsches zunächst
dennoch einen Siegeszug an fast ohnegleichen. Der aphoristische
Charakter ihrer Gedanken schuf ihnen auch da, ja da vor allem
Einlaß, wo man das System ablehnte und sich bloß dem all⸗
gemeinen, die Befreiung der Persönlichkeit betonenden Zuge
des neuen Denkens hingab. Ihre Sprache gewann auch die
Unmündigen im Geiste, wie sie auf den Stil selbst von Gegnern
revolutionierend gewirkt hat. Eine große Anzahl von er—
klärenden und widerlegenden Schriften erschien und erscheint
noch heute; und noch ist das Ende der allgemeinen Einwirkung
nicht völlig abzusehen.

Sind es aber nur die fascinierenden Einflüsse der Schriften
selbst und der hinter ihnen webenden, lebenden Persönlichkeit
Nietzsches, die dies Wunder wirken? Mit nichten! Der Wieder—
geburtsgedanke ist inzwischen unter gewissen Verflachungen all—
gemein geworden, und sichtbarlich wandelt die Nation die Bahn
von dem Versuche der Lösung ethischer Probleme hinein ins
Gebiet des Religiösen.
Eine breitere Grundlage erhielt der Gedanke ethischer
Wiedergeburt oder wenigstens notwendigen sittlichen Fortschritts
zuerst wohl durch eine natürliche Reaktion gegen den teilweis
recht platten, vielfach an den Rationalismus des 18. Jahr—
hunderts erinnernden Aufklärungsgeist der fünfziger bis siebziger
Jahre. Man begann gegenüber einer rein mechanischen Lebens—
und Weltanschauung wenigstens Langeweile, gelegentlich auch
schon Ekel zu empfinden. Und selbst Angehörige dieser An—
schauung, die tiefer fühlten, erhoben die sehnsuchtsvolle Frage
wenn nicht gar Forderung des Plus ultra.

Zertrümmert scheint, zermalmt zu losem Staube
Des Menschenglückes Grundbaufels, der Glaube.
Der scharfe Blick der Forschung der Natur
Bekennt sich blind für eine Gottesspur.
Lamprecht, Deutsche Geschichte. Erster Ergänzungsband.

27
        <pb n="443" />
        418

Weltanschauung.

Doch ob auch sie von Kräften nur und Stoffen
Zu reden weiß, — ein Sehnen und ein Hoffen
In unsrer Brust wird ewig mehr verlangen
Und giebt sich nie an ihren Spruch gefangen
Wer hat nun recht? Die strenge Richterin
Oder in uns die Gottesdichterin?
Erschlossen denn schon Wage und Retorte
In Psyches Heiligtum die letzte Pforte?
Auch dort noch, wo vor hoffnungsloser Schranke
Sich schwindlig fühlt und umkehrt der Gedanke,
Ruft laut der Wunsch des Herzens Weiter! Weiter!
Und zimmert sich im Traum die Himmelsleiter.
(Wilhelm Jordan.)
Und dies Reaktionsgefühl wurde bald durch sehr positive
Veränderungen der gesellschaftlichen Psyche gestärkt und in
bestimmte, allem Sittlichen, allem Religiösen günstige Richtungen
gewiesen.

Stark wirkte, um unter vielen Elementen ein besonders
hervorstechendes anzuführen, in diesem Sinne der Kulturkampf
und seine Folgen. Wer hätte religiösen Mächten anscheinend
nur traditioneller Kraft die Gewalt zugetraut, die sie hier in
Kampf und Sieg offenbarten? Auf katholischem Boden aber
erwuchs aus dem Toben der Bewegung das dauernde Ergebnis
eines bis dahin unerhört frischen geistigen Lebens: Dichter
traten auf wie Weber, Geschichtschreiber wie Janssen: eines
Lebens, das den religiösen Empfindungen wenigstens des katho⸗
lischen Bekenntnisses ohne weiteres zu gute kam.

Auf die Dauer wohl noch wichtiger war die Entfaltung
der sozialen Probleme seit Ausgang der siebziger Jahre. Denn
die Versuche, sie zu lösen, führten allenthalben auf dem Boden
des Reichs und bald auch auf deutschem Boden außerhalb des
Reiches zur Begründung unzähliger kleiner und großer Ge⸗
nossenschaften, innerhalb deren der Einzelne mehr oder minder
die Erziehung zu einer gewissen Gebundenheit des Daseins
genoß: eine Stärkung der Gemeingefühle trat damit ein, die
us dem rein wirtschaftlich-gesellschaftlichen Boden heraus in
        <pb n="444" />
        Weltanschauung.

4109
den Bereich der höheren sittlichen Empfindungen und aus ihm
in die Welt des Religiösen führen mußte. Denn nicht um⸗
sonst heißt religio Zustand der Gebundenheit.

Und auch die äußeren Beziehungen jenes Teiles der Nation,
der im Reiche lebt, der ständige, langjährige Druck durch be—
drohliche Gewalten in Ost und Wesi stärkte das Gemein—
gefühl und erweckte jene Zähigkeit der Vaterlandsliebe und
jenen Drang zu gemeinsamer Bethätigung auf dem Gebiete der
nationalen Arbeit, der fremden Nationen zum besonderen Kenn⸗
zeichen zeitgenössischer deutscher Art geworden ist.

So war der sozialpsychische Boden zur Entfaltung eines
neuen sittlichen und religiösen Idealismus weithin bereitet;
und an dem wachsenden Gemeingefühl der Menge nahmen
auch die höheren Klassen im Bestreben sozialer Mithilfe Anteil.
Den stärksten und entscheidenden Anlaß, dies Gemeingefühl
sittlich-religiös zu entfalten, erhielten die führenden Stände
aber doch wohl erst durch die Entwicklung einer neuen Phantasie⸗
thätigkeit, durch den UÜbergang zu den fanatischen Wahrhaftig⸗
keitsgefühlen der impressionistischen Kunst. Man unterschätze
diese Zusammenhänge nicht; man erinnere sich, was im Nachbar⸗
lande Zola für die Wahrheit im Dreyfusprozesse gewesen ist;
und man führe sich noch einmal vor Augen, daß es fast durch—
weg die Vorläufer des Impressionismus waren, die in
Deutschland seit den fünfziger, vierziger, ja schon dreißiger
Jahren die sittlich-seelische Wiedergeburt der Nation ahnten,
predigten, forderten. Das, was den Gebildeten und auch den
erwachenden Gemeingefühlen der tieferen Klassen noch fehlte,
war der Zug auf innere Prüfung, auf Verankerung der neuen
Neigungen in den innersten und lautersten Fundamenten des
Herzens. Eben dies brachte die neue Kunst, langsam gewiß,
nur von obenher zunächst eindringend, dann aber doch auch schon
gewisse Tiefen erreichend, — denn der bildungsdurstige Arbeiter
weiß heutzutage dank der vorzüglichen litterarischen Leitung
mancher sozialdemokratischen Blätter vielfach ebensoviel, wenn
nicht mehr wenigstens in der neuen Dichtung Bescheid als der
„Gebildete“.
r*
        <pb n="445" />
        420

Weltanschauung.
Ende der achtziger Jahre trat dann in der Litteratur erst
leise, bald aber immer belebender und augenfälliger die Wirkung
der neuen Fermente zu Tage. Darauf folgte seit 1890 Schlag
auf Schlag. Am 4. Februar 1890 erschienen, ein getreuer
Ausdruck der zeitgenössischen Stimmung, die kaiserlichen Erlasse,
die eine neue Phase der Sozialpolitik einzuleiten bestimmt
waren; am 30. September erlosch das Gesetz gegen die ge⸗
meingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie. Im selben
Jahre gab Pfarrer Naumann in der Schrift „Das soziale
Programm der evangelischen Kirche“ die Anregung zu einer
heute weitverbreiteten, wenn auch noch nicht recht in That um⸗
gesetzten sozialen Stimmung; von verwandten Vorstellungskreisen
aus erschienen in diesem Jahre die Romane „Der neue Gott“
von Hans Land und „Jesus und Judas“ von Felix Holländer;
und von nicht viel anderen Motiven getrieben verbrachte
wiederum im selben Jahre der Kandidat der Theologie Göhre
drei Monate als Fabrikarbeiter in Chemnitz und berichtete
hierüber in einem besonderen Buche (1891), — so wie ebenfalls
im selben Jahre Hans R. Fischer in den auf eigener Beobachtung
zeruhenden Büchern „Was Berlin verschlingt“ und „Berliner
Zigeunerleben“ auf die schweren sittlichen Schäden der Großstadt
hinwies. Und im Jahre 1890 begann auch Nietzsche mehr ge—
lesen zu werden, wie im Jahre 1890 die „Ernsten Gedanken“
des Oberstleutnants Moritz von Egidy erschienen und rasch in
etwa fünfzigtausend Exemplaren Verbreitung fanden.

Aus den noch mehr sozialen und sittlichen Trieben aber
wuchsen binnen eines Jahrfünfts die reiner religiösen hervor. 1896
—X sowie
in dem „Zauberer Cyprianus“ zwar nicht dem Christentum, wohl
aber einer ekstatisch-⸗mystischen Neigung merkwürdige Zugeständ—
nisse; dasselbe Jahr brachte eine Vertiefung der dramatis chen Kunst

ins Religiöse, in ein und demselben Theaterwinter wurden
Wilbrandts „Hairan“, von Hansteins „König Saul“ und Haupt—
manns „Versunkene Glocke“ aufgeführt, und 1897 folgte ihnen
Sudermanns „Johannes“. Um 1900 aber erscheint der anfangs
stark mystische, ja ekstatische Zug der Bewegung schon mehr ins
        <pb n="446" />
        Weltanschauung.

421

einfach Religiöse abgeklärt; es ist die Zeit, da Harnacks „Wesen
des Christentums“ von neuen Gottessuchern eifrig gelesen wird.

Ob freilich der Zug ins Metaphysische dem Christentum
wirklich zu gute kommen wird? Ist das moderne Christentum
in der Verfassung der klugen Jungfrauen, die des Bräutigams
warteten? Hat es in den großen Fragen, Anliegen, Nöten
des letzten halben Jahrhunderts so zur Nation geredet, daß
seine Stimme noch jetzt volles Gehör finden wird?

Jedenfalls sind die neunziger Jahre die Zeit, in denen
ein neuer Geist schon in mannigfaltigen Zungen zu Worte kam,
wenn seine Außerungen auch heute noch vielfach recht unabgeklärt
lauten. Von nur wenigen wichtigsten und in sich schon leidlich
deutlichen Richtungen soll infolgedessen hier die Rede sein.

Da ist zunächst eine ethische Tendenz, die in abgeschwächter
Weise an den Wiedergeburtsgedanken erinnert, auch — wenn—
gleich im Sinne des Gegensatzes — Einiges vom Evolutionismus
aufgenommen hat, vor allem aber noch an alte liberale Ideale
anknüpft. Sie hat sich dabei mit der von englischem und
amerikanischemn Boden kommenden ethischen Bewegung be—
freundet, ohne doch gerade in ihr aufzugehen. Am ein—
fachsten ist sie vielleicht durch den Gedanken eines künftigen
ewigen Friedens und durch das Bestreben gekennzeichnet, schon
jetzt diesem Frieden vorzuarbeiten. Im Dienste dieser Idee
hat die Baronin Bertha von Suttner (geb. 1848) ihren Roman
„Die Waffen nieder“ geschrieben, der 1889 erschien und es im
Jahre 1896 in der Volksausgabe schon auf eine Auflage von
achtundzwanzigtausend Exemplaren gebracht hatte. Und schon
etwas früher kam diese Richtung zum Ausdruck in der Dichtung
Adalberts von Hanstein „Von Kains Geschlecht“ (1888) mit
dem Schlußaxiom:
Nicht um des Blutes willen gedeiht ja der Kampf!

Glück soll sprießen dereinst aus wachsendem Leid,

So wie dem Irrtum allein die Wahrheit entsprießt! —

Und das Ende des Krieges ist heiliger Friede.
Da es sich hier um einen Glauben handelt, so tritt auch früh
schon der Umschlag umnmittelbar ins Religiöse ein, und leise
        <pb n="447" />
        22

Weltanschauung.
Verquickungen mit der Lehre Nietzsches, vor allem freilich ihrer
ethischen Seite, sind nicht selten:
Der Horeb glüht im Morgenbrand,
Im Purpurblut der Sonne;

Fern lacht der Freiheit heilges Land
Und winkt zu ewiger Wonne.

Es naht in Kraft und Herrlichkeit
Der alten Rechts Erneuer;

Laut aus dem Dornbusch unsrer Zeit
Spricht Gott in lohendem Feuer.
Vom Sinai herab ins Land

Steigt auf basaltnen Stufen,

Die neuen Tafeln in der Hand,

Der Retter, den wir rufen.

Er bringt uns Liebe, Glück und Brot
Und sprengt des Himmels Pforten;
Die Tafeln glühn im Morgenrot

In goldenen Gottesworten.
Sein Stab schlägt Wasser aus dem Stein
Und tränkt die müden Pilger —

Wann nahst du endlich, aller Pein

Und alles Durstes Tilger? —

Da kündet sanftes Morgenglühn

Des neuen Tages Werden —

Auf Aarons Stabe Mandeln blühn

Und Friede grünt auf Erden.
(Maurice von Stern.)
Von dieser Strömung läßt sich eine andere unterscheiden,
die vor allem aus künstlerischen und ethischen Motiven zum
freudigen Bejahen der Welt führt. Es ist die Richtung, die
einstweilen am meisten in sich ruhig und abgeklärt erscheint,
zumal wenn sie sich mit irgend welchen ganz konkreten Ge—
danken sozialer Mithilfe verbindet. Es ist, als wenn in ihr
die Ideen der ältesten Propheten einer künftigen Regeneration,
eines Ludwig etwa und Hebbel, wohl auch noch Wagners, in
neuer, der Gegenwart mehr angepaßter Form fortgesetzt würden.
Das schönste litterarische Denkmal dieser Richtung ist der lyrische
Cyklus von Avenarius „Lebe“ (1893). Avenarius erzählt
hier in Selbstbekenntnissen des Helden das Schicksal einer
        <pb n="448" />
        Weltanschauung.

423
zgoistisch-aristokratischen Menschenseele, die durch schweres Leid,
den Tod der geliebten Braut, zur Verzweiflung, ja dicht an den
Abgrundsrand des Selbstmords gebracht wird. Sie rettet sich
durch Mitleid mit den Mühselig-Beladenen dieser Welt und
wird durch treue Arbeit an ihrem Heil emporgeläutert zur
Heiterkeit des Daseins und zum frohen Glauben an die Schön—
seit der Natur und an einen geistigen Urgrund der Welt.

Im übrigen sind die geschilderten Strömungen, wie manch
andere schwächere, die neben ihnen her laufen, wie bereits ge⸗
sagt, keineswegs schon ganz klar und mit völliger Sicherheit
des historischen Urteils auseinander zu halten. Das, was
ihnen im ganzen und großen gemeinsam ist, das ist die Sehn⸗
sucht nach dem Ideale in mystischer Form: jene modernste
Form des Trostes, die im Spannungsgefühl der Sehnsucht
besteht, wie es Nietzsche schildert ....

Nun, da der Tag
Des Tages müde ward, und aller Sehnsucht Bäche
Von neuem Trost dir plätschern ....
Es ist wie ein Schlußakkord der ästhetischen Bewegung gegen
den Intellektualismus. Es setzt ein mit dem Drange nach
Einsamkeit, und es endet mit dem Drange nach Gottversenkung.
Und ist dieser Drang echt und nicht bloß das Spiel eines
überreizten Gemüts, so wird ihm Erhörung nicht mangeln:
klopfet an, so wird euch aufgethan!
D schattenstilles Eiland: Einsamkeit,
Smaragdene Dämmerung, in der das Märchen
Mit großen offnen Augen ruht und lauscht,
Aus deren Blumenkelchen Liebesgeister
Zum Himmel flattern und des Herren Antlitz
So zärtlich schmeicheln: bis es sich entschleiert.
Maria Janitschek.)
Es ist eine Stimmung, der Prosaschilderung nicht gewachsen
ist, die erlebt sein will in der Dichtung:
Färbt der Abend seine Lande blasser,
Wurde dir dein Herz von Frieden weit,
Komm mit mir auf die vertrauten Wafsser:
Selig, wer versteht die Einsamkeit.
        <pb n="449" />
        24

Weltanschauung.

Ungetrübte Chöre hallen nieder,

Alle Ufer werden nun beredt,

Und dein Herz giebt seine Antwort wieder:
Selig, wer die Einsamkeit versteht.
Leise tauchen unsre Ruder unter,

Silberner zertropft die blaue Flut,

Um uns wird die Welt von Träumen bunter,

Sacht entschlummert dein bewegtes Blut ...

Wer die Einsamkeit versteht, ist selig ....

(Franz Evers.)

Und nun aus der Einsamkeit in die Ewigkeit, sehnsuchtsvoll,
und ahnend vielleicht schon beglückt:
Ich möchte heimlich still hinüberschreiten,
So wie der Abend in die Nacht verrinnt.
Es sollen süße Lieder mich begleiten
Zu meinen Inseln, die beglückend sind.
Ich möchte sterben schön und ohne Fehle
Und noch im Tode reich an Sehnsucht sein
Und möchte fühlen, wie die freie Seele
Mit Klingen zieht zu ihren Himmeln ein.
(Hans Bethge.)
... oder zerrissen suchend, harrend der Erlösung, christlich
gewandt im Schrei nach Hilfe:
Noch liegt verhalten, ungeboren,

Mein tiefstes und mein bestes Sein.
In Wahn und Weh bin ich verloren
Du Licht der Wahrheit, brich herein!
(Frieda Schanz.)
Ach, meine Augen sind trübe von Staub und Streit,
Mein Fuß ist schwach, ich irr' im Guten und Bösen,
Ich schreie nach dir, wie das Kind nach der Mutter schreit —
Allmächtiger, neige dich nieder, mich zu erlösen!
Carl Busse.)
        <pb n="450" />
        V.
Können seelische Stimmungen, wie die soeben nur in leisem
Flor geschilderten, in ihrer halb stammelnden Offenbarungsform
einer ruhigen Betrachtung von Natur und Geist, einer Welt—⸗
anschauung auf Grund der allgemeinen Kulturerfahrungen des
Zeitalters, einer klar abgewogenen Metaphysik im Sinne wahr—
scheinlicher Vermutungen über das heute im allgemeinsten Denk⸗
hare günstig sein?

Mit dem Überschäumen der neuen ästhetischen Kultur ins
Ethische und Religiöse ist der Lauf dieser Kultur vollbracht.
Die Periode der Reizsamkeit wird ihre Pforten schließen, wie
die Periode der Empfindsamkeit sie einst geschlossen hat. Die
allgemeine seelische Errungenschaft wird bleiben, aber andere
Seiten des Seelenlebens werden hervortreten, und auf ihrer
Grundlage wird man bauen, wirken, denken.

Einstweilen aber haben philosophische Erwägungen und
Hypothesen mit dem ästhetisch-ethisch-religiösen Enthusiasmus zu
leben; und es steht noch dahin, ob und wieweit sie dabei nicht
doch den Charakter der Gedankendichtung annehmen werden.

Das Wesen der seelischen Entwicklung unserer im Verlaufe
dieses Bandes geschilderten Kultur besteht darin, daß immer
mehr psychische Potenzen, von den sogenannten oberen des
Verstandes und der Vernunft ab hinunter bis zu den bloß
trieb⸗ und empfindungsmäßigen, zur klaren Vorstellung gelangen.
Hiermit hängt es zusammen, daß die Einheit des Menschen
mit der Natur immer bewußter gefühlt wird: denn je mehr
sogenannte untere Potenzen des Seelenlebens ins Bewußtsein
treten — Potenzen, die sich analog auch sonst in der orga—
        <pb n="451" />
        126

Weltanschauung.
nischen Welt finden —, um so mehr wird unleugbar, daß
der Mensch einen Teil bildet der Natur selber.

So stirbt denn schließlich die alte anthropocentrische Be—
trachtungsweise aus, die in der Natur im Grunde nur eine
zum Nutzen des Menschen getroffene Einrichtung sah; und eine
neue anthropocentrische Betrachtung kann nur dadurch gewonnen
werden, daß die Einsicht erwacht, man erkenne die Welt nur
durch Vermittlung der Seele und somit nur im Bereiche der
aneignenden seelischen Triebe und Eigenschaften. Dieser neue
Anthropocentrismus nicht mehr praktischen, sondern theoretischen
Charakters ist bekanntlich erst eine Errungenschaft des subjekti⸗
vistischen Zeitalters, in Deutschland speziell der Kantschen
Philosophie; nach den enthusiastischen Übertreibungen der
Identitaͤtsphilosophie, die bis zu einer intellektualistischen In—
korporation der Erscheinungswelt in die Menschenseele fort⸗
schritt, ist er heute allgemein und im wesentlichen im Sinne
Kants angenommen. Kants Auffassung aber hebt in diesem
subjektiven Anthropocentrismus die Erscheinungswelt keineswegs
auf; denn nach ihm reichen die reinen, von den Anschauungs⸗
formen befreiten Begriffe sehr wohl dazu hin, auch das
Dasein der Objekte zu erweisen: nur deren Dasein zugleich zu
bestimmen sind sie nicht geeignet. Und so besteht denn auch
nach der Kantschen Erkenntnistheorie der Gegensatz von Subiekt
und Objekt, von Natur und Geist.

Daß sich aber der metaphysische Trieb mit diesem Gegen—
satze zugleich in den Verlauf der psychischen Entwicklung
der europäischen Völkerfamilie gestellt sah und noch gestellt
sieht, unterliegt keinem Zweifel. Denn wenn es gilt, in irgend
einer Weise das Rätsel einer Verbindung der Welt als Materie
(als Realgrundes) und der Welt als Bewußtsein (als Ideal⸗
grundes des Seins) zu lösen und von dem Realgrunde bei
Licht besehen nichts bekannt ist, als daß er bestehe, so liegt
auf der Hand, daß das Nachdenken über dies Rätsel von der
jeweiligen Ausbildung des Bewußtseins abhängig ist: — Be—
wußtsein aber heißt nichts als jeweilig zu klarer Vorstellung
gelangte Summe psychischer Potenzen, jeweilige psychische
        <pb n="452" />
        Weltanschauung.

127
Kapazität eines bestimmten Zeitalters. Mit der jeweiligen
Qualität seelischen Bewußtseins ist also die Qualität der An—
schauung über das Verhältnis von Natur und Geist gegeben.

In diesem Zusammenhange hat nun die neuere Geschichte
der europäischen Nationen eine Anzahl metaphysischer Ent⸗
wicklungsstufen erlebt. Das 16. Jahrhundert brachte noch,
vornehmlich in Deutschland, Zeiten eines wüsten Pandynamis⸗
mus, wie er sich in der Lehre eines Paracelsus wie eines
Jacob Boehme ausspricht und der Gegenwart am einfachsten,
wenn auch in sehr abgeklärten Formen, aus den philosophischen
Voraussetzungen des ersten Teils von Goethes „Faust“ ver⸗
ständlich wird: im Grunde ein letztes Aufflackern von Ur—
anschauungen, denen die großen Naturerscheinungen als Wir⸗
kungen anthropomorphisierter, aber ins Übermenschliche, Göttliche
gehobener Kräfte erschienen waren: auch hier steht hinter der
Welt der Erscheinungen noch eine Welt magisch gedachter Kräfte,
welche diese bewegt, und die Seele erscheint nur als Glied
und Teil jener verborgenen Kraftwelt, aus deren Fülle auch
alle anderen, sinnlichen, körperhaften Erscheinungen vom Wurm
im Staube bis zum geheimnisvoll leuchtenden Wandelstern des
Himmels ihr Wesen empfangen haben und empfangen.

Diese pandynamistische Welt des 16. Jahrhunderts wich
dann seit dem 17. Jahrhundert der seelischen Motivation des
individualistischen Zeitalters. Jetzt wird die Seele zum Ver⸗
stand, ja schließlich bei den Identitätsphilosophen, die noch
durch so viele Fäden mit dem Individualismus verbunden sind,
zur Vernunft: zum Bewußtsein in seiner logischen Begrifflichkeit.
Natürlich wandelt sich damit seit Cartestus und Spinoza und
Leibniz das Weltbild. Die Menschheit wird intellektualistisch
gelenkt, und diese Erde ist die vollkommenste aller Welten, denn
sie ist nichts als Ausfluß einer höchsten, sie in sich begreifenden
Vernunft.

Aber das subjektivistische Zeitalter zerstörte mit seinen
Anfangsregungen der Empfindsamkeit alsbald den bloß intellektua⸗
listischen Charakter des Bewußtseins. Was für krause Dinge
wurden jetzt nicht in die Vorstellung gehoben; all die „unteren
        <pb n="453" />
        128

Weltanschauung.
Seelenkräfte“ regten sich und verlangten einbezogen zu werden
in die metaphysische Rechnung. Ja — sie siegten über den
Intellekt. Sollte dem Stürmer und Dränger nicht Wille und
Trieb als oberste Seelenfähigkeit oder als Grundprinzip aller
seelischen Aktualität erscheinen? Die voluntaristische Metaphysik
brach durch und beherrschte jenseits der Identitätsphilosophie
und des Hegelianismus das 19. Jahrhundert.

Inzwischen hat das Zeitalter der Reizsamkeit eine neue
Enthüllung der Seele gebracht; der noch unter dem Triebe
lagernde primäre Reizworgang — wie man sich etwa litterar⸗
historisch —, die noch kaum mit einem Inhalt geschwängerte
primitive Empfindung — wie man sich etwa psychologisch wird
ausdrücken können — ward bekannt und forderte die funda—
mentale Anerkennung, die bisher der Trieb gefunden. Ist diese
Anerkennung nun schon in einer neuen Metaphysik erreicht
worden? Das ist die heute entwicklungsgeschichtlich wichtigste
Frage. —

Der Kantsche und der nachkantische Idealismus haben nach
ihrem metaphysischen Teile die ganze erste Hälfte, ja noch eine
gute Zeit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts beherrscht.
Wie Lotze in seinem Mikrokosmus (1836— 1864) versucht hat,
noch einmal die großen Gedanken des Zeitalters dieser Systeme
mit den inzwischen fortgeschrittenen Erfahrungen der Geistes—
und besonders der Naturwissenschaften zu verschmelzen und
auszusöhnen, ist bekannt. Später hat man noch kritischere
Umwandlungen speziell der Kantschen Metaphysik versucht;
dahin gehört Liebmanns Buch „Zur Analysis der Wirklichkeit“
(1876) und Volkelts Schrift „Erfahrung und Denken (1886).
Allein diese Versuche wurden, es läßt sich nicht verkennen, von
immer geringerem Einfluß auf das allgemeine Denken. Ja
man mußte mit ansehen, wie sich, eigentlich zum ersten Male
in der deutschen Geschichte, im Zusammenhang mit dem natur—
wissenschaftlichen Rationalismus der vierziger bis siebziger
Jahre materialistische Tendenzen geltend machten: wie man das
Problem „Natur und Geist“, da es von der Geistesseite her
nicht lösbar erschien, nun von der Naturseite her anagriff.
        <pb n="454" />
        Weltanschauung.

429
Und wer wollte leugnen, daß der Versuch in weiten Kreisen
Anklang fand? In Kruses Langobardendrama „Rosamunde“
(1878) können sich sogar die alten Germanen nicht enthalten,
ein materialistisches Glaubensbekenntnis abzulegen, und in der
Erzählungslitteratur war es wohl erst August Niemann in
seinem Roman „Bacchen und Thyrsosträger“ (1882), der
außerhalb der speziell christlichen Kreise dem Materialismus
entschieden entgegentrat. Und noch neuerdings hat Höckel
eine weite OÖffentlichkeit mit seinen im Grunde materialistischen
Welträtseln“ (1899) erfreuen können.

Materialismus und ein wenn auch kräftiges Epigonentum
Kants und Hegels waren die Erscheinungen, welche die fünfziger
bis siebziger Jahre zunächst charakterisierten.

Sollte sich demgegenüber die neue Zeit der Reizsamkeit
nicht durch metaphysische Vorläufer angekündigt haben —
väte neben Ludwig und Hebbel, neben Menzel und Böcklin,
neben Liszt und Wagner kein Philosoph zu nennen?

Leicht wird hier der Name Schopenhauers auf die Lippen
kommen. Aber die Lage ist eine verzwickte. Nachdem Kant mit
seiner Hegemonie der praktischen Vernunft und Fichte mit seiner
Thathandlung des Ich vorangegangen waren, ist Schopenhauer
gewiß der erste vollgültige Metaphysiker des Triebes gewesen;
aber sein Hauptwerk, „Die Welt als Wille und Vorstellung“,
1819 erschienen, kam zu spät für die Frühromantik von 1800,
deren Geiste es eigentlich angehörte, und zu früh für die An—
fänge der Reizsamkeit, von der für die metaphysische Seite
des Buches Verständnis frühestens erst während der Zeit ihrer
oollsten Blüte zu erwarten war. So ward es zu einer Zeit⸗
lose von seltsamsten Schicksalen.

Für Schopenhauer zerfällt das Seelenleben des Menschen
in zwei deutlich geschiedene Teile, das Denken, die Verstandes⸗
und Vernunftthätigkeit, und das Fühlen und Wollen. Dabei
reduziert er aber das Fühlen auf das Wollen — denn alle
Gefühle seien auf den einen Gegensatz von Lust und Unlust
zu bringen. Freilich muß dann das Wollen triebartig gedacht
Derden. Aber so versteht es Schopenhauer auch, und
        <pb n="455" />
        130

Weltanschauung.

indem er in ihm damit den primitivsten seelischen Vorgang
sieht, kommt er zu dem Satze: nicht das Denken oder gar das
Gefühl, vielmehr der Trieb sei das Ursprüngliche unseres
seelischen Wesens.

Wie verhält sich nun dieses seelische Wesen zur Welt, zur
Natur? Hier verbindet Schopenhauer mit seiner Lehre vom
Willen Kants Lehre von der Vorstellung: Die Welt ist unsere
Vorstellung. Aber, und hierin zeigt sich sein künstlerisches und
romantisches Denken, nicht immer eine klare Vorstellung, oft
nur ein Traum. Wie der Wille dem Trieb, wird die Vor—
stellung dem Wahn angenähert — sehr natürlich bei einem Geiste,
der der Logik weit weniger traute als dem schöpferischen Erguß
der Phantasie. Darum ist die Vorstellung nur die Maja des
Inders, der Schleier des Truges, der Sonnenglanz auf
dem Sande, den der von fernher dürstende Wanderer für
Wasser hält.

Darüber aber, wie sich Trieb und Traum, Wille und Vor—
stellung verbinden, kann nur unser Inneres belehren. Und da
findet Schopenhauer, daß der Leib nur das vorgestellte Äußer—
liche unseres Ichs, das eigentliche Ich dagegen der Trieb sei.
Und diese Auffassung überträgt er nun durch eine Reihe gewagter
Analogieschlüsse auf das Verhältnis von Natur und Geist
überhaupt; und so ist es, als lebten uralte Mythologeme bei
ihm wieder auf: die Welt erscheint nun durchweg von Trieben
belebt, vom Krystall bis zur Pflanze, und von der Pflanze
hinauf bis zum Tier und zum Menschen.

So ist die Welt ein organischer Aufbau von immer
klareren Trieben, die sich vorwärts strecken in immer höhere
Formen ihrer Verkörperung? — Keineswegs. Hier zeigt sich die
Herkunft des Systems aus den ersten Jahrzehnten des 19. Jahr⸗
hunderts, die den Entwicklungsgedanken noch nicht als Gemein—
gut des Denkens kannten. Schopenhauer ist ganz und gar
Gegner aller Entwicklung; darum kann er keinen klaren Gedanken
von der Geschichte als Wissenschaft fassen; und darum hat er
Lamarcks ihm wohlbekannte Lehre als Lächerlichkeit gebrandinarkt.
So bleibt denn in seiner entwicklungslosen Philosophie Wurzel
        <pb n="456" />
        Weltanschauung.

431
und Stamm und Krone der Welt ein ewig im blinden Dunkel
verharrender Trieb, der in sinnlosen Vorstößen, in unablässigem
Drängen, in unverständlichen Kämpfen von Einzeltrieben gegen
Einzeltriebe sich entwicklungslos austobt.

Hier treten die Wurzeln des Schopenhauerschen Pessimis⸗
mus zu Tage, soweit dieser nicht der Weltschmerzstimmung der
Romantik und persönlichen Regungen des Philosophen verdankt
wird. Sollen wir etwa den Zustand des blinden Triebes er—
haulich oder auch nur erträglich finden? Wir können ihn nur
ertragen, indem wir uns aus ihm zu befreien suchen. So
führt der Pessimismus zur Lehre von der Erlösung: sei es,
daß der Mensch, und vor allem der große Mensch, das Genie,
sich in die Kunst flüchtet und in ihr, der Illusion höchsten
Sinnes, besonders der Musik in metaphysischer Freude ein
Abbild der innersten Triebe des Weltganzen sieht — sei es,
daß er sich auf dem Wege des Mitfühlens mit der Erscheinungs⸗
welt und mit sich selbst einem Zustande der Entsagung zu⸗
wendet, seinen Willen ertötet, aufgeht in einem höchsten
quietistischen Mysticismus, in einer resignierenden Vereinigung
it dem All. Darum sind Künstler und Heilige für Schopen—
hauer die eigentlichen Menschen dieser Erde.

Schopenhauers Lehre, eine posthume Schöpfung früher
Tendenzen des subjektivistischen Zeitalters, bedurfte einer Inku⸗
bationsfrist von mehr als einem Menschenalter, um allgemeine
seelische Zustände zu treffen, die ihren Keimen wiederum günstig
varen. Und auch jetzt noch handelte es sich zunächst nicht um ihren
metaphysischen Teil. Das, was der politische und soziale
Pessimismus in den fünfziger Jahren und der Kultus der Macht
in den siebziger Jahren als ihm zusagend aus Schopenhauers
Philosophie aufnahmen, war die Ethik des Nirwana und die
Verehrung des Genies, nicht die Lehre von dem Verhältnis
und dem Wesen des Triebes und des Wahnes.

Inzwischen haben sich dann die Dinge freilich geändert. Eine
lebensfreudige Ethik hat die graue Bildtafel des Pessimismus
mit frischen Farben bemalt, und der Heroenkult besteht zwar
noch, wenn auch in abnehmendem Maße, aber er wendet sich
        <pb n="457" />
        1832

Weltanschauung.
nicht eben dem Heiligen und auch nicht an erster Stelle dem
Künstler zu. Dagegen tritt die metaphysische Seite der Lehre
Schopenhauers jetzt mehr ins Zeitbewußtsein. Ob sie aber
noch in der Lage ist, es auch nur annähernd so zu beherrschen,
wie dies früher der ethischen Seite gelang? Sie verhält sich zu
einem metaphysischen Denken, das wahrhaft modern wäre, wie
gewisse symbolistische und stimmungsreiche Gedichte von Novalis
oder Friedrich Schlegel zu der Poesie der Stefan George und
Hofmannsthal: sie reicht an die Gegenwart heran, aber sie ist
nicht diese selbst; ein Gradunterschied macht sich geltend; die
Auffassung ist noch zu plastisch, die nervösen Elemente sind
noch zu erinnerungsmäßig zusammengefaßt und darum idea—
listisch wiedergegeben. Der Trieb würde heutzutage einer
weiteren Zerfaserung in mehr elementare, mehr rein nervöse
Elemente bedürfen, sollte er die psychologische Grundlage einer
neuen Metaphysik bilden.

Was aber Schopenhauers Gesamtsystem durchaus von der
Gegenwart trennt, das ist der Mangel des Entwicklungs⸗
zedankens. Sollte das Absolute der Trieb sein, so verlangte
fast schon die ganze zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts, daß
es sich evolutionistisch zu aller Breite und Schönheit der Er—
scheinungen dieser Welt auswirke. Und dies eben ist in
Schopenhauers Lehre nicht der Fall. Dagegen ist gerade in
diesen neuen Forderungen der Zeit das Moment gegeben, an
das eine ganze Reihe jüngerer voluntaristischer Systeme der
Metaphysik mit Erfolg anknüpfte. Das — D———
vollendetste davon ist wohl dasjenige Wundts (1889).

Wie Schopenhauer, geht Wundt von psychologischen Er⸗
wägungen aus — nur daß sie auf eine breite psychologische
Erfahrung gestützt sind. Und da erscheint denn Wundt das
Wollen als die eigentliche seelische Grundfunktion: es giebt
keinen Vorstellungsinhalt ohne Gefühlsregung und keine Ge—
fühlsregung ohne Willensrichtung. Dieser Wille aber, der in
allen Außerungen unseres Seelenlebens vorhanden ist, kann
doch nur sehr bedingt als Individualwille angesehen werden;
in Wahrheit ist er in uns schon ein Gesamtwille all der un—
        <pb n="458" />
        Weltanschauung.
433
zähligen Willensstrebungen, die unserem Körper als einem Zu⸗
sammengesetzten, als einer Einheit materieller Objekte innewohnen.
Und Ähnliches gilt für Tiere und Pflanzen: auch sie sind schon
sKomplexe aktueller seelischer Einheiten.

So bilden denn den Inhalt des Seins überhaupt aktuelle
seelische Einheiten, und da diese durchgängig in Beziehungen
zu einander stehen und durch diese sich vorstellen, so erscheint
das All als eine unendliche Vielheit von Willensthätigkeiten,
die sich durch ihre Wechselbestimmung, die vorstellende Thätig⸗
keit in eine Entwicklungsreihe von Willenseinheiten verschiedenen
Umfanges ordnen. Diese unendliche Vielheit von Willens—
thätigkeiten aber wird von uns, indem wir von der Vorstellung
unserer individuellen Einheit auf eine universelle schließen, als
Weltwille und als solcher göttlich gedacht: und die Welt—
entwicklung wird uns zur Entfaltung göttlichen Willens und
Wirkens.
Diese Entfaltung vollzieht sich nun zunächst im Aufbau des
Organischen, das nur das äußere Sein der göttlichen Aktualität
darstellt; und der Zweck ist dabei, die Erfolge des geistigen
Wirkens bleibend zu befestigen und stetig neue Unterlagen für
eine fortgesetzte Steigerung dieses Wirkens zu gewinnen. Über
das Organische hinaus aber wirkt sich der Wille des Geistes
aus im Sinne eines ständigen Wachstums der geistigen Energie:
so daß hier eine stetig schöpferische Entwicklung vorliegt. So
wird die Natur zu einer Vorstufe des Geistes, und in einem
ununterbrochenen Zusammenhang zweckvoller Gestaltungen, in
ewigem Werden und Geschehen geht über sie hinaus eine Welt
immer neuen geistigen Lebens hervor.

Lebhaft gemahnen diese Anschauungen, die Wundt unter
erdrückenden Nachweisen aus einem gewaltigen Wissensmaterial
vorträgt, an die Anfänge der subjektivistischen Metaphysik in
der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, nur daß sie um
einen Grad höher stehen. Was Herder damals ahnungsvoll
phantasierte, was vor ihm schon Leibniz seiner Zeit weit
vorauseilend schöpferisch und prophetisch lehrte: die Auffassung
der Welt als eines Organismus, in dem Natur und Geschichte

Lamprecht, Deutsche Geschichte. Erster Ergänzungsband. 28
        <pb n="459" />
        434

Weltanschauung.
in gleicher Weise Recht und Raum des Lebens finden, hier
schien es erreicht zu sein.

Allein hatte sich nicht inzwischen schon eine neue psychologische
Grundlage metaphysischen Denkens angemeldet? Verlangte die
neue Zeit der Reizsamkeit nicht eine neue Psychologie nicht
mehr so sehr des Triebes als noch viel elementarerer seelischer
Vorgänge? Das ist das Moment, das die heutigen Be—
strebungen auf psychologischem Gebiete so verworren und chaotisch
macht: ein Neues will sich emporringen, aber noch sind seine
Formen dunkel und ungewiß. Wie aber sollte sich auf dieser
schwankenden und unsicheren Grundlage schon eine wohldurch—
dachte metaphysische Hypothese entwickelt haben? Was die
jüngste Zeit kennzeichnet, das ist bei allem Zuge zum Transcen—
denten ein Stutzen bei dessen Ausbau, ein Verharren in Sehn—
sucht, und wenn dieser Zustand des Verharrens überschritten
wird, der UÜUbergang weit mehr zur Gedankendichtung als zur
klaren metaphysischen Vermutung. Und hat eine Poesie auf
diesem Gebiete nicht auch ihr Recht, vorausgesetzt allerdings,
daß sie ständig eben als Poesie erkannt und behandelt wird?

Unter diesen heute bestehenden Verhältnissen tritt das
Denken eines Mannes mehr in den Vordergrund, der bei Leb⸗
zeiten als Metaphysiker gar wenig geschätzt ward: Fechners
(Hauptwerk: „Die Tagesansicht gegenüber der Nachtansicht“,
1879). Fechner lehrte die Tiefen einer modernen Weltan—
schauung in phantastischen Formen des Denkens, aber vielleicht
gerade deshalb besonders trostreich und eindringlich. Wie
die Reduktion aller großen Agentien der Natur auf Bewegungs⸗
vorgänge gelungen zu sein scheint; wie sich in der Psychologie
schließlich als ein letztes Konstituierendes die seelische Aktualität
zu ergeben scheint, so stellt sich Fechner deren Einheit als eine
oberste Energie vor von persönlicher Art, als ein göttliches
Wesen. Die Welt aber ist ihm der Leib Gottes; in ihr lebt
Gott als ihre Seele, sie ist eine immanente Bedingung seines
Daseins. Gott hat Bewußtsein und Selbstbewußtsein, seine
Gedanken sind zugleich wirkend und also Thatsachen: es kann
nichts Psychisches geben ohne Physisches. Als Einheit höchsten
        <pb n="460" />
        Weltanschauung.

435
Bewußtseins aber umschließt Gott, sie untereinander ver—
knüpfend, in unendlicher Fülle die niedrigeren Bewußtseins—
einheiten: die Gestirne, deren jedem wie eine Sinnenwelt so
eine über dieser emporsteigende Bewußtseinseinheit eignet, dann
die Organismen auf diesen Gestirnen, auf unserer Erde vom
Menschen herab bis zu der für uns noch wahrnehmbaren
Pflanzenseele. Die niedrigeren Bewußtseinseinheiten aber sind
sich ihres Inbegriffenseins in die höheren und höchsten nicht
unmittelbar bewußt. Wohl aber geht die menschliche Bewußt—
seinseinheit nach dem Tode dereinst als ein neues Entwicklungs—
moment in ein weiteres und höheres Leben ein und gewinnt
daran Anteil. So werden wir wiedergeboren werden in einem
neuen Leibe, unter freieren Schranken der Wirklichkeit, in
innigerem und höherem Verkehr mit über uns stehenden Geistern.

Was Fechners Denken kennzeichnet, das ist die stärkere
Berücksichtigung des von den früheren Systemen in Be—
wegungsformen aufgelösten Realgrundes: mehr als diese
sucht er vorstellbar und anschaulich zu machen, wie Geist und
Natur, Realgrund und Idealgrund des Seins zusammengehen
können, ohne daß der eine den anderen überwiege und im
Grunde verdränge. Dabei ist klar, daß ihn die Auffassung
der psychischen Aktualität als eines der physischen Bewegung
nicht allzufern stehenden Vorganges dazu befähigt hat. Und
das ist denn überhaupt der Grundzug der Entwicklung seit
dem 16. Jahrhundert: je mehr die unteren seelischen Vorgänge
erkannt werden, um so mehr verengt sich der grundsätzliche
Abstand zwischen Natur und Geist, um so mehr wird der
Monismus, bisher zunächst Forderung, anscheinend Thatsache.

Wohin die Richtung in dieser Hinsicht geht, das mag an
den Gedanken von Feldeggs illustriert werden, der in mancher
Hinsicht wohl als ein Vertreter jüngsten metaphysischen Denkens
genannt werden kann („Philosophie des Gefühls“, 1900).
Feldegg will die Verbindung von Materie und Bewußtsein,
die man bisher nur immer rein logisch, in abstracto vollzogen
habe, rein konkret und thatsächlich herstellen. Die Materie
habe sich der naturwissenschaftlichen Forschung jetzt als kraft—

90 *
        <pb n="461" />
        136

Weltanschauung

erfüllt, als äußere Kausalität ergeben. Das Bewußtsein könne
aber nicht mehr als Wille und Vorstellung gefaßt werden:
daneben oder vielmehr davor trete als Grundkraft das Gefühl in
seinen urwüchsigsten Erscheinungen der Empfindung, des Reflexes
und der sogenannten automatischen Handlung. Dies Gefühl nun
sei der Urgrund der Entwicklung der Seele und habe daher für
die Psyche den Primat zu beanspruchen bei einem Deutungs⸗
versuch des Zusammenlebens zwischen Materie und Bewußtsein.

Nun sei aber das Gefühl überhaupt eigentlich keine rein
psychische Thatsache mehr im Sinne von Vorstellung und
Willen, sondern vielmehr die Empfindung der Vereinigung von
Bewußtsein und Körper in uns, der Ausdruck des Umstandes,
daß wir für diese zwiefache Bestimmung ein identisches Kriterium
haben: und insofern die primitive Thatsächlichkeit unserer selbst.
Damit sei denn in der Gefühlswelt des Individuums jene Ver—
einigung des Ideal- und des Realgrundes des Seins ganz konkret
vollzogen, die man bisher immer in abstracto gesucht habe.

Den Erscheinungen in den Individuen entsprechend
nimmt dann v. Feldegg nach bekanntem Analogieschluß auch
weitere höhere Gefühlseinheiten an bis zu einer höchsten: so daß
schließlich, genau wie bei Fechner, ein Monismus zu Tage tritt,
der stark von dem älteren pantheistischen Monismus abweicht.
Denn die Allheit ist Feldegg nicht eine bloße höhere Einheit,
welche die Individualität in sich aufsaugt. Sie ist vielmehr
selbst Individuum: und der Glaube an einen persönlichen
Gott bildet den Gipfelpunkt seines Systemes. —

Das, was all die jüngsten, bisher zur Darstellung ge—
langten Lehren miteinander verbindet, ist eine starke Neigung
zu monistischer Auffassung von Natur und Geist. Es ist eine
Richtung des Denkens, die dem 19. Jahrhundert insbesondere
schon durch die fortwirkenden Einflüsse der Identitätsphilosophie
und Hegels nahegelegt wurde; noch entschiedener aber, ja wohl
ausschlaggebend wirkte in diesem Sinne die rasche, lange Zeit
alles Geistesleben beherrschende Entwicklung der Wissenschaft.
Denn wissenschaftlich denken heißt die Dinge unter dem Ge—
setze der absoluten Geltung von Ursache und Wirkung be—
        <pb n="462" />
        Weltanschaunng.

487
trachten, heißt kausal und deterministisch denken: Kausalität
und Determinismus aber fordern als Abschluß des Denkens
die monistische Hypothese.

Und so läßt sich verfolgen, wie namentlich mit dem Siege
der Naturwissenschaften und des Historismus in den fünfziger
Jahren der Monismus als allein noch denkmöglich erklärt wurde.
Im Jahre 1852 sprach sich Lotze in seiner medizinischen Psycho—
logie gegen die von dem Physiologen Wagner versuchte Ein—
führung einer dualistischen — in diesem Falle christlichen —
Tendenz in die Wissenschaft aus und bezeichnete eine harmonische
GBesamtüberzeugung als ein wesentliches Bedürfnis des Geistes;
nicht viel später wurde unter Historikern und Philosophen über
das Wunder gestritten und seine Thatsächlichkeit auch für das
Neue Testament abgelehnt, während Leibniz und Lessing noch
an Wunder geglaubt und Herder und Ranke das Wunder, die be—
sondere göttliche Einwirkung, noch in der Geschichte zugelassen
hatten. In den sechziger Jahren pries dann Häckel die Möglichkeit
einer gesicherten monistischen Weltauffassung als höchstes Ver—
dienst der Entwicklungslehre, 1886 stellte Ziegler als fraglich
hin, ob neben der modernen Weltanschauung wenigstens die
dualistisch-christliche noch bestehen könne, und neuerdings sieht
Falckenberg die Hauptaufgabe einer Philosophie der Zukunft
in der Erneuerung des monistischen Idealismus von Fichte
und Hegel.

In der That kann ein wissenschaftliches Denken nur
monistisch sein, denn aus der immer entschiedeneren Anwendung
des kausalen, zum Monismus drängenden Schlusses sind die
Wissenschaften hervorgegangen. Aber ein praktisches, ein künst—
lerisches Denken, richtiger Fühlen? Wird es dem wissen—
schaftlichen Denken immer zu folgen geneigt sein, zumal wenn
es, wie in den Zeiten des neuerlichen Kampfes der Phantasie—
thätigkeit gegen den Intellektualismus, überhaupt nur sich selbst
leben und sich wenigstens im Bereiche der Kunst von den
Systemen des Denkens befreit sehen will?

Der Monismus wird erst dann ganz unangreifbar sein,
wenn die ganze Welt der Erscheinungen wissenschaftlicher
        <pb n="463" />
        138

Weltanschanung

Erfahrung unterzwungen sein wird. Aber sind wir soweit?
Keineswegs. Und mit dem Monismus ist auch der Determinis—
mus noch angreifbar, weil unvollständig bewiesen. Gewiß kann
auch kein Beweis für das Dasein der Freiheit geführt werden,
es sei denn durch die Behauptung, die Annahme der Freiheit
selber sei schon eine freiheitliche That. Aber die Lage, wie sie heute
ist, läßt sehr wohl, zwar nicht wissenschaftlich, doch praktisch
Nichtdeterministen zu. Für diese aber wird eine monistische
Betrachtung des Weltbildes mindestens der Ergänzung bedürfen:
praktische Forderungen der Freiheit und einer auf ihre An—
nahme aufgebauten Moral scheinen hier eine von dem einheit—
lichen Prinzip der Erfahrungswelt getrennte Kraft zur Be—
friedigung ihrer Bedürfnisse zu heischen: und von diesem Stand—
punkte aus treten sich Gott und Welt gegenüber.

Aus diesen Zusammenhängen versteht es sich, wenn mit dem
Einsetzen der neuen Zeit der Reizsamkeit die anscheinend so
feste Grundlage ausschließlich monistischen Denkens ins Wanken
geriet: denn die Reizsamkeit erzeugte zunächst eine ästhetische
Kultur, die dem Denken überhaupt feindselig oder wenigstens
abgewandt war, und aus dieser gingen ethische Bedürfnisse
hervor, denen praktische Konsequenzen eines Dualismus weitaus
wichtiger waren als logische Folgerungen in monistischem
Sinne. Und so ist heute selbst eine Anzahl jüngerer Philo—
sophen vorhanden, die dem Dualismus huldigen.

Am frühesten aber hat sich der Katholizismus der ver—
änderten Zeitströmung bedient, um der dualistischen Lehre des
Christentums ein neues philosophisches Stützwerk unterzubauen.
Schon im Jahre 1879 erschien die Encyklika Aétèrpi patris,
welche das Studium des h. Thomas von Aquino von neuem
belebte. Und seitdem hat eine katholisch-thomistisch-dualistische
Philosophie großen Aufschwung genommen; zu den ver—
schiedenen Thomasakademien in romanischen Ländern ist auch
eine auf deutschem Boden, zu Luzern, gekommen, und Werke
wie die Moralphilosophie des Jesuiten Cathrein (in zweiter
Auflage 1893) verbreiten ihre Lehren bis in die letzten Winkel
der katholischen Welt. Was Wunder, wenn sich diese Schule
        <pb n="464" />
        Weltanschauung.

439
auf Grund mächtiger Zeitströmungen gegenüber der akatholischen
Philosophie schon für völlig siegreich hält, selbst soweit sie
nicht in den Bahnen jeglichen Thomismus wandelt? Im
Jahre 1900 hat E. L. Fischer in einer besonderen Schrift den
Sturz der Entwicklungslehre und den Triumph dessen, was
er christliche Philosophie nennt, verkündet.
        <pb n="465" />
        y
1. Man wird das Bild, das sich für die Entwicklung des
metaphysischen Denkens in neuester Zeit ergeben hat, vielleicht
nicht geradezu verworren, gewiß aber auch nicht einheitlich nennen
können. Monistische und dualistische Richtungen bekämpfen
einander; dabei entsprechen die älteren monistischen Systeme
nicht mehr der seelischen Grundlage der Gegenwart, und die
neueren, welche auf dieser Basis zu bauen suchen, finden den
Boden noch nicht genügend geklärt und gelangen daher nur
zu unvollständigen und phantastischen Strukturen. Das Wesen
einer Übergangszeit macht sich geltend, der Charakter einer neuen
seelischen Kultur beginnt zu wirken, deren Phantasieseite wohl
schon entwickelt ist, deren Willens- und Verstandesseite aber
erst langsam aus dem Dunkel der Zukunft hervortritt.

Wer wird da annehmen wollen, daß in einer solchen Zeit
für Erkenntnis und Wissenschaft klare und gemeingültige Vor—
aussetzungen zu erwarten seien! Ganz das Gegenteil ist der
Fall: denn die Durchbildung der Wissenschaften ist von den all—
gemeinen Grundlagen der Erkenntnistheorie und diese von denen
der Psychologie abhängig. Daß aber die moderne Psychologie
den Anforderungen für eine einheitliche Grundlegung der Er—
kenntnislehre noch nicht gerecht wird, hat eben schon die Ent—
wicklung der Metaphysik ergeben, die ja für die genauere
Definition eines ihrer wichtigsten Begriffe, des Bewußtseins,
ebenfalls von der Psychologie abhängt.

Wie die Mechanik als selbständige Wissenschaft ein Er—
zeugnis des individualistischen Zeitalters ist, so ist die Psycho—
        <pb n="466" />
        Weltanschauung.

441
logie erst im Verlauf des subjektivistischen Zeitalters aus
einer dienenden Stellung gegenüber der Metaphysik aus—
geschieden. Nachdem die Unterscheidung Wolfs zwischen meta—
physischer (rationaler) und empirischer Psychologie dieser
Emanzipation vorgearbeitet hatte, entwickelten sich seit der
Mitte des 18. Jahrhunderts, etwa seit Creuzers Versuch über
die Seele, während der Perioden der Empfindsamkeit, des
Sturmes und Dranges und teilweis auch noch des Klassizismus
verheißungsvolle Anfänge einer empirischen Psychologie; zahl—
reiche Beschreibungen seelischer Vorgänge häuften sich in eigens
für sie begründeten Zeitschriften an, eine Unsumme von
Materialien zur Seelenkenntnis in individualpsychischer wie
sozialpsychischer Hinsicht wurde herbeigeschleppt: es waren Vor—
gänge, die an die psychologische Bewegung seit den fünfziger
und sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts erinnern, nur daß
diese neuere Bewegung gegenüber der früheren einen starken
Gradunterschied zu ihren Gunsten aufweist. Diese ganze Ent—
wicklung begann aber gegen Ende des 18. Jahrhunderts zu
stocken, wie so viele andere radikal-subjektivistische Anfänge: der
Klassizismus brachte eine Verquickung und innige Durchdringung
der neuen Tendenzen mit den älteren rationalistischen, die einer
empirischen Psychologie unmöglich günstig sein konnte; und
Kant, der Held des Vorganges dieser Durchdringung auf
philosophischem Gebiete, erklärte eine reine Erfahrungswissen—
schaft von der Seele für unmöglich, da auf dem psychologischen
Arbeitsgebiete weder die mathematische Praxis noch das Expe—
riment, die einzigen eigentlich sicheren Methoden der Wissen—
schaft, angewandt werden könnten.

Und nun folgte die Identitätsphilosophie, die von allen
psychologischen Begriffen der Zeit nur des am wenigsten empi—
rischen, der Einheitlichkeit nämlich unseres Ichbewußtseins, der
Kantschen transcendentalen Apperzeption, bedurfte: — die
Zeiten psychologischer Fortschritte schienen vorüber. Und gleich—
zeitig mit dem individualpsychologischen Zweig der Forschung
verdorrte auch der sozialpsychologische: weder wurde die Hilfs—
wissenschaft der Statistik seit Ausgang des 18. Jahrhunderts
        <pb n="467" />
        4 14

Weltanschauung.
weiter gebildet, verlief sich vielnehr in die Sandöden der so⸗
genannten „Tabellenknechte“, noch wurden die soziologischen
Anfangslehren Wegelins, Herders und anderer ausgebaut.
Wozu auch, da der dialektische Evolutionismus Fichtes und
Hegels alles — und noch dazu unendlich viel einfacher — er—⸗
klärte, als es empirische Tendenzen einer Soziologie auf statisti⸗
scher Grundlage hätten thun können. Daß diefer romantische
Evolutionismus auf dem einen großen Irrtum beruhte, au—
zunehmen, daß das, was man denke, auch wirklich sein müsse —
diese liebenswürdige phantastische Voraussetzung der Gedanken⸗
dichtung der Identitätsphilosophen, den großen ontologischen
Irrtum schon der Scholastik, hat im Grunde erst der moderne
Positivismus als Wahn bewiesen.

Doch regten sich seit den zwanziger und dreißiger Jahren,
mit dem Erwachen des wissenschaftlichen Realismus, die An—
fänge einer neuen erfahrungsmäßigen Psychologie. In dieser
Zeit gediehen die mechanistischen Lehren Herbarts über die
Vorstellungen zu voller Reife; und 18833 erschien Benekes Lehr⸗
buch der Psychologie als Naturwissenschaft. Aber haben diese
Denker eine neue Höhe psychologischer Erfahrungswissenschaft
heraufgeführt? Sie sind nur Vorläufer einer Strömung ge—
wesen, die erst in den fünfziger Jahren recht einsetzte und
noch heute fortdauert: jener empirischen Psychologie, die hinab⸗
drang bis zu den nervösen Elementen, welche bald darauf die
Kultur der Reizsamkeit bestimmen sollten — so wie die Psycho⸗
logie des 18. Jahrhunderts von der Empfindsamkeit ausging.

Im Jahre 1851 erschien Ernst Heinrich Webers „Tastsinn
und Gemeingefühl“, 1852 Lotzes Medizinische Psychologie,
das Jahr 1856 brachte die Anfänge von Helmholtzens Physio⸗
logischer Optik; 1860 veröffentlichte Fechner seine Elemente
der Psychophysik, und gleichzeitig trat die von Lazarus und
Steinthal begründete Zeitschrift für Völkerpsychologie und
Sprachwissenschaft ins Leben; 1863 wurden die Lehre von den
Tonempfindungen von Helmholtz und die Vorlesungen über
Menschen- und Tierseele von Wundt veröffentlicht. Die neuere
empirische Psychologie war begründet.
        <pb n="468" />
        Weltanschauung.

443

Und was sie von der alten des 18. Jahrhunderts scheidet,
ist just das Element, das Kant für unmöglich gehalten hatte:
die Anwendung der Mathematik und des Erperimentes.

Am frühesten betraten die Physiologen das neue Gebiet.
Natürlich durch die Pforte, welche vom körperlichen Leben zum
spezifisch seelischen hinüberführt, auf dem Wege des Studiums
der Sinnesempfindungen: jener Vorgänge teilweis, die bald
darauf in der Periode der Reizsamkeit für die Phantasiethätig—
keit konstituierend wirken sollten. Und Weber zuerst zeigte an
einfachsten Beispielen, wie die nervösen Prozesse sehr wohl ge—
nauer Beschreibung und Zergliederung zugänglich seien, und
aus diesen Anfängen der fünfziger Jahre ging das breite
psychophysiologische Studium der Sinnesorgane und des Ge—
hirns hervor, das die Gegenwart kennzeichnet.

Waren aber damit die eigentlich psychologischen Probleme
gelöst oder auch nur ganz unmittelbar berührt? Nerven—
physiologie und Gehirnstudium an sich führen nur bis an die
Grenze der eigentlich seelischen Funktionen, und auch das nur
vermöge der Annahme des psychophysischen Parallelismus, einer
Annahme, die sich freilich oft genug als die einzig möaliche be—
währt hat.

So schlug Fechner einen anderen Weg ein, der Psyche
selbst nahe zu kommen. Er setzte nicht den nervösen Prozeß
selbst, sondern nur den äußeren Reiz zu der Empfindung, die
er auslöst, in Beziehung, und er hoffte, nicht vergebens, den
Nachweis bestimmter gesetzmäßiger Verhältnisse zwischen beiden
erbringen zu können. Welche funktionellen Beziehungen be—
stehen zwischen Reiz und Empfindung? das war die Grundfrage
seiner Psychophysik.

Fechner glaubte dabei, daß er von diesem Problem zu
dem älteren, schwierigeren des Verhältnisses zwischen Nerven—
vorgang und Empfindung werde zurückkehren können: denn erst
dieses erfasse den unmittelbaren Zusammenhang zwischen Geistes⸗
uind Naturwelt. Indes nicht diesen Gang ist die Forschung nach
ihm gegangen. Vielmehr führte der von Fechner erst völlig
erschlossene experimentelle und damit exakte Weg der Erforschung
        <pb n="469" />
        Weltanschauung.
bestimmter seelischer Vorgänge dazu, vor allem erst einmal das
von diesen Vorgängen im allgemeinen genau Erkennbare zu
erforschen und festzulegen. Rüstiger und weitsichtiger Führer
auf diesem Gebiete wurde Wundt: ihm ist deshalb die Psycho⸗
logie an erster Stelle Erforschung der seelischen Thatbestände:
was hinter diesen liegt, bleibt einstweilen der Sorge späteren
Verständnisses überlassen. Und wie unendlich haben Wundt
und seine zahlreichen Schüler in den seit den siebziger Jahren
über die ganze Erde hin entstandenen Instituten für experi⸗
mentelle Psychologie die Kenntnis der psychischen Thatbestände
vermehrt! Schon die erste Auflage der Grundzüge der physio—
logischen Psychologie Wundts vom Jahre 1874 ließ in eine
ganze Welt schauen, die bisher, namentlich auch in der Klarheit
und Exaktheit ihrer Prozesse, unbekannt gewesen war; und jede
spätere Auflage hat neue Reichtümer erschlossen.

So wurde ein Material von ganz anderem empirischen
Charakter zusammengebracht, als es die dürftigen äußerlichen Be—
schreibungen der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts dargeboten
hatten. Aber es war doch zunächst nur ein Material. Und enthält
es da nun bei aller seiner unendlichen Ausdehnung und Feinheit
schon die klaren Elemente einer Systembildung, die unweigerlich
nur nach einer Richtung hin vorwärts wiese? Hier lauten die
Antworten verschieden, und damit beginnen die Schwierigkeiten
für den Entwurf jedes spezialwissenschaftlichen Gebäudes, das
auf moderner psychologischer Grundlage errichtet werden soll.
Da giebt es eine große Gruppe von Psychologen, die bei der
Erforschung des einfachsten seelischen Vorgangs, bei der bloßen
psychischen Aktualität stehen bleiben, denen die Seele also nur
die Möglichkeit psychischer Vorgänge bedeutet, nichts mehr: so
denken die Engländer schon seit den Begründern ihrer Psycho⸗
logie, den Locke und Hartley, deren Forschungen um etwa zwei
Generationen vor die Psychologie der deutschen Empfindsamkeit
zurückreichen, so der Hauptsache nach die Franzosen und von
deutschen Psychologen der Gegenwari Ebbinghaus und Lipps
und bis vor kurzem auch der in Amerika lehrende Münsterberg,
fowie weiter von den Physiologen Ziehen und von den Physikern
        <pb n="470" />
        Weltanschauung.

445
Mach. Aber ihnen hält eine andere Gruppe die Wage, deren
Mitglieder die Seele als ein Subjekt noch über den einzelnen
experimentell untersuchten psychischen Vorgängen ansehen: so
daß ihnen also nicht der gegebene psychische Prozeß und die
Reihe solcher Prozesse die Seele ausmacht, sondern das über
ihnen stehende Ichbewußtsein. Das ist die Ansicht von Wundt,
von Rehmcke, von Höffding, von Paulsen.

Nun versteht sich, daß vielfache Modifikationen dieser
Grundansichten denkbar sind. Allein selbst wenn dies nicht der
Fall wäre, genügt der bestehende Unterschied dennoch, die
heutige Psychologie noch vielfach von den Schwankungen der
Weltanschauung und von der jeweiligen ethischen und ästhetischen
Auffassung der Seele durch die Zeitgenossen abhängig zu machen.
Ist es z. B. nicht klar — und auch in diesem Buche gelegentlich
schon dargelegt, — daß ein naturalistischer Impressionismus
die bloße Aktualität annehmen, ein idealistischer sich mit dem
Ichbewußtsein befreunden wird?

Soll die Psychologie festes Fundament zeitgenössischer Er—
kenntnis sein und werden, so bedarf es vor allem der Klärung
des ungeheuren in ihrem Bereich angesammelten Thatsachen—
materials durch eine entscheidende, durchgreifend überzeugende
Synthese: sie allein kann die bestehende Gärung überwinden.
Dann aber wird auch die Psychologie der Nervenvorgänge in
ihrem Verhältnis zur Empfindung, und damit auch die
Klärung der spezifischen Psychologie des gegenwärtigen Zeitalters
mit besonderem und anderem Erfolge aufzunehmen sein als bisher.

Wird nun bei dieser Lage die allgemeine Erkenntnistheorie,
insofern für sie die Fundamentierung im Psychologischen nicht
umgangen werden kann, heutzutage imstande sein, die An⸗
forderungen an eine allgemeine Orientierung zu befriedigen, die
aus den Einzelwissenschaften an sie herandringen?

Die Kantsche Erkenntnistheorie hatte sich vornehmlich auf
die apriorische Erkenntnis, das reine Wissen bezogen und eben
damit die Voraussetzung der Gedankendichtungen Fichtes,
Schellings, Hegels geschaffen. Wie wir dagegen das empirische
        <pb n="471" />
        446

Weltanschauung.
Wissen und damit auch das Wissen der Spezialwissenschaften
erlangen, das hatte Kant weit weniger untersucht.

Und konnte er das bei seiner Stellung zur Psycholoqie
als seine Aufgabe betrachten?

Unser Wissen zerfällt in ein intuitives, unmittelbares, und
ein Wissen aus Folgerungen, für welche Gründe oder Beweise
angeführt werden können. Das unmittelbare Wissen wird uns
durch sinnliche Wahrnehmung oder durch innere, psychische Zu⸗
stände. Dabei läßt sich die unmittelbare sinnliche Wahr⸗
nehmung nicht weiter reduzieren: ihr Inhalt muß anerkannt und
kann höchstens noch klassifiziert werden. Das Erkennen dagegen
durch innere psychische Zustände unterliegt noch sehr wohl
weiterer Analyse. Ist sie vorgenommen und damit der mögliche
Inhalt unseres unmittelbaren Wissens festgestellt, so wird es
Aufgabe einer Erkenntnistheorie im engeren Sinne, klarzulegen,
auf welche Weise wir zu dem Teil unserer Erkenntnis gelangen,
der nicht intuitiv ist, und nach welchen Kennzeichen wir diesen
zu ordnen haben. Aus diesen Zusammenhängen, mag man sie
in jeder Hinsicht anerkennen oder nicht, geht doch immer so
viel als sicher hervor, daß die Erkenntnistheorie neuerer Zeiten,
abgesehen davon, daß sie durch die Einzelwissenschaften partikular
und unsystematisch gefördert wurde, im ganzen von den Fort⸗
schritten der Psychologie abhängig werden mußte. Konnte aber
Kant die unklare Errungenschaft der subjektivistischen Psychologie
seit etwa 1750 allein schon erkenntnistheoretisch verwerten?
Er hielt sich, wenigstens in der Formulierung der psychologischen
Basis seiner Theorien, noch an das Denken der rationalen
Psychologie des individualistischen Zeitalters und entwickelte
daraus ganz folgerichtig die erkenntnistheoretische Grundlage
einer spekulativen Philosophie.

Die spekulative Philosophie aber hat dann mit ihrer Dia—
lektik fast die ganze erste Hälfte des 19. Jahrhunderts beherrscht.

Als man sich endlich unter dem immer stärkeren Auf⸗
schwung besonders der Naturwissenschaften wieder mehr auf eine
allgemeine erkenntnistheoretische Grundlage alles wissenschaft⸗
lichen Denkens zu besinnen begann, schien zunächst nichts möglich,
        <pb n="472" />
        Weltanschauung.

als aus dem dialektischen Wust der Gedankendichtung wenig—
stens wiederum bis auf die klareren Lehren Kants zurück—
zugreifen. Und das geschah denn auch, freilich anfangs rein
reproduzierend; Jürgen Bona Meyer hat sogar noch die Kantsche
psychologische Grundlage, die Annahme der drei Seelen⸗
vermögen, gegen Herbart verteidigt. Und seit dann zuerst
Christian Hermann Weiße 1847, später, 1862, Eduard Zeller
besonders eindrucksvoll auf Kants Erkenntnistheorie hingewiesen
hatten, entwickelte sich, zunächst zur Förderung dieser, in den
—D
Krönung das Erscheinen einer eigenen Zeitschrift „Kant—
studien“ seit 1896 sowie der Beschluß der Berliner Akademie
vom gleichen Jahre angesehen werden kann, die Werke Kants
in einer monumentalen Ausgabe zu veröffentlichen.

Allein ließ sich denn nun die Kantsche Erkenntnistheorie
wirklich so ohne weiteres halten? Genügte ihre Reproduktion
in jedem Betracht? Entzog ihr nicht schon die inzwischen ent—
faltete Entwicklungslehre die rationalen Bestandteile ihrer
Basis, indem sie auch die Psyche in den Fluß alles Geschehens
stellte? Und sekundierte diesem Zerstörungswerk nicht von
Jahr zu Jahr stärker die neue empirische Psychologie, be—
sonders nach dem Übergreifen des Denkens Mills und anderer
Positivisten nach Deutschland? Es ging nicht anders, als daß
allmählich eine Umbildung der alten Lehre eintrat: wobei denn
die apriorischen Begriffe Kants immer mehr in den Hintergrund
gerieten und eine immer stärkere phänomenalistische Erklärung
des Erkennens sich stets enger an die psychologische Erfahrung
anschloß. Aber freilich: da diese Erfahrung noch nicht ein—
heitlich und eindeutig war, so sind bisher auch die Ergebnisse
noch sehr verschieden ausgefallen.

Der erste, der stärker an dem System Kants rüttelte, war
Friedrich Albert Lange in seiner Geschichte des Materialismus
(1866). Gewiß nahm er noch mit Kant apriorische Formen
der Anschauung und des Urteils als Grundlagen der gesamten
Erfahrung an. Indes eine reine Deduktion dieser Formen
schien ihm unmöglich. Vielmehr wollte er diese obersten Ver—
        <pb n="473" />
        3

Weltanschauung
standesbegriffe auf dem Wege der Induktion erforscht sehen:
denn sie seien zwar potenziell in uns gegeben, aber doch erst
durch späte Abstraktion im Laufe vieler Generationen in ihrer
heutigen Art zustande gekommen. Man erkennt die ent—
wicklungsgeschichtliche Auffassung, die Kant ganz fern gelegen
haben würde. Und fährt Lange fort, die Induktion sei einmal
durch kritische Zerfaserung der Gedanken, dann aber quch auf
psychologischem Wege durchzuführen, so würde sich wiederum
Kant zu der zweiten Methode schwerlich bekannt haben.

Von den großen Philosophen der zweiten Hälfte des
19. Jahrhunderts steht dann Wundt Kant wohl noch am
nächsten. Er konserviert den kritischen Idealismus Kants,
wenn auch im Sinne des Idealrealismus: wie ihm die Grund⸗
gesetze des logischen Denkens zugleich Gesetze der Objekte des
Denkens sind, so müssen sich die idealen Prinzipien der Er—
kenntnis in der objektiven Realität wiederfinden. Es ist ein
Standpunkt, von dem der des deutschen Positivismus, wie ihn
Laas in seinem Buche „Idealismus und Positivismus“ (1879)
vertreten hat, schon um ein Wesentliches nach der phänome⸗
nalistischen Seite hin abweicht. Laas hält Objekte unmittel—
bar nur für Inhalte eines Bewußtseins, Subjekte nur für
Schauplätze von Wahrnehmungsinhalten; demgemäß sind ihm
unsere Vorstellungen und Begriffe durchaus sinnlichen Ursprungs,
nichts als ursprüngliche oder gesetzmäßig abgeleitete und um—
gebildete Empfindungen. Und noch weiter auf das bloße
Gebiet sinnlicher Erfahrung rückt dann eine Anschauung, die
die Vorstellung zum einzigen Ausgangspunkte macht, die also
in der Gesamtheit aller Dinge, soweit sie vorgestellt sind, zu—
gleich die Gesamtheit aller Erfahrung erblickt. Auf diesem
Boden denken noch am meisten Kantisch etwa Schuppe, Rehmcke
und von Schubert⸗-Soldern, wenn sie auch vornehmlich auf
Hume zurückgehen. Freilich tragen sie dann in die Erkenntnis—
theorie ein fremdes, metaphysisches Element hinein, indem sie,
um dem Solipsismus — der Anerkennung der Thatsache, daß
der Erkennende nie aus dem ins Unbegrenzte zu erweiternden
Umfang seines Erkennens herauskomme — zu entgehen, noch
        <pb n="474" />
        Weltanschauung.

49

ein Bewußtsein neben oder über dem individuellen Ich an—
nehmen. Auf dieses oder ein verwandtes Element verzichtet
dagegen der sonst etwa auf gleichem Boden stehende Empirio—
kritizismus von Avenarius (,„Kritik der reinen Erfahrung“,
seit 1888; „Der menschliche Weltbegriff“, 1891). Avenarius er⸗
gänzt vielmehr die individualpsychologische Betrachtungsweise der
bloßen inneren Wahrnehmung durch ein sozialpsychologisches
Element, nämlich durch die Annahme der grundsätzlichen Gleich—
heit der menschlichen Seele, was ihm dann die Heranziehung
fremder Erfahrung als einer mit der eigenen gleichberechtigten
gestattet. Und auf diese Weise glaubt er mit seiner zahlreichen
Anhängerschaft nicht bloß eine rein beschreibende Bestimmung
des allgemeinen Erfahrungsbegriffes der Form nach ableiten,
sondern auch die Möglichkeit eines Weltbegriffes aufftellen zu
können, der nur reine Erfahrung zum Inhalt hat und also die
Welträtsel auf erfahrungsmäßigem Wege löst.

Wie man nun auch über diese nur kurz skizzierten
Thedrien im einzelnen urteile, eins ist sicher: sie haben sich
immer mehr von den Elementen befreit, die in der Kantschen
Lehre mit deren Metaphysik und praktischer Philosophie, mit
dem Ding an sich etwa und dem Begriffe einer transcendentalen
Freiheit zusammenhingen. Es war ein Weg, der die allmähliche
Entfaltung der Erkenntnistheorie zu einer selbständigen Wissen—
schaft bedeutete.

Kann man aber von den Ergebnissen und Methoden dieser
Wissenschaft sagen, daß sie schon genügend stark entwickelt und
namentlich schon weit genug in die Methoden der einzelnen wissen-
schaftlichen Disziplinen hineingetrieben seien, um diesen als
sichere Stütze dienen zu können? Es ist wie auf dem Gebiete der
Psychologie, ja noch bedenklicher: neue Zeiten sind gekommen,
ein neues Seelenleben ist erblüht; aber die systematische Durch—
forschung ihres Wesens ist noch keineswegs weit genug gefördert,
im der Entwicklung des wissenschaftlichen Denkens der Zeit mit
mehr als allgemeinsten Ergebnissen zu Hilfe zu kommen.

Und diefe Lage ist nach der Natur der Dinge unvermeidlich:
denn wie sollte es möglich sein, die psychischen Grundlagen

gamprecht, Deutsche Geschichte. Erster Ergänzungsband. 29
        <pb n="475" />
        450

Weltanschauung.

und noch mehr, auch schon die Erkenntnismöglichkeiten eines
Seelenlebens klarzulegen, von dem im allgemeinen noch nichts
anderes als die Phantasiethätigkeit vollkommen entwickelt ist?
Diese Lage ist aber zugleich für die weitere Entwicklung der Wissen—
schaften in diesem Augenblicke höchst bedenklich. Können all—
gemeine Erkenntnisprinzipien der Art, wie sie dem Seelenleben
der Zeit entsprechen, noch nicht aufgestellt werden: — was
hindert dann, daß den Wissenschaften Grundsätze allgemeinen
Verfahrens von anderer Seite her aufgedrängt werden — und
natürlich von der in der Gegenwart siegreichen, der künst—
lerischen? Diese Gefahr, der im Zeitalter der Romantik die
Wissenschaften schon einmal unterlegen sind, droht jetzt von
neuem.
Die Wissenschaft kennt keine Normen, sondern nur Formen
des Erkennens. Normen, Vorschriften des Handelns und der
schöpferischen Thätigkeit, auch wenn man sie nur als „Kultur—
werte“ bezeichnet, kennt nur eine praktische Lebensrichtung,
wie die des Sittenlebens oder der Kunst; und sie entnimmt
die oberste Norm dessen, was gut oder was schön ist, den
praktischen Idealen ihrer Zeit. Gleichwohl versucht jetzt eine
namentlich unter den jüngeren Vertretern der Wissenschaft An—
hänger werbende philosophische Richtung der Wissenschaft Normen,
und das heißt Werturteile, aufzuzwingen; ja man träumt wohl
gar von der Ersetzung der alten Logik, bis zurück auf die Schluß—
formen des Aristoteles, durch eine Lehre von Normen des Urteils.
Ja, welchem Gebiete sollen denn diese Normen entnommen werden,
wenn nicht der Entwicklung des Lebens selbst? Dieses Leben
aber in Natur und Geist zu erfassen, nicht im Banne einiger
Entwicklungsnormen, die ihm selber wieder günstigsten Falles in
leidlicher Abstraktion entnommen sind, sondern vielmehr mit
den unmittelbaren und freien Kräften des menschlichen Geistes
und mit ihnen allein: das ist die wissenschaftliche Aufgabe.
Jede Anwendung von Normen auf wissenschaftliches Denken
gleicht darum dem Versuche Münchhausens, am eigenen Zopfe
den Mond zu erklimmen, und unterwirft die Wissenschaften ganz
unvermeidlich einseitig praktischen Tendenzen. In der Gegenwart
        <pb n="476" />
        Weltanschauung.

451
liegt aber auch die Herkunft dieser heutigen praktischen Tendenzen
klar zu Tage; sie gehen aus von den ethischen und damit
mittelbar auch von den ästhetischen Strömungen der Zeit. Eine
Normenlehre für die Wissenschaft bedeutet daher heutzutage die
Knebelung des wissenschaftlichen Denkens durch die Auffassungs⸗
weise eines Zeitalters ästhetischer und ethischer Hegemonie, die
Unterjochung der Wissenschaft unter die Phantasiethätigkeit.
Und eben in nichts besser als in diesem Zusammenhang zeigt
sich die Wandlung der jüngsten Zeiten. Um die Mitte des
19. Jahrhunderts noch Herrschaft der Naturwissenschaften und des
Historismus, Unterwerfung der Kunst unter eine philosophische
Asthetik, eine Wissenschaft der Kunst, die der Kunst selbst oft
recht fern stand — jetzt, seit Ende des 19. Jahrhunderts Sieg
der Kunst und die Wissenschaften in Gefahr, den normativ
durchgebildeten Erfahrungen der Kunst und den praktischen Vor—
schriften einer ästhetischen Sittenlehre zu unterliegen: das ist
der Wechsel!.
*

1 Da ich selbst in entschiedenem Widerspruch zu den oben berührten
Lehren stehe, so habe ich sie im Texte nur kurz charakterisiert. Zum weiteren
Verständnis mögen Worte von Erich Adickes in der Deutschen Litteraturzeitung
1901 Sp. 652 dienen: „Windelband (der Erfinder und Hauptvertreter der
Normenphilosophie) meint, es sei mehr und mehr die Einsicht zum Durch—
bruch gekommen, daß der universelle psychophysische Parallelismus sich in
keiner Form halten und durchführen lasse; der Relativismus bedeutet für
ihn Abdankung und Tod der Philosophie, darum soll sie nur weiterleben
können als die Lehre von den allgemein gültigen Werten. So denkt W.:
doch er ist zunächst nur eine einzelne Persönlichkeit, in zweiter Linie
Vertreter und Sprecher eines Kreises Gleichgesinnter. Wäre aber dieser
Kreis auch größer, als er faktisch ist: seine philosophischen Ansichten
wären weder die einzig möglichen noch auch die heutzutage allein
verbreiteten. Man kann überhaupt nicht von „der“ heutigen Philosophie,
wie etwa von der heutigen Physik oder Biologie sprechen. Ich halte es
für eine Illusion, wenn W. von „wissenschaftlichen Begriffen“ redet, in
denen „die europäische Menschheit ihre Weltauffassung und Lebens—
beurteilung“ im Verlauf einer langen Entwicklung „niedergelegt“ habe und
„in denen damit die bleibende innere Struktur des menschlichen Geistes
zu klarer Erkenntnis gekommen“ sei (S. 8. 15). Nie wird es „die“

29*
        <pb n="477" />
        452

Weltanschauung.
2. Wie sich die Entwicklung der konkreten Wissenschaft
unter diesen allgemeinen Zeitbedingungen bisher gestaltet hat?
Es ist nicht mit zwei Worten zu sagen. Einige Andeutungen
müssen genügen gegenüber Bewegungen, die noch im ersten
Flusse befindlich sind.

Die Darlegung der Lage der Naturwissenschaften ist dabei
noch einfach genug. Die Naturwissenschaften haben seit dem
17. Jahrhundert ihre klare Methode, die nur vorübergehend
durch die Auswüchse der naturphilosophischen Spekulation zur
Zeit der Romantik unterbrochen, im übrigen aber immer stärker
weiter durchgebildet worden ist, wie denn auch die gemäßigte
naturphilosophische Spekulation durch geistreiche Hypothesen zu
ihrer Entfaltung beigetragen hat: — es besteht kaum eine
Gefahr, daß diese Methode umgestoßen werde. Wohl aber
steht, nicht ohne eine gewisse Förderung durch die ästhetischen
Tendenzen der Zeit, eine Erweiterung dieser Methode in Aus—
sicht, die den Naturwissenschaften dem Stoffe nach vielleicht
den genaueren Anschluß an die untersten Elemente des Seelen—
lebens bringen wird. Würde diese Richtung eingeschlagen und
durchgeführt, so würde sie in ihrem Verlauf natürlich auch für
die Geisteswissenschaften von höchster Bedeutung sein.

Das eigentlich Neue auf dem Gebiete der Naturwissen—
schaften während des 19. Jahrhunderts ist bekanntlich das
Auftreten der physiologisch-biologischen Forschungen und
Methoden gewesen. Und da war es denn mit die größte Er—
rungenschaft, daß, namentlich durch Ludwig, die verwickeltsten
Lebenserscheinungen auch der höchsten Organismen, der Vier—
Philosophie geben, nie wird in Weltanschauung und Lebensbeurteilung
strenge Wissenschaft einziehen. Das Ausschlaggebende werden da stets
individuelle Momente sein und zwar so sehr individuelle, daß man sie
nicht als eine Folgeerscheinung der „bleibenden inneren Struktur des
(allgemein-⸗menschlichen Geistes“ betrachten darf. Von Allgemeingültig—
keit, sei es der metaphysischen Prinzipien, sei es der ethischen Normen,
sei es der „Kulturwerte“, weiß die Wirklichkeit nichts.“ Hinzuzufügen
wäre dem, daß, wenn es ein Unwandelbares im Wechsel giebt, dies das
Entwicklungsgesetz ist, und nicht einzelne Phasen der jeweiligen Er—
scheinung desselben.
        <pb n="478" />
        Weltanschauung.

453
füßler und des Menschen, durch rein chemisch-physikalische Vor—
gänge, also mechanisch erklärt wurden. Allein schließlich stieß
man bei den Versuchen einer solchen Erklärung doch auf Prozesse,
denen gegenüber die rein mechanische Erklärung wenigstens
einstweilen versagte. Und auch auf dem Gebiete der anorga—
nischen Chemie und der Physik ergaben sich Vorgänge, wie
z. B. die katalytischen Prozesse, deren Verlauf der Anwendung
der bloß mechanistischen Methode zu spotten schien.

So mußten denn andere Erklärungen gesucht werden. Und
da wurde einmal die alte Lehre von einer besonderen schaffenden
Lebenskraft neu belebt; und von Bunge ward zum Begründer
des Neovitalismus. Darüber hinaus aber wurde eine besondere
energetische Theorie ausgebildet, die von der Annahme einer
krafterfüllten Materie ausging; deutlich hervor trat sie zum
ersten Male in Ostwalds Vortrag „Die Überwindung des wissen⸗
schaftlichen Materialismus“ auf der Lübecker Naturforscher—
versammlung des Jahres 1895. Läßt sie sich völliger durch—
bilden, so würde sich ihr wohl der Neovitalismus als einer
allgemeineren Prinzipienlehre unterordnen.

Nun verrät ein Blick rückwärts auf die Anfänge des
modernen metaphysischen Denkens wie auch auf die Entwicklung
der Psychologie, wie sehr diese Lehren in Zusammenhang stehen
mit innersten Strömungen des neuen Seelenlebens: es ist, als
wenn ein Schritt noch rückwärts aus der Nervenphysiologie und
den psychologischen Beobachtungen unterster Erscheinungen der
seelischen Aktualität unmittelbar hinüberführen müßte zu etwas
wie einer krafterfüllten Materie: und als wenn damit die
Erkenntnis einer großen Einheit aller Wissenschaften unter sich
und des Lebens mit ihnen, eine weitere Enthüllung monistischer
Weltanschauung, bevorstünde.

Die Frage ist nur, ob sich auch die einzelnen Geistes—
wissenschaften einem solchen Ziele zu bewegen oder wenigstens
eine Richtung aufweisen, die ein solches Ziel andeuten könnte.

Die Beantwortung dieser Frage ist nur auf Umwegen
möglich. Denn was sind die Geisteswissenschaften? Wo sind
ihre Kernerscheinungen zu suchen? Was ist ihre Methode?
        <pb n="479" />
        154

Weltanschauung.
Diese und verwandte Vorfragen tauchen auf und sind nicht so
einfach zu beantworten, da es den Geisteswissenschaften an
einer längeren einheitlichen Tradition und deshalb auch an
einer überlieferten allgemeinen Methode noch gebricht: taucht
doch selbst die allgemeine Bezeichnung für sie erst im 19. Jahr—
hundert auf.

Ein Hauptumstand, der die Entwicklung der Geisteswissen—
schaften gegenüber der der Naturwissenschaften schwierig und
verwickelt gestaltet hat, besteht darin, daß in ihnen große an—
gewandte Disziplinen, vor allem die Theologie und die Juris—
prudenz, längst vor der Entwicklung der reinen Disziplinen der
Psychologie, Soziologie und Geschichtswissenschaft vorhanden ge—
wesen sind. In den Naturwissenschaften ist die Technik seit
dem 17. Jahrhundert der Hauptsache nach durchaus der reinen
Forschung gefolgt, und das ist noch heute der Fall, trotz der
gewaltigen Entwicklung der Technik gerade im 19. Jahrhundert;
in den Geisteswissenschaften ist es umgekehrt hergegangen;
die reinen Disziplinen waren lange Zeit hindurch, im ganzen
bis mindestens zur Mitte des 18. Jahrhunderts, in dienender
Stellung zu Kirche und Staat und zu deren Wissenschaften,
der Gottes- und Rechtsgelahrtheit. So hat, um nur ein
Beispiel anzuführen, die Geschichte als Wissenschaft vom 16. bis
zum 18. Jahrhundert eine theologische und eine juristische Periode
durchlaufen, und noch heute sind keineswegs alle Spuren dieser
Vergangenheit getilgt. Und ist denn etwa die Philosophie, der
letzte Ausläufer und die Krone einer freien Wissenschaft auch
des Geistes, im Mittelalter bekanntlich Magd der Theologie,
selbst heute schon so ganz vom theologischen Gängelbande frei?
Wie würde man sich täuschen, wollte man diese Frage schlecht—
weg ablehnen! Und selbst wenn wir von unseren Tagen
meinen sollten, daß sie frei seien vom Einfluß der Theologie
auf die Geisteswissenschaften überhaupt: so viel ist offenkundig,
daß selbst von vielen Gelehrten der Einfluß der Welt—
anschauung überhaupt auf die Geisteswissenschaften als ein völlig
berechtigter anerkannt wird. Der Weltanschauung! — die bei
so Vielen heute nichts anderes ist als eine dunkle Restsumme
        <pb n="480" />
        Weltanschauung.

45
55
älterer philosophischer Metaphysik, verquickt mit gewissen
Momenten des christlichen Fuhlens mehr als Glaubens und
Denkens!

So kann von einer traditionellen Methode der Geistes—
wissenschaften als einer Gesamtheit kaum die Rede sein. Und
ist es nicht die Voraussetzung einer festen Methode, daß
wenigstens vorher feststeht, welche der einzelnen Disziplinen
der Geisteswissenschaften denn eigentlich als Kerndisziplin zu
bezeichnen sei? Da melden sich nun heute die ehrwürdigen
Wissenschaften der Theologie und Jurisprudenz wohl nur noch
schüchtern zu einer Herrscherstellung. In der That sind sie so
wenig wie andere angewandte Disziplinen, die Erziehungslehre
und die praktische Nationalökonomie etwa, noch zur Führung
berufen. Welcher Disziplin aber gebührt die Vormacht?

Der Gegenstand geisteswissenschaftlicher Untersuchung ist
gegenüber der Natur der Geist. Und Geist heißt in diesem
Zusammenhange nicht der seelische Charakter des Menschen in
seinen fundamentalen Eigenschaften — den untersucht die
Psychologie, — sondern der konkret gewordene Geist, das in
der Welt ausgewirkte Seelenleben. Dies Leben aber ist das
des vergesellschafteten Menschen. So wäre die Soziologie die
Fundamentalwissenschaft? Gewiß: — wenn sich das soziale
Leben nicht in sehr verschiedenen Stufen der Entwicklung in
Raum und Zeit entfaltete. Die Soziologie bedarf also eines
evolutionistischen Zusatzes, um zur Herrschaft berufen zu sein:
und erhält sie ihn, so wird sie zur Geschichte: zur Geschichts—
wissenschaft freilich im modernen Sinne, zu jener Geschichts—
wissenschaft, deren Aufgabe es ist, die verschiedenen Ent—
wicklungsstufen der sozialen Psyche in der Vergangenheit wie
Gegenwart der menschlichen Gesellschaften aufzuhellen.

Historische Soziologie, klare Einsicht in den Verlauf der
stufenweisen Entfaltung des vergesellschafteten menschlichen

Seelenlebens ist der Kern aller Geisteswissenschaft: nach diesem
Ziele sind Segel und Steuer zu richten. Geschieht das aber,
so tritt zugleich jene einheitliche Bewegung aller Wissenschaften
auf die Erforschung der phyfischen und psychischen Kraft—
        <pb n="481" />
        156

Weltanschauung.
momente hin ein, die sich oben als ein Erfordernis der all—
gemeinen wissenschaftlichen Entwicklung unter dem Zeichen des
modernen Seelenlebens ergeben hat.

Nun ist aber die Geschichtswissenschaft noch weit davon
entfernt, eine Aufgabe wie die ihr soeben zugewiesene mit
allen Kräften übernehmen zu können.

In der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts, in einem
Zeitalter, das im Grunde nur das isolierte Individuum kannte
und über diesem als eine mechanische Zusammenfassung der
Individuen, als einzige menschliche Gesellschaftsform den Staat:
in einer solchen Zeit war die Geschichte in erster Linie Staaten—
geschichte geworden. Und dabei ward diese Staatengeschichte
noch gern, nach der Tradition einer noch älteren, rein personen⸗
geschichtlichen Auffassung, als Regentengeschichte vorgetragen,
so sehr auch die Jurisprudenz zu einer allgemeineren Auffassung
hindrängte.

Dann kam die große seelische Revolution der Mitte des
18. Jahrhunderts; das Individuum wurde als soziales erkannt,
und Herder schrieb aus einer zwar noch sehr unklaren, aber
doch schon mehr sozialgeschichtlichen Anschauung heraus seine
Ideen zur Geschichte der Menschheit.

Allein er drang mit seiner Ansicht nicht durch. Zwar
erblühte in der zweiten Hälfte des 18. und in den ersten
Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts eine vielfach mit primitiven
soziologischen Auffassungen durchtränkte, heute übrigens über
Gebühr unbekannte Geschichtsschreibung und stand teilweis
wenigstens unter der Anregung Herders. Allein sie ist unter
den Einwirkungen Kants und der romantischen Gedankendichtung
früh zu Grunde gegangen. Kant war als Vertreter einer Philo⸗
sophie, die Altes und Neues verschmolz, der große Gegner
Herders; und Kant setzte darum, auf historischem Gebiete noch
besonders konservativ, den rationalistischen Staatsbegriff, wenn
auch in einiger Abwandlung, wieder in sein altes Recht ein
als einziges soziales Element des geschichtlichen Verlaufes.
Seitdem stand es für die Historiker der Zeiten der Identitäts—
philosophie und weit darüber hinaus erst recht für die historisch—
        <pb n="482" />
        Weltanschauung.

457
J
politische Schule der dreißiger bis siebziger Jahre des 19. Jahr—
hunderts fest: Geschichte ist Staatengeschichte, nicht Geschichte
der sozialen Psyche in allen Äußerungen ihres Lebens und
ihrer Entwicklung. Nicht als ob deshalb die höhere und
weitere Auffassung Herders und verwandter Geister der zweiten
Hälfte des 18. Jahrhunderts eigentlich verloren gegangen oder
späterhin auch nur stärker bekämpft worden wäre; im Gegenteil:
man erkannte sie an. Aber es geschah rein akademisch, ohne
von dieser Anerkenntnis praktisch Gebrauch zu machen. Es war
am Ende eine für die Geschichtsschreiber der historisch-politischen
Schule, einen Dahlmann, Sybel, auch noch Treitschke ganz be—
greifliche Haltung. Denn die Verdienste dieser Schule lagen ja
weniger auf wissenschaftlichem als auf politischem Gebiete:
nicht in der Förderung der Geschichtswissenschaft als solcher,
vielmehr in ihren Verdiensten um die staatliche Einheits—
bewegung unseres Volkes ist ihnen Unsterblichkeit bereitet.

Wie aber die Einengung der geschichtlichen Forschung auf
den Staat als eigentliches Arbeitsgebiet im Grunde ein Ergebnis
des innigen Zusammenhanges der Geschichtswissenschaft mit
der Philosophie war, so zeigte sich die Abhängigkeit der Dis—
ziplin von den allgemeinen Motiven der Weltanschauung und
den besonderen Denkformen und Auffassungen der Identitäts—
philosophie auch noch an einer anderen, überaus wichtigen
Stelle.
Stieg man im 18. Jahrhundert von der Betrachtung des
damaligen Individuums und der konkreten gesellschaftlichen
Form, in der es lebte, also von der Auffassung der isolierten
Einzelperson und des absolutistischen Staates auf zu den uni—
versalen, weltgeschichtlichen Beziehungen, so ergoß sich das
Denken zumeist noch in Phantasmen, die an den Paradieses—
gedanken des alten Testaments anknüpften. Wie Rousseau so
betrachtete auch Herder noch die Urzeit als ein Zeitalter höchster
Kultur, da die Menschen noch in unmittelbarer Auswirkung
jener Vernunft lebten, die ihnen von Gott in besonderer
Schöpfung über die Tiere hinaus verliehen worden war, und
sah im Verlauf der Geschichte — nach dem Sündenfall —
        <pb n="483" />
        158

Weltanschauung.
nur ein langsames Wiederaufleben früherer, einst viel höher
entfalteter Kulturelemente. Man sieht: das war eine dem
heutigen Entwicklungsgedanken genau entgegengesetzte Auf—
fassung. Nun wurde diese Auffassung allerdings gegen Schluß
des 18. Jahrhunderts schon häufig durch evolutionistische
Ahnungen getrübt, so u. a. auch eben bei Herder; indes in
abgeschwächter Form ging sie doch noch auf das 19. Jahr⸗
hundert über und brachte es — abgesehen von anderen Aus—
läufern bei Friedrich Schlegel sowie später Max Müller
u. a. m. — gerade in der deutschen Geschichtswissenschaft in—
folge eines besonderen Anlasses zu einer höchst eigenartigen
Nachwirkung.

Fichte hatte sich den Paradiesesgedanken in der verdünnten
Form der Annahme eines Normalvolkes angeeignet, von dem
ursprünglich alle Kultur auf die anderen Völker übertragen
worden sei: und von hier übernahm diesen Gedanken vermutlich,
in abermaliger Verdünnung, Ranke. Ranke lebte der Übei—
zeugung, daß in den Uranfängen der Kultur einige besonders
—DOD—— sich früheste Er—
rungenschaften auf die anderen Nationen verbreitet hätten.

Was ist nun die Folge dieser Auffassung des weitaus
größten deutschen Geschichtsschreibers des 19. Jahrhunderts
für ihn und seine Wissenschaft gewesen? Ranke verschloß sich
und seine Wissenschaft dem Entwicklungsgedanken. Denn mit
der Ableitung der Kultur nur von gewissen Stellen aus ist, streng
genommen, der Gedanke unverträglich, daß jede menschliche Ge—
sellschaft, und vor allem jede Nation, die Keime einer gewissen
Entwicklungsvollständigkeit organisch in sich trage und entfalte,
und damit wieder fällt der Anlaß hinweg, die Universal—
geschichte als eine in ihrem Inhalte freilich ständig gesteigerte
Summation der Errungenschaften nationaler Entwicklungs⸗
geschichten zu betrachten. Vielmehr muß sich in diesem Zu⸗
sammenhange leicht die Anschauung bilden, daß nicht die ein—
zelnen Herde nationaler Entwicklung, sondern vielmehr die
internationalen Übertragungsvorgänge höherer Kultur das
eigentlich und einzig wichtige Element einer universalen Ge—
        <pb n="484" />
        Weltanschauung.

459
schichtsforschung darstellen. Dieses Glaubens hat denn bekanntlich
auch Ranke im allgemeinen gelebt: der Entwicklungsgedanke, die
Vorstellung von der immanenten Potenz stufenmäßiger Ent—
faltung der Kultur in jeder großen menschlichen Gemeinschaft
st ihm ständig fern geblieben; bearbeitet hat er vor allem
die internationalen Zusammenhänge.

Und nun ein weiteres! Erst mit dem Evolutionismus ist
die Annahme einer allgemeinen Kausalität klar und unverbrüch⸗
lich in die Geschichtswissenschaft eingezogen. Wie konnte sie
da Ranke bei seiner Auffassung, so sehr er folgerichtig kausal
zu denken versuchte, schon völlig konsequent durchführen? —
Er schwankte zwischen Freiheit und Notwendigkeit. Vor allem
aber erschien ihm der Wandel der größten ihm eben noch erkenn—
haren historischen Zusammenhänge nicht in sich kausal ver—
fnüpft, da er ihm nicht von Einfachem und Ursprünglichem
zu Verwickeltem und Kulturhohem aufzusteigen schien. Vielmehr
hielt er ihn, eben weil ihm das Motiv der kausalen Entwicklung
ferne stand, im Grunde für nur durch das Einwirken besonderer,
außergeschichtlicher Gewalten erklärlich. Es ist der Punkt, an
dem der obschon bereits völlig abgeschwächte Paradieses—
gedanke in Verbindung mit dem Fehlen des evolutionistischen
Gedankens noch die Wirkung übte, eine organische Vorstellung
des Lebensverlaufes einer menschlichen Gemeinschaft vom
Primitiven zum Differenzierten zu verhindern. Als die besonderen
außerempirischen Gewalten aber, die er als Beweger und
Schöpfer der größten geschichtlichen Zusammenhänge heranzog,
erschienen Ranke die Ideen.

Woher kamen nun diese Ideen? Im 18. Jahrhundert
vwvar man von der Erkenntnis einfacher geschichtlicher That—
sachenzusammenhänge, z. B. des inneren Zusammenhanges
der Ereignisse eines Römer- oder Kreuzzuges, zur Erkenntnis
zrößerer Zusammenhänge, wie 3. B. des inneren Zusammen—
hanges der Gesamtgeschichte des Papsttums oder des deutschen
Kaisertums, fortgeschritten. Und man hatte das Gemeinsame
einer solchen Gesamtgeschichte als ihre Idee bezeichnet. „Idee“
n diesem Sinne war also nichts gewesen als eine oberste
        <pb n="485" />
        160

Weltanschauung.
geschichtliche Zusammenfassung, eine oberste erkenntnismäßige
Abstraktion. Aber nun kam die Zeit der Romantik und der
spekulativen Gedankendichtung. Der wurden historische Ideen
der bezeichneten Art alsbald etwas anderes: sie übertrug
sie, entsprechend dem immer wieder bei ihr auftretenden
ontologischen Irrtum, aus dem Gebiete des Gedachten in das
Gebiet des Anschaulich-Wirklichen, und so wurden sie ihr
Ausflüsse des Absoluten, „Gedanken Gottes in der Geschichte“.
Damit erschien es denn jetzt als Hauptaufgabe des Historikers,
diese Gedanken Gottes aufzufinden: und so ward er zum
mystischen Vertrauten des Absoluten, zum Seher Gottes im
Verlauf der Geschichte.

Und da versteht es sich denn sehr wohl, daß sich diese
Auffassung vom Berufe des Historikers, wie sie vornehmlich
Wilhelm von Humboldt theoretisch dargelegt und Ranke
praktisch durchgeführt hat, dem Paradiesesgedanken anpassen
konnte; nach einer ersten Erhebung des Menschen über alle
anderen Organismen durch Verleihung der Vernunft äußerte
sich die göttliche Fürsorge für das Menschengeschlecht immer
weiter in stets erneuerten ruckweisen Emanationen göttlicher
Ideen, und das Geheimnis der Geschichte bestand in dem
persönlichen Wandeln Gottes hin durch den Lauf der sterb⸗
lichen Geschlechter. Zugleich aber trat freilich klar zu Tage,
wie diese Auffassung schlechthin unverträglich war mit jebver
Spur auch nur evolutionistischen Denkens.

Ranke indes, der fast unwiderstehlich gewordene Ver—
treter der Auffassung der ersten Jahrzehnte des 19. Jahr⸗
hunderts, lebte inzwischen, auch hochbetagt noch energisch
schaffend, bis zum Jahre 1886. Die Folge war, daß sich
wenigstens in Deutschland auf dem Gebiete der Geschichts⸗
wissenschaft kaum ein Wechsel der allgemeinen Auffassung voll⸗
zog, der eine Ausgleichung mit der inzwischen gänzlich ver⸗
änderten Konstellation des Seelenlebens, ja auch nur mit dem
Entwicklungsgedanken der sechziger Jahre gebracht hätte. Da
blieb noch immer jene Auffassung die herrschende, die, abgesehen
von älteren Wurzeln, dem rationalistischen Gegensatze des 18. Jahr—
        <pb n="486" />
        Weltanschauung.

461
hunderts zwischen Individuum und Staat entsprang, daß
eigentlich nur die großen Personen die Geschichte machen, und
sie wurde sogar neuerdings durch die Entstehung eines Heroen⸗
kultes ganz anderen Ursprungs noch einmal wieder verstärkt.
Als ob, um ein an dieser Stelle leicht kontrollierbares Beispiel
zu wählen, die neuere Malerei und Dichtung Schöpfungen
Liebermanns und Liliencrons und vielleicht noch einiger anderer
Helden wären und nicht vielmehr in ihrem Grundwesen not⸗
wendige Erzeugnisse der modernen Reizsamkeit, die ihrerseits
wiederum zu nicht geringem Teile den sozialen und wirt—
schaftlichen Wandlungen der Zeit, dem Wirken der „Viel zu
Vielen“ verdankt wird! Und als wenn ein Liebermann und
ein Liliencron das lebendige Wirken dieser breiten Grundlage,
dieses Nährbodens ihres Talentes überhaupt hätten schaffen
und auch nur erhalten können! Da herrscht noch weiterhin
die Anschauung nicht von einer notwendigen seelischen Entwicklung
im Verlauf der Geschichte großer menschlicher Gemeinschaften,
insbesondere der Nationen, einer Entwicklung, die von Stufe
zu Stufe führt, sondern vielmehr die Auffassung von einer zu—
fälligen, womöglich vornehmlich durch die Beziehungen zum
Ausland bedingten, äußerlichen Geschichte, als deren Träger
dann freilich am besten der „einseitig, fast mystisch verherrlichte“
Staat erscheint. Es ist, als wollte die Wissenschaft in dem
Leben eines bestimmten tierischen oder pflanzlichen Organismus
nicht zuerst den typischen Prozessen dieses Organismus, sondern
dem bestimmten Schicksal eben jenes Baumes, eben dieses
Tieres nachfragen und darnach allein charakterisieren: die Hunde
etwa an erster Stelle in Schoßhunde, Haushunde, Hofhunde,
Schäferhunde einteilen! Da hält man endlich noch vielfach
an der Ideenlehre fest, wenn man sie auch zumeist ihres
romantisch⸗transcendenten Wesens entkleidet hat. Denn man sieht
nicht, daß ihr, auch wenn man dies thut, trotzdem ein rein indi⸗
vidualistischer Charakter bleibt, daß sich daher in ihren, nun
einmal unter den Bedingungen der Transcendenz entwickelten
Rahmen immer nur einzigartige Ereignisreihen einspannen lassen,
und daß darum ihr ausschließlicher Gebrauch als Darstellungs—
        <pb n="487" />
        162

Weltanschauung.
mittel größerer geschichtlicher Zusammenhänge ohne weiteres
die Vergleichung und damit eben das wichtigste ja fast einzige
Forschungsmittel gerade auf den höchsten Gebieten ausschließt.

Und aus alledem ergiebt sich dann das wunderliche Dogma —
ein Beweis seiner Berechtigung ist niemals auch nur versucht
worden, — daß die Geschichte unter allen Wissenschaften allein
es mit dem Einzelnen zu thun habe, mit dem Individuellen
und allenfalls dem Nationalen und auch dem Universellen,
soweit es einzigartig ist — aber nie und nimmer mit dem
mehreren Entwicklungen Gemeinsamen: und daß sie mithin eine
Wissenschaft sei, in der Begriffsbildung ein Verbrechen bleibe
und intuitives Anschauen — eine Kunst! — die Hauptsache.

Die Geschichtswissenschaft der Gegenwart leidet trotz vieler
Anzeichen der Besserung noch immer unter dieser allgemeinen
und grundsätzlichen Rückständigkeit. Es wird ihr schwer, den
altgewohnten Zustand abzuschütteln; und noch hält es eine
Partei so gut wie ganz mit Ranke. Im allgemeinen aber
herrscht ein Zustand der Gärung mit all seinen Vorteilen und
Schattenseiten. Was da auch nur die nächste Zukunft bringen
wird, wer weiß es? Nur über die Bedürfnisse dieser besteht
kein Zweifel. Nietzsche hatte recht, wenn er einmal meinte,
der heutige Umfang der Menschheitskenntnis müsse zusammen⸗
fassende Anschauungen über den Entwicklungsprozeß der Nationen
gestatten und aus ihnen heraus auch die Entfaltung einer
angewandten Wissenschaft der Nationalpolitik nach Maßgabe
der größten und universalsten, der dauerndsten und am meisten
weltgeschichtlichen, der kulturellen Bedürfnisse der Nationen.
Daß zunächst eine solche universale Geschichtswissenschaft heute
möglich sei, läßt sich von niemand mehr im Ernste bestreiten.
Daß aus ihr alsbald auch eine angewandte Wissenschaft richtiger
Behandlung von Völkern niedriger Kultur durch höher stehende
entwickelt werden könnte, ist augenscheinlich. Aber wird man
ausschließen wollen, daß auch das Verständnis unserer eigenen
geschichtlichen Schritte und Fortschritte viel gewinnen könnte,
wenn wir die Wege in ihren typischen Momenten übersähen,
die vor uns nicht bloß Griechen und Römer, nein auch Inder
        <pb n="488" />
        Weltanschauung.

463

und Chinesen gewandelt sind? Einer Geschichte evolutio—
nistischen und das heißt kausalen Charakters, die ein erstes
wissenschaftliches Erfordernis unserer Zeit ist, wird alsbald auch
eine praktische Kulturwissenschaft von großer Bedeutung folgen.

Und daß von diesen Zusammenhängen her Psychologie und
Erkenntnistheorie wie auch die Einzeldisziplinen der Geisteswissen⸗
schaften wiederum dauernd befruchtet und vorwärts getrieben
werden würden, ergiebt sich von selbst aus dem schon früher be—
sprochenen Verhältnis dieser Wissenschaften zu einander und zu
einer wahren Wissenschaft, nicht einer bloßen anschauenden
Kunst der Geschichte.
        <pb n="489" />
        VI.
Übersehen wir jetzt das Gebiet der modernen ethischen
und metaphysischen Anschauungen wie die Entwicklung der
Psychologie und Erkenntnistheorie und die Anfänge einer neuen
Wissenschaft in ihrem gegenseitigen Zusammenhang, so tritt
zunächst die Frage auf, wie denn die besondere Ausbildung der
modernen Seiten dieser Gebiete mit der seelischen Gesamt—
haltung der Zeit der Reizsamkeit zusammenhängen möge. Da
ist nun Eins von vornherein augenscheinlich: der Wieder⸗
geburtsgedanke, der in der einen oder der anderen Weise die
sittliche Bewegung der Gegenwart beherrscht, geht aus von
den Dichtern, Musikern, Künstlern der Periode; er ist getragen
von Seelen, deren Leben in stärkstem Zusammenhang mit der
Entwicklung der Reizsamkeit verlief. Und der am machtvollsten
wirkende Denker dieser Gruppe, Nietzsche, gehörte er nicht zu
den Dichtern und zu den Reizsamen noch insbesondere? Nietzsche
aber hat Wagner, der vor ihm am stärksten schuf, einen „Ver—
mischer der Künste und der Sinne“ und das heißt einen
Reizsamen besonders hohen Grades genannt. Und auch auf
metaphysischem Gebiete steht es nicht anders. Die moderne
Sehnsucht nach Befriedigung der Seele in fester und frommer
Weltanschauung war und ist in erster Linie eine Sehnsucht
der Künstler und Dichter. Und wenn wir zu den Denkern
übergehen: war Fechner als Metaphysiker noch Philosoph im
gewöhnlichen Sinne des Wortes?

Die Wissenschaft aber ist ebenfalls wie jede andere geistige
Thätigkeit abhängig von dem jeweiligen Charakter des Seelen—
lebens, und ihre Fundamente sind die psychologischen und
        <pb n="490" />
        Weltanschauung.

465
erkenntnistheoretischen Anschauungen, die aus diesem Seelen—
leben hervorgehen und seinen eigenartigen Bedürfnissen gerecht
werden. So solgt die Wissenschaft auch dem Charakter
der Reizsamkeit, sobald dieser die Zeit wirklich beherrscht.
Daß dies aber heute der Fall ist, das ist an allen anderen
großen seelischen Erscheinungen erwiesen. Und es läßt sich auch
aus dem Zusammenhange der sogenannten materiellen Kultur
mit der sogenannten geistigen erweisen. Werden wir noch im
Zweifel sein, daß die Reizsamkeit vornehmlich der modernen
Erweiterung des Weltbildes und der außerordentlichen Steige—
rung der Beziehungen der Einzelpersönlichkeit in alle Welt
hinein, also sogenannten materiellen Momenten verdankt
vird? Die Erweiterung dieser Beziehungen aber dauert fort,
wenn sie sich nicht gar noch verstärkt: und so fährt sie
fort, im gleichen Sinne zu wirken. Das einzige, was sich
neuerdings vielleicht verändert hat, ist unser subjektives Ver—
halten zur Reizsamkeit. Wir empfinden sie jetzt nicht mehr
als etwas Neues, sie stört in uns nicht mehr ältere, ihr ent—
gegenstehende Associationsreihen, weil diese inzwischen abgestorben
sind: wir haben sie in uns aufgenommen, wir haben uns
ihr geistig akklimatisiert. Auf diesem Nährboden aber erwächst
auch die neue Wissenschaft. Es ist in dieser Hinsicht bekannt,
daß die von den Jüngern der Naturwissenschaft heute verlangte
Fähigkeit der Aufnahme äußerer Eindrücke anfangs meist
iervös macht, und daß zu ihrer ständigen Bethätigung eine
gewisse Reizsamkeit vorhanden sein muß. Und die Geistes⸗
wissenschaften haben eine Wendung zu psychologischen Unter—
suchungen genommen, die auch die sogenannten unteren Gebiete
des Seelenlebens mit ins Auge faßt und hier ohne stärkste
Anspannung der Fähigkeiten zur Aufnahme leicht verwischbarer
seelischer Eindrücke nicht mehr durchgeführt werden kann. So
Auf die Beziehungen der Kulturzweige der Selbstherrlichkeit
(Sitte, Recht, Wissenschaft, Gesellschaft, Staat) zu denen des Selbstbewußt—
seins (Phantasiethätigkeit, Denken) wird in dem zweiten Ergänzungsbande
zenauer einzugehen sein; und zwar auf Grund einer idealistischen Auf—
fassung der Wirtschaftsentwicklung.

Kamprecht. Deutsche Geschichte. Erster Ergänzungsband. i
        <pb n="491" />
        66

Weltanschauung.

sind alle großen geistigen Erscheinungen heute schon reizsamen
Charakters oder nähern sich wenigstens diesem Wesen, und es
handelt fich dabei um eine nicht mehr rückgängig zu machende
oder in ihrem Verlauf aufzuhaltende Thatsache — wenn über⸗
haupt derartige Thatsachen aufzuhalten oder zu verhindern in
irgend eines Menschen Macht stände.

Wir befinden uns damit auf einer neuen Stufe sozial⸗
psychischer Entwicklung, wie sie der immanenten Entfaltungs-
kraft der vergesellschafteten menschlichen Seele entspricht, — einer
Stufe, die sich aufbaut zu ihrer Zeit nach ewigen, dem Völker⸗
leben innewohnenden Gesetzen. Wir können dabei diese Stufe
wohl mit entsprechenden Entwicklungsstufen anderer Völker
vergleichen, um zu sehen, wo wir sind, in unserem Falle etwa
mit der Kultur der römischen Kaiserzeit oder der indischen
Kultur unmittelbar vor Buddha, oder wohl auch mit einer ge—
wissen Stufe der chinesischen Entwicklung. Und eine solche
Vergleichung, auf die wirklichen Grundlagen des Seelenlebens
bezogen und auf das Verständnis der großen sozialpsychischen
Strömungen angewandt, würde reichen Gewinn ergeben. Aber
wer vermag sie heute schon vorzunehmen, beim gegenwärtigen
Stande unserer Kenntnis menschlicher Entwicklungsgeschichte?

Indes noch eine andere Vergleichung steht uns zur Ver⸗
fügung. Wir können rückwärts schauen in unsere eigene Ver—
gangenheit und das Facit der heutigen Kultur ziehen in der
Vergleichung ihres Inhalts mit dem Inhalte der früheren Zeiten.
Es ist heute ein gewöhnliches Verfahren, und man spricht in
diesem Zusammenhange von Décadence. Und auch wir wieder—
holen, indem wir die Vergangenheit heranziehen, die schon
einmal, im ersten Abschnitt dieses Buches, aufgeworfene Frage
nach den Zeichen des Verfalls. Was hier sicher ist, das ist
eine durchgehende äußere Ähnlichkeit gewisser maßgebender Er—
scheinungen unserer Kultur mit den entsprechenden Erscheinungen
einer längst verflossenen Frühzeit. Wir haben schon gesehen,
wie hier die Dinge auf demjenigen Gebiete der modernen Kultur,
das am weitesten entwickelt ist, im Bereiche der Phantasie—
thätigkeit stehen. In der bildenden Kunst nähert sich unsere
        <pb n="492" />
        Weltanschauung.

467

Ornamentik der einzigen, der ornamentalen Kunstart der
Urzeit; in der Dichtung sind dramatische Behandlung der Er—
zählung, Märchenwelt, stimmungsvolle Lyrik hier im Sinne
individuellen Tones, dort im Sinne der Hymnik, sind sym—
bolische Formen der Gegenwart und Urzeit identisch, beide Zeiten
haben auch ein Gesamtkunstwerk bestimmter Art, anderer Über—
einstimmungen nicht nochmals zu gedenken. Und diese Ähnlich—
keiten lassen sich jetzt durch ganz verwandte Erscheinungen auch
auf den übrigen geistigen Gebieten ergänzen. Auf sittlichem
Gebiete haben wir hier wie dort den Heldenkult, einen ge—
wissen Mangel also des Selbständigkeitsbewußtseins der eigenen
Persönlichkeit in den größten Beziehungen des Daseins. Und
wenn dies Moment mehr äußerlich ist: in beiden Zeitaltern
stoßen wir auch auf das schroffe Nebeneinander eines gewissen
Kommunismus und eines grausamen Egoismus der Aristokraten⸗
natur, der „blonden Bestie“. Und stellt sich die Bilanz im
Reiche der metaphysischen Anschauungen anders? Keineswegs!
Dort eine Naturbeseelung, welche die Kräfte hinter den Er—
scheinungen zu Göttern übermenschlicht, hier eine Philosophie
weit ausgespannten Charakters, welche die Einheit von Körper
und Seele bis zu einer enthusiastischen Verpersönlichung des
Alls durchführt: eine Weltanschauung, die sich nicht selten sogar
ihrer Beziehungen zu dem mythischen Pandynamismus der
Urzeit unmittelbar bewußt wird:

Ich grüß' den Gott, der aus sich selbst ergossen

Die Welt mit Menschen, Luft und Meer und Land,

Im Lichte watend und von Welt umflossen,

Und Sturm und Donner wägend in der Hand!

Für einen Tieftrunk aus dem Wahrheitsbronnen

Bab er einst her das halbe Augenlicht,

Im Einaug' aber lodern alle Sonnen

Und braust der Sturmwind, der die Bäume bricht.

(Maurice v. Stern.)
So tragen, wohin wir auch sehen, die äußeren Er—
scheinungen urzeitlicher und moderner Kultur Züge augen—
scheinlicher und zuerst recht rätselhafter Ahnlichkeit. Aber diese
Ahnlichkeit läßt sich erklären. Was einst instinktiv aus dem
90*
        <pb n="493" />
        468

Weltanschauung.
Seelenleben der Urzeit emportrieb, das wird heute bewußt und
mit den Mitteln einer unendlich gesteigerten Beherrschung der
Natur und des Geistes dem Seelenleben abgerungen: dort
Trieb, hier Bewußtsein, das ist der Unterschied.

Aber doch die gleiche psychische Grundlage? Wenn man
will, — ja. Dort ein Seelenleben, das unbewußt noch auf
dem Boden primitiver Reizempfängnis verlief, ohne daß die
höheren Potenzen dieses Lebens schon klar entfaltet gewesen
wären, — hier ein Seelenleben, das die Entfaltung dieser
Potenzen längst erlebt hat und nun auf die unter ihnen
liegende Schicht der bloßen Reizempfänglichkeit vorstellungsmäßig
bordringt und diese bewußt sich zur Reizsamkeit umbilden sieht.

Dies der klare Zusammenhang, der sich in tausend Einzel⸗
beobachtungen immer und immer wieder mit demselben End—⸗
ergebnis aufdrängt. Und nun die Wiederholung der bangen
Frage: bedeutet das den Verfall? Ist für uns schon die
Stunde gekommen, die der Dichter meint:

Leben ist ein einziges

Treppauf, Treppab, Treppab, Treppauf,
Bis wir mal auf einem Absatz

Tot zusammenbrechen.

Und immer sehen wir

Die obersten Stufen,

Wie bei der Jakobsleiter

In den Wolken verschwinden,

Die Stufen der Hoffnung,

Die ewig von der Sonne beschienen sind,
Die aus der Himmelsspalte

Sie umstrahlt.

Treppauf, Treppab,

Steigen und Niedergehn

Und endlich —

Steigen? Niedergehn?

(v. Liliencron.)
Der Historiker schweigt auf diese Fragen, und nur der
Zeitgenosse vermag zu reden. Sicher erscheint mir, daß eine
reine Nervenkultur den Anfang vom Ende bedeutet. Sie bedarf
dringend der Begrenzung, Durchwucherung, teilweise Über⸗
wucherung mit anderen Lebenskräften. So ist schon heute
        <pb n="494" />
        Weltanschauung.

469

augenscheinlich, daß auf dem weiten Felde der Phantasie—
thätigkeit eine Mischung von Alt und Neu eintritt — ein—
treten muß, sollen wir weiter gelangen. Eins der sichersten
Anzeichen ist hier, abgesehen von einer Wendung der künst⸗
lerischen Schaffenskraft in diesem Sinne, der in den ästhetisch
zenießenden Kreisen der Nation immer weiter verbreitete Goethe—
kult: denn Goethe hat einstmals zwischen individualistischem
und subjektivistischem Zeitalter lebenspendend vermittelt und
war sich der Notwendigkeit liberal-konservativen Wesens aller
Wirkung ins Große wohl bewußt. Auch die steigende und
doch zugleich verständnisvolle, nicht nach Art noch mancher
Philologen überschätzende Würdigung der Antike scheint mir ein
zutes Zeichen: denn sie bezieht sich auf die Höhen-, nicht die
Verfallszeiten der klassischen Völker. Dabei muß freilich vor
jedem Übermaß einer Reaktion gewarnt werden. Gewisse Kritiker
haben heute nichts Angelegentlicheres zu thun, als den so—
genannten Naturalismus, gemeint ist der naturalistische Im⸗
pressionismus, in Grund und Boden zu verdammen. Das ist
Vandalenart und Weise niederer Kulturen: inconde, quod
adorasti. Die historische Bedeutung des Impressionismus steht
fest; sehen wir, daß wir sein Gutes behalten ohne seine Auswüchse.
Wir sollten uns im Augenblick des Verstehens und Konzentrierens
befinden, nicht aber des Zerstörens und Verdammens. Im Zeichen
der Phantasiethätigkeit ist die neue Zeit erblüht; von der Kunst
her ist das sittliche Leben befruchtet worden, in der Kunst hat
sich zuerst die neue Psyche erlebt. So versteht es sich, daß Wand⸗
lungen der Phantasiethätigkeit auch seelische Haltung und
Seelenlehre und mit ihr Sittlichkeit und Wissenschaft beein—
flussen werden. Im ganzen aber ist kein Zweifel, daß diese
anderen Kräfte des Daseins jetzt, im bereits vielfach erkenn⸗
haren Ablauf der künstlerischen Blüte der neuen Zeit, selb—
ständiger hervortreten werden: auch dies Zeitalter wird seinen
philosophischen Klassizismus haben und die Jahre einer wissen⸗
schaftlichen Rationalisierung.

Wie aber diese neuen Kräfte sich entfalten werden, wer
weiß es? Der Geist wird auch innerhalb des Verlaufs
        <pb n="495" />
        170

Weltanschauung.
dieser Periode eines neuen Seelenlebens hoher Kultur im
einzelnen wehen, wo er will, wie der Sturm, der die viel—⸗
verzweigten Gassen einer Großstadt durchsaust und reinigt.
Nur die allgemeine Richtung der Entwicklung läßt sich ein
wenig beeinflussen. Und auch sie nur mittelbar, durch Ein—
wirkung auf die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Vorgänge,
auf deren Entfaltung sich trotz mannigfacher Verschiebungen und
Wechselwirkungen mit spezifisch geistigen Mächten doch im
größten der Verlauf des geistigen Lebens aufbaut. Das ist der
eigentlichste und größte Sinn der sozialen Frage. Sie ist keine
Frage bloß des vierten Standes, — wer wollte sie noch heute
im Schülersinne der achtziger Jahre verstehen? Sie ist die
Frage aller Stände, weil sie die Frage ist auch unseres
geistigen, seelischen Lebens, sie ist die größte Frage unserer
Zukunft überhaupt. Wie läßt sich das Verhältnis des Einzelnen
zur Gesellschaft je nach den verschiedenen Bedürfnissen der ver—
schiedenen sozialen Schichten so regeln, daß wir im Bereich des
entwicklungsgeschichtlichen Verlaufes unserer Kultur ein gesundes,
großes Volk bleiben, ein gesunderes und größeres und sittlicheres
werden: das ist ihr Inhalt. Dabei ist selbstverständlich, daß
zur Lösung dieser Frage auf dem Boden der Gesellschaft nicht
bloß wirtschaftliche, sondern auch ethische, ästhetische, überhaupt
seelische Kräfte von jederlei Art eingespannt werden müssen:
ganz umfassend muß diese Frage ergriffen werden, auch in
Richtungen, in denen sie in England ein Carlyle, ein Ruskin
schon haben erfassen wollen. Natürlich wird das nicht ohne
Eingriffe in die Bewegungsrechte des Einzelnen möglich sein;
mehr noch als bisher wird die Zeit sozialisiert werden müssen,
soll sie nicht rückwärts gehen. Aber diese Sozialisierung muß
so erfolgen, daß auch die Einzelnen einen stetigen und ständigen
Fortschritt ihrer Persönlichkeit zu spüren haben: daß mit und
in bewußt geschaffener größerer Gebundenheit zugleich Männ—
lichkeit aufwächst und Freiheitsbewußtsein und Sinn für Maß
und Gerechtigkeit.

Unerläßlich zur Lösung der sozialen Frage in diesem
Sinne erscheint vor allem ein noch ungebrochener Grund von
        <pb n="496" />
        Weltanschauung.
starkem, aber doch schon durchgeprüftem und durcherlebtem
Idealismus. Haben wir ihn, so soll uns, scheint mir, um die
nächste Zukunft nicht bange sein. Und ich denke, der Deutsche
kann die Frage nach diesem Idealismus noch immer mit ja
beantworten. Gewiß haben wir in unserem öffentlichen Leben
schwere Schäden, — aber daneben doch noch unerschöpfte Erz—
lager sittlicher Geradheit, wie sie in dem, sei es an sich berechtigten
oder unberechtigten Abweichen der nationalen Stimmung von
der Reichspolitik auf Grund sittlichen Urteils gerade in den
letzten Jahren wiederholt zu Tage getreten sind. Und der
Schrei der Gebildeten nach einer sittlichen Wiedergeburt und
die religiöse Sehnsucht der besonders Reizsamen: sind sie
wirklich bloß Reaktionsgefühle gegen die Langeweile und gegen
die Überspanntheit zweideutiger Erfahrungen? Man prüfe
das Leben von Nietzsche, dies Martyrium einer verkörperten
Idee, und man wird die Frage beantworten können, so viel
auch in Nietzsches Namen von Thoren und Nichtsnutzigen
gesündigt werden mag. Nein, trotz aller Wendung zu Macht
und Machtgefühl ist die Nation doch auch die der Dichter und
Denker geblieben, und das politisch stille letzte Jahrzehnt des
19. Jahrhunderts hat an Idealismus fast mehr gezeitigt als
nötig. Der deutsche Michel lebt noch, so wie sich die reiche
religiöse Phantasie der Vorfahren den Erzengel als Schutz-
patron aller hohen nationalen Wünsche vorstellte; und er wird,
gewiß schwertgegürtet und zum Schwertschlag bereit, doch nach
wie vor auch geistesbeschwingt von Wolkenhöhen auf das
Ganze der Erde niederschauen.
        <pb n="497" />
        pPierer'sche Hofbuchdruckeret Stephan Geibel &amp; Co. in Altenburg.
        <pb n="498" />
        Herbst 1901.
Allgeme engeschichte.
Hherausgegeben von I. Kamprecht.

Die Geschichte der europäischen Staaten, begründet von Heeren
und Ukert, forigesetzt von Giesebrecht, herausgegeben von Professor
Famprecht in Leipzig, wird von nun ab unter dem Titel
RIlaemeine Staatengeschichte
in drei Abteilungen erscheinen. Von diesen Abteilungen wird die eine die
Beschichte der europäischen Staaten enthalten, die zweite die Ge⸗
schichte der außereuropäischen Staaten; die dritte, welche die
deutschen CLandesgeschichten umfaßt, wird, unter oberer Leitung
zurch Professor Lamprecht, von Herrn Dr. Tille in Leipzig redigiert
werden. Das Verhältnis der einzelnen Bände des Unternehmens zu ein—
inder bleibt dasselbe wie bisher. Jede Länderabteilung und jeder Band
sind einzeln käuflich. Über den gegenwärtigen Stand der einzelnen Ab—
leilungen ist das Folgende zu berichten:
2 28*
IJ. Geschichte der europäischen 3fanten.
Bisher erschienen:

Baiern. Von Sigmund Kiezler. 4 Bände... .. —M 59. -

1. Bd. Bis 1180.) 1878. M 15.-. 3. Bdo. (Bis 1508.) 1888. M. 19. —.

io. Bis 13213 1860. 10. Bbo. Wis 125079 1808. AM 18. -
Belgien. Von heuri Pireune. 1. Bd. (Bis 1319.) 1899 43 10.-
Böhmen. Von Adolf Bachmann.) II. Bd. (Bis 1400.) 1899. M 16.-
Dänemark. Von F. C. Dahlmaun (Bd. 123) und Vietrith schäfer (Bd. 4)

4 Bändee... 30.50

1. Bd. Gis 1860. 1840. M .-. 3. Bd. (Bis 1528) 1848. M 650.

Bb. GBis 18073 1821. M G. -2. 4. Bb. Sis 1550) 18038. M I.
Deutschland. Von J. C. Psister (Bd. 1265) und Friedrich Bülau (Bd. 6).

Bände.. 534. -
.8. Bd. (Von den ältesten Zeiten bis zur Auflösung des Reichs.) 1829
bis 1835. M 46. -.

6. Bd. GVon 1806 bis 1830). 1842. M 8. -.
Deutschland. Von Felix Dahn (Bd. N) und Alfred Bove (Bd. 6). M 36. -

. Bb., 1. Hälste. GBis 476.) 1888. M 11.-.

Bol 2. Zaiste. Bis 8119 1888. 14.-

Register. A 4.

t. Panste. (17400- 1745.) 1888. M 7.-
Eugland. Von 3. M. Jayppenberg (Bd. 12-2), Reinhold Pauli

und Morik Brosch (Bd.6—10). 10 Baͤnde u. Register

1. Bd. (Bis 1066.) 1884. . 10. -. 6 Bo. Gis 16083. 1890. 4 18.-

B. Wis 1544 1837. 4 680. 4. Bd. Bis ig isoe. A i0.-

do 3 3 3. i. 8. Bo Wis 1733.) 1808. 4 10. -

vä α ι Sαο 86. Sd. Sis i818.) 1808. 10. -

5. Bd. GBis 1509.) 1858. M 9.60. 10. Bd. (Bis 1850.) 1897. A 1.—

RKegister zu Bd. 6—510. 1898. M 4.-
Finnland. Von M. G. Schnbergson. (Bis 1894.) 1896..
Frankreich. Von Ernkt Alexander Schmidt. 4 Bände....

1. Bo. Gis 1328) 1888. M 9. 2. 8. Bb. (Bis 1648.) 1826. 4 85

. is 13534 1824ö. . -.. Bb. is 1774.) 1848. AM 12. 80.

A 12. -
M 38.80
        <pb n="499" />
        Frankreich ferner. Von Wilhelm Wachsmulh. 4 Teile... M 389.50

Toil. Von 1774 bis 1792. 1840. M. 8. 50.

Bis 1798.) 1842. M 9.50.

Bis 1811.9 1843. M 9.50.

Bis 18300) 1844. At. 12. -.

Von Karl Hillebrand. 2 Teile und Register. ..

1. Teil. (Von 1830 bis 1837.) 2. Auflage 18831. M 15. —
2. Teil. (Bis 1848.) 2. Anflage 1882. 12. —
Register. 1898. M. 1.60.
Griechenland. Von Gußar Friedrich Herhzberg. 4 Teile u. Register
1. Teil. GBis 1204.) 1876. A 840. 8. Teil. (Bis 1821.) 1878. xA 9.60
2. Teil. GBis 1470.) 1877. M 12. -. 4. Teil. GBis 1878.) 1879. M 14. —
Register. A 3.—
Italien. Von Feiurich Feo. 5 Teile.
1. Teil. (Von 508 -1125.) 1829. M 6. —
2. Teil. GBis 1268.) 1829. M 6. —-.
3. Teil. (Bis 1492.) 1829. M 8. -.
Feil. Sis 1354 1830. 8.
5. Teil. (Bis 1830.) 1832. M 10. —.
Italien. Von J. M. Harkmann.
1. Bd. (Von 476 bis ca. 568.) 1897. M 12.50.
2. Bol, gaifte. GBis ca. 680. 1900. .MS8.

MA 47.—

M 38—

M 21.50

Kirchenstaat. Von Morih Brosch. 2 Bände und Register. . M 17.40
1. Bd. (16. und 17. Jahrhundert.) 1880. M 8.40.
2. Bdo. (Von 1700 bis 1870. 1882. M. 8.40.
Register. M — 60
Niederlande. Von K. CTh. Wenelbhurger. 22Bände. B33. -
T I. Bd. (Bis 1566. 1879. 15. -. J 2. Bd. (Bis 1648.) 1886. A 18. -.
Niederlande. Von P. J. Blaß. 1. Bd. (Bis 1800). 1902. M 12. -
Osmanisches Reich. Von Zohann Wilhelm Zinkeisen. 7 Teile M 83.40

1. Teil. 1453.) 1840. M 11.50. 5. Teil. (Bis 30 1857. M 12. -.

2. Teil. (Bis 1574.) 1854. 11.70. 6. Teil. (Bis 1802.) 1859. A 12. —

3. Teil. (Bis 1623.) 1855. M 11.20. 7. Teil. (Bis 1812.) 1868. M 18. -.

4. Teil. (Bis 1669.) 1856. 12. —
sterreich. Von Johann Grafen, Mailäth. 5 Bände.... M 386.-
1. Bd. (Von 1218 bis 1526) 1834. 4 6- 5 77 — —
2. Bd. Wis 1619.) 1837. M 8.50.
3. Bd. Bis 1648. 1842. M 7.50.
4. Bdo. (Bis 1740.) 1848. A 9.40.
5. Bd. Bis 18499. 1850. M 7.60.

—

Ssterreich. Von Alföns huber. 5 Bände .. M 56.-
1. Bdo. (Bis 1279.) 1885. M. II.-. 4. Bd. (Bis 1609.) 1892. M. 11.—-.
2. Bd. (Bis 1437.) 1885. AM I0. -. 5. Bdo. GBis 1648.) 1896. Ak 12. —
3. Bd. (Bis 1526. 1888. M 11. —.
Polen. Von Kithard Roepell (Teil 1) und Zatob Care (Teil 2-6).
5 Teile. 48. -
1. Teil. (Von 850 bis 1300.) 1840. M. 10.-. Gehlt.)
2. Teil. (Bis 1386.) 1863. Ab 9. -.
3. Teil. (Bis 1480.) 1869. O. -.
4. Teil. GBis 1455) 1875. M 10.—-.
5. Teit, 1. e (Bis 1480.) 1886. M 10.-.
5. Teil, 2. Hälfte. Bis 1506.) 1888. MA 10.-.
Portugal. Von Zeiurich Schüser. 5 Bände P
1. Bd. (Bis 1383.) 1836. 6.50. 4. Bd. (Bis 1667.) 1852. M. 9. -.
2. Bd. (Bis 1495.) 1839. M 8.80. 5. Bd. (Bis 1820.) 1854. M. 10.-
3. Bd. (Bis 1580. 1850. M. 8. —-.

M 42. —-

Preußen. Von Gußstar Adolf Harald Stenzel. 5 Teile...
1. Teil. GBis 1640.) 18380. &amp; 7.80. 4. Teil. Gis 1756.) 1851. Ml 8. 70.
2. Teil. (Bis 1688. 1837. M. 7.-. 5. Teil. (Bis 1763.) 1854. M. 5.60.
3. Teil. (Bis 1739.5 1841. M 9. —

MJM 34.80
        <pb n="500" />
        Preußen ferner. Von E. Reimann. 2 Bände. .423. —
1. Bb. (Von 1763 bis 1772.) 1882. M 10. -.
2. Bdo. (Gis 1786) i888. AM .

Rußlaud. Von Philipp Strahl (Bd. 122) und Ernst errmann (Bd. 3—27).

7 Bände.. . .. M 58. 80

—VV 4 Bd. (Bis 1741.) 1819. M. 9. 60.
2. Bd. (Bis 1505.) 1839. AA 6. -2. 5. Bd. Bis 1775.5 1833. M 960.
3. Bo. GBis 16829 1816. M 10—. 6, Bo (Sis 1792.) 18606. .

z. Bd. (Ergänzungsband.) (Bon 1701 bis 1797.) 18606. M. 9.60.

Rußland. Von J. Brückuer. 1. Bd. (Bis 1725.) 1896.. M 12. -
Sachsen. Von C. W. böitiger (Bd. 122) und Th. Flathe (Bd. 3).
3 Bände. . . 31. 60

1. Bd. GBis 1555.) 18380. M 7.60.

2. Bd. (Bis 1831.) 1831. M 8. -.
3. Bd. (Von 1806 bis 1866.) 1875 M 16. —.
Schweden. Von Erik Gustar Geijer (Bd. 12423) und Friedrich Ferdinand
Carlson (Bd. 4ÿ56). 6 Bände. .. M44. 40
Bd. (Bis 1520.) 1832. A 38. 4 Bd. (Bis 1680.) 1855. M 9.40.
2. Bd. GBis 1611.) 1834. M. 4. 50. 5. Rd. Gis 1697. 1875. A I. -.
3. Bb. WBis 16849 18386. M 6.2. 6. Bo. Wis 1706) 1887. A 6.
Schweiz. Von Johannes Jieraner. 2 Bände. . 4 18. —
1. Bd. Gis 1415.) 1887. M. 9. -. 2. Bd. (Bis 1516.) 1892. A. 9. -.
Spanien. Von Friedrich Wilhelm Lembke (Bd. 1), Zeinrich zchüfer (Bd. 2—8)
und Friedrich Wilheln Schirruucher (Bd. 1206). 6 Bände. M 59. -
1. Bd. Gis ca. 830.) 1831. M 6. -.
2. Bo. GBis oss) i844 ο.
3. Bd. (Bis ca. 1500.) 1861. M. 7 50.
1. Bdo. Von 1158 vis 1295) 1881. .4 12. —.
5. Bo. Bis 1369.) 1800. .
s. Bo. Won 1360 bis 1402). 1803. M 16.-.
Toscana. Von Alfred von Renmont. 2 Bände.
1. Bd. Gon 1530 bis 17387.) 18768. M 12. -.
2. Bo. Wis is68.) i877 ν.
Wesitfalen. Von Irkhur Kleinschnidl. 18983.. MAM 12.—
Württemberg. Von Panl Friedrich Stülin. 1I Band. 416.—

1. Bd., 1. gane GBis 1268. 1882. M 8. -.

i Bb. 2. Haiste. Wis 1406.) 1887. 8.—
kin lomplettes Exemplar der „Heschichte der europäischen Staaten““ wird für A 700. -

statt 1200.— geliefert.

In Vorbereitung befindliche Bände: Der siebente Band der Geschichte
Spaniens von Schirrmacher ist im Druck und erscheint demnächst. Von der
Geschichte Baierns hat Professor Riezler in München das Mannustript des
ünften Bandes beinahe vollendet, der Band wird die politische Geschichte von
1597-1651 und die Kulturgeschichte von 1308 —1651 umfassen. Von dem
ersten Bande der Geschichte Belgiens von Professor Pirenne in Gent, der
den belgischen Staatspreis (Prix quinquennal) erhalten hat, ist im vorigen
Jahre eine französische Ausgabe erschienen (Histoĩre de Bolgique des origines
au commêencement du XIVe sièôcle; Bruxelles, Henri Lamertin, jetzt
schon 2. Aufl.) und ist eine vlämische Übersetzung in Vorbereitung. Der zweite
Band, der bis zum Tode Karls des Kühnen (1477) gehen wird, liegt im
Manuskript fertig vor und es steht zu hoffen, daß dieser Band Anfang 1902
zur Ausgabe gelangt. Von der Geschichte Böhmens bearbeitet Professor
Bachmann in Prag jetzt den zweiten Band; vielleicht wird sich dessen Teilung
n zwei Bände, deren erster bis gegen 1620, deren zweiter bis zur Gegenwart
ühren würde, nicht unigehen lassen. Eine Geschichte des byzantinischen
Kaiserreiches hat Professor Gelzer in Jena übernommen; auf Grund der
für die byzantinische Geschichte getroffenen Abgrenzung wird nun auch an
die Aufnahme von Staatengeschichten der Balkanvölker gedacht werden können.
Professor Jorga in Bukarest hat die Bearbeitung einer Geschichte Ru—
mäniens, Professor Jireéek die einer Geschichte Serbiens übernommen.
Die Geschichte Dänemarks (Band 5) von Professor Schäfer in Heidelberg
        <pb n="501" />
        tonnte in diesem Jahre dem Abschlusse nahe gebracht werden, so daß der Druck
deginnen kann. Für eine Geschichte Hamburgs, das namentlich vom
46 bis zum 19. Jahrhundert für Deutschland von mehr als städtischer Be—
deutung gewesen ist, sind Dr. Nirrnheim und Professor Wohlwill in Hamburg
gewonnen worden. Für die Geschichte der Hansa ist Professor Stieda in
deipzig mit weitgreifenden Vorarbeiten beschäftigt. Von Holland ist bekannt⸗
lich eine überaus eingehende und trefflich bearbeitete Landesgeschichte von Professor
Blok in Leiden im Erscheinen begriffen (Geschiedenis van het nederlandsch Volk,
Groningen, Wolters, 1892 ff., bisher vier Teile). Von ihr wird eine vom Ver—
fasser rebidierte deutsche übersetzung durch Pfarrer Houtrouw in Neermoor in der
Allgemeinen Staatengeschichte erscheinen; der erste Band wird noch in diesem
Jahre ausgegeben werden. Aus dem Verlage von Georg H. Wiegand in
deipzig sind die bisher erschienenen Bände der Geschichte Jtaliens im Mittel—
alter von L. M. Hartmaun übernommen und ist das auf etwa sieben Bände
berechnete Werk in den Rahmen der Geschichte der europäischen Staaten ein—
gefügt worden, die Fortsetzung ist in 122 Jahren zu erwarten. Die weitere
Bearbeitung der öst erreichischen Geschichte hat nach Hubers Tode Professor
Redlich in Wien übernommen. Eine Geschichte der Ostseeprovinzen be—
arbeitet Dr. E. Seraphim in Riga. Die Fortführung und Vollendung der
uͤbersicht der Geschichte Rußlands von 1725 bis 1790, die als Einleitung
einer eingehenden Geschichte Rußlands von 1790 ab dienen soll und von Pro—
sessor Brückner übernommen worden war, ist nach Brückners Tode an einen
Schüler desselben, den Dozenten am Rigischen Polytechnikum A. von Hedenström,
übergegangen; die Bearbeitung ist schon vorgeschritten. Die Fortsetzung der
Schirrmacherschen Geschichte Spaniens hat Professor Häbler in Dresden über—
nommen, die der schwedischen Geschichte Professor Stavenow in Göteborg.
Die Geschichte Benedigs wird von Dr. Kretschmayr in Wien bearbeitet. Von
dem zweiten Bande der Geschichte Württembergs hat, Herr Archivdirektor
Stälin in Stuttgart das Manuskript weiter gefördert; doch hält er noch Um—
Inderungen und Ergänzungen für notwendig, ehe es in den Druck gehen kann.
II. Gelschichte der zuhereuropüischen Staaten.
In Aussicht genommen sind in dieser Abteilung zunächst: Geschichten der
Vereinigten Staaten, Japans, Chinas, Indiens, Armeniens,
der indouefischen und der altorieutalischen sowie der früheren mittel⸗
amerikanischen Kulturen.
III. Deufsche Tandesgeschichten.
Bisher erschienen:

Geschichte Schlesitens. Von C. Grünhagen. 2 Bände. —4416. -
Geschichte von Braunschweig und Hannover. Von G. von Zeine⸗
mann. 3 Bändee.... 24. —
Beschichte von Ost⸗e und Westpreufzen. Von C. Lohmeyer. Band 1.
2. Auff .3. 80
Geschichte der in der preußischen Provinz Sachsen vereinigten
Gebiete. Bon C. Zatobs.. . M 8. 40
Für diese Abteilung der Allgemeinen Staatengeschichte hat Direltor
Dr. Mayer in Graz die Geschichte Steiermarks, Professor von Ottenthal
in Junsbruck die Geschichte Tirols übernommen, ferner bearbeitet Landes⸗
archivar A. v. Jatsch in Klagenfurt die Geschichte Kärntens, Professor
Wibdmann in Salzburg die Geschichte Salzburgs und Dr. M. Vancsa
in Wien eine Geschichte von Ober- und Nieder-Osterreich. Eine Ge—
schichte von Jülich, Cleve und Berg vom Ausgang des Mittelalters bis
zur Vereinigung unter preußischer Herrschaft hat Archivar Dr. Redlich in

Düsseldorf zugesagt.
Hruck von Friebrich Andreas Perthes in Goha.
        <pb n="502" />
        <pb n="503" />
        <pb n="504" />
        *

J
        <pb n="505" />
        10

—J

32
J
123
*

—

X

T
—5
*
5*

*

*X*

2

—
—X

—2
92

9
J
*
2

Dichtung.

328
astarker Neuerer der dramatischen Dichtung ab—
befriedigen.

in den siebziger Jahren hatten darum hierher
suche begonnen; in den Reformen der Meininger
n sie zunächst noch dem historischen Drama und
der klassischen Litteraturperiode zu gute. Indes
g sich die Wirkung doch auch auf die Ausstattung
artdramas und verwandelte sich damit zu einer
n Vorwirkung des ausgesprochenen Impressio—

eaterwesen selbst aber ging man noch weiter. Um
rian der bestehenden Praxis zu brechen, erschien
ung einer Musterbühne notwendig; 1883 kam es
alich nicht erreichten Muster der Comédie frangaise
ung des Deutschen Theaters in Berlin.

wpaar dahre darauf wurde dann Ibsen in Berlin
hne gebracht: durch ein Vorstadttheater zunächst,
theater, an dem Anno eine treffliche Schauspiel—
Fell zur Darstellung des modernen Dramas durch—

7

er Ibsen doch nur sehr spärlich gegeben wurde und
jationalen Dramatiker auf der Bühne so gut wie
u Worte gelangten, so suchte die Ungeduld des
d Dranges der achtziger Jahre noch nach einer anderen
das neue Drama zur Aufführung zu bringen.
ch in den sogenannten Freien Bühnen, Gesellschafts—
ugen zunächst nur der Kreise, die sich für die neue
terten. Die Idee ging, nicht ohne Einfluß des
stre libre Antoines — das aber ein Geschäfts—
war und ist —, in Berlin zunächst von Theodor
Maximilian Harden aus; an die Spitze der ersten
ne schwang sich dann als Leiter Otto Brahm. Und
wurde nun ganz in den Dienst der jungen Be—
ellt; im ersten Spieljahr (1889 —90) wurden neben
a Björnson, Strindberg, Tolstoj und den Goncourts
Anzengruber, Fitger, Hauptmann, Holz und
21*
2
8

29
7 60
3
ẽ
2
8
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
