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        <title>Geschichte der großen amerikanischen Vermögen</title>
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            <surname>Myers</surname>
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        Geschichte der

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Vermögen

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        Geschichte der großen

amerikanischen Vermögen

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Berechtigte Übertragung. Alle Rechte vorbehalten,
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        Vierter Teil:

GROSSE VERMÖGEN DER INDUSTRIE
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        Erstes Kapitel

EINE EINSCHALTUNG ÜBER SAGE

ussel Sage war an Erfahrungen reif, als Gould noch in
R blühender Jugend stand; viele Jahre bevor Gould seine
räuberische Laufbahn begann, genoß Sage unter den Eingeweihten
 den Ruf, in politischer und finanzieller Korruption
 ein erfahrener Mann zu sein. War dieser Ruf gerechtfertigt?
 Und hatte Sage seine ersten Millionen durch ungesetzliches
 Verfahren zusammengebracht? Gewisse Biographen
 gleiten über diese Fragen geschickt hinweg, während
andere ihre zur Verteidigung bereitgehaltenen Geschichten
 erzählen: wie er durch seine Sparsamkeit und seinen
Unternehmungsgeist, durch seine wunderbare geschäftliche
Schlauheit und eine imponierende Reihe anderer kaufmännischer
 Tugenden und Fähigkeiten sein großes Vermögen
 erworben habe!). Es würde in der Wiedergabe dieser
Berichte einen Mangel an Treue bezeichnen, wollte man bei
den Tugenden das Wort „bewährt“ fortlassen; wenn es
sich um unsere Multimillionäre handelt, müssen Tugenden
notwendigerweise „bewährte Tugenden‘ sein.

Sages großer Fehler

Eine der vorausgesetzten Tugenden fehlte Sage indessen
betrüblicherweise, und weil sie ihm fehlte, war er sein Leben
lang ein Gegenstand des Spottes und der scharfen Kritik.
Soweit es sich um das Verfahren handelte, das er zum Zu-1)

 Vgl. z. B. „America's Successful Men“, Bd. ı.
        <pb n="6" />
        — 416 —

sammenbringen seiner Millionen anwandte, wurde er
nicht angegriffen; im Gegenteil, in seinen späteren Jahren
wenigstens, wurde er als ein sehr schlauer Mann dargestellt,
der sein Geld durch rechtmäßige Mittel erworben habe.
Es war seine Knickerei, die zu seiner Unbeliebtheit den
Grund legte. Die als ein wichtiges Mittel zur Erlangung
von Reichtum gepriesene strenge Sparsamkeit wurde verarteilt,
 nachdem der Reichtum erworben war. Es hatte
sich ein gewisser Zustand der öffentlichen Meinung oder
sine Regel ausgebildet, wonach man beinahe forderte, daß
der Millionär „auszugeben verstünde‘“; er sollte kostspielig
leben, im Glanze strahlen und irgendeine Lieblingsphilanthropie
 besitzen.
Sages widerspenstiges Wesen ließ ihn ganz verschieden
von den anderen reichen Männern seiner Zeit erscheinen.
Für ihn gab es kein Sich-gehen-lassen, keine Verschwendung,
keine kostbaren Steckenpferde oder prunkhaften Schaustellungen.
 Er war ein Mann, der seiner Klasse mißfiel
und ihre Vorschriften verletzte; seine Klasse hatte den
Eindruck, daß er der großen Masse des Volkes den Reichtum
 dadurch verhaßt machte, daß er ihn nicht mit jener
Großmut anlegen wollte, die, wie man annahm, die allgemeine
 Feindseligkeit gegen das System mildere.
Hieraus entstand eine ungebührliche, gereizte Kritik
seiner Persönlichkeit. Er gab nur gerade genug aus, um
sich einen behaglichen Wohnsitz in der fünften Avenue
zu gestatten; abgesehen von dieser bescheidenen Ausgabe
war er notorisch sparsam, sogar seine Kleider wurden im
Lande bespöttelt.
Hätte er dem herrschenden Brauch nachgegeben und
sich durch verblüffende Schenkungen oder Stiftungen
(die sich durch weitere Plünderungen wieder einbringen
ließen) den Ruf erkauft, ein Philanthrop und „Wohltäter
der Menschheit“ zu sein, so wäre er unfehlbar anders
beurteilt worden. Er machte jedoch keinen Versuch, die
strenge öffentliche Meinung günstig zu stimmen; zu seiner
Ehre sei gesagt, daß er seinen geizigen Idealen unerschütterlich
 treu blieb; er bewarb sich niemals um Lob,
noch machte er den Versuch, dadurch versöhnlich zu wirken,
        <pb n="7" />
        daß er der Wohltätigkeit oder Philanthropie einen Happen
hinwarf; er betete das Geld ehrlich an, daher fehlte alles
Moralisieren, alles vorgebliche Almosengeben, jede Heuchelei
und jeder Humbug in seiner Charakteranlage.

Der Beginn der Laufbahn

Sage wurde im Jahre 1816 von Farmersleuten in Oneida
County, New York, in Armut und Beschränktheit geboren.
 Man weiß wenig über seine Jugend. Wir erfahren,
 daß er sich als Knabe hauptsächlich nach Geld
sehnte und daß er ein bemerkenswertes Talent für
schneidigen Geschäftsbetrieb entwickelte. Er war in dem
Materialwarenladen seines Bruders kaufmännisch tätig, wo
er, wie wir wohl annehmen dürfen, zweifellos all die vorteilhaften
 kleinen Kniffe in der Behandlung der Kunden
lernte, die man einem tüchtigen Kommis beibringt, von
ihm erwartet und für die man ihn bezahlt. Betrug war
damals wie jetzt der Hebel jedes erfolgreichen Geschäftes.
Zweifellos sparte er sorgfältig — ach, wie sorgfältig —,
und dasselbe taten Zehntausende anderer Kommis, sparsame,
 ehrgeizige Bürschchen, die Geld beiseite legten,
wie man es ihnen wohlwollend geraten hatte. Aber die
Sparsamkeit wirkte bei den meisten von ihnen nicht
richtig; sehr wenige von ihnen wurden reich, wenn sie
auch an jedem einzelnen der regelmäßig vorgeschriebenen
Grundsätze aufs genaueste festhielten. Es ist immer klar
gewesen, daß Sparsamkeit, Mäßigkeit und harte Arbeit
nicht das Rezept sind, um reich zu werden, sonst würden
es viele Millionen von Menschen, die schwer arbeiten
müssen und sparsam und mäßig leben, sofort werden.
Die. üblichen Vorschriften erzeugten keinen Reichtum, das
erfuhren Sages Gefährten. Was also brachte ihm den
Reichtum ?

„Lange, ehe der Flaum auf seinem Kinn erschien, hatte
er in seiner näheren Umgebung den Ruf erlangt, ungewöhnlich
 scharf‘ im..,Losschlagen‘ zu sein.“ So schrieb ein Lobredner,
 dessen Beschreibung, so unbedeutend sie auch sein
mag; doch einen Schlüssel für Sages Verfahren in seinen
27
        <pb n="8" />
        — 418 —

Knabenjahren gibt. Wir erfahren, daß er genug Geld ansammelte,
 um einen eigenen Materialwarenladen aufzumachen,
 und daß er im Jahre 1839 Teilhaber eines Engrosgeschäfts
 für Materialwaren wurde.

Sage und seine Teilhaber ersinnen einen Betrug

Am 112. September 1851 gründeten Sage und zwei an-Jere
 Männer aus Troy unter dem Namen Wheeler, Sage und
Slocum eine Genossenschaft zur Betreibung eines allzemeinen
 Produktengeschäftes in Troy mit einem westlichen
 Hauptgeschäft in Milwaukee unter dem Namen
Wheeler &amp;amp; Co. Diese Genossenschaft führte sich durch
einen denkwürdigen Schwindel ein, der eine der strengsten
Entscheidungen und Drohungen hervorrief, die jemals von
dem obersten Gerichtshof der Vereinigten Staaten ausgesprochen
 worden sind!). Die Firma ersann einen wohllurchdachten
 Plan, um die Gläubiger eines ihrer bankrotten
 Schuldner in Milwaukee zu betrügen; und während
sie mit diesem Verfahren beschäftigt war, täuschte Sage
seine eigenen Teilhaber und betrog sie um den Gewinn
des Schwindels.
Die in dem Bericht über den Fall und in der Entscheilung
 des obersten Gerichtshofs der Vereinigten Staaten
mitgeteilten Tatsachen waren folgende:
Die Firma wurde zum Eigentümer einer Schuldforderung
zegen einen gewissen Alanson Sweet aus Milwaukee, einer
Schuld, die durch Hypotheken auf wertvollen Grundbesitz
 sichergestellt war. Zu diesem Grundbesitz gehörte
ein großes Warenhaus, das Wheeler &amp;amp; Co. gemietet hatten.
Im Oktober 1854 wurde ein Verfahren gegen den bankrotten
 Sweet eingeleitet, um die Verfallserklärung der
Hypothek zu erreichen, und im November 1855 wurde von
dem Gerichtshof von Wisconsin das Urteil gefällt. In dem
Bericht des obersten Gerichtshofes über den Fall hieß es
weiter, daß Wheeler, Sage &amp;amp; Slocum den Wunsch gehabt
 hätten, einen vollständigen Rechtsanspruch auf das

1) Siehe Wallace’s Reports, Supreme Court of the United States, Bd, r,
5, 518—531.
        <pb n="9" />
        — 419 —

verpfändete Grundstück zu erlangen, dessen Wert, als die
Hypothek gegeben wurde, 50000 Dollar betrug. Aber
andere Gläubiger hatten Rechtsansprüche an Sweet, und
Sweet beanspruchte die Summe von 12000 Dollar, die
ihm Wheeler &amp;amp; Co. als dreijährige Miete für das Warenhaus
 schuldeten.
Wenn Sweet eine Klagebeantwortung erfolgreich einbrachte,
 konnte ein vollständiger Rechtsanspruch nicht erlangt
 werden. Auch war es nötig, die anderen Gläubiger
zu täuschen und abzuschrecken. Um das ganze Grundstück
 in ihre Hand zu bekommen, sagte der Gerichtshof,
hielten es Wheeler, Sage &amp;amp; Slocum für notwendig, gewisse
 Ansprüche aufzukaufen und weitere Arrangements
in heimlichem Einverständnis zu treffen. Sage teilte Wheeler
 und Slocum mit, daß dies geschehen könne, wenn man
Alexander Mitchell,. der Sweets Verteidigung in der
Hand hatte, für 10 000 Dollar aufkaufte. Der Bericht des
Gerichtshofes fährt fort:
„Sage war autorisiert, den Vertrag abzuschließen und
Wheeler und Slocum den ihnen zukommenden Anteil in
den Büchern der Firma in Rechnung zu stellen. Derselbe
Vertrag oder ein ähnlicher wurde von Sage mit Mitchell
gemacht und rechtskräftige Ansprüche daraufhin erworben.
Sage jedoch gab, ohne daß Wheeler es wußte,
diesen Vertrag auf und schloß mit Mitchell einen
zu seinem eignen Vorteil ab. Das verpfändete Grundstück
 wurde verkauft, und Mitchell wurde der Käufer, indem
 er Sage unter gewissen Bedingungen ein Drittel des
Anteils überließ; dies geschah, wie erwähnt, ohne Wheelers
und Slocums Wissen und mit Verletzung ihrer Rechte.
Die verpfändete Schuld wurde auf 24 000 Dollar festgesetzt,
 und zwei Drittel dieser Summe von Sage an Wheeler
 und Slocum ausgezahlt, da dies, wie er (Sage) sagte,
das Beste sei, was man tun könne, und dies wurde auch
unter dieser Voraussetzung von Wheeler und Slocum angenommen*““‘1).


1) Ebenda Ss 619.
        <pb n="10" />
        420 —

Sage betrügt seine Teilhaber

Doch war, so fuhr der Gerichtshof fort, wie Wheeler
herausfand und berechnete, von dem verpfändeten Besitz
genug verkauft worden, um 105000 Dollar einzubringen,
und dazu kam unverkaufter, noch in Mitchells Hand
befindlicher Besitz im Werte von 27 000 Dollar?).
Auf der üblichen gesetzlichen Grundlage, daß, wenn ein
Partner durch Betrug einen Vorteil erlangt, er als Güterverwahrer
 des betrogenen Partners zu betrachten ist und
Rechenschaft ablegen muß, brachte Wheeler eine Klage
gegen Sage ein. Er brachte vor, daß er Sage für sich (Wheeler)
 für ein Drittel des verpfändeten, noch unverkauften
oder in Mitchells Händen befindlichen Besitzes und für
ein Drittel des Erlöses aus dem schon verkauften Besitz
 zum Bevollmächtigten eingesetzt hätte,
Der oberste Gerichtshof der Vereinigten Staaten erklärte
 das ganze Verfahren für betrügerisch; während Wheeler,
 Sage und Slocum sich erfolgreich zusammengetan
hätten, um Sweets zahlreiche andere Gläubiger zu betrügen,
habe Sage seine eigenen Partner überlistet und betrogen,
Sie seien darauf ausgegangen, einen Grundbesitz im Werte
von 50 000 Dollar auf betrügerische Weise für 30 000 Dollar
zu erwerben, und hätten Sage bevollmächtigt, dies heimliche
 Einverständnis zur Ausführung zu bringen. Sage habe
später den. Vertrag mit Mitchell aufgegeben und sich heimlich
 selbst „zum Schaden der ‚anderen Beteiligten“ einen
Vorteil gesichert.
In der weiteren Darlegung der gerichtlichen Entscheidung
 fährt Richter Davis fort:
„Das Beweismaterial dieses Falles, das hauptsächlich aus
zwischen Wheeler und Sage gewechselten Briefen besteht,
zeigt ganz klar, daß ein Plan entworfen war, um einen
Rechtsanspruch auf das Grundstück zu erlangen, und daß
Sage der handelnde Beauftragte zur Ausführung dieses Planes
war; daß der Plan aber aus unaufgeklärten Gründen scheiterte....
 Alle Teilhaber blieben in dem Glauben, daß die
Verhandlungen mit Mitchell erfolgreich sein würden,
1) Ebenda S. 519.
        <pb n="11" />
        AT

aber.... Sage ließ den Gedanken, das Grundstück auf gemeinschaftliche
 Kosten zu kaufen, fallen und verhandelte
mit Mitchell im eigenen Interesse .... Der Warenhausprozeß,
 wie er an einer Stelle des Berichtes genannt wird,
ist für die beteiligten Parteien durchaus nicht ehrenvoll, und
es ist überraschend, daß sie den Wunsch haben konnten, ihn
durch ein gerichtliches Verfahren öffentlich bekannt zu
machen .... Der Plan bestand darin, das Grundstück
dadurch zu erlangen, daß man seinen Wert durch Eintragung
 rechtskräftiger Ansprüche von hohem nominellem
Betrag heruntersetzte und andere Gläubiger täuschte und
abschreckte. Der Gerichtshof in Wisconsin, der die Hypothek
für verfallen erklärte, war getäuscht, und es war ein Komplott
geschmiedet worden mit dem Ziel und der direkten Absicht,
 sich den Rechtsanspruch auf das wertvolle Grundstück
 eines zahlungsunfähigen Schuldners auf Kosten und
mit Preisgabe seiner anderen Gläubiger zu sichern“.
Der Gerichtshof weigerte sich, nach der einen oder der
anderen Richtung ein Urteil zu fällen, mit der Begründung,
daß eine Partei, die sich auf ein ungesetzliches Verfahren
eingelassen hätte, nicht, nachdem sie selbst betrogen worden
 war, von einem „Billigkeitsgerichtshof‘“ Genugtuung
erwarten könne. „Ein solches Verfahren ist gegen das gute
Gewissen und die gute Moral und kann von keinem Billigkeitsgerichtshof
 gutgeheißen werden .... Es ist gegen den
Zweck der Gesetze, in einer solchen Streitsache einer der
beiden Parteien zu helfen!).“ Die Wirkung dieser Entscheidung
 war, daß Sage im Besitz des Ertrages seiner
schwindelhaften Operationen blieb.
Sieben Jahre lang bekleidete Sage die Ämter eines Alderman
 von "Troy und eines Schatzmeisters der Rensselaer
County. Jetzt erhalten wir den ersten klaren Einblick in
die Art und Weise, wie er seine ersten ansehnlichen Geldmittel
 zusammenbrachte. Es geschah nicht dadurch, daß
er nach Maß und Gewicht Handel trieb, auch nicht durch
kleinliche Betrügereien, sondern durch ein Geschäft, bei
dem er als öffentlicher Beamter die Stadt Troy verleitete,
 ihm für eine kleine Summe eine Eisenbahnlinie zu
1) Ebenda S, 530f£.
        <pb n="12" />
        422 —

verkaufen, die er später nach einem vorgefaßten Plan ‚an
die New York Zentral-Vereinigung mit großem Nutzen
verkaufte.

Wie Sage seinen ersten großen Reichtum zusammenraftte

Es gibt nichts Unklares oder auf Vermutung Begründetes
in diesem einleuchtenden Unternehmen; die Tatsachen sind
in den öffentlichen Berichten authentisch verzeichnet.
In den Jahren 1840—1843 fing die Stadt Troy an, auf
5ffentliche Kosten eine 21 Meilen lange Eisenbahn bis
Schenectady zu bauen. Die Stadt Troy nahm dafür in den
Jahren 1837 und 1847 im ganzen 650 000 Dollar auf, und
im Jahre 1840 lieh der Staat New York der Stadt Troy
[00 000 Dollar; dies machte im ganzen 750 000 Dollar für
den Bau .und die Ausrüstung der Troy und Schenectady-Eisenbahn
 aus. Es war eine Zeit, in der die Kapitalisten,
untätig zusehend, vielen Stadtbezirken und einigen Staaten
gestatteten, Eisenbahnen zu bauen und eine Zeitlang zu
betreiben, um dann, nachdem viele Millionen öffentlichen
Geldes ausgegeben worden waren, Wege zu ersinnen, um
selbst das Besitzrecht in die Hand zu bekommen. Das
taten sie, indem sie im Gemeindebesitz befindliche Eisenbahnen
 entwerteten und lahmlegten und öffentliche Beamte
 verführten, sie ihnen für verhältnismäßig unbedeutende
 Summen zu verkaufen oder zu verpachten. Dies
war ein beliebtes Verfahren in jener Zeit und wurde mit
zroßem Erfolge betrieben.
Die Aufgabe, sich mit modernen Transportmitteln zu
versorgen, fiel oft den Gemeinden zu, da kein Kapitalist
lie Initiative bei irgendeinem Unternehmen ergreifen
wollte, bei dem er nicht sofort beträchtlichen Gewinn sah.
Das Ziel der Gemeinden war Nutzbringung, das des Kapitalisten
 Profit. Gemeinden pflegen niemals eine Betrachtung
 darüber anzustellen, ob eine Eisenbahn Gewinn bringen
wird; die einzige sie leitende Erwägung ist das öffentliche
Bedürfnis. Was die Leute gefügig machte, privaten Eisenbahngesellschaften
 große Geldsummen zu leihen oder zu
stiften, war der Gedanke, daß Eisenbahnen eine öffentliche
        <pb n="13" />
        — 423 —

Notwendigkeit sind, ob sie nun für öffentliche Kosten oder
privatim gebaut werden.
Da die größere Zahl der Eisenbahnen privaten Gesellschaften
 gehörte, war es ihnen, wenn sie es darauf anlegten,
nicht schwer, in öffentlichem Besitz befindliche Eisenbahnen
bankrott zu machen. Sie konnten dies leicht tun, indem sie
den Fracht- und Passagierverkehr ablenkten und störten oder
öffentliche Beamte verführten, ihn schlecht zu leiten.
Dieser Kampf der öffentlichen und privaten Interessen
endete immer mit dem Siege letzterer; notwendigerweise,
weil öffentliche Wohlfahrt und privater Nutzen nicht
zusammenpaßten, weil das eine der Gegensatz vom anderen
war, und auch, weil die leitenden Beamten entweder zu
den begüterten Klassen gehörten oder ihnen verantwortlich
oder untergeordnet waren.
Auf diese Art wurde auch der Feldzug gegen die Troyund
 Schenectady-Eisenbahn eröffnet. Kleine abgesonderte
Fisenbahnen waren im besten Falle etwas Ungewöhnliches;
 die wirtschaftliche Entwicklung verlangte eine von
zwei Lösungen; entweder wurden diese Bahnen einem
großen öffentlichen oder einem großen privaten Eisenbahnsystem
 einverleibt. Ohne Zusammenhang waren sie verschwenderisch,
 unbequem und unsystematisch. Diese Grunderfahrung
 muß man bei jeder Tatsachendarstellung im
Auge behalten.
Unter den Eisenbahnkapitalisten setzte die Bewegung
zur Verbindung und Vereinigung ungefähr im Jahre 1850
ein. Im Staate New York kam im Jahre 1851 eine Vereinigung
 verschiedener Bankiers, Landbesitzer und Politiker
zu dem Schlusse, daß es ein ausgezeichnetes Unternehmen
sein würde, viele von den getrennten kleinen Eisenbahnen
in New York zu einem zentralisierten System zu vereinigen.
Sie wurden allerdings nicht von Besorgnis für das Gemeinwesen
 getrieben; sie waren weit davon entfernt; für sie bedeutete
 das Gemeinwesen nur ein Raubgebiet. Auch kamen
ihnen die wirtschaftlichen Kräfte kaum zum Bewußtsein,
 die hinter ihrem Unternehmen standen. Der einzige
 sie treibende Gedanke war, die kleinen Eisenbahnen
für unbedeutende Summen aufzukaufen und dann eine
        <pb n="14" />
        424

Gesellschaft zu organisieren und jene Eisenbahnen der
Gesellschaft mit ungeheuren Gewinnen zu verkaufen.
Trotz alledem leisteten sie dem Gemeinwesen durch die
Ausführung ihrer Zentralisationsbewegung einen notwendigen
 Dienst, wie hoch das Volk ihn auch hat bezahlen
müssen. Man kam überein, daß die Troy- und Schenectady-Eisenbahn
 eine der in diese Verbindung einzuschließenden
Bahnen sein sollte.

Eine betrogene und geplünderte Stadt

Wie war die Stadt Troy dazu zu bringen, ihre Eisenbahn
an die Clique der Projektenmacher zu verkaufen? Das war
das Problem. Es beunruhigte sie nicht lange. Russel Sage
unternahm es, diesen Teil des Handels auszuführen. Er
war zu dieser Zeit ein führendes Mitglied des Gemeinderates
 von Troy und für diese Stadt einer der Direktoren in
der Verwaltung der Troy- und Schenectady-FEisenbahn. Es
wird einleuchten, daß sein erster Schritt darin bestand, eine
dauernd schlechte Leitung der Eisenbahngeschäfte zu
veranlassen, um so Mißstimmung, wenn nicht sogar Widerwillen
 gegen das Weiterbestehen des öffentlichen Besitzes
 und Betriebes hervorzurufen. Sehr geschickt führte
er sein Werk des Unterminierens und Untergrabens aus —
so geschickt und verstohlen, daß kein Verdacht seiner
Mitschuld erweckt wurde. Dann wurde bei der Bevölkerung
 in geschickter Weise eine ungünstige Stimmung
gegen das Festhalten der Stadt an der Bahn erregt; öffentliche
 Bittschriften, die unvorteilhafte und unbefriedigende
Bahn zu verkaufen, fingen an, bei dem Gemeinderate einzulaufen.

Was tat der Gemeinderat nun? Er setzte eine Kommission
 zur Erwägung der Verkaufsfrage ein; Sage war das tätigste
 Mitglied dieser Kommission. Er war so tätig, daß
der Bericht der Kommission sich für den Verkauf der Eisenbahn
 erklärte. Der Antrag wurde allerdings nur mit einer
Stimme durchgebracht; Sages Stimme gab den Ausschlag.
 Dann wurde am 24. Januar 1853 eine andere Kommission
 vom Gemeinderat eingesetzt. Die ihr zuer-
        <pb n="15" />
        ‘nr
A

teilte Aufgabe war, das Anlagekapital, die Konzession und
das Eigentum der Eisenbahn für nicht unter 200000 Dollar
zu verkaufen. Wer war es, der wunderbarerweise auch in
dieser zweiten Kommission unter den Mitgliedern an erster
Stellestand? Der phänomenal fleißige Alderman Sage. Und
als die Eisenbahn schließlich verkauft wurde, wer war es, der
sie kaufte ? Eine Gesellschaft, an deren Spitze Sage stand, und
es war Sage, der ihr Präsident wurde!). Die Verkaufsbedingungen
 waren außerordentlich überlegt; 50 000 Dollar
sollten sofort gezahlt werden, der Rest in vierzehn Jahren.

Eine kleine Gratifikation von 8 Millionen Dollar

Ein ganz rechtmäßiges Verfahren, könnte der Verteidiger
sagen; nach dem Gesetz jedoch bedeutete es eine gesetzwidrige
 Handlung im Amte; in mehreren Städten war manch
ein Beamter wegen weniger schändlicher "Taten entlassen
worden. Jenes Verfahren wurde allgemein als ein starkes
Stück von Verderbtheit angesehen; es geschah aber nichts,
um seinem Erfolge oder größerer Verderbtheit, die noch
folgte, entgegenzutreten. Nachdem Sage die Troy- und
Schenectady-Eisenbahn unter der Form des Gesetzes ergattert
 hatte, verkaufte er sie für ungefähr 900 000 Dollar
an die Gesellschaft von Kapitalisten, die den Zentral-Eisenbahn-Verband
 von New York bildete. Obgleich für
die Bahn erst 50000 Dollar bar bezahlt worden waren, veräußerten
 sie Sage und seine Genossen nicht nur für den
vollen Kapitalswert von 650 000 Dollar, sondern sie erhielten
 auch als Entgelt eine Prämie von 25 Prozent jener
Summe in New York-Zentral-Obligationen. Bei dieser
Entstehung der New York Zentral wurden 8 Millionen
Dollar in Obligationen (alle nur auf „Verwässerung‘ beruhend)
 als Gratifikation unter die Eigentümer der verschiedenen
 in die Konsolidierung eingeschlossenen Eisenbahnen
 verteilt?); kein unbedeutender Teil dieser 8 Millionen
 war Sages Anteil an der Beute.
1) Siehe Investigation of the Railroads of the State of New York, 1879, Bd. 5,
S. 28—
% e gesetzliche Untersuchung des „Hepburn Committee‘ von 1879 beschäftigt
 sich mit der Geschichte dieser Kapitalsverwässerung. Ein Bericht über das
        <pb n="16" />
        — 426 —

Wie groß auch später das Geschrei der Bevölkerung von
Troy über die unbarmherzigen Erpressungen der New
York-Central-Eisenbahn sein mochte, Sage wurde jetzt
noch mehr als „hervorragender Bürger“ ausposaunt als
je zuvor, als ein Bürger von außerordentlichem Verdienst,
von Solidität und Ansehen. Die ruhmreiche und patriotische
 Beschäftigung als politischer Geschäftsmann mit ihrem
 Bereich günstiger Gelegenheiten hatte sich als sehr
sinträglich erwiesen. Doch Sage überlegte, daß die Hauptstadt
 des Landes noch bessere Aussichten biete. Demzemäß
 ließ ihn die bestechliche politische Clique von Troy,
deren Führer er war, in den Kongreß wählen; dort übernahm
 er im Dezember 1853 seinen Sitz und wurde im Jahre
1854 wiedergewählt.
Das war die Periode, in der Gesetze über Gesetze erlassen
wurden, die den Eisenbahngesellschaften entweder öffentlich
 oder auf Umwegen Geld und Land zuerkannten und
anderen Gesellschaften und einzelnen Kapitalisten verderbliche
 Machtbefugnisse und Vorrechte der verschiedensten
Art erteilten. In dem einen Jahre 1856, ganz abgesehen
von anderen Jahren, erließ der Kongreß wenigstens dreißig
Bisenbahn- und Landbewilligungsgesetze zum Nutzen ebensovieler
 verschiedener Eisenbahngesellschaften — Gesetze,
durch welche diese Eisenbahngesellschaften in den Besitz
von über 10 Millionen Morgen öffentlichen Landes kamen.
Die zur Durchbringung dieser Gesetze angewandten Bestechungen
 bildeten eine der größten Skandalaffären der Zeit
and führten zur Einsetzung zahlreicher Kongreß- und Staatsantersuchungskommissionen.
 Es gab wenige Mitglieder des
Kongresses und der gesetzgebenden Körperschaften — das
zeigte sich überreichlich —, die nicht, sei es in Geld oder in
Aktien oder Hypotheken, Bestechungen annahmen.
Wenn Sage sich im Kongreß auch kaum bemerkbar
machte und eine ziemlich vollständige Null im öffentlichen
Leben war, so trat er doch in um so wirksameren und engeren
 Zusammenhang mit vielen der erwähnten reichen Eisen-Troy-Geschäft

 von F. W. Powell mit dem Titel: „Two Experiments in Public
Ownership of Steam Railroads‘‘, erschien in den „Quarterly Journal of Economics‘‘
 in der Ausgabe vom November 1908,
        <pb n="17" />
        A

bahnprojekte. Die besonderen Mittel, durch die er es tat,
lassen sich nicht feststellen, aber es ist sicher, daß er, als er
den Kongreß verließ, einer der hervorragendsten „Beteiligten“
 an verschiedenen Eisenbahngesellschaften mit staatlich
 bewilligtem Lande war.

Unbeschränkte Betrügereien und Bestechungen

Die Minnesota- und Northwestern- Eisenbahngesellschaft
 war eine der Eisenbahngesellschaften, die ihre Privilegien
 und ihr Land gerade zu der Zeit erlangten, als Sage
Kongreßmitglied war; das Gesetz ging durch im Anschluß
an massenhafte Betrügereien und Bestechungen. Es gibt
allerdings kein urkundlich beglaubigtes Zeugnis dafür, daß
Sage mit dieser Gesellschaft in Verbindung stand. Aber
es ist doch der Mühe wert, darauf hinzuweisen.
Eine besondere Kommission des Hauses wurde am 24. Juli
1854 beauftragt, die Sache zu untersuchen; und obgleich
 die Kommission einen ausweichenden, weißwaschenden
 Bericht einreichte, so. bewiesen doch die vor ihr abgegebenen
 Zeugenaussagen zweifellos, daß der Wortlaut des
Gesetzes während der Reinschrift im Hause auf irgendeine
Weise betrügerisch verändert worden war. Diese Veränderungen
 verschafften nach der Aussage des Sekretärs des
Minnesota- Territoriums, J. Travis Rosser, der in Rede stehenden
 Eisenbahngesellschaft „Millionen Dollar“. Die
Gesetzesvorlage, wie sie vom Senat kam, hatte die Landbewilligung
 dem Territorium von Minnesota zugesprochen,
nicht der Eisenbahngesellschaft ; wie sie schließlich lautete,
als sie Gesetz geworden war, enthielt sie die im Hause eingefügten
 betrügerischen Änderungen!). Robert W. Lowber,
 ein Aktionär, erklärte, daß während der Debatte über
die Vorlage Arrangements getroffen wurden, durch welche
der Widerstand verschiedener ihrer Gegner aufgekauft
wurde, eine Behauptung, die die Beschuldigten in Abrede
stellten?). — Die Majorität einer neuen Kommission, die

1) Reports of Committees, 33. Congress, First Session, Bd. 3, Rep. Nr. 352, 30.
2) Rep. Nr. 352, 1854, 35. Dieses Gesetz wurde später aufgehoben. Siche Kap. 2.
Lowber war eine Zeitlang stellvertretender Präsident dieser Gesellschaft. Er war
        <pb n="18" />
        — 428 —

am 10. Juli 1854 eingesetzt wurde, um die Anklagen über
Bestechungen zu untersuchen, berichtete: Die Unterzeichneten
 glauben, daß durch Zeugenaussagen klar festgestellt
 ist, daß Geld reichlich benutzt wurde, um das
Durchgehen von Vorlagen sicherzustellen, und sie glauben
 durchaus, daß noch viel mehr Beweise hätten verschafft
werden können, wenn der Kommission Zeit gelassen worden
wäre, eine gründlichere Untersuchung der "Tatsachen vorzunehmen?!).


Die unternehmenden Fabrikbesitzer

Die Kommission fand heraus, daß Samuel Colt, der
Gründer eines auf der Fabrikation von Feuerwaffen beruhenden
 Vermögens, an Dickerson, seinen Advokaten, und
einen seiner Lobbyisten bei einer Vorlage zur Verlängerung
seiner Patentrechte, deren Frist abgelaufen war, wenigstens
15 000 Dollar zur Bestechung der vorhandenen Opposition
im Kongreß gezahlt hatte. Die Zeugenaussage zeigte, daß
alles in allem ungefähr 60 00o Dollar zur Durchsetzung
der Vorlage ausgegeben worden waren. Ein anderer Lobbyist,
Jere Clemens, der auch die Verteilung von Colts Bestechungsgeldern
 besorgte, war, wie er unter Eid zugab, gleichzeitig
 Lobbyist für verschiedene Eisenbahngesellschaften,
die Landbewilligungen nachsuchten, und für eine Vorlage
ähnlich der Colts zur Verlängerung der Patentrechte für

oin notorisch bestechlicher New Yorker Stadtpolitiker und erwarb gerade zu jener
Zeit bedeutende Summen durch betrügerischen Landverkauf an die Stadt New York
zu enorm hohen Preisen. („The History of Tammany Hall“, S. 216.) Lowber
verkaufte bei einer dieser Gelegenheiten auf ungesetzliche Weise Land an die Stadt
New York für 196 000 Dollar, die der Kontrolleur sich zu zahlen weigerte mit der
Begründung, daß diese Summe fünf- oder sechsmal größer sei als der Wert des Landes.
 Lowber erhielt vor Gericht ein Urteil gegen die Stadt und war im Jahre 1858,
3ls der Revisor sich weigerte, ihn zu befriedigen, im Begriff, die Stadthalle von New
York durch Auktion verkaufen zu lassen, als Bürgermeister Tiemann das Verfahren
anhielt und die notwendige Summe aufbrachte. Immerhin waren die Gemälde und
Standbilder der Stadthalle bereits verauktioniert und von dem Sekretär Tiemanns
gekauft worden.
Andere Beamte der Minnesota- und Northwestern-Eisenbahngesellschaft waren
ebenso notorische New Yorker Lobbyisten (Leute, die den Vorsaal des Kongresses
besuchen, um Mitglieder zu beeinflussen) und gewohnheitsmäßige Bestecher.
1) Reports of Committees, 33. Congress, First Session, Bd. 3, Report Nr. 352, 35.
        <pb n="19" />
        — 420 —

Cyrus H. McCormick?), einen Fabrikanten von Mähmaschinen
 und Gründer eines Vermögens von vielen Millionen.

Wie andere Fabrikbesitzer den Kongreß bestachen,
um Tarifgesetze durchzubringen, das wurde durch die
Untersuchungen einer besondern Kommission des Hauses
aufgedeckt, deren Majorität berichtete, daß speziell eine
Firma, Laurence, Stone &amp;amp; Co. in Boston und New York, die
Besitzer der großen Middlesex-Spinnereien und der ebenso
großen Bay-State-Spinnereien in Massachusetts, 87 000
Dollar an Bestechungsgeldern ausgegeben hatte, um den
Zoll auf Rohwolle und gefärbte Stoffe herabzusetzen?).
Da es ihnen nicht gelungen war, von dem Kongreß,
der politisch zu einem niedrigen Zolltarif verpflichtet war,
einen hohen Schutzzoll für Wollwaren zu erreichen, versuchten
 sie durch Erlangung einer Zollherabsetzung für
Rohmaterial zu demselben Resultat zu kommen. Einer
der Lobbyisten für diese Firma war A. R. Corbin, ein
Schwager des Ulysses S. Grant, derselbe Corbin, den Gould
später für seine Goldmanipulationen in seine Dienste
nahm. Corbin empfing 1000 Dollar Bestechungsgelder
von Laurence, Stone &amp;amp; Co. und machte aus der Tatsache,
daß er für die Illinois Central-Eisenbahn und andere Eisenbahngesellschaften
 regelmäßig gearbeitet hatte, kein Geheimnis.

Dies war, wie man sich erinnern wird, die Zeit, als
Kommodore Cornelius Vanderbilt, E. K. Collins und andere
Dampfschiff-Kapitalisten den Kongreß bestachen, um
Postsubventionen zu erhalten, und Vanderbilt zwei Pacific-Dampfschifflinien
 um jährlich 612 000 Dollar Regierungssubsidien
 betrog. Ebenfalls während dieser Jahre fand
eine Kongreßkommission bei einer Untersuchung heraus,
daß das gesetzliche Privilegium und die Landbewilligung
 der Des Moines Schiffs- und Eisenbahn-Gesellschaft
durch Bestechung durchgebracht worden waren. Wenn
man nach den Berichten dieser verschiedenen Untersuchungs-1)

 Rep. Nr. 352, etc., 20. Es verdient Beachtung, daß Houghton sowohl Colt
wie McCornick in seinen „Kings of Fortune‘ aufführt.
2) Reports of Committees, First Session, 35. Congress, Bd. 4, Report Nr. 414.
        <pb n="20" />
        _ 430 —

kommissionen und den noch bedeutungsvolleren Umständen
 urteilt, die das Ernennen dieser Kommissionen lerforderlich
 machten, so liegt es auf der Hand, daß der Kongreß
 von Betrug und Bestechung triefte, wovon nur wenig
an die Oberfläche durchsickerte, und weitergehend erhalten
 wir gelegentlich einen klaren Einblick, wie die Bezründer
 großer auf Fabrikindustrie beruhender Vermögen
vorgingen.
Da wir eben bei diesem Gegenstande sind, wollen wir
sine Abschweifung machen, um zwei Skandalaffären, die
sich zu dieser Zeit abspielten, besonders zu behandeln.
Es lohnt sich wohl, auf sie hinzuweisen, erstens, weil auch sie
die außerordentliche, in Washington von jeder Gruppe von
Kapitalisten betriebene Bestechung enthüllen, und zweitens,
 weil sie etwas von der Art und Weise zeigen, wie
siner der am höchsten gepriesenen Multimillionäre und
„Philanthropen‘“ der Vereinigten Staaten sein Vermögen
aufbaute.
Dies war William W. Corcoran, ein Bankier in Washington,
 der nach dem Bürgerkriege den Ruf erwarb, einer der
gediegensten und geachtetsten Finanzleute in den Vereinigten
 Staaten zu sein. Während der Jahrzehnte, in denen
Gould und Sage wegen ihrer Betrügereien heftig angeklagt
wurden, ragte Corcoran als ein ruhiger, vorsichtiger Bankier
 und ein Mann von anerkannter, höchst ehrenvoller
Vergangenheit empor. Er war der Hauptteilhaber der
Bankfirma Corcoran &amp;amp; Riggs, hinterließ der Stadt Washington
 2 Millionen Dollar für eine prächtige Kunstgalerie
and gründete auch ein Heim für altersschwache Frauen.

Fin Seitenblick auf einen berühmten Philanthropen

Corcoran war auch einer der vielen Kapitalisten, die
2s fertig brachten, sich mit dem schützenden Mantel der
Fhrbarkeit zu umkleiden. Seine Handlungsweise war jedoch
von derselben betrügerischen Art wie die aller anderen erfolgreichen
 Geldmacher.
Wie diese Handlungsweise wirklich beschaffen war, darüber
kam im Jahre 1854 Beweismaterial ans Licht; es erregte
        <pb n="21" />
        — 431 —

einen solchen Lärm, daß das Repräsentantenhaus sich gezwungen
 sah, einige Untersuchungen anzustellen. Nach
den schriftlich niedergelegten und wiederholt ausgesprochenen
 Beschuldigungen Benjamin E. Greens, einer politischen
Persönlichkeit dieser Zeit, hatte Corcoran öffentliche :Beamte
 in weitgehender Weise bestochen, um aus der Verwaltung
 von Geldern der Vereinigten Staaten und durch
Spekulation mit ihnen große Summen zu gewinnen. Durch
den Vertrag von Guadulupe Hidalgo hatten die Vereinigten
 Staaten eingewilligt, an Mexiko für ein nach dem mexikanischen
 Kriege abgetretenes Territorium eine große Entschädigungssumme
 zu zahlen. Ein Teil dieser Summe war
bis zum Jahre 1850 bezahlt worden, aber eine bedeutende
Summe war noch zu entrichten. Mexiko brauchte das
Geld sehr notwendig und schlug vor, daß die Vereinigten
Staaten es ohne die Vermittlung von Bankhäusern direkt
an die mexikanische Regierung zahlen sollten. Green erhob
 den Vorwurf, daß Corcoran den Vorsitzenden der
Kongreß-Budgetkommission, Thomas H. Bayly, bestochen
habe, den Vorschlag Mexikos fälschlich so darzustellen und
die Angelegenheit so zu leiten, daß die Firma Corcoran
&amp;amp; Riggs zum Vermittler des Geschäfts gemacht würde.
„Bayly,“ so lautete Greens Beschuldigung, „hatte alle Gesetzesvorlagen
 für Geldbewilligung in seiner Hand, und Corcoran
 hatte an den meisten direktes oder indirektes Interesse?).‘“
 Corcoran erhielt auf diese Weise die Verwaltung der
Entschädigungsgelder und machte bei diesem Unternehmen
einen Profit von ungefähr 500 000 Dollar?). Eine besonders
 eingesetzte Kommission des Repräsentantenhauses
gab sich den Anschein, die gegen Bayly erhobene Beschuldigung
 zu untersuchen, und berichtete am 3. August 1854
über den Fall als „nicht bewiesen“.

Der Gardiner-Mears-Schwindel

Gerade zu derselben Zeit war Corcoran auch in eine
Untersuchung der Gerichtskommission. des Hauses ver-1)
 Reports of Committees, 33. Congress, First Session, Vol. 3, Rep. No. 354, 4.
2) Ebenda.
        <pb n="22" />
        _ 432 —

wickelt — einer Kommission, deren Mitglieder zum großen
Teil selbst bestechliche Politiker waren. Der Vorgang,
Jen sie nach dem Beschluß des Hauses vom 6. März 1854
antersuchte, war der große Betrug, den George H. Gardiner
und John H. Mears gegen die Regierung der Vereinigten
Staaten verübt hatten. Durch Meineide, gefälschte Erklärungen
 und Bestechung erlangten diese beiden Männer unter
 der Vorspiegelung, daß ihnen gehöriger Besitz in Mexiko
während des mexikanischen Krieges zerstört worden sel,
von der Regierung der Vereinigten Staaten 581 000 Dollar.
Nachdem das Geld bewilligt worden war, wurden die dem
„verblüffenden Betrug“ (wie eine Kommission des Hauses
sich ausdrückte) zugrunde liegenden Tatsachen öffentlich
“ekannt. Sowohl der Senat wie das Repräsentantenhaus
antersuchten den Vorgang; eine Senatskommission berichzete,
 daß die Ansprüche „falsch und fingiert und die
zuerkannten Zahlungen durch gefälschte und nachgemachte
 Papiere erlangt seien!)““.
Die Bevölkerung der Vereinigten Staaten wurde durch die
Enthüllung dieses kühnen Schwindels in die heftigste
Aufregung versetzt, und der Kongreß hatte wieder einmal
einen krampfhaften Anfall tugendhafter Neugier. Ein
Beschluß ging durch, der die Zurückforderung des an Gardiner
 und Mears ausgezahlten Geldes verlangte. Aber waren
diese Männer die wirklichen Empfänger? Wer hatte das
Geld tatsächlich erhalten? Wer waren die Hauptpersonen,
die hinter dem Betruge standen? Das waren Punkte, die
arforscht werden mußten,
Nach dem Ergebnis der Untersuchung schien es, daß eine
Gruppe von Bankiers und Politikern hinter dem Betruge
standen. Möglicherweise hatten sie ihn angeregt, obgleich
diese allgemeine Annahme nicht bestätigt wurde. Die
Zeugenaussagen zeigten jedoch, daß zu der Zeit, als die
gefälschten Zeugnisse hergestellt wurden, zur erfolgreichen
Durchführung des geplanten Betrugs sehr dringend Geld
gebraucht wurde. Zu diesem Zeitpunkt trat Corcoran in
den Vordergrund. Er lieh als Betriebskapital zur Förderung
des Betrugs 18750 Dollar, obgleich er vor der Untersuchungs-1y
 U. S. Senate Report No. 182, 1854.
        <pb n="23" />
        — 433 -

kommission behauptete, er habe nicht gewußt, daß das
Geld benutzt wurde, um Zeugenaussagen zu gewinnen
und die Kette des Betrugs auch sonst noch zu vervollständigen.
 Aber er gab zu, Robert G. Corvin und Thomas
Corvin, einflußreichen Politikern des Tages, diese 18 750
Dollar geliehen zu haben; er hatte dafür eine Anweisung
auf die Forderung Gardiners als doppelte Sicherheit erhalten
 !). Thomas Corvin wurde später zum Schatzsekretär
 der Vereinigten Staaten ernannt, und auf seine Anordnung
 wurde nach einer vom Kongreß bewilligten Vorlage
 das Geld ausgezahlt. Von den bewilligten 581 875 Dollar
 fiel die Summe von 321 562,50 Dollar nominell auf Gardiners
 Namen, und 107 187,50 Dollar wurden Corcoran
als Gardiners Bevollmächtigtem zugesprochen. Beide Summen
 wurden jedoch Corcoran ausgezahlt und in den Büchern
von Corcoran &amp;amp; Riggs eingetragen und (so steht es in
dem Bericht) „den Beteiligten gutgeschrieben?““). Als Gardiner
 wegen Meineids verklagt wurde, beging er Selbstmord.
 Die Bankiers und Politiker jedoch, deren Werkzeuge
 Gardiner und Mears gewesen waren, hatten sich, wie
kaum zu sagen nötig ist, keinem gerichtlichen, noch irgendeinem
 anderen Verfahren zu unterwerfen, sondern nur einer
freundschaftlichen und ausweichenden Untersuchung. Soweit
 Corcorans Mitschuld in Betracht kam, wurde er von
jeder rechtlichen Verantwortung entlastet.
Es ist anzunehmen, daß Sage aus seinen Erfahrungen in
Washington viel wertvolle Lehren zog; Corcorans besondere
 Art, Bankgeschäfte zu machen, muß ihm die Augen
für allerhand Möglichkeiten geöffnet haben. Wenigstens

1) House Reports, Thirty-third Congress, First Session, Bd. 3, Report No. 369,39.
2?) Ebenda. Es ist hier zu erwähnen, daß Riggs von der Firma Corcoran &amp;amp; Riggs
im Jahre 1868 angeklagt wurde, einen Bestechungsfonds verwaltet zu haben, den
der russische Minister den Vereinigten Staaten gegenüber benutzte, um das
Durchgehen einer Vorlage sicherzustellen, die 7200000 Dollar zum Ankauf
von Alaska bewilligte. Die Kongreßkommission für öffentliche Ausgaben stellte
eine Untersuchung an. Aber da die Mitglieder der russischen Gesandtschaft,
obgleich sie aufgefordert wurden, zu erscheinen und Erklärungen abzugeben,
sich weigerten, dies zu tun, so berichtete die Kommission über die Untersuchung:
„Fruchtlos in bezug auf bejahende oder genügende verneinende Resultate.‘ —
Siche Reports, of Committees, Third Session, Fortieth Congress, 1868-—1869,
Report No. 35.
        <pb n="24" />
        — 434 —
fing Sage, der schon durch die Verbindung von Geschäft
and Politik ein Millionär oder nicht weit davon entfernt
war, jetzt in Troy Bankgeschäfte an und wurde ein Geldverleiher
 und Wucherer im großen Maßstabe.
Es war zu dieser Zeit, daß er als einer der größten Aktionäre
 der La Crosse- und Milwaukee-Eisenbahn auftauchte.
 Er war diesem Projekt ungefähr damals, als er im
Kongreß war, näher getreten, aber die Tatsache wurde
erst mehrere Jahre später bekannt, als er eine gerichtliche
Verfallserklärung beantragte. Der rühmende Biograph in
„America’s Successful Men“ behandelte Sages Verbindung
mit der La Crosse- und Milwaukee-Eisenbahn in folgender
oberflächlicher Art: „Zur Zeit der Panik vom Jahre 1857
war Sage ein bedeutender Gläubiger der La Crosse-Eisenbahn
 .... Um die Darlehen, die er der Bahn gegeben
hatte, sicherzustellen, sah er sich gezwungen, noch größere
Summen vorzustrecken, und dann wurde er durch ein
zur Sicherstellung seines angelegten Geldes angestelltes
Rechtsverfahren Besitzer der Bahn, die später ein Teil der
Chicago-, Milwaukee- und St. Paul-Bahn wurde, deren
Direktor und Vizepräsident Sage zu verschiedenen Zeiten
war.

Die Bestechung eines ganzen Staates

Diese Erklärung liest sich ganz glatt, übergeht aber eine
Menge wesentlicher und aufklärender Details. Man kann
;agen, daß selbst zu einer Zeit, in der Bestechung und Betrug
 so allgemein waren, daß das öffentliche Gefühl Ekel
davor empfand, wohl keine Verhandlung größere Sensation
arregt oder auf das durch fortgesetzte Enthüllungen von
Bestechung ermüdete Volk einen tieferen Eindruck hervorgebracht
 habe, als die von den Besitzern der La Crosseand
 Milwaukee-Eisenbahn ausgeführten großen Diebstähle
 und Bestechungen.
Diese Gesellschaft war von den regierenden Körperschaften
 von Wisconsin in Jahre 1852 ermächtigt worden,
sine Eisenbahn zu bauen, die Wisconsin von Milwaukee
an der östlichen Grenze bis La Crosse an der westlichen
        <pb n="25" />
        435 -

Grenze durchkreuzte. Zwei weitere, in demselben Jahre
angenommene Gesetze gestatteten ihr die Konsolidierung
mit zwei anderen — in anderen Richtungen laufenden —
Eisenbahnen.
Im Juni 1856 genehmigte der Kongreß eine Vorlage, die
Wisconsin gestattete, ungefähr 2 388000 Morgen öffentlichen
Landes in diesem Staate unter die Eisenbahnen zu verteilen.
Der Erlaß dieses Gesetzes war eine von dreißig verschiedenen
 Eisenbahn-Landbewilligungen, die in diesem einen
Jahre genehmigt wurden. Daß sie durch Bestechung durchgebracht
 worden waren, ging aus dem Bericht der Untersuchungskommission
 des Hauses hervor, welche die Ausstoßung
 von vier hervorragenden Kongreßmitgliedern empfahl,
 da sie im Kongreß an der Spitze von Gruppen standen,
 die Bestechungen zugänglich waren!). Die La Crosseund
 Milwaukee-Eisenbahngesellschaft verlor daraufhin keine
Zeit und bestach (und alle anderen Eisenbahnen mit staatlicher
 Landbewilligung taten dasselbe in anderen Staaten)
die regierenden Körperschaften von Wisconsin, ihr eine ungeheuer
 große Landbewilligung zuzugestehen. Was auf die
durch Bestechung erlangte Kongreßakte folgte, wäre
zweifellos niemals an die Öffentlichkeit gekommen, wäre
nicht eine andere Eisenbahngesellschaft mit der La Crosseund
 Milwaukee-Gesellschaft in Wettbewerb getreten, um
von der Regierung in Wisconsin eine noch größere Landbewilligung
 zu erhalten. Da sie in dem Wettkampf geschlagen
 wurde, erhob sie aus Rache die Anklage, daß Bestechung
 verübt worden sei. Der Erfolg war die Einsetzung
einer gemeinsamen Untersuchungskommission beider Häuser
 der regierenden Körperschaften von Wisconsin, und aus
ihrem Bericht, der mehr als 300 Seiten umfaßt und am
13. Mai 1858 eingereicht wurde, kann man die eingehendsten
 Details erhalten.
Diese Kommission berichtete, daß bis zum Jahre 1856
beim Bau der La Crosse- und Milwaukee-Eisenbahn beinahe
 ı 700 000 Dollar von den Direktoren gestohlen wor-1)

 Report of Select Committee appointed to Investigate Certain Alleged Corrupt
Combinations of Members of Congress. — Reports of Committees, 1856—1857,
Bd, 2, Report No. 246.
        <pb n="26" />
        — 436 —

den seien. Ein hierzu eingeschlagenes Verfahren bestand
darin, mit sich selbst für den Bau ihrer Bahnen Kontrakte
mit übermäßigen Forderungen abzuschließen, ein anderes
darin, Baurechnungen zu fälschen, ein drittes darin, Land
als Privatperson zu kaufen und der Gesellschaft zu übertrieben
 hohem Preise zu verkaufen. Dieses betrügerische
Verfahren war überall in den Vereinigten Staaten unter
den Eisenbahndirektoren gebräuchlich. Nach dem Befund
der Kommission hatten die Direktoren der La Crosse- und
Milwaukee-Eisenbahn, die sich aus Wallstreet-Bankiers und
New Yorker Politikern zusammensetzten, die Aktien, Obligationen
 und das Eigentum der Gesellschaft so auszeplündert,
 daß sie in einen bankrotten Zustand versetzt
 worden war. Um die Gesellschaft aus diesem
Zustande zu erretten und die Direktoren vor Strafverfolgung
 wegen Betrugs und Raubes zu bewahren, war es daher
dringend notwendig geworden, einen Plan zur Erlangung
großer Landbewilligungen zu ersinnen. Sage gehörte zu
dieser Zeit nicht zu den Direktoren; sein Besitz bestand,
wie es schien, in Aktien und Obligationen; er hielt sich im
Hintergrunde und arbeitete durch Vermittler.

300000 Dallar für Bestechungen, um eine Vorlage durchzubringen

Um diese Landbewilligung, die aus ungefähr ı Million
Morgen bestand, zu erlangen, verführten die Direktoren
der La Crosse- und Milwaukee-Eisenbahn nicht nur einige
Mitglieder der regierenden Körperschaften, sondern tatsächlich
 die ganzen regierenden Körperschaften, den Gouverneur
 und andere Staatsbeamte und eine große Anzahl
von Redakteuren und Politikern. Diese allgemeine Beste-‚hung
 eines ganzes Staates, verbunden mit Plündern, Rauben
und mannigfachem Schwindel, war es, die einen so ungewöhnlich
 tiefen Eindruck auf die öffentliche Meinung
hervorbrachte; die Zeitungen, die im allgemeinen den Berichten
 über Bestechungen nur spärlichen Raum gestatteten,
öffneten bei dieser Gelegenheit in offenbarem Verständnis
für die Art des Skandals ihre Spalten und veröffentlichten
lange, in einigen Fällen in kleinerem Druck anderthalb
        <pb n="27" />
        437

Seiten füllende Auszüge aus dem Bericht der Kommission.

Mehr als 800 000 Dollar in Obligationen und Geld —
aber hauptsächlich in Obligationen — waren, so berichtete
die Kommission, als Bestechungsgelder gezahlt worden, um
die Landbewilligungsvorlage des Jahres 1856 durchzubringen.
 Dies war indessen eine zu niedrige Schätzung. Nach
dem Bericht des Präsidenten der La Crosse- und Milwaukee-Eisenbahngesellschaft
 kostete das Durchbringen dieser
Vorlage ı Million Dollar in Obligationen?). Der Präsident
der Gesellschaft beklagte in seinem Jahresbericht von 1858
die Tatsache, daß das Durchbringen der Landbewilligungsvorlage
 die Gesellschaft so viel gekostet habe. Er gab die
einzelnen Posten der Ausgabe ausführlich an. Der erste war
die kurze, aber vielsagende Eintragung: „Bauobligationen
für 1862, ausgegeben zur Erreichung von Privilegien:
100 000 Dollar.“ Der zweite in der Ausgabenliste zur Erlangung
 von Landbewilligungen aufgeführte Posten bestand
 in weiteren 100000 Dollar zur Erwerbung und
Abfindung der St. Croix- und Lake Superior-Eisenbahn,
der 847 000 Morgen öffentlichen Landes zuerkannt worden
waren?). Eine dritte Eintragung lautete: „Aktien, ausgegeben
 zur Erlangung von Privilegien in Madison (der Hauptstadt
 von Wisconsin): 90 000 Dollar®).‘“ Ein vierter Posten
bestand in 210 000 Dollar „für Dienste“ zur Erlangung des
Privilegiums für eine Zweigbahn, genannt die Milwaukeeund
 Watertown-Eisenbahn*).
So groß diese Ausgaben auch waren, so waren sie doch im
Vergleich mit dem Werte der errreichten Landbewilligungen
 unbedeutende. Der Jahresbericht der La Crosseund
 Milwaukee-Eisenbahngesellschaft von 1857 enthielt
einen Rechenschaftsbericht des Landkommissars von Wisconsin,
 der hervorhob, daß die zuerkannten Flächen reiches
Acker- und Bauholzland seien, und ihren Wert auf 17 345600
Dollar schätzte. Siebzehn Millionen Dollar für die Aus-1)
 „The Sixth Annual Report of The La Crosse and Milwaukee R. R. Company‘.
 New York 1858, 16.
2) „Sixth Annual Rep., La Crosse and Milwaukee R. R.“, 16. %) Ebenda,
*) Ebenda, 5) „The Fifth Annual‘Report of The La Crosse and Milwaukee
R, R. Co., 1857,“ 35 und 100,
        <pb n="28" />
        438 —
gabe von ı Million Dollar an Bestechungen war kein
schlechtes Geschäft.

Betrügerische und räuberische Taten obnegleichen

Aber wir wollen wieder auf den Bericht des allgemeinen
 Gesetzgebungsausschusses von Wisconsin zurückkommen.
 Er berichtet, daß für die Durchbringung der
Landbewilligungsvorlage von 1856 175000 Dollar in Obligationen
 an dreizehn, namentlich aufgeführte Senatoren
verteilt worden seien, zwischen 10 000 und 20 000 Dollar
für die Person; daß 355000 Dollar in Obligationen an
siebzig, namentlich aufgeführte Mitglieder des Repräsentantenhauses
 als Bestechungen gezahlt worden seien —
eine durchschnittliche Bestechungssumme von 5000 Dollar
 —, daß 50000 Dollar in Obligationen an Coles Bashford,
 den Gouverneur von Wisconsin, 16000 Dollar an
andere Staatsbeamte und 246000 Dollar in verschiedenen
Posten an gewisse, namentlich aufgeführte Redakteure
and andere einflußreiche Persönlichkeiten ausgezahlt worden
 seien?).
Die Kommission berichtete, daß die Bestechenden, um
die Tatsache der Bestechung zu verbergen, einen geheimen,
schriftlichen Kodex benutzten. Dieser Kodex wurde jedoch
 verraten. Die Kommission macht die Bemerkung:
„Die Bestechung oder das ‚Aufkaufen‘ einer großen Majorität
 der gesetzgebenden Körperschaft von 1856 erscheint
im Hintergrunde als eine harmlose "Tatsache, während der
bei dem Versuch, das Verfahren vor der Möglichkeit der
Entdeckung zu bewahren, entwickelte Scharfsinn so höchst
aigenartig ist, daß er Aufmerksamkeit erregt. Die Handelnden
 scheinen die Tatsache nicht in Erwägung gezogen
zu haben, daß kein Deckel jemals groß genug gewesen ist,
um sich selbst ganz zu bedecken ?).“

1) Reports of the Joint Select Committee Appointed to Investigate Into Alleged
Frauds and Corruption in the Disposition of the Land Grant by the Legislature of
1856 and for Other Purposes; Appendix to (Wisconsin) Senate and Assembly
Journals, 1858.
2) Ebenda 47. In Wisconsin, ebenso wie in anderen Staaten, wurden sehr viele
Farmer offenkundig ausgeraubt. Die Beraubung der Nation, der Staaten, Kreise,
        <pb n="29" />
        — 439 —

. „Das Beweismaterial,“ schließt die Kommission, „stellt
die Tatsache fest, daß die La Crosse- und Milwaukee-Eisenbahngesellschaft
 sich zahlreicher und beispielloser Taten
von Mißwirtschaft, grober Pflichtverletzung, von Betrug
und Raub schuldig gemacht hat. In der Tat sind Bestechung
 und Ausplünderung im großen ihre allgemeinen
charakteristischen Merkmale*).“
Die von der La Crosse- und Milwaukee-Eisenbahngesellschaft
 erlangten großen Landbewilligungen waren nicht
die einzigen Schenkungen in den gesetzgeberischen Handlungen
 des Jahres 1856. Als Körperschaft war die Gesellschaft
 für immer steuerfrei, und auch das bewilligte Land
wurde für zehn Jahre von der Steuer befreit — eine genügend
 lange Zeit, um es seines Bauholzes zu berauben oder
zu verkaufen. Ungeachtet aller gesetzlicher Schenkungen
und anderer sehr wertvoller Stiftungen von Städten und
Kreisen wurde die Eisenbahn so vollständig ihres Geldes
und ihrer Hilfsmittel beraubt, und es war zur Zeit der
Panik des Jahres 1857 so schwer, Geld aufzubringen, daß
sie zum Bankrott gezwungen wurde?).
Stadtverwaltungen und einzelner Persönlichkeiten fanden gleichzeitig statt.
Von den Bestechungen und Betrügereien bei der Milwaukee- und Superior-Eisenbahngesellschaft
 berichtete eine Untersuchungskommission, daß viele Farmer
im Milwaukee-Distrikt und in anderen Teilen von Wisconsin auf ihre Farmen
Hypotheken aufgenommen hätten, um sich das Geld zum Kauf von Eisenbahnaktien
zu verschaffen. Diese Farmer „waren sehr bestrebt, den Bau einer Bahn zu unterstützen,
 von der sie annahmen, daß sie ihnen persönlich und auch dem Gemeinwesen
Nutzen bringen würde‘. Viele waren Deutsche, „vertrauensselige, unverdorbene
Leute“. Die Kommission fährt fort: „Ein Schwarm dieser Geier, als ‚Aktienhändler‘
 bekannt, wurde unter das Volk gesandt, und, wie das hier bewiesene Resultat
 zeigt, wurden viele arme und würdige Leute ihrer ganzen Habe beraubt,
und wenn ihnen nicht auf irgendeine Weise geholfen wird und die erwähnten
Hypotheken rechtskräftig sind, werden sie bald ihrer Häuser beraubt werden.“ .. 7
Report of Select Committee Appointed under Resolution No. 128, Assembly, to
Investigate the Affairs of the Milwaukee and Superior Railroad Company, Appendix
to Assembly Journal, Wisconsin, TO—11,
1) Report of the Joint Select Committee etc., Appendices to (Wisconsin) Senate
and Assembly Journals, 1858, 47. en
?) In der Zeugenaussage vor der besonderen gemeinsamen Kommission von
Wisconsin vom Jahre 1858 wurde Sages Name in keiner Weise genannt. Es ist
jedoch sicher, daß Sage im Jahre 1857 ein Hauptbesitzer der La Crosse- und
Milwaukee-Eisenbahn war. Die Untersuchungskommission berichtete über folgende
Zeugenaussage des Aktionärs Prentiss Dow: „Im August und September „1857
waren in New York häufig Gerüchte im Umlauf, daß in der geschäftlichen Leitung
der Gesellschaft große Betrügereien begangen worden seien: daß die durch den Sub-
        <pb n="30" />
        440 —

Nun geschah es, daß Sage, wie seine biographischen
Schilderer sich ausdrücken, in den Vordergrund trat, um
„seine Interessen zu schützen“, Wie er es tat, erzählen
sie nicht, aber die gerichtlichen Protokolle der Zeit beschreiben
 sein Verfahren in bemerkenswert einfacher Sprache, ja
in klaren Auseinandersetzungen. Es schien, daß Sage die
ganze Zeit vorgeschobene Direktoren und Vermittler benutzt
 hatte; d. h., er hatte verschiedene Leute als nominelle
 Besitzer und führende Leiter vorgeschoben, während
er im verborgenen tatsächlich der herrschende Besitzer
und die führende Persönlichkeit war. Diese Tatsache trat
in zahlreichen Klagen hervor, die dem obersten Gerichtshof
 der Vereinigten Staaten zugingen, und den Berichten
dieses hohen Gerichtshofes sind gewisse Einzelheiten entnommen.


Betrügerische Obligationen und betrügerischer Verkauf

Sage war dem Wesen nach der Besitzer einer an dritter
Stelle stehenden Hypothek von 2 Millionen Dollar, die zur
Deckung des sich von Milwaukee nach Portage City oder
über die halbe Breite von Wisconsin erstreckenden östlichen
Zweiges der La Crosse- und Milwaukee-Eisenbahn ausgegeben
 war. Der oberste Gerichtshof der Vereinigten Staaten
 hob in seiner Darlegung des Falles im Jahre 1867 hervor,
 daß für diese 2 Millionen Dollar in Obligationen nicht
mehr als 280 000 Dollar bar bezahlt worden seien. „In der
Tat,“ sagte der Gerichtshof, „beträgt die wirklich gezahlte
Summe nur wenig mehr als 150 000 Dollar‘“1). Durch ein,
wie sich der Gerichtshof ausdrückte, „betrügerisches Übereinkommen“‘,
 das die Aktionäre und Gläubiger der Bahn täuschen
 sollte, wurde dieser dritten Hypothek die Priorität

skriptionsverkauf von Landbewilligungsobligationen aufgebrachten Summen für
andere Zwecke als den Bau der Bahn verwendet worden seien . . . daß der ‚Bericht‘
der Gesellschaft in bezug auf ihre wirkliche Lage unzuverlässig sei. Viele Besitzer
von Landbewilligungsobligationen wurden unruhig und verkauften für den niedrigen
Preis von 20 Cent für den Dollar.‘ — (Appendix to Assembly Journal, Wisconsin,
858, S. 165.) Vielleicht kaufte Sage zu dieser Zeit mehr von den Obligationen.
1) James contra Railroad Company, Wallace Reports, Supreme Court of the
United States 6, 735.
        <pb n="31" />
        verliehen und die Verfallserklärung des Eigentums beantragt.
 Die Berichte des obersten Gerichtshofes zeigen
nicht, wie Sage in den Besitz seiner Obligationen gekommen
war, aber sie machen bekannt, daß auf die betrügerische
Obligationsausgabe ein betrügerischer Zwangsverkauf folgte.
„Von den 2 Millionen Dollar in Obligationen,“ sagte der
Gerichtshof, „wurden nur 200 000 Dollar bar bezahlt. Der
Rest der zwei Millionen war entweder in den Händen einer
der beiden Direktoren oder stand ihnen durch eine betrügerische
 Vereinbarung zur Verfügung“. Der Gerichtshof rügte
die Verfallserklärung als einen durch betrügerische Ankündigung
 zustande gekommenen Verkauf, bei dem nur die
interessierten Parteien gewußt hätten, was vorgehen solle*).
Dieser zwangsweise verkaufte östliche Zweig der La
Crosse- und Milwaukee-Eisenbahn wurde als Milwaukeeund
 Minnesota-Eisenbahn mit Russel Sage als Präsidenten
neu organisiert. Die Verfallserklärung war am 17. August
1857 beantragt worden. Es könnte daher scheinen, als ob
Sage gerade während oder unmittelbar nach der Zeit, als
im Kongreß die Gesetze durch Bestechung durchgebracht
wurden, ein gewichtiger Aktionär geworden war, und daß
er zur selben Zeit oder bald danach, nachdem die La Crosseund
 Milwaukee-Eisenbahngesellschaft den ganzen Staat
Wisconsin mit 800 000 Dollar in Obligationen bestochen
hatte, einer der bedeutendsten Obligationen-Gläubiger
war. Aber wann er mit der Bahn wirklich in Verbindung
trat, wird aus den Berichten nicht vollständig klar. Nach
dem Zwangsverkauf erhoben einige Aktionäre und viele
Gläubiger, zu denen auch Firmen gehörten, die für den Bau
der Eisenbahn Material geliefert hatten, Einspruch gegen den
Betrug. Mehrere Prozesse folgten; diese wurden auch vor
den obersten Gerichtshof der Vereinigten Staaten gebracht,
und ihnen können weitere Tatsachen entnommen werden.

Ein allgemeiner und nach allen Seiten ausgedehnter Betrug

Einer dieser von dem genannten Gerichtshof im Jahre
1863 behandelten Fälle war der Prozeß verschiedener, Sage
1) Ebenda S. 755.
        <pb n="32" />
        442

vertretender Bankfirmen gegen die La Crosse- und Milwaukee
 - Eisenbahngesellschaft , dessen deutlicher Zweck
darin bestand, die Aktionäre und rechtmäßigen Gläubiger
zu betrügen. Nach Lage des Falles war es notwendig, daß
Sages Milwaukee- und Minnesota-Eisenbahngesellschaft,
die zum Teil die Nachfolgerin der ursprünglichen Gesellschaft
 war, eine Klagebeantwortung einbrachte, aber sonderbarerweise
 tat sie das nicht. Die Berichte über den Prozeß
 Bronson und Genossen gegen die La Crosse- und Milwaukee-Eisenbahngesellschaft
 lauteten:
„Als die Zeit verstrichen war, in der die Milwaukee- und
Minnesota-Eisenbahngesellschaft hätte antworten sollen,
aber noch keine Maßnahmen getroffen waren unter der Annahme,
 daß die Klage gegen sie durch Eingeständnis erledigt
 sei, reichte ein gewisser J. S. Rockwell, ein Aktionär
der vorher erwähnten Gesellschaft, dem Gerichtshof seine
Beschwerde ein, in der er klagte, daß zwischen den Klägern
oder deren Agenten und einem gewissen Russel Sage, dem
Präsidenten der vorerwähnten Milwaukee- und Minnesota-Eisenbahngesellschaft,
 ein geheimes Einvernehmen bestände,
 um in ihrer Sache eine Verfallserklärung und einen
Verkauf zu erlangen zu dem Zwecke, die Rechte der erwähnten
 Milwaukee- und Minnesota-Eisenbahngesellschaft,
die, wie angeführt wurde, die Besitzerin einer billigen Forderung
 oder des Rückkaufsrechtes an dem verpfändeten
Grundstück war, zu vernichten, und daß der Präsident
Sage) der zuletzt erwähnten Gesellschaft, entgegen der
Forderung seiner Aktionäre, sich geweigert habe, eine
Klagebeantwortung in ihrer Sache einzubringen?).“
Offenbar, denn das im Gange befindliche Werk bestand
darin, die Angelegenheiten der Gesellschaft durch gerichtlichen
 Hokuspokus so zu verwickeln, daß man einen triftigen
 Grund erhielt, die Aktionäre und rechtmäßigen Gläubiger
 vollständig zu prellen (oder, wie der Ausdruck lautete,
„hinauszugraulen‘“.) Vier Jahre später erkannte dies, wie
wir eben bemerkt haben, der oberste Gerichtshof der
Vereinigten Staaten bei der Entscheidung einer anderen
Sache.
1) Wallace’s Reports, Supreme Court of the United States, 2, 285—286,
        <pb n="33" />
        443

Rockwell war nicht der einzige Aktionär, der über ein
geheimes Einvernehmen klagte. Ein anderer Aktionär, Fleming,
 brachte eine Beschwerde mit zahlreichen Beschuldigungen
 ein, von denen die eines geheimen Einvernehmens
nur eine war. Er klagte auch, daß die von der La Crosseund
 Milwaukee-Eisenbahngesellschaft ausgegebene Hypothek
 nur das darstelle, was allgemein als „Bestechungsobligationen‘“
 bekannt sei, und nur ausgegeben wurde,
um über die erwähnten Obligationen oder einen großen
Teil derselben zur Bezahlung angeblicher Schulden der
Beamten und Agenten der genannten Gesellschaft oder
ihrer Freunde verfügen zu können, ohne daß dafür
irgendwelche Gegenleistung zu entrichten war. Ferner
„daß ein großer Teil der erwähnten Obligationen so benutzt
 und zum Schaden der Gläubiger ausgegeben sei!).“
Der Rechtsanwalt der klagenden Aktionäre sagte zusammenfassend
 über.die Sache: „Männer, die dazu angestellt
sind, Gesellschaften im Interesse der Aktionäre zu leiten,
leiten sie nur in ihrem eigenen. Sie werden Lieferanten,
ruinieren beinahe die Gesellschaft, bezahlen sich selbst
aus dem Aktivbestand mit enormen Abzügen, fangen die
Sache dann wieder von neuem an und werden schließlich
reich?‘“. Der oberste Gerichtshof der Vereinigten Staaten
hob schließlich den Zwangsverkauf mit der Begründung,
daß er betrügerisch sei, auf, aber es gelang Sage durch
andere Mittel, seine Machtstellung zu behalten.
Während Sage die Verfallserklärung des östlichen Zweiges
 der La Crosse- und Milwaukee-Eisenbahn beantragte,
tat er auf Grund seiner Ansprüche gleichzeitig dasselbe bei
einem anderen Zweige, der auch ein Teil des Chikago-Milwaukee-
 und St. Paul-Eisenbahnsystems wurde. Dieser
andere Zweig war die Milwaukee- und Horicon-Eisenbahn,
die eine wesentliche Rolle bei den beständigen Bestechungsvorgängen
 spielte. Der „Geschichtschreiber‘“ des Chikago-Milwaukee-
 und St. Paul-Eisenbahnsystems schreibt von
dieser Episode in folgender unklarer Weise: „Die im Jahre
1852 inkorporierte Milwaukee- und Horicon-Eisenbahn

1) Ebenda S. 287, 2) Ebenda S. 295.
        <pb n="34" />
        444 —

wurde im Jahre 1863 von Washington Hunt und Russel
Sage zum Konkurs gebracht und im Juni 1863 von ihnen an
die Chikago-, Milwaukee- und St. Paul-Bahn abgetreten?!).“
Die enormen Betrügereien in Wisconsin bilden nur einen
Teil von Sages Tätigkeit in dieser Periode. Zur selben
Zeit führten er und die ihm befreundeten Kapitalisten
damit zusammenhängend ähnliche betrügerische Unternehmungen
 in Minnesota aus. Hätten sie sich nicht gelegentlich
 über die Beute gestritten und vor Zivilgerichten Geheimnisse
 verraten, so würden wir über die wahre Natur
ihrer Handlungen in Ungewißheit sein. Wie die Sache
liegt, geben gewisse noch vorhandene Prozeßberichte ein
ziemlich klares Verzeichnis ihrer Methoden, und wie diese
beschaffen waren, das soll nun im Umriß erzählt und aussinandergesetzt
 werden.

Zweites Kapitel

WEITERE EINZELHEITEN ÜBER DAS VERMÖGEN VON
SAGE

n dem vorhergehenden Kapitel haben wir gesehen, wie
[im Jahre 1854 durch Bestechung und Betrug im Kongreß
 eine Vorlage durchging, deren Wortlaut heimlich so
abgeändert war, daß durch sie beinahe 900000 Morgen öffentlichen
 Landes in Minnesota direkt der Minnesota- und
Northwestern-Eisenbahngesellschaft überwiesen wurden.
Die aus einer Vereinigung von Kapitalisten des Ostens und

*) „Outline History of the Chicago, Milwaukee and St. Paul Railroad Company.
Compiled by the General Passenger Department, 1888,“ 2, — Der Hauptanwalt der
in diesem System verschmolzenen verschiedenen Eisenbahnen war Samuel J. Tilden,
der später in der Politik als ein so großer „Reformator‘“ posierte und im Jahre 1867
der von den Demokraten vorgeschlagene Kandidat für die Präsidentschaft der
Vereinigten Staaten war. Man wird immer finden, daß die von beiden politischen
Parteien für ein hohes Amt der Exekutive, der Gesetzgebung oder der Gerichte vorzeschlagenen
 Männer unfehlbar diejenigen sind, die ihre Nützlichkeit als Werkzeuge,
Anhänger oder Wohltatenempfänger der Korporationsinteressen bewiesen haben.
Ein Beweis dafür sind Garfield und Blaine, die in den Credit-Mobilier-Schwindel
verwickelt waren, Morton und viele andere.
        <pb n="35" />
        — 445

Westens, aus Lobbyisten und Politikern gebildete Gesellschaft
 unternahm es, das Land mit hochtönenden Darstellungen
 der großen Dinge zu beglücken,. die sie zur Erschließung
 der Wildnis des Nordwestens zu unternehmen
beabsichtigte. Konnte die Nation die Wahrhaftigkeit und
die edlen Absichten ihrer Verbreiter, die alle reelle kapitalkräftige
 Männer waren, in Zweifel ziehen? Konnte die
Rechtschaffenheit ihrer Verfasser, an deren Spitze jener
bedeutende Kapitalist Erastus Corning aus Albany, New
York, stand, fraglich sein?
Dieses eine Mal jedoch gelang es dem süßen Sange nicht,
das Publikum zu bezaubern; es erhob sich in zornigem
Protest gegen die angewandte Bestechung, und der Kongreß
 trat einen eiligen Rückzug an und widerrief die Verfügung!).


Geschenke von vierzehn Millionen Morgen

Aber das gute Betragen des Kongresses war von sehr kurzer
 Dauer, nur eine Aufwallung, die zur Blendung des
Publikums ihre Schuldigkeit tat. Die Fabrikation von Landbewilligungsvorlagen
 ging geschäftig weiter; der Widerruf
jener einen besonderen Landbewilligung hatte die Wirkung,
 die öffentliche Aufmerksamkeit abzulenken und das
ungeprüfte Durchbringen vieler anderer Landbewilligungen
möglich zu machen. Unter. diesen befanden sich Maßnahmen,
 die Flächen von 6 Millionen Morgen öffentlichen
Landes — die im ganzen auf 14 Millionen erweitert werden
 konnten — dem Territorium von Minnesota (das bald
ein Staat werden sollte) zum Besten der Eisenbahngesellschaften
 zusprachen. Die äußeren Formen des üblichen
Verfahrens wurden jetzt gewissenhaft beobachtet; die Ländereien
 wurden den einzelnen Staaten zur Überweisung

1) Trotz des Widerrufs veranlaßte die Minnesota- und Northwestern-Eisenbahngesellschaft
 den Bezirksanwalt der Vereinigten Staaten für Minnesota, eine erdichtete
Klagesache einzubringen, um eine günstige Gerichtsentscheidung über die Gültigkeit
 ihrer Rechtsansprüche zu erlangen. Jener Beamte wurde, als die Tatsachen bekannt
 wurden — von dem Präsidenten Pierce ohne weitere Umstände entlassen. —
House Executive Documents, Thirty-third Congress, Second Session, 1854—1855.
Bd. 5, Doc. No. 36.
        <pb n="36" />
        — 446 —

an die Eisenbahngesellschaften geschenkt. Der Kongreß
hatte seine Lehre weg, daß die Beobachtung äußerer Formen
 notwendig ist; von jetzt ab mußte bei Staatsbewilligungen
 die Bestechung doppelt ausgeübt werden, zum
Teil in Washington und zum Teil in den Hauptstädten der
verschiedenen Staaten.
Während der Tagung von 1857 ging eine kleine bescheidene
 Vorlage tänzelnd durch, machte ungestört ihre
Runde durch die Kommissionen und wurde zum Gesetz.
Gerade zu jener Zeit wurde manches andere Gesetz, als
durch Bestechung durchgebracht, an das Tageslicht gezerrt,
 aber diese besondere kleine Vorlage wanderte an-‚prnchos
 ihren Weg, vor dem forschenden Lichte der
ffentlichkeit durchaus behütet. Es war eine Vorlage, die
der Minnesota- und Pacific-Eisenbahngesellschaft zum Bau
einer Linie von St. Paul nach St. Anthony’s Falls (jetzt
die Stadt Minneapolis) Korporationsrechte verlieh und
mancherlei Ausdehnungen nach verschiedenen Richtungen
genehmigte.
Der zweite Teil des Programms wurde ebenso erfolgreich
durchgeführt wie der erste. Man wandte sich, um die
Mittel zur Ausführung dieses kühnen Planes zu erhalten, an
die regierenden Körperschaften von Minnesota, und diese
gingen sehr großmütig darauf ein. Verschiedene Gesetzgebungsakte
 sprachen der Eisenbahngesellschaft eine Bewillizung
 von 10 Sektionen Staatsland auf die Meile zu, die Sektion
zu 640 Morgen gerechnet, und den Rechtsanspruch auf weitere
 der Gesellschaft zu verleihende Landbewilligungen nach
Fertigstellung von je 20 Meilen. Aber dies waren nicht
die einzigen Wohltaten. Mit lieblichen Worten teilte die
Bahn den Bürgern des Staates mit, daß sie auch Geld
brauche, Viele der vorher erwähnten Bürger, kühne Pioniere,
 mit einer rauhen Art die Dinge anzusehen, wurden
beim Lesen dieser zarten Bitten nicht von Rührung überwältigt.
 Sie meinten, daß die Landbewilligung eine genügende
 Unterstützung sei. Aber die gesetzgebenden
Körperschaften von Minnesota waren „während der verderbten
 Verwaltung durch Gouverneur Sibley“ — wie sich
zeitgenössische Schriftsteller in Minnesota ausdrückten —
        <pb n="37" />
        von außerordentlich empfindsamer Art und unfähig, eine
Bitte abzuschlagen!). Eine Vorlage ging durch, die die
Berechtigung zur Ausgabe von 5 Millionen Dollar Obligationen
 — die als Minnesota-Staatseisenbahn-Obligationen
bezeichnet wurden — erteilte, die den Eisenbahngesellschaften
 in jenem Staate ausgehändigt werden sollten. Nicht
der ganze Betrag wurde ausgegeben; die den Eisenbahngesellschaften
 nach diesem besonderen Gesetze überwiesene
Gesamtsumme belief sich auf 2750 000 Dollar. Weitere
große Summen wurden dann von Kreisen und Stadtbezirken
beigesteuert, und indem man Farmer und Kaufleute überredete,
 ihr Geld bei der Eisenbahn anzulegen, wurde ein
„Schneidiges Geschäft‘ gemacht.
Wessen herrschender Geist stand hinter diesem allen?
Russel Sages. Selten erschien er zu auffallend im Vordergrunde,
 aber er war der Leisetreter, der, wie sich später
zeigte, aus den Geschäften der Minnesota- und Pacific-Eisenbahngesellschaft
 hauptsächlich Nutzen zog. Nachdem
er und seine Teilhaber die Stiftungsurkunde, die Privilegien,
 Rechte, Landbewilligungen, Geldsummen und Steuerfreiheiten
 erlangt hatten, was taten sie? Tapfer und verführerisch
 hatten sie auf die Notwendigkeit von besonderen
 Anziehungsmitteln hingewiesen, um den primitiven
Nordwesten zu erschließen. Aber sowie man erst diese in
erster Linie erstrebten Lockmittel gesichert sah, hörte das
Gerede auf, und die Arbeit, ihre geräumigen Taschen zu
füllen, setzte mit grimmigem und schweigendem Ernste ein.
Zuerst kam es nach dem üblichen Verfahren zu der gebräuchlichen,
 freibeuterischen Organisation einer Baugesellschaft,
 die sich aus denselben Männern zusammensetzte wie
die Eisenbahngesellschaft. Sie machten Kontrakte mit sich
selbst und forderten ungeheuer hohe Preise; und dann,
nach diesen großen Diebereien, schrieben sie sich noch als

1) Bestechungen der gesetzgebenden Körperschaften fanden beinahe dauernd
statt. „Die zahlreichen Privilegien,‘ so klagte Gouverneur W. A. Gorman bei den
gesetzgebenden Körperschaften von Minnesota im Jahre 1856, „die schon in Minnesota
 für Fähren, Holzfällen, Fabrikanlagen, Bergwerke usw. verliehen sind, genügen,
 um ihre Aufmerksamkeit auf diesen Gegenstand zu lenken.“ — „Viele
von diesen Privilegien‘, betonte er, „mußten Quellen ungeheurer Einkünfte für die
Gründer der Gesellschaften werden.“ — Minnesota Council Journal, 1856, 91.
        <pb n="38" />
        — 448 —

Entgelt für angebliche Dienste auf betrügerische Weise
selbst Obligationen zu. Gleichzeitig mit diesen Veruntreuıngen
 machten sie sich ruhig daran, die kleinen Besitzer
von Obligationen und Aktien zu betrügen und die Gläubiger
 zu rupfen, die ihnen die notwendigen Vorräte und
Ausrüstungsgegenstände lieferten.

Bis zum Bankrott ausgeraubt

Die Diebstähle wurden mit so flinker Geschäftigkeit auszeführt,
 daß ungefähr ein Jahr, nachdem die Gesellschaft
ihre Privilegien erhalten hatte, ihre Schatzkammer ein
leerer Raum geworden war. und die Eisenbahn in Konkurs
geriet und im Jahre 1858 zwangsweise verkauft wurde. Wer
kaufte sie zurück? Dieselben Leute, die sie ausgeplündert
hatten; als Vorsitzende der Baukommission hatten sie
Sorge getragen, sich mit genügenden Obligationen auszurüsten,
 um die rechtliche Stellung der Hauptgläubiger
einzunehmen. Einige von ihnen, wie z. B. Sage, arbeiteten
 meistens mit Strohmännern, andere zeigten sich
öffentlich. Sie konnten darüber klagen — und taten es
auch —, daß der Konkurs der Gesellschaft durch die Schwierigkeit
 veranlaßt sei, während der Panik des Jahres 1857
Geld aufzubringen; aber dies war eine nichtssagende, wenn
auch glaubwürdig klingende Entschuldigung.
Bald darauf kam es zu einer eigenartigen Entwicklung.
Sie sorgten dafür, daß die Eisenbahngesellschaft mit zwei
neuen Namen ausgestattet wurde. Auf Grund einer durch
die gesetzgebenden Körperschaften von Minnesota durchgeschlüpften
 Vorlage wurde die Minnesota- und Pacific-Eisenbahngesellschaft
 in zwei Abteilungen neu gebildet,
von denen die eine St. Paul- und Pacific-, die andere die
Erste Abteilung der St. Paul und Pacific-Eisenbahngesellschaft
 genannt wurde.
Warum diese beiden Namen für ein einziges Eisenbahnprojekt?
 Warum diese verwirrende Einrichtung? Der
Grund wurde etwas später klar. Es war ein geschickter
Kunstgriff, sich in einer starken gesetzlichen Lage zu
verschanzen, um die Bahn noch weiter auszuplündern und
        <pb n="39" />
        — 449 —

bankrott zu machen; in Wirklichkeit leitete dieselbe Clique
beide Gesellschaften, und als Baumeister einer Eisenbahn,
die sie selbst leitete, konnte sie sich selbst Obligationen
aushändigen, die sie zu einem unangreifbaren Gläubiger
der ganzen Linie machten. Ein Beispiel schlauer Findigkeit.
 Wessen kluger Kopf ersann diesen Plan? Es war der
des „großen Reformators‘, es war jener Apostel „reiner
und unverdorbener Demokratie“ — Samuel J. Tilden.
Er wob sein Netz von Rechtsbestimmungen so gut, so außerordentlich
 gut, daß die kleinen Aktionäre und die Fabrikanten,
 die das Material geliefert hatten, sich nach kurzer
Zeit vollständig und ohne Aussicht auf gesetzliche Entschädigung
 um ihre Ansprüche betrogen sahen. -
Einer dieser Aktionäre, Edward C. Hopkins, machte mit
einem wunderbaren Vertrauen auf die Unparteilichkeit
der Rechtsprechung Anstrengungen, um zu erfahren, ob
er nicht einige Kupons seiner Obligationen der alten
Minnesota- und Pacific-Eisenbahn einlösen könne. Ist
nicht, so lautete sein Anspruch, die St. Paul und Pacific
die Nachfolgerin der ursprünglichen Gesellschaft und daher
verpflichtet, ihre Schulden anzuerkennen und zu bezahlen ?
Ist das nicht ein Fall, in dem eine alte Gesellschaft unter
einem neuen Namen handelt? Der Fall kam vor dem
Bundesgericht der Vereinigten Staaten in St. Paul zur Verhandlung.
 Der hervorragende und grundgelehrte Richter
war John F,. Dillon — derselbe Dillon, das paßte vorzüglich,
der später das Richteramt aufgab, um Anwalt von Gesellschaften
 zu werden, in denen Gould und Sage die bedeutendsten
 leitenden Geister waren.
Richter Dillon verabfolgte einige auserlesene Rechtsblitze,
 die anderes kleines Gläubigervolk genügend darüber
aufklärten, was es zu erwarten hätte. Der Zweck seiner
Entscheidung war herrlich klar; er war der Ansicht, daß,
wenn die Gesetzgebung von Minnesota im Jahre 1862
den Namen der Gesellschaft geändert habe, sie eine vollständig
 neue Vereinigung geschaffen habe, die für die
Schulden der alten nicht verantwortlich gemacht werden
könne, Hopkins’ Klage wurde von dem Gerichtshof abgewiesen,
 und ihm und den anderen Gläubigern wurde es
        <pb n="40" />
        — 459 —
überlassen, in ungestörter Muße über die geheimnisvollen
Schönheiten der Rechtsprechung nachzudenken?).
Aber wenn die Gesellschaft auch einen oder vielmehr
zwei neue Namen hatte, so behielt sie doch alles an Stiftungsurkunden,
 Privilegien und Steuerfreiheiten der alten
Korporation — so lautete die Entscheidung. Von ihren
Schulden war sie befreit; in allen ihren Aktiven und Besitzungen
 war sie sichergestellt. Das war der große und wichtige
 Punkt; Namen waren nur eine brauchbare Maske,
unter deren Schutz die „Eingeweihten“ die kleineren Kapiralisten
 betrügen konnten.

Ungeheuer große Unterstützungsgelder gestohlen

Was haben die Projektenmacher, während sie diese große
Schar von Gimpeln beschwindelten, mit den ungeheuer
großen Unterstützungsgeldern angefangen, die sie in der
einen oder anderen Form zum Bau der Eisenbahn erhalten
hatten? Das Geld war tatsächlich verschwunden. Wohin?
Abgesehen von einigen hundert Meilen planierten Prärielandes,
 war nur wenig Eisenbahnbau für die angegebenen
Ausgaben aufzuweisen. Selbst die kurze, zehn Meilen lange
Strecke der Hauptlinie von St. Paul nach Minneapolis war
um 1862 nicht, wie es das Gesetz verlangt hatte, in Betrieb
genommen. Warum nicht? Die Geschwindigkeit, mit der
ein solches Vermögen wie das Sages aufgehäuft wurde, war
die Antwort. Das Geld war gestohlen.
Als sich die Bestecher von Beruf, die diese Eisenbahn ausgeplündert
 hatten, ursprünglich um Gaben an Land und
Geld an den Kongreß und an Minnesota wandten, hatten
sie sich selbst als Kapitalisten mit „reichen Hilfsquellen“
zur Ausführung des Planes bezeichnet. Alles, was sie brauchten,
 so führten sie aus, war die staatliche Unterstützung in
irgendeiner Form, weil „das Unternehmen so kostspielig
sei‘, Nachdem sie die Eisenbahn bis zum Bankrott ausgeraubt
 hatten, fing eine besondere Kommission des Senats
von Minnesota an, ihre Antezedenzien und ihr Verfahren zu

1) Edward C. Hopkins contra-St. Paul and Pacific Railroad Company, Dillon’s
Circuit Court Reports, 1871—1873, 2, 396—398.
        <pb n="41" />
        = A505 —

untersuchen. „Das Ergebnis zeigte,‘ berichtete die Kommission,
 „daß die Gesellschaften kein bares Kapital zur
Verfügung hatten und kaum genügenden Kredit, um eine
rechtzeitige Absteckung ihrer Bahnlinien sicherzustellen‘““2).
Die Kommission fuhr fort:
„Soweit Ihre Kommission erkennen kann, haben die
Gesellschaften seit der Durchbringung des Darlehnsamendements
 nicht einen Dollar Kapital hergegeben, um
die Ausführung ihres riesenhaften Unternehmens zu fördern.
Sie haben große Mengen dieser Obligationen mit enorm
hohem Diskont verkauft oder verpfändet. Sie haben an
unbefugte und unfähige Beamte übertrieben hohe Gehälter
gezahlt. Mit Ausnahme von ungefähr fünfzig Meilen gut
ausgeführten Oberbaues sind unvollständige, fragmentarische
 und unzusammenhängende Strecken planierten
Landes, von denen die Meile durchschnittlich weniger als
3000 Dollar kostet, alles, was die Gesellschaften für die
vom Staat ihnen gewährte großmütige Ausgabe von Obligationen
 aufweisen können?).
Dies gibt ein lebhaftes Bild von der ursprünglichen „Baufähigkeit‘
 der Kapitalisten — einer Fähigkeit, die sich
offenbar in der Häufung der größten Betrügereien bekundete.
 Aber wo in den Vereinigten Staaten war es nicht
ebenso?
Die nun folgenden späteren Ereignisse in der Geschichte
dieser Gesellschaft sind mit dürren Worten aufgezeichnet
in den Berichten über den Prozeß John Kennedy &amp;amp; Co.
gegen die St. Paul- und Pacific- Eisenbahngesellschaft,
mit Einschluß von deren Erster Abteilung, gegen die
Northern Pacific- FEisenbahngesellschaft, Russel Sage, Samuel
 J. Tilden und andere®). Obgleich in diesen Berichten
 durchaus nicht alle Details mitgeteilt werden, kann
man ihnen doch wenigstens einige authentische Einzelheiten
 entnehmen.
Um 1871 hatten Sage und seine Genossen einige Eisenbahnerweiterungen
 fertiggestellt und im ganzen für

A

1) Report of Special Committee on Railroads and Railroad Grante. February 3,
:860, Minnesota Senate Journal, 1859-—1860, 343.
?) und 3) Dillon’s Circuit Court Reports, 1871—1873, 2, 448—527.
20%
        <pb n="42" />
        452 —

13 380 000 Dollar verpfändet. Beinahe die ganze Summe
war von holländischen Bankhäusern vorgestreckt worden.
Aber sechzig Meilen der Hauptlinie waren noch in unfertigem
Zustande, und die Bewohner des Staates fingen an, gefährlich
 neugierig zu werden, warum das so sei. Millionen
Dollar waren verschwunden; alles, was der Gesellschaft an
Gaben in Land und Geld bewilligt worden war, war bis jetzt
in den Bau von nur wenigen unzusammenhängenden und
halb wertlosen Strecken der geplanten Eisenbahn versunken.
Die Direktoren mußten etwas unternehmen. Sie taten es,
indem sie einen neuen Plan entwarfen, um die zu eifrigen
and leichtgläubigen holländischen Kapitalisten bluten zu
lassen.

Holländische Kapitalisten betrogen

Und sie taten folgendes: Eine Gruppe von Männern,
die die Erste Abteilung der St. Paul und Pacific bildete,
tat sich korporativ zusammen und gab Obligationen für
15 Millionen Dollar aus. Dieselben Männer oder ihre Werkzeuge
 traten dann wieder als Direktoren der St. Paul und
Pacific zusammen (es ist schwer, diese feinen Unterschiede
im Gedächtnis zu behalten) und verpfändeten Rechte, Privilegien
 und Eigentum mit Einschluß der staatlichen Landbewilligungen
 für 99: Jahre an die Erste Abteilung. Dann
verpflichtete sich der Verband der Ersten Abteilung, als
Baugesellschaft, zur Fertigstellung der Eisenbahnerweiterungen
 vor dem 1. März 1873, da an diesem Termin, nach
2jner neuen gesetzlichen Anordnung, die Landbewilligung
verfallen sollte, falls die Erweiterungen nicht hergestellt
seien.
Die Bedingungen der Verpfändung waren klar und verlockend.
 Die ganzen 15 Millionen Dollar sollten zum Bau
der Erweiterungen verwandt werden. Auf Grund dieses
Abkommens wurden im Jahre 1871 weitere 8 Millionen
Dollar in Holland aufgebracht. Aber etwas wurde den
holländischen Kapitalisten von der Sage-Clique sorgfältig
vorenthalten. Sie sagte den holländischen Kapitalisten
nicht, daß ein großer Teil des aufgebrachten Geldes ent-
        <pb n="43" />
        — 453 —

zegen den ausdrücklichen Bedingungen der Verpfändung
für die Hauptlinie verwandt werden sollte*).
Was geschah mit den in Holland aufgebrachten 8 Millionen
 Dollar? Diese Summe, welche, wie die Entleiher den
Holländern feierlich zuschworen, ausschließlich für den Bau
der Erweiterungsstrecken verwendet werden sollte, wurde
sofort auf verschiedene Art in räuberischer Weise verteilt.
Ungefähr 3 Millionen Dollar davon wurden betrügerischerweise
 der Vervollständigung der Hauptlinie zugewandt;
große Summen wurden schnell beiseite gebracht, um die
Zinsen für die Aktien der Hauptlinie zu bezahlen, und wofür
 wurden die anderen Millionen verwendet? Für den Ankauf
 von Eisenmaterial und die Bezahlung der Bauunternehmer
 auf der Erweiterungsstrecke. Und wer verkaufte
das Eisen? Die Gesellschaft der Ersten Abteilung. Das
Verfahren war einfach; Sage usw. verkauften die Schienen
an sich selbst und verrechneten den Betrag gegen das von
den holländischen Kapitalisten vorgestreckte Geld?).
Das waren in der Tat heitere Zeiten kühnen Diebstahls;
die Räuberei war so umfassend und weitgriffig, daß sehr
natürlich die Erste Abteilung, deren Schatz ebenso rasch
geplündert wie gefüllt war, sich im Jahre 1872 für insolvent
erklärte. In weniger als einem Jahre waren 8 Millionen
Dollar „verkrümelt‘“; oder, wir wollen lieber sagen, zusammengebracht
 worden, denn der größte Teil davon ging
in die Taschen weniger Leute und blieb dort. Und das war
noch nicht alles. Als die Erste Abteilung im Oktober 1872
die Arbeit einstellte, schuldete sie ihren Unternehmern
— untergeordneten Firmen, die wirklich die Bauarbeit ausführten
 — ungefähr 700 000 Dollar, obgleich sie später
diese Schuld dadurch, daß sie einen Teil in Eisenlieferungen
zahlte, auf 500 000 Dollar herabsetzte. Sie stöhnte auch
unter großen schwebenden Schulden, und ihre Zinskuponszahlungen
 waren, wegen Protesteinlegung, gerichtlich zurückgehalten.

1) In seiner trockenen Ausdrucksweise teilt der Gerichtshof die "Tatsachen
folgendermaßen mit: „Aber dieser Teil des Planes, die Absicht einer Verwendung
sines Teiles der besagten Erträge für die Hauptlinie, wurde nicht veröffentlicht oder
den Personen bekannt gemacht, die besagte Aktien später kauften.“ Dillon 5, 459.
2) Dillon’s Circuit Court Reports, 1879—1880, 5, 451—459.
        <pb n="44" />
        454 —

Anrufung der Gerichte

Betrogen und beraubt, wie sie waren, erkannten die
holländischen Kapitalisten jetzt vollständig ihre schlimme
Lage; das Geld, das sie ihren Landsleuten zu Hause abgeschunden
 hatten, war ihnen geraubt worden. Wie konnten
 sie es wiedererlangen ? Sie taten den einzigen Schritt,
den sie überhaupt tun konnten, d. h., sie bewarben sich um
zinen behördlich bestellten Verwalter, Daher die Klage,
die John S. Kennedy &amp;amp; Co. einbrachte, indem er für sie
and andere Aktionäre handelte. In kühler, juristischer
Ausdrucksweise brachten sie ihre Beschwerde vor; sie waren
belogen und betrogen worden. „Sie (die Aktionäre) beanspruchen
 auch,“ so heißt es in der förmlichen gerichtlichen
Darstellung, „daß auf Grund der Zahlungsunfähigkeit der
besagten Gesellschaft der Ersten Abteilung und verschiedener
 betrügerischer und ungehöriger Handlungen ihrer
leitenden Beamten — die hier nicht angeführt werden, weil
der Gerichtshof es in bezug auf die tatsächlichen Hauptpunkte
 des Gesuches nicht für wesentlich hält — ein behördlich
 bestellter Verwalter eingesetzt werden solle“ usw?).
Richter Dillon war damit einverstanden, daß ein Verwalter
 eingesetzt würde. Dringende Gründe, sagte er,
machten es notwendig. Die Gesellschaft besaß eine ausgedehnte
 Bewilligung von Land, von dem der Morgen auf
6 Dollar geschätzt wurde, Und dies war die einzige angemessene
 Sicherheit für die 15 Millionen Dollar Pfandverschreibung.
 Aber es traf sich, daß dieses Landgebiet
der. ein großer Teil desselben, wenn gewisse Erweiterungsstrecken
 nicht zu einer gewissen Zeit vollendet waren,
verfiel. Es war dringend notwendig, sagte Dillon, jenes
staatlich bewilligte Land zu retten, und da die Direktoren
der Bahn zugaben, daß kein Geld in ihrer Kasse sei, so sei
es im Interesse der Aktionäre das Beste, daß ein Verwalter
eingesetzt werde. Der Verwalter sollte die Berechtigung
haben, die Erweiterungsstrecken fertigzustellen. Dillon
setzte darauf am I. September 1875 einen gewissen Jesse
P. Farley als behördlich bestellten Verwalter ein.
— 1) Ebenda.
        <pb n="45" />
        — A455 —

Die weitere Entwicklung zeigte sich. in dem zweiten ProzeB
 von John S. Kennedy &amp;amp; Co. gegen die St. Paul- und
Pacific-Eisenbahn*).
Farley, scheint es, machte sehr viel Aufhebens von der
von ihm geleisteten Bauarbeit, tatsächlich aber gab er für
Bau- und Reparaturarbeit nur ungefähr 100 000 Dollar
aus. Er hielt jedoch den Schein genügend aufrecht, um
jenen Teil des staatlich bewilligten Landes, dem die Verwirkung
 drohte, eine Zeitlang davor zu bewahren. Aber um
las Jahr 1878 war die Bevölkerung von Minnesota wieder einmal
 sehr erregt. Einundzwanzig Jahre waren dahingegangen,
seit die Gesellschaft ihre Privilegien erhalten hatte. Sie
hatte nicht nur von der Nationalregierung, von dem Staat,
von Städten und Kreisen, sondern auch von Privatpersonen
ungeheuer große Unterstützungen an Geld und Land erhalten.
 An der ganzen Strecke entlang, sowohl der fertiggestellten
 wie der projektierten, hatten Farmer und Kaufleute
 Aktien gezeichnet, um, wie sie erkannten, nur wertlose
 Papierfetzen zu besitzen, die weder eine Eisenbahn
noch Zinsen brachten. Die Gesellschaft hatte sich zweimal
bis zur Insolvenz ausgeplündert; sie hatte durch wiederholte
 Taschenspielereien nicht nur eingeborene Kapitalisten,
 Farmer und Kaufleute betrogen, sondern sie hatte
zuch die vielen Millionen beiseite gebracht, die durch holländische
 Kapitalisten zugeflossen waren.

Die gesetzgebenden Körperschaften erwachen

Jetzt befand sich die Gesellschaft noch in vollständig
bankrottem Zustande. Die gesetzgebenden Körperschaften
konnten diesem überwältigenden Ausdruck der Entrüstung
des Volkes nicht standhalten. Am 9. März 1878 genehmigten
 sie ein Gesetz des Inhalts, daß, wenn nicht eine
bestimmte Anzahl Meilen zu einem gewissen Termin

1) Ebenda S. 519—536. Kennedy indessen verriet die Interessen der hollänlischen
 Aktionäre, befand sich im Einverständnis mit dem Verwalter und traf ein
betrügerisches Abkommen, bei dem er (Kennedy) enorm viel gewann. Kennedy
erhielt auf diese Art viele Millionen; die Wegschenkung einiger dieser Millionen
setzte ihn später in den Stand, sich als „großen Philanthropen‘“ aufzutun, —
Siehe das Kapitel über das Vermögen von Hill.
        <pb n="46" />
        — 456 —

gebaut sei, die unvollendeten Strecken zusammen mit
dem staatlich bewilligten Lande, den Rechten, Privilegien,
 Steuerbefreiungen und allem zugehörigen Eigentum
„sofort und vollständig dem Staate Minnesota verfallen
sein sollten, ohne irgendeine weitere Verfügung oder Förmlichkeit1)“,

Es war ein drastisches Gesetz, und es mußte sofort etwas
geschehen, wenn man die Absichten des Staates durch-&amp;lt;reuzen
 wollte. Wer würde das Geld zum Bau der unvollendeten
 Strecken liefern und so die Verwirkung der Privilegien
 und des staatlich bewilligten Landes verhindern?
Sage und andere hatten sich, nachdem sie alle bei der Bahn
in Aussicht stehende Beute an sich gebracht hatten, zurückgezogen,
 um den Ertrag ihrer Freibeuterei durch gleiche
Handlungen nach anderen Richtungen nutzbar zu machen.
Die Eisenbahn selbst war in einem beklagenswert schlechten
Zustande, vollständig unorganisiert, und es war sehr gefährlich,
 mit ihr zu reisen. Sie war schlecht ausgestattet
und hatte nur wenige in Betracht kommende Bahnhöfe oder
Magazine. Das war das „glänzende Eisenbahnsystem“, das
Sage und seine Clique bauen wollten; das war das Resultat
ihrer „ungeheuren Baufähigkeit“! Wieviel Beute Sage aus
dem Projekt gezogen hat, sind wir nicht imstande zu sagen;
es gibt keinen Bericht, der die Summe genau oder annähernd
feststellt; sie belief sich sehr wahrscheinlich auf viele Millionen
 Dollar.
Unterdes hatte Sage in Troy Gould getroffen und war
nach New York übergesiedelt. „Die beiden Männer,“ sagt
der vorher erwähnte überschwengliche Biograph, „machten
Eindruck aufeinander, und dieser Eindruck vertiefte sich
später zu einer in der Finanzgeschichte berühmten Freundschaft.“
 Berühmt oder berüchtigt, je nachdem es einem
beliebt, es anzusehen. Ein schätzenswertes Arbeitsgespann
gaben die beiden ab; Sage verschlagen, finster und einsiedlerisch,
 Gould zu populärer Verwegenheit bereit, beide
einander gleich in unergründlichen Ränken und Kunstgriffen.
 Der eine übertrieben vorsichtig, der andere übertrieben
 waghalsig, einer dem anderen das Gleichgewicht
1) Minnesota Special Laws, 1878, 344.
        <pb n="47" />
        — 457 —

haltend. Gould bekam allmählich einen ungeheuren Respekt
vor Sage; Sage war der einzige Verbündete, den Gould
weder übervorteilen noch ausplündern konnte.
Späterhin und sehr zur rechten Zeit eilte Sage bei Beginn
des Bürgerkrieges nach der Stadt New York. Dort, in
Wallstreet, war das Hauptquartier vieler der Eisenbahngesellschaften,
 die bestochen und geraubt hatten und
dies noch taten. Z. B. war das Büro der La Crosseund
 Milwaukee-Eisenbahngesellschaft dort; wer auch immer
der wirkliche physische Erbauer der Eisenbahnen sein
mochte, die Besitzer waren entweder Wallstreet-Leute oder
Kapitalisten gleichen Schlages — Männer, die sich durch
eine besondere Art des Betruges oder Diebstahls in die
Herrschaft eingedrängt hatten.
Und dort in New York war auch der Schauplatz der
größten Tätigkeit in der üblichen weitverbreiteten Plünderung.
 Von dort gingen die Pläne und Entwürfe aus, die
sich später als kolossale Schwindeleien entpuppten. Wäre
das Zentrum dieser Teufelei anderswo gewesen, dann wären
Sage und die ganze übrige Brut zweifellos dorthin ge-3trömt.


Gestohlene Millionen auf Wucher ausgeliehen

Nun wurde Sage ein Geldverleiher im großen Stile; er
arfand ein besonderes Wuchersystem, das „put“ and
„call‘“-System, dessen Feinheiten zu beschreiben wir hier
nicht versuchen wollen. Jetzt konnte man sehen, was er
mit den Millionen tat, die er in Wisconsin und Minnesota
gestohlen hatte!). Im allgemeinen pflegte er Geld zu recht

1) Und auch in Iowa, bei dessen Eisenbahnen er sehr weitgehend beteiligt war.
Die Kapitalisten, denen die Sioux City- und St. Paul-Eisenbahn gehörte, hatten
‚je so zickzackartig bauen lassen, daß sie in betrügerischer Weise sogar noch größere
Landbewilligungen stehlen konnten, als die entgegenkommenden Maßnahmen
des Kongresses gewähren wollten, Durch das Vorrücken dieser Eisenbahn in den
Kreisen Osceola, Dickinson und O’Brien in Iowa erhob diese Gesellschaft Ansprüche
 auf 189 184,54. weitere Morgen öffentlichen Landes in jenen Kreisen, und sie
bewog die Staatsbeamten, ihr ein Patent zu gewähren. Sage war jedoch der Präsident
einer Eisenbahngesellschaft geworden, die den Namen McGregor Western führte,
und hatte seine Linie gerade durch dieses Gebiet gelegt. Er verlangte einen Anteil
an jenen 189 coco Morgen und verklagte, als ihm dies verweigert wurde, die St, Paul-
        <pb n="48" />
        — 458

hohem Zinsfuß auszuleihen, aber in Zeiten der Panik und
der Wallstreet-,, Klemmen“ verlangte — und erhielt — er
zwei Prozent täglich oder sechzig Prozent monatlich.
Freund oder Feind, es kam nicht darauf an, einer wie
der andere, mußte die enormen Zinsen zahlen, die er
verlangte, wenn er eine Unterstützung in barem Gelde (das
Sage immer zur Hand hatte) brauchte, um sich dadurch
davor zu retten, seinen Verpflichtungen nicht nachkommen
zu können und so in Bankrott zu geraten. Sage gehörte zu
jener hervorragenden Vereinigung von Patrioten, die das
Gold, als es zur Fortführung des Bürgerkrieges höchst
notwendig war, aufspeicherten und sich weigerten, es
auszuleihen, wenn nicht zu unglaublich erpresserischen
Zinsen.
Zu dieser Zeit schenkte man im Osten den Eisenbahnunternehmungen
 im Westen wenig Aufmerksamkeit; die
Zeitungen waren beinahe vollständig mit den Berichten über
die Ereignisse des großen Bürgerkrieges gefüllt. Wenige
wußten etwas von den riesenhaften Diebstählen und Betrügereien,
 die Sage draußen im Nordwesten ausführte; und
als er plötzlich als Multimillionär bekannt wurde, wurden
zlühende Berichte über ihn als einen wunderbaren Finanzmann
 veröffentlicht. Dieses Lob wurde natürlich immer
durch den Spott über seine außerordentliche Knickrigkeit
und den Abscheu vor seiner Hartherzigkeit abgeschwächt.
Aber es gab Leute, die mit ihm in Verbindung gestanden
hatten und über die Geschichten von seinen Zaubertaten
bei der Anhäufung der Millionen lächelten; sie wußten, was
die ihm zugeschriebene Zauberkunst in Wirklichkeit war;
3zie wußten von den fortgesetzten Bestechungen, Betrügereien
 und Diebstählen. Wenigstens von noch einem
Verfahren, an dem er zu dieser Zeit beteiligt war, sind die
Einzelheiten zugänglich; sehr viele seiner anderen Taten
sind für die Geschichtschreibung nicht faßbar.

und Pacific-Eisenbahngesellschaft. Der Fall wurde schließlich am zo. Januar 1882
vor das Bundesgericht der Vereinigten Staaten in Iowa gebracht, wo Richter Love
mit“ feiner richterlicher Unparteilichkeit die liebenswürdige Entscheidung traf,
daß jede der beiden Gesellschaften das’Anrecht auf die Hälfte des streitigen Landes
habe. — Federal Reporter 10, 435—450.
        <pb n="49" />
        459 —

Die Pacifc-Postsubsidien

Eine der vielen Gesellschaften, in denen Sage ein bedeutender
 Aktionär wurde, war die „Pacific-Mail-Steamship-Company“.
 Diese Gesellschaft bestach, wie wir in den
Vanderbilt-Kapiteln bemerkt haben, lange Zeit den Kongreß,
 um auf räuberische Weise von der Regierung Postsubsidien
 zu erlangen. Durch eine weitere, von dem Kongreß
 am 17. Februar 1865 genehmigte Vorlage erhielt sie
noch eine bedeutende Regierungsunterstützung zur Beförderung
 der Post zwischen San Francisco und Asien via Honolulu.
Die Beute war so reich, daß verschiedene Gruppen von
Kapitalisten einander beständig bekämpften, um den Schatz
der Gesellschaft in ihre Gewalt zu bekommen. Wir entnehmen
 den Prozeßberichten, daß im Jahre 1867 jene gute,
alte, höchst achtungswerte Bankfirma Brown Brothers &amp;amp; Co.
zu den bedeutendsten Aktionären gehörte. In ihrem eigenen
Namen und in Vertretung von Parteien, die sie autorisiert
hatten, verfügte sie über 77839 Anteilscheine von der
Gesamtsumme der 200000 Anteilscheine des Aktienkapitals
 der Pacific-Postdampfergesellschaft.
Wie die Firma Phelps, Dodge &amp;amp; Co. besaß die Bankfirma
Brown Brothers &amp;amp; Co. in hervorragendem Maße den Ruf
(wie noch heute), eine der „altmodischen Firmen‘ von
„strenger Rechtlichkeit‘“ zu sein. Sicherlich wußte sie
offiziell nichts von der ununterbrochen vor sich gehenden
Bestechung zur Erlangung von Subsidien; wer ein geschäftliches
 Unternehmen besitzt, muß die Unkenntnis solcher
in Verlegenheit bringender Details kultivieren. Und könnte
es möglich sein, daß, wie William Swinton, ein bekannter
Schriftsteller, in seiner Schmähschrift vorbringt, der „hervorragend
 achtungswerte“ Alexander Brown und seine Genossen
 gegen dieselbe Gesellschaft, deren Aktionäre sie waren,
(nach unserer modernen Ausdrucksweise) die „Grafters‘“*)
spielten ? Swinton erhob den Vorwurf, daß sie ein dem Eigentumsrecht
 gleichkommendes Pfandrecht an den Kessel-,
Eisen- und anderen Fabriken besäßen, die die Ausrüstung für

1) grafters, deutschamerikanisch Grabscher: üblicher Ausdruck für die unsaaubersten
 Beutepolitiker.
        <pb n="50" />
        — 460 —

die Linie der Pacific-Mail-Steamship-Company besorgten.
Im Dezember 1867 machte eine Gruppe einen sehr starken
Versuch, sie zu verdrängen; sie schlugen sie aber erfolgreich
zurück. Das gab vor Gericht eine schöne Verwirrung.
Da die Besitzer der Linie fanden, daß der Kongreß, wie
immer, geneigt war, Geschäfte zu machen, eröffneten sie neue
Unterhandlungen und mit so glänzendem Erfolg, daß im
Jahre 1872 ein anderes Gesetz durchging, das weitere Postsubsidien
 von 500 000 Dollar jährlich für zehn Jahre bewilligte.
 Die Beute an Subsidien war jetzt so viel größer als
früher, daß der Kampf um ihren Besitz oder vielmehr um
ihre Benutzung schnell einen noch heftigeren Streit unter
den Interessenten herbeiführte. Le Grand Lockwood, einer
der Aktionäre, erhob, indem er dabei noch ein anderes Ziel
ins Auge faßte, öffentlich die Anklage, daß zur Durchbringung
 des Gesetzes Bestechung angewandt worden sei,
Lockwood wurde sicherlich nicht durch moralische Motive
geleitet, er hatte aus dem Credit-Mobilier-Schwindel großen
Vorteil gezogen. Das Repräsentantenhaus setzte eine Miene
schmerzlichen und beleidigten Erstaunens auf, war starr
vor Empörung und beauftragte am 20. Februar 1873 die
Budgetkommission, eine Untersuchung anzustellen.
Der Kongreß erwartete natürlich nicht, daß die Untersuchung
 wirklich irgendwelche vernichtende Tatsachen enthüllen
 würde; man nahm zuversichtlich an, daß die Nachforschung
 leicht in harmlose Kanäle abgelenkt werden
könne. Aber die abgegebenen Zeugenaussagen zertrümmerten.
 diese fröhlichen Erwartungen.

Kine Million Dollar für Bestechungen

Die Kommission war von den Zeugenaussagen nicht sehr
erbaut; sie sah sich gezwungen, zu berichten, daß „eine
Summe von beinahe einer Million Dollar in einem gewissen
Zusammenhange mit der Durchbringung der Vorlage ausgegeben
 zu sein scheint!)“, und „daß die Resultate des Be-1)

 House Report Nr. 269, Forty-third Congress, Second Session, 1874— 1875,
2, 17. Henry Clews, jener begeisterte Bankier und Moralist, war während dieser
Periode einer der Direktoren.
        <pb n="51" />
        461 —

weisverfahrens darin bestehen, daß 565000 Dollar an
Lobbyisten ausgezahlt worden sind; die Verfügung über
die übrigen 335 000 Dollar bleibt nach dem vorgebrachten
Beweismaterial zweifelhaft!)‘“. Russel Sage war zu dieser
Zeit Präsident der Pacific-Mail-Steamship-Company; er
wurde herbeigeschleppt, um Zeugnis abzulegen, und er tat
dies mit sehr beleidigter Miene. Er leugnete, daß er zu der
Zeit, als die Subsidien gewährt wurden, mit der Gesellschaft
in Verbindung gestanden habe, und behauptete, daß er von den
in Rede stehenden Bestechungen nichts wisse. Wenn wir sein
Wort hinnehmen sollen, daß er bei den Bestechungen nicht
beteiligt war — eine zweifelhafte Annahme, da er in anderen
Angelegenheiten erwiesenermaßen ein Meineidiger war?) —,
dann bestand seine Handlungsweise wahrscheinlich darin,
zu warten, bis die 5 Millionen Dollar Subsidien bewilligt
worden waren, und die Angelegenheiten dann so zu führen,
4aß er sie in seine Gewalt bekam. Ohne Zweifel wußte er
sehr wohl von der Bestechung, und es ist eine glaubliche
Annahme, daß er Lockwood dazu getrieben hatte, die Klage
einzubringen, um allgemeine Verwirrung und Mißtrauen
hervorzurufen und die herrschende Clique zu stürzen.
Auf alle Fälle, bei jedem Wenn und Aber, war die Pacific-Mail-Steamship-Company
 mit ihren großen Subsidien, die
sie durch Bestechung erlangt hatte, vorhanden, und Sage
war im Jahre 1873 von allenı das Haupt. Soweit die Persönlichkeiten
 der Bestecher und Bestochenen in Betracht
kamen, behauptete die Kommission, nichts zu wissen. Ein
Lobbyist, Richard B. Irwin, sagte aus, daß er 750000 Dollar
an „andere Personen“) ausgezahlt habe, aber wer jene Personen
 seien, das behauptete die Kommission nicht zu wissen;
sie habe, um dies herauszufinden, alle „Hilfsquellen er-1)

 Ebenda 5. 18.
#) Jahrelang schwor Sage, daß sein steuerbares Privateigentum 2 Millionen Dollar
nicht übersteige, und selbst von dieser Summe wünschte er, daß sie herabgesetzt
oder in den Steuerbüchern gelöscht würde. Nach seinem Tode suchte die Steuerbehörde
 der Stadt New York Steuern von wenigstens 50 Millionen Dollar persönlichen,
 von. seiner Witwe geerbten Eigentums festzusetzen; die Höhe der Einschätzung
 wurde aber sehr herabgesetzt, als sein Testamentsvollstrecker bewies, daß
10 Millionen Dollar von Sages Vermögen in nicht versteuerbaren Papieren angelegt
seien,
3) House Report, No. 269 usw., 1874—1875, 2, 123:
        <pb n="52" />
        162 —

schöpft“, aber vergebens. Wie gewöhnlich war es die
„ungeregelte Lobby“, die man tadeln mußte und die gereinigt
 werden sollte.
So viel über Sages Laufbahn bis zu der Zeit, als er und
Gould sich zu den Union-Pacific-Manipulationen und anderen
 Geschäften verbanden.

Drittes Kapitel

NOCH EINMAL GOULDS VERMÖGEN

As Jay Gould im Jahre 1887 vor den Untersuchungsausschuß
 der Regierung, die Pacific-Eisenbahn- Kommission
 gebracht wurde, ließ er sich nur zu geringer Auskunft
 herbei; was aus ihm herausgelockt werden konnte,
war sehr dürftiger Art. Er sagte, daß er durch den Ankauf
 von 100 000 Anteilscheinen im Jahre 1873 einen
herrschenden Einfluß auf die Union-Pacific-Eisenbahnzesellschaft
 erworben habe, und daß sein Besitz später auf
200 000 Anteilscheine gestiegen sei!). Sein Hauptverbündeter,
 Russel Sage, sagte aus, daß er selbst im Jahre 1868
oder 1869 angefangen habe Union-Pacific-Aktien zu kaufen?).
 Sobald diese Männer und ihre Genossen sich die
Macht gesichert hatten, begann ihre geschäftige Tätigkeit.
Ohne irgendeine vermittelnde Förmlichkeit wurden sofort
200 000 Anteilscheine ausgegeben, die nur als Beweis
dienten, welche Macht zu gegenwärtiger und zukünftiger
Ausbeutung sie sich anmaßten.

Die Beraubung ganzer Eisenbahnnetze

Eine der Eisenbahnen, die Gould, Sage, Sidney Dillon?)
and ihre Helfershelfer persönlich kauften und dann an sich

1) Pacific Railway Commission, U, S. Senate Executive Documents, First
Session, Fiftieth Congreß, 1, 53 und 447. 2) Ebenda, 340.
3) Dillon war der Begründer eines umfassenden Vermögens; seine Nachkommen
gehören zu den bedeutendsten Eisenbahnbesitzern der Vereinigten Staaten.
        <pb n="53" />
        463 —

selbst als an die Direktoren der Union Pacific verkauften,
war die Kansas Pacific. Diese ungefähr 394. Meilen lange
Linie gehörte auch zu den vielen Eisenbahnen, deren Geschichte
 voll von ununterbrochener Bestechung ist. Ihre
Aktiva bestanden hauptsächlich aus einer Ausgabe von Staatsobligationen
 und einer Landbewilligung von 3 Millionen
Morgen in Kansas und Colorado.
Kaum war die Bahnkonzession gegeben, so wurde mit
der Bestechung so lebhaft vorgegangen, daß nur der ganz
Dumme sie übersehen konnte. Aber was kam es auf die
angewandten Mittel an? Je größer die Bestechung, um so
größer war die Sicherheit, daß auch die daraus hervorgehenden
 Privilegien, Machtbefugnisse und Vorteile um
so reicher sein würden. Und je lockender die Aussichten,
um so eifriger in ihrer Habgier waren die Leuchten der
Finanzwelt, sich in die Sachen einzumischen. Hervortragende
 Bankiers traten in einen scharfen Wettbewerb miteinander,
 um an der Finanzierung des Projektes beteiligt
zu sein; schließlich wurden zwei Bankfirmen beauftragt,
die Kansas-Pacific-Anleihe auf den Markt zu bringen. Eine
von diesen Firmen war Dabney, Morgan &amp;amp; Co., deren einer
Teilhaber J. Pierpont Morgan war, die andere war das Haus
Morris K. Jesup &amp;amp; Co., dessen Chef es später fertig brachte,
in die glänzende Schar der verherrlichten Philanthropen
aufgenommen zu werden?). In ihren Ankündigungen
vom Jahre 1869 ergingen sich diese Bankiers in glühenden
Schilderungen der glänzenden staatlichen Landbewilligung
der Kansas Pacific — einer Landbewilligung, die, wie sie
allen, die ihr Geld dabei anlegen wollten, versicherten, eine
mehr als genügende Sicherheit für Anleihen gewähre.

Erpressung und Raub

Aber die übliche Krisis kam. Das Kansas- und Pacific-Projekt
 bildete keine Ausnahme in der sich immer gleichbleibenden
 Frfahrung mit Eisenbahnangelegenheiten. Die

1) Sein Besitztum wurde nach seinem Tode am 22. Januar 1908 auf 12 814 894
Dollar netto in persönlichem und Grundbesitz geschätzt. Ein großer Teil des Beitzes
 waren Eisenbahnobligationen.
        <pb n="54" />
        — 464 —

Eisenbahn wurde von den Männern, die an der Spitze der
Menge standen, emsig beraubt, und die Gefolgschaft der
kleinen Geldanleger wurde glatt betrogen. Natürlich sank,
nachdem sie so ausgeplündert war, der Marktwert ihrer
Aktien auf einen sehr tiefen Punkt herab. Gould hatte
gerade auf diese Gelegenheit gewartet, aber er benutzte sie
nicht, bevor er nicht eine Art Erpressungsplan durchgeführt
hatte, durch den er die Kansas Pacific noch wirksamer in
seinen Besitz bringen konnte.
Mit einer Geschwätzigkeit, die scharfen Verdacht hätte
erregen müssen, sprach er seine Absicht aus, das Monopol der
Kansas Pacific niederzubrechen; wieder einmal posierte er
als ein Wohltäter des Bürgertums. Daraufhin begann er,
oder vielmehr veranlaßte er, den Bau einer Eisenbahn in
Colorado, die als Konkurrenzbahn einen Teil gerade desjenigen
 Territoriums durchschnitt, das die Besitzer der
Kansas Pacific als das ihnen zugesicherte Gebiet betrachteten.
 Goulds Plan schlug vollkommen ein. Die Kansas-Pacific-Aktien
 wurden noch mehr herabgedrückt und ihre
erschreckten Besitzer schnell gezwungen, einen Vergleich
zu suchen. Kaum hatte Gould die Kansas-Pacific in seinen
Besitz gebracht und mit der Union Pacific verbunden, als
ar sofort die Colorado-Eisenbahn aufgab?).
Wieviel von den Kansas-Pacific-Eisenbahn-Aktien Gould,
Sage und Dillon sich im besonderen sicherten, ist nicht klar,
aber der Betrag der Beute, den sie zusammen durch das
vetrügerische Verfahren, diese Eisenbahn und andere Eisenbahnen
 an sich selbst als an die Herren der Union Pacific
zu verkaufen, einheimsten, ist ganz klar. Es war kein gewöhnliches
 Verfahren — es lag etwas Massiges darin —
etwas, das in einer Gesellschaft, in der große Diebstähle als
etwas Erhabenes betrachtet werden, staunende Bewunderung
 hervorrufen konnte.
Durch die listige Vertauschung von Aktien und Obligationen
 und die betrügerische Abwendung von Kapitalien
stahlen sie (die Regierung nannte es „unrechtmäßige Aneignung‘‘)
 allein mehr als 20 Millionen Dollar in der Kansas
Pacific, der Denver, South Park und Pacific und anderen
1) Pacific Railway Commission 1, 175.
        <pb n="55" />
        465 —

Bahnsystemen. Nach den Berichts- und Untersuchungsbüchern
 der Pacific-Eisenbahnkommission lassen sich gewisse
 Tatsachen genau feststellen. Sowohl der Majoritätsbericht
 der Kommissionsmitglieder Littler und Anderson
wie auch der Minoritätsbericht des Kommissionsmitgliedes
Pattison wiesen nach, daß die Betrügereien der Union-Pacific-Eisenbahngesellschaft
 unter der Direktion von Gould,
Sage und Dillon wahrhaft riesenhaft waren.
Millionen Morgen öffentlichen Landes sind geradezu gestohlen
 worden. Nicht weniger als 7 Millionen Morgen wurden
 ohne Ermächtigung der Regierung verkauft!). Kohlenland
 von unschätzbarem Werte wurde auf betrügerische
Weise in Besitz genommen?). Millionen Dollar wurden betrügerisch
 von einer Gesellschaft der anderen zugeschoben.
Das Kapital der Union Pacific wurde von 38 Millionen
Dollar künstlich auf 50 Millionen Dollar gebracht, die Obligationsschulden
 von 88 Millionen Dollar auf 126 Millionen
Dollar und verschiedene andere Verpflichtungen von ungefähr
 4 Millionen Dollar auf beinahe 10 Millionen Dollar.
Der Majoritätsbericht wies auf die „verschwenderische und
sorglose Verteilung der Aktiva der Gesellschaft in Dividenden‘“
 hin und brachte eine starke Wißbegierde zum
Ausdruck, warum sich die Union-Pacific-Eisenbahngesellschaft,
 obwohl sie ein großes und gewinnbringendes Geschäft
 betrieb, „am Anfang des Jahres 1884 am Rande des
Bankrotts befand‘.

Vierzig Millionen Dollar als Goulds Anteil

Der Minoritätsbericht war sogar noch schärfer und ausführlicher.
 Er wies nach, daß die Union Pacific und die
Kansas Pacific ungefähr 35 Millionen Dollar von der Regierung
 als Vorschuß erhalten hätten, wovon nur wenig
zurückgezahlt worden sei, und daß bis zum Jahre 1887 die
Summe von 136 314 010,73 Dollar von den Direktoren
dieser beiden Eisenbahnen „vergeudet worden sei“, Reichlich
 84 Millionen Dollar nur nominell erhöhter Aktien seien

da,
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        4166 —

ausgegeben worden. „Die Union-Pacific-Gesellschaft,“
fuhr der Minoritätsbericht fort, „hat in einem Zeitraum
von achtzehn Jahren durch Überschüsse und Landverkäufe
176 294 793,53 Dollar erhalten, und wenn ihr Betriebsmaterial
 voll bezahlt worden wäre, wie es der Kongreß verlangt
 hatte und wie es nach der eidlichen Versicherung der
Beamten nie geschehen sei, so würde diese ganze Summe
heute zur Bezahlung der Regierungsschuld verwendet werden
 können. Die Gesellschaft hat an Dividenden 28 650 770
Dollar ausgezahlt und an Zinsen auf Obligationen 82 742 850
Dollar, und beinahe diese ganze Summe wurde ohne Bedenken
 unter die Aktionäre verteilt. Sie hat über 10 Millionen
 Dollar bei der Denver-, South Park- und Pacific-Eisenbahn
 angelegt; sie bezahlte 10 Millionen Dollar an
Jay Gould und seine Gesellschafter für Zweigbahnen
und andere Geldanlagen, die wertlos sind....“ Das
Kommissionsmitglied Pattison schätzte, daß Jay Goulds
persönlicher Gewinn aus seinen Machenschaften bei der
Union Pacific sich wahrscheinlich auf 40 Millionen Dollar
belief.
Ein großer Teil der Summe, die Pattison bei seiner
Schätzung des seit Bestehen der Union-Pacific-Bahn verübten
 Diebstahls mitrechnete, war, wie wir gesehen haben,
von Goulds Vorgängern in dem Credit-Mobilier-Schwindel
zestohlen worden.

Gerichtliches Possenspiel

Natürlich ist hier die Frage zu erwarten: Warum wurde
Gould nicht wegen seiner Missetaten verklagt? Solange er
das Volk, die große, sich mühende, machtlose Menge, die ohne
wirkliche Vertretung in politischer Stellung war, beraubte,
konnte man es verstehen, daß sich seiner Zügellosigkeit
nichts in den Weg stellte, da man ja sicht, wie das ganze
Gesetz den reichen Freibeutern zur Verfügung steht. Aber
Gould beraubte seine eigenen Standesgenossen ebensosehr;
er schädigte, betrog und plünderte seine eigenen Gesellschafter;
 sie waren mächtige Männer; warum riefen sie
nicht die Schrecken des Strafgesetzes auf ihn herab?
        <pb n="57" />
        _. 467

Nun, einige von ihnen taten es. Aber es nützte ihnen
nicht mehr als seinen Gegnern bei seinen berühmten Erie-Diebstählen.
 War er auch verschiedene Male mit Gefängnis
bedroht, so brachte er es doch, wie seinesgleichen bei jedem
großen kapitalistischen Betrug, leicht fertig, außerhalb der
Mauern zu bleiben. Eine gegen ihn am 13. Mai 1879 von
der Anklagejury von Monmouth County, New Jersey,
wegen behaupteten betrügerischen Verfahrens vorgebrachte
Klage beunruhigte ihn nicht im geringsten. In diesem
Falle wurde von der Lehigh Waggonfabrikgesellschaft die
Anklage erhoben, daß sie ihm auf falsche Darstellungen hin
Waggone geliefert habe, daß sie sich damit einverstanden
erklärt habe, erste Hypothekenscheine der New Jersey
Zentral-Eisenbahn in Zahlung zu nehmen, um, als es zu
spät war, zu entdecken, daß diese Scheine falsche „„Konsolidierungs-Scheine“
 waren, nämlich von einer Konsolidierung,
 die niemals gemacht worden war.
Aus dieser Anklage wand sich Gould auf irgendeine Art
heraus, und neun Jahre später gelang es ihm ebensogut,
sinem anderen Strafverfahren das Licht auszublasen,
Das war im Jahre 1888; mächtige Gegner machten große
Anstrengungen, ihn ins Gefängnis zu bringen, und da Gould
ihre Macht und Beharrlichkeit kannte. fühlte er sich sehr
beunruhigt.
Gewisse dieser Gegner waren enttäuschte Obligationeninhaber
 der Denver-Pacific-Eisenbahn, und sie wurden von
dem Besitzer einer bedeutenden New Yorker Zeitung, dessen
Interessen in Telegraphen- und unterseeischen Kabel-Angelegenheiten
 Gould durchkreuzt und vereitelt hatte, unterstützt.
 Die Anklage drehte sich um einen durchtriebenen
Meineidsfall, durch den Gould, Sage und Dillon bei ihren
Eisenbahn-Konsolidierungen im Spiel mit 30000 Anteilscheinen
 des Denver-Pacific-Aktienkapitals mehrere Millionen
 Dollar unterschlagen hatten. Diese Obligationsinhaber
 hatten im Jahre 1885 in New York gegen Gould
und Sage eine Klage auf Ersatz eingebracht; der Zeitungsbesitzer
 ließ täglich wilde verwünschende Breitseiten gegen
Gould los und verlangte seine Bestrafung. Und um allem
die Krone aufzusetzen: der Obmann der eben tagenden

zo*
        <pb n="58" />
        Anklagejury war ein Kapitalist seines Schlages, den Gould
vor fünfzehn Jahren in einer seiner KEisenbahnunternehmungen
 betrogen hatte.
Es war eine schreckliche Vereinigung, die gegen ihn aufrückte.
 Gould wußte es. Er machte sich sofort klar, daß
er besser täte, sich mit den klagenden Inhabern von Obligationen
 zu vergleichen und sich aus dem Staube zu machen,
und zwar eiligst; er einigte sich darauf mit ihnen und floh
dann auf seiner Jacht und blieb im Auslande, bis — soweit
ein Strafverfahren in Betracht kam — das Verjährungsgesetz
erfolgreich zu seinen Gunsten geltend gemacht werden
konnte.

Ein ganzer Schweif von Bestechungen

Noch eine andere, wenn auch müßige Frage könnte auftauchen:
 Wie war Gould imstande, den für seine zahlreichen
Betrügereien notwendigen Spielraum zu erlangen und von
juristischer Verfolgung und anderem amtlichem Vorgehen
verschont zu bleiben? Der Bericht der Mitglieder der
Pacific-Eisenbahn-Kommission gibt auf diese Frage keine
aufklärende Antwort. Der Minoritätsbericht wirft jedoch
auf seine Handlungsweise einiges Licht. „Hunderte und
Tausende,“ sagt er, „sind in den Hauptstädten? des
Staates und des Landes ausgegeben worden, um ‘die
Gesetzgebung zu beeinflussen!)“, # „Zahlungen für unziemliche
 Zwecke‘ werden häufig erwähnt. Aber wenn
selbst die Kommission in ihrer dürren, widerwilligen Art
die Bestechung, die Gould überall hin folgte, nicht aufgedeckt
 hätte, so könnte man sie doch als selbstverständlich
annehmen. Der hinter ihm herziehende Schweif von Bestechung
 und Betrug ist volle zwanzig Jahre lang ein öffentlicher
 Gestank gewesen; in dieser Hinsicht unterschied er
sich von den meisten zeitgenössischen Geldjägern, denn
diese sackten ihre Beute so listig ein, daß es ihnen möglich
war, unter den Deckmantel des guten Rufes zu schlüpfen.
Ungefähr um das Jahr 1883 gab Gould die Union Pacific

1) Pacific Railway Commission, I, 192.
        <pb n="59" />
        — 469 —

auf, nachdem er sie, wie er glaubte, bis aufs Mark ausgesogen
hatte. Zweifellos war sein Entschluß richtig, da auf dieser
besonderen Linie und zu jener Zeit keine weitere unmittelbare
 Beute in Aussicht stand. Aber als die Zeit gekommen
war, nämlich fünfzehn Jahre später, als sich die Bevölkerung
und die Hilfsquellen des Landes sehr vermehrt hatten, kam
in der Person Harrimans ein würdiger Nachfolger unwiderstehlich
 daher, um Goulds Verfahren nachzuahmen und zu
vollenden.
Die 40 Millionen Dollar oder ungefähr soviel an Beute,
die Gould sich aneignete, kamen zum großen Teil von dem
Kansas-Pacific-Unternehmen her. Der endgültige Betrug
der Regierung um viele der Vorschüsse, die sie für diese
Strecke geleistet hatte, fand im Jahre 1898 statt — gerade
zu der Zeit, als Harriman sich glänzend zu Reichtum und
Macht entfaltete.
Die Regierung hatte an die Kansas Pacific noch eine Restforderung
 von 13 Millionen Dollar. Ein betrügerischer Plan
war ausgeheckt worden, die Regierung ihr Pfandrecht für
die Hälfte des Wertes verkaufen zu lassen; es war ein äußerst
geschickt ersonnener Plan, und erst kurz vor seiner Ausführung
 erhob sich darüber einiger Lärm. Turpie beantragte
bei dem: Senat” der Vereinigten Staaten, daß der Verkauf
nicht bestätigt werden solle; zur Unterstützung dieses
Antrags erhob sich am 16. Februar 1898 Senator Allen und
bemerkte: „Wir könnten ebenso gut ein Gesetz erlassen,
dem Staatsschatz zu einer direkten Schenkung” 6 700 000
Dollar zu entnehmen. Es würde nicht verbrecherischer sein
und die gesetzmäßigen Rechte des Volkes nicht mehr verletzen!).“
 Senator Morgan-Alabama bezeichnete” den Verkauf
 als Raub, Harris nannte ihn einen Betrug und die,
die ihn ausführten, Diebe. Kräftige Worte, aber sie hinderten
 nicht, daß von der Forderung der Regierung noch an
demselben Tage schleunigst für 6 Millionen Dallar preisgegeben
 wurde.
1) The Congressional Record, 55. Congress, Second Session, Bd. 2,2. Teil, 1761,
        <pb n="60" />
        — 40 —
Diebstahl großer Koblengebiete

Will man sich eine passende Vorstellung von Goulds
Diebstählen bei den Machenschaften und dem Zustandebringen
 der Union-Pacific- Konsolidierung bilden, so bleibt
sine bloße Geldberechnung wirkungslos, Die von Gould
und seinen Nachfolgern geraubten natürlichen Schätze
können nicht in Geldwert ausgedrückt werden. Z. B.
die dem Volke gestohlenen enormen Kohlenlager — wer
kann sagen, wie groß ihr Geldwert ist? Die Kommission
für den Handel von Staat zu Staat gibt an, daß tatsächlich
der ganze Kohlenvorrat von Oklahoma, Utah und Wyoming
Eigentum und Monopol des Gould-Eisenbahnsystems ist,
hauptsächlich der Denver- und Rio Grande-Eisenbahn,
eine der zahlreichen westlichen Eisenbahnlinien, die Gould
in der Gewalt hatte und seinen Kindern hinterließ.
Seit 1866 sind diese Diebstähle von Kohlen- und Ölgebieten
 beständig fortgesetzt worden, abgesehen von gelegentlichen,
 durch amtliche Untersuchungen hervorgebrachten
 Unterbrechungen. Diese verhinderten in keiner
Weise eine noch stärkere Wiederaufnahme. Die Kommission
für den Handel von Staat zu Staat berichtete kürzlich, daß
die Gould- und Harriman-Linien in einem großen Gebiet
jenseit des Mississippi „den Bergwerksbetrieb, Transport
und Verkauf der Kohlen an ihren Linien vollständig beherrschen‘.
 Ungezählte Aktenstücke und Zeugenaussagen,
 die in amtlichen Bänden gesammelt sind, erhärten
 die Anklagen auf Betrug, Meineid und Gewalttat.
Aber diejenigen, die aus jenen kolossalen Betrügereien
Nutzen zogen, haben guten Grund, über all diese wirkungslosen
 Untersuchungen belustigt zu lächeln. Das Besitzrecht
 an dem größten Teil des gestohlenen Eigentums, wie
es auch erlangt sein mochte, haben sie; der Regierung
gelang es nur, etwas davon zurückzubekommen, aber verhältnismäßig
 wenig. Im ganzen sind die Gewinnenden sehr
zufrieden.
Man darf nicht annehmen, daß Goulds geistige Tätigkeit
von seinen Räubereien bei der Union Pacific so in Anspruch
genommen war, daß er in anderen Richtungen liegende
        <pb n="61" />
        Gelegenheiten vergaß. Weit entfernt. Dieser untersetzte
Mann mit der sanften Stimme und der unauffälligen, beinahe
 weibischen Persönlichkeit war in der Tat ein unbezähmbarer
 Eroberer, der nicht an vielen Orten und auf
verschiedenen Gebieten gleichzeitig zupackte und raubte.
In seiner selbstgewählten Art der Kriegführung war er
außerordentlich vielseitig, wunderbar begabt in der Berechnung
 und von starker Fähigkeit, eine ungeheuer große
Anzahl verschiedener, verwickelter Unternehmungen gleichzeitig
 im Auge zu behalten. Um ihren rechtlichen Ausgang
 brauchte er sich nicht zu kümmern. Wurde er vorgeladen,
 so konnte er jederzeit ein Korps der geschicktesten
Anwälte engagieren, von denen sich keiner ein Gewissen
daraus machte, einen Bruchteil seiner Diebstähle als Bezahlung
 anzunehmen. Rechtsgelehrte, von denen einige
später an den höchsten Gerichtshöfen des Landes Richter
wurden, Andere Richter gewesen waren und ihr Amt aufgegeben
 hatten, um von denselben Gesellschaften, zu deren
Gunsten sie Entscheidungen erlassen hatten, große Honorare
zu beziehen, plädierten und planten für Gould. Er war
ein vortrefflicher Klient; die Rechtsstreitigkeiten, in die
ar verwickelt war. waren grenzenlos.

Caulds Texas-Pacifie-Unternehmen

Überall, wo er erschien, wurden die kleinen Betrüger
überwältigt und vertrieben, und er, der große Betrüger,
‘rat an ihre Stelle. Dies bewies er wieder bei der Erwerbung
and Plünderung der Texas -Pacific- Eisenbahn. Diese
Strecke hatte die üblichen Regierungssubsidien und Landgeschenke
 erhalten. Die Bestechungen, die zu deren Erlangung
 angewandt waren, wurden in den berühmten
„Huntington - Briefen“, die später in einem zwischen
zwei Eisenbahnparteien entstandenen Rechtsstreit ans Licht
kamen, vollständig aufgedeckt. Der Schreiber dieser Briefe
war ein Kenner, selbst ein hervorragender Bestecher; es
war kein anderer als Collis P. Huntington, einer der maßgebenden
 Eisenbahnmagnaten dieser Zeit. In den Jahren
1876 bis 1878, über die sich seine Briefe erstrecken, wurde
        <pb n="62" />
        472

in Washington ein wilder Wettkampf in Bestechungen geführt,
 und Huntington schrieb darüber rückhaltlos?).
Nachdem der Kongreß das Texas-Pacific-Eisenbahngesetz
angenommen hatte, tauchte Gould mit einem Plane auf,
der dem Credit-Mobilier-Schwindel sehr ähnlich war. Er
gründete eine Baugesellschaft und schloß mit der Texas-Pacific-Eisenbahngesellschaft
 einen Kontrakt, um die westlichen
 Verlängerungsstrecken, die ungefähr 610 Meilen
lang waren, zu bauen. Für diese Arbeit sollten 12 Millionen
Dollar in Obligationen und eine Prämie in Aktien von weiteren
 12 Millionen Dollar gezahlt werden, Es war ein sehr
merkwürdiger Kontrakt, der darauf hinauslief, Gould das
Fisenbahnnetz zum Geschenk zu machen; seine Ausführung
war nur unter der Voraussetzung zu erklären, daß Gould
eine genügende Anzahl der Eisenbahndirektoren durch die
Zusicherung, daß sie einen reichlichen Griff in die Beute tun
sollten, erkauft hatte. Denn nach den Bedingungen des
Kontraktes waren die Aktionäre der Texas Pacific nur mit
einem Sechstel an der Baugesellschaft beteiligt; dadurch
5lieben dem Gould-Syndikat 10 Millionen Dollar Kapital,
und dies genügte vollständig, um ihm die Herrschaft über
die Bahn zu geben. Es versetzte Gould in die Lage, ihre
Direktoren zu wählen, weitere Kontrakte mit sich selbst auf
jeder Basis, die ihm beliebte, abzuschließen, ihre Geschäfte
zu leiten und diese mit seinen vielen anderen Plänen in festen
Zusammenhang zu bringen.

Weitere eingeheimste Eisenbahnsysteme

Die Texas Pacific war eine der vier Hauptlinien, die Gould
und Sage durch ihre wohlbekannten Methoden in ihre Gewalt
 bekamen. Eine andere ihrer Linien war die Wabash,
') In einem Briefe vom 17. Dezember 1877 schrieb Huntington: „Jay Gould
ging vor ungefähr zwei Wochen nach Washington und traf, wie ich weiß, mit dem
Senator Mitchell aus Oregon zusammen. Seit dieser Zeit ist in Washington das Geld
sehr reichlich ausgegeben worden ... Gould hat große Summen Bargeld und gibt es
schrankenlos aus, um seine Ziele zu erreichen.‘ In einem Briefe vom 3. Mai 1878
schrieb Huntington, daß die Texas- und Pacific-Leute einem Kongreßmitgliede
1000 Dollar bar anboten, wenn er für das Gesetz stimmen würde, und weitere
5000 Dollar bar und 10000 Dollar Obligationen, falls das Gesetz durchgehen
würde, usw. usw.
        <pb n="63" />
        473

die sich aus achtundsechzig, ursprünglich getrennten kleinen
Eisenbahnen in Ohio, Michigan, Indiana, Illinois, Missouri
und Iowa zusammensetzte. Gould und Sage hatten eine
lange Reihe von Privilegien von verschiedenen Staaten
erlangt, hatten der Eisenbahn Millionen Dollar geraubt und
sie dann in Bankrott gestürzt!). So widerwärtig betrügetisch
 war ihr Verfahren, daß Richter Gresham vom Bundes:
gericht der Vereinigten Staaten — einer der wenigen Richter
von selbständigem Charakter — behördliche Verwalter, die
auf Goulds und Sages Veranlassung eingesetzt waren, entließ
 und diese Tat mit einer kaustischen Drohung begleitete;
 aber das alles hatte keine Wirkung auf Goulds
Eigentum; er behielt es in seiner Gewalt, und es ging auf
seine Familie über.
Jeder neue Gewinn verschaffte Gould und Sage noch
größere Mittel, um andere Eisenbahnen und andere öffentliche
 nutzbringende Einrichtungen in ihre Gewalt zu bekommen.
 Die Missouri Pacific mit ihrer Reihe von Eisenbahnen,
 für die der Staat Missouri 25 Millionen Dollar vorgeschossen
 hatte, wurde der Liste zunächst hinzugefügt.
Es paßte in Goulds und Sages Plan, diese Eisenbahn nicht
zum Bankrott zu treiben, wie sie es bei den anderen getan
hatten. In diesem Falle hatten sie eine besondere Absicht.
[ndem sie auf Kosten ihrer andern Eisenbahnen den Frachtverkehr
 in betrügerischer Weise ablenkten, steigerten sie die
Einnahmen der Bahn so, daß ihre Aktien einen hohen Wert
erzielten; der Verkauf der Aktien zum höchsten Kurse
brachte ihnen große Summen. Dann ließen sie den Wert der
Aktien wieder fallen und kauften sie zurück. Die Missouri
Pacific gehört heute zu den geschätztesten Besitztümern
der Familie Gould; die Herrschaft über sie ist so ganz und
gar eine Angelegenheit unverhüllter Familienerbschaft, daß
erst kürzlich, im Jahre 1909, Kingdon Gould, ein Enkelsohn
Jay Goulds, zum Direktor eingesetzt wurde.
Alle diese verschiedenen Eisenbahnsysteme wurden von
Gould ungefähr in denselben Jahren,fin denen er die Union
Pacific ausraubte. annektiert.

1) Ein ausführlicher Bericht über dieses vernichtende Vorgehen”erschien in der
„North American’ Review‘ im Februar 1888.
        <pb n="64" />
        474 —

Vanderbilt ausgeräubert und ausgestochen

Im Ausblick nach neuem Eigentum zur Vermehrung ihres
Besitzes beschlossen Gould und Sage zur Zeit, als sie die
Union- Pacific- Eisenbahn ausplünderten, daß auch das
Western - Union -Telegraphensystem ihnen gehören solle.
Jede andere Kapitalistengruppe würde lange gezögert haben,
she sie sich auf einen solchen Plan einließ, denn jene Gesellschaft,
 die stärkste aller Telegraphengesellschaften, stand
unter der Herrschaft William H. Vanderbilts, des reichsten
Kapitalisten in den Vereinigten Staaten. Gould und Sage
wurden durch die Verhältnisse in keiner Weise abgeschreckt;
sle hatten einen Plan, um Vanderbilt auszudrängen; es war
kein anderer Plan als das besondere Erpressungssystem, das
sie benutzt hatten, um die Kansas-Pacific-Direktoren zu
berauben, ein System, das Vanderbilt selbst angewandt
und das konkurrierende Kapitalisten gegen ihn benutzt
hatten.
Dieses zur Zeit oft benutzte System bestand sehr einfach
darin, eine konkurrierende Telegraphenlinie zu bauen.
Wieder trat Gould in der Pose „eines Gegners der Monopole“
 auf; lieblich sprach er über die Notwendigkeit vollständig
 freien Wettbewerbs. Zu dieser Zeit prägte Senator
Vest sein schneidendes Urteil über die Berufstätigkeit der
Geldjäger: „Wenn sie sprechen, lügen sie; wenn sie schweigen,
 stehlen sie,“ ein Ausspruch, der Verewigung verdient.
An der Strecke der Union-Pacific-Eisenbahn und an ihren
anderen Eisenbahnen ließen Gould und Sage eine Telegraphenlinie
 bauen mit der festen Absicht, Vanderbilt entweder
 zum Kauf oder zum Verkauf zu zwingen. Das Geschäft
 der Western-Union- Telegraphengesellschaft wurde so
ernsthaft geschädigt, daß sie in der Notwehr schließlich
gezwungen war, Goulds Konkurrenzlinie für, wie man
annimmt, 10 Millionen Dollar zu kaufen. Nachdem Gould
diese Vanderbilt und seinen Gesellschaftern entrissenen
großen Summen eingesteckt hatte, begann er ein hohes
Spiel und nahm ihnen ihr ganzes Telegraphensystem weg.
Durch jede Art List und Spekulation an der Geldbörse
drückte er den Preis der Western-Union-Aktien und kaufte
        <pb n="65" />
        — 475

Allmählich eine Menge davon. Zu Vanderbilts vollständiger
Überraschung und äußerstem Ärger erschien Gould im Jahre
+881 nicht nur als Herrscher über die Western Union, sondern
auch über die Amerikanische Union-Telegraphengesellschaft,
 die er erst kurz vorher an Vanderbilt verkauft hatte.

Die Geldaristokratie und Gould

Nachdem Gould die Western-Union-Telegraphengesell-;chaft
 in seine Gewalt bekommen hatte, vermehrte er soleich
 ihre Aktien und setzte diese Tätigkeit beständig fort.
Siegreich, überladen mit Beute und Macht, brauchte Gould
nicht um die Unterstützung alles dessen zu werben, was in
der Geldaristokratie für solide und achtungswert angesehen
wurde. Sie kannte ihn als großen Dieb, und er kannte ihren
Wert, ungeachtet des äußern Scheins, den sie um sich gewoben
 hatte. Der Instinkt von Art für Art ist unfehlbar,
und dieser Instinkt wird in der Geldwelt noch durch jenes
sich immer gleichbleibende Prinzip der Handlungsweise
verstärkt, wonach die Geldjäger sich um denjenigen scharen,
der die größte Geschicklichkeit zeigt, sich mit der Beute auf
and davon zu machen. Den Besiegten wird man schnell untreu,
 den Siegreichen strömt man zu. Geldkönige gleicher
Art wie John Jacob Astor, J. Pierpont Morgan, Collis P.
Huntington und andere befanden sich in der edlen Schar,
die Goulds Direktorium zusammensetzte; bemerkenswerte
Kerle, von denen viele oder alle eine Laufbahn eingeschlagen
hatten, die der Goulds mehr oder weniger gleich war; sie
bildeten eine verderbte Bruderschaft, die vollständig und
aufs beste imstande war, sich zu verstehen.
Alle waren schlaue, alte Praktiker; Gould konnte sie nicht
leicht übervorteilen; waren auch nicht alle so scharfsinnig
wie Sage, so waren doch die meisten von ihnen in jeder vom
Rechten abweichenden Taktik und List des finanziellen
und industriellen Kampfes sehr geschult. Ihre Sicherheit
lag in ihrem Mangel an Vertrauen; gerade die Kehrseite
der von ihnen gepredigten Tugenden wurde durch die
Erfordernisse ihres Kampfes entwickelt. Aber wenn ein
leichteläubiger Mann wie Cyrus W. Field, der Begründer
        <pb n="66" />
        476 —

des unterseeischen Kabels, mit seinem vertrauensvollen
Glauben an Goulds Freundschaft daherkam, dann waren Beraubung
 und Sturz leicht auszuführen. Field war einfältig
genug, an Gould zu glauben; erst nachdem Gould ihm seinen
Reichtum erbarmungslos ausgepreßt und ihm als Bankrotteur
 den Laufpaß gegeben hatte, fing Field — zu
spät — an, zu begreifen, daß es in dem Taumel des Konkurrenzkampfes
 keinen Platz für Freundschaft gibt. Field
hatte jedoch wenig Grund, über sein Unglück zu klagen; der
Reichtum, den Gould ihm entrissen hatte, war das Erzeugnis
 einer Folge von Betrügereien, an deren Resultaten
ar sehr gern teilgenommen hatte.

Gould streicht Hochbahnen ein

Diese Plünderung Fields geschah bei Goulds Gaunerspiel
mit den Aktien der Hochbahn in der Stadt New York.
Gould hatte gar keinen Anteil.an dem Bau dieses Hochbahnnetzes.
 Die Privilegien zum Bau und Betrieb dieser Bahn
waren durch Bestechung erlangt worden. Nachdem andere
Kapitalisten die Bestechungen besorgt und gezeigt hatten,
wie einträglich diese Hochbahnen sind, streckten Gould
und Sage die Hände nach ihrem Besitz aus.
Es wurde vor dem Hepburn-Untersuchungsausschuß im
Jahre 1879 ziemlich klar festgestellt, daß ungefähr 650000
Dollar an Bestechungsgeldern ausgegeben worden waren, um
das Privilegium für eine dieser Hochbahnen, die Gilbert-Bahn,
später Metropolitan-Bahn genannt, zu erlangen. Im Verhör
sagte Jose F. Navarro, einer der Beamten der Gesellschaft,
aus, daß bis zu der Zeit, in welcher der Bau dieser Bahn begann,
 650 000 Dollar ausgegeben worden seien. Auf die
Frage, ob sie in New York oder in Albany (dem Sitz der regierenden
 Körperschaften) ausgegeben worden seien, antwortete
 er, das wisse er nicht. Es ging aus den Fragen und
Antworten ganz klar hervor, daß diese 650 000 Dollar als
Bestechungsfonds benutzt worden waren!). Wahrscheinlich
war eine ziemlich gleichhohe Summe verwendet worden,

?) Railroad Investigation of the State of New York 1879, 5, 43. Diese Privilegien
stammen aus der Zeit der Tweed-Herrschaft, Als das Privilegium für die Bleeker-
        <pb n="67" />
        7477 -
um das Privilegium für die andere, die New York-Hochbahn,
zu erlangen.
Der alte im Eisenbahnbau so gebräuchliche Kunstgriff,
eine Baugesellschaft zu organisieren, wurde auch beim Bau
der Hochbahnen angewandt. Eine Gesellschaft unter dem
Namen New Yorker Leih- und Betriebsgesellschaft wurde
gegründet, um die Bauarbeit auszuführen. Dieselben Männer
 waren die Direktoren sowohl der Baugesellschaft wie
der Hochbahngesellschaften und schlossen betrügerische
Kontrakte mit sich selbst ab!). Kapitalisten und „Philanthropen“
 wie George M. Pullman?), John P. Kennedy und
andere hatten bei diesem betrügerischen Verfahren großen
Gewinn, sie heimsten gleichzeitig auch sonst durch manches
andere Verfahren derselben Art Reichtum ein.
Nachdem die ersten beiden Hochbahnen gebaut waren,
wurde ein neues Plünderungssystem entworfen und ausgeführt.
 Eine „Manhattan“ genannte Gesellschaft wurde
mit einem Kapital von 2 Millionen Dollar konzessioniert,
offenbar, um Hochbahnen zu bauen. Aber sie baute
nicht einen einzigen Fuß; dieselbe Clique, die über die
New VYorker Leih- und Betriebsgesellschaft herrschte, trat
als Herrscherin über die Manhattan auf und verpachtete
die beiden vorhandenen Bahnen an die Manhattan.. Diese
Pacht kostete sie in der Tat wenig Geld bar; sie erhöhten
das Aktienkapital der Manhattan in unrechtmäßiger Weise
von 2 auf 123 Millionen Dollar und verteilten den Betrag als

Street und Fulton Ferry-Linie in der Stadt New York erlangt wurde, wurden
434 000 Dollar in Obligationen gratis verteilt. (The History of Public Franchises
in New York City, S. 121.) 1) Ebenda, ı2.
?) Über Pullman sind einige Tatsachen im ersten Bande dieses. Werkes vorgebracht
 worden. Ein weiteres Beispiel seiner Methoden und Ansichten zu ungefähr
derselben Zeit dürfte lehrreich sein. Nachdem Jacob Sharp im Jahre 1884 das
Magistratskollegium der Stadt New York durch bare Zahlung von 500 000 Dollar
verleitet hatte, ihm das Privilegium für die Broadway-Linie zu erteilen, gaben
die Besitzer des Privilegiums 952000 Dollar in Aktien und 2 500 000 Dollar
ın Obligationen für den Bau einer Linie aus, die nur drei Meilen lang war und
*atsächlich nur 160 000 Dollar kostete. Die Ausgabe dieser Obligationen war ungesetzlich
 und unehrlich. Pullman wußte davon und auch von der Bestechung.
Für Wagen, die er geliefert hatte, erhielt er 150000 Dollar von diesen Obligationen,
den Dollar zu 50 Cent gerechnet. — Report of, and testimony before, the
N York Senate Investigating Committee, „Senate Committee Broadway Railway,
1886‘. 181.
        <pb n="68" />
        478 —

Beutel), Durch Aktienspekulationen zermalmten dann
Gould und Sage die meisten kleinen Aktionäre und verschafften
 sich die Herrschaft. Sie gingen dann dazu über, die
Aktien noch weiter nominell zu erhöhen, das ganze System
zu konsolidieren und die mächtigeren Aktionäre zu verdrängen.


Field wird hinausgeworfen

Einige der gewichtigen Aktionäre, wie z. B. Field, steckten
mit Gould und Sage unter einer Decke, andere aber bekämpften
 erbittert die verschiedenen betrügerischen Maßregeln
 und Hilfsmittel, die Gould und Sage in Bewegung
setzten. Das Resultat des daraus hervorgehenden Rechtsstreites
 war vorauszusehen. Gould erschien selten vor
Gericht, ohne daß er den Richter in der Tasche hatte.
Das richterliche Werkzeug war zu dieser Zeit Westbrook
vom obersten Gerichtshof in New York; als Gould seine
Diebskarriere angefangen hatte, war Westbrook sein erster
Rechtsanwalt gewesen. Jetzt, als Richter, erließ Westbrook
Befehle und Vorschriften, die Gould und Sage bei ihren betrügerischen
 Taten den Rücken deckten. Seine Willfährigkeit
 war allgemein bekannt; einmal hielt er eine Gerichtssitzung
 in Goulds Privatzimmer im Büro der Western
Union Telegraphengesellschaft ab und erließ von dort eine
Verordnung ?).
Nachdem Gould und Sage unbeschränkte Herren der
Hochbahnsysteme von New York geworden waren, hatten
sie Field nicht mehr nötig. Bei erster Gelegenheit wurde
die Effektenbörse beeinflußt, Field aufzugeben, und er
wurde hinausgeworfen, um kümmerlich. dahinzuleben und
als ruinierter Mann zu sterben.

*) Railroad Investigation of the State of New York, 1879, 5, 6 und 7.
®) Das Repräsentantenhaus von New York beschuldigte später den Richter
Westbrook, gesetzwidrige Handlungen im Amt begangen zu haben; aber vom Senat,
als untersuchender Körperschaft, gelang es ihm, ein freisprechendes Urteil zu erhalten.
        <pb n="69" />
        Viertes Kapitel

DER GEGENWÄRTIGE STAND DES GOULDSCHEN VER-MÖGENS


\Ws war nun das konkrete Ergebnis, was war die großartige
 Höhe, die Gould nach fünfzehnjähriger Räuberei
erreicht hatte? Er selbst zeigte es auf anschauliche Weise,
als er am 13. März 1882 Sage und seine andern Gesellschafter
zusammenrief und ihnen einen mit Wertpapieren vollgestopften
 Kasten vorwies. Es waren in Wallstreet ihn herabsetzende
 Gerüchte ausgestreut worden, ein Fallen der
Kurse habe ihn vor kurzem schwer getroffen, und um diese
Behauptungen Lügen zu strafen, rief er Zeugen herbei,
um durch eindrucksvolle Beweise darzutun, daß sein Reichtum
 und seine Macht unversehrt seien. Er legte 23 Millionen
 Dollar Western-Union-Aktien, 12 Millionen Dollar Miszouri-Pacific-Aktien
 und 19 Millionen Dollar anderer Aktien
vor. „Es gibt außer Vanderbilt keinen Mann in Amerika,“
bemerkte Sage, „der eine solche Schaustellung von Aktien
veranstalten könnte.“ Aber die Wertpapiere, die Gould so
aufdeckte, bildeten nur einen Teil seines Reichtums; vieles
andere war nicht darin enthalten. Zwei Jahre später veranstaltete
 er in prahlerischer Weise eine zweite noch größere
Schaustellung.
Diese Haufen von Aktien und Obligationen waren die
rechtskräftigen Beweise von der weitreichenden Macht
dieses einen Mannes. Durch ihren Besitz stand ihm nicht
nur die Verfügung über die von zahlreichen Gesellschaften
herbeiströmenden großen Einkünfte zu, sondern auch die
üanbeschränkte Macht über eine ungeheuer große Schar von
Lohnarbeitern. Jeder Dollar seines Vermögens war durch
Hinterlist, Bestechung, Betrug und Diebstahl erlangt worden ;
doch nun stand er da als einer der herrschenden Magnaten
des Landes, als der Eigentümer verzweigter Besitzungen, als
der Herr über das Schicksal von Zehntausenden von Arbeitern.
Hinter ihm als unüberwindlicher Schutz stand das Gesetz
und sicherte ihm den Besitz des durch Diebstahl Erreichten.
        <pb n="70" />
        — 480 —

Im Jahre 1881 waren er und seine Clique mitiBeute überladen;
 das Volk war, durch seine Armut auf der einen und
den Anblick des riesenhaften Reichtums der Kapitalisten
auf der anderen Seite, aufgestachelt, außerordentlich unruhig
 geworden. Gould strebte vorwärts, als ob ein öffentlicher
 Protest nichts bedeute. Er fügte, wie wir gesehen
haben, dem Kapital der Hochbahnen der Stadt New York
[3 Millionen Dollar Verwässerungsaktien hinzu und zwang
gleichzeitig die Angestellten und Bahnwärter dieser Linien,
sich neuen Lohn- und Arbeitsbedingungen zu unterwerfen.
Sie hatten sich beklagt, daß sie 12—15 Stunden täglich für
den armseligen Lohn von 2 Dollar und 1,75 Dollar den Tag
arbeiten mußten. Gould hörte ihre Klagen an und tröstete
sie mit der Anordnung, daß ihre tägliche Arbeitszeit auf
zwölf Stunden herabgesetzt werden solle. Aber ihre Visionen
 eines kümmerlichen Triumphes schwanden dahin, als
sie erfuhren, daß er auch ihren Lohn gekürzt habe.
Zur selben Zeit, als er die Eisenbahnen im Westen plünderte,
 setzte er die Löhne der Leute an der Missouri Pacific
herab und trat den Arbeiterorganisationen entgegen; dadurch
 veranlaßte er in den Jahren 1885 und 1886 große
Streike, durch die indessen seine Eisenbahnarbeiter so gut
wie nichts gewannen. Höchst typisch für die Kriecherei
vieler Zeitungen und Politiker war die Schmähung und Verleumdung,
 mit denen die jene Streike leitenden Arbeiterführer
 überhäuft wurden. Die Diener der öffentlichen
Presse und die Gefolgschaft der politischen Führer verbanden
sich zu bösartiger Verfolgung; Martin Irons, der den
Missouri-Pacific-Streik leitete, wurde verleumdet, gehetzt
and auf die schwarze Liste gesetzt, Es war jammervoll, zu
sehen, wie dieser Mann, einer der Reinsten, Besten und Aufopferndsten,
 in späteren Jahren gezwungen war, sich durch
den Verkauf von Erdnüssen einen unsicheren Lebensunterhalt
 zu erwerben; und jetzt ruht er in einem unbekannten
Grabe, ganz vergessen, während die sterblichen Reste
Goulds, eines der Meisterdiebe der Zeit, in einem geräumigen
 Mausoleum ruhen, und die Kinder Goulds zu der
Familienoligarchie gehören, die die Vereinigten Staaten
beherrscht.
        <pb n="71" />
        — 481 —

Diebstahl durch Macht und Glanz belohnt

Mit fünfundvierzig Jahren besaß Gould mehr als 100 Millionen
 Dollar, Er war vor der Zeit alt geworden; sein Bart war
mit Grau gemischt, sein Haar dünn, und sein gebräuntes,
galliges, finsteres Gesicht war von harten tiefen Linien durchfurcht.
 Seine Gestalt war zusammengeschrumpft, so daß er
noch unbedeutender aussah als je zuvor. Aber wenn er reiste,
konnte niemand die Zeichen fürstlicher Macht mißverstehen.
 Von einem Ende des Landes bis zum anderen fuhr er
in einemschön eingerichteten, palastartigen Eisenbahnwagen,
der mit allem zu jener Zeit erdachten Komfort und Luxus
ausgestattet war — mit einem Aussichtszimmer, einem
Wohnzimmer, einer Speisehalle, Schlafzimmern, einer Küche
und Räumen für die Gepäckträger. Seine Jacht, Atalanta,
war wirklich prächtig. Seine Lebensweise war so, wie sie
sich für einen vollendeten Magnaten geziemte. In Irvington
 am Hudson lebte er zurückgezogen in einem großen,
kostbaren, von 500 Morgen umgebenen Herrenhause. Mit
diesem verbunden war eins der schönsten Gewächshäuser
der Welt. Seine Stadtwohnung in New York war ein
massives, düsteres Haus aus dunkelbraunem Sandstein an
der nordöstlichen Ecke der 5. Avenue und 47. Straße, recht
im Mittelpunkte des aristokratischen Viertels.
Er besaß jedoch noch manche andere gewaltige Macht,
die nicht in äußerem Pomp zutage trat. Jahrelang besaß
er eine Zeitung, die New Yorker „World“; es war merkwürdig,
 zu sehen, wie einer der größten Räuber, der so
manches Mal nur mit genauer Not dem Gefängnis entganzen
 war, das Publikum in bezug auf seine Pflicht und Moral
in politischer und anderer Hinsicht unterwies. Aber die
oekannte Tatsache, daß die Zeitung Gould gehörte, trug
auch dazu bei, den Wert ihrer Äußerungen herabzusetzen
ınd ihre Verbreitung zu beschränken‘).
Viel erfolgreicher und hinterlistiger beeinflußte er die

1) Aber als Gould die „World“ an Joseph Pulitzer verkauft hatte, wurde diese
Zeitung eine der bittersten Anklägerinnen Goulds, wahrscheinlich mit der Absicht,
sich vor der öffentlichen Meinung soviel wie möglich von der Tatsache loszulösen,
daß sie früher Gould gehört hatte,
        <pb n="72" />
        18”

öffentliche Meinung durch die Beherrschung der Western-Union-Telegraphengesellschaft
 und mittels dieser des
Presseverbandes, der ersten Agentur zur Verbreitung von
Neuigkeiten in den Vereinigten Staaten. Entstellte, irre-‚eitende
 oder falsche Nachrichtentelegramme wurden hergestellt
 oder künstlich gefärbt und der öffentlichen Presse
geliefert. Diese verschafften Gould nicht nur vortreffliche
geheime Hilfsmittel, um die Bewegung des Geldmarktes zu
beeinflussen, sondern wurden auch bei jeder Gelegenheit
zugunsten der Kapitalisten und gegen Arbeiter- und radikale
 Bewegungen benutzt. Das Publikum wurde mit gröblich
 gefälschten Berichten über Streike und politische
und Arbeiterbewegungen gefüttert; auf diese zurechtgemachten
 Nachrichten stützten die Besitzer der Zeitungen,
die selbst Kapitalisten oder dem Kapital in hohem Maße
unterwürfig waren, feindselige, wenn nicht böswillige Leitartikel;
 und alles zusammen wurde benutzt, um die
große Masse des Publikums von vornherein gegen jede Bewegung
 oder Gärung einzunehmen, die die unbeschränkte
Herrschaft des Kapitals bedrohen konnte.

Fay Goulds Tod

Jay Gould wurde in seinen letzten Jahren teils von einem
schweren Magenleiden, teils von Schlaflosigkeit gequält.
Stundenlang pflegte er in den langen dunklen Nächten
an dem Häuserblock, der seinem Hause in der Stadt
New York gegenüberlag, auf und ab zu schreiten — ein
kleiner, abgemagerter, verdrießlicher Mann, der sich vergebens
 bemühte, Körper und Geist bis zu einer den Schlaf
erzwingenden ; Erschöpfung zu ermüden. Er starb am
Morgen des 2. Dezembers 1892, und seine Leiche wurde auf
dem Woodlawn-Friedhof in einem klassischen Mausoleum,
das 110 000 Dollar gekostet hatte, bestattet. Viele Multimillionäre,
 deren Lebensweg und Stellung seinen eigenen
glichen, und deren Laufbahnen zum Teil mit der seinen
verknüpft waren, erschienen bei den Begräbniszeremonien.
Russel Sage war da und J. Pierpont Morgan und Collis
P, Huntington und eine Gruppe anderer — eine pompöse
        <pb n="73" />
        483 —

Prozession von Geldfürsten mit passendem Gesichtsausdruck
 und in tadelloser Trauerkleidung, obgleich mit Ausnahme
 seiner eigenen Familie nicht eine Seele wirklich um
Gould trauerte. Sein Testament enthüllte einen Besitz
von nominell 77 Millionen Dollar, aber dieses war nur die
öffentliche Seite des testamentarischen Schriftstücks; sein
Besitz belief sich auf viel mehr. Die ganze Hinterlassenschaft
sollte für seine sechs Kinder — vier Söhne und zwei Töchter
 — verwaltet werden; Gould hinterließ nicht wie die
Astors und einige andere Magnaten die große Masse seines
Vermögens seinem ältesten Sohne.
Jetzt, da Gould gestorben war, stießen viele Zeitungsbesitzer,
 die, solange er lebte, vor ihm gedienert oder furchtam
 geschwiegen hatten, wie Gassenkehrer ihre Schmähungen
 hervor und zählten seine hassenswerten Taten auf.
Die Unrichtigkeit ihrer Darstellungen bestand nicht in
der Übertreibung seiner Lasterhaftigkeit — das wäre nicht
möglich gewesen — sondern darin, daß sie ihn als einen
außergewöhnlichen Betrüger herausgriffen und von dem
System loslösten, das ihn hervorgebracht hatte und das
allein verantwortlich gemacht werden konnte.
Gould ging dahin als der gehaßteste Mann der Vereinigten
 Staaten. Sozialer Ehrgeiz hatte ihn niemals berührt,
aber in seinen Kindern entwickelte sich das Streben nach
Anerkennung. Zuerst kam es bei jedem Schritt zu einem
Hervorbrechen der alten Schmähung, daß ihres Vaters
Vermögen durch Raub und Vernichtung gewonnen sei.
Aber alle Begründer ‚von Reichtümern waren ohne eine
einzige Ausnahme von derselben Art; alle hatten überlistet,
gelogen, getäuscht, bestochen, betrogen und gestohlen. ı
Jedoch die Goulds mit Hunderten von Millionen. Dollar
zu ihrer Verfügung waren imstande, alle sozialen Hindernisse
 zu überwinden. Wenn jemand genug Geld hat, dann
braucht man ihm eine auserwählte gesellschaftliche Stellung
nicht erst zu bewilligen, er kann sie im Sturme nehmen.
Einer der leichtesten Wege besteht darin, sich den Eintritt
in die Gesellschaftsklasse des europäischen Erbadels zu erkaufen,
 da dieser in der heutigen praktischen Zeit mit der
Verhökerung von Namen für Bargeld einen lebhaften Handel
        <pb n="74" />
        4

SA

betreibt. Demgemäß wurde im Jahre 1895 Anna Gould,
eine von Jays Töchtern, in die Gräfin Castellane verwandelt,
 und der Graf erhielt die Gelegenheit, viele der
Gouldschen Millionen für sich in Anspruch zu nehmen.
Während der folgenden elf Jahre machte er einen fröhlichen
Gebrauch davon, streute mit verschwenderischer Freigebigkeit
 Millionen aus und trieb phantastische Possen,
bis eine Ehescheidung ihnen ein grausames Ende bereitete.
Aber Mme Gould stieg auf den Seiten des Gothaer Kalenders
noch höher auf. Der Nachfolger des Grafen ist der Herzog
von Sagan, ein bemerkenswerter Sproß seines Hauses, der
seine wichtige Rolle spielt, indem er zeigt, wie der feudale
Adel, oft der gestohlenen Besitzungen zu Hause durch Revolutionen
 und Verschwendung beraubt, sich bequem schadlos
 halten kann, indem er sich mit gestohlenen Gütern aus
neueren Ländern verbindet.

Der Kampf um die weitere Existenz

Würden wir zu großen Nachdruck auf die Bestrebungen
und Taten der Familie Gould in gesellschaftlicher Hinsicht
legen, so würden wir den riesenhaften Industriekampf in
den Schatten stellen, in den sie verwickelt wurden. Nach
Jay Goulds Tode nahmen der Reichtum und die Besitzungen
der Familie bedeutend zu, und ihre Eroberungen wurden
weiter ausgedehnt.
Aber dieser Fortschritt wurde nicht ungehindert gestattet.
 Die allerletzten Jahre leiteten, worauf wir schon
hingewiesen haben, einen furchtbaren Kampf um die ausschließliche
 Beherrschung der Hilfsquellen der Nation ein.
Wenn wir;fünfzig Jahre zurückblicken, so sehen wir eine
große Anzahl kleiner wichtigtuender Fabrikherren, von denen
jeder seine eigne kleine Eisenbahn oder Fabrik betrieb.
Dann tritt eine Veränderung ein; große, energische Kapitalisten
 entwickeln sich, die mit den kleinen Herren Krieg
führen, sie mit guten oder schlechten Mitteln vernichten,
ihre Besitzungen an sich reißen und zu großen Systemen vereinen.
 Die kleinen Eisenbahnbesitzer verschwinden, und
an ihre Stelle treten herrschsüchtige Magnaten wie die
        <pb n="75" />
        ARE —

Vanderbilts, die Goulds, Huntington, Morgan, Hill und
ähnliche. Vor zehn Jahren waren alle diese Männer Magnaten
 mit ungeheurer Macht, jeder an der Spitze irgendeines
 großen Systems und despotisch auf einem besonderen
Gebiete herrschend.
In dem industriellen Entwicklungsprozeß ist jetzt ein
neues Stadium im Werden, das den Niedergang der Oberherren
 des Gould-Typus ankündigt und den nahenden
Höhepunkt kapitalistischer Einrichtungen voraussagt. Wie
mächtig auch diese Magnaten gewesen sind, sie werden allmählich
 und unerbittlich von einer noch gewaltigeren Macht,
der mächtigsten von allen, niedergeworfen. Das Ziel dieser
alles durchdringenden Macht ist industrieller Absolutismus 3
und in der Verfolgung dieses unvermeidlichen Endzweckes
zermalmt diese Macht jeden Widerstand, ebenso wie die
Goulds, die Vanderbilts und andere ehemals kleinere
Magnaten ihn zermalmt haben. Nicht länger sind die Goulds
imstande, ihre Macht weit auszudehnen ; die kritische Periode
 ist eingetreten, in der sie um das, was sie besitzen,
schwer zu kämpfen haben.

Die aufsteigende Autokratie

Diese höchste Macht, die nach jeder Form der Produktion
und der Verteilung der Produkte die Hand ausstreckt, ist
die Standard Oil-Company, an deren Spitze die Rockefellers
 stehen.
Vor fünfunddreißig Jahren erhielt sie durch Erlangung
geheimer Eisenbahntarife und andere Formen der Unterdrückung
 ein Monopol für Ölprodukte. Zuerst trat sie in
verbindlicher‘ Form an die Eisenbahnmagnaten heran, als
Bittende, die eine Gunst nachsucht. Bald darauf ließ sie,
aus Politik, diese Magnaten an ihrem Gewinn teilnehmen.
Dann fing sie an, sich ihren Weg in das Besitzrecht von
Eisenbahnen zu erkaufen. Ihre Einkünfte sind so fabelhaft
groß, daß sie unter dem dauernden und unvermeidlichen
Zwange steht, ihren ungeheuer großen und noch immer
größer werdenden Überschuß neu anzulegen. Diesen Überschuß
 hat sie dazu verwandt. Aktien von Eisenbahnen, Ban-
        <pb n="76" />
        486 —

ken, Bergwerken, gemeinnützigen Einrichtungen und Industrien
 und Wertpapieren aller Art aufzukaufen. Infolge dieser
feststehenden unveränderlichen Politik nahm ihre Macht
eine solche Ausdehnung an, daß ihre Mitglieder anfingen,
sich als Direktoren in die verschiedensten Gesellschaften
einzudrängen. Eine Zeitlang führten sie dann die Politik
durch, mit den großen Magnaten auf jedem Gebiete „eine
Gemeinschaft der Interessen‘ zu haben; mit ihnen in der
Entscheidung über industrielle Angelegenheiten zusammenzuarbeiten.
 Aber während der ganzen Zeit kaufte die Gesellschaft
 in allmählichem Vordringen immer mehr Aktien
aller Art an, so daß sie jetzt so weit gekommen ist, daß
sie durch Leiter wie den verstorbenen Harriman allmählich
 die Vanderbilts, die Goulds und andere Magnaten,
die noch vor zehn Jahren ersten Ranges waren, in eine untergeordnete
 Stellung drängt und sich hinter unumschränkter
Machtvollkommenheit verschanzt. Mehrere Eisenbahnen,
die lange Zeit von den Goulds beherrscht wurden, sind in
beträchtlicher Ausdehnung Anhängsel der Standard Oijl-Gesellschaft
 geworden.
Industriekimpfe, wie der zwischen George Gould und
der Pennsylvania-Eisenbahn im Jahre 1902, werden sich
so bald nicht wieder ereignen. Dieser Kampf war durch
Goulds Plan,”die Wabash-Eisenbahn bis an die Küste des
Atlantischen Meeres auszudehnen, entstanden. Die Pennsylvania-Eisenbahn
 erhob sofort Widerspruch gegen einen
Konkurrenten auf ihrem reichen Nutzen bringenden Gebiet.
 Der daraus hervorgehende Streit wurde in gesetzgebenden
 Körperschaften, in Gemeinderäten, Gerichtshöfen,
 im Kongreß und durch wirksame physische Kraft
ausgefochten. So vollständig haben die Pennsylvania-Eisenbahnmagnaten
 jenen Staat fünfzig Jahre lang beherrscht,
 daß auf Goulds Seite sehr viel Tollkühnheit nötig
war, um mit ihnen einen Krieg anzufangen).

1) Als Beispiel, wie die große politische Macht der Pennsylvania-Eisenbahn
benutzt wurde, ist der folgende Bericht bezeichnend. Er zeigt, wie Cassatt, der
Präsident jener Eisenbahn, und einige andere Industriemagnaten und politische
Größen beschlossen, daß Philander Knox (im Jahre 1910 Staatssekretär der Vereinigten
 Staaten) zum Senator der Vereinigten Staaten gewählt werden solle.
Knox war lange Zeit Gesellschaftsanwalt, Der Gouverneur von Pennsylvania erhielt
        <pb n="77" />
        — 4857 —

Eines der bemerkenswertesten Beispiele, wie weit die Pennsylvania-Eisenbahn-Magnaten
 in ihrer Herrschaft gingen,
bildet das Tumult-Entschädigungs-Gesetz, dessen Durchbringung
 sie bei den gesetzgebenden Körperschaften jenes
Staates im Jahre 1879 versuchten. Es ist nützlich, etwas von
den Umständen, unter denen dieses Gesetz entstand, kurz
mitzuteilen, da dadurch eine gute Vorstellung von den
Methoden A. J. Cassatts erweckt wird, der lange Präsident
der Pennsylvania-Eisenbahn war. Cassatt war es, den George
Gould im Jahre 1902 zu bekämpfen hatte. Die Methoden,
die Cassatt im Jahre 1879 anwandte, waren dieselben, die
er immer anwandte. Jay Gould besaß bei all seiner Gewissenlosigkeit
 niemals die Dreistigkeit, etwas zu tun, das an Ungeheuerlichkeit
 dem Tumult-Entschädigungs-Gesetz Cas-3atts
 nahekam. Trotzdem wurden, als Cassatt kürzlich starb,
überall Lobpreisungen in überreicher Zahl veröffentlicht;
er starb umgeben von Zeichen höchster Fhrbarkeit

Selbst zugefügter Brandschaden und ein Raub von 4 Millionen Dollar

Wir haben in einem früheren Kapitel gesehen, wie die
Beamten der Pennsylvania-Eisenbahn während des großen
Streiks von 1877 ihre Angestellten beauftragten, eine Anzahl
wertloser Frachtwagen in Pittsburg in Brand zu stecken,

den Befehl, die Wahl dieser Gruppe politischer Diktatoren zu bestätigen, und tat es.
Dieser Bericht wurde in „Collier’s Weekly“ in der Ausgabe vom 8. Juni 1907 als
Leitartikel veröffentlicht und erschien in derselben Zeitschrift am 27. November
1909 noch einmal. Seine Richtigkeit wurde nicht bestritten, es wurde nichts in
Abrede gestellt, auch keine Klagen auf Verleumdung eingebracht. Der Bericht
lautete:
„Mr. Knox’ politische Karriere wurde in den Hauptbüros der Pennsylvania-Eisen-5ahn
 in Philadelphia in Szene gesetzt. Dort trafen sich, um für den kürzlich verstorbenen
 Quay einen Nachfolger zu ernennen, Senator Penrose, Henry C. Frick,
'Iz’Durham, der damals auf der Höhe seiner Macht stehende Herr von Philadelphia,
und der ehemalige Präsident Cassatt. Zwischen den Politikern und den beiden Ge-;chäftsleuten
 wurde ein Modus arrangiert. Knox sollte Senator sein... Dann
vegab sich die Gesellschaft zum Mittagessen in das Haus des Präsidenten Cassatt.
Hierzu war Gouverneur Pennypacker eingeladen, dem die Kandidaturbestimmung
zukam. Während die übrigen mit den Walnüssen beschäftigt waren, erhob sich
Penrose und forderte den Gouverneur auf, in den Hinterhof zu kommen, um
len Mond zu sehen. ‚Es ist Knox,‘ sagte Penrose zu dem Gouverneur. Und
Knox war es... Dieser Geschichte wird noch ein untergeordnetes Interesse durch
lie Tatsache hinzugefügt, daß Präsident Cassatt Demokrat war."
        <pb n="78" />
        — 488

um die Streikbewegungen als aufrührerisch hinstellen zu
können und so einen Vorwand für die Herbeirufung von
Militär zu haben.
Auf dasselbe Verbrechen der Brandstiftung gründeten
zwei Jahre später diese Magnaten einen Versuch, das Volk
mit einem Griff um 4 Millionen Dollar zu berauben. In der
ganzen Geschichte der amerikanischen Industrie ist nie zuvor
ein so eingestandenermaßen kühner Plan versucht worden.
Als im Jahre 1879 bei den gesetzgebenden Körperschaften
von Pennsylvania eine Gesetzesvorlage eingebracht wurde,
die Eisenbahn bis zur Höhe von 4 Millionen Dollar für den
Verlust von Eigentum zu entschädigen, wurde die Nachricht
mit allgemeinem Erstaunen aufgenommen. Cassatt betrieb
die Vorlage, und sie würde zum Gesetz geworden sein,
hätten sich nicht einige der Gesetzgeber über die Unverschämtheit
 des Planes empört. Einige brandmarkten ihn
als einen ungeheuren Betrug; einer besonders, der Repräsentant
 Wolfe, erhob die Anklage, daß Bestechung angewandt
 worden sei, und verlangte eine Untersuchung.
Darauf wurde am 9. April 1879 eine Untersuchungskommission
 eingesetzt.
* Der Bericht dieser Kommission stellt ausdrücklich fest,
daß drei Mitglieder der gesetzgebenden Körperschaften
sich der Bestechung schuldig gemacht hätten. Nach dem
Beweismaterial war es klar, daß Cassatt und Quay — der
letztere ein bestechlicher Politiker an der Spitze der
republikanischen Parteiorganisation von Pennsylvania —
sich verbündet hatten, um die Vorlage durchzupeitschen;
daß viele Mitglieder entweder mit Geld oder mit Versprechungen,
 gewisse ihrer Vorlagen durchzubringen, bestochen
 worden waren; daß unter den Mitgliedern bestochene
 Gruppen zur Durchbringung wichtiger Vorlagen
bestanden, und daß viele einflußreiche Redakteure im ganzen
 Staat bezahlt worden waren, um das Durchgehen der
Gesetzesvorlage zu befürworten).

1) Petroff, Kembel, Salter, Rumberger und Crawford, alle Gesetzgeber oder
Lobbyisten, wurden im Jahre 1880 der Bestechung überführt und je zu einem
Jahr Gefängnis verurteilt. Bei der Verurteilung bemerkte Richter Pearson, daß in
        <pb n="79" />
        Ein Krieg der Multimillionäre

Das war die Art, wie Cassatt, das Haupt der Streitkräfte,
mit denen George Gould zu kämpfen hatte, vorging. Vor
allem anderen suchte Gould in Pittsburg mit seinem erstaunlich
 hohen jährlichen Güterverkehr von 75 Millionen
 Tonnen einzudringen. Die Regierung der Stadt wurde
von der Pennsylvania-Eisenbahn geführt. Aber was machte
das? Wenn Geld eine Clique von Beamten einsetzen und
arbeiten lassen konnte, dann konnte Geld auch eine andere
Clique einsetzen. So schloß George Gould und mit Recht.
Die Regierung von Pittsburg wurde jetzt der Kampfpreis.
Gould sorgte in geschickter Weise dafür, daß der in Frage
stehende Zugang der Wabash-Eisenbahn durch die städtischen
 Wahlen des Jahres 1902 entschieden werden sollte.
Mit Hilfe seiner Millionen, so sagte man, wurde eine
„Reformbewegung‘“ hervorgebracht und zu kräftigem
Wachstum aufgeblasen. Gould setzte seine Sache durch;
ein seinen Plänen günstig gesinnter Gemeinderat wurde gewählt!).
 Zur selben Zeit ließ Gould im Kongreß ein Gesetz
durchbringen, das ihm die Überbrückung des Monongahela-Flusses
 gestattete. Man hat berechnet, daß ihn das Eindringen
 in Pittsburg 12 Millionen Dollar gekostet hat, aber
der urkundliche Beweis dafür fehlt. Nachdem er 35 Millionen
 Dollar ausgegeben hatte, führte er seine Wabash-Pläne
durch.
Nun begann der Kampf der rohen Gewalt. Aus Rache für
Goulds Sieg ließen die Magnaten der Pennsylvania-Fisenden

 gesetzgebenden Körperschaften von Pennsylvania Bestechung seit Jahren ein
alltägliches Vorkommnis sei, Aber obwohl die Bestechung bei dem Versuch, das
Gesetz durchzubringen, aufgedeckt wurde, erlangte die Eisenbahn von Pennsylvania
schließlich doch, wie vorher erwähnt, aus der Staatskasse annähernd 22 Millionen
Dollar an „Entschädigungen“.
') Diese „Reform“ wurde als eine Bewegung angekündigt, die Pittsburg neu
beleben würde. Die durch Bestechung öffentlicher Körperschaften aus Geschäftsinteressen
 hervorgebrachte zunehmende Korruption war kürzlich aufgedeckt worlen.
 Der Überführung eines von denen, die am meisten bestochen worden waren,
folgte ein Geständnis und im März 1910 die Geständnisse vieler anderer Mitglieder
des Pittsburger Gemeinderates. Diese Geständnisse enthüllten ein ausgedehntes
Bestechungssystem durch Stahlmagnaten, Banken und aus anderen Geschäfts-‚nteressen.
 Gegenwärtig (April 1910) sind 41 Stadtverordnete im Anklagezustande,
und mehr als zwanzig andere haben ein Geständnis abgelegt.
        <pb n="80" />
        — 499 —

bahn alle Telegraphenstangen seiner Western Union Telegraphen-Gesellschaft
 an der Strecke jener Bahn niederschlagen.
 Hätten die Telegraphenarbeiter einen Streik angefangen,
 dann hätte sich das Geschrei erhoben, daß sie auf
gefährliche Weise eine wichtige öffentliche Einrichtung zerstört
 hätten, aber eine von Magnaten ausgeübte Gewalttat
galt als heiliges Eigentumsrecht, und kein Einspruch von
Regierungsbeamten wurde laut.
In einem Werke, das während der Abfassung dieses
Buches (1910) in Lieferungen veröffentlicht wurde und
Richter Ben B. Lindsey, einen Mann von hohem Gemeinsinn,
zum Verfasser hat, der mit den Angelegenheiten von Colorado
 schr genau vertraut ist, enthüllt Richter Lindsey im
einzelnen etwas von der großen Korruption in jenem Staate.
Er erzählt, wie beinahe alle Beamten und Richter Werkzeuge
 der Gesellschaften sind; was für eine ungeheuer große
Zahl betrügerischer Stimmen bei den Wahlen gezählt werden;
 und wie die Gesellschaften in vielen Fällen die Wahl
oder Ernennung gerade derjenigen Richter diktiert haben,
deren Entscheidungen für die Arbeiterklassen so drückend
gewesen sind. Im besondern erzählt er ausführlich, wie
im Jahre 1905 Gouverneur Peabody in betrügerischer Weise
für gewählt erklärt wurde, und wie Peabody mit der Besetzung
 ‚von Richterstellen im obersten Gerichtshof durch
gewisse, von den Gesellschaften bezeichnete Männer Handel
getrieben habe.
Lindsey fährt fort: „Erscheint dies unglaublich ? Dannlese
man die Berichte des obersten Gerichtshofes von Colorado,
Bd. 35, S. 325 und das weitere. Man wird dort die Anklage
finden, daß die Colorado- und Southern-Eisenbahngesellschaft,
 die Denver- und Rio Grande-Eisenbahngesellschaft
und die Staatsbehörden von Denver mit Gouverneur Peabody
ein Abkommen getroffen hatten, wonach diese Korporationen
 in die Lage versetzt werden sollten, die für den obersten
Gerichtshof zu ernennenden Richter zu bestimmen. Man
wird die Anklage finden, daß Luther M. Goddard von den
Straßenbahn- und ähnlichen Konzessions-Gesellschaften als
passender Richter bestimmt wurde, daß aber die beiden
Eisenbahngesellschaften Einspruch gegen ihn erhoben, da er
        <pb n="81" />
        — 491 —

„Zu eng mit den Interessen der Denver City-Straßenbahngesellschaft
 und der Denver Union-Wassergesellschaft verbunden
 sei“. „Als letztes Hilfsmittel,“ fährt der Bericht fort,
„wurde der Agent und Vertreter der besagten Colorado- und
Southern-Eisenbahngesellschaft aufgefordert — und er
folgte der Aufforderung —, sich am Sonntag, dem achten Tage
des Januar, nach Mitternacht, also am Montag, dem neunten
Tage des Januar, ungefähr um ein Uhr morgens in einem
Wagen nach der Wohnung des besagten Luther M. Goddard
zu begeben, ihn aus dem Bett zu holen und dann und dort
mit dem besagten Goddard eine Unterredung zu haben,
wonach die besagten Eisenbahngesellschaften durch ihre
Agenten den Widerspruch gegen seine Bestätigung zurückzogen,
 und nun verkündeten sie an dem besagten Morgen
ungefähr um 3 Uhr den übrigen Korporationen durch ihre
Agenten und Vertreter, daß ihr Widerspruch zurückgezogen
 sei, und nachdem die Zurückziehung des Widerspruches
 verkündet worden war, bestätigte der Senat des
15. Repräsentantenhauses beinahe unmittelbar nach seinem
Zusammentreten am Montag, dem neunten Tage des Januar,
morgens die Ernennung des besagten Goddard.
„Das diese Anklagen enthaltende Schriftstück ist unterzeichnet
 von Henry M. Teller, Ex-Kabinettmitglied und
Senator der Vereinigten Staaten, und vom Ex-Gouverneur
Thomas als Anwalt für Senator T. M. Patterson, der in
seiner Zeitung The Rocky Mountain News die Anklagen
erhoben hatte. Diese Herren erboten sich, die Anklagepunkte
 vor Gericht zu beweisen, aber der Gerichtshof
wies das Anerbieten in einer höchst erstaunlichen Entscheidung
 zurück; er war der Ansicht, daß, wie wahr auch
solche Beschuldigungen sein mochten, es eine „Verachtung
 des Gerichtshofes“ sei, sie vorzubringen, und
verurteilte den Senator Patterson zu einer Geldstrafe von
1000 Dollar!“ .*, 21)
Also scheint es, wenn Anklagen wie diese wahr sind, daß

*) „The Beast and the Jungle,“ Everybody’s Magazine, Februar-Ausgabe 1910,
241—242. Moody’s „Truth about the Trusts,‘“ herausgegeben im Jahre 1904,
beschreibt die Denver- und Rio Grande-Eisenbahn als ein ausgesprochenes Could-System
 (S. 435).
        <pb n="82" />
        — 492 —

die jetzt lebenden Goulds die Methoden ihres Vaters fortsetzen.
 Es läßt sich auch wohl annehmen, daß diese öffentlichen
 Enthüllungen nur Andeutungen von ausgedehnten
heimlichen Anschlägen und Unternehmungen sind, von
denen viele niemals öffentlich enthüllt wurden.
Wenn die Familie Gould nun auch, wie die Verhältnisse
liegen, langsam zu einer entsagenden Stellung in der Rangordnung
 des Reichtums hinabsinkt im Vergleich mit dem
Vermögen und der Macht eines Rockefellers, so ist sie
trotz alledem noch ungeheuer reich. Vor vierzig Jahren
tat Jay Gould alles, was er konnte, um dem Gefängnis zu
entgehen; heute leben seine Kinder und Großkinder in
schimmernden Palästen.
Georgian Court in Lakewood, New Jersey, einer der
Wohnplätze George Goulds, ist sinnbildlich für ihren Glanz.
Das Hauptgebäude, im georgianischen Stil erbaut, ist
200 Fuß lang und 50 breit. Die große Haupteintrittshalle
ist 30 Fuß breit und 50 lang; an einem Ende befindet sich
ein von Marmorsäulen getragenes massives elliptisches
Treppenhaus aus Marmor und Bronze und am anderen Ende
ein prächtiger Marmorkamin. An drei Seiten der Halle
befindet sich eine 16 Fuß hohe und 80 Fuß lange Wandmalerei
 — eine Darstellung der „Canterbury Pilger“ nach
Chaucer. Hundertundfünfzig Gehänge aus geschliffenem
Glas strahlen prismatische Farben von dem Kronleuchter
herab. Das Mobiliar dieser Halle im Stile Ludwigs XIV. glänzt
von Vergoldung und ist mit dunkelrotem Samt bezogen.
Dieser Palast enthält dreißig Zimmer für George Goulds
Familie und ihre Gäste. Selbst das Bettgestell, in welchem
George Gould schläft, kostet 25 000 Dollar. Und rund
herum um dieses graue und weiße Herrenhaus aus Ziegelmauvern,
 bedeckt mit grauem Stuck, befinden sich feenhafte,
italienische, tiefliegende Gärten voll Statuen und prächtigen
Springbrunnen. Verbunden mit dem Schloß ist ein mit
einem Kostenaufwand von 250000 Dollar erbauter Hof
mit einer mit Lohe gefüllten Reitbahn, einer Turnhalle,
mit Kegelbahnen und Ruhezimmern, mit einem bedeckten
Schießstand, einem großen Schwimmbad und türkischen
und russischen Bädern.
        <pb n="83" />
        — 493 —

Und dieses ist nur einer der vielen Paläste der Mitglieder
der Familie Gould.

Fünftes Kapitel

DAS VERMÖGEN VON BLAIR UND GARRETT

Vo John J. Blair hört man jetzt wenig, doch als er im
Jahre 1899 im Alter von 97 Jahren starb, hinterließ er
ein großes persönliches Vermögen, das man verschieden —
zwischen 60 und 90 Millionen Dollar — schätzte; sein
zum größten Teil auf seinen Sohn De Witt C. Blair übergegangener
 Reichtum bildete eines der großen Vermögen
in den Vereinigten Staaten. Hier war nach den Lieferanten
für die öffentliche Meinung einmal ein ehrlicher Mann;
hier war unbestreitbar ein Kapitalist von „ungewöhnlichem
kaufmännischem Instinkt,“ dessen Vermögen aus reinem,
gesetzlichem und rechtschaffenem "Tun hervorgegangen
war. „Länger als ein halbes Jahrhundert,“ sagte der Leitartikel
 einer Zeitung!) bei seinem Tode, „ist er einer der
führenden Kaufleute des Landes gewesen und länger als ein
Vierteljahrhundert einer der reichsten Männer der Welt,
da sein Vermögen auf 50 bis 100 Millionen Dollar geschätzt
wird, von denen jeder Pfennig ihm durch rechtliche
Kanäle zufloß und auf dem Wege zu ihm sowohl, wie später
in seinen Händen, neuen Reichtum schuf.“ Dies war keine
vereinzelt dastehende Lobpreisung; überall in den Spalten
der Presse ertönte dieser Sang, ohne irgendeinem Widerspruch
 oder einer Einwendung zu begegnen.

Eine Nachforschung über Blairs Laufbahn

Auf allen diesen ermüdenden Seiten haben wir weit und
breit mit äußerster Sorgfalt nach einem Vermögen gesucht,
das durch ehrliche Mittel erworben ist. Auch sind
die Methoden nicht an dem Kodex einer höheren Ethik
2) New York „Tribune‘, 27. August 1899.
        <pb n="84" />
        — 494 —

gemessen und geprüft worden, sondern nur an den Gesetzen,
die zu der betreffenden Zeit bestanden. Niemals hat die
Entdeckung eines „ehrlich erworbenen Vermögens‘ unser
entschlossenes Bemühen belohnt. Oft glaubten wir ein
Beispiel angetroffen zu haben, erlebten aber nur schmerzliche
 Enttäuschung. Durch alle. Vermögen, große wie
kleine, zieht sich derselbe Faden von Betrug und Diebstahl;
 der kleine Handelsmann mit seinen irrigen Angaben
und Schwindeleien unterscheidet sich nur dem Grade nach
von den großen Betrügern. Sind wir endlich bei Blair auf
ein durch gar keinen Makel beflecktes Vermögen gestoßen?
Können wir jetzt ausrufen: Heureka! So möchte man
glauben, wenn man landläufige Urteile als Tatsachen hinnehmen
 könnte. Aber da wir nun einmal hartnäckig eine
nachforschende, wo nicht eigensinnig skeptische Sinnesart
entfaltet haben, wollen wir ihr auch durch die Untersuchung
der Laufbahn dieses Musterbildes kaufmännischer Tugend
voll Genüge tun. 1
Nun trifft es sich, daß Blair, wenn er auch in seinem
kindischen Alter, als er sich in dem ihm beigelegten Ruhme
eines wunderbaren Geschäftsmannes und Philanthropen
sonnte, sehr zurückgezogen und abgeschlossen lebte, doch auf
die kaufmännischen Ereignisse vor fünfzig und sechzig Jahren
einen großen, widerhallenden Eindruck hinterlassen hat.
Die noch vorhandenen, in Dunkelheit begrabenen Berichte
kommen von ihren vergessenen Regalen herab und machen
die Märchen der heutigen Lobredner zuschanden. Er war
ein Zeitgenosse von Kommodore Vanderbilt, vom ersten
John Jacob Astor und von Russel Sage; und er war ein
sbenso vortrefflicher Geschäftsmann wie nur irgendeiner
von ihnen; d. h. seine Methoden waren verhältnismäßig
dieselben wie die ihrigen.
Er wurde im Jahre 1802 in der Nähe von Belvidere,
New Jersey, geboren; seine Eltern waren Farmersleute;
und seine Biographen erzählen mit einem wohlgefälligen
Schmunzeln der Anerkennung, daß er seiner Mutter, als
er noch sehr jung war, ankündigte: „Ich könnte mich auf
das Studium legen, ich beabsichtige aber, reich zu werden.“
Wie Sage fing er als Kommis in einem ländlichen Laden an
        <pb n="85" />
        4.95 —

und entwickelte sich dann zum Besitzer eines allgemeinen
Warenhauses in dem jetzigen Blairstown, New Jersey.
Jahre vergingen, und er hatte Glück, wie seine Lobredner
erzählen; er eröffnete dann eine Anzahl von Zweiggeschäften.
 Aber dieser Teil seiner Laufbahn verbirgt sich
in reiner Tradition; von seinen Methoden zu dieser Zeit ist
Nichts Authentisches bekannt.

Blair als Erbauer von Eisenbahnen

Blair trat dann als Besitzer einer Eisengießerei in Oxford
Furnace, New Jersey, auf, und von diesem Punkte seiner
Laufbahn an sind bestimmte Tatsachen in amtlichen Berichten
 gesammelt. „Die Notwendigkeit, das Metall an die
Meeresküste zu befördern,“ sagt ein Biograph, „führte
Mr. Blair und andere dazu, die Lackawanna Kohlen- und
Eisen-Gesellschaft zu organisieren, aus der sich das große
Delaware-, Lackawanna- und Western-Eisenbahnsystem
entwickelt hat.“ Mit diesem alles umfassenden Satze erledigt
 der Biograph leichten Sinnes diesen Teil des Gegen-Standes.
 Aber es sind gewichtige Gründe vorhanden, weshalb
 wir mit einer kurzen, jedoch ausreichenden Erklärung
dabei verweilen müssen, denn in diesem Unternehmen
erwarb Blair seine ersten Millionen; hier war es, wo er die
ersten glänzenden Beweise seines „ungewöhnlichen kaufmännischen
 Instinktes“ gab.
Wäre es zwischen ihm und seinen Genossen in diesem
Eisenbahngeschäft nicht zu einem bitterh Streit gekommen,
so würde die Wahrheit unerreichbar sein. Wie die Sache
liegt, begingen diese Männer das ungeheuer große Versehen,
ihrem Streit durch Veröffentlichung Dauer zu verleihen;
ein unverzeihlicher F ehler, wenn es sich darum handelt,
die gute Meinung der Nachwelt aufrechtzuerhalten. Dieser
Streit entstand aus einer sehr gemeinen Sache, nämlich
aus der Verteilung des Raubes; es war ein erbitterter,
unwürdiger Zank, wie aus den gegenseitigen, bissigen Verunglimpfungen,
 die von den Streitenden selbst in die Berichte
 gebracht wurden, nur allzu klar hervorgeht. Aus
diesen Berichten ergibt sich, daß Blair in der Tat das Ge-
        <pb n="86" />
        — 496 —

schäft in dem gewohnten Stile betrieben hat; er verkaufte
die Erzeugnisse seiner Fabrik zu enorm hohen Preisen an
eine Eisenbahngesellschaft, deren Direktor er selbst war,
und baute persönlich Zweigbahnen, die er mit enormem
Gewinn der Gesellschaft unterschob,
Die Delaware-, Lackawanna- und Western-Eisenbahn,
jetzt eine der allerreichsten des Landes, wurde im Jahre 1850
durch die Zusammenfassung einer Anzahl kleiner einzelner
Bahnen gebildet. Um Privilegien und besondere Rechte
und Unterstützungen zu erlangen, nahm man zu dem gewöhnlichen
 Bestechungsverfahren seine Zuflucht, und mit
unfehlbarem Erfolge. Die an der Spitze stehenden Männer
verstanden ihre unehrenhafte Arbeit sehr gut; es waren
dieselben reichen Kaufleute, die in manche andere Betrügerei
 verwickelt waren. Einigen von ihnen sind wir in
diesen Kapiteln schon früher begegnet — George D. Phelps,
John J. Phelps, William E. Dodge, Moses "Taylor und
anderen. Mit John J. Blair zusammen bildeten diese Männer
das Direktorium der Delaware-, Lackawanna- und Western-Eisenbahngesellschaft.

Eine der besonderen Bahnen, die in diese Eisenbahn aufgenommen
 wurden, war die Warren-Linie, die durch New
Jersey und Pennsylvania führt. Der Bau dieser Bahn war,
soweit es sich aus den gerichtlichen Protokollen feststellen
läßt, von einigen sehr merkwürdigen Umständen begleitet.
Zwei Gruppen von Kapitalisten konkurrierten um ein
Privilegium, ihre Eisenbahnen durch die Berge nach der
Delaware-Schlucht ausbauen zu dürfen; die eine war die
Morris- und Essex-Eisenbahngesellschaft, die andere die
Warren-Eisenbahngesellschaft, an deren Spitze Blair und
Dodge standen. Beide Gesellschaften erhielten im Jahre
1851, kurze Zeit hintereinander, von den gesetzgebenden
Körperschaften von New Jersey ihre Patente. In jenen
Jahren wurde in aufeinanderfolgenden Sessionen der gesetzgebenden
 Körperschaften von New Jersey ein Skandal nach
dem anderen enthüllt; es war kein Geheimnis, daß die Eisenbahnmagnaten
 nicht nur die gesetzgebenden Körperschaften
und die Ratsversammlungen der Städte bestachen und verführten,
 sondern auch regelmäßig auf echt geschäftsmäßige
        <pb n="87" />
        497 —

Art die staatlichen Wahlen verfälschten. Im Jahre 1851
z. B. waren die einzigen Kandidaten für den Posten des
Senators der Vereinigten Staaten, über die von den gesetzgebenden
 Körperschaften abgestimmt wurde, rivalisierende
Eisenbahnnabobs, dieselben Männer, die notorisch jahrelang
 bestochen und gefälscht hatten.
Welcher der beiden Gruppen würde es gelingen, ihre
Eisenbahnerweiterung zuerst auszuführen? Die gesetzgebenden
 Körperschaften hatten beide mit Privilegien für
dieselbe Route ausgestattet; in dieser Beziehung standen
sie gleich. Aber Blair und Dodge überlisteten die Morrisund
 Essex-Eisenbahngesellschaft vollständig und behaupteten,
 ältere Rechte für ihre Linien zu haben. Die Morrisund
 Essex-Eisenbahngesellschaft klagte auf Betrug, ging in
größter Eile vor Gericht, um einen Einspruch zu erhalten,
und erhielt ihn auch vorübergehend. Der Fall kam im
Jahre 1854 zu endgültiger richterlicher Entscheidung vor
das Kanzleigericht von New Jersey. Die Morris- und
Essex- Gruppe behauptete, das Recht des Bahnbaus durch
die Van Neß-Schlucht gekauft zu haben, und beschuldigte
 Blair, von diesem Gebiet widerrechtlich Besitz ergriffen
 zu haben, „um die Klagenden auf betrügerische
Weise an der Verlängerung der Strecke zu verhindern“;
sie behaupteten ferner, daß die von Blair und Dodge veranstaltete
 Landvermessung betrügerisch sei und daß noch
andere Betrügereien vorlägen. In seiner Erwiderung
leugnete Blair im allgemeinen, obgleich er zugab, daß die
Morris- und Essex-Eisenbahngesellschaft das Land gekauft
und Dokumente darüber erhalten habe; er behauptete aber,
daß dies geschehen sei, nachdem das Gebiet bereits der Warren-Eisenbahngesellschaft
 zugewiesen worden war. Jede Partei
beschuldigte die andere des Betruges; zweifellos waren die
Behauptungen beider richtig. Richter Green entschied zu
Blairs Gunsten und hob den gerichtlichen Einspruch auf?).
Später wurde die Warren-Eisenbahn mit großem Gewinn

1) New Jersey Equity Reports, 9, 635—649.
Der Haupteigentümer der Morris- und Essex-Eisenbahn war Edward A. Stevens,
der viele Jahre lang von einer konkurrierenden Bahn, der New Jersey-Transportgesellschaft,
 Geld erpreßte, und, als diese Gesellschaft sich schließlich weigerte,
        <pb n="88" />
        — 498 —

an die Delaware-, Lackawanna- und Western-Eisenbahn
verkauft.

Anklagen auf Diebstahl und Mißbrauch amtlicher Stellung

Zuerst müssen die Beziehungen zwischen Blair, den
Phelpses und Dodge von jener brüderlichen Eintracht gewesen
 sein, die einer zufriedenstellenden Verteilung guter
Dinge entspringt. Vor 1856 wehte aus den Jahresberichten
des Verwaltungsrates der Delaware-, Lackawanna- und
Western-Eisenbahngesellschaft ein Hauch herrlichster, niemals
 durch die geringste Uneinigkeit getrübter Harmonie.
Phelps hatte als Präsident der Gesellschaft Blair zum Landagenten
 für die Warren-Abteilung der Eisenbahn ernannt.
Augenscheinlich durchdrang ein freudiges, behagliches
Gefühl der Genugtuung, daß die Dinge so schön vorwärtszingen,
 diese wackere Gruppe von Ehrenmännern.
Plötzlich änderte sich die Beschaffenheit ihrer privaten
und öffentlichen Mitteilungen. Gepfefferte Erklärungen,
die häufig ganze Seiten füllten und mit Beschuldigungen
und Gegenbeschuldigungen angefüllt waren, wurden veröffentlicht,
 und es entspann sich ein bissiger Streit über die
Diebstahlsfrage, besonders in Verbindung mit der Warren-Eisenbahn.
 Am 9. September 1856 verzichtete Phelps auf
das Präsidentenamt und beschuldigte damit tatsächlich
andere Direktoren, bei der Erwerbung von Land, Hilfsgeldern
 und Zweigbahnen ein ausgedehntes System von
Diebereien betrieben zu haben.
Legte Phelps sein Amt nieder, um einen Protest zu erheben?
 Wahrscheinlich war die Situation tatsächlich so,
daß der interne Kampf der Schwierigkeit entsprang, die
Beute richtig zu verteilen, und daß sich die Anti-Phelps-Partei
 als die stärkere erwiesen hatte. Phelps setzte seine
Angelegenheit in privaten Erklärungen, die im Anschluß an
die Jahresberichte veröffentlicht wurden, auseinander,
Er rühmte sich, daß, als die Privilegien der Delaware-,

weiterhin den Räubersold zu zahlen, die gesetzgebenden Körperschaften von New
Jersey, wie die Klage lautete, durch Bestechung dahin brachte, Vergeltungsmaßregeln
 zu beschließen. —
        <pb n="89" />
        — 499 —

Lackawanna- und Western-Eisenbahn wegen Nichterfüllung
verwirkt waren, er es gewesen sei, der am 2. April 1855 eine
Vorlage durchgebracht habe, die „alle Privilegien wiederherstellte
 und weitere wichtige Rechte gewährte“. Er
klagte über die übertriebenen Ausgaben der Direktoren
und hob ausdrücklich hervor, daß, als er gewünscht hatte,
einen Rechnungsrevisor zu erhalten, Blair und die anderen
Direktoren sich geweigert hätten, einen zu ernennen. In
bezug auf den Diebstahlsprozeß schrieb Phelps, „einer
unserer Leiter (Blair) ist ein Direktor und großer Aktionär
in der Lackawanna-Eisen- und Kohlengesellschaft; er besitzt
 den achten Teil der Lehigh- und Tobyanna-Landgesellschaft;
 er hat weitgehendes Interesse an dem Grundbesitz
 längs der Bahnlinie und ist Präsident der Warren-Eisenbahn,
 deren wichtigster Unternehmer sein Sohn ist.
Ein anderer Sohn ist Direktor und sehr großer Mitbesitzer
der Lackawanna-Eisen- und Kohlengesellschaft‘“1) usw.
In einem anderen privaten, vom 17. Januar 1857 datierten
Rundschreiben bezeichnete Phelps Blair als „einen der Teilhaber,
 auf die er besonders Bezug genommen habe“ und als
„Meinen Maßregeln systematisch sich entgegenstellend*“,
Die abgerissenen Einblicke, die wir aus diesen Berichten
gewinnen, bilden zweifellos nur einen Hinweis auf die
vielseitigen sorgfältig ersonnenen Diebstähle, die von Blair
nach jeder zugänglichen Richtung ausgeführt wurden ?).

Blairs Eisenbahnen im Westen

Blairs Beute bei diesen Unternehmungen scheint sehr
groß gewesen zu sein. Sein Verfahren war so erfolgreich,
1) „Private Erklärung an die Aktionäre der Delaware-, Lackawanna- und Western
Eisenbahngesellschaft, 1856“, 6,
?) So sehr nachgiebig das Gesetz auch war, wenn kapitalistische Interessen in
Frage kamen, so hat es doch nachdrücklich erklärt, daß es als grundlegendes Prinzip
anerkenne, es sei gegen die Staatspolitik, Kontrakte über den Bau einer Eisenbahn
mit einem Direktor oder Beamten der Gesellschaft zuzulassen. „Alle solche Kontrakte,‘“
 sagt Elliott, „erscheinen sehr verdächtig und sind nach den klarsten Prinzipien
 der Staatspolitik, wenigstens dann, wenn der gute Glaube fehlt, aufhebbar
oder, nach einigen Autoritäten, nichtig.“ (Siehe Elliott on Railroads, 2, 839—840.)
Dies klingt in der Theorie ganz schön, aber in der Praxis haben die Gerichtshöfe
immer wieder Gründe gefunden, diese Betrügereien zu sanktionieren.
        <pb n="90" />
        500 —

daß er den Bau von Eisenbahnen als regelmäßige Beschäftigung
 aufnahm; und wie Sage verband er die politische
Berufstätigkeit mit dem Geschäft. Die günstigste Gelegenheit
 für ihn kam, als die Privilegien, Subsidien und Landvewilligungen
 für die Union-Pacific- und andere Eisenbahnen
durch Bestechungen im Kongreß durchgebracht wurden.
„In den ersten Tagen der Besiedlung des weiten Westens‘,
schrieb einer seiner Reklamemacher, „fand Mr. Blair reichliche
 Gelegenheit zur Ausübung seiner ungewöhnlichen
Urteilskraft und unermüdlichen Energie, und sein Name
war, sei es als Erbauer oder als Direktor, mit nicht weniger
als fünfundzwanzig verschiedenen Eisenbahnlinien verbunden.“
 Was für eine symmetrisch gebaute und ansprechende
Beschreibung! Alles, was fehlt, um sie vollständig zu machen,
sind einige unbedeutende Details, die jetzt hier nachgetragen
werden sollen.
Als einer der zuerst gewählten Direktoren der Union-Pacific-Eisenbahn
 nahm Blair an ihren beständigen ungeheuerlichen
 Betrügereien teil, Aber es war in Iowa, wo
er die meisten seiner vielen Millionen raubte — in Iowa mit
seinem schönen uralten Ackerboden, der zu dem reichsten
in den Vereinigten Staaten gehörte.!) Nicht weniger als
5o Millionen Dollar Subsidien in der einen oder der anderen
Form wurden von den Eisenbahngesellschaften in Iowa
erlangt; ihre Landbewilligungen beliefen sich fast auf 5 Millionen
 Morgen. Im Entwerfen der Eisenbahnen in jenem
Staat war Blair die einflußreichste — mit Ausnahme von
Sage beinahe die einzige — Persönlichkeit: er schien alles

1) „Die ersten Landbewilligungen des Kongresses,“ schrieb Gouverneur
J. G. Newbold von Iowa in seinem Jahresbericht von 1878, „wurden den Gesell-;chaften
 bedingungslos zugesprochen, obgleich das Kongreßgesetz beabsichtigte,
laß der Verkauf des Landes für den Staat eine Einnahme sein und der Ertrag dem
Bau der Eisenbahnen zugewendet werden sollte; die Gesellschaften durften die
Ländereien ohne Rücksicht auf ihre Bahnlinie wählen; und sie durften die Zeit bis
zur Vollendung ihrer Arbeit im wesentlichen selbst bestimmen; obgleich ein Hauptzweck
 der Landbewilligungen darin bestand, diese Fertigstellung zu einem früheren
Termin sicherzustellen.
Stadtgebiete, größere und kleinere Städte durften zur Unterstützung des
Bahnbaues den Besitz innerhalb ihrer Grenzen besteuern, und das so erlangte Geld
wurde den Baugesellschaften unbeschränkt zugewiesen, während viel von dem Besitz
dieser Gesellschaften sich tatsächlich der städtischen Besteuerung entzieht.“ —
Iowa Documents, 1878, Reports of State Officers, 27.
        <pb n="91" />
        Ol —

zu leiten; und er gestattete sicherlich keinem anderen,
etwas einzustecken, was er selbst beiseite bringen konnte.

Die Betrügereien bei der Sioux City- und Pacific-Eisenbahn

Zu einem Komplex seiner Eisenbahnen gehörte die
Sioux City- und Pacific — eine Bahn von einem sehr ehrgeizigen
 Namen, aber von bescheidener Länge. Ihre Privilegien,
 Subsidien und Landbewilligungen wurden von Blair
genau zu derselben günstigen Zeit erlangt, als die Maßnahmen
 für die Union Pacific mit Hilfe von Bestechung
durchgebracht wurden.
Ob Blair jedoch bei der Bestechung des Kongresses Geld
benutzte, läßt sich aus den amtlichen Berichten nicht
nachweisen. Aber wenn er es nicht tat, dann wandte er
jedenfalls eine noch schlauere und wirksamere Art der Verführung
 an. Die Untersuchungen des Kongresses zeigen,
daß sein System darin bestand, Kongreßmitglieder durch
Geschenke von Aktien seiner Gesellschaften zu betören!);
diese ehrenwerten Mitglieder versicherten natürlich hoch
und teuer, daß sie dafür bezahlt hätten, aber niemand glaubt
ihren Ausflüchten. Poors Fisenbahnhandbuch für 1872—73
zeigt außerdem, daß zu den Direktoren und Aktionären von
Blairs Eisenbahnen gerade einige derjenigen KongreBmitglieder
 — sowohl des Repräsentantenhauses wie des
Senates — gehörten, die für die Privilegien, Subsidien und

1) Siehe Credit Mobilier Reports. Diese sind voll von Zeugenaussagen, die diese
Art des Aufkaufes von Kongreßmitgliedern bestätigen. Seine Hauptmitschuldigen
bei dieser Arbeit im Kongreß waren William B. Allison und Oakes Ames. Als
Repräsentant und späterer Senator der Vereinigten Staaten für Iowa war Allison
lange Zeit ein mächtiger republikanischer Politiker, Die Tatsache, daß sowohl
Allison wie Ames zu derselben Zeit, als sie Kongreßmitglieder waren, Beamte der
Sioux City- und Pacific-Eisenbahn waren, war wohl bekannt, ehe das Gesetz von
1868 durchging. Am 15. Dezember 1867 wurde dem Finanzminister der Vereinigten
 Staaten Hugh McCulloch von Blair bestätigt, daß folgende Beamte der Gesellschaft
 am 7. August 1867 gewählt worden seien: John F. Blair, Präsident;
William B, Allison, Vizepräsident; John M. S. Williams aus Boston, Schatzmeister,
usw. Der an jenem Tage zur Leitung gewählte Ausschuß setzte sich aus Blair, Ames,
Charles A. Lambard, D. C. Blair und William B. Allison zusammen. — Siehe Ex.
N ocuments, Nr. 181—252, Second Session, Fortieth Congress, 1867—1868, Doc.
T. 203.
        <pb n="92" />
        O2 —

Landbewilligungen für diese Eisenbahnen gesprochen und
gestimmt hatten.
Für die Sioux City- und Pacific-Eisenbahn sicherte sich
Blair eine Landbewilligung von 100 Sektionen Staatsland und
für jede Meile Eisenbahn 160 000 Dollar Staatsobligationen.
Was geschah nun? Der zweite Akt bestand in der Organisation
 einer Baugesellschaft, die genau nach denselben
Grundsätzen gebildet wurde wie die Credit Mobilier-Gesellschaft.
 Als Haupt dieser Gesellschaft erpreßte Blair
große Summen zum Bau der Eisenbahn. In den Prärien von
Iowa, wo beinahe gar keine Planierung notwendig war,
machte der Eisenbahnbau verhältnismäßig geringe Kosten.
Aussagen von Sachverständigen von der Pacific-Eisenbahnkommission.
 berechneten im Jahre 1887, daß die Eisenbahn
für 2 600 000 Dollar hätte gebaut werden können, und es
wurde noch hinzugefügt (und was für einen Kommentar bildet
dies für die Geschäftsnormen der Zeit!), daß, wenn „ehrlich
verfahren“ worden wäre, die Gesamtkosten ı Million Dollar
nicht hätten übersteigen dürfen.

Ein kleiner Diebstahl von 4 Millionen Dollar

Was forderte Blairs Gesellschaft (die hauptsächlich aus ihm
and seinen Söhnen bestand)? Sie sprach sich 49 865 Dollar
für die Meile oder eine Gesamtsumme von mehr als 5 Millionen
 Dollar zu. Nachdem dann Blair die Eisenbahn bis zum
Bankrott hatte bluten lassen, bereicherte er sich weiter,
indem er sie an die Chicago- und Nordwest-FEisenbahn
verkaufte. Wenn noch irgend jemand daran zweifeln kann,
daß diese hervorragenden Kapitalisten es mit kalter Überlegung
 darauf anlegten, die Regierung zu betrügen, so
muß dieser Zweifel durchaus durch die Erwägung folgender
Tatsache zerstreut werden: „Als die Verhandlungen über
die Übertragung des Betriebsmaterials der Sioux City- und
Pacific-Eisenbahngesellschaft an die Chicago und Nordwest
 schwebten,‘“ so lautet der Bericht der Pacific-Eisenbahn-Kommission,
 „machte Blair den in den Protokollen
 aufgezeichneten Vorschlag, daß die Chicago und
        <pb n="93" />
        5093 —

Nordwest sich verpflichten müsse, jede Verbindlichkeit
der Gesellschaft, mit Ausnahme derjenigen gegenüber der
Regierung ‚der Vereinigten Staaten, zu honorieren?)“.
Das war eine erfrischend aufrichtige Art, Betrügereien im
voraus zu arrangieren. Und in der Tat wurde im Jahre 1900
die Regierung schließlich um viele der von ihr geleisteten
Vorschüsse betrogen. Durch ein dann von den Lobbyisten
im Kongreß durchgebrachtes Gesetz wurde die Gesellschaft
in Wirklichkeit davon befreit, mehr als ein Zehntel der
Summe, die sie der Regierung noch schuldete, zurückzuzahlen?).


Noch eine geplünderte Eisenbahn

Aber Blairs Betrügereien beim Beginn und Bau der
Sioux City und Pacific- und einiger anderer Eisenbahnen
wurden — wenigstens dem Grade nach — von denen übertroffen,
 die er bei einem anderen seiner Eisenbahnprojekte
in Iowa — der Dubuque und Sioux City-Linie — beging.
Das Privilegium und die Landbewilligungen für diese Eisenbahn
 und auch für die Iowa Falls- und Sioux City-Eisenbahn
wurden durch ein Gesetz erteilt, das im Kongreß am 15. Mai
1856 durchging. Wir haben gesehen, welche skrupellose
Bestechung im Jahre 1856 und in den folgenden Jahren
im Kongreß betrieben wurde; wie die Landbewilligung für
die Des Moines Schiffs- und Eisenbahngesellschaft durch
Bestechung erlangt worden, und wie nach Kommissionsberichten
 bestechliche Verbindungen im Kongreß vorhanden
waren. Es liegt kein ausdrücklicher amtlicher Nachweis vor,
daß das Privilegium und die Landbewilligungen der
Dubuque- und Sioux City-Eisenbahngesellschaft und diejenigen
 der Iowa Falls und Sioux City durch Bestechung
erlangt worden sind, aber wenn man nach den Begleitumständen
 beim Durchbringen anderer Gesetze zur selben

4) Pacific Railroad Commission, 1, 193.
2) Allison, der als ein hervorragendes Mitglied des Hauses vor beinahe vierzig
{ahren in Blairs Bestechungen verwickelt gewesen war, war jetzt einer der Führer
in dem Senat der Vereinigten Staaten. Dies war der Mann, den die Zeitungen nach
seinem Tode als einen „großen, erfinderischen Staatsmann‘“ priesen,
        <pb n="94" />
        O4 —

Zeit urteilt, so ist die Wahrscheinlichkeit sehr groß, daß es
der Fall war, Durch das Gesetz von 1856 erhielten diese
beiden Gesellschaften die Bewilligung von ungefähr
1 200 000 Morgen Staatsland in Iowa!). Trotz dieses reichlichen
 Geschenkes machten die Begründer der Gesellschaften
geringe oder gar keine Versuche, die ganze Eisenbahn zu
bauen; sie beschäftigten sich beinahe ausschließlich mit
Aktienspekulationen und mit dem Geschäft, das Land an
Ansiedler vorteilhaft zu verkaufen. Der Kongreß wurde
unter dem Druck der öffentlichen Meinung gezwungen,
einen großen Teil des ihnen bewilligten Landes für verfallen
 zu erklären.

Bestechung des Kongresses

Blair erkannte, was für glänzende Gelegenheiten durch
die Verfallserklärung verloren gegangen waren. Aber der
Schaden konnte wieder gut gemacht werden. Wenn eine
Gruppe von Kapitalisten so dumm war, nicht zu wissen,
wie eine Wiederherstellung der Landbewilligung herbeigeführt
 werden konnte — er wußte es. So trat er vor, nahm
die Gesellschaften in eigenen Besitz und wandte sich an den
Kongreß und an die gesetzgebenden Körperschaften von
[owa zur Wiedererlangung der Rechte und Bewilligungen,
die man den Gesellschaften entzogen hatte.
Es gelang ihm; sowohl der Kongreß wie die gesetzgebenden
 Körperschaften von Iowa erließen im Jahre 1868 Gesetze,
 die die Rechte und die Landbewilligung wiederherstellten.
 Wie kam es, daß er bei seinem Plan auf keine
Hindernisse stieß? Warum waren diese gesetzgebenden
Körperschaften so willfährig ? Natürlich konnten sie geltend
machen, daß sie einfach aus Rücksicht auf Eingaben der

1) Das Gesetz vom 15. Mai 1856 überließ im ganzen ı 233 481,70 Morgen
der Dubuque- und Sioux City-Eisenbahngesellschaft und der Iowa Falls- und
Sioux City-Eisenbahngesellschaft. Durch dasselbe Gesetz erhielt die Iowa Central
Air-Linie und die Cedar Rapids- and Missouri River - Eisenbahngesellschaft
eine Gesamtsumme von 783 096,53 Morgen, zu denen durch das Gesetz vom
2. Juni 1864 noch 347 317,64 Morgen hinzukamen. Dieselben Gesetze gaben
auch der Chicago-, Rock Island- und Pacific-Eisenbahngesellschaft ausgedehnte
Landbewilligungen.,
        <pb n="95" />
        — 505 —

Bürger von Iowa handelten; aber Denkschriften waren
leicht zu durchschauende Dinge, deren Herstellung einfach
war. Und die „Wilson-Kommission“ (die Credit Mobilier-Untersuchungskommission)
 des Jahres 1872 konnte ihren
weißwaschenden Bericht verfassen, daß „kein Beweis dafür
gefunden werden konnte“, daß im Kongreß oder in den
gesetzgebenden Körperschaften von Iowa Geld für „unrechte
 Zwecke“ ausgegeben worden sei. Aber die gerade vor
dieser Kommission abgegebenen Zeugenaussagen widersprachen
 rundweg ihren Schlußfolgerungen. Es wurde enthüllt,
 daß eine ganze Reihe hervorragender Kongreßmitglieder
 plötzlich große Aktionäre der Dubuque- und Sioux
City-Eisenbahn geworden waren*). Blair gründete, als er
die Wiederherstellung der Landbewilligung erlangt hatte,
eine Baugesellschaft unter der Bezeichnung Sioux City-Eisenbahn-Baugesellschaft
 und machte durch das bei der
Bauarbeit übliche System wiederholter Betrügereien ungeheuer
 große „Profite‘“, die an viele Millionen Dollar
heranreichten. Einige der Eisenbahnen, die Blair ausraubte,
gehören jetzt zu dem Illinois Zentral-System, dessen Machthaber
 Harriman wurde.
Man muß jedoch nicht denken, daß man immer direkt
zur Bestechung seine Zuflucht nahm, um Subsidien, besondere
 Rechte und Steuerfreiheiten zu erlangen. In den
ersten Stadien der Eisenbahngeschichte war direkte Bestechung
 das gewöhnliche Mittel: aber als die Zeit vorgeschritten
 war, wurde das Verteilen von Geld in direkter
Form weniger häufig, und ein weniger rohes, schlaueres
und heimtückischeres Bestechungssystem trat meistens an
seine Stelle. Die Magnaten im Westen fingen an, dem Rate
des Magnaten im Osten zu folgen, der erklärte, daß es
leichter sei, eine gesetzgebende Körperschaft zu wählen als
zu kaufen.

1) Siehe den Abschnitt der Credit Mobilier-Berichte mit der Fe i
„Credit Mobilier und Dubuque und Sioux City“, in welchem die Einzelheite
zeteilt sind.
        <pb n="96" />
        — 506 —

Bestechung durch Geld und aut andere Weise

Das neuere System, wie es in Iowa und anderen Staaten
durchgeführt wurde, ist im Jahre 1895 von William Larrabee,
dem ehemaligen Gouverneur von Iowa, in gedrängter Form
beschrieben worden: „Die Taktik der von den Gesellschaften
zu politischer Bestechung eingesetzten Kommissionen besteht
 darin, die Schwächen und Bedürfnisse jedes Mannes,
dessen Dienste sie wahrscheinlich brauchen werden, zu ermitteln
 und ihn, wenn seine Unterwerfung zu ihrem Siege
erforderlich sein sollte, an seinem schwächsten Punkte anzugreifen.
 Männer mit politischem Ehrgeiz werden ermutigt,
nach Beförderung zu streben, und der Hilfe der Gesellschaft
zu deren Erreichung versichert. Anwälten ohne Praxis
werden Aufträge für die Gesellschaft oder bezahlte Anwaltstellen
 versprochen. Leute in finanzieller Verlegenheit
werden mit Darlehen versorgt. Eitlen Leuten wird geschmeichelt
 und Zeitungsberühmtheit verschafft. Andere
erhalten Freikarten für Familienmitglieder und Freunde.
Schiffsherren erhalten vorteilhaftere Tarife als ihre Konkurrenten.
 Die Absicht ist, daß jeder Gesetzgeber für seine
Stimme und seinen Einfluß eine Entschädigung erhalten
soll, die das Maximum des für ihn Wünschenswerten mit
dem Minimum der Verletzung seiner Selbstachtung verbindet...
 Die Lobby, welche die Eisenbahngesellschaften
bei Sitzungen der gesetzgebenden Körperschaften vertritt,
ist gewöhnlich die größte, klügste und gewissenloseste von
allen. In dringenden Fällen läßt man im letzten Moment
einflußreiche Wähler unsicherer Mitglieder holen, damit sie
sich mit ihren Vertretern besprechen und sie davon überzeugen,
 daß die Stimmung in ihren Wahlkreisen der von den
Eisenbahnen vertretenen Maßregel günstig ist. Telegramme
ergießen sich über die ahnungslosen Mitglieder. Petitionen
zugunsten der vorgeschlagenen Maßregel werden unter den
harmloseren Wählern derjenigen Mitglieder, die für die
öffentliche Meinung empfindlich sind, eiligst in Umlauf
gesetzt und ihnen dann als ein nicht mißzuverstehendes
Merkmal des Volkswillens überreicht ... Fine andere
mächtige Unterstützung der Eisenbahn-Lobby besteht nicht
        <pb n="97" />
        — 597
selten in einer Subvention der Presse und ihrer Korrespondenten.“

Aber die Räuberei, die Blair mit Hilfe von Baugesellschaften
 bei seinen zahlreichen Eisenbahnprojekten betrieb,
bildete nur einen Teil des Reichtums, den er an sich riß.
Ein Achtel des ganzen Gebietes des sehr fruchtbaren Staates
Iowa war den Eisenbahnen zugesprochen worden, von denen
die meisten Blair gehörten. Es bildete eine beinahe ebenso
große Fläche wie der Staat Massachusetts. Ansiedler waren
gezwungen worden, übertrieben hohe Preise für Ackerland zu
zahlen und waren sehr oft Hypothekenschuldner der Eisenbahngesellschaften.
 Eine ausführliche Beschreibung von
Blairs Geschäftspraxis würde nur eine Wiederholung dessen
sein, was in früheren Kapiteln von andern Magnaten gesagt
 worden ist.

Philanthropie und Taten einander gegenübergestellt

Obwohl in persönlichen Ausgaben von unverbesserlichem
Geiz — so schäbig wie nur irgendeiner —, gab Blair doch
gerade Geld genug für Stiftungen aus, um sich den Ruf eines
außerordentlich frommen Philanthropen zu verschaffen.
Er gründete im Westen hundert Kirchen; er errichtete mit
einem Kostenaufwande von 150000 Dollar eine presbyterianische
 Akademie und gab der presbyterianischen Kirche
außerdem mehrere hunderttausend Dollar.
Was Blair und andere vor, während und nach dem Bürgerkriege
 im Norden und Westen taten, das taten John W.
Garrett und Johns Hopkins in Maryland. Wenn Garrett
auch jetzt kaum noch erwähnt wird, so wurde er doch zu
seiner Zeit als „berühmter Eisenbahnkönig‘“ gepriesen;
und in diesem Falle ist es nicht so sehr der Mann selbst,
noch sein Vermögen, was Interesse erregt, als vielmehr die
Geschichte der Eisenbahnstrecke, die zum großen Teil ihm
und Hopkins gehörte; diese Besitzung bildet heute eines der
großen Verkehrsnetze des Landes.
        <pb n="98" />
        — 508 —

Die Baltimore- und Obio-Eisenbahn auf öffentliche Kosten gebaut

Wie andere Eisenbahnen, so wurde auch die Baltimoreund
 Ohio-Eisenbahn beinahe vollständig mit Hilfe eines
Kapitals gebaut, das Staat, Kreise und Stadtbezirke hergaben.
 Im Jahre 1827 bewilligte der Staat Maryland eine
Subskription von 500000 Dollar als erste Unterstützung
und die Stadt Baltimore dieselbe Summe. Am Anfang
stellten die Unternehmer stolz in Abrede, daß sie die
Absicht hätten, irgendwelche weitere öffentliche Unterstützung
 zu verlangen; die Bahn, sagten sie, würde mit
privatem Kapital gebaut werden. Aber sieben Jahre später
machten sie einen zweiten Angriff auf den Staatsschatz;
der Staat Maryland wurde im Jahre 1835 veranlaßt, weitere
3 Millionen Dollar zu zeichnen, und die Stadt Baltimore im
Jahre 1836 zur Zeichnung derselben Summe. Im Jahre 1838
erhielten die Unternehmer von der Stadt Wheeling ı Million
Dollar*). Eine Zeitlang waren sie vorsichtig genug, von
weiteren. Attacken auf den Staatsschatz abzusehen; als sie
aber im Jahre 1850 den Gemeinderat von Baltimore um
weitere 5 Millionen Dollar angingen und die Summe erhielten,
 wurde manchmal die Frage aufgeworfen, was aus
den vielen von der Staatskasse beigesteuerten Millionen geworden
 sei. Ein großer Teil war augenscheinlich zum Bau
der Bahn verwandt worden, aber es wurde doch offen die
Ansicht ausgesprochen, daß die Direktoren sich durch die
damals üblichen „Arbeitsmethoden‘“, wie z. B. durch die
von Blair in New Jersey, Pennsylvania und New York anzewandten,
 bereichert hätten.
Jedesmal jedoch, wenn sich ein Widerspruch gegen neue
Geldbewilligungen erhob und beunruhigende Fragen gestellt
 wurden, pflegten die Direktoren ihre glitzernden Argumente
 bereitzuhaben. „Seht, was für ein großes Werk wir
ausgeführt haben! Ist“es nicht ein Unternehmen von
größter Wichtigkeit für das ganze Gemeinwesen, für den
Farmer, den Handwerker, den Geschäftsmann ? Jetzt, da wir
auf dem besten Wege sind, es zu vollenden, sollen wir es aus

1) Laws, Ordinances and Documents Relating to the Baltimore and Ohio
Railroad Company; 1840: 67, 108, 132£. etc.
        <pb n="99" />
        Mangel an Kapital aufgeben müssen? Würde das nicht ein
großes allgemeines Unglück sein ?‘““ Solche Gründe machten
auf das Publikum Eindruck, und die durch Bestechung beeinflußten
 gesetzgebenden Körperschaften und Gemeinderäte
konnten ihre Erklärungen immer damit begründen.

Garrett und Hopkins gelangen zur Herrschaft

Von der Clique ihrer Gründer ausgeraubt, geriet die
Baltimore- und Ohio-Eisenbahn in finanziellen Verfall.
Trotz der großen Unterstützungen, die sie erhalten hatte,
befand sie sich im Jahre 1856 in einem demoralisierten Zustande,
 und ihre Schatzkammer war leer. Garrett und Hopkins,
 die weitgehend an ihr beteiligt waren und wahrscheinlich
 Anteil an der Beute gehabt hatten (obgleich es keinen
ausdrücklichen Beweis dafür gibt), kauften noch größere
Mengen von Aktien, die damals billig zu haben waren, auf
und rissen die Herrschaft an sich. Garrett, im Jahre 1820 in
Baltimore geboren, war der Sohn eines reichen Schiffsherrn;
Hopkins hatte sein Geld im Kolonialwarengeschäft erworben.
Garrett und Hopkins setzten nicht nur die schon lange
herrschenden Betrügereien fort, sondern führten noch
viele andere betrügerische und schlimme Taten aus. Hier
ein Beispiel der kleineren Betrügereien: Die Millionen der
für den Bau der Baltimore- und Ohio-Eisenbahn vom
Staate Maryland beigesteuerten Aktiensubskriptionen waren
zum großen Teil in London unter englischen Kapitalisten
flüssig gemacht worden. Die Zinsen sollten von Maryland
an diese Finanzleute in Gold gezahlt werden. Bezahlte nun
die Gesellschaft ihrerseits den Staat in dieser Münze?
Durchaus nicht. Sie behauptete auf Grund verschiedener
richterlicher Entscheidungen, daß es nicht erforderlich sei,
Zinsen an den Staat anders als in beliebigem Umlaufsgeld
zu zahlen. Unter den zerrütteten amerikanischen Währungsverhältnissen,
 beim Sinken der amerikanischen Valuta,
bedeutete diese Art der Bezahlung einen dauernden Verlust
für den Staat Maryland — einen Verlust, der sich im ganzen
auf 400 000 Dollar belief; um diese Summe wurde der Staat
von der Baltimore- und Ohio-Eisenbahn betrogen.
        <pb n="100" />
        KIO —

Noch viel größer waren die Summen, um die der Staat
Maryland durch die betrügerischen Machenschaften des
sogenannten Washington-Zweiges der Baltimore- und Ohio-Eisenbahn
 gepreilt wurde. Als Gegenleistung für Freibriefe
und Unterstützungen willigte die Gesellschaft ein, dem Staat
sin Fünftel der Passagiereinkünfte zu zahlen. Nachdem die
Zweigbahn zu erfolgreichem Betrieb gekommen war,
wurden ihre Finanzen dauernd als so kümmerlich dargestellt,
daß kein Geld zur Zahlung an den Staat vorhanden sei.
Immer wieder wurden von anständigen Gesetzgebern Erkundigungen
 eingezogen, wo die großen Einkünfte geblieben
seien. Niemals wurde eine befriedigende Antwort gegeben;
der Staat wurde durchaus geprellt; und schließlich wurde
durch Bestechung ein Gesetz durchgebracht, das tatsächlich
alle Ansprüche des Staates preisgab.

Zerstörung der Konkurrenz durch den Kanal

Das Kampfobjekt Garretts und Hopkins bildete die
Zerstörung des Chesapeake- und Ohio-Kanals als eines
Konkurrenten. Hatte Kommodore Vanderbilt in New York
gefunden, daß der Erie-Kanal seinen Eisenbahnlinien
Konkurrenz machte, so kamen Garrett und Hopkins zu dem
Schluß, daß sie ein Monopol für den Transport erst dann
erlangen konnten, wenn der Chesapeake- und Ohio-Kanal
als Mitbewerber vernichtet worden war. Die sich ihnen entgegenstellenden
 Hindernisse waren groß, denn der Staat
Maryland hatte viele Millionen für den Bau des Kanals ausgegeben,
 und er gehörte ihm, und das Publikum wünschte
auch nicht, daß er in seiner Nützlichkeit beeinträchtigt
würde. Das traf besonders für den Kaufmannsstand zu,
der einen Wettbewerb verlangte und daran festhielt, daß
ein Monopol schädlich sein würde.
Im Jahre 1860 fingen Garrett und Hopkins an, die gesetzgebenden
 Körperschaften von Maryland zu bestechen, bis
sie durch ein Gesetz nach dem anderen allmählich in den
Stand kamen, dem Staate das Besitzrecht an dem Kanal zu
entreißen. Aber sie verließen sich nicht allein auf die Bestechung
 der Gesetzgeber, wenn diese bereits im Amt waren.
        <pb n="101" />
        — 511 —

Von Garrett und Hopkins mit Geld versehen, beschäftigten
sich die politischen Führer von Maryland damit, Parteiversammlungen
 zustande zu bringen, Wähler skrupellos zu
bestechen und Wahlurnen mit gefälschten Wahlzetteln zu
füllen, um auf diese Weise die Wahl willfähriger Beamten
sicherzustellen. Mit einem Male war der Kanal tatsächlich
in ihren Händen, und Garrett und Hopkins machten seine
Konkurrenz unwirksam.
Nachdem sie ein vollständiges Monopol erreicht hatten,
forderten sie übertrieben hohe Frachtpreise und vermehrten
 ihre Einkünfte auch dadurch, daß sie die Gehälter
ihrer Angestellten herabsetzten. In ihrer Verzweiflung
erklärten die Eisenbahnarbeiter im Jahre 1877 den Streik.
Falsche Berichte über die Gewalttätigkeit der Streikenden
wurden sofort weithin verbreitet. Indem man diese Beschuldigungen
 zum Vorwand nahm, wurde Militär herbeigerufen.
 In Martinsburg, West-Virginia, weigerte sich die
Staatsmiliz auf die Streikenden zu schießen, aber eine Kompanie
 der Miliz, die sich aus Elementen zusammensetzte,
die den Streikenden feindlich gesinnt waren, eröffnete das
Feuer, tötete viele der Streikenden und verwundete andere.

Hopkins wird Philanthrop

Sowohl Garrett wie Hopkins zogen aus ihrer Herrschaft
und ihrer Behandlung der Baltimore- und Ohio-Eisenbahn
große Summen. Hopkins’ Vermögen belief sich bei seinem
Tode auf angeblich 10 Millionen Dollar. Zur Zeit seines
Ablebens im Jahre 1873 war er der „wohlhabendste Bürger
von Baltimore“. Er war ein sehr geiziger Mann, wurde aber
wenigstens in einer Hinsicht während seiner letzten Lebensjahre
 freigebiger. Indem er dem Beispiel vieler anderer
Multimillionäre seiner Zeit folgte, sicherte er sich ein
dauerndes Andenken als „großer Philanthrop“. Zu diesem
Zwecke gab er im März 1873 ein Vermögen von ungefähr
4 500 000 Dollar zum Bau eines Hospitals in Baltimore her;
er beschenkte Baltimore mit einem öffentlichen Park und
stiftete 3 500 000 Dollar als erste Gabe zur Gründung
der Johns Hopkins-Universität. Hier ist die Frage an-
        <pb n="102" />
        512 —

gebracht, in welcher Art von Besitz diese Wohltaten erwiesen
 wurden. Zum großen Teil bestanden sie in Baltimoreund
 Ohio-Eisenbahnaktien; es war ein Besitz, der die Verderbtheit
 des öffentlichen Lebens, die Erniedrigung der
Arbeiter und die allgemeine Plünderung der ganzen Bevölkerung
 darstellte.
Und was war Garretts Anteil an den Ergebnissen der gemeinsamen
 Macht? Bei seinem Tode, im Jahre 1884,
sprach man von 15 Millionen Dollar, aber sein Anteil war
zweifellos viel größer. Dieser Reichtum ging an seinen Sohn
Robert über, der sich einer Reihe persönlicher Ausschweifungen
 hingab, um in Trübsinn und Gehirnerweichung zu
enden. Er war nur zu offenbar geschickten Kapitalisten,
wie den Vanderbilts, Goulds und Scott, nicht gewachsen?);
sie fielen über ihn her und beraubten ihn erbarmungslos,
wie sein Vater andere beraubt hatte. Seine unbeschränkte
Macht und Herrschaft verschwand allmählich. Als er im
Jahre 1896 starb, war sein Vermögen auf ungefähr 5 Millionen
 Dollar zusammengeschrumpft, und das Baltimore- und
Ohio-Eisenbahnnetz war in die Gewalt der Magnatengruppe
der Pennsylvania-Eisenbahn geraten.

Sechstes Kapitel

DAS PACIFIC-OUARTETT

[* den Jahren, in denen die Vanderbilts, Gould, Sage,
Blair und verschiedene andere Eisenbahnmagnaten sich in

1) Eine allgemein bekannte, oft veröffentlichte Geschichte war folgende:
Robert Garrett hatte Verhandlungen zum Ankauf der Philadelphia-, Wilmingtonund
 Baltimore-Eisenbahn heimlich zum Abschluß gebracht und lud an dem Abend,
oevor die endgültigen Abmachungen getroffen werden sollten, einen Freund ein,
um die Gelegenheit zu feiern. Als Garrett voll von Champagner war, verriet er das
Geheimnis. Der Freund entschuldigte sich, ging sofort zu Scott von der Pennsylvania-Eisenbahn
 und benachrichtigte diesen Magnaten. Scott füllte sofort eine
Tasche mit Obligationen und eilte fort, um den Kapitalisten, die die Philadelphia-,
Wilmington- und Baltimore-Eisenbahn beherrschten, eine Offerte zu machen,
überbot Garrett und hatte den Besitz jener Eisenbahn für das Pennsylvania-Eisenoahnsystem
 erworben, beinahe ehe Garrett aus seiner trunkenen Retäubung erwacht
 war.
        <pb n="103" />
        die Regionen gewaltigen gebieterischen Reichtums emporarbeiteten,
 taten vier andere berühmte Kapitalisten, deren
Laufbahnen miteinander verbunden waren, dasselbe im
fernen Westen.
Diese Gruppe bestand aus Collis P. Huntington, Leland
Stanford, Charles Crocker und Mark Hopkins. Sie bildeten
insofern eine ungewöhnliche Kameradschaft, als sie lange
Zeit mit einer unter Eisenbahnkapitalisten nicht oft zu
findenden, beharrlichen Treue aneinander hingen. Das
war in der Tat eine so seltene Erscheinung, daß sie in
allererster Linie erwähnt zu werden verdient. Magnaten
wie Kommodore Vanderbilt und William H. Vanderbilt,
 Gould und Sage zogen es vor, alles allein zu machen,
da sie, mit dem bloßen Löwenanteil nicht zufrieden,
entschlossen waren, wenn möglich alles einzustecken;
sie waren Teilhabern gegenüber mißtrauisch und intole-Tant,
 ausgenommen wenn es die Zweckmäßigkeit anders
erforderte, und dann handelten sie mit ihnen gemeinschaftlich
 nur, um sie schließlich doch zu betrügen. In
dem Pacific-Quartett war auch jeder für sich eine starke
Persönlichkeit, aber sie hielten ihre Neigungen genügend
zurück, um ihre Interessen in einem gemeinsamen harmonischen
 Ziel zu verschmelzen. Ja noch mehr: sie erwogen
scharfsinnig, wofür jeder einzelne besonders geeignet sei,
setzten die Pflichten nach dieser persönlichen Schätzung
fest und teilten die Beute mit einem gewissen Anflug von
Ehrlichkeit.
Soweit Eisenbahnmagnaten in Betracht kamen, war dies
zu ihrer Zeit ein bemerkenswerter Zug.

Die Zusammenarbeit von vier Männern

Kurz, diese Gruppe zeichnete sich durch eine Art intelli-Eenter
 Zusammenarbeit aus. Diesem Umstande verdankten
sie bis zu einem gewissen Grade ihren raschen Erfolg 'in
Erlangung großen Reichtums, ohne sich durch Zwischen-Stadien
 durchschleppen zu müssen. Sie gehörten zu den
ersten Magnaten, die die Vorzüglichkeit des Prinzips

‚4
        <pb n="104" />
        — 514 —

3ystematischer; Organisation erwiesen — eine Lehre, die
die Standard Oil-Gruppe etwas später aufnahm, ausdehnte,
verbesserte und zu einem überaus feinen System entwickelte.
Hier lag der Fall nicht so, daß ein Mann gebieterisch darauf
bestand, mit allen zu einem erfolgreichen Geschäft erforderlichen
 Eigenschaften allein ausgerüstet zu sein. Das
Pacific-Quartett erkannte den Wert der Spezialisierung.
Im allgemeinen war Huntington die Aufsicht über die
Finanzangelegenheiten‘. anvertraut; Stanford die Beziehungen
 zu Gesetzgebung und Politik; Crocker war als
Verwalter der Bauarbeit eingesetzt, und Hopkins war der
Leiter der Einzelheiten der Büroarbeit. Die besonders
nützlichen Eigenschaften eines jeden der vier wurden von
den anderen geschätzt und benutzt. Abgesehen von dieser
Verteilung der Aufsichtsämter waren sie in der Förderung
und Vollendung ihrer Pläne als ein Ganzes tätig.
Die Umstände trieben diese vier Männer nicht: dazu,
ganz denselben revolutionären Kapitalistentypus anzunehmen
 wie die Vanderbilts und Goulds. Sie hatten nicht
viel mit dem Verprügeln kleinerer Kapitalisten zu tun,
brauchten auch nicht viel Mühe darauf zu verwenden,
die heilige Lehre von dem „freien unbeschränkten Wettbewerb‘“
 zu Boden zu schlagen. Ihr Landgebiet war zum
großen Teil noch nicht von Gesellschaften kleiner Kapitalisten
 stückweise in Angriff genommen. Sie hatten die
günstige Gelegenheit, große Eisenbahnnetze auf bis dahin
freien Gebieten zu schaffen. Mit einem Satz sprangen sie
aus einer unbedeutenden Stellung in die großer Kapitalisten.
Die Umwandlung von Kleinkrämern in Waren oder Rechtsgelehrsamkeit
 zu Multimillionären war schnell und plötzlich.
Innerhalb weniger Jahre nahmen sie ihre Stellung unter den
Beherrschern der Industrie der Vereinigten Staaten ein:
als Besitzer großer. Eisenbahn- und Dampfschiffslinien,
vielen Eigentums in”anderer Form und eines ungeheuer
großen Landgebietes — von nicht weniger als 30 Millionen
Morgen im ganzen. Alle diese Männer sind dahingegangen,
aber der Reichtum, der in ihren Besitz kam, bleibt; und
selbst wenn ihre persönliche Laufbahn von keinem dauernden
 Interesse ist, so ist ihr Vermögen doch noch tätig, und
        <pb n="105" />
        die Geschichte ihres Eigenstums ist füglich noch gegenwärtig
von Bedeutung. ;

Beginn mit geringem Kapital

Alle vier waren nach der Entdeckung von Gold an der
Küste des Stillen Ozeans vom Osten nach Kalifornien ausgewandert.
 Dort leitete Huntington ein Geschäft für
Eisenwaren und Bergmannsausrüstungen in Sacramento,
und Hopkins wurde sein Kompagnon; Crocker war auch ein
kleiner Kaufmann, und Stanford war Rechtsanwalt. Die
vier konnten nur eine sehr unbedeutende Summe zusammenbringen,
 um ein Eisenbahnprojekt auszuführen, das damals
als eins der größten und schwierigsten moderner Zeiten
angesehen wurde.
Phrasenmacher sind geneigt, sich in überschwenglichen
Ausdrücken über das staunenswerte Selbstvertrauen zu ergehen,
 das sie mit einem nur winzigen Anfangskapital eine
enorme Eisenbahnlinie unternehmen ließ. Das mag eine
romantische Art sein, ihren Mut und ihren Scharfsinn zu beschreiben.
 Aber weder war das Projekt selbst von ihnen ersonnen,
 noch hatten sie das Kapital zu beschaffen. Jahrelang,
 ehe sie die Arbeit als ein bestimmtes Unternehmen in
die Hand bekamen, hatte man den Bau der Pacific-Linie
erörtert und betrieben, und die Regierung hatte ausführbare
Wege vermessen lassen!). Nicht einer von dem Quartett
verstand irgendetwas vom Eisenbahnbau, auch hatten sie
nicht die geringsten grundlegenden Kenntnisse von der
Ausrüstung und dem Betrieb einer Eisenbahn.
In welcher Richtung lagen dann aber ihre Fähigkeiten ?
Einzig und allein auf dem Gebiete des Gründens. Das
kapitalistische System war hier von einer so phantastisch
verkehrten Art, daß bei keiner Sache, deren man sich be-Mächtigen
 wollte, die Fähigkeit, sie auch beaufsichtigen zu
können, vorausgesetzt oder notwendig war.
Die Geschicklichkeit des Gründers war das Wichtigste,

» Durch ein Gesetz vom 3. März 1853 wies der Kongreß Geld zur Vermessung
von Eisenbahnrouten vom Mississippi bis zum Stillen Ozean durch das Ingenieurkorps
 der Armee an. Die Resultate wurden im Jahre 1865 veröffentlicht.
        <pb n="106" />
        — 516 —

wenn auch nicht das Erste zur Erlangung des Eigentumsrechtes.
 Sehr häufig mußten die Gründer, wenn es sich um
Fabriken und Gruben handelte, Kapitalien von Bankhäusern
aufnehmen, und diesen gelang es gewöhnlich, durch geschicktes,
 juristisches Verfahren, jene Gründer in eine Gesetzesfalle
 zu locken, sie beiseite zu drängen und um ihr Eigentum
 zu bringen. Eisenbahngründer jedoch waren nicht so
sehr von Privatbankiers. abhängig. Sie konnten sich an
Regierung, Staat und Städte um Geldvorschüsse wenden.
Wenn es einem Manne oder einer Gruppe von Männern gelang,
 den Kongreß und die gesetzgebenden Körperschaften
durch Bestechung dahin zu bringen, daß sie ihnen Landbewilligungen
 und Kapitalvorschüsse gewährten, dann war
as eine sehr einfache Sache, tüchtige Zivilingenieure zu
engagieren, um die Routen zu vermessen und zu bauen, und
gute Beamte anzustellen, um sie nach der Fertigstellung zu
betreiben.
Das Erste und Hauptsächlichste, was zu tun war, bestand
in dem Erkaufen der Gesetzgebung mit allen ihren Folgen —
Privilegien, Schenkungen und freiem Zugang zu dem Staatsschatz.

Bei der Organisation der Zentral Pacific-Eisenbahn im
Jahre 1861 konnte die Huntington-Gruppe privatim nicht
mehr als ungefähr 195 000 Dollar aufbringen, wovon sie
selbst ungefähr 50 000 Dollar einzahlte. Wie lächerlich unangemessen
 auch diese Summe zum Bau einer Eisenbahn
war, deren Kosten auf 25 Millionen Dollar geschätzt wurden,
 so war sie doch genug und mehr als genug für gewisse
wohlverstandene erste Unternehmungen.
Mit ihr konnten Ausgaben an den Zentralpunkten der
Gesetzgebung bestritten, Petitionen und Denkschriften
ausgeheckt, Advokaten bezahlt und Zeitungen unterstützt
werden. Wurde der Streich gut gespielt, so pflegte eine
ganze Reihe von Privilegien, besonderen Gesetzen, Landbewilligungen
 und Geldunterstützungen die Folge zu sein.
Die Huntington-Gruppe hatte dem Publikum gegenüber
ein viel wirksameres und eindrucksvolleres Argument als
die meisten ihrer Genossen im Gründen von Eisenbahnen.
Schon in den fünfziger Jahren bestand ein dringendes, un-
        <pb n="107" />
        — 517 —

verfälscht enthusiastisches, beinahe ungestüm auftretendes
Verlangen nach einer Eisenbahnverbindung von Küste zu
Küste. Auf Grund dieses heftigen Begehrens konnte viel
Freigebigkeit und viel Beute erlangt werden. Beim Ausbruch
 des Bürgerkriegs wurde dieses Verlangen durch den
Mangel an jeder schnellen Eisenbahn- und Telegraphenverbindung
 von Küste zu Küste unwiderstehlich verstärkt.
Überdies wurde die Phantasie des Volkes durch die ungeheure
Größe des Unternehmens gefesselt und geblendet. Da die
herrschende Meinung dem Unternehmen so günstig gesinnt
war, konnte man die Sache nach Wunsch gestalten.

Erlangung von Gesetzen

Während aber das Volk als Ganzes die Pacific-Eisenbahnen
wünschte, waren doch sehr viele Leute mit dem schlimmen,
gesetzgeberischen Verfahren, große Landgebiete und große
Geldvorschüsse zu privater Bereicherung herzugeben, durchaus
 nicht einverstanden.
Der Farmer, der an dem Preise, den er für seine kleine
Farm zahlen mußte, schwer zu tragen hatte und oft durch
eine Hypothek betrogen worden war, konnte die Verschleuderung
 öffentlichen Besitzes zugunsten einer Handvoll
 vom Gesetz geschaffener Protzen nicht ganz gutheißen.
Die kleinen Kaufleute, die schon allein an dem Begriff
einer über ihnen stehenden Klasse Anstoß nahmen, erhoben
als ganzer Stand erbitterten Einspruch gegen das Hervorbringen
 großer Kapitalisten durch eine in diesem Sinne
wirksame Gesetzgebung. Die wachsamen und wohlorganisierten
 Gruppen der arbeitenden Klassen sahen in dieser
beständigen Beeinflussung der gesetzgebenden Körperschaften
 einen Mißbrauch der Regierungsgewalt zur Vergrößerung
 einer kleinen und feindlichen Klasse und zum
raschen Aufsteigen einer alles in den Schatten stellenden
Geldherrschaft. Da man dieses allgemeine Empfinden
kannte, mußte man den gesetzgebenden Versammlungen
„Lockmittel‘“ vorsetzen; sie selbst mochten bei Auseinandersetzungen
 vor der Wählerschaft vielleicht schönklingende
 und scheinbar triftige Gründe vorbringen, aber
        <pb n="108" />
        — 518 —

ein ganz anderer Antrieb wirkte auf sie selbst; man mußte
Geschenke in barem Gelde oder in entsprechenden Werten
machen?).
Eine verlockendere und für räuberische Unternehmungen
günstigere Zeit als die des Bürgerkrieges hätte kaum gefunden
 werden können. Ganz erfüllt von den stürmischen
Umwälzungen jener erschütternden Jahre hatte das Volk
weder Geduld noch Neigung, mit den alltäglichen Beschlüssen
 im Kongreß oder in den gesetzgebenden Körperschaften
 in enger Fühlung zu bleiben. Gerade am Anfang des
Krieges hatte die Huntington-Gruppe die Zentral Pacific-Eisenbahngesellschaft
 mit einem Aktienkapital von 8 500000
Dollar gegründet, das, soweit wirklich eingezahltes Geld in
Betracht kam, fast ganz fingiert war. Sofort wandte sie
ihre Energie dem Kernpunkt der Dinge zu. Huntington
selbst begab sich nach Washington, um als Lobbyist im
Kongreß zu wirken, während Stanford, der zum Gouverneur
1) Man warf der gesetzgebenden Körperschaft von Kalifornien oft Bestechung
vor, aber die lächerlichen Untersuchungen, die sie gegen sich selbst anstellte,
:ndeten immer mit weißwaschenden Berichten.
Eine dieser Skandalaffären war die vom April 1861, als John F. McCauley die
Beschuldigung erhob, daß Gesetzgeber von ihm Bestechungsgelder erlangt hätten,
um eine Forderung, die er gegen den Staat Kalifornien erhob, durchzubringen.
Die gesetzgebenden Körperschaften setzten am 18. April 1861 eine Untersuchungskommission
 ein, (Siehe Appendix to Journal of California Assembly, Twelfth Session
1861, Doc, No. 15.) McCauley sagte aus, daß ein gewisser Wittgenstein, ein Zwiıchenträger
 für Walden, den Vorsitzenden der Kommission des Repräsentanten-1auses
 für Rechtsansprüche, sich an ihn herangemacht und ihm gesagt habe, daß
Walden für einen günstigen Bericht 400 oder 500 Dollar beanspruche (S. 2—4).
In seiner Zeugenaussage gab Wittgenstein zu, McCauley erzählt zu haben, daß
Walden während der Session sehr viel Geld erworben habe. Wittgenstein räumte im
wesentlichen die Wahrheit von McCauleys Beschuldigungen ein (S. $—11). Und
doch war der Bericht weißwaschend.
Einen anderen Skandal gab es, als der Herausgeber der Zeitung „The American
Flag“ im Jahre 1866 die besondere Beschuldigung erhob, daß von ortsangesessenen
Bankiers, Kommissionären und Importeuren in den gesetzgebenden Körperschaften
ein Kapital von 108 000 Dollar ausgegeben worden sei, um die Aufhebung des Sog.
„Besonderen Kontraktgesetzes‘‘ zu verhindern. Er beschuldigte sieben Senatoren,
ihre Stimmen für je 12 000 Dollar verkauft zu haben, Eine Untersuchungskommission
des kalifornischen Senates wurde ernannt. Einer der verhörten Zeugen war Darius
0. Mills, damals Bankier in San Francisco und später hervorragender Multimillionär.
Er und andere Zeugen behaupteten, von einem Bestechungskapital nichts zu wissen.
Der Kommissionsbericht sprach die Angeklagten frei. — „Bericht der Untersuchungskommission
 über gewisse von dem Herausgeber der ‚American Flag‘ erhobene
 Beschuldigungen‘‘, Appendix to Journal of Senate and Assembly of the
Legislature of California, 1866, Bd. 2.
        <pb n="109" />
        — 519 —

von Kalifornien gewählt worden war, sich zu Hause mit
ähnlichen Zielen beschäftigte. Sie waren keine "Träumer,
sondern praktische Männer, die geradeaus zu gehen verstanden.


Stanfords Arbeit trug in Kalifornien bald Früchte; die
Stadt Sacramento wurde ermächtigt, 400 000 Dollar zu
spenden, Placer County, 550 000 Dollar zu leihen, und der
Staat Kalifornien, 2 100 000 Dollar auszuhändigen. Gleichzeitig
 tat Huntington als Cliquenschieber vortrefflich seine
Pflicht im Kongreß. Im Jahre 1862 wurde ein Gesetz erlassen,
 wonach dem Quartett ungefähr 25 Millionen Dollar
in sechsproözentigen Regierungsobligationen und ungefähr
4 500 000 Morgen Staatsland zur Verfügung gestellt wurden.
Die geringen Einwendungen, die sich gegen diese großen
Schenkungen erhoben, wurden sofort zum Schweigen gebracht.
 „Ist die Regierung nicht vollständig gedeckt?“
fragten die Gründer mit unschuldiger Miene. „Sind nicht
ihre Darlehen durch eine erste Hypothek sichergestellt ?
Wenn die Gesellschaft ihren Verpflichtungen nicht nachkommt,
 kann die Regierung dann nicht einschreiten und sich
schadlos halten?“ Das klang glaubwürdig. Zwei Jahre später
 jedoch, zu derselben Zeit, als (wie wir gesehen haben)
lie Union Pacific-Clique den Kongreß bestach, um größere
Landbewilligungen und eine Veränderung der Gesetze zu
erlangen, verführte Huntington den Kongreß. aufs neue.
Ein Gesetz wurde erlassen, das die Landbewilligung der
Zentral Pacific verdoppelte und die Regierungsforderung
gegenüber der Zentral Pacific in die untere Stellung einer
zweiten Hypothek verwies. Und wie sich später herausstellte,
 war der Kontrakt mit der Regierung so geschickt
abgefaßt, daß nach einer später gefällten Entscheidung
des obersten Gerichtshofs der Vereinigten Staaten die
Regierung ein Pfandrecht nur auf die Hauptlinien und
nicht auf die Zweiglinien besaß. Ob der so abgefaßte Kontrakt
 das Resultat geheimen Einvernehmens mit Regierungsbeamten
 war, ist niemals festgestellt worden.
„Im Jahre 1869, ehe der letzte Schienennagel in Promontory
 eingeschlagen war, hatte das Eisenbahnquartett, abgesehen
 davon. daß ihm die Strecke gehörte, ein Darlehn
        <pb n="110" />
        von 24 Millionen Dollar Regierungsobligationen als zweite
Hypothek auf die Bahn erhalten, ferner 400 000 Dollar
San Francisco- Obligationen als bedingungslose Gabe,
550 000 Dollar Kreisobligationen und 2 100000 Dollar, die
von dem Staate Kalifornien entweder schon gezahlt oder für
noch von der Gesellschaft zu leistende Dienste zu zahlen
waren!).““
Das Verfahren des Quartetts war einfach genug. Nachdem
 sie einmal die erforderlichen Darlehen und Gaben erhalten
 hatten, ließen sie alle falschen Vorspiegelungen beiseite
 und machten sich öffentlich und tatkräftig daran,
alles, was ihnen erreichbar war, zu betrügen; nicht nur die
Bundesregierung, sondern auch die Staaten, Kreise, Städte
und Geldanleger. Zuerst organisierten sie eine Baugesellschaft,
 genannt die Kredit- und Finanzgesellschaft.
Dann machten sie einen Kontrakt mit sich selbst, um die
Zentral Pacific zu bauen. Mit Hilfe der von Sacramento
und Placer County gegebenen Darlehen bauten sie ein genügendes
 Stück der Bahn, um von der Regierung als Unterstützung
 für den ersten Teil 848 000 Dollar zu erlangen.
Indem sie dieses Verfahren wiederholten, bauten sie die
ganze Bahn, fast ohne einen einzigen Dollar ihres eigenen
Geldes ’auszugeben. Der nächste Schritt bestand darin,
die Bahn mit einer Neuaufnahme von ı 39 Millionen Dollar?)
zu belasten, und dies war der Anfang einer weiteren künstlichen
 Vermehrung der Aktien.

Ein Diebstahl von 50 Millionen Dollar
Der Bericht der Pacific-Eisenbahnkommission gibt keine
zutreffende Vorstellung von den ungeheuer wertvollen
Rechten und Besitzungen aller Art, die sie durch Bestechung
und Betrug erlangten. Aber er gibt eine umfassende Darstellung
 ihrer Beute in Geld und Aktien. „In den Regierungsbüchern
 der Zentral Pacific-Eisenbahngesellschaft“‘,
so stellt der Bericht der Pacific-Fisenbahnkommission von
1887 fest, „belief sich der Abschnitt der in der Verfolgung
unlauterer Zwecke, durch Kontrakte, die die Herren
?) Bancroft, „History of the Pac, Stat.“, 19,62. 2) Hudson’s „Railways and the
Republic‘, 266,
        <pb n="111" />
        — 621 -

Stanford, Huntington, Hopkins und Crocker mit sich selbst
abschlossen, gewonnenen Einnahmen auf viele Millionen.“
Nach diesem Bericht kostete der Bau einer Strecke von
1171 Meilen 27 217 000 Dollar, aber sie berechneten betrügerischerweise
 das Dreifache dieser Summe. Dies war
ein Diebstahl von mehr als so Millionen mit einem Griff.
Außer dem gestohlenen baren Gelde gaben sie für sich
selbst 33 722 000 Dollar in Obligationen und 49 005 000
Dollar in Aktien aus. Aber diese Summen bildeten nur
einen Teil des Gesamtdiebstahls. Der Bericht der Pacific-Eisenbahnkommission
 fährt folgendermaßen fort:
„Dann verpachteten sie, als Direktoren der Pacific Central,
 ihre eignen Linien an die Zentral Pacific für 3 400 000
Dollar jährlich; was beinahe 13 Prozent ausmachte. Fünf
Vierteljahre vorher (im Jahre 1886) schlossen drei dieser
Direktoren (Stanford, Huntington und Crocker) zum Bau
einer Bahnerweiterung von 103 Meilen mit sich selbst einen
Kontrakt. Zur Bezahlung gaben sie Aktien in Höhe von
8 Millionen Dollar und Obligationen in Höhe von 4 500 000
Dollar aus; der Marktwert der Aktien und Obligationen
betrug zu der Zeit 8 340 000 Dollar. Der Bau kostete tatsächlich
 3 505 000 Dollar, so daß sie persönlich durch ihre
selbstverfügten Geschäftsabschlüsse allein bei diesem Verfahren
 einen Gewinn von 4 824 000 Dollar machten“ usw.

Grobe Bestechung des Kongresses

Das Bestechen und Stehlen wurde bei dem Bau der
Southern Pacific-Eisenbahn fortgesetzt.
Im Jahre 1871 ermächtigte der Kongreß die Texas- und
Pacific-FEisenbahn zu einem Bau von Marshall in Texas bis
San Diego in Kalifornien und schenkte der Gesellschaft
annähernd 18 Millionen Morgen Staatsland unter der Bedingung,
 daß die Bahn in zehn Jahren fertiggestellt würde;
im andern Falle sollte die Landbewilligung für verfallen erklärt
 werden. Zur selben Zeit ermächtigte der Kongreß
die Southern Pacific-Eisenbahngesellschaft zum Bau einer
Linie von El Paso in Texas nach San Francisco und schenkte
Ihr ungefähr £ Millionen Morgen Staatsland. Das Texas- und
        <pb n="112" />
        Pacific-Unternehmen gehörte einer Gruppe von Kapitalisten,
 an deren Spitze Scott von der Pennsylvania-Eisenbahn
 stand; die Huntington-Männer standen an der Spitze
der Southern Pacific-Eisenbahngesellschaft.
Diese beiden Kapitalistengruppen gerieten bald aneinander;
 jede versuchte leidenschaftlich, die andere auszustechen
 und in dem in Frage stehenden Gebiet ein unbestrittenes
 Monopol für den Transport zu erlangen. Der Kampf
wurde bis vor den Kongreß gebracht; jede Partei veranlaßte
die Einführung von Gesetzen, die die andere lahmlegen
sollten. Der Kampf lief schließlich auf die Frage hinaus,
welche Partei den Kongreß am wirksamsten bestechen würde,
„Scott,“ so schrieb Huntington am 29. Januar 1876,
„macht fürchterliche Anstrengungen, um sein Gesetz durchzubringen,
 und er hat viele Vorteile von seiner Bahn, die
von Washington aus beinahe nach allen Richtungen läuft
und auf der er jedem, der ihm auch nur im geringsten
nützen kann, Freibillette gibt... Es hat Geld gekostet,
die Sache zu schieben; nun weiß ich, daß sein Gesetz
nicht durchgehen dürfte. Ich glaube, mit 200 000 Dollar
können wir unser Gesetz durchbringen!).“
Am 6. März 1876 schrieb Huntington: „Die Eisenbahnkommission.
 des Hauses war für Scott eingenommen, und
es ist sehr schwer gewesen, eine Majorität der Kommission
von ihm abzulenken, aber ich denke, es ist gelungen.“ Am
ir. November 1876 schrieb Huntington weiter an einen
seiner Gesellschafter: „Ich freue mich, zu hören, daß Du
bis zum I. Januar z Millionen Dollar an unser Büro
schicken willst.‘ Am 3. Mai 1878 benachrichtigt er seine
Teilhaber: „Die T.- und P.-Leute arbeiten kräftig für ihr
Gesetz und sagen, daß sie sicher sind, es durchzubringen,
aber ich glaube es nicht. Sie haben einem Kongreßmitglied,
falls er für das Gesetz stimmen würde, 1000 Dollar in bar,
weitere 5000 Dollar bar, wenn das Gesetz durchgegangen ist,

1) Wir haben in der Erzählung von Goulds Vermögen gesehen, wie Scott mit der
Regierungsüberwachung des Eisenbahntransports während des Bürgerkrieges beauftragt
 worden war, und wie eine Kongreßkommission die seiner Ernennung
unmittelbar folgenden ungeheuren, von verschiedenen Eisenbahnen des Nordens
erfolgreich durchgeführten Brandschatzungen bei der Beförderung von Soldaten,
Kriegsmaterial und Varräten aufdeckte.
        <pb n="113" />
        -- 523 —

und 10 000 Dollar von den Obligationen, wenn sie sie erhalten
 haben, angeboten?).“
Huntington war siegreich. „Es kann kein Zweifel sein,“
30 berichtete die Pacific-Eisenbahnkommission vom Jahre
1887, „daß ein großer Teil von 4818 535 Dollar benutzt
wurde, um die Gesetzgebung zu beeinflussen und den
Erlaß von Maßregeln zu verhindern, die gegen die Interessen
 der Eisenbahngesellschaft gerichtet zu sein scheinen,
and um die Wahlen zu beeinflussen.‘ ?)
Das Nächste, was die Huntington-Gruppe tat, bestand
darin, die Kapitalisten des Ostens aus der "Texas- und
Pacific-Eisenbahn zu verdrängen, diese Linie ganz in ihr
eigenes Netz aufzunehmen und die 18 Millionen Morgen
Staatsland der Texas- und Pacific-Eisenbahn auf ungesetzliche
 Weise einzustecken. Dabei hatte von Rechts wegen
die Texas- und Pacific-Eisenbahn gar nicht einmal wirklichen
 Anspruch auf die Landbewilligung. Die Justizkommission
 des Hauses erklärte nach einer Untersuchung am
3. August 1882, daß die Texas- und Pacific-Eisenbahn von
der Route, für welche die Landbewilligungen in New Mexico,
Arizona und California erteilt worden waren, gar nichts
fertiggestellt habe; daß sie die „Landbewilligung niemals
verdient habe“, daß sie nicht beabsichtigt habe, die Bahn,
für die sie privilegiert und ausgestattet war, zu bauen, und
daß sie der Southern Pacific-Eisenbahngesellschaft ‚alle
Rechte und Titel des in Frage stehenden Landes“ übertragen
 habe?). Die Justizkommission bereitete eine Resolution
 vor, die die Landbewilligung für verfallen erklären sollte,
und betrieb ihre Annahme in beiden Häusern des Kongresses.
 Diese Resolution wurde jedoch nicht angenommen.

_ *) Es gab viele solche Briefe. Sie wurden vollständig veröffentlicht in „Driven
irom Sea to Sea“ von C. C. Post. „Es ist unmöglich,‘ berichtete die Pacific-Eisenbahn
 im Jahre 1887, „das Beweismaterial zu lesen, das die C. P. Huntingtonınd
 Leland Stanford- und Colton-Briefe enthalten, ohne zu der Schlußfolgerung
zu kommen, daß sehr große Summen Geldes in unziemlicher Weise in Zusammenhang
 mit der Gesetzgebung gebraucht worden sind.“ — Bd. 1, 121. Huntington
prahlte gewohnheitsmäßig mit seinem Bestechungsverfahren. „Überall, wo es
möglich ist, versuche ich mit Schecks zu bezahlen, denn die Männer, die sie
üchmen, bleiben späterhin immer meine Sklaven.“
?) Report of U. S. Pacific Railway Commission, 1, 84.
3) HouseReport No, 1802, Forty-seventh Congress, Second Session.
        <pb n="114" />
        — 524 —

Zusammenfassung der Räubereien

Wenn wir die allgemeinen Resultate möglichst so darstellen,
 wie die amtlichen Untersuchungen sie feststellen
konnten, dann taten Huntington und seine Genossen folgendes:
 Sie hatten von der Regierung, von Staaten, Kreisen
und Stadtbezirken Hunderte von Millionen Dollar in Geld,
Obligationen und Land erhalten. Als Kontrolleure der
„Kontrakt- und Finanz-Gesellschaft“ und anderer Baugesellschaften
 hatten sie sich für angebliche Bauarbeit alles
in allem 142 Millionen Dollar selbst zugewiesen. Sie hatten
wenigstens 5 Millionen für verbrecherische politische
Zwecke ausgegeben. Sie hatten die Aktien ihrer Bahn in
unerhörter Weise nominell erhöht und sich mit Hilfe der
aufgespeicherten Ergebnisse ihrer Diebstähle die Gewalt
über neunzehn verschiedene Eisenbahnnetze und auch über
Dampferlinien verschafft. Sie hatten der Regierung durch
Betrug viele Millionen Morgen Land geraubt; sie hatten die
Regierung um die Hauptmasse des vorgeschossenen Kapitals
 betrogen; sie weigerten sich, mehr als eine rein
nominelle Steuer zu zahlen, und sie erpreßten drückende
Transportgebühren.
Bancroft erzählt: „Es ist eine Tatsache in der Wirtschaftsgeschichte
 Kaliforniens, daß der Leser einer städtischen
Tageszeitung oder eines ländlichen Wochenblattes kaum
eine Zeitung aufmachen kann, ohne darin irgendeine Klage
über die Eisenbahnverwaltung, besonders die Frachtpreise
zu finden.‘ Die Eisenbahnen „pflegten aus einem bestimmten
 Artikel herauszuziehen, soviel er hergeben wollte 1),
Diese Beschreibung paßte nicht nur für Kalifornien, sondern
für jeden Staat und jedes Gebiet, das von der Eisenbahn
direkt oder indirekt erreicht wurde. Gerade die Leute,
deren Vertreter in so verschwenderischer Weise Staatseigentum
 an wenige weggegeben hatten, wurden in jeder nur
zu ersinnenden Weise beraubt. Aber nicht nur das Volk
wurde beraubt; Huntington und seine Gesellschafter erdrückten
 ihre kleineren Aktionäre in derselben betrügerischen
 Weise, die Gould und Sage anwandten, und betrogen,
1) „History of the Pacific States‘, 109, 628.
        <pb n="115" />
        - 525 —

auch wie Gould und Sage, eine Schar vertrauensvoller
Geldanleger.
Huntington und seine Gesellschafter, die man zuerst als
öffentliche Wohltäter gepriesen hatte, wurden, als das Volk
die enormen Betrügereien, die sie begangen hatten, erkannte,
den heftigsten Anklagen unterworfen. Denn die Betrügereien,
 über die hier kurz berichtet worden ist, bildeten
nur einen Teil. Es ist kaum nötig, sich in die vielen
gewundenen und irreführenden Details zu vertiefen; wie
sie, um sich ihren Verpflichtungen zu entziehen, zu geschickten
 Ausflüchten ihre Zuflucht nahmen und die Regierung
 betrogen; wie sie Staaten und Territorien bestachen
 und beherrschten und einen Besitz nach dem andern
in ihre Gewalt brachten; und wie sie durch ihre Beherrschung
der politischen Mache Repräsentanten und Senatoren nach
Washington schickten, als ob sie eben nur so Laufburschen
wären. Das Pacific-Quartett gehörte zu den ersten Magnaten,
 die öffentlich auftraten und selbst die politische Macht
ausübten, statt sie Anhängern anzuvertrauen. Um eins
seiner eigenen Mitglieder im Senat der Vereinigten Staaten
zu haben, damit es dort über seine Interessen wache, veranlaßte
 das Quartett im Jahre 1887 die gesetzgebenden Körperschaften
 von Kalifornien, Stanford in den Senat zu wählen.
Hopkins starb im Jahre 1876, Crocker im Jahre 1888.
Sehr charakteristisch für die Eigentümlichkeiten der herrschenden
 Gesellschaft war die Art, wie ein Teil von Hopkins
Millionen verwendet wurde. Seine Witwe erbte seinen
Reichtum und heiratete wieder, und ein Teil ihrer Erbschaft
wurde zum Ankauf einer alteingeführten New Yorker
Zeitung verwendet. So sah man wieder, wie in Goulds Fall,
wie eine Zeitung aus gestohlenem Reichtum finanziert
wurde und wie die Erben jenes Reichtums bestimmten,
woraus die dem Publikum darzureichende moralische und
Politische Nahrung bestehen solle. Ein prächtiges, 2 Millionen
 Dollar kostendes Landhaus in Great Barrington, Mass.,
ist ein dauerndes Zeugnis davon, wie einige andere von
Hopkins Millionen verwendet wurden. Crocker hinterließ
ein Vermögen, das nominell auf 40 Millionen Dollar geschätzt
 wurde.
        <pb n="116" />
        626 —

Stanfords Reichtum war so groß, daß er wie die Vanderbilts,
 Astors, Goulds und andere, Magnaten gezwungen
wurde, den Überschuß auf ganz anderen Gebieten unterzubringen.
 Ein Teil der vielen der Regierung und dem
Volke entzogenen Millionen wurde bei den Straßenbahnen
von San Francisco angelegt; von diesen gehörte ihm ein
Viertel und brachte ihm jährlich 10 Prozent!). Andere Millionen
 wurden in anderem Besitz angelegt. Stanford wurde
ein großer Landeigentümer. Ihm gehörte der ungeheuer
große, 100 000 Morgen umfassende Vina-Weinberg und die
Palo Alto-Viehwirtschaft mit ihren ausgedehnten Zuchtanlagen
 und großen Weingärten und mancher andere Grundbesitz
 in San Francisco und anderwärts. Sein Aktien- und
Landbesitz brachte ihm, wie man’ schätzt, ein jährliches
Einkommen von ı Million Dollar.
Bis zum Jahre 1885 war er nur ein sogenannter Finanzier
gewesen, der von einigen als großer Eisenbahnbauer, von
anderen als kolossaler Dieb bezeichnet worden war. Jetzt
wurde er ein vollbeschwingter Philanthrop, indem er Eigentum
 im Werte von vielen Millionen zur Gründung der
Leland Stanford jr.-Universität hergab.
So wurde wieder ein „Sitz der Gelehrsamkeit‘ gegründet,
ler unter der Aufsicht des Geldes stehen sollte.

Stanford im Senat der Vereinigten Staaten

Als Senator der Vereinigten Staaten bezog Stanford ein
jährliches Gehalt von 5000 Dollar; er gab in jeder Session
75 000 Dollar aus; es machte diesem Manne Vergnügen,
den Zeitungsjungen Zwanzigdollarstücke zuzuwerfen. Seine
Hauptarbeit in Washington bestand darin, die Regierung
von selbständigen Maßnahmen abzuhalten, die ihn und
seinen Klüngel hätten zwingen können, ihren Raub wieder
herzugeben, alles feindliche Vorgehen zu ersticken und Gesetze
 durchzubringen, die noch mehr an Konzessionen, Land,
Wasserstraßenrechten und besonderen Privilegien gewährten,

1) Was durch neuere Enthüllungen in San Francisco davon zutage gebracht
worden ist, wie Straßenbahn-Privilegien durch Bestechung erlangt wurden, ist nur
ein Anzeichen des herrschenden Bestechungssystems.
        <pb n="117" />
        527 —

und für Erpressungen die amtliche Genehmigung zu erlangen.
 Im ganzen hatte er Erfolg. Dieser gewichtige,
234 englische Pfund wiegende Magnat war der politische
Drahtzieher des Quartetts, während Huntington der schlaue
Finanzmann war, voll scharfer Kunstgriffe und durchtriebener
 Ränke. Als Stanford im Jahre 1893 starb, wurde der
nominelle Wert seines Besitzes auf ungefähr 18 Millionen
Dollar geschätzt, er war aber viel größer. Er hatte große
Summen für die Leland-Stanford jr.-Universität hergegeben
und hinterließ ihr in seinem Testament noch weitere Millionen.
 Der Rest seines Besitzes ging an seine Witwe über, die
auch der Universität Stiftungen machte. Alles in allem
gaben Mr. und Mrs. Stanford reichlich 30 Millionen Dollar
für die Gründung, Erweiterung und Fortführung dieses
Instituts aus, das nach ihrem Sohne benannt wurde.
Das Vermögen, das Huntington zusammenraffte, war
größer als das der anderen Mitglieder des Quartetts. Bei
seinem Tode, im Jahre 1900, wurde es auf 50 bis 80 Millionen
Dollar geschätzt. Es umfaßte Anteile an einer ungeheuren
Anzahl von FEisenbahnen-, Dampfschiffs- und anderen
Gesellschaften — Anteile, die er durch seinen Teil der
Beute an den Pacific-Eisenbahnen erkauft oder durch Betrug
in seine Gewalt gebracht hatte. Eine seiner Lieblingsprahlereien
 bestand gelegentlich darin: daß er in seinen
eigenen Wagen und auf seinen eigenen Schienen vom Atlantischen
 bis zum Stillen Ozean und, wenn es ihm beliebte, auch
in seineneigenen Dampfschiffen von Brasilien nach New York,
von dort nach Colon, von Panama nach San Francisco und
von dort nach Jokohama und Hongkong reisen könne.
Seine Macht war riesenhaft; er beherrschte das wirtschaftliche
 Leben von Millionen von Arbeitern und verfügte über
die Regierung von einem halben Dutzend Staaten. Seine
Beute war unversehrt. Im Jahre 1884 erzählte man, daß er
in Erwiderung auf einen Bericht gesagt habe: „Ich habe
niemals eine Schaustellung von 44 Millionen Dollar in
Obligationen veranstaltet, obgleich ich doppelt soviel hätte
aufzeigen können.“1)

1) Vergleiche hierzu S. 479 über Gould,
        <pb n="118" />
        — 8628 —

Sie werden Aristokraten

Jeder intelligente Mensch kannte die lange und große
Reihe von Betrügereien und Diebstählen, durch die
Huntington, Stanford, Crocker und Hopkins sich durchgearbeitet
 hatten, um ihren Reichtum zusammenzubringen.
Doch wenn sie auch schwer beschuldigt wurden, so mußten
sie doch nicht denselben Schmähungen und Vorwürfen begegnen,
 mit denen Jay Gould beständig überhäuft wurde.
Im wesentlichen waren sie von demselben Schlage wie
Gould; aber Gould stand vor den Verwünschungen des
Volkes als ein Eisenbahnzerstörer da, während die Kritik
an der Huntington-Gruppe immer durch die Bemerkung
gemildert wurde: „Nun, wenn sie auch kolossale Summen
gestohlen haben, so haben sie doch wenigstens große Eisenbahnen
 gebaut und sind von großer Bedeutung für die Entwicklung
 des Landes gewesen.‘ Und sie hatten keine
Schwierigkeit, sofort in die Kreise aufgenommen zu werden,
die die „beste Gesellschaft“ repräsentierten. Die Frage,
ob sie zugelassen werden könnten, wurde nicht aufgeworfen.
Durch die Macht des Geldes wurden sie sofort ein Teil der
Geldaristokratie. Durch die nämliche Macht des Geldes
fand auch Huntingtons Adoptivtochter leicht Eingang in
die vornehmen Kreise der europäischen hohen Aristokratie;
sie heiratete im Jahre 1889 einen Prinzen Hatzfeld und erhielt
ein väterliches Geschenk von mehreren Millionen Dollar.
Huntington lebte wie ein Grandseigneur, wenigstens soweit
 es sich um die Wohnung handelte. Er hatte ein Herrenhaus
 in San Francisco; eine prächtige Besitzung in den
Adirondack-Bergen, für welche er 250 000 Dollar bezahlt
hatte; ein palastartiges ländliches Heim in Throgg’s Neck,
N. Y.; und er baute mit einem Kostenaufwand von Millionen
 ein imponierendes Gebäude in der 5. Avenue und 57.
Straße der Stadt New York!) — jener aristokratischen
Straße, in die so viele Magnaten nach einer Laufbahn von
Betrug und Diebstahl kamen, um sich hinter geziemendem

1) Aber nachdem es fertiggestellt war, war er nicht zu bewegen, darin zu leben.
Sein Grund war der Aberglaube, daß die Menschen ihre Häuser nur bauen, um darin
zu sterben.
        <pb n="119" />
        Glanz zu verstecken. Acht Jahre wurden gebraucht, um
unter Aufwendung von 250 000 Dollar auf dem Woodland-Friedhof
 ein Mausoleum zu erbauen — ein klassisches,
geräumiges Marmorerab.

Die Linien werden von Harriman übernommen

Und dort ruhen nun seine sterblichen Reste. Nach
seinem Tode zeigte das Inventar seines Besitztums, daß
sein Reichtum wahrscheinlich ungefähr 60 Millionen Dollar
betrug; zweifellos war die Summe im ganzen noch viel
höher. Seine noch lebende Witwe erbte den größten Teil
davon. Aber was wurde aus der Herrschaft über die Eisenbahnen
 und Dampfschifflinien, die er in seiner Gewalt
hatte? Sein Tod ereignete sich ungefähr zu derselben Zeit,
als die durch Harriman und seine Bankhäuser vertretene
Standard Oil-Oligarchie bei ihrem wachsenden Streben nach
Eisenbahnbesitz, bereit war, das Eigentumsrecht an den
Pacific-Eisenbahn- und Dampfschifflinien zu kaufen. Der
große Überschuß der Standard Oil-Finanzen lieferte bequem
 die vielen Millionen, die zum Ankauf der in Mrs.
Huntingtons Besitz befindlichen Aktien nötig waren; und
die Herrschaft über die Southern Pacific und andere aus-Bedehnte,
 durch Betrug und Diebstahl gebaute und in
Betrieb erhaltene Eisenbahn- und Dampfschifflinien wurde
von den allmächtigen Standard Oil-Magnaten angetreten.

Siebentes Kapitel

DAS WERDEN |. PIERPONT MORGANS

Den sich je ein reicher Mann mehr in Lobpreisungen
als jener siegreiche Held des Geldes neuster Zeiten
J. Pierpont Morgan? Schon lange war sein Ruhm nach
allen vier Himmelsgegenden ausposaunt worden. Sein überreiches
 Lob ist mit einer Übertreibung gesungen worden,
die man bei jedem anderen als schwülstig zurückgewiesen
        <pb n="120" />
        520 —

hätte. Der höchst mächtige Patriot und Bürger von unübertroffener
 nationaler Gesinnung, der große Finanzmann
und edle Philanthrop, der wunderbare „Führer der Industrie‘“,
 der Beschützer des sozialen Gebäudes, der Freund
von Königen und der König unter Männern — das sind
nur einige ausgewählte Verherrlichungen, die nur zu oft
von der großen Menge ernsthaft aufgefaßt wurden. Ein
Schriftsteller besonders, der verzückt nach einem umfassenden
 Huldigungsausdruck suchte, hat beinahe den Gipfel
der Verehrung erreicht, in dem er ihn als „Morgan, den
Glänzenden!)“., feierte.

Morgans vorzüglicher Ruf

Niemals ist er kritischen Bemerkungen über „anrüchigen
Reichtum“ unterworfen gewesen, hat auch niemals, wie
Jay Gould seinerzeit und wie Rockefeller während seiner
ganzen Laufbahn, eine feindliche öffentliche Meinung bezämpfen
 müssen,
In all den vielen, immer wiederholten, ausgeschmückten
Geschichten, die über Morgans Karriere aufgebracht worden
 sind, ist kein Fünkchen Wahrheit, abgesehen von
einer einzigen unbestrittenen Tatsache. Unleugbar ist er
einer der hoch emporragenden aggressiven Geldfürsten
der Vereinigten Staaten. Was besitzt oder beherrscht er
nicht? Man prüfe den angehäuften Besitz, der ihm allein
der in Verbindung mit anderen gehörte. Was für eine verwirrende
 Liste! Es ist anstrengend, ein Verzeichnis davon
zu machen, und man unterläßt besser die Aufzählung.
Banken und Eisenbahnen, Industrieanlagen und Gruben,
Ländereien, gemeinnützige Einrichtungen oder Anteile
daran, Dampfschiffe, Verlangsanstalten und Zeitungen —
alle ganz oder zum Teil sein Eigentum.

Nicht vsanz ein „Seltmademan‘®

:3 Morgan ist nicht einer der Magnaten, die vollständig in
die Rubrik eines „Selfmademan“ gehören.
1) Unter diesem Titel erschien ein Artikel von einem „populären Schriftsteller“
in „Pearson’s Magazine‘, Februar-Ausgabe 1908,
        <pb n="121" />
        Hier gibt es einmal eine Abweichung in der fast unveränderlichen
 Folge von Ähnlichkeiten. Über den Beginn
der Laufbahnen fast aller anderen Multimillionäre ist von
verherrlichenden Schriftstellern dieselbe Geschichte mechanisch
 niedergeschrieben worden: wie diese Männer als
arme Jungen anfingen, irgendwo einen kleinen Laden aufmachten,
 Geld sparten und sich allmählich zu Reichtum
emporarbeiteten. Im neunzehnten Jahrhundert wurde der
Bezeichnung „Selfmademan“ eine unangebrachte Wichtigkeit
 beigelegt, insofern sie große persönliche Energie und
Tüchtigkeit bedeuten sollte; so viel Anerkennung schien
in ihr enthalten zu sein, daß sie immer als Lob ausgesprochen
und mit Stolz entgegengenommen wurde.
Dies konnte jedoch von J. Pierpont Morgan nicht gesagt
werden. Sein Vater Junius $. Morgan war ein Millionär.
Stufenweise aufsteigend, vom Farmerjungen zum Kommis
im Schnittwarengeschäft, zum Bankbeamten und Handelsherrn
 wurde Junius S. Morgan Kompagnon von George
Peabody im Bankgeschäft. Als der Bürgerkrieg ausbrach,
wurden George Peabody &amp;amp; Co. zu den finanziellen Vertretern
 der Vereinigten Staaten in England ernannt. Gleichzeitig
 mit dieser Ernennung fing ihr Reichtum plötzlich an
stark anzuwachsen; während sie bis dahin Reichtümer in
nicht bemerkenswert schnellen Etappen angesammelt hatpn
 fügten sie jetzt in sehr wenigen Jahren viele Millionen
inzu.

Die Laufbahn des Vaters

Biographische Berichte behaupten, daß es durch rechtmäßige
 Bankoperationen geschah, wenn auch nicht auseinandergesetzt
 wird, worin diese Operationen bestanden.
Aber wenn wir dem Urteil und der Kritik, die zu dieser Zeit
in den amerikanischen Zeitungen erschienen, glauben sollen,
dann waren ihre Operationen nicht nur sehr weit davon
entfernt, rechtmäßig zu sein, sondern bewegten sich auf
dem Gebiete lebhaftesten Verrates. Die Verfassung der
Vereinigten Staaten definiert den Verrat als darin bestehend,
 daß Bürger gegen die Nation einen Krieg beginnen
        <pb n="122" />
        22 —

oder dem Feinde Hilfe und Unterstützung gewähren. Nach
zeitgenössischen Schriftstellern waren die Operationen von
George Peabody &amp;amp; Co. derartig, daß sie nicht nur verräterisch,
 sondern ein doppelter Verrat waren, insofern,
als George Peabody &amp;amp; Co. gerade zu der Zeit, als sie dem
Feinde hinterlistige Hilfe zuwendeten, die finanziellen Bevollmächtigten
 der Vereinigten Staaten waren und sehr gut
bezahlt wurden, um deren Interessen zu fördern.
Ein Artikel z. B., der im Oktober 1866 in dem Springfielder
 Republican?) veröffentlicht wurde, behauptete:
„Denn alle, die irgendetwas von dem Gegenstand wissen,
wissen sehr gut, daß er (Peabody) und seine Teilhaber uns
in unserem Kampfe um die nationale Existenz keine Treue
und keine Hilfe erwiesen. Sie teilten vollständig das allgemeine
 Mißtrauen der Engländer gegen unsere Sache und
unseren Erfolg und sprachen und handelten eher im Interesse
des Südens als für die Nation.“
Augenscheinlich riefen die großen wohltätigen Stiftungen,
die Peabody damals machte, die Bemerkungen über den
Ursprung seines Vermögens hervor.
Der Schreiber dieses Artikels sagte weiter, daß George
Peabody &amp;amp; Co. das Gefühl der Unsicherheit steigerten und
daraufhin spekulierten. „Niemand sonst,‘ fuhr er fort,
„trug so viel dazu bei, unsere Geldmärkte mit den Scheinen
unserer europäischen. Schuld zu überfluten, die Preise
zu schädigen und das finanzielle Vertrauen zu unserer
Nation zu schwächen, wie George Peabody &amp;amp; Co., und
niemand gewann durch dieses Verfahren mehr Geld als sie.
Alles Geld und noch mehr, das Mr. Peabody so verschwenderisch
 für unsere Unterrichtsanstalten ausgibt, wurde, so

1) Diese Zeitung hat immer den Ruf genossen, außerordentlich sorgfältig und
genau zu sein; sie ist eine der besten Zeitungen der Vereinigten Staaten geblieben,
Der Artikel wurde auch in der New Yorker „Times“ vom 31. Oktober 1866 veröffentlicht.

„Wir haben in diesem Lande,‘ schrieb Cloud in seinem im Jahre 1873 veröffentlichten
 Buch: Monopolies and the People, „eine Geldaristokratie, die sich
hauptsächlich aus Männern zusammensetzt, die während des letzten Bürgerkrieges
mit dem Unglück ihres Vaterlandes spekulierten und unter dem Vorwande, die
Regierung zu unterstützen, ihre zwanzig, fünfzig und hundert Prozent machten
und große Vermögen aufspeicherten, indem sie die Kriegsflut, in der die Hoffnungen
einer Nation versanken. sich zunutze machten.“ — S. 227.
        <pb n="123" />
        nehmen“ wir an, durch die Spekulationen seines Hauses in
unserem Mißgeschick gewonnen.“ Ein Schriftsteller der
New Yorker Evening Post stellt in der Nummer vom
26. Oktober 1866 dieselben Behauptungen auf und klagt
Peabody und Junius S. Morgan an, ihre Stellung als
finanzielle Vertreter der Vereinigten Staaten benutzt zu
haben, gerade die Sache zu untergraben, für deren Vertretung
 sie bezahlt wurden, und aus ihrem Verrat großen
Nutzen gezogen zu haben.
Dies sind einige Zeitungsurteile aus jener Zeit. Ob sie
alle wahr oder teilweise wahr oder ganz falsch waren, wissen
wir nicht; in den amtlichen Aufzeichnungen kann man
keine Bestätigung für sie finden. Die Berichte werden hier
als das gegeben, was sie wert sein mögen!). Aber man sollte
sich vergegenwärtigen, daß nicht der tausendste Teil von
dem, was in der kapitalistischen Welt vor sich geht, jemals
seinen Weg in die amtlichen Dokumente gefunden hat.
Wenn man nach den damals herrschenden Zuständen urteilt,
ist es mehr als wahrscheinlich, daß die Beschuldigungen
durchaus nicht unbegründet waren.

533 —

Der Sohn

J. Pierpont Morgan war im Jahre 1861 ein kräftiger junger
Mann, der eben vierundzwanzig Jahre alt geworden war.

1) In bezug auf eine andere von Peabodys Unternehmungen sind jedoch be-;timmte
 Tatsachen in amtlichen Dokumenten niedergelegt. Aus diesen Dokumenten
scheint beweiskräftig hervorzugehen, daß Peabody lange Zeit hindurch Operationen
lusgeführt hat, ähnlich jenen, deren man ihn auch während des Bürgerkrieges
verdächtigte.
‚ Im Jahre 1839 hatte die Chesapeake- and Ohio-Canal-Company Veranlassung,
‘ich über die Handlungsweise Peabodys, der in London ihr finanzieller Vertreter war,
bitter zu beklagen. Das Kapital dieser Gesellschaft war durch Obligationen, die der
Staat Maryland als Pfand für seine Schuld ausgegeben hatte, sichergestellt. Peabody
verkaufte diese Obligationen in Europa weit unter Pari und weigerte sich, die
Wechsel der Gesellschaft zu honorieren, obwohl er im Besitz großer, ihr gehörender
 Summen war. Aus diesem Verfahren zog er großen Nutzen. Er entschuldigte
Ich mit der kritischen Lage der europäischen Geldmärkte. Die Direktoren der Gejellschaft
 billigten der Form nach seine Handlungsweise, wahrscheinlich, um ihn
SNädig entwischen zu lassen, freuten sich aber, als er sein Amt niederlegte. —
U, S, Senate Documents, First Session, Twenty-sixth Congress, 1839—1840
Vol, 8, Doc. No. 610. Dieses Dokument enthält die ganze Korrespondenz zwischen
der Gesellschaft und Peabody.
        <pb n="124" />
        5234

„Er erbte von seinen Eltern,“ sagt einer seiner Biographen,
„ihre Reinheit des Charakters und ihre ungewöhnlichen
Fähigkeiten!).“ Diese ihm zugeschriebenen erhabenen
Tugenden traten nicht besonders hervor. In einem kritischen
 Zeitpunkt, als die Regierung der Union am nötigsten
Soldaten brauchte, beliebte es Morgan nicht nur zu Hause
zu bleiben, sondern auch noch aus dem Verkauf wertloser
Flinten zur Bewaffnung der Männer, die dem Ruf zu den
Waffen folgten, Nutzen zu ziehen.
Abraham Lincoln erließ seine Proklamation mit dem Rufe
nach Freiwilligen. Der Kampf war ein folgenschweres Ringen
 nicht nur zwischen Parteien, sondern zwischen zwei
widerstreitenden kapitalistischen Systemen. Die sogenannten
 gewöhnlichen Leute — die Fabrik- und Werkstättenarbeiter,
 die Bewohner der Armenquartiere, die Vertreter
der liberalen Berufe und die Farmer — strömten heldenmütig
 zur Anwerbung herbei. Hunderttausende zogen
hinaus in die Lager und auf die Schlachtfelder, um niemals
zurückzukommen.
Obgleich Morgan körperlich und geistig für den Militärdienst
 wohl geeignet war, ging er doch jeder Art von
Pflichterfüllung aus dem Wege, die ihn im Gelderwerb und
behaglichen Leben stören konnte. Er unterschied sich darin
in keiner Weise von beinahe allen Männern von Stellung
und Vermögen. Sie beschränkten ihren überschwenglichen
Patriotismus auf Reden und Fahnenschwenken, waren aber
sehr sorgfältig darauf bedacht, sich vom Gebiete persönlicher
 Gefahr fernzuhalten. Die Reichen, für deren
Interessen die nördlichen Armeen im Grunde fochten, vermieden
 nicht nur als Klasse die Anwerbung, sondern gingen
darauf aus, ihre eigenen Armeen zu demoralisieren, Untüchtigkeit
 unter ihnen zu verbreiten und den Tod unter
sie zu säen. Während sie dieses taten und gleichzeitig in
Armeekontrakten die Regierung, die Staaten und die Städte
um große Summen betrogen, ließen sie das Aushebungsgesetz
 so berichtigen, daß es Männern von Vermögen leicht
Gelegenheit gab, sich der Konskription zu entziehen, indem
es ihnen erlaubte, Stellvertreter zu mieten.
1) „America’s Successfull Men,“ ı, 452,
        <pb n="125" />
        m
Fa

Morgans erster Geschäftsstreich

Das erste feststellbare Geschäftsunternehmen J]. Pierpont
Morgans war einer dieser Armeekontrakte; und wenn es
auch nicht in so großem Maßstabe gehalten war wie die
älterer Kapitalisten, so war es doch (nach der herrschenden
kapitalistischen Auffassung beurteilt) ein sehr tüchtiger
Streich für einen jungen Mann von vierundzwanzig Jahren,
Sein Erfolg ließ in Zukunft viel größere Dinge erwarten,
und in dieser Beziehung wurden Morgans Bewunderer nicht
enttäuscht.
Im Jahre 1857 bezeichneten die Armeeinspektoren eine
große Anzahl Hallscher Karabiner als durchaus unbrauchbar
 und als ein veraltetes und gefährliches Muster. Die
Regierung verauktionierte daraufhin von Zeit zu Zeit große
Mengen davon zum Preise von je ı bis 2 Dollar; fünftausend
 davon blieben jedoch in dem in New York befindlichen
Armeearsenal und lagen noch dort, als der Bürgerkrieg ausdrach.

Am 28. Mai 1861 machte ein gewisser Arthur M. Eastman
aus Manchester, New Hampshire, der Regierung das Angebot,
 diese Flinten zu 3 Dollar das Stück zu kaufen. Die
Regierungsbeamten hätten, da sie die bei den Armeelieferungen
 herrschenden großen Betrügereien kannten,
bei diesem Angebot wohl Verdacht schöpfen können,
zogen aber augenscheinlich seine Ehrlichkeit nicht in Frage.
Die Flinten wurden zu je 3,50 Dollar an Eastman verkauft.
Aber entweder fehlte Eastman das Geld zur Bezahlung, oder
er war von einer im Hintergrund stehenden Hauptperson
als Strohmann vorgeschoben worden. Ein gewisser Simon
Stevens!) erschien jetzt auf dem Schauplatz und willigte ein,

1) Die Hausuntersuchungskommission für Regierungskontrakte berichtete im
Jahre 1862 dem Kongreß, daß Simon Stevens zu der Clique gehöre, die in die
Zollhausbetrügereien verwickelt war. Vor dem Jahre 1859 hatte der Zolleinnehmer
des New Yorker Hafens zum Überführen der Güter in die behördlichen Lagerhäuser
 für unverzollte Waren die Arbeiter und Fuhrleute aus dem Warenhause des
Taxators verwendet. Im August 1859 schloß Zolleinnehmer Schell (ein bestechlicher
Tammany-Politiker) einen Kontrakt, wonach das Überführen einigen seiner politischen
 Genossen übertragen wurde. Sie erhielten jährlich 123 000 Dollar. „Durch diesen
Kontrakt.“ so berichtete der Vorsitzende Van Wyk, „verdienten die Betreffenden
        <pb n="126" />
        536 —

für Eastman bis zur Höhe von 20 000 Dollar zu bürgen;
diese Summe sollte zur Bezahlung der Flinten verwandt
werden; als doppelte Sicherheit nahm Stevens ein Pfandrecht
 auf die Flinten. Aber von wem erhielt Stevens das
Kapital? Aus den amtlichen und gerichtlichen Aufzeichnungen
 geht hervor: von ]. Pierpont Morgan.

Eine große Skandalafäre der Zeit

Der nächste Schritt in diesem Geschäft bestand darin,
daß Stevens am 5. August 1861 dem General Fremont, der
in St. Louis kommandierte, telegraphisch mitteilte, daß er
fünftausend neue Karabiner von tadelloser Verfassung habe
und anfrage, ob Fremont sie nehmen wolle. Aus Fremonts
Hauptquartier kam die Order, sie sofort nach dem Hauptquartier
 der Armee in St. Louis zu verschiffen. Während
der ganzen Zeit waren die Karabiner in dem in New York
befindlichen Arsenal geblieben. Als Fremonts Auftrag eintraf,
 bezahlte Morgan der Regierung die Summe von
17 486 Dollar — 3,50 Dollar für den Karabiner. Die Flinten
wurden direkt von dem Arsenal nach St. Louis verschifft.
Und welches war die Summe, die die Regierung dafür bezahlen
 mußte? Die Fremont aufgemachte Rechnung
lautete auf den Betrag von 22 Dollar für das Stück der
Sendung‘).
jährlich 50 000 bis 70 000 Dollar.“ Die Kommission zeigte, wie der Kontrakt durch
Bestechung erlangt worden war, und stellte fest, daß Stevens den achten Teil der
Einkünfte erhalten habe. Stevens ließ auch jeden im Zollhaus angestellten Beamten,
der etwas gegen den Kontrakt sagte, aus dem Dienste entfernen. — The Congressional
 Globe, Third Session, 37. Congress, 1862—1863, Part 2 Appendix; 118.
1) Reports of Committees, Second Session, Thirty-seventh Congress. 1861 bis
4862, Bd. 2.
Die Betrügereien in Fremonts Hauptquartier in St. Louis waren ganz besonders
groß. Major MeKinstry, der Quartiermeister der U. S. Armee in jener Stadt,
wurde wegen 61 verschiedener verbrecherischer Taten von einem Kriegsgericht
verhört und in 26 Fällen schuldig befunden. Die Zeugenaussagen enthüllten sehr
zroße, auf geheimen Abmachungen beruhende Betrügereien bei allen Arten von
Armeelieferungen. Morgans Flintengeschäft wurde jedoch unter den verschiedenen
Fällen nicht erwähnt. McKinstry wurde aus der Armee entlassen. House Reports,
Committees and Court of Claims, Third Session, Thirty-seventh Congress, 1862 bis
1863, Report No. 49, 1—24.
Daß gewisse Offiziere der Union tatsächlich bestochen wurden, wurde”durch
f{olgende Mitteilung aufgedeckt, die Maior-General Frederick Steele am 26. Juli
        <pb n="127" />
        537 —

Dies war einer der vielen Armeekontrakte, die öffentlich
and amtlich als höchst skandalös angesehen wurden; eine
der besonderen Kongreßkommissionen des Jahres 1862 ging
unverzüglich an die Untersuchung der Sache. Nachdem sie
umfassende Nachforschungen angestellt hatte, berichtete
diese Kommission:
So wurde tatsächlich der Vorschlag gemacht, der Regierung
 fünftausend ihrer eigenen Flinten zu je 22 Dollar zu
verkaufen, wobei, falls das Anerbieten angenommen wurde,
die Absicht bestand, diese Flinten von der Regierung für je
3,50 Dollar zu erlangen ... Es ist sehr klar, daß sogar das
Kapital, mit dem der Erwerb ausgeführt wurde, im Vertrauen
 auf die vorher getroffene Abmachung, wieder zu verkaufen,
 geborgt wurde. Die Regierung verkaufte nicht nur
an einem Tage für 17 486 Dollar Waffen, die sie sich am
Tage vorher verpflichtet hatte, für 109 912 Dollar zurückzukaufen
 — wobei die Vereinigten Staaten 92 426 Dollar
verloren —, sondern sie lieferte tatsächlich das Geld, um
selbst die 17 486 Dollar zu bezahlen, die sie empfing.
Die Regierung weigerte sich, die für jeden der fünftausend
Karabiner verlangten 22 Dollar an Morgan zu bezahlen,
worauf Morgan auf die Erfüllung seiner Ansprüche drang.
So kam der Prozeß J. Pierpont Morgan gegen die Regierung
der Vereinigten Staaten in die gerichtlichen Protokolle. Er
steht dort als Fall Nr. 971). Um über diese Ansprüche,
wie über viele andere ähnliche, zu einer Entscheidung zu
kommen, ernannte der Kriegsminister eine Kommission,
die von J. Holt und Robert Dale Owen, dem Sohne des
berühmten Robert Owen, gebildet wurde. ;
:864 aus Little Rock Ark, an Major-General E. R. S. Canby, der die Militär-Division
von West-Mississippi befehligte, schickte:
„General, Ihre Mitteilung über Bestechung unter den Offizieren meines Kommandos
 ist soeben eingetroffen. Wenn Bestechungsgelder angenommen worden sind,
auß es durch Vermittler geschehen sein. Ich bin überzeugt, daß die Offiziere
aichts davon wissen, General Marcy, der Inspektionsgeneral, ist in Fort Smith, um
die Sache zu untersuchen. Carr ist Hauptquartiermeister meines Korps und ist
Oberstleutnant. Brigadegeneral J. W. Davidson hat Carr bei jeder Gelegenheit
verleumdet ... Er hätte Belege über Bestechung seiner eigenen mit der Kassenverwaltung
 beauftragten Offiziere haben können, wenn er sie gewünscht hätte.
ich habe solche Belege gesehen.‘ — House Miscellaneous Documents, Second
Session, 52. Congress, 1892—1893 (Rebellion Record Series 1. Bd. 41), S. 401,
0) Ebenda 64—72.
        <pb n="128" />
        538 —
In ihrem Bericht vom I. Juli 1862 stellt diese Kommission
fest, daß ihr 104 Fälle von Forderungen an den Staatsschatz
bis zur Höhe von 50 Millionen Dollar zugewiesen worden
seien und daß sie 17 Millionen Dollar davon als übertrieben
und betrügerisch ausgeschaltet habe!). In bezug auf Morgans
 Anspruch erklärte sie, daß General Fremont nicht das
Recht gehabt habe, den Kontrakt für die Lieferung der
Flinten abzuschließen daß sie aber aus der Tatsache, daß
die Waffen in den Dienst der Armee übergegangen seien,
eine rechtliche Verpflichtung der Regierung anerkenne.
Als besten Ausweg aus dem schlimmen Handel bestimmte
sie, daß Morgan mit 13,31 Dollar für den Karabiner bezahlt
 werden solle, und sie wies darauf hin, daß selbst bei
diesem Preise Morgan und Stevens so ständen, daß sie
49 000 Dollar über den Preis erhielten, für den ihnen von
den Vereinigten Staaten die Flinten verkauft worden
waren?). Nach dieser Entscheidung wurden von der Regierung
 im ganzen 55 550 Dollar an Morgan gezahlt, was
nur als Abschlagssumme angenommen wurde.
Diese Regelung entsprach nicht den Ansprüchen. Das
ganze Pfund Fleisch wurde verlangt. Eine Klage auf
Zahlung von weiteren 58 000 Dollar wurde beim Beschwerdehof
 in Washington eingebracht. Dieses Mal wurde
der Fall als Simon Stevens gegen die Regierung der Vereinigten
 Staaten bezeichnet. In der Darlegung des Falles
vor Gericht wurde Nachdruck auf die Tatsache gelegt,
daß nach Aussage der Regierung die Karabiner von dem
von der Regierung beauftragten Artillerieoffizier untersucht
 und für unbrauchbar erklärt worden seien. Richter
Peck sagte, als er die Entscheidung aussprach: „Nach
einer Vereinbarung zwischen Stevens und einem gewissen
J. Pierpont Morgan sollte die Zahlungsanweisung für die
ersten 2500 gelieferten Karabiner auf den Namen Morgan
ausgestellt werden, was auch geschah; die besagte Anweisung
 wurde von dem Artilleriehauptmann der Armee der
Vereinigten Staaten F. D. Cadwallader unterzeichnet und

1} Reports of Committees, Second Session, 37. Congress, 1861 bis 1862, Bd. 2, 77.
2) Ebenda 75,
3) Court of Claims Report IL g usw.
        <pb n="129" />
        — 539 —

lautete auf die Summe von 55 550 Dollar. Nach einer weiteren
 Vereinbarung kam diese Anweisung in die Hände der
Herren Ketchum, Sohn &amp;amp; Co.“ Diese Zahlungsanweisung
wurde ungefähr am 10. September 1861 honoriert. Die
anderen 2500 Flinten, sagte der Gerichtshof, waren von
Fremont ebenfalls in Empfang genommen worden‘).

Gerichtshöte veranlassen die Regierung, zu zahlen

Erhielten Morgan und seine Genossen von der Regierung
alles, was sie verlangten? Ja, sie erhielten es. ‚Richter Peck
war der Ansicht, daß Fremont, wenn er eingewilligt habe,
die Flinten zu kaufen, einen für die Regierung bindenden
Kontrakt abgeschlossen habe, und Kontrakt sei Kontrakt.
Der Gerichtshof nahm keine Kenntnis von der Tatsache,
daß die wertlosen, für untauglich erklärten Flinten als neu
bezeichnet worden waren, zog auch nicht in Betracht,
daß das Geld, mit dem sie von der Regierung gekauft
worden waren, tatsächlich Regierungsgeld gewesen war.
Er sprach Stevens in dem Urteil gegen die Regierung
58 175 Dollar zu.
Infolge dieser besonderen Entscheidung konnte die Regierung
 jetzt geltend machen, daß sie gegen die Horde der
Kontrahenten schutzlos sei, die die Beamten durch Bestechung
 dazu gebracht hätten, beschädigte Schiffe und
mangelhafte Panzerung, wertlose Gewehre und Kleider aus
Lumpenwolle, dünne Zelte, Decken und Schuhe und Futterbeutel,
 die in Stücke zerfielen, verdorbene Nahrung und
ähnliche Ausrüstungsgegenstände und Vorräte anzunehmen.
Kein einziger dieser Betrüger kam ins Gefängnis oder wurde
auch nur damit bedroht.

1) Ebenda 99. Für die Regierung der Vereinigten Staaten eintretend, sagte
der Hilfsanwalt der Vereinigten Staaten vor dem Gerichtshof:
„Die Waffen wurden von Arthur M. Eastman von den Vereinigten Staaten für
3‘/a Dollar das Stück gekauft, weil sie von dem Artillerieoffizier untersucht und
für unbrauchbar erklärt worden waren. Sie wurden von Eastman an den Kläger für
121, Dollar das Stück verkauft, und der Kläger verkaufte sie sofort an General
Fremont für 22 Dollar das Stück. Der Regierungspreis für neue Waffen dieser
Art, sofern sie von guter Qualität und für den Gebrauch geeignet sind, betrug
"71, Dollar.‘ — Ehbenda a8.
        <pb n="130" />
        —_ 540 —

Dies war in Wahrheit der Beginn von J. Pierpont Morgans
geschäftlicher Laufbahn; die "Tatsachen finden sich unverrückbar
 und unangreifbar in den gerichtlichen Protokollen.
Von dieser Art waren die „Patrioten“, zu denen er und seine
kapitalistischen Genossen gehörten; doch füttern seitdem
und heute mehr als je Geistlichkeit und Politiker und seichte,
kriecherische Schriftsteller das Publikum beständig . mit
Fabeln, die sämtlich Morgans schrankenlose Wohltätigkeit
and seinen erhabenen Patriotismus dartun sollen?).

Achtes Kapitel

DAS AUFBLÜHEN VON MORGANS VERMÖGEN

Ce ist Mr. Morgans Macht, größer in mancher Hinsicht
 noch als die eines Präsidenten oder Königs‘,
so schrieb ein akklimatisierter englischer Beobachter vor
einigen Jahren?), eine Tatsache, die selbst für den nur gelegentlich
 Hinblickenden offenkundig ist und leicht unwidersprochen
 bleibt. Wer kann in der "Tat ihre Wahrheit
bestreiten? Über alle Rechtsformen und Beamte, über die
höchsten Volksvertretungen und Gerichtshöfe, über Gesetze
 und Verfassungen, über 85 Millionen amerikanischen
Volkes weit hinaus ragt dieser eine Mann empor im festen
Besitz einer Macht, die ebenso ungeheuer wie verhängnisroll
 ist.
Die Albany- und Susquehanna-Eisenbahn®), die jetzt einen
Teil der Delaware- und Hudson-Eisenbahn bildet, war mit
1) Zum Beispiel ein Artikel mit der Überschrift: „Cleveland’s Opinion of Men“,
in „Mc Clure’s Magazine‘‘, Aprilnummer 1909. Der Schreiber des Artikels erzählt,
daß Cleveland, der mehrmals Präsident der Vereinigten Staaten war, im Jahre 1894,
als eine Ausgabe von Obligationen vorbereitet wurde, von Morgans Benehmen gesagt
habe: „Ich sah auch, daß es bei ihm nicht nur eine geschäftliche Angelegenheit war,
sondern ein klar sehender, weitblickender Patriotismus. Er schaute nicht nach persönlichem
 Vorteil aus, sondern saß da als großer politischer Bankier, mit mir und
meinen Ratgebern Maßregeln zur Abwendung einer Gefahr überlegend, entschlossen,
in einer ernsten und gefährlichen Krisis sein Bestes zu tun.“
?) A. Maurice Low in „The Independent‘, Ausgabe vom 30. Oktober 1902,
8) Siehe Railroad Investigation of the State of New York, 1879. Poor’s Railroad
Manual of the United States für 1860a—»70 berichtet: ..Der Bau dieser Bahn ist in
        <pb n="131" />
        41 —

öffentlichem Gelde gebaut worden, das den Kassen des
Staates New York und anderer Kreise und Stadtbezirke
in jenem Staate entnommen worden war. Von den 45 Millionen
 Dollar, die dem Schatze des Staates New York für den
Bau von Eisenbahnen entzogen worden waren, ist wenigstens
 ı Million Dollar der Konstruktion der Albany- und
Susquehanna-Eisenbahn zugewendet worden.
Die üblichen Diebereien begleiteten ihren Bau; große
Summen wurden durch alle möglichen „Grabschereien““
gestohlen; und wie bei der Erie-Eisenbahn und vielen anderen
 Bahnen wurde der Staat um einen großen Teil seiner
Darlehen betrogen. Dann erhöhte die herrschende Kapitalistengruppe
 das Aktienkapital der Albany und Susquehanna
 nominell und benutzte es zu Spekulationszwecken,
bis diese Kapitalisten durch andere verdrängt wurden,
die ihre Machenschaften in größerem Umfange wiederholten.
Der Hauptwert dieser Eisenbahn lag darin, daß sie mit dem
Kohlengrubengebiet von Pennsylvania in direkter Verbindung
 stand,
Zwei konkurrierende Kapitalistenparteien stürzten jetzt
herbei, um sie in ihre Gewalt zu bekommen. Die eine
Gruppe wurde von Gould und Fisk geführt, die andere von
J. Pierpont Morgan. Die älteren Kapitalisten sahen mit
äußerstem Erstaunen, wie diese jungen Männer kühn um den
Besitz eines wertvollen Eisenbahnnetzes kämpften, an dessen
Bau keine der beiden Gruppen irgendeinen Anteil gehabt
hatte. Der alte Kommodore Vanderbilt sah es mit einer
Mischung von Bewunderung und Neid. Gould war erst
33 Jahre alt und Morgan 31. Jede Partei kaufte so viele
Aktien, wie sie konnte; Gould mit dem Ertrag seiner Dieb-Stähle
 und Morgan möglicherweise mit dem Ertrag von
Unternehmungen von der Art des Flintenverkaufs zum
Beispiel. Die Wahlen der Aktionäre führten zu tumultuarischen
 Szenen; jede Partei beanspruchte die Wahl ihres
eigenen Direktoriums und beschuldigte die andere der gröbsten
 Betrügereien.

mm
hohem Maße durch das vom Staate bewilligte Geld unterstützt worden; die dafür
\usgegebenen Summen (1 Million Dollar alles in allem) erscheinen nicht in den
Hauptabrechnungen.“
        <pb n="132" />
        142

Ganz wie es sich gehörte, wurde der Kampf bis vor das
Gericht gebracht. Einundzwanzig verschiedene Prozesse
wurden von Gould und Fisk angestrengt und ein ganzes
Bündel gerichtlicher Verbote dadurch erlangt. Die Morgan-Partei
 focht heftig dagegen. Aber solange der juristische
Kampf sich auf die Gerichtshöfe der Stadt New York
beschränkte, war der Sieg Goulds und Fisks sicher. Und
zwar darum, weil Richter des obersten Gerichtshofes, wie
Barnard und Cardozo, früher Werkzeuge Vanderbilts,
jetzt Goulds Sklaven waren und alles taten, was er befahl.
Sehr bald trat eine erbauliche Situation ein. Jede Partei
war so leidenschaftlich entschlossen, die andere hinauszustoßen,
 daß die Eisenbahn in einen Zustand vollständiger
Unordnung geriet und nicht mehr in Betrieb erhalten
werden konnte. Das Volk war, nachdem es ı Million
Dollar öffentlichen Geldes für ihren Bau ausgegeben hatte,
gezwungen, zuzusehen, wie die beiden Parteien, von denen
keine einen Dollar für ihren Bau angelegt hatte, das Eigentumsrecht
 beanspruchten und einander mit gerichtlichen
Befehlen und Verboten in den Weg traten.
Der Ausgang war zweifelhaft, blieb es aber nicht sehr
lange. Gould und Fisk wurden auf kluge Weise verleitet,
 einen Kontrakt zu schließen, der in der Folge zu
ihrer vollständigen Niederlage führte. Der Kontrakt hatte
folgenden Inhalt: Die beiden streitenden Parteien hätten,
da sie zu keiner Einigung kommen konnten, im gegenseitigen
 Übereinkommen beschlossen, Gouverneur Hoffmann
 schriftlich mitzuteilen, daß es unausführbar geworden
 sei, die Eisenbahn in Betrieb zu erhalten, und daß
daher die Einsetzung eines Staatsbeamten erwünscht sei, der
sie bis zur Neuwahl von neuen Direktoren leiten solle. Diese
Mitteilung wurde am 11. August 1869 an Gouverneur Hoffmann
 geschickt, und ihre Vorschläge wurden angenommen.

Beide Parteien des Betruges angeklagt

Weniger als einen Monat später wurden gesonderte
Wahlen abgehalten; wieder beanspruchte jede Partei, daß
ihre Direktoren gewählt würden. Weitere Prozesse folgten.
        <pb n="133" />
        543 —

Gould und Fisk klagten, daß Ramsey, der Präsident der
Eisenbahn, 3000 Anteilscheine für die Morgan-Partei unrechtmäßig
 ausgegeben habe, und verlangten die Ungültigkeitserklärung
 dieser Emission. Morgan, Samuel
Sloan und andere der Gegenpartei rächten sich mit Anklagen,
daß Gould und Fisk Gewalt und Betrug angewandt hätten.
Nun trat der Staat New York dazwischen und strengte durch
einen Anwalt einen Prozeß gegen beide Parteien an. Der
Staat erhob die Beschuldigung, daß beide Wahlen der Aktionäre
 ungesetzlich, unregelmäßig und ungültig gewesen,
daß falsche Stimmen mitgezählt worden seien, und sie
auch in anderer Beziehung voll Betrug wären?!). Der
Staat verlangte ein Verbot, das beide Vorstände an der
Besitzergreifung hindern sollte.
Der Fall kam im November 1869 noch einmal vor Richter
Darwin Smith im obersten Gerichtshof zu Rochester, N. Y.
Gould und Fisk befanden sich sehr im Nachteil. In..der
Stadt New York, mit den ihnen zur Verfügung stehenden
erkauften Richtern, konnten sie den Entscheidungen vorarbeiten,
 aber in Rochester befanden sie sich auf einem Gebiet,
 wo die Macht konkurrierender Magnaten stark befestigt
 war. Richter Smiths Entscheidung fiel durchaus
zugunsten der von J. Pierpont Morgan geleiteten Kapitalistengruppe
 aus, und die Albany- und Susquehanna-Eisenbahn
 ging in ihren Besitz über’?).
Dies scheint J. Pierpont Morgans erster Eintritt in das
Eisenbahngeschäft gewesen zu sein, in dem er später eine
so mächtige Rolle spielen sollte. Von nun an waren beinahe
30 Jahre lang — bis die Periode der Organisation industrieller
Truste einsetzte — Bankgeschäfte und die sogenannte „Reor-Banisation
 von Eisenbahnen“ seine Hauptunternehmungen.
Die beiden Unternehmungen arbeiteten gut zusammen.
Mit Hilfe von erschlichenen Finanzgesetzen zwangen
die internationalen wie die nationalen Bankiers das Volk
der Vereinigten Staaten durch seine Regierung, ihnen
1) Lanzings Reports, New York Supreme Court, 1, 308 etc. Die in der Entscheidung
 enthaltene Darstellung des Falles erwähnt häufig die Partei, „an deren
Spitze J. Pierpont Morgan stand‘,
?) Siehe The People of the State of New York. The Albany and Susquehanna
Railroad Company. Lanzings Revorts N. Y. Supreme Court 1, 308-—245.
        <pb n="134" />
        — 544 —

Kapital zu geben, mit dem sie Eisenbahnen und anderes
Eigentum aufkaufen konnten!). Wir haben das in den Vereinigten
 Staaten während des Bürgerkrieges und unmittelbar
 darauf herrschende Finanzsystem schon beschrieben : wie
dem Volke Steuern in Höhe von 18 bis 20 Millionen im
Jahre auferlegt wurden, damit die Bankiers und andere
Obligationeninhaber ihre jährlichen Zinsen erhielten.

Gesetzgebung zur Begünstigung des Raubes

Aber die während des Bürgerkrieges erlassenen außerordentlichen
 Finanzgesetze waren nur die Vorläufer anderer,
in späteren Jahren durch die Bankiers und die allgemeine
Klasse der Gläubiger veranlaßten Gesetze, durch welche
diese ihr Vermögen und ihre Macht sofort bedeutend vermehrten
 und in den Stand gesetzt wurden, den Produzenten
noch viel wirksamer als vorher die Daumenschrauben anzulegen.

Das bemerkenswerteste dieser (Gesetze war das am
12. Februar 1873 im Kongreß durchgebrachte, das die Entthronung
 des Silbers als Münze tatsächlich durchführte.
Dies war derselbe Kongreß, der mit ı Million Dollar bestochen
 wurde, um ein Gesetz zu erlassen, das der Pacific-Dampfschiffsgesellschaft
 weitere 5 Millionen Dollar Subsidien
 gewährte. Die Vorlage über die Demonetisierung des
Silbers wurde durch eine Umgehung durchgebracht; mit
keinem Worte wurde darin die Ausschaltung des Silbers erwähnt,
 nur wenige wußten, was sie bedeutete. Es war eine
der geschicktesten Gesetzesvorlagen, die jemals im Kongreß
durchgebracht worden sind, und erst nachdem sie Gesetz
geworden war, fing man an, ihre geheimen Bestimmungen zu
verstehen.
1) Im geheimen haben die Rothschilds schon lange einen mächtigen Einfluß
ausgeübt, indem sie die amerikanische Finanzgesetzgebung in Händen hielten. Die
gesetzlichen Protokolle zeigen, daß sie in der alten Bank der Vereinigten Staaten
mächtige Personen waren. August Belmont &amp;amp; Co. waren ihre amerikanischen Vertreter.
 Im Jahre 1873 schätzte man, daß 375 Millionen Dollar amerikanische Eisenbahnpapiere
 außerhalb des Landes seien, hauptsächlich im Besitz ausländischer
Bankiers. Der Schlußbericht der Industriekommission vom Jahre 1902 (siehe S. 404
des Berichtes) schätzte die Höhe dieser im Besitze fremder Bankhäuser und sonst
im Ausland befindlichen Wertpapiere auf ungefähr 2 100 006 006 Dollar.
        <pb n="135" />
        54.5

zz

Die Mittelklasse wurde hart getroffen; der Geldvorrat
schrumpfte sofort zusammen, die Kaufkraft des Goldes
wurde erhöht und das Übergewicht der großen Kapitalisten
und Bankinstitute über die Klasse der kleinen Besitzer
wurde bedeutend vermehrt. Dies Gesetz wurde ungefähr
zu derselben Zeit durchgebracht, als der erste Trust, die
Standard Oil-Company, sich bildete, um der Lehre vom
freien Wettbewerb im Handel den Todesstoß zu versetzen
und den Vermittler im Geschäftsleben zu vernichten. Das
war für den Mittelstand nach seiner langen Herrschaft ein
trauriger Tag.
Die Vertreter des Mittelstandes im” Kongreß und in
anderen Körperschaften begannen jetzt eine Agitation, die
mehrere Jahre dauerte*). Sie erhoben die Beschuldigung,
daß die Entwährung des Silbers durch das Komplott John
Shermans und einiger anderer bedeutender Kongreßmitglieder
 mit den Finanziers von Wallstreet und Europa zustande
 gekommen sei. In der Tat sind die Bände der „Kongreßprotokolle“
 jener Jahre der Reihe nach voll von Reden,
in denen diese Beschuldigung immer und immer wieder vorgebracht
 wird. Aber das Gesetz bestand; und was den
Mittelstand noch mehr reizte, John Sherman, der so heftig
als Verräter und als Mietling der Bankiers angeklagt worden
war, wurde wenige Jahre später zum Finanzminister der
Vereinigten Staaten ernannt. Von jener Zeit an traten die
nationalen und internationalen Bankiers immer unverhüllter
als direkte Diktatoren in der Finanzgesetzgebung und der
Politik der Vereinigten Staaten auf.
„Die große Emission von Staatspapieren des Jahres 1877,
die den Bankiers kolossalen. Vorteil brachte, folgte auf
Shermans Ernennung. Ehe wir uns jedoch dieser denkwürdigen
 Transaktion zuwenden, wird es gut sein, einen
Nüchtigen Blick auf Morgans mannigfache Tätigkeiten und
Ihre Art zu werfen. Die erste Firma, deren Teilhaber
Morgan wurde, war die Firma Dabney, Morgan &amp;amp; Co.,
Wie man sich erinnern wird. eines der Bankhäuser, die

. zz waren obgleich
*) Die Millionäre, denen die Silberminen des Westens Ten Arktattew Eigenes
Man sie nicht zum Mittelstande rechnen kann, die Führer diese
Interesse trieb sie dazu.
        <pb n="136" />
        — 546 —

an der bekannten Kansas Pacific-Eisenbahn-Anleihe beteiligt
 waren. Diese Anleihe wurde von den Leuten, die
Geld anlegen wollten, hauptsächlich im Hinblick auf eine
Landbewilligung von 3 Millionen Morgen in Kansas und
Colorado begehrt, die die Kansas Pacific-Eisenbahngesellschaft
 von dem Kongreß durch Bestechung erlangt hatte
und die den Anfang von nicht nur einer, sondern von vielen
aufeinanderfolgenden Betrügereien und Räubereien bildete.
Morgan konnte — und soweit die landläufige Auffassung
ging, mit Recht — behaupten, daß es ein „rechtmäßiges
Bankverfahren“ sei, diese Anleihe auf den Markt zu bringen;
aber die Tatsache, daß kein Bankier es ablehnte, aus der
Finanzierung von Unternehmungen Nutzen zu ziehen, die,
nach seinem Wissen, mit Bestechung und Betrug begonnen
und ebenso fortgesetzt wurden, gibt eine sehr klare Vorstellung
 von der in den kapitalistischen Klassen herrschenden
Moral und Ethik.

Die große Obligationenausgabe des Jahres 1877

Morgan wurde dann "Teilhaber der Firma Drexel,
Morgan &amp;amp; Co. Er fing an, sich bei sehr großen geschäftlichen
 Unternehmungen hervorzutun. Eine dieser Unternehmungen
 bestand darin, daß er die Ausgabe der 260 Millionen
 Dollar amerikanischer Staatspapiere vom Jahre 1877 auf
den Markt brachte. Es genüge, wenn wir sagen; daß man
diese Ausgabe von Staatspapieren allgemein und nicht ohne
volle Berechtigung als einen der allerschlimmsten, jemals
bekannt gewordenen Fälle betrachtete, wie das Volk an
einige wenige Bankiers verraten wurde. Der Verkauf der
Papiere wurde den folgenden Bankhäusern zugeteilt:
August Belmont, den Rothschilds, J. und W. Seligmann
Brothers und Drexel, Morgan &amp;amp; Co. in London. Dieses
Syndikat verkaufte die Papiere sofort mit einem Aufschlag
von ı bis 4 Prozent über den Preis, den es der Regierung gezahlt
 hatte. Der Gewinn des Syndikats ging über 10 Millionen
Dollar hinaus. Von Drexel, Morgan &amp;amp; Co. allein glaubte
man, daß sie einen Reingewinn von 5 Millionen Dollar
„gemacht“ hatten. Ihre ganze Tätigkeit bestand einzig und
        <pb n="137" />
        547 —

allein darin, als konzessionierte unternehmende Vermittler
für eine Regierung zu handeln, die über diese Papiere auch
ohne Zwischenhändler hätte verfügen können. Außerdem
konnten die beteiligten Bankiers die Papiere für sich selbst
zu Vorzugspreisen kaufen und dann durch die verbündeten
Landesbanken die übliche Praxis durchführen, doppelte
Zinsen einzuziehen — einmal Zinsen von der Regierung
und zweitens Zinsen für das auf Grund derselben Papiere
ausgegebene Bargeld?).
Diese Unternehmungen umfaßten augenscheinlich nur
einen Teil von Morgans mannigfacher Tätigkeit in den
Jahrzehnten, die dem Bürgerkriege folgten; man kann wohl
überzeugt sein, daß er zur selben Zeit in eine Menge rein
privater Geschäfte verwickelt war, deren Einzelheiten
niemals öffentlich bekannt. wurden. Selbst von seinen
öffentlich bekannten Unternehmungen sind die in den
gerichtlichen Protokollen niedergelegten Tatsachen mehr Andeutungen
 als wirkliche und vollständige Berichte über die
zugrundeliegenden Umstände. Die Bankiers und Geschäftsleute
 hatten allen Grund, ihre Angelegenheiten mit
der größten Heimlichkeit zu umgeben, besonders wenn
diese Angelegenheiten in irgendeiner Weise mit der Verwertung
 amtlicher Tätigkeit für eigene Zwecke, mit dem
verdächtigen Erlaß parteiischer Gesetze oder der Übertretung
 von Gesetzen zusammenhingen. Der ganze Kaufmannsstand
 wurde von dem Gedanken geleitet, das Publikum
 soviel wie möglich im Dunkeln zu lassen; und selbst
wenn die üblichen gesetzlichen Untersuchungskommissionen,
von höchster Gesetzesmacht umgeben, nur die an der
Oberfläche liegenden Tatsachen auf milde Art festzustellen
suchten, ohne zu sehr in die Tiefe zu gehen, stießen sie
der Regel nach. bei jeder Wendung auf Hindernisse.
Wurden "Tatsachen öffentlich bekannt, so geschah dies

1) Die skandalösen Umstände dieser Obligationsausgabe verursachten im ganzen
Lande lebhafte Erregung und riefen im Kongreß hitzige Debatten hervor. Am
24. Januar 1879 nahm der Senat der Vereinigten Staaten einen Vorschlag an, den
Finanzminister Sherman um Aufklärung zu ersuchen über die angeblich von Banken
und Syndikaten erhobenen doppelten Zinsen. — Siehe Senate Executive Document,
 No. 9, 187”0.
        <pb n="138" />
        - 548 —

zufällig‘ und trotz aller Anstrengungen der betreffenden
Magnaten, sie zu vertuschen. Manchmal versorgten erbitterte
 Konkurrenten die Untersuchungskommissionen mit
Enthüllungen; bei anderen Gelegenheiten versuchte ein
Magnat den andern bei der Verteilung der Beute zu betrügen
 oder auf seine Kosten Vorteile zu erlangen, und dann
pflegte man den Streit vor Gericht zu bringen, wobei
wenigstens einige bemerkenswerte Punkte aufgedeckt wurden.
 Es kann nicht stark genug betont werden, daß auf jede,
von Untersuchungskommissionen und Staatsbeamten gegen
Kapitalisten erhobene Anklage der Unehrlichkeit und Bestechung
 hundert solche Anklagen von Kapitalisten selbst
ausdrücklich gegen ihren eigenen Stand vorgebracht wurden,
eine Tatsache, die durch die umfangreichen gerichtlichen
Protokolle von der ersten Zeit der Regierung der Vereinigten
 Staaten an bis zur Gegenwart überreich bestätigt wird.

Morgan und William H. Vanderbilt

Morgan hatte es nicht nötig, sich um das „Vertrauen“
irgendeines anderen zu bewerben; er war ein grausamer,
angriffslustiger Finanzmann, von herrischer, ja leidenschaftlicher
 Natur und von großer Macht auf seinem eigenen
Gebiete — dem Bankgeschäft, Sein Charakter war von jener
entschlossenen, despotischen Art, die es ablehnt, sich von
irgendeinem Menschen oder einer Folge von Umständen
hindern zu lassen, und seine Handlungsweise zeichnete sich
nicht durch Zartgefühl aus. „Seine Art, zu handeln, ist
drastisch,“ schrieb einer seiner Biographen von seinen
Eisenbahnorganisationen, „und die Besitzer jüngerer Wertpapiere
 haben manch saures Gesicht gezogen, aber sein
Vorgehen scheint wirksam gewesen zu sein. I bis 3 Millionen
 Dollar werden gewöhnlich als die Kommissionsgebühr
 angegeben, die das Haus J. Pierpont Morgan &amp;amp; Co.2)
dafür erhielt, daß es die Reorganisation verstand und
ausführte.“
Zwischen diesen Zeilen kann man deutlich lesen, von

1) Die Nachfolger von Drexel, Morgan &amp;amp; Co.
        <pb n="139" />
        549 —

welcher Art Morgans „wirksames“ Vorgehen war; es wird
weiterhin in dieser Erzählung durch seine eigenen Worte und
Taten noch mehr beleuchtet werden.
Entgegen der so weit und so beständig verbreiteten Schilderung
 sind viele Kapitalisten nicht Männer von persönlichem
 Mut in dem Sinne, daß sie Mann gegen Mann einander
 gegenübertreten und es buchstäblich, wie man zu
sagen pflegt, einander „gehörig geben‘. Verschlagenheit,
Habgier, Niederträchtigkeit und Verrat, die das Geschäftsleben
 durchtränken und in der Tat die Grundlage eines
erfolgreichen Geschäftes sind, erzeugen sowohl physische
wie moralische Feigheit. Die Kapitalisten sind wohl fähig,
ihre Kämpfe durch Rechtsanwälte auskämpfen zu lassen,
aber den meisten von ihnen fehlt es infolge einer gewissen
Entartung an der Fähigkeit, auf andere Menschen einen
starken, direkten, persönlichen, männlichen Einfluß auszuüben,
 wie ihn der kämpfende Seeräuberhäuptling alter
Tage auf seine Schar ausübte. Morgan bildete eine der
wenigen Ausnahmen. Verbunden mit seinem Reichtum
war bei ihm eine kraftvolle kriegerische Persönlichkeit,
eine ungeheure geistige und physische Lebenskraft; er war
ein Mann, der seinen Willen ebensosehr bloß durch brutale
Stärke wie durch Vernunftgründe durchsetzen konnte,
der durch Beweise überzeugen und, wenn es notwendig war,
durch Gewalt einschüchtern und in Schrecken versetzen
konnte.
Eine solche Verbindung im Verein mit Reichtum und
Erziehung (denn er hatte höhere Schulen besucht) und einer
vollständigen Kenntnis aller geschäftlichen Kniffe mußte
sich als unüberwindlich oder fast unüberwindlich erweisen.
Selbst seine durch eine unglückliche Entstellung des Ge-Sichts
 hervorgerufene äußere Erscheinung vermehrte den
kraftvollen Eindruck und den Schrecken, den er einflößte.
Nicht unpassend nannte er seine Jacht The Corsair; er
war eine moderne, mit dem Gewande der Gegenwart bekleidete
 Verkörperung eines antiken Korsaren, dessen Eigenschaften
 sich neuen Verhältnissen angepaßt haben.
        <pb n="140" />
        — 550 —

Große Magnaten unterwerfen sich ihm

Anstatt sich in Vanderbilts Vertrauen einschleichen zu
müssen, zwang er jenen hochmütigen Magnaten, sich mit
ihm zu verständigen. Diese Tatsache bezeugte Morgan
selbst in dem Prozeß, der aus Vanderbilts Süd-Pennsylvania-Eisenbahnprojekt
 entstand — einem Unternehmen,
das schon früher beschrieben wurde. Morgan hatte allerdings
 als Vanderbilts finanzieller Vertreter gehandelt, aber
er hatte auch bedeutenden Anteil an der Pennsylvania-Eisenbahn,
 und sein Bankhaus vertrat große ausländische
Besitzansprüche an jene Linie. Vor allem war er scharf
dahinter, die Interessen J. Pierpont Morgans zu wahren.
In einem Verhör, am 13. Dezember 1885 vor dem Untersuchungsbeamten
 John H. Weiß im Bundesgericht zu
Philadelphia, erzählte er, daß er, als er im Juni 1885 aus
Europa zurückkehrte, „zu der Überzeugung gekommen war,
es müsse etwas geschehen, um eine größere Harmonie in
die Hauptlinien zu bringen“, und er fügte hinzu, daß er
geglaubt habe, „man könne auf Mr. Vanderbilt einen genügenden
 Druck ausüben, um ihn zum Verkauf der Süd-Pennsylvania-Linie
 zu veranlassen“. Über die besondere
Art dieses „Druckes“ wurde keine Erklärung abgegeben,
aber diejenigen, die mit der ungeheuren zwingenden Macht
der Pennsylvania-Eisenbahn, mit der Macht von Morgans
Bank und den mit ihm in Beziehung stehenden Banken
vertraut waren, waren über seine Bedeutung nicht im Zweifel.
 Der Friedensvertrag zwischen den kriegführenden
Magnaten wurde schließlich an Bord von Morgans Jacht
abgeschlossen. Worin bestand Morgans Anteil? Um seine
eigenen Worte zu gebrauchen, er „kaufte von der Süd-Pennsylvania
 und verkaufte an die Pennsylvania‘, Welche
Belohnungen er als Vermittler erhielt, wurde nicht öffentlich
 bekannt gemacht; wir können vermuten, daß seine
Rechnung nicht gering war. Dieser Frieden, wie alle solche
Kontrakte, wurde nur geschlossen, um gebrochen zu werden ;
die Reading-Eisenbahn, die nach dem Vertrage für gewisses
Eigentum entschädigt werden sollte, erhob die Beschuldigung,
 daß sie betrogen worden sei; daraus entstand der Prozeß.
        <pb n="141" />
        -- 551 —

Bis zu dieser Zeit, d. h. bis zum Jahre 1886, hatte Morgan
keine große Rolle als Eisenbahnmagnat gespielt; er machte
sich mehr als mächtiger Bankier bemerkbar, dessen Spezialität
 es war, Eisenbahnen zu reorganisieren. Man darf aber
nicht annehmen, daß unter „Reorganisation“ kostspielige
Verbesserungen in der äußeren Ausstattung und dem
Betrieb von Eisenbahnen verstanden wurden, wie die Einführung
 von Vorrichtungen und Ausrüstungen zu größerer
Sicherheit und die Verringerung der Gefahr für Passagiere
und Eisenbahnarbeiter. Eine „Reorganisation‘“ bestand in
dem Reduzieren oder in dem summarischen Auslöschen der
Schulden und in dem Ersinnen neuer Pläne, nach denen der
Gewinn größer sein würde.

Wiederholte Anklapen wegen Betrugs

Dafür, daß er das tat, wurde Morgan als ein Mann von
wunderbarem erfinderischem Scharfsinn gepriesen — als ein
Finanzmann erster Größe. Häufig jedoch teilten — wie wir
sehen werden — die kleinen Aktionäre diese Ansicht nicht;
und gelegentlich vergaßen sie die von ihnen erwartete
Dankbarkeit so weit, daß sie ihn vor Gericht des Betrugs
anklagten?).
Das Aggressive in seinem Charakter und seiner Handlungsweise,
 seine wilde Kühnheit in der Zertrümmerung von
Hindernissen, seine Verachtung jeder künstlichen Beschränkung
 durch das Gesetz, seine Nichtachtung der
öffentlichen Meinung und die Art, wie er es verstand, seine
Gewalt dort anzuwenden, wo sie die besten Resultate hervorbringen
 würde — alle diese Eigenschaften und Fähigkeiten
 waren gerade diejenigen, die zu jener besondern Zeit
Notwendig waren.
. 1) Z. B.: In dem Falle der Toledo-Eisenbahn und Terminal-Company brachte
die Ohio-Sparkasse und -Kredit-Gesellschaft beim Bundesgericht in Toledo, Ohio,
am 5. August 1907 einen Protest ein mit der Behauptung, daß beim Verkaufe
jener Bahn Betrug verübt worden sei und zwischen Morgan und anderen Eisenbahn-Mmagnaten
 ein geheimes Einverständnis bestanden habe. Durch dies geheime Einverständnis
 sei, so wurde behauptet, ein Abkommen erreicht, wonach durch Unterdrückung
 konkurrierenden Angebots der Besitz zu einem niedrigen Preise vercauft
 wurde; dies sei geschehen, um nicht sichergestellte Gläubiger zu betrügen.
Der Protest wurde zurückgewiesen.
        <pb n="142" />
        Neuntes Kapitel

MORGAN ALS BANK- UND EISENBAHNKÖNIG

Ar 2. Januar 1889 wurde von den drei Bankhäusern
Drexel, Morgan &amp;amp; Co., Brown Brothers &amp;amp; Co. und
Kidder, Peabody &amp;amp; Co. ein als „Privat und vertraulich“ bezeichnetes
 Zirkular versandt. Die äußerste Sorgfalt war
darauf verwendet worden, daß dieses Dokument nicht seinen
Weg in die Presse fände oder auf andere Weise bekannt
würde. Man hatte in der Tat außergewöhnliche Vorkehrungen
 getroffen, um seinen Inhalt mit allen Vorsichtsmaßregeln
 der Geheimhaltung zu umgeben.
Woher diese Furcht? Weil dieses Zirkular eine — unausgesprochen
 als Befehl aufgefaßte — Einladung an die
großen Eisenbahnmagnaten enthielt, sich in Morgans Haus
in der Madison-Avenue Nr. 219 zu versammeln und dort,
nach der Ausdrucksweise des Tages, eine „eisengepanzerte““
Verbindung einzugehen. Der Plan war, einen festen Pakt zu
schließen, der die Konkurrenz zwischen gewissen Eisenbahnen
 vernichten und die Bahninteressen einheitlich
zusammenfassen sollte, so daß man das Volk der Vereinigten
 Staaten noch wirkungsvoller bluten lassen könnte als
vorher. Um für den Fall, daß etwas über die Natur des
Unternehmens in die öffentliche Presse durchsickern sollte,
den Schein zu wahren, garnierten die Gründer ihre wirklichen
 Pläne mit einer Kette ablenkender Phrasen. Ihr
einziges Ziel bestehe, so drückten sie sich liebenswürdig
aus, in der Gründung einer Vereinigung, „um volkstümliche,
vernünftige, gleichmäßige und feste Preise aufrechtzuerhalten‘,
 und — so fügten sie hinzu — ein weiteres Ziel
würde in dem Sammeln statistischen Materials über die
Eisenbahnen bestehen.
Durch solche Vorwände wurde niemand außer den
Leichtgläubigen und Unwissenden getäuscht.
        <pb n="143" />
        . 5523 #

Eine historische Zusammenkunft in Morgans Haus

Jenes Zirkular ist ein historisches Dokument und verdient
mehr als vorübergehende Beachtung; und wer mit den
Kräften, die damals am Werke waren, vertraut ist, wird ihm
mit Recht eine viel größere Bedeutung zuerkennen als den
Botschaften der Präsidenten, den Anordnungen des Kongresses
 oder den Entscheidungen der Gerichtshöfe.
Zu einer Zeit, als jeder auf Gesetz oder auf Präzedenzfällen
 beruhende Klagegrund benutzt wurde, um darauf
zu bestehen, daß die Industriemächte unverändert in demselben
 Zustande verharrten, kam dieses Zirkular wie eine
Herausforderung. Das geschriebene und das ungeschriebene
 Gesetz erklärte streng, daß das, was man Konkurrenz
im Handel nennt, lebendig erhalten werde, und daß, wenn
°s sich nicht aus eigener Kraft erhalten könne, das Gesetz
seine Aufrechterhaltung verlangen müßte. Was die Konkurrenz
 hervorgerufen und ihr Berechtigung verliehen hatte,
ging vorüber, aber keine der gesetzgebenden Körperschaften
erkannte die neuen Bedingungen oder traf irgendwelche
Vorkehrungen für sie. Die Magnaten aber machten sich
klar, daß das alte System allgemeiner Konkurrenz anfing,
schnell zu veralten, und daß die Zeit für eine systematische
Organisation der Industrie gekommen war. Und während
so die gesetzgebenden Körperschaften ein Gesetz nach dem
andern scheinbar als „Verordnungen des suveränen Volkes
der Vereinigten Staaten“ erließen, versandten einige wenige
Magnaten ein kurzes Zirkular, das tatsächlich wirkungsvoller
war als ganze Bände von Gesetzen, die im Angesicht der
vorwärts treibenden ökonomischen Kräfte schließlich kraftlos
 sind.
‚Aber die Ansichten des Volkes im allgemeinen und das
“Aigene Interesse der Mittelklasse waren gegen jeden Umsturz
des Konkurrenzsystems. Mochten auch die Magnaten die
Ankündigung ihrer Zwecke milde halten und mochten sie
auch ihre Ziele noch so harmlos darstellen, der Plan dieser
Gruppe von Bankiers und Eisenbahnkönigen mußte sicherlich
 den schärfsten Argwohn erregen. Eine ruhelose, trübe
Gemütsstimmung durchdrang die Masse des Volkes. Es war
        <pb n="144" />
        — 554 —

voll Mißtrauen gegenüber jeder von den Magnaten aufgestellten
 Behauptung und immer bereit, unter freundlichen
Ankündigungen unheilvolle Pläne zu sehen. Überdies war
die Definition der Magnaten von „vernünftig“ der des
Volkes in seiner Gesamtheit diametral entgegengesetzt.
Beträge und Forderungen, die von den Magnaten als „vernünftiger
 Ausgleich“ überzuckert wurden, erschienen dem
Verständnis des Volkes außerordentlich unvernünftig: als
grobe Erpressungen, denen das Gesetz gebührende Beachtung
 schenken sollte.

Allmähliches Zugrunderichten der Mittelklasse

Auf das Geheiß der Mittelklasse wurden überall Gesetze
durchgebracht, die sich wenigstens oberflächlich gegen die
willkürliche Macht der Magnaten und die Konzentration
der Hilfsquellen richteten. Seit der Unterdrückung und
Auflösung der großen Arbeiterbewegung des Jahres 1886
wurden von dieser Seite ernste Angriffe nicht mehr befürchtet.
 Aber die Vernichtung der Mittelklassen mußte
langsam und vorsichtig vonstatten gehn.
Arbeiteraufstände — politische oder andere — konnten
durch Gewalt und richterliche Entscheidungen und bei
den Wahlen durch Bestechung und Betrug vernichtet werden.
 Vorkommendenfalls pflegte bei der Unterdrückung
der arbeitenden Klassen die ganze Mittelklasse mit den
Interessen der Besitzenden zusammen zu gehen. Doch
wenn es sich beim Kampf um die Herrschaft nur um die
Mittelklasse und die Plutokratie handelte, dann hatten
die Magnaten guten Grund, die Mittelklassen nicht zu offen
anzugreifen. Das Land wimmelte von Organisationen von
Gewerbetreibenden, Maklern und kleinen Händlern, und
im Westen und Süden befand sich als Verbündeter der
Farmerbund in seiner größten Macht. Diese Mittelklasse
maßte sich die Bedeutung an, das „Volk“ zu sein. Die von
ihr benutzte und ausgebeutete Arbeiterklasse besaß, um
ihre Ansichten zu verbreiten und ihre F orderungen zum
Ausdruck zu bringen, nur? wenige unbekannte Fachzeitungen
 und hatte, obwohl sie die ungeheuer große Masse
        <pb n="145" />
        — 550 —

der Wähler umfaßte, nicht einen einzigen wirklichen Vertreter
 in politischem Amt. Aber die Interessen der Mittelklasse
 waren durch Tausende von Zeitungen und Zeitschriften,
 durch eine Schar politischer Redner, Anwälte und
Universitätsprofessoren und durch die Kraft des herrschenden
 Gesetzes und der Wirtschaftseinrichtungen vertreten.

Morgan leitet die Sache

Diese Tatsachen dürften eine ziemlich klare Vorstellung
von der Zusammensetzung und den Ansprüchen jener
Mittelklasse geben, die durch die Nachricht von der Zusammenkunft
 in Morgans Haus in krampfhafte Erregung
versetzt werden mußte. Eine folgenschwere Versammlung
war es sicherlich, die am 8. Januar 1889 in Morgans Herrenhaus
 zusammenkam. Wen bemerken wir da? Dem Anschein
 nach private Bürger, in Wirklichkeit Herrscher des
Landes: Jay Gould mit seinem am Gängelbande geführten
Sohn George; Stickney aus dem Nordwestgebiet; Roberts
von der Pennsylvania-Eisenbahn; den geschmeidigen Depew,
das Echo der Vanderbilts; Sloan von der Delaware-, Lackawanna-
 und Western-Eisenbahn und ein halbes Dutzend
weitere Magnaten oder ihre bevollmächtigten Wortführer,
Die ehrenwerten gesetzgeberischen Körperschaften mochten
über die Ratsamkeit dieser oder jener gesetzgeberischen
Maßregel würdevoll debattieren; der geräuschvolle „Kongreß
 der Vereinigten Staaten“ mochte feierlich zusammentreten
 und, nachdem er Monate in Großsprecherei verbracht
hatte, behaupten, Gesetze gegeben zu haben; die hohen
und mächtigen Gerichtshöfe mochten eine strenge Miene
aufsetzen und mit Wichtigtuerei ihre Entscheidungen verabfolgen.
 Aber in jenem Zimmer in Morgans Hause saßen
viele der tatsächlichen Herrscher der Vereinigten Staaten,
saßen die Männer, welche die Macht hatten, in der Bestimmung
 dessen, was geschehen solle, das letzte Wort zu
sprechen.
Morgan führte den Vorsitz bei der Versammlung und kam
mit gewohnter schroffer Offenheit direkt zur Sache. Dank
einem stenographischen Bericht über die Verhandlungen,
        <pb n="146" />
        —5 56 —
dessen wir glücklicherweise habhaft werden konnten, ist das
Werk jener Versammlung klar. Der Name der Organisation
sollte sein: „Interstate Commerce Railway Association“,
 ihr wesentlicher Zweck das Aufhören der Konkurrenz
 unter ihren Mitgliedern. Aber wie sollte irgendein
Magnat verhindert werden, mit einem andern zu konkurrieren,
 oder von einem Eingriff in das Gebiet eines anderen
zurückgehalten werden? Welche Strafen sollte es geben,
und wie konnten sie erzwungen werden? Sicherlich konnte
kein Gesetz angerufen werden, um die Durchführung eines
solchen Übereinkommens zu erzwingen, denn das Gesetz
untersagte Ringbildungen ausdrücklich, und jede Gesetzgebung
 würde nicht nur unwirksam sein, sondern die Ausdehnung
 des ganzen verbrecherischen Paktes aufdecken.

Morgan erläßt ein Ultimatum

Es gab jedoch eine weit größere Macht als die des Gesetzes,
 die Macht des aufgehäuften Geldes. Wäre irgendeiner
 der anwesenden Magnaten geneigt gewesen, dem vorbereiteten
 Programm zu widersprechen, so wurde ihm die
Strafe sofort klar vor Augen geführt, als Morgan verkündete:

„Ich bin, wie ich glaube, in bezug auf die hier vertretenen
Bankhäuser zu der Erklärung autorisiert, daß, wenn eine
Organisation auf der von der Kommission unterbreiteten
Grundlage und mit einem unter Beteiligung der Bankiers
gebildeten Exekutivkomitee, das seine Vorkehrungen soll
durchsetzen können, praktisch möglich ist, diese Bankhäuser
für den Bau von Parallellinien oder zur Erweiterung von
Linien, die nicht von jenem Exekutivkomitee gebilligt
worden sind, keine Geschäfte mit Wertpapieren machen
und auch alles in ihrer Macht Stehende tun werden, um
solche Geschäfte zu verhindern. Ich möchte, daß dieses
deutlich verstanden wird.“
Die Drohung oder das Versprechen, wie man es verschieden
 auslegen konnte, wurde zweifellos verstanden. So ungeheuer
 groß auch der Reichtum der anwesenden oder vertretenen
 Magnaten war, nicht einer von ihnen oder eine
        <pb n="147" />
        — 557 —

Vereinigung von ihnen wagte (wenn auch Neigung vorhanden
 war), einem solchen Ultimatum "Trotz zu bieten.
Dies tun, hieße, den rachsüchtigen, vernichtenden Zorn
einer Clique von nationalen und internationalen Bankiers
herausfordern, deren Geld und Macht die verderblichsten
Wirkungen hervorrufen konnten. Auch gab es keinen
irgendwie möglichen Weg, sich an eine höhere Gewalt zu
wenden.
Was tat es, wenn viele der gesetzgebenden Körperschaften
der Staaten Verbindungen zur Beschränkung des Handels
mit Strafen belegt hatten? Was tat es, wenn die zornige
Mittelklasse mit wildem Geschrei die Durchführung dieser
Gesetze verlangte? Was tat es, daß nach dem geschriebenen
wie nach dem ungeschriebenen Gesetz dieser Zwangserlaß
der Bankiers eine verbrecherische Verschwörung war?
Jeder Mann jener Versammlung wußte, daß er nach dem
Urteil der herrschenden Gesetze an einer, Verschwörung
teilnahm, doch niemand fürchtete ernsthaft, daß die zahlreichen
 Landes- und Staatengesetze streng gegen ihn in
Anwendung gebracht werden würden. Die Versammlung
fühlte sich auf so sicherem Boden, daß an die Möglichkeit
einer Verfolgung überhaupt nicht gedacht wurde.
Eine andere in jener Zusammenkunft (eine „Konferenz““
nannte man sie) auftretende Erscheinung verdient Erwähnung.
 Wie sehr Menschen als Nichtigkeiten angesehen
wurden, auch wenn sie Magnaten waren, und wie sehr der
Besitz als das allein Wichtige betrachtet wurde, das zeigte
sich bei der Art der Abstimmung. Die Namen der Magnaten
wurden beim Aufruf der Stimmen nicht genannt; man erwartete,
 daß die inkorporierten Eisenbahnen ihre Stimmen
abgaben, und diese waren es auch, die abstimmten. So wurde
statt des Namen Gould der Name seiner Eisenbahnen aufgerufen;
 die Missouri-Pacific und die Wabash stimmten ab,
nicht Gould. Was hätte schöner, einfacher und direkter
sein können, so frei von Heuchelei, so sehr dem Geiste der
anwesenden menschlichen Geldsäcke entsprechend? Wenn
diese Methode nur auch im Kongreß angenommen würde,
so würde für das allgemeine Verständnis viel gewonnen
werden; denn solange die alten Methoden dort noch be-
        <pb n="148" />
        stehen, würden die meisten;unserer „Staatsmänner“ nicht
verlästert werden, wenn die Stimmliste von Korporationen
und nicht von vermeintlichen. Vertretern des Volkes gebildet
 würde.
Wenn eine bloße Drohung der mächtigen, von Morgan
geführten Bankiers genügte, um eine Gruppe der Eisenbahndiktatoren
 der Vereinigten Staaten zu überzeugen oder in
Furcht zu versetzen, was konnte die Bankmacht dann nicht
vollbringen, wenn sie ihre Geldkraft energisch einem bestimmten
 Ziele zuwandte? Weder ein kapitalistischer
Gegner, noch irgendeine Regierung konnte dieser Macht
widerstehen. Wie weit sie in der erfolgreichen Durchführung
 ihrer Pläne und in der Zerstreuung aller Hindernisse
durch ihren Terrorismus gehen konnte, zeigte sich typisch
in einem bekannten Obligationenhandel vom Jahre 1895,
wobei die Regierung der Vereinigten Staaten von einem
Syndikat von Bankiers mit Morgan an der Spitze unterstützt
 und gezwungen wurde, dem Wesen nach ein Geschenk
von vielen Millionen Dollar für das Privilegium eines nominellen
 und vorübergehenden Anspruchs auf einen Goldvorrat
 herzugeben, den dieselben Bankiers nur kurze Zeit
vorher der Schatzkammer der Vereinigten Staaten entzogen
hatten.

Was Wallstreet über Morgan dachte

Ehe wir dieses Unternehmen beschreiben, wollen wir
aine Abschweifung machen, um über einige dazwischentretende
 Ereignisse aus Morgans Laufbahn zu berichten.
Sein Vater starb im Jahre 1890 und hinterließ ihm ein oberflächlich
 auf 10 Millionen Dollar geschätztes Vermögen.
Es ist aber unnötig, zu sagen, daß J. Pierpont Morgan schon
damals ein unabhängiger Multimillionär war. Daß er von
einem großen Teil des im Finanzgebiet lebenden Elements
intensiv gehaßt wurde, ist unleugbar, aber es war ein Haß,
der nicht aus einem Einwand gegen seine Methoden hervoring,
 sondern daraus, daß er in der Brutalität oder in der
Feinheit jener Methoden die andern erheblich übertraf,
Alle ihn schmähenden Mitglieder seiner eigenen Klasse
        <pb n="149" />
        — 559 —

hatten im Grunde irgendeinen persönlichen, in erbitterter
Feindschaft zum Ausdruck kommenden Klagegrund,ivon
Morgan überlistet oder übertroffen worden zu sein. Hätte
er ihnen nur die geringste Möglichkeit gegeben, sie würden
ihn umgarnt und betrogen und sich an der ’Tat geweidet
haben.
Aber mit Ausnahme eines einzigen hervorragenden Gegners,
 auf den wir später zu sprechen kommen werden, kam er
allen zuvor und überwand sie alle, und vielen von ihnen
hinterließ er die bittere Erinnerung an ihren Zusammenstoß
mit ihm, aber sonst nichts. Unzweifelhaft trug Morgans
Persönlichkeit viel zu diesem allgemein verbreiteten Hasse
derjenigen, die mit ihm in Berührung kamen, bei; er konnte
nie in den Verdacht geraten, zu den salbungsvollen Leuten zu
gehören, die voller Schmeichelei und sanfter Arglist sind,
Er war vielmehr eine Art Raufbold auf den Finanzgebieten,
 kriegerisch und unbarmherzig, von rauher, gebieterischer
 Art, schonungslos gegenüber den Gefühlen oder
Interessen derer, die auf irgendeine Art seinen Willen oder
seine Pläne kreuzten.
Diese persönlichen Details waren jedoch der großen Masse
des Volkes weiter im Lande nicht bekannt. Die populäre
Ansicht über Leute von öffentlicher Bedeutung bildete sich
beinahe vollständig nach dem, was die Zeitungen sagten,
und diese schilderten mit seltenen Abweichungen Morgan
 immer als großes Finanzgenie und wohlwollenden
Herrn. Bei Morgans finanziellen Unternehmungen verloren
 große Scharen von Leuten aus der Mittelklasse wie
auch Leute, die auf der Stufenleiter der Wohlhabenheit
höher standen, große Summen Geldes, das ihnen durch die
Börsenspekulationen in Wallstreet entrissen wurde. Aber
sie tadelten Morgan nicht persönlich deswegen; ihre Erbitterung
 richtete sich gegen die ganze Gattung, das Ungeheuer
 Wallstreet. Und doch war unter den so Beraubten
Nicht ein einziger, der nicht mit voller Überlegung darauf
ausgegangen wäre, sich selbst auf Kosten irgendeines andern
zu bereichern; selbst diejenigen, die ihre Kapitalien einer
„berechtigten Geldanlage‘ wegen in Aktien steckten, taten
es mit dem vollen Bewußtsein, daß, je niedriger die bei den
        <pb n="150" />
        — "560 —

Eisenbahnen und in den Fabriken gezahlten Löhne und je
länger die tägliche Arbeitszeit der Arbeiter wären, desto
glänzender die Aussichten auf eine größere Dividende. &amp;lt;i
Gleichzeitig wurde der auf dem Finanzgebiet gehaßte
Morgan wegen seiner weitreichenden Macht und seines unbarmherzigen
 Vorgehens bei der Durchführung seiner
Ziele sowohl wie bei der Erledigung von Schuldposten in
hohem Grade gefürchtet. Seine Politik bestand darin,
so nahm man an, in einer Korporation einen schwachen
Punkt herauszufinden und sie dann „nach ihrem ganzen
Wert auszupressen‘“ — eine Beschuldigung von sehr großer
Voreingenommenheit, insofern als jeder andere erfolgreiche
Finanzmann unstreitig dieselben Methoden verfolgte, wenn
auch nicht immer auf demselben Wege. Seine Lieblingsredensart,
 wenn man ihn nach seinen Unternehmungen
fragte, war: „Ich halte mich nicht meiner Gesundheit
wegen in Wallstreet auf.‘“ Seine Feinde verbreiteten es
Hüsternd, daß er ein „Freibeuter in der Finanzwelt“ sei;
seine Bewunderer — diejenigen, die aus seiner Freigebigkeit
Nutzen zogen — verkündeten laut seine Größe,

Morgan tritt als Kohlenmagnat in den Vordergrund

Wie Morgan verfuhr, als er zusammen mit William
H. Vanderbilt im Jahre 1893 die Philadelphia- und Reading-Eisenbahn
 von McLeod an sich riß, davon haben wir schon
eine Beschreibung gegeben. Als Eisenbahn war die Reading-Linie
 nicht ausgedehnt; ihr großer Wert lag in ihrem Be-3äitz
 von Anthrazitkohlengruben, von großen ungeschürften
Lagern und in ihrem Kohlenfrachtverkehr.
Seiner andern vielseitigen Macht fügte Morgan jetzt die
eines Kohlenmagnaten hinzu. Die Verfassung von Pennsylvania
 untersagte es, wie wir gesehen haben, den Eisenbahngesellschaften
 ausdrücklich, Kohlenbergwerke zu besitzen
und zu betreiben. Aber es existierte kein Gesetz, daß die
sehr Reichen nicht umgehen konnten. Gesellschaften von
Strohmännern wurden organisiert, und obwohl jedermann
wußte, daß diese Gesellschaften nur eine Umgehung bedeuteten,
 so unternahmen die Behörden des Landes doch
        <pb n="151" />
        — 61 —

keine Schritte dagegen, und als sie nach vielen Jahren der
Untätigkeit in kraftloser Weise eine Klage einbrachten,
appellierten die Magnaten an den obersten Gerichtshof
der Vereinigten Staaten; aus diesem Prozeß gingen die
Eisenbahnen im Jahre 1909 siegreich hervor, da die Entscheidung
 von so zweideutigem Charakter war, daß sie einer
zu ihren Gunsten gleichkam.
Zwei unmittelbar darauf folgende Resultate verkündeten
Morgans Einzug als Herrscher auf dem Kohlengebiet. Auf
beide haben wir in einem früheren Kapitel hingewiesen,
sie werden aber hier eine Wiederholung vertragen. Jeder,
der in seinem Haushalt Hartkohle verwendete, wurde besteuert,
 um Morgans Vermögen weitere Millionen hinzuzufügen.
 Der Preis für Heizkohle wurde um 1,25 bis
1,35 Dollar gegen die frühere Forderung für die Tonne
erhöht. Das zweite Resultat bestand in einem schnelleren
Verfahren zur Vernichtung der unabhängigen Kohlenproduzenten.
 Durch eine Reihe unbarmherziger Vorgänge?)
wurden diese Unabhängigen ruiniert und vertrieben, nicht
ohne viel Gejammer über Unterdrückung und gellende
Klagen über Betrug.
Dabei waren die Gruben tatsächlich von ihnen selbst
oder von ihren Vorgängern durch Betrug erworben worden.
 Die Bestechung der gesetzgebenden Körperschaften
von Pennsylvania durch einzelne Personen und Korporationen
 zur Erlangung von Kohlengruben und anderen
Privilegien und besondern Rechten ist zugegebenermaßen
SO dreist gewesen, daß die gesetzgebenden Körperschaften
Sich im Jahre 1847 gezwungen sahen, mit selbstgerechter
Prahlerei ein „Gesetz zur Festsetzung und Bestrafung des
Vergehens der Bestechung“ zu erlassen, worin das Geben oder
Empfangen einer Bestechung zum Kapitalverbrechen gestempelt
 wurde, das mit einer Geldstrafe bis zu 5000 Dollar
Oder mit fünf Jahren Gefängnis zu bestrafen sei%). Dieses
Gesetz wurde sehr leicht genommen, es hatte nur die

1) Siehe Zeugenaussage vor der Kommission des Hauses für den Handel von
Staat zu Staat: House Reports, Fifty-second Congress, Second Session, 1892—1893,
Bd. ı.
?) Laws of Pennsylvania, 1847, 217.
        <pb n="152" />
        — 562

Wirkung, das Bestechungswesen zu verfeinern und zu verdunkeln.
 Ein zweites Gesetz wurde am 3. März 1860 erlassen
 und ein drittes am 29. April 1874; diese Gesetze
wurden von den Leuten, die eingetragene Privilegien
zu erlangen suchten, ebenso scherzhaft aufgefaßt, und die
Bestechung ging beständig weiter!). Wieder und wieder
wurden die gesetzgebenden Körperschaften von Pennsylvanıa
 gezwungen, Untersuchungskommissionen einzusetzen,
um über diese oder jene Beschuldigung, daß Bestechungen
angewandt worden seien, zu berichten; einer der wenigen
Fälle, daß einer der Bestochenen einmal ins Gefängnis
wanderte, ereignete sich in den Jahren 1879 bis 1880 bei
den gerichtlichen Verhandlungen auf Grund des Aufstands-Entschädigungs-Gesetzes.

Es bedurfte einer gewissen Entschuldigung, um der
großen Preissteigerung der Kohlen den Anschein der Notwendigkeit
 zu verleihen. Die Kohlenmagnaten sorgten im
voraus dafür. Sie fragten, wie sie die höhere Forderung
hätten vermeiden können. War die Kohlenproduktion
nicht zurückgegangen? Und waren die Frachtsätze nicht
außerordentlich hoch? Aber die Regierung wußte, daß diese
Behauptungen erdichtet waren. Die Hauskommission für
den Handel von Staat zu Staat hatte einstimmig berichtet,
daß die Kohlenmagnaten die Kohlenförderung absichtlich
herabgesetzt hätten; daß, obgleich die Ausbeutefähigkeit
der Kohlenlager 50 Millionen Tonnen im Jahr betrage, nur
ungefähr 40 Millionen Tonnen gefördert würden, um so den
Anschein von Mangel hervorzurufen. Und was die Fracht-;ätze
 für Kohlen betrifft, so berichtete die Kommission:
„Obgleich die Frachtbeförderung von Kohlen billiger besorgt
 werden könne als die von fast allen andern Fracht-7)
 Eine der vielen aufeinanderfolgenden Skandalaffären, die aus der Korruption
ler gesetzgebenden Körperschaften von Pennsylvania hervorgingen, bestand in der
Durchbringung eines Gesetzes im Jahre 1876 im Interesse der Holzinteressenten,
Summen von 300 bis soo Dollar wurden einzelnen Mitgliedern der gesetzgebenden
Körperschaften bezahlt oder angeboten, damit sie für oder gegen das Gesetz stimm-;en.
 Das Gesetz wurde genannt: „Ein Gesetz zur Regulierung des Zolls und anderer
Ausgaben, aufzuerlegen und einzuziehen von den Floßholz-Gesellschaften.‘“ Es
wurde von gewissen Interessenten bekämpft. Siehe „Testimony before the Committee
to Investigate the Means to Secure or Defeat the Passage of the Boom Bill.“ Pennsylvania
 Legislative Docs., 1876, Bd. 5.
        <pb n="153" />
        — 563

gütern, bezahlen sie doch beinahe doppelt so hohe Sätze
wie für Weizen und Baumwolle?).“
Ohne Umschweife: diese Ringbildung war eine Verschwörung
 und krimineller und zivilrechtlicher Verfolgung
ausgesetzt. Aber weder das Landes- noch das Staatengesetz
wurde dagegen geltend gemacht. Die Hauskommission
berichtete, daß das Gesetz für den Handel von Staat zu
Staat ein zu unwirksames Gesetz sel, um danach zu verfahren,
 und damit endete das Gerede über eine strafrechtliche
 Verfolgung. Der Regierungsmechanismus der Vereinigten
 Staaten wurde tatsächlich (wie in vielen anderen
Fällen) zum Mitschuldigen des Kohlenrings, indem er ihm
Bgestattete, aus den Leiden der großen Volksmasse noch
enormere Erpressungen herauszuquetschen.

Übertragung großer Kisenbahnnetze

Morgans beide Kompagnons, Frank und Anthony Drezxel,
starben und hinterließen jeder ein Besitztum von z 5 Millionen
 Dollar. Auch sie hatten den ruhmreichen Namen von
Philanthropen erworben; vor ihrem Tode. hatten sie zusammen
 die Summe von 8 Millionen Dollar zur Gründung
 verschiedener Wohltätigkeitsanstalten in und bei
Philadelphia hingegeben. Seit ihrer Partnerschaft mit
Morgan hatten sie natürlich alle seine Unternehmungen
geteilt.
Da Gold die internationale Handelswährung war, verfolgte
 die Regierung der Vereinigten Staaten die Politik,
 eine gewisse Summe als Reserve des Schatzamtes
Zurückzubehalten. Als aus diesem oder jenem Grunde
dieser Reservefonds erschöpft war, sah sich die Regierung
gezwungen, Schuldscheine auszugeben, um ihn wieder
zu füllen.
Die mächtige Junta der führenden nationalen und inter-Nationalen
 Bankiers zwang die Regierung der Vereinigten
Staaten mit Entschiedenheit und Vorbedacht zur Ausgabe
dieser Obligationen. Sie taten es, indem sie dem Staats-——



*) House Reports, usw., 1892—1893, 1. 4.
        <pb n="154" />
        564. —

schatz sein Gold entzogen und dann in Scheingeschäften
jenes Gold gegen Staatsschuldscheine zurückverkauften.
Die Staatsschatzscheine und Greenbacks, die einen großen
Teil der Umlaufsmittel der Regierung der Vereinigten
Staaten umfaßten, waren in Münze einlösbar. Diese Bestimmung
 wurde so ausgelegt, daß man die Bezahlung in
Gold verlangte. Die Bankiers pflegten dem Unterschatzamt
 der Stadt New York große Haufen von Staatsschatzscheinen
 und Banknoten zu überbringen und sie in Gold einzutauschen.
 Dieses Gold pflegten sie dann in ihren Gewölben
 aufzuspeichern. Die Leiter der Regierung bemerkten
 diesen Vorgang durchaus und wußten sehr wohl,
daß der Endzweck in der Erzwingung einer Ausgabe von
Staatspapieren bestand. Nachdem die Bankclique die Obligationen
 erhalten hatte, konnte sie zweierlei tun — sie konnte
eine große Menge derselben mit erhöhtem Kurs an kleinere
Banken, Sparkassen, Versicherungsgesellschaften, an den
Grundbesitz und an Geldanleger im allgemeinen verkaufen,
und sie konnte einen Teil der Ausgabe, der als Basis zur
Ausgabe neuen Umlaufgeldes einbehalten wurde, auch nutzbar
 machen. Die großen Privatbankiers, wie Morgan, hatten
als Hilfe ihre Reihe von Nationalbanken, durch welche die
Obligationsausgaben in Umlaufsgeld verwandelt werden
konnten, und die altehrwürdige Erpressung des doppelten
Zinsennehmens konnte durchgeführt werden.

„Plündern‘“ der Regierung

Im Jahre 1894 war die Regierung dazu gebracht worden,
diesen Bankiers zwei Obligationsausgaben von je 50 Millionen
 Dollar auszuhändigen. Ihr Gewinn erreichte, wie man
schätzte, mehr als ıo Millionen. Zur Adventszeit des
Jahres 1895 war der Staatsschatz der Vereinigten Staaten
wieder ohne Gold. Wohin war das Gold gekommen, das
die Regierung nur kurze Zeit vorher zu Wucherpreisen erworben
 hatte? Die Berichte der großen Bankhäuser gaben
die Antwort. Gegen Ende Januar hatten 26 Bankhäuser der
Stadt New York in ihren Gewölben einen Schatz von
65 Millionen Dollar in Gold. Gleich darauf belief sich die
        <pb n="155" />
        665

Summe, alles in allem gerechnet, auf 129 Millionen Dollar.
Die Regierung schrie auf in Hilflosigkeit; man erzählte,
daß Präsident Cleveland privatim gesagt habe: „Die Banken
haben das Land bei der Gurgel gepackt.“
Im geeigneten Moment trat ein Syndikat von Bankiers
öffentlich auf und bot der Regierung großmütig an, sie gegen
Obligationen mit Gold zu versehen. Dieses Syndikat wurde
gebildet von J. P. Morgan. &amp;amp; Co., August Belmont &amp;amp; Co.,
als Vertreter der Rothschilds James Speyer, der National
City-Bank und vier andern, außerordentlich mächtigen
Nationalbanken.
In den Verhandlungen mit Präsident Cleveland über die
Ausgabe der Obligationen war Francis Lynde Stetson, der
seit dem Jahre 1887 regelmäßig Morgans Rechtsbeistand gewesen
 war, sein Abgesandter und kluger juristischer Vertreter.
 Stetson war Jacob Sharps Anwalt gerade zu der Zeit
gewesen, als Sharp im Jahre 1884 den New Yorker Magistrat
durch Zahlung von 500 000 Dollar dahin gebracht hatte,
ihm ein Privilegium für eine Broadwaystraßenbahn zu
geben. Auf Grund seiner Tätigkeit bei Sharps Unterüchmungen
 wurde er im Jahre 1886 von der Senatskommission
 des Staates New York einem strengen Verhör über
die Broadway-Eisenbahn unterworfen. Nachdem Sharp
die New Yorker Aldermen mit Erfolg bestochen hatte, versuchten
 Elkins und Widener, die ihrerseits den Gemeinderat
von Philadelphia und die gesetzgebenden Körperschaften
von Pennsylvania bestachen und Multimillionär-Magnaten
von Straßeneisenbahnen wurden, die Broadway-Eisenbahn
 (wenn auch diesmal ohne Erfolg) für einen Zeittaum
 von 999 Jahren zu pachten; afs Unterpfand ihrer
Süten Gesinnung deponierten sie 10000 Anteilscheine
der Broadway-Aktien, die sie sich verschafft hatten, bei
Drexel, Morgan &amp;amp; Co.!) Morgan wußte, daß jeder ein-Zige
 dieser Anteilscheine durch Bestechung erworben und
daß das ganze Broadway-Privilegium so erlangt worden
war, Vielleicht war Stetsons ausgezeichnete und geschickte

A *) Siehe Testimony of James W, Forshay, President of the Broadway and Seventh
venue Railroad Company, New York Senate Committee on the Broadway Railroad,
1886, 491—402.
        <pb n="156" />
        — 566 —

Arbeit für Sharp eine große Empfehlung für ihn bei
Morgan.
Nachdem Cleveland im Jahre 1888 in seiner zweiten
Kandidatur für die Präsidentschaft der Vereinigten Staaten
geschlagen worden war, nahm er seine juristische Tätigkeit
wieder auf und assoziierte sich mit Stetson. Cleveland
wurde im Jahre 1892 wieder zum Präsidenten gewählt;
darauf war Stetson im Weißen Hause ein häufiger und
vertrauter Besucher. Diese verschiedenen Umstände wurden
 vielfach besprochen und besonders kritisch, als Cleveland
 im Jahre 1895 tatsächlich beschuldigt wurde, das Volk
der Vereinigten Staaten offenbar an das durch Stetson vertretene
 Morgan-Syndikat verkauft zu haben.

Ein Achtzehn-Millionen-Geschenk

Die Situation war damals so: Das Syndikat hatte den Staatsschatz
 der Vereinigten Staaten, seines Goldes beraubt; es
hatte dann eine Ausgabe von Obligationen erzwungen und
erklärt, daß es allein das verlangte Gold liefern könne. Dies
war eine leicht zu durchschauende Unwahrheit. Viele
Mitglieder des Kongresses drangen in Cleveland und John
G. Carlisle, den Finanzminister, die Obligationsausgabe zu
einer „populären“ zu machen. Mit „populär“ meinte man
nicht die Masse des Volkes, die weder Gold noch irgendeine
andere Art von Geld besaß, sondern die kleineren kapitalistischen
 Interessenten. Cleveland und Carlisle übergaben
jedoch die 62 Millionen Dollar vierprozentiger Obligationen
dem Morgan-Syndikat zum Preise von 104. Das Syndikat
verkaufte die Obligationen sofort wieder zu 118, I I9 und 120
an Geldanleger in Amerika und Europa und erzielte, wie
man schätzte, einen direkten Gewinn von ungefähr 18 Millionen
 Dollar!). Diese Zahl stellte die Summe dar, die der
Regierung zugeflossen wäre, wenn der Obligationenhandel
1) Dieser mit der Regierung am 8, Februar 1895 abgeschlossene Obligationen-Kontrakt
 wurde einige Tage geheimgehalten. Nach der Ausgabe der Obligationen
überwachte Morgan den Empfang der Zeichnungen in seinem Büro persönlich. Der
Wunsch, von ihm Obligationen zu kaufen, war so groß, daß er 22 Minuten, nachdem
das Angebot begonnen hatte, verkündete, daß keine weiteren Zeichnungen angeıommen
 werden würden; der ganze Vorrat von Obligationen sei verkauft.
        <pb n="157" />
        — 567

ohne das vermittelnde Verfahren ausgeführt worden wäre.
Der mit der Regierung abgeschlossene, ganz und gar von
den Bankiers unter Morgans Leitung diktierte Kontrakt gab
dem Syndikat fernerhin das Anrecht auf alle Obligationenausgaben
 bis zum nächsten ı. Oktober und gestattete ihm,
die Zeit zur Ablieferung der Hälfte der Gesamtsumme in
Gold selbst zu wählen.
Von allen Seiten kamen”die schärfsten Anklagen gegen
Cleveland einerseits und Morgan andererseits. Selbst Zeitungen
 von der Partei Clevelands, die ihn regelmäßig unterstützten,
 verurteilten den Handel als skandalös und erklärten,
 daß die Regierung schamlos „durch Bauernfängerei‘“
ausgeplündert worden sei, wenn nicht in Wirklichkeit eine
noch schlimmere Beschuldigung gegen ihre höchste Exekutivgewalt
 vorgebracht werden könne?). Seine eigene politische
 Partei sagte sich von Cleveland los. Aber wie gleichgültig
 die großen Magnaten auf Stürme der Kritik herabsahen,
 davon gewinnen wir einen bezeichnenden Einblick
durch die Tatsache, daß Morgan den gegen seine Handlungen

1) Kaum war der Reservefonds an Gold durch diese Obligationenausgabe von
62 Millionen Dollar erlangt worden, so wurde er durch die Bankiers schnell wieder
geleert. Gegen Ende des Jahres 1895 verbreiteten sich düstere Gerüchte, daß eine
neue Obligationenausgabe im Gange sei. Diese Gerüchte wurden durch den Erlaß
eines privaten Zirkulars von J. Pierpont Morgan &amp;amp; Co. bestätigt, das ihre Absicht
kundtat, ein Syndikat zu bilden, um eine erwartete weitere Ausgabe von 200 Millionen
 Dollar Regierungsobligationen zu übernehmen. Morgan und seine Teilhaber
sahen einen Gewinn von 20 Millionen Dollar voraus. Augenscheinlich wußte Morgan
genau, wieviel die Regierung aufzunehmen beabsichtigte; als die Regierung ihren
Aufruf erließ, entsprachen die Bedingungen denen des Zirkulars, das Morgan eine
Woche vorher ausgegeben hatte. Es folgte eine so allgemeine Empörung, daß Cleveland
 und sein Kabinett gezwungen waren, das Morgan-Syndikat preiszugeben und
die neue Anleihe mit einer Ersparnis von 20 Millionen Dollar für den Staatsschatz
auf den allgemeinen Markt zu bringen.
Es braucht als typische und denkwürdige Tatsache kaum erwähnt zu werden,
daß Morgan in seiner amtlichen Korrespondenz und in seinen öffentlichen Bekanntmachungen
 sich als angetrieben durch „patriotische Erwägungen“ und durch
den Wunsch, „den besten Interessen der Regierung und des Volkes‘“ zu dienen,
darstellte, Ein Wallstreet-Makler bezeichnete dies in einer öffentlichen Bekannt-Machung
 zynisch als „bestrickenden und einträglichen Patriotismus‘. Als Morgan
die neue 200-Millionen-Dollar-Anleihe in seine Gewalt zu bekommen suchte, fragte
ihn ein befreundeter Bankier, ob er nicht einige Details über die Pläne des Syndikats
erfahren könne, ehe er sich beteiligte. „Kann Ihnen nichts Näheres mitteilen‘, soll
Morgan geantwortet haben. „Wenn Sie Geld machen wollen und das Gold haben,
beteiligen Sie sich. Wenn nicht, au revoir.“
        <pb n="158" />
        668 —

erhobenen Anklagen keine Beachtung schenkte, dagegen
über die Veröffentlichung einer Beschreibung seiner Person
als „eines Magnaten von rubinfarbenem Angesicht“ unverhohlenen
 tiefen Unwillen zeigte. Er war in bezug auf die
Entstellung seines Gesichts sehr empfindlich.
Soweit auch kritische Bemerkungen über seine Handlungsweise
 gingen, sie verschwanden bald wieder, und gerade
 die Zeitungen, die an erster Stelle ihn in Worten
zerrissen hatten, kehrten zu ihrer alten schmeichlerischen
Art, ihn als einen glänzenden Finanzmann und Philanthropen
 zu preisen, zurück. Von allen Magnaten hegte keiner
sine schärfere Verachtung für die Zeitungen als Morgan.
Keiner wußte besser als er, daß, was für Ausfälle sie auch
gelegentlich machten, ihre Richtung im ganzen doch leicht
durch die Interessen der Besitzenden geregelt werden
konnte.

Nichts für die Arbeitslosen

Um jedoch die ganze Bedeutung des Regierungsverfahrens
Dei diesem besonderen Obligationenhandel zu erkennen,
durch welchen einigen wenigen schon mit Reichtum überladenen
 Bankiers ein Geschenk von reichlich 18 Millionen
Dollar gemacht wurde, muß man sich die Verhältnisse unter
der Masse des Volkes, besonders nach der Panik des Jahres
1893 ins Gedächtnis zurückrufen. In normalen Zeiten betrug
ıach der Schätzung von Caroll D. Wright, der einige Jahre
Arbeitskommissioner des Bundes war, die Zahl der Arbeitslosen
 immer ungefähr ı Million Männer, Frauen und Kinder.
Nach der Panik des Jahres 1893 wuchs diese Zahl vielleicht
auf 3 Millionen, Die Regierung rührte nicht einen Finger,
um irgendeinem dieser Arbeitslosen zu helfen, auch wurden‘
 weder Mittel zur Linderung dieses Elends, noch die
Ursachen seiner Entstehung in Betracht gezogen. Maßregeln
wurden getroffen, um Protestversammlungen in den Straßen
zu unterdrücken, und Führer von Arbeitervereinigungen
wurden unter der vorgeblichen Beschuldigung der Verachtung
 der Bundesgerichtshöfe in das Gefängnis geworfen.
Noch im Jahre 1894 hatte Cleveland reguläre Truppen
        <pb n="159" />
        — OO —

gegen die streikenden Eisenbahnarbeiter ausgeschickt. Immer
und in jeder Hinsicht führte die Regierung nur die Befehle
aus, die ihr von den alle ihre Handlungen beherrschenden
großen Kapitalisten zugingen.

Zehntes Kapitel

MORGAN DER „UNVERGLEICHLICHE FÜHRER DER
INDUSTRIE“

[x Adventszeit des Jahres 1898 setzte eine epochemachende
 Bewegung zur Zusammenfassung und
Zentralisierung des Besitzes an KEisenbahnlinien, Industriezweigen,
 gemeinnötigen Betrieben und Bergwerken
 ein. Die Trustperiode war jetzt unwiderstehlich im
Gange. Nach einem fast dreißigjährigen Kampf in den
Gerichtshöfen und auf dem lebhaften Tummelplatz der
Politik und Industrie sah sich die Mittelklasse vollständig
betrogen.
Acht Jahre vorher, im Jahre 1890, hatte man im Staate
New York etwas erreicht, was in überschwenglichen Ausdrücken
 als bemerkenswerter Triumph verkündet wurde.
Damals hatten die Gerichtshöfe den Zuckertrust nach der
Verfügung des gemeinen Rechtes, wonach keine Korporation
 berechtigt sei, ihre Rechte, Machtbefugnisse und
Verpflichtungen durch ihre Aktionäre oder auf andere Art
einem Direktorium zu übertragen, für ungesetzlich erklärt?).
8) The People of the State of New York versus: „The North River Sugar
Refining Company, 121, N. Y., 582.“
Nachdem die Regierung das Vergehen dieser großen Betrügereien unbestreitbar
 bewiesen hatte, zahlte die Amerikanische Zuckerraffinerie-Gesellschaft zur
Wiedererstattung des Erschwindelten im April 1909 mehr als 2 Millionen Dollar an
die Regierung. Aber diese zwei Millionen Dollar deckten nur einen Teil des lange fort-Zesetzten
 Betrugs. Es wurde keiner von denen bestraft, die aus diesem Diebstahl
Nutzen gezogen hatten; die Bestrafung einiger unbekannter Zollwäger und einiger
Beamte des Trusts war die einzige Maßregel, die man ergriff. Allerdings wurden
die Direktoren des Zuckertrusts im Jahre 1909 auch verklagt. Die Anklage bezog
Ich jedoch nicht auf die Zollbetrügereien, sondern auf die Verletzung des Antitrust-Bundesgesetzes
 — eine nichtssagende Anklage, denn eine Verurteilung daraufhin
führte in der Praxis nur zu einer nominellen Geldetrafe.
        <pb n="160" />
        — 570 —

Die Mittelklasse verkündete frohlockend, daß kein Trust
einen so fundamentalen und durchgreifenden Beschluß
iberleben könne. Aber jener Klasse war eine neue Überraschung
 vorbehalten. Die damals bestehenden Truste
nahmen diese Entscheidung, statt irgendwelche Bestürzung
zu zeigen oder ihre Auflösung vorzubereiten, mit höchst
ärgerlichem Gleichmut auf und schritten dazu, ihrer eigenen
Körperschaft unter Umhängung eines gesetzlichen Mäntelchens
 Dauer zu verleihen. Sie wurden nicht nur beständig
größer und mächtiger, sondern betrogen unausgesetzt,
besonders der Zuckertrust mit den Havemeyers an der
Spitze, durch falsches Abwiegen importierten Zuckers die
Regierung systematisch in ungeheurer Weise. Diese Betrügereien
 wurden eine lange Reihe von Jahren fortgesetzt,
und als sie im Jahre 1909 öffentlich bekannt wurden, schätzte
man den Betrag, um den die Regierung”so betrogen worden
war, auf mehrere zehn Millionen Dollar.
Abgesehen von diesen riesigen Schwindeleien, verblieb
der Zuckertrust so absolut sicher in seinem Monopol, daß
ar alle Konkurrenten leicht vernichten, Tariftabellen vorschreiben
 und bei dem ganzen Handel einen Gewinn erpressen
 konnte, den einige maßgebende Persönlichkeiten
auf 55 Millionen Dollar jährlich oder von der Zeit seiner
Organisation an bis zum Jahre 1909 auf eine Gesamtsumme
von 660 Millionen Dollar schätzten.

Die Plutokratie in voller Macht

McKinleys Wahl zum Präsidenten der Vereinigten
Staaten, zusammen mit einem Kongreß, desseri Majorität
seine Ansichten teilte, war ein deutliches Zeichen dafür,
daß die Plutokratie volle Macht erlangt hatte — eine Macht,
die in regelrechtem Kampf gewonnen ‘war und deshalb als
volkstümliche Billigung der durch große Magnaten und
Truste ausgeübten Herrschaft angesehen wurde. #®
Von jetzt ab, das war klar, brauchten die Truste keine
Gegnerschaft der Regierung, auch keine scheinbare, mehr
zu fürchten; denn wenn auch angebliche gesetzliche Maßnahmen
 die fundamentale Herrschaft der Truste niemals
        <pb n="161" />
        schädigten, so verursachten sie doch beständige Belästigungen
 und Kosten.
Als McKinley sein Amt antrat, wußten die Magnaten
aller Art, daß die Trustbewegung volle, durch private Abmachung
 bekräftigte Freiheit hatte, ungehindert und unbelästigt
 vorwärts zu gehen, abgesehen vielleicht von einem
gelegentlichen Eingriff mit schauspielerischer Wirkung für
das Volk. Infolgedessen blühte das Geschäft der "T'rustorganisation
 ganz öffentlich; ein Trust nach dem anderen
wurde gebildet; fast alle bekannten Erzeugnisse wurden
umfaßt. Das Werk wurde mit phänomenaler Geschwindigkeit
 und Wirkung fortgeführt. Die Mittelklasse sah ohnmächtig
 zu, wie Fabriken, Eisenbahnen, Gas- und Elektrizitätsanlagen,
 Straßenbahnlinien, Telephonnetze und Bergwerke
 aus dem Zustande persönlichen oder einfachen Gesellschaftsbesitzes
 in die Trustform umgewandelt und Eigentum
 großer einzelner Korporationen mit verblüffenden
Summen von Kapital und unbeschränkter Herrschaft über
ungeheure Arbeiterscharen wurden.
Bei diesem revolutionären Werk, der Organisation von
Trusten, war J. Pierpont Morgan einer der ersten Oberbefehlshaber.
 So unerläßlich es in diesem Werke ist, das
Verfahren zu beschreiben, durch welches er seinen Reichtum
 erwarb, ebenso notwendig ist es, auf die Dienste hinzuweisen,
 die er und seinesgleichen dem Fortschritt leisteten.
Wenn man nur die fortschrittlichen Bewegungen in Betracht
 zieht, so ist es unwesentlich, aus welchen Motiven
sie entstanden; das, was geschah, ist das einzige, was histotisch
 zählt. Niemand kann leugnen, daß diese revolutionären
Kapitalisten einzig durch ehrgeizige persönliche Ziele:
Habgier, Mammon und die Sucht nach Macht angetrieben
wurden. Aber schließlich waren sie doch Revolutionäre,
ohne es zu‘ wissen, und gerade die’Art kapitalistischer Revolutionäre,
 die zu jener besonderen Zeit notwendig waren.
_ Starke, grausame Männer, unerschrocken in ihrer Hinterlist
 und hinterlistig in ihrer Unerschrockenheit, waren zur
Vernichtung des alten halsabschneiderischen, willkürlichen,
individualistischen Konkurrenzsystems notwendig. Jene
schwerfällige, geizige, kleinlich‘ denkende Gesellschaft, die
        <pb n="162" />
        572 —

Mittelklasse, ganz erfüllt von dem Behagen des Bauches
and von ihren engen konventionellen Vorschriften, setzte
ihre persönlichen Interessen den Forderungen des Fortschritts
 entgegen. Sie lehnte es ab, sich zu rühren; sie
schützte sich hinter Mauern besonderer Gesetze; sie versuchte
 eine rückschreitende Bewegung. Unter diesen Bedingungen
 waren Morgan und seine Genossen die rechten
Männer für die Aufgabe : starke, gebieterische, eigenmächtige
Männer, ohne Bedenken betreffs der Mittel zur Erreichung
ihrer Ziele, von genügender Verachtung des Gesetzes,
wenn es ihnen im Wege stand, und mächtig genug, ihm
Trotz zu bieten. Sehr erfahrene Zerstörer waren sie. Aber
sie waren auch Neuschöpfer. Sie rissen ein, um wieder aufzubauen.
 Ein verfallenes, veraltetes Industriesystem ersetzten
 sie durch eine weit systematischere Ordnung, den
Vorläufer künftiger schönerer Systeme. Der Fortschritt
wirkt oft mit seltsamen Werkzeugen.
In den auf das Jahr 1898 unmittelbar folgenden Jahren
tat sich Morgan besonders in vielen dieser Trustgründungen
hervor, Er war ein allgegenwärtiger Magnat, der seine Eroberungen
 auf industriellem Gebiet und seine Herrschaft
in vielen verschiedenen Richtungen vorwärtstrieb. Jeder neue
Erfolg fügte seinem Vermögen Millionen Dollar hinzu.

Das unfehlbare Rezept, Geld zu machen

Den Plan, Kohlengrubenbesitz und Eisenbahnen für
Kohlentransport zusammenzubringen und zu einer Vereinigung
 zu verschmelzen, mit dem er einige Jahre vorher
den Anfang gemacht hatte, führte er beharrlich weiter
aus. Die wichtigste aller übriggebliebenen unabhängigen
Gesellschaften in dem Anthrazitgebiet von Pennsylvania
war die Pennsylvania- Kohlengesellschaft. Sie beherrschte
einige der wertvollsten Gruben im Zentrum der reichsten
Lager. Während sie ihren Arbeitern elende Löhne zahlte,
hatte sie jahrelang 16 % Dividende von einem Kapital von
5 Millionen Dollar eingeheimst. In ihrer Schatzkammer
hatte sie in der Form eines Überschusses ein Kapital von
1o Millionen Dollar aufgespeichert.
        <pb n="163" />
        572

Hier war eine herrliche Gelegenheit. Konnte irgendein
wachsamer Finanzmann der Versuchung widerstehen? Sobald
 sich Morgan mit den lockenden "Tatsachen bekannt
gemacht hatte, war ein Feldzugsplan rasch entworfen.
Er schickte Agenten aus, um das nordöstliche Gebiet
von Pennsylvania zu durchsuchen mit dem Befehl, für
Aktien der Pennsylvania-Kohlengesellschaft jeden geforderten
Preis zu zahlen. Unauffällig gingen diese geheimen Abgesandten
 ihrer Mission nach. Monatelang durchreisten sıe
Pennsylvania und erlangten schließlich genug Aktien, um
Morgans Herrschaft sicherzustellen; für diese Aktien war
ein Durchschnittspreis von 532 Dollar für das Stück gezahlt
worden.
Was tat Morgan dann? Er verkaufte den Besitz an die
Erie-Eisenbahngesellschaft für 32 Millionen Dollar. Diese
Bezahlung geschah in der Form vierprozentiger Nebentrustobligationen,
 die durch Hypotheken auf die Pennsylvania-Kohlengesellschaft
 und durch die New York-, Susquehannaund
 Western-Eisenbahn, die kurz vorher von der Erie erworben
 worden war, sichergestellt waren. Auch war dieses
Nicht alles; eine Ausgabe von 5 Millionen Dollar Prioritäten
wurde noch hineingeworfen. Aber wer beherrschte die
Erie-Eisenbahn? Der hervorragende J. Pierpont Morgan.
Als Privatperson kaufte er den Kohlenbesitz, und dann bestimmte
 er als Herrscher über die Erie-Bahn, was ihm dafür
bezahlt werden sollte.
„Die Kritik,“ so bemerkte die Industriekommission mit
der allen solchen euphemistischen amtlichen Berichten
eigenen zarten Zurückhaltung, „hat dieses Verfahren mit
der Begründung angegriffen, daß der von der Erie-Eisenbahn
 J. P. Morgan &amp;amp; Co. gezahlte Preis übertrieben hoch
war. Zeugenaussagen vor der Industriekommission weisen
darauf hin, daß dies in der Tat der höchste Preis war, der in
der Geschichte des Geschäftslebens für solchen Besitz gezahlt
 worden ist‘“1). Was diese Kommission matt und so
liebenswürdig als „Kritik“ bezeichnete, war in Wirklichkeit
ein allgemeines Murren des Unwillens über die Leichtigkeit
and Kühnheit, mit der Morgan Millionen Dollar an soge-1)
 Final Report of the Industrial Commission 19, 459—460.
        <pb n="164" />
        — 574 —

nanntem „Gewinn“ gelassen sich selbst zuwies. Über diese Art
der Geschäftsführung und verschiedenes Ähnliches beruhigte
sich die Industriekommission mit folgender Erklärung:
„Die Möglichkeit betrügerischen Gewinns ist unter diesen
Umständen; ungeheuer groß‘“!). Indem die Industriekommission
 dies klar aussprach, überwand sie einmal beinahe
ihre gewohnheitsmäßige Schüchternheit im Ausdruck und
nannte die Dinge bei ihrem wahren Namen. Doch was
nützte es, zu sagen, Betrug sei Betrug, wenn diejenigen,
die daraus Nutzen zogen, nicht einmal vor Gericht verhört
 wurden? Die von Morgan bei diesem Geschäft eingesteckte
 Summe kann nicht in Erfahrung gebracht werden.
Die Industriekommission gab sich mit der Erklärung zufrieden:
 „Welche Höhe der Gewinn der Bankiers erreichte,
wurde durch die Zeugenaussagen vor der Kommission
nicht klargestellt‘‘%). Wir können wohl annehmen, daß der
Gewinn auf Millionen geschätzt werden kann.

Gehindert durch einen größeren Magnaten

Im Besitz der Erie-Eisenbahn, die so-reich an Erinnerungen
an Jay Goulds Betrügereien und Diebstähle war, rannte
Morgan unerwartet und zu seinem großen Ärger plötzlich
in seine erste große Niederlage. Es kam zu dieser Niederlage
 bei seinem Versuch, ein betrügerisches Eisenbahngeschäft
 durchzuführen. Wäre es erfolgreich gewesen, so
hätte er sich die Masse von wenigstens 10 Millionen Dollar
an „Gewinn‘ aneignen können. Der Plan war von der
typischen, unter den Magnaten üblichen betrügerischen
Art, eine Eisenbahn aufzukaufen und sie dann (um in dem
Finanzjargon des Tages zu sprechen) auf ein Haupt-Eisenbahnsystem
 abzuladen, das sowohl von dem Käufer wie dem
Verkäufer beherrscht wurde.
Morgan hatte einen beherrschenden Anteil an der Cincinnati-,
 Hamilton- und Dayton-Eisenbahn. Diese Linie
setzte sich aus einer Anzahl früherer Separatbahnen und aus
verschiedenen gepachteten Eisenbahnen zusammen. Am
20. September 1905 kaufte die Erie-Eisenbahn jenen Anteil
*) Final Report of the Industrial Commission, 326. ®%) Ebenda, 460.
        <pb n="165" />
        — 575 —

von einem Syndikat, an dessen Spitze J. P. Morgan &amp;amp; Co.
stand. Die Erie-Direktoren, alles von Morgan eingesetzte
Beamte, erteilten die Berechtigung zur Ausgabe von 12 Millionen
 Dollar vierprozentiger, in gewöhnliche Erie-Aktien
zu 60 konvertierbarer Obligationen, um Morgan für die
Cincinnati-, Hamilton- und Dayton-Eisenbahn zu bezahlen.
So weit war das Programm glatt verlaufen.
Plötzlich erschienen von einer Seite her, die Gehorsam erheischte,
 Anzeichen einer sehr mächtigen Opposition. Die
Erie-Direktoren wurden vorgeladen, um ihre Handlung zu
widerrufen. Sollten sie sich weigern, so würde es zu teuren
Gegenmaßregeln kommen, nicht nur in Prozeßform, sondern
 auch durch Anwendung eines Druckes, dem sie nicht
würden widerstehen können. Von wem kam dieser mächtige
Einspruch? Wer war der Ehrfurcht einflößende Magnat,
der Morgan durch Furcht zum Rückzug bringen konnte?
Es ist niemals öffentlich bekannt geworden, wer es war,
aber in Wallstreet setzte sich die Vermutung fest, daß es
niemand anders als E. H. Harriman war. Es herrschte allgemein
 die Ansicht, daß Harriman, der die Standard Oil-Öligarchie
 vertrat, selbst die Herrschaft über die Erie-Eisenbahn
 zu erlangen suchte und daß es zu jenem besondern
Zeitpunkt in seinem Interesse lag, Morgan in den Weg zu
treten. Die Folge hat jene Überzeugung bestätigt: die
Erie-Eisenbahn ging später in Harrimans Herrschaft über*).
Welche geheimen Mittel auch immer angewandt sein
Mochten, um Morgan zu zwingen, eine andere Richtung einzuschlagen,
 und wer sie auch immer angewandt haben mag,
sie waren durchaus erfolgreich. Die Erie-Direktoren erklärten
 ihr Verfahren demütig für ungültig, und die in
Aussicht stehenden 10 Millionen Dollar „Gewinn“ schwanden
 dahin wie ein Traum.

%) In einem Verzeichnis der großen Eisenbahnaktionäre, das im Januar 1909
von der Kommission für den Handel von Staat zu Staat veröffentlicht wurde, erschien
 J.P. Morgans Name nicht öffentlich als der eines Aktionärs der Erie-Eisenbahn,
Aber man glaubte, daß Walter B. Horn, ein Beamter seines Büros, 14. 502 600 Dollar
Ihrer Aktien besäße und die Firma J- S. Morgan &amp;amp; Co. in London ungefähr 2 Millionen
 Dollar, Harriman erlangte die Herrschaft über die Erie-Eisenbahn im Jahre1909.
        <pb n="166" />
        576 -

Eine Verkettung von Folgeerscheinungen

Was wurde aus Morgans Cincinnati-, Hamilton- und
Dayton-Eisenbahn, nachdem er gezwungen war, sie zurückzunehmen
 ?!) Dieses Eisenbahnnetz, das er an seine
Erie-Eisenbahn beinahe zu einem so extravaganten Preise
verkauft hätte, daß selbst die in solchen Machenschaf-:;en
 erfahrenen Leute erstaunt waren, geriet ungefähr
szinen Monat nach diesem mißlungenen Versuch in
Bankrott.
Am 4. Dezember 1905 wurde Judson Harmon, einer der
Vertrauten des Expräsidenten Cleveland, zum behördlich
bestellten Verwalter der Eisenbahn mit Einschluß ihrer
Nebenlinien, der Pere Marquette-Eisenbahn und der
Toledo-Eisenbahn und Terminal-Gesellschaft, ernannt.
Jahre der Prozeßführung folgten. In diesen Rechtskämpfen
wurde vor Gericht die Klage erhoben, daß Morgan, als er
diese Toledo-Eisenbahn und Terminal-Gesellschaft durch
Kauf während des Bankrotts zurückerlangte, und zwar als
ainen noch unbeschränkteren Besitz als vorher, Betrug veribt
 habe. Die kleineren Aktionäre und Obligationeninhaber
 protestierten wütend gegen diese Art der Rearganisation,
 die sie tatsächlich ihrer Anteile beraubte und
ihnen ihr bißchen Reichtum nahm. Aber wenn sie auch
Morgan mit einer Reihe von Prozessen belästigten; er fegte
sie doch unerbittlich aus seinem Wege. Und mit welchem
Reinergebnis? Unter seinem ausgezeichneten Plan sozenannter
 Reorganisation würden die neu ausgegebenen
Aktien sieben Jahre lang zu einem Stimmtrust fest vereinigt
 werden, über den Morgan mit diktatorischer
Gewalt herrschen würde, um dann mit der Cincinnati-Hamilton-
 und Dayton - Eisenbahn nach Belieben verfahren
 zu können. Überdies werden seine Kommissions-1)

 „Movely’s Manual‘ für 1908 (S. 230) gleitet in folgender Weise über diese
Angelegenheit hinweg: Im September 1905 erlangte die Erie-Eisenbahngesellschaft
:inen beherrschenden Anteil an dem Aktienkapital dieser Gesellschaft (der C.,
H. &amp;amp; D. R. R. Co.), und die Rechtsgewalt der Erie-Beamten wurde auf die Linien
lieser Gesellschaft ausgedehnt; aber im November desselben Jahres befreite J. P.
Morgan die Erie-Eisenbahngesellschaft von allen ihren Verpflichtungen in dieser
Sache, und die C. H. &amp;amp; D.-Beamten nahmen den Betrieb ihrer Linien wieder auf.
        <pb n="167" />
        577 —

gebühren dafür, daß er die Eisenbahn auf solche Weise
„reorganisierte‘“, daß die kleineren Aktionäre hinausgedrängt
wurden und der Besitz sich zum großen Teil in seiner
Person konzentrierte, wahrscheinlich aus mehreren Millionen
 bestanden haben. Er ist daher teilweise, wenn auch
nicht tatsächlich, für die im Jahre 1905 ihm entschwundenen
10 Millionen Dollar entschädigt worden. °

Ein Kampf der. Magnaten

Das übliche tägliche Bukett von Neuigkeiten wurde im
Mai 1901 plötzlich durch die Nachricht belebt, daß eine
Reihe großer Magnaten sich Hals über Kopf in einen erbitterten
 Kampf gestürzt habe. Es gab einen ungewöhnlichen
 Aufruhr in hohen Kreisen. Morgan, James J. Hill,
die Rockefellers und Harriman, die Vanderbilts und andere
höchste Persönlichkeiten waren in den Kampf verwickelt.
Hier gab es in der Tat aufregende Neuigkeiten. Was bedeutete
 diese heftige Erregung unter den Hochstehenden ?
Womit fing sie an und womit würde sie enden?
Den Anlaß dazu gab Hills Versuch, den Einfluß der
andern beteiligten Magnaten zu untergraben. Offenbar
war dies eine Handlung, die vergeltende Maßregeln hervor-Tufen
 mußte. Hill hatte seiner Alleinherrschaft über die
Great Northern-FEisenbahn, einer sich durch den Nordwesten
 und Canada erstreckenden Linie, kürzlich einen
leitenden Einfluß auf die Northern Pacific-Eisenbahn hinzugefügt,
 die ein parallel laufendes Gebiet durchkreuzte. Die
Inangriffnahme und der Bau der Northern Pacific-Eisenbahn
 waren wie gewöhnlich voll von Bestechung und politischer
 Korruption, von Diebstählen großer Strecken Ackerlandes,
 Bauholz- und Grubengebietes. Von verschiedenen
Finanziers ausgeplündert, war die Northern Pacific zum
Bankrott gezwungen worden. Dann hatte Hill sie in seine
Gewalt bekommen.
Nun erweiterte sich sein Gesichtskreis. Warum sollte er
Nicht. einen direkten Anteil an dem in Chicago zusammenlaufenden
 ungeheuren Handelsverkehr haben? Um das zu
erreichen, machte er sich daran, in die Herrschaft über
        <pb n="168" />
        578 —

die Chikago-, Burlington- und Quincy-Eisenbahn hineinzukommen.
 Dieser Schritt beunruhigte die konkurrierenden
Magnaten; sie sahen sofort, daß die Interessen ihrer Eisenbahnen
 im Nordwesten und Westen sicherlich gefährdet
werden würden. Wie konnten sie ihn abwenden oder wenigstens
 seine Resultate unschädlich machen? Der tunlichste
Plan, der sich ihnen darbot, bestand darin, Hill auf seinem
aigenen Gebiete anzugreifen. In klugem Vorgehen fingen
sie an, die Northern Pacific-Aktien aufzukaufen. Das würde
ihnen eine Stimme bei einer seiner eigenen Eisenbahnen
geben. Während Harriman, von der Standard Oil-Oligarchie
 unterstützt, dieses tat, strengte Hill sich an, immer
mehr Northern Pacific-Aktien aufzukaufen, und Morgan
steckte tief im Getriebe dieses Börsenspiels, um seine
eigenen ausgedehnten Interessen zu schützen.

Eine durch den Streit der Magnaten hervorgerufene Panik

Da sich die allerreichtsen und mächtigsten Männer in
Amerika um die Northern Pacific-Aktien rissen, wuchs ihr
Marktpreis zu einer erstaunlichen Höhe an. Fünf Monate
war er auf 58 heruntergegangen; jetzt stieg er manchmal
täglich um 23 bis zu 300 Dollar, ja, an einem Tage für kurze
Zeit bis auf 1000 Dollar die Aktie. Ein „Spekulantenring“,
der an Größe alles übertraf, was man vorher bei Eisenbahnaktien
 erlebt hatte, war die Folge. „Die Opfer, die notwendig
 wurden, um Geld zur Erfüllung von Kontrakten zu
erlangen,“ so berichtet die Handelskommission, „beschleunigten
 den Ausbruch einer verhältnismäßig weitverbreiteten
Panik‘“1). Tausende über Tausende von kleineren Inhabern
anderer Eisenbahnpapiere wurden von dem Wirbel erfaßt
ınd zugrunde gerichtet; in demselben Maße wie die Preisnotierungen
 der Northern Pacific-Aktien weiter stiegen,
stürzten die anderer Eisenbahnaktien herab.
Das Ende dieses Kampfes ließ sich voraussehen. Die Standard
 Oil-Clique ging aus ihm mit größerer Herrschergewalt
und vermehrter Macht auf einem Gebiete hervor, auf dem
;je bis dahin nicht so stark gewesen war. Während das Land
1) Final Report of Industrial Commission 19, 317.
        <pb n="169" />
        — 570 —

von dem kläglichen Wehgeschrei der zerstreuten Schar
kleiner, um ihr unbedeutendes Vermögen gebrachter Aktienspekulanten
 widerhallte, kamen die kämpfenden Magnaten
freundschaftlich überein, ein neues Einverständnis zu
arrangieren. Das umstrittene Gebiet sollte hübsch unter
ihnen verteilt werden, und die Angelegenheiten würden sich
in ruhiger Weise befriedigend lösen. Eine „Vereinbarung
vornehmer Männer“, anders ausgedrückt „eine Interessengemeinschaft‘,
 würde ihre brüderlichen Beziehungen miteinander
 verkitten. Ein solcher Bund würde die Konkurrenz
ersticken und die angenehme Beschäftigung, dem Volke
noch größeren Tribut auszupressen, vereinfachen und erweitern.

Wer sollte zum Schiedsrichter gewählt werden? Wer
besaß den gerechten Sinn, um mit der Auswahl der
neuen Leiter der Northern Pacific-Eisenbahn betraut zu
werden? Morgan war der für die Beilegung der Streitigkeiten
 erwählte Mann. Für ihn gab es jedoch keine unklare
„Vereinbarung vornehmer Männer‘, wenn man etwas
Besseres an deren Stelle setzen konnte. Er entwarf den Plan
einer ungeheuer großen Besitzgemeinschaft, einer inkorporierten
 Genossenschaft, die sowohl an der Great Northern-,
wie an der Northern Pacific-Eisenbahn einen Besitzanspruch
hatte, Daraufhin wurde die „Northern Securities Company“
mit einem Kapital von 400 Millionen Dollar gegründet,
Auf die Ankündigung davon regten sich die Leute im
Nordwesten in heftigem Widerspruch. Wurden sie nicht
schon genügend unterdrückt? Ein so vernichtendes Monopol
 dürfe nicht gestattet werden, erklärten sie; es würde sie
in absolute Knechtschaft bringen, ein Prozeß müsse angestrengt
 werden, um es aufzuheben. Die Regierung‘ der
Vereinigten Staaten strengte in der Tat solch einen Prozeß
an und betrieb ihn mit Nachdruck. Warum dieser Prozeß
mit so großer Energie und Geschicklichkeit betrieben wurde,
das ist niemals aufgeklärt worden. Lag es im geheimen
Interesse gewisser mächtiger Magnaten, die „Northern
Securities Company“ aufzulösen? Der oberste Gerichtshof
der Vereinigten Staaten traf die Entscheidung, daß die Ge-Nossenschaft
 ungesetzlich sei. Aber — und diese „Aber“
        <pb n="170" />
        580 —

kommen immer dazwischen — obgleich die Gesellschaft sich
formell und schicklich auflöste, blieb das Prinzip, nach
welchem sie sich gebildet hatte, praktisch in Kraft vermöge
siner neuen „Vereinbarung vornehmer Männer“. Der
gerichtliche Erlaß war eine Sache; seine Durchsetzung
gegenüber dem Kern der Angelegenheit eine ganz andere.
Aber die Auflösung war der Form nach durchgebracht
worden, und damit’ hielt man das Gesetz für befriedigt.
So war diese von der Mittelklasse als eine entscheidende
Niederlage der Truste froh begrüßte Entscheidung schließlich
 nur leere Phrase. Gerade während diese Gegner der
Truste den obersten Gerichtshof der Vereinigten Staaten
freudig als „das Bollwerk der Wirtschaftsfreiheit‘“ priesen,
veranlaßten die Truste den Kongreß, ein Gesetz zu erlassen,
 das die Hauptstütze, auf die sich die Mittelklasse in
ihrem Kampf mit den großen zentralisierten Korporationen
 verlassen hatte, umstieß.
Mehr als ein Jahrzehnt lang sahen sich die Organisatoren
von Trusten einem Bundesgesetz gegenüber, das.Geldstrafen
oder Gefangenschaft oder beides beim Nachweis irgendeiner
 Tätigkeit zur Beschränkung des Handels vorschrieb,
Keiner von ihnen war ins Gefängnis gewandert; auch war,
da sie den ganzen Regierungsbetrieb beherrschten, keine
Aussicht vorhanden, daß jemand von solch einer Strafe
heimgesucht werden würde. Aber diese Gefängnisklausel
war ein beständiges Ärgernis; warum sollte sie in den
Gesetzbüchern bleiben, wenn man sie leicht auslöschen
zxonnte? Und warum sollte man nicht bestimmte Beteiligte
 für immun erklären? Gegen eine einzelne Bestimmung,
 die im Falle des Nachweises eine Geldstrafe festsetzte,
 hatten die Magnaten durchaus nichts einzuwenden.
Sie würde den Anschein erwecken, daß man sich dem Volksempfinden
 unterwerfe, und könnte wohl gleichzeitig von
denen, gegen die sie gerichtet war, scherzhaft aufgefaßt
werden. Wenn Trustmagnaten durch ungesetzliche Handlungen
 ungeheure Summen einheimsten, was hatte dann
eine Geldstrafe von einigen Tausend Dollar zu bedeuten ?
Sie war zu unbedeutend, um sich darüber zu beunruhigen.
Außerdem, selbst wenn in einem außerordentlichen Falle
        <pb n="171" />
        — 681 —

die Geldstrafe drückend gemacht werden sollte, so konnte
sie dem Konsumenten in Anrechnung gebracht werden.

Völlige Straflosigkeit für die Magnaten

Jene ärgerliche Gefängnisklausel mußte also aus dem
Gesetz herausgeworfen werden, und dies geschah auf Umwegen
 durch ein Gesetz, das im Jahre 1903 im Kongreß
durchging. Gleichzeitig bestätigte und erweiterte dasselbe
Gesetz das Prinzip der Gewährung von Straflosigkeit an
Trustbeamte. Es kam nicht darauf an, wie sehr und wie oft
sie das Antitrustgesetz verletzt hatten, sie waren jetzt
absolut vor jeder Möglichkeit geschützt, zu einer Gefängnisstrafe
 verurteilt zu werden.
Die Regierung mochte sie scheinbar mit der größten
Wißbegier verhören und im Prozeß aus ihnen Zugeständnisse
 von höchst selbstanklägerischem Charakter herausziehen;
 diese Beweisaufnahme konnte nach dem Gesetz
 von 1903 bei einem gerichtlichen Verfahren nicht als
Zeugenaussage gegen sie verwendet werden. Nicht nur war
die einzelne Persönlichkeit befreit; die Gesellschaft selbst
wurde ausdrücklich von jeder Strafverfolgung, die zu einer
Geldstrafe oder einer Vermögensbeschlagnahme führen
könnte, befreit.
Der Triumph der Truste war nun wirklich vollendet.

Elftes Kapitel

MORGAN AUF DER HÖHE

U das Ende des Jahres 1902 schien J. Pierpont Morgan
allem Anschein nach in der Rangordnung der amerikanischen
 Magnaten an erster Stelle zu stehen; kaum ein
Tag verging, an dem die Zeitungen nicht irgendeine neue
Heldentat von ihm verkündeten oder seiner sich beständig
ausdehnenden Macht in serviler Weise ihren Tribut darbrachten.
 In der öffentlichen Schätzung galt er für eine
übernatürlich überragende Persönlichkeit, für eine Gestalt,
        <pb n="172" />
        582

die sich durch eine ungeheure und ganz besondere Vornehmheit
 auszeichnete und die prominentesten Verwalter
politischer und industrieller Ämter in den Schatten stellte.
Der unwiderstehliche Fortschritt der Trustbewegung
und die allumfassende Macht der Magnaten kann besser
beurteilt werden, wenn man sich erinnert, daß gerade
während Roosevelts Präsidentschaft der feindseligste Feldzug
 gegen die Truste geführt wurde, der je versucht worden
ist!). Wenigstens schien es so, wenn Schmähungen und
Gerichtsprozesse zählen. Aber im Grunde war Roosevelt trotz
seiner Vorspiegelungen ein Werkzeug der Trustmagnaten,
und diese Tatsache wurde aufs neue durch den Umstand
erwiesen, daß gerade er als Präsident das Gesetz unterzeichnete,
 das aus dem Gesetz gegen Frachtbegünstigungen
die Haftbestimmung herausstrich und damit Magnaten und
Korporationen volle Befreiung von Strafverfolgung zusicherte?).

Es zeigte sich wieder während des großen Kohlenstreiks
vom Jahre 1902, als Roosevelt gezwungen war, J. Pierpont
Morgan zu bitten, einer Art schiedsrichterlicher Schlichtung
zuzustimmen. Es war allerdings wahr, daß Roosevelt oder
die von ihm Beeinflußten im geheimen darauf hinweisen

!) Das heißt gegen die „schlechten‘“ Truste. Wie sogar das äußere Auftreten der
Beamtenschaft mit den Interessen der herrschenden Klasse in Einklang gebracht
wurde, zeigte sich in der zunehmenden Tendenz, einige „„Truste‘“ als gut anzunehmen
 und so die anderen als „schlecht‘“ anzuklagen, obgleich alle Truste durch Verletzung
 des geschriebenen Gesetzes bestanden.
?) „Mut, Ehrlichkeit und das Gnadengeschenk des gesunden Menschenverstandes
nd nach Mr. Roosevelts Ansicht die drei Dinge, die die Menschen groß machen
werden‘ ..., so schrieb A. Maurice Low in „The Independent“ in der Ausgabe
vom 30. Oktober 1902. Während Roosevelt die Magnaten auf diese Art demütig um
Kapital bat, um seine Kampagne zu finanzieren, und sie durch Gesetz von der Ge-{angenschaft
 befreite, nahm er im Jahre 1907 besondere Veranlassung, die öffentliche
Meinung gegen Moyer, Haywood und Pettibone, Beamte der „Western Federation
»£ Miners‘“ zu beeinflussen, als diese im Gefängnis die gerichtliche Untersuchung
gegen sich erwarteten. Sie wurden später von der erdichteten Anklage des Mordes,
die von mächtigen kapitalistischen Interessenten gegen sie vorgebracht worden war,
ım die fortschreitende Arbeiterorganisation, deren Führer sie waren, in Mißkredit
und zur Auflösung zu bringen, freigesprochen. Sicherlich war Roosevelt außerordentlich
 mutig, indem er die Schwachen und diejenigen angriff, von denen er
keine Unterstützung und kein Kapital erwarten konnte. In neuerer Zeit hat kein
Mann gelebt, der mehr überschätzt worden ist, auch keiner, der das Volk durch leeres
Seschwätz mehr zum Narren gemacht hat.
        <pb n="173" />
        583

konnten, daß es für die Kohlenmagnaten ratsam wäre, zu
einem Vergleich zu kommen; sie könnten sonst wegen Verletzung
 des Gesetzes, das den Eisenbahnen den Besitz
von Kohlenbergwerken untersagt, Strafverfolgung erleiden.
Aber die Magnaten, die wohl wußten, wie oft sie dieses
törichte Gerede gehört hatten, und wie leer und wirkungslos
das alles war, konnten belustigt und voller Verachtung daran
vorübergehen. Dann folgte das Schauspiel, wie der Präsident
der Vereinigten Staaten — in der Theorie der Vertreter
von 85 Millionen Menschen — gezwungen war, mit einigen
wenigen Magnaten nach ihren eigenen Bedingungen zu
parlamentieren und zu unterhandeln. „Der eine Mann,
der die Geldieute beherrschte,“ schrieb A. Maurice Low
(der zweifellos einer der am besten unterrichteten Zeitungskorrespondenten
 in Washington war), „war Mr. J. Pierpont
Morgan. Da alles andere fehlgeschlagen war, mußten seine
Dienste gewonnen werden.‘ Morgan zeigte sofort, daß er
die Macht besäße, das zu tun, was, wie der Präsident der
Vereinigten Staaten zugab, die höchste, in seiner eigenen
Person konzentrierte Exekutivgewalt des Landes, nicht tun
konnte — eine Tatsache, die Low veranlaßte (wie schon
früher erwähnt), ehrfurchtsvoll auszurufen: „Groß ist
Mr. Morgans Macht, größer in mancher Hinsicht noch als
die eines Präsidenten oder Königs.“ Roosevelt mochte
öffentlich damit prahlen, daß er jenen Streik beigelegt habe,
tatsächlich aber benutzte Morgan Roosevelt schlau dazu,
eine Schlichtung gerade in dem Moment herbeizuführen,
in dem die Magnaten sie für staatsklug hielten, und mit dem
günstigsten Resultat, das sie in jener besonders beunruhigenden
 kritischen Lage erhoffen konnten?).

1) Low sagt: „Folgendes war in nuce die Situation, die von Mr. Morgan und
Mr. Root während der fünf Stunden besprochen wurde, sie sie an jenem Sonnabend,
als Krieg und Frieden in der Schwebe waren, auf der Jacht des ersteren zusammen
zubrachten: Den Streik weitergehen zu lassen, bedeutete Möglichkeiten, an die
niemand auch nur zu denken wünschte. Es könnte das Öffnen von Pandoras Büchse
bedeuten. Es könnte Brandstiftung und Aufruhr und Blutvergießen in dem Kohlengebiet
 bedeuten. Es könnte in der Stadt New York sogar Schlimmeres bedeuten.
Schon schrien die Armen nach Brennmaterial, und noch hatte der Winter seine Hand
nicht einmal leicht auf die Stadt gelegt. Es könnte einen solchen Zustand der Dinge
bedeuten, daß die ganze Armee ihn nicht in Schranken hätte halten können.“
        <pb n="174" />
        584 —

Beherrschung von 55000 Meilen Eisenbahn

Zwischen Morgan, dem frühreifen jungen Manne des
Jahres 1861, der so eifrig hinter dem Gelde her war und die
Unionsarmee so erfolgreich mit schlechten Flinten betrog,
und Morgan, der unmeßbaren Geldgröße des Jahres 1902,
lag eine lange Spanne Zeit von einigen vierzig Jahren.
Vier Jahrzehnte hatte er unaufhörlich um großen Reichtum
gekämpft; Tausende von ehrgeizigen, demselben Ziele nachjagende
 Wallstreetstreber hatten sich während dieser Zeit
übermäßig angestrengt und waren in elendem Mißerfolge
untergegangen. Überall konnte Morgan im Vorwärtsschreiten
 mit eigenen Augen die Trümmer sehen, auf deren
Mißgeschick sich viel von seinem Glück aufbaute. Und
worin bestand schließlich das Resultat seines auf Gelderwerb
gerichteten Lebens? Von seinem anderweitigen Besitz gibt
2s keinen genauen authentischen Bericht, aber der Umfang
seiner Eisenbahnbesitzungen läßt sich feststellen. Moody
schrieb, daß er im Jahre 1902 mit 55000 Meilen Eisenbahn
 „identifiziert“ wurde?!). „Diese,“ erklärte Moody,
„beherrschen Wegerechte, Kohlenland, Kopfstationen,
Konkurrenzlinien, Dampfschiffsverbindungen und‘ ähnliches.“

Seine Eisenbahnunternehmungen, so groß sie auch waren,
wurden durch seine noch größeren Unternehmungen in der
Bildung von "Trusten etwas in den Schatten gestellt.
„Mr. Morgan,“ schrieb Moody weiter, „ist im wesentlichen
die belebende Kraft, der Schöpfer und der Beherrscher der
gegenwärtigen amerikanischen industriellen Kräfte.“ ‘ Ein
wohltönender Satz, aber sehr übertrieben. Lange vor jener
Zeit hatte John D. Rockefeller das Prinzip der Zentralisation
der Industrie dargetan. Morgan war nicht der einzige, der
belebend und schöpferisch oder herrschend tätig war; er
war nur einer der leitenden Praktiker beim Umwandeln industrieller
 Verhältnisse aus der Konkurrenz- in die Trustform.
 „Er ist fraglos,“ fuhr Moody fort, „der kühnste,
fähigste und weitsichtigste aller modernen ‚Finanzgenerale‘,
die an der Spitze der modernen Bewegung für den Kon-1)
 „The Truth about the Trusts,“ 107,
        <pb n="175" />
        586

solidierungsgedanken in Produktion und Vertrieb der Güter
stehen. Dies läßt sich leicht durch die Tatsache beweisen,
daß die Unternehmungen, in denen sein Einfluß vorherrschend
 ist, heute die stärksten und am geschicktesten angelegten
 aller großen Verbindungen oder ‚Truste‘ sind‘),

Morgans Organisation des Stahltrusts

Welches war der außergewöhnlich starke und geschickt
angelegte Trust, auf den Moody so hochtrabend hinweist?
 Es war der große Stahltrust. Braucht es erwähnt zu
werden, daß dies durchaus nicht das einzige Erzeugnis Morgans
 von dieser Art war? Er hatte an der Organisation
so vieler Truste Anteil, daß der Ausdruck „Morganisation
der Industrie‘ sich wie ein Schreckensruf überallhin verbreitete.
 Es ist jedoch kaum notwendig, sich mit diesen
anderen Trusten zu beschäftigen; als ein kristallklares Beispiel
 von Morgans Methode wird der Stahltrust zweifellos
genügen.
Dieser Trust, das mag von vornherein ausgesprochen
werden, war keine lumpige Sache von einigen hundert Millionen
 Dollar. Er war ein Unternehmen, das der Anstrengung
eines „großen Generals der Finanz“ würdig war. Die Feder
mag beim MNiederschreiben straucheln, aber irgendwie
wollen wir doch versuchen, die Tatsache zum Druck zu
bringen, daß dieser Trust mit mehr als einer Milliarde
Dollar Kapital ins Leben trat.
Diesem Stahltrust (oder United States Steel Corporation,
wie er sich zu nennen beliebte) wurde allmählich eine sehr
große Anzahl wichtiger Anlagen einverleibt: Anlagen in
vielen Teilen der Vereinigten Staaten: Eisen- und Stahlwerke
 und Fabriken von Zinnwaren. Eisen- und Stahlwaren
von jeder Art und Beschaffenheit waren unter den Erzeugnissen
 der Fabrikanlagen, die in dieser riesenhaften Korporation
 zusammengefaßt wurden, enthalten. Es beliebte
ihr, sich nicht als Eigentümerkorporation sondern als Vermögensverwaltungs-Gesellschaft
 zu bezeichnen. Es gelang ihr
nicht, alle in den Vereinigten Staaten vorhandenen Fabrik-1)
 Ebenda 106—107.
        <pb n="176" />
        — 586 —

anlagen zusammenzuschließen, aber von denen, die außerhalb
 blieben, dienten viele große Werke, die mit ihr verbündet
 waren, zweifellos nur dazu, einen wohlüberlegten
Schein von Konkurrenz hervorzurufen. Andere gab es von
„unabhängiger“ Art, Fabrikanlagen, die dem Trust feindlich
 gesinnt und eifrig darauf bedacht waren, mit ihm zu
konkurrieren. Aus Gründen, die weiterhin in diesem Kapitel
dargelegt werden sollen, fürchtete der Stahltrust die meisten
7on diesen nicht.

Konflikt mit Carnegie

Der Brücken- und der Röhrentrust, die zum großen Teil
Morgan gehörten?), gingen mit dem Plan um, gewisse Halbfabrikate
 selbst herzustellen. Da die Carnegie-Werke durch
deren Herstellung und Vertrieb blühten, war diese Nachricht
 für Carnegie von folgenschwerer Bedeutung. Er tat
sofort Schritte, um Gleiches mit Gleichem zu vergelten.
Aber wie konnte er es erfolgreich tun? Welche Art Gegenmaßregel
 würde am schnellsten und wirksamsten sein? Carnegie
 war in Erfahrung mit Handelsmachenschaften hart
geworden; er war nicht der Magnat, der erst lernen mußte,
wie man einen Konkurrenten an seinem empfindlichsten
Punkte trifft. Es verbreitete sich die Nachricht, er beabsich-:ige,
 das Brücken- und Röhrengeschäft aufzunehmen. Das
war eine Ankündigung, über die Morgan nachsinnen und

1) Beweise für die Art, wie die im Brückentrust vereinigten Gesellschaften
verfuhren, kamen im Jahre 1910 ans Licht und riefen einen großen öffentlichen
Skandal hervor. Staatssenator Conger und andere Zeugen sagten vor dem als Kommission
 zur Untersuchung der ganzen Sache fungierenden Staatssenat von New York
aus, daß im Jahre 1901 eine Bestechungssumme von 6000 Dollar unter drei einflußreiche
 Mitglieder des Repräsentantenhauses verteilt worden sei, um die Ungültigkeitserklärung
 eines Gesetzes herbeizuführen, das für unvorteilhaft für die Interessen
des Brückentrusts angesehen wurde. J. P. Allds, der zur Zeit, als die Anklagen erhoben
 wurden, Präsident des Senates war, gehörte zu den Angeklagten. Der Senat
erklärte ihn für schuldig. Die Enthüllungen vor dieser Kommission im Februar und
März 1910 waren von solcher Art, daß man allgemein annahm, daß sie die ungeheuer
großen und beständigen Bestechungen der gesetzgebenden Körperschaften durch
Korporationen aller Art nur schwach andeuteten. Diese Annahme wurde durch
die Tatsache gerechtfertigt, daß bei beiden Häusern der gesetzgebenden Körperschaften
 eingereichte Vorschläge zu einer umfassenden Selbstuntersuchung zuerst
iberstimmt wurden.
        <pb n="177" />
        587

grollen mußte. Aber ein neues Edikt (es ist keine Übertreibung,
 die von Magnaten ausgehenden Befehle als Edikte
zu bezeichnen) folgte rasch darauf. Carnegie wußte natürlich,
 daß sehr viel von der Pennsylvania-Eisenbahn und
ihrem Eigentum Morgan gehörte. Wenn man eine Eisenbahn
 zur Konkurrenz mit dem Pennsylvania-Netz baute,
würden Morgans Einfluß und Vermögen doppelt angegriffen
werden. Carnegie veranlaßte die Verbreitung der Nachricht,
er beabsichtige, eigene Eisenbahnen von Pittsburg nach den
großen Seen im Westen und im Osten bis zum Atlantischen
Ozean zu bauen. Er betrieb diesen Plan so, als ob es ihm
damit bitterer Ernst sei; er schickte zur Absteckung der
Route Vermessungsgesellschaften hinaus.
Die Wirkung auf Morgan war schlagend. Vielleicht
gab Carnegie seine Schreckschüsse als Erwiderung auf
Schreckschüsse ab. Doch die Situation war für eine Spielerei
zu ernst. Carnegie konnte seine Drohungen vielleicht ausführen;
 darin lag die Gefahr. Hätte Morgan mit der Regierung
 der Vereinigten Staaten zu tun gehabt, so würde er
sich über Drohungen, die er, wie er wußte, ruhig übersehen
konnte, nicht so sehr beunruhigt haben; aber im Kampf
mit Carnegie stand er einem Magnaten gegenüber, dessen
Macht er mit gutem Grunde grimmig zu fürchten hatte.
Wie konnte Carnegie besänftigt oder von seinem verhängnisvollen
 Plane abgebracht oder an seiner Ausführung verhindert
 werden? Einen heroischen Weg gab es — ihn aufzukaufen
 und einen Trust zu organisieren. Der Erwerb der
Anlagen der Carnegie-Gesellschaft kostete das Morgan-Syndikat
 447 Millionen Dollar. Man lese das Kapitel über
das Vermögen Carnegies, um weitere Details zu finden.

Fin in allen Teilen vollkommener Trust

Man kann die Tatsache nicht bestreiten, daß der Stahltrust
 geradezu den Höhepunkt wirksamer Organisation für
kapitalistische Zwecke bildete. Andere Truste mochten auf
dem Gebiet der Produktion und teilweise dem des Vertriebs
gut organisiert sein und doch der Herrschaft hinsichtlich
der Versorgung mit Rohmaterial ermangeln. Der Stahl-
        <pb n="178" />
        — 588 —

trust herrschte auf allen diesen drei Gebieten. Er hatte seine
eigenen Anlagen. Da er mit Morgan, den Standard-Oil-Magnaten
 und den Goulds entweder zusammen herrschte
oder verbündet war, standen ihm die Eisenbahn- und
Dampfschiffslinien der Vereinigten Staaten zur Verfügung.
Ausgedehnte Eisenerz- und Kohlenlager, von denen einige
von Carnegie an ihn übergegangen und andere in John D.
Rockefellers Besitz waren, gehörten ihm. Der Stahltrust
war tatsächlich der erste Trust, der diese drei für den vollkommenen
 Betrieb eines Trusts so unentbehrlichen Faktoren
einer wissenschaftlichen Kontrolle unterwarf. Durch seinen
Besitz großer Eisenlager und die tatsächliche Diktatur über
die Transportnetze machte er beinahe alle Konkurrenten,
die er noch hatte, sofort zu Nullen. Nur ein Konkurrent,
die T’ennessee-Kohlen- und Eisen-Gesellschaft, besaß eigenen
Vorrat an Rohmaterial; und dieser Konkurrent wurde
später unter Umständen aus dem Wege geräumt, die weiterhin
 beschrieben werden sollen.
Da der Stahltrust alle Hilfsquellen der Produktion und des
Vertriebs beherrschte, war er imstande, sich selbst mit mehr
als einer Milliarde Dollar zu kapitalisieren.

Mehr als eine halbe Milliarde verwässerter Aktien

Der Stahltrust trat mit einer Kapitalisation von im
zanzen 1402 846 817 Dollar, von denen mehr als die Hälfte
nur „verwässerte Aktien“ waren, als Korporation ins
Leben. „Die Zahlen zeigen deutlich,“ so sagt der Bericht
des Kommissars der Vereinigten Staaten für Korporationen?),
„daß die ganze Ausgabe von annähernd 508 Millionen
Dollar gewöhnlicher Aktien der Stahlkorporation im Jahre
1901 keine wirklichen Eigentumsbestände hinter sich hatte
und auch ein bedeutender Bruchteil, sagen wir ein bis zwei
Fünftel, der Prioritäten ebensowenig durch wirkliches
Eigentum geschützt war. Zugegeben selbst, daß ein beträchtlicher
 Wert in nicht greifbaren Äquivalenten gesteckt
 haben mag, so ist es doch für den Verständigen klar,
9 „Summary of Report of the Commissioner of Corporations on the Steel
Industry,“ 1911, Teil I, S. 37—38.
        <pb n="179" />
        daß die Ausgabe der neuen Aktien nur auf „Verwässerung“
 hinauslief.

589 —

Morgans erstaunlich hohe Provision

Diese kurze Skizze von der Bildung des Stahltrusts würde
unvollständig sein, würde man nicht näher angeben, was
J. Pierpont Morgan &amp;amp; Co. für ihre Besitzanteile und für ihre
„Dienste“ als Gründer des Stahltrusts erhalten haben.
Zuerst streckten sie als zeichnendes Syndikat- ein bares
Kapital von 28 Millionen Dollar vor, um verstreute Mengen
Aktien verschiedener Anlagen aufzukaufen. Für diese Ausgabe
 von 28 Millionen Dollar erhielten sie von der Stahlkorporation
 der Vereinigten Staaten (United States Steel
Corporation) I 300 000 Aktienanteilscheine, von denen
die Hälfte bevorzugte und die andere Hälfte gewöhnliche
Aktien waren, das Ganze von einem Pariwerte von 130 Millionen
 Dollar. Der Verkauf dieser Aktien brachte ungefähr
90 500 000 Dollar; wenn man hiervon die vorgestreckten
28 Millionen Dollar abzieht, so blieb ein Nettoertrag von
ungefähr 62 500 000 Dollar. Von diesen 6z 500 000 Dollar
ging ein Fünftel oder 12 500 000 Dollar Morgan und Teilhabern
 für „Gründerdienste“ zu, und die übrigen 50 Millionen
 Dollar wurden unter Morgan und andere Leiter des
Syndikats verteilt, wobei Morgan den Hauptteil erhielt.
„Fügt man diesem,“ so sagt der Bericht des Regierungskommissars
 für Korporationen, „die Beträge hinzu, die den
mitbeteiligten Gesellschaften zur Zeit ihrer Neuorganisation
 für ähnliche ‚Provisionen‘ zugestanden worden sind und
zieht man in Betracht, daß die von den mitbeteiligten
Gesellschaften besessenen Aktien von der Stahlkorporation
 dieselben Umtauschbedingungen -erhielten wie sie
eben geschildert wurden, so dürfte klar sein, daß von
den Aktien der Stahlkorporation im Jahre 1901 wenigstens
150 Millionen Dollar (worin mehr als 40 Millionen Dollar
Vorzugsanteile eingeschlossen sind) direkt oder indirekt
für solche Gründer- und Zeichnerdienste ausgegeben
worden sind; und dies ging noch weit über die enormen
Beträge an gewöhnlichen Aktien hinaus, die als Gegen-
        <pb n="180" />
        500 —

wert für wirkliche Produktionsanlagen und für Bargeld
anzusehen sind.“?) ;
Der Bericht der Majorität der Untersuchungskommission
des Kongresses stellt die Tatsachen etwas anders dar. Er
sagt, daß während der fünf Jahre nach der Bildung des
Stahltrusts J. P. Morgan &amp;amp; Co. für „Gründerdienste‘“,
Preissteigerung und Einwechselung der Aktien bei der Übertragung
 der Bundes-Stahlgesellschaft, der National-Röhrengesellschaft
 und der Amerikanischen Brückengesellschaft auf
den Stahltrust 123 126 294 Dollar erhielten und daß der ganze
Betrag in Papieren und bar, der von der Stahlkorporation
und ihren Hilfsgesellschaften dem Moore-, dem Morganund
 andern Syndikaten für ähnliche Dienste zugewandt
wurde, sich auf 160765 894 Dollar oder auf annähernd
50 Prozent des wirklichen Wertes aller ihrer Betriebsanlagen
ınd Besitztümer zusammen belief.“ ?)
Bei keiner dieser Berechnungen sind die großen Summen
in Betracht gezogen, die Morgan und seine Verbündeten
später durch ihre Machenschaften auf dem Geldmarkte einheimsten.
 Einige von eben diesen Aktien wurden schlauerweise
 an einen Teil der in den Stahlfabriken beschäftigten
Arbeiter verkauft, in der Absicht, ihren Widerstand gegenüber
 den Bedingungen, unter denen sie zu arbeiten gezwungen
 waren, aufzuheben und sie zu veranlassen, gerade das
System zu unterstützen, durch das sie ausgebeutet wurden.

V’ierzig Millionen Aktiengewinn innerhalb eines Fahres

Morgans Gewinn stellte sich sofort ein und war riesenhaft.,
Die erworbenen Aktien konnte er zum Marktpreis von ungefähr
 50 verkaufen. Bis zum Oktober 1902 hatten Morgan
und seine direkten Teilhaber im Syndikat schon 40 Millionen
Dollar an Gewinn verteilt?. Von wem kam dieser durch
Spekulation mit Aktien erlangte Gewinn? Von einer Menge
Geldanleger der Mittelklasse aus allen Teilen der Welt.
Angelockt durch die glühend gefärbten Prospekte des

!) „Summary of Report of the Commissioner of Corporations on the Steel
Industry,‘ 1911, Teil I, S. 38—39. ?) Report Nr. 1127, S. 67. ®) „The Truth
about the Trusts‘“, 172.
        <pb n="181" />
        SO1 —

Stahltrusts und ganz davon überzeugt, daß das dabei angelegte
 Geld große Dividenden bringen und daß die
Aktien im Preise steigen würden, rissen sie sich buchstäblich
 darum, ihr Geld für die Aktien einzuzahlen. Nachdem
 dieses Geschäft von den Unternehmern erschöpfend
betrieben worden war, wurde der Preis gewöhnlicher Aktien
allmählich heruntergebracht, bis er im Jahre 1904 auf 8%,
sank. Scharen von Geldanlegern der Mittelklasse waren
ruiniert; die Magnaten hatten ihr Geld in die eigenen Taschen
 übertragen. Dieses Verfahren wurde mehrere Male
mit großem Erfolg wiederholt. Wenn die kleinen Leute
sich von ihren Aktien bei niedrigem Preise trennten, pflegten
die Magnaten sie zurückzukaufen, und wenn sie dann eine
Dividendenerklärung erzwungen und rosige Berichte über
das Stahlgeschäft verbreitet hatten, wodurch die Marktnotierungen
 in die Höhe getrieben wurden, verkauften sie
die Aktien wieder mit dem Ergebnis ungeheuer großen Gewinnes.
 Durch solches Verfahren haben Morgan und die
ihm verbündete Clique Hunderte von Millionen Dollar gewonnen.

Wenn man fragt, von wem diese durch Spekulationen in
Aktien gewonnenen Hunderte von Millionen unmittelbar
kamen, so ist die Antwort einfach. Von den Wohlhabenden,
nicht nur in den Vereinigten Staaten, sondern in der ganzen
Welt. Zu den unfreiwilligen Wohltätern gehörte die ausländische
 Aristokratie ebensowohl wie die amerikanischen
Kaufleute, die kleinen Fabrikanten und Leute verschiedener
Berufsklassen. Die britischen Lords und die wohlhabenden
Kreise des europäischen Kontinents zeigten sich reichlich so
eifrig, Morgan von seiner ungeheuren Last von Papiervorrat,
 sonst auch Aktien genannt, zu befreien, wie die Geldanleger
 des eignen Landes. Sie überschütteten ihn mit
ihrem Gelde, und er verteilte sein Papier; er wurde mit Aufträgen
 überschwemmt.
Eine andere merkwürdige Erscheinung muß besonders
hervorgehoben werden. Selbst wenn sich bedeutende Teile
dieser Mittelklasse vorsichtig von den Gefahren des Geldmarktes
 fern hielten, so wurde ihr Geld doch von den
Magnaten benutzt, wie wenn es das sichere Eigentum jener
        <pb n="182" />
        — 502 —

Magnaten sei. So erstaunlich paradox dies auch scheinen
mag, es war und ist ein der stockblinden Mittelklasse ge-3pielter
 bitterer Possen. Der Gewinn, den die kleineren
Fabrikanten und Kaufleute dadurch machten, daß sie die
Arbeiter durch den Verkauf verfälschter, minderwertiger
und schlecht gewogener Waren betrogen, wurde in den
Banken angelegt. Diese eingezahlten Gelder wurden von
den Organisatoren der Truste benutzt, um gerade die Klasse
zu vertilgen, der sie gehörten — eine Klasse, die die Truste
mit tödlicher Feindschaft haßte. Das war die widersinnige
Situation, die die Mittelklasse sich nicht klar machte. Die
großen Magnaten beherrschten ungeheuer mächtige New
Yorker Banken?); diese Institute ihrerseits herrschten über
Hunderte, wenn nicht Tausende kleinerer Banken im ganzen
Lande. Die Aktienausgabe des Stahltrusts sowohl wie die
vieler anderer Truste wurden an diese Banken verkauft.
Die Trustmagnaten hoben das Geld der Mittelklasse ab,
and die Banken erhielten dafür die nur nominell erhöhten
Aktien und Obligationen.

Die großen Betrügereien bei 7. ersicherungsgesellschaften

Weitere Hunderte von Millionen Dollar waren im Besitz
der großen Versicherungsgesellschaften als Depots und als
Überschuß von den Prämien, die Jährlich von zahllosen Besitzern
 von Policen eingezahlt wurden, zu denen die ganz
Reichen, die Mittelklasse und die Arbeiterklasse gehörten.
In Versicherungsgesellschaften, wie der „New York“, der
„Equitable‘* und der „Mutual‘, war die Arbeiterklasse nur

*) Die drei großen New Yorker Banken, die Morgan, wie man animmt, damals
ange beherrschte, waren die „First National“, die „National Bank of Commerce“
ınd die „Hanover National“, Ihre ungeheuren Hilfsquellen mögen aus folgenden
Tatsachen klar werden: Die „First National“ besitzt ein Kapital von 10 Millionen
Dollar, Depots in Höhe von 113 Millionen Dollar und eine Reserve von 186 Millioaen
 Dollar. Die „National Bank of Commerce“ besitzt ein Kapital von 25 Millionen
Dollar, Depots in Höhe von 170 Millionen Dollar und eine Reserve von ı 5 Millionen
 Dollar. Die „Hanover National“ besitzt ein Kapital von 3 Millionen Dollar,
Depots in Höhe von 82 Millionen Dollar und eine Reserve von ı0 Millionen
Dollar. Seit jener Zeit hat Morgan, wie wir sehen werden, seine Herrschaft über
eine große Anzahl anderer tatsächlich einen Geldtrust bildender Banken ausgedehnt.
        <pb n="183" />
        — O2 —

wenig vertreten; die Arbeiter konnten es sich nicht leisten,
die verlangten hohen Prämien zu zahlen. Da sie gezwungen
waren, von den Volksversicherungsgesellschaften Policen
mit wöchentlichen Ratenzahlungen zu nehmen, wurden
sie sogar in noch größerem Maße betrogen als die Policenbesitzer
 der Gesellschaften der „alten Schule“. Auch ihr
Geld wurde benutzt, um die Truste mit hinreichendem
Kapital zu versorgen, mit dem diese die gesetzgebenden
Körperschaften bestechen konnten, um Privilegien und
andere Gesetze durchzubringen und ausgedehnte Ausrüstungen
 zu erlangen. Die „Public Service Corporation““
zum Beispiel, der die Anlagen und Betriebe gemeinnütziger
 Einrichtungen des ganzen Staates New Jersey (mit
Ausnahme der Eisenbahnen) gehören, wurde mit dem Gelde
finanziert, das von einer dieser großen Volksversicherungsgesellschaften
 vorgestreckt wurde.
# In der Herrschaft über die kolossalen Kapitalien der
Lebensversicherungsgesellschaft „New York‘ stand Morgan
an der Spitze der leitenden Faktoren, während er auch,
durch vorgeschobene Personen gedeckt, in den Geschäften
der Lebensversicherungsgesellschaft „Equitable*“ tätig war?).
Beweise von seiner auf Umwegen ausgeübten Macht wurden
 wiederholt in den bemerkenswerten, wenn auch im
Grunde wirkungslosen Untersuchungen aufgedeckt, die von
einer Kommission der gesetzgebenden Körperschaften von
New York angestellt wurden. Die Versicherungsgesellschaften
 hatten Überfluß an Bargeld; Morgan, Harriman
und andere Magnaten hatten die Aktienausgabe. Da augenscheinlich
 diese Aktien nicht zum Zwecke ästhetischer Schaustellungen
 ausgegeben waren, war es von großer und unmittelbarer
 Bedeutung, sie in ein Einkommen zu verwandeln.
Durch heimliches Einverständnis mit den Beamten der Ver-1)

 Morgans Einfluß auf die Lebensversicherungsgesellschaft „New York‘ kam
durch George W. Perkins, den Vizepräsidenten jener Gesellschaft, zustande, Schließlich
 wurde Perkins im Jahre 1902 Mitglied der Firma J. P. Morgan &amp;amp; Co., blieb
aber gleichzeitig Beamter der Lebensversicherungsgesellschaft New York. Perkins
Methode mag nach folgenden nebensächlichen Tatsachen beurteilt werden: Er
nahm Policen für 60000 Dollar auf sein Leben und erhielt die Agentenprovision
für seine eigene Versicherung. Report of the (New York) Legislative Insurance
Committee, 1906, 10, 38€.
        <pb n="184" />
        — 594

sicherungsgesellschaften wurden ungeheur große Mengen
von Obligationen und Aktien an die Versicherungsgesellschaften
 verkauft!). Zum großen Teil mit diesem Gelde
der Mittelklasse wurden die Magnaten in den Stand gesetzt,
ihre großen Eisenbahn- und Trustprojekte zu finanzieren.
Andere Teile der Aktienausgabe wurden direkt an die Mittelklasse
 verkauft, und dann verfuhr man mit ihnen so, daß jene
Klasse noch weiter ausgepreßt wurde.

Streit um die Beute

Lange Zeit wurde dieses Plündern der Versicherungszesellschaften
 ungehindert und ohne die öffentliche Aufmerksamkeit
 auf sich zu ziehen, fortgesetzt. Die Ursachen
dieses Freibleibens von amtlicher Verfolgung und Bloßstellung
 wurden erst im Jahre 1905 aufgedeckt. In diesem
Jahre kam es zu der gewöhnlichen kapitalistischen Entwickelung.
 Ein Streit, zuerst nur privates Murren, dann
zu lärmendem Kampfe anwachsend, setzte unter Gruppen
von Magnaten ein. Und was war die Veranlassung? Bestand
 sie in persönlicher Feindschaft? Durchaus nicht.
Die Sache entstand aus Uneinigkeiten über die Verteilung
 der Beute bei der Lebensversicherungsgesellschaft
„Equitable‘, Magnat rüstete sich gegen Magnat, und
Gruppe stand gegen Gruppe. Je klarer es wurde, daß der
Kampf um die Beherrschung der verblüffend hohen Einkünfte
 nicht geschlichtet werden konnte, desto feindseliger
wurden die Magnaten. Bald war es so weit, daß häßliche
Anklagen auf Betrug, Diebstahl und Bestechung ihren Weg
in die öffentliche Presse finden konnten. Hier gab es ein
Schauspiel für Götter. Diese Angriffe kamen nicht von
irgendeinem „Arbeiterführer“ her, auch nicht von irgend-3iner
 „unverantwortlichen Zeitung‘; nein, sie kamen
von einigen der fürstlichsten Magnaten des Landes, von
Männern „tadellosester Ehrbarkeit‘“.. Jetzt beschuldigten

1) Der „Equitable‘ gehörten z, B. 162 364 034 Dollar Eisenbahn- und Straßenbahn-Gesellschafts-Obligationen,
 der „Mutual‘“ ungefähr dieselbe Summe in Eisenbahn-
 und verschiedenen andern Obligationen und der „New York“ eine ähnlich
zroße Summe,
        <pb n="185" />
        505

sie einander auf die gewöhnlichste Art, Lügner, Betrüger
und durch und durch Schurken zu sein.
Der Streit wurde so heftig, daß allgemein und immer
wieder das Verlangen nach einer Kommission der gesetzgebenden
 Körperschaften laut wurde, die eine erschöpfende
und heilsame Untersuchung führen sollte. Wenigstens
schien dieses Verlangen durchaus ursprünglich und populär
zu sein, aber man darf mit gutem Grunde vermuten, daß,
nachdem jedes andere Mittel zur Vertreibung der herrschenden
 Magnatengruppe versucht worden war, die Oppositionspartei
 in geschickter Weise die Entrüstung des Volkes erregte,
 um eine Untersuchung zu erzwingen und die herrschende
 Clique in Mißkredit zu bringen. Spätere Enthüllungen
 zeigten, daß Harriman lange Zeit versucht hatte, die
ausschließliche Herrschaft über die von der Lebensversicherungsgesellschaft
 „Equitable“ aufgehäuften Kapitalien zu
gewinnen, Überdies bestätigte seine eigne Aussage die Tatsache,
 daß Gouverneur Odell von New York sein Geschöpf
war, und daß sogar die gesetzgebenden Körperschaften, die
die Untersuchung anordneten, seinen Befehlen gehorchten.
Das Volk hatte wieder einmal Gelegenheit, einen Einblick
in das, was hinter der Szene vor sich geht, zu gewinnen,
wenn die Untersuchungskommission der gesetzgebenden
Körperschaften im Jahre 1906 berichtet:
„Die von der Kommission entgegengenommenen Zeugenaussagen
 machen es klar, daß die großen Versicherungsgesellschaften
 systematisch versucht haben (sic), auf die Gesetzgebung
 in diesem (New York) und andern Staaten, soweit
sie ihre Interessen direkt oder indirekt berühren konnte,
einen Einfluß auszuüben. Die drei Gesellschaften teilten,
um unnütze Anstrengung zu vermeiden, das Land außerhalb
 New Yorks und einiger anderer Staaten untereinander;
 jede achtete auf das von ihr gewählte Gebiet und
trug den ihr zukommenden Teil der Gesamtausgaben.“1)
Vortrefflich! Sogar Bestechung wird wie die Industrie
in ein System gebracht und modernisiert. Bei dem Verfahren
 werden zarte Äußerlichkeiten beibehalten. Bestechungsfonds
 als Geld zur Korruption in Hauptbücher
1) Report of the (New York) Legislative Insurance Committee, 1906, 10, 23,
Os
        <pb n="186" />
        einzutragen, ist eine grobe Verletzung des feineren Geschmacks
 und unverzeihlich ungeschäftlich. Daher, so berichtet
 die Kommission, wurden Ausgaben für Bestechungszwecke
 unter die Rubrik „juristische Ausgaben“ gebracht.
Die Kommission bezeichnete sie als außerordentlich groß.
Die „Mutual‘“ gab im Jahre 1904 364 254,95 Dollar aus,
die „Equitable“ 172 698,42 Dollar und die „New York“
mit Morgans Partner Perkins als tatsächlichem Leiter
204 019,25 Dollar!). Dieses machte nach den einfachen
Regeln der Arithmetik eine Gesamtsumme von mehr als
dreiviertel Millionen Dollar, die in einem Jahre zur Bestechung
 von regierenden Körperschaften, Verwaltungsbeamten
 und gewissen Zeitungsschreibern ausgegeben
wurde?). „Diese juristischen Ausgaben‘, so schrieb die
Kommission überflüssigerweise, „übertrafen bei weitem
die für rechtmäßige Zwecke erforderlichen Summen.“‘““3)
Zu welchen Zwecken wurden diese Korruptionsgelder
verwendet? Um Gesetze zu erlangen, unter deren Schutz
große Betrügereien durchgeführt werden konnten, und um
die Annahme störender Gesetze zu verhindern. Und wer
waren die unmittelbaren Verteiler der Kapitalien? Geübte,
umsichtige Lobbyisten, die gründliche Erfahrung hatten,
wer, wann und wo zu bestechen sei. Sie waren in ihren
Ausgaben niemals beschränkt. Andrew C. Fields, der lange
von der Lebensversicherungsgesellschaft „Mutual‘“ engagiert
 war, um die Gesetzgebung in Albany zu „‚bearbeiten“‘,
hielt dort in einem kostbar eingerichteten Hause seine
Sprechstunden. Dieses Hauptquartier wurde scherzhaft
das „Haus des Frohsinns!“ genannt. Die Miete und
andere Ausgaben wurden den „juristischen Ausgaben“
zugeschrieben. Auf diese Weise gab die „Mutual“ von
(898 bis 1904 mehr als 2 Millionen Dollar für „juristische
Ausgaben““ aus‘). Und wieviel betrugen diejenigen der
Lebensversicherungsgesellschaft „New York?“ Von 1895
bis 1904 beliefen sich die Zahlungen an Andrew Hamilton,

‘) Report of the (New York) Legislative Insurance Committee, 1906, 10, 16.
?) Die Beweisaufnahme zeigte, daß viele Zeitungsschreiber für die Unter-Jrückung
 von Artikeln, die das Verfahren dieser Gesellschaften aufdeckten, große
Summen crhalten hatten. % Ebenda, 16. 4) Ebenda,
        <pb n="187" />
        — 507 —

ihren Hauptlobbyisten, im ganzen auf I 312 197,16 Dollar,
und diese ganze Summe war ehrbar als „juristische Ausgaben“
eingetragen worden?!). J. P. Morgan &amp;amp; Co. schossen Hamilton
 Geld vor3.
Aber es war weder der Anfang noch das Ende der Korruption,
 daß Stimmen in der Gesetzgebung oder strafbare
Nachsicht in der Verwaltung erkauft wurden. Weit über
den Politikern im Amt standen die politischen Führer, die
den Mechanismus sowohl der republikanischen wie der
demokratischen Partei beherrschten. Diese Parteiorganisationen
 konnten die Stimmen kommandieren; und die Befehle
 der Männer an der Spitze forderten Unterwerfung
von den untergeordneten Politikern. Weigerung brachte
Bestrafung und Entfernung. Durch die Beherrschung des
geheimen Wirkens der Parteiorganisationen beherrschten die
Magnaten tatsächlich die Rednertribünen jener Parteien,
ihre Kandidaten und die allgemeine Laufbahn der zum Amt
erwählten Männer.
Als weiterer Beweis hierfür wird ein nochmaliges Eingehen
 auf den Bericht jener berühmten Untersuchungskommission
 für die Versicherungsgesellschaften vom Jahre
1905 genügen. „Die Versicherungsgesellschaften“, so berichtet
 er, „trugen zu dem Fonds für die Kampagne der
republikanischen sowohl wie der demokratischen Partei
regelmäßig große Summen bei.“ Dies war jedoch keine ungewöhnliche
 Handlung; es war der herkömmliche Brauch
der Zeit; alle großen Korporationen taten das gleiche.
Hatte nicht Jay Gould vor ungefähr dreißig Jahren das Verfahren
 auseinandergesetzt? Und hatten nicht andere
Kapitalisten lange vor Jay Gould gezeigt, wie wirksam es
war? Ein Geschenk von beinahe 50 co0o Dollar wurde im
Jahre 1894 von der Lebensversicherungsgesellschaft „New
York“ zu dem Fonds für die Kampagne des republikanischen
Nationalkomitees gestiftet?) und ähnliche Summen zu

!) Ebenda, 50,
?) Ebenda, 49. Zum Beispiel schossen ]. P. Morgan &amp;amp; Co. im Oktober 1902
Hamilton 59 310,79 Dollar vor. Diese Summe wurde von den Einkünften der
Lebensversicherungsgesellschaft „New York“ abgezogen. Von Hamilton wurde
keine Abrechnung verlangt. ®%) Ebenda, 62.
        <pb n="188" />
        598 —

demselben Zwecke in den Jahren 1896 und 19001). Alle
großen Versicherungsgesellschaften gaben Beiträge?). Man
fand, daß es unmöglich sei, allen Richtungen dieser fortgesetzten
 Korruption nachzugehen. „Enorme Summen,“
so stellte die Kommission fest, „sind in heimlicher Weise
ausgegeben worden.“
Die auf diese Weise für politische Korruption ausgegebenen
 ungeheuren Summen wurden in diebischer Weise von
dem Gelde genommen, das man an den Policeninhabern
verdiente. Mit diesem gestohlenen Gelde, das zu Millionen
Dollar anwuchs, erkauften sich die Magnaten ihren Weg in
die gesetzgebenden Körperschaften aller Staaten der Union;
sie verschafften sich für sich selbst oder ihre Verbündeten den
Weg in den Senat der Vereinigten Staaten, und sie setzten
ihre Forderungen sowohl bei der republikanischen wie bei
der demokratischen Partei durch. Eine vernichtendere Anklage
 gegen die bestehende Gesellschaftsordnung als die,
welche in den von jener Kommission berichteten Tatsachen
(und das waren durchaus nicht alle Tatsachen) enthalten
war, ließe sich nicht finden. Das wesentliche, wenn auch
nicht in so dürren Worten ausgesprochene Ergebnis war,
daß die Verwaltungsbeamten, die gesetzgebenden Körperschaften,
 der Kongreß, die Gerichtshöfe und die alten
politischen Parteien von Gruppen beispielloser Betrüger
und Räuber beeinflußt und beherrscht würden. Denn die
der Sicherstellung dieser politischen Herrschaft zugewendeten
 Summen bildeten nur ein Zehntel von der Gesamtheit
 der erstaunlichen Diebstähle. Direkt auf die Untersuchung
 folgten Prozesse gegen die „hohen Finanziers“ zur
Herausgabe von mehr als 10 Millionen Dollar, und diese
Prozesse bildeten nur Hinweise auf noch viel größere, auf
betrügerische Weise genommene Summen. Die Prozesse
jührten zu Vergleichen.

‘') Ebenda, 62,
*) Ebenda, 398. Die „Equitable‘“ gab z. B. im Jahre 1904. dem republikanischen
Nationalkomitee 50000 Dollar und auch dem republikanischen Komitee des
Staates New York viele Jahre hindurch jährlich 30 000 Dollar (S. 10).
        <pb n="189" />
        599

Dunkle Tage für Ehrbarkeit

Zu den Direktoren und Beherrschern jener Versicherungsgesellschaften
 gehörten einige der hervorragendsten Magnaten
 und der am meisten gepriesenen Philanthropen in den
Vereinigten Staaten. Die fashionable Gesellschaft wurde
durch die Enthüllungen nicht erschüttert, denn sie war
selbst in jedem Teile und in jeder Faser auf Diebstahl, Betrug,
 Bestechung und Ausbeutung aufgebaut und dadurch
erhalten.
Aber die Apologeten und Anhänger, die ihrem Berufe
gemäß den Pfad der Geldfürsten mit Lob bestreuten, wurden
 in unerhörter Weise aus der Fassung gebracht. Was
konnten sie sagen, wenn von ihren Helden Leute wie George
J. Gould, Alfred G. Vanderbilt, John Jacob Astor, August
Belmont, Jacob H. Schiff?), Henry C. Frick, Darius O. Mills
und viele andere entweder als Beteiligte oder als verantwortliche
 Führer bloßgestellt wurden? Noch verdrießlicher war
die Besudelung ihrer großen Abgötter, E. H. Harrimans und
vor allem des frommen und menschenfreundlichen J. Pierpont
 Morgan?). Alle diese Gelderoberer waren grenzenlos
verherrlicht worden; nichts war so überspannt, daß man es
nicht von ihnen gesagt hätte; und nun konnte man sehen,
wie sie bei dem unbequemen Ereignis, „ertappt worden zu
sein‘, sich drehten und wandten.
Ein guter Ruf mag, wie die Dichter und Philosophen
sagen, ein unschätzbarer Besitz sein. Aber diese Magnaten

1) Die Lebensversicherungsgesellschaft „Equitable‘“ lieh „ungeheuer große
Summen“ an Kuhn, Loeb &amp;amp; Co., bei denen Schiff eine leitende Stellung innehatte.
(Ebenda, 118.) Dieses Kapital wurde zum großen Teile Harriman. zugewendet,
um bei seinen Plänen zur Vereinigung und Zentralisierung von Eisenbahnen Verwendung
 zu finden. Schiff galt beim Publikum als einer der wohlwollenden Philanthropen
 der Zeit.
2) Wie weit Morgan in der Verwendung von Versicherungsgeldern ging, wurde
durch die gesetzliche Untersuchungskommission dargetan. „Der Beweis ist erbracht,“
 berichtete sie, „daß, während Mr. Perkins Teilhaber von J. P. Morgan
 &amp;amp; Co. war, die Lebensversicherungsgesellschaft ‚New York‘ von jener Firma
Wertpapiere im Pariwerte von 39 286 075 Dollar für den Preis von 38 804 981,51
Dollar erlangt hat.“ Ebenda, 81. Der Bericht weist oberflächlich darauf hin, daß
die Lebensversicherungsgesellschaft „New York“ auf diese Weise beim Erwerb jener
Wertpapiere ein „Geschäft“ machte, In Wirklichkeit bestand ein großer Teil der
Papiere aus „verwässerten“ Aktien.
        <pb n="190" />
        — 600 —

machten sich nichts aus der vorübergehenden Verletzung.
Denn vorübergehend war sie sicherlich; eine kurze Zeit
würde hingehen, und dann würden die Zeitungen und
Wochenschriften, die Universitätspräsidenten und die Geistlichkeit,
 die zum großen Teil den Magnaten gehörten oder
von ihnen unterstützt wurden, ihren unterbrochenen Lobzesang
 wieder aufnehmen, und alles würde wieder gut sein.
Würde den Universitäten und Kirchen noch ein bißchen
von dem Raube hingeworfen, so würde dies die zauberhafte
 Wirkung erhöhen.
Daher war es durchaus nicht ein Verlust an gutem Ruf,
den die Magnaten und ihre Satrapen fürchteten. Die eine
und einzige beunruhigende Aussicht bestand darin, in das
Gefängnis abgeschoben zu werden. Überall in den Vereinigten
 Staaten hatten die Enthüllungen über die Versicherungsgesellschaften
 — die zutage liegenden Tatsachen in bezug
auf die ungeheuren, lange fortgesetzten Bestechungen und
Betrügereien — zuerst das ungestüme Verlangen hervorgerufen,
 daß die Schuldigen vor Gericht und ins Gefängnis
zgeschleppt werden sollten.
Aber dieses Verlangen würde, wenn man es durchgeführt
hätte, eine eigenartige beispiellose Situation hervorgebracht
haben. Sollten alle Schuldigen oder auch nur ein Teil von
ihnen ins Gefängnis gebracht werden, so würde die Nation
vieler ihrer vornehmsten Magnaten, ihrer größten Philanthropen,
 ihrer musterhaftesten Patrioten beraubt worden
sein. Wie hätte die Gesellschaft einen solchen Verlust
überleben können? Nach orthodoxen Lehren waren diese
Männer für die richtige Verwaltung und das Wohlbefinden
des ganzen sozialen und industriellen Systems unbedingt
aotwendig. Diese großen Magnaten, Philanthropen und
Patrioten sollte man einkerkern? Der Gedanke war unmöglich.

Die Betroffenen brauchten indessen keine Furcht vor
dem Gefängnis zu hegen. War nicht vorher, Jahrzehnt für
Jahrzehnt, beinahe Jahr für Jahr, manch eine Untersuchung
abgehalten worden, manchmal mehrere Untersuchungen in
sinem einzigen Jahre? War jemals irgendeiner der reichen,
in diesen Untersuchungen überführten Betrüger ins Ge-
        <pb n="191" />
        — 601 —

fängnis geschickt ? Welcher Grund lag für die Annahme vor,
daß diese Untersuchung irgendein anderes Resultat haben
sollte?

Die Magnaten entgehen dem Gesetz

Man sah bald, wie das Gesetz ausgelegt wurde. Unter
dem Druck der öffentlichen Meinung veranläßte endlich
der Distriktsanwalt: des Kreises New York, ein gewisser
William Travers Jerome (lange Zeit als „Reformator““ berühmt),
 den Anklagegerichtshof, gegen einige wenige der
Satrapen und Strohmänner vorzugehen. Aber im Falle
Perkins z. B. wurde entschieden, daß, wenn er große Diebstähle
 begangen hätte, dies ohne „verbrecherische Absicht“
 geschehen sei. Die Tausende von armen, ins
Gefängnis getriebenen. Übeltäter litten augenscheinlich
an einem Übermaß dieser nämlichen „verbrecherischen
Absicht“. Doch daß ein reicher und mächtiger Mann
irgendeine Betrügerei mit „verbrecherischer Absicht‘““ begehen.
 könnte, war ein der praktischen Jurisprudenz unbekanntes
 Motiv. Die Farce wurde noch eine Weile
hingezogen; nicht einer der Beteiligten von großem Reichtum
 wurde auch nur mit der Formalität eines Verhörs belästigt?).

Und was war das Ergebnis jener außerordentlichen Untersuchung?
 Wieder sah man die Wirkung jenes, so oft. in
diesen Kapiteln dargestellten Prinzips: daß jede „Reformwoge‘““
 einer kapitalistischen Gesellschaftsordnung von den
großen Kapitalisten dazu benutzt wird, ihren Reichtum
und ihre Macht zu vergrößern. Indem Thomas F. Ryan aus
dem allgemein verbreiteten schlechten Ruf der Versicherungsgesellschaften
 Nutzen zog und hinsichtlich der Reformen,
 die er auszuführen gedachte, schöne Worte machte,
erwarb er die Herrschaft über die Lebensversicherungs-1)

 Die Tatsachen in dieser Allgemeinheit sind so bekannt, daß es kaum nötig ist,
auf einzelnes näher einzugehen. Obgleich Jerome viel getadelt wurde, wich er doch
nicht von dem allgemeinen, so oft in diesem Buch beschriebenen Brauche ab, die
Gesetze gegen die Armen kräftig durchzuführen, während er die reichen Betrüger
und Diebe frei ausgehen ließ. Jerome, einst ein „populärer Held‘, war in der öffentlichen
 Meinung vollständig verrufen, als er sein Amt verließ,
        <pb n="192" />
        — 602

gesellschaft „Equitable‘“ und machte damit Harrimans Anstrengungen,
 dasselbe zu erreichen, vollständig zunichte.
Ryans Laufbahn und die Mittel, durch die er seinen ungeheuren
 Reichtum erwarb, waren so allgemein bekannt,
daß sein Auftreten in der Rolle eines „Reformators‘““ sofort
zum Signal für den Ausbruch allgemeinen beißenden Spottes
wurde, woraus sich Ryan nicht das geringste machte, da er
seinen Angriff durchgeführt hatte?).
Genug jedoch von den Methoden, von diesen großen
Versicherungskapitalien für politisch-finanzielle Zwecke Gebrauch
 zu machen. Die durch die Enthüllungen hervorzerufene
 Sensation war ebenso tiefgehend wie die darauf
folgende Reaktion. Eine kurze Zeit war es den Massen
zestattet, hinter die Kulissen zu blicken und über das, was
sie sahen, sich zu erregen, dann wurde der Vorhang
wieder zugezogen und die alte Komödie weitergespielt.
Die tiefgehende Erregung des Volkes verflachte zu bloßer
Müdigkeit,
Welche bemerkenswerten Veränderungen waren das Ergebnis
 jenes in die Länge gezogenen Nachforschens? Gar
keine. Einige Juristen erlangten dadurch politische Beförderung,
 andere bereicherten sich aus einem Schweif
von Prozessen, einige minderwertige Gesetze wurden erlassen,
 und eine Kapitalistengruppe wurde entthront, um
für eine andere Platz zu machen. Und das war das Ende
jener großen Untersuchung, die solch „wohltätige Reformen‘
 hatte bringen sollen.

1) In seiner Rede am 17. März 1907 im Senat der Vereinigten Staaten nahm Senator
 La Folette in folgender Weise auf Ryan Bezug:
„Die ‚Metropolitan Interborough Traction Company“ machte nach der niedrigsten
 Schätzung einen Reingewinn von 100 Millionen Dollar durch Methoden,
die viele der Teilnehmer hätten, ins Zuchthaus bringen sollen. Das Publikum
ınd die Aktionäre wurden in gleicher Weise ausgeraubt. Daß Dividenden mit gejorgtem
 Gelde bezahlt wurden, nur um das Publikum mit den Aktien zu betrügen,
st jetzt als ganz sicher bekannt. Die Untersuchung hat aufgedeckt, daß ı Million
Dollar zur Korruption öffentlicher Beamter ausgegeben wurden. Im Jahre 1886 war
Thomas F, Ryan ein armer Mann. Im Jahre 1905 schätzte Henry D. McDonough,
sein offizieller Vertreter, Ryans Vermögen auf 50 Millionen. Die Grundlage seines
zanzen Reichtums und seiner Macht war die Metropolitan-Straßeneisenbahn.‘“
„Centralization and Community Control of Industry“ usw. Government Doc. 24.
        <pb n="193" />
        — 603

Stahlirust und Stahlarbeiter

{Über die Zustände in den Stahltrustwerken gibt ein Bericht
 unter dem Titel „Die Pittsburger Übersicht“ eine
erschöpfende Untersuchung der Lebensbedingungen der
Arbeiterklasse von Pittsburg. Weiter forschend finden wir,
daß diese Untersuchung mit Hilfe der von der „Russel-Sage-Stiftung‘““
 beigesteuerten Kapitalien ausgeführt wurde?).
Diese Tatsache erhöht ihren Wert zur Angabe von Zitaten.
Was bemerken wir ferner unten auf dem Deckel? Daß der
Bericht in einer von der New Yorker Gesellschaft zur
Organisation von Wohltätigkeit geleiteten Wochenschrift
veröffentlicht worden ist, und unter dieser Bemerkung erscheint
 — was? Der Name J. Pierpont Morgan als Schatzmeister
 jener Gesellschaft. Nun stehen wir auf unanfechtbar
sicherem Boden. Wer würde so rücksichtslos sein, einen
unter so erhabenen Auspizien veröffentlichten Bericht der
Ungenauigkeit oder Parteilichkeit zu beschuldigen? Noch
besonders, da dieser Bericht allgemein wegen seiner Genauigkeit
 gerühmt worden ist — wegen einer, so möge hinzugefügt
 sein, mit außerordentlich vorsichtiger Behandlung
gefärbten Genauigkeit.
„Die ‚United States Steel Corporation“, so sagt der Bericht,
 „besitzt Eigentum auf der Südseite von Pittsburg,
dicht hinter Point Bridge. Hier liegt die alte Painter’s
Mill, eine der Anlagen der Carnegie Steel Company, die
ihrerseits eine der hauptsächlichen Gesellschaften der
United States Steel Corporation ist; und hier liegt auch,
was von Painter’s Row übriggeblieben ist, wo die Gesellschaft
 gewisse ihrer Angestellten, besonders Einwanderer,
untergebracht hat. Als die Carnegie Steel Company
Painter’s Mill übernahm, verbesserte sie die Anlage, um
einen entsprechenden Ertrag herauszuwirtschaften. Als sie

1) „Die Russel-Sage-Stiftung‘“ — ein von Russel Sages Witwe gespendetes Kapital
 von mehreren Millionen zum Zwecke (unter anderen Zwecken) der Untersuchung
 der Bedingungen, durch welche Armut hervorgebracht wird. Ein Teil des
von Sage in früheren Generationen geraubten Geldes wird auf diese Weise dazu benutzt,
 herauszufinden, warum so viele Millionen der gegenwärtigen Generation in
Entbehrung leben. Was für eine groteske Folge!
        <pb n="194" />
        604 —

Painter’s Row übernahm, tat sie nichts. Als ich vor etwas
über einem Jahre und mehrere‘ Jahre nach dem Ankauf
der Besitzung eine genaue Untersuchung des Ortes anstellte,
 fand ich, daß ein halbes Tausend Leute dort unter
unglaublichen Bedingungen lebte — Rücken an Rücken
stehende Häuser ohne durchgehende Ventilation; Kellerküchen;
 dunkle, ungesünde, schlecht ventilierte, überfüllte
Schlafzimmer; kein Trinkwasser auf den Grundstücken;
and einen Mangel an sanitären Einrichtungen, der schmachvoll
 war.‘9)
Der Verfasser beeilt sich, hinzuzufügen:
„Die Geschichte von Painter’s Row sollte nach allen
Seiten hin betrachtet werden. Die United States Steel Corporation
 baut eine ansehnliche neue Stadt in Gary, Indiana;
ihre Hilfsgesellschaften haben das Bauen von Häusern nach
Originalentwürfen in hervorragender Weise in Vandergraft,
Ambridge und Lorain gefördert, und die Carnegie Steel
Company besitzt schöne Häuser zu niedrigem Mietzins in
Munhall und ändern Orten. Andererseits besitzen andere
Pittsburger Korporationen Häuser, die ebenso schlecht sind
wie Painter’s Row; und eine ähnliche Geschichte könnte
von einer Holzbaracke geschrieben werden, die einmal einer
der ersten protestantischen Kirchen von Pittsburg gehörte
and nur darum dem Boden gleich gemacht wurde, weil der
Werkführer von Kingsley House den Mut hatte, das Bild
des Hauses und den Namen des Besitzers zu veröffentlichen.“
Painter’s Row ist, so berichtet man, seit der Veröffentlichung
 des Berichts in einen besseren Zustand versetzt
worden; die Beamten des Stahltrusts wurden durch das
öffentliche Bekanntwerden der Zustände dazu getrieben.
Aber Painter’s Row ist nur ein typischer Fall in einer unzeheuren
 Anhäufung von Armut und Elend, wie man sie
überall in den Städten der Stahlwerke antrifft. Jene besänftigende
 Kunde von dem Bau schöner neuer Häuser für
die Arbeiter in Gary und andern Städten des Stahltrusts
hat einen Anflug von Menschenfreundlichkeit; sie lautet
sehr melodisch und enthusiastisch. Doch haben wir bei

‘) „The Pittsburg Survey“, 2, 899,
        <pb n="195" />
        606 —

Gelegenheit der Stadt Pullmans gesehen, wie sich diese
„Musterstädte‘“ herausarbeiten; wie die Arbeiter in einen
Zustand von Sklaverei heruntergebracht und.bei jeder Bewegung
 innerhalb und außerhalb des Werks ausgebeutet
werden, und wie die Tüchtigkeit, die von leidlich anständigen
 Wohnungsgelegenheiten herrührt, einfach als eine
„gute Geldanlage‘ den Fabrikbesitzern zum Nutzen gereicht.
 Von den weiterhin in Pittsburg bemerkten Verhältnissen
 wird ein anderer Auszug aus dem umfangreichen Bericht
 (der sehr wohl als eine Schreckenskammer bezeichnet
werden könnte) ein ergänzendes Bild geben:
„Man ist in dem Bezirk allgemein der Ansicht, daß einige
Arbeitgeber den Slawen und Italienern wegen ihrer Gelehrigkeit,
 ihrer Gewohnheit schweigenden Gehorsams, ihrer
Zugänglichkeit für Disziplin und wegen ihrer Bereitwilligkeit,
lange Zeit und über die Zeit hinaus ohne Murren zu arbeiten,
den Vorzug geben. Ausländer erhalten in der Regel die
niedrigsten Löhne und arbeiten die volle Stundenzeit.
Ich fand, daß sie in den Maschinenwerkstätten sechzig
Stunden wöchentlich arbeiten; daß sie in den Hochöfen an
sieben Tagen der Woche zwölf Stunden täglich arbeiten.
Der gewöhnliche, in und bei den Fabriken beschäftigte
Arbeiter arbeitet 72 Stunden wöchentlich. Die Lohneinheit
ist ein Stundenpreis für Wochentagsarbeit, und der Slawe ist
bereit, die lange Arbeitszeit zu übernehmen (zwölf Stunden
täglich für Männer, die in ihrem Vaterlande vierzehn und
sechzehn arbeiten) mit Extraarbeit am Sonntag, hauptsächlich
 in Verbindung mit dem Aufräumen der Höfe und
Ausbesserungen. Hochgerechnet haben 60—70% der Fabrikarbeiter
 an Sonntagen frei; die Handwerker und andere
Arbeiter sind bei Gelegenheit 36 Stunden hintereinander
tätig, damit der Betrieb ununterbrochen bleibt. In einer
Fabrik fand ich Russen (griechisch-orthodoxe) besonders
beliebt, weil sie gern an Sonntagen arbeiteten.
Viele arbeiten in starker Hitze, bei dem Lärm der
Maschinen und dem Geräusch ausströmenden Dampfes.
Das enge Zusammengedrängtsein der meisten Fabrikanlagen
 in Pittsburg erhöht das physische Mißbehagen der
an freie Luft gewöhnten Leute, während ihre Unkenntnis
        <pb n="196" />
        — 606 —

der Sprache und moderner Maschinen die Gefahr vermehrt.
 Wie viele der Slawen, Litauer und Italiener im
Laufe eines Jahres in Pittsburg verletzt werden, ist unbekannt.
 Zuverlässige statistische Nachrichten darüber sind
nicht gesammelt. Da sie fehlen, stellt man Vermutungen an,
und dem Unfug, der durch sich widersprechende oder gefärbte
 Erzählungen hervorgerufen wird, begegnet man auf
allen Seiten. Als ich einem Priester gegenüber eine in
schlechtem Ruf stehende Fabrikanlage erwähnte, sagte er:
‚Ach, das ist das Schlachthaus; dort werden alle Tage welche
getötet.‘ Ich zitiere ihn nicht seiner Genauigkeit wegen,
sondern um zu zeigen, wie Gerüchte im Umlauf sind und
dem Volke selbst als wahr erscheinen. Es ist, wenn die
Berichte auch übertrieben sein mögen, zweifellos wahr, daß
die Verschwendung an Leben und Gliedern groß ist, und
wenn dies alles den Eingebornen zustieße, so hätte sich
schon lange ein Schrei erhoben, der das Gemetzel unterbrochen
 hätte.“1)
Dieses ist nur ein höchst flüchtiger Überblick über einige
der herrschenden Zustände. Alle Besitzer von Obligationen
 und Aktien, die Großen und die Kleinen?), große
Magnaten und kleine Parasiten haben sich nicht nur mit diesen
 Zuständen zufrieden gegeben, sondern haben auf ihrer
Fortdauer bestanden, nach dem (so oft im Verlauf dieses
Buches erwähnten) Prinzip, daß, je niedriger die Löhne und
je länger die Arbeitsstunden, desto größer und lockender die
Aussichten für die Dividenden sind. Prächtige Herrenhäuzer,
 geräumig] und schmuckreich wie Paläste, erheben sich
aus der straffen Arbeit, aus dem Leiden und Sterben jener
Arbeitermassen. Carnegie mit seiner prahlerisch entfalteten
Wohltätigkeit zieht sein Einkommen geradezu aus dem
Lebensblut jener Arbeiter und ihrer Familien und Kinder
heraus®%, und Morgan, der so fromm Liebesgaben spendet,

1) Ebenda, 1, 537 und 539. Die Carnegie Steel Company fing vor mehreren
Jahrzehnten mit der systematischen Anwerbung eingewanderter Arbeiter an.
Der Durchschnittslohn dieser Arbeiter beträgt 1,60 Dollar täglich.
?) Abgesehen von den wenigen früher genannten Ausnahmen,
8) „Ein Drittel aller derer, die in Pittsburg sterben, sterben, ohne daß sie
Jarüber sprechen können. Das heißt, sie sterben vor ihrem fünften Lebensjahre.
Ein Viertel von allen, welche sterben, sterben, ohne überhaupt sprechen zu
        <pb n="197" />
        607

bei religiösen Versammlungen amtiert und als die Verkörperung
 fürstlichen Wohlwollens posiert, läßt keine so
unpraktischen Erwägungen wie Mitleid oder Gefühl aufkommen,
 um das Leben in den tobenden Höllen, aus denen
durchschnittlich 145 Millionen Dollar Reingewinn hergeleitet
 werden, auch nur um ein Geringes erträglicher zu
machen?).

Zwölftes Kapitel

MORGAN ALS „RETTER DER NATION“

Ki nachdem die Panik des Jahres 1907 eingesetzt
hatte, wurde in einer „volkstümlichen Zeitschrift“?)
ein Artikel veröffentlicht (und er bildete nur eins von
vielen solchen Machwerken) mit der Überschrift: „Morgan
der Herrliche“. Der schwülstige Stil des Artikels, wenn auch
sonst nichts, mußte Interesse und Verwunderung erregen,

können. Das heißt, sie sterben in ihrem ersten Lebensjahre. Die meisten dieser
Todesfälle wären zu verhüten, da sie das Ergebnis von. Lebensbedingungen sind,
die, menschlich gesprochen, keine Existenzberechtigung haben.‘“ Dieser Massenmord
 wird zum großen Teil durch verfälschte Milch und schlechte Wohnungsverhältnisse
 hervorgebracht. — Ebenda, 2, 943.
1) Der amerikanische Arbeiterbund (The American Federation of Labor) erklärte
 bei seiner Jahreszusammenkunft in Toronto, im November 1909, daß der
Stahltrust eifrig darauf bedacht sei, Arbeiterverbände zu zerstören, und daß er der
bedeutendste Feind dieser Bewegung sei. Das Ziel ist, die Arbeiter in einen noch
größeren Zustand der Dienstbarkeit zu bringen.
Das Aktienverzeichnis der United Steel Corporation, das bei der Jahresversammlung
 der Aktionäre am 18. April 1910 in Hoboken, New Jersey, zur Einsicht ausgelegt
wurde, zeigte, daß der Name J. Pierpont Morgan &amp;amp; Co. für die Firma und als
Inhaber für andere mit einer großen Aktiensumme auf den Listen stand, Morgans
Londoner Firma, früher als J. S. Morgan &amp;amp; Co. bekannt, gegenwärtig Morgan,
Grenfell &amp;amp; Co., besaß auch, wie sich zeigte, große Summen Aktien, Der Besitz
auf den Namen Luke H. Cutler, der sich auf 17 395 Anteilscheine belief, wurde allgemein
 als John D. Rockefellers Besitz angesehen. Von den ausländischen Aktionären
 zeigte sich das „Holländische Syndikat‘ als das größte; sein Besitz betrug
216 870 Anteilscheine gewöhnlicher Aktien, Die Rothschilds entpuppten sich ebenfalls
 als große Aktionäre. Zahlreiche hervorragende amerikanische Kapitalisten
und Bankfirmen waren mit verschiedenen großen und kleinen Besitzanteilen
als Aktionäre in die Bücher eingetragen.
%) „Pearson’s Magazine‘, Februarausgabe 1908,
        <pb n="198" />
        — 0085 —

doch paßte er im Charakter genau zu dem meisten der Art,
was in Büchern und Zeitschriften veröffentlicht wurde.
Dieses Gewäsch nannte man „volkstümlich“, nicht weil das
Volk danach verlangte, sondern weil es vielen Verlegern in
hohem Maße als „sicher“ galt. Es widersprach nicht den
festbegründeten Interessen des Reichtums. Der Artikel
fing mit folgender, düsterer Einleitung an:
„Es gab, als Wallstreet von John Pierpont Morgan gerettet
 wurde, Szenen, die niemals beschrieben werden
können, Worte und Taten, deren man selbst in jenen Tagen
der Aufregung, des Schreckens und der Verwirrung nicht
einmal gedenken kann oder sollte, Heldentum, Verbrechen,
Mißgriffe, Verrätereien und Qualen, die alles umfassen,
was der Mensch an Ruhm oder Schande empfinden kann.
Denn bis unser Erdteil halb schreiend, halb fluchend aus dem
zitternden Wahnsinn herauskam, der das Banksystem des
Landes zu vernichten, den Kredit der Nation zu zerschmettern
 und seinen Namen zu besudeln drohte, befanden sich
die Menschen in einer namenlosen Verwirrung und F urcht,
lie Worte nicht schildern können; wie bei einem drohenden
und unwiderstehlichen Aufruhr der Natur die Kühnsten
und Mutigsten feige und einfältig werden.
Der schlichte Mr. Morgan, der frisch von den eintönigen
Reden einer großen Versammlung der bischöflichen Kirche
in Richmond kam, wurde plötzlich durch die Gefahr der
finanziellen Lage zu einer Kundgebung von Mut, Stärke und
persönlichem Herrschergeiste aufgerüttelt, durch welche
Chaos und Verzweiflung in Ordnung und Vertrauen verwandelt
 wurden.
Und es wirkt wie ein Roman, wenn man vergleichend
sieht, wie der wackere, verschwiegene amerikanische Bankier
von siebzig Jahren sich aus der leidenschaftslosen Gesellschaft
 von Bischöfen und Priestern, deren Sinn auf
religiöse Ideale gerichtet ist, zurückzieht, um das Kommando
 über die leidenschaftlichen, aufeinanderprallenden
Geldkräfte von Wallstreet zu übernehmen, die aus bloßer
Furcht wahnsinnig geworden waren — um der Vorkämpfer
und Held derjenigen menschlichen Elemente zu werden,
denen der höchste Zynismus und Argwohn, die größte Ver-
        <pb n="199" />
        — 600 —

räterei, List, Grausamkeit, Anmaßung und Feigheit eigen
waren.“
&amp;amp; Man könnte sich einbilden, daß Morgan, der „Kunstkenner“,
 der „Literaturfreund‘“, der große „Arbiter elegantiae‘,
 den Verfasser dieser Frivolität hätte holen
und auf dem Fleck verprügeln lassen. Augenscheinlich
—.da uns der Beweis vom Gegenteil fehlt — fand er an
dem Machwerk Gefallen. Es würde hier nicht der Erwähnung
 wert gewesen sein, wenn nicht die Pointe davon
— daß Morgan der „Retter der Nation“ sei — von vielen
andern Schriftstellern und Veröffentlichungen ernsthaft
und wiederholt vorgebracht worden wäre.
Bei der Erforschung von Morgans Laufbahn begegnet
man einer unheilvollen Tugend. Es ist die der Beständigkeit.
Die Art seines Patriotismus und Heroismus änderte sich
seit seinem Eintritt in das Geschäftsleben niemals. Jener
Flintenverkauf beim Ausbruch des Bürgerkrieges bildete die
erste Bekundung seines intensiven Patriotismus. Im Jahre
18094 offenbarte sich wieder ganz konsequent seine patriotische
 Natur, als er und seine Clique von der Regierung in
einer Zeit der Not einen Gewinn von wenigstens 18 Millionen
 Dollar erpreßten. In der Panik des Jahres 1907 zeigte
sich sein untrüglicher Patriotismus sogar noch auffallender.
Während die Ergüsse der „volkstümlichen Schriftsteller“
die Runde durch das ganze Land machten, langweilte ein
widerspenstiger Senator den erlauchten Senat der Vereinigten
 Staaten mit einer langen, ermüdenden Rede.
Der größere Teil des erlauchten Senats hatte gar nicht
den Wunsch, zu hören, was dieser Senator, ein gewisser
La Folette aus Wisconsin, zu sagen hatte, war aber
durch die Vorschriften dazu gezwungen. Der Senat der
Vereinigten Staaten war auf sein Ansehen und seine
Würde in empfindlichster Weise bedacht. Die meisten seiner
 Mitglieder waren Multimillionäre, La Folette fehlte
diese höchst wichtige Eigenschaft. Überdies zeigte er der
Kaste gegenüber auch in anderer Hinsicht einen peinlichen
Mangel. Er hatte sich seinen Weg in den Senat der Vereinigten
 Staaten nicht erkauft und damit eine der heiligsten
Regeln freventlich verletzt. Er konrite daher keinen wirk-
        <pb n="200" />
        — 610 —

lichen Standesnachweis führen oder irgendwelche Garantie
für eine weise, vorsichtige politische Tätigkeit geben.
Aber die Majorität seiner Kollegen hatte guten Grund,
über La Folettes Rede ungeduldig zu werden. Er bildete
eine Stimme aus der Vergangenheit. Sie vertraten die neue
Ordnung, die Ordnung einer zentralisierten Industrie und
einer von den Magnaten selbst direkt geleiteten Regierung.
Er war ein Überbleibsel der alten Überzeugung, ein Überbleibsel
 des Zeitalters des Wettbewerbs in der Industrie.
Inmitten seiner Beschuldigungen, Klagen und nichtssagenden
 Redensarten brachte Senator La Folette gewisse
Tatsachen von wirklichem historischen Wert zum Ausdruck
 — Tatsachen, die durch die Berichte über das, was
wirklich geschehen war, bestätigt wurden und allen aufmerksamen
 Beobachtern der während der Panik vor sich
gegangenen Ereignisse vertraut waren.
Die Panik des Jahres 1907 gab wie frühere solche Ereignisse
 den großen Magnaten die günstige Gelegenheit, kleinere
 Magnaten zu vernichten und die Herrschaft über ihren
Besitz an sich zu reißen.

Wie die kleinen Magnaten ihre Millionen erwerben

Eine dieser kleinen kapitalistischen Cliquen war die sogenannte
 „Heinze-Morse-Thomas-Gruppe‘“. Ihre Herrschaft
 umfaßte zwölf Banken und zwei Trustgesellschaften,
eine durch die Einverleibung einer Anzahl von Dampfschiffahrtsgesellschaften
 konsolidierte Küsten-Dampfschiffahrtgesellschaft,
 große Kupferbergwerke, einen Eistrust und
verschiedene andere Besitzungen. Die Beherrschung einiger
dieser Besitzungen wurde in vollem Maße durch die enormen
Einkünfte sichergestellt, die den Armen durch die Erpressungen
 des Eistrusts geraubt wurden, und diese Räuberei
 wurde durch eine korrupte Verbindung zwischen
Morse und der Tammany-Verwaltung in New York möglich
und leicht gemacht.
Ehe Morse den Eistrust organisierte, war er ein unauffälliger
 Bankier gewesen, Bei Gelegenheit dieses Geschäfts
hatte er mit der Diskontierung der Wechsel verschiedener
        <pb n="201" />
        — IT —

Persönlichkeiten und Firmen zu tun, die mit dem Verkauf
von Eis beschäftigt waren. Da ihm der Gedanke kam, einen
Trust in diesem notwendigen Artikel zu bilden, machte er
sich daran, die kleineren Händler zu vernichten. Einer
seiner ersten Schritte war, sich des heimlichen Einverständnisses
 mächtiger, die Regierung der Stadt New York beherrschender
 Politiker zu versichern.
Die „Mazet‘“-Kommission — eine von den gesetzgebenden
Körperschaften im Jahre 1899 eingesetzte Untersuchungskommission
 — enthüllte in ihrer Untersuchung der Verwaltung
 der Stadt New York die Verschwörung zwischen
dem Eistrust einerseits und den Dock- und anderen städtischen
 Departements andererseits zur Bildung und Aufrechterhaltung
 eines Monopols für die Lieferung von Eis an die
Stadt New York. Bürgermeister Van Wyck, ein Werkzeug
der großen Tammany-Führer, gab in seiner Zeugenaussage
vor dem Richter Gaynor des Obersten Gerichtshofes von New
York später zu, daß er von den Eistrustaktien 5000 Anteilscheine
 im Werte von 500000 Dollar erhalten habe. Er
erklärte, 57 000 Dollar bar dafür bezahlt zu haben. Als er
gedrängt wurde, seine Aussage durch Beweise zu erhärten,
gelang es ihm nicht darzutun, daß er tatsächlich irgend
etwas gezahlt habe. Die Zeugenaussagen vor der „„Mazet““-Kommission
 zeigten schließlich, daß die korrupte Vereinbarung
 zwischen dem Eistrust und den städtischen Beamten
derart war, daß das Volk gezwungen wurde, 60 Cent für
100 Pfund zu zahlen, und daß der Trust die Fünf Cent-Abgabe
 von Eis aufgehoben und dadurch die Versorgung
der ganz Armen tatsächlich abgeschnitten hatte’).
Der Eistrust, im Besitz seines sichergestellten Monopols,
weigerte sich, die geringsten Konzessionen zu machen.

Millionen aus Leid, Krankheit und Tod

Das Resultat war ein auffallend großes Anwachsen der
Sterblichkeitsziffer unter den Kindern der Armen. Zahlreiche,
 in höchst prekärem Notzustande lebende Familien
konnten es sich nicht leisten, die für ein Stück Eis verlangten
1) Siehe: The History of Tammany Hall,
        <pb n="202" />
        — 612 —

fünf Cent mehr zu bezahlen. Die Milch wurde sauer und
wirkte wie Gift auf die Kinder. Die wachsende Zahl der
Todesfälle in einer Reihe von Sommern, in denen die
schreckliche Hitze, besonders in den überfüllten Wohnungen,
Eis zu einer absoluten Notwendigkeit machte, ließ sich zum
großen Teil auf das Verfahren des Eistrusts zurückführen,
Millionen anderer Leute, die nur schlecht imstande waren,
die ungebührlichen Forderungen zu bezahlen, waren gezwungen,
 die Extrasteuer darauf zu geben oder ohne Eis zu
bleiben.
Dies war kein vorübergehender Zustand; er hat seit der
Organisation des Eistrusts immerfort bestanden; das damals
 angenommene Verfahren herrscht noch jetzt. Auch
war das Verfahren in keiner Weise von dem des Kapitalismus
 auf jedem anderen Gebiete verschieden. Das unverinderliche
 Prinzip, nach dem Kapitalisten handelten
und durch das sie ihre Einkünfte ungeheuer vermehrten,
bestand im Verkauf der notwendigsten Lebensbedürfnisse
zum allerhöchsten Preise gerade dann, wenn das Volk sie am
nötigsten brauchte. Im tiefsten Winter wurde der Kohlenpreis
 immer übermäßig hinaufgetrieben. Während der erfolgreiche
 Kapitalist seine Schenkungsbrocken zur Gründung
 von Hospitälern hergab, erwarb er seine Millionen aus
Zuständen, die nach allen Seiten hin in ungeheurem Maße
Leid und Krankheit hervorbrachten.
Je größere Profite er machte, desto mehr wurde er von
seiner Klasse und von allen, die von den Auffassungen dieser
Klasse beeinflußt wurden, als Finanzgenie angesehen. Sobald
 Morse bewiesen hatte, daß er großen Gewinn erpressen
konnte, wurde er als einer der allerersten und erfolgreichsten
Kapitalisten begrüßt. Die Zeitungen fingen an, lange Artikel
 über ihn zu bringen, der Preis der Eistrustaktien ging in
Wallstreet in die Höhe, und vornehme Männer und Frauen
der eleganten Gesellschaft waren nur zu eifrig dahinter,
Aktien zu erwerben, die solche reiche Dividenden brachten.
Allerdings wurden Anklagen über Gesetzesübertretung
gegen Morse und seine Teilhaber erhoben, aber jene Anklagen
 gründeten sich nicht auf irgend etwas, das die große
Masse des Volkes betraf, auch nicht auf irgendeine Ent-
        <pb n="203" />
        — 613 —

rüstung über die durch das Verfahren des Eistrusts verursachten
 Entbehrungen, Leiden und Todesfälle; sie wurden
allein zugunsten der kleineren Firmen erhoben, die Morse
aus dem Geschäft verdrängt hatte. Jerome, der einige
Jahre Distriktsanwalt des Kreises New York war, konnte in
keinem Verfahren Morses etwas Strafbares finden und veranlaßte
 die Aufhebung des gegen die Beamten des Eistrusts
eingeleiteten Strafverfahrens.
Durch diese Erpressung und indirekten Mord in großem
Maßstabe wurde der Gewinn des Eistrusts sehr groß.
Das auf diese Art eingenommene Geld benutzte Morse
zur Finanzierung anderer Unternehmungen. Indem er
die Herrschaft über eine Anzahl Küsten-Dampfschifffahrtslinien
 aufkaufte, verband er sie zu einer Korporation
mit den, vertrauten Begleiterscheinungen: Überemission
von Aktien und Börsenspekulationen. Er verband sich
mit den Heinzes, die große Kupferbergwerke in Montana
besaßen und deren Art, die Politik und die Politiker jenes
Staates zu behandeln, der von Morse in der Stadt New York
angewandten einigermaßen ähnlich war. Er schloß auch ein
Bündnis mit Thomas, der einige New Yorker Banken beherrschte.

Allem Anschein nach war dies eine sehr mächtige Verbindung;
 Morse und seine Genossen ließen sich keine
Gelegenheit entgehen, um den Eindruck zu verbreiten, daß
sie zu fürchterlich seien. um gestürzt zu werden.

Die großen Magnaten liegen auf der Lauer

Diese Männer machten in der Finanzwelt viel von sich
reden und teilten mit erstaunlichem Glauben an ihre Unverletzlichkeit
 nach allen Seiten ihre Schläge aus. Sie
wurden als große Finanziers gepriesen; zweifellos hielten sie
sich, aufgeblasen durch ihren eignen Erfolg, selbst auch dafür,
und sie glaubten durchaus fähig zu sein, sich mit den großen
Magnaten zu messen. Mittlerweile beobachtete die Morgan-
 und Rockefeller-Gruppe sorgfältig ihre Operationen
und wartete auf den geeigneten Moment, sie mit einem
Schlage zu vernichten.‘ Die Standard Oil-Gesellschaft
        <pb n="204" />
        — 614 —

brauchte jene Kupferminen, und die von Morse organisierte
Dampfschiffahrtsgesellschaft wurde als drohende Konkurrenz
 für die unter Morgans und Rockefellers Herrschaft
stehenden Eisenbahnlinien angesehen.
Senator La Folettes Bericht über die nun folgenden Ersignisse
 war in bezug auf die Tatsachen genau. In seiner
Rede im Senat der Vereinigten Staaten erzählte er folgendes:
„Plötzlich, in den ersten Tagen des Oktober, begann jemand
 (um einen Wallstreet-Ausdruck zu gebrauchen) „United
Copper auf die Straße zu werfen‘. Die Aktien fielen erbärmlich.
 Standard Oil befand sich auf dem Wege. Heinze, furchtlos,
 und ohne die Quelle zu ahnen, kaufte und kaufte durch
seinen Bruder, ein Mitglied der Geldbörse, und durch
Makler, bis United Copper jeden festen Halt verlor, Heinzes
Bruder, eine Firma seiner Makler, mit sich riß und die
Morse-Heinze-Banken in den Krach hineinzog.
„Bis zu diesem Punkte war die Panik noch gezügelt worden,
aber mit den Enthüllungen, die den Untersuchungen der
Abrechnungsstelle unmittelbar folgten, gingen die Zügel
verloren, und die Situation fing an, ernst auszusehen. Aber
nicht einen Augenblick verpaßten Morgan oder die Standard
Oil die sich ihnen darbietende Gelegenheit. Morse und
Heinze waren unterlegen. Sie wurden genötigt, ihre
Direktorstellen zu reorganisieren und halbabhängige Standard-Oil-Leute
 als ihre Nachfolger einzusetzen. Sie wurden
gezwungen, ihre Aktien für das, was sie noch bekommen
zonnten, zu verkaufen. Morgan machte einen Angriff auf
Aktien und Obligationen von Morses konsolidierter Dampfschiffahrtsgesellschaft,
 und Morse wurde schließlich gezwungen,
 seinen Dampfschiffahrtsgesellschaft-Verband abzutreten
 und tat es auch.
„Man trachtete nach der Knickerbocker-Trust-Gesellschaft,
 deren Präsident Charles T. Barney war, ein vertrauter
Verbündeter Morses. Es wurde in New York darüber geklagt,
daß die Interessenten mit Überlegung einen Sturm auf die
Knickerbocker-Gesellschaft in Szene setzten. Man wandte
sich an Morgan um Hilfe, Morgan, dem man gerade hier
in dieser Kammer Beifall geklatscht hat, war in der Lage,
jeden Schritt und jede Phase dieses Vorgehens sorgfältig zu
        <pb n="205" />
        — 615 —

verfolgen. Zuerst gab Morgan, wie man in Wallstreet verbreitete,
 bekannt, daß die Knickerbocker-Gesellschaft unterstützt
 werden würde, wenn sie den Forderungen der Deponenten,
 die einen Ansturm auf sie hervorgerufen hätten,
nachkommen würde. Die folgenden Ereignisse zeigten in
keiner Weise, daß dieses Versprechen irgendwie aufrichtig
gewesen wäre, sondern eine Untersuchung jedes Schrittes
überzeugt vom Gegenteil. Unterstützung wurde nicht gegeben;
 sie wurde verhindert. Nachdem die Gesellschaft
im Vertrauen auf jenes Versprechen Millionen ausgegeben
hatte, sah sie sich gezwungen, ihre Türen zu schließen, und
Barney endete als Selbstmörder.
„Barney war auch Direktor der Trust Company of
America gewesen, eines verhältnismäßig neuen Instituts,
mit einigen Abteilungsdirektoren; dies gab den großen
Gruppen halb und halb ein Interesse an dem Institut,
obgleich sie es noch nicht übernommen hatten. Der Angriff
 auf Heinze, Morse, Barney und andere und die direktoriale
 Verbindung des Letztgenannten mit der Trust
Company of America führte dazu, daß diese allgemein das
Vertrauen einbüßte. Ein starker Ansturm setzte ein. Dies
stand nicht auf dem Programm; vielmehr, da die Vanderbilts,
 die Verbündeten der Standard Oil, in dem Direktorium
 der Trust Company of America vertreten waren,
war Standard Oil verpflichtet, einigen Beistand anzubieten.
Obgleich Gold und Banknoten auf den Zahltischen prahlerisch
 aufgehäuft wurden, um auf die Deponenten Eindruck
zu machen, und der junge Vanderbilt sich als sichtbares
Zeichen der Zahlungsfähigkeit darbot und an den Schalter
des Kassierers stellte, beharrten die erregten Deponenten
auf der Rückzahlung ihres Geldes“),
In einem Tage sozusagen wurde die Morse-Heinze-Thomas-Gruppe
 vollständig zermalmt und ihr Eigentum
konfisziert. Wenn dies die letzte Erfahrung jener waghalsigen
 kleinen Magnaten gewesen wäre, so hätten sie Grund gehabt,
 sich ihres großen Glückes zu freuen. Aber ihre Nieder-1)

 „Centralisation and Community of Control in Industry, Franchises, Transportation
 and Finance, Die Panik im Oktober 1907 und ihre Lehren.“ — Rede des
Hon. Robert M. La Follette von Wisconsin usw., 21—22.
        <pb n="206" />
        — 616 —

lage mußte vollendet werden. Die Bundesregierung fing
plötzlich an, sich für ihre Operationen zu interessieren,
Während früher die Anklagebeamten der Regierung gar
nichts davon gewußt hatten, daß Morse, Heinze und Thomas
 bei ihren finanziellen Operationen Betrug verübt hatten,
so entdeckten sie jetzt die vollste Gewißheit. Von gewisser
Seite wurden Beweise von Gesetzesübertretungen des
gefallenen 'Trios angeboten. Das New Yorker Büro des
Bezirksanwalts der Vereinigten Staaten wurde in seiner
Energie ganz lebendig. Es veranlaßte die Anklagejury,
Untersuchungen anzustellen, und zeigte in der Verfolgung
auffallenden amtlichen Eifer, Heinze wurde verklagt und
Morse vor Gericht gebracht, für schuldig erklärt und zu
fünfzehn Jahren Gefängnis verurteilt — eine Entscheidung,
gegen die er Berufung einlegte. Das Appellations-Bundesgericht
 der Vereinigten Staaten bestätigte das Urteil?).
Morse wurde von Präsident Taft begnadigt, nachdem er
noch nicht zwei ganze Jahre von seiner Strafe in dem Bundesgefängnis
 von Atalanta abgesessen hatte.
Morse und Heinze lernten zwei wertvolle Regeln, die sich
alle ehrgeizigen kleinen Magnaten wohl zu Herzen nehmen
sollten. Erstens, daß es außerordentlich unklug ist, die
Interessen der wirklich großen Magnaten zu durchkreuzen,
und zweitens, daß jene großen Magnaten den Strafmechaaismus
 der Gerichtshöfe gegen Widersacher ihrer eignen
Klasse ebensogut gebrauchen können wie gegen Arbeiterführer,
 Arbeiterverbände und die Besitzlosen im allgemeinen.

Aber die Wegnahme des Eigentums des vertriebenen Ver-Yandes
 war nicht der einzige Vorgang dieser Art in jenen
Erntetagen der Panik des Jahres 1907. Die Fabriken elektrischer
 Apparate der Westinghouse-Gesellschaft waren der
1) Während seiner Haft in dem New Yorker Stadtgefängnis erlaubten ihm die
Richter der Vereinigten Staaten, täglich auszugehen, „damit er seinen notwendigen
Geschäften nachgehen könne‘. Von der großen Zahl der eines Verbrechens überführten
 Personen ist niemals ein einziges Beispiel bekannt geworden, daß es einem
armen. Gefangenen gestattet worden wäre, das Gefängnis während des Tages zu
verlassen, um für seine Familie arbeiten zu können. Der Gerichtshof bestimmte
später, daß Morse bis zur Entscheidung über seine Berufung gegen Bürgschaft
reigelassen werden solle. Keinem armen Gefangenen wurde dieses Vorrecht gewährt,
        <pb n="207" />
        — 617 —

Standard Oil-Gesellschaft, der die General Electric Company
 gehörte, lange im Wege gewesen. Die Standard Oil-Gesellschaft
 übte während der Panik einen finanziellen
Druck aus, der die Westinghouse-Gesellschaft bald in Verwicklungen
 brachte, aus denen sie sich nur dadurch befreien
konnte, daß sie in den Besitz der Standard Oil-Gesellschaft
überging. Und in den Konferenzen, die die Finanziers von
Wallstreet in den ersten Tagen der Panik abhielten, erfuhr
Morgan, daß die Herrschaft über die Tennessee Kohlen- und
Eisengesellschaft von John W. Gales und seinen Gesellschaftern
 zur Erlangung von Darlehen an die Trust Company
 of America abgetreten worden war. Das war eine
Nachricht von höchstem und bedeutungsvollstem Werte.

Der Stabltrust verschlingt einen gefährlichen Konkurrenten

Die Tennessee Kohlen- und Eisengesellschaft war der gefährlichste
 Konkurrent des Stahltrusts. Sie war der einzige
große Konkurrent, der seine eignen Eisenerzlager und
Kohlenvorräte besaß. Bei dem Sturz im Jahre 1907 gehörten
 ihr, wie man schätzte, 500 bis 700 Millionen Tonnen
Eisenerz, 2000 Millionen Tonnen Kohlen und „sehr
große Mengen Fluß und Flußmittel‘“. Alle diese Kohlenlager
 befanden sich in einem Umkreis von dreißig Meilen
von ihrer Fabrikanlage in Birmingham, Ala!). Die Besitzer
 dieser Gesellschaft planten Verbesserungen, die sie
zu einem noch ernsthafteren Konkurrenten des Stahltrusts
gemacht hätten, und sie hatten Pläne in Vorbereitung zur
Verschmelzung der Republic Steel Company mit ihrer
eignen Korporation. Überdies stand die Tennessee Kohlenund
 Eisengesellschaft in der Entwickelung des Flammofensystems
 zur Herstellung von Stahlschienen an erster Stelle.
Ihre Schienen wurden stärker gefragt und brachten höhere
Preise als die des Stahltrusts.
In der schwierigen finanziellen Lage der Trust Company
of America sahen die gemeinsam arbeitenden Interessen
von Morgan und Rockefeller ihre große Gelegenheit, die
1) Zeugenaussage vor der gerichtlichen Senatskommission der Vereinigten
Staaten am 2, Februar 1909,
        <pb n="208" />
        618 —

Konkurrenz der Tennessee Kohlen- und Eisengesellschaft
auszumerzen. Um sich vor dem Bankrott zu bewahren
brauchte die Trust Company of America sofort große Summen
 Bargeld, das knapp war. Morgan und seine Clique besaßen
 das Bargeld. Die Bedingung, auf der Morgan bestand,
 war, daß die Gesellschaft ihm die Aktien der Tennessee
 Kohlen- und Eisengesellschaft, die sie als doppelte
Sicherheit für Darlehen im Besitz hatte, verkaufen sollte.
Schwer bedrängt, mußte die Trust Company nachgeben und
die Aktien zu dem gebotenen niedrigen Preise verkaufen.
Der nächste Schritt war, die Tennessee Kohlen- und Eisenzesellschaft
 zu einem Teil des Stahltrusts zu machen.
Da gab es jedoch ein Hindernis. Das Antitrust-Bundesgesetz
 untersagte solche Verbindungen. Wie konnte diese
Lage überwunden werden? Präsident Roosevelt drohte
den großen Magnaten wiederholt und stürmisch mit der
strengen Durchführung dieses Gesetzes. Aber Morgan
kannte Roosevelt augenscheinlich viel besser, als das Land
ihn kannte. Er rechnete zweifellos damit, daß Roosevelts
Reden nichts als Worte waren und daß Roosevelt von neuem
seine Unterwürfigkeit durch Taten beweisen würde. Es
zeigte sich später — am 3. Oktober 1912 — vor einer Untersuchungskommission
 des Kongresses, daß Morgan im Jahre
1904 zu dem Fonds der Roosevelt-Kampagne 150 000 Dollar
beigetragen hatte. Morgan selbst gab zu, daß er dieses Geld
hergegeben habe, als Roosevelt Kandidat für die Präsidentschaft
 war.
Man erzählte, daß Morgan durch Abgesandte nach dem
Weißen Hause Roosevelt mitgeteilt habe, daß, wenn die‘
Verschmelzung der beiden Stahlgesellschaften von der Regierung
 nicht zugelassen werde, die Trust Company of
America fallieren, eine Reihe anderer Bankrotte hervorrufen
 und die Panik vielfach verschärft werden würde.
Was auch immer die Gründe für Roosevelts Unterwerfung
 waren, er gab seine Einwilligung. Gerade zu
dieser Zeit brachten die Gerichtshöfe das Antitrust-Gesetz
zur Geltung, auf Grund einer Auslegung, die sich niemand
hatte träumen lassen, als das Gesetz durchgebracht wurde.
Die hochwürdigen Richter fanden heraus, daß Arbeiter-
        <pb n="209" />
        — 619 —

verbände auch Truste seien, und erließen Vorladungen
gegen sie mit der Begründung, daß sie Verschwörungen darstellten,
 jenem Gesetze zum Trotz! Man erhob bittere Anklagen
 gegen Roosevelt!); das Vorgehen gegen ihn hatte jedoch,
 soweit die Verschmelzung der beiden Korporationen
in Betracht kam, wenig zu bedeuten; hätte der Stahltrust
nicht zu jener Zeit die Herrschaft erlangt, so würde er sie
unvermeidlich zu einer andern Zeit und durch ein anderes
Vorgehen erlangt haben?). Nach Enthüllungen vor der
Justizkommission des Senats hatte der Stahltrust dadurch,
daß er die Trust Company of America zwang, die Kontrolle
über die enorm wertvollen Fabrikanlagen und Gruben der
Tennessee Kohlen- und Eisengesellschaft zu einem ganz
unnatürlich niedrigen Preise zu verkaufen, einen Gewinn
von 670 Millionen Dollar.
Woher erlangten Morgan und seine Gefährten das Geld,

1) Sieben Senatoren der Vereinigten Staaten unterzeichneten ein Dokument,
in dem er wegen der Verletzung des Antitrust-Gesetzes und wegen des tatsächlichen
Befehls an das Justizdepartement der Vereinigten Staaten, keine Schritte zur Durchführung
 des Gesetzes zu unternehmen, heftig angeklagt wurde. Unter der Überschrift
 „Morgan, Diktator“ brachte das Berliner Tageblatt am 3. Dezember 1907
in seinem finanziellen Teil einen Leitartikel, der auf die Strafverfolgung Morgans
wegen Erpressung drang, da er mit einer verhängnisvolleren Kalamität gedroht
hätte, falls Roosevelt ihm nicht nachgeben würde, Nach deutschen Gesetzen,
sagte das Tageblatt, würde Morgan sofort wegen Erpressung verhaftet worden
sein. Eine amüsante Bemerkung, wenn man in Erwägung zieht, daß Morgan und
zeinesgleichen in den Vereinigten Staaten die Regierung sind.
2) Die Nutzlosigkeit des Antitrust-Gesetzes, soweit seine Anwendung auf kapitalistische
 Korporationen in Betracht kommt, wurde von dem Kongreßmann Little-Held,
 einem der republikanischen Diktatoren des Kongresses und einem Trust-Advokaten
 von großer Geschicklichkeit, höhnisch dargetan. In einer Rede an die
„Illinois Bar Association‘ führte er am 27. Juni 1908 folgendes aus: „Im Jahre 1907
hatte die Regierung einhundertundeinundsiebzig Distrikt- und Hilfsdistriktanwälte
 in ihrem Dienst. Diese kleine Armee von Juristen kostete die Regierung
außer den 270 965,58 Dollar betragenden Gehältern des Justiz-Departements noch
735 612,06 Dollar an Gehältern und Auslagen. Durch Ausübung schuldigen
Fleißes erlangten sie 9741 Schuldigerklärungen wegen Übertretung des Gesetzes.
Die Durchschnittszahl der Überführungen wegen Verletzung des Sherman-Antitrust-Gesetzes
 während der letzten sechseinhalb Jahre beträgt etwas mehr als eine
jährlich, nur sieben seit dem 14. September 1904.“ Um die volle Bedeutung dieses
Berichtes zu verstehen, muß man bedenken, daß während dieser Periode die Regierung
 zur Durchführung dieses besonderen Statuts im Jahre 1904 500 000 Dollar
und im Jahre 1908 250 000 Dollar zur Verfügung hatte. Seit dem 14. September 1901
ind bei acht gerichtlichen Vorladungen und sieben Schuldigerklärungen 386 242,88
Dollar für diesen besonderen Zweck ausgegeben, aber an Geldstrafen nur 96 000 Dollar
pezahlt worden,
        <pb n="210" />
        — 20 —

mit dem sie die Terrorisierung des Landes und die Aufspeicherung
 ungeheuer großen Besitzes auf dem Gebiete
der Industrie und anderwärts durchführten? Wieder hatte
das Volk eine jener häufig auftretenden Gelegenheiten, deutlich
 zu erkennen, wie vollständig die Regierung der Vereinigten
 Staaten ein Werkzeug der Kapitalisten war. In
den Banken lagen mehr als 200 Millionen Dollar, die
hauptsächlich aus dem Schweiße der arbeitenden Klasse
durch Besteuerung herausgepreßt waren. Die wenigen, die
großen Banken beherrschenden Oligarchen durften dieses
Geld so benutzen, als ob es ihr privates Eigentum wäre.
Sie lehnten es ab, irgendwelches Geld an irgend jemand zu
verleihen, so lange ihre Pläne noch nicht fertig waren, und
wenn sie es ausliehen, so geschah dies zu übertrieben hohen
Zinssätzen. Selbst diese vollständige Übertragung der Rezierungsgelder
 genügte ihnen nicht, sie verlangten mehr.
Die Regierung ging sofort darauf ein. Der Finanzminister
Tortelyou gestattete den Nationalbanken ohne weiteres,
weitere 30 Millionen in Papiergeld auszugeben und ließ die
Münzen Tag und Nacht arbeiten, um neues Geld zu prägen.
In seiner Pose als Retter des Landes trat Morgan am
Nachmittag des 24. Oktober 1907 zur günstigen Stunde
hervor und verkündigte großmütig seinen Wunsch, „die
Spannung zu lösen‘, Die ganze Kapitalistenklasse, mit Ausnahme
 der sehr wenigen Magnaten, die die ganze Situation
geschaffen hatten, schrie nach Gelddarlehen. Die Darlehen
 wurden an jenem Nachmittag endlich hergegeben.
Der „Retter des Landes“ verlangte für Darlehen 20 Prozent
und mehr und forderte bei schwerer Schädigung der Leihenden
 Obligationen als doppelte Sicherheit. Das Geld, das er
auf diese Weise auslich, war Regierungsgeld, das von den
Produzenten durch Besteuerung erpreßt worden war.

Keine Hilfe für die Arbeitslosen

Was tat nun die Regierung, während sie Morgan den Staatsschatz
 zur Verfügung stellte, für die Millionen Arbeiter,
die in erzwungenen Müßiggang und Mangel gestürzt worden
waren? Gegen Juni 1908 waren nach vorsichtiger Schätzung
        <pb n="211" />
        621

vielleicht 5 Millionen Arbeiter in den Vereinigten Staaten
ohne Arbeit und konnten keine bekommen, Berichte der
Wohltätigkeitsorganisationen aller Städte zeigten, daß alle
Städte von Obdach- und Arbeitslosen überfüllt waren.
Überall herrschte Mangel, und Fälle von Hungertod bei
Männern, Frauen und Kindern waren häufiger, als die amtlichen
 Berichte aufzudecken wagten. Die Gefängnisse
überall im Lande waren mit Männern überfüllt, die, von
der Arbeit vertrieben, für Landstreicher erklärt und verurteilt
 worden waren. Viele Obdachlose begingen absichtlich
 irgendeine Gesetzesübertretung, um ins Gefängnis geschickt
 zu werden. Dort bekamen sie wenigstens Obdach
und Nahrung. Viele Städte faßten den Plan, die Arbeitslosen
 vorsichtig zu vertreiben. Überall nahmen die Verbrechen
 zu; viele Arbeiter, zu äußerster Not getrieben,
stahlen und wurden natürlich ins Gefängnis befördert.
Die Sozialethische Liga der Stadt New York berichtete,
daß im Zeitraum von sechs Monaten die Zahl der Verbrechen
 um 50% zugenommen habe.
Überall herrschte Mangel und Hungertod, und was tat
die Regierung des Landes, der Staaten, der Städte für die
Arbeitslosen? Nichts, außer daß sie dreinschlug und eine
Schreckensherrschaft führte, wenn sie sich anmaßten,
Straßenversammlungen abzuhalten, um für das Recht auf
Arbeit zu sprechen.

Eine noch zu verfolgende Laufbahn

Das ist im Umriß die wahre Geschichte der Laufbahn des
großen „Retters des Landes‘. Aber das ist nicht alles.
Morgan ist zweifellos in sehr zahlreiche andere Unternehmungen
 verwickelt gewesen, deren Einzelheiten niemals
öffentlich bekannt geworden sind. Einige Ereignisse
neuesten Datums sind jedoch ziemlich gut bekannt. Er und
andere amerikanische Bankiers waren mit dem Unterbringen
einer Anleihe von 27 500 000 Dollar bei europäischen Bankiers
 unzufrieden und drangen in die Regierung der Vereinigten
 Staaten — ihre Regierung —, ihnen einen Anteil
daran zu sichern. Auch ist es nicht so lange her, daß
        <pb n="212" />
        622 —

ein anderes Unternehmen Morgans öffentlich bekannt
wurde, Er „willigte ein‘, eine sechsprozentige Ausgabe
New Yorker Stadtobligationen in Höhe von 30 Millionen
Dollar zu übernehmen, um „den Kredit von New York zu
retten“, Bezahlte er diese Obligationen in barem Gelde?
Nein. Er unterzeichnete einen Scheck über 15 Millionen
Dollar auf die First National Bank von New York und
einen zweiten über 15 Millionen Dollar auf die National
City Bank von New York. Wem gehörte tatsächlich das in
diesen Banken befindliche Geld, auf das Morgans Schecke
ausgestellt waren? Es war von dem Staatsschatz deponiertes
Geld. Außerdem erhielt er über 10 Millionen mehr von den
New Yorker Stadtobligationen zu einem hohen Zinsfuß. Die
heroischen Eigenschaften des Retters des Landes werden
ferner durch die Feststellung des Kontrolleurs Metz beleuchtet,
 daß er, Metz, um Morgan zur Annahme der New Yorker
Stadtobligationen zu bewegen, sich nach Albany begeben und
dafür sorgen mußte, daß in den gesetzgebenden Körperschaften
 ein besonderes Gesetz durchgebracht würde, das
den höheren Zinsfuß der Obligationen ermöglichte. Ein
anderes solches Beispiel zur Beleuchtung der Methoden
Morgans oder der von ihm beherrschten Korporationen
wird später gegeben werden.
Mit einem Kostenaufwande von mehr als 22 Millionen
Dollar?) (bis zum November 1909 gerechnet) hatte die Stadt
New York am Hudson von der 12. bis zur 22. Straße von
Little West eine Reihe ausgedehnter moderner Landungsbrücken
 gebaut. Diese Landungsbrücken heißen die Chelsea
Pier Improvements. Die ganzen Kosten wurden von der
Stadt New York bestritten, und das Geld wurde durch den
Verkauf von Stadtschuldscheinen erlangt. Der Zinssatz
wechselte von drei bis fast fünf Prozent. Ein Teil der Obligationen
 ist in dreißig Jahren, ein sehr kleiner Teil in vierzig
 Jahren rückzahlbar, und der größte Teil der Gesamtausgabe
 „reift“ in fünfzig Jahren.
Diese Landungsbrücken wurden an drei Dampfschiffszesellschaften
 verpachtet, von denen eine die von Morgan

1) Statement of New York City Dock Department,
        <pb n="213" />
        — 6223 —

organisierte International Mercantile Marine Company
ist; eine andere ist die Cunard-Linie, die dritte die
Compagnie Generale Transatlantique. Diese Gesellschaften
 verschafften sich ‚durch die Tammany- Verwaltung
im Jahre 1904 einen Pachtkontrakt so skandalöser Art,
daß die Stadt nicht genug einnimmt, um auch nur die Zinsen
 der für die Landungsbrücken ausgegebenen Obligationen
zu bezahlen. Am 16. Dezember 1903 machte die International
 Mercantile Marine Company das schriftliche Angebot,
 fünf ganze Landungsbrücken und eine halbe für
jährlich 450 000 Dollar zu pachten*). Die Frage, ob dieser
Verpachtung zuzustimmen sei, war noch nicht entschieden,
als Tammany wieder zur Macht kam. Die International
Mercantile Marine Company erlangte darauf die Zurückgabeihres
 ersten Angebots), und es wurde später eine dreißigjährige
 Pacht abgeschlossen, wonach die drei Gesellschaften
neun Landungsbrücken für einen jährlichen Pachtbetrag
von. 565 000 Dollar erhielten®). Insofern, als die International
 Mercantile Marine Company allein ursprünglich
willens gewesen war, 3 392 351,46 Dollar für die neun Dämme
für einen Zeitraum von dreißig Jahren anzubieten, bürdete
diese Veränderung der Bedingungen der Stadt einen Verlust
von beinahe drei Millionen Dollar auf. Das Resultat kann
folgendermaßen festgestellt werden:
Die Chelsea Improvements kosteten die Stadt 22 Millionen
 Dollar. ;
Die jährlichen Zinsen, welche die Stadt aufbringen
muß, belaufen sich auf 844 800 Dollar.
Die Amortisationskosten betragen 220 000 Dollar.
Die jährliche Abnutzung wird auf 345 553,50 Dollar berechnet.

Die jährlichen Gesamtausgaben betragen daher
I 410 353,50 Dollar.
Die jährliche, von Dampfschiffsgesellschaften für diese
Dämme gezahlte Pacht beträgt 565 000 Dollar.
Daher beträgt der Nettoverlust für die Stadt jährlich
845 353,50 Dollar, das sind pro Tag 2316,04 Dollar.
1) New York City Dock Department Report 1903, 942. 2) Sinking Fund
Report, 1904, 2. ®%) Ebenda, 1906, 786.
        <pb n="214" />
        _— 624 —

So wurden die Beamten der Stadt New York dazu gebracht,
 die damals größten und schönsten Landungsbrücken
in New York, wenn nicht in den Vereinigten Staaten, für eine
geringere Summe zu verpachten, als die Stadt für ältere
und viel schlechtere Landungsbrücken erhalten hatte, so
daß die Stadt New York in jedem Jahre 845 353,50 Dollar
verlor. Und während Morgans International Mercantile
Marine Company aus diesem Geschäft Nutzen zog, zahlte
Morgan jährlich 20000 Dollar an das städtische Untersuchungsbüro,
 damit kleiner Diebstahl untersucht und
bloßgestellt wurde! Ein Kommentar ist unnötig.
Diese Geschäfte sind jedoch unbedeutend, wenn man sie
mit seiner Tätigkeit in noch neuerer Zeit vergleicht. Am
2. Dezember 1909 kaufte Morgan persönlich den größten
Teil der Aktien der Lebensversicherungsgesellschaft
Equitable, den Thomas F. Ryan im Jahre 1905 von der
Familie Hyde gekauft hatte. Durch diesen Kauf erwarb
Morgan die Aktien, um deren Besitz vier Jahre vorher ein so
bitterer Kampf geführt worden war — ein Kampf, der (wie
schon beschrieben) im Jahre 1905 die großen, Aufsehen und
Ärgernis erregenden Enthüllungen über Versicherungsgesellschaften
 hervorrief. Durch den Kauf dieser Aktien
erlangte Morgan die Kontrolle über die auf 470 Millionen
Dollar berechneten Aktiva; er bezahlte, so sagte man, annähernd
 z 500000 Dollar für Ryans Aktien. Dreizehn
Tage nach dieser Erwerbung kaufte er eine Anzahl von
Telephonlinien, Konkurrenten der Bell-Telephongesellschaft,
 wahrscheinlich um sie mit dem Bell-Netz zu verzinen.

Morgans nächster Schritt zeigte, wie. schnell er seine
schon riesenhafte Macht ausdehnte. Durch Kauf, Ringbildung
 oder Gemeinschaftlichkeit der Interessen erwarb
ar die Guarantee Trust Company von New York, ein
Unternehmen von 90 Millionen Dollar; die Mercantile
Trust Company mit Hilfsquellen von 68475 000 Dollar; die
Equitable Trust Company, deren Aktiva 63 800000 Dollar
betrugen; die Morton Trust Company — früher unter
Ryans Kontrolle —; die Fifth Avenue Trust Company
und andere sehr mächtige Bankinstitute. Morgans Macht
        <pb n="215" />
        62€

umfaßte jetzt Bank- und Trust-, Versicherungs-, Industrieund
 Transportgesellschaften und beherrschte oder beein-{lußte
 ein Kapital, das nach den Tatsachen, die im Jahre
1912 bei der Untersuchung des Geldtrusts durch eine besondere
 Kommission des Kongresses aufgedeckt wurden,
auf wenigstens 22 245 000 000 Dollar geschätzt wird. Nachdem
 er diesen Geldtrust zum Abschluß gebracht hatte,
wurde er als „Geldkaiser‘“ begrüßt, und sein ungeheurer
Besitz wurde als ein eindrucksvolles und unbarmherziges
Beispiel von der Macht eines einzigen Menschen bezeichnet,
obgleich dieser Schritt tatsächlich nur ein weiterer unvermeidlicher
 Markstein in der Zentralisation der Hilfsquellen
des Landes und der Oberherrschaft über sie war. Nur diejenigen,
 die für diese Entwicklung blind waren, waren
darüber erstaunt.
Schließlich, um mit der Erzählung von Morgans Laufbahn
 zu Ende zu kommen, bleibt noch die riesengroße, auf
einen Wert von 900 Millionen bis 2000 Millionen Dollar
geschätzte Expropriation der Hilfsquellen in Alaska und
großer Strecken von Wasserkraftgebieten in jenem Territorium
 und in verschiedenen andern westlichen Staaten —
Gebiete, die nach ihrem wirklichen und potentiellen Wert
auf Hunderte von Millionen, wenn nicht Milliarden Dollar
geschätzt werden. Den von seiten großer kapitalistischer
Interessen unternommenen erfolgreichen Anstrengungen,
sehr große Strecken von Kohlen-, Kupfer- und anderem
Mineralland, von Riesenholzungen und Wasserkraftgebieten
zu erwerben, widersetzte sich Gifford Pinchot, der Oberforstmeister
 der Vereinigten Staaten. Ein kritischer Rechtsstreit
 folgte darauf in den Jahren 1909 und 1910 zwischen
Pinchot und Ballinger, dem Minister des Innern. Es wurde
die Anklage erhoben, daß Ballinger, vor seiner früheren
Anstellung als Landbevollmächtigter, als Anwalt für einige
der Ansprucherhebenden gehandelt habe, besonders für die
Cunninghams, die große Landstriche mit den wertvollsten
Hilfsquellen erhalten hätten. Es kam zu einer Untersuchung
durch den Kongreß.
Nach einer glaubwürdigen Aussage schien es, daß J. P.
Morgan &amp;amp; Co. im Jahre 1906 mit den Guggenheims ein
        <pb n="216" />
        — 626 —

Syndikat gebildet und die Ansprüche der Cunninghams
übernommen hatte. Am 18. Februar 1910 erschienen
John N. Steele, der Generalanwalt des Syndikats, und Stephen
 Birch, sein leitender Direktor, in Alaska, freiwillig vor
der aus beiden Häusern des Kongresses gebildeten Kommission
 und machten jene Aussage, stellten es auch in Abrede,
daß das Syndikat jemals Geld, Landbewilligungen oder besondere
 Rechte von der Regierung erhalten habe. Die Aussage
 wollte die durch Strohmänner bewirkten ungeheuer
großen Betrügereien bei dem erfolgreichen oder versuchten
Erlangen von Mineral-, Bauholz- und Wasserkraft-Gebieten,
die auf Hunderte von Millionen, wenn nicht Milliarden
Dollar geschätzt wurden, aufdecken und dadurch zeigen,
daß die in der Zeit der Ansiedlung begonnene Wegnahme
von Land durch mehr als drei Jahrhunderte bis zur Gegenwart
 ohne irgendeine ernste Unterbrechung fortgesetzt
worden ist.
Morgan, der seine Laufbahn während des Bürgerkrieges
mit dem Verkauf jener unbrauchbaren Flinten an die
Unionsarmee begann, ist erfolgreich weiter geschritten,
bis er zuletzt als ein finanzieller Koloß und einer der tatsächlichen
 Herrscher des Landes alles überragte. Er lebte
in einem glänzenden Herrenhause in der Madison Avenue
in New York und baute an dieses, zu seinem eignen Genuß,
 eine schöne, geräumige, marmorne Kunstgalerie an, die
voll der kostbarsten Kunstwerke ist. Er zeigte eine Leidenschaft
 für die Literatur, und seine Bibliothek ist sehr ausgedehnt.
 Er beherrschte sogar die Moral der andern Leute,
wie eine Unterbrechung der Oper „Salome“ bei ihrer ersten
Aufführung im Metropolitan Opera House zeigt, von dem er
2in Patron und Direktor war. Geld, Größe, Ansehn, Macht
— alles gehörte ihm. Und die ganze Zeit über sind die Gefängnisse
 voll von kleinen Dieben,
        <pb n="217" />
        Dreizehntes Kapitel
DAS ELKINSSCHE VERMÖGEN

M* einem Vermögen, das nach vorsichtiger. Schätzung
50 Millionen Dollar beträgt, zweifellos aber viel größer
ist, ist Stephen B. Elkins einer der bedeutenden Multimillionäre
 der Vereinigten Staaten. Mit dem Reichtum solcher
Magnaten, wie der Vanderbilts, der Goulds, Morgans und
Hills verglichen, sind Elkins Besitzungen nicht bemerkenswert;
 er kann nicht in ihre besondere Klasse eingereiht werden.
 Aber sein Reichtum hat ihn zu der Stellung eines der
mächtigsten Politiker des Landes erhoben; er ist einer der
rührigen, herrschenden Führer in dem Senat der Vereinigten
 Staaten; der Staat West-Virginia ist im wesentlichen
sein Gebiet, nicht nur politisch, sondern in ausgedehntem
Maße sein persönliches Eigentum, Er besitzt oder beherrscht
viele seiner Berge und seiner Kohlenzechen und viel von
seinen andern natürlichen Hilfsquellen; einige seiner Eisenbahnen
 und auch seine Straßenbahngesellschaften gehören
ihm. Auch die vor einigen Jahren für 18 Millionen Dollar
an die Goulds verkaufte West-Virginia-Zentraleisenbahn
wurde von ihm beherrscht. In demselben Staate gehören
ihm Banken und Sicherungsgesellschaften, Baukorporationen,
 Koksanlagen, Wasserwerke und verschiedene andere
Besitzungen. Er hat große Gruben-, Land- und andere
Interessen im Westen.

West-Virginia ist Elkins’ Gebiet

Elkins ist der große reiche Herr, dessen Wort in West-Virginia
 Gesetz ist. Ob der Staat demokratisch oder republikanisch
 ist, macht wenig aus; die Herrschaft über ihn ist
ausschließlich eine Familienangelegenheit. Während er ein
republikanischer Herrscher ist, war sein Schwiegervater,
Henry G. Davis, der in dem Rufe stand, ein Vermögen von
wenigstens 30 Millionen Dollar zu besitzen, lange Zeit der
demokratische Führer. Welche politische Partei auch die
Macht hatte, diese Familie stand immer auf der Seite der
        <pb n="218" />
        628 —

Gewinnenden. Vor einigen wenigen Jahren, als die „konservative
 Demokratie‘ in der National Democratic Convention
 die Oberhand über die Elemente des Mittelstandes
gewann, wurde Davis als ihr Kandidat für das Amt des Vizepräsidenten
 der Vereinigten Staaten gewählt. Die Formen
einer sogenannten „populären“ Regierung herrschen noch in
West-Virginia, aber nur zur Durchführung der Pläne und
des Willens solcher Magnaten wie Elkins und Davis, wie sie in
ındern Staaten zur Ausführung der Pläne der dort herrschenden
 Magnaten benutzt werden. Die Familie Elkins-Davis
erteilte den gesetzgebenden Körperschaften den Befehl,
Elkins in den Senat der Vereinigten Staaten zu wählen, und
die ehrenwerten gesetzgebenden Körperschaften taten es.
Staats- und Kreisbeamte, Richter und andere Angestellte
schulden dieser Familie ihre öffentliche Stellung und damit
ihre Ergebenheit. Elkins ist gegenwärtig das große Faktotum
 der Politik West-Virginias. Doch noch vor zwanzig
Jahren wurde er als Eindringling angesehen,
Senator Elkins erbte keinen Reichtum ; er ist vollständig
der „Baumeister seines eigenen Glückes“, Wie waren Art
und Stil seines Bauwerks? Nach den schablonenmäßigen,
zewöhnlich mit Reklamepreisen bezahlten Biographien war
ihm die bemerkenswerte Laufbahn des armen Knaben eigen,
der sich durch harte Arbeit, Fleiß und überlegene Fähigkeit
zu großem Reichtum erhebt. Aber amtliche Dokumente
haben eine ganz andere Geschichte zu erzählen; und wenn sie
auch nicht erklären, wie Elkins zu allen seinen Millionen
kam, so geben sie doch genügende lebendige Einzelheiten von
den Methoden, durch welche er zuerst Millionär wurde.
Als junger Mann wurde Elkins häufig beschuldigt, während
 des Bürgerkrieges einer der Marodeure von Quantrells
Bande gewesen zu sein; es findet sich aber für diese Beschuldigung
 in den Berichten kein wirklicher Beweis. Nach
dem Bürgerkriege ging er nach New Mexico. Dort studierte
er Spanisch und wurde Mitglied der Territorial-Gesetzgebung.
 Seine politischen sowie seine persönlichen Feinde
beschuldigten ihn, Urheber und Haupt der ungeheuren
Landschwindeleien zu sein, die in New Mexico üblich
waren. Dieser besondere Vorwurf war ebenso ungerecht
        <pb n="219" />
        — 629 —

wie falsch. Lange bevor Elkins nach dem Südwesten verschlagen
 wurde, waren die Landschwindeleien allgemein
bekannt; was er und andere nach dem Bürgerkriege taten,
bildete nur eine Fortsetzung von dem, was viele Jahre lang
vor sich gegangen war.
Elkins war lange Zeit ein mächtiger republikanischer
Politiker in New Mexico. Während Präsident Grants
Verwaltung war er Distriktsanwalt der Vereinigten Staaten
in jenem Gebiet. Zu jener Zeit war in New Mexico
Sklaverei in Form von Schuldknechtschaft weit verbreitet,
wie noch jetzt in Mexico. Die Arbeiter, die bei ihrem
Arbeitgeber in Schulden gerieten, konnten ihren Dienst
nicht verlassen, solange die Schuld nicht bezahlt war.
Dies führte zu tatsächlicher Sklaverei der Arbeiter. Nach
den Gesetzen der Vereinigten Staaten bezahlte die Regierung
 für jede Überführung von Personen, die wegen Verletzung
 der Sklavereigesetze der Vereinigten Staaten angeklagt
 waren, eine Belohnung von 25 Dollar. Elkins, sagte
man, verschaffte sich die Anklagen von Tausenden von
mexikanischen Übertretern dieses Gesetzes, überführte sie
oder führte Vergleiche herbei und war so imstande, in jedem
Falle das Honorar von 25 Dollar einzustecken. Er wurde
ziemlich reich durch dieses Verfahren.
Er wurde dann zum Kongreßdelegierten für New Mexico
gewählt, und während dieser Zeit bekam er die seit langem
heftig umstrittene sogenannte Maxwell-Landüberweisung
in seine Gewalt!) und vertrat ihre Anerkennung im Kongreß.
Die Protokolle des Oberlandamtes vom 28. Januar 1874
zeigen, daß Stephen B. Elkins sich dafür interessierte, daß
diese angebliche Landbewilligung vermessen würde; er
war gerade zu der Zeit im Kongreß. Unmittelbar nachdem
der betrügerische Verkauf wegen nichtbezahlter Steuern
abgehalten worden war, wandte sich die Maxwell-Land
Grant and Railroad Company im Jahre 1877 noch einmal
an das Oberlandamt, um eine Vermessung und ein Patent
zu erlangen. Dieses Mal gab es keinen Widerstand bei den
Regierungsbeamten in Washington. Die Angelegenheit
verlief außerordentlich glatt.
1) Vgl. S. 251., 256.
        <pb n="220" />
        — 630 —

Das Oberlandamt ordnete eine Vermessung an. Am
15. August 1877 schloß der Oberlandvermesser der Vereinigten
 Staaten in New Mexico zur Ausführung der
Vermessung einen Kontrakt mit John T. Elkins, dem
Bruder Stephens, und Robert T. Marmon. Ihre Bürgen
waren Stephen B. Elkins und James L. Johnson!). Diese
Landmesser berichteten, daß das verliehene Land alles
in allem ı 714 764,94 Morgen umfasse. Nach ihrem Bericht
 umschloß es das schönste, vom Rio-Grande und
seinen zahlreichen Nebenflüssen bewässerte Land New
Mexicos, große und kleine Städte und Dörfer, Berge voll
von Mineralien; es umfaßte eine lange Kette der Raton-Berge
 mit ihren reichen Gold-, Silber- und Kohlenlagern
und Holzgebieten und erstreckte sich weit nach Colorado
hinein, wo es große Landstrecken bedeckte. Das Oberlandamt
 erteilte am 19. Mai 1879 ein Patent in der Form eines
Verzichtes für die ganzen I 714 764,94 Morgen, die auf
Grund der Vermessung beansprucht worden waren.
Unterdessen war das verliehene Land an ein Syndikat
holländischer Kapitalisten für die Summe von 700 006 Pfund
in englischer Münze und holländischem Kurant verpfändet
worden?). Zu ihrer Bestürzung fanden sie bald, daß sie
einen schweren Rechtsstreit auf dem Halse hatten.
Die "Tatsache, daß die Regierung die Gültigkeit der
Landbewilligung anfocht, war ihnen vollständig unbekannt.

Die Regierung erhebt Anklage auf Betrug

Die Regierung brachte eine Klage ein, daß die Landbewilligung
 für nichtig erklärt würde. Am 2 5. August 1882
verklagte sie die Maxwell-Land Grant Company, die
Denver und Rio Grande Railway Company, die Atchison,
Topeka and Santa Fe-Railway Company und die Pueblo
and Arkansas Valley-Railway Company. Die „Klageschrift
der Regierung‘, so lautet das gerichtliche Protokoll, „erhob
die Beschuldigung, daß die Landvermessung, auf Grund
derer das Patent erteilt worden war, falsch und betrügerisch
7) House Reports, usw., 1891—92, Bd. 4, Report Nr. 1253.
2) Ebenda, 7.
        <pb n="221" />
        — 631 —

ausgeführt worden sei und daß die Maxwell-Land Grant
Company und verschiedene Parteien, die diese Vermessung
nach einem Kontrakt mit der Regierung ausgeführt hatten,
sich verschworen hätten, die Regierung der Vereinigten
Staaten zu betrügen, indem sie einen größeren Landkomplex
einschlossen, als nach der ursprünglichen Überweisungsurkunde
 der Republik Mexico umschlossen werden sollte,
und sie erhob im besondern die Beschuldigung, daß ungefähr
 265 000 Morgen, nämlich alles Land, das in dem Kreis
Las Animas im Staate Colorado lag, auf betrügerische Weise
in diese Vermessung eingeschlossen worden sei, und dieses
Land habe den Wert von 2 Millionen Dollar.“
Das Bündesgericht der Vereinigten Staaten für Colorado
wies, wie zu erwarten war, die Klage der Regierung ab, denn
es war bekannt, daß die Eisenbahn- und Landraub-Interessenten
 Gerichtshöfe dieser Art, deren Richter zum Teil
ihre eigenen Anwälte gewesen waren, weitgehend beherrschten.
 Die Regierung brachte den Fall vor den
Obersten Gerichtshof der Vereinigten Staaten. In der Beweisführung
 vor diesem Gerichtshof am 8., 9., 10. und
11. März 1887 behauptete die Regierung:
1. Daß die Landbewilligung der Republik Mexico nach
den mexikanischen Gesetzen alles in allem nicht 22 Quadrat-Leagues,
 d.h. 97 424,8 Morgen Land, überschreiten konnte;
2. daB der Bericht des Oberlandvermessers von New
Mexico vom 15. September 1857 die Landbewilligung für
keine größere Ausdehnung als 22 Quadrat-Leagues zur Bestätigung
 empfohlen habe;
3. daß die Bestätigungsakte vom 21. Juni 1860 nicht als
eine neue Bewilligung über 22 Quadrat-Leagues hinaus
wirksam war;
4. daß die Vermessung, nach der das Patent erteilt worden
war, und das Patent selbst außer den 22 Quadrat-Leagues
viele hunderttausend-Morgen umfaßte, die nicht in der bestätigten
 Landbewilligung enthalten waren, und auch
mehrere hunderttausend Morgen (ungefähr 400000), die
außerhalb der östlichen und nördlichen Grenzen liegen und
ebenfalls nicht in der bestätigten Landbewilligung enthalten
 waren;
        <pb n="222" />
        — 632

5. daß das Patent auf den Mehrbetrag von 1 600 000
Morgen von Beamten des Landesdepartements erteilt
worden war, auf Grund „der Betrügereien und Täuschungen,
 die gegen den Kommissar des Oberlandamtes und seine
Agenten von dem Oberlandmesser Spencer und von den
von den Vereinigten Staaten abgesandten Vermessern Elkins
ınd Marmon im Interesse solcher Besitzer verübt worden
waren“‘.1)
[{n seiner Beweisführung sagte der Oberhilfsanwalt der
Vereinigten Staaten Maury: ...,Da die Verleihung zu
Anfang mexikanisch und den Gesetzen und Gebräuchen
Mexicos unterworfen war, so hat dieser Gerichtshof zu
entscheiden, ob es einen berechtigten Entwicklungsprozeß
gibt, durch welchen diese ursprünglich mexikanische Verleihung
 von 22 Quadrat-Leagues an Beaubien und Miranda
bis zu der in diesem Patent enthaltenen fürstlichen Herrschaft
 zugenommen und sich erweitert hat.“2) Maury behauptete,
 daß Betrug reichlich erwiesen sei, J. A. Bentley,
ein von der Regierung für diesen Fall besonders ernannter
Anwalt, unterbreitete eine längere Ausführung, um zu beweisen,
 daß bei der Erweiterung der Grenzen der Landbewilligung
 Betrügereien gegen die Regierung verübt
worden seien, und er legte auch dar, daß die Entscheidung
les Ministers des Innern Cox im Jahre 1869 endgültig war.

Die Entscheidung des obersten Gerichtshofs

Stöße über Stöße von Beweisen, daß die gröbsten Becrügereien
 begangen worden waren, konnten den Obersten
Gerichtshof der Vereinigten Staaten nicht überzeugen.
[In seiner Entscheidung vom 18, April 1887 hielt er die
Meinung aufrecht, daß die Akte vom 21. Juni 1860 dem
Wesen nach eine neue Verleihung darstelle, und er bestätigte
 die Bewilligung bis zu der vollen Ausdehnung der
veanspruchten 1714 764,94 Morgen — eine Entscheidung,
die von dem ganzen Lande mit dem äußersten Erstaunen
aufgenommen wurde.

!) United States Reports, Bd, 121, 327.
%) Ebenda, 330,
        <pb n="223" />
        Im Besitze dieser Entscheidung schritten die Eigentümer
 der Maxwell-Landbewilligung nun zur Vertreibung
von Ansiedlern nach rechts und nach links. Das erregte
einen großen Sturm. Die Ansiedler auf dem zugesprochenen
Gebiet taten sich zusammen und ernannten O. P. McMains
zu ihrem Vertreter, der dem Kongreß ihre Petition um
Rückgängigmachung überreichen sollte. In einem Affidavit
zugunsten der Ansiedler, datiert vom 9. Mai 1892, beschuldigte
 McMains die verschiedenen obersten Beamten
der Vereinigten Staaten, wie den Minister des Innern,
Noble, den Landkommissar Carter (jetzt, im Jahre 1909,
Senator der Vereinigten Staaten für Montana) und andere
Beamte, sie hätten es abgelehnt, das bewilligte Land als
öffentliches Gebiet zugänglich zu machen. Diese Weigerung
 war, wie das Affidavit betonte, eine Verletzung des
ausdrücklichen Kongreßgesetzes vom 21. Juni 1860. Das
Affidavit fuhr dann fort:
„Und der Deponent bezeugt ferner eidlich und sagt:
Daß S. B. Elkins der letzte Präsident der Maxwell-Land
Grant and Railway Company war, die zur Zeit seiner
Amtsniederlegung im Jahre 1875 bankrott war; daß nach
dem Jahre 1875 der besagte Elkins mit der besagten Gesellschaft
 weder als Beamter noch als Anwalt in Verbindung
stand und an den Angelegenheiten der Gesellschaft keinen
Anteil hatte; daß er trotz alledem als Outsider und Spekulant
 Interesse daran hatte, daß das Land, das nach dem
Gesetze als öffentliches Land behandelt werden sollte,
wieder als die angebliche Beaubien- und Miranda- oder
Maxwell-Landbewilligung behandelt und vermessen würde,
und daß er Ende des Jahres 1875—1876 eine Reise nach
Europa machte, mit einem Plan für die Reorganisation der
Maxwell-Land Grant Company vor Augen.
„Daß T. B. Catron aus New Mexico, der ebenso wie
Elkins Interesse daran hatte, daß das Land, das nach dem
Gesetz als öffentliches Land behandelt werden sollte,
wieder als die angebliche Maxwell Landbewilligung behandelt
 und vermessen würde, am 19. Juli 1877 durch eine
ungesetzliche und betrügerische Steueranspruchsurkunde
ein angeblicher Besitzer von beinahe zwei Millionen Morgen
        <pb n="224" />
        634

5ffentlichen Landes, der sogenannten Beaubin- und Miranda-
 oder Maxwell-Landbewilligung, wurde; daß, um von
der ungesetzlichen Steueranspruchsurkunde auf öffentliches
Land, der angeblichen Maxwell-Landbewilligung, Nutzen zu
ziehen, es nötig wurde, die Durchführung des endgültigen
und rechtskräftigen Befehls des Ministeriums des Innern
vom 28. Januar 1874, welche verlangte, daß die von den
Reklamierenden der Maxwell-Landbewilligung beanspruchten
 Ländereien als öffentliches Land behandelt werden
sollten, dadurch unwirksam zu machen, daß man den
Maxwell-Landbewilligungs-Anspruch von neuem gegen die
Vereinigten Staaten zur Vermessung und Patentierung einklagte.

„Daß die Parteien, die sich verschworen hatten, besagten
Anspruch gegen die Vereinigten Staaten unter Verletzung
der Sektion 5498 der revidierten Gesetze einzuklagen,
der Hon. S. B. Elkins, damals Kongreßdelegierter von
New Mexico; Hon. T. B. Catron, damals Anwalt. der
Vereinigten Staaten für Mexico, und Hon. J. A. Williamson,
 damals Kommissar des Oberlandamtes waren;
daß das Ziel besagter Verschwörung erreicht wurde; daß
die Durchführung des rechtskräftigen Befehls vom 28. Jaauar
 1874 und das Kongreßgesetz vom 21. Juni 1860 beiseite
 geschoben wurden; daß Ansiedler, die das Land in freien
Besitz genommen oder das Vorkaufsrecht hatten, ohne ein
richtiges gesetzliches Verfahren ihrer privaten und verliehenen
 Rechte und die Vereinigten Staaten ihrer vermessenen
öffentlichen Ländereien beraubt wurden?).“
Das Affidavit sagte weiter, daß „die Weigerung der Beamten,
 das Kongreßgesetz durchzuführen, im Interesse
der vorhererwähnten Verschwörung geschah; daß durch
solche unrechtmäßige Weigerung der besagte Minister
und der Kommissar durch List und Betrug der besagten
Verschwörung Vorschub leisteten und sie unterstützten ?).“
Die Hauskommission für private Landansprüche, an. die
die Petition der Ansiedler verwiesen wurde, fand, daß die
Angaben in bezug auf den in New Mexico gelegenen Teil

!) House Reports, First Session, Fifty-second Congress, 1891—1892, Bd. 7,
Report Nr. 1824, 4—5. 2) House Reports usw. Nr. 1824, 1891—1892, 8.
        <pb n="225" />
        — 635 —

der Landbewilligung richtig waren. In betreff der vierhunderttausend
 Morgen in Colorado berichtete die Kommission:

„Die Maxwell-Land Grant and Railroad Company hat
sich im Jahre 1877 nicht wegen einer Vermessung öffentlichen
 Landes in Colorado, als eines Teiles der angeblichen
Maxwell-Bewilligung, an den Kommissar des Oberlandamtes
 gewandt; aber eine Partei, die in keiner Weise mit
der Gesellschaft in Verbindung stand oder in irgendeiner
Eigenschaft im Namen der Gesellschaft handelte — Hon.
S. B. Elkins — forderte tatsächlich, daß eine Vermessung
bestätigt werden sollte“, die öffentliches Land in Colorado
als zu der Maxwell-Landbewilligung gehörig einschließen
würde. Nach dieser Vermessung geschah es, daß das ganze
Gebiet von I 714 764,94 Morgen für 700000 Pfd. Sterling an
holländische Kapitalisten verpfändet wurde. Dieses Land in
Colorado war, wie die Kommission feststellte, unrechtmäßig
in Besitz genommen worden. Die Kommission schloß:
„Und es ist die Ansicht Ihrer Kommission, daß nach dem
Gesetz vom 21. Juni 1860 die Ländereien, die zu dem in
Colorado gelegenen Teil der angeblichen Maxwell-Landbewilligung
 gehören, als öffentliches Land behandelt werden
 sollten... und nicht einen Teil der ursprünglichen
Beaubin- und Miranda-Landbewilligung bilden!).

Oberlandesvermesser Fulian legt den Fall dar

Der Kongreß leitete auf den Bericht der Hauskommission
für private Landansprüche hin keine Maßregeln ein, und
diese vollständige Untätigkeit, verbunden mit der Entscheidung
 des Obersten Gerichtshofs der Vereinigten
Staaten, hatte die Folge, daß die Personen, die sich die
1714 764,94 Morgen angeeignet hatten, oder ihre Bevollmächtigten
 ein Besitztum behalten konnten, das in der
Folge unangefochten blieb. George W. Julian, während
der ersten Verwaltungsperiode des Präsidenten Cleveland
Oberlandesvermesser der Vereinigten Staaten in New
1) „Land Titles in New Mexico and Colorado‘‘, House Reports, First Session,
Fifty-second Congress, 1891—1892, Bd. 4, Report Nr. 1253, 8.
        <pb n="226" />
        — 626 —

Mexico, fand in jenem Gebiete Zustände vor, die er am
14. September 1892 in einer Rede vor dem Hendricks-Klub
in Indianopolis, als er von Elkins’ Laufbahn berichtet, beschrieb.
 Nachdem er von einigen der früheren Unternehmungen
 von Elkins in New Mexico berichtet hatte, sagte
Julian:

„Diese Erfahrungen bereiteten ihn reichlich für die brillanten
 Grundstückspekulationen vor, durch die er reich
wurde. Er hatte hauptsächlich mit spanischen Landbewilligungen
 zu tun, die er mexikanischen Reklamierenden
oder denen, an die sie ihre Ansprüche abgetreten hatten,
für einen sehr geringen Preis abkaufte. Die Grenzen dieser
Bewilligungen waren unklar und unbestimmt, und ihre
genaue Festsetzung mußte von dem Oberlandesvermesser
des Territoriums getroffen werden und unterlag dann der
endgültigen Entscheidung des Kongresses, Elkins wurde
Mitglied des Landringes des Territoriums, und hauptsächlich
 durch seinen Einfluß kam es dahin, daß die Vermessung
 dieser Landbewilligungen Hunderte und Tausende
von. Morgen enthielt, die nicht dazu gehörten. Er wurde
auf diese Art ein großer Landbesitzer, denn infolge der Bearbeitung
 der Kongreßausschüsse wurden so unrechtmäßig
vermessene Landbewilligungen mit ihren gefälschten Grenzen
 bestätigt.
„Er erregte besonderes Aufsehen als Held der berühmten
Maxwell-Landbewilligung, die nach der Entscheidung des
Ministers Cox vom Jahre 1869 nur ungefähr 96 000 Morgen
umfaßte, aber unter Elkins? Behandlung auf ı 714 764,04.
Morgen vermessen und so patentiert wurde. Der Konzreß
 wurde durch die Arbeit seiner Kommissionen getäuscht
 und bestätigte die Landbewilligung mit den
darin unbestimmt angedeuteten äußeren Grenzen, die so
ausgedehnt waren, daß sie dieses ganze ungeheure Gebiet
bedeckten, und diese Bestätigung durch den Kongreß
zwang den Obersten Gerichtshof, diesen verblüffenden
Raub als rechtskräftig anzuerkennen. Auf solche Weise sind
mehr als 10 Millionen Morgen öffentlichen Gebietes in New
Mexico die Beute der Landräuber geworden, und der Rädelsführer
 in diesem Raubzug war Stephen B. Elkins, der Ver-
        <pb n="227" />
        bündete Stephen W. Dorseys und der leitende Geist der
ganzen Bewegung.
„Er war für sein Werk vollkommen qualifiziert. Er ließ
sich nicht unterdrücken, und er hatte viele geistige Fähigkeiten.
 Er war ein kaufmännisches Genie und bei der Verfolgung
 seiner Ziele ungemein wenig durch Gewissensfragen
gehemmt. Er benutzte den Oberlandesvermesser des Territoriums,
 das Landdepartement in Washington und die
Kongreßkommissionen als seine Werkzeuge, um arme Ansiedler
 auszuplündern und der Regierung ihre Ländereien
zu rauben. Einen Menschen um sein Heim betrügen wird
mit Recht als ein Verbrechen angesehen, das nur dem Morde
nachsteht, und ein Volk seines öffentlichen Landes berauben
und damit unbegüterten Menschen die Gelegenheit verkürzen,
 sich ein Heim zu verschaffen, ist nicht nur ein
Verbrechen gegen die Gesellschaft, sondern eine grausame
Verhöhnung der Armen. Wenn irgendwelche Erwägungen
dieser Art jemals Mr. Elkins’ Träume störten, so wurden
sie durch seinen überwältigenden Eifer in dem Werke
‚praktischer Politik‘ kurzerhand zum Schweigen gebracht.
Nach Dorseys Ansicht wußte Elkins mehr als irgendein
anderer von den ‚Star-route‘-Fällen, welche ein Dutzend
Jahre früher berühmt wurden, und man wird sich auch
erinnern, daß er mit der Verfolgung eines Anspruchs auf
50 Millionen Dollar gegen Brasilien zu tun hatte, während
Blaine unter Garfield Staatsminister war, eines Anspruchs,
der später von Minister Bayard entrüstet zurückgewiesen
wurde...
„Wenn ich auf diese Sachen Bezug nehme, so spreche ich
nicht aufs Geratewohl, sondern ich folge amtlichen Dokumenten
 und beglaubigten Tatsachen, mit denen ich während
meines vierjährigen öffentlichen Dienstes in jenem Territorium
 unter der letzten Verwaltung bekannt wurde.“
Die „Star-route“-Betrügereien, auf die Julian hinwies,
wurden vor dreißig Jahren ein großer öffentlicher Skandal.
Durch sie wurden dem Schatz der Vereinigten Staaten
große Summen geraubt. Der Ausdruck „Star-route““
wurde auf inländische Postwege angewandt, auf denen
die Postsachen nicht durch Eisenbahnen und Dampfschiffe,
        <pb n="228" />
        sondern in anderer Weise befördert wurden. Diese Routen
wurden in den Büchern der Postverwaltung amtlich mit
einem. Sternchen versehen, daher die Bezeichnung. Die
von der Postverwaltung und von Kongreßkommissionen
angestellten Untersuchungen ließen Elkins nicht als einen
Unternehmer erkennen. Seine Unterschrift fand sich
jedoch auf den Schuldverschreibungen gewisser führender
Unternehmer von Postrouten im Südwesten, und er war
sehr energisch dahinter her, die Einrichtung von Überlandrouten
 in New Mexico und andern Gegenden zu erlangen.
Es wurde schließlich festgestellt, daß er an der sogenannten
„Kerens- Kombination“ beteiligt war, an deren Spitze
Richard C. Kerens, ein mächtiger republikanischer Politiker
 aus St. Louis, stand. Aber Elkins verfuhr so schlau
und heimlich, daß er bei den großen „Star-Route“-Unternehmungen
 der Jahre 1882 und 1883 gar nicht zum Vorschein
 kam).

Elkins wird offiziell zum ehrenwerten Mann gestempelt

Zu dieser Zeit war er ein bekannter republikanischer
Politiker von nationaler Bedeutung. Im Jahre 1884 war er
Vorsitzender des Republican National Committee, und
im Dezember 1891 ernannte ihn Präsident Harrison zum
Kriegsminister. Harrison waren die Einzelheiten von Elkins’
 Laufbahn in New Mexico nicht unbekannt, denn als
Senator der Vereinigten Staaten war Harrison ein Mitglied
der Kommission für die Territorien gewesen und hatte den
Angelegenheiten von New Mexico besondere Aufmerksamkeit
 geschenkt.
Harrison kannte auch die Tatsachen des brasilianischen
Anspruchs, der sich aus einer einem gewissen D. G. M.

1) Man hatte lange öffentlich die Beschuldigung ausgesprochen, daß Elkins
nicht vor Gericht gebracht worden sei, weil er im geheimen Staatszeuge geworden
war und dem Generalpostmeister viel wertvolle Auskunft über seine früheren
Teilhaber geliefert hatte. So weit die gerichtlichen Protokolle in Betracht kommen,
tann kein dokumentarischer Beweis für diese Anklage gefunden werden. Kerens
setzte, wie erwähnt sein mag, seine Laufbahn als bemerkenswerter republikanischer
Politiker fort und wurde im Jahre 1909 von Präsident Taft zum Gesandten in
Österreich ernannt.
        <pb n="229" />
        — 639 —

Jewett von der brasilianischen Regierung erteilten Konzession
ergab, gewisse Nitratlager auf einer Insel an der brasilianischen
 Küste aufzuschließen. Jewett behauptete, daß er ein
Schiff ausgerüstet und 27 000 Dollar ausgegeben habe, als
die brasilianische Regierung die Konzession aufhob. Elkins
wurde Jewetts Anwalt und reichte bei dem Staatsministerium
 ein sorgfältig ausgearbeitetes Schreiben zur Unterstützung
 des Anspruchs ein, wobei er die enorme Summe
von 50 Millionen Dollar als Schadenersatz verlangte.
Elkins versuchte einen Staatsminister der Vereinigten
Staaten nach dem andern dafür zu gewinnen, die Forderung
nachdrücklich zu betreiben, aber Minister Bayard untersuchte
 sie im Jahre 1886 ausführlich, und Präsident Cleveland
 schickte die Korrespondenz an den Senat mit einer
besondern Botschaft, die folgendermaßen schloß: ‚Eine
so unerhörte Forderung ist eine Schmach für jede Nation,
mit der die Vereinigten Staaten in freundlichen Beziehungen
 stehen oder zu stehen wünschen. Ich habe es abgelehnt,
die Papiere anzunehmen oder Minister Jarvis irgendwelche
Mitteilungen über den Fall zuzusenden.“
Die Maxwell-Landbewilligung und die „Star-Route“-Angelegenheit
 waren nur zwei von Elkins’ vielen Unternehmungen
 in New Mexico. Mittlerweile hatte er die
Tochter von Henry G. Davis, Senator der Vereinigten
Staaten und Millionär in Eisenbahn- und Bergwerksbesitz
in West-Virginia, geheiratet. Elkins zog nach diesem
Staate. Mit den Millionen, die er im Südwesten zusammengebracht
 hatte und mit Hilfe der vielen Millionen seines
Schwiegervaters wurde er dort ein großer Magnat, dem die
Herrschaft über ein Besitztum nach dem andern zufiel.
Er, Kerens und Davis bauten mehrere Eisenbahnen in
West-Virginia und erwarben die Herrschaft über Kohlen-,
Koks-, Öl- und Holzbesitzungen. Sie finanzierten auch
den Bau von Eisenbahnen in Kalifornien, Nevada und
Utah. Elkins baute einen glänzenden schloßartigen Palast
in der Stadt, die seinen Namen trug; am Bergabhang
liegend überschaut er Berggipfel und Täler im Umkreis
von 35 Meilen. Im Jahre 1895 wurde er von den gesetzgebenden
 Körperschaften von West-Virginia in den
        <pb n="230" />
        640 —

Senat der Vereinigten Staaten gewählt, nach einer Kampagne,
 in der, wie öffentlich behauptet wurde, Bestechungsgelder
 in der Form von Kampagnefonds im ganzen Staate
verteilt worden waren, um die Wahl von Mitgliedern
sicherzustellen, die seinen Plänen günstig gesinnt waren.
Im Senat der Vereinigten Staaten ist Elkins einer der geschicktesten
 und brauchbarsten Entwerfer von Gesetzen
für die Plutokratie gewesen. Ein bemerkenswertes Gesetz
von ihm war ein Amendement zu dem Gesetz für den
Handel von Staat zu Staat, das die Bestimmung, wonach
auf der Verletzung des Antirabatt-Gesetzes Gefängnis
stand, aufhob, und den Magnaten, die in einem daraufhin
gegen sie eingeleiteten Verfahren als Zeugen auftraten,
vollständige Straflosigkeit gewährte.
Als einer der Geldherrscher und Gesetzemacher der Verzinigten
 Staaten ist Elkins augenscheinlich ein sehr mächtiger
and hervorragender Magnat. Moralisten mögen über seine
Laufbahn wohl nachsinnen und ihren Höhepunkt betrachten.
Würde man auch nur zum Scherz den Vorschlag machen,
daß unsere Gesetzgeber nur aus Stammgästen der Gefängnisse
 gewählt werden sollten, so würde dieser Vorschlag,
je nach dem Temperament, entweder mit staunender Empörung
 oder als nichternstzunehmender Einfall aufgenommen
 werden. Und doch sollte er keiner derartigen Auffassung
begegnen, denn haben wir nicht in diesem Buche aus einer
überzeugenden Fülle von Tatsachen erkannt, wie die Geschäftswelt
 schließlich zum größten Teile aus denen besteht,
 die nicht ausfindig gemacht und bestraft wurden,
und aus denen, die es wurden? Eine solche Schlußfolgerung
 ist, wie wir sehen, keine Übertreibung. Und haben
wir nicht auch aus den Tatsachen erkannt, daß die großen
Räuber die Diktatoren gerade der Gemeinschaften werden,
die sie berauben? Wie wäre es, wenn man das Verfahren
ımdrehte und die kleinen Räuber, und wären sie auch
Sträflinge, zu MHerrschern wählte? Es würde nicht
schlimmer sein und vielleicht besser. Aber keine der
beiden Klassen kann wegen der Leidenschaften und Verbrechen,
 die das System und die Macht dieses Systems
hervorruft und nur zu oft erzwingt, verurteilt werden;
        <pb n="231" />
        — GALT —

das System, nicht die einzelnen, bedarf der Veränderung,
Im Lichte dieser Tatsache und in ihm allein sollte Elkins’
Laufbahn und die der Großen und Kleinen, die ihm
gleichen, betrachtet werden.

Vierzehntes Kapitel

DAS VERMÖGEN HILLS

James J. Hill, der im Beginn seiner Laufbahn hart
getadelt und häufig mit äußerster Heftigkeit angegriffen
 worden war, wurde in seinen späteren Jahren der
Gegenstand so verschwenderischer Lobpreisungen wie
wenige Magnaten. Als sein Reichtum und seine Macht
schnell zunahmen und er ein Multimillionär und Leiter
der politischen und industriellen Angelegenheiten großer
Gebiete der Vereinigten Staaten und Canadas wurde,
kam es zu der üblichen Umwandlung. Er hörte auf, der
vertraute ‚Jim‘ Hill zu sein, von dem geringschätzig als
dem „Jay Gould des Nordwestens“ gesprochen wurde,
und verwandelte sich in den großen Mr. Hill, das imponierende
 Genie. Eine Schar von Schriftstellern, die in der
übertriebenen Sprache niedriger Schmeichelei wohlgeschult
waren, traten hervor und verkündeten seinen heldenhaften
Anteil als leitender Geist an der aufbauenden Entwicklung
der Hilfsquellen des Landes.
Volle dreißig Jahre lang sind diese Lobpreisungen, die
alle einander verdächtig ähnlich waren, wie wenn sie von
einer Zentralquelle inspiriert wären, fortgesetzt veröffentlicht
 worden. In ihnen allen ist ein besonderer dithyrambischer
 Ton nachdrücklich zum Vorschein gekommen.
Mit unendlich vielen rhetorischen Varianten sind Ausdrücke
 wie „Genie des Verkehrs“ und „Verstandesriese“
häufig auf Hill angewandt worden. Erfinderisch vorgebracht
 unter manchen verhüllenden Ausdrücken und
kunstreichen stilistischen Kniffen war der Refrain dieser
Gesänge immer derselbe, den wir in den Lobliedern auf die
        <pb n="232" />
        Astors, die Vanderbilts, J. Pierpont Morgan, Blair, Sage
und beinahe alle andern Magnaten wahrgenommen haben.
Immer liegt der Nachdruck — was stark auf einen Schützling
 hindeutet — auf Hills ungewöhnlicher Befähigung
and Lauterkeit; wie er jeden Dollar seines großen Vermögens
 ehrlich erwarb und wie (es wird namentlich aufgeführt)
 Bestechung und Diebstahl bei seinem Verfahren,
sein Vermögen aufzuhäufen, in bemerkenswerter Weise
gefehlt haben. Ein gleichmäßiges, monotones Lied war es
— in weit auseinanderliegenden Abständen durch eine
feindliche Tirade aus der Feder eines nicht unterjochten
Genossen belebt — eine Tirade mit etwas Wahrheit, aber
ohne Augenmaß und Verständnis.

Hills enormes Vermögen

Die Ausdehnung von Hills Vermögen ist enorm, aber
während der Abfassung dieses Buches kann weder die genaue
 noch die annähernde Zahl von den Hunderten seiner
Millionen Dollar nur einigermaßen zuverlässig angegeben
werden. In einem wichtigen Punkte geben die Leute, die
ihn in den Himmel erheben, keine falsche Darstellung:
Hill fing mit gar keinem Gelde an. Nun, da er ein kolossales
Vermögen hat, sollte diese Tatsache allein genügen, um
sine sorgfältige Untersuchung herauszufordern; denn Geld
kommt nicht herab wie Regen; es muß auf irgendeine
Weise eingebracht werden; und während es für Millionen
von schwer arbeitenden Leuten schwierig genug ist, Genügendes
 für ihre bescheidensten Bedürfnisse zu erwerben,
ist die Leichtigkeit, mit der ein Mann sich in den Besitz
mächtiger Schatzhäuser des Reichtums gesetzt hat, eine
ernste und grimmige Tatsache, die, nach allgemeinen Grundsätzen,
 von Anfang an sehr wohl geeignet ist, an den erhabenen
 allgemeinen Behauptungen von Hills Lobrednern
Zweifel hervorzurufen. Aber gerade die Tatsache, die
sofort Fragen veranlassen und Untersuchungen herbeiführen
 sollte, wird von seinen Panegyrikern in einen begeisterten
 Tribut verwandelt — in einen überzeugenden
Beweis seines besonderen Vermögens, sich als „„Selfmade-
        <pb n="233" />
        643 —

man‘“zu zeigen. Wir wissen nur zu gut, was dieser Geschäftsjargon
 des Tages bedeutet; nicht einen Mann von Intelligenz,
 Idealen oder Bildung, sondern nur einen Mann von
Reichtum; der gewöhnliche Bürgersinn kann sich, allgemein
gesprochen, keine andere Vorstellung von einem erfolgreichen
 Manne machen.
Wenn man jedoch Reichtum für Größe setzen kann,
dann ist Hill ein wirklich großer Nabob. Er besitzt und beherrscht
 ausgedehnte Eisenbahnnetze im Nordwesten und
Westen; er ist der Besitzer weiter Landgebiete und Minerallager,
 deren fabelhafter Wert jeder Berechnung spottet.
Er ist Besitzer von Dampfschiffslinien und von Eigentum
manch anderer Art; er lebt in einem richtigen Palast, und
Politiker, Verleger, Geistlichkeit und Richter sind seine
Puppen. Da er nun — wie seine Lobredner es ausdrücken —
ohne Geld „begann“, wie stellte er es an, all seinen Reichtum
zu erlangen? Diejenigen, die ihm huldigen, erklären diese
wesentliche Frage nicht; in salbungsvollem Ton haspeln
sie Daten und Zahlen herunter und erzählen fließend,
wann er diesen oder jenen Besitz erwarb, aber wie er tatsächlich
 dabei verfuhr, das erzählen sie nicht.

Wie der Nordwesten besiedelt wurde

Hill wurde in Guelph, Kanada, im Jahre 1838 geboren
und wanderte im Jahre 1856 nach St. Paul, Minnesota,
aus. Man kann sich die Umgebung, in die er als achtzehnjähriger
 Jüngling kam, leicht vorstellen, wenn man die
früheren Kapitel gelesen hat. Der Nordwesten befand
sich in seiner ersten wirklichen Besiedlungsperiode; und
diese Besiedlung wurde nicht, wie die üblichen Geschichten
erzählen, ganz allein von „sturmfesten Pionieren‘, sondern
 auch von Landräubern, Holzdieben, Spielern, kaufmännischen
 Schwindlern, Halsabschneidern und Schurken
im allgemeinen ausgeführt. Der Ansturm, um Landbewilligungen,
 Minerallager, Eisenbahnprivilegien und jedes
andere erreichbare Gut zu erlangen, hatte seinen Höhepunkt
 erreicht. „Schwindel“ aller Art wurde geplant;
eine Horde käuflicher Personen schwärmte herbei, um so
        <pb n="234" />
        — 644 —

viele Vorkaufsrechte als möglich zu erlangen und jeden,
den sie konnten, auszuplündern. Es herrschte eine rasende
Sucht nach schnellem Gelderwerb, ohne Rücksicht auf die
angewandten Mittel.
Freilich kam auch ein Strom von Ackerbauern, die nur
billiges Land erwerben und es ehrlich bestellen wollten,
herbei. Aber dieses Element gab dem allgemeinen Treiben
 nicht seinen Charakter. Den wirklich‘ aggressiven
Charakter erhielt es durch Abenteurer, Kapitalisten und
auf andere Weise. Alle diese Kapitalisten kamen tatsächlich
aus den östlichen Staaten, und viele von ihnen waren,
wie die Protokolle zeigen, an den Schwindeleien im Osten
beteiligt gewesen. Verschiedene Gruppen von ihnen bestachen
 eifrig den Kongreß, Regierungsbeamte und die
gesetzgebenden Körperschaften, um Landbewilligungen,
Eisenbahnpatente, Privilegien, Minerallager und besondere
Gesetze zu erlangen. Schneidige Kaufleute, handeltreibende
 Ränkeschmiede und Grundstückschwindler überliefen
 die neu gegründeten großen und kleinen Städte.
Jedem Gedanken und jedem Plan war der Stempel des
Geldes aufgedrückt; das überall herrschende Ideal war
Reichtum, gleichviel, wie erworben; alle Klassen waren
davon durchdrungen. Die ganze Luft war von Habgier
erfüllt, und wenn die vielen Prozeßprotokolle in den
Gerichtshöfen von Minnesota als Symptom angesehen
werden können, so bildeten Spekulationen, Schwindel und
Betrug geradezu eine gewohnheitsmäßige Leistung bei
jedem geschäftlichen Unternehmen.
Hill kam in diese Atmosphäre von Käuflichkeit, Habsucht
 und Korruption, in einen gesellschaftlichen Zustand,
bei dem jedermann nach der bedeutungsvollen Frage beurteilt
 wird: ‚Wieviel ist er wert?“ Lange, ehe er kam,
war diese Korruption in vollem Gange. Überall im ganzen
Westen, Nordwesten und Südwesten waren das betrügerische
 Ansichreißen von Acker-, Holz- und Grubenland
und die Bestechung des Kongresses und der gesetzgebenden
Körperschaften zur Erlangung von unentgeltlichen Zuwendungen
 öffentlichen Geldes (wie wir es in früheren
Kapiteln überreichlich gesehen haben) lange allgemein
        <pb n="235" />
        — 645

bekannt. Die Gemeinderäte der Städte und öffentliche
Ämter aller Art waren gewöhnlich in den Händen von
Männern, die ihre Stellungen dazu benutzten, sich unrechtmäßige
 Einkünfte zu verschaffen. Bestochen, oder auf
andere Art dazu gebracht, besondere Freibriefe und Privilegien
 zu gewähren, oder bei Betrügereien strafbare Nachsicht
 zu üben, verließen viele dieser Männer Ämter, die
nur bescheidene Gehälter brachten, mit einem Vermögen.

Die kolossalen Holzdiebstähle

Die ungeheuren Waldaneignungen in Minnesota und
andern Staaten und Territorien und die Bestechung öffentlicher
 Beamten, die bei diesen Diebstählen ein Auge zudrücken
 sollten, waren ein Beispiel des weitverbreiteten
und alles durchdringenden Betrugs.
Der Kongreß hatte ein ausdrückliches Gesetz erlassen,
das Verheerungen in den Staatswaldungen untersagte und
für jede Verletzung dieses Gesetzes eine Geldstrafe von
nicht weniger als dem dreifachen Werte des geschnittenen,
zerstörten oder fortgeschafften Holzes und Gefangenschaft
bis zur Dauer von zwölf Monaten festsetzte. Dieses Gesetz
wurde von einzelnen Holz- Kapitalisten oder Holz-Korporationen
 mit Erfolg unbeachtet gelassen oder umgangen.
 In einem langen, behördlich bestellten, an den
Minister des Innern der Vereinigten Staaten, Robert
Mc Clelland, am 12. Februar 1854 eingesandten Bericht
meldet James B. Estes, U. S. Holz-Kontrolleur für Iowa,
Minnesota und den westlichen Distrikt von Wisconsin,
daß allein in einem Teil Minnesotas — dem Black-River-Distrikt
 — mehr als zweihundert Millionen Fuß
Nadelholz geschnitten und fortgebracht worden waren.
„Am Black River,“ so schreibt Estes, „sind sechzehn
Holzzurichtungswerke bis zum letzten Jahre mit Baumstämmen,
 die den Staatsländereien entnommen wurden,
versorgt worden).

1) Executive Documents, First Session, Thirty-third Congreß, 1853—1854
Bd. 24, Doc. Nr. 113, 8,
        <pb n="236" />
        _— 646 —

„An den Chippewa- und Red Cedar- oder Menominee-Flüssen
 besteht derselbe Zustand der Verwüstung und ist
sine Reihe von Jahren fortgeführt worden. Es liegen auch
an diesen Flüssen und an ihren Nebenflüssen acht Sägemühlen,
 die zweifellos im Durchschnitt mehr als zwei
Millionen Fuß jährlich schneiden. Die Menge der in allen
diesen Mühlen geschnittenen Hölzer ist klein, wenn man sie
der tatsächlichen Verwüstung auf den Staatsländereien
zegenüberstellt, da jetzt, wie schon jahrelang, ein sehr
ausgedehntes Geschäft im „Holzfällen“ zur Versorgung
der stromab gelegenen Handelsplätze des Mississippi betrieben
 wird?).“
„An einigen Flüssen außer den genannten,‘ fügt Estes
hinzu, „lagen neunzehn Sägemühlen mit Dampf- und
Wasserkraft, die mit Schneiden beschäftigt sind und zweifellos
 jährlich vierzig oder fünfzig Millionen Fuß Bauholz
verarbeiten. Dazu kommt, daß es einen großen Floßholzhandel
 den Mississippi hinunter nach St. Louis und andern
tiefer gelegenen Handelsplätzen gab?).“

Bestechung von Beamten

Diese ungeheure Menge Holz war fast ganz gestohlen.
Gewöhnlich wurden die Holzkontrolleure der Regierung
bestochen, um bei diesem kolossalen betrügerischen Treiben
ein Auge zuzudrücken, und zu andern Zeiten wurden sie
ebenso bestochen, um für unbedeutende Zahlungen an die
Regierung Genehmigungen oder Erlaubnisscheine (deren
Verkauf ihnen gesetzlich nicht zustand) zum Schneiden von
Holz von den Staatsländereien zu verkaufen. Estes berichtete,
daß er einundzwanzig Anklagen gegen einige dieser Holzdiebe
 veranlaßt habe und daß sich unter der Zahl der auf
seine Veranlassung Angeklagten. auch Stunton, ein früherer
Holzkontrolleur der Vereinigten Staaten, befand, „da er
ein Mitschuldiger jener Übertreter war, insofern er an einzelne
 Personen Erlaubnisscheine zum Schneiden und zum
Verwüsten verkauft habe.“

}) Executive Documents, First Session, Thirty-third Congreß, 1853—1854,
Bd. 24, Doc. Nr. 113, 8. 2) Ebenda, 3) Ebenda, 9.
        <pb n="237" />
        — 647 —

Dieses System enormen Diebstahls war so tief eingedrungen,
 daß, wenn ein ehrlicher Regierungsbeamter den Versuch
 machte, das Gesetz durchzuführen, alle Holzinteressenten
 ihn und sein Vorhaben zu diskreditieren und seine
Absetzung herbeizuführen suchten.

Die Geschichte einer von Hill erworbenen Eisenbahn!)

Die versuchte widerrechtliche Aneignung öffentlichen
Landes in Minnesota nahm im Jahre 1854 ihren Anfang,
als durch Lobbyisten im Kongreß mit Hilfe von Bestechungen
 ein Gesetz durchgebracht wurde, das der Minnesotaund
 Northwestern - Eisenbahngesellschaft auf Umwegen
neunhunderttausend Morgen öffentlichen Landes verlieh.
Der darauffolgende öffentliche Skandal erzwang den Widerruf
 jenes Gesetzes. Aber andere Gesetze wurden im Jahre
1857 mit Hilfe desselben erprobten Bestechungsverfahrens
im Kongreß durchgebracht, die, zwar indirekt, aber tatsächlich
 verschiedenen Eisenbahnkorporationen ein Geschenk
 von sechs Millionen Morgen Staatsland in Minnesota
machten.
Eine dieser am 3. März 1857 genehmigten Maßnahmen
des Kongresses gewährte dem "T’erritorium von Minnesota
zum Besten der Minnesota and Pacific Railroad Company
eine große Landbewilligung. Die weitere Geschichte dieser
Eisenbahn ist früher ausführlich beschrieben worden,

Hill beginnt, wo Sage aufhört

Hill und seine Gesellschafter begannen, wo Sage aufhörte.
Hill sah, daß die Gelegenheit vorhanden war, für beinahe
nichts eine fünfhundert Meilen lange Eisenbahn und eine
Landbewilligung von mehr als zwei und einer halben
Million Morgen zu erlangen. Wie stellte er es an? Nach
Farleys wiederholten Darlegungen bei späteren gerichtlichen
 Verhandlungen hatten Hill und Norman W. Kittson
mit ihm (Farley) eine strafbare Verabredung getroffen,
1) Executive Documents, First Session, Thirty-third Congreß, 1853—1854,
Bd. 24, Doc. Nr. 113, 9.
        <pb n="238" />
        um die Gerichtshöfe der Vereinigten Staaten zu betrügen,
and gleichzeitig verabredete Kennedy mit ihm einen Betrug
 der holländischen Aktionäre. Hill bestritt diese Angaben,
 aber Farley stellte in vielen gerichtlichen Verhandlungen
 immer wieder dieselben Behauptungen auf).

Das Verfahren, durch welches die Herrschaft erlangt wurde

Farley war ein unwissender, kaum des Lesens und Schreibens
 kundiger Mann, der in Iowa etwas von den Eisenbahnen
kennen gelernt hatte, und seine Habgier war wohlbekannt.
Daß er zum behördlichen Verwalter von Kennedy gewählt
oder vielmehr dem Gerichtshof empfohlen wurde, wird in den
Sitzungsprotokollen der Gerichtshöfe bestimmt versichert 3).
Zweifellos wurde er von Kennedy infolge einer geheimen
Abmachung gewählt, da es bekannt war, daß er sich als ein
geschmeidiges Werkzeug erweisen würde. Wenn man
Farleys eigene beschworene Aussagen gelten lassen kann,
sollte er die Geschäfte der Eisenbahn schlecht leiten, damit
der Preis der Obligationen herabgedrückt würde; und er
sollte Hill und Kittson von jedem neu unternommenen
Schritt unterrichten. Zur rechten Zeit sollten Hill und Kittson
 vortreten und die Herrschaft über die Eisenbahn erlangen.
 Weder Hill noch Kittson besaßen das nötige Geld
dazu, aber nach Farley sollten sie jemand, der das Kapital
liefern würde, zwei Fünftel oder vierzig Prozent Zinsen
zeben. Farley behauptete, daß in diesem Abkommen
ferner dafür gesorgt war, daß drei Fünftel oder sechzig
Prozent Zinsen für ihn selbst und für Hill und Kittson
reserviert werden sollten — ein Fünftel für jeden der
Drei3).
Die allerwichtigste Sache war, im Hinblick auf den Erlaß
 der gesetzgebenden Körperschaften von Minnesota,
der die Privilegien und Landbewilligungen mit Verfall
bedrohte, der sofortige Bau der Verlängerungen. Aber
1) Farley vs. St. Paul, Minneapolis and Manitoba Railroad Company, Federal
Reporter, 14, 114—118; United States Reports, Bd. 19, 303—318; Farley vs. Hill,
Federal Reporter, 39, 513—522; Farley vs. Norman W. Kittson et al., Minnesota
Reports, 27, 102—107. 2%) Federal Reporter 39, 516. 2%) Farley ve. Norman
W. Kittson et al., Minnesota Reports 27, 102.
        <pb n="239" />
        wer würde das Kapital für diesen Bau liefern? Kittson
brachte zwei befreundete kanadische Landsleute herbei —
George Stephen, den Direktor der Bank von Montreal,
und Alexander Donald Smith, der mit der Hudson Bay
Handelsgesellschaft lange Zeit assoziiert war. Woher Stephen
und Smith die Millionen Dollar nahmen, die sie jetzt vorstreckten,
 ist niemals klar dargetan worden. Es wurde lange
Zeit, unter anderen von wenigstens einem verantwortlichen
Mitgliede des kanadischen Parlaments, hartnäckig die Beschuldigung
 erhoben, daß Stephen, Smith und ein gewisser
Angus ohne Wissen ihrer Mitdirektoren aus der Bank von
Montreal 6 Millionen Dollar herauszogen, um das Unternehmen
 damit zu finanzieren. Soweit es sich um einen
dokumentarischen Beweis für diese Behauptung handelt,
ist nichts gefunden worden; es mag einer vorhanden sein,
aber wir sind nicht imstande gewesen, ihn zu entdecken.

Hill und seine Clique erlangen die Eisenbahn

Der Feldzug, um die Herrschaft über die Eisenbahn zu
erlangen, war nun ziemlich beendet. Die verschiedenen,
in dem Rechtstitel der Eisenbahngesellschaft enthaltenen
Besitzungen waren in verschiedenen Hypotheken, die sich
im ganzen auf 28 Millionen Dollar in Obligationen beliefen,
 verpfändet worden. Hill und seine Partner kauften
diese 28 Millionen Dollar Obligationen zu einem lächerlich
niedrigen Preise auf, in einzelnen Fällen beträchtliche Massen
nur zu drei Prozent ihres Wertes. Die Preise schwankten
 sonst zwischen dreizehneinviertel bis fünfundsiebzig
Prozent ihres Pariwertes!). Aber Hill und seine Partner
hatten es nicht nötig, sofort bar zu bezahlen. Die Obligationen
 wurden hauptsächlich unter der Voraussetzung gekauft,
 daß sie erst nach der Reorganisation der Eisenbahn
bezahlt werden sollten.
Das Geld, das wirklich ausgegeben wurde, wurde in
eifrigen Anstrengungen dazu verwandt, die Verlängerungen
zu bauen und so dem Verwirkungsgesetz zuvorzukommen.,
„Unter diesen Umständen,“ so berichtete das Gerichts-1)
 Federal Reporter, 39, 516.
        <pb n="240" />
        650 —

protokoll, „eilte der behördliche Verwalter auf Veranlassung
 von Mr. George Stephen und andern großen Obligatonsinhabern
 (James J. Hill, A. Donald Smith und
Norman W. Kittson) vor Gericht und erlangte am 18. April
1878 eine Verfügung, die ihm die Berechtigung erteilte,
Schuldverschreibungen zur Vollendung der Verlängerungsstrecken
 auszugeben 1)“,
Mit gerichtlicher Vollmacht baute Farley mit den
von der Hill-Stephen-Vereinigung vorgestreckten Kapitalien
 einhundertfünfundzwanzig Meilen Eisenbahnstrecke
bei 1016 300 Dollar Gesamtkosten. Diese Verlängerung
schaffte eine zusammenhängende Eisenbahnverbindung
zwischen St. Paul und dem kanadischen Eisenbahnnetz
in Manitoba.
Nur noch eine Sache war nötig, um die ganze Eisenbahnlinie
 aus der Oberaufsicht des Gerichtshofes in unbeschränkten
 privaten Besitz zu bekommen. Dies war ein
Erlaß, der die Hypotheken für verfallen erklärte. Am
11. April 1879 wurde eine endgültige Verfügung, die dieser.
Verfall aussprach, erlassen, und am 14. Juni 1879 wurde die
Bahn an die St. Paul, Minneapolis und Manitoba-Eisenbahngesellschaft
 verkauft. Diese Gesellschaft hatten Hill und
seine Verbündeten einen Monat vorher zu dem ausdrücklichen
 Zwecke gegründet, die in Konkurs geratene Linie
aufzukaufen. Die Gesamtkosten für die Hauptlinien und
die Erweiterungen der St. Paul and Pacific in beiden Abteilungen
 betrugen 6 780 000 Dollar. Aber die Hill-Clique
war nicht genötigt, diese Summe bar zu zahlen. Es wurde
ihr gestattet, Schuldverschreibungen des behördlichen Verwalters
 und Obligationen als Bezahlung für den Kaufpreis
anzubringen.

Vorteilhafter Kauf

Farley sagte später, daß die so für 6 780 000 Dollar verkaufte
 Eisenbahn wenigstens 15 Millionen Dollar wert
war, und gab damit seine verbrecherische Mitschuld zu,
"y John Kennedy et al. vs. The St. Paul and Pacific Railroad Company et alı,
Dillon’s Ciruit Court Reports, 1879—1880, 5, 527,
        <pb n="241" />
        61 —

an einem heimlichen Abkommen beteiligt zu sein (wie er
beschwor), durch welches ein solcher Verkauf auf betrügerische
 Weise vorbereitet worden war. In dem Prozeß des
Jahres 1880 von Wetmore gegen die St. Paul und Pacific-Eisenbahngesellschaft
 auf Aufhebung des Verkaufs schätzte
Richter Miller den Wert der fünfhundertfünfundsechzig
 Meilen Eisenbahn und der 2 586 606 Morgen Land
auf 20 Millionen Dollar oder mehr!). In der Tat brachte
allein ein Teil der Landbewilligung, abgesehen von dem
Eisenbahnbesitz selbst, der Gesellschaft Hill &amp;amp; Co. mehr als
das Doppelte der Summe, die sie für das ganze Besitztum
gezahlt hatten. Unmittelbar nach dem Zwangsverkauf
schlugen sie den größeren Teil der Landbewilligung für
13 068 887 Dollar los.
Einige Jahre vorher war Hill ein armer Mann; vielleicht
besaß er einige Tausend Dollar. Das beschriebene Verfahren
 machte ihn sofort zum Millionär. Er und seine Gesellschafter
 besaßen nicht nur die Eisenbahnobligationen,
sie verteilten auch das Aktienkapital unter sich. Hill und
Kittson erhielten je 57 646 Stammaktien und die andern
Mitglieder der Vereinigung ihren Anteil. Dazu kam, daß
sie in anderer Weise viel gewannen?). Sobald die Eisenbahn
sicher in ihrem Besitz war, begannen sie mit dem üblichen
Verfahren einer ausgedehnten Neuemission von Aktien.

Der behördliche Verwalter schwört, daß er in geheimem
Einvernehmen war

Farley war bitter enttäuscht, daß er nichts von der Beute
erhielt. Er war so fest entschlossen, das zu erhalten, was,
wie er behauptete, sein Anteil war, daß er sich nicht
scheute, seinen Verrat an seiner Pflicht als behördlicher Verwalter
 öffentlich bekannt zu machen. Er prozessierte vor
dem Obersten Gerichtshof von Minnesota gegen Kittson,
Hill usw. und behauptete, daß er nach der Abmachung
ein Fünftel des Aktienkapitals der Eisenbahn erhalten
sollte und ein Fünftel alles dessen, was Kittson, Hill und die
1) Dillons Circuit Court Reports, 1879—1880, 5, 531. 2) United States
Reports, Bd. 120, 308.
        <pb n="242" />
        — 652 —

andern Mitglieder der Vereinigung als Resultat des geheimen
 Einverständnisses sonst an Papieren und anderem
Eigehtum erworben hatten. Das war ein sehr kühner
Grund zur Erhebung einer Klage. Farley konnte keine
schriftliche Abmachung vorzeigen, und Richter Gilfilla
entschied im Oktober 1880, daß er sein Recht nicht bewiesen
 habe?).
Gleichzeitig verklagte Farley die St. Paul, Minneapolis
und Manitoba-FEisenbahngesellschaft bei dem Bundesgericht
 der Vereinigten Staaten. Die Anwälte der Verteidigung
 begründeten — was interessant zu verzeichnen
ist — ihren Haupteinwand zur Abweisung der Klage
damit, daß ein Gerichtsbeamter, der seine Pflicht verraten
 habe, keine Stellung vor Gericht habe. In diesem
besonderen Einwand stimmten die Richter Treat und Nelson
 überein. Ihre im Jahre 1882 abgegebene Entscheidung
lautete zu einem Teile:
„Gerichtshöfe werden und sollen nicht zur Vermittlung
 dienen, damit Betrügereien in irgendeiner Hinsicht
anerkannt oder unterstützt werden. Sie werden ein verwickeltes
 Gewebe von Betrug nicht zugunsten irgendeiner
 davon umgarnten Person, durch deren Mitwirkung
das Gewebe ersonnen wurde, entwirren. Dies muß besonders
die Regel sein, wenn ein verpflichteter Beamter eines
Gerichtshofes, der sowohl eine Berater- wie eine Vertrauensstellung
 hat, die Hilfe des Gerichtshofes nachsucht, um
angebliche Bundesgenossen zu zwingen, mit ihm die
Beute zu teilen, die sie durch seine Verheimlichungen
and Täuschungen, seine Pflichtverletzung also, erworben
haben ?).“

Der Gerichtshof bestätigt im wesentlichen die Beschuldigungen

Dann folgten Teile der Gerichtsentscheidung, die Farleys
Behauptung, daß er sich auf eine böswillige Verabredung
geheimen Einverständnisses mit Hill, Kittson, Stephen,

1) Minnesota Reports, 27, 102—107.
?) Federal Reporter, 14, 114—118.
        <pb n="243" />
        653 —

Smith usw. einerseits und Kennedy anderseits eingelassen
habe, tatsächlich bestätigten. „Der Kläger,‘ fuhr das
Protokoll fort, „entwarf einen Plan, um das große Eisenbahngeschäft,
 das zu schützen seine Pflicht war, zum Zusammenbruch
 zu bringen. Dadurch, daß er unter diesen
Umständen an seiner Pflicht zum Verräter wurde, ist,
nach seiner Auffassung, diese ungeheuer große Eisenbahnbesitzung
 erworben und ein Gewinn von 15 Millionen
Dollar oder mehr gemacht worden).
Der Gerichtshof sagte weiterhin, daß Farley für seinen
Treubruch einen Teil der Beute erhalten sollte und daß
seiner Klage der Umstand zugrunde lag, daß seine Verbündeten
 den betrügerischen Kontrakt nicht anerkannt
hätten. Da sie sich weigerten, die Beute zu teilen, hatte
er die Hilfe des Gerichts nachgesucht, um sie dazu zu
zwingen — eine sehr seltsame Forderung, sagt das Protokoll,
für die Entscheidung irgendeines Gerichtshofes. Was
Kennedys Rolle bei dem Unternehmen betrifft, so stellt
das Protokoll fest: „Es wird indessen auch. die Beschuldigung
erhoben, und man mag dies immerhin als richtig unterstellen,
 daß Mr. Kennedy, der Agent des Amsterdamer
Komitees, von dem Kläger (Farley) während der Durchführung
 des Planes benachrichtigt wurde, daß er, der Kläger,
im geheimen seine Pflicht verletze?).‘“ Das Protokoll schloß
damit, daß es sagte, Farleys Veranlassung zum Prozeß
gründe sich auf „angeborene Verderbtheit“ und die Gerichtshöfe
 würden keinen solchen Prozeß als rechtskräftig
anerkennen ?).

Farley besteht auf seinem Beuteanteil

Farley brachte den Fall bis vor den Obersten Gerichtshof
 der Vereinigten Staaten. Dieser Gerichtshof entschied
im Oktober 1886, daß der in dem Unteren Gerichtshof
vorgebrachte Einwand ungenügend sei, insofern er keine
Untersuchung der Tatsache angestellt habe. Der Fall

1) Federal Reporter 14, 117.
2) Ebenda. 8) Ebenda. 117,
        <pb n="244" />
        654 —

wurde mit Anweisungen für eine neue Untersuchung an
das Untergericht zurückverwiesen!).
Der Prozeß kam daher wieder vor das Bundesgericht der
Vereinigten Staaten in St. Paul, diesmal im September 1889.
Die Darstellung des Falls durch diesen Gerichtshof lautet:
„Im Jahre 1876 war der Kläger, Farley, eingesetzt von
diesem Gerichtshofe, behördlicher Verwalter des Eigentums
der St. Paul und Pacific-Eisenbahn und auch Hauptleiter
der Linien der ersten Abteilung der St. Paul und Pacific-Eisenbahngesellschaft
 ... Mehrere Serien Hypothekenscheine,
 zum großen Teil in holländischem Besitz, waren
im Verkehr. Der Kläger behauptet, daß er und die Verklagten
 Kittson und Hill ein Abkommen trafen, um diese
Obligationen oder den größten Teil davon zu erwerben
und sie bei Verfallserklärung der Hypotheken zur Erwerbung
 der Eisenbahn zu benutzen. Die Verklagten
sollten das dazu nötige Kapital liefern und der Kläger Tatsachen,
 Informationen. und Beistand. Sicher ist, daß die
Obligationen von den Verklagten Hill und Kittson und
zwei Genossen gekauft wurden, die Verfallserklärung ausgeführt
 und der Eisenbahnbesitz erworben wurde?).“
Es fragte sich nun, erklärte der Gerichtshof, ob ein solches
Abkommen getroffen worden sei und, wenn es getroffen
worden sei, ob es gegen die öffentliche Wohlfahrt verstoße.
Farley sagte aus, daß ein mündliches Abkommen getroffen
 sei, und seine Aussage wurde durch seinen Sekretär
Fisher bestätigt. Hill leugnete es, und was Kittson betraf,
so war er gestorben, ehe seine Aussage entgegengenommen
werden konnte. Verschiedene Briefe aus Farleys Korrespondenz
 mit der Bankfirma John S. Kennedy &amp;amp; Co.
wurden dem Gericht vorgelegt und den gerichtlichen
Protokollen eingefügt. Einer dieser, von Farley am 23. Mai
1879 an John S. Barnes, ein Mitglied der Firma Kennedy,
geschriebenen Briefe lautete:
„Seit der Wahl von Bigelow und Galusch als Direktoren
der neuen Gesellschaft, Männern ohne Geld, Eisenbahnerfahrung
 oder Einfluß, und nach meiner Kaltstellung bin ich
zu dem Schluß gezwungen, daß meine Zeit und Ansprüche
?) United States Reports, Bd. 120, 303—318. 2) Federal Reporter, 24, 514.
        <pb n="245" />
        6655

bei der St. Paul und Pacific vorbei sind, ich erwartete
Besseres von Hill und Kittson. Ich sprach mit Jim Hill
gestern abend. Er leugnet, daß er irgendwelche Absicht
habe, meine Ansprüche unbeachtet zu lassen, aber er ist
solch ein Lügner, man kann ihm nicht glauben. Jeder
Mensch in St. Paul wundert sich, wie Jim Hill Mr.
Stephens behandelt. Er ist allgemein als der größte
Lügner im Staate bekannt. Mr. Kittson hat mir immer und
immer wieder gesagt, Jim Hill sei der schlechteste Mensch,
den er jemals gesehen habe. Upham, P. H. Kelly, Thompson
 und tatsächlich jeder Bürger in St. Paul, wenn sie sich
nur frei aussprächen, würden alle . dieselbe Geschichte
erzählen. Du mußt mich nicht tadeln, wenn ich versuche,
mit Jim Hill klar zu werden, ehe ich hier fortgehe?).“
Bei der Entscheidung des Falles sagte Richter Brewer,
er glaube nicht, daß solch ein Abkommen getroffen
worden sei, und er gründete seinen Glauben auf folgende
eigentümliche und sehr amüsante Erwägung: „Ist es
wahrscheinlich,“ schreibt er über Farley, „daß ein Mann
in einer solchen Lage, mit seinen jahrelangen Erfahrungen
in Zwangsverkäufen von Eisenbahnen und mit solcher
Verpflichtung den Inhabern von Obligationen gegenüber
sich auf ein geheimes Abkommen mit einer dritten Partei
zum Aufkauf der Obligationen einlassen würde — auf ein
Abkommen, bei welchem es in seinem Interesse liegen
würde, den Marktpreis der Obligationen herunterzudrücken?
Ist es wahrscheinlich, daß ein solcher Mann mit Überlegung
 einen Schatten auf den Bericht über sein Leben
werfen würde?“ usw. usw.?). Natürlich nicht.

3) Federal Reporter, 34, 521. Einer von Hills Lobrednern schrieb in einer im
ganzen sehr überschwenglichen „Biographie“, die in der New Yorker „Tribune““
in der Nummer vom 7%. April 1907 veröffentlicht wurde, folgendermaßen über
Hill: „Mr. Hill hat im Nordwesten den Ruf, ein sehr harter Geschäftsmann zu sein...
Er hat niemals mit irgend jemand Geduld gehabt, der nicht unermüdlichen Fleiß
und Selbstverleugnung an den Tag legte. Aus diesem selben Charakterzug ist bei
den Eisenbahnleuten die Überzeugung entstanden, daß ‚Jim‘ Hill der härteste
Mann im Geschäft ist, für den man arbeiten kann. Für ihn hat es nie eine Ruhezeit
gegeben. Gerade jetzt ist er, wenn Arbeit zu tun ist, in den Nächten und an Sonntagen
 tätig. Mit denjenigen seiner Angestellten, die es nicht vergessen konnten,
daß e8 so etwas wie Geschäftsstunden und Feiertage gibt, ist nie lange gefackelt
worden.“ 2) Federal Reporter, 39, 516.
        <pb n="246" />
        — 656 —

Wieder brachte Farley den Fall vor den Obersten Gerichtshof
 der Vereinigten Staaten. Dieser Gerichtshof hielt
im Oktober 1893 die Entscheidung des Bundesgerichts, daß
Farley seinen Anspruch nicht bewiesen habe, aufrecht?).
Nach dreizehnjährigem Rechtskampfe war Farley nicht
imstande, einen einzigen Dollar einzutreiben.

Hill und seine Partner werden große W. ürdenträger

Von den Männern, die, wie Farley behauptete, mit ihm
zine böswillige Verabredung getroffen hatten, oder von
denen man behauptete, daß sie aus seiner Pflichtverletzung
Nutzen gezogen hatten, wurde Hill der große Multimillionär-Selbstherrscher
 des Nordwestens, und Stephen und
Smith erhielten von der britischen Krone den Adel —
Stephen als Lord Mount Stephen, Ritter des Großkreuzes
des Königlichen Viktoria-Ordens usw., und Smith als Lord
Strathcona, Ritter des Ordens von St. Michael und St.
George?) usw. Kennedy erhob sich zu der Stellung eines
Multimillionärs; als er am 31. Oktober 1909 starb, hinterließ
 er ein auf 30—60 Millionen geschätztes Vermögen, zu
welchem Aktien der Great Northern-Eisenbahn im Werte
von sieben Millionen Dollar gehörten, die zum größten
Teil gerade zu der Zeit erworben ‚worden waren, als er
seine Klienten, die holländischen Kapitalisten, betrog. Er
besaß auch 10 Millionen Aktien der Northern Pacific-Eisenbahn,
 die er ungefähr zu der Zeit erwarb, als die Northern
Pacific-Eisenbahngesellschaft, wie wir sehen werden, vom
Kongreß durch Bestechung große Landbewilligungen erlangte
 und dem Staatsgute ausgedehnte Minerallager stahl.
In den späteren Jahren seines Lebens gab Kennedy einige
wenige Millionen für „Philanthropische Zwecke“ her und
wurde als „ein großer Philanthrop“ gepriesen, Sein Testament
 enthüllte, daß er philanthropischen und Erziehungsanstalten
 mehrere Zehnmillionen vermachte.
Dieses nur als vorübergehende Erklärung. Um jedoch
mit der Geschichte von Hills Vermögen fortzufahren:
Hill und seine Gesellschafter erwarben weitere Privilegien
1) United States Reports, Bd. 150, 572—577. ?) Siehe: „Burke’s Passage“.
        <pb n="247" />
        O67 —

und besondere Gesetze, bauten Ergänzungsbahnen und bildeten
 aus den Eisenbahnen, die sie erworben, und aus den
Erweiterungen, die sie gebaut hatten, die Great Northern
Eisenbahn. Die gesetzgebenden Körperschaften des Nordwestens
 wurden mit Bestechungsgeldern überschüttet, wenn
auch niemals ausdrücklich bewiesen worden ist, daß Hill
sie verteilt hatte. Die ganze Zeitungspresse erhielt Unterstützungen,
 und große und kleine Städte und Kreise
wurden bewogen, Dotationen und Freiheiten aller Art zu
gewähren. So allgemein war diese Korruption, daß im Jahre
1883 einige dagegen protestierende Mitglieder des Senats
von Minnesota eine Resolution einreichten, die angenommen
 wurde und in deren Begründung es hieß:
„Da der Erwerb und Besitz großer Anteile an Eisenbahnen
 mit staatlicher Landbewilligung, an Staatskontrakten
 und andern von der allgemeinen Regierung unterstützten
 Unternehmungen durch hohe Beamte der Bundesregierung
 solche Beamte in Situationen bringt, in denen
sie den staatlichen Interessen nicht treu dienen können,
ohne ihre Privatinteressen zu opfern; und
„Da das in dieser Weise von öffentlichen Beamten erworbene
 Geld gewöhnlich dazu benutzt wird, die Quellen
politischen Einflusses zu vergiften und den Ausdruck der
wahren Gefühle des Volkes zu verhindern, und
„Da man behauptet, daß bei der letzten Wahl zum Senat
gewisse Mitglieder dieser gesetzgebenden Körperschaften
in ungeziemender und korrupter Weise durch Versprechungen
 von Geld, öffentlichen Ämtern oder anderen wertvollen
 Sachen zugunsten gewisser Kandidaten beeinflußt
worden sind.“
Schließlich verlangte die Resolution die Einsetzung einer
besonderen Untersuchungskommission von sieben Mitgliedern.
 Der Bericht dieser Kommission deutete, obwohl
 er weißwaschend und partelisch war, doch auf einen
schrecklichen Zustand von Korruption hin.“
Die Bedeutung dieser Korruption, die sich mehrere aufeinanderfolgende
 Körperschaften von Minnesota gestatteten,
wird besser verstanden werden, wenn man. unter den zahlreichen
 charakteristischen Episoden eine näher betrachtet.
        <pb n="248" />
        — 668 —

Am ı. März 1877, als die allgemeine Empörung über
die von Russel Sage und seiner Clique ausgeführten Räubereien
 und widerrechtlichen Aneignungen auf dem Höhepunkt
 war, hatten die gesetzgebenden Körperschaften von
Minnesota verfügt, daß die St. Paul- und Pacific-Eisenbahngesellschaft
 kein „direktes oder indirektes‘“ Anrecht auf
irgendwelches Land haben sollte, auf dem sich Ansiedler
mn gutem Glauben niedergelassen hatten. Da ein gewisser
 Tei lder Eisenbahn nicht bis zum November 1878
fertiggestellt worden, waren die Bestimmungen des Konpgreßgesetzes
 vom 22. Juni 1874 verletzt. Dieses Gesetz
hatte den Termin für die Fertigstellung bis zum 3. März
[876 hinausgeschoben; sonst sollte die Landbewilligung
verfallen sein!). Aber der Oberste Gerichtshof der Vereinigten
 Staaten entschied in hilfsbereiter Weise, daß eine
aloße Übertretung der Bestimmungen des Kongreßgesetzes
an sich noch nicht einen Verfall der Landbewilligung mit
sich bringe; entweder der Kongreß oder die gesetzgebenden
Körperschaften von Minnesota müßten ein besonderes
Verfahren zur Erklärung des Verfalls einleiten?). Daher
mußten Hill und seine Gesellschafter vor allem den Kongreß
und die gesetzgebenden Körperschaften von Minnesota
verhindern, ein den Verfall aussprechendes Gesetz zu erlassen:
 und sie hatten Erfolg.

Gewaltsame Vertreibung von Ansiedlern in Dakota

Nachdem Hill die Herrschaft über die St. Paul- und
Pacific-Eisenbahn unter dem Namen der St. Paul, Minneapolis
 und Manitoba-Eisenbahn erlangt und ihren Namen
in Great Northern-Eisenbahn umgewandelt hatte, erhob
er im Jahre 1884 den Anspruch auf fünfundsechzigtausend
Morgen Land in Dakota. Vor dem Jahre 1884 hatte
die Gesellschaft niemals einen Anspruch auf dieses Land
erhoben. Der Anspruch gründete sich auf das alte Landbewilligungs-Gesetz
 vom Jahre 1857, das erlassen war, als

1) Senate Executive Documents, First Session, Fifty-second Congress, 1891
»is 1892, Bd. 5, Doc. Nr. 67. 2?) Case of St. Paul, Minneapolis and Manitoba
Railroad Co. vs. Charles and James Greenlaugh. March 2, 1801.
        <pb n="249" />
        Dakota noch einen Teil von Minnesota bildete. Jahrelang
war das Land an dem Red River in Dakota eine Wildnis
geblieben, bis sich Farmer dort angesiedelt und es in einen
der reichsten Ackerbaudistrikte des Westens verwandelt
hatten. Das Oberlandamt nahm als selbstverständlich an,
daß dieses Land nicht der Eisenbahngesellschaft gehöre,
und hatte den Ansiedlern das volle Besitzrecht gegeben.
Im November und Dezember 1891 herrschte heftige
Aufregung unter den Farmern im Red River-Tal. Die
Great Northern-Eisenbahngesellschaft hatte eine Verfügung
erlassen, die die Farmer zwang, das der Gesellschaft gehörende
 Land bis zum 15. Dezember zu räumen. Diese
Verfügung gründete sich auf eine Entscheidung des Obersten
Gerichtshofes der Vereinigten Staaten, die aussprach, daß
sich die Landbewilligung der Gesellschaft auf das Territorium
 von Dakota erstrecke — jetzt die Staaten North
Dakota und South Dakota!). Diese Entscheidung gab der
Gesellschaft einen Teil des fruchtbarsten und wertvollsten
Gebietes in Dakota. Fraglos war dieses Land, selbst wenn
sich die ursprüngliche Landbewilligung von dem Red River
nach Westen ausgedehnt hätte, nach den Kongreßgesetzen
längst verfallen. Der Oberste Gerichtshof der Vereinigten
Staaten setzte sich jedoch in mehreren aufeinanderfolgenden
 Entscheidungen über die ausdrücklichen Gesetze des
Kongresses hinweg. Die Great Northern-Eisenbahn begann
 darauf mit der gewaltsamen Vertreibung der Farmer
innerhalb ihrer Landbewilligung. Dieser Befehl der Gesellschaft
 traf die Ansiedler wie ein Donnerschlag. Viele
hatten zwanzig Jahre lang auf diesem Lande gewohnt.
Die Ansiedler wandten sich an den Kongreß. Diese
Körperschaft erließ ein Gesetz, das der Eisenbahngesellschaft
gestattete, an Stelle der besiedelten Ländereien ein gleichgroßes
 Landgebiet zu wählen. Dieses Gesetz war, obgleich
es dem Anschein nach zum Besten der Ansiedler erlassen
war, genau das, worauf die Great Northern-Eisenbahngesellschaft
 wartete. Das von der Gesellschaft aufgegebene
Land war kein Mineralgebiet; das Kongreßgesetz setzte

— 659 —

1) United States Reports, Bd. 137, 828,
        <pb n="250" />
        — 660 —

daher voraus, daß die zum Ersatz anderswo gewählten
Ländereien auch kein Mineralgebiet sein sollten. Aber
nachdem der Tausch gemacht war, zeigte es sich, daß die
Gesellschaft die wertvollsten Holzgebiete in Idaho, Montana
und Washington gewählt hatte — Ländereien, die sehr viel
mehr wert waren als die in Dakota —, und daß sich in
ainigen dieser Gebiete unter den Wäldern reiche Minerallager
 befanden. Der Kommissar des Oberlandamtes war
zu jener Zeit, wie wir in einem früheren Kapitel bemerkt
haben, T. H. Carter. Sein gutachtlicher Bericht war für
Hill, den Beherrscher der Politik des Nordwestens, so befriedigend,
 daß die gesetzgebenden Körperschaften von
Montana die Erlaubnis erhielten, Carter in den Senat der
Vereinigten Staaten zu schicken, dessen hervorragendes
Mitglied er jetzt ist.

Hills Eisenerzlager

Hill besitzt persönlich sehr große Eisenerzlager in Minnesota.
 Der Wert dieser Lager wird allgemein auf wenigstens
eine Milliarde Dollar geschätzt. Im Jahre 1906 verpachtete
er an den Stahltrust einen nur kleinen Teil dieser Lager
auf einen Zeitraum von fünfundzwanzig Jahren auf der
Grundlage von Ertragsabgaben, wobei sich die Zahlungen
im ganzen auf mehrere Zehnmillionen Dollar beliefen. Wie
er diese Lager erwarb, ist in den amtlichen Dokumenten
nicht klar ausgesprochen. Wir haben in früheren Kapiteln
gesehen, daß die vom Kongreß verliehenen ursprünglichen
Landbewilligungen, so korrupt auch die Umstände bei der
Durchbringung der verschiedenen Gesetze waren, niemals
Kohlen-, Eisen- oder andere Minerallager einschließen
sollten. Aber auf Grund betrügerischer Auslegungen der
Gesetze durch Landkommissare und Gerichtshöfe wurde
bestimmt, daß Kohlen- und Eisengebiete nicht in die Bedeutung
 des Wortes Mineral eingeschlossen sein sollten.
&amp;amp; Nach Senator Pettigrews Auffassung erwarb Hill große
Eisenlager in Minnesota durch privaten Kauf. Hierfür
besaß er reichliches Kapital, bis zu Hunderten von Millionen
Dollar. Dieses Geld entstammte den St. Paul und Pacific-
        <pb n="251" />
        661 —

Fisenbahngeschäften wiederholter ungesetzlicher Vermehrung
 des Aktienumlaufes und dem aus seinem Eisenbahnnetz
 gezogenen übermäßigen Gewinn — einem Gewinn,
 der für die Leute des Nordwestens schrecklich
drückend war. Senator Pettigrew schreibt über Hills Erwerb
 dieser Eisenlager: „Das Eisen lagerte unter Fichtenwäldern,
 und die Holzgesellschaft hatte einen: Holzweg
angelegt, um die Fichten herauszuschaffen; nachdem
sie die Fichten geschlagen hatte, verkaufte sie den Weg
und das Land zu einem, wie sie glaubte, übertrieben hohen
Preise an Mr. Hill, aber es erwies sich, daß sich unter dem
Lande ausgedehnte Eisenerzlager befanden. Ich glaube,
Mr. Hill schätzt die Gruben auf fünfhundert Millionen
Tonnen?).“ Wenn dieser Bericht wahr ist, kann man mit
Sicherheit annehmen, daß Hill die Art des Landes kannte,
ehe er es kaufte; vom geschäftlichen Standpunkt beurteilt,
war es ein sehr schlaues Unternehmen.
Diese Annahme wird durch die Tatsachen, die in einem
von H. W. Pearson, einem Geologen aus Duluth, gegen
Hill und die Great Northern- Eisenbahngesellschaft am
29. Januar 1901 in St. Paul angestrengten Prozeß aufgedeckt
 wurden, bestätigt. Die Summe, um die es sich bei
dem Prozeß handelte, wurde auf 14 Millionen Dollar
angegeben, den angeblichen Wert des Besitztums, das
Hill und seiner Eisenbahn gehörte und von ihnen in Besitz
genommen war, nachdem Pearson es entdeckt hatte. In

1) In einem Privatbrief an den Verfasser erzählt. In früheren Kapiteln dieses
Buches haben wir gesehen, wie große, den Kanalgesellschaften als angeblich sumpfiges
Gebiet gewährte Landstriche so betrügerisch vermessen wurden, daß sie einige
der allerreichsten Kupferlager im Nordwesten einschlossen. Dasselbe traf für
einige der Landbewilligungen an Eisenbahngesellschaften auf Eisenerzlager zu.
Man kann nicht behaupten, daß denjenigen, die aus diesen Betrügereien Nutzen
zogen, die Tatsache unbekannt war, daß die von ihnen auf so betrügetische Art
erworbenen Ländereien Kupfer- und Eisenerzlager enthielten. Mehrere Berichte
von geologischen Sachverständigen der Regierung hatten die Ausdehnung und
Lage dieser Minerallager beschrieben, Ein umfangreicher Bericht im besonderen
war der von den Regierungsgeologen der Vereinigten Staaten J. W. Foster und
J. D. Whitney erstattete. Er wurde im Jahre 185% veröffentlicht und enthielt
ausführliche Beschreibungen üb:r die besondere Art der Mineralgebiete. Er
beschrieb besonders die Eisenerzlager in der Gegend des Lake Superior als solche
von beinahe beispielloser Reinheit. — U. S, Senate Documents, Special Session,
32. Congress, 1851, Bd. III, Doc. No. 4.
        <pb n="252" />
        — 662 —

seiner Klage behauptete Pearson, daß diese Minerallager
von ihm auf einen Kontrakt mit Hill hin, wonach er
— Pearson — einen Anteil an dem Gewinn haben sollte,
festgestellt worden seien. Pearson behauptete weiter, daß
er im Jahre 1896 von Hill angestellt worden sei, um Kohlenund
 Eisenlager in den Staaten Washington und Montana
festzustellen, daß er die Lager gefunden habe, daß unter
seiner Leitung das Hillsche Geschäft Tausende von Morgen
wertvollen Landes erwarb und daß er, als er seinen Anspruch
 auf einen Anteil geltend machte, beiseite geschoben
wurde. Von der endgültigen Entscheidung in diesem
Prozeß erscheint kein Protokoll in den zugänglichen gezichtlichen
 Dokumenten.
Wenn jedoch die von der Great Northern-Eisenbahn
zur Aneignung von Mineralländereien benutzten Methoden
dieselben waren, die die Northern Pacific-Eisenbahn anwandte,
 dann ist ihre Art klar. Die zuletzt genannte Eisenbahn
 gehörte ursprünglich nicht Hill, aber jetzt haben er
und die mit ihm Verbündeten sie in ihrem Besitz. „Das
Reinergebnis,“ sagt Moody, „des Ringes der Northern
Pacific-Bahn und des Northern Securities-Zwischenfalles?)
bestand darin, daß die Hill-Interessenten in unbestrittener
Herrschaft über die drei großen Eisenbahnnetze bleiben,
die jetzt als Hill-Besitz bezeichnet werden, nämlich über
die Northern Pacific, die Great Northern und die Chikago,
Burlington und Quincy, die zusammen über 18 000 Meilen
Eisenbahnlinien darstellen?).“

Die Northern Pacifc-Eisenbahn

Die Northern Pacific-Eisenbahn erhielt ihre Privilegien
im Jahre 1864. Durch ein Kongreßgesetz vom 2. Juli dieses
Jahres erhielt sie das Wegerecht durch öffentliches Gebiet,
das Recht, den Staatsländereien Baumaterial zu entnehmen,
und ein ungeheuer großes Gebiet der öffentlichen Ländereien
 in Montana, Idaho und andern Teilen des N ordwestens.
Diese enormen Privilegien und Bewilligungen wurden ihr

?) In einem der Kapitel über J. Pierpont Morgan beschrieben.
1) „The Romance of the Railways“, „Moody’s Magazine“, Julinummer 1908, 17.
        <pb n="253" />
        662 —

zu eben derselben Zeit erteilt, als die Union Pacific-Eisenbahn
 und andere mit Landbewilligungen und Subsidien
ausgestattete Eisenbahngesellschaften den Kongreß bestachen.
 Alles in allem erhielt die Northern Pacific-Eisenbahn
 ungefähr 57 Millionen Morgen öffentlichen Landes.
Was dann in der Geschichte der Northern Pacific-Eisenbahn
 folgt, war dasselbe wie bei allen andern Eisenbahnen.
Sie wurde nacheinander von verschiedenen Kapitalistengruppen
 ausgeplündert. Einer der Kapitalisten, der die
Northern Pacific-Eisenbahn einige Jahre lang machtvoll
beherrschte, war Henry Villard, ein Mann von bemerkenswertem
 Charakter und Unternehmungsgeist. Verschiedene
kapitalistische Parteien bekämpften ihn heftig und suchten
ihn aus der Herrschaft über die Northern Pacific-Eisenbahn
und andere Eisenbahnen im Nordwesten zu vertreiben.
In seinen „Memoiren“ erzählt Villard von einer machtvollen,
 im Jahre 1889 gegen ihn aufgestellten Vereinigung,
die von Hill und großen Finanzgesellschaften gebildet war.
Vier Jahre später wurde Villard von seinen Gegnern angeklagt,
 große Vorteile dadurch erlangt zu haben, daß er
als Privatperson „halb wertlose“ Eisenbahnen in Manitoba
und sonstigen Gegenden kaufte und sie dann zu enorm
hohen Preisen auf die Northern Pacific-Eisenbahn „ablud“,
die er als Teilhaber der Korporation beherrschte. Soweit
die gerichtlichen Protokolle die Tatsachen andeuten,
scheinen diese Behauptungen zu einem Plane gehört zu
haben, Villards Ruf zu schädigen und seinen Sturz herbeizuführen;
 als über diese Anklagen von den Gerichtshöfen
entschieden wurde, wurde Villard persönlich gerechtfertigt.
 Aber daß der Eisenbahnschatz von früheren
Kapitalistengruppen geplündert worden war, ist vollständig
klar; streitende Parteien machten einander beständig für
Gründungen, Erweiterungen und Unternehmungen verantwortlich,
 die zum großen Teil zu dem besonderen Zweck
ersonnen wurden, sich große Beutemassen anzueignen.
So widersprechend und verwickelt waren diese Beschuldigungen
 und Gegenbeschuldigungen, daß es nicht leicht
ist, die relative, viel weniger noch die absolute Wahrheit
festzustellen. Gewisse kapitalistische Gegner Villards waren
        <pb n="254" />
        — 664 —

wegen ihrer bösen Vergangenheit besonders berüchtigt;
so sehr, daß von ihnen ausgehende Anklagen von der Allgemeinheit
 mit Mißtrauen und zynischer Skeptik aufgenommen
 und von den Gerichtshöfen im besondern aus
materiellen Gründen abgewiesen wurden.
Jahrelang wurde leidenschaftlich gekämpft, um Villard
aus der Herrschaft zu vertreiben.

Große Diebstähle von Mineralgebieten

Während der Zeit, in der verschiedene Kapitalisten die
Northern Pacific-Eisenbahn beherrschten, waren die Diebstähle
 von Mineralgebieten so ausgedehnt, daß sowohl der
Kongreß wie der Staat Montana gezwungen waren, Untersuchungen
 anzustellen. Die Einwohner von Montana
waren über den Anspruch der Eisenbahn auf Land, das die
allerreichsten Gold-, Silber-, Blei- und Kupfergruben, im
besonderen die den Ruhm Montanas bildenden großen
Kupferlager enthielt, sehr erregt. In der Tat waren die
Leute des ganzen Westens tief erregt, denn wenn die Gerichtshöfe
 schließlich das Vorgehen der Northern Pacific-Eisenbahn
 unterstützen sollten, dann konnten alle andern
Pacific-Eisenbahnen den gleichen Anspruch auf alle Gruben
und Minerallager innerhalb ihrer Landbewilligungen
erheben. Schon im Jahre 1890 hatte der Oberste Gerichtshof
 der Vereinigten Staaten eine provisorische Entscheidung
 erlassen, die den Anspruch der Northern Pacific-Eisenbahn,
 daß „nur das Mineralgebiet , das zur Zeit
der Landbewilligung als mineralisch bekannt war‘, von
der Landbewilligung ausgenommen sein solle, unterstützte.

Der Trans-Mississippi-Kongreß, der im Mai und Oktober
1891 in Denver zusammentrat, nahm Resolutionen an, die
erklärten:
„Da dieser Ausspruch des Obersten Gerichtshofes, sollte
er Gesetz werden, die im Besitz von Landbewilligungen
befindlichen Pacific - Eisenbahngesellschaften mit einer
großen Anzahl bester Gruben belehnen würde, die innerhalb
der Grenzen besagter Bewilligungen von Schürfern und
        <pb n="255" />
        — 665 —

Bergleuten entdeckt sind, die sich darauf in gutem Glauben
angesiedelt, sie aufgeschlossen und verkauft haben in dem
ehrlichen Glauben, daß besagte Landbewilligungen sich
auf Ackerland beschränkten, laut den Kongreßgesetzen,
durch die sie verliehen wurden; und
„Da die Bürger der Vereinigten Staaten für die Aufschließung
 von Gruben auf besagten Ländereien, die nach
dem Termin der besagten Bewilligungen entdeckt worden
sind, Millionen Dollar angelegt haben; und
„Da diese neugebildete Auslegung besagter Landbewilligungen
 zur Konfiskation privaten Eigentums und zur
Beraubung einzelner Personen zugunsten besagter Eisenbahngesellschaften
 in einem bisher nicht dagewesenen Umfang,
 sowie zur Einbringung von Klagen führen muß, um
den Wert der bis dahin auf besagtem Lande geschürften
Erze wiederzuerlangen, die, wenn erfolgreich, einen großen
Teil unserer Bürger in Mangel und an den Bettelstab
bringen müssen; und
„Da, wenn besagte Auslegung rechtsverbindlich wird,
sie, zum offenbaren Schaden des Volkes, große Gebiete
Minerallandes dem Markte, entweder zu späterer Erforschung
 oder zum Kaufe, entziehen wird. Daher sei es
„Beschlossen, daß der Kongreß gegen jede Auslegung
der Gesetze der Vereinigten Staaten protestiert, die zu
einem solchen System der Konfiskation im großen und zu
der daraus folgenden Bereicherung großer, die Großmut
der Regierung schon genießender Verbände führen muß,
und die im Kongreß versammelten Vertreter des Volkes
auffordert, schnell und unverzüglich Maßregeln innerhalb
ihres unmittelbaren verfassungsmäßigen Vorrechtes zu ergreifen,
 um diese drohende Gefahr zu zerstören.“
Zur selben Zeit berichtete Martin Maginnis, der Kommissar
 für Mineralland in Montana, an Gouverneur Toole,
daß die

„große Landbewilligung der Northern Pacific- FEisenbahngesellschaft
 sich in einem mit Einschluß des wiedererstatteten
 Landes beinahe einhundertundzwanzig Meilen
breiten und über siebenhundert Meilen langen Gürtel von
der östlichen bis zur westlichen Grenze des Staates Montana
        <pb n="256" />
        — 666 —

erstrecke, Der Kongreß, der diese Korporation ins Leben
rief, gab ihr eine Hälfte der Ländereien in diesen Grenzen,
schloß dabei aber sorgfältig alles Mineralland aus und betonte
 diesen Ausschluß von der Landbewilligung dadurch,
daß er der Gesellschaft für solche Ländereien, die sich
möglicherweise als mineralisch erweisen sollten, Entschädizung
 gewährte. Bis dahin war nur wenig geschürft worden;
man wußte sehr wenig von der Beschaffenheit dieser Ländereien.
 Alle Entdeckungen von Mineralland mußten noch
erst gemacht, die Gruben auf ihm erschlossen und diese
schließlich von der Landbewilligung der Gesellschaft abzesondert
 und die Gesellschaft dafür mit anderem nichtmineralischen
 Lande entschädigt werden.
„Nichts könnte einfacher erscheinen als die Tatsache,
daß der Ausschluß zu der Landbewilligung gehörte und
sinen Teil von ihr bildete und daß spätere Erforschung,
Vermessung und Feststellung notwendig sein würde, um
das nichtmineralische Land, das Eigentum der Gesellschaft
 werden würde, und das mineralische Land, das reserviert
 bleiben sollte, um nach den Bergwerksgesetzen der
Vereinigten Staaten dem Schürfer und dem Bergmann
immer offen zu stehen, zu bestimmen.
„Hätte die Bahn ebensoschnell genau abgesteckt und durch
das Land gebaut werden können, wie das Privilegium beim
Kongreß durchgebracht wurde, so würde es der Zukunft
überlassen geblieben sein, den Charakter des Landes darzutun;
 und hätte die Gesellschaft damals auf Grund einer
fertigen Bahnlinie das ganze vermessene und unvermessene,
unerforschte und bergbaulich ununtersuchte Land beansprucht,
 so würde diese Gesellschaft einfach alles bekommen
haben; denn die Entdeckungen von Mineralien sind alle erst
späterhin gemacht worden. Erst später wurde der dreiste
Anspruch erhoben, daß Gebiete, die damals oder an einem
bestimmten Datum nicht als mineralisch bekannt waren,
deshalb nicht-mineralisch seien und infolgedessen an die
Gesellschaft übergingen.‘“1)
Der Kommissar für Mineralland Maginnis behandelte

!) Annual Report of the Mineral Land Commissioner for the State of Montana,
or the Year Ending November 30, 1891. Helena, Montana, 1892, 3—4,
        <pb n="257" />
        — 667

dann ausführlich das lange Zögern der Unternehmer der
Northern Pacific- Eisenbahn beim Bau der Eisenbahn —
ein Zögern, durch das, wie er schrieb,
„sie einen der Hauptzwecke ihrer Schöpfung und das
anständige Verdienen jenes Teiles ihrer Ausstattung verfehlte,
 der dazu dienen sollte, ihre Fertigstellung wenigstens
fünfzehn Jahre vor der Zeit, als sie zu uns kam, sicherzustellen,
zu uns, die wir in sehnsüchtigem Warten auf ihr Kommen
das Land ohne ihre Hilfe in Besitz genommen, unterworfen
und zum Teil erschlossen haben. Man hat es sich niemals
träumen lassen, daß die Eisenbahngesellschaft zu irgendeiner
 Zeit ihres Daseins einen Anspruch auf die Mineralgebiete
 erheben würde, die von der Bewilligung in der
Bewilligungsakte selbst durch besondere Vorbehalte ausgeschlossen
 waren, Vorbehalte, die von der Bewilligung untrennbar
 und von gleicher Dauer sein sollten wie die Bewilligung
 selbst.
„Der Kongreß hatte kein Tribunal eingesetzt, um zu entscheiden,
 welche Gebiete mineralisch und welche nichtmineralisch
 seien. Er überließ dies der Exekutivabteilung,
welche die Kontrolle über Verkauf, Vermessung und
Klassifikation alles Staatslandes hat. Ein großer Teil des
Landes innerhalb der Grenzen der Bewilligung ist von der
Regierung niemals vermessen oder in irgendeiner Weise
untersucht, einer Schürfung unterworfen oder klassifiziert
worden. Die Arbeit und Mühe des freiwilligen Schürfers
und des Bergmanns haben allein bekannt gemacht, welche
Gebiete mineralisch sind und welche nicht.
„Plötzlich wurde der erstaunliche Anspruch erhoben, daß
alle diejenigen Teile des Landes, die an einem bestimmten
Datum noch nicht als mineralisch anerkannt worden waren,
als nichtmineralisch angesehen und Eigentum der Northern
 Pacific- Eisenbahn werden sollten, trotzdem der
Freibrief selbst ausdrücklich aussprach, daß solche Gebiete
niemals ihr Eigentum werden und daß die Gesellschaft an
ihrer Statt andere Ländereien nehmen sollte, um die Gesamtmenge
 zu erreichen, die sie beanspruchte.
Es ist einleuchtend, daß weder nach Gesetz noch nach
Billigkeit irgendeine Berechtigung zu einem solchen An-
        <pb n="258" />
        — 668 —

spruch bestehen und die Gesellschaft auf Umwegen jene
Ländereien erlangen könnte, die ausdrücklich von der
Bewilligung ausgeschlossen und nach der wohldefinierten
Politik der Vereinigten Staaten, wie sie in ihren Gesetzen
über die Verteilung von Mineralländereien niedergelegt
ist, dem Schürfer und dem Bergmann offen gehalten werden.
 Aber nach gewissen Auslegungen gewisser Fälle durch
einige Gerichtshöfe erhob die Gesellschaft ihre Ansprüche
aicht nur auf die Mineralländereien, sondern auch auf die
Mineralien, die dort gewonnen worden waren. Sie focht die
Bewerbungen um Patente für Gruben an und klagte auf
Rückerstattung der diesen Gruben entnommenen Erze.
„Die Bewohner des Staates wurden allgemein durch den
Verlauf einer Sache, der ihre Interessen mit solchem Unheil
bedrohte, sehr beunruhigt, und da der Staat erkannte,
daß in dieser Beziehung arme Schürfer und Bergleute
ebensowenig wie reiche eine so mächtige Korporation erfolgreich
 bekämpfen könnten, beschloß er, die Sache seiner
Untertanen zu seiner eigenen zu machen; mit diesem Ziel
vor Augen erließen die gesetzgebenden Körperschaften folgendes
 Gesetz‘):
Hier folgten die besonderen Verfügungen dieses Gesetzes,
das die Interessen der privaten Bergleute schützen sollte.
Trotz der Annahme dieses Gesetzes fällten die unteren
Gerichtshöfe, deren Richter vielfach Eisenbahnanwälte
gewesen oder durch den Einfluß der Eisenbahngesellschaft
auf die Richterbank erhoben worden waren, eine Entscheidung
 nach der anderen zugunsten der Northern
Pacific- Eisenbahn. Die Hauptgegner dieser Eisenbahn
waren große Kupfergesellschaften, wie z. B. die Gesellschaft,
 die die große, damals auf 25 Millionen Dollar geschätzte
 Kupfergrube in Anaconda beherrschte. Diese
Gesellschaften hatten ihre Gruben zum großen Teil selbst
durch Betrug erworben. Aber auch Bergleute und Schürfer,
die in keiner Weise mit irgendwelchen betrügerischen
Operationen in Verbindung standen, wurden sehr beunruhigt
 und mitunter auch die große Masse der Einwohner.
Nunmehr nahm im Washingtoner Repräsentantenhaus
1) Annual Report of the Mineral Land Commissioner, usw., 5—6,
        <pb n="259" />
        — 669 —

der Ausschuß für öffentliche Ländereien diese Angelegenheit,
 die vorwiegend die Bevölkerung des Staates Montana
berührte, in die Hand. Villard, als Präsident der Finanzkommission
 der Northern Pacific - Eisenbahn ,* war mit
seinen Anwälten eifrig mit Beweismaterial beschäftigt.
„Mr. Henry Villard,“ so meldete der Bericht Maginnis,
„zog zunächst die Aufmerksamkeit der Kommission auf
sich. Er behauptete auch, daß die Gesellschaft nun vollständig
 im Besitz des Rechtstitels auf die bestrittenen
Mineralgebiete sei. Er betrachtete dies nicht mehr als eine
offene Frage. Der Oberste Gerichtshof könne nur die
zahlreichen schon zugunsten der Eisenbahngesellschaft erteilten
 Entscheidungen bestätigen. Die Eigentumsrechte
der Gesellschaft seien außerhalb des Bereiches der Gesetzgebung;
 aber es läge ihm viel daran, daß diese Streitfrage
erledigt würde. Sie schädige die Bahn und die Grubenindustrie,fund
 er sei bereit, von seiten seiner Gesellschaft
einen Vergleich anzubieten. Er sei autorisiert, der Kommission
 einen Vorschlag zu unterbreiten. Die Gesellschaft
würde diesem Gesetz, der Vermessung und Klassifizierung
zustimmen und den Vereinigten Staaten alle Gebiete, die
so als Mineralland ausgenommen seien, zurückerstatten:
vorausgesetzt, daß die Gesellschaft dafür mit andern
Ländereien entschädigt würde, entweder durch die Erweiterung
 gegenwärtiger Entschädigungsgebiete oder durch
Auswahl sowohl aus den geradzahligen wie aus den ungeradzahligen
 Sektionen innerhalb der Landbewilligung*).“
Die Hauskommission für öffentliches Land berichtete,
daß in die Landbewilligung der Northern Pacific-Eisenbahn
die reichsten und am weitesten erschlossenen Gruben in
Montana und Idaho eingeschlossen seien. „In diese Landbewilligung
 sind auch Millionen Morgen Land eingeschlossen,
die noch nicht vollständig oder überhaupt noch nicht nach
Mineralien durchforscht sind; sie werden aber ... wahrscheinlich
 Minerallager enthalten, die ebenso wertvoll sind
wie nur irgendwelche je entdeckte.“ Die Eisenbahngesellschaft
 behauptete, so hob die Kommission hervor, daß die
rechtskräftige Auslegung der Akte vom Jahre 1864. der Gesell-1)
 Annual Rep., Mineral Land Com., usw., 28,
        <pb n="260" />
        — 670 —

schaft alle Ländereien innerhalb der Schenkung gebe, die
zur Zeit der Akte, oder wenigstens zur Zeit, als die Gesellschaft
 den genauen Entwurf ihrer Route einreichte, nicht
als mineralisch bekannt waren.
„Dies,“ so fährt der Bericht fort „erscheint der Kommission
 als ein höchst merkwürdiger Anspruch... Viele
der wertvollsten Gruben in Montana und die meisten aller
jener in Idaho sind nach dem Jahre 1882 entdeckt worden.
Die Gesellschaft, die mit ihrer ungeheuer großen Landbewilligung
 und andern, besonders von der Regierung. erteilten
 Privilegien nicht zufrieden ist, versucht nun darauf
hin, was im besten Falle eine Förmlichkeit ist, gerade die
Mineralgebiete, die ausdrücklich von der Bewilligung ausgeschlossen
 sind, denen fortzunehmen, die sie entdeckt
und erschlossen haben?).“
Mittlerweile hatte jedoch die Northern Pacific-Eisenbahn
ihr Ziel erreicht. Während die Zeit mit Gerede und Berufungen
 gegen richterliche Entscheidungen hingebracht
wurde, geschah. nach Senator Pettigrew folgendes: „Alle
Kraft in Washington, in dem Land-Department in Washington
 wurde ausschließlich darauf verwandt, diese Patente
 für die Northern Pacific durchzubringen, und wenn
Sie die gerichtlichen Protokolle aufschlagen, werden Sie,
glaube ich, finden, daß der Richter gegen einen von den
Verwaltern gemeldeten Posten von ungefähr 3000 Dollar
Einspruch erhob, der an einen besonders guten Freund
des Landkommissars als Anwalthonorar gezahlt worden
war, um den Erlaß jener Patente zu beschleunigen; auf
diese Art erlangte die Northern Pacific das Recht auf ausgedehnte
 Gebiete außerordentlich wertvoller Mineralländereien
 in den Staaten Montana, Idaho und Washington.
Der Landkommissar war in dieser Sache zweifellos bestochen,
und es herrscht kein Zweifel, daß die Beamten der N orthern
Pacific seine Tätigkeit bei der Erlangung dieser Patente
arkauften.“
„Späterhin,‘“ so fährt Exsenator Pettigrew fort, „ging
im Kongreß ein Gesetz durch, es war, glaube ich, im Jahre
3) House Reports, Fifty-second Congreß, Second Session. 1891— 1892, Bd, 5,
Report Nr. 1145, 1—4.
        <pb n="261" />
        — 671 —

1898, das dafür Sorge trug, daß Inspektoren die an Landbewilligungs-Bahnen
 gelegenen Ländereien untersuchen
und feststellen sollten, welche mineralisch seien und welche
nicht, damit für mineralische Gebiete nach jenem Datum
keine Patente ausgestellt werden sollten; aber das Unheil
war schon fast ganz geschehen?).“
Pettigrews Darlegungen werden jedoch von Villards
Freunden, die den Anspruch erheben, die Sache zu kennen,
bestritten. Sie leugnen, daß die Northern Pacific auf diese
Art Patente erhalten habe. Keine Patente, behaupten sie,
seien während der herrschenden Bewegung von der Eisenbahn
 erlangt oder ihr gewährt worden. Sie fügen hinzu,
daß die vom Kongreß eingesetzte Kommission nur berechtigt
 war, Patente für nichtmineralisches Land auszugeben.
Wenn Bestechung angewandt worden ist, um mineralisches
Land unter dem Vorgeben, daß es nichtmineralisch sei,
zu erlangen, dann sei es nicht wahrscheinlich, daß Villard
persönlich es gebilligt habe.
Ungefähr während dieser Zeit, am 15. August 1893,
machte die Northern Pacific-Eisenbahn bankrott.
Unter dem Vorwande, daß die Eisenbahn in armseliger
finanzieller Verfassung sei, beschnitten die Verwalter die
Löhne der Eisenbahnangestellten. Diese Arbeiter wußten,
daß sie so besteuert wurden, um den Eisenbahnschatz für
einen Teil der von den Finanziers geraubten immensen
Summen schadlos zu halten; sie erhoben jedoch keine offi-1)
 In einem Privatbrief an den Verfasser erzählt. Die Tatsache, daß einflußreiche
Mitglieder des Kongresses gleichzeitig bezahlte Anwälte für Landbewilligungs-Eisenbahnen
 waren und in dieser Eigenschaft im Kongreß wirkten, veraplaßte die
Einbringung einer Vorlage in dem Senat der Vereinigten Staaten am 1. Juni 1886
durch Senator Beck aus Kentucky, wonach es keinem Mitgliede des Kongresses
mehr erlaubt sein sollte, als Anwalt oder Vermittler für irgendeine Eisenbahn, die
vom Kongreß eine Landbewilligung erhalten hat, tätig zu sein. In der Debatte
über seine Maßnahme führte am 22. Juni 1886 Senator Beck aus: „Wird irgendein
Herr darauf bestehen, daß jemand, der der Anwalt irgend einer Eisenbahn ist,
jemand, der in irgendeiner Weise von irgendeiner dieser Bahnen abhängig ist,
wenn diese großen Fragen, bei denen es sich vielleicht um fünfzig oder hundert
Millionen für das mit Steuern belastete Volk dieses Landes handelt, zur Entscheidung
 kommen, die Interessen jener Eisenbahn vertreten soll, deren Geld er in der
Form von Angeld oder Honorar in seiner Tasche hat und der diese Tatsache verbirgt
 und die ganze Zeit behauptet, daß er im Interesse der Vereinigten Staaten
handelt und spricht?“ Natürlich gelang es nicht, die Vorlage zum Gesetz zu
machen.
        <pb n="262" />
        m 672 —

zielle Beschwerde. Als jedoch eine zweite Herabsetzung
der Löhne von fünfzehn bis dreißig Prozent angekündigt
wurde, beschlossen die Arbeiter, es nicht zu dulden, daß
sie um des erschöpften Zustandes des Eisenbahnschatzes
willen leiden müßten.
Aber die Justiz war schnell dabei, das Gesetz in rechtswidriger
 Weise so zu dehnen, daß den Arbeitern verboten
wurde, in einen Streik einzutreten. Als die Arbeiter der
Northern Pacific um eine Unterredung mit den Verwaltern
baten, willigten diese ein. Heimlich jedoch entwarfen die
Anwälte der Verwalter ein durchgreifendes gerichtliches
Verbot, das dem Richter Jenkins von dem Bundesgericht
der Vereinigten Staaten gerade am Vorabend der vereinbarten
 Unterredung vorgelegt und von ihm unterzeichnet
wurde. Der Hauptanwalt bei der Abfassung dieses Verbots
und bei dem Bemühen, es durchzusetzen, war Senator
Spooner. Dies gerichtliche Verbot untersagte es den
Männern, „sich zum Verlassen der Arbeit mit oder ohne
Kündigung zu verbinden oder zu verschwören‘“. Es folgte
noch ein ergänzendes Verbot, welches den Arbeitern untersagte,
 „andern das Verlassen des Dienstes bei den Verwaltern
vorzuschreiben, zu empfehlen, zu billigen oder zu raten“.
Das ganze Verfahren war so kraß ungesetzlich, daß die
Justizkommission des Repräsentantenhauses sich zur Untersuchung
 gezwungen sah. Diese Kommission berichtete,
daß der Einhaltsbefehl „eine Verletzung der Verfassungsbestimmungen,
 einen Mißbrauch der richterlichen Gewalt
darstelle und ohne gesetzliche Kraft sei‘; daß Jenkins’
Verfahren „eine tyrannische Anwendung der Gewalt seines
Gerichtshofes und einen Eingriff in die Rechte amerikanischer
 Bürger bedeute?).“
Abgesehen von dieser Anklage wurde kein Strafverfahren
gegen Jenkins, Spooner, die Verwalter oder irgendeinen andern
 der Beschuldigten eingeleitet. Mittlerweile hatte das
Verbot den erwarteten Dienst, die Arbeiter einzuschüchtern
und die Wirksamkeit ihres Streiks zu lähmen, geleistet.

1) House Report No. 1049, June 1894, Second Session, Fifty-third Congress,
Während dieser ganzen Zeit war John S. Kennedy, „der große Philanthrop‘, einer
der größten Aktionäre dieser Eisenbahn.
        <pb n="263" />
        — 673 —

Villards Herrschaft über die Northern Pacific wurde
durch eine Verbindung feindlicher Kapitalisten gestürzt?),
und Hill fing allmählich an, als herrschender Besitzer eine
Rolle zu spielen. Es ist hier angebracht, zu bemerken, daß
man behauptete, Maginnis sei heimlich im Dienste von
Hills Great Northern-Eisenbahn gewesen, zu derselben
Zeit, als er mit der Northern Pacific im Kampfe lag.
Der große Kampf zwischen Hill und Harriman im Jahre
1901 um die Herrschaft über die Northern Pacific ist schon
in einem der Kapitel über J. Pierpont Morgan beschrieben
worden. Das Resultat von alledem war, daß die Hill-Interessen
 die Herrschaft über die Northern Pacific-Eisenbahn,
wie auch über die Great Northern-Eisenbahn und die
Chicago, Burlington und Quincy erhielten.
Nach Charles Edward Russel, der die wiederholten nominellen
 Aktienvermehrungen der Great Northern-Eisenbahn
sorgfältig studiert hat, haben Hill, Kennedy, Lord Mount
Stephen, Lord Strathcona und andere Magnaten aus den
Aktienmanipulationen der Great Northern eine Gesamtsumme
 von 407 Millionen Dollar gezogen. Russel sagt,
daß in dieser Summe nichts von Dividenden, Zinsen und
andern Nebeneinkünften enthalten ist. Diese haben allein
enorme Summen erreicht?). Eine von dem Senate des
Staates Minnesota im Jahre 1907 ernannte Kommission
zur Untersuchung der Kapitalisierung von Eisenbahnen
in Minnesota berichtete, daß diese Eisenbahnen mit ungefähr
 400 Millionen Dollar oder mit ungefähr 50 000 Dollar

1) Villard kaufte die New Yorker „Evening Post‘; sein Verfahren beim Erwerb
 dieser Zeitung bildete nicht nur eine Ausnahme, sondern einen starken Gegensatz
 zu dem von den andern Kapitalisten unabänderlich angewandten Verfahren,
wenn sie Zeitungen erwarben. Er verzichtete auf jeden Einfluß auf die redaktionelle
Politik jener Zeitung, indem er drei Bevollmächtigten die unbeschränkte Herrschaft
in dieser Beziehung übertrug. Er benutzte die „Evening Post“ niemals, um die Operationen
 in Wallstreet zu beeinflussen. In der Tat schrieb er ihr keine einzige Zeile
ihrer Leitartikel vor. Anderseits kritisierten die Herausgeber manchmal freimütig
seine Politik in Eisenbahnangelegenheiten. — Es mag hinzugefügt werden, daß
(nach des Verfassers persönlicher Kenntnis) die New Yorker „Evening Post‘“ sich konsequent
 geweigert hat, sich in ihren redaktionellen Äußerungen durch das Angebot
oder die Entziehung regierungsseitiger, finanzieller und anderer Annoncen beeinflussen
 zu lassen. Sie hat ihre Richtung beibehalten trotz sehr schwerer, durch
die Entziehung solcher Annoncen entstandener Verluste.
2) „The Heart of the Railroad Problem‘, Hampton’s Magazine, May, 1909,
        <pb n="264" />
        — 674 —

für die Meile kapitalisiert seien, während die tatsächliche
Kapitalisation,. bei einem durchschnittlichen Kostenaufwande
 von 27000 Dollar für die Meile, 215 Millionen
Dollar betragen sollte. Die Great Northern-Eisenbahn,
der in Minnesota 2040 Meilen Strecke gehörten, war, wie
die Kommission berichtete, sehr überkapitalisiert. Die
Kommission erklärte, daß die Great Northern schätzungsweise
 einen jährlichen Gewinn von 16'/, Prozent gemacht
habe, wenn man als Bau- und Unterhaltungskosten für die
Meile 33 000 Dollar zugrunde legt!). Die Northern Pacific,
die ebenfalls stark überkapitalisiert war, erzielte nach dem
Bericht, wenn man 35 000 Dollar als Wert der Meile annimmt,
 einen jährlichen Gewinn von 121%, Prozent?).
Eine von Hills neusten Börsenspekulationen führte zu
einem Prozeß, indem er wegen groben Betrugs verklagt
wurde. Am 22. Juli 1907 wurde bei dem County-Gerichtshof
 in St. Paul eine Klage von einem Aktionär Clarence
A. Venner eingereicht, der behauptete, daß am ı. November
1900 Hill als Präsident der Great Northern-Eisenbahn und
andere der Beamten und Direktoren einen Plan entworfen
hätten, um vereint mit der Northern Pacific-Eisenbahn
einen herrschenden Einfluß auf die Chikago-, Burlingtonund
 Quincy-Eisenbahn zu erlangen. In der Klage wurde
behauptet, daß Hill am 23. April 1901 von dem Direktorium
 beauftragt wurde, die Burlington mit 200 Dollar
für den Anteilschein zu erwerben, und daß er dies im Verein
mit der Northern Pacific vor ‘dem 1. Januar 1902 tat, zu
welchem Zwecke Neben-Trust-Obligationen von den beiden
Eisenbahnen ausgegeben wurden.
In der Klage wurde weiter behauptet, daß Hill, der
den Plan, die Burlington durch die Aktionäre der beiden
Bahnen zu erwerben, kannte, in Verletzung seiner Pflicht
als Beamter und Direktor der Great Northern, „die Angelegenheiten
 besagter Great Northern zu ihrem besten
Vorteil ehrlich, fleißig, getreu und sorgfältig zu leiten,
yewisse ungesetzliche, unrechte und betrügerische Pläne

1) Report of the Committee of the State Senate of Minnesota Appointed for
the Purpose of Investigating the Value and Cost of Operation of the Railroads of
:he State of Minnesota, 14. 2?) Ebenda.
        <pb n="265" />
        — 675

und Anschläge entwarf und unternahm, um für sich selbst
persönlich, auf Kosten und zum Verlust und Schaden der
Great Northern, einen großen Profit zu machen, indem er
eine große Menge des Aktienkapitals der Chikago-, Burlington-
 und Quincy-Eisenbahngesellschaft persönlich kaufte und
kaufen und zu seiner Verfügung halten ließ, welche Menge
dann von den Great Northern- und Northern Pacific-Eisenbahngesellschaften
 zu viel höheren Preisen erworben
wurde, als er selbst für die Aktien gezahlt hatte‘.
Venner behauptete in seiner Klage weiter, daß Hill bei
dem Unternehmen einen persönlichen Gewinn von mehr als
10 Millionen Dollar hatte, und forderte Rechnungslegung.
Wir sind nicht imstande, Hills Antwort oder das Resultat
dieses Prozesses festzustellen?).
Man soll jedoch nicht annehmen, daß die Geschichte
von Hills wiederholten, in gerichtlichen und andern Protokollen
 nacheinander enthüllten Taten seinem hohen
Ansehen nur im geringsten geschadet hätte. Überallhin verbreiten
 seine Schmeichler bei der Presse noch immer laut
ihre phantastischen, begeisterten Beschreibungen von ihm,
wobei sie die wirklichen Mittel, durch welche er seinen
großen Reichtum erwarb, immer sorgfältig unerwähnt
lassen. Man hat viel von seiner Frömmigkeit geredet. Daß
er zum Beispiel 500000 Dollar zur Ausstattung einer
römisch-katholischen Kathedrale in St. Paul hergegeben
hat. Viel wird unaufhörlich über seine außerordentliche
Rechtschaffenheit geschrieben, seinen „finanziellen Scharfsinn‘
 und seine „Tugenden als Geschäftsmann“. Wenn
er spricht, wird er als ein wahres Orakel gepriesen, und mit

!) Es ist sehr häufig die Beschuldigung erhoben worden, daß in den ganzen
Vereinigten Staaten oft Eisenbahnanwälte die richterlichen Entscheidungen in
Eisenbahnprozessen ausfertigen. Viele solche eigentümliche Skandalaffären sind
kürzlich ans Tageslicht gekommen. Erst kürzlich erhob die Anklagejury von Spokane,
 Washington, gegen den Richter M. J. Gordon, den früheren Rechtsbeistand
der Great Northern-Eisenbahn für ihren westlichen Teil, Anklagen wegen Unterschlagung.
 Die Anklagejury beschuldigte gleichzeitig Hill und andere Beamte der
Great-Northern-Eisenbahn, den Versuch gemacht zu haben, ihre Arbeit zu hemmen
und die Anklage gegen Gordon zu hintertreiben, und sie erteilte ferner dem Richter
Milo A. Root eine Rüge, weil er Gordon zur Zeit, als er Anwalt der Great Northern-Eisenbahn
 war, gestattet habe, in einem Prozeß mit dieser Eisenbahn ein Gutachten
auszufertigen. Dieses Gutachten unterbreitete Richter Root als sein eigenes.
        <pb n="266" />
        — 676 —

Recht, denn die Götter der gegenwärtigen Gesellschaft
sind die „Geldgötter“, Die Gesellschaft, die mit ungeheuren
Kosten Kerker und Gefängnisse für die kleinen Verbrecher
gebaut hat, errichtet Paläste für die großen Verbrecher und
fährt fort, immer größeren Reichtum in ihre Truhen zu
schütten und sie als Diktatoren zu preisen. Und wer kann
die Magnaten tadeln, wenn sie das Volk, das sie so verehrt
und das System, das sie hervorbringt und erhält, verspotten
und strafen? Denn nicht sie, sondern das System sollte
verantwortlich gemacht werden.

Harriman und die Standard Oil-Company

Umfassende Schlußfolgerungen wären hier verfrüht;
es bliebe noch übrig, zu erzählen, wie Edward H. Harriman
and vor allem die Standard Oil Company, für die er, wie
man annimmt, in so ausgedehnter Weise tätig war, in den
Besitz großer Eisenbahnnetze gelangten. Die Standard
Oil-Oligarchie ist in der Tat der mächtigste Eisenbahnbesitzer
 von allen; viele jener Eisenbahnen, deren Anfangsstadium
 und Entwicklung hier beschrieben worden sind,
gehören ihr oder stehen unter ihrer Herrschaft; ihr ist der
»ndgültige Gewinn aus vielen jener ursprünglichen Betrügereien
 und Diebstähle zugeflossen, die zum Teil in diesem
Buche geschildert worden sind. Aber der Umfang dieses
Buches gestattet hier nicht die ausführliche Erzählung
von Harrimans Laufbahn mit ihren Begleiterscheinungen
enormer Betrügereien und heilsamer aufbauender Tätigkeit;
 noch weniger gestattet er die ausgedehnte Beschreibung
davon, wie die Standard Oil Company mit einigen Ölraffinerien
 den Anfang machte und es fertig brachte, einen so
großen Teil der Güter der Vereinigten Staaten, ihrer Eisenbahnen
 und anderes in Besitz zu nehmen. Diese Erzählung
wird auf spätere Bände verschoben werden müssen, ebenso
wie die Geschichte der großen Vermögen, die sich auf Staatsprivilegien,
 Bergwerke und Industrien gründen. Nur der
Entwicklung des Reichtums von Andrew Carnegie und
der Lage der Arbeiterschaft seien für die deutsche
Ausgabe noch einige ergänzende Betrachtungen gewidmet.
        <pb n="267" />
        Fünfzehntes Kapitel
DAS CARNEGIE-VERMÖGEN

Der große Philanthrop

E den Annalen des amerikanischen Kapitalismus gibt
es kein bemerkenswerteres Beispiel von einem Multimillionär,
 der seinen Namen fortpflanzt und den Beifall
der ganzen Welt gewinnt, indem er ungeahnte Summen
für öffentliche Zwecke stiftet — als Andrew Carnegie.
Noch vor wenigen Jahrzehnten sah man in der Stiftung von
einer Million Dollar, oder auch eines Teiles davon,” für
wohltätige, religiöse oder erziehliche Zwecke durch einen
Multimillionär eine Großtat. Mit der üblichen Phrase
des Tages begrüßte man sie als „fürstliche Gabe‘ und pries
den Stifter als freigebigen Philanthropen. Manche Leute
sprachen freilich den Verdacht aus, er würde sich für seine
Verschwendung schon schadlos halten, indem er die Preise
für die Waren erhöhen oder dem Volke eine andere Form
industrieller Besteuerung auferlegen würde. Aber diese
zynische Haltung war weder üblich noch populär. Die
Kreise, die von der Gunst und Güte der reichen Männer
profitieren, waren ja gerade diejenigen, welche die öffentliche
 Meinung beherrschten. Kirchen, Universitäten, Verleger
 und Politiker waren dem Reichtum im großen Ganzen
ebenso unterwürfig wie heutzutage.
Nun zeigte sich unwandelbar immer wieder dieselbe
Erscheinung: wie rücksichtslos und brutal die Laufbahn
des Multimillionärs auch gewesen war, durch was für fortlaufende
 Betrügereien und Räubereien er sein Vermögen
auch erworben haben mochte — sobald er einen Bruchteil
davon für philanthropische Zwecke weggab, durchlief sein
Charakter, soweit das breite Publikum in Betracht kommt,
eine vollständige Wandlung. Man bezeichnete ihn nicht
länger als den gierigen Räuber; die Stimmen derer, die
sein Siegeswagen zermalmt hatte, wurden von dem lauten
Lobgeschrei übertönt, das seinen Wohltaten folgte. Seine
        <pb n="268" />
        — 678 —

Opfer wurden begraben, und der Bericht von seinen Missetaten
 wurde obskuren Strafregistern anvertraut, die mehr
und mehr in Vergessenheit gerieten. Die Bibliothek aber
und das Hospital, die er gebaut, oder das Asyl und die Universität,
 die er gegründet oder beschenkt hatte, dauerten
fort als sichtbare, bleibende Zeugnisse seiner philanthropischen
 Güte.
So war die soziale Absolution, so war der erbliche Glanz
aristokratischer Gesinnung leicht zu gewinnen. Und gleichzeitig
 wurden weit größere Vorteile für die ganze Kapitalistenklasse
 erzielt: die Institutionen, die die Schenkungen
der großen Kapitalisten annahmen, wurden dadurch der
sozialen Ordnung, die diese großen Vermögen erzeugte,
noch ergebener. Die direkten Schenkungen baren Geldes
waren bindend genug; noch bindender aber waren die
Schenkungen von Aktien und Anteilen, wodurch Kirchen,
Universitäten und andere Institutionen interessierte Verteidiger
 des Systems wurden, das den „sicheren Papieren“,
aus denen ein so großer Teil ihres Einkommens floß, ihren
Wert verlieh.
Die Philanthropie wurde für den amerikanischen Multimillionär
 eine fast obligatorische Mode. Es verbreitete sich
die allgemeine Überzeugung und Erwartung, er müsse entweder
 bei Lebzeiten oder letztwillig große Summen verteilen.
 Daß er sich, wenn er es unterließ, allgemeine Verachtung
 zuzog, zeigte sich schlagend im Falle von Russell
Sage, der von seinen hundert Millionen Dollar auch nicht
zinen Dollar für philanthropische Zwecke gab, was seine
Witwe dann wieder gut machte, indem sie Millionen für
die Erforschung der Ursachen der Armut aussetzte. Wenn
man aber jeden aus der langen Reihe amerikanischer Multimillionäre,
 die erhebliche Summen gestiftet haben, einen
großen Menschenfreund nennt — mit welchem Superlativ
 soll man dann erst Andrew Carnegie bezeichnen ?
John Jacob Astor und Kommodore Cornelius Vanderbilt
gaben Hunderttausende, ]. Pierpont Morgan und John
D. Rockefeller viele Millionen. Carnegie aber hat seine
150 Millionen gestiftet — man rechnet in der Tat, daß er bis
heute ungefähr 157 Millionen Dollar hergegeben habe —,
        <pb n="269" />
        und das Ende dieser verblüffenden Ergüsse ist noch gar
nicht abzusehen. Seit seinem ersten Auftreten auf dem
Felde der Philanthropie hat die lumpige Stiftung von ein,
zwei, fünf oder zehn Millionen Dollar aufgehört, Eindruck
zu machen. Er gibt oft zehn oder fünfundzwanzig Millionen
Dollar auf einmal weg.
Hat man je etwas gesehen, das diesem verschwenderischen,
verblüffenden Ausstreuen von Dollars auch nur im entferntesten
 gleichkam? Andere amerikanische Multimillionäre
 haben ihre Freigebigkeit auf die Vereinigten Staaten
beschränkt, so daß ihr Ruf an die nationalen Grenzpfähle
gebunden ist. Carnegie aber ist der große internationale
Stifter: in ganz Amerika und Europa bezeugen Gebäude
und Einrichtungen, die seinen Namen tragen, den weiten
Kreis, den seine Freigebigkeit sich gesteckt hat.
In diesen Tagen der tieferen Untersuchung von Ursache
und Wirkung aber genügt es nicht, zu wissen, daß Carnegie
ein großes Vermögen besitzt und daß er einen Teil dieses
Vermögens mit so königlicher Verschwendung verteilt,
daß er sich bereits eine geschichtliche Stellung als unübertroffener
 Wohltäter seines Zeitalters erkauft hat. Die
brennende Frage, die Erklärung erheischt, ist die: wie es
möglich ist, daß in einer Zeit, wo Tausende von Arbeitern
in elender Armut dahinleben, dieser Mann seinen Reichtum
erwerben konnte, einen so unermeßlichen Reichtum, daß
selbst die Hingabe von einigen 200 Millionen Dollar ihm
nichts Ernstliches anhaben konnte. Ihm fließt freilich,
wie man schätzt, in jedem Jahre ein Einkommen von
25 Millionen Dollar zu. Aber während dieser unaufhörliche
Strom von Gold in den Geldschrank eines einzigen Menschen
fließt, der auch nur die Fähigkeit eines einzigen Menschen
zu essen, zu trinken und zu schlafen hat, bekommen drei
Viertel der erwachsenen Männer in den Industrien der
Nordost- und der Nordzentral-Partie der Vereinigten
Staaten augenblicklich weniger als 600 Dollar jährlichen
Lohn; und dasselbe gilt von neunzehn Zwanzigstel der
Frauen in diesen Industrien. Zehn und aber zehn Millionen
Männer und Frauen sind nach einem Leben voll harter
Arbeit und schwerer Entbehrung in Armut, ja im Elend
        <pb n="270" />
        — 680 —

dahingestorben; Millionen von Männern, Frauen und Kindern
 fristen ihr Leben in äußerster Notdurft und sehen die
paar Spargroschen, die sie haben, durch Arbeitslosigkeit,
Krankheit oder Alter dahinschwinden. Große Scharen von
Männern, die für Carnegie arbeiten, haben nach Jahren
voll grausamen, aufreibenden Schuftens für sich und die
Ihren nichts als Armut erschafft.
Hier liegt sicher ein Problem, das auch ein Problem
bleibt, weil diejenigen, deren bezahlter Beruf es ist, diese
abgründigen Kontraste zu übertünchen und Ergebenheit
zu predigen, es einen Gemeinplatz nennen. Wie kommt es,
daß dieser eine Mensch, namens Andrew Carnegie, in der
Lage war, solche Berge von Reichtum zu seinem Privatbesitz
 aufzuhäufen! Wie erwarb der Handelsfürst, der
Trustmagnat, der Eisenkönig, der „große Philanthrop““
liesen Reichtum, und unter welchen Verhältnissen ?

Die Laufbahn

Vor dreißig Jahren jedoch hatte Carnegie einen anderen
Titel: er hieß damals der „Eisenmeister“ — eine bloß ungefähre
 Bezeichnung; und doch, wenn man die "Tatsachen
prüft, ist sie nicht ganz vag. Er war nicht gerade Meister
der Eisen- und Stahlindustrie, denn er hatte bedeutende
Konkurrenten, aber seine Werke waren die größten, und
daher bekam er seinen Namen. In diesem Namen „FEisenmeister“
 lag freilich mehr: er besagte eigentlich, daß er
seine Laufbahn in der Produktion von Eisen oder Stahl
Jegonnen hätte, daß er selber den Prozeß verbessert, Erfindungen
 gemacht, neue Methoden entdeckt und auch
sonst jede Einzelheit gemeistert hätte. Das war aber bloß
eine nützliche Fiktion, die vortrefflich zu der herrschenden
Lehre stimmte, Reichtum käme von höherer Geschicklichkeit,
 tatsächlich aber keine andere Basis hatte, als daß
Carnegie Meister der größten Stahl- und Eisenwerke
Amerikas war. Wenn er nun, wie es doch der Fall war, die
Fabrikation von Eisen und Stahl niemals regelrecht erlernt
hatte und, als er zuerst finanziell daran interessiert wurde,
weder vom Fabrikationsprozeß noch vom Handel das
        <pb n="271" />
        — 681 —

geringste verstand —, wie war es möglich, daß er allmählich
zu einer Höhe emporstieg, wo er Hauptbesitzer der enormen
Stahlwerke und Diktator der Industrie war? Das wollen
wir im folgenden erklären.
Schon um 1861 war Andrew Carnegie ein fleißiger und
umsichtiger junger Geldmacher, wenn es auch nie genau
aufgeklärt worden ist, durch welchen modus operandi er
seine ersten zehntausend Dollar angesammelt hat. Er wurde
1835 zu Dumferline in Schottland geboren; sein Vater
war ein Damastweber, der 1848 nach Amerika ging, weil
daheim die Handarbeit durch Maschinenarbeit ersetzt
wurde. Mit seiner Frau und zwei Söhnen ging der alte
Carnegie nach Pittsburg und wohnte dort in einem kleinen
Hinterhaus in jenem Stadtbezirk, der als „Slabtown“ bekannt
 ist. Dort verdiente Vater Carnegie seinen Lebensunterhalt,
 indem er für den Vater von Henry Phipps, der
nebenan wohnte, Schuhe knüpfte; die Mutter trug durch
Wascharbeit im Hause etwas zum Verdienst bei. Andrew
wurde im Alter von vierzehn Jahren als Laufbursche für
ein Spulendrechselgeschäft in die Arbeit gesteckt und bekam
 drei Dollar Lohn wöchentlich. Ein Jahr später wurde
er Telegraphenbote. Er erlernte das Telegraphieren und
wurde Telegraphist; 1854 nahm ihn Thomas A. Scott,
damals Oberintendant der Westlichen Abteilung der Pennsylvania-Eisenbahn,
 als Telegraphisten in seine Dienste.
In den nächsten neun Jahren machte er im Geldverdienen
rapide Fortschritte. Tausend andere junge Leute verdienten
fleißig ihren Lohn als Telegraphisten, er aber war einer
der wenigen, denen es auf geheimnisvolle Weise gelang,
innerhalb weniger Jahre ein kleines Vermögen zusammenzubringen.
 Die Erklärung, er habe es von seinem Lohn
erspart, ist weder von seinen Anbetern noch von ihm selber
riskiert worden. Die übliche Erklärung ist die, er habe sich
mit Hilfe von Scott, bei dem er sich beliebt zu machen
wußte, gewisse Informationen verschafft und sich an verschiedenen
 einträglichen Geschäften beteiligt.
Über Scott muß einiges gesagt werden. Niemand verstand
 sich besser als er auf die Wirkung der Schmiergelder
 und der Bestechung von Beamten und Politikern,
        <pb n="272" />
        682

wenn auch viele Kapitalisten ihn durch die Größe derartiger
Manipulationen übertrafen. Beim Ausbruch des Bürgerkrieges
 war Kriegsminister der Politiker und Eisenbahnspekulant
 Simon Cameron, der die korrupte Staatsmaschine
von Pennsylvanien beherrschte. Thomas A. Scott war
inzwischen Vizepräsident der Pennsylvania-Eisenbahn —
der Pennsylvania-Zentralbahn, wie sie jetzt heißt — geworden.
 Er ernannte Andrew Carnegie zu seinem Assistenten,‘
 der die Militärtransporte und die "T’elegraphen der
Sstlichen Eisenbahnen und Telegraphenlinien unter sich
hatte.
Die Erpressungen und Betrügereien in den Kontrakten
der Kriegsverwaltung waren ein derartiger Skandal, daß das
Abgeordnetenhaus eine besondere Untersuchungskommiszion
 dafür ernannte. Diese Kommission erbrachte eine
Menge Beweise für ein weites System von Betrug, Bestechung
 und Erpressung im Ankauf und in der Beaufsichtigung
 von Proviant, Zelten, Waffen und Munition,
Kleidern, Decken und anderen Heeresartikeln, wovon vieles
minderwertig, verfälscht oder wertlos befunden wurde.
Hier soll nur auf eine Seite des Kommissionsberichtes eingegangen
 werden — auf den Teil, der von den ungeheuerlichen
 Anklagen handelt, die man gegen die Eisenbahnen
wegen der Beförderung der Truppen und des Proviants
arhob.
Die Kommission berichtete, unter dem Regime von
Cameron und Scott hätten die Eisenbahnen 33 bis 50 Prozent
 mehr an Frachtgebühren erpreßt, als sie Privatleuten
berechneten; seit Scotts Ernennung hätten die Profite
der Eisenbahnen sich jährlich verdoppelt oder wären enorm
gestiegen, bei einer einzigen Bahn, der Pennsylvania-Zentralbahn,
 seien sie 1862 um ı 350 237 Dollar höher
gewesen als im Jahre zuvor. Bei der Beförderung der Regimenter
 sei die Bestechung der Quartiermeister zugunsten
zewisser Linien durchaus üblich gewesen.
Da gewisse schmeichelnde „Biographien“ bei der Darstellung
 von Carnegies Tätigkeit als Eisenbahn-Militäragent
während des Bürgerkrieges behaupten (ohne sich um die
Tatsachen zu kümmern), „in dieser Kriegsverwaltung gab
        <pb n="273" />
        682

es keine Klage und keinen Skandal“ (z. B. in Band 3 der
Encyclopedia Americana), so wird es gut sein, hier ein
wenig auf die Tatsachen einzugehen:
Am 7. Februar 1862 berichtete der Abgeordnete Charles
H. van Wyck, der Vorsitzende der Untersuchungskommission,
 über einige der aufgedeckten Schwindeleien. Er erzählte,
 wie eine Firma einen Kontrakt auf Lieferung von
Vieh für die Armee erhalten und sofort an eine Gruppe
von Spekulanten verkauft hätte, von denen zwei zu den
Eisenbahnlieferanten und zu den Freunden Camerons gehörten.
 Diese Clique machte sofort einen Profit von
32 000 Dollar auf 2000 Stück Vieh. Er gab noch weitere
Beispiele. „Die Obersten stecken mit den Lieferanten unter
einer Decke, vergeben die Aufträge an Günstlinge, kaufen
Artikel und lassen falsche Rechnungen ausstellen.“ „Eine
weitere Unverschämtheit,‘“ so fuhr er fort, „war es, dem
Kriegsministerium zwei Cent pro Meile für Truppentransporte
 und ansehnliche Preise für Gepäck und Pferde
anzurechnen.“ Die Profite waren so enorm, daß die Eisenbahngesellschaften
 im Westen 1500 bis 2500 Dollar an fast
jedes Regiment bezahlten für das Recht, es zu befördern.
„Es ist doch seltsam,‘ sagt von Wyck ironisch, „daß der
Kriegsminister (Cameron), der doch selbst durch lange
Erfahrung und Beobachtung mit dem KEisenbahnwesen
vertraut ist und sich eines mit Eisenbahnen vertrauten
Freundes erfreut (Scott), den Eisenbahngesellschaften
solche Summen bewilligte, daß sie für die Erlangung der
Truppentransporte Tausende vergeuden konnten. Züge, die
nicht so schnell gingen und oft nicht bessere Wagen hatten
als Auswandererzüge, berechneten sie doppelt so hoch!
Wußte Cameron nicht, daß jeder Passagier auf acht Pfund
Gepäck Anspruch hatte? Aber das Gepäck, das mit den
Truppen befördert wurde, ist noch extra berechnet worden.“
Nachdem er noch weitere Einzelheiten angeführt hatte,
erklärte van Wyck: „Die Piraten, die den Ozean unsicher
machen, verdienen den Abscheu der Menschheit nicht mehr
als die Bande, die sich auf dem Lande von dem Schweiß
der Armen und dem Blut der Tapferen mästet.“
William G. Holman, ein anderes Mitglied der Unter-
        <pb n="274" />
        68a —

suchungskommission, lieferte am 29. April 1862 weitere
Einzelheiten. „Der Präsident der Nördlichen Zentralbahn,“
 sagte er, „ist der Schwager von Simon Cameron,
and Vizepräsident der Gesellschaft ist sein Sohn. William
Colder, der größte Pferdelieferant der Regierung, gehört
 der Bankfirma Cameron, Colder, Ely &amp;amp; Co. an, von
der auch Cameron Mitglied war und welche Gelder in
Höhe von 800 000 Dollar beschaffte, um die Lieferung auszuführen,
 die Simon Camerons Heeresverwaltung seinen
Kompagnons gesichert hatte.“ So bestand eine wundervolle
Verbindung zwischen den Eisenbahnen von Pennsylvanien
and der Heeresverwaltung; Scott bekam sein Gehalt von
der Pennsylvaniabahn und gleichzeitig sein Gehalt von der
Regierung als Superintendant des Transportwesens und
als Kriegsminister. „Diese Beschäftigung von "Thomas
A. Scott hat die Regierung Hunderttausende, ja Millionen
Dollar gekostet.“ Und Carnegie war Scotts hilfreicher
Agent.
Es ist eine bekannte "Tatsache, daß Andrew Carnegie
während des Bürgerkrieges (unter anderen Geschäftsprojekten)
 finanziell an einem Projekt beteiligt war, im
Feldlager Marketendergeschäfte zu errichten, und weiterhin
 an einem Konzern zur Lieferung von Kavalleriepferden
an die Regierung. Beide Unternehmungen warfen, wie wir
gesehen haben, lockende, ja exorbitante Profite ab. Doch
die näheren Umstände der Beziehungen Carnegies zu diesen
Projekten sind in Dunkel gehüllt, und die benutzbaren
Berichte werfen kein Licht auf diesen Punkt: es war bei
den Spekulanten und Lieferanten durchaus üblich, sich
heimlich an Projekten zu beteiligen, bei denen ihre Namen
niemals offen auftauchten.
Gerade in diesen Jahren, 1861—1862, als er die militärischen
 Geschäfte der Eisenbahnen und Telegraphenlinien
 leitete, bereitete Andrew Carnegie sich auf seine
Rolle als künftiger Kapitalist vor. Er selbst hat seinen ersten
Kapitalbesitz damit erklären wollen, daß er sagte, er habe
ihn von Banken geliehen. Es ist aber bezeichnend, daß er
und seine Biographen es direkt vermeiden, diesen "Teil
seiner Laufbahn zu Anfang des Bürgerkrieges zu beschreiben
        <pb n="275" />
        — 685 —

und auf die verblüffenden Enthüllungen der Untersuchungskommission
 von 1862 einzugehen. Sogar Herr James H.
Bridge, der zu jener Zeit sein Privatsekretär war und der
sich in seinem Buche über die Entwicklung der Carnegie-Werke
 durchaus anständig zeigt, scheint von den Beziehungen
 zwischen Scott und Carnegie während des Bürgerkrieges
und von dem Kommissionsbericht von 1862 keine Ahnung
zu haben. Die Kommission konstatiert im besonderen,
daß die Tabelle der Frachtgebühren, die den Eisenbahnen
so enorme Profite zuwies, von Scott festgesetzt worden
war, und fügte hinzu, diese vielen Millionen Dollar, die der
Regierung so auf schwindelhafte Weise abgenommen
wurden, wären „aus dem geplünderten Staatsschatz der
Vereinigten Staaten gekommen, zu einer Zeit, wo die
Arbeitskraft und die Geldquellen bis zum Äußersten besteuert
 werden mußten, um den Krieg weiterführen zu
können“. Carnegie bekleidete eine wichtige Inspektionsstelle
 bei diesen Transporten, und es kann ihm nicht verborgen
 geblieben sein, was für Riesenschwindeleien zum
Besten seiner Brotherrin, der Pennsylvania-Eisenbahn, mit
der er bis 1865 in Verbindung geblieben ist, begangen
wurden.
Ohne Kenntnis von diesen wichtigen Transaktionen erklärt
 Bridge die ersten Kapitalanhäufungen Carnegies damit,
daß er sagt, Carnegie habe vor 1863 in verschiedenen außerhalb
 liegenden Unternehmungen mit Hilfe seines Chefs,
Herrn Scotts, oft „Geld gemacht“. Bevor wir auf diese
„Unternehmungen“ eingehen, wird es gut sein, noch einen
Blick auf Scotts Manipulationen zu werfen.
Es war derselbe Scott, der so hervorragend tätig war als
Mitglied einer Gruppe amerikanischer und kanadischer
Kapitalisten, die 1873 den Plan faßten, sich von der Regierung
 Kanadas auf korrupte Weise eine Gerechtsame
und eine große Beihilfe an Geld und Grund und Boden im
Umfang von fünfzig Millionen Morgen zum Bau der Kanadischen-Pacific-Fisenbahn
 zu sichern. In dem Skandal und
der Untersuchung, die den Fall der Regierung Sir John A.
Macdonalds herbeiführte, gab Sir Hugh Allan, das Oberhaupt
 der amerikanisch-kanadischen Kapitalistengruppe,
        <pb n="276" />
        586 —

zu, daß er insgesamt 350 000 Dollar zur schwindelhaften
Wahl der Mitglieder jener Regierung beigesteuert hatte.
Es war derselbe Scott, der als Direktor der Union-Pacific
und der Kansas-Pacific-Bahn mit Jay Gould, Sydney Dillon
und anderen Kapitalisten zur selben Zeit assoziiert war,
als sie die gigantischen Schwindeleien verübten, die ich
erzählt habe. Für die Durchbringung der Nachtragsakte
des Kongresses vom Juli 1864 haben die Männer von der
Union-Pacific-Bahn 436 000 Dollar an Bestechungsgeldern
und Honoraren verteilt, um sich von der Regierung eine
Beihilfe von 16 000 bis 48 000 Dollar pro Meile und eine
Bewilligung von Grund und Boden im Umfang von zwölf
Millionen Morgen zu sichern; und diese Bestechungen
waren nur der Anfang einer langen Reihe von Schwindeleien
 und Schmiergeldern, nachdem Jay Gould ans Ruder
gekommen war.
Es war derselbe Scott, der 1876 als Haupt einer Kapitalistengruppe
 mit dem Eisenbahnmagnaten Collis P.
Huntington einen wütenden Konkurrenzkampf kämpfte,
indem er den Kongreß mit reichlichen Summen bestach,
um im Südwesten ein Transportmonopol zu erhalten.
Scott beherrschte die Texas. und Pacific - Eisenbahn,
Huntington die Southern Pacific-Bahn. Die Einzelheiten
dieses Kampfes sind in dem Kapitel über das „Pacific-Quartett“
 erzählt.
In den rutinierten Biographien von Andrew Carnegie
ist von seiner Tätigkeit als Superrevisor der Truppen- und
Provianttransporte keine Rede, und auch die wichtige Tatsache
 wird nicht erwähnt, daß er diese Tätigkeit genau zu
derselben Zeit ausübte, als er bei Gesellschaften wie der
Woodruff-Schlafwagengesellschaft, der Columbia-Ölgesellschaft
 und anderen Konzernen Teilhaber wurde. Bridge
versichert, Carnegie habe seine Anteile an diesen beiden Gesellschaften
 von Scott als Gratifikation erhalten, sagt aber
nicht, für welche Dienste. Ein anderer Bericht sagt,
Carnegie habe den Erfinder Woodruff bei Scott eingeführt
und so den Anstoß zur Gründung der Woodruff-Schlafwagengesellschaft
 gegeben.
Was die Columbia-Ölgesellschaft betrifft, so wird gleich-
        <pb n="277" />
        — 687 -

falls behauptet, Carnegie habe Scott und J. Edgar 'T'hompson,
 den Superintendanten der Pennsylvania-Bahn, veranlaßt,
 mit ihm für 40 000 Dollar die Storey-Farm an der
Ölbucht in Pennsylvanien zu kaufen, wo Petroleum gefunden
 worden war. In der Folge hätten die Aktien der
Gesellschaft einen Gesamtwert von 5 Millionen Dollar
gehabt, und in einem Jahre hätte sich die Bardividende auf
mehr als ı Million Dollar belaufen: Diese Gesellschaft
produzierte freilich Öl und besaß eine Raffinerie zu Bayonne
in New-Jersey, aber ihre großen Profite scheint sie mehr mit
schwindelhaften Spekulationen als anderswie erzielt zu
haben. Nach einer Entscheidung des Kammergerichts von
Pennsylvanien vom Jahre 1865 mißbrauchten die Gründer
und Direktoren der Gesellschaft, die mit 10 000 Anteilen
gegründet worden war, das Kapital zu Spekulationen.
Einer der Aktionäre, Coleman, reichte Klage ein wegen
Unterschlagung seines Anteils, das Kammergericht von
Pennsylvanien wies seine Klage jedoch ab mit der Begründung,
 er habe selber an dem Schwindel teilgenommen.
Die Columbia-Ölgesellschaft ist lange als tote Gesellschaft
geführt worden.
Eine bezeichnende Geschichte über Carnegies Methoden
zu dieser Zeit wird uns von Bridge erzählt. Carnegie habe
sich unter vielen Freundschaftsbeteuerungen „gütigst herbeigelassen‘,
 an T’homas N. Miller einige Anteile det Columbia-Ölgesellschaft
 „zum Selbstkostenpreis‘ zu verkaufen, und
zwar betrug dieser Selbstkostenpreis 6,37'/ Dollar pro Anteil.
 Später glaubte Miller Grund zu der Meinung zu
haben, Carnegie habe ihn erheblich übers Ohr gehauen. Die
Gewißheit bekam er freilich erst viel später — 1896, als er
in den Besitz der alten Bücher der Columbia-Ölgesellschaft
gelangte und im Protokoll der Gesellschaft einen Bericht
darüber fand, daß Andrew Carnegie unter Protest der andern
 Aktionäre die Anteile für je zwei Dollar gekauft hatte.
Diese drei Jahre des Bürgerkrieges — 1861 bis 1863 —
waren sicherlich einträgliche Zeiten für Andrew Carnegie.
Außer den bereits erwähnten Unternehmungen steckte er
tief in einer Anzahl anderer kapitalistischer Projekte. Dazu
gehörte der Plan einer Telegraphenlinie längs der Pennsyl-
        <pb n="278" />
        688 —

vania-Bahn, einer Eisenbahnbau- und einer Brückenbau-Gesellschaft.
 Ferner die Entenbucht-Ölgesellschaft, die
Birmingham-Pferdebahn, die Pittsburger Entkörnungsgesellschaft,
 die Dritte Nationalbank von Pittsburg, die
Dutton-Ölgesellschaft, die Bürger-Eisenbahn und eine ganze
Liste anderer Unternehmungen.
Um 1863 war Carnegie zu Scotts früherer Stellung als
lokaler Superintendant der Pennsylvania-Bahn zu Pittsburg
befördert worden. Sein um neun Jahre jüngerer Bruder,
Thomas M. Carnegie, war sein Assistent.

Carnegies Kompagnons

Carnegie war achtundzwanzig Jahre alt, als er zuerst mit
der Eisenbahnindustrie in Verbindung kam. Diese Verbindung
 war eine rein zufällige und schrieb sich lediglich
von einer Geldsumme her, die er in einem kritischen Augenblick
 in das Geschäft zu legen imstande war. Im Jahre 1858
hatten Andrew und Anton Kloman, zwei Brüder, die aus
Treves in Preußen eingewandert waren, zu Girtys Run in
Duquesne, einem Marktflecken Pennsylvaniens, eine kleine
Schmiede errichtet, ein primitives Unternehmen mit einer
kleinen Maschine und einem hölzernen Hammer, das als
Spezialität aus Ramaßeisen Radachsen herstellte und an
Eisenbahnen und Wagenbauer verkaufte. u
Eine der Eisenbahnen, die von den Brüdern Kloman
kaufte, war die Pittsburg-, Fort Wayne- und Chikago-Bahn,
die jetzt einen wesentlichen Teil der Pennsylvania-Bahn
bildet. Der Angestellte, der den Kauf besorgte, war Thomas
 N. Miller, ein junger Mann von vierundzwanzig Jahren,
der die Bedeutung des Geldverdienens sehr wohl einsah
und gegen die üblichen Methoden keineswegs allzu empfindlich
 war.
Das wachsende Geschäft der Klomans erforderte 1859
eine Kapitalserhöhung, und Andrew Kloman verfiel auf
eine glänzende Idee. An wen konnte man sich besser wenden
als an Miller? Konnte man Miller dazu bewegen, 1600 Dollar
gegen ein Drittel der Anteile in den Eisenwerken anzulegen,
so hieß das, daß Miller als Einkäufer einer großen Eisenbahn
        <pb n="279" />
        — 689

natürlich größere Aufträge für die Werke sammeln würde,
an denen er beteiligt war. Obgleich alle, oder fast alle
Hauptbeamten der Eisenbahn sich in ähnlicher Weise bemühten,
 Anteile von den Firmen oder Gesellschaften zu
bekommen, von denen sie als Eisenbahnbeamte kauften,
soll Miller Zweifel geäußert haben, ob er dasselbe tun dürfe.
Er war eben noch sehr jung und sehr schüchtern. Endlich
aber verfiel er doch auf einen Ausweg, durch den er um den
delikaten Punkt herumkam: er habe, sagte er, einen Freund,
Henry Phipps, der als nomineller Teilhaber fungieren könne,
Phipps war damals gerade zwanzig und jagte eifrig nach
Geld. Sein Vater war ein Schuhmacher und versuchte vergebens,
 1600 Dollar aufzutreiben. Jedenfalls streckte Miller
schließlich die ganze Summe vor unter der Abmachung,
Phipps solle ihm die Hälfte des Kapitals von seinen Profiten
zurückzahlen und dafür die Hälfte der Zinsen einstecken.
Soweit Miller in Betracht kam, schützte er sich vor einer
peinlichen Untersuchung, indem er seinen Anteil auf
Phipps’ Namen eintragen ließ.
Mit Millers Geld und seinen Beziehungen dehnte das
Geschäft der Gebrüder Kloman sich aus. Sie stellten einen
weiteren Hammer ein, der sehr gebraucht wurde, denn
Miller brachte Aufträge von seiner Eisenbahn in Hülle und
Fülle und empfahl die Klomans bei verschiedenen Wagenbaufirmen:
 eine Empfehlung, auf die man etwas geben
mußte.
Nun brach der Bürgerkrieg aus, und damit begann eine
wahnsinnige Nachfrage nach Munition, Munitionswagen
und anderen Ausrüstungsgegenständen und schleuniger
Beförderung derselben. Aufträge von den Eisenbahnen
strömten nur so herbei, und der Verkaufspreis von Radachsen
 sprang von zwei auf zwölf Cent das Pfund. Noch
größere Profite warfen die Lieferungskontrakte mit der Regierung
 ab. Die dringende Notwendigkeit, eine plötzlich
geschaffene Armee und Flotte zu bewaffnen und auszurüsten,
 erforderte die allergrößte Hast in der Vergebung
großer Aufträge. Exorbitante Preise wurden verlangt und
gezahlt; gerade während des Bürgerkrieges wurden die
kolossalsten Bestechungen ausgeführt, wodurch sich sowohl
        <pb n="280" />
        — 690 —

die Lieferanten wie auch die Regierungsbeamten, die sich
diese Erpressungen gefallen ließen, enorm bereicherten.
Die Gebrüder Kloman gaben die Achsenfabrikation auf und
konzentrierten sich auf die Regierungsaufträge.
Von einem Teil der Profite, die auf diese Weise herbeiströmten,
 bauten sie ein neues Eisenwalzwerk an der
29. Straße in Pittsburg, auf einem Grundstück, das sie für
jährlich 324 Dollar auf zwanzig Jahre mieteten, und erhöhten
 das Kapital auf 80 000 Dollar. Die Einnahmen einer
Walzmühle waren damals enorm; zwischen 1860 und 1864
stieg der Preis für gewalztes Eisen von 58 Dollar auf
146 Dollar die Tonne, obgleich der Preis des Roheisens nur
von 22 Dollar auf 59 Dollar die Tonne stieg. Um 1863 hatte
Miller genug Geld beisammen, um Anton Kloman seinen
Anteil für 20 000 Dollar abkaufen zu können. Diese Zession
veunruhigte seinen Bruder Andrew, weil er glaubte, es
zeien. Pläne im Gange, ihn gleichfalls auszukaufen.
Nun entstand ein Streit zwischen Miller, Andrew Kloman
and Phipps, von denen jeder den anderen stark verdächtigte,
er wolle ihn übervorteilen. Anscheinend hatte Phipps auf
Millers Anregung einen Anteil ihres gemeinsamen Guthabens
 an einen beiderseitigen Freund, William Cowley,
für 8500 Dollar verkauft. Cowley war in der Armee an
Typhus gestorben, worauf Miller den Anteil Cowleys aus
dessen Nachlaß zurückgekauft hatte. Darüber ärgerten sich
sowohl Kloman wie Phipps, und Kloman verdächtigte auch
den Phipps. Die Streitigkeiten wurden so bösartig, daß man
sine Art Schiedsrichter anrief, um die Sache wieder einzurenken.

Man wählte Carnegie. Dieser kam und lenkte die Sache
allmählich so, daß er einen Teilhaber nach dem anderen
vollständig hinaus- oder in den Hintergrund drängte und
zich zum Herrn der Anlagen machte, die sich zu der ungeheuren
 Stahlfabrik und großenteils zu dem Stahltrust
der späteren Tage entwickelten.
Als Schiedsrichter war er offenbar deshalb angerufen
worden, weil er sowohl mit Miller als mit Phipps befreundet
war. Er hatte in der Tat zu einer Gruppe ehrgeiziger junger
Leute gehört, die aus Miller, John Phipps (dem Bruder von
        <pb n="281" />
        — 691 —

Henry Phipps) und Cowley bestand und mit einer anderen
Gruppe aus Henry Phipps, Thomas Carnegie (dem Bruder
Andrews), Henry W. Oliver und gewissen anderen liiert war,
lauter strebsamen Jünglingen, die schnell Geld machen
wollten, die Intrigen des Geschäftslebens noch nicht so
kannten‘ und daher anfangs ein gewisses Vertrauen ineinander
 hatten. Daher wurde Andrew Carnegie als Freund
der Streitenden gebeten, den Streit in freundschaftlicher
Weise zu schlichten.
Carnegie selbst hat freilich am 10. und ır. Januar 1912
als Zeuge vor der (Stanley-)Kongreßkommission, die den
Stahltrust untersuchen sollte, eine andere Darstellung seiner
frühen Laufbahn gegeben. Er sagte, er sei mit der Eisenbranche
 zuerst im Jahre 1861 in Verbindung getreten, als
er sich mit einer Firma, namens Miller &amp;amp; Small, assozlierte,
und 1862 habe er von der Pittsburger Nationalbank
1500 Dollar geliehen, um sie als Teilhaber bei der „Schlußstein-Brückengesellschaft‘‘
 anzulegen, was fünf oder sechs
seiner Bekannten auch getan hätten. „1863 bauten wir in
Pittsburg ein weiteres Werk, und 1864 war ich einer der
Gründer der ‚Edelerz-Mühle und Schmelzanlage‘. 1866
bauten wir die Lokomotivenwerke in Pittsburg und 1867
nahmen wir zwei weitere. Walzwerke in Pittsburg hinzu.
Das war der Anfang des Carnegie-Stahltrustes,.‘“ Er bezeugte
 ferner, er und seine Gesellschafter hätten damals sehr
wenig Kapital gehabt: „zu verschiedenen Zeiten legten wir
jeder 20 000 oder 30 000 Dollar ein“. Aber in Einem Atem
damit fügte er hinzu, allein die Edelerz-Mühle habe damals
oder etwas später 500 000 Dollar Kapital gehabt.
Wo und wie er, ein junger Mann von 26 Jahren, noch in
Diensten der Pennsylvania-Bahn, es fertig brachte, das
Kapital aufzutreiben, das ihn instand setzte, sich zu solch
einem Kapitalisten auszudehnen, das zu erklären hütete er
sich wohl, und die bedachtsame Kommission hütete sich
ebenso sorgfältig, ihn allzu angelegentlich danach zu fragen.
Es ist jedenfalls Tatsache, daß sein Zeugnis voller Erinnerungsfehler
 ist, wie wir wohlwollend sagen wollen. Er ist
erst 1863 in die Eisenbranche eingetreten, und die „Schlußstein-
 Brückengesellschaft‘ kann er nicht gut 1862 ge-
        <pb n="282" />
        — 602 —

gründet haben, da sie erst im April 1865 ins Leben gerufen
worden ist.
Es waren nicht bloß die sogenannten Tatsachen, die er
angab, zum großen Teil erdichtet, sondern es waren auch
gerade die Einzelheiten, die er ausließ, das eigentlich Wichtige.
 Nachdem ein einziger Mensch 420 bis 500 Millionen
Dollar angesammelt hat, ist es dringend wünschenswert, zu
wissen, wie dieses Vermögen entstanden ist. Aber gerade
hier haben sich Vorgänge abgespielt, die der Magnat nicht
anthüllen und nicht enthüllt haben möchte; nachdem er,
im Besitze eines riesigen Privatvermögens, ein ehrwürdiges
Alter erreicht hat, liegt es in seinem Interesse und in seiner
Eitelkeit, es als durch ehrliche Methoden und überlegene
Geschicklichkeit erworben hinzustellen. Verlangt aber
jemand einen weiteren Beweis für die Wertlosigkeit von
Carnegies eigenem Bericht, so brauchen wir bloß darauf hinzuweisen,
 daß er im Laufe seiner Aussage vor der Untersuchungskommission.
 ernsthaft behauptete, er habe keine
Ahnung von dem Inhalt des Shermanschen Anti-Trustgesetzes
 von 1892 gehabt. Also von dem wichtigsten Handelsgesetz
 der Vereinigten Staaten, das Kombinationen jeder
Art zur Beschränkung des Handels verbietet und das sogar
die Füchse auf unseren Handelshochschulen kennen, behauptete
 Carnegie, ein Multimillionir und Besitzer von
Stahlwerken, Minen und Eisenbahnen, er habe zwar „von
‚einer Annahme gehört“, habe aber geglaubt, es beziehe sich
nur auf Eisenbahnen! Die Juristen der Carnegie-Stahlgesellschaft,
 so erklärte er feierlich, hätten ihm niemals gesagt,
 daß es seinen eigenen Handel beträfe! Wir weisen auf
diese Tatsache hin, nur um zu zeigen, wie lächerlich seine
Aussage war.
Um aber den Faden unserer Erzählung wieder aufzunehmen:
 Als Carnegie von Kloman, Miller und Phipps
gebeten wurde, ihre Streitigkeiten zu schlichten, erzeugte
sein Dazwischentreten nur neuen Zwist, und nach Bridge
entschied er dahin, Miller sei als Hauptursache der Uneinigkeit
 auszuschließen. Unterm ı. September 1863 wurde
zwischen den Teilhabern eine neue Vereinbarung getroffen,
wonach Miller als Sonderteilhaber mit einem Sechstel an
        <pb n="283" />
        der neuen, auf den Namen Kloman und Phipps lautenden
Gesellschaft beteiligt war; der Vertrag enthielt eine Klausel,
die Miller unter Protest unterzeichnete, wonach seine Teilhaberschaft
 mit einer Frist von sechzig Tagen gekündigt
werden konnte.
Nur wenige Monate später zeigte, sich die wahre Bedeutung
 dieser Klausel: ihm wurde gekündigt, er hatte sich
in einer gesetzlichen Schlinge gefangen und konnte, da er
den Vertrag unterzeichnet hatte, nichts tun, als vergeblich
protestieren. Es stellte sich heraus, daß der Friedensengel
bei dieser Abmachung zur Austreibung Millers geschickt
intrigiert hatte, um sich selbst als Teilhaber in das Unternehmen
 hineinzuschmuggeln. Er tat es nicht direkt: er lieh
seinem Bruder "Thomas M. Carnegie die nötigen Gelder,
damit er als Teilhaber eintreten könne, und kalkulierte,
wie er seinerzeit selbst zugab, daß bei Millers Ausscheiden
 die Hälfte seines Anteils an der Eisenschmelze auf
Thomas M. Carnegie überschrieben würde. Miller konnte
nichts dagegen tun.
Auf diese Art erzwangen die Brüder Carnegie ihren Eintritt
 in die Eisenindustrie. Keiner von beiden war in dieser
Branche in die Lehre gegangen; keiner von beiden hatte die
geringsten technischen oder sonstigen Kenntnisse vom
Prozeß der Eisenbereitung. Die Geschicklichkeit Andrew
Carnegies zeigte sich lediglich‘ in seiner Funktion als
„Friedensstifter“, indem er die Zwistigkeiten der Teilhaber
untereinander zu seinem Vorteil auszunutzen wußte. Bei
einer derartigen Sachlage war es für ihn verhältnismäßig
leicht, aus der Eifersucht und Geldgier der anderen zu
profitieren, besonders da er über das zu erfolgreichen Eisenunternehmungen
 nötige Kapital verfügte. Seine Verbindungen
 mit dem Eisenbahnwesen und ähnlichen Geschäftszweigen
 sowie seine Stellung als Beamter setzten ihn instand,
 eine große Ausdehnung der Eisenindustrie vorauszusehen.
 Er erkannte, wie diese Ausdehnung sich auf höchst
vorteilhafte Weise in Geld umsetzen ließ, wenn man die
interessierten hohen Eisenbahnbeamten als „stille Teilhaber“
 ins Geschäft aufnahm und sich von ihnen Aufträge
besorgen ließ, an deren Ausführung sie einen pekuniären
        <pb n="284" />
        — 604 —

Anteil hatten. Alles das erkannte er klar. Es wirft gewiß
ein helles Licht auf Carnegies Geschicklichkeit oder auf
Millers Mangel an Einsicht, wenn dieser nach seinem Hinauswurf
 sich mit Carnegie und anderen zur Gründung der
Zyklopen-Eisenmühlen zu Pittsburg in der 33. Straße zusammentat,
 um mit Kloman-Phipps zu konkurrieren. Wir
können daraus schließen, daß Carnegie die verschiedenen
Schritte, die zu Millers Hinauswurf aus den Kloman-Werken
führten, so umsichtig getan hatte, daß Miller die Kunstgriffe
 Carnegies immer noch nicht durchschaute. Nicht
weniger erbaulich als Symptom für die Geschäftsmethoden
jener Zeit ist die Tatsache, daß Carnegie ein Konkurrenzunternehmen
 gegen die Klomanschen Städtischen Eisenschmieden
 gründete, bei denen er selbst „stiller“ Teilhaber
 war. Wie wir aber sehen werden, führte Carnegie
dabei einen kühnen und offenbar wohlbedachten Plan aus.
Es sollte die Zeit kommen, wo er, der ursprünglich nur
als erbetener Schiedsrichter auf der Bildfläche erschienen
war, die volle Herrschaft über die ganze Eisen- und Stahlindustrie
 im Pittsburger Distrikt erlangte. Er besaß eine
bemerkenswerte Gabe, die wärmste Freundschaft und Hochachtung
 für Leute zu beteuern, auf deren Kosten er in demselben
 Augenblick seine eigenen Interessen durchsetzte. Das
allein aber hätte nicht genügt. Er verstand es auch, sich
vor allem der Hilfe des Gesetzes zu bedienen, d. h. gesetzlicher
 Abmachungen und Verträge, die er so raffiniert abfaßte,
 daß der arme Teilhaber oder Erfinder nachher ’gewöhnlich
 erkannte, er könne gesetzlich gegen Carnegie
nichts machen, da er sich durch den Vertrag, den er so vertrauensselig
 unterzeichnete, die Hände gebunden hatte.
Gewöhnliche Juristen genügten für Carnegie nicht; er
brauchte mit allen Hunden Gehetzte, und der beste Beweis
für ihre Geschicklichkeit ist die Tatsache, daß selten jemand
gegen Carnegie einen Prozeß riskierte. Ein Teilhaber nach
dem anderen verließ ihn unfreiwillig und voller Wut und
Groll, aber die Prozeßberichte wird man vergebens nach
Klagen durchsuchen — bis auf ein oder zwei Fälle, auf die
wir sogleich eingehen wollen. Was Thomas M. Carnegie
betrifft, so war er ein Mann, der keinerlei überwältigende
        <pb n="285" />
        finanzielle Fähigkeiten besaß, wohl aber eine außerordentlich
 überzeugende Art und Weise, die mit jedem Einwand
fertig wurde. Die Brüder ergänzten einander vortrefflich.
Den Zyklopen-Werken ging es schlecht; da sie niemand
hatten, der etwas vom Eisenwesen verstand, konnten sie
mit den Städtischen Eisenschmieden nicht wirksam konkurrieren.
 Weder Miller noch Andrew Carnegie konnten sie
erfolgreich leiten; keiner von beiden hatte die geringste
mechanische Fertigkeit. Da es mit der Mühle schnell bergab
ging, erhob sich die dringende Frage, wie man sie loswerden
könnte.
Das erreichte man bald durch eine Verschmelzung, die
so trefflich eingefädelt wurde, daß sie Andrew Carnegie in
seinem Ehrgeiz, eine beherrschende Stellung für sich zu
erreichen, einen Schritt weiter brachte.
"Thomas M. Carnegie redete in seiner einschmeichelnden
Weise so lange auf Kloman und Phipps ein, bis sie sich zu
einer Verschmelzung der Zyklopen-Eisenwerke mit ihrem
eigenen Unternehmen verstanden; sein Hauptargument war
die Notwendigkeit einer Kapitalserhöhung, und nicht
minder schlagend war seine Versicherung, Andrew Carnegie
wäre bereit, 50 000 Dollar zur Verteilung an die Teilhaber
der Kloman-Werke vorzustrecken.
Es wurde ein Vertrag abgeschlossen, wonach eine neue
Gesellschaft, die „Union-Eisenmühlen-Gesellschaft‘“, gegründet
 werden sollte, welche die Städtischen Eisenschmieden
 mit 150 000 Dollar und die Zyklopen-Eisenwerke mit
50 000 Dollar übernehmen und 500 000 Dollar Kapital be-Sitzen
 sollte. Für die Einhändigung der Zyklopen-Eisenwerke
 sollten Andrew Carnegie, Miller und andere aus ihrer
Gruppe etwas weniger als die Hälfte der Anteile an der
neuen Gesellschaft bekommen, und Kloman sollte Leiter der
Gesellschaft bleiben. Das war der Inhalt des Vertrages vom
ı. Mai 1865.
Um diese Zeit war der Bürgerkrieg vorbei, und damit begann
 für die Eisenbahnen und ähnliche Unternehmungen
eine glänzende Periode. Die Eisenbahnen im Süden, die
von den Truppen der Union zerstört worden waren, mußten
wieder aufgebaut werden; in den weiten Territorien west-
        <pb n="286" />
        _- 696 —

lich des Mississippi wurden große transkontinentale Eisenbahnen
 projektiert und zur Ausführung gebracht. Durch
diesen Antrieb fielen den Eisenleuten mehr als große Aufträge
 für Eisenbahnartikel zu. Obgleich eiserne Brücken
eine keineswegs neue Erfindung waren, hatte man die
Eisenbahnen mit solcher Eile und Geldgier erbaut, daß es
viele Holzbrücken gab, die häufige und schwere Unfälle im
Gefolge hatten. Die Eisenbahnkapitalisten sahen jetzt ein,
daß eiserne Brücken wegen ihrer Dauerhaftigkeit sich zu
zuter Letzt doch mehr rentierten — eine Einsicht, die ihnen
nicht so sehr aus dem Verlust an Menschenleben kam, als
aus dem Skandal, der darauf folgte, und aus dem Untergang
rollenden Materials.
Es gab in Pittsburg eine Eisenbrückenfirma namens
Piper &amp;amp; Schiffler. Einen Monat vor Gründung der Union-Eisenmühlen
 hatte Carnegie auch bei der Gründung einer
„Schlußstein- Brückengesellschaft“ zur (Übernahme der
Werke von Piper &amp;amp; Schiffler eine wichtige Rolle gespielt.
Das war ein äußerst vorteilhaftes Geschäft. Die Schlußstein-Brückengesellschaft
 kaufte alles Material von den Union-Eisenmühlen,
 deren Verdienste enorm in die Höhe gingen.
Andrew Carnegie war dabei mehr Teilhaber, Gründer und
finanzieller Hintermann als Leiter, aber diese Interessenverknüpfung
 vermehrte sein Ansehen und sein Vermögen
beträchtlich. Das wahre Haupt der Union-Eisenmühlen-Gesellschaft
 war Andrew Kloman, der wohl in der allmächtigen
 Wissenschaft finanzieller Manipulationen versagte,
dafür aber die Überwachung der technischen Einzelheiten
beim Eisenschmieden verstand und ein ausgesprochenes
mechanisches Talent für Verbesserungen besaß. Kloman
war es, der die Maschinen und Methoden so vervollkommnete,
 daß die Stangen so dick gerollt werden konnten, wie
es für den Brückenbau nötig war. Er war auf seinem Platz
unentbehrlich, er war der Mann, der die Mühlen wirklich
leitete. Carnegie wußte wohl, daß die Zeit noch nicht gekommen
 war, einen so nützlichen und nötigen Mann wie
Kloman hinauszusetzen.
Die Zeit war jedoch höchst günstig, um Miller zu
verdrängen. Konnte Miller überredet oder gezwungen
        <pb n="287" />
        — 697 —

werden, seine Anteile zu verkaufen, so mußte Carnegies
Einfluß auf die Union-Eisenmühlen noch wachsen. 1867
brach zur guten Stunde ein Streit aus, oder vielmehr eine
Neuauflage des alten, geschickt aufgefrischten, Miller hatte
eine besondere Wut auf Phipps und weigerte sich, mit ihm
und gewissen anderen Männern, gegen die er einen Groll
hatte, an den Versammlungen der Direktoren teilzunehmen.
Die Transaktion mit der Columbia-Ölgesellschaft, die Carnegie
 ihm vermittelt hatte, nagte auch an seinem Gemüt.
Inzwischen gab sich Carnegie die größte Mühe, Miller zum
Verkauf seiner Union-Eisenmühlen-Aktien zu bringen.
Gleichzeitig machte er Miller die größten Freundschaftsbeteuerungen
 und erklärte ihm nach Bridge in einem Briefe
vom 4. September 1867, der Anteil habe keinen großen Wert
und er selber sei froh, wenn er den seinen loswerden
könnte, wenn ihm jemand dafür nur 27,40 Dollar pro Aktie
geben würde. Er besaß damals 1600 Aktien.
Miller fand seine Stellung als Teilhaber bei den Union-Eisenwerken
 immer unerträglicher und schaute sich nach
jemand um, der ihm seinen Anteil abkaufen würde.
Andrew Carnegie erbot sich in zuvorkommender Weise,
jemand zu finden. Schließlich erschien einer auf der Bild-Häche,
 den Miller für einen gewissen David A. Stewart hielt
und dem er seine Aktien schließlich. für je 32 Dollar verkaufte.
 Zu seiner Überraschung und Kümmernis erfuhr er
aber bald, daß der wirkliche Käufer kein anderer war als
Andrew Carnegie selber! Der Anteil, den Miller verkaufte,
umfaßte gewisse Aktien, die er vorher von einem Herrn
Matthews gekauft hatte. Auf diese Weise vergrößerte
Andrew Carnegie seinen Anteil auf fast vierzig Prozent aller
zusgegebenen Aktien der Union-Eisenwerke.
Miller war jetzt vollständig abgesägt, und Carnegie war
in seinem Streben, sich der Eisenwerke zu bemächtigen,
ainen großen Schritt weiter gekommen.
Nun aber trat in der Eisenindustrie ein Zwischenfall oder,
besser gesagt, ein Ereignis ein, das deutlich bewies, es sei
keineswegs nötig, tüchtige mechanische Aufseher zu Teilhabern
 zu haben; es zeigte sich klar, daß die erfindenden
Mechaniker einfach als Werkmeister oder in einer sonstigen
        <pb n="288" />
        Eigenschaft gemietet werden konnten, in der sie ein Gehalt
bekamen, aber in keiner Weise Sitz und Stimme in der
Direktion besaßen.
Vom kapitalistischen Standpunkte war das eine großartige
Entdeckung. Danach konnten also industrielle Anlagen
gänzlich von Gründern und Finanzleuten besessen und beherrscht
 werden. Es war belanglos, ob sie von den technischen
 Herstellungsprozessen etwas verstanden oder davon
bloß die unvollkommensten Laienkenntnisse besaßen. Die
Männer, die darin geschickt und erfahren waren, konnte
man als Revisoren oder Werkmeister engagieren und sie
Kontrakte unterzeichnen lassen, wonach für ihr Gehalt alles,
was sie in der Zeit ihrer Beschäftigung erfanden und entdeckten,
 unumschränktes Eigentum der Gesellschaft werden
sollte.
Der Zwischenfall, der zu dieser neueren Organisationsmethode
 führte — ein Zwischenfall, der Carnegie und seinen
Teilhabern viele Millionen Dollar einbrachte — trug sich
in der Folge von Arbeiterunruhen zu. Die Union-Eisenwerke
 und andere Eisenfabrikations-Unternehmungen verlangten,
 daß die „Vulkan-Söhne“, eine Vereinigung von
Eisenpuddlern, in eine Lohnherabsetzung einwilligten. Man
begründete diese Forderung damit, daß die Eisenpreise gefallen
 seien. Die Puddler weigerten sich. Es waren intelligente
 Leute, die wohl wußten, daß die Gesellschaft bei
ihrer Ausgabe von Aktien, wofür teilweise nicht ein Dollar
Anlagekapital gezahlt worden war, große Profite eingesackt
hatte. Sie sahen auch, daß die Aktienschieber an der Spitze
der Werke reich geworden waren, während sie, die Puddler,
für einen Lohn arbeiten mußten, der in keinem Verhältnis
stand zum Verkaufspreis der Eisenprodukte, die sie erzeugten.
 Deshalb wollten sie sich die Lohnherabsetzung nicht
gefallen lassen. Die Folge war die Aussperrung von 1867.
Aber die Eisenkapitalisten hatten einen Plan bereit,
die Arbeitervereinigung zu bekämpfen und zu schlagen.
Ein Plan, der später in indirekter Weise mit gleichem Erfolge
 von der Carnegie-Stahlgesellschaft und ihrer Nachfolgerin,
 dem Stahltrust, angewandt wurde und bereits
von den Wollmühlen Neu-Englands benutzt worden war.
        <pb n="289" />
        Man schickte einfach Agenten nach Europa, damit sie
billige Arbeitskräfte aufstöberten. Damals gab es keine
gesetzliche Schranke gegen die offene und direkte Ausführung
 dieses Planes; erst viele Jahre später wurde das Gesetz
 angenommen, das die Einführung Fremder unter
Kontrakt verbietet.
Ein buntscheckiges Gemisch von europäischen Arbeitern
ıller Nationalitäten wurde importiert. Viele waren Engländer,
 Iren und Leute aus Wales, die an viel niedrigere Bezahlung
 und Lebenshaltung gewöhnt waren als die amerikanischen
 Arbeiter; ein großer Teil bestand auch aus
Deutschen, die, da: sie kein Englisch verstanden, den Union-Fisenmühlen
 überwiesen wurden, wo Andrew Kloman,
selbst ein Deutscher, ihnen in ihrer Muttersprache Befehle
geben konnte. Einer von diesen importierten Deutschen
war ein besonders tüchtiger, begabter Mann, namens Johannes
 Zimmer, der in einer deutschen Eisenmühle gearbeitet
 hatte. Er gab Kloman eine Beschreibung von einer
gewissen Art von Walzwerken, die in Deutschland üblich
waren und Platten lieferten, wie sie damals in Amerika gänzlich
 unbekannt waren — Platten von verschiedener Größe
mit glatten Rändern. Kloman baute nach Zimmers Beschreibung
 ein derartiges Walzwerk, das gerollte Platten von verschiedener
 Dicke und Größe produzierte. Carnegies Gesellschaft
 machte sich diese Erfindung ruhig zu eigen, eine Erfindung,
 die von Anfang an einen Bombenerfolg brachte und
später in dem riesigen Plattenwalzwerk zu Homestead ausgenutzt
 wurde. „Diese kleine Idee des deutschen Arbeiters,“
 schreibt Bridge, „hat der Firma, die ihn an die Stelle
eines Ausständigen gesetzt hatte, Millionen eingetragen,
Was Zimmer selbst betrifft, so bestand sein Lohn in einer
gut bezahlten Stellung als Obmann des Walzwerkes, das er
gebaut hatte, und der folgenden verbesserten Auflagen davon.
 Er sparte Geld und soll bei seinem Tode mehr als
00 000 Dollar besessen haben.“
Das war aber nicht der einzige Fall der frechen Ausautzung
 einer deutschen Erfindung. Phipps machte als
finanzieller Regent der Union-Eisenwerke häufige Reisen
nach Europa, mehr in der Absicht, der Gesellschaft aus-
        <pb n="290" />
        — 700

ländische Absatzmärkte zu eröffnen, als zu anderen Zwecken.
Aber er verpaßte keine Gelegenheit, sich mit jedem neuen
Verfahren und jeder neuen Erfindung bekannt zu machen,
wovon er zu hören bekam. Er besichtigte die europäischen
Eisenwalzwerke, prüfte jede Einzelheit aufs genaueste und
wählte davon, was ihm wertvoll erschien. So beobachtete er
einmal, als man ihm, ohne Verdacht zu hegen, die Freundlichkeit
 erwies, ihm die Besichtigung eines deutschen Werkes
zu gestatten, daß durch einen gewissen dort angewandten
Prozeß eine große Ersparnis in bezug auf die Haufen alten
Schieneneisens, die zur Bereitung der Eisenbalken in den
Hochofen geworfen werden mußten, erzielt. wurde. Ohne
Zögern skizzierte er sich die Methode und führte sie nach
seiner Rückkehr nach Pittsburg dort anstatt des bis dahin
üblichen Verfahrens ein. Man sagt, die Firma habe seitdem
jeden Tag so viel gespart, wie seine Reise nach Europa gezostet
 hatte.
Nun wurde die Firma geändert: am 1. Dezember 1870
zründeten Kloman, Phipps und die Brüder Carnegie die
Firma Kloman, Carnegie &amp;amp; Co. Ein paar Monate später
begannen sie mit dem Bau des berühmten Hochofens
„Lucie“ an der 59. Straße in Pittsburg. Dieser Hochofen
war so leistungsfähig, daß er mit der Erzeugung von
350 Tonnen Roheisen wöchentlich begann — was man
damals kaum für möglich gehalten hatte — und dreizehn
Jahre später sogar 800 Tonnen täglich produzierte. Und
dieser Ofen war es, dessen Einrichtung Kloman in finanzielle
Schwierigkeiten stürzte, die Andrew Carnegie die vermutlich
 lang erwartete Gelegenheit boten, ihn hinauszuwerfen.
Wie hoch Carnegies Reichtum sich damals genau belief —
das zu ermitteln, ist unmöglich. Doch floß seine wachsende
Macht nicht bloß aus seinem persönlichen Einkommen,
sondern auch aus der Kühnheit, mit der er vorging, und besonders
 daraus, daß er die Interessen großer Kapitalisten
mit seinen Plänen zu verflechten wußte. So vermittelte er
der Schlußstein-Brückengesellschaft noch vor ihrer Gründung
 eine Fülle von Aufträgen und von Frachtermäßigungen,
 indem er sich mit den höchsten Beamten der Pennsylvania-Bahn
 in Verbindung setzte. J. Edgar Thompson, der
        <pb n="291" />
        _ 701 —

Präsident dieser Bahn, war ein bedeutender Aktionär der
Brückengesellschaft; er fürchtete sich freilich so sehr vor
der öffentlichen Kritik, die ihn dieserhalb angreifen könnte,
daß er die Aktien auf den Namen seiner‘ Frau eintragen
ließ; er gab der Gesellschaft große Aufträge. Auch der
Vizepräsident der Bahn, "Thomas A. Scott, war im geheimen
Aktionär der Gesellschaft, ebenso auch gewisse andere einflußreiche
 Beamte der Bahn. Natürlich benutzten sie ihre
hohen Stellungen bei der Pennsylvania-Bahn, um die
Produkte der Schlußstein - Brückengesellschaft bei den
Beamten der anderen Bahnen aufs wärmste ZU empfehlen.
Die Schlußstein-Brückengesellschaft rühmte sich dieser
weiten Beziehungen zu Fisenbahnen in ihren Annoncen
and zählte die Bahnen auf, für die sie Aufträge ausführte:
es waren die Pennsylvania-, die Nördliche Zentral-, die
Nord-Missouri-, die MNinois-Zentral-, die Baltimore-Ohio-,
die New-Jersey-Zentralbahn und viele andere. Sie rühmte
ihre schmiedeeisernen Brücken, „Patent Linville und Piper“.
Linville war noch 1877 ihr Präsident, und Piper blieb lange
ihr Hauptleiter; Andrew Carnegie aber hielt sich im Hintergrund
 und operierte durch seinen Bruder "Thomas, der
Schatzmeister der Schlußstein-Gesellschaft war.
So brauchte die Schlußstein-Brückengesellschaft nicht
wie viele andere Unternehmungen mit dem Kleinen und
Ungewissen zu beginnen und nach Aufträgen herumzutappen;
 sie erfreute sich schon bei ihrer Geburt einer hohen,
einflußreichen Gönnerschaft. Und diese Gönnerschaft gereichte
 nicht bloß ihr selbst zum Vorteil, sondern wirkte in
großem Maße auch zugunsten der Union-Eisenwerke, von
denen die Schlußstein-Gesellschaft ihren Bedarf an Roheisen
 bezog. Für Carnegie aber war seine Herrschaft über
lie Schlußstein-Gesellschaft ein höchst wertvolles Hilfsmittel
 in seinem ständigen Streben, auch die Union-Eisenwerke
 unter seine Botmäßigkeit zu bringen; konnte er
seinen Mitteilhabern bei den Union-Eisenwerken im kritischen
 Moment, wenn sie gewisse Dinge nicht tun wollten,
nicht immer damit drohen, die Brückengesellschaft würde
‘hren Eisenbedarf anderwärts decken?
Parallel mit dem Umschwung, der sich in der Leitung
        <pb n="292" />
        702

der Union-Eisenwerke vollzog, lief ein ähnlicher Vorgang
bei der Schlußstein-Brückengesellschaft. Genau wie die
Unionwerke ursprünglich unter den Gebrüdern Kloman ein
Unternehmen gewesen waren, das persönlich von Besitzern
geleitet wurde, die in der Branche technische Erfahrung besaßen,
 dann aber unter die Herrschaft von Leuten geraten
war, die lediglich als Geschäftsmänner und Geldgeber gekommen
 waren — genau so wurde die ursprüngliche Firma
Piper &amp;amp; Schiffler durch die Schlußstein-Gesellschaft erzetzt.

Piper war ein Mann von großer technischer Begabung,
der andauernd Erfindungen auf dem einen oder auf dem
anderen Gebiet ausbrütete. Sein Kompagnon Schiffler war
„ein guter Antreiber“, d. h. er verstand mit den Arbeitern
amzuspringen und die äußerste Leistung aus ihnen herauszuquetschen.
 Beide Kompagnons hatten gleichzeitig im
Eisenbahnbau gearbeitet; den Piper hatte Carnegie schon
[858 in Altona kennen gelernt, wo Carnegie damals bei der
Pennsylvania-Bahn bedienstet war. Den Dienst bei dieser
Bahn gab Carnegie erst 1865 auf, gerade im Gründungsjahr
 der Schlußstein-Brückengesellschaft. Sobald diese
Gesellschaft gebildet war, wurden sowohl Piper wie
Schiffler zu Handlangern heruntergedrückt. Es ist nicht zu
leugnen, daß die großen Kapitalien, die in die Schlußstein-Gesellschaft
 gesteckt wurden, hauptsächlich der Gewißheit
einträglicher Aufträge durch Thompson, Scott und andere
Eisenbahnbeamte zu danken waren. Bridge, der als persönlicher
 Sekretär Carnegies Zugang zu gewissen privaten Dokumenten
 hatte, versichert, Carnegie hätte seine Hauptanteile
an der Brückengesellschaft lediglich als Gratifikation für
seine Dienste bei der Gründung erhalten, ohne daß er dafür
einen Pfennig bezahlt hätte; da ihm diese Anteile aber nicht
genügten, habe er zur Erlangung weiterer Aktien einen
Schuldschein gegeben, zu dessen Bezahlung die vier ersten
Dividenden hingereicht hätten.
Wie durch die Binnenhandels-Kommission der Vereinigten.
 Staaten 1906 festgestellt wurde, billigte J. Edgar
T'hompson als Präsident der Pennsylvania-Eisenbahn es auch,
laß hohe Eisenbahnbeamte Geld bei Kohlengesellschaften
        <pb n="293" />
        anlegten — dieselben Beamten, die den Konkurrenten dieser
Kohlengesellschaften Frachtwagen verweigern und ihre
Sendungen verbummeln oder sie sonstwie benachteiligen
konnten. Nach dem Kommissionsbericht bekamen viele
Beamte Aktien geschenkt oder so gut wie geschenkt, weil
es den Gesellschaften nützlich schien, oder dafür, daß sie
‘hre Namen als Förderer solcher Gesellschaften hergaben.
Das Krisenjahr 1873 war für Carnegie eine günstige Zeit.
Am 10. Januar 1912 bezeugte er vor der Untersuchungskommission
 des Senats über Stahltruste, dieses Jahr hätte
viele von seinen Kompagnons gezwungen, an ihn zu verkaufen,
 und in diesem Jahre hätte er die Herrschaft über die
Stahlindustrie errungen. Wenn Carnegie gewollt hätte,
so hätte er dies gut durch sein Verhalten gegen Andrew
Kloman illustrieren können. Kloman hatte sich heftig bei
zwei Schmelz- und Erzminen-Gesellschaften in Michigan
engagiert, die ihm vorgestellt hatten, sie könnten ihm genug
Eisenerz für die „Lucie“ liefern. Diese Gesellschaften gevieten
 im Krisenjahr 1873 in Konkurs. In seiner relativen
Geschäftsunkenntnis hatte Kloman gemeint, es wären Gesellschaften
 mit beschränkter Haftung, jetzt aber merkte er,
daß er sich tiefer engagiert hatte, als er dachte. Es war
höchst wahrscheinlich, daß die Gläubiger, wenn sie wollten,
ihm auch noch die Zinsen von anderen Gesellschaften, an
denen er beteiligt war, wegnehmen würden.
Da kam Andrew Carnegie als der treue Freund in der Not
und machte Kloman schließlich das Anerbieten, er solle ihm
für die Zeit der Auseinandersetzung mit seinen Gläubigern
seine Anteile bei der Gesellschaft zedieren und während dieser
 Zeit als Angestellter mit 5000 Dollar Gehalt arbeiten,
am dann wieder in den Vollgenuß seiner Teilhaberschaft einzutreten.
 Kloman nahm dieses Anerbieten an und arbeitete
drei Jahre lang für 5000 Dollar jährlich, immer in der
Hoffnung, bald wieder voller Teilhaber zu sein. Endlich
gelang es ihm, sich mit seinen Gläubigern auf Zahlung der
Hälfte seiner Verbindlichkeiten zu einigen. Wie erstaunt
and bestürzt war er, als er erfuhr, seine Abmachung mit
Andrew Carnegie habe nicht die geringste gesetzliche Gültigkeit!
 Er konnte nichts machen, als die 100 000 Dollar an-
        <pb n="294" />
        "704

nehmen, die Carnegie ihm als seine Anteile an den verschiedenen
 Werken anbot, obgleich er sie für ein armseliges
Almosen hielt im Vergleich zu dem wahren Wert seiner
Interessen. Aber gesetzlich konnte er nichts machen; er
ging weg und nährte sein Lebenlang bitteren Groll gegen
Carnegie. Seitdem war er eine abgetane Figur und hatte mit
der Gesellschaft, die aus seinem Werk entsprungen war,
nichts mehr zu tun.
Bereits 1855—56 hatte Sir Henry Bessemer in England
die Stahlbereitung mittels der großen drehbaren Gefäße,
der „Bessemer-Birnen“, gezeigt; zwischen 1868 und 1873
hatten in den Vereinigten Staaten mindestens vier verschiedene
 Werke begonnen, nach dem Bessemer-Verfahren
zu arbeiten.
Die Carnegies schickten jetzt William Coleman aus, um
diese amerikanischen Stahlwerke zu besichtigen, und bald
darauf ging Andrew Carnegie selber nach England, um daselbst
 das Bessemer-Verfahren zu studieren. Coleman war
der Schwiegervater von "Thomas M. Carnegie, und er soll
die Idee gehabt haben, Stahlschienen zu produzieren. Man
begrüßte die Idee als außerordentlich glänzend und zeitgemäß:
 die alten Eisenschienen, die bis dahin gebraucht
wurden, waren für den immer größeren Verkehr vollkommen
 unzulänglich; sie bekamen Brüche, und daraus ergaben
 sich Entgleisungen von Lokomotiven und Zügen mit
großen Verlusten an Menschenleben. Außerdem mußte
sie sich sofort rentieren: da die Eisenbahnbeamten als „stille
Teilhaber“ wirkten, mußten sofort große Aufträge kommen,
und wenn erst die Pennsylvania-Bahn die Stahlschienen eingeführt
 haben würde, würden die anderen Bahnen gezwungenermaßen
 folgen.
Aber zwischen der Idee und ihrer erfolgreichen Ausführung
 war ein himmelweiter Unterschied. Die Idee war
ainfach, die Ausführung aber verlangte technische Einrichtungen
 und Erfindungen, wovon weder Coleman, noch
Phipps, noch die Carnegies die leiseste Idee hatten. Mit
wessen Hilfe sie es fertig bekamen, diesem Mangel abzuhelfen,
 soll später beschrieben werden. Es mag genügen,
wenn wir sagen, daß Colemans Bericht so günstig ausfiel,
        <pb n="295" />
        — 705 —

daß er sich selbst beteiligte. Im selben Jahre wurde die
Firma Carnegie, McCandleß &amp;amp; Co. gegründet zur Erzeuzung
 von Stahlschienen und anderen Produkten. McCandleß
 war Vizepräsident der großen Pittsburger Bank. Das
Kapital der Gesellschaft betrug 700 000 Dollar. Coleman
zeichnete 100 000; David A. Stewart, der Präsident der
Pittsburger Lokomotivenwerke, John Scott, einer der
Direktoren der Alleghany-Bahn, Phipps, Thomas M. Carnegie,
 McCandleß und Kloman zeichneten je 50 000 Dollar
(Kloman war damals noch nicht hinausgeworfen); Andrew
Carnegie aber zeichnete 250000 Dollar. Im nächsten
Jahre, am 12. Oktober 1874, wurde die Firma Carnegie,
McCandleß &amp;amp; Co. aufgelöst, und an ihrer Statt erhob sich
die Edgar Thompson-Stahlgesellschaft (m. b. H.) — so
gehannt nach dem Präsidenten der Pennsylvania-Bahn; sie
erklärte, eine Million Dollar Kapital zu haben.
Woher, so fragt man sich, nahm Andrew Carnegie jene
250 000 Dollar, die er zeichnete? Abgesehen von seinen
Profiten aus den früheren Transaktionen, gelang es ihm, fast
diese ganze Summe beim Verkauf von Obligationen während
seines Ausfluges nach Europa im Jahre 1872 zu erzielen.
Wir erfahren aus dem Zeugnis von Bridge, daß "Thompson,
sein getreuer Chef, ihn beauftragte, für sechs Millionen
Dollar Obligationen zum Bau einer neuen Eisenbahn nach
Davenport in Iowa auf den europäischen Markt zu werfen;
und obgleich die Bahn bloß auf dem Papier stand und nie
gebaut wurde, obgleich die Käufer dieser Obligationen
jeden Dollar verloren — bekam Carnegie dennoch 150 000
Dollar als Provision. Zur selben Zeit bekam er 75 000 Dollar
Provision für den Verkauf gewisser anderer Obligationen.
Die Inhaber dieser sechs Millionen Obligationen gaben sich
die größte Mühe, ihn zum Schadenersatz heranzuziehen,
es gelang ihnen aber nicht. Braucht man da länger zu erklären,
 warum Carnegie von Thompson eine so überaus hohe
Meinung hatte, daß er seine Stahlwerke nach ihm benannte ?
Aber Thompson und Scott waren nicht die einzigen Eisenbahnmagnaten,
 bei denen Andrew Carnegie sich einschmeichelte.
 In der Darstellung seiner Laufbahn, die er der Untersuchungskommission
 des Senates über Stahltruste am
        <pb n="296" />
        05 —

ıı. Januar 1912 gab, prahlte er folgendermaßen: „Ich erinnere
 mich, daß die Union-Atlantische Eisenbahn einmal
die Lieferung von 70000 Tonnen Schienen ausgeboten hatte,
und die Offerten sollten in Omaha geöffnet werden. Dort
waren all meine Konkurrenten. Ich aber ging nach New
York zum Präsidenten Sydney Dillon (von der Union-Atlantischen
 Eisenbahn). Ich hatte der Union-Atlantischen
einmal mit etwa 600 000 Dollar in Philadelphia ausgeholfen,
und sie hatten mich und George M. Pullman in den Aufsichtsrat
 gewählt. Ich sprach mit Dillon über das Schienen-Ausgebot
 und fragte ihn, ob die Carnegie-Schienen gut genug
wären. Er bejahte. Gut, sagte ich, ich möchte, daß die
Union-Atlantische das Geschäft mit mir macht, und will
Ihnen den niedrigsten Preis machen. Abgemacht, Carnegie,
sagte er, und ich bekam den 70 0o00-Tonnen-Vertrag.“
Carnegie fügte hinzu, er habe einmal Collis P. Huntington
Kredit gegeben, als dieser Eisenbahnmagnat „krumm lag“.
Die genaue Zeit, wann er diese Darlehen gegeben hatte,
wagte Carnegie nicht anzugeben; wir müssen annehmen,
daß es in früheren Jahren geschah, als die Union-Atlantische
 und Huntington noch nicht mit Reichtümern überschwemmt
 waren wie später, nachdem sie den Kongreß und
die Gesetzgebungen zur Erlangung großer Geld- und
Bodenbeihilfeh erfolgreich bestochen hatten.
Noch ein anderer Eisenbahnbeamter wurde in die
Edgar Thompson-Stahlwerke hineingebracht, nämlich William
 P. Shinn, Generalagent der Pennsylvania-Eisenbahn,
Teilhaber der Edel-Eisen-Gesellschaft und Präsident der
Ashtabula-, Joungstown- und Pittsburger Eisenbahn. Shinn
war es, der das Überschlagssystem einführte, das sich bei
der Standard-Ölgesellschaft und bei der Pennsylvania-Bahn
 schon so nützlich und vorteilhaft gezeigt hatte: ein
System, das darin bestand, vor Annahme eines Auftrages
Jen jeweiligen Kostenpreis jedes Rohmaterialteils, der bei
der Schienenproduktion gebraucht wurde, genau zu berechnen.
 Shinns Dienste waren für die Gesellschaft höchst
wertvoll.
Von noch größerem Wert aber waren ihr die Dienste
jenes bedeutenden Eisenschmelzers A. L. Holley und des
        <pb n="297" />
        OT

Erfinders Kapitän William L. Jones. Holley war ein Mensch,
der ganz in seinem Beruf aufging und sich wenig oder gar
nicht um Geld kümmerte. Sein Leben war von dem einen
Ehrgeiz beherrscht, den Prozeß der Stahlbereitung zu verbessern.
 Holley, dieser feingebildete und hochgeistige Konstrukteur,
 war, nachdem er Stahlwerke zu Troy, St. Louis
und an anderen Plätzen geleitet hatte, in Carnegies Dienste
getreten und dort geblieben, bis er 1882 starb, „„ausgebrannt“
 im wahren Sinne des Wortes, im frühen Alter von
fünfzig Jahren.
Was Kapitän Jones betrifft, so war er von anderem
Kaliber; ein rauher, energischer Mann, ohne feinere Bildung,
 aber mit zwei Fähigkeiten ausgestattet, die für Carnegie
 von größtem Nutzen waren: mit einem Geschick, die
Arbeiter anzuspannen und in einer gegebenen Zeit das
größtmögliche Arbeitsquantum aus ihnen herauszubekommen,
 und anderseits seiner Leidenschaft, das Verfahren der
Stahlbereitung zu verbessern. Jones war Werkmeister in
einem Konkurrenzkonzern, der Cambria- Eisengesellschaft,
gewesen. Andrew Carnegie hatte 1873 einen Streik in diesem
 Unternehmen ausgenutzt und Jones und einige andere
Werkmeister bewogen, in seine Dienste zu treten. N jemand
verstand es besser als Jones, von den Arbeitern die größte
Arbeit für die geringste Bezahlung zu erlangen; niemand
außer Andrew Carnegie selbst wußte billige und gute Produktion
 so gut zu vereinen. Jones vermied es, Amerikaner
einzustellen, und war gegen Engländer noch strenger —
nicht nur, weil sie „auf hohe Löhne stichelten“, wie er
sagte, sondern auch, weil sie sich weigerten, sich bei der
Arbeit abzuhetzen, und daher nicht so viel schafften. Er
sorgte dafür, daß Deutsche, Iren, Schweden und junge
amerikanische Landjungen gemietet wurden, und erklärte,
in richtiger Mischung ergäben sie „den wirksamsten Brei,
den man finden kann“. Zwischen sie setzte er Schotten und
Walliser, in der Erwartung, bei ihren verschiedenen Sprachen,
 Gemütsarten und nationalen Feindschaften würden
sie sich nicht leicht zu einem®Streik zusammenfinden.
Während er diese kluge Politik der Verfeindung betrieb,
suchte Jones gleichzeitig immerfort nach Mitteln, die
        <pb n="298" />
        „08

Maschinen zu verbessern und leistungsfähiger zu machen.
Es war ihm gleich, wieviel eine Maschine gekostet hatte,
oder wie neu sie war — sobald es sich zeigte, daß eine
andere mehr leistete, wenn auch nur wenig, so stellte er
sofort die neue ein und warf die frühere zum alten Eisen.
Aus dieser Kombination von billiger, gefügiger Arbeit
und leistungsfähigen Maschinen resultierte eine immer
größere und billigere Produktion, die die Profite der
Edgar Thompson-Stahlwerke beständig anschwellen ließ, bis
sie 1877 die Höhe von 43%, Prozent erreichten.
Die Profite waren so enorm, daß Carnegie mit seiner
Eindrittel-Beteiligung an den Werken nicht zufrieden war.
Er strebte jetzt nach persönlicher Herrschaft über das Unternehmen.
 Nach einer besonders erbitterten Streitigkeit
wurde Coleman 1876 hinausgesetzt, und Andrew Carnegie
kaufte seine Anteile; die näheren Umstände dieser Affäre
sind aus keinem Gerichtsprotokoll zu ermitteln. Die
Zwistigkeiten dauerten fort; "Thomas M. Carnegie und
Phipps verkauften die Hälfte ihrer Anteile an Andrew Carnegie
 — warum sie es taten, darüber geben die Protokolle
nicht die geringste Auskunft. Klomans kleiner Anteil von
50 000 Dollar ging als nächster in den Besitz Andrew Carnegies
 über und ebenso die kündbaren Obligationen einer
Anzahl kleiner Aktionäre, denen Carnegie kurzerhand mitteilte,
 das Beste, was sie tun könnten, wäre: anzunehmen,
was man ihnen anböte,
Und so ging die Sache weiter. Thomas A. Scott — der
große Scott — Carnegies alter Chef, geriet mit Carnegie in
eine heftige Streitigkeit — die Carnegie sehr gelegen kam,
denn Scott zog voller Ärger seine Kapitalien von der
Edgar T’hompson-Stahlgesellschaft zurück und schwor, er
wolle mit ihr nichts mehr zu tun haben. Und was wurde
aus Thompsons Einlagen? Carnegie erwarb sie bald: beim
Tode T'hompsons im Jahre 1874 entschlossen sich die Testamentsvollstrecker,
 Bargeld dafür zu nehmen, obgleich die
Obligationen noch nicht fällig waren. Es befanden sich aber
noch andere Obligationen und Aktien im Besitz von
McCandleß, Shinn und John Scott. McCandleß starb 1879,
und seine Witwe sah sich gezwungen, von Carnegie einen
        <pb n="299" />
        - 709

niedrigen. Preis anzunehmen, der dem Wertzuwachs nicht
im geringsten Rechnung trug. Ein heftiges Ringen zwischen
Carnegie und Shinn war jetzt das Vorspiel zu Shinns Hinauswurf
 — da die Majorität des Aufsichtsrates ein gefügiges
Werkzeug Carnegies war. Shinn aber war selber so etwas wie
zin gewiegter Geschäftsmann, dem es keineswegs an Zähigkeit
 gebrach. Er verklagte Carnegie, was diesem sehr mißfiel,
denn er hatte eine große Abneigung gegen die Gerichte.
Er verglich sich schließlich mit Shinn auf Zahlung von
200 000 Dollar und ließ einen neuen Feind auf seinem Wege.
Was John Scott betrifft, so wurde er 1882 ohne weiteres aufgefordert,
 die Firma Gebrüder Carnegie &amp;amp; Co. zu verlassen
 — worüber er noch lange grollte, nachdem er eingesehen
 hatte, daß es für ihn keine andere Möglichkeit gab,
ls seinen Anteil von 175 000 Dollar an Andrew Carnegie
zu verkaufen.
Die Firma Gebrüder Carnegie &amp;amp; Co. (m. b. H.) wurde
[881 mit einem Kapital von fünf Millionen Dollar als Nachfolgerin
 der Edgar Thompson-Stahlgesellschaft und der
Union-FEisenwalzwerke gegründet. Andrew Carnegie hatte
jetzt sein Ziel erreicht. Mit seinen drei Millionen Aktien
war er bei weitem der größte-Aktionär und konnte die Gesellschaft
 nach seinem Belieben regieren. "Thomas M. Carnegie
 und Henry Phipps waren jeder mit 878 000 Dollar beteiligt,
 aber Thomas M. Carnegie starb schon ein paar Jahre
später, 1886. Die anderen Aktionäre waren verhältnismäßig
einflußlos; ihre Anteile gingen, wie wir schon gezeigt haben,
bald in Carnegies Besitz über. Woher aber kam das Kapital
von fünf Millionen Dollar? Es war zum größten Teil eine
Fiktion, die sich auf die enormen Profite gründete, welche
sich im Jahre vor der Konsolidierung auf I 885 197 Dollar
belaufen hatten. In dem Kapital von fünf Millionen Dollar
waren die Werke, Anlagen und Erzminen mit vier Millionen
Dollar angesetzt und bloß eine Million mußte in bar gezeichnet
 werden — eine einfache Sache, die sich mit dem
Profit eines einzigen Jahres machen ließ.
Der wichtigste Punkt aber, den diese Konsolidierung enthüllte,
 war die vitale Tatsache, daß die Carnegie-Gesellschaft,
 bei jenem Pioniertrust, der Standard-Oil Company
        <pb n="300" />
        ”I1C

in die Schule gehend, Schritte getan hatte, um sich selbst
die Herrschaft über die Rohmaterialquellen zu sichern.
Das war ein Schritt vorwärts in der kapitalistischen Evolution.
 Unter dem alten System mußte der Fabrikbesitzer
sein Rohmaterial von anderen Kapitalisten kaufen. Durch
die neueren Methoden wurden die Profite auf diese Ausgaben
 erspart. Um 1881 besaß die Carnegie-Stahlgesellschaft
 bereits ihre Kohlenminen und Koksöfen so gut wie
ihre Erzgruben; diese Besitzungen waren freilich nicht groß,
aber es war immerhin ein Anfang und ein Vorbote der nicht
fernen Zeit, wo große Rohmaterialquellen in den Besitz
der Stahlmagnaten kamen. In der Tat kam die Carnegie-Gesellschaft
 durch diese billigeren Methoden rapide zu
einer Position, wo sie mit Leichtigkeit die nach dem alten
System organisierten Konkurrenten unterbieten konnte.
Andrew Kloman und andere Pittsburger Männer hatten die
Pittsburger Bessemer-Stahlgesellschaft (m. b. H.) mit einem
Kapital von zweieinhalb Millionen gegründet und zu
Homestead bei Pittsburg ein Stahlwerk erbaut. Als aber
dort zur rechten Zeit ein Streik ausbrach, sahen die Besitzer
 sich mannigfachen Verlegenheiten gegenüber und
mußten ihre Werke 1883 an die Carnegie-Gruppe verkaufen.
 Auch die Duquesne-Stahlgesellschaft ging für eine
Million Obligationen an Carnegie über, und damit war
iede Konkurrenz im Pittsburger Distrikt beseitigt.

Carnegie und die Arbeiter

Damit das Aufhäufen riesiger Profite alle Jahre fortdauere
 und wachse, war es nötig, die Koksbesitzungen der
Carnegie-Stahlgesellschaft zu erweitern und zu verhindern,
daß die Arbeiter höhere Löhne und kürzere Arbeitszeit errangen.
 Diese beiden Probleme wurden 1882 durch die
Aufnahme von Henry C. Frick in die Gesellschaft gelöst.
Frick hatte durch gewisse Machinationen die Herrschaft in
der Koksindustrie errungen und besaß damals mehr als
tausend Koksöfen und volle dreitausend Morgen Kohlenländer.
 In jener Industrie hatte Frick, und nicht mit Unrecht,
 den Ruf eines geschworenen Feindes der organisierten
        <pb n="301" />
        _ Il —

Arbeit erworben: sein bloßer Name war den Arbeitern verhaßt.
 Trotz der Verschiedenheit der Nationalitäten in den
Carnegie-Stahlwerken und der geschickten Art und Weise,
wie Vorurteile und Feindschaften genährt und entflammt
wurden, mußten die Arbeitsbedingungen die Arbeiter notwendig
 zum Anschluß an die Vereinigte Gewerkschaft der
Eisenarbeiter treiben. Die Arbeit, die von ihnen verlangt
wurde, war entsetzlich. Die Werke ein paar Stunden täglich
zu schließen hätte einen großen ökonomischen Verlust bedeutet;
 anstatt aber die vierundzwanzig Stunden in drei
Schichten einzuteilen, so daß jede Schicht acht Stunden zu
arbeiten hätte, hatte man nur zwei Schichten, so daß die
Leute zu zwölfstündiger Arbeit am Tage gezwungen Waren,
Mit diesem unmenschlichen System noch nicht zufrieden,
stachelte Carnegie seine Werkmeister an, „einen noch
besseren Rekord“ herauszudrücken; er überwachte die Einkünfte
 aus jeder Abteilung mit scharfen Augen; waren die
Kosten der Arbeit und der Produktion in einer Abteilung
höher als in der anderen, so machte er den Meistern dieser
Abteilung Vorwürfe und lobte die Meister der anderen Abteilungen.
 Auf diese Weise säte er mit diabolischer List
Eifersüchteleien unter den Werkmeistern, hetzte sie gegeneinander
 auf und erzeugte so bittere Feindschaften, daß
manche Werkmeister jahrelang nicht miteinander sprachen.
Um diese Zeit begann jene Periode der Reklame und des
Selbstlobs, die noch andauert. Er schrieb in der Zeitschrift
„Forum“ 1886 Artikel, in denen er die tiefste Rücksicht auf
das Wohlergehen der Arbeiter ausdrückte. Wir wollen
sinige charakteristische Stellen zitieren, die er später, kühn
genug, wieder veröffentlichte („Probleme von heutzutage‘,
von Andrew Carnegie, 1908), trotz der Enthüllungen des
großen Homestead-Streiks. Er schrieb: seiner Meinung
nach „entstehen die Streike nicht so sehr aus Zwistigkeiten
wegen der Arbeit, als aus Mangel an Verständigung unter
den Parteien. Der Unternehmer kennt den Arbeiter und
seine Gedanken und Sorgen nicht, und der Arbeiter kennt
die Meinungen und Sorgen des Unternehmers nicht. Ebensowenig
 kennt der Unternehmer die guten Seiten seiner
Arbeiter, und der Arbeiter die guten Seiten seines Unter-
        <pb n="302" />
        A)

nehmers. Jeder sieht nur die eine Seite des Problems; und
dies verursacht die meisten Zwistigkeiten.“
Dieses kindische Gewäsch wurde, wie gesagt, 1886 in
einer, wie man meinte, der ernsthaftesten amerikanischen
Zeitschriften publiziert. Und zur selben Zeit überwachte
Carnegie die Arbeitsbedingungen in seinen Unternehmungen
 aufs schärfste, Nur wenige Jahre vorher hatte er Frick
engagiert, den hartnäckigsten, rücksichtslosesten und unversöhnlichsten
 Feind der Arbeitervereinigung. Und wenige
Jahre später geschah das Niederschießen der streikenden
Stahlarbeiter in Carnegies Walzwerken zu Homestead.
Gerade während der Jahre, wo er seine Teilhaber aus dem
Felde schlug und die Werkmeister anstachelte, aus den
Arbeitern das äußerste Maß von Arbeit herauszuquetschen,
verkündigte Carnegie sein Motto: „Konzentration! Erst
Ehrlichkeit, dann Fleiß, dann Konzentration“!
Diese Worte, von servilen Skribenten und schmeichelnden
Schönrednern oft genug wiederholt, wurden schließlich
ernst genommen von einem Publikum, das nichts von den
gigantischen Eisenbahnschwindeleien gegen die Schatzkammer
 der Vereinigten Staaten während des Bürgerkrieges
wußte und keine Ahnung von den ständigen Machinationen
hatte, wodurch Carnegie die Herrschaft über die großen
Pittsburger Stahlwerke an sich gebracht hatte. Selbst die
Enthüllungen über die großen Panzerplatten-Betrügereien
in Carnegies Werken, einige Jahre später, taten dem Eindruck
 von Carnegies berühmtem Motto nicht allzusehr
Abbruch.
Die Carnegie-Stahlgesellschaft hatte alles, was in ihrer
Macht stand, getan, um die Arbeitervereinigung zu zerbrechen,
 und wie gut es ihr gelungen war, zeigte sich darin,
daß viele Arbeiter aus der Vereinigung ausschieden, „um
sich mit der Gesellschaft zu verständigen“. Stahlarbeiter,
die monatlich 120 Dollar bei achtstündiger Arbeitszeit bekommen
 hatten, mußten, ein Jahr vor den erbaulichen
Forum-Artikeln, zwölf Stunden täglich für 60 Dollar arbeiten.
 Während des nächsten Jahres — 1886 — bewilligte
die Gesellschaft großmütig zehn Prozent Lohnerhöhung,
weigerte sich aber, zum Achtstundentag zurückzukehren.
        <pb n="303" />
        — 713 —

„Aber die intelligenten und kampflustigen Iren,“ sagt Fitch
in seinen ‚Stahlarbeitern‘, „verlangten eine Rückkehr zum
Achtstundensystem von 1884 und schlugen die Lohnerhöhung
 aus. Dafür wurden 700 Hochofenarbeiter entlassen.
 1886 aber wurde der Ausstand allgemein, und die
Gesellschaft bewilligte den Achtstundentag.“
1887 baute die Carnegie-Stahlgesellschaft ein Schienenstahlwerk
 letzter Konstruktion zu Braddock in Pennsylvanien.
 Maschinen wurden eingestellt, um die Handarbeit
zu ersetzen. Die Gesellschaft schlug jetzt eine Herabsetzung
der Löhne um zehn Prozent vor, aber die Arbeitervertreter
gingen darauf nicht ein. „Im März 1888,“ so erzählt Fitch,
„schickten die Arbeitervertreter eine Kommission nach New
York zu Andrew Carnegie. Er empfing sie und schlug eine
Herabsetzung um zehn Prozent, in anderen Abteilungen um
acht Prozent vor, zugleich mit einer Wiederaufnahme
les Zwölfstundentages.‘“ Carnegie habe erklärt, diese Bedingungen
 seien nötig, um ihm die Konkurrenz mit den
Chicagoer Schienenwerken zu ermöglichen. Bei dieser
Konferenz erklärte Carnegie, er werde in seinen Werken
hinfort nur nichtorganisierte Arbeiter anstellen, und wer
in seinen Diensten bleiben wolle, habe einen Vertrag zu
unterzeichnen, wonach er nicht Mitglied der Arbeitervereinigung
 bleiben oder werden würde. „Im Mai,“ so
fährt Fitch fort, „lehnte Carnegie es ab, noch eine Kommission
 zu empfangen oder eine weitere Konferenz abzuhalten,
 und um die Mitte des Monats akzeptierten die Arbeiter,
 die den ganzen Winter gestreikt hatten, die Bedingungen
 und nahmen die Arbeit wieder auf.“
Damit endete die Arbeitervereinigung in den Edgar
Thompson-Werken. In den zwanzig Jahren, die seitdem verflossen
 sind, ist niemals ein organisierter Versuch von irgendwelcher
 Bedeutung gemacht worden, das Recht auf kollekive
 Abschlüsse wieder zu erobern. Über Carnegies Vorwand,
 er müsse mit den Chicagoer Schienenwerken konkurrieren
 können, sagt Fitch, die Bezahlung der Arbeit in den und
Jen Teilen der Edgar-Thompson-Werke sei jetzt auf 35,30
Dollar beschnitten worden, d. h. fast neunzehn Prozent
anter den Kosten der Arbeit in denselben Teilen der Chi-
        <pb n="304" />
        714 —

cagoer Stahlschienenwerke. Nur wenige von den Stahlarbeitern,
 die bei Carnegie beschäftigt waren, bekamen mehr
als zwei Dollar täglich, viele aber weniger. Und wie hoch
waren die Profite der Carnegie-Werke zu dieser Zeit?
1889 betrugen sie 3 540 000 Dollar; 1890 stiegen sie auf
5 350 000 Dollar, und im nächsten Jahre waren es 4 300 000
Dollar.

Die Erfinder

Während Carnegie solchermaßen damit beschäftigt war,
die Arbeitervereinigung zu zerschmettern, trat in seinen
Werken ein Ereignis ein, das ihm ein Monopol und unzählige
 Millionen Dollar einbrachte. Das war die Entdeckung
 einer neuen Methode, geschmolzenes Eisen zu
mischen, durch Kapitän Jones. Laut einem Protokoll des
Höchsten Gerichtes der Vereinigten Staaten übertrug Jones
sein Patent unterm 4. Juni 1889 an die Carnegie-Stahlgesellschaft.
 Bessemers Verfahren hatte darin bestanden,
das Eisen ohne Anwendung von Brennmaterial dadurch zu
reinigen, daß man einen Luftstrom durch eine geschmolzene
Metallmasse in einer drehbaren „Birne“ blies. Mushet hatte
ein ergänzendes Verfahren zur Wiederzuführung von Kohlenstoff
 erfunden. Das Verfahren von Jones bestand in einem
bedeckten Reservoir geschmolzenen Metalls, das zwischen
Hochofen und Birne eingeschaltet wurde und so eingerichtet
war, daß es, während eine große Menge geschmolzenen Metalls
 abfloß, in kleinen Mengen auf einmal wieder aufgefüllt
wurde. „Es hatte sowohl Vorteile wie Nachteile,“ bezeugte
Carnegie von dem früheren Verfahren, das vor der Erfindung
 von Jones angewandt wurde, „aber die Nachteile
waren so groß, daß wir oft darüber debattierten, ob wir das
Verfahren nicht lieber aufgeben sollten. Wir fanden, daß es
genau so unmöglich war, eine gleichartige Masse zu erhalten,
wie bei der Kuppel-Methode . .. Während wir noch sorgenvoll
 mit dem Problem rangen und unentschlossen waren,
ob wir es beibehalten oder aufstecken sollten, erklärte uns
Kapitän Jones, er glaube eine Methode erfunden zu haben,
durch welche das Problem gelöst wäre... Wir waren so
        <pb n="305" />
        — 15 —

überzeugt von seiner Idee, ... daß ich ihn anwies, die Sache
‚ns Werk zu setzen ... Er tat es, und fast von diesem "Tage
an waren unsere Sorgen fort. Er hatte einen großartigen
Erfolg erzielt, in der Stahlindustrie war man wieder einen
Schritt weiter gekommen, und wir benutzen seine Erfindung
noch heute... Vor allen Dingen muß der Fabrikant auf die
Gleichartigkeit seiner Ware halten, auf die Gleichwertigkeit
der Schienen, und das ist ohne die Erfindung von Jones
nicht zu erreichen, soweit ich unterrichtet bin.“
Die ganzen Früchte der Erfindung erntete die Carnegie-Stahlgesellschaft;
 Jones selber wurde nur kurze Zeit nach
seiner Entdeckung bei einer Hochofenexplosion in die Luft
geschleudert und getötet. Die Erfindung wurde in Carnegies
 Werken sofort ausgenützt, und sie war so wichtig, daß
alle anderen Stahlfabrikanten von Bedeutung sie einführen
und der Carnegie-Stahlgesellschaft schweren Tribut dafür
zahlen mußten. Die Cambria-Eisengesellschaft indessen
weigerte sich zu zahlen und berief sich darauf, das Deighton-,
das Witherow- und andere Patente, die vorher angemeldet
worden wären, enthielten in der Hauptsache das gleiche
Verfahren oder ein ganz ähnliches. Die Carnegie-Stahlgesellschaft
 reichte am 2. Dezember 1895 Klage ein wegen
Patentverletzung und verlangte Schadenersatz; und als der
Fall schließlich nach sechs Jahren von dem Höchsten Gerichtshof
 der Vereinigten Staaten entschieden wurde, sprachen
 fünf von den neun Richtern sich zugunsten der Carnegie-Stahlgesellschaft
 aus.
Richter White vertrat die entgegengesetzte Meinung, der
sich Oberrichter Fuller und die Richter Harları und Brewer
anschlossen. Ihre Ansicht war: „Die Wirkung der eben gefällten
 Entscheidung ist derart, daß sie dem Patentinhaber
(Carnegie) eine Stellung gibt, in der er, ohne selbst eine
Erfindung gemacht zu haben und ohne ein gesetzliches
Patent vorweisen zu können, von der Stahl- und Eisenindustrie
 Tribute erheben darf, sobald die Interessenten
dieser Industrie ihre Werke vergrößern und mit der natürlichen
 Entwicklung der modernen Industrie in vernünftiger
and befriedigender Weise Schritt halten wollen.“
Das war im Jahre 1901. Kaum sieben Jahre später
        <pb n="306" />
        — 716 —

stimmte Andrew Carnegie in seinem sonderbaren Buche
„Probleme von heutzutage“ eine Rhapsodie auf die Erfinder
an. „Es gibt eine Klasse Millionäre,‘“ schrieb er, „deren
Reichtum in viel größerem Grade als bei anderen ihnen
selber zugeschrieben werden muß . ..‘“, und er nannte Bell,
den Erfinder des Telephons, Edison, und Westinghouse, der
durch die Vakuumbremse berühmt ist. „Ihr Reichtum entspringt
 ihrem eigenen Gehirn. Alle Ehren dem Erfinder!
Er steht auf einer höheren Warte als die anderen Menschen!“
Was für edle Gefühle! Was für heiße Ermahnungen!
Leider sind ihm eine Reihe fataler Versehen passiert. Abgesehen
 von einer langen Liste anderer amerikanischer Erfinder,
 welche, von Kapitalisten ausgeplündert, arm zu
Grabe gegangen sind, gibt es eine besondere Klasse von Erfindern,
 die Carnegie persönlich kannte und die er mit Fleiß
anerwähnt gelassen hat.
Es waren die Erfinder in seinen eigenen Werken; Erfinder
 wie Holley und Jones und andere, weniger bekannte,
wie James H. Simpson, Henry Aiken, Henry W. Borntraeger
und sonstige. Innerhalb dreier Jahre (1887 bis 1889) kam
Carnegie in den Besitz von zwölf Erfindungen Simpsons in
der Herstellung von Ziehstangen, Kopplern, Drehschnallen
usw., und in einem einzigen Jahre übernahm Carnegie vier
dem Aiken patentierte Erfindungen. Das sind nur einige
wenige von den vielen Erfindern, die Carnegie ihre Patente
äberließen und dafür nichts als ihren Lohn bekamen und
selber im allgemeinen in Armut oder Halbarmut starben.
Der Schwerpunkt von Carnegies selbstgefälligem Buche
liegt in der Behauptung, Geschicklichkeit habe die Anhäufung
 großer Reichtümer vollbracht; Geschicklichkeit habe
den Multimillionär auf seinem goldenen Wege vorwärts gebracht;
 persönliche Geschicklichkeit sei das A und das O
gewesen; für Carnegie ist das eine genügende Erklärung
dafür, warum und wie er ein Vermögen von einigen Hunderten
 von Millionen Dollar zusammenscharren konnte,
und er möchte gerne, daß diese Erklärung vom Publikum als
richtig hingenommen würde, Während er diese Erklärung
aufstellt, bezieht er sich taktvoll und diskret auf seine eigene
Laufbahn, indem er in der dritten Person schreibt und seinen
        <pb n="307" />
        — F17

Namen nicht erwähnt, aber doch durchblicken läßt, daß er
bei Eigenschaften wie Ehrlichkeit, Scharfsinn, Fleiß und
Geschicklichkeit als Grundlagen großer Vermögen an sich
selbst denkt. Es spielten jedoch außer den bereits erwähnten
Mitteln, wodurch Carnegie sich allmählich vom Telegraphisten
 zum Multimillionär aufschwang, noch gewisse
andere Faktoren eine zeugende Rolle.

Carnegies politischer Einfluß

Carnegie gab regelmäßig Beiträge für den Fonds der
‚epublikanischen Partei; er sagte auch keinen Ton gegen
Jie Korruption, die diese Partei entfaltete, als sie die
Stadt Pittsburg oder den Staat Pennsylvanien oder die Nationalregierung
 beherrschte. Es erwartete auch kein gescheiter
 Mensch, daß er etwas dagegen sagen würde; denn
seine Konzerne hatten ja Vorteile und Liebesgaben aller
Art von der bloßen Existenz der korrupten politischen Maschinen.
 Außer einem hohen Zolltarif gab es eine bunte
Reihe anderer Wohltaten, die eine ihm und anderen Fabrikanten
 verpflichtete politische Partei nicht gut verweigern
 konnte. Die Gesetze über Arbeiterschutzmaßregeln,
kürzere Arbeitszeit usw., die von den Arbeitern beantragt
wurden, konnten abgelehnt oder in kastrierter Form angenommen
 und dann nicht so, wie beabsichtigt worden war,
durchgeführt werden. Die Durchführung solcher Gesetze
bedeutete eine Mehrausgabe für den Fabrikbesitzer und
eine Verminderung der Profite; das Menschenleben war zu
billig, um Ausgaben für Schutzvorrichtungen zu rechtfertigen.
 Auch im Fall eines Streikes der Arbeiter zur Verbesserung
 der empörenden Bedingungen, unter denen sie
arbeiteten und lebten, ließen sich die regierenden Machthaber
 unschwer beeinflussen, so daß sie Polizei und Militär
 zur eventuellen Niederschießung der Streikenden be-»rderten.

Die Spenden für den Wahlfonds der politischen Parteien
wurden von Carnegie und seinen kapitalistischen Kollegen
als „Kapitalseinlagen‘“ betrachtet. Sie wurden nicht bloß
für die Bundeswahlen benötigt, sondern auch für die Wahl-
        <pb n="308" />
        — 718 -

kämpfe in den Einzelstaaten und in den Stadtverwaltungen
und für die Wahlen der Vertreter und Senatoren der Vereinigten
 Staaten. Jede politische Partei brauchte mehrere
Millionen Dollar für die verschiedenen Wahlausgaben, wozu
auch die großen Summen für die politischen „Antreiber“ in
jedem Staate gehörten; desgleichen die Gelder zum Kauf
von Stimmen.
So waren zwei Senatoren der Vereinigten Staaten durch
das Parlament eines jeden Staates zu wählen. 1886 entbrannte
 in einem gewissen Parlamente ein Kampf wegen der
Senatorwahl. Es war klar, daß derjenige gewählt werden
würde, der das meiste Geld austeilen konnte. Da schrieb
James G. Blaine, damals ein bekannter Politiker der republikanischen
 Partei, an Andrew Carnegie und fragte an, ob
er nicht zehntausend Dollar in diesen Senatorenkampf „einlegen“
 möchte? Und Carnegie gab diese „Einlage“. Eine
ähnliche „Einlage“ machte er bei der Präsidentenwahl im
Jahre 1888, wobei Harrison zum Präsidenten erwählt wurde
— eine Wahl, die durch die offensichtlichste Bestechung
markiert ist. Harrison machte Blaine zum Staatssekretär
für das Innere. Zufällig; hatte Carnegies Schlußstein-Brückengesellschaft
 gegen eine zentralamerikanische Republik
 eine alte Forderung von 200 000 Dollar, die schwer
einzutreiben war. Als aber Blaine Staatssekretär wurde und
liebenswürdigerweise etwas „diplomatischen Druck“ ausäbte,
 wurde die Zahlung bald geleistet.
Diese politischen „Einlagen“ sind seitdem von Carnegie
fleißig fortgesetzt worden. Bei dem Verhör vor der Kongreßkommission,
 die kürzlich die Wahlbeiträge untersuchte,
zeigte es sich, daß Carnegie bei den Wahlen von 1904 für
den Roosevelt-Fonds 10000 Dollar gespendet hatte, und
ebenso wurde ermittelt, daß er 1912 für einen Fonds zur
Wiederwahl von 'Taft 25 000 Dollar gegeben hatte (dieser
lediglich für T’afts Wiederwahl bestimmte Fonds betrug
250 000 Dollar).
Der Gesamtbetrag der Summen, die Carnegie während
seines Lebens für politische Wahlfonds gegeben hat, ist
sehr groß. In wie musterhafter Weise die regierenden Mächte
sich für seine Schenkungen revanchierten, zeigte sich deut-
        <pb n="309" />
        — #19 —

lich (von anderen Gelegenheiten abgesehen) bei dem großen
Streik von Homestead. I

Die Vernichtung der Arbeitervereinigung

Der Vertrag, den Carnegies Arbeiter in den Homesteader
Werken im Jahre 1889 geschlossen hatten, lief 1892 ab.
Die Arbeiter machten sich keine Illusionen über die Absichten
 von Carnegie und Frick; sie wußten sehr gut, daß
Carnegie und Frick zur völligen Vernichtung ihrer Vereinigungen
 entschlossen waren, um gemeinsame Anstrengungen
zur Erzielung höherer Löhne und kürzerer Arbeitszeit zu
verhindern. Frick selber bezeugte 1892 vor der Kongreßkommission:
 „Wir wollen Leute haben, mit denen wir
einzeln verhandeln können. Wir lehnten es ab, nach jenem
Termin (dem 24. Juni 1892) noch mit der Vereinigten Gewerkschaft
 (der Eisenarbeiter) zu unterhandeln, und sagten
es ihnen klipp und klar.“
Mit jeder neuen Erfindung, welche Arbeit ersparte,
wurden mehr Leute entlassen, und die Bleibenden mußten
sich „beeilen‘, d. h. noch angestrengter schuften. Ihre
Löhne waren heruntergegangen, die Lebensmittelpreise gestiegen.
 Alles, was sie besaßen, war ihre Beschäftigung, und
lie war nicht bloß unsicher, sondern auch gefährlich; die
sogenannten „Unfälle“ in den Werken hatten Verstümmelungen
 und Todesfälle zur Folge. Aber wie schlecht bezahlt
and wie gefährlich diese Beschäftigung auch war, die Arbeiter
 mußten sich daran halten; die meisten hatten Familien
 zu ernähren; sie hatten Ausgaben gemacht, um nach
Homestead zu ziehen, und hatten weder Geld zu einem
neuen Umzug, noch Aussicht auf Beschäftigung an einem
anderen Orte. Um die bloße Selbsterhaltung kämpfend,
wollten sie nicht müßig dabeistehen und zusehen, wie ihnen
ihre Beschäftigung durch importierte Banden von nichtorganisierten
 Leuten, von „Räudigen‘, wie sie sagten, weggenommen
 würde.
Die übliche Ausrede, die Carnegie gegen die Forderungen
der Arbeiter vorbrachte, war die, sie seien „unvernünftig“‘.
Zur selben Zeit aber verdienten die Carnegie-Gesellschaften
        <pb n="310" />
        720 —

unvernünftige Gelder. 1891 hatten sie 4 300 660 Dollar
Reingewinn, 1892 waren es 4 Millionen. Die Arbeiter hatten
nicht die geringste Drohung ausgestoßen, nicht das Geringste
getan, das auf gewalttätige Absichten schließen ließ. Die
Vorbereitungen des Carnegie-Konzerns aber ähnelten den
Vorbereitungen für eine Belagerung oder eine Schlacht.
Carnegie und Frick wußten wohl, daß Männer und Frauen,
die für ihre bare Selbsterhaltung kämpften, durch derartige
feindselige Vorbereitungen aufgereizt werden mußten, und
trafen sie mit vollem Bewußtsein.

Homestead als Festung

Um die Homesteader Werke herum war ein kräftiger
Bretterzaun von zwölf Fuß Höhe und drei Meilen Länge
errichtet worden. Oben auf diesem Zaun war ein schweres
Kabel gelegt und mit einem starken elektrischen Strom verbunden
 worden, der im Büro durch einen einfachen Schalterdruck
 eingeschaltet werden konnte; der Strom war so stark,
daß er jeden töten mußte, der ihn berührte. Man nannte das
in Homestead „Carnegies lebensgefährlichen Zaun“. Den
ganzen Zaun entlang sah man Schießscharten, vier Zoll im
Durchmesser, in Kopfhöhe eingelassen: sie waren für die
Büchsen der Mietlinge bestimmt. An verschiedenen Punkten
 längs des Zaunes waren Gräben gegraben. An gewissen
Stellen standen Hydranten, durch die ein kräftiger Strom
heißen oder kalten Wassers losgelassen werden konnte.
Hunderte von Bogenlampen waren über die ganzen Werke
hin an hohen Trägern aufgehängt, und den Zaun entlang
waren Scheinwerfer angebracht. Um das Kontor herum
stand ein weiterer Zaun, und mit dem Innern der Werke war
es durch eine 40 Fuß hohe Brücke verbunden; darauf war
ostentativ eine Schildwache unter einer Bogenlampe aufgestellt.
 Blitzlicht-Kameras befanden sich an verschiedenen
Stellen der Werke, um Momentaufnahmen von denen, die
herankamen, machen und sie nachher identifizieren zu
können. Zur Bequemlichkeit der importierten „Räudigen“
waren Baracken errichtet, und auf dem Flusse, dem Stahlwerke
 gerade gegenüber, war eine stählerne Dampfbarkasse
        <pb n="311" />
        21 —

in ein kleines Kriegsschiff, mit Drehbrassen bewaffnet,
verwandelt worden. Eine Anzahl anderer Boote war mit
kleinen Haubitzen und Scheinwerfern ausgerüstet.
Mit diesen furchtbaren kriegsmäßigen Vorbereitungen
wurde mindestens sechs Wochen vor dem Streik begonnen.

Pinkertons bewafnete Mietlinge

Woher aber bekam man die bewaffneten Männer, um die
Ausständigen einzuschüchtern und die Festungen zu bemannen?
 Auch dafür war lange vorher gesorgt worden.
Carnegie hatte einen jährlichen Kontrakt mit Pinkertons
Detektivbüro — einem Institut, das als Spezialität die
Lieferung bewaffneter Mietlinge betrieb: Meuchelmörder
und andere wüste, gewissenlose Männer, die erbarmungslos
schossen und töteten. Daß die Pinkertonschen Mietlinge
schon lange vorher in Bereitschaft gehalten wurden, unterliegt
 keinem Zweifel; diese Tatsache wurde später durch das
Zeugnis von Frick und Robert A. Pinkerton ausdrücklich
bestätigt. Sie gaben vor der Untersuchungskommission
des Kongresses zu, es seien sogar schon vor der letzten Konferenz
 zwischen der Carnegie-Gesellschaft und den Delegierten
 der Vereinigten Gewerkschaft der Eisenarbeiter
Verhandlungen über die Zusendung der Pinkertonschen
Mietlinge im Gange gewesen.
Während diese grausigen Vorbereitungen zur offenen und
systematischen Zerschmetterung der Arbeitervereinigung
gemacht wurden, gründeten Carnegie und seine Kompagnons
mit unerhörter Frechheit am ı. Juli 1892 eine neue Gesellschaft
 mit 25 Millionen Dollar Kapital, die Carnegie-Stahlgesellschaft,
 welche sämtliche Walzwerke, Hochöfen,
Brückenbauwerke und Eisenerz- und sonstige Bergwerke
Carnegies übernehmen und konsolidieren sollte. Frick wurde
zum Präsidenten dieser Gesellschaft gemacht. = 4

Das Gemetzel bei Homestead

Fünf Tage später, am 6. Juli 1897, kamen. 300 Pinkerton-Leute
 in Homestead an. Sie waren auf einer Station am Ohio
        <pb n="312" />
        722 —

anterhalb Pittsburgs um Mitternacht des 5. Juli angekommen
 und von dort aus in großen Kähnen nach Home-;tead.
 geschleppt worden, das sie am 6. Juli gegen 4 Uhr
morgens erreichten. Diese Banden von Privatsoldaten hatten
absolut keine gesetzliche Berechtigung. Sie waren weder
für den Krieg noch für den Frieden vereidigt worden, und
soweit das Gesetz galt, stellten sie, bis zu den Zähnen bewaffnet,
 wie sie waren, nur eine Bande von Rowdys dar,
die auf Missetaten aus waren. Indessen hat trotz der offenbaren
 Tatsache, daß sie eine lebende Gesetzesverletzung verkörperten,
 kein einziger öffentlicher Beamter sich gerührt,
um sie anzuhalten.
Von ihrem Kommen unterrichtet, liefen die schon zur
Verzweiflung gebrachten Homesteader Arbeiter zum Kai
hinter den Stahlwerken — viele mit Frau und ‚Kindern.
Die Ausständigen wußten aus bitterer Erfahrung, daß die
Ankunft der Pinkerton-Leute immer sichere Unruhen be-Jeutete
 und daß sie zu dem ausgesprochenen Zweck gemietet
 wurden, Gewalttaten zu provozieren, auf daß man
den streikenden Arbeitern die Erregung von Aufruhr zur
Last legen, dadurch die sogenannte öffentliche Meinung
„eeinflussen und einen Vorwand finden könne, die Hilfe
des Militärs zu verlangen.
Während die Streikenden so versammelt waren, wurde
von einem Pinkerton-Mann ein Schuß abgefeuert, und
einer von den Streikenden sank tödlich verwundet zu Boden.
Mit einem wilden Wutschrei rüsteten die Ausständigen sich
zum Widerstand,
Sich hinter Haufen von Stahlschienen verbarrikadierend,
gaben sie jetzt Salve auf Salve aus Revolvern auf die in den
Booten verborgenen Pinkerton-Männer ab, und diese erwiderten
 das Feuer sofort aus Büchsen. Gleichzeitig pumpten
andere Scharen ausständiger Arbeiter Öl in die Kähne und
versuchten sie in Brand zu setzen, was ihnen aber nicht gelang.
 Nochandere Ausständige trieben brennende Flößeandie
Kähne und schleuderten auch Dynamit, aber diese Versuche
hatten keinen Erfolg. Den ganzen Tag über dauerte dieser
Kleinkrieg, und das unheimliche Krachen der Schüsse, die
Flüche der Arbeiter, die Schreie der Verwundeten und Ster-
        <pb n="313" />
        benden und das Gewimmer der Weiber machte den Ort zu
ainem Schauplatz des Schreckens.
Um fünf Uhr nachmittags hißten die Pinkerton-Leute die
weiße Flagge und ergaben sich. Zwölf Männer waren auf
beiden Seiten getötet und mehr als zwanzig ernstlich verwundet
 worden. Als die Pinkerton-Leute nach der Übergabe
 durch die Reihen der Ausständigen Spießruten liefen,
wurden sie kräftig durchgebläut, besonders von den Frauen
der Streikenden, die noch wütender waren als die Männer.
Nun wurde das Militär von Pennsylvanien nach Homestead
geschickt, und weitere elf Arbeiter wurden erschossen und
verwundet. In dieser Zeit schoß ein 22 jähriger Jüngling,
namens Alexander Beckmann, über Fricks Taten entrüstet,
auf diesen und verwundete ihn. Er wurde zu vierzehn Jahren
Gefängnis verurteilt. Frick wurde wiederhergestellt.

Carnegie versucht, die Verantwortung von sich abzuwälzen

Carnegie hatte all die Ausgaben für die Besoldung bewaffneter
 Soldaten und die Umwandlung des Werkes in
sine Festung lieber auf sich genommen, als den Arbeitern eine
Lohnerhöhung von weniger als zehn Prozent zu gewähren.
Als nun die Jahre dahingingen und die Sticheleien über
die Mordtaten von Homestead Carnegies Ohren erreichten,
zu einer Zeit, als er sich bemühte, die allgemeine Achtung
und Lobpreisung zu erringen, da wurde er immer empfindlicher
 gegen jede Anspielung auf dieses Ereignis und versuchte
die Verantwortung auf Frick abzuwälzen. Er selber sei damals
 in Europa gewesen, daher könne ihn kein Tadel treffen.
Noch im September 1911, als der Vorstand der Manchester-Bibliotheken
 (in England) es ablehnte, von Carnegie
15 000 Dollar für die Errichtung von Zweigbibliotheken anzunehmen
 mit der Begründung, der amerikanische Stahlmagnat
 habe zu Homestead die für bessere Bedingungen
kämpfenden Arbeiter niedergeschossen, brachte Carnegie
die alte Entschuldigung vor, er sei „im Norden von England
umherkutschiert, als die beklagenswerten Ereignisse von
Homestead sich abspielten‘“, und habe erst zwei Tage später
davon erfahren.
        <pb n="314" />
        Einige (z. B. Fitch in „Die Stahlarbeiter‘“) meinen nun,
Frick sei allein schuld; er habe den Streik absichtlich angezettelt,
 um die Arbeitervereinigung aus Homestead zu
vertreiben. Aber Carnegies Mitschuld geht deutlich hervor
aus einer Anzahl Briefe von ihm aus dem Jahre 1892, die
sein früherer Privatsekretär Bridge publiziert Hat. In einem
dieser Briefe, am 4. April 1892 aus New York geschrieben,
weist er Frick an, die Homesteader Werke nach dem 30. Juni
nur noch mit nichtorganisierten Arbeitern zu betreiben,
Ein anderer Brief, den er kurze Zeit später vom Coworth-Park
 in Berks (England) schrieb, befahl ihm, Konferenzen mit
den Arbeitervereinigungen zu verweigern ; wenn die Gewerkschaft
 den von der Gesellschaft angebotenen Lohntarif ausschlage,
 so solle die Anweisung, nur noch nichtorganisierte
Arbeiter zu beschäftigen, in den Homesteader Werken am
25. Juni angeschlagen werden. Und sie wurde angeschlagen.
Frick handelte offen, während Carnegie ihn im Hintergrunde
 antrieb; und während Frick zu Hause kommandieren
mußte und dafür verwundet wurde, leistete Carnegie sich
sine Ferienfahrt in England, weit vom Schuß.

Unfälle in Carnegies Werken

Im Grunde genommen war das Homesteader Blutbad
das geringste von allen, die ohne Unterlaß in den Carnegie-Werken
 stattgefunden hatten; es hielt die öffentliche Aufmerksamkeit
 nur seiner offenen und dramatischen Natur
wegen in Bann, da es ganz wie eine lokale Revolution auszah.
 In bezug auf Opfer aber war es nicht zu vergleichen
mit dem Gemetzel, das den alltäglichen Betrieb in den
Werken zur Erzielung von Profiten für Carnegie und seine
Kompagnons begleitete. Die Zahl der sogenannten „industriellen
 Unfälle‘ in den Carnegie-Werken, welche Arbeitsunfähigkeit
 und oft den Tod zur Folge hatten, betrug
häufig sechzig oder siebzig im Jahre. Z. B. ereigneten sich
in dem Jahre vom 3. Dezember 1891 bis zum 26. November
1892 nach dem Bericht des Fabrikinspektors für Pennsylvanien
 61 Unfälle in Carnegies Pittsburger Werken, von
denen viele tödlich verliefen.
        <pb n="315" />
        F7ZR

Das sind durchschnittlich fünf im Monat oder mehr als
ainer in jeder Woche! Und die Verstümmelten wurden zum
alten Eisen geworfen, denn die Kapitalisten können nur
Leute mit voller Gesundheit brauchen. Im nächsten Jahre,
vom I. Dezember 1892 bis zum 30. November 1893,
passierten bei Carnegie 62 Unfälle, viele mit tödlichem Ausgang.
 Im nächsten Jahre waren es nicht weniger, und 1895
wurden neunzehn Arbeiter bei der Arbeit getötet und noch
viel mehr schwer verwundet,
Carnegie selber zeigte sich, je reicher er wurde, desto mehr
von übermächtiger Todesfurcht besessen; für seine Arbeiter
aber gab es keinen Tag und keine Stunde, wo sie nicht dem
Tode oder der Verstümmlung ins Auge sahen; das war in
ihrer unterbezahlten Arbeit mit inbegriffen. Und wie bei
Carnegie, so wurden auch bei den anderen Kapitalisten
Hunderte getötet oder verstümmelt. Und dann weigerten
die Unternehmer sich ohne Ausnahme, Unfallgelder zu
zahlen oder sonst etwas für ihre Opfer zu tun. Sie brachten
unfehlbar die Ausrede vor, die Unfälle seien „durch Fahrlässigkeit
 verschuldet“. Wenn der Verstümmelte oder seine
überlebende Familie klagten, wozu sie meist kein Geld und
keine Zeit hatten, so wurden ihnen fast immer Präzedenzentscheidungen
 vorgelegt, die ihnen „Fahrlässigkeit“ zur
Last legten. Sie gingen von den Gerichten weg und wurden
Bettler; ihre Söhne wurden oft dem Diebstahl, ihre Töchter
der Prostitution zugetrieben.
„Viele Unfälle, die der Fahrlässigkeit der Arbeiter zugeschrieben
 werden,“ so erklärte ein Fabrikinspektor auf
der achten Jahresversammlung der Internationalen Fabrikinspektoren-Vereinigung
 am 25. September 1894 zu Philadelphia,
 „fallen vielmehr den Unternehmern zur Last. Wo
Geländer und Schutzvorrichtungen von großem Vorteil
wären, erwartet man einfach von den Angestellten, daß sie
lediglich durch eigene Geschicklichkeit und beständige Aufmerksamkeit
 Unfälle vermeiden. Man läßt Gefahren vieler
Art bestehen, bloß um die Kosten zu ersparen, die eine kleine
Schutzmaßregel verursachen würde.‘ „Gefährliche Maschinen,“
 sagt Watchorn weiter, „haben Tausende erschlagen,
 mangelhafte hygienische Maßnahmen, im Verein mit
        <pb n="316" />
        — 726 —

ungenügender Ventilation, Zehntausende getötet.“ Dabei
dachte er aber nur an die Verhältnisse in den Fabriken selbst.
Hinzukamen noch die ekelerregenden Löcher, in denen viele
Arbeiter hausen, und die schlechte Nahrung, mit der dieelend
bezahlten Arbeiter und ihre Familien auskommen mußten.
So wurden Männer, Frauen und Kinder dahingemäht; besonders
 die Sterblichkeitsziffer der Kinder in Pittsburg war
so anormal, daß sie allgemeine Aufmerksamkeit erregte.
Zur Zeit des Homesteader Streiks hatte Carnegies Gesicht
 noch nicht jenen honigsüßen, gewerbsmäßig wohlwollenden
 Ausdruck angenommen, wie später unter dem
mildernden Einfluß des Alters und der Anbetung einer
ganzen Welt, die (mit seltenen Ausnahmen) seine Wohltaten
 erbettelte und annahm. Man tut Carnegie nicht unrecht,
 wenn man sagt, sein Gesicht habe damals selbst bei
ruhigem Ausdruck jeden, der seinen Pfad kreuzte, entmutigen
 und einschüchtern müssen. Eine hohe, breite
Stirn wies auf seine Gabe scharfen Überlegens hin. Seine
Augen waren lang und schmal, durchbohrend und resolut,
von einem schlauen, harten Ausdruck beherrscht. Was aber
besonderen Eindruck auf den Beschauer machte, waren seine
Lippen und seine Backenknochen. Diese grimmig zusammengekniffenen
 Lippen zeigten eine eiserne Entschlossenheit,
das durchzuführen, was er sich in den Kopf gesetzt hatte,
koste es, was es wolle; seine schweren Kinnbacken aber, aus
denen Zähigkeit und Kampfsucht sprach, verstärkten den
Eindruck der Lippen. Zum Glück für ihn milderte ein Bart
und ein Schnurrbart wie eine Art Draperie einigermaßen die
harten Linien seines Gesichts.

Die Panzerplatten-Skandale

Das Homesteader Gemetzel hinterließ einen tiefen und
dauernden Eindruck, und Carnegie hätte sicherlich viel
darum gegeben, ihn verwischen zu können. Allein nur zwei
Jahre später war er Gegenstand einer noch lauteren Anklage,
die diesmal aus einer ganz anderen Richtung kam. —
Außer der Einführung von Stahlschienen hatte ein anderer
Faktor der Stahlindustrie einen großen Aufschwung ge-
        <pb n="317" />
        zeben und ihre Profite ungeheuer vermehrt: die allgemeine
Einführung von Panzerplattenschiffen. Obgleich der Kampf
zwischen dem „Merrimac‘“ und dem „Monitor“ während des
Bürgerkrieges den Flottenbau revolutioniert und die hölzernen
 Schlachtschiffe als veraltet erwiesen hatte, begannen die
Vereinigten Staaten erst 1885 systematisch eine Panzerflotte
zu schaffen. Aber schon vor dieser Zeit hatten die Carnegie-Werke
 Panzerplatten für fremde Kriegsschiffe fabriziert.
Als 1879 ein Krieg zwischen Großbritannien und Rußland
wegen der Türkei drohte (so bezeugt Charles H. Cramp, der
größte Schiffbauer der Vereinigten Staaten, vor der Industriekommission
 der Vereinigten Staaten im Jahre 1900),
habe die russische Regierung in den Vereinigten Staaten
Schiffe gekauft und Cramp beauftragt, sie zu renovieren,
Dabei habe er sich zur Erlangung von Panzerplatten an
Carnegie und die Bethlehem-Stahlwerke (in Pennsylvanien)
wenden müssen, und diese hätten ihm 600 Dollar pro Tonne
berechnet, ohne daß er etwas dagegen tun konnte, d. h. fast
ein Drittel der Gesamtkosten des Schiffes, so daß er nichts
daran verdient habe. Es ist Tatsache, daß die Carnegie-Interessenten
 der Regierung der Vereinigten Staaten und
Cramp 520—700 Dollar pro Tonne berechneten und gleichzeitig
 dasselbe Panzermaterial für weniger als 200 Dollar
pro Tonne herstellten und für 249 Dollar pro Tonne direkt
an die russische Regierung verkauften. Charles H. Hurrah,
Präsident der Midvale-Stahlgesellschaft zu Philadelphia,
berechnete den Verdienst an Panzerplatten auf 23 Prozent
und meinte, er sei trotzdem in keiner Weise mit den Profiten
auf Stahlschienen und Stangen und Baumaterial zu vergleichen,
 die durch einen durchschnittlichen Einfuhrzoll von
45 Prozent geschützt waren.
Man hätte meinen sollen, bei einem Verdienst von mindestens
 23 Prozent hätten die Carnegie-Werke die beste
Qualität von Panzerstahl liefern müssen, um so mehr, als er
für Kriegsschiffe bestimmt war, die im Falle der Gefahr ihre
eigenen Handelsinteressen zu schützen haben würden. Aus der
Menge der Zeugnisse soll nur der Schlußbericht der Untersuchungskommission
 des Kongresses herausgegriffen werden.
„Die Bemühungen der Gesellschaft und ihrer Geschäfts-
        <pb n="318" />
        728 —

führer Cline, Corey und Schwab, die Inspektoren zu betrügen,
 die Probeplatten zu verfälschen usw., haben Ihrer
Kommission zur Genüge bewiesen, daß die Lieferungen den
Verträgen nicht entsprechen. Der schamlose Charakter
der Schwindeleien, an denen diese Männer sich beteiligt
haben, und die Verachtung des Anstandes und der Wahrheit,
den sie bei der Zeugnisablegung vor Ihrer Kommission bewiesen
 haben, machen sie des Vertrauens unwürdig.“

Carnegies „„Patriotismus‘

Abgesehen von dem besonders abstoßenden Charakter
dieser Schwindeleien, verdienen einige Punkte dieses Berichtes
 einen eigenen Kommentar. Daß Carnegies Werke
Panzerungen von so schlechter Qualität lieferten, daß daraus
 die Durchlöcherung und der Untergang ganzer Schiffe
mit Mann und Maus resultieren konnte, das war sogar
noch ... erstaunlicher als die Tatsache, daß seine Werke
so unzulänglich mit Schutzvorrichtungen versehen waren,
daß Hunderte von Arbeitern verstümmelt oder getötet
wurden. Im letzteren Falle entsprach es der allgemeinen
Erwartung, daß der mächtige Kapitalist sich um die Wohlfahrt
 und das Leben seiner Arbeiter nicht kümmerte —
das war die „eiserne Geschäftsregel“, Aber im Falle der
nationalen Verteidigung waren es Carnegie und seinesgleichen,
 die immerfort ihren großen Patriotismus zur
Schau trugen und einen besonderen „patriotischen Vorrang“
 beanspruchten, sie waren die ersten, die im Falle
innerer und äußerer Gefahr das Heer und die Flotte zum
Schutze ihres Besitzes und ihrer Handelsinteressen herbeitiefen.
 Sie selber setzten ihre geweihte Haut weder bei
der Handhabung ihrer eigenen Maschinen noch bei persönlichem
 Kriegsdienst aufs Spiel. Die Männer aber, die
wirklich für sie kämpfen, hätten wenigstens eine gute Bewaffnung
 erwarten können — aber nicht einmal diese
bekamen sie. Nicht wenige Offiziere im Heer und in der
Marine brachten Carnegies kürzliche Schenkung von
1750 000 Dollar für das Haager Schiedsgericht in ironischen
 Zusammenhang mit seinen Marinelieferungen.
        <pb n="319" />
        720 —

Hörten die Vereinigten Staaten nach diesen Enthüllungen
nun auf, der Carnegie-Stahlgesellschaft Aufträge zu überweisen?
 Keineswegs: sie gaben die Aufträge ruhig weiter,
und zwar unter Umständen, die neue Skandale hervorriefen.
Nur wenige Jahre nach dem Berichte der Kommission
gab der Marineminister der Carnegie- und der verbündeten
Bethlehem-Stahlgesellschaft einen Auftrag für 18 Millionen
Dollar, und der Preis war um 17 Dollar pro Tonne höher
als der von der Midvale-Stahlgesellschaft gemachte. Der
Grund — wenigstens der von der Marineverwaltung öffentlich
 vorgebrachte — war der, daß die Carnegie- und Bethlehem-Werke
 schneller liefern konnten als die Midvale-Stahlgesellschaft.


Carnegie begünstigt die Betrüger

Wenn ein Unternehmer, der sich seiner Ehrlichkeit rühmt,
wie Carnegie es tat, entdeckt, daß ein Angestellter gestohlen
 oder betrogen hat, so hat er die Möglichkeit, seinen
eigenen Anstand sofort zu erweisen, indem er den Schuldigen
 entläßt. Den Herren Cline, Corey und Schwab aber
widerfuhr nichts dergleichen. Sie blieben nicht bloß in
seinen Diensten, sondern wurden im Gegenteil von Zeit
zu Zeit befördert und schließlich zu Kompagnons gemacht.
Carnegie sagt in seinem vor Jahren publizierten Bande, indem
 er erzählt, wie er viele von seinen früheren Geschäftsführern
 zu Teilhabern erhob: „Sie alle wurden nach langem
Dienste auf Grund erwiesener Leistungen ausgewählt.‘
Unter diesen erwiesenen Leistungen muß also die skrupellose
Geschicklichkeit und Zähigkeit von Cline, Corey und Schwab
bei der Aufschwatzung schwindelhafter Panzerplatten an die
Regierung der Vereinigten Staaten mitgezählt haben.
In der Tat erwiesen sie sich für Carnegies Bereicherung
als so nützlich, daß er sechs Jahre später, als die Carnegie-Gesellschaft
 mit ihrer riesigen Kapitalanhäufung gegründet
wurde, Schwab zum Präsidenten machte, und später, bei
der Organisierung des Stahltrustes, Schwab und Corey nacheinander
 zu Präsidenten erkor. fi
Die Profite der Carnegie-Werke beliefen sich 1894 auf
        <pb n="320" />
        vier Millionen Dollar; im nächsten Jahre waren es fünf
Millionen, 1896 sechs Millionen, 1897 sieben Millionen;
und 1898 sogar elfeinhalb Millionen. Während des nächsten
Jahres verdoppelten sie sich beinahe und schwollen auf
zı Millionen an, und im nächsten Jahre (1900) verdoppelten
sie sich abermals auf 40 Millionen. Aber man darf nicht
meinen, das Herabdrücken der Löhne, exzessive Preise und
schwindelhafte Methoden seien die einzigen Faktoren gewesen,
 die diesen gewaltigen Profitstrom erzeugt hätten.

Die Ära des Aufsaugens

Ein weiterer Faktor, auf den wir schon angespielt haben,
war. die höhere kapitalistische Methode, jedes nur denkbare
Element und Werkzeug, das bei der Stahlproduktion gebraucht
 wurde, in den Besitz der Carnegie-Stahl-Gesellschaft
 zu bringen. Die Zwischenleute wurden in jeder Richtung
 unterdrückt oder ausgeschaltet. Die Eisenerzlager der
Carnegie-Stahl-Gesellschaft wurden durch Ankauf der
halben Anteile der Oliver-Minengesellschaft in der Mesaba-Bergkette
 vermehrt; dafür gab Carnegie ein Darlehen von
einer halben Million Dollar. Die Carnegie-Stahlgesellschaft
besaß ihre eigenen Seedampfer und Eisenbahnen, um das
Erz nach Pittsburg zu befördern, sie besaß ihre eigenen
Koks-, Kohlen-, Kalkstein- und viele andere Unternehmungen,
 die sämtlich von Carnegie beherrscht wurden. Schwab
bezeugte vor der Industriekommission der Vereinigten
Staaten im Jahre 1900, zu der Carnegie-Stahlgesellschaft
habe eine solche Menge miteinander verbundener Unternehmen
 gehört, daß man es der Einfachheit halber ratsam
fand, sie alle — 26 oder 27 an der Zahl — zu einer neuen
Gesellschaft, der Carnegie-Gesellschaft, zu verschmelzen.
„Bei Gründung der Gesellschaft,“ sagte Schwab aus,
„war es unsere Absicht, daß sie eine geschlossene Gesellschaft
bleiben sollte; daher setzten wir die Aktien auf je 1000 Dollar
 fest, damit sie nicht in den Handel gebracht würden.“
Carnegie behielt die Gewalt über diese Carnegie-Gesellschaft,
 so gut wie er sie in jeder einzelnen Gesellschaft besessen
 hatte.
        <pb n="321" />
        731 —

Die Gründung der Carnegie-Gesellschaft

So kam im März 1900 die Carnegie-Gesellschaft mit
sinem Kapital von 320 Millionen zur Welt. Ihr Besitz an
Rohmaterialquellen wurde noch beträchtlich vermehrt
durch die Abtretung gewisser Eisenerzbecken in der Gegend
von Mesaba, die John D. Rockefeller gehörten. Carnegie
war mächtig stolz darauf, einen so gewiegten Geschäftsmann
wie den Standard-Öl-Magnaten übertrumpft zu haben.
Es gab damals drei besonders große Konzerne in der
Stahlindustrie. Der erste war die Bundes-Stahlgesellschaft,
die sich aus verschiedenen Werken in Chicago und anderwärts
 zusammensetzte; sie hatte ihre eigenen Eisenerzlager,
ihre Erzschiffe und Eisenbahnen und 100 Millionen Dollar
Kapital. Die zweite war die National-Stahlgesellschaft mit
59 Millionen Dollar Kapital, deren Werke hauptsächlich in
Ohio lagen. Die dritte war die Carnegie-Gesellschaft.
Sie alle kämpften energisch gegen die Gewerkschaften;
sie alle sprachen den Arbeitern die Organisationsfreiheit ab,
obgleich sie gesetzlich festgelegt war — aber was fragten
sie nach dem Gesetz? Und gleichzeitig schlossen sie geheime
 Verträge zur Festsetzung der Preise und der Produktion,
 obgleich derartige Verträge gesetzlich verboten waren,
da sie gegen das Gesetz, das Vereinigungen zur Beschränkung
des Handels verbot, verstießen.
Man fragt sich, warum diese Gesellschaften nicht zivilund
 strafrechtlich verfolgt wurden? Die Erklärung ist einfach.
 Der Beamte der Vereinigten Staaten, durch dessen
[nitiative derartige Verfahren eingeleitet wurden, war der
Oberstaatsanwalt. Nun hatte Carnegie, wie er am 11. Januar
1912 vor der Untersuchungskommission über den Stahltrust
 zugab, 1901 den Präsidenten McKinley genötigt,
Philander C. Knox zum Oberstaatsanwalt der Vereinigten
Staaten zu ernennen. Knox war seit 1890, als das Shermansche
 Anti-Trust-Gesetz angenommen wurde, Anwalt der
Carnegie-Stahlgesellschaft gewesen und hatte die Gesellschaft
 1894 bei der Untersuchung wegen der Panzerplatten
verteidigt. Das war der Mann, der 1901 zum Oberstaatsınwalt
 der Vereinigten Staaten ernannt wurde und während
        <pb n="322" />
        732

der Präsidentschaften von McKinley, Roosevelt und Taft
in diesem oder jenem hohen Amte als eine Art Premierminister
 verblieb. Seine Anstellung bedeutete für Carnegie
und seine Verbündeten eine Art garantierter Immunität.

Ein drobender Konkurrenzkrieg

Obgleich die drei großen Stahlgesellschaften Konsolidierungen
 von kleineren Konzernen darstellten und untereinander
 Handels-,, Verständigungen‘“ getroffen hatten, war die
Konkurrenz unter ihnen doch keineswegs aufgehoben. Die
Kapitalistengruppe, die unter Führung von J. Pierpont
Morgan die Bundes-Stahlgesellschaft, die National-Röhrengesellschaft
 und die Amerikanische Brückengesellschaft beherrschte,
 wurde 1901 von einem heftigen Preiskrieg von
zeiten der anderen Kartelle bedroht, die sich ihrerseits von
derselben Gefahr bedroht fühlten. Die eine Gesellschaft
beschloß, ihr eigenes Roheisen und Stahl herzustellen; eine
andere plante den Bau weiterer Hochöfen und Stahlwerke.
Was Carnegie betrifft, so revanchierte er sich mit der Ankündigung
 des Projektes, eine Konkurrenzlinie zur Pennsylvania-Bahn
 (die Morgan unter sich hatte) zu bauen und an der
Küste des Eriesees eine ungeheure Röhrenfabrik zu errichten.
Hätte dieser angedrohte Handelskrieg sich entwickeln
dürfen, so hätte er die ökonomische Auflösung bedeutet.
Was das Gesetz auch zur Verhinderung solcher Zusammenschlüsse
 bestimmte — gegen die Macht der ökonomischen
Kräfte konnte es nicht ankommen.
Die Antitrust-Gesetze waren auf Anregung der Mittelklasse
 beschlossen worden zu einer Zeit, als diese Klasse
noch mächtig war; ihr Zweck war gewesen, die Periode unumschränkter
 Konkurrenz fortdauern zu lassen, aber diese
Periode war vorbei, und die Gesetzesparagraphen waren unfähig,
 sie wieder zu beleben oder die Herrschaft der Truste
zu verhindern. Die vier großen Stahlfabrikations-Organisationen
 bedeuteten einen Schritt vorwärts in der Organisation
 der Industrie. Sollten sie nun die Taktik einer früheren,
 vergangenen Periode wieder aufnehmen ?
Frick hatte das schon 1899 gesehen. Morgan sah es jetzt
        <pb n="323" />
        — 733 —

ınd beeilte sich, danach zu handeln. Daß Morgan, ein
Bankier, eine Sektion der Stahlindustrie beherrschte und die
Rockefeller- und Moore-Gruppen die beiden anderen, war
nicht im mindesten erstaunlich; war doch auch Carnegie
dreiunddreißig Jahre früher zur Herrschaft über ein Werk
gelangt, von dessen Gang er nichts verstand. Um 1898 war
lie Zeit gekommen, wo Truste aller Art von Magnaten
organisiert wurden, die ihren Reichtum in anderen Gefilden
erworben hatten und dadurch große Fabrikationszweige beherrschten,
 in denen sie niemals auch nur einen Tag gearbeitet
 hatten. So wurde z. B. der kolossale Tabaktrust von
Thomas F. Ryan organisiert, der mit seinen Genossen zehnfache
 Millionen Dollar aus den New Yorker Straßenbahnen
arbeutet hatte. Er hätte nicht eine Zigarre rollen können,
und wenn man ihm Millionen dafür gezahlt hätte.
Nun wurden schleunigst Pläne geschmiedet, einen weiteren
 Schritt in der kapitalistischen Organisation der Stahlindustrie
 zu tun. Gerade wie die großen in der Branche
existierenden Korporationen eine Vereinigung vieler Werke
darstellten, die früher miteinander konkurriert hatten, so
sollte die projektierte Organisation die vier großen Korporationen.
 zu einer Riesenkorporation verschmelzen.
Um aber diesen Gipfelpunkt zu erreichen, war es nötig,
Carnegie als aktiven Faktor loszuwerden. Die Carnegie-Werke
 waren von allen am besten situiert; hinter ihnen
stand reichliches Kapital, und ihre Organisation und Leitung
war vom kapitalistischen Standpunkt aus unübertroffen.
Carnegie war dem alten Brauch der Grobschmiede, welche
die Gehilfen, um sie anzuspornen, oft am Geschäft beteiligten,
 gefolgt und hatte Schwab, Corey, Gayley, Peacock und
viele andere Werkmeister und Aufseher zu Teilhabern gemacht;
 er rühmte sich, das Personal seiner Gesellschaft wäre
mehr wert, als der ganze Besitz der Gesellschaft. Frick hatte
die Geschäftsführung unter sich gehabt, Schwab überwachte
die Fabrikation und Peacock den Verkauf.

Carnegie und Frick veruneinigen sich

Zwischen Frick und Carnegie war jedoch ein äußerst erbitterter
 Zank ausgebrochen. Frick hatte 1899 von Carnegie
        <pb n="324" />
        — 734 —

eine Option auf die Carnegie-Werke für 160 Millionen
Dollar bekommen und suchte an Morgan seinen halben Anteil
 an den Werken für diese Summe zu verkaufen. Morgan
aber weigerte sich, 160 Millionen Dollar für den halben
Anteil an einem Unternehmen zu zahlen, dessen eigener
Besitzer, Carnegie, kurz vorher geschworen hatte, es besäße
keinen höheren Nutzwert als 75 610 104. Dollar, und dessen
gesamte Aktiva nach der Bilanz der Carnegie-Gesellschaft
vom ı. März 1900 sich auf ıo1 416 802 Dollar beliefen.
Morgan war ein zu alter Geschäfts- und Finanzbär, um
darauf einzugehen — indessen sollte bald die Zeit kommen,
wo diese Weigerung ihm teuer zu stehen kam.
Frick und seine Genossen bei der Transaktion mußten
ihren Mißerfolg beim Verkauf der Option mit über einer
Million Dollar bezahlen, die Carnegie als Buße einstrich,
denn „Geschäft ist Geschäft“. Frick aber war darüber ungehalten
 und verklagte Carnegie aus anderen Gründen
wegen verschiedener Millionen Dollar, die ihm aus den Geldern
 der Carnegie-Gesellschaft widerrechtlich vorenthalten
würden. Esbraucht nicht gesagt zu werden, daß die Affäreeine
anmutige Sensation abgab; aber Frick hatte offenbar guten
Grund, nachzugeben, da sein Prozeß aussichtslos erschien.

Carnegie schröpft Morgan

Damit drohte ein ruinöser Handelskrieg, in welchem jede
Stahlorganisation versuchen würde, Monopole für gewisse
Produkte, welche die anderen innehatten, ins Wanken zu
bringen. Es war also eine Lebensfrage, alle miteinander
streitenden Korporationen zu vereinigen. „Es war für jeden
klar,“ sagt der Bericht von Herbert Knox Smith, dem
Korporationskommissär der Vereinigten Staaten, „daß eine
derartige Konsolidierung nur erfolgreich sein konnte, wenn
sie die Carnegie-Gesellschaft mit inbegriff, die in der damaligen
 Situation der mächtigste Faktor war, sich seit langem
 durch ihre aggressive Taktik hervorgetan und, wie oben
gezeigt wurde, die Krisis beschleunigt hatte. Anderseits
unterliegt es keinem Zweifel, daß viele Stahlinteressenten
Carnegies persönlichen Einfluß als Gefahr für sich und für
        <pb n="325" />
        — 735

ihr Geschäft betrachteten und den Wunsch hatten, sich
seinen Rückzug aus dem Handel zu sichern; von ihrem
Standpunkt aus war es die beste Lösung, Herrn Carnegie
auszukaufen. Man sah ein, daß dies eine äußerst kostspielige
Transaktion wäre, die das Zusammenwirken der führenden
Interessenten erfordern würde. Daher traf man mit Herrn
Carnegie ein Arrangement, wonach man dessen große Anteile
 an seiner Gesellschaft gegen Obligationen der neuen
Konsolidation übernahm.“
Mit anderen Worten: Carnegie erpreßte von Morgan eine
angeheure Summe dafür, daß er der Konkurrenz mit den
von Morgan, Moore und anderen Magnaten beherrschten
Stahlkorporationen entsagte. Diese "Tatsache wird auch in
dem kürzlichen Bericht der Kongreßkommission zur Untersuchung
 der Stahlkorporation in den Vereinigten Staaten
konstatiert. „Dieser eine Konzern,“ sagt er mit Bezug auf die
Carnegie-Gesellschaft, „verlangte unter der Drohung, ein
Monopol zu zerstören, das die verbündeten Gesellschaften
sich gesichert hatten, als ‚Friedenspreis‘ ein ‚Lösegeld‘ und
bekam es.“ Es war vielleicht der größte kommerzielle Räubersold,
 der je ergaunert wurde, aber man betrachtete das
anter den großen Geschäftsleuten als ein „legitimes Geschäft“
und diejenigen, die ihn erhoben, als höchst geschickte Leute.

Carnegie erpreßt 447 Millionen Dollar

Und wie hoch war der Preis, der an Carnegie gezahlt
wurde? Insgesamt 447 416 640 Dollar! Ein gewisser‘ Teil
Jlieser Summe ging an Carnegies jüngere Teilhaber, der
größere Teil aber — über 300 Millionen Dollar — ausschließlich.
 an Carnegie; und es scheint, daß er bei dieser
Transaktion durch irgendeinen Kniff „seine jüngeren Teilhaber
 übertrumpfte“ (nach dem Bericht der Untersuchungs-Fkommission).


Hundert Millionen Dollar, die Carnegie sich entgehen läßt

Die weitere Geschichte des Stahltrustes betrifft Carnegie
nicht. Nur etwas soll noch erzählt werden: als Carnegie
        <pb n="326" />
        — 736 —

eine so riesige Summe — 447 Millionen Dollar — für die
Besitztümer der Carnegie-Gesellschaften bekam, die höchstens
 160 Millionen Dollar wert waren, war er höchst vergnügt
 und selbstzufrieden. Hatte er doch Morgan, den
Finanzmonarchen, ausgestochen und einen nie dagewesenen
Coup geschäftlicher Schläue gemacht. Aber zu seiner maßlosen
 Verwunderung und Kümmernis merkte er bald, daß
er schließlich. doch nicht alle Kühe gemolken hatte, die er
hätte melken können.
Wie er das enorme Anschwellen der Stahltrust-Aktien
sah und die dicken Profite, die Morgan und Genossen einsteckten,
 sagte er sich voller Trauer, daß er mindestens
zoo Millionen Dollar mehr hätte fordern sollen. Als er
Morgan zufällig bei einer Reise nach Europa auf einem
Dampfer traf und dieser Meinung ihm gegenüber Ausdruck
gab, sagte Morgan ihm kühl und kurz: wenn er weitere
100 Millionen Dollar gefordert hätte, hätte er sie auch bekommen
 — eine bittere Pille, die Carnegie noch nicht ganz
verdaut hat. Er brachte dies kürzlich, am 10. Januar 1912,
öffentlich zum Ausdruck, indem er vor der Untersuchungskommission
 des Kongresses ausrief: „Ich verstehe nicht,
wie ich solch ein Narr sein konnte, der Stahlkorporation
 meine Besitztümer für 430 Millionen Dollar zu verkaufen!“

Man weiß in der Wallstreet, daß die Stahltrustmagnaten
für Carnegie noch eine andere Überraschung in petto haben
tür den Fall, daß der Stahltrust sich jemals auflösen, oder
daß die Obligationen, die Carnegie in Händen hat, jemals
zufällig unvorhergesehenerweise gekündigt werden sollten.
Diese Obligationen liegen natürlich auf den früheren Carnegie-Werken,
 und seit der Gründung des Stahltrustes haben
die Trustmagnaten ein großes modernes Werk zu Gary
(Indiana) gebaut und andere Werke so sehr vervollkommnet,
daß Carnegies Werke im Vergleich damit mehr oder weniger
veraltet sein sollen. Sollte Carnegie versuchen, zu kündigen,
;o würde er merken, daß seine Obligationen auf Werken liegen,
 die sozusagen Plunder wären. Das sind die Obligationen,
 wie wir hinzufügen wollen, die er in seinen zahlreichen
philanthropischen Gründungen so freigebig verteilt.
        <pb n="327" />
        737 —

Carnegies Philanthropien

Diese sogenannten Philanthropien umfassen eine große
Masse von Schenkungen, zum Teil verklausulierten. Füreinen
Pensionsfonds für die Arbeiter der Carnegie-Werke gab er
fünf Millionen Dollar. Aber diese Schenkung war dermaßen
mit Bedingungen und Einschränkungen umheckt, daß das Los
der großen Masse jener Arbeiter sich nicht um ein Jota gebessert
 hat. Es war eine verschwenderische Großtat, mit großem
Getöse einen Fonds von fünf Millionen Dollar „zugunsten“
der Arbeiter einzurichten, die Carnegie ein Einkommen von
ungefähr 25 Millionen Dollar jährlich verschafft haben.
Den Instituten gegenüber, die die öffentliche Meinung
beeinflussen und beherrschen, ist Carnegie aber noch viel
freigebiger gewesen. An kleine Universitäten in den Vereinigten
 Staaten gab er 18 Millionen Dollar. Mit 15 Millionen
 gründete er einen Pensionsfonds für Universitätsprofessoren
 — eine "Tat, wodurch er sich die weithin hallenden
Lobpreisungen der gesamten Universitätslehrer der Mitwelt
 wie der Nachwelt gesichert hat. Zur Gründung des
Carnegie-Instituts in Washington gab er 10 Millionen und
für das Carnegie-Institut in Pittsburg 16 Millionen Dollar.
Zehn weitere Millionen gab er zur Gründung des „Helden-Fonds“,
 der diejenigen belohnen soll, die zur Rettung
menschlichen Lebens Heldentaten vollbringen — was dann
natürlich jedesmal in der Zeitung steht. Die schottischen
Universitäten erhielten zehn Millionen, die Dampferlinie-Stiftung
 in Schottland fünf Millionen. Für Bibliotheken
in den Vereinigten Staaten und in Kanada hat er dreißig
Millionen oder mehr gegeben (es ist schwer, diese besonderen
Schenkungen genau zu verfolgen), und für auswärtige Bibliotheken
 zehn Millionen. Dem Pittsburger Polytechnikum
gab er zwei Millionen Dollar, der Gesellschaft der Verbündeten
 Ingenieure in New York schenkte er einundeinehalbe
Million, dem Haager Friedenspalast einunddreiviertel Millionen,
 für andere Stiftungen in Europa zweiundeinhalb
Millionen und dem Büro Amerikanischer Republiken dreiviertel
 Million Dollar. Seine verschiedenen Wohltaten in den
Vereinigten Staaten betragen zwanzig Millionen Dollar oder
        <pb n="328" />
        738 —

mehr. Indieser Liste sind aber keineswegs alle seine Schenkungen
 aufgeführt. Seine letzte bestand in einem Fonds, aus dem
die Expräsidenten der Vereinigten Staaten oder ihre Witwen
25 000 Dollar jährlich bekommen sollen — eine außerordentlich
 weise Schenkung, die ihren Zweck nicht verfehlen wird.
Aber selbst bei seinen „philanthropischen Unternehmungen‘
 bewahrt Carnegie seine alte feine Kunst, viel für wenig
zu bekommen. Seine Schenkungen an Bibliotheken waren
nicht bedingungslos: gab er einer Stadt eine gewisse Summe
zur Gründung eines Instituts, so stellte er regelmäßig die
Bedingung, daß die Stadt die laufenden Ausgaben decke.
So sicherte er sich durch eine einmalige Ausgabe ein ewiges
Gedächtnis in Form eines Gebäudes, das nach ihm benannt
wurde; aber die dicke Rechnung mußte von den Bürgern
bezahlt werden. Eine Anzahl Städte ist denn auch nicht
blind gewesen gegen diese besondere Art Wohltätigkeit und
hat seine Angebote abgelehnt. Erst kürzlich, am 11. Dezember
 1912, richtete die Buchdrucker-Gewerkschaft Nr. 27
einen Protest an die Stadt gegen die Annahme von 50 000
Dollar „aus diesem Blut- und Sündengeld zum Bau einer
öffentlichen Bibliothek, die hauptsächlich seinem Gedächtnis
dienen und die Steuerzahler mit 5000 Dollar jährlichen
Unterhaltungskosten belasten soll.“
Man darf natürlich nicht erwarten, daß ein einziger
Mensch wie Carnegie, der in seinem Palast an der fünften
Avenue zu New York oder in Schottland in seinem Schlosse
Skibo bequem sein Alter genießen will, die Mühe der Überwachung
 so weitverzweigter Stiftungen und Fonds auf sich
nehme. Gerade so, wie er Leute mietet, die seine Stahlwerke
 zu beaufsichtigen haben, so hat er auch Angestellte,
die berufsmäßig seine Wohltätigkeitsunternehmungen leiten.
Sie bilden eine Kommission von acht „hervorragenden
Männern“, die die „Carnegie-Korporation“ verwalten. Bis
jetzt hat Carnegie insgesamt 125 Millionen Dollar in Papieren.
 diesen T'rabanten überwiesen, die das Geschäft besorgen,
 während Carnegie das allgemeine Lob einsteckt.
Überblickt man Carnegies Karriere, so sieht man sofort,
daß er, nach den heutigen Begriffen vom Geschäftsleben,
immer als „ehrlicher Mann“ gegolten hat.
        <pb n="329" />
        - 7390 —

Wem das nach den hier angeführten Tatsachen sonderbar
vorkommen sollte, der möge nur bedenken, daß es sich —
wie sehr er auch bei der allgemeinen Bestechung und Korruption
 die Augen zudrückte und wie sehr er auch davon
profitierte — nicht im mindesten beweisen läßt, wenigstens
soweit die benutzbaren Berichte gehen, daß er jemals persönlich
 bestochen hat. Daß er gegen die Korruption nicht
protestierte, war bei einem Geschäftsmann, der reich werden
wollte, nur zu erwarten; daß er regelmäßig Geld gab für
die Wahlkampagnen korrupter politischer Parteien, galt
nach den Geschäftsbegriffen als ein patriotischer Akt — der
sich. freilich millionenfach bezahlt machte.
Freilich wurde Carnegies Name von seinen früheren Teilhabern
 und von den Arbeitergenerationen, die er bedrückt
hatte, verflucht — aber ihre Stimmen verloren sich im
Dunkel. Da sie nicht über Zeitungen, Kirchen, politische
Redner und all die anderen mächtigen Instrumente zur Schaffung
 einer öffentlichen Meinung, Legende oder Tradition
verfügten, verhallte ihr Groll und ihre Anklagen ungehört.

Die Lage der Stahlarbeiter

Aber allmählich wird es Tag, und die Wahrheit über die
letzte Quelle so stupenden Reichtums und solcher Wirtschaftsgewalt
 in einer Hand dringt siegreich durch. Damit
Riesenprofite gemacht werden können, müssen die Arbeiter
in den Stahlwerken und in den damit verbundenen Anlagen
und Minen unter so harten, brutalen und erniedrigenden
Verhältnissen schuften und existieren, daß eine noch so
oberflächliche Schilderung dieser Verhältnisse Entsetzen
hervorruft. Man findet sie in den Berichten des Arbeitsbüros
der Vereinigten Staaten. Da erfahren wir, daß die ungelernten
 Arbeiter die große Masse von 173 000 Menschen
in allen Abteilungen des Stahltrustes ausmachen. „Überall,
außer im Süden,“ sagt der Bericht, „sind so gut wie alle, die
zu dieser Klasse ungelernter Arbeiter gehören, kürzlich Eingewanderte,
 von denen der größere Teil nicht englisch spricht
oder versteht. Selbst im Süden gibt es in der Industrie eine
merklich wachsende Anzahl von Einwanderern (60 Prozent),
        <pb n="330" />
        — 740 —

und fast zwei Drittel dieser Ausländer sind Slawen! Jedes
Jahr zeigt eine Vermehrung der mechanischen Einrichtungen,
zu deren Handhabung unqualifizierte Arbeit ausreicht.“
Unter was für Verhältnissen schuftet diese Armee von
Lohnsklaven? Der Bericht: sagt es uns. „Während der
Untersuchungsperiode haben 50 000 = 29 Prozent von den
173 000 Hochofen- und Stahlarbeitern, die dieser Bericht
umfaßt, gewohnheitsmäßig sieben Tage in der Woche gearbeitet,
 und 20 Prozent waren 84 Stunden oder mehr in
der Woche beschäftigt, was in der Tat eine Zwölfstundenarbeit
 an jedem Tag der Woche mit Einschluß des Sonntags
bedeutet. Dieser Übelstand wurde noch dadurch vermehrt,
daß die siebentägige Arbeit sich, wie die Untersuchungskommission
 feststellte, nicht auf die Hochofenabteilung beschränkte,
 wo aus technischen Gründen eine ununterbrochene
 Arbeit nötig ist, und wo 88 Prozent der Angestellten
sieben Tage arbeiten; sondern es stellte sich heraus, daß in
beträchtlichem Umfang auch in anderen Abteilungen, wo
derartige technische Gründe nicht geltend gemacht werden
können, produktive Arbeit am Sonntag so gut wie in der
Woche betrieben wird... Die Qual eines zwölfstündigen
Tages und einer siebentägigen Woche wird noch größer
durch die Tatsache, daß alle Woche oder alle zwei Wochen,
je nach dem Modus, wonach die Arbeiter der Tagesschicht
die Nachtschicht übernehmen und umgekehrt, die Arbeiter
18 oder 24 Stunden hintereinander bei der Arbeit bleiben...“
Der Bericht sagt weiterhin, daß einige von den Stahlwerken
sofort nach Beginn der Untersuchung des Arbeitsbüros ankündigten,
 sie würden ihren Leuten Sonntagsruhe bewilligen.
„Es ist aber von den Fabrikanten nichts getan und nichts
vorgeschlagen worden, um den Prozentsatz der Arbeiter zu
vermindern, die 72 Stunden und mehr in der Wochearbeiten.
„Die hier beschriebenen Verhältnisse sind um so bezeichnender
 und charakteristischer für die Eisen- und Stahlindustrie,
 wenn wir bedenken, daß sich in den anderen Industrien
 seit Jahren eine Tendenz auf kürzere Arbeitszeit
geltend gemacht hat. Vor Jahren ist der Zehnstundentag
beinahe obligatorisch geworden; seitdem haben weitere
Verkürzungen den Arbeitstag auf neun und in vielen Fällen
        <pb n="331" />
        741

auf acht Stunden gebracht, und zu diesen Verkürzungen ist
ein halber Feiertag am Samstag gekommen. Zu dieser allgemeinen
 Tendenz in den anderen Industrien steht es also
in schneidendem Kontrast, wenn man in einer großen grundlegenden
 Industrie, wie es der in diesem Bericht behandelte
Teil der Eisen- und Stahlindustrie ist, findet, daß nur etwa
14 Prozent von den 173 000 Arbeitern weniger als 60 und
fast 43 Prozent 72 Wochenstunden und mehr arbeiten . . .“
Unter so unerträglichen, menschenunwürdigen Zuständen
müssen die Stahlarbeiter schuften. In diesen Höllenflammen,
 inmitten eines wahnsinnigen, ununterbrochenen Lärms
müssen sie sich alle Tage ihr bißchen Brot verdienen. Sie
dürfen keinen Augenblick aufschauen. Die elenden autokratischen
 Unter-,, Treiber“ stehen immer hinter ihnen, um
sie mit Flüchen anzuspornen, wenn sie sich ein wenig verschnaufen
 wollen; positiver’ Ungehorsam zieht sofortige
Entlassung nach sich. Die jungen Arbeiter halten diese
Nervenanspannung vielleicht eine Weile aus; von den alten
sind einige so abgestumpft und abgehärtet, daß es auf sie
keinen Eindruck mehr macht, die meisten aber werden bald
krumm und alt und bekommen jenen leeren, flimmrigen
Blick, der für die hoffnungslos Geknechteten charakteristisch
 ist, während in anderen Augen der Haß brennt gegen
die Klasse und das System, die sie bedrücken. Den ganzen
Tag lang steht diese menschliche Fleischmasse den Maschinen
 zur Verfügung, die, sobald sie nicht mehr auf der
Höhe sind, sogleich durch neue ersetzt werden. Genau dasselbe
 geschieht mit dem Arbeiter, der das „Beschleunigungssystem“
 nicht mehr aushält; er wird auf die Straße geworfen
und darf verhungern. Nur wenige sind darunter, die ihre
Arbeit nicht in erschöpftem Zustande verlassen und nach
Hause wanken, wo sie ein dürftiges Mahl einnehmen und
sich dann todmüde niederlegen, um am anderen Morgen in
derselben hoffnungslosen Lage aufzuwachen. Sie haben
keine Zeit für sich, sie können kaum über etwas nachdenken,
sie kennen ihre Familien kaum, und ihre Kinder wachsen
auf, fast ohne daß sie sie sehen; die meisten von diesen Arbeitern
 haben aufgehört, menschliche Lebewesen zu sein,
ınd sind tote Automaten geworden.
        <pb n="332" />
        742

Weit entfernt davon sitzt Carnegie auf seinem Schlosse
Skibo in Schottland, einem prächtigen Gut von mehr als
35 000 Morgen, mit Gärten, schmucken Terrassen, Grotten,
Laubwäldern, Forellenbächen und Gebirgen, und redet von
Frieden und Wohlwollen. Kein gemeiner Anblick und kein
unangenehmes Geräusch stört den Herrn von Skibo, den
ein bezahlter Dudelsackpfeifer, der unter seinem Fenster
die lieblichsten Weisen spielt, des Morgens erweckt. Auch
in seinem herrlichen Palast in New York kann Carnegie so
zierlichen Unsinn sich entfleußen lassen wie jene Predigt
am amerikanischen Danksagetag, am 29. November 1912,
wo er (zum Gedrucktwerden) sich also vernehmen ließ:
„Diese Erde wird von Tag zu Tag himmlischer — so viel
gute Männer und Frauen kenne ich, die für andere wirken.“
Am selben Tage empfing er ein Telegramm von A. P. Moore,
dem Herausgeber der Pittsburger Zeitung „Der Führer“,
der ihn fragte, warum er, anstatt der Expräsidenten der
Vereinigten Staaten und ihrer Witwen — wogegen die
öffentliche Meinung protestierte — nicht lieber seine verstümmelten
 Arbeiter oder die Witwen und Kinder der in
den Stahlwerken Getöteten mit Pensionen bedächte, da
diese Männer ihm seinen Reichtum machen hülfen.
Solches war, bis heute, die Laufbahn Andrew Carnegies,
des unerreichten Wohltäters der Welt.
"T'rotzdem wäre es ungerecht, ein zu schweres Urteil über
Carnegie persönlich zu fällen und das Milieu, das System
und die Anschauungen, unter denen er tat, was er tat, außer
acht zu lassen. Früher herrschte die einfältige Praxis, einen
Menschen von seiner Zeit loszutrennen, als wäre er ein
Ungeheuer, jenseits der verzweigten Strömungen menschlichen
 Tuns, die den Einzelnen in seiner Klasse beeinflussen
und beherrschen; davon aber ist man mit Recht abgekommen.
 Um Carnegies Lebensweg genau abzuschätzen, muß
man das ganze kapitalistische System, wovon er ein Teil ist,
mitumfassen und mitbewerten und den Methoden Rechnung
tragen, die ihm eingeimpft worden sind. Dabei ist und war
das einzige, was das Individuum, das diese Praktiken und
Taktiken benutzt, heraushebt, sein Gelderfolg. Daß Carnegie
 diese Probe bestanden hat, läßt sich nicht leugnen.
        <pb n="333" />
        Sechzehntes Kapitel

DAS AMERIKANISCHE PROLETARIAT

7wischen der Klasse der Magnaten, die den Reichtum der
z_ Vereinigten Staaten besitzen oder beherrschen, und dem
Proletariat liegt eine so breite und tiefe Kluft, daß selbst
der kühnste und bedeutendste Wortführer der kapitalistischen
 Klasse die Torheit eines Versuches erkennt, die Angehörigen
 der Arbeiterklasse mit der unsinnigen Hoffnung
zu täuschen, sie könnten sich von ihrer dienenden Stellung
losreißen und selbst Kapitalisten werden. Für einige der
Arbeiter hätte dies in längst vergangenen Tagen ausführbar
 sein können, als die Werkstätten noch mit den einfachsten
 und billigsten Werkzeugen betrieben wurden und
deshalb wenig Kapital notwendig war. Aber heutzutage
sind ungeheure Geldsummen nötig, um Industrieanlagen
auszustatten und zu betreiben; selbst mittlere Kapitalisten
mit ihren Hilfsquellen von Hunderttausenden oder Millionen
 Dollar können nicht hoffen, mit den Trusten und
ihrem angehäuften Kapital von Milliarden den Wettbewerb
aufzunehmen. Es gibt in den Vereinigten Staaten vielleicht
sechstausend Millionäre, aber sie sind zum größten Teil
unbekannt und treten nicht hervor, und man kann sie
passend als Abhängige und Untergebene, wenn nicht als
Trabanten der großen Multimillionär-Magnaten bezeichnen.
 Kostbarer städtischer Grundbesitz oder Fabriken oder
große Warenhäuser mögen ihnen gehören, oder sie mögen
Aktionäre in einer oder der andern Art von Gesellschaften
sein; trotz alledem sind sie nicht die Männer, die die suveräne
 Herrschaft über die Hilfsquellen und den Reichtum
der Nation ausüben.

Die unbeschränkte Herrschaft über den Reichtum

Diese Herrschaft ist in den Händen von weniger als einem
Dutzend Magnaten vereint, unter denen. John D. Rocke-
        <pb n="334" />
        feller und J. Pierpont Morgan die bedeutendsten sind. _ Als
tatsächliches Haupt der Standard Oil Company hat Rockefeller
 mit seinen Handelsgenossen die Herrschaft oder doch
die Hauptstimme in einer großen Anzahl angeschlossener
oder Hilfs-Truste, mit Einschluß gewerblicher Truste —
Eisenbahnen, Straßenbahnen, Gas- und Elektrizitäts-Anlagen
 —, die alle zusammen eine ungeheuer große Vereinigung
 von Gesellschaften bilden. Das besondere United
States Congressional Committee on Banking and Currency
berichtete kürzlich, daß J. Pierpont Morgan und John
D. Rockefeller zusammen mehr als ein Drittel — 36 Prozent
 — des tatsächlichen Vermögens und der Naturhilfsquellen
 der Vereinigten Staaten beherrschen. Die allmächtigen
 kapitalistischen Gruppen, an deren Spitze diese Männer
 stehen, wirken in gutem Einvernehmen miteinander
und befolgen dasselbe Verfahren. Die Gesamt-Aktiva, die
sie beherrschen, werden auf 39 711 328 678 Dollar berechnet
und umfassen 15 636 853 814 Dollar in Industrie und öffentlichen
 Anlagen; 17 250 000 000 Dollar in Eisenbahnbesitz ;
4 000 911 932 Dollar in Bank- und andern finanziellen
Unternehmungen; I 500 949 342 Dollar in Bergwerks- und
Ölbetrieben und ı 322 613 000 Dollar in verschiedenem
anderen Besitz. In den Protokollen der genannten Kommission
 werden viele von diesen Gesellschaften als „Morgan-Geschäft“
 bezeichnet, viele als „Standard Oil-“, einige als
„Gould-““, einige als „Vanderbilt-‘“, andere als „Hill-“ und
„Guggenheim“-Besitz und noch andere als „Ryan und
Belmont-“ oder als „Unabhängige Geschäfte“, Die Tatsachen
 zeigen aber, daß die Morgan-Rockefeller-Anteile
beherrschenden Einfluß haben und miteinander verbunden
arbeiten.

F. Pierpont Morgans Diktatur

Morgan persönlich beherrscht — nach den der Kommission
 vorgelegten Berichten — direkt die ungeheure
Summe von 22 245 000 000 Dollar. Die von Morgan beherrschten
 Five banks- und Banktrust-Gesellschaften verfügen
 über alle Hilfsmittel dieser Summe und haben in
112 Gesellschaften 341 Direktorstellen. Die Firma J. Pier-
        <pb n="335" />
        — 745 —

pont Morgan &amp;amp; Co. hat allein 63 Direktoren in 39 Gesellschaften,
 welche über alle Hilfsmittel oder über die Kapitalisierung
 von 10 036 000 000 Dollar verfügen. Eine Ergänzung
 dieser ungeheuren Geldmacht und dieses Kapitals
wird durch Morgans indirekte Beherrschung noch weiterer
Hilfsquellen gebildet. Achtzehn Gesellschaften und Privatfirmen,
 die eng mit ihm verbunden sind, bilden eine Vereinigung
 von 746 Direktorstellen in 134 Gesellschaften,
welche über alle Hilfsmittel oder über die Kapitalisierung
der verblüffenden Summe von 24 325 000 000 Dollar verfügen.

Das gesamte jährliche Einkommen von Großbritannien
beträgt 950 000 000 Dollar, das der Vereinigten Staaten
900 000 000, das Deutschlands ı 800 000 000, das Frankreichs
 850 000 000 und das Italiens 450 000 000 Dollar.
Morgan verfügt über viermal soviel, als die Einkommen
der genannten vier europäischen Nationen zusammen betragen;
 er verfügt über zwanzigmal soviel, als die Jahressinnahme
 der Vereinigten Staaten beträgt. In seiner Eigenschaft
 als Bankier hat Morgan in seinen Bankhäusern für
162 000 000 Dollar Depositen; diese Summe stellt die Depots
 von Gesellschaften und Privatpersonen dar. Diese
162 000 000 Dollar sind totes Kavital, das bei seiner Firma
angelegt ist.
Nach den Steuerergebnissen von 1904 — den letzten,
die zugänglich sind — wurde der Gesamtreichtum der Vereinigten
 Staaten auf 107 104 211 917 Dollar geschätzt.
Gegenwärtig kann er auf mehrere Billionen Dollar höher
geschätzt werden. Wir sehen also, daß die beiden kapitalistischen
 Gruppen, an deren Spitze John D. Rockefeller
und J. Pierpont Morgan stehen, direkt oder indirekt über
mehr als ein Drittel dieser ungeheuren Summe verfügen.
Mit dieser Angabe wird durchaus nicht behauptet, daß
diese beiden Gruppen die Gesamtheit der Banksysteme, die
Eisenbahn-, Industrie-, Bergwerk-, Wasserkraft- und die
andern Vermögen besitzen. Ihr Besitz ist zweifellos ungeheuer
 groß, aber zwischen Besitz und Herrschaft besteht
ein sehr bemerkbarer Unterschied. Der in Anlagen vorhandene
 Besitz eines beträchtlichen Teiles dieser Vermögen
        <pb n="336" />
        746 —

gehört Tausenden von Millionären und Multimillionären
in allen Teilen der Vereinigten Staaten. Andere Teile des
Kapitals sind im Besitz einer beträchtlichen, aber abnehmenden
 Anzahl von kleinen wohlhabenden Aktionären.
Aber der überwiegende Besitz und die unumschränkte
Herrschaft befinden sich in den Händen und zur Verfügung
einiger weniger größter Magnaten. Mit ihnen verbunden
oder unter ihnen steht eine Reihe weiterer Magnaten, wie
James J. Hill, der die Eisenbahnen des Nordwestens beherrscht;
 die Familie Armour, die den „Beef Trust“ beherrscht;
 die Vanderbilts, Goulds, Astors, Thomas F. Ryan
und andere Multimillionäre dieser Art, von denen jeder
in seiner Sphäre mächtig ist, die aber in verschiedener
Weise niedrigere und untergeordnetere Schichten beherrschen
 als Rockefeller und Morgan.

Der beiliggesprochene Kapitalismus

Da das Proletariat von der klaren Erkenntnis aller dieser
Tatsachen und Verhältnisse durchdrungen ist, wissen die
erfahrenen Anhänger des bestehenden Systems sehr wohl,
wie abgeschmackt es ist, bei der alten Ausflucht zu bleiben,
daß die Arbeiter selbst Kapitalisten werden können — eine
Ausflucht, die sich durch die Verhältnisse sofort als irreleitend
 und unsinnig erweist. Daher haben die milder gesinnten
 Magnaten den Versuch, das Proletariat nach dieser
Richtung hin mit den heirschenden Verhältnissen auszusöhnen,
 aufgegeben und vor einigen Jahren angefangen,
eine neue Politik zu verfolgen. Mit einer Dreistigkeit, die
derjenigen entspricht, die sie bei der Ausgabe von ungeheuren
 Mengen nur nominell erhöhter Aktien anwandten,
sind sie kühn ausgezogen, sogar den Himmel zu annektieren,
indem sie erklärten, daß den Männern und Frauen von
großem Reichtum dieser Reichtum von Gott anvertraut sei,
damit sie als Verwalter für das übrige Volk handelten. Dies
war die berühmte Erklärung, die George F. Baer, der
Titularchef des Kohlentrusts, im Jahre 1902 während des
Streiks der;Kohlenarbeiter abgab. Der Gedanke war jedoch
durchaus nicht originell; er war den von der Geistlichkeit
        <pb n="337" />
        — 747 —

oft verbreiteten Lobpreisungen philanthropischer Kapitalisten
 entlehnt. Seit der Zeit hat man den Gedanken noch
so weit verbessert, daß man die Eigenschaft eines Verwalteramtes
 fallen ließ und das Dogma auf ein Gottesgnadentum
beschränkte.
Als E. H. Harriman vor einigen Jahren seine ungeheuren
Betrügereien ausführte, behauptete sein — nebenbei
bemerkt, sehr berühmter — juristischer Vertreter, daß
„Harriman sich in einer geheiligten Sphäre bewege, in
die: keinem von uns gestattet sei, einzutreten“. Und
kürzlich, am 23. November 1912, bei der gerichtlichen
Verhandlung in dem von der Regierung der Vereinigten
Staaten zur Auflösung des Mähmaschinen-Trusts eingeschlagenen
 Verfahren, wurde ein von E. N. Wood, dem
Sekretär der internationalen Mähmaschinen-Gesellschaft,
stammender Brief vorgebracht, in dem Wood geschrieben
hatte, daß die Bildung des Trusts sich „in Übereinstimmung
mit der göttlichen Weltordnung“‘“ befände.
In einem orthodoxen, religiösen Zeitalter hätte man diesen
weitgehenden Ansprüchen auf göttliches Recht unter den
Abergläubischen und Unwissenden mit einiger Wirkung
Nachdruck verleihen können. Aber in dieser bilderstürmenden,
 rationalistischen Zeit sind sie mit unbändigem
Gelächter aufgenommen worden. In einer Periode, in der
man das Gottesgnadentum der Könige nicht ernsthaft
nimmt, kann man nicht wohl den Geldkönigen das zugestehen,
 was man den erblichen Königen verweigert.
Nur wenn man die unerträglichen Bedingungen, unter
denen das amerikanische Proletariat zu leben gezwungen
ist und den leidenschaftlichen Geist des Grolls und der Empörung
 kennt, der in großen Kreisen desselben in der "Tiefe
glimmt und immer höher anschwillt, versteht man, warum
die großen Magnaten, nachdem sie alle andern Methoden
versucht haben, sich als auserwählte Statthalter der Gottheit
erklären, in einem letzten verzweifelten Versuch, den Verstand
 und den Arm des Proletariats zu lähmen, indem
sie für ihre Person und ihren Reichtum religiöse Ehrfurcht
anrufen.
        <pb n="338" />
        "43

Das ländliche Proletariat

Die ökonomischen Verhältnisse haben sich in den Vereinigten
 Staaten mit solcher Geschwindigkeit bewegt, daß
es jetzt ein großes und deutlich erkennbares ländliches Proletariat
 gibt, das im Begriffe ist, sich in Mitgefühl und in
den Zielen mit dem gewerblichen Proletariat der Städte
rasch zu verbünden. Wohl hat es immer eine große ländliche
 Arbeiterbevölkerung gegeben — eine Bevölkerung
ländlicher Lohnempfänger, die sich von vielleicht einer
Million im Jahre 1820 auf ungefähr 5 Millionen oder weniger
im Jahre 1910 vermehrt hat. Aber bis in die neueste Zeit
hinein stand sie abseits von dem gewerblichen Proletariat,
da sie glaubte, daß sie mit den Arbeitern in Fabriken, Bergwerken,
 Werkstätten oder an Eisenbahnen nichts gemein
habe. Bis vor zwei Jahrzehnten glaubten viele der Landarbeiter
 — wenn man sie als Ganzes betrachtet und die
2 Millionen Neger unter ihnen ausnimmt — aufrichtig, daß
es in den Vereinigten Staaten außerordentlich günstige
Gelegenheiten zum selbständigen Vorwärtskommen gäbe.
Jahrelang waren von allen Seiten glühende Zeitungsartikel
und politische Reden erschienen, die die unbegrenzten günstigen
 Gelegenheiten beschrieben: wie im Westen und Südwesten
 viele Strecken öffentlichen Gebietes lägen, die auf
Ansiedlung warteten, und wie dieses Land frei in Besitz
genommen oder mit sehr geringen Kosten erworben werden
könne. Den ländlichen Elementen wurde das Ideal vorgehalten,
 daß jeder Mann, der es wünscht, seine eigne Farm
haben könne. Horace Greeleys Ausspruch: „Gehe nach
dem Westen, junger Mann“, war ein bündiger Ausdruck
dieses allgemein herrschenden Glaubens. Und dieser Glaube
lebte noch lange als Tradition fort, obgleich eine Anzahl
volkswirtschaftlicher Veränderungen zusammen wirkten, um
ihn wertlos zu machen. Große Scharen von eingeborenen
und eingewanderten Farmern und Landarbeitern wanderten
tatsächlich nach den westlichen Staaten. In der Regel fanden
 sie, daß ungeheure Flächen des besten und am leichtesten
 zugänglichen Landes schon von Eisenbahn- und
andern Gesellschaften erworben worden waren, die es auf
        <pb n="339" />
        7490 —

Grund von staatlichen Landbewilligungen besaßen, welche
gewöhnlich in betrügerischer Weise durch käufliche Gesetzgebung
 oder durch amtliche strafbare Nachsicht erlangt
waren. Begünstigte Privatpersonen erwarben gleichfalls
ausgedehnte Landbewilligungen. Reichlich 200 Millionen
Morgen gingen auf diese Art in den Besitz auswärts lebender
Grundbesitzer über, von denen die Ansiedler das Land oft
zu übertrieben hohen Preisen kaufen mußten.
In den Jahren 1891—1893 wurde die letzte große Fläche
nationalen öffentlichen Gebietes — der jetzige Staat Oklahama
 — der Ansiedlung erschlossen; ein großer Teil dieser
Fläche wurde ebenfalls Eigentum auswärtiger Grundbesitzer.
Die Verfügung über diese große Landstrecke erschöpfte
tatsächlich die zu Gebote stehende Fläche öffentlichen
Gebietes. Gleichzeitig waren andere Faktoren in Tätigkeit,
die rasch darauf hinarbeiteten, ein landwirtschaftliches
Proletariat hervorzubringen. Primitive Geräte genügten
nicht mehr für die Landwirtschaft; um die Landwirtschaft
in modernem Maßstabe zu betreiben, waren kostbare Werkzeuge
 und Maschinenkraft erforderlich; um diese zu er-{angen
 mußte der Farmer oft Schulden machen. Gileichzeitig
 waren die hohen Frachtsätze der Eisenbahnen und
die Erpressungen von Getreidespeicher-Kompanien und
allen möglichen Vereinigungen und Trusten für die große
Masse der Farmer eine schwere Last, die von dem, was
er produzierte, die Sahne abschöpfte.

Mehr als ein Drittel Pächter

Die Folge dieser und anderer zusammenwirkender Um-;tände
 ist, daß, wie aus der Volkszählung von 1910 hervorgeht,
 nicht weniger als 2 349 245 von den 6 362 000 Farmen
der Vereinigten Staaten von Pächtern betrieben werden —
eine Zunahme von 320 000 Pächtern seit 1900. Das Anwachsen
 der Pächterbevölkerung hat seit 1880 beständig
zugenommen und jetzt einen so hohen Grad erreicht, daß
die Pächter ein Drittel der ackerbautreibenden Bevölkerung
 der Vereinigten Staaten bilden.
Dieses ist ein wesentlich anderer Zustand als der, auf
        <pb n="340" />
        den man vor vierzig Jahren hinwies: daß jeder Landwirt
Gelegenheit habe, Eigentümer einer Farm zu werden.
Das Überwiegen der Pachtwirtschaft zeigt sich am deutlichsten
 darin, daß sie besonders zahlreich in ausgesprochenen
 Ackerbaustaaten und vorzugsweise in den reichen Baumwolle-,
 Mais-, Weizen-, "Tabak- und Obstlandstrichen auftritt.
 In einem Gesamtgebiet von 1080 Kreisen, das sich
von Virginia bis an die Grenzen von "Texas erstreckt (wobei
die Gebirgsgegenden nicht mitgerechnet sind) gibt es
700 000 Pächter, von denen mehr als 500 000 Neger sind.
Diese Gegend bildet den sogenannten „Schwarzen Gürtel“
— d. h., es sind dies die Staaten, die eine dichte Negerbevölkerung
 haben. Es ist die Gegend, die die Baumwolle
und in ausgedehntem Maße die Tabakernte der Vereinigten
Staaten erzeugt. Die früheren großen Farmen sind in solche
Unterabteilungen zerlegt, daß die Durchschnittsgröße einer
Pachtung, auf der Baumwolle gebaut wird, nur zwischen
15 und 17 Morgen schwankt. Der Besitzer des Landes ist
gewöhnlich der Dorf- oder Stadtbankier oder Ladeninhaber,
und er fordert folgenden Tribut: Wenn der Pächter mit
eignem Pfluge, Maulesel und Düngemittel versehen ist,
dann gibt er dem Besitzer für die Benutzung des Landes
und für ein sehr minderwertiges Gebäude ein Drittel der
Baumwollernte, ebensoviel dort, wo Getreide gebaut wird,
von der Getreideernte und ein Viertel der Maisernte. Aber
wenn der Besitzer Pflug, Maulesel und Düngemittel liefert,
dann erhält der Besitzer die Hälfte der Ernte und häufig
noch ein Pachtgeld in der Form einer Tantieme von I bis
3 Dollar für den Morgen. Die 700000 Pächter im Süden
produzieren jährlich 350 Millionen Dollar in Ernten. Die
jährlichen Einnahmen des einzelnen Pächters belaufen sich
auf 450 bis 500 Dollar, aber von dieser Summe gehen von
einem Drittel bis zur Hälfte oder mehr in Bargeld oder
seinem Äquivalent an den Besitzer. Nachdem der Pächter
seine Pacht und andere Unkosten bezahlt hat, behält er
weniger als 225 Dollar für seine Jahresarbeit und muß aus
dieser Summe noch seine Hilfskräfte bezahlen, wenn er
keine Familie hat, die ihn in der Feldarbeit unterstützt.
Und hier mag erwähnt werden, daß der in der europäischen
        <pb n="341" />
        Landbevölkerung so bemerkenswerte Zustand, daß Frauen
auf dem Felde arbeiten müssen, in den Vereinigten Staaten
in voller Wirkung ist, obgleich er nicht ebenso entschuldigt
werden kann wie in Europa, wofder Militärdienst die
Männer in die Armee treibt. Es gibt in den Vereinigten
Staaten mehr als 700 000 Frauen, die in der Landwirtschaft
 beschäftigt sind,
Sehr viele Landbesitzer im Süden erhalten nicht nur
Pachtgeld, sondern belasten in ihrer Eigenschaft als Bankiers
und Warenhausbesitzer den Pächter noch mit einer Abgabe
von 10 bis 100 Prozent für alles, was er kauft oder leiht.
Das unvermeidliche Resultat ist, daß der Pächter in das
größte Elend gerät und rasch in einen Zustand getrieben
wird, der vollständiger Verarmung sehr nahekommt.
Wenn man die ungefähr 500 000 Neger unter den Pächtern
 im Süden abzieht, sind die von der Gesamtzahl der
2 349 245 Pächter in den Vereinigten Staaten Übrigbleibenden
 hauptsächlich Weiße.

Das verhältnismäßig ungeheuer große verpachtete Gebiet

Ohne hier auf eine erschöpfende Darlegung des Pachtbesitzes
 in den Vereinigten Staaten einzugehen können
doch von den Zuständen, die in anderen reichen ackerbautreibenden
 Staaten herrschen, noch einige auffallende Tatsachen
 erwähnt werden. Der nördliche Zentralbezirk ist
eins der wichtigsten ackerbautreibenden Gebiete von allen.
Er umfaßt die zwölf Staaten Ohio, Indiana, Iowa, Illinois,
Michigan, Wisconsin, Nebraska, Kansas, Missouri, Minnesota,
 North Dakota und South Dakota. In diesem Gebiete
werden zwei Drittel der Weizenernte der Vereinigten
Staaten hervorgebracht, ein sehr bedeutender Teil der
Gerstenernte, sieben Zehntel der Maisernte, acht Zehntel
der Haferernte und sechs Zehntel der Heu- und Futterarnte.
 Dieses fruchtbare Gebiet ist in hohem Maße die
Kornkammer der Nation. Es liefert den größten "Teil des
Brotkornes und sehr viele Erzeugnisse der Milchwirtschaft
und Obst. In Michigan und Wisconsin sind nicht ganz
20 Prozent der Farmer Pächter, und in Ohio, Minnesota
        <pb n="342" />
        752 —

und South Dakota beinahe 30 Prozent. In den Staaten
von Nebraska hingegen gibt es 238,1 Pächter unter je
100 Farmern; in Iowa 37,8, in Kansas 36,8, in Indiana 30,0,
in Missouri 29,9 und in Illinois 41,1 unter je 100. Es
sind andere reiche ackerbautreibende Staaten vorhanden,
in denen die Hälfte der Farmer oder mehr Pächter sind,
wie in Arkansas (unter je 100 Farmern 50 Pächter) und
in Louisiana (unter je 100 Farmern 55,3 Pächter). In
Oklahoma (das, wie wir gesehen haben, bis 1891/93 öffentliches
 Gebiet war) gibt es jetzt 104 137 Pächter oder 54,8
unter je 100 Farmern. "Texas allein hat 219 575 Pächter,
 oder 52,6 unter je 100 Farmern. Wenn diese Zahlen
auch hoch sind, so werden sie doch noch durch die für
die Staaten Alabama, South Carolina, Georgia und Mississippi
 übertroffen — alles fruchtbare Baumwollstaaten —,
wo das Verhältnis der Pachtungen zwischen 60 und 70 Prozent
 beträgt.

Ein ständiges ländliches Proletariat

Hier gibt es ein klar bestimmtes ländliches Proletariat.
Seine Lage ist in mancher Hinsicht viel schlimmer als die
des gewerblichen Proletariats. Große Scharen sehen niemals
 Geld, und alle stehen hilflos und wehrlos unter dem
zermalmenden Druck des Pacht-, Anteil- und Wuchersystems.
 Sie können nicht hoffen, Eigentümer des von
ihnen bestellten Landes zu werden, da gerade in den Gebieten,
 wo der Durchschnittspreis für Ackerland am höchsten,
 Pachtbesitz am zahlreichsten ist.
In North Dakota zum Beispiel, wo das Ackerland auf
25,70 Dollar für den Morgen geschätzt wird, sind unter je
100 Farmern 15 Pächter, in Michigan, wo der Preis
32 Dollar für den Morgen beträgt, 16 Pächter. In South
Dakota beträgt der Preis des Landes 34,70 Dollar für den
Morgen; dort sind beinahe 25 von 100 Farmern Pächter.
Der Durchschnittswert des Ackerlandes in Kansas beträgt
35,50 Dollar für den Morgen; in diesem Staate sind beinahe
 37 Prozent der Farmer Pächter. Das Ackerland von
Iowa hat einen Durchschnittsverkaufswert von 823 Dollar
        <pb n="343" />
        — 753 —

für den Morgen, der Anteil der Pächter in diesem Staate
beträgt beinahe 38 Prozent. In Illinois, wo das Ackerland
durchschnittlich auf 94,90 Dollar für den Morgen geschätzt
wird, sind unter je 100 Farmern beinahe 42 Pächter.
Die Lage des Pächters ist daher im allgemeinen offenbar
hoffnungslos. Er kann nicht hoffen, ein Farmbesitzer zu
werden, wenigstens nicht in den Vereinigten Staaten. Allerdings
 bietet Kanada einen Ausweg, wohin seit 1897 784.139
Ansiedler aus den Vereinigten Staaten ausgewandert sind,
um den Ackerbau in den westlichen kanadischen Provinzen
in Angriff zu nehmen. Dies ist an und für sich eine bedeutsame
 "Tatsache; die landwirtschaftliche Wanderbewegung,
die so lange in die Vereinigten Staaten geführt hat, besteht
jetzt in der Auswanderung aus den Vereinigten Staaten.
Die Hauptmasse der amerikanischen Ansiedler, die nach
Kanada gehen, bestand und besteht jedoch aus amerikanischen
 Farmbesitzern, die ihr Ackerland haben verkaufen
können und sich mit dem Ertrage in Kanada niedergelassen
haben, wo unbesiedeltes, fruchtbares Land für einen geringeren
 Preis erlangt oder frei in Besitz genommen werden
kann. Der wirkungsvolle Betrieb des Landbaus auf dem
Prärieboden von Kanada erfordert die neusten landwirtschaftlichen
 Maschinen und damit eine Ausgabe von wenigstens
 einigen Tausend Dollar. Der amerikanische Pächter,
der kein Geld und gewöhnlich Schulden hat, kann sich
diese günstigen Gelegenheiten in Kanada nicht zunutze
machen. Er muß an den Boden gefesselt bleiben.
Außer den 2 Millionen Pachtfarmen in den Vereinigten
Staaten gibt es I 327 439 andere Farmen (unter im ganzen
3 933 705 Eigentumsfarmen), die mit Hypotheken belastet
sind. Die Besitzer dieser Farmen sind jedoch rechtlich und
psychologisch Eigentümer und können nicht unter das
ländliche Proletariat gerechnet werden.
Das Los eines Pächters ist im allgemeinen und besonders
in den reichen ackerbautreibenden Staaten ganz verzweifelt.
Um die geforderte drückende Pacht zu bezahlen, muß er
den Boden bis auf das Letzte, das er hergeben will, auspressen;
 er kann es sich nicht gestatten, irgendeinen Teil
seines Landes ruhen zu lassen; auch kann er keine wech-
        <pb n="344" />
        — 754 —

selnde Fruchtfolge haben, da seine Farm nicht groß genug
ist. Diese beständige Ausnutzung des Bodens hat zur Folge,
daß er seine Fruchtbarkeit rasch verliert. Darin liegt ein
Grund, weshalb die Versorgung mit Nahrungsmitteln nicht
mit dem Bedarf der zunehmenden Bevölkerung Schritt
gehalten hat und weshalb nach wenigen Jahren die Vereinigten
 Staaten aufgehört haben werden, Nahrungsmittel
 zu exportieren, und gezwungen sein werden, sie zu
importieren. Dies zeigt sich auffallend in der Statistik der
Produktion und des Exports. Vor zehn Jahren produzierten
die Vereinigten Staaten 500000 000 Bushel Weizen und
exportierten 37,5 Prozent; sie produzierten damals 2 500.000
Bushel Mais und exportierten 17 Prozent. Heute erzeugen
die Vereinigten Staaten 700 000 000 Bushel Weizen, von
denen sie 17 Prozent exportieren; und von der gegenwärtigen
 Produktion von 2750 000 000 Bushel Mais exportieren
 sie nur 23 Prozent.

Pächtervereine

Schon in Texas und in den benachbarten Staaten haben
die Pächter Landpächterverbände gebildet, die in der Organisation
 den Gewerkschaften der Fabrik- und Bergarbeiter
 ähnlich sind. Diese Tatsache ist im höchsten Grade
bedeutungsvoll; sie zeigt, daß eine beträchtliche Anzahl der
Pächter sich zum Proletariat rechnet und sich bereit macht,
eine Verbindung mit dem gewerblichen Proletariat herzustellen.
 Dieses ist an und für sich ein stark revolutionärer
Schritt, aber das ausgesprochene Ziel der Pächterverbände
hat sogar einen noch stärkeren revolutionären Charakter.
Diese Verbände verlangen, daß der Besitz des Landes sich
nur auf Benutzung und nicht auf geschriebene Ansprüche
gründe. Eine solche Forderung bedeutet einen Umsturz
des ganzen bestehenden Systems des Landbesitzes, und
diesen kann nur eine vollständige Umwälzung herbeiführen.
Eine solche Umwälzung wird nur durch Zuziehung des gewerblichen
 Proletariats erreicht werden, aber das rasch an
Boden gewinnende gewerbliche Verbandwesen verspricht
beide Elemente in einer mächtigen Bewegung zu vereinigen.
        <pb n="345" />
        755 —

Die Landarbeiter

Zu derselben Zeit droht Unruhe von einem beträchtlichen
 Teile der Landarbeiter. Die Volkszählung von 1900
ergab eine Gesamtsumme von 4410 877 landwirtschaftlichen
 Lohnarbeitern. Von dieser Zahl waren 663 209
Mädchen oder Frauen. Im Gegensatz zu den in der Fabrikindustrie
 herrschenden Verhältnissen ist nur ein kleiner Teil
der Landarbeiter im Auslande geboren. Selbst in den
Staaten im äußersten Osten, wo die Landwirtschaft nicht
in so ausgedehnten Unternehmungen wie in den westlichen
Staaten betrieben wird, ist die Tendenz zur ständigen
Abnahme der Landarbeiter bemerkbar. In den Bezirken
vollends, in denen es ausgedehnte Farmen gibt und in
denen der Prärieboden die Benutzung landwirtschaftlicher
maschineller Geräte leicht macht, wird jetzt diese Tendenz
entschieden bemerkt.

Maschinelle landwirtschafttliche Hilfsmittel

Die fortdauernde Einführung und Benutzung neuerer
landwirtschaftlicher Maschinen, die beständig Verbesserungen
 erfahren, macht es unvermeidlich, daß der Bedarf
an Handarbeit dauernd abnimmt. Maschinen, die noch
vor wenigen Jahren als die modernsten angesehen wurden
und die ein gewisses Maß von Handarbeit ersetzten, gelten
jetzt als veraltet. Es werden mechanisch bewegte Pflüge
angefertigt, die mit einem Schlage mehrere, sechs Zoll tiefe
Furchen in den Boden schneiden und, mit starkem elektrischem
 Licht versehen, Tag und Nacht betrieben werden
können. Diese T’raktorpflüge sind ebenso wie Traktor-Sämaschinen,
 -Mähmaschinen und -Garbenbinder bei großer
Ersparnis von Zeit und Geld für die Bewirtschaftung sehr
großer Flächen wunderbar geeignet und bringen die kleinen
und sogar die mäßig großen Farmen in einen deutlichen
Nachteil im Wettbewerb mit den sehr großen. Die Einführung
 dieser Maschinen bedeutet eine noch größere Verdrängung
 ländlicher Arbeit und weist darauf hin, daß die
Zeit gekommen ist, in der Kapitalisten die Landwirtschaft
        <pb n="346" />
        auf riesenhafter Stufenleiter betreiben werden; und in der
Tat hat bereits eine Anzahl von Gesellschaften zur Anlage
ihres Geldes damit den Anfang gemacht.
Auf diese Weise geht die Nachfrage nach ländlicher
Lohnarbeit immer mehr zurück. Auf sehr vielen Getreideund
 andern Farmen, auf denen landwirtschaftliche Maschinen
 gebraucht werden, herrscht keine Nachfrage mehr
nach den kräftigen, geübten, erfahrenen Landleuten des
alten Schlages. Die verlangte Arbeit ist mehr mechanischer
Art; es werden Männer gebraucht, die mit Maschinen
umzugehen verstehen, denn was das Pflügen, Säen, Pflanzen
und Ernten betrifft, so werden diese Verrichtungen von
den Maschinen automatisch besorgt. Die Nachfrage nach
Arbeitskräften wird am dringendsten zur Erntezeit; jeder
Tag, an dem die Hilfe fehlt, zieht dann für den Arbeitgeber
 einen empfindlichen wirtschaftlichen Verlust nach
sich; die Ernte muß innerhalb einer kurzen und beschränkten
 Zeit eingebracht werden, sonst verfault sie auf dem
Boden. Folglich erzeugen diese Umstände in hohem Maße
nomadische ländliche Arbeitselemente; zur Erntezeit ziehen
Scharen von wandernden Fabrik-, Werkstätten- und Gruben-,
 Eisenbahn- und anderen Arbeitern, die in ihrem besonderen
 Beruf keine Arbeit haben, nach den Gegenden,
wo Ernten im Gange sind und wo sie einige Dollar auflesen
 können. Dieselben Maschinenkräfte, die darauf hinwirken,
 das Bedürfnis nach Feldarbeit herabzusetzen, wirken,
 wie wir sehen werden, ähnlich auf beinahe alle Gebiete
gewerblicher Tätigkeit ein. Die Männer, die auf diese Art
entbehrlich werden, wandern oft weite Strecken, um zur
Erntezeit Arbeit zu finden. Da es ihnen an Geld fehlt,
reisen sie als blinde Passagiere auf Frachtwagen, oder
„hoof it“, d. h., sie laufen zu Fuß; daher wird die Bezeichnung
 „hobo‘“ auf sie angewandt. Ein beträchtlicher
Teil der Erntearbeit wird von diesen „hoboes‘“ ausgeführt,
die nichts mehr oder weniger sind als entlassene oder vertriebene
 Arbeiter, die heruntergekommen sind, weil sie in
ihrem eignen Gewerbe keine Arbeit bekommen können, oder
weil sie sich weigern, länger Maschinensklaven zu sein.
        <pb n="347" />
        757 —

Sämänner der Unzufriedenheit

Diese Männer sind oft intelligent und aufrührerisch,
wohlbelesen, durchdrungen von dem Geiste des Klassenbewußtseins
 und erfüllt von einem bittern Haß gegen das
bestehende System. Viele von ihnen sind Mitglieder der
Arbeiterverbände und sind mit den Zielen und Methoden
der Streike vertraut. Überall, wo sie hinkommen, säen sie
ihre Propaganda in ruhiger, wirksamer Weise aus; wenn sie
mit dem ausschließlich ländlichen Proletariat in Verbindung
 treten, erwecken sie sein Gefühl für Klassenbewußtsein,
 pflanzen ihm neue Ideen ein und machen aus dem
Landarbeiter, der ein gedankenloser, selbstzufriedener, lenksamer
 Arbeitsmann war, einen bewußten Rebellen. Wo
früher Farmbesitzer oder Gesellschaft mit der Unterwürfigkeit
 und Abgeschlossenheit der Arbeiter rechnen konnten und
keiner organisierten Forderung nach kürzeren Arbeitsstunden
und höherem Lohn begegnen mußten, müssen sie jetzt
‘wenigstens in einigen Landstrichen) mit Männern kämpfen,
die Denker, gute Organisatoren und geschickte Führer sind.
Vereinzelt auftretende Streike auf Farmen sind jetzt durchaus
 nichts Seltenes ; und wenn der arbeitgebende Farmer hartnäckig
 ist, wird er bald zu der Erkenntnis gebracht, daß es für
ihn billiger ist, nachzugeben. Er erlebt es, daß zur Erntezeit,
wenn jede Minute zählt, ein Teil seiner landwirtschaftlichen
Maschinen plötzlich zusammenbricht oder verschwindet,
Auch im besten Falle sind die Löhne der Landarbeiter
sehr gering. Im Süden, wo die Negerarbeit erbarmungslos
ausgenutzt wird, erhält der Landarbeiter durchschnittlich
13,10 Dollar monatlich und den dürftigsten Unterhalt.
Auf den nördlichen Farmen beträgt der Lohn durchschnittlich
 20,73 bis 22,22 Dollar monatlich mit Unterhalt; und
im Westen sind die Durchschnittslöhne 31,30 Dollar monatlich
 mit Unterhalt. Diese Löhne beziehen sich auf die
Arbeiter, die für das Jahr gemietet werden. Während. der
Erntezeit ist der Durchschnittslohn für die Arbeiter, die
für die Säson gemietet werden, überall in den Vereinigten
Staaten 1,43 Dollar täglich, manchmal mehr, je nach der
Fähigkeit und nach besonderen Umständen.
        <pb n="348" />
        — 708 —

Das Aufhören der ländlichen Abgeschlossenheit

Während sich die Reihen der Landarbeiter so in beträchtlicher
 Weise aus denen der entlassenen gewerblichen Arbeiter
 ergänzen, haben auch noch andere Umstände einen
mächtigen Einfluß auf die psychologische Neugestaltung
der ländlichen Elemente und auf die Entwicklung von Gedanken,
 Gärungsstoffen und Erstrebungen unter dem besonderen
 ländlichen Proletariat. Allgemein gesprochen, ist
diese Bevölkerung nicht mehr so abgeschlossen und abgesondert,
 wie sie es vor Jahrzehnten war. Die Ausdehnung
der großen und kleinen Städte, die große Ausdehnung des
elektrischen Trolley-Systems und des Telephons in allen
ländlichen Gebieten, die Einführung und Ausgestaltung des
ländlichen Postbestellsystems, das die Post selbst bis an die
Türen jener ländlichen Heimstätten bringt, die viele Meilen
von den Eisenbahnen oder nächsten Postämtern entfernt
liegen — alle diese Umstände haben dazu gedient, die alte
Atmosphäre des Einsiedlertums zu zerstören, und haben die
ländliche Bevölkerung in enge Berührung mit den laufenden
Ereignissen, Bewegungen und Gärungsstoffen des Tages
gebracht. Überall, wo es eine Wasserkraft, einen Strom
oder einen Fluß gibt, ist oder wird eine Fabrik gebaut;
einige der Landarbeiter suchen dort Arbeit, und während
die Landarbeiter nach den Städten streben, kommen aus
den Städten die Arbeiter hinaus, die durch allmähliche,
wenn auch unterdrückte Propaganda neue wirtschaftliche
Lehren und Ideen verbreiten und die Grundlagen des
Glaubens erschüttern, der früher in den Gegenden herrschte,
in denen man den arbeitgebenden Farmer oder den Kapitalisten
 als Wohltäter und Vorgesetzten der Arbeiter ansah.
Dies sind nur einige der eng miteinander verbundenen
Umstände, die dazu dienen, folgenschwere Veränderungen
unter dem ländlichen Proletariat zu bewirken, das in der
Tat sehr oft (wie hier kurz angegeben wurde), eine Zusammensetzung
 aus gewerblichem und ländlichem Proletariat
 ist.
        <pb n="349" />
        759

Das harte Los der Holzarbeiter

In die amtliche Zählung der Landarbeiter sind annähernd
125 000 Bauholzarbeiter, Flößer, Holzfäller und Terpentinarbeiter
 mit eingeschlossen. Wenn bei der vollen Öffentlichkeit
 der städtischen Verhältnisse die Arbeiter brutaler,
unbarmherziger Unterdrückung unterworfen sind, dann
kann man wohl annehmen, daß die Art und Weise der
Unterdrückung in den fern im Urwald liegenden Holzfällerlagern
 sogar noch viel schlimmer ist. In den Terpentinlagern
 des Südens herrschte lange Zeit ein Zustand der
Dienstbarkeit, bei dem die weißen ebenso wie die schwarzen
Arbeiter durch bewaffnete Gewalt wirksam zur Arbeit angehalten
 wurden; und obgleich die Regierung zahlreiche
Fälle verfolgt hat, ist es doch durchaus nicht sicher, daß
diese Art Sklaverei aufgehört hat. Nur wenn irgendein
außergewöhnlicher Streik unter den Holzarbeitern vorkommt,
 erfährt die ganze Welt etwas von den empörenden
Zuständen in diesen Lagern. Die kürzlich in Grabow,
Louisiana und in Hattiesburg, Texas von den Industrial
Workers of the World organisierten Streike haben die
schmachvollen Zustände in den Waldlagern aufgedeckt.
Die Holzquellen der Vereinigten Staaten sind tatsächlich
von dem Bauholztrust monopolisiert, der sich aus einer
Anzahl scheinbar getrennter Gesellschaften zusammensetzt.
[n dem Lager von Grabow hat man die Arbeiter gezwungen,
elf Stunden täglich für einen Lohn von ı Dollar den Tag
zu arbeiten. Aber da dieser Lohn nicht wöchentlich, sondern
 monatlich ausgezahlt wurde, waren sie gewöhnlich,
lange bevor der Monat zu Ende ging, ohne Mittel. Einen
bedeutenden Teil ihrer Löhne erhält die Gesellschaft wieder
zurück, indem sie für elende Hütten, die ihr gehören und
die sie mit dem ehrenvollen Namen „Häuser“ bezeichnet,
die unerhörte Miete von 15 bis 20 Dollar monatlich erhebt.
In diesen ekelerregenden Gebäuden sind die Arbeiter in
primitiven Räumen zusammengedrängt, die keine Spur von
Kanalisierung oder anderen sanitären Einrichtungen aufweisen.
 Die dafür geforderte Miete ist ebenso hoch, ja
        <pb n="350" />
        "60 —

höher, wie die für leidlich gute Häuser in kleineren Städten,
wo der Grundbesitz hohen Wert hat. Ein weiterer großer
Teil der bezahlten Löhne wird den Arbeitern dadurch
wieder abgezwungen, daß sie in der Zeit zwischen den
Zahltagen nichts anderes erhalten als Anweisungen der
Gesellschaft, die nur gegen Waren eingetauscht werden
können. Da die Gesellschaft ihre eignen Lebensmittel- und
Kramläden besitzt, erpreßt sie von ihren Arbeitern einen
übermäßig hohen Preis für Lebensbedürfnisse — 20 bis 50
Prozent mehr, als in andern Detailgeschäften verlangt wird.
Ein solches Ausbeutungssystem bedeutet unvermeidlich
Sklaverei; kaum kommt der Zahltag heran, so wird der
ganze oder beinahe der ganze Lohn für Schulden und Miete
in Abzug gebracht. Als kürzlich A. L. Emerson, der Präsident
 der neuorganisierten Holzarbeiter Amerikas, zu
diesen Holzsklaven in Grabow sprach und in sie drang, sich
zu organisieren, feuerte eine Schar bewaffneter Mordbuben
unter die Menge und tötete drei der Arbeiter. Dann wurde
Emerson mit vielen andern Arbeitern unter dem dreisten
Vorwand, daß er und seine Verbündeten den Mord veranlaßt
 hätten, ohne Annahme einer Bürgschaft ins Gefängnis
 gebracht. Nach dem Verhör wurden sie später freigesprochen.
 Das Wagnis, für eine bessere Lage der Arbeiter
zu agitieren, wird als schweres Verbrechen angesehen; selbst
wenn später Freisprechung erfolgt, ist der Hauptzweck, die
Angeklagten solange wie möglich im Gefängnis zu halten,
um ihre Agitation zu verhindern.
In den übrigen Lagern der Holzindustrie herrschen dieselben
 Zustände — dieselben Hungerlöhne, dieselben Erpressungen,
 dieselben vernichtenden Ausbeutungen. In diesen
Holzlagern haben die Kapitalisten vor langer Zeit angefangen,
 das Hilfsmittel anzuwenden, mit dem man in den
Lagern der Eisenbahnbauarbeiter und in Bergwerken und
Fabriken den Anfang gemacht hat, das Hilfsmittel nämlich,
Männer und Frauen der verschiedensten Rassen und Nationalitäten
 miteinander zu mischen, indem man damit rechnete,
 daß ihre künstlich genährten Vorurteile und Feindschaften
 und die Sprachenverwirrung sie verhindern würden,
 sich zu gemeinschaftlichem Handeln zusammenzu-
        <pb n="351" />
        — 761 —

schließen. Aber schwerer wirtschaftlicher Druck veranlaßt
jetzt die weißen Mitarbeiter, sich ohne Rücksicht auf die
Nationalität zu entschlossenem Widerstande zu verbinden;
und dieselben Ursachen bringen jetzt, wenn auch in langsamerem
 und geringerem Grade, Neger und weiße Arbeiter
zusammen. Diese letzte Tatsache ist bedeutungsvoll; es gibt
8 Millionen Neger in den Vereinigten Staaten; die großen
Kapitalisten machen sich den Vorteil, den sie möglicherweise
noch in anderer Hinsicht aus den Rassenvorurteilen ziehen
können, so scharfsinnig klar, daß sie hier und da Pläne entworfen
 haben, um eine besondere Negerpolizei zu bilden,
 mit dem weiteren Zweck, im Falle eines allgemeinen
Streiks oder einer plötzlich ausbrechenden Revolte uniformierte
 bewaffnete Schwarze gegen die weißen Arbeiter zu
verwenden. Aber dieser Plan wird wahrscheinlich mißlingen;
 der Druck der wirtschaftlichen Verhältnisse führt
jetzt allmählich große Scharen von Arbeitern zusammen;
allerdings nicht zu einer vollständigen menschlichen und
sozialen Verschmelzung, auch nicht so weit, daß alte Vorurteile
 vernichtet werden, aber zu einem direkten und einsichtsvollen
 Verständnis der Tatsache, daß, da alle unter
derselben Ausbeutung leiden, auch .alle gegen die Macht,
die sie unterdrückt. zusammenstehen müssen.

Die Resultate wechselnder Beschäftigungen

Noch ein anderer Umstand hat einen wahrnehmbaren
Finfluß auf große Teile der ländlichen Elemente. Sehr
viele Holzarbeiter sind Ackersleute, die im Winter Holzfällerarbeit
 übernehmen. Wenn sie in die Holzlager verschlagen
 werden, sind sie bitteren Erfahrungen ausgesetzt,
die ihnen um so deutlicher bewußt werden, als sie in den
Lagern mit gewerblichen Arbeitern in Berührung kommen,
von denen sie auf die Ursachen und die Resultate des kapitalistischen
 Systems aufmerksam gemacht werden. Diese
Einflößung von Erfahrungen und Kenntnissen erweitert
ihren Horizont und vernichtet ihre alte Fügsamkeit; sie
fangen an zu verstehen, was das gewerbliche System wirklich
 bedeutet, und mit dem tatkräftigsten Enthusiasmus
        <pb n="352" />
        — 762 —

werden sie häufig Agitatoren und ziehen als feurige Missionare
 aus, um sowohl das gewerbliche wie das ländliche Proletarlat
 geistig aufzuwecken und zu belehren. Diese Verschiebung
 und Vermischung von verschiedenen Arten der Arbeit,
dieses abwechselnde Durcheinander von ländlicher und gewerblicher
 Beschäftigung übt die tiefgehendste, zur Gärung
treibende Wirkung aus, deren vollen Umfang man bis jetzt
noch nicht berechnen kann. Bis vor wenigen Jahren war das
ländliche Proletariat gegenüber den Interessen der Mittelstandsbewegung
 der Farmbesitzer im allgemeinen nachgiebig
 und sich der Tatsache nicht bewußt, daß es zum
Proletariat gehöre. Die großen Veränderungen, die jetzt
stattfinden und das ländliche und gewerbliche Proletariat
verschmelzen, verkünden das Heranstürzen einer tiefreichenden
 sozialen Umwälzung, die wohl geeignet ist, die größte
Beunruhigung unter den herrschenden Klassen hervorzurufen.


Das gebildete Proletariat

Bevor wir zu einer Betrachtung des gewerblichen Proletariats
 schreiten, ist es notwendig, kurz auf ein in nebelhafter
 Bildung begriffenes Proletariat hinzuweisen. Da es
die Kraft geistiger Regsamkeit, ein gewisses Maß von Muße
und die Fähigkeit zum Agitieren besitzt, hat dieses im Entstehen
 begriffene Proletariat seinen unverkennbaren Einfluß,
Dieses besondere, wachsende Proletariat ist das „gebildete“
 oder „geistige‘“ Proletariat. Die letzten zugänglichen
 Listen der Volkszählung berichteten von I 258 538
Personen, darunter 827 941 männliche, die gebildete Berufe
 haben. Aber mit der charakteristischen Undeutlichkeit
 offizieller Berichte machen die Listen keinen Unterschied
zwischen den für Lohn arbeitenden „Intellektuellen“ und
denen, die ihr eignes Geschäft haben. Wir können aber
eine annähernde Schätzung erreichen.
Von den 34760 Schauspielern, berufsmäßigen Schaustellern
 usw. sind beinahe alle Lohnempfänger und sich
vollständig bewußt, daß sie von der Gnade eines habsüchtigen
 und gewöhnlichen Theatertrusts abhängen, der sie
        <pb n="353" />
        — 763 —

nach Belieben auf die schwarze Liste setzen kann. Wieviele
von den 29 524 Architekten, Zeichnern von Entwürfen und
Mustern usw. von Baumeistern beschäftigt werden, kann
man unmöglich sagen. Sehr wahrscheinlich besteht die große
Masse aus Angestellten. Die 111638 Geistlichen bilden
eine Gruppe für sich; nicht viele von ihnen haben reiche
und mächtige Gemeinden, und die große Mehrzahl muß
sorgenvolle Zeiten durchmachen, wenn sie auskommen will,
Von den 43 239 Zivilingenieuren und Landmessern sind
die meisten Angestellte, Die 30 038 Journalisten sind meistens
 Angestellte; im Verhältnis zu der Lebensführung, die
von ihnen verlangt wird, ist ihre Bezahlung gewöhnlich
gering. Ihre Arbeit ist unsicher, und mit zunehmendem
Alter werden sie gewöhnlich als Lohnschreiber auf die Straße
gesetzt. Sobald sie den Forderungen an Jugend, Kraft und
Frische nicht entsprechen, hält man ihre Dienste in der
Regel für überflüssig. Von den 114 460 in den Berichten
erwähnten Advokaten arbeitet eine große Anzahl für andere
Advokaten. Mit der Ausmerzung des Wettbewerbs und
mit dem Erlöschen einer großen Anzahl früherer privater
Geschäftsbetriebe sind die Aussichten für einträgliche juristische
 Praxis, verhältnismäßig wenige juristische Firmen
ausgenommen, geringer geworden. Die 18 844 literarischen
und wissenschaftlichen Personen sind für ihren Unterhalt
meistens von andern abhängig, und von den 92 174 Musikern
und Musiklehrern erhält die große Masse Gehalt oder
Honorar. Dasselbe gilt von den 446 133 Lehrern und Professoren
 in höheren Bildungsanstalten. Die meisten der
132 002 Ärzte und Operateure praktizieren selbständig, aber
die Konkurrenz ist scharf. Schließlich gibt es noch eine
große Anzahl von Männern und Frauen, die untergeordnete
 Stellungen im Staatsdienste einnehmen.
Seit dieser Volkszählung ist die Zahl der für den Beruf
Ausgebildeten ungeheuer gewachsen. Niemals vorher haben
Schulen und Universitäten Männer und Frauen so geschäftig
für die gebildeten Berufe eingepaukt, deren Reihen schon
überfüllt sind. Die meisten dieser Persönlichkeiten haben
keine bestimmten Aussichten außer der unklaren Hoffnung,
daß es ihnen auf irgendeine Art glücken könnte.
        <pb n="354" />
        — 764 —

Diese beruflichen Klassen als ein bestehendes Proletariat
zu bezeichnen, wäre augenscheinlich absurd. Wie arm auch
viele ihrer Mitglieder, wie gering auch Lohn oder Gehalt
sein mögen, so nehmen sie doch als Ganzes eine Überlegenheit
 über die Handarbeiter für sich in Anspruch. Da sie sich
in einer Atmosphäre von Wohlerzogenheit und Achtbarkeit
 bewegen, die oft unecht genug ist, versuchen sie sich mit
einer Miene des Standesbewußtseins und Ansehens zu umkleiden.
 Trotz alledem wirken materielle Kräfte rasch zusammen,
 um diese angenommene Abgeschlossenheit niederzubrechen.
 Wie auch immer die Ansprüche dieser beruflichen
 Gruppen beschaffen sein mögen, es lastet auf ihnen
die schreckliche Gewalt des wirtschaftlichen Druckes. Die
Lebenspreise sind in den letzten zehn Jahren um reichlich
 50 Prozent gestiegen — abgesehen von den Mieten;
und während die geübten und oft auch die ungeübten
Arbeiter mit Hilfe ihrer Organisationen, Streike, Boykotte
und anderer Mittel eine gewisse, wenn auch ungenügende
Zulage erzwungen haben, sind die Löhne und Gehälter
großer freiberuflicher Gruppen unverändert geblieben. Die
dauernd auferlegte Notwendigkeit, in Kleidung und Wohnung
 einen guten äußeren Schein aufrechtzuerhalten,
hat eine quälende Armut zur Folge, die um so schärfer
gefühlt wird, als Klugheit sie zu verbergen zwingt. Diese
Tatsache ist auch für die Hunderte und Tausende von
Kommis, Verkäufern, Verkäuferinnen und andern solchen
mit dem Verkauf von Handelserzeugnissen beschäftigten
Arbeitern zutreffend, wenn auch diese Arbeiter nicht in
die freiberuflichen Gruppen eingereiht sind.
Im allgemeinen sind deshalb die „geistigen Arbeiter“
durchaus nicht mit den bestehenden Verhältnissen zufrieden,
 unter denen die meisten von ihnen infolge der niedrigen
Löhne und Gehälter bei nur geringer Aussicht, vorwärtszukommen,
 leiden. Diese Unzufriedenheit bedeutet aber
noch lange nicht, daß sie sich selbst zum Proletariat rechnen.
Ihre Art der Erziehung, ihre Umgebung, das Fehlen jeder
Berührung mit der Maschinenarbeit und ihre persönliche
Geistesrichtung haben dazu geführt, daß sie für sich eine
besondere Stellung beanspruchen und die Ideen und
        <pb n="355" />
        765 —

Maßnahmen der großen Kapitalisten und der Mittelklassenelemente
 als Grundlagen einer besonderen Gesellschaft betrachten.
 Jedoch die Kraft des wirtschaftlichen Druckes
and die erzieherisch wirkende revolutionäre Agitation, die
von einer schnell anwachsenden Zahl ihrer eignen Gruppen
betrieben wird, sind im Begriff, diese Ideen zu zertrümmern
and ihre Anhänglichkeit zu unterminieren, wenn nicht vollständig
 zu vernichten. Sich innerlich mit dem gewerblichen
Proletariat vollständig auf gleiche Stufe zu stellen ist für
diese geistigen Arbeiter eine schwere Aufgabe; und nicht
viele bewältigen sie, da sie ihr lange eingewurzeltes Standesbewußtsein
 ausreißen und sich von den zarten Einflüssen
einer Umgebung freimachen müssen, von der sie psychologisch
 anders beeinflußt werden als der Werkstätten-, Berg-,
Eisenbahn- oder gewerbliche Arbeiter. Aber die Umwandlung
 macht Fortschritte; ist der geistige Arbeiter
einmal von proletarischem Geiste erfüllt, dann wird er einer
der furchtbarsten Widersacher des herrschenden Systems,
da er seine Gabe zu reden und zu schreiben benutzen
kann, um revolutionäre Ideen zu verbreiten und die Menge
zu beherrschen.

Das gewerbliche Proletariat

Wir kommen jetzt zu einer Betrachtung des gewerblichen
Proletariats und schließen die Arbeiter für Verkehr und
Transport in diese Rubrik mit ein. Die letzten zugänglichen
Listen der Volkszählung — die von 1909 — berichteten
von 6615 046 Lohnempfängern in der Fabrikindustrie.
Diese Zahl schließt die 579 359 Kommis nicht ein, die als
„Gehalts‘“empfänger bezeichnet sind. Von den Lohnempfängern
 sind — oder waren, als die Volkszählung im Jahre
[909 stattfand — 5 163 164 Männer von 16 Jahren und
darüber; ı 290 389 waren Frauen von 16 Jahren und darüber,
 und 161 493 waren Kinder unter 16 Jahren. In der
Maschinenindustrie gibt es noch ungefähr eine Million
mehr Lohnempfänger. Im Verkehr und Transport beläuft
sich die Zahl der Lohnempfänger noch nicht auf 2 Millionen,
aber es gehört noch eine große Anzahl besoldeter Arbeiter
        <pb n="356" />
        66 —

dazu: wie mehr als 100 000 Stenographen und Maschinenschreiber,
 630.000 Schreiber und Kopisten usw. usw. Dazu
kommen weitere 3 Millionen unter der Bezeichnung Arbeiter
und noch viele Millionen mehr in solchen persönlichen und
häuslichen Diensten wie Barbiere, Büfettkellner, Haushälter,
Pförtner, Wäscher und Wäscherinnen, Diener und Kellner,
Wächter usw.
Das ganze vorhandene Proletariat der Vereinigten Staaten
beläuft sich auf ungefähr 22 Millionen. Die Zahl der dauernd
Arbeitslosen läßt sich in dieser Aufzeichnung unmöglich
angeben; sie ist unzweifelhaft groß und nimmt aus den
hier angegebenen Gründen noch zu. Von den 22 Millionen
Lohnempfängernsind reichlich 5 Millionen Frauen. Die Zahl
der arbeitenden Kinder im Alter von 16 Jahren oder darunter
 ist annähernd ı 750 000. Ungefähr ein Viertel der
Lohnempfänger der Vereinigten Staaten, 700 000 Kinder
eingeschlossen, werden in Fabriken beschäftigt.
Bis jetzt ist kein statistisches Zählergebnis zugänglich, das
die ungeheuer großen Veränderungen nachweist, die in den
letzten zehn oder zwölf Jahren durch die Konzentration
gewerblicher Anlagen und die zunehmende Einführung
automatischer Maschinenkraft in der Verdrängung der
Arbeiter und der Überfüllung der Reihen der Arbeitslosen
bewirkt worden sind.
In einer bemerkenswerten Reihe von Artikeln über „Automatischen
 Maschinenbetrieb‘“ veröffentlicht Robert Johnstone
 Wheeler eine Anzahl überraschender Tatsachen in
bezug auf besondere Industriezweige, Bei der Beschreibung
 der Glasfabrikation konstatiert Wheeler, daß es im
Jahre 1905 nur eine automatische Maschine gab; im
Jahre 1910 gab es 65; bei einer Vermehrung im gleichen
Verhältnis werden um 1915 in den Glasfabriken 350 im
Gebrauch sein. Die Glasbläser verminderten sich von 10 086
im Jahre 1905 auf 7 948 im Jahre 1910; wenn das Verhältnis
dieses Rückgangs anhält, wird es im Jahre 1915, abgesehen
von gewissen besonderen und kostbaren Glasartikeln, tatsächlich
 keine Glasbläser mehr geben. Handerzeugnisse
haben von 12 365 000 Gros im Jahre 1905 auf ungefähr
8 650 600 Gros im Jahre 1912 abgenommen, während die
        <pb n="357" />
        767 —

Gesamtsumme der Maschinenerzeugnisse von 34.710 Gros
m Jahre 1905 bis zu 2256e 068 Gros im Jahre 1910 zunahm.
Wheelers allgemeine Schlußfolgerungen werden be-;tätigt,
 wenn man den kürzlich erschienenen Bericht
des U. S. Bureau of ‚Labor (Arbeitsamt der Vereinigten
Staaten) über die „Zustände bei der Frauen- und Kinder-Lohnarbeit‘“
 in den Vereinigten Staaten zu Rate zieht.
Dieser Bericht sagt (Bd. III, S. 37 und 45), daß die ersten
Jieser automatischen Maschinen, die im Jahre 1895 eingeführt
 worden sind, „die Bläser als solche entbehrlich
machten, aber daß noch ein geübter Glasbläser zur Versorgung
 der Maschinen und ein gübter Glasarbeiter zur
Bewegung der Preß- und Blashebel nötig waren. Verbesserungen
 wurden jedoch ersonnen, und im Jahre 1898 erschien
sine vollständig automatische Flaschenblasmaschine. Maschinisten
 wurden verlangt, aber keine Glasarbeiter der alten
Art.! Die folgenden Verbesserungen in dem Betrieb der
Glasfabrikation berührten nicht nur die geübten Leute,
die ungeübten Hilfsarbeiter, die Jungen wurden auch davon
betroffen... Das ganze Verfahren ist vollständig automatisch.
Keine geübten Glasarbeiter werden verwendet, nur Maschinisten
 sind notwendig, . . .‘“ Wheeler schätzt, daß die Zahl
der durch diesen Vorgang aus der Arbeit vertriebenen
Leute von 26 im Jahre 1905 auf ungefähr 3673 im Jahre
L912 gestiegen ist; bei diesem Zunahmeverhältnis werden,
wie man berechnet, um das Jahr 1914. 9654 Glasbläser aus
der Arbeit vertrieben sein.
Bei der Besprechung der Zementindustrie zeigt Wheeler,
 wie die Dampfschaufel und andere solche Einrichtungen
die alte Methode der Handarbeit beim Brechen, Laden,
Pressen, Befeuchten und Verpacken der Materialien schnell
verdrängen. Beim Bau von Kanälen und Eisenbahnen, bei
der Fundamentierung von Gebäuden und bei anderer Arbeit
macht ebenfalls der Gebrauch automatischer Maschinenkraft
alle Handarbeit, mit Ausnahme des äußersten notwendigen
mechanischen Minimums entbehrlich. Von den Fabriken
sprechend, führt Wheeler auch die Zustände in den: ausgedehnten
 Anlagen der Westinghouse Electric Company
in Pittsburg an, wo im Jahre 1907 reichlich 19 000 Mann
        <pb n="358" />
        768

beschäftigt waren. Um das Jahr 1911 war die Arbeiterzahl
auf 10 000 Mann herabgesetzt worden. „Nun beachte man,
was das bedeutet,“ bemerkt Wheeler. „Im Jahre 1911
lieferte jene Industrie mit 10000 Mann einen Ertrag gleich
dem, der durch die Arbeit von 19000 Mann im Jahre
1907 hergestellt wurde. Die Armee der von der Westinghouse
 Company beschäftigten Erfinder tat ihre Arbeit gut.
Verbesserte maschinelle Einrichtungen verminderten
 die notwendige Arbeitskraft um beinahe
50 Prozent in vier Jahren. In jedem Industriezweige
findet derselbe Vorgang der Ausscheidung statt. Wunder
der Mechanik ersetzen Menschenarbeit in solchem Umfange,
 daß die Gesellschaft, in Amerika wenigstens, rasch
einer sozialen Umwälzung entgegengetrieben wird. Geschicklichkeit
 wird wertlos gemacht. Handfertigkeit wird
abgeschafft. Berufszweige werden ausgemerzt... Wir
haben die Zeit erreicht, in der die Maschinenkraft der
Hauptfaktor in der Erzeugung des Reichtums geworden
ist. Von jetzt an werden weniger menschliche Wesen in
der Industrie notwendig sein.“
Jedoch wird nicht nur der geübte Arbeiter verdrängt,
sondern die Verhältnisse treiben alle Arbeit im allgemeinen
auf eine gemeinschaftliche maschinelle Grundlage. „Wie
groß auch das Verhältnis der ungeübten Arbeit zu der gesamten
 Arbeitskraft in der Eisen- und Stahlindustrie sein
mag,“ sagt der kürzlich erschienene Bericht des U. S. Bureau
of Labor über die „Beschäftigungsverhältnisse“ in jener Industrie
 (Bd. ı, S. XVII), „Sachverständige in der Stahlindustrie
 haben die Tatsache bemerkt, daß in den letzten
Jahren das Bestreben beständig dahin geht, die Zahl besonders
 geübter angestellter Leute zu vermindern und die
Löhne im allgemeinen auf der Grundlage der gewöhnlichen
oder ungeübten Arbeit festzusetzen. Auch ist nicht anzunehmen,
 daß dieses Streben abnehmen wird, da jedes Jahr
eine ausgedehntere Anwendung maschineller Hilfsmittel mit
sich bringt, zu deren Bedienung ungeübte Arbeiter allein
leicht erzogen werden können“.
Diese Beispiele machen die Art der fortschreitenden gewerblichen
 Revolution ohnegleichen klar, die unerbittlich
        <pb n="359" />
        — 769 —

eine ungeheure dauernde, zweifellos auf Millionen anwachsende
 Masse von Arbeitslosen schafft. Währenddessen hat
sich die Produktion der Fabrikindustrie in zehn Jahren mehr
als verdoppelt.

Das „Schnelligkeits‘- System

Umfassend in eine genaue Beschreibung der Arbeiterverhältnisse
 einzudringen ist im Rahmen dieses Kapitels
leider nicht zulässig. Jedoch werden einige der bedeutendsten
 Tatsachen zweifellos zweckdienlich sein.
Mit dem einen unbezähmbaren Streben, ihre Produktion
 mit den geringsten Kosten auf eine möglichst große
Höhe zu bringen, haben die amerikanischen Kapitalisten
in ihren Fabriken allgemein das sogenannte Taylor-System
eingeführt oder sind im Begriff, es einzuführen. Dies ist
ein System, bei dem den Arbeitern, durch Aufstellung einer
Normalzeit für rasche Produktion, die Zeit für ein bestimmtes
 Stück Arbeit vorgeschrieben wird. Man kann
eine solche Normalzeit nur erlangen, wenn man die Arbeiter
zu einer so halsbrecherischen Eile antreibt, daß jeder kleinste
Teil ihrer geistigen und körperlichen Kraft in Anspruch
genommen wird.
Es ist ein verderbliches, wahnsinnig machendes System
in: seiner entnervenden Wirkung auf die Arbeiter, da
es ihre Lebenskraft schnell verzehrt und ihre Stärke
erschöpft. Unter ihm wird die Produktion gewaltig vermehrt,
 doch ohne irgendeine entsprechende Entschädigung
 für die Arbeiter, Es ist dies das Auspressungssystem,
das die Kapitalisten mit so viel Anerkennung das „Wirksamkeitssystem“
 nennen — ein in hohem Grade wirksames
System in der Tat, das auf Kosten der Körper von Männern,
Frauen und Kindern ein größeres Ausströmen von Dollars
erpreßt, um die Dividenden für massenhaft ausgegebene,
nur auf „Verwässerung‘“ beruhende Aktien zu bezahlen.
Für die Arbeiter ist es das „Schnelligkeitssystem“ — eine
entsetzliche, kräfteverzehrende Einrichtung, die unerbittlich
 und ohne Unterschied menschliches Leben verschlingt.
 Im wesentlichen ist sie nicht neu, das häß-
        <pb n="360" />
        779 —

liche Schwitzsystem im Bekleidungsgewerbe war ihr
Vorläufer.
Das „Wirksamkeitssystem“ mag verschiedene Formen
haben, in dem Resultat für den Arbeiter aber führen diese
Verschiedenheiten alle zu demselben Ziel.‘

Elender Zustand der Arbeiter

Eine kürzlich angestellte Untersuchung des U. $. Bureau
of Labor deckte die Tatsache auf, daß von den 173 000 in
der Stahl- und Eisenindustrie Beschäftigten 50 000 sieben
Tage in der Woche täglich 12 Stunden arbeiten, und daß
beinahe 43 Prozent sechs Tage in der Woche täglich
12 Stunden arbeiten. Von den 173 000 Arbeitern erhielten
85 815 weniger als 18 Cent für die Stunde, die große Masse
von ihnen erhielt für die Stunde nur 14 oder 16 Cent.
Beinahe 60 Prozent dieser 173 000 Arbeiter sind im Ausland
geboren; beinahe zwei Drittel sind Slawen. In der Automobilindustrie,
 in welcher durchschnittlich 75 000 Arbeiter
beschäftigt sind und in welcher das „,Wirksamkeitssystem““
eingeführt ist, erhalten die geübtesten Maschinisten den
armseligen Lohn von 22 und 25 Cent für die Stunde bei
einem gewöhnlich zehnstündigen Arbeitstag — ein Lohn,
der im Verhältnis zu den ungeheuren Kosten des Unterhalts
so gering ist, daß nur wenige von ihnen irgendwie anständig
davon leben können. In den riesigen Schlachthäusern plackt
sich die große Menge der Arbeiter 10 bis 14 Stunden täglich
 für einen Durchschnittslohn von weniger als 7 Dollar
wöchentlich; die schrecklichen Armenquartiere von Chicago
und andern Städten erzählen anschaulich, wie sie zu leben
gezwungen sind, zusammengepfercht in unbeschreiblichem
Schmutz und Elend. Von der Durchschnittszahl von
90 000 Arbeitern in diesen Niederlassungen ist auch
der größte "Teil im Ausland geboren — und wird ausdrücklich
 als billige und lenksame Arbeitskraft eingeführt
oder gemietet.
In der Textilindustrie, die mit Ausnahme der Eisenproduktion
 und Maschinenbauwerkstätten mehr Arbeiter
als irgendeine andere Fabrikindustrie beschäftigt, sind
        <pb n="361" />
        771

die Verhältnisse nicht besser. Von der Durchschnittszahl
 von 378880 Arbeitern in der Textilindustrie sind
128 000 Mädchen und junge Frauen, und 40000 sind
Kinder. Mehr als ein Drittel dieser Mädchen und jungen
Frauen sind zwischen 16 und 20 Jahre alt, und eine große
Anzahl der Kinder steht unter dem vorschriftsmäßigen
Alter von 16 und 14, in einigen Staaten von 12 Jahren.
Die Gesetze werden vermittelst betrügerischer Bescheinigungen
 umgangen; es wird eine große Zahl von Kindern
beschäftigt, die nicht das vorschriftsmäßige Alter haben;
mehr als die Hälfte der Baumwollspinnereien sind voll von
Kindern in zartem Alter, die für weniger als neun Cent
die Stunde arbeiten. Die Arbeiter in den Baumwollspinnereien
 Neu-Englands bilden eine bunte Ansammlung von
französischen Kanadiern und beinahe jeder Art. von europäischen
 Einwanderern, unter denen die Polen und Italiener
 vorherrschen; in den südlichen Baumwollspinnereien
wird die Arbeit beinahe vollständig von Eingeborenen,
Weißen und Negern geleistet.
In 44 Baumwollspinnereien Neu-Englands beläuft sich
nach einem umfassenden Bericht des U. S. Bureau of Labor
über „Frauen- und Kinderlohnarbeit in der Baumwolltextil-Industrie‘“
 der durchschnittliche Wochenlohn der
großen Masse der männlichen Arbeiter auf 5 bis 6 Dollar.
Die am besten bezahlte Stufe aller Textilarbeiter — die
Weber — erhalten nicht mehr als einen Durchschnittslohn
von 8,78 Dollar wöchentlich. Die Bezahlung der großen
Masse der Frauenarbeit schwankt zwischen 4,85 Dollar bis
zu weniger als 6 Dollar; für die höchste Stufe der weiblichen
Arbeiter, die Weberinnen, beläuft sich der Lohn auf weniger
als 8 Dollar wöchentlich.

Das Geldstraten- und Schuldsystem

Aber selbst diese armseligen Löhne, die man gewöhnlich
„Hungerlöhne“ nennt, werden selten ausgezahlt; durch ein
klug ersonnenes, strenges System von Geldstrafen wird den
Arbeitern oft ein Viertel entzogen. Geldstrafen werden
nicht nur für „unvollkommene: Arbeit“ und Verspätung
        <pb n="362" />
        772 —

auferlegt, sondern für vielerlei höchst unbedeutende Verstöße,
 wie z. B. für Fortgehen ohne Meldung, für „Mißverhalten“,
 indem man dem Aufseher widerspricht, für
das Öffnen eines Fensters ohne Erlaubnis, für zu langes
Verweilen, wenn man den Wirkungen der Natur Folge
leistet, und für ein Dutzend anderer solcher schwerer Verbrechen,
 und alle werden mit eiserner Disziplin und mitleidloser
 Tyrannei eingetrieben. Der Arbeiter kann kaum
eine nichtproduktive Bewegung machen, ohne streng dafür
bestraft zu werden.
Das Wenige, was von dem Lohn der Arbeiter übrigbleibt,
wird dann in vielen Fällen noch durch die Schulden verkürzt,
 die er bei der besonderen Gesellschaft, für die er
arbeitet, hat. Viele von den Textilgesellschaften in den
Dörfern und kleinen Städten besitzen ihre eignen Blocks
von Miethäusern, welche sie ihren Arbeitern zu übertrieben
hohem Zins vermieten, und führen ihre eignen Gesellschaftswarenhäuser,
 in denen sie Lebensmittel und Waren
zu übermäßigen Preisen an die Arbeiter verkaufen. Sollten
irgendwelche Arbeiter sich weigern, diese zu unterstützen,
so würden sie sofort ohne Arbeit sein, und sollten sie wagen,
zu streiken, so würden sie erbarmungslos vertrieben und
dem Hunger preisgegeben werden.

Die Wollindustrien

Dieselben Verhältnisse gelten für die Woll- und Kammgarnspinnereien,
 die von dem Wolltrust beherrscht werden.
Diese Spinnereien beschäftigen durchschnittlich 168 000
Arbeiter. Der soeben ausgegebene Bericht des U. S. Bureau
of Labor über den „Streik der Textilarbeiter in Lawrence,
Mass.‘ im Jahre 1912 gibt eine lebhafte Beschreibung der
entsetzlichen Bedingungen, unter denen diese Leute
arbeiten müssen. Die Zustände in den Spinnereien in
Lawrence sind typisch für die Wollspinnereien und
andere Textilfabriken in andern Teilen der Vereinigten
Staaten.
Von den 23 000 Arbeitern in den Woll- und Kammgarnund
 den Baumwollspinnereien in Lawrence sind beinahe
        <pb n="363" />
        m GT73 —

alle Einwanderer — Franzosen, Belgier, Litauer, Polen,
Italiener, Portugiesen und andere Nationalitäten. Wenn
sie auch an eine billige Lebenshaltung gewöhnt waren, so
war doch der bezahlte Lohn so gering, daß selbst die kräftigen
 Leute nicht genug von der gewöhnlichsten Nahrung
zu essen bekommen konnten. Ein Drittel der gesamten
Arbeitskräfte erhielt wöchentlich weniger als 7 Dollar, und
eine große Zahl 6 Dollar oder weniger. Um diesen elenden
Lohn zu erhalten mußten sie sich den beschwerlichen und
erschöpfenden Erpressungen des „Schnelligkeitssystems““
anterwerfen.
„Die Einkommensziffern zeigen klar,“ erklärt der Bericht
 überflüssigerweise, „daß die Einkünfte einer großen
Zahl der erwachsenen Angestellten, die die volle Zeit
arbeiten, für den Unterhalt einer Familie vollständig
unzureichend sind.“ Der Bericht fährt dann fort, zu erzählen,
 wie die „Mahlzeiten“ vieler dieser Arbeiter aus
einer Tasse Kaffee beständen, oder aus einem Teller Suppe
von rechter Armseligkeit und aus einem Stück trocknen
Brotes; wieviele Mütter mit ihrer Brut junger Kinder, um
einigermaßen auszukommen, gezwungen seien, in ihre schon
äberfüllten Wohnräume noch Mieter aufzunehmen; und
wie andere Mütter und Scharen von Kindern im zartesten
Alter aus denselben drastischen Gründen gezwungen seien,
in die Spinnereien zu gehen. Von dem übrigen Los der
Arbeiter wird noch weiteres in dem Bericht erzählt: wie
zie in dünnen hölzernen Behausungen gegen enorm hohe
Mieten zusammengedrängt sind, wie sie beständig Schulden
haben, da sie gezwungen sind, ihre Waren nach dem Borgund
 Trucksystem zu kaufen, und wie sie die Kohlen, da sie
in kleinen Mengen kaufen, mit 8 bis 13 Dollar die Tonne
bezahlen, d. h. mit einem Zuschlag von 40 bis 80 Prozent
 zu dem Preis der Kohlen, wenn man sie tonnenweise
 kauft.
Von gewissen ekelhaften und empörenden Verhältnissen,
 die das „Heim“ und Fabrikleben der Arbeiter mit
sich bringen, können wir hier keine Details geben. Aber
‘Ironie über Ironie!) die Männer, Frauen und Kinder, die
anendliche Mengen von Wollstoff produzieren, haben nicht
        <pb n="364" />
        — 774 —

einmal angemessene Unterkleidung und können sich keine
Mäntel leisten, um sich in der strengen Winterkälte Neu-Englands
 zu schützen.
Dies waren die wohlbekannten Verhältnisse, als am Anfang
 des Jahres 1912 der Wolltrust die Löhne der Arbeiter
um 50 Cent wöchentlich herabsetzte. Unter Verhältnissen,
in denen jeder Bruchteil eines Cents mitzählt, war dieser
Ausfall einem Todesurteil gleichbedeutend. Dann folgte
jener denkwürdige „Hungerstreik“, der für kommende revo-Ilutionäre
 Ereignisse so prophetisch war. Nicht weniger
bedeutungsvoll war die Tatsache, daß sich alle Nationalitäten
 dabei einmütig zusammenschlossen und daß er von
einer revolutionären Körperschaft organisiert wurde, den
Industrial Workers of the World. „Sie haben,“ so lautet
die öffentliche Erklärung des Komitees der Streikenden in
dem Teil, der sich auf die kapitalistischen Vorgesetzten bezieht,
 „unsere Frauen aus ihrer Häuslichkeit gerissen, unsere
Kinder sind von den Spielplätzen vertrieben, aus den Schulen
gestohlen, in die Spinnereien getrieben und an die Maschinen
 festgeschnallt worden, nicht nur um die Väter zu
zwingen, mit ihnen um die Wette zu arbeiten, sondern
damit ihre jungen Körper zum Besten einer Schmarotzerklasse
 in Dollars verwandelt würden, damit sogar ihre
Nerven, ihr Lachen und die ihnen versagten Freuden zu
Wolle verwebt würden.“
Bewaffnete Soldaten wurden in Massen in die Stadt geschickt,
 um die Streikenden einzuschüchtern, und auf Grund
einer zurechtgemachten Anklage, daß sie zum Morde angestiftet
 hätten, wurden Ettor, Giovannetti und Caruso,
die Führer des Streiks, in das Gefängnis geworfen und neun
Monate gefangengehalten, worauf man sie freisprach. Der
Streik wurde schließlich gewonnen, aber wenn auch eine
Lohnerhöhung erreicht wurde, bestehen doch im Grunde
die gleichen Verhältnisse weiter fort.
In den Wirkwarenfabriken in Little Falls, New York, in
denen der Durckhschnittslohn weniger als 7 Dollar wöchentlich
 betrug und Frauen und Mädchen 65 Stunden wöchentlich
 für 3 bis 4 Dollar die Woche arbeiteten, wurde ein
ebensolcher Hungerstreik von den Fabrikanten auf das
        <pb n="365" />
        heftigste bekämpft. Die erlangten 7 Prozent Lohnerhöhung
werden bald durch die beständig wachsenden Kosten des
Lebensunterhaltes aufgezehrt sein.

Die Löhne der Kleidermacher und anderer Arbeiter

Die Herstellung von Bekleidungsgegenständen ist einer
der größten Industriezweige der Vereinigten Staaten. Er
beschäftigt Männer und Frauen in gleicher Zahl; die Zahl
der gesamten Arbeitskräfte beläuft sich mit Einschluß der
Kinder auf durchschnittlich 240 000. Ein umfangreicher
Bericht, der von dem U. S. Bureau of Labor ausgegeben
wurde, stellt folgende Tatsachen fest: Der Werkstättenlohn
für Männer beträgt durchschnittlich weniger als 10 Dollar
wöchentlich und der der Frauen ungefähr 7 Dollar, voraus
 gesetzt, daß sie die volle Zeit arbeiten. Diejenigen, die
unter dem abscheulichen Zwischenmeistersystem arbeiten,
erhalten verhältnismäßig weniger. Achtzig Prozent der
Werkstättenarbeiter in Chicago, 90,7 Prozent derjenigen
in New York, 91,4 Prozent derjenigen in Philadelphia und
98,3 Prozent derjenigen in Baltimore werden mit weniger
als 10 Dollar wöchentlich bezahlt. Weniger als 5 Prozent
aller Arbeiter erhalten 12 Dollar oder mehr wöchentlich.
Diese Zahlen beziehen sich natürlich nicht auf die Kinderarbeit.

Wie leben diese Arbeiter? „Gewisse Krankheiten,“ sagt
der Bericht, „sind in den Armenquartieren aller großen
Städte beständig epidemisch, und gerade in diesen Quar-+jeren
 lebt die Mehrzahl der Konfektionsarbeiter.‘“ Aber
damit ist nicht alles gesagt. Unterernährt, schlecht gexleidet,
 der Tuberkulose und andern Krankheiten preisgegeben,
 werden große Mengen dieser Arbeiter durch den
Druck der Verhältnisse gezwungen, in ihre dunklen, ungenügend
 ventilierten Wohnräume Mieter aufzunehmen, so
daß manchmal fünf und nicht selten sechs und acht Personen
 in einem Raum zum Schlafen zusammengedrängt

Die Glasfabriken sind eine weitere typische Industrie.
Sie beschäftigen 70 000 Lohnarbeiter, von denen die meisten

werden.
        <pb n="366" />
        Polen, Slawen, Italiener, Litauer und verschiedene andere
Einwanderer sind. In diesen Fabriken erhalten 78,6 Prozent
 der Männer weniger als 8 Dollar wöchentlich und
95 Prozent weniger als 10 Dollar wöchentlich. Von den weiblichen
 Arbeitern werden 88,6 Prozent mit weniger als
8 Dollar die Woche bezahlt und 91,1 Prozent mit weniger
als 10 Dollar wöchentlich. 88 Prozent der Knaben und
100 Prozent der Mädchen unter 14 Jahren erhalten weniger
als 6 Dollar wöchentlich. Von diesem dürftigen Lohn muß
eine Arbeiterfamilie in dem Bezirk von Pittsburg 124 Dollar
jährlich für verpestete Räume in häßlichen kleinen
Wohnhäusern zahlen; auch hier erpressen die Gesellschaftswarenhäuser
 aus dem Verkauf von Lebensmitteln
und Waren an die Arbeiter jährliche Dividenden von
10 Prozent.
Dies sind die in der ganzen Fabrikindustrie herrschenden
charakteristischen Zustände. In vielen Fabriken hat der
Wettbewerb der Frauen die Löhne der Männer so tief
herabgedrückt, daß ein Unterschied zwischen beiden kaum
noch bemerkbar ist. Die Schrecken der Bedingungen, unter
denen die Frauen arbeiten müssen, wurden durch den
Staatssenator Robert F. Wagner, den Vorsitzenden der
New York States Factory Investigating Commission (Untersuchungskommission
 für die Fabriken im Staat New York)
kürzlich wieder der öffentlichen Beachtung sehr eindringlich
 vorgeführt. Er erklärte, daß der Durchschnittslohn
der 293 637 Frauen, die in den Fabrikanlagen im Staat
New York beschäftigt werden, wöchentlich 6,54 Dollar betrage.
 In den Kragen- und Hemdenfabriken müssen erwachsene
 Frauen von einem Lohne leben, der häufig
weniger als 4,50 Dollar wöchentlich beträgt, und in den
Zuckerwarenfabriken von New York, Massachusetts und
anderen, in denen drei Viertel der Arbeiter junge Frauen,
meistens Italienerinnen, sind, erhalten beinahe die Hälfte
dieser über 18 Jahre alten Arbeiterinnen durchschnittlich
weniger als 5 Dollar wöchentlich — wenn sie die volle
Zeit arbeiten.
        <pb n="367" />
        777

Die Schrecken des Gewerbesystems

Wenn wir in Betracht ziehen, was die Familie eines
Durchschnittsarbeiters ausgeben muß, um unter Verhältnissen
 zu leben, die mit der kümmerlichsten ökonomischen
Leistungsfähigkeit vereinbar sind, so werden uns die demoralisierenden
 Wirkungen langer Arbeitsstunden und niedriger
 Löhne sofort klar. Die Schätzung dieser jährlichen
Kosten schwankt bei einer Familie von fünf Mitgliedern
zwischen 715 und 1000 Dollar. In der Stadt New York
nimmt man 850 Dollar als das niedrigste Budget jährlicher
 Kosten an, mit dem eine solche Familie eben noch
leben kann, und selbst dabei nur mit sehr geringer Sicherheit.
 In anderen größeren und kleineren Städten sind die
Kosten für den Lebensunterhalt etwas, aber nicht viel
geringer.
Diese vorsichtigen Schätzungen beziehen sich nur auf
die allernotwendigsten Bedürfnisse, wie Miete, Brennmaterial,
 Nahrung, Kleidung und manchen anderen Bedarf,
die alle notwendigerweise nur mit strengster Sparsamkeit
befriedigt werden können. Es erübrigt, zu sagen, daß
die Lebensführung der Arbeiter von der billigsten Art ist.
Große Scharen sind gezwungen, in schmutzigen, abstoßenden
 Mietshäusern oder in dumpfen, wenig anziehenden
kleinen Häusern zu leben; sie müssen sich mit verdünnter
Milch, mit minderwertiger verfälschter Nahrung und mit
wertloser Kleidung zufriedengeben; ihre sogenannten „,Vergnügungen‘“
 können in einen winzigen Umfang zusammengedrängt
 werden und sind von der armseligen Art, die die
Überlegung der Ausgabe jedes Cents bedingt. Obgleich
selbst unter diesen schrecklichen Umständen die den notwendigsten
 Bedürfnissen genügenden normalen jährlichen
Ausgaben einer normalen Arbeiterfamilie sich auf 715 bis
850 Dollar oder mehr belaufen, berechnet das U. S. Bureau
of Labor, daß die Geldmittel von 41,52 Prozent der normalen
 Arbeiterfamilien weniger als 600 Dollar jährlich
betragen und die Geldmittel von 21 Prozent noch unter
500 Dollar jährlich sinken.
        <pb n="368" />
        Einer der Gründe, den die Chicagoer Vice Commission
dafür angibt, daß in den Vereinigten Staaten jährlich
40 000 Mädchen Prostituierte werden, ist „der wirtschaftliche
 Druck des Fabriklebens auf ungeübte Arbeiterinnen,
mit dem abschwächenden Einfluß auf die Willenskraft“.
Für ihre geringen Löhne müssen sich die Arbeiter unter
den schwierigsten und anstrengendsten Arbeitsbedingungen
plagen, und diese Verhältnisse haben besonders grausame
physiologische Wirkungen auf die Frauen. In den Fabriken
sind die Arbeiter jedes Alters und Geschlechts unaufhörlich
Unglück und Tod ausgesetzt, nicht nur durch die Gifte,
die ‘in vielen Industriezweigen erzeugt werden, sondern
durch die sogenannten „gewerblichen Unfälle‘ in allen
Industriezweigen. In dem Bulletin Nr. 78 des U. S. Bureau
of Labor 1908 wird berechnet, daß zwischen 30000 und
35 000 erwachsene Lohnarbeiter in jedem Jahre getötet
und z Millionen erwachsene Lohnarbeiter jährlich verletzt
werden; der Bericht sagt ausdrücklich, daß die Liste der
getöteten und arbeitsunfähig gemachten weiblichen und
kindlichen Arbeiter in diese Berechnung nicht miteingezogen
sei. Es wird in dem Bulletin erklärt, daß es möglich gewesen
wäre, wenigstens die Hälfte dieser Leben durch Sicherheitsvorrichtungen
 und eine verständige Art der Fabrikinspektion
 und Überwachung zu retten. Und innerhalb und
außerhalb der Fabriken müssen alle Arbeiter beständig
Krankheiten, Verarmung und Elend Trotz bieten. Die
statistischen Berichte der Irrenanstalten zeigen, daß ‚eine
ungeheure Zahl von Fällen auf Entbehrung, Qualen und
Überarbeitung zurückzuführen sind. Elend, Krankheit,
Unterernährung und minderwertige oder verfälschte Nahrung
 raffen jährlich Hunderte und Tausende von Arbeitern
und Mitgliedern ihrer Familien dahin und treiben sie vorzeitig
 in das Grab. Dreihunderttausend Kinder sterben in
jedem Jahre in den Vereinigten Staaten, bevor sie ihr erstes
Lebensjahr erreicht haben; die Sterblichkeitsziffer ist in den
Armenvierteln ungefähr doppelt so hoch wie in den besseren
Stadtteilen.
        <pb n="369" />
        — 7719 —

Zustände in den Berewerksgebieten

Die Menge des gewerblichen Proletariats wird noch durch
ungefähr eine Million Grubenarbeiter vermehrt, von denen
722 335 in den Kohlengruben, die übrigen. in Kupfer-,
Gold-, Silber- und andern Bergwerken beschäftigt sind.
Von den 722 335 Kohlenarbeitern sind 172 585 in den
Anthrazitgruben von Pennsylvania beschäftigt und 549 750
in den Steinkohlen- und Braunkohlengruben der Vereinigten
 Staaten,
Auch in diesem Industriezweige gibt es unter den Arbeitern
 dieselbe vielsprachige Zusammenwürfelung verschiedener
 Nationalitäten, die in andern Industriezweigen so
bemerkenswert ist. Auch hier ist eine besondere Form des
„Wirksamkeitssystems‘“ in Kraft, nach welchem die Grubenarbeiter
 nach der Tonne bezahlt werden. Nominell werden
 ihnen höhere Löhne als in vielen andern Industriezweigen
 gezahlt; tatsächlich aber werden sie gezwungen, ihre
Werkzeuge, ihr Sprengpulver und andere Utensilien selbst
zu bezahlen; sogar die Kosten der Sicherheitslampe werden
ihnen auferlegt. Sie werden beim Abwiegen der Kohlen
in hohem Maße betrogen; die richtige kurze Tonne wiegt
2000 Pfund, aber die Tonne als Grubenertrag wird zu
2400 Pfund oder mehr gerechnet, und der Arbeiter wird
um die Differenz betrogen. Millionen Dollar an Lohn
werden so den Grubenarbeitern frech geraubt. Selbst bei
diesen offenkundigen Erpressungen und Betrügereien könnte
der Grubenarbeiter vielleicht in gewissem Grade anständig
leben, wenn er das ganze Arbeitsjahr hindurch arbeiten
könnte. Aber der kürzlich erschienene Bericht des geologischen
 Büros der Vereinigten Staaten zeigt, daß die
Jurchschnittliche jährliche Arbeitszeit der Anthrazitgrubenleute
 246 Tage beträgt und die der anderen Steinkohlengräber
 211 Tage.
Beinahe 138 000 Bergleute arbeiten in Gruben, die
zehn Stunden im Betrieb sind. Der durchschnittliche
jährliche Gesamtlohn für eine sehr große Zahl der Grubenarbeiter
 übersteigt bei reichlichster Schätzung nicht 400
        <pb n="370" />
        — 780 —

bis 525 Dollar; in vielen Fällen belaufen sich die jährlichen
Löhne nur auf ungefähr 360 Dollar.
Einen großen Teil dieser Löhne behalten viele der
Kohlengesellschaften in der Form von Mieten und Unkosten.
 Dem Anscheine nach besondere Körperschaften,
tatsächlich aber dieselben Gesellschaften, bilden einen mächtigen
 Kohlentrust. Durch ein System von Gesellschaftswarenhäusern,
 die viele von ihnen betreiben, erpressen sie
Wucherpreise (die oft doppelt so hoch sind, wie die von
unabhängigen Detailhändlern verlangten), indem sie Waren
und Lebensmittel an die Grubenarbeiter verkaufen. Gleichzeitig
 besitzen und verwalten die Kohlengesellschaften Gesellschaftsmiethäuser,
 für welche übertrieben hohe Mieten
gefordert werden. Hier und da besitzt ein Bergarbeiter
vielleicht ein eignes Haus, aber die meisten der Bergleute
leben in den elenden Gesellschaftshäusern. Viele der Mietverträge,
 die die Grubenarbeiter zu unterzeichnen gezwungen
 werden, enthalten eine Klausel, die eine Kündigung
 festsetzt für den Fall, daß der Angestellte die Arbeit
verlassen oder entlassen werden sollte. Der Bericht des
U. S. Bureau of Labor über den „Bergarbeiterstreik in dem
Steinkohlengebiet in Westmoreland County, Pennsylvania,
1910/11“ berichtet (S. 57), daß tausend Familien auf diese
Art unbarmherzig hinausgesetzt wurden und daß unter
den Vertriebenen mehrere Frauen in anderen Umständen
waren. Diese Familien wurden gezwungen, in Zelten zu
leben, die von der Gewerkschaft der Bergleute besorgt
wurden. „Die meisten der Zelte,‘ heißt es in dem Bericht,
„hatten nur je einen Raum und gestatteten den Frauen
und Kindern kein Alleinsein ... Beinahe hundert Kinder
wurden in diesen Lagern von Zelten und Blockhütten
während der 14 oder ı5 Monate, in denen sie bewohnt
wurden, geboren, und die Sorge für die Mütter war notwendigerweise
 ganz unangemessen . . .““
Dieselben wohlbeglaubigten Grausamkeiten kamen während
 des noch kürzere Zeit zurückliegenden Streiks von
fünftausend Grubenarbeitern in dem Kanawha- Tal in West-Virginia
 vor. Bewaffnete Raufbolde trieben Männer, Frauen
und Kinder unterschiedslos in brutaler Weise aus den
        <pb n="371" />
        81 —

Wohnungen heraus; da gab es einen besonders abscheulichen
Fall, den des Bergmanns Isaiah Smith, der mit seiner Frau
und einem drei Wochen alten Kinde gezwungen wurde,
einen Tag und eine Nacht auf der Landstraße zu liegen,
bis die Bergleute Mutter und Kind in Sicherheit bringen
konnten. Während dieses Streiks wurden Hunderte von
Männern, Frauen und Kindern — von denen viele noch
ganz klein waren — vertrieben und gezwungen, in Zelten
zu leben, die vom Verband besorgt wurden; und dort
in diesen schneebedeckten, hin und her schwankenden
Wohnstätten mußten sie die bittere Kälte des Gebirges
und andere schreckliche Leiden erdulden. Während dieses
Streiks geschah es, daß das Militär unter Verkündung der
Kriegsrechtes auch die Frauen aus der Häuslichkeit der
Streikenden vor ein plötzlich zusammenberufenes Kriegsgericht
 zerrte — eine Tat, die selbst in einem Lande, in
dem terroristische Greuel der kapitalistischen Klasse bis an
die äußerste Grenze der Grausamkeit getrieben worden sind,
nicht ihresgleichen hat.

Das Hinostern der Kohlengräber

Aber das halbe Verhungern, der Raub und die Unmenschlichkeit
 sind nicht die einzigen Leiden, denen das Bergarbeiterproletariat
 ausgesetzt ist. Die Wahrscheinlichkeit
irgendeines durch den Mangel an Sicherheitsvorrichtungen
veranlaßten schrecklichen Unglücksfalls in den Gruben ist
immer vorhanden. Nach der Ausgabe des U. S. Government
Statistical Abstract (Statistische Übersicht der Regierung
der Vereinigten Staaten) vom Jahre 1912, das sich auf die
Berichte der geologischen Übersicht und des Bergwerksbüros
 gründet, wurden von 1897 bis 1910 inkl. 25 223
Bergleute in den Gruben durch „Unglücksfälle‘“ getötet,
und in denselben Jahren wurde eine große Anzahl verletzt.
Dem Wesen nach war jeder dieser Todesfälle ein Mord;
sie hätten durch angemessene Einführung von Sicherheitsvorrichtungen
 vermieden werden können. Wenn die Witwen
 oder andere Überlebende der Erschlagenen sich auch
nur eine geringe Entschädigung für den Verlust ihrer Er-
        <pb n="372" />
        782 —

nährer zu sichern suchten, wurden sie von den Gerichtshöfen
 hartherzig abgewiesen. Mit Richtern besetzt, die
entweder kapitalistische Rechtsanwälte oder ehemalige Gesellschafts-Rechtsanwälte
 sind, haben diese Gerichtshöfe
Interpretationen angewandt wie die Lehren von der „„wissentlichen
 Gefahrenübernahme*‘‘, von der „Mitarbeiter“-gefahr
 und von der „die Verletzung verschuldenden Fahrlässigkeit‘“.
 Nach diesen Lehren wird angenommen, daß
der Arbeiter, indem er in das Dienstverhältnis eingetreten
ist, das ganze Risiko auf sich genommen hat und alle Verantwortung
 trägt. Wenn ein Arbeiter durch fehlerhafte Maschinenanlagen,
 die er auf Befehl des Fabrikdirektors oder
Werkführers benutzt hat, zum Krüppel gemacht oder auf
andere Weise verletzt wird, so kann er keine Entschädigung
erlangen, denn die Gerichtshöfe haben sich nach der „Mitarbeiter‘“-Lehre
 dahin entschieden, daß der Direktor oder
der Werkführer ein Mitangestellter ist und daß deshalb
auf den Fabrikherrn keine Verantwortung fällt.
In bezug auf gewissenlose Ausbeutung sind die Verhältnisse
 in den andern Bergwerksanlagen dieselben. Dieselbe
gewaltsame Anwerbung billiger Einwandererarbeit, dieselben
 Betrügereien und Räubereien, dasselbe Erpressungssystem
 mit Gesellschaftswohnhäusern und Warenhäusern,
dieselben brutalen Wohnungskündigungen, dasselbe häufige
Vorkommen schrecklicher Unglücksfälle.

Verkehrs- und andere Arbeiter

Es gibt indes noch eine andere große Abteilung des amerikanischen
 Proletariats, auf die wenigstens kurz hingewiesen
werden muß. Dies sind die Lohnarbeiter — zwischen
4 und 5 Millionen — in Verkehr und Transport. Von
diesen sind nach dem Zählergebnis von 1900 630 127
Schreiber und Kopisten, 254 880 Buchhalter und Rechnungsführer,
 241 162 Agenten, 611 139 Verkäufer und Verkäuferinnen,
 112 364 Stenographen und Maschinenschreiber,
 92 919 Handelsreisende, 78 406 Bootsleute und Matrosen,
 538 933 Fuhrmänner, Rollkutscher usw., und Leute
in andern Beschäftigungen in verschiedener Zahl. Das
        <pb n="373" />
        — 785
volle Ergebnis der Zählung von 1910 ist noch nicht
zugänglich.
Obgleich eine große Anzahl von Schreibern, Buchhaltern,
Verkäufern und Verkäuferinnen für die spärlichsten und
unangemessensten Löhne arbeiten: — oft für weniger als
5 Dollar und selten für mehr als 10 Dollar wöchentlich —,
so können sie als Ganzes doch nur als ein potentielles Proletariat
 bezeichnet werden. Da sie noch beinahe vollständig
unorganisiert und ungeschützt sind, sind sie als Ganzes noch
lange nicht an dem Punkte angelangt, wo sie sich der
Tatsache bewußt sind, daß sie einen Teil der Arbeiterklasse
 bilden. Gegenwärtig sind die meisten von ihnen
noch innerlich von den organisierten Arbeitern abgesondert
 und halten sich vielleicht wegen ihrer andern Umgebung
 für etwas Besseres als die gewerbliche arbeitende
Masse.
Die Fuhrmänner, Rollkutscher, Chauffeure, Bootsleute
und Matrosen sind sich ihres Proletariercharakters durchaus
bewußt; das trifft selbst für die Matrosen der Kriegsschiffe
der Vereinigten Staaten zu. Eine der größten Abteilungen
der Lohnempfänger in der Gruppe Verkehr sind die Eisenbahnarbeiter.
 Das Bulletin der Unfälle Nr. 44 der Interstate
 Commerce Commission (Kommission für den Handel
zwischen den Staaten) von 1912 berichtet, daß am 30. Juni
1912 I 729 144 Arbeiter auf den Dampfbahnen beschäftigt
waren. Diese Statistik schließt nicht die ungefähr 150 000
bis 200000 Arbeiter auf den Straßenbahnlinien in den
Städten und zwischen den Städten ein.
Selbst die bestbezahlten Eisenbahnarbeiter — die Maschinisten
 — erhalten selten mehr als 1200 bis 1500 Dollar
jährlich an Lohn. Die großen Massen der Eisenbahnarbeiter
 erhalten 800 Dollar oder weniger jährlichen Lohn
für lange, starke Anforderungen stellende Arbeitsstunden.
Diese Löhne sind allerdings viel höher als die in den meisten
Fabrikzweigen gezahlten, aber sie sind noch immer höchst
ungenügend. Der U. S. Government Statistical Abstract
(Statistische Übersicht der Regierung der Vereinigten
Staaten) für 1912 zeigt (S. 559), daß die durchschnittlichen
‘ährlichen Unterhaltungskosten einer Arbeiterfamilie von
        <pb n="374" />
        318 Dollar im Jahre 1890 auf 374,75 Dollar im Jahre 1907
gestiegen sind. Seit 1907 sind sie beständig weiter gestiegen.
Die Miete beansprucht dazu wenigstens ein Viertel von
dem Lohne des Arbeiters. Man kann daraus entnehmen,
in welche verzweifelte Notlage selbst die „höher bezahlten“
Arbeiter nur durch die Unterhaltskosten getrieben werden.
 Die Art des Eisenbahnbetriebs verlangt unbedingt
eine englisch sprechende, intelligente Klasse von Angestellten;
 die Eisenbahnkapitalisten können, soweit der Betrieb
 der Eisenbahnen in Betracht kommt, nicht von Einwandererarbeit
 abhängen. Der amerikanische Arbeiter verlangt
 bessere Lebensbedingungen, und es gibt beständige
Konflikte zur Erlangung steigender Löhne, um die steigenden
 Kosten des Unterhalts zu befriedigen.

Menschenverwüstung im Eisenbahndienst

Für ihre jämmerlich unangemessenen Löhne müssen sich
527463 von den I 201 681 Dampfbahnarbeitern täglich der
Gefahr aussetzen, verstümmelt, verkrüppelt oder getötet
zu werden. Dasselbe trifft bei 41 299 der 50 473 Arbeiter
an den elektrischen Bahnen zu. Eine Tabellarisierung in
dem neunzehnten Jahresbericht der Znterstate Commerce
Commission (S. 109) zeigt, daß von 1888 bis 1907 im ganzen
53 046 Eisenbahnangestellte getötet und mehr als 800 000
bei der Arbeit verstümmelt oder verkrüppelt worden sind.
Seit 1907 ist diese Verwüstung in ebenso großem Umfange
weitergegangen. Von 1907 bis zum 30. Juni 1912 sind
weitere 15177 Dampfbahnangestellte getötet und 321007
im Dienste verletzt worden. Diese Berichte schließen die
Unfälle auf den Linien der Kopfstation- und Rangiergesellschaften
 nicht mit ein. Auch umfassen sie nicht die
Gesamtsumme der Todesfälle; das Bulletin der Unfälle
Nr. 44 meldet gefühllos, daß nur diejenigen, die sofort
oder innerhalb von 24 Stunden nach dem Unfall
sterben, in den Listen der Getöteten aufgeführt
werden. Die gewöhnlichen Ursachen dieses ungeheuren
Blutbades sind klar genug; es liegt auf der Hand, daß die
Unfälle durch veraltete und billige Einrichtungen hervor-
        <pb n="375" />
        „785

gebracht werden, durch den Mangel an geeigneten Sicherheitsvorrichtungen,
 durch Mängel im Betriebsmaterial, im
Fahrdamm, in den Schienen und andere solche Ursachen.
Die Inspektoren der Interstate Commerce Commission prüften
kürzlich 74 000 Lokomotiven; mehr als 48 000 erwiesen sich
dabei als fehlerbehaftet. Die Zahl der Zusammenstöße, die
der „Nachlässigkeit“ von Zugführern, Signalwächtern usw.
zugeschrieben wird, ist nicht groß; nicht selten finden diese
Zusammenstöße statt, wenn die Eisenbahnbeamten durch
lange Arbeitsstunden und Mangel an Schlaf erschöpft sind.
Die Eisenbahngesellschaften der Vereinigten Staaten verteilen
 ungefähr 250 Millionen Dollar jährlich an Dividenden
auf Aktien, deren größerer Teil nur auf „Verwässerung“
beruht und 280 Millionen Dollar jährlich Zinsen auf Obligationen,
 von denen viele betrügerischen Ursprungs sind.
Aber die Eisenbahnarbeiter haben sich beinahe in jedem
Falle vergeblich nach Entschädigung umgesehen, wenn sie
verletzt worden sind, oder nach Zahlungen an die Überlebenden
 für den Fall, daß sie getötet werden sollten; wie
die Eisenbahngesellschaften jeden solchen vor Gericht gebrachten
 Fall scharf bestritten haben, das ist eines der
traurigsten Blätter in den Annalen des amerikanischen
Proletariats.

Eine Zusammentassung der bestehenden Verhältnisse

Es ist unverkennbar, daß es den 3 Millionen oder mehr
sogenannten unqualifizierten oder „gewöhnlichen“ Arbeitern,
 die abgesondert und unorganisiert dastehen, von allen
männlichen Lohnarbeitern am schlechtesten ergeht; große
Scharen ziehen beständig von einem Ort zum andern, um
Arbeit zu suchen, und diejenigen, die Arbeit bekommen
können, müssen so geringe Löhne annehmen, daß es wunderbar
 erscheint, wie sie überhaupt leben können. Aber sowohl
diese Erscheinung als auch andere Gesichtspunkte in bezug
auf das amerikanische Proletariat können im Verlaufe dieses
Kapitels nur flüchtig berührt werden.
Der Zweck der in diesem Kapitel enthaltenen kurzen
Darstellung besteht darin, einige bemerkenswerte Tatsachen
        <pb n="376" />
        - 786

zusammenzufassen, um zu zeigen, auf welcher Grundlage
der kolossale Reichtum und die Macht der kapitalistischen
Klasse aufgebaut und aufrecht erhalten wird. Eine solche
kurzgefaßte Behandlung macht das Eingehen auf die Details
mancher wichtiger Zweige des Gegenstandes unmöglich.
Es ist wahr, einige geübte Arbeiter, besonders amerikanische,
 besitzen eigne Häuser oder vielmehr Landhäuschen
in einigen der größeren und vielen der kleineren Städte,
oder wohnen darin zur Miete, und ihr häusliches Leben ist
anscheinend von einem gewissen Behagen, während es in
Wirklichkeit ein Leben großer Unsicherheit und quälender
Ungewißheit ist. Die statistischen Regierungsberichte zeigen,
 daß ungefähr 72 bis 81 Prozent der Arbeiter in den
Vereinigten Staaten nicht ihr eignes Heim haben, sondern
in gemieteten Wohnungen oder abvermieteten Zimmern
leben. Nur ungefähr zehn Prozent der Arbeiter, die eigne
kleine Häuser besitzen, besitzen sie frei von Hypotheken.
Nicht nur in den großen Städten, sondern auch in den
kleinen, nehmen die bereits in Fäulnis übergehenden Armenquartiere
 zu — eine verhängnisvolle Tatsache, die eine ausführliche
 Darstellung verdient, auf die hier aber nur hingewiesen
 werden kann. Gegen alle Arbeiter, die Arbeiterorganisationen
 angehören, kämpfen mit leidenschaftlichster und
gewissenlosester Energie die massiven Truste mit ihrer geschlossenen,
 modernen Organisationsform, unterstützt durch
ungeheure Geldmittel und durch die gewichtige Macht der
gesetzlichen, gerichtlichen, polizeilichen und militärischen
Gewalt. Die Geschichte dieser riesenhaften Angriffsbewegung
 gegen die Arbeiterverbinde — um sie entweder zu
hindern, sich nach modernen gewerblichen Grundsätzen zu
organisieren oder um sie vollständig zu vernichten —, das
ist ein so umfassender Gegenstand, daß er ein Kapitel für
sich allein verlangen würde.
Auch können wir hier nicht näher beschreiben, was alles
als Folgeerscheinung der entsetzlichen Ausbeutung des
amerikanischen Proletariats' eintritt: die verübten Gewalttätigkeiten,
 das Verhungern vieler, das halbe Verhungern
 großer Mengen, die weitverbreitete Armut und
den zunehmenden Pauperismus, die Ursachen der 15 000
        <pb n="377" />
        — 787

jährlich in den Vereinigten Staaten verübten Selbstmorde,
lie zunehmende Entartung vieler Arbeiter und ihrer Kinder
aus Mangel an normalen Lebensverhältnissen. Von den annähernd
 20 Millionen Schulkindernin den Vereinigten Staaten
haben 300 000 bis 400 000 organische Herzkrankheiten;
wahrscheinlich ı Million hat tuberkulöse Erkrankungen der
Lunge gehabt oder hat sie noch; ungefähr ı Million leidet
an Rückgratsverkrümmung oder andern körperlichen Gebrechen;
 mehr als ı Million hat mangelhaftes Gehör und ungefähr
 5 Millionen haben mangelhaftes Sehvermögen. Kurz,
zählt man noch die Millionen anderer hinzu, die an irgendeinem
 Schaden oder Gebrechen leiden, so sind drei Viertel
der 20 Millionen Schulkinder ungesund; dieses sind die Aufstellungen,
 die Professor Thomas D. Wood von der Columbia
Universität in einem Bulletin gemacht hat, das kürzlich von
dem U. S. Bureau of Education veröffentlicht worden ist.
Man glaubt (wenn auch diese Schätzung nicht ganz genau
verbürgt ist), daß im allgemeinen 10 Millionen Menschen in
Jen Vereinigten Staaten sich in einem chronischen Zustande
ler Armut befinden. Der Gegenstand zeigt noch eine
andere Seite, die hier nicht behandelt werden kann: wie
die Gefängnisse mit Proletariern angefüllt sind, von denen
viele wegen der geringsten Vergehen verurteilt werden,
während die Reichen und Mächtigen das Gesetz verletzen
und überschreiten und doch straflos ausgehen.
Die in diesem Kapitel erzählten Tatsachen sind nur
wenige aus einer umfangreichen Masse. Wie zusammengedrängt
 sie aber auch sein mögen, sie gewähren doch eine
ziemlich klare Vorstellung von dem Zustande des amerikanischen
 Proletariats, aus dessen Arbeit und Märtyrertum
jene riesenhaften Privatvermögen entstanden sind und entstehen,
 deren Geschichte zum Teil in diesem Werke erzählt
worden ist.

Schlußbetrachtung

Den unvermeidlichen Hauptinhalt haben, wie in nur
zu peinlicher Weise offenbar ist, die Betrügereien und
Diebstähle gebildet; mit deren Hilfe „Eigentum“ erworben
 und große Vermögen aufgebaut worden sind.

1m
        <pb n="378" />
        788 —

Das ist nicht so, weil der Verfasser in der Verderbtheit
seines Herzens es so gestaltet hat, sondern weil dies die
unvermeidlichen Tatsachen sind.
„Aber warum,‘ fragen gewisse jammernde, in niedriger
Schmeichelei groß gewordene Kritiker, soll man sich gerade
über die dunkle Seite des Bildes verbreiten? Haben nicht
alle diese Männer ihre guten Eigenschaften gehabt, ihre
freundlichen Anwandlungen, ihre Fähigkeit, ihren Mitmenschen
 einige Dienste zu leisten ?“
Ihr irregeleiteten Kritiker mit eurer aufdringlichen
beschränkten Auffassung und eurer Verschrobenheit, ihr
seid es, die sich so blind weigern, zu sehen und Gerechtigkeit
 zu üben. Was würde, so möchte man fragen, euer
Urteil gewesen sein, wäre dieses Werk, statt die Betrügereien,
 "Täuschungen und Räubereien, durch welche ungeheure
 Vermögen aufgehäuft worden sind, offen darzulegen,
ein kunstvoller oder (noch wirksamer!) ein ungekünstelter
Lobgesang auf jene Männer und eine Apotheose des
Systems gewesen, das sie hervorgebracht hat? Was würdet
ihr dann wohl gesagt haben? Zweifellos würde dieses Werk
dann in hohem Maße „vernünftig und vorurteilsfrei‘“ gewesen
 sein; keiner Beschuldigung, daß „voreingenommene
Behandlung“ vorliege, würde man begegnet sein. Konventionelle
 Verleger würden eifrig danach gegriffen haben*?);
und dem Verfasser wären Ermunterung und Einkünfte
sicher gewesen. Wie es ist, mußte er (was für niemand
außer ihm selbst wirkliches Interesse hat) sein Werk angesichts
 der größten Hindernisse unternehmen — eine Tatsache,
 die vielleicht zu zeigen vermag, wie derjenige, der
ernste Wahrheit in ernstem Gewande verkündet, es um
der Sache willen tun muß und mit äußerster Verachtung
aller trägen, käuflichen Mächte, die versuchen möchten. seinen
Plan zu ändern oder ihn zurückzuhalten.
Dann gibt es noch jene sentimentalen Kritiker, die,
von den Beweisen überwältigt, ihre letzte Zuflucht dazu
nehmen, auszurufen: „Ist .es möglich. daß deine Dar-1)

 In diesem Punkte spricht der Verfasser aus Erfahrung. Die in seinem Besitz
befindlichen Briefe von einigen der bedeutendsten Verleger der Vereinigten Staaten
würden, veröffentlicht. eine überaus bezeichnende Lektüre bieten.
        <pb n="379" />
        „89

stellungen richtig sind? Übertreibst du nicht?“ Allen
diesen sollte man nicht mit Einwendungen und "Tadel
begegnen, sondern mit Mitleid; mit tiefem Mitleid um ihres
beschränkten geistigen Horizontes willen. Und schließlich
sind sie nur der Widerschein oder vielmehr das Erzeugnis
einer gewissen allgemein herrschenden Auffassung des
Tages, die prima facie den Mann von unbedeutendem
Auftreten aller ihm zur Last gelegter Missetaten für
schuldig erklärt, sich aber entschieden weigert, dem Manne
von Reichtum und entsprechender hoher Stellung ernsthafte
 Vergehen zur Last zu legen, unbekümmert darum,
wie sehr die Beweise sich häufen. Man könnte viel über
die Wirksamkeit eines Seidenhutes schreiben, als Schutz
für Person und Ruf.
Als des Verfassers „Geschichte von Tammany Hall“
erschien, wurde ihre Richtigkeit nicht in Zweifel gezogen,
weil die Tatsachen zwingend richtig waren und die dort
erzählte Geschichte die einer gewöhnlichen politischen
Organisation ist. Wie sonderbar ist es, bemerkt ein aufmerksamer
 Beobachter, daß einige von denen, die das frühere
Werk wegen seiner Reichhaltigkeit und Genauigkeit so
freudig begrüßten, jetzt gerade die Kritiker sind, die an
der Genauigkeit der Tatsachen ihre Zweifel äußern, wenn
diese auf die Gründer der großen Vermögen und ihre
sehr ehrenwerten Nachkommen sich beziehen. Nein, du
weiser Rezensent, das ist durchaus nicht sonderbar; diese
Haltung ist leicht zu durchschauen: je wahrer in diesem
Falle die Tatsachen sind und je umfangreicher und unbestreitbarer
 die Anführungen aus offiziellen Protokollen,
um so mehr werden die Apologeten und Anhänger des
Reichtums zu der ihnen allein möglichen Verteidigung
gedrängt. Sie können nichts anders tun, als nichtssagende
Zweifel äußern — Zweifel, die durch die erschreckende Masse
der Zitate in diesem Buche überreichlich widerlegt sind,
Und es werde bekannt, daß die hier beschriebenen Betrügereien
 und Räubereien trotz ihres Umfanges und ihrer
ununterbrochenen Folge weit davon entfernt sind, die
vollständige Geschichte zu bilden; weitere Bände bleiben
noch zu schreiben; und auf jedes einzige betrügerische
        <pb n="380" />
        Unternehmen, das zufällig zu öffentlicher Kenntnis kommt,
kommen zweifellos Mengen solcher Unternehmungen, die
in die Schmutzkanäle der Zeit hinuntergegangen sind, ehe
sie öffentlich beachtet wurden.
Dieses Werk ist selbstverständlich — es ist unnötig, es zu
sagen — keine Geschichte persönlicher Charakterzüge, Anlagen
 und Temperamente; es ist eine Erzählung der Mittel,
durch welche Eigentum erworben und große Vermögen in
Besitz genommen worden sind. Aber der Akademiker, im
Hochgefühl seiner einschläfernden Mittelmäßigkeit, kann
vielleicht sagen: „Dies ist nicht Geschichtschreibung, dazu
fehlt die Leidenschaftslosigkeit der Darstellung.“ Wenn
die Leidenschaftslosigkeit in einer langweiligen Aufzählung
von Daten, Namen und Phrasen besteht, ohne einen flüchtigen
 Blick auf den Ursprung der Dinge und auch ohne
eine klare Auseinandersetzung von Ursachen und Wirkungen,
 dann fehlt diesem Buche sicherlich der „leidenschaftslose
 Stil‘, und es ist gut, daß dieser Mangel vorhanden
 ist. Wer weiß denn nicht, daß es kein wirksameres
 Mittel gibt, um Unwahrheiten zu erfinden, zu
erzählen und ihnen Dauer zu verleihen als dieser nämliche
 „leidenschaftslose Stil“? _Beschönigung und Betonung
 gewisser Verkettungen von Tatsachen und ein geringschätziges
 Verschweigen anderer, und siehe. der Streich ist
gelungen.
Bei dieser Gelegenheit wird man es dem Verfasser verzeihen,
 wenn er (in Anbetracht der vielen ernsten Jahre
eigener Nachforschungen) sein unbegrenztes Erstaunen
darüber ausspricht, daß so viele anspruchsvolle Werke —
theoretischer und anderer. Natur — über diesen Gegenstand
von Universitätsprofessoren herausgebracht worden sind,
ohne daß sie sich die geringste Mühe gegeben haben,
die Tatsachen festzustellen. Feingesponnene dogmatische
Theorie ist das meiste davon, oder verkehrte, wohlklingende
Annahmen: Worte, Worte, endlose schwülstige Worte;
keine wirklich eigne Arbeit, kein Gedanke, keine Einsicht,
keine Erklärung außer einer unechten, unzulässigen, ohne
die Kenntnis der Tatsachen erworbenen und mit den derzeitigen
 Vorschriften des herrschenden Reichtums so selt-
        <pb n="381" />
        791 —

‚am übereinstimmenden. Diese besondere Geschichte, es
;ei gesagt, ist von einem bestimmten Gesichtspunkte aus
zeschrieben worden, indem sie Tatsachen erzählt, die nie
vorher veröffentlicht worden sind und deren Genauigkeit
 nicht angefochten werden kann; das ist, wie der
Verfasser glaubt, der richtige Standpunkt, der von
jedem hinzukommenden Beweismaterial nur bestätigt werden
 kann.
Schließlich gibt es noch jene, die herbeistürzen und die
Frage nachdrücklich vorbringen: „Haben die Gründer und
Erhalter der großen Vermögen nicht ihre guten Eigenschaften
 gehabt?“ Die Frage ist arg überflüssig; sie haben
je gehabt und haben sie. Aber denken die in dieser Hinsicht
 so besorgten guten Leute jemals daran, dieselbe Frage
in bezug auf die Hunderttausende von Bewohnern der
Armenquartiere zu stellen, oder in bezug auf die fünfzigtausend
 (oder ungefähr soviel) Sträflinge in den Vereinigten
Staaten? Werden irgendwelche Rücksichten oder mildernde
 Umstände für diese verlangt? Für die Armen, die
Elenden, die Erniedrigten überall? Und doch sind die Vergehen,
 um derentwillen kleine Übeltäter bestraft werden,
nicht den tausendsten Teil so bösartig wie die von den
Gründern und Besitzern des Reichtums begangenen; sogar
 einzelner Mord sinkt zu Bedeutungslosigkeit herab, wenn
man ihn mit der endlosen Reihe der durch die Gier nach
Gewinn und Reichtum hervorgebrachten indirekten Morde
vergleicht.
Alle, alle, Kapitalisten und Bewohner der Armenquartiere,
Sträflinge und Multimillionäre sind Geschöpfe des Systems,
das auf diese Weise Habgier und Laster, Armut und Verbrechen.
 erzeugt — erschreckende Tatsachen, die durch
keinen eigentlichen Fehler in der menschlichen Natur
hervorgerufen werden, sondern durch die Triebkraft, die
Anreize und die Resultate jenes Systems.
Alle, alle, haben eine unendliche Befähigung für das
Gute, wäre ihr nur die günstige Umgebung zur Entwicklung
gegeben; man kann Erstaunen darüber äußern, daß unter
einem so verderblichen System noch so viel Gutes besteht.
Und jene Magnaten, die in ihrem Pomp und ihrem Hoch-
        <pb n="382" />
        mut glauben, daß sie die gesellschaftlichen Kräfte beherrschen,
 sind (blinde Geschöpfe!) nur die Werkzeuge jener
Kräfte. Hinter all diesem Tumult, hinter diesem Dahinstürmen
 und Zu-Boden-treten liegt ein langsam wirkender
Plan, der entschlossen und gleichmäßig vorwärts geht, was
alle, die es wollen, klar erkennen können. Diese Magnaten
haben trotz ihrer Habgier, ihrer Korruption und ihres
Betrugs unbewußt ihre große, in diesen Zeiten notwendige
Arbeit getan — die ungemein wichtige Arbeit, Entwicklungshemmungen
 zu vernichten und die ganze Industrie
ihrer einheitlichen Zusammenfassung entgegenzuführen,
damit zu gegebener Zeit das ganze Volk gemeinsam ihren
Besitz antreten und ihren Betrieb übernehmen kann und
künstliche Klassenbildungen mit den sie begleitenden häßlichen
 Leiden, Ungerechtigkeiten und Unterdrückungen für
immer abgeschafft sein werden.
        <pb n="383" />
        Sachregister

Adams, Samuel 34. — Aiken, Henry 716 — Albany- und Susquehanna-Zisenbahn
 540ff. — Aldrich 358 — Alger, Russel A. 213 — Allan, Hugh
585 — Allds, J. P. 586 — Alleghany-Bahn 709 — Allen, Senator 469 —
Allen, Samuel 17, 31 — Allison, William B. 501 — Altgeld, John P. 182
— Amerikanische Brückengesellschaft 590, 732 — Amerikanische Pelzgesellschaft
 72ff., 98, 128 — Amerikanische Union-Telegraphengesellschaft 475
— Ames, Oakes 406ff., 501 — Anderson 465 — Angus 649 — Anthony,
D. R. 172f. — Anthony, J. B. 344 — Antitrustgesetz 569, 618, 692, 732f.
— Arbeiterorganisationen 177, 229, 231ff., 320ff., 607, 711ff., 719ff. —
Arbeiterverhältnisse 12, 16ff., 29, 39, 481., 56f., 136f., 168£f., 175ff., 186,
226ff., 242ff., 263, 268f., 341, 347ff., 358ff., 480, 5681f., Go4ff., 621,
zı1df., 7i0ff., 730ff., 748. — Arbeitslöhne 12, 17f., 30, 57, 168, 177,
186, 226, 263, 268, 341, 347, 358, 480, Go5£., 712£., 759, 770ff. — Armour,
J. Ogden 183, 746 — Astor, Familie 141, 150, 180, 183f., 262, 268, 278,
364, 483, 526, 642, 746 — Astor, Georg Peter 70 — Astor, John Jakob 39f.,
42, 49, 68£f., 143, 148, 208, 475, 494» 678 — Astor, John Jakob jun, 130f.,
134f., 142f., 154, 374, 599 — Astor, John Jakob II 143, 145f., 154 —
Astor, Waldorf 147 — Astor, William 141ff., 145 — Astor, William B. 85,
37, 126ff., 132f., 140ff., 149 — Astor, William Vincent 143 — Astor,
William Waldorf 139£., 143, 146f. — Atchison-, Topeka- und Sante-Fe-Bahn
 173, 630 — Atkinson, Henry M. 254f. — Atkinson, Oberst 77, 78.
Bacon 16 — Baer, George F. 347, 746 — Bailey 226, 372 — Ballinger
219, 625 — Baltimore, Lord 5 — Baltimore- und Ohio-Eisenbahn 173, 322f.,
344, 348, 508f£., 700 — Bancroft 524 — Bank, General 284ff. — Bank der
Ratsherren 99 — Bank der Vereinigten Staaten 53f., 148, 544 — Bank von
Amerika 108 — Bank von New York 106f., 148, 157 — Banktrust 744 —
Bankwesen ı103ff., 380ff. — Barbour, James 75 — Baring, Gebr. 53 —
Barlow 395 — Barnard, George C. 385f., 391, 542 — Barnes, John 654
— Barney, Charles T. 614£f. — Barreth, Walter 4of., 47f., 70, 87f£., 101
— Bashford, Coles 438 — Bayard 637, 639 — Bayly, Thomas H. 431 —
Beach, Moses Jale 124 — Beaubin- und Miranda-Konzession 251f., 632#f.
— Beck 671 — Beckmann, Alexander 723 — Beckwitt 377 — Beeftrust
184, 746 — Beekman, Stephan D. 99 — Belden 401 — Bellomont, Graf 16ff,,
29, 31 — Bell-Telephongesellschaft 624, 716 — Belmont, August 544, 546,
565, 599; 744f. — Bennett, James Gordon 126 — Bentley, J. A. 632 —
Benton 86 — Bessemer, Henry 704, 713f. — Bethlehem-Stahlwerke 731,
733 — Biddle 77f. — Bigelor 654 — Bingham, John 95 — Birch, Stephan
626 — Biskuittrust 174 — Blaine, James G. 408, 444, 637, 718 — Blair,
John J. 407, 493#., 512, 642 — Blair, de Witt C. 493 — Bliß 407 — Bloemart
9 — Borntraeger, Henry W. 716 — Boston- und Albany-Eisenbahn 357 —
Bradley 288 — Brandeth 373 — Brevoort, Henry 71 — Brewer, Richter
555, 717 — Bridge, James H. 685ff., 692, 696, 699, 702, 704, 723 —
Broadway-Bahn 292f. — Bronson 442 — Brooks, James 410 — Brooks,
Peter Charndon 37 — Brown, E. D. 134 — Brown Brother &amp;amp; Co. 459,
;52 — Brown, Justice 204 — Brown, Nicholas 38 — Browne, Robert 70of.
        <pb n="384" />
        — 7094 —

— Brückentrust 5861ff. — Buchanan, Thomas 148 — Bundes-Stahlgesellschaft
 590, 731f. — Buford, John 283 — Buren, van 235 — Bürgerkrieg
214, 261, 278, 279ff., 458f., 531ff., 690, 696 — Burgess 26, 91 — Burr,
Aaron 107, 110, 111 — Butler, Cyrus 36 — Butterfield 399.
Cabot, George 34 f. — Cadwallader, F. D. 539 — Caldwell, Luther 388 —
Calumet- and Hecla Mining Company 203f. — Cambria-Eisengesellschaft
797; 715 — Cameron, Simon 377£., 682 ff, — Canby, E. R. 537 — Candleß,
Mc. 705, 708 — Cardozo 542 — Carey, Matthew 56 — Carlisle, John G. 566
— Carnegie, Andrew 586f.. 606, 677ff. — Carnegie, Thomas M. 688{ff.,
700, 704, 708 — Carnegie-Stahlgesellschaft 721ff. — Carnegie-Werke 586,
6o3ff. — Carnes, F. &amp;amp; G. 41 — Carr 537 — Carter, Robert 2of. — Carter,
T. H. 633, 660 — Caruso 774 — Caß, Lewis 86 — Cassatt, A. J. 487ff. —
Castellane, Gräfin 484 — Catron, T. B. 252, 633f. — Canley, John F. 518 —
Chandler 203f. — Chase, Salmon P. 282 — Chaves, Ignacio 254 — Chemikalien-Bank
 108f., 148f. — Chesapeake- und Ohio-Eisenbahn 345, 348 —
Chikago-, Burlington- und Quincey-Eisenbahn 578, 662, 674.f. — Chikagoer
Schienenwerke 712ff, — Chikago-, Milwaukee- und St. Paul-Bahn 434,
443f. — Chikago- und Nordwest-Bahn 173, 395, 502f. — Churchman,
Samuel 374f. — Cincinnati-, Hamilton- und Dayton-Eisenbahn 574ff. —
Clapp, Asa 36 — Clark, Horace F. 277, 304 — Clark (Montana) 240 —
Clark, William 82 — Clelland, Robert Mc. 645 — Clemens, Jere 428 —
Cleveland, Präsident 177 ff., 540, 565ff., 576, 635 — Cleveland-, Cincinnati-,
Chicago-, St. Louis-Eisenbahn 338f. — Clews, Henry 460 — Cline 728ff.
-— Clinton, George 101, 102 — Cloud 532 — Coke, Thomas Pym 39 —
Colden, Cadwallader 15, 45 — Colder, William 684 — Coleman, Michael
142, 335 — Coleman, William 705£., 708 — Collins, E. K. 272f., 279, 280,
429 — Colorado-Eisenbahn 464 — Colorado- und Southern-Eisenbahn 490f.
— Colt, Samuel 428f. — Colton 523 — Columbia-Ölgesellschaft 686f., 697
— Conger 586 — Connolly, Richard B. 133, 134ff. — Conway, T. W. 373
— Cooper, Peter 124 — Corbin, A. R. 398£., 429 — Corcoran William W.
430£f, — Corey 728ff., 733 — Cormick, H. Mc. 429 — Cornick, Cyrus H.
407, 429 — Corning, Erastus 445 — Cortelyou 620 — Corvin, Robert G.
433 — Corvin, Thomas 433 — Cosby 156 — Covode276 — Cowley, William
690 — Cox, Minister 632, 636 — Cramp, Charles H. 726 — Crawford,
Frank A. 315 — Credit Mobilier Company 407 ££., 444, 466, 472, 501f., 505
— Crocker, Charles 407, 513ff. — Croffut 267, 269, 278, 283, 294, 394,
312, 314ff., 333 — St. Croix- and Lake-Superior-Eisenbahn 437 — Crooks
78 — Crosby, William B. 124 — Crosswell, Edwin 274 — Culloch, Hugh
Mc. 501 — Cunard, Edward 131, 298 — Cunard-Linie 623 — Cunningham
525. — Cutler,. Luke H. 607.
Dabney, Morgan &amp;amp; Co. 463, 545f. — Dana, Charles A, 238 — Davidge,
William H. 276 — Davidson, ]J. W. 537 — Davies, Thomas E. 292 — Davis,
Abgeordneter 275, 276 — Davis, Henry G. 627f. — Davis, Richter 420 —
Debs, Eugene V, 177f, — Deems 311 — Deighton 714 — Delano, Laura A.
133 — Delaware- und Lackawanna-Eisenbahn 335, 495 — Delaware-,
Lackawanna- und Western-Eisenbahn 335, 339, 341, 345, 495 f., 498 ff., 555 —
Delaware- und Hudson-Eisenbahn 341, 345, 540 — Dellius 18 — Denver-
        <pb n="385" />
        — 705

ınd Rio Grande-Eisenbahn 470, 490, 630 — Denver-South- Park- und Paific-Eisenbahn
 464, 466f., — Depew, Chauncey M. 240, 310, 335, 555 —
Des Moines Schiffs- und Eisenbahngesellschaft 379, 429, 503 — Dicken-;on
 428 — Dieterich, Georg 70 — Dillon, John F. 449£., 453f. — Dillon,
Sidney 462ff., 467, 686, 706 — Dodge, Marcellus Hartley 376 — Dodge,
William E. 98, 132, 496, 498 — Dolan, Thomas 343 — Donough, Henry
D. Mc. 602 — Donghertz, Thomas J. 85 — Dorsey, Stephen W. 637 —
Doubleday, Thomas D. 283 — Dow, Prentiss 439 — Dreieinigkeits-Gesellschaft
 22 — Dreicinigkeitskirche 96f., 110f£., 140, 155 — Drew, Daniel
z99ff., 382£f. — Drew, Wolcott 344 — Drexel, Gebr, 563 — Drexel, Morzan
 &amp;amp; Co. 546f. 552ff., 565 £. — Dubuque- und Sioux-City-Eisenbahn 503 ff,
— Duquesne-Stahlgesellschaft 710 — Durham 487.
Eastman, Arthur M. 535f., 539 — Edgar Thompson-Stahlgesellschaft
704£, 707£., 713 — Edison 716 — Edwards, Richter 231 — Eistrust 610ff,
— Elkins, John T. 630 — Elkins, Stephen B. 240, 251 £., 254, 328, 565, 627 ff.
— Elliott 499 — Ely 684 — Emerson, A. 760 — Equitable-Lebensversicherungsgesellschaft
 310, 592ff., 624 — Erie-Eisenbahn 299, 365, 381ff.,
404£., 541, 573. — Eriekanal 64, 201f., 355, 510 — Estes, James B.
545£. — Ertor 774 — Evans 19 — Everett 37.
Fair 363 — Farley, Jesse P. 454f., 647. — Field, Cyrus W. 475f., 478
Field, Henry 185#f. — Field, Marshall 68£f., 161 ff. — Fields, Andrew C. 596
_ First National-Bank 592, 622 — Fisher, Ellwood 276 — Fisk, James 300,
384 ff., 411ff., 541, — Fitch 713, 723 — Fithian, Philipp Vickers 20 —
Flagg 98 — Fleming 443 — Fletcher 14, 29, 94, 110 — La Folette 602,
Sogf., 614f. — Foraker 240 — Forshay, James W. 565 — Forsyth, "Thomas
83f. — Foster, J. W. 661 — Fourth Avenue-Niveaubahn 289, 309 — Franklin,
 Benjamin 23 — Fremont 536, 538ff. — Frick, Henry C. 487, 599,
z10£., 718, 720ff., 723, 7331. — Fuller 715.
Gales, John W. 617 — Galusch 654. — Gardiner, George H. 432f. —
Garfield, James A. 408, 444 — Garrett, John W. 323, 507, 509ff. — Garrett,
Robert 512 — Gayley 733 — Gaynor, Richter 611 — Georgia-Mississippl-Land-Company
 195 — Gilfillan 652 — Giovannetti 774 — Girard,
Jean 51 — Girard, Pierre 50 — Girard-Bank 52f. — Girard, Stephan
40, 42, 49££., 159 — Goddard, Luther M. 490£f. — Godyn 9 — Goelet,
Jacobus 148— Goelet, May 153 — Goelet, Ogden 152f. — Goelet, Peter
58£., 94f., 98, 108, 124, 132, 141, 147 $£., 180, 183, 268 — Goelet, Peter jun.
ı50£. — Goelet, Peter P, 1481f. — Goelet, Robert 151 — Goelet, Robert jun.
1521f. — Goelet, Robert P. 1481. — Goelet, Robert Walton 154 — Gonzales,
 Salvador 253 — Gordon, J. M, 675 — Gordon, William M. 82 —
Gorman, W. A. 447 — Gould, Anna 484 — Gould, Familie 366, 526,
588, 627, 746f. — Gould, George 486, 489f£., 555, 599 — Gould, Jay 238,
z00f., 324, 366ff., 407, 430, 449; 456, 462ff., 402, 512f., 522, 524, 528,
530, 541, 555 557, 574» 597; 686 — Gould, Kingdon 473 — Graham 18 —
Grant Ulysses S. 398ff., 429, 629 — Gray, William 38 — Great Northern-Eisenbahn
 577ff., 656ff. — Greeley, Horace 748 — Green, Benjamin E.
431 — Green, Richter 497 — Gresham, Richter 473 — Grimes, Senator
286, 287£., — Griswold 48 — Guggenheim 240, 625£., 744:
        <pb n="386" />
        706 —

Hale, Senator 286, 288 — Hall, Bürgermeister 307 — Hamilton, Andrew
597 — Hancock, John 34 — Handwerkerbank 108f. — Hannover Nationalbank
 592 — Harlan, Richter 719 — Harlemer Eisenbahn 131, 308 — Harmon,
 Judson 576 — Harriman, E. H. ı 54, 364, 366, 469f., 486, 505,
529, 575» 5774.» 593, 595, 599, 6or, 673, 676f., 741 — Harris, Senator 469
— Harris, William H. 283 — Harrison 211, 638, 718 — Harris- und Sloolinie
 274, 280 — Hartley, Marcellus 376 — Harvier, Ernest 354 — Hatzfeld,
 Fürst 528 — Havemeyer, William F. 98, 261, 570° — Haywood 582 —
Hearst, George 240 — Heinze 612ff. — Hepburn 320 — Hewes, Joseph 34
— Hicks, Russell F. 388 — Hill, James 485, 577, 627, 641f£., 744. —
Historische Gesellschaft 29 — Hitchcock 213 — Hoffmann, Gouverneur
135, 542 — Holländisch-Ostindische Gesellschaft 6 — Holländisch-Westindische
 Gesellschaft 6f., 9f. — Holley, A. L. 706£., 716— Holman, William
G. 683 — Holt, J. 537 — Hopkins, Edward C. 449f. — Hopkins, John 5, 507,
509ff. — Hopkins, Mark 513ff. — Horn, Walter B. 575 — Houghton 52,
157, 369, 429 — Hudson-Bay-Trading-Company 649 — Hudson-River-Eisenbahn
 297ff., 348, 351, 355 — Hughes, Andrew S. 81f. — Hunt,
Washington 444 — Huntington, Collis P. 407, 471f., 475, 482, 485, 513ff.,
586f., 706 — Hurrah, Charles H, 731 — Hyde 310, 624.
Jackson 53f., 122 — Jefferson 22, 107 — Jenkins, Richter 672f. — Jerome,
William Trayvers 601, 613 — Jesup &amp;amp; Co. 463 — Jewett, D. G. M. 638£.
— MNlinois-Zentraleisenbahn 153f. — Tllinois-Zentralgesellschaft 199, 429,
505, 791 — Indianer 25, 27f., 31, 74ff. — Ingersoll 275 — International
Mercantile Marine-Company 623f. — Interstate Commerce - Railway-Association
 556 — Johnson, James L. 630 — Johnson, Senator 77, 79
— Jones, William L. 707f£., 714ff., — Jowa Central-Air-Bahn 504 —
Jowa Falls- und Sioux City-Eisenbahn 503f. — Irons, Martin 480 — Irwin,
 Matthew 73, 77 — Irwin, Richard B. 461 — Julian, Generalinspektor
255 — Julian, George W, 635ff. — Justice, Philipp S. 283.
Kanadische Pacific-Eisenbahn 685 — Kansas-Pacific-Eisenbahn 216,
463ff., 469, 474, 546, 686 — Karl I. 17 — Kaufmannsbank 108, 109 —
Kelly, P. H. 655 — Kembel 488 — Kennedy, John 451, 454, 477, 648,
650ff., 672, 673 — Kenney, Thomas L. 76, 77: 78, 79%. — Kerens, Richard
C. 638 — Ketchum, Sohn &amp;amp; Co. 539 — Kidd 26 — Kidder, Peabody &amp;amp; Co.
552 — Kinley, Mc. 570f., 732 — Kinstry, Major 536 — Kinzie, John 164
— Kipp, Salomon 291 — Kissam, W. H. 98 — Kittson, Norman W. 647 ff,
— Kloman, Gebr, 688ff., 703ff., 708ff, — Knickerbocker-Trust 614ff.
— Knox, Philander C. 240, 486f, 732 — Kohlentrust 346, 746 — Kuhn.
Loeb &amp;amp; Co. 599 — Kupfertrust 203.
Lackawanna-Eisenbahn 365 — Lackawanna-Kohlen- und Eisengesellschaft
 495, 499 — Lac La Belle Ship-Canal-Company 202 — La Crosseund
 Milwaukee-Eisenbahn 434ff., 457 — Lake Shore-Eisenbahn 305, 345,
355f., 364 — Lambard, Charles A, 501 — Lanzing 543 — Larrabee, William
506 — Laurence, Stone &amp;amp; Co. 429 — Laurens, Henry 34 — Law, George 274,
291, 292ff. — Lawrence, William 26f, — Lean, George W. 133 — Lehighund
 Tobyanna-Landgesellschaft 499 — Lehightal-Bahn 339, 341 — Lehigh-Waggonfabrik
 467 — Leiter, Levi 7, 161ff. — Leod. Arthur A. Mc.
        <pb n="387" />
        — 797 —

341£., 560 — Leupp, Charles M, 368£. — Lewis, Francis 34 — Limanhour,
Jose 246 — Lincoln, Abraham 284, 534 — Lincoln, Robert T. 175 — Lindsey,
Ben B. 490 — Linville 701 — Lisperaard, Anthony 111 — Littlefield 619
— Littler 465 — Livington 18, 6x — Livingstone, John 382 — Lockwood,
Le Grand 460f. — Londoner Gesellschaft 3f. — Longworth 68, 157ff. —
Lorillard 94, 98, 124, 148 — Love, Richter 458 — Low, A. Maurice 540,
582, 583 — Lowber, Robert W. 427f. — Lum, Mary 50 — Luxuswagen-Trust
 174.
Macdonald, John A. 685 — Mc. Gregor Western-Eisenbahn. 457 —
Macy, William H. 4907 — Maginnis, Martin 665f£., 669, 673 — Mähmaschinentrust
 173, 746 — Mains, O. P. Mc, 633 — Manhattan - Bank
z08ff., 113 — Manhattan- Gesellschaft 477 — Marcy, General 537 —
Marius, Peter Jakob 26 — Marlborough, Herzog von 361 — Marmon,
Robert T. 630, 632 — Martin 298, 395 — Martinez, Francis 253 — St. Marys
Falls- Ship-Canal- Company 202, 203 — Mason, John 17 — Matteson,
Erasmus B. 380 — Maury 632 — Maxwell-Landkonzession 251f., 256,
5294. — Mears, John H. 432%. — Mercantile Trust Company 624 —
Merkantil-Bank 107 — Metropolitan-Interborough-Traction Company 602
—. Metropolitan-Street Railway 309, 476, 602 — Metz, Steuerkontrolleur
183, 622 — Meyer, Generalpostmeister 173 — Miami- und Dayton-Kanalgesellschaft
 202 — Middlesex-Spinnereien 429 — Midvale-Stahlgesellschaft
 731, 733 — Millard, Bailey 246 — Miller, Henry 246 —
Miller, Richter 651 — Miller, Rutger B. 110 — Miller, Thomas N. 688,
689ff. — Mills, Darius O. 5718, 599 — Mills, D. O. 328 — Mills, M. M.
252 — Milwaukee- und Horicon-Eisenbahn 443 — Milwaukee- und Minnezota-Eisenbahn
 441 f. — Milwaukee- und Superior-Eisenbahn 439 — Minnesota-
 und Northwestern-Eisenbahn 427, 444 ff. — Minnesota- und Pacific-Eisenbahn
 446, 449, 647 — Missouri-Pacific-Eisenbahn 473, 479, 480, 557
— Mitchell, Alexander 419f. — Mitchell, John 340 — Monroe, James 122
— Montaya, B. M. 254 — Moody, John 175, 338, 365, 584£., 662 — Moore
590, 732, 734 — Moore, A. P. 742 — Mora-Konzession 254. — Morales,
Marquis de 211 — Morgan, Grenfell &amp;amp; Co, 607 — Morgan, J. Pierpont
324, 328, 3421f., 377, 463, 475, 482, 485, 529£f., 590, 613ff., 627, 642,
673, 678, 732f., 7441. — Morgan, Junius 5, 531ff. — Morgan, Major
82 — Morgan, Senator 469 — Morris, Edward 183 — Morris, Robert 34
— Morris, Roger 90, 91 — Morris- und Essex-Eisenbahn 496f. — Morrison
373 — Mortier, Abraham 111 — Morton 407, 444. — Morton Trust-Company
 624 — Morse 610ff. — Moyer 582 — Mushet 718 — Mutual-Versicherungsgesellschaft
 502ff.
Nationalbank 109, 592 — National-City-Bank 565, 622 — National-Röhrengesellschaft
 590, 732 — National-Stahlgesellschaft 735£. — Navarro,
 Jose F. 476 — Negersklaven 4, 21, 29, 33, 227, 281 — Neill, Mc. 229
— Nelson, Richter 267 — Newbold, J. G. 500 — New England-Mississippi-Land-Company
 195 — New Jersey-Transportgesellschaft 497 — New
jersey-Zentraleisenbahn 339, 467, 705 — New Yorker Eisenbahn 131 —
New Yorker Herald 126 — New Yorker Hochbahn 477 — New Yorker
Leih- und Betriebsgesellschaft 477 — New York-, Ontario- und Western-
        <pb n="388" />
        798

bahn 345 — New Yorker Zentraleisenbahn 130f., 154, 265, 296ff., 301ff.,
313f., 318, 3241, 335, 337, 342, 347f., 351, 353ff., 359, 364, 422, 425 ff. —
New York-, New Haven- und Hartford-Bahn 342, 344, 354 — New Yorkund
 Harlem-Eisenbahn 288ff,, 318 — New York- und Hudson-River-Eisenbahn
 295 — New York-, Susquehanna- und Western-Eisenbahn 573 —
New York Versicherungsgesellschaft 592ff, — New York Zentral- und
Hudson -Eisenbahn 344, 351, 352 — Nicholson, John 344f. — Noble,
Minister 633 — Nolan, Gervacio 253, 256 — Nördliche Zentralbahn 684,
7901 — Nord-Missouri-Bahn 701 — Nordwest-Gesellschaft 73 — Norfolkand
 Western-Eisenbahn 348 — Northern Pacific-Eisenb hn 216, 218f.,
451, 577f£., 656, 662 ff, — Northern Securities Company 579f.
0’Callaghans 6 — Odell, Gouverneur 595 — Oglethorpe 16 — Ohio-Land-Company
 194. — Ohio-Sparkasse- und Kreditgesellschaft 551 — Oliver,
Henry W. 691 — Oliver Minengesellschaft 730 — Owen, Robert 537.
Pablo-Montaya-Konzession 254 — Pacific-Eisenbahn 240, 468, 521ff,,
565 — Pacific-Mail-Steamship-Company 274, 276f., 459f. — Page 298 —
Paine 22 — Painter’s Mill 603f. — Painter’s Row 6o3f. — Palmer, Potter
163 — Pardee, Gouverneur 219 — Parsons 217 — Patterson 185£., 491 —
Pattison 465f. — St. Paul-, Minneapolis- und Manitoba-Eisenbahn 6s5off.
— St, Paul- und Pacific-Eisenbahn 448, 450ff., 457, 650ff. — Payn 388 —
Peabody, Gouverneur 490 — Peabody, Joseph 35 — Peabody &amp;amp; Co, 531ff.
— Peacock 733 — Pearson, H, W, 661f. — Pearson, Magazine 607 — Peck,
Richter 538 — Penn, William 14. — Pennsylvaniabahn 323, 326ff., 342, 348,
365, 378, 486ff., 512, 522, 550, 555, 586f., 681ff., 697, 702, 706, 732 —
Pennsylvania- Kohlen- und Koksgesellschaft 348, 572f. — Pennypacker,
Gouverneur 487 — Penrose, Senator 487 — Pere Marquette-Eisenbahn
576 — Perkins, George W. 593, 596, 599, 6or — Perkins, Thomas
Handasyd 38 — Petroff 488 — Pettibone 582 — Pettigrew, Senator 218f,.,
560ff., 670f. — Phelps, George D. 459, 496, 698 — Phelps, John J. 496,
498 — Philadelphia- und Reading-Eisenbahn 326, 339, 341ff., 347, 348,
560 — Philadelphia-, Wilmington- und Baltimore-Eisenbahn 512 —
Philipps, Adolphus 91 — Phillips, Frederick 91, 148 — Phillipps, William A.
208f. — Phipps, Henry 681, 689ff., 705, 708, 709 — Phipps, John 691 —
Pierce 445 — Pinchot, Gifford 219, 625 — Pinkerton, Robert A. 721f. —
Piper 7orff. — Piper &amp;amp; Schiffler 696ff., 702f. — Pittsburger Bessemer-Stahlgesellschaft
 710, 712 — Pittsburg-, Fort-Wayne- und Chikago-Bahn
589 — Pittsburger Nationalbank 691, 705 — Platt 240 — Poor 501£., 540
— Portage Lake- and Lake Superior Ship-Canal-Company 202, 203 — Pratt,
Zadoc 368f. — Pruyn 298 — Pueblo- and Arkansas-Valley-Railway-Company
 630 — Pulitzer, Joseph 481 — Pullman, George M. 174£., 343, 407,
477; 706 — Pullman-Gesellschaft 147ff., 369 — Purdy, Elijah 201.
Quantrell 628 — Quay 487, 488,
Rantoul, Robert 234 — Reading-Eisenbahn 327f., 550 — Ream, Norman
 B, 175 — Rensselaer, Kiliaen van 9, 61 — Rensselaer, Stephan van
23f. — Republic Steel Company 617 — Rhinelander 68, 94, 95, 97, 99,
132,133, 141, 148, 155 £., 184, 268 — Riggs 430, 433 — Roberts, Charles C. 377
— Roberts, Marshall O, 134, 274, 277, 292, 374f. — Roberts, Dr. Peter 347
        <pb n="389" />
        — 799 —
— Rockefeller, Geraldine 376 — Rockefeller, John D. 262, 319f., 328, 530,
;n7{f., 584, 588, 607, 613££., 617 £f., 678, 733, 734, 741, 742 — Rockefeller,
William 328, 492 — Rockwell, J. S. 442f. — Romaine, Benjamin 94f. —
Roosevelt 136, 160, 219, 242, 347, 582ff., 618, 718, 732 — Root, Elihn 136
__ Root, Milo A. 675 — Rosser, J. Travis 427 — Rothschild 544, 546, 565,
507 — L’Rourke, Matthew J. 134 — Roxburghe, Herzog von 153 — Rumberger
 488 — Russel, Charles Edward 673 — Russell, Thomas 36 — Rutgers
156 — Rutland- und Washington-Eisenbahn 369 — Ryan, Thomas F. 6ozf.,
524, 733; 745» 746.
Sagan, Herzog von 484 — Sage, Russell 404, 497, 415 ff., 462, 464£., 467,
472ff., 478f., 482, 494, 500, 50T, 512, 513, 524, 603, 642, 647, 658, 678 —
Salter 488 — Sangre de Cristo-Terrain 254, 256 — Schell 134, 135, 535%
— Schermerhorn 94, 141, 148, 156f., 183, 184 — Schiff, Jacob H, 599 —
Schiffer 706f. — Schlußstein-Brückengesellschaft 691f., 696, 701, 718 —
Schuyler 18, 23 — Schwab 728ff., 733 — Schwartz, H. H. 220 — Scott,
john 705, 709 — Scott, Thomas A. 378, 512, 522, 681ff., 701, 702, 706,
708 — Seligmann, Gebr. 546 — Seymour 293 — Sharp, Jacob 291, 477,
565£, — Shearman, Thomas G, 68, 264 — Sherman, John 545, 619, 692,
732 — Shinn, William P. 706, 709 — Sibley, Gouverneur 446 — Sioux-City-
 und Pacific-Bahn 501 ff.— Simpson, James H. 716 — Sioux-City- und St.
Paul-Eisenbahn 457 — Sistare, George K. 134 — Sloan, Samuel 543, 555 —
3locum 418 £. — Sloo, Albert G. 274 — Smith, Darwin 543 — Smith, Alexander
Donald 649£. — Smith, Henry N. 395 — Smith, Herbert Knox 735 — Smith,
Thomas H. 48 — Smith, Oberst 19f. — Snelling 75 — Snow, Ambrose 286
— Southard, T. B. 285, 286, 288 — Southern Pacific-Eisenbahn 216, 521 ff.,
586— Spahr 183, 341, 358 — Sparks 203, 210, 215, 221, 248, 2 5Of., 254, 255 —
Speyer, James 565 — Spooner, Senator 672f. — Städtische Eisenschmiede
5941f. — Stahltrust 585ff., 691 — Standard-Oil-Company 203, 224, 243,
264, 319ff., 345, 348, 349, 363, 364, 485£f., 514, 529ff., 545, 575, 578, 587%
6134f., G17ff., 676f£., 705, 709, 744£. — Stanford, Leland 240, 407, 513ff,
— Stanton 284 — Stead, W. T. 170 — Steele, Frederick 536 — Steele,
John N. 626 — Steenwyck, Cornelius 25 — Stephen, George 649ff. —
Stephen, Lord Mount 673 — Sterne, Simon 304 — Stetson, Francis 568f.
— Stevens, Edward A. 497 — Stevens, Simon 535ff. — Steward, John 131,
298 — Stewart, A. T., 124 — Stewart, David A. 697, 705 — Stickney 555 —
Strathcona, Lord 673 — Streike 177f., 225, 231, 233f., 268, 322ff., 346£.,
480, 487f., 511, 712, 7211, 760, 774 — Stunton 646 — Süd-Pennsylvania-Eisenbahn
 326ff., 550 — Swartwout, Samuel 46 — Sweeny 136 — Sweet,
\lanson 418f£. — Swinton, William 459 — Szechenyi, Laslo 361.
Tabaktrust 243, 733 — Taft, Präsident 616, 638, 718, 732 — Taintor,
Henry F. 133, 134 — Tammany 623 — Taylor, Jacob 99 — Taylor,
Moses 124, 134, 135, 496 — Taylor-System 769 — Teller, Staatssekretär
211, 221, 491 — Tennessee- Kohlen- und Eisengesellschaft 588, 617ff.
— Terminal-Company 551, 576 — Texas-Pacific-Eisenbahn 523, 686 —
Thackery, S. W. 13 — Theatertrust 763 — Thomas 612ff. — Thompson,
|. Edgar 388, 655, 687, 700, 702f., 705f., 709 — Thorndike, Israel 34 —
Tiemann 428 — Tilden, Samuel J. 442, 444, 451 — Tiphon 76 — Tobin,
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        — 800 —

John 296 — Todd, Sarah 71 — Toledo-Eisenbahn 551, 576 — Toole, Gouverneur
 665 +— Toombs, Senator 271, 273, 274, 276 — Tracy, Nathaniel
34 f. — Traer 207 — Treat, Richter 652 —"Troy- und Schenectady-Eisenbahn
422 ff. — Trust-Company of America 615#. — Truste 173£., 241££., 3194f.,
569ff., 733 ff. — Tunneltrust 586£. — Turpie 469 — Tweed, William M. 133,
1341. 238, 203, 303, 307, 391 — Tweed-Ring 98, 132ff., 307, 374, 385.
Union-Eisenmühlen 695 ff. — Union-Eisenwalzwerke 709 — Union-Pacific-Eisenbahn
 208, 214, 216, 364, 404ff., 462, 465, 468 £f., 474, 500, 50I,
519, 663, 686 — United States Mail-Steamship-Company 274, 276, 277,
292 — United States Steel-Corporation 5854f. — Upham 655.
Vanderbilt, Alfred G. 599 — Vanderbilt, Cornelius 98, 124, 131f., 154,
175, 261ff., 325, 364, 365, 366, 367, 383ff., 393, 406, 429, 459, 485, 486,
494» 513, 541, 678 — Vanderbilt, Cornelius Jeremiah 315, 316 — Vanderbilt,
Cornelius jun. 154, 264, 336 — Vanderbilt, Familie 615, 627, 642, 679, 746£.
— Vanderbilt, George 337 — Vanderbilt, William H.316f£., 474££., 479
512, 513, 526, 548ff., 560, 577 — Vanderbilt, William K. 264f., 335, 355££.,
361, 363 — Venner, Clarence A, 674f. — Vest, Senator 474 — Viaduktbahn
 135 — Viehzuchtgesellschaften 210ff. — Villard. Henry 663£., 669ff£,
Visayan-Eisenbahn 364.
Wabash-Eisenbahn 473, 486, 489, 557 — Wabash- und Erie-Kanal 202
— Wagner, Robert F. 776 — Walden 518 — Walker 206 — Wallace, J. W.
281 — Wanamaker, John 343 — Ward, George Atkinson 35 — Warren-Linie
 496, 498 — Watchorn 726 — Weaver, Senator 257 — Webb, W. H.
98 — Weeden 37 — Weiss, John H. 550 — Weller 374 — West-Branch-Kohlengesellschaft
 348 — Westbrook 478 — Western-Union-Telegraphengesellschaft
 474f., 478, 479, 482, 490 — Westinghouse-Gesellschaft 616f£.,
716, 767f. — Westminster, Herzog von 147, 332 — West-Shore-Eisenbahn
236 — West-Virginia- Zentraleisenbahn 627 — Wetmore, Prosper M. 274,
651 — Wheeler &amp;amp; Co, 418 ff. — Wheeler, Robert Johnstone 766£. — White,
Richter 715 — Whitney, Harry Payne 363 — Whitney, J. A. 661 — Whitney,
 WilliamiC, 37f., 309, 328, 363 — Widener 565 — Williams, John M.
5. 5017 — Williamson, J. A. 634 — Wilson, R. T. 363 — Witherow 714
— Wittgenstein 518 — Wolfe 488 — Wolltrust 778 — Wood, E. N. 747
— Wood, Thomas D. 787 — Woodruff 686 — Wormser, Daniel 288 —
Wright, Caroll D. 177, 323, 568 — Wright, Hendrik B. 257 — Wyck.
C. H. van 282, 375£., 683.
Zentralpacificeisenbahn 216, 516, 518ff. — Zimmer, Johannes 699f. —
Zölle 32f., 49, 85 — Zuckertrust 243, 569£. — Zyklopen-Eisenmühlen 6044£.

Druck der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig
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teller, Geraldine 376 — Rockefeller, John D. 262, 319f., 328, 530,
34, 588, 607, 613ff., 617f£., 678, 733, 734, 741, 742 — Rockefeller,
328, 492 — Rockwell, J. 5. 442f. — Romaine, Benjamin 94f. —
© 136, 160, 219, 242, 347, 582ff., 618, 718, 732 — Root, Elihn 136
Milo A. 675 — Rosser, J. Travis 427 — Rothschild 544, 546, 565,
„,/Rourke, Matthew ]. 134 — Roxburghe, Herzog von 153 — Rum-38
 — Russel, Charles Edward 673 — Russell, T’homas 36 — Rutgers
utland- und Washington-Eisenbahn 369 — Ryan, Thomas F, 6o1f.,
7455 746
‚ Herzog von 484 — Sage, Russell 404, 407, 415ff., 462, 4641., 467,
78£., 482, 494, 500, 501, 512, 513, 524, 603, 642, 647, 658, 678 —
8 — Sangre de Cristo-Terrain 254, 256 — Schell 134, 135, 535£
merhorn 94, 141, 148, 156f., 183, 184 — Schiff, Jacob H. 599 —
706f. — Schlußstein-Brückengesellschaft 691 f., 696, 701, 718 —
18, 23 — Schwab 728ff., 733 — Schwartz, H. H. 220 — Scott,
‚, 709 — Scott, Thomas A, 378, 512, 522, 681ff., 701, 702, 706,
'eligmann, Gebr, 546 — Seymour 293 — Sharp, Jacob 291, 477,
Shearman, Thomas G, 68, 264 — Sherman, John 545, 619, 692,
;hinn, William P. 706, 709 — Sibley, Gouverneur 446 — Sioux-1
 Pacific-Bahn 501 ff.— Simpson, James H. 716 — Sioux-City- und St,
nbahn 457 — Sistare, George K. 134 — Sloan, Samuel 543, 555 —
18f.— Sloo, Albert G. 274— Smith, Darwin 543 — Smith, Alexander
49£. — Smith, Henry N. 395 — Smith, Herbert Knox 735 — Smith,
H. 48 — Smith, Oberst 19f. — Snelling 75 — Snow, Ambrose 286
ard, T. B. 285, 286, 288 — Southern Pacific-Eisenbahn 216, 521 ff.,
.ahr 183, 341, 358 — Sparks 203, 210, 215, 221, 248, 2 50f., 254, 255 —
James 565 — Spooner, Senator 672f. — Städtische Eisenschmiede
Stahltrust 585£f., 691 — Standard-Oil-Company 203, 224, 243,
if., 345, 348, 349, 363, 364, 485£f., 514, 529ff., 545, 575, 578, 587,
17£f., 676ff., 706, 709, 744f. — Stanford, Leland 240, 407, 513££,
an 284 — Stead, W. T. 170 — Steele, Frederick 536 — Steele,
626 — Steenwyck, Cornelius 25 — Stephen, George 649ff. —
Lord Mount 673 — Sterne, Simon 304 — Stetson, Francis 568f.
ıs, Edward A. 497 — Stevens, Simon 535ff. — Steward, John 131,
jewart, A. T. 124 — Stewart, David A. 697, 705 — Stickney 555 —
1a, Lord 673 — Streike 177£., 225, 231, 233f., 268, 322ff., 346f.,
f., 511, 712, 721ff., 760, 774. — Stunton 646 — Süd-Pennsylvanian
 326ff., 550 -— Swartwout, Samuel 46 — Sweeny 136 — Sweet,
418f. — Swinton, William 459 — Szechenyi, Laslo 361.
trust 243, 733 — Taft, Präsident 616, 638, 718, 732 — Taintor,
". 133, 134 — Tammany 623 — "Taylor, Jacob 99 — Taylor,
4, 134, 135, 496 — Taylor-System 769 — Teller, Staatssekretär
, 491 — Tennessee- Kohlen- und Eisengesellschaft 588, 617ff.
inal-Company 551, 576 — Texas-Pacific-Eisenbahn 523, 686 —
„5. W. 13 — Theatertrust 763 — Thomas 612ff. — Thompson,
388, 655, 687, 700, 702f., 705f., 709 — Thorndike, Israel 34. —
428 — Tilden, Samuel ]. 442, 444, 451 — Tiphon 76 — Tobin,

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