55 vor Heuchelei. Er schritt, ein grausamer Gauner, durch die Welt und spähte mit kalten Augen nach Beute, aber er verbarg seine Motive nie unter einer berechneten Miene von Frömmigkeit oder Wohlwollen. Er betrog Tausende über Tausende, denn Geschäft ist Geschäft, aber sich selber betrog er nicht. Seine bitteren Ausfälle gegen das, was er theologischen Blödsinn und Aberglauben nannte, und seine heftige Art, Geistliche abzuweisen, die Geld von ihm wollten, trugen sicherlich nicht wenig dazu bei, ihm den Ruf zu verleihen, in dem er stand. Er kümmerte sich den Teufel um die kirchlichen Drohungen mit gött- lichen Strafen; er lebte in seiner Welt des Handels, wühlte sie um und steckte sich die Taschen voll. Bis zuletzt flammte sein vulkanischer Geist ungebrochen, selbst als er, achtzigjäihrig, mit abgeschnittenem Ohr, mit zerquetschtem Gesicht und ohne Augenlicht dalag, weil er von einem Lastwagen überfahren worden war. Die ganzen achtzig Jahre lang hatte das Mitleid keinen Platz in seinem Herzen. Als er aber im Dezember 1831 starb und sein Testament geöffnet wurde, war das Staunen groß! Alle seine Verwandten bekamen Legate; sogar seine Lehrlinge empfingen je 500 Dollar, seine alten Diener Pen- sionen. Hospitäler, Waisenhäuser und andere mildtätige Ein- richtungen waren bedacht. 500 000 Dollar gingen an die Stadt Philadelphia für öffentliche Bauten; 300 000 Dollar für die Kanäle Pennsylvaniens; ein Teil seines wertvollen Gutes in Louisiana an die Stadt New Orleans zur Ver- schönerung dieser Stadt. Den Rest seines Vermögens, atwa sechs Millionen, bekam ein Kurator zur Errichtung and Ausstattung eines Waisen-Gymnasiums, das denn auch nach ihm benannt wurde. Nun erhob sich ein allgemeines Staunen und Lobpreisen, Wer hatte jemals einen derartigen Gemeinsinn gesehen? Wo gab es eine so hohe Seele, die man so mißverstanden hatte? — Hier und da wurden schwache Proteststimmen laut: Girards Reichtum stamme aus der Allgemeinheit, und es sei nur recht und billig, wenn er wieder an die Allgemeinheit zurückgehe; seine Geschäftsmethoden hätten Witwen und Waisen verursacht, und es sei nur recht und