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        <title>Geschichte der großen amerikanischen Vermögen</title>
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            <forname>Gustavus</forname>
            <surname>Myers</surname>
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            <idno>1895266750</idno>
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        Geschichte der
großen amerikanischer
Vermögen

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GUSTAVUS MYERS

ERSTER BAND

SS FISCHER. VERLAG .BERLIN
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        Gr ame Mrgere
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        Geschichte der großen
amerikanischen Vermögen

VON

GUSTAVUS{MYERS

ERSTER BAND

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S FISCHER . VERLAG. BERLIN
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Ah. 7 2505.

Mit dem Bilde des Verfassers.
Berechtigte Übertragung. Alle Rechte vorbehalten,
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        INHALT
Einleitung ....-

‚. XVII
ERSTER TEIL: DIE VERHÄLTNISSE IN DER NIEDER-
LASSUNGS- UND KOLONIALZEIT

Erstes Kapitel: Die großen Ländereien . .. „3
Die Einführung schwarzer Sklaven 4 — Feudale Schenkungen im
Norden 5— Die Holländisch-W estindische Gesellschaft 6 — Kauf-
leute der Alten Welt werden Feudalaristokraten 8 — Feste Be-
gründung einer Aristokratie I5 — Die Niederdrückung der Ar-
beiter I2.
Zweites Kapitel: Die Macht der Grundherren. . . 13
Die Aufteilung der Kolonien 13 — Die Landbesitzer als die
politischen Regenten 14 — Ein Konflikt zwischen Landmagnaten
und Volk 16 — Wirkungen der Weggabe des Bodens 17 — Der
Versuch einer Güterkonfiskation wird abgeschlagen 19 — Wie die
Herren des Bodens lebten 19 — Das Entstehen der Handelsklasse
21 — Der Zerfall der großen Ländereien 23.
Drittes Kapitel: Der Aufschwung der Handelsklasse 24
Die Grundherren monopolisieren den Handel 24 — Die Methoden
der Händler 26 — Die Knechtung von Arbeitern 28 — Die Fische-
reien Neu-Englands 29 -— Gewalt wider Gewalt 31 — Die Tak-
tik der britischen Händler 32.

Viertes Kapitel: Die Reedervermögen. ...... 33
Kaperschiffe 34. — Ein Blick auf andere Reedervermögen 36 —
Der magere Anteil der Arbeiter 239.
Fünftes Kapitel: Die Reeder und ihre Zeit... . 39
Handel und Betrug 40 — Kaufleute als Stützen der Gesell-
schaft 4x — Der Besitz regiert 42 — Strenge Gesetze gegen die
Armen 43 — Gesetzliche Milde gegen die Großhändler 44 —Straten
        <pb n="13" />
        — VIII —
für die Armen 45 — Meister und Lehrling 47 — Die ungeheure
Begünstigung der Reeder 48 — Gegen die Arbeiter sind die Be-
sitzenden einig 49.
Sechstes Kapitel: Girard, der Reichste der Reeder . 50
Wie er seine Schiffe baute 51 — Bestechung und Einschüchterung
53 — Der einsame Krösus 54 — Der große Wohltäter 56 — Ein
schneidender Kontrast zu den großen Reichtümern 56.

ZWEITER TEIL: DIE GROSSEN LANDVERMÖGEN

Erstes Kapitel: Der Ursprung des großen Grundbesit-
zes in den Städten. . . .- .... 61
Die feudalen Grundherren schwinden dahin 61 — Die feudale
Abhängigkeit wird abgeschafft 62 — Die neue Aristokratie 64 —
Städtischer Grundbesitz als Hauptfaktor 65 — Der unver-
wundbare Grundbesitz 66 — Eine ergiebige Hecke des Reich-
tums 67 — Große Reichtümer aus Grundbesitz 68.

Zweites Kapitel: Der Anfang des Astor-Vermögens . 70
Astors erste Laufbahn 7x — Seine Geschäftsmethoden 72 —
Monopole auf Grund von Gewalt 73 — Wie man die Indianer
betrunken machte 74 — Gesetzesverletzung 76 — Die Profit-
macherei und‘ ihre Folgen 82 — Eine lange Liste von Gewalt-
taten 84 — Astors enormer Verdienst 85.
Drittes Kapitel: Das Anwachsen des Astor-Vermögens 87
Astor ist über das Gesetz erhaben 87 — Astors Monopole 88 —
Astor ist keine Ausnahme 89 — Eine bekannte Bodentransaktion
or — Die öffentliche Empörung über Astors Ansprüche 92 —
Unlautere Bewilligungen städtischen Bodens 94 — Die Stadt
schafft Großgrundbesitzer 96 — An den Betrügereien nehmen
viele teil 98 — Plünderung, Profite und Grundbesitz 100 —
Das Unglück anderer Astors Gewinn 102.
Viertes Kapitel: Seitenzweige des Astor-Vermögens . 103
Die Banken und ihre Macht 104 — Gerichte und Verfassung 106
— Der Bankschwindel beginnt 106 — Bestechung nur dem Namen
nach ein Verbrechen 109 — Astors Bankunternehmungen 109 —
Papiergeld 112 — Was die Arbeiter als Lohn bekamen 112 — Die
Panik von 1837 113 — Allgemeines Elend 114.
        <pb n="14" />
        1
Fünftes Kapitel: Die Weiterentwicklung des Astor-
Vermögens . 0.0.0000. + ++ „4 + 115
Astors Reichtum vervielfacht sich 116 — Die Steuerdrückerei
der Grundbesitzer 118 — Die edle Kunst des Defraudierens TI8
— Wie die öffentliche Meinung gemacht wurde 120 — Korrup-
tion bei den Wahlen ı121 — Politische Unterwürfigkeit 123 —
Astor wird der reichste Mann Amerikas 123 — Astoörs Riesen-
reichtum 124 — Der Tod Fohn Facob Astors 125.

Sechstes Kapitel: Die fernere Gestaltung des Astor-
Vermögens .. 0.0.0.0) 004 ‚404 4 4 127
William B. Astors Zeit 128 — Die herrschende Korruption 129
— Bestechung und Geschäft 131 — Bewilligungen von W asser-
grundstücken durch Tweed 132 — Man profitiert von gigantischen
Diebstählen 134 — Mieten aus Krankheit und Tod 136 — Hu-
manität spielt keine Rolle 137 — Ein erhabener Kapitalist 140
— Verwandtschaftlicher Reichtum 14x — Große Steuerhinter-
ziehungen 142 — Die Gestaltung des Astor-Vermögens 143 —
Ein Rieseneinkommen 144 — Die Paläste der Astors 145 —
Die Nachbarschaft dieser Paläste 146.

Siebentes Kapitel: Andere Landvermögen . .. . . 147
Das Goeletvermögen 147 — Einst eine Farm; jetzt wertvoller
Grundbesitz 149 — Millionenschwere Geizhälse 150 — Die
dritte Generation 152 — Wie die Überschüsse angelegt wurden
153 — Die Rhinelanders 155 — Die Schermerhorns 156 — Wie
Longworth anfing 157 — Seine Schrullen z59 — Marshall Field
und Leiter 161 — Fields Besitzungen 162.
Achtes Kapitel: Überblick über das Fieldvermögen . 163
Grund und Boden fast umsonst 164 — Ein Viertelmorgen eine
Million wert 165 — Fields Bodenbesitz 166 — Field verdient
500 bis 700 Dollar die Stunde 167 — Die Hungerlöhne der An-
gestellten 168 — Lieber in Schande als in Sklaverei 170 — Field
bonzentriert alle Profite auf sich 1971.
Neuntes Kapitel: Weiteres vom Field-Vermögen . . 174
Die Pullmanwerke Fields 174 — Eine „Musterstadt‘“ 175 — Die
Angestellten Pullmans streiken 177 — Hohe Profite und niedrige
Löhne 179 — „Ein Muster von kaufmännischer Redlichkeit‘“ 181
— Field stiehlt Millionen an Steuern 181 — Meineid und Steuer-
hinterziehung sind durchaus üblich 182 — 140 Millionen für
zwei Knaben 185.
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        X

DRITTER TEIL: DIE GROSSEN VERMÖGEN AUS EISEN-
BAHNEN
Erstes Kapitel: Das geringe Anwachsen des Fabrik-
kapitals ....00.00.000000000 004. 400 4 4. IOI
Die Macht der Eisenbahnbesitzer 192 — Die Legalisierung der
Intrigen 193 — Landgesetze gegen die Armen 194 — Erwerb
umfangreicher Gebiete durch Bestechung 195 — Die große Aus-
dehnung des Bodenschwindels 198 — Beeinflussung der Regie-
rung 200 — Subventionen der Kanalgesellschaften 201 — Be-
trügerische Erlangung der Schenkungen 203 — Eine Periode der
Bestechungen 206 — Die Ohnmacht des Volkes 207 — Steuer-
hinterziehungen 208 — Große Landdiebstähle 2120 — Ein aus-
gedehntes Raubsystem 212 — Das „Barverkaufs‘“-Gesetz 214 —
Das Landaustauschgesetz 216 — Fortgabe der Kohlenterrains 219
— Weitere bestimmende Faktoren 221.

Zweites Kapitel: Ein notwendiger Kontrast . . . . 222
Die Vorherrschaft der Besitzinteressen 223 — Die Lage der
Nichtbesitzenden 224 — Die Übermacht der Arbeitgeber 226 —
Eine unaufhörliche Fehde 227 — Der Kampf der Arbeiter um
bessere Lebensbedingungen 228 — Die Taktik der Kapitalisten
230 — Die Anwendung der Miliz gegen die Arbeiter 233 — Das
Werben um die Stimmen der Arbeiter 235 — Die Basis der
politischen Parteien 236 — Reichtum und direkte Machtstellung
239 — Der Mittelstand 24x51 — Die Truste und die Arbeitslosen
242 — Die Lage der ackerbautreibenden Bevölkerung 244 —
Die Methoden der Großgrundbesitzer 246 — Okkupierung rie-
siger Areale durch betrügerische Manipulationen 247 — Aus-
schließung der wirklichen Ansiedler vom Staatsland 250 — Die
riesigen privaten Bodenschwindeleien 251 — Fälschungen, Mein-
ide und betrügerische Vermessungen 254 — Vermehrung der
Farmpachtungen 258 — Ein enteignetes Volk 260.
Drittes Kapitel: Die Anfänge des Vanderbiltschen Ver-
mögens . .... WW u + 261
Neunzig Millionen in fünfzehn Fahren 261 — Ein Vermögen
von 700 Millionen Dollar 264 — Große und mächtige Potentaten
265 — Die Jugend des Begründers 266 — Vernichtung der Kon-
kurrenten 268 — Ein kommerzieller Freibeuter 2609 — Erpressung
und gemeiner Diebstahl 270 — Die Beamtenbestechung 291 —
Vanderbilts riesiger Beuteanteil 272 — Die Bestätigung der Er-
pressung 275 — Das Ende’ von Vanderbilts Reederlaufbahn 278.
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        vn
x.

Viertes Kapitel: Entwicklung des Vanderbilt-Vermögens 279
Der Ausweg 280 — Die Plünderung während des Brügerkrieges
281 — Vanderbilts Methoden während des Krieges 284 — Aus
Gewinnsucht begangene Schändlichkeiten 286 — Die Betrügereien
bleiben ungestraft 287 — Die Geschichte einer Konzession 289 —
Vanderbilt bekommt eine Eisenbahn 291 — Überlistung der Stadt-
räte 292 — V anderbilt beschlagnahmt eine zweite Eisenbahn 294
— List gegen List 295 — Erwerb durch Ruinierung 297.

Fünftes Kapitel: Das Vanderbiltsche Vermögen ver-
vielfacht sich ....0.00000.00.0.0. 4 0 4 + 299
Gould betrügt Vanderbilt 300 — Eine neue Konsolidierung ge-
plant 307 — Aufruhr unter der gewerbetreibenden Klasse 303 —
Ein legalisierter Diebstahl von vierundvierzig Millionen Dollar
303 — Ankauf weiterer Bahnlinien 305 — Staatsgelder für pri-
yate Zwecke 306 — Die Verfügungen der „Reform“ 308— V ander-
bilts Hauptstütze 310 — Die Predigten der „oberen Klassen“ 31T.

Sechstes Kapitel: Das Erbe ... ; « « = 312
Vanderbilts Charakteristik 313 — Der Tod des alten Magnaten
3175 — Die Persönlichkeit der Haupterben 317 — Die Gründung
des ersten Trusts 319 — Die Gesellschaften und die Arbeiter-
organisationen 320 — Der große Streik von 1877 322 — Das
ergaunerte Geld kommt zu Ansehen 324 — Der Ankauf weiterer
Eisenbahnen 326 — Das „Ehrenwort eines Gentlemans“ 327 —
Vanderbilt beginnt eine glänzende Lebensführung 3290 — Ein
plötzlicher Umschwung 330 — „Das verdammte Volk“ 3315 —
Hundert Millionen Dollar in sieben Fahren neu erworben 332 —
Vanderbilts Tod ein bemerkenswertes Ereignis 334 — Die Steuer-
hinterziehungen 334— Testamentarische Verfügung über 200 Mil-
HKonen Dollar 335.
Siebentes Kapitel: Das Vanderbiltsche Vermögen in der
heutigen Generation ...... ; +. 336
Neuerwerb von Bahnen und Kohlengruben 337 — Die Methode
342 — Die Herrschaft über die Kohlengruben‘ 345 — Die
Braunkohlenlager‘ werden ebenfalls okkupiert 347 — Die unge-
beuren Gewinne an den Kohlengruben 348.
Achtes Kapitel: Weitere Seiten des Vanderbiltschen
73 Vermögens + 00.000000 0 RR Hk 4 + 350
Ein Areal im Werte von acht Millionen Dollar beschlagnahmt 351
        <pb n="17" />
        — XII —
— Öffentliche Besteuerung als Ersatz für privates Kapital 353
— Eine Menge weiterer Erwerbungen 354 — Die V anderbilts wer-
den Besitzer der Boston- und Albany-Eisenbahn 357 — Die Re-
gierung ein Werkzeug der Tyrannei 358 — Zehn Millionen für
einen Herzogstitel 361 — Die Mannigfaltigkeit der V anderbiltschen
Besitzungen 363 — Die aufgewandte Geschicklichkeit 365.
Neuntes Kapitel: Entstehung des Gould-Vermögens . 366
Jay Goulds Kindheit 367 — Gould tritt in die Gerbindustrie
sin 368 — Kauf von Eisenbahnobligationen mit dem gestoblenen
Gelde 369 — Die Lehren der Umgebung 370 — Betrug im ganzen
Geschäftsleben 372 — Der Erfolg ist alles 373 — Die geachte-
ten Betrüger 375 — Patriotismus zu fünfzig Prozent 380.
Zehntes Kapitel: Die zweite Epoche des Gouldschen
Vermögens . 0000000000000 + 4 381
Die private Konfiszierung der Erie-Eisenbahn 38x — Der Spe-
kulant Drew wird Direktor 382 — Vanderbilt verdrängt Drew
und setzt ihn dann wieder ein 383 — Drew, Gould und Fisk
betrügen Vanderbilt 384 — Gould und seine Partner flüchten
mit Millionen 386 — Gould besticht das Parlament mit 500 000
Dollar 387 — Gould und Fisk ruinieren Drew 390 — Verein-
barungen mit korrupten Politikern und Richtern 391 — Goulds
Direktoren bestochen 393 — Neue Parlamentsbestechungen 394 —
Goulds direkte Eriebahn-Diebstähle betrugen zwölf Millionen Dol-
lar 394 — Eine außerordentliche „Rückerstattung“ 395.

Elftes Kapitel: Ständiges Wachsen des Gould -Vermögens 397
Gould besticht die Regierungsbeamten 398 — Gould betrügt seine
Pariner 399 — Der denkwürdige „Schwarze Freitag“ 402 —
Die Union-Pacific-Bahn 404 — Große Bestechung und enorme
Diebstähle 408 — Die Bestechung wird beständig fortgesetzt 400
— Jay Gould springt ein 41T.

VIERTER TEIL: GROSSE VERMÖGEN DER INDUSTRIE
Erstes Kapitel: Eine Einschaltung über Sage . . . . 415
Sages großer Fehler 415 — Der Beginn der Laufbahn 417 —
Sage und seine Teilhaber ersinnen einen Betrug 418 — Sage
betrügt seine Teilhaber 420 — Wie Sage seinen ersten großen
Reichtum zusammenraffte 422 — Eine betrogene und geplünderte
Stadt 424 — Eine kleine Gratifikation von acht Millionen Dollar
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        — XI —

425 — Unbeschränkte Betrügereien und Bestechungen 427 —
Die unternehmenden Fabrikbesitzer 428 — Ein Seitenblick auf
ginen berühmten Philanthropen 430 — Der Gardiner-Mears-
Schwindel 43r — Die Bestechung eines ganzen Staates 434 —
800 000 Dollar für Bestechungen, um eine Vorlage durchzu-
bringen 436 — Betrügerische und räuberische Taten obnegleichen
438 — Betrügerische Obligationen und betrügerischer Verkauf 440
— Ein allgemeiner und nach allen Seiten ausgedehnter Betrug 441.
Zweites Kapitel: Weitere Einzelheiten über das Vermö-
gen von Sage 2.0 .000000000.0 0 4 4 444
Geschenke von vierzehn Millionen Morgen 445 — Bis zum
Bankrott ausgeraubt 448 — Ungeheuer große Unterstützungs-
gelder gestohlen 450 — Holländische Kapitalisten betrogen 452 —
Anrufung der Gerichte 454 — Die gesetzgebenden Körperschaften
erwachen 455 — Gestohlene Millionen auf Wucher ausgeliehen
457 — Die Pacific-Postsubsidien 4590 — Eine Million Dollar
für Bestechungen 460.
Drittes Kapitel: Noch einmal Goulds Vermögen . . 462
Die Beraubung ganzer Eisenbahnnetze 462 — Erpressung und
Raub 463 — Vierzig Millionen Dollar als Goulds Anteil 465 —
Gerichtliches Possenspiel 466 — Ein ganzer Schweif von Beste-
chungen 468 — Diebstahl großer Kohlengebiete 470 — Goulds
Texas-Pacific-Unternehmen 471 — Weitere eingeheimste Eisen-
bahnsysteme 472 — V anderbilt ausgeräubert und ausgestochen 474
— Die Geldaristokratie und Gould 475 — Gould streicht Hoch-
bahnen ein 476 — Field wird hinausgeworfen 4978.

Viertes Kapitel: Der gegenwärtige Stand des Gould-
schen Vermögens . ..... » 404 + 479
Diebstahl durch Macht und Glanz belohnt 481 — Fay Goulds
Tod 482 — Der Kampf um die weitere Existenz 484 — Die
aufsteigende Autokratie 485 — Selbst zugefügter Brandschaden
und ein Raub von vier Millionen Dollar 487 — Ein Krieg der
Multimillionäre 480.
Fünftes Kapitel: Das Vermögen von Blair und Garrett 493
Eine Nachforschung über Blairs Laufbahn 493 — Blair als Er-
bauer von Eisenbahnen 495 — Anklagen auf Diebstahl und Miß-
brauch amtlicher Stellung 498 — Blairs Eisenbahnen im Westen
499 — Die Betrügereien bei der Sioux City- und Pacific-Eisen-
bahn 501 — Ein kleiner Diebstahl von vier Millionen Dollar 502
        <pb n="19" />
        os XIV —
— Noch eine geplünderte Eisenbahn 503 — Bestechung des
Kongresses 504. — Bestechung durch Geld und auf andere Weise
506 — Philanthropie und Taten einander gegenübergestellt 507
— Die Baltimore- und Ohio-Eisenbahn auf öffentliche Kosten
gebaut 508 — Garrett und Hopkins gelangen zur Herrschaft
509 — Zerstörung der Konkurrenz durch den Kanal 510 —
Hopkins wird Philanthrop 51T.

Sechstes Kapitel: Das Pacific-Quartett .... . . 512
Die Zusammenarbeit von vier Männern 513 — Beginn mit ge-
ringem Kapital 515 — Erlangung von Gesetzen 517 — Ein
Diebstahl von fünfzig Millionen Dollar 520 — Grobe Bestechung
des Kongresses 525 — Zusammenfassung der Räubereien 524 —
Stanford im Senat der Vereinigten Staaten 526 —Sie werden Aristo-
kraten 528 — Die Linien werden von Harriman übernommen 529.
Siebentes Kapitel: Das Werden J. Pierpont Morgans 529
Morgans vorzüglicher Ruf 530 — Nicht ganz ein „Selfmademan‘“
530 — Die Laufbahn des V’aters 531 — Der Sohn 533 — Mor-
gans erster Geschäftsstreich 535 — Eine große Skandalaffäre der
Zeit 536 — Gerichtshöte veranlassen die Regierung, zu zahlen 539.

Achtes Kapitel: Das Aufblühen von Morgans Vermögen 540
Beide Parteien des Betruges angeklagt 542 — Gesetzgebung zur
Begünstigung des Raubes 544 — Die große Obligationenausgabe
des Jahres 1877 546 — Morgan und William H. Vanderbilt 548
— Große Magnaten unterwerfen sich ihm 550 — Wiederhol te
Anklagen wegen Betrugs 551.
Neuntes Kapitel: Morgan als Bank- und Eisenbahnkönig 552
Eine historische Zusammenkunft in Morgans Haus 553 — AU-
mähliches Zugrunderichten der Mittelklasse 554 — Morgan leitet
die Sache 555 — Morgan erläßt ein Ultimatum 556 — Was W all-
street über Morgan dachte 558 — Morgan tritt als Kohblenmagnat
in den Vordergrund 560 — Übertragung großer Eisenbahnnetze
563 — „Plündern“ der Regierung 564 — Ein Achtzehn- Mil-
Konen-Geschenk 566 — Nichts tür die Arbeitslosen 568.
Zehntes Kapitel: Morgan der „unvergleichliche Führer
der Industrie“ . ... ; « u » ‚560
Die Plutokratie in voller Macht 570 — Das unfehlbare Rezept,
Geld zu machen 572 — Gehindert durch einen größeren Magnaten
574 — Eine Verkettung von Folgeerscheinungen 576 — Ein
        <pb n="20" />
        — XV _
Kampf der Magnaten 577 — Durch den Streit der Magnaten her-
vorgerufene Panik 578 —V öllige Straflosigkeit für die Magnaten 58T.

Elftes Kapitel: Morgan auf der Höhe ...... 581
Beherrschung von 55000 Meilen Eisenbahn 584 — Morgans
Organisation des Stahltrusts 585 — Konflikt mit Carnegie 586
— Ein in allen Teilen vollkommener Trust 587 — Mehr als
eine halbe Milliarde verwässerter Aktien 588 — Morgans er-
staunlich hohe Provision 589 — Vierzig Millionen Aktiengewinn
innerhalb eines Fahres 590 — Die großen Betrügereien bei
Versicherungsgesellschaften 592 — Streit um die Beute 594 —
Dunkle Tage für Ehrbarkeit 599 — Die Magnaten entgehen dem
Gesetz 601 — Stahltrust und Stahlarbeiter 603.
Zwölftes Kapitel: Morgan als „Retter der Nation“ . 607
Wie die kleinen Magnaten ihre Millionen erwerben 6x0 — Mil-
Konen aus Leid, Krankheit und Tod 611 — Die großen Magna-
ten liegen auf der Lauer 613 — Der Stahltrust verschlingt einen
gefährlichen Konkurrenten 617 — Keine Hilfe für die Arbeits-
losen 620 — Eine noch zu verfolgende Laufbahn 621.
Dreizehntes Kapitel: Das Elkinssche Vermögen, . . 627
West-Virginia ist Elkins’ Gebiet 627 — Die Regierung erhebt
Anklage auf Betrug 630 — Die Entscheidung des obersten Ge-
richtshofs 632 — Oberlandesvermesser Julian legt den Fall dar
635— Elkins wird offiziell zum ebrenwerten Mann gestempelt 638.
Vierzehntes Kapitel: Das Vermögen Hills... .. 641
Hills enormes Vermögen 642 — Wie der Nordwesten besiedelt
wurde 643 — Die kolossalen Holzdiebstähle 645 — Bestechung
von Beamten 646 — Die Geschichte einer von Hill erworbenen
Eisenbahn 647 — Hill beginnt, wo Sage aufhört 647 — Das
Verfahren, durch welches die Herrschaft erlangt wurde 648 —
Hill und seine Clique erlangen die Eisenbahn 649 — Vorteil-
hafter Kauf 650 — Der behördliche Verwalter schwört, daß er
im geheimen Einvernehmen war 651 — Der Gerichtshof bestätigt
im wesentlichen die Beschuldigungen 652 — F. arley besteht auf
seinen Beuteanteil 653 — Hill und seine Partner werden große
Würdenträger 656 — Gewaltsame Y ertreibung von Ansiedlern in
Dakota 658 — Hills Eisenerzlager 660 — Die N orthern-Pacific-
Eisenbahn 662 — Große Diebstähle von Mineralgebieten 664. —
Harriman und die Standard-Oil Company 676.
        <pb n="21" />
        XVI —
Fünfzehntes Kapitel: Das Carnegie-Vermögen . . . 677
Der große Philanthrop 677 — Die Laufbahn 680 — Carnegies
Kompagnons 688 — Carnegie und die Arbeiter 710 — Die
Erfinder 714 — Carnegies politischer Einfluß 717 — Die Ver-
nichtung der Arbeitervereinigung 719 — Homestead als Festung
720 — Pinkertons bewaffnete Mietlinge 725 — Das Gemetzel
bei Homestead 721 — Carnegie versucht, die Verantwortung
von sich abzuwälzen 723 — Unfälle in Carnegies Werken 724
— Die Panzerplattenskandale 726 — Carnegies „Patriotismus‘“
728 — Carnegie begünstigt die Betrüger 729 — Die Ara des
Aufsaugens 730 — Die Gründung der Carnegie-Gesellschaft 731
— Ein drohender Konkurrenzkrieg 732 — Carnegie und Frick
veruneinigen sich 734 — Carnegie schröpft Morgan 734 —
Carnegie erpreßt 447 Millionen Dollar 735 — Hundert Millionen
Dollar, die Carnegie sich entgehen läßt 736 — Garnegies Philan-
throdien 737 — Die Lage der Stahlarbeiter 739.

Sechzehntes Kapitel: Das amerikanische Proletariat . 744

Die unbeschränkte Herrschaft über den Reichtum 745 — F. Pier-
pont Morgans Diktatur 745 — Der heilig gesprochene Kapitalis-
mus 747 — Das ländliche Proletariat 749 — Mehbr als ein Drittel
Pächter 750 — Das verhältnismäßig ungeheuer große verpachtete
Gebiet 756 — Ein ständiges ländliches Proletariat 753 — Pächter-
vereine 755 — Die Landarbeiter 756 — M aschinelle landwirt-
schaftliche Hilfsmittel 756 — Sämänner der Unzufriedenheit
758 — Das Aufhören der ländlichen Ahgeschlossenheit 759 —
Das harte Los der Holzarbeiter 760 — Die Resultate wechseln-
der Beschäftigungen 762 — Das gebildete Proletariat 763 —
Das gewerbliche Proletariat 766 — Das „Schnelligkeitssystem“
770 — Elender Zustand der Arheiter 771 — Das Geldstrafen-
und Schuldsystem 772 — Die Wollindustrien 773 — Die Löhne
der Kleidermacher und anderer Arbeiter 776 — Die Schrecken
des Gewerbesystems 775 — Zustände in den Bergwerksgebieten
779 — Das Hinoptern der Koblengräber 782 — Verkehrs- und
andere Arbeiter 788 — Menschenverwüstung im Eisenbahndienst
785 — Eine Zusammenfassung der bestehenden Verhältnisse 786
— Schlußbetrachtung 788.
Sachregister

793
        <pb n="22" />
        EINLEITUNG

A% eingehende Schilderungen des fabelhaften ameri-
kanischen Reichtums und seiner Anhäufung bei ein-
zelnen Familien und Personen stoßen wir auch in der deut-
schen Literatur und Tagespresse recht häufig. Scheidet einer
der namhaftesten Yankeemilliardäre aus dem Leben, so
werden wir jedesmal über Einzelheiten seines Lebensganges,
über die Schätzungen seines Vermögens und Einkommens,
die soziale und wirtschaftliche Rangstellung seiner Erben
auf das genaueste unterrichtet: genauer wie über die Schick-
sale und Gepflogenheiten manches Herrscherhauses bei
uns daheim oder in unsrer Nähe. Sonst unnahbare aristo-
kratische Kreise, erst Frankreichs, dann Englands, mehr
und mehr auch Deutschlands lernten die belebende, ge-
brestenheilende Kraft dieser überseeischen Goldjungbrun-
nen längst überaus zutreffend bewerten, und manchem
tüchtigen diplomatischen Vertreter von europäischen Groß-
staaten und Staaten — von bloßen Figuranten und Lücken-
büßern ganz abgesehen — hat die Dollarprinzessin die Bahn
zu einer weniger beengten, großzügigeren Betätigung auf
den Höhen der Gesellschaft und der Politik erst erschlossen.
Vielsagende Listen sensationeller Verbindungen zwischen
jüngstem neuweltlichen Geldadel und ältesten europäischen
Adelsgeschlechtern werden regelmäßig von Zeit zu Zeit
bekanntgegeben.

Dabei fiel seit jeher mancher zweiflerische Seitenblick
auf diese auffälligsten Blüten des amerikanischen Wirt-
schaftslebens. Spott und Entrüstung haben für die äußer-
lich gleißende, innerlich oft unfertig hohle Scheinkultur
        <pb n="23" />
        -- XVII —
und die zweifelhafte Vergangenheit dieser Emporkömm-
linge niemals gefehlt. Mit einem Gemisch von Staunen
und Abscheu lesen wir die endlos sich wiederholenden Be-
richte über die erschreckende Gewissenlosigkeit ihrer ge-
schäftlichen Machenschaften, über die schonungslosen, bis
zum Verbrecherischen rohen Kämpfe der Spekulantenringe
untereinander und gegen die Massen der Schwächeren,
über die unerträglichen Ausschreitungen der Truste, die
schamlose Vergiftung der Wahlen, der Gesetzgebung und
Verwaltung, im Bunde wie in den Einzelstaaten und Ge-
meinden, durch den zersetzenden Einfluß der „großen
Interessen‘: von übermächtigen Bahnsystemen und städ-
tischen Verkehrs- und Versorgungsgesellschaften, von liebes-
gabenhungrigen Industrien und Großindustriellen, von
beutelüsternen Finanzhäuptlingen und einzelnen über-
ragenden Finanzkönigen. Das non olet! dürfte unsre öffent-
liche Meinung deshalb am allerwenigsten jenem Gelde
zuzusprechen geneigt sein, wie es sich bei den Spitzen der
Dollarokratie angesammelt hat.

Können wir also über einen Mangel an Einzelmitteilun-
gen und Einzeleindrücken auf diesem Gebiete wahrlich
nicht klagen, so fehlt es trotzdem ah zusammenfassenderen
Darstellungen, die einerseits ein unbefangener abwägendes
Gesamturteil ermöglichen, andrerseits die außerordent-
liche allgemeine Reichtumsbildung und die noch unge-
wöhnlicheren Einzelauswüchse in ihrem Zusammenhange
mit den Besonderheiten der amerikanischen Wirtschafts-
entwicklung klarlegen. Das ist um so überraschender, weil
gerade die letzte Aufgabe eine ungemein lehrreiche und
fesselnde Ausbeute verspricht. Denn sowie man dem Ge-
genstand nur halbwegs näher rückt, fühlt man seine Be-
dingtheit durch die eigenartige neuweltliche Wirtschafts-
grundlage ohne weiteres heraus, wenn sich auch nicht
gleich die schärferen Umrisse von‘ Ursache und Wirkung
enthüllen. Und ferner spürt man sehr bald, abermals in
Verbindung mit den tieferen, in den Vereinigten Staaten
rasend raschen Wirtschaftsumwälzungen: wie bestimmte
Reichtumsformen neben- und nacheinander aufkeimen und
sich entfalten, wie einzelne dieser Formen für frühere oder
        <pb n="24" />
        — XIX —
spätere geschichtliche Entwicklungsstufen in erster Linie
kennzeichnend sind, bis schließlich das allermodernste Fi-
nanzkapital (Wallstreet, wie es der Amerikaner gern kurz
ausdrückt) alle älteren und jüngeren Reichtumsarten und
kapitalistischen Sondergruppen in sich vereinigt oder, durch
seinen einheitlichen Willen maßgebend, bis zum Verzicht
auf ihre frühere Selbständigkeit, beeinflußt. In den Blüten
and Kronen erkennen wir das nährende Erdreich wieder,
und geschichtlich sich folgende Erdschichten sind durch
stufenweise sich verdrängende und ablösende Pflanzen-
ırten charakterisiert.

Die hervorragendste publizistische Leistung in der er-
wähnten Richtung bedeutet bisher wohl das weitangelegte
Werk von Gustavus Myers, History of the great American
fortunes, das im folgenden durch eine Übersetzung erst-
mals breiteren deutschen Leserkreisen zugänglich gemacht
wird. Der Verfasser schrieb vor reichlich einem Jahrzehnt
eine vielbeachtete, grundlegende Geschichte von 'Tam-
manyhall, dem verrufenen demokratischen Korruptions-
herd für die Stadt und den Staat New York, und der leiden-
schaftlich anklagende, mit allen dunklen Seiten des ameri-
kanischen öffentlichen Lebens vertraute Parteimann ver-
leugnet sich in seinem letzten Werk gleichfalls nicht. Den-
noch ist es eine Fundgrube für zweifelsfrei feststehende
Tatsachen, obwohl sie mitunter unerhört und unglaublich
erscheinen. Zugleich ist es ein politisches Dokument, denn
die Auffassung Myers’ über das vergangene Werden und
das gegenwärtige Wirken der sichtbarsten Riesenvermögen
wird selbst da, wo sie uns einseitig übertrieben vorkommen
mag, in allen ihren Wesenszügen seitens vieler Hundert-
tausender von Farmern, Kleinbürgern und Arbeitern ge-
teilt und in erregten Protesten und Wahlen, in kommunal-,
Staats- und bundespolitischen Reformbewegungen und Agi-
tationen immer von neuem zu mitunter recht stürmischem
und bedrohlichem Ausdruck gebracht. Selbst wo man die
Tatsachen in anderer Beleuchtung und Verkettung er-
blicken kann, behält somit das Werk seinen Wert als Aus-
druck weitverbreiteter Stimmungen und argwöhnischer Be-
fürchtungen, nicht nur unter den radikalen Sozialisten,

Il
        <pb n="25" />
        XXX —
zu deren Grundanschauungen sich der Verfasser bekennt.
Dazu eröffnet die gut herausgearbeitete Unterscheidung
der verschiedenen Wirtschaftsstufen und der dafür charak-
teristischen wechselnden Reichtumsarten manchen tieferen
wirtschaftsgeschichtlichen Einblick,

Um zum Lesen anzuregen und einen Überblick über das
mit sensationellem Tatsachenstoff fast überladene Ganze
zu erleichtern, seien dem Buche einige orientierende Aus-
führungen vorangeschickt.

Neue Welt und Neuland: in diesem letzten Unterschied
von den unvergleichlich konsolidierteren, ruhiger und ste-
tiger sich verändernden Verhältnissen Alteuropas wurzeln,
bis nahe heran an die allerjüngste Gegenwart, noch immer
die meisten Überraschungen, die den Vereinigten Staaten
bisher eigen waren, beruhen vor allem die verblüffenden,
gleichsam aus dem Nichts entspringenden Reichtumsbil-
dungen.

Am Anfange seiner wirklichen Kulturgeschichte, das
heißt am Beginn der umfassenderen Europäersiedlung, war
ganz Nordamerika noch ein unangebrochenes, weltabge-
schiedenes Riesengebiet, das, zum Teil zwar dichter von
Bauern- und Bürgerdemokratien besetzt, vielfach jedoch
an Günstlinge der Höfe und Regierungen und an Kolonial-
gesellschaften in ungeheuren Strecken weggeschenkt wurde:
„von einem Meere bis zum andern“, wie es nicht selten
in den ursprünglichen Freibriefen und Schenkungsurkunden
hieß, die also die erste größere Festsetzung an der Europa
zugekehrten Küste sofort durch den ganzen Kontinent
hindurch eigentumswirksam sein ließen. Was zunächst
nur eine leere Formel und ein nichtssagendes Versprechen
schien, gewann durch die ungeahnte tatsächliche Entwick-
lung, trotz allen zahlreichen späteren rechtlichen Einschrän-
kungen, einen wirtschaftlichen Wertinhalt, mit dem der
übliche und selbst der außerordentlichste Wohlstand sowohl
daheim wie in den angrenzenden demokratischen Kolonial-
gemeinwesen keinen Vergleich mehr wagen konnte. Mit
jedem weiteren Vordringen in das Innere wiederholte sich
        <pb n="26" />
        XXI —
jedoch jedesmal ein ganz ähnlicher Verlauf. \Schier unend-
liche Landstriche konnte, vor wie nach dem Bürgerkrieg,
jeder wagemutige oder verschlagene Privatmann für einen
Pappenstiel erwerben. Oder sie wurden den ersten Eisen-
bahngesellschaften und — ständig weiter westwärts, schließ-
lich bis zum Stillen Meere fortschreitend — von Jahrzehnt
zu Jahrzehnt immer neuen Bahngesellschaften oder ähn-
lichen Korporationen und im Vordergrund stehenden Groß-
kapitalisten abermals an den Hals geworfen. ; Diese miß-
achteten Ländereien und sonstigen Besitzrechte schnellten
jedoch unter der westwärts und südwestwärts, besonders
seit dem Bürgerkrieg geradezu sturmhaft vorstoßenden
Entschleierung und Besiedelung des Erdteils immer wieder
zu blendend hohen Werten empor und warfen den Günst-
lingen dieser Entwicklung immer neue Riesengewinne in
den Schoß. ? Auch wir in der alten Welt sehen ruckweise
sine außergewöhnlichere: Wirtschaftsumwälzung unvorher-
gesehene Reichtumssteigerungen erzeugen. In manchen
Bezirken, die ausnahmsweise rasch aus dem üblichen lang-
sam-gemächlichen Wachstum in den Vollstrom irgend-
einer plötzlichen Wirtschaftsentfaltung hineingleiten, er-
leben wir in zwerghaftem Zuschnitt zuweilen manches,
was wir einen „förmlich amerikanischen Aufschwung“ zu
nennen belieben. Aber im großen und ganzen setzen wir
bei unserer Kapitalsakkumulation langsam und mühsam
Stein auf Stein, reihen wir allmählich Haus an Haus und
Straße an Straße, während in der wirklichen neuen Welt,
alle früheren Phantasievorstellungen und alle heutigen
europäischen Durchschnittserfahrungen überholend, ganze
Städte und reiche Staaten wie über Nacht aus der wertleeren
Einöde emporschießen. Würden unter der heutigen Wirt-
schaftsordnung diese unbegrenzten neuentstandenen und
in ununterbrochenem Fluß ewig neuentstehenden Wert-
massen überall begünstigten Einzelnen oder ihren orga-
nisierten Verbindungen, den Aktiengesellschaften und ande-
ren Korporationen, in erster Linie zufallen, so gilt dies
erst recht unter den eigenartigen amerikanischen Vor-
aussetzungen, die dem großkapitalistischen Individuum oder
den großkapitalistischen Verbänden seit jeher eine unbe-
        <pb n="27" />
        — XXIII —
schränkte Vorzugsstellung einräumten, weil hier die lange
vorherrschende Geistesrichtung wenig oder gar nichts von
der Staatsgewalt, um so mehr jedoch von der persönlichen
Initiative findiger und geschäftskundiger Kapitalbesitzer
erhoffte und ihnen deshalb jederzeit entsprechend groß-
mütig-verschwenderisch entgegenkam:

Trotz diesem einheitlichen Grundzug heben sich, alle be-
rechnende und verwirrende Korruption vorläufig beiseite
gelassen, bei näherem Zusehen, mit der Zeit recht verschie-
dene Etappen, sowohl der allgemeinen Wertentstehung wie
der persönlichen Wertaneignung, scharf gegeneinander ab.

Bis zu den Unabhängigkeitskämpfen mit England und
teilweise noch weit in das neunzehnte Jahrhundert hinein
;tand der alte feudale und feudalähnliche Großgrund-
besitz weitaus an der Spitze der Reichtumsverkörperungen :
nur daß die ersten Landerwerbungen, nicht nur der voll-
und halbsuveränen Kolonialgesellschaften, sondern auch
der angesehenen englischen und holländischen Familien,
trotz der Loslösung von den meist recht kümmerlichen
Hafen- und Küstenstädten, überwiegend mit dem Handel
zusammenhingen.

In den Neuniederlanden, also wesentlich im Strom-
gebiet des Hudson mit Neuamsterdam (New York) als Ein-
fallstor, finden wir sowohl die holländische Westindien-
kompanie wie die „Patrone‘“ mit ausgedehnten Grund-
herrschaften und weitgehenden ausschließlichen Grund-
herrschaftsrechten ausgestattet. So war Kilian van Rensse-
laer, an dessen Namen heute noch verschiedene Orts- und
Grafschaftsbezeichnungen erinnern, ein Amsterdamer Per-
lenhändler und einer der Direktoren der Westindischen
Kompanie — man behauptet allerdings, daß er selber nie-
mals in Amerika geweilt habe, sondern Zeit seines Lebens
einer der absentee landgraves geblieben sei, die ihren Be-
sitz lediglich durch Agenten verwalten ließen. Für einen
ganz nominellen Kaufpreis erwarb van Rensselaer ein Rie-
sengebiet von Indianerland am Westufer des Hudson:
gegen 700 000 Acre groß, etwa mit den heutigen Graf-
        <pb n="28" />
        _ XXI —
schaften Albany, Rensselaer und Teilen vom Kolumbia-
kreis und vom heutigen Massachusetts zusammenfallend.
Ähnlich wurden zwei andre Direktoren, Godyn und Bloe-
mart, Besitzer großer „Mark- und Landgrafschaften“.
Wegen der gefährlichen Nachbarschaft der Indianer wurden
solche Herrensitze meist wie förmliche Festungen ausgebaut,
mit schirmenden Pfahlwerken und Gräben, mit Feuerroh-
ren und Schießscharten versehen.

Der eigentliche Anbau des Landes war, wie erwähnt,
keineswegs der Hauptzweck solcher Gründungen. Aus dem
Handel geboren, blieben sie dem Handel verbunden:
weniger durch den Absatz von Ackerbauerzeugnissen, die
schwer und kostspielig zu befördern und dazu wenig begehrt
waren, um so mehr durch Holzschlag und Waldausnutzung,
hauptsächlich für den Schiffsbau, und durch Ausübung
der glänzend lohnenden Fluß- und Küstenfischerei. Auch
im Pelzaustausch, dem zeitweise wichtigsten Kolonialver-
kehr, spielten sie häufig wenigstens eine vermittelnde Rolle:
denn das gewinnreiche Monopol des eigentlichen Handels
ließ sich hier die holländische Westindiengesellschaft nicht
so leicht aus den Händen winden.

Um den Nahrungsbedarf für die Herrschaft und den
Schwarm der Diener und Sklaven zu decken, ferner zum
Waldschlag und zur Fischerei waren freilich weiße Nach-
barn und Pächter, also Einwanderer, nötig. Aber gemäß
dem Zuge der Zeit blieben sie ohne Volleigentum an dem
ihnen zugewiesenen Land, persönlich bestenfalls in etwas
zemilderter Leibeigenschaft, tatsächlich und selbst nach
dem Wortlaut der Gesetze ohne Bürger- und Stimmrecht,
&gt;hne wahre Freizügigkeit für sich und ihre Familienglie-
der, fremdem herrschaftlichen Gerichtsstand unterworfen.
Doch mit ihrer Zuwanderung, ebenso mit der Entfaltung
des nahen Küsten- und Seehandels, hob sich trotzdem der
Reichtum ihrer Gebieter immer höher über das gemeine
Maß hinaus, so daß selbst die alte Handelsaristokratie da-
heim in Holland zuweilen von heller Eifersucht gepackt
wurde und die Vorrechte des Patrontums zu beschneiden
suchte, das in manchen Gepflogenheiten bereits die heu-
tige Geldmagnatenoberschicht vorausahnen ließ: „Welch
        <pb n="29" />
        XXIV —
ein Schauspiel: dieselben Händler, die in der alten Welt zur
Mittelklasse gehörten, ahmten nicht nur nach, nein, über-
boten die Gebräuche und Anmaßungen der eigenen hei-
mischen Aristokratie, gegen die sie sich sonst oft genug auf-
gelehnt hatten, und setzten sich in der neuen Welt selber
als eine erste mächtige Landaristokratie ein. Diese Patrone
schlossen sich in Pomp und Dünkel von der Umwelt ab.
Wie so viele kleine Monarchen hatte sie ihre Flaggen und
Wappen. Jeder machte seine Herrschaft zu einer kleinen
Festung, rüstete sie mit Feuerwaffen aus und bemannte
sie mit Söldnern. Gegen ihn waren die Kolonisten nur
armselige Knechte, sie waren ihm unmittelbar untertan
und hatten den Treu- und Lehenseid zu leisten.“
Unter der nachfolgenden englischen Regierung ver-
änderte sich die Lage in den Hudsonkolonien durchaus
nicht: die stärker auf den Mittel- und Kleinbesitz gegrün-
deten Siedelungsdemokratien behielten ihren Bereich zu-
nächst weiter nordwärts, im eigentlichen Neuengland.
Südlich der Mason- und Dixons-Linie, der vielgenannten
späteren Grenzscheide zwischen den freien und den Skla-
venstaaten, in Virginia, der „old dominion“, setzte sich
vollends eine geschichtlich denkwürdige Besitzaristokratie
fest: die Vorfahren des südstaatlichen Pflanzertums,
das, nach langen erbitterten Kämpfen um die Führung der
Unionspolitik, zum offenen Abfall schritt, weil es sein
Wirtschaftssystem der Negersklaverei nicht mehr beliebig
aufrechterhalten und nach dem Neuland des Inneren hin
ausbreiten konnte. Der fruchtbare Boden und die Mög-
lichkeit, für den Weltmarkt erst Tabak, Reis und Zucker,
später mehr und mehr Baumwolle in extensivem Groß-
betrieb zu produzieren, schuf hier, auf der Grundlage der
unfreien Arbeit importierter und selbstgezüchteter Neger,
eine herrschende Klasse, die, an Besitz viel reicher, mit
der europäischen Bildung und Literatur oft in viel engerem
Zusammenhang, in allen Lebensgewohnheiten ungleich
aristokratischer, bis zu ihrem politischen Untergang gering-
schätzig auf die rauhen Hinterwäldler und Pfahlbürger des
Nordens herabblickte. Noch lange nach ihrer Errichtung,
bis zur Revolution, bestand in den südlichen Kolonien,
        <pb n="30" />
        XXV —
wie in New York, das Erbrecht des Erstgeborenen und die
Unteilbarkeit des Grundbesitzes und wahrte und steigerte
so den Vorrang des großen Grundherrentums.
Eine andere Besitzklasse, die schon frühzeitig die Mittel-
schichten, den Kern des amerikanischen Volkes, hoch über-
fügelte, stammte aus der Kaufmannschaft der Küsten-
;triche: mitunter aus den Kreisen der Geldhändler und
Zahlungsvermittler, die zugleich an privaten und öffent-
lichen Notstandsdarlehen Wucherzinsen zu verdienen wuß-
ten, vor allem jedoch aus den Reihen der Schiffseigner,
die ihre damals viel bewunderten Segler dem Fischfang
und dem Seetransport widmeten.

Schon während der ersten Jahrzehnte des achtzehnten
Jahrhunderts entsprangen aus dieser Schicht einige der be-
zühmtesten Vermögen. Boston, Salem und Plymouth sandten
ihre unternehmenden Seefahrer in alle Richtungen der
Windrose hinaus, und die Bürger von Massachusetts ver-
stehen noch heute recht wohl, warum in dem Abgeordneten-
3aal ihres Staatshauses, zwischen den Säulen gegenüber dem
Sitze des Sprechers, der Stockfisch als Wahrzeichen hängt.
Die Verfrachtung der aus den nahen Waldzonen herbeige-
fößten und sonst herangeführten Holzmassen stand für diese
kapitalistische Betätigung an zweiter Stelle. Die allgemeine
goldenste Erntezeit brach alsdann mit den großen euro-
päischen Kriegen herein. Die napoleonischen und eng-
lischen Handelsverbote, die plötzlich alle alten, unentbehr-
lichen Handelszusammenhänge zu zerreißen drohten, mach-
ten den Schmuggel zu dem denkbar einträglichsten Ge-
schäft. Je mehr die Kriegführenden ihre eigene Schiffahrt
gegenseitig schädigten und lahmlegten, desto freiere Bahn
gewannen die Neutralen, deren Führung in jenen Tagen
ganz naturgemäß den rührigen und erfahrenen Reedern
von Neuengland gebührte.

1791, zwei Jahre vor dem Ausbruch der zwanzigjährigen
französisch-englischen Feindseligkeiten, betrug der aus-
wärtige Handel der Vereinigten Staaten im ganzen 48 Milli-
onen Dollar, 1801 dagegen 205 Millionen. Die Ausfuhr
allein stieg in diesem Jahrzehnt von 19 auf 04 Millionen
        <pb n="31" />
        —_ XXVI —
Dollar. Ähnlich wie in der Gegenwart steigerten sich bei
Weizen, Mais und Fleisch Nachfrage und Preise im Hand-
umdrehen. Wenn dabei schon die besser gerüsteten und
organisierten Händler und Verfrachter, ‚viel weniger die
örtlich zerstreuten, geschäftlich hilfloseren Farmer, weit-
aus den besten Schnitt machten, so kam ihnen erst recht
zustatten, daß sehr bald die naheliegenden westindischen
Kolonien Frankreichs, Spaniens und Hollands, die noch
vor kurzem meist jede fremde Schiffahrt durch Gesetz aus-
geschlossen hatten, sich vollständig auf fremden Beistand
für Ausfuhr wie Einfuhr angewiesen sahen. Durch die Um-
ladung in nordamerikanischen Häfen und die Ausstellung
neuer Schiffspapiere schlug man den englischen Kapern
nach Kräften ein Schnippchen; 1801 entpuppte sich so die
volle Hälfte der Ausfuhren als bloße Wiederausfuhr. Der
Friede von Amiens (1802) bewirkte zwar eine kurze Unter-
brechung, aber bereits 1803 mit der Erneuerung der Kon-
flikte schwamm man wieder im alten, abnorm günstigen
Fahrwasser. 1807 war der Gesamtaußenhandel von neuem
und zwar bis auf.247 Millionen Dollar angewachsen, die
Ausfuhr auf 108 Millionen. Längere Zeit belief sich, wie
man schätzte, der jährliche Frachtgewinn auf etwa 32'/,
Millionen Dollar. Unter diesem Anreiz erhöhte sich die
im Fremdhandel beschäftigte Tonnage von 123 893 'T’on-
nen im Jahre 1789 auf 749 341 Tonnen in 1805. Hatte
man im Anfange dieser Periode 25 Prozent des Außenhandels
mit eigenen Schiffen betrieben, so war am Schlusse der An-
teil auf nicht weniger wie 91 Prozent gestiegen. Auch der
Schiffsbau, damals einer der blühendsten Produktionszweige
Nordamerikas, nahm an diesem beispiellosen Aufschwung
teil; zwischen 1798 und 1812 wurden über 200 000 Tonnen
eigengebauter Schiffe an das Ausland verkauft. „Das
Wachstum der amerikanischen Reederei zwischen 1789 und
1807,“ urteilt Professor H. C. Adams, „steht ohnegleichen
in der Geschichte der Handelswelt da.“

Freilich, von der Geschäftsmoral der hierdurch zu den
höchsten Höhen der Gesellschaft emporgetragenen Unter-
nehmer und Glücksritter entwirft Myers kein schmeichel-
haftes Konterfei. Am allerwenigsten von dem glücklichsten
        <pb n="32" />
        _ XXVII —
aller damaligen Freibeuter und Freigeister: Stephen Gi-
rard, von dem selbst bewundernde Biographen zugestehen,
daß er „als Privatmann zeitlebens die Rauheit und Bedürf-
nislosigkeit eines alten Seemanns zeigte‘, was nur als zarte
Andeutung des wirklichen Sachverhaltes verstanden werden
kann, — der aber, ein echtes Kind jener Zeit, seine Schiffe
Voltaire, Rousseau, Helvetius und Montesquieu taufte und
schließlich durch testamentarische Verfügung das Girard
College, eines der bedeutendsten Erziehungshäuser der
Welt, schuf. Seit langem finden hier über 1600 Zöglinge,
Waisenkinder aus dem Norden und dem Süden, Aufnahme,
Pflege und Erziehung. Doch ist nach Girards letztem Willen
keinem Geistlichen der Eintritt in die Anstalt gestattet,
sei es auch nur zur Besichtigung: um das Unternehmen
vor dem Zankapfel des Sektenwesens zu hüten. Solche
Widersprüche zwischen langjähriger Lebens- und. Ge-
schäftsführung und schließlicher öffentlicher Betätigung
wiederholen sich bei den amerikanischen Nabobs über-
raschend häufig...

Doch um zu unserem eigentlichen Gegenstand zurück-
zukehren: der alte Reichtum sowohl der Grundherrschaf-
ten wie der Reeder hat meist keine lange Dauer gehabt.
Günstigsten Falls hat er sich in andre Kanäle ergossen —
wie auch Girard später zu gewagten Finanz- und Bank-
geschäften überging, während wir anderen seiner ehemaligen
Berufsgenossen von neuem bei der Gründung von Wege-
netzen, von Kanalanlagen, von städtischen Verkehrsmitteln,
von Eisenbahnen und Expreßkompanien begegnen.

Die Grundherrschaften weckten mehr und mehr die leb-
haftesten politischen und sozialen Kämpfe und wurden
mit der Zeit in Farmen amerikanischen Zuschnittes auf-
gelöst: zuletzt sogar im eigenen Interesse der Besitzer,
denn je weiter westwärts der billige Schienenweg und die
leistungsfähige Farmsiedelung sich vorschoben, desto we-
niger konnte die altertümliche agrarische Produktionsweise
fortgesetzt werden, die mit den geschilderten Großbesit-
zungen unlösbar zusammenhing. Die südlichere Pflanzer-
aristokratie, trotz allem äußerlichen Glanze gleichfalls inner-
        <pb n="33" />
        XXVIII —
lich schon längst zermorscht, versank in Schulden und ging
zuletzt in der Sturmflut des Bürgerkrieges unter. Die ame-
rikanische Schiffahrt aber, die mitunter alle Nebenbuhler
übertroffen hatte, verschwand von den Weltmeeren, als
der Dampf und das Eisen neue Konkurrenzverhältnisse
auf diesem Gebiete weckten und als alle kapitalistischen und
persönlichen Kräfte Amerikas sich der inneren Entfaltung,
der Erschließung eines ganzen jungfräulichen Kontinentes
für Produktion und Verkehr zuwandten.

Diese im einzelnen so widerspruchsvolle und dennoch
im Endergebnis so großzügig-einheitliche Erschließung war
wiederum, ganz im Einklang mit dem neuweltlich-kolonialen
Gepräge aller dieser Vorgänge, von eigenartigen, in Europa
wenig oder gar nicht gekannten Reichtumserwerbungen und
Reichtumszuwendungen begleitet.

Die grandiosesten Wertentstehungen und Wertzuwei-
sungen sind dabei zweifellos mit der Geschichte der Eisen-
bahnen verbunden. Mit kleinen Lokalbahnen und ver-
hältnismäßig bescheidenen Verschleuderungen öffentlicher
Gelder und Ländereien fing es bereits in den dreißiger und
vierziger Jahren an, nachdem eine Periode fieberhaften
Chaussee- und Kanalbaues vorangegangen war. Mit Über-
landbahnen und der Opferung ganzer Provinzen und Staa-
ten, nach unseren festländisch-europäischen Größenvor-
stellungen, spann es sich seit dem Bürgerkriege fort. Und
wenn der Bund und die Einzelstaaten die bedenkenlos preis-
gegebenen Ländereien und Ausbeuterechte nach Wert und
Inhalt'kaum kannten und sie jedenfalls niemals nach ihrer
baldigen Zukunftsbedeutung zu würdigen verstanden, so
wußten die berufsmäßigen Gründer und Beutesucher über
die „unbegrenzten. Möglichkeiten‘ der in Frage kommen-
den künftigen Acker- und Weideflächen, Städte- und Berg-
werksgrundlagen häufig nur allzu gut Bescheid,- Der Ver-
trauensseligkeit und Geberlaune im Kongreß, in den Legis-
laturenz und | Städteverwaltungen stand] die erstaunliche
Gerissenheit gewerbsmäßiger Gründer‘ und Beutemacher
gegenüber, die unermüdlich um Landschenkungen und Privi-
        <pb n="34" />
        NXIX —
legien warben und die im Notfalle, weil es sich bei dem Feil-
schen und Makeln zu guter Letzt immer um schwindel-
erregende Wertziffern drehte, durch Bestechung, Ämter-
versorgung oder auch durch Drohungen und Einschüch-
terung fügsame parlamentarische Mehrheiten ganz nach
ihrem Willen erzwangen./Kamen, wie in den alten Küsten-
staaten, weniger die Landschenkungen in Betracht, so gierte
man nach wertvollen Benutzungsrechten für Straßen und
Plätze, nach hochbezahlten Postbeförderungen und andren
Aufträgen, nach künstlichem Ausschluß der Konkurrenz,
nach Abwälzung der unvermeidlichen (bei den unaufhör-
lichen sturmschrittartigen amerikanischen Umgestaltungen
doppelt unvermeidlichen) Umbaukosten von älteren Linien
und Bahnhofsanlagen auf die Allgemeinheit, und immer
wieder war der Steuerzahler in Gemeinde, Staat und Bund
der Leidtragende, während die Riesenvorteile, die jedesmal
in Rechnung kamen, auf wenige einzelne als Millionen-
und Milliardensegen sich ergossen. In welchem anderen
Lande, vor allem in welchem Staate unsrer alten Welt,
hätten die gleichen Erfahrungen auch nur annähernd ge-
macht werden können?

Die Tatsachen, die Myers hier ausgräbt und zu einem
niederschmetternden Bild allgemeinster Vergeudung und
Korruption vereint, sind an sich kaum bestreitbar, Unter-
suchungsausschüsse in Washington und in den Einzelstaaten
haben sie jedesmal festzustellen versucht, wenn nachträg-
lich das öffentliche Bewußtsein und Gewissen die volle
Tragweite der vorangegangenen Entschlüsse und _ die be-
schämenden dunklen Begleitumstände zu ahnen begann.
Dennoch glaubt man bei diesen Schilderungen zuweilen ein
wüstes wildwestliches Filmdrama vor sich zu haben, ob-
wohl alle diese Finanzabenteuer, Treibereien und Beute-
züge, die sich hier und da bis zur frechsten Gaunerei und
zur brutalsten wirtschaftlichen Abwürgung steigern, unter
den glänzendsten Namen an uns vorüberziehen. Neben
Cornelius und William Vanderbilt, Jay Gould, Russel
Sage, John J. Blair, John W. Garrett und John
Hopkins erblicken wir die ersten Überlandbahngründer
Collis P. Huntington, Leland Stanford, Charles
        <pb n="35" />
        XXX —
Crocker und Mark Hopkins, endlich den Eisenbahn-
könig des Nordens und Nordwestens James Hill.

Das Land, das Bund und Einzelstaaten mit heute un-
verständlicher Freigebigkeit an abgebrühte Bahnunter-
nehmer — oft bloße Gründer und Aktienspekulanten, aber
keineswegs wirkliche Erbauer — immer von neuem in den
jüngeren Gebieten der Vereinigten Staaten weggaben, war
zunächst kaum etwas anderes wie unangebrochene Wildnis:
im Mittelwesten und Westen noch von Büffelherden durch-
schweift und von Indianerhorden lebensunsicher gemacht.
Welche Regierung und welche Volksvertretung hätte hier
um Quadratmeilen und selbst um ganze Grafschaften und
Provinzen knausern wollen, wenn nur endlich das heiß-
ersehnte Ziel näher rückte: die Ausweitung des alten Ööst-
licheren Kulturkreises und die Auferweckung jenes toten
unendlichen Brachlandes im Westen, das als public domain
vorwiegend dem Bunde, zum Teil auch den Einzelstaaten
gehörte. Riefen doch die Siedelungsbegehrenden, seien sie
Bauern und Bürger der Oststaaten, seien sie Neuzuwandernde
Europas, regelmäßig am lautesten nach dem befreienden,
lebenspendenden Schienenweg, ohne den sie einerseits nicht
vordringen konnten, andrerseits ihren rückwärtigen An-
schluß an Markt und Kultur nicht verbürgt sahen. Erhielt
doch zugleich jede Bahngesellschaft durch die Landzuwei-
sungen den kräftigsten Antrieb, produzierende und damit
frachtenschaffende Farmer und Gewerbetreibende tun-
lichst rasch und planmäßig nach sich zu ziehen. Im Hoch-
gefühl der winkenden großen Zukunft und des unerschöpf-
lich scheinenden Vorrates an öffentlichen Ländereien kannte
deshalb die Spenderlaune des Kongresses und der Legis-
laturen Jahrzehnte hindurch überhaupt keine Hemmungen
mehr.

Wie natürlich, daß in buntestem Wechsel überall Spe-
kulanten auftauchten, die mit Verkehrsprojekten nur des-
halb hausieren gingen, weil sie Subventionen ergattern und
möglichst eilig weiterveräußern und zu Geld machen woll-
ten, und daß jede, oft willkürlich herbeigeführte Unter-
brechung und Gefährdung irgendwelchen Eisenbahnbaues
zu weiteren Erpressungen gegen den Bundes- und Staaten-
        <pb n="36" />
        —_ XXX] —
schatz ausgenutzt wurde: wenn nicht von den ursprüng-
lichen Konzessionären, die sich vielleicht längst mit der
Beute in größere Sicherheit zurückgezogen hatten, dann von
ihren ebenbürtigen Nachfolgern und Schülern.

Das hervorstechendste Beispiel dieser früheren Land-
verschleuderungspolitik gewährt noch immer die Geschichte
der ersten großen Transkontinentalbahn, und was Myers
über die Machenschaften des „pazifischen Quartetts‘“ (Hun-
tington, Stanford, Crocker und Hopkins) in Washington
und Kalifornien berichtet, brandmarkt zugleich das un-
vermeidliche Drahtziehertum hinter den Kulissen. Die
Union Pacific-Bahn, der als Aufgabe die Verbindung von
Omaha bis Ogden zufiel, erhielt zwölf Millionen Acre aus
den öffentlichen Ländereien. Der Central Pacific-Bahn,
die von Sacramento, der jungen Hauptstadt Kaliforniens,
ostwärts den entsprechenden Anschluß zu schaffen hatte,
fielen acht Millionen Acre zu. Mit den ergänzenden Schen-
kungen an die Kansas Pacific und ähnliche Gesellschaften
ergeben sich nicht weniger als dreiunddreißig Millionen
Acre, ausschließlich einem Bahnsystem zugewendet, das
aber vom Bunde, wegen der behaupteten Schwierigkeiten
der Geldbeschaffung, weiter noch mehrfach mit riesigen
Darlehen unterstützt wurde. Im ganzen sind (nach Bogarts
„Wirtschaftsgeschichte der Vereinigten Staaten“) während
der einundzwanzig Jahre von 1850 bis 1871, wo derartige
Landschenkungen im allgemeinen aufhörten, durch den
Bund mehr als 159 Millionen Acre, durch die Einzelstaaten
55 Millionen, ohne mit einer Wimper zu zucken, auf die
Bahngesellschaften übertragen worden.

Als die Eisenbahnen die Sahne abgeschöpft hatten, folgten
ihnen in den mehr inneren Landstrichen des Westens die
Holz- und Weidekönige, die in der Übergangszeit der
Bodenwertlosigkeit enorme Landflächen, unter dem Scheine
des Rechts oder mit den rechtswidrigsten "Tricks, in ihren
Besitz zu bringen verstanden, um dann die Werterhöhung
der herannahenden Kultur lachend in müheloseste Eigen-
vereicherung umgewandelt zu sehen. Auf die Bergwerks-
Magnaten, die in ähnlicher Weise zu rechter Zeit zuzu-
zreifen wußten, geht Myers in den vorliegenden Teilen
        <pb n="37" />
        XVXI —
seines Werkes noch nicht ein; als größten Milliarden-
erbeuter würden wir dann John D. Rockefeller, den
Weltmonopolisten des Petroleums, kennen lernen.

Als endlich die ehemals spanisch- mexikanischen Ko-
lonialgebiete, in Kalifornien, Arizona und Neumexiko, von
dichteren Besiedlungen umrahmt und durchsetzt wurden,
schufen die überlieferten, bis zur Unentwirrbarkeit un-
klaren Besitzrechtsverhältnisse — eine Folge teils der
vollkommen versagenden Hidalgoverwaltung, teils der un-
glückseligen spanischen Koloniallandpolitik — stetig er-
neute Gelegenheiten zu spekulativen Riesengewinnen, die
bei der Endlosigkeit und Kostspieligkeit der gerichtlichen
Auseinandersetzungen selbstredend vorzugsweise den wage-
halsigsten Abenteurern und den mit ihnen verbündeten
geriebensten Rechtsanwälten verblieben. Aus einer der
berühmtesten dieser tollen Streitigkeiten, um den vielge-
nannten Maxwell-Landgrant in Neumexiko, ist unter an-
rem das Vermögen des Multimillionärs Stephen B. Elkins
hervorgegangen, der nachher als Politiker wie als Unter-
nehmer in dem aufstrebenden Westvirginien allmächtig
wurde.

Nach einer andren Entwicklungsrichtung war der riesen-
gewinnbringende Umschlag aus der geringschätzigen Ver-
schleuderung in die Hochwertung und die förmliche Un-
Lbezahlbarkeit nicht minder groß und rasch: bei dem städti-
schen Bauland.

An manchen, selbst an recht wirkungsvollen Gegen-
stücken zu solchen amerikanischen Erlebnissen fehlt es
zweifellos in der Alten Welt gleichfalls nicht. Aber alles
reckt sich in den Vereinigten Staaten auch hier zu viel rie-
senhafteren Größenverhältnissen auf, weil die Mehrzahl
der neuweltlichen Großstädte in wenigen Jahrzehnten und
Jahren aus den bescheidensten Anfängen und dem Nichts
wie mit einem Zauberschlage emporgeschossen ist und
weil — abermals im allgemeinen von der Küste nach dem
Innern und dem Stillen Ozean fortschreitend — jede jün-
gere Stadt die Bereicherungserscheinungen der älteren Ge-
        <pb n="38" />
        a XXXIII —
meinde von neuem durchmacht. Zwei Gruppen des aus-
erwähltesten Dollarfürstentums wurzeln vor allem in die-
sem unerschöpflichen Wertsammelbecken: die Astor-New
York und die Marshall Field und Leiter-Chikago; ähn-
lich noch die Longworth-Cincinnati, deren einer Spröß-
ling, Nicholas, bekanntlich die Tochter Roosevelts als
Gattin heimführte.

Der erste große Astor (John Jakob, 1764—1848) war
bereits im Pelzhandel reich geworden, als er die Auf-
schwungsmöglichkeiten New Yorks mit richtigem Augen-
maße übersah und, meist zu Spottpreisen, den Boden
Manhattans und New Yorks Block um Block und heutiges
Stadtviertel um Stadtviertel in seine Gewalt brachte:
„Binnen weniger Jahre nach der Panik von 1837 vermehrte
sich der Reichtum Astors in unerhörter Weise. Die Ge-
schäfte lebten auf, die Werte schnellten empor. Erst jetzt
stieg die Einwanderung. zu voller Flut. 1843 landeten
60 000 Einwanderer im Hafen von New York, vier Jahre
spiter waren es jährlich 129 000; dann schwoll die Jahres-
ziffer auf 300 000 an, und seitdem blieb das Wachstum un-
unterbrochen. Ein großer Teil dieses Zustroms blieb in
der City. Das umliegende Acker-, Fels- und Sumpfland der
alten City von 1812, mit ihren 100 000 Einwohnern, wurde
zu der dichtbesiedelten Hauptstadt von 1840, mit 317 712
Einwohnern, und 1850 mit beinahe einer halben Million.
Land war in Nachfrage wie nie zuvor. Die City dehnte
sich weiter und weiter aus. Bauplätze, die ein paar Jahre
zuvor leer geblieben waren, überfüllten sich mit einer eng
zusammengepackten Bevölkerung. Der Grundbesitzer-
teichtum und die Armenviertel blühten gemeinsam auf,
eines das andere bedingend.“

Die unerschütterliche Korruption der New Yorker Stadt-
verwaltung kam dem glücklichen und von vornherein mit
großen Mitteln ausgestatteten Terrainspekulanten dabei
stets auf halbem Wege entgegen. Die Gemeinde hielt da-
mals noch viel Grund und Boden in eigenem Besitz. Aber
auf der Manhattaninsel breiteten selbst da, wo heute die
Wolkenkratzer in langen dichten Reihen ihr Haupt gen
Himmel erheben, an zahlreichen Stellen Sümpfe und Tüm-
        <pb n="39" />
        — XXXIV —
pel und zeitweise überflutete”’und überschwemmte Boden-
striche sich aus. Die Stadt schenkte solches Land in unbe-
stimmten Umrissen, einfach gegen das Versprechen der
Trockenlegung, hinweg, und da die Grenze zwischen trocke-
nem und feuchtem Grund selbst ohne Handsalben eine recht
schwankende war, so öffneten sich dem unverhohlenen Be-
trug Tore und Türen. Meister im Handsalben und im
Gebrauch alles sonstigen Einflusses war aber der ehemalige
Pelzgroßhändler, der schon vordem Indianer, Agenten und
Abnehmer in gleicher Weise zu übertölpeln verstanden hatte,
Viele der später so unentbehrlichen Landungsplätze am
Hudson wußten die Astors der Gemeinde abzulisten, und
oft war das großgewordene Gemeinwesen genötigt, das
dereinst verschwendete Gemeingut später zu Notstands-
und Wucherpreisen aus Privathänden zurückzuwerben. Der
erste Astor hinterließ so bereits zwanzig Millionen Dollar,
der zweite (William B. Astor), der ganz in den Fußstapfen
seines Vaters wandelte, 1875 hundert Millionen. Er be-
saß mehr als 700 Wohnhäuser und andre Gebäude, die
vielen Flächen unbebauten Geländes ganz beiseite gelassen.
Seitdem ist der Familienbesitz, durch Geldheiraten wie
durch weiteren Neuerwerb, bis zu fabelhafter Höhe an-
gestiegen.

Für Chikago waren die Leiter und Marshall Field
(der manchem Leser zugleich als der Inhaber des größten,
viel bestaunten dortigen Warenhauses bekannt sein wird)
die glücklichen Gewinner.

Chikagos phänomenaler Aufstieg bot der Grundstücks-
spekulation vielleicht ein noch lockenderes Feld als New
York. Denn wo heute an der letzten Südwestecke des Mi-
chigansees ein kraftstrotzendes städtisches Gemeinwesen
von etwa zweiundeinhalb Millionen Einwohnern, mit zahl-
losen engverbundenen Vororten sich ausbreitet, gewahrten
noch am Anfang des neunzehnten Jahrhunderts die paar
gelegentlich hierher verschlagenen weißen Kanufahrer und
Pelzhändler nichts wie eine trostlose Sumpfecke. 1804 sie-
delte sich hier der erste Weiße, ein kanadischer Pelzhändler,
namens John Kinzie, an. Erst 1833 verließen die letzten
Indianerschwärme diese Ecke, um den ‚fernen‘ Missouri-
        <pb n="40" />
        u RUSV —
ländern zuzuwandern. 1848, als sich mehr und mehr ein
bevölkertes und wirtschaftlich lebendiges Hinterland in
immer weiteren Ringen um die Großen Seen und weiter
westwärts herumgelegt hatte, rollte auf den Schienen die
arste Getreidefracht nach Chikago herein: später passierten
jährlich nicht selten dreihundert Millionen Bushel den
Hafen und die Bahnhöfe. Große Industrien entstanden.
So stieg denn die Bevölkerung 1870 auf fast 300 000, 1880
auf über 500 000, 1890 auf über eine Million, 1900 auf über
sinundzweidrittel Millionen, 1910 nach dem Zensus auf
2 185 283 Einwohner. In einem der anziehendsten Kapitel
seines Werkes zeigt Myers, wie Marshall Field zu rechter
Zeit ganze Stadtteile Chikagos seiner Verfügung unter-
warf und den Gewinn an den inneren Ländereien immer
wieder zu neuen Erwerbungen in den Außenzonen der
Stadt benutzte, bis er schließlich auch zur Beherrschung
industrieller Betriebe, wie der nur scheinselbständigen
Pullmanwerke, weiter getrieben wurde: nur um eine
Anlagemöglichkeit für seine sich aufstauenden Überschüsse
zu finden.

A
Aufgdie gewaltigsten Gipfel der modernen Reichtums-
auftürmung stoßen wir jedoch auf einem noch andern Ge-
biet: dem des Finanzkapitals, das den Kredit des Lan-
des, oder vielmehr ganz Nordamerikas und der westlichen
Erdhälfte, eigenmächtig leitet und über Effekten- und
Warenbörsen sein Zepter schwingt, das auf allen Feldern
der Produktion und des Verkehrs unermüdlich junge, neu-
gegründete Betriebe hervorzaubert und ebenso unaufhör-
lich altezUnternehmungen in den Schmelzkessel der Ver-
einigung und Vertrustung wirft, um immer ausgedehntere
Grundlagen für das zu unerhörtem Umfange angewach-
sene Börsentreiben zu gewinnen — das in Amerika zwar
in ganz besonderem Maße als Verkörperung aller zersetzen-
den, gemeinschädlichen Plutokratie verschrien, gehaßt und
befehdet ist und das trotz alledem Rang und Macht nicht
nur.wahrt, sondern lawinenhaft vermehrt.

Der überragendste Vertreter dieser auffälligsten und ein-

173
        <pb n="41" />
        — XXXVI —
flußreichsten Kapitalschicht, J.Pierpont Morgan, rief erst
neuerdings bei seinem Tod (1913) ausführliche Darstellungen
und Würdigungen seiner Laufbahn und seines Wirkens
hervor, von denen die Myerssche Beurteilung und Entwick-
lungsschilderung allerdings wesentlich abweicht. Auch
sonst ist das amerikanische Bank- und Börsentum mit seinen
Abenteuern und Erfolgen und mit seinen reichvergoldeten
Spitzen bei uns nicht unbekannt. An dieser Stelle sei je-
doch mit einigen allgemeineren Betrachtungen noch auf
die tiefere Frage eingegangen: aus welchen Ursachen das
amerikanische Finanzkapital und die führende amerikanische
Finanzaristokratie eine, mit Europa verglichen, so außer-
gewöhnliche wirtschaftliche und soziale Machtposition er-
obern konnte.

Schon die Gestaltung des Geld- und Zahlungsverkehrs
bildete in den Vereinigten Staaten seit jeher einen treib-
hausmäßigen Nährboden für das außerordentliche Gedeihen
des Bankgeschäftes. Zwar jene Zeiten sind längst vorüber,
wo Hartgeld wegen seiner Seltenheit zeitweise wucherisch
hoch bewertet und wo die umlaufenden Münzen aus aller
Herren Ländern mit wechselndem Kurswert gehandelt
wurden und so den Geldhändlern den ersinnbar weitesten
Spielraum für Spekulationen und Gewinne außergewöhn-
licher Art ließen. Aber dann kam die Ära der wilden Ban-
kengründungen und Banknotenausgaben, die allen Zahlungs-
abwicklungen, abermals zu Nutz und Frommen der ver-
mittelnden und leitenden Bankwelt, eine überaus starke
spekulative Beimischung gab. Der Bürgerkrieg brachte
vollends die zügelloseste Papiergeldwirtschaft, mit einem
schwankenden, zuletzt ganz enormen Aufgeld der Gold-
münzen: in der zweiten Hälfte des Jahres 1864 betrug dieses
nicht weniger als 150 Prozent, das heißt zweieinhalb Dollar
Papier waren nötig, um einen Dollar Gold zu kaufen. Die
Preise aller Waren und Leistungen waren wie vom Veits-
tanz erfaßt und spiegelten jedes dauernde Aufundab des
Geldwertes in ihren Zuckungen wieder. Für verwegene
finanzkapitalistische Ausnutzung von Preis- und Wert-
schwankungen boten sich kaum jemals ähnlich günstige
Vorbedingungen: konnte doch eine so toll-verbrecherische
        <pb n="42" />
        —_ XXXVII —
Finanzorgie wie die „Goldverschwörung‘“ Jay Goulds nur
anter der Edelmetallnot des Bürgerkrieges und der nächst-
folgenden Übergangsjahre ausgeheckt werden. Die Wieder-
einrenkung des aus den Fugen gegangenen Geldsystems
und das notwendig damit verbundene Wiedersinken der
Preise schuf jedoch von neuem, obwohl abgeschwächt, ähn-
liche Voraussetzungen. Und immer blieb, fast bis zur aller-
jüngsten Gegenwart, die politische Gefährdung der Gold-
währung, der Kampf zwischen dem Gold und dem, nach
Auffassung der Farmer und Reformer wundertätigen Silber
und Papier, blieb der Mangel einer Zentralbank mit aus-
schließlichem oder fast ausschließlichem Notenausgaberecht,
fehlte deshalb jahrzehntelang eine staatlich-einheitliche,
zielbewußte Diskontpolitik, an deren Stelle die neue finanz-
kapitalistische Herrenschicht von Wallstreet, viel mehr als
es sonst zu fürchten gewesen wäre, ihre Sonderinteressen
und Sonderbestrebungen zu setzen vermochte. Die rapide
Aufschließung und Wirtschaftserweckung des mittleren und
ferneren Westens vollzogen sich zum großen und größten
Teil, unmittelbar oder mittelbar, mit dem Geld und Kredit
des älteren Ostens und nährten so ihrerseits gleichfalls jene
unheilvolle Zentralisation, die jedesmal förmliche Zins-
und Kreditkrisen hervorruft, wenn ein hoher Zahlungs-
mittel- und Kreditbedarf zum Umtrieb der inneren Ernten
zusammentrifft mit lebhaften Ansprüchen der Börse und
des sonstigen Geschäftstreibens im Osten und im ganzen
Bereich der Vereinigten Staaten. Selbst eine an sich aner-
kennenswerte Errungenschaft: das starke Vorwiegen des
Bankabrechnungsverkehrs bis hinein in die kleinsten Farmer-
und Handwerker-, ja sogar Arbeiterkreise, statt der Bar-
geldverschwendung wie bei uns, hat dazu beigetragen, dem
Bankkapital eine noch viel breitere, tragfähigere Grundlage
und eine noch viel weitergehende Verästelung zu ver-
schaffen.

Seine stärkste Wurzel besitzt aber das amerikanische Fi-
nanzkapital in jener grenzenlosen privatwirtschaftlichen
Mobilisierung aller Anlagen, die der Börse, dem Markt
für alle beweglich fließenden Kapitalsanteile, einen un-
endlich weiteren Wirkungskreis und eine ganz andere soziale
        <pb n="43" />
        — XXXVIIIL —

Machtstellung gewährt. Schon der eine Unterschied zwi-
schen uns und den Vereinigten Staaten müßte eine gewaltige
Kräfteverschiebung in dieser Richtung nach sich ziehen:
unsere Bahnen sind Staatsbahnen und damit den pessimi-
stischen und optimistischen Erwartungen, den organisierten
Konkurrenzkämpfen, dem Gründungsfieber und den schwar-
zen Tagen an den Börsen entzogen. In den Vereinigten
Staaten überragte der Kapitalswert des ungeheuren Eisen-
bahnnetzes lange Zeit den Gesamtwert aller Industrie-
anlagen und ebenso aller Farmwerte, und alle diese zahl-
losen Millionen (die Interstate Commerce Commission be-
zifferte für 1913 den Kapitalswert der railroad securities
auf 19 796 Millionen Dollar, also auf über 82 Milliarden
Mark) sind fast bis auf den letzten Dollar in den ewig bro-
delnden Hexenkessel des Börsenhandels hineingeschleudert.
Unsere Telegraphen sind in Reichsbesitz und Reichsbetrieb;
in den Vereinigten Staaten waten 1912 27 Aktiengesell-
schaften oder „Systeme“ tätig: mit einem Kapitalstock von
164. Millionen Dollar und einer fundierten Schuld von 63
Millionen. Unser Telephonwesen, weil in Staatshand, hat
mit der Börse nichts zu tun; in den Vereinigten Staaten
wird 1913 für das größte der konkurrierenden Systeme, die
American Company, der Kapitalstock auf 345 Millionen
Dollar, die fundierte Schuld auf 159 Millionen angegeben.
Was zu einem wesentlichen Teil bei uns der Post als Paket-
beförderung zugewiesen ist, übernahmen bis vor wenigen
Jahren in Amerika die großen, den Privateisenbahnen eng
angeschlossenen Expreßgesellschaften, so daß die zwölf wich-
tigsten Unternehmungen 1911 bei einer Gesamteinnahme
von 153 Millionen Dollar über 15!/, Millionen als Rein-
gewinn verteilen konnten. Erst ganz neuerdings bricht
sich in Amerika der Gedanke Bahn, Schlachthöfe, Wasser-
leitungen, Gas- und FElektrizitätswerke, Straßen- und Vor-
ortskleinbahnen auf: die Gemeinden oder Gemeindever-
bände zu übernehmen; auch diese public utilities waren
bisher ganz und gar dem Aktienkapital und damit den klei-
neren und größeren Börsen überantwortet, die, selbst wo
ihr Wirkungskreis zunächst mehr ein örtlicher und provin-
zieller ist, ihren letzten Finanzrückhalt immer wieder bei
        <pb n="44" />
        _ XXXIX —
den vielgeschmähten und doch unentbehrlichen gold-bugs
im Osten suchen müssen.

Es ist sonach keine engerumgrenzte See mehr, sondern
ain uferloser Ozean, auf dem die zahllosen, zu selbständigem
Kursleben erwachten Unternehmungsanteile, Schuldver-
schreibungen und Wertanweisungen aller Art ihren glück-
haften oder verhängnisschweren Weg hinaussteuern, in
Sturm und Ruhe auf und nieder schwanken, auf dem sie
heute zu großen Interessenverbänden sich zusammenschlie-
Ben oder morgen zu schweren Einzelkämpfen und ausge-
dehnten Gruppenschlachten sich gegenüberstellen. Und
jedes solches Vorgehen, sei es eine künstliche Wertbeein-
flussung oder eine sachentsprechende Wertberichtigung
gegenüber früheren künstlichen Verzerrungen, sei es eine
Kapitalserweiterung, eine Neugründung, eine Verschmel-
zung und Vertrustung, setzt stets die Führung und Bei-
hilfe, die Mitbeteiligung und den Löwenanteil jenes Fi-
nanzkapitals voraus, das bereits in früheren Jahrzehnten in
Europa seinesgleichen suchte und in der Gegenwart den
Gipfel aller Reichtumsbildung darstellt.

Ob die Vereinigten Staaten damit nicht schwereren so-
zialen Kämpfen entgegengehen wie das alte Europa, in
dem die Gegensätze zwischen arm und reich viel weniger
weit auseinanderklaffen, in dem der hervorstechendste
Reichtum vor allem viel weniger mit Schmutz und Kor-
ruption besudelt erscheint?

Gegen alle plutokratischen Auswüchse fand Amerika
jederzeit das denkbar stärkste Gegengewicht in seiner neu-
weltlich-kolonialen Grundlage: in der unaufhaltsamen Aus-
breitung seines Farmertums, in der unschätzbaren Stütze,
welche durch die Siedelungsmöglichkeit auch die Lebens-
haltung und die Einkommenshöhe seiner Arbeiterschaft
erhielt. Seitdem der Landvorrat im erlösenden „goldenen
Westen“, zum Teil durch kurzsichtigste und gewissenloseste
Verschleuderung bis auf kümmerliche Überreste zusam-
mengeschmolzen ist, wankt diese Stütze ganz allgemein,
wie sie längst schon für einzelne Industrien und Industrie-
        <pb n="45" />
        XL —
reviere hinweggefallen ist, und nur unter schweren Um-
wälzungen dürfte sich der soziale Ausgleich anbahnen, der
in einem demokratischen Gemeinwesen schließlich unver-
meidlich ist.

Soweit das Werk von Myers einer bereits vielverbreite-
ten Volksstimmung nicht nur der Arbeiter-, sondern auch
der Farmerklasse, Ausdruck gibt, ist es zugleich ein Sturm-
zeichen, das dem bequemen kapitalistischen Gehenlassen
der bisherigen amerikanischen Wirtschafts- und Sozial-
politik zur Warnung dienen sollte.
Max Schippel
        <pb n="46" />
        Erster Teil:
DIE VERHÄLTNISSE IN DER NIEDERLASSUNGS-
UND KOLONIALZEIT
        <pb n="47" />
        <pb n="48" />
        Erstes Kapitel
DIE GROSSEN LÄNDEREIEN

Die berühmten Privatvermögen aus der Niederlassungs-
und Kolonialzeit stammten aus Landbesitz und Han-
delsgewinn. Gewöhnlich wirkten beide zusammen und waren
häufig von Ackerbau begleitet. Über die Kolonien hin
waren Herren des Bodens verstreut, die weite Territorial-
reiche besaßen, über die sie eine Willkür- und in einigen
Teilen der Kolonien eine F eudalherrschaft ausübten.

Fast alle Kolonien wurden von privilegierten Gesellschaf-
ten besiedelt, die lediglich zu Handelszwecken organisiert
wurden und deren Erfolg in großem Maße von der Aus-
wanderung abhing, die sie hervorzurufen verstanden. Diese
Korporationen waren mit ungeheuren Rechten und Privi-
legien ausgerüstet, die sie tatsächlich zu unumschränkten
Regenten machten, wenn ihre Freibriefe auch gelegentlich
revidiert und geändert wurden. Die Londoner Gesellschaft,
welcher dreimal das Recht verliehen wurde, den Boden
und die Erträgnisse Virginias in Besitz zu nehmen und seinen
Herrschaftsbereich zu bevölkern, war mit weitgehenden
Rechten und Privilegien ausgestattet, die ihr eine absolute
Monopolstellung verliehen. Die geldbedürftigen Edelleute
und Herren, die sich nach Virginia einschifften, um ihre
zerrütteten Vermögensverhältnisse zu kurieren oder Aben-
teuer zu suchen, fanden keine Schwierigkeit, weite Län-
dereien verliehen zu bekommen — besonders als nach 1614
der Tabak in England ein gangbarer Artikel wurde und sich
als wertvolle Handelsware einführte.

‚Über diese Kolonie verbreiteten sich nun Pflanzer, die
dieses neugefundene Mittel, reich zu werden. schleunigst
        <pb n="49" />
        ausnutzten. Land und Klima begünstigten sie gleicher-
maßen — nur störte sie der Mangel an Arbeitskräften.
Diesem Notstande wurde sofort abgeholfen durch den An-
kauf weißer Dienstverpflichteter in England, die in Virginia
an den Meistbietenden verkauft wurden. Das reichte aber
nicht aus, und es setzte Klagen an die englische Regierung.
Da die Forderungen des Handels um jeden Preis erfüllt
werden mußten, so fing man an, So viele Leute aus den
ärmeren Klassen Englands, als man unter irgendeinem
Vorwande dazu pressen konnte, zusammenzuscharren und
sie als leibeigene Arbeiter hinüberzuschicken. Arme Teufel
ohne Heller und Pfennig, die man wegen irgendeines der
zahlreichen Vergehen, die damals schwer bestraft wurden,
verhaftet und verurteilt hatte, wurden als Verbrecher in
die Kolonien transportiert oder als Sklaven für einen Zeit-
raum von Jahren verkauft. Die englischen Gerichtshöfe
waren eifrig dabei, Menschenmaterial für die Pflanzungen in
Virginia zu mahlen, und da die Interessen des Handels als
die höchsten galten, wurde diese Methode, den sogenannten
„Abschaum“‘ fortzuschaffen, für notwendig und berechtigt
gehalten. Keine Stimme erhob sich zum Protest.
Die Eintührung schwarzer Sklaven
Aber so schnell die englischen Gerichtshöfe auch arbei-
teten, sie lieferten doch nicht Arbeiter genug. Daher
waren die Pflanzer hocherfreut, als sie 1619 ein neues
Mittel kennen lernten, sich mit geeigneten Arbeitern zu
versorgen. In Jamestown landete ein holländisches Schiff
mit einer Ladung Neger aus Guinea. Die Schwarzen
wurden von den Pflanzern prompt zu guten Preisen gekauft.
Seitdem sah man das Problem der Arbeitskräfte als befrie-
digend gelöst an. Da die Sklaverei sich gut mit den Er-
fordernissen des Tabakbaus vertrug, nahmen die Pflanzer,
deren Interessen und Anschauungen maßgebend waren,
sie als passende Einrichtung hin und blieben dabei.

Nach 1620, als die Londoner Gesellschaft durch königliches
Dekret aufgelöst und der Handel mit Virginia freigegeben
wurde, waren die Pflanzer der einzig maßgebende Faktor.
        <pb n="50" />
        Virginia wurde allerdings zu einer königlichen Provinz ge-
macht undeiner Statthalterschaft unterstellt, aber dengroßen
Pflanzern gelang es immer, die Gesetze und Gebräuche
durchzudrücken, die in ihrem eigenen Interesse lagen. Es gab
nur zwei Klassen — einerseits die reichen Pflanzer mit ihren
Ländereien, ihren Leibeigenen und Sklaven, und anderseits
die armen Weißen. Eine Mittelklasse fehlte gänzlich. .
Der Tabak, der Haupthandelsartikel und geradezu die
Währung, hatte Kaufkraft für alles: für lebendige Menschen
50 gut wie für totes Material. Die Frage der Arbeitskräfte
war befriedigend erledigt — die Familienfrage aber noch
nicht. An Frauen fehlte es ungemein: die maßgebenden
Stellen in London waren sofort willig und schickten im Jahre
1620 sechzig junge Frauen hinüber, die verauktioniert wur-
den und zu Preisen zwischen 120 und 160 Pfund Tabak
weggingen. Der Tabak wurde damals zu drei Schilling das
Pfund verkauft. Sein Anbau wurde emsig weiterbetrieben.
Die Benutzung des Landes hauptsächlich” zu Ackerbau-
zwecken führte zur Gründung zahlreicher Niederlassungen
längs der Küsten, Buchten, Flüsse und Bäche, womit Virginia
übersät ist und die Zugang zu den Seehäfen boten. Im
Lauf der Jahre und mit dem Anwachsen der Mittel und
Arbeitskräfte der Pflanzer dehnten ihre Ländereien sich
immer mehr aus, so daß Pflanzungen von 50-—60 000 Mor-
gen!) nicht ungewöhnlich waren. Aber weder in Virginia
noch in Maryland, unter der fast königlichen Gewalt von
Lord Baltimore, der Figentumsrechte über seine ganze Pro-
vinz hatte, waren so riesenhafte Ländereien zu finden, wie
in den Nordkolonien (besonders in Neu-Niederland und
in Neu-England) durch Schenkung übertragen wurden.
Feudale Schenkungen im Norden
In seinem eifrigen Bestreben, Neu-Niederland zu be-
äedeln und seine Erzeugnisse auszunutzen, machte Holland
durch die Generalstaaten den Förderern der Kolonisation

1) Die Übersetzung gebraucht stets abgekürzt das Wort Morgen für den
\merikanischen Acre, der 4047 Quadratmeter mißt, also hoch über dem preußi-
schen und ziemlich weit unter dem mecklenburgischen Morgen steht.
        <pb n="51" />
        — 6—
außerordentlich lockende Anerbieten. Die Aussicht auf
unermeßliche Ländereien, mit feudalen Rechten und
Privilegien, wurde als Köder ausgeworfen. Das Gesetz
von 1629 über Freiheiten und Steuer-Erlässe machte es
leicht, mit umfassenden Besitzungen und Rechten Grund-
herr zu werden. Jeder, dem es gelänge, eine Kolonie von
50 „Seelen“ zu gründen, deren jede mehr als 15 Jahre alt
sein mußte, sollte sofort ein „Patron“ werden mit allen
Rechten der Lordschaft. Ihm wurde gestattet, 16 Meilen
an der Küste oder auf einer Seite eines schiffbaren Flusses
in Besitz zu nehmen; oder aber er konnte acht Meilen
auf einer Seite eines Flusses nehmen und das zugehörige
Land so weit bis ins Innere, „wie die Lage der Besitz-
ergreifenden zulassen wird“. Der Rechtsanspruch wurde
dem Patron für immer verliehen und dazu das Monopol
der Erzeugnisse seiner Domäne, mit Ausnahme von Pelzen
und Fellen. Kein Patron und kein anderer Kolonist hatte das
Recht, Woll- oder Baumwollerzeugnisse, Leinen oder Tuch
aus irgendeinem Material herzustellen, unter Strafe der
Verbannung (O’Callaghans „Geschichte Neu-Niederlands‘).

Diese Beschränkungen wurden im Interesse der Hollän-
disch-Westindischen Gesellschaft getroffen, einer Handels-
gesellschaft, die nahezu diktatorische Gewalt hatte. Mit
dem Monopol über das ganze ihr unterstellte Gebiet
besaß sie weitgehende Vollmachten, eine vielgefürchtete
Rüstungsstärke und großen Einfluß. Sie war eine Art
Kreuzung zwischen gesetzlicher Freibeuterei und gerissener
Koloniengründung. Plünderung und Gemetzel waren oft
Hilfsmittel, wenn sie es auch in dieser Hinsicht in keiner
Weise mit ihrer Zwillings-Vereinigung, der Holländisch-
Ostindischen Gesellschaft, aufnahm, deren Ausbeutung der
asiatischen Besitzungen Hollands eine lange Schreckens-
geschichte darstellt.

Die Holländisch-Westindische Gesellschatt

Die Politik der Holländisch-Westindischen Gesellschaft
bestand darin, freigebige Belohnungen für die Besiedlung
des Landes auszusetzen und gleichzeitig die Konkurrenz
        <pb n="52" />
        in jedwedem der zahlreichen Produkte, die sie selbst ver-
trieb, zu verbieten. Das war von großem Einfluß auf den
Grundcharakter der hervorstechenden Vermögen des näch-
sten und übernächsten Jahrhunderts. Daraus, daß die ein-
geborenen Industrien verboten oder ihre Erzeugnisse nicht
nur von der Holländisch-Westindischen Gesellschaft in
Neu-Niederland, sondern auch anderwärts in den Kolonien
von anderen Gesellschaften monopolisiert wurden, folgte,
daß der Grundstock großer Privatvermögen Bodenbesitz
mit Ackerbau als Begleitfaktor wurde. Die Wirkungen
dieser fortgesetzten Politik zeigten sich recht eigentlich
“Ist später, als England viele Arten kolonialer Manu-
faktur durch ein Gesetz nach dem anderen lahmlegte.
Der feudale Charakter der holländischen Kolonisation, wie
sie von der Holländisch-Westindischen Gesellschaft be-
trieben wurde, mußte notwendig große Landbesitzungen
erzeugen, deren Wert nicht so sehr im Ackerbau lag,
wie in Virginia, Maryland und später in den Karolinen
und in Georgia, sondern in den natürlichen Schätzen
des Landes. Das herrliche Nutzholz der Urwälder brachte
beim Export kolossalen Verdienst, und wo ein Land-
besitz an einen Fluß oder eine Seeküste grenzte, ergaben
sich höchst wertvolle Fischereirechte. Damals waren die
Flüsse mit großen Mengen von Fischen gefüllt, womit der
Flußfischfang von heute nicht zu vergleichen ist. Je mehr
Einwanderung und Besiedlung zunahmen, und je mehr
Schiffe ihre Fracht hin und her trugen, um so wertvoller
wurden diese Ländereien.

Um die Erschließung ihrer Kolonien immer noch mehr
aufzumuntern, brachten die Generalstaaten 1635 ein neues
Dekret durch, das die feudale Natur der bewilligten Rechte
bestätigte und stark vermehrte.

Wollte irgendein ehrgeiziger Abenteurer mit einem Satz
bis zur hohen Stellung eines Patrons springen, so waren die
Bedingungen leicht. Alles, was er zu tun hatte, war, eine
Kolonie von 48 Erwachsenen zu gründen, wozu man ihm
sechs Jahre Zeit ließ. Für seine Bemühungen bewilligte
man ihm sogar noch mehr Land als nach dem Gesetz von
1629. Über seine Buchten, Flüsse, Inseln und Festländer
        <pb n="53" />
        ‚a
wurde ihm für immer unumschränkte Gewalt gegeben. Er
und er allein war der Gerichtshof mit summarischer Gewalt
der „hohen, niedrigen und mittleren Rechtsprechung“,
die er streng und launisch ausübte. Er fällte nicht nur den
Spruch wegen der Übertretung eines Gesetzes, sondern er
selbst stellte auch diese Gesetze auf, und sie stimmten
natürlich stets mit seinen persönlichen Interessen überein.
Es stand ganz in seinem Belieben, Beamte zu ernennen
und Gesetze zu erlassen. Und schließlich durfte er in seinem
Bereiche Polizei spielen und die Waffen seiner Kolonien
gebrauchen. Diese unumschränkten Rechte sollten auf seine
Erben und Rechtsnachfolger übergehen.
Kaufleute der Alten Welt werden Feudalaristokraten
So wurde zu Beginn der Niederlassungszeit in Sitte und
Gesetz der Grund gelegt zu einer Aristokratie von Land-
besitzern oder vielmehr zu einer Gruppe eingewurzelter
Autokraten längs der Ufer des Hudson, der Küsten des
Ozeans und weit ins Land hinein. Der "Theorie nach er-
streckte sich das Kolonialgebiet westlich bis zum Atlanti-
schen Ozean.

Aus diesen Patronen und ihrer direkten und indirekten
Nachkommenschaft gingen die zahlreichen Generationen
landbesitzender Familien hervor, die wegen ihres Wohl-
standes und ihres Einflusses sich als mächtige Faktoren
in der ökonomischen und politischen Geschichte des Landes
erwiesen. Die verderblichen Folgen dieser ersten großen
Okkupierung des Bodens zogen sich durch den ganzen
Bau der Gesellschaft hin und zeigten sich deutlich vor und
nach der Revolution, besonders im dritten und vierten Jahr-
zehnt des achtzehnten Jahrhunderts. Sie lassen sich tatsäch-
lich bis zum heutigen Tage verfolgen — obgleich Gesetze
und Einrichtungen sich so sehr geändert haben. — Andere
Kolonien spiegelten den beständigen Wechsel der Re-
gierung, der herrschenden Partei oder Politik in England
wider, und von England verbriefte Kolonialgesellschaften
büßten häufig ihre Freibriefe ein. In Neu-Niederland da-
gegen blieben die Verhältnisse unter holländischer Re-
        <pb n="54" />
        — Q —
zierung stabil, und die Anhäufung großer Bodenbesitzungen
zing später unter englischer Herrschaft noch intensiver vor
sich. In New York befanden sich damals die wichtigsten
kolonialen Ländereien und die wichtigsten Privatvermögen.

Viele der Beamten und Direktoren der Holländisch-
Westindischen Gesellschaft waren Amsterdamer Kaufleute.
Unternehmende, ideenreiche, selbstbewußte Männer, waren
sie auf den Geldmärkten mächtig, wurden aber von der
alten holländischen Aristokratie ausgenutzt und über die
Achsel angesehen. Nachdem sie Reichtümer zusammen-
gescharrt hatten, geizten diese Kaufleute danach, Gründer
großer Besitzungen zu werden und als mächtige Fürsten
inmitten weiter Besitzungen zu leben, wenn es auch
eigentlich Einöden wären. Zu diesem Ehrgeiz gesellte sich
das kaufmännische Motiv, das Land, woher die Felle,
Pelze und Nutzhölzer kamen, und die fischreichen Wasser
selbst zu besitzen.

Einer dieser Direktoren war Kiliaen van Rensselaer, ein
Amsterdamer Perlenhändler. 1630 kauften seine Agenten
den Indianern für ihn eine Besitzung von 24 Meilen Länge
und 48 Meilen Breite an dem Westufer des Hudson ab.
Sie war schätzungsweise 7000 Morgen groß und umfaßte
die jetzigen Grafschaften Albany, Rensselaer, einen Teil
der Grafschaft Columbia und einen Streifen des heutigen
Massachusetts. Und was war der Preis für diesen weiten
Besitz? Die Register erwähnen freigebigerweise „gewisse
Mengen Wolltuch, Äxte, Messer und Muschelschnüre“‘,
mit anderen Worten: der Perlenhändler bekam ihn fast
umsonst. (Es wird zwar gesagt, Kiliaen van Rensselaer
hätte Amerika besucht, es scheint aber erwiesen, daß er
niemals dort war, sondern sich durch Agenten vertreten
ließ. Dabei war er der mächtigste aller Patrone.) Zwei
andere Direktoren — Godyn und Bloemart — wurden
Eigentümer großer Feudalstaaten. Einer davon, worin
jetzt New Jersey liegt, umfaßte 64 Quadratmeilen.

So schlugen diese Direktoren zwei Fliegen mit einer
Klappe. Ihr Stolz war befriedigt durch die unumschränkte
Herrschaft über unermeßliche Areale, und gleichzeitig gab
ihnen der Besitz des Landes die mannigfachen Vorteile
        <pb n="55" />
        — 10 —
und größeren Verdienste direkten Handels mit den India-
nern. Aus diesem Gewinn bauten sie später Lustschlösser:
und von ihren Agenten, Vasallen, Untergebenen and Sklaven
umgeben und bedient, führten sie ein fürstliches, aus-
schweifendes Leben und kannten in den meisten Dingen
kein anderes Gesetz als ihren ungezügelten Willen. Sie
betrachteten sich als geniale Gründer einer mächtigen
Landaristokratie, deren Besitzungen größer waren als die
der europäischen. Das Recht der Erstgeburt und der Un-
veräußerlichkeit der Güter, das damals in voller Kraft war,
mußte diese Besitzungen ungeteilt und generationenlang
gleich einflußreich erhalten.

Außer diesen Landbesitzungen hatten die Direktoren ein
ceichlich wachsendes Einkommen. Die Holländisch-West-
indische Gesellschaft gedieh prächtig. Um das Jahr 1629
hatte sie mehr als hundert vollausgerüstete Schiffe zur Ver-
fügung. Die meisten waren für den Kampf gegen den Handel
anderer Länder oder gegen Seeräuber ausgerüstet. Fünf-
zehntausend Matrosen und Soldaten standen auf ihrer
Zahlliste; in diesem einen Jahr verbrauchte sie mehr als
hunderttausend Pfund Pulver — was bezeichnend ist für
die Art ihrer Geschäftsführung. Sie besaß mehr als vier-
hundert Kanonen und Tausende anderer Waffen. Ihr Haupt-
zweck war Monopolisierung des Handels mit den Indianern,
nicht Kolonisation. Die „fürstlichen‘“ Herrensitze waren
ein Gemisch von Festung und Handelshaus, mit Grä-
ben und Staketen umgeben. Alles, was Profit abwarf,
and wäre es offenbarer Mord gewesen, sah man als recht-
mäßigen Handelsbetrieb an und stellte es der königlichen
Familie, die an dem Unternehmen beteiligt war, und dem
Volke im allgemeinen so dar. Die energische Handels-
klasse, die bloß darauf aus war, Geld zu machen und in einer
Zeit niedriger und vulgärer Ideale in betreff der Mittel
keine Skrupel kannte, fing bereits an, in manchen Ländern die
öffentliche Meinung zu machen, die freilich damals wenig
galt. Was zählte, war der König und die regierende Klasse,
and solange diese von den mannigfachen Scheußlichkeiten
des Handels ihren Vorteil hatten, waren die Methoden
legitimiert, wenn nicht geradezu vom König sanktioniert.
        <pb n="56" />
        — II1 —
Feste Begründung einer Aristokratie
Die alte Aristokratie Hollands wurde eifersüchtig auf die
Macht und die Anmaßungen der Leute, die sie als Parvenüs
des Handels ansah, und sie versuchte die Rechte und Privi-
legien der Patrone zu beschneiden. Diese aber wandten
ein, ihr unumschränktes Herrentum sei unbestreitbar;
Kontrakte, um es modern auszudrücken, müßten gehalten
werden. Sie hätten für die Kolonien eine „Tonne Goldes‘“
ausgegeben (die sich auf hunderttausend Gulden oder
vierzigtausend Dollar belief). Sie behielten nicht nur recht,
sondern ihre Macht wurde noch erweitert.

Nun bot sich das Schauspiel, daß die Mittelklasse ‚der
Alten Welt, die Händler, die Gewohnheiten und Anmaßlich-
keiten der Aristokratie ihres eigenen Landes, auf die sie
vordem geschimpft hatten, nachahmten und noch über-
trieben und sich als die eingesessene Landaristokratie des
neuen Landes breitmachten.

Wie ein kleiner Monarch hatte jeder Patron seine Flagge
und seine Abzeichen; jeder versah sein Gebiet mit
Festungswerken, mit Kanonen und Söldnertruppen. Die
Kolonisten waren bloße Untertanen, die den Eid der
Treue und Ergebenheit zu leisten hatten. Die Macht der
Patrone über ihre Untergebenen war fast unbeschränkt.
Niemand, weder „Mann noch Frau, Sohn oder "Tochter,
Knecht oder Magd“ konnte, außer mit seinem schriftlichen
Einverständnis, den Dienst bei einem Patron während der
ausgemachten Zeit aufgeben — wieviel Mißbräuche und
Kontraktbrüche der Patron auch begehen mochte.

In dem alten Lande war der Boden seit langem in die
Hände einiger Weniger übergegangen und die Basis für die
ökonomische und politische Versklavung des Volkes ge-
worden. Um dieser Knechtschaft zu entgehen hatten
viele Einwanderer Mühen und Entbehrungen erduldet
und waren nach Amerika gegangen. Dort, hofften sie,
würde es ihnen leicht sein, Land zu bekommen, dessen
Bebauung ihnen eine gewisse Unabhängigkeit sichern
würde. Als sie ankamen, fanden sie weite nutzbare Teile
des Landes, und gerade die begehrenswertesten und zu-
        <pb n="57" />
        12
yänglichsten an der Küste und an den Flußufern, schon
vergeben. Eine ausbeuterische und tyrannische Feudalregie-
rung thronte überall. Das einzige, was sie in den meisten
Fällen tun konnten, war, das kleinste Übel zu wählen
und Pächter der großen Grundherren oder ihre Arbeiter
zu werden.

Die Niederdrückung der Arbeiter
Die Einwanderung wurde von den Patronen natürlich
begünstigt. Abgesehen davon, daß der Wert ihrer Besit-
zungen sich mit dem Zuwachs der Bevölkerung vermehrte,
mußten die Arbeitslöhne dadurch auch immer mehr sinken.
Gleichzeitig wandten sie, um in dem schuftenden Arbeiter,
den man zu jener Zeit als bloßes Arbeitstier betrachtete, das
keinerlei Rechte verdiente, jedes Aufstreben zu ersticken,
die ganze Kraft des Gesetzes an, scharfe Verurteilungen
zuwege zu bringen. Man drückte den Arbeiter mit Ab-
sicht bis zum Äußersten herab und ließ ihn auf mancherlei
Weise seinen besonders niedrigen Platz in der sozialen
Organisation fühlen; nicht einmal das gewöhnlichste Bürger-
recht, in den öffentlichen Angelegenheiten eine Stimme zu
haben, besaß er. Das Bürgerrecht wurde nämlich ganz
vom Besitz abhängig gemacht — eine leichte Methode,
die Masse der armen Einwohner rechtlos zu machen und
niederzuhalten. Einzig und allein durch Kauf war dieses
Recht zu erwerben, und damit es soweit wie möglich auf
eine engbegrenzte Klasse beschränkt bliebe, wurde der
Preis ungewöhnlich hoch festgesetzt. In Neu-Niederland
z. B. wurde 1659 gesetzlich festgelegt, daß die Ein-
wanderer für das Bürgerrecht tausend Gulden zu bezahlen
hätten. Da nun der durchschnittliche Arbeiter pro Tag
für seine lange Anstrengung, die oft von Sonnenaufgang
bis Sonnenuntergang dauerte, nur zwei Schilling bekam,
so hatte er wenig Aussicht, diese Summe jemals zusammen-
zubekommen. Die Folge war, daß die Bürgerschaft allein
von den Kaufleuten gebildet wurde — und alle Berichte
jener Zeit scheinen zu beweisen, daß die Kaufleute er-
gebene Werkzeuge der Patrone waren, deren Gunst sie
        <pb n="58" />
        12 —
eifrig umschmeichelten. Diese bewußt verfolgte Politik, die
Arbeiterklasse zu degradieren und auszubeuten, entzündete
bitteren Haß und Groll, dessen Wirkungen sich beständig
zeigten.

Zweites Kapitel
DIE MACHT DER GRUNDHERREN
Die Auftteilung der Kolonien
Bm ähnlich lagen die Verhältnisse in Neu-England.
Auch Neu-England wurde in ein paar kolossale Privat-
besitzungen zerteilt. Man eiferte dem Vorbild des englischen
Adels nach; aber die verbrieften Gesellschaften hatten
nicht nötig, zu den kniffligen, unaufrichtigen, heimlichen
Methoden zu greifen, die die englischen Landmagnaten
anwendeten, um ihren Raub zu bewahren, wie S. W.
Thackery sie so anschaulich beschrieben hat. Das Land
in Neu-England wurde willkürlich und frech von den
Direktoren der Plymouth-Gesellschaft in Beschlag genom-
men, der mächtigsten von den Gesellschaften, die Neu-
England ausbeuteten. Die Handvoll Leute, die an dieser
Teilung partizipierten, hielten ihre Ansprüche mit starker
Hand aufrecht und befestigten und vermehrten sie auf jede
erdenkliche Weise. Gleichgültig, welcher Monarch gerade
regierte, oder welcher Staat die Oberhoheit hatte — diese
Kolonialmagnaten fanden Mittel und Wege, die Macht zu
behalten. Manchmal sah es aus, als ob die Dinge sich
änderten, als ob eine demokratische Strömung sich geltend
mache —, aber in Wirklichkeit blieb alles beim alten.
Das zeigte sich niemals deutlicher wie damals, als Neu-
Niederland in englische Oberhoheit übergegangen war und
den Namen New York erhalten hatte. Damals wurden
Gesetze erlassen, die den Stempel der Gerechtigkeit und
der Demokratie zu tragen schienen. Die Monopole wurden
abgeschafft, jedermann erhielt das überaus hochgeschätzte
Recht, mit Fellen und Pelzen zu handeln, und das Bürger-
recht wurde ausgedehnt und seine Erwerbung leichter ge-
        <pb n="59" />
        1A —
macht. Wie wohlgemeint diese neuen Gesetze auch waren —
;ie erwiesen sich als leere Trugbilder. Unter englischer
Regierung wurden die Vergebungen weiter Ländereien in
New York sogar noch größer als unter holländischer Herr-
schaft, und zweifellos geschahen sie durch Begünstigung
und Betrug. Meile auf Meile des Bodens in New York,
die noch nicht verkauft waren, wurden von dem königlichen
Gouverneur Fletcher in unverschämter Weise gegen Be-
stechung weggegeben, und es wird vermutet, wenn es sich
auch nicht klar beweisen läßt, daß er auch in Pennsylvanien
während der Zeit, als er auf königlichen Befehl William
Penn in der Regierung dieser Provinz ablöste, mit Besitzun-
zen schacherte. Aus dem überkommenen Aktenmaterial er-
zibt sich, daß jeder, der an Fletcher’den verlangten Preis
bezahlte, sich in einen wohlberechtigten Landeigentümer
verwandeln konnte. Aber das Volk bildete sich ein, eine
wirklich demokratische Regierung zu besitzen. Hatte Eng-
land etwa nicht Volksvertretungen eingerichtet, die allein,
mit gewissen Einschränkungen, das Recht hatten, den
Provinzen Gesetze zu geben? Diese Vertretungen beruhten
angeblich auf der Abstimmung des Volkes — aber diese
Abstimmung war überall durch Vorrechte des Besitzes
beschränkt.

Die Landbesitzer als die politischen Regenten
In Wirklichkeit fanden die Land-Interessenten, die dem
Anschein nach ihrer direkten Feudalgewalt beraubt waren,
keine Schwierigkeit, ihren “gesetzgeberischen Einfluß zu
behaupten, indem sie die verschiedenen Provinzvertretungen
unter ihre Botmäßigkeit brachten. Körperschaften, die man
für Vertretungen des ganzen Volkes hielt, setzten sich in
Wahrheit aus Großgrundbesitzern, aus einer gewissen An-
zahl von Kaufleuten, die den Grundbesitzern zu Diensten
standen, und ein paar Farmern zusammen. In Virginia
blieb dieser Zustand lange bestehen, während er in der Pro-
vinz New York zu so unerträglichen Mißbräuchen und so
schwerer Bedrückung der Volksmasse führte, daß der Statt-
halter Cadwallader Colden in einem Schreiben aus New
        <pb n="60" />
        15 —
York vom 20. September 1764 an die Londoner Handels-
leitung heftigen Protest erhob. Er legte dar wie die
Landmagnaten es durchgesetzt hätten, sich zur gesetZ-
gebenden Klasse zu erheben. Drei der großen Boden-
Schenkungen sicherten einem jeden Besitzer das Privileg zu,
seinen Vertreter in den Landtag zu schicken. Diese Grund-
besitzer wurden also erbliche Gesetzgeber. „Die Inhaber
anderer großer Patente,“ fuhr Colden fort, „haben als Be-
sitzer des größten Reichtums in den verschiedenen ameri-
&lt;anischen Grafschaften, wo ihre Ländereien liegen, genügen-
den Einfluß, um für diese Grafschaften beständig gewählt zu
werden. Der Landtag dieser Provinz besteht also aus den
Eigentümern dieser zufälligen Schenkungen, den Kaufleuten
von New York, deren Führer mit den Besitzern dieser
großen Ländereien durch Familieninteressen aufs innigste
verbunden sind, und aus gewöhnlichen Farmern, die leicht
mit einigen Redereien von ‚Freiheiten und Vorrechten‘ zu
betrügen sind. Die Besitzer der großen Ländereien sind
nicht nur befreit von den Bodenzinsen, die die anderen
Grundbesitzer in den Provinzen zahlen müssen, sondern ver-
möge ihres Einflusses in der Versammlung auch frei von
jeder anderen öffentlichen Steuer auf ihren Bodenbesitz.“
Das konnte nur Eine Folge haben: überall, besonders
aber in New York und in Virginia, wurden die Boden-
besitzer immer reicher und anmaßender, während ander-
seits — in einem neuen Lande mit außerordentlichen
Bodenschätzen! — die Armut Wurzel faßte und immer
mehr um sich griff. Die Steuerlast fiel gänzlich auf die
Klassen der Farmer und der Arbeiter; wenn die Kaufleute
auch nominell besteuert waren, so konnten sie ihre .Ver-
pflichtungen doch leicht auf diese beiden Klassen abwälzen.
Wucherische Darlehen und Verpfändungen nahmen über-
hand.

Nun zeigte es sich, 5 daß das unbeschränkte Recht, mit
Pelzen zu handeln, nur auf dem Papier stand. Um die
Pelze zu bekommen mußte man in das Land hineinkönnen
— aber das Land;war jaimonopolisiert. Im Süden, wo
Tabak und Mais "die Hauptartikel waren, wurde dem
Arbeiter gleichfalls die Niederlassung verweigert, außer
        <pb n="61" />
        — 16 —
wenn er Lohnarbeiter oder Pächter wurde, und in der
Kolonie Massachusetts, wo an Nutzholz, Pelzen und
Fischerei Vermögen verdient wurden, hatte der Arme in
der Praxis keine Aussichten angesichts der großen Be-
vorzugung der landbesitzenden Klasse. Diese Verhältnisse
führten zu heftigen Protesten. Mehrere Aufstände in New
York, Bacons Rebellion in Virginia, nach der Restauration
Karls II., als dieser König große, der Kolonie gehörige Län-
dereien an seine Günstlinge verschenkte, und später, 1734,
ein heftiger Aufstand in Georgia, sogar unter der milden
Magnatenherrschaft des Philanthropen Oglethorpe — sie
alle waren in der Tat Ausbrüche der allgemeinen Gärung.
In diesem Konflikt zwischen der Klasse der Grundherren
und dem Volke bestand die einzige Hoffnung des Volkes
darin, die Aufmerksamkeit und die Gunst der königlichen
Gouverneure zu erlangen. Endlich erkannte einer von diesen
ernstlich und gewissenhaft die schweren Mißstände und
antwortete auf den bitteren Protest des Volkes.

Fin Konflikt zwischen Landmagnaten und Volk
Das war der Graf von Bellomont. Gleich bei seiner An-
zunft nach seiner Ernennung zum Oberbefehlshaber und
Gouverneur der Bucht von Massachusetts, New Yorks und
anderer Provinzen‘ lernte er die weitverbreitete Unzu-
friedenheit kennen. Nicht nur in Besitz und Privilegien
hatten die Landmagnaten eine tiefe Kluft zwischen sich
and dem Volke geschaffen, sondern sogar in Kleidung und
Haltung, und dies beruhte auf strengen Unterscheidungen
im Gesetz. Der Landaristokrat mit seinen Spitzen und
Krausen, seinem Seiden-, Gold- und Silberschmuck und
seinem kostbaren Tafelzeug, mit seiner selbstbewußten Miene
and seinem Ton voll erhabener Autorität thronte hoch
über dem Handwerker oder dem Arbeiter mit seiner rauhen
Kleidung und dürftigen Wohnung. In verschiedenen Pro-
vinzen waren lange Zeit Gesetze in Kraft, die dem gewöhn-
lichen Volk#das Tragen von‘ Gold-# und Silberlitzen,
von Seide und Schmuck verboten. Bellomont erkannte das
Gefühl der Auflehnung gegen die bittere Ungerechtigkeit,
        <pb n="62" />
        a

das im Gemüt des Volkes gärte, und ging daran, die großen
Besitzungen zu konfiszieren, besonders weil, wie er aus-
führte, viele davon durch Bestechung erworben waren.
Mit Staunen erfuhr Bellomont, daß ein einziger Mensch,
der Oberst Samuel Allen, den Anspruch erhob, alles das
zu besitzen, was heute den Staat New Hampshire aus-
macht. Als 1635 die Plymouth-Kolonie sich anschickte, ihren
Freibrief zurückzugeben, teilten ihre Direktoren das Terri-
torlum unter sich. New Hampshire kam an den Kapitän
John Mason, der einige Jahre früher von der Gesellschaft
ein Patent für dasselbe Areal erhalten hatte. Karl I. hatte
das Vorgehen der Gesellschaft bestätigt. Nach dem Tode
von Mason wurden seine Ansprüche von dem Oberst Allen
für etwa 1250 Dollar angekauft. Mason hinterließ jedoch
einen Erben, und es ergaben sich lange Prozesse. Inzwischen
zogen Ansiedler aus diesen Streitwirren Vorteil, indem sie
nach New Hampshire gingen und dort die Wälder nieder-
legten, um das Land dem Ackerbau zu erschließen. Allen
aber erreichte es, 1692 selber zum Gouverneur von New
Hampshire ernannt zu werden, erklärte die ganze Provinz
für sein persönliches Eigentum und drohte die Ansiedler
als Gesetzesübertreter auszuweisen, wenn sie sich nicht mit
ihm verständigten. Es bestand die Gefahr eines Aufstandes
der Ansiedler, die nicht einsahen, warum das Land, woran
sie ihre Arbeit gewandt hatten, ihnen nicht gehören sollte.
Bellomont stellte Nachforschungen an und in einem Be-
richt vom 22. Juni 1700 erklärte er die Ansprüche Allens
für mangelhaft und ungenügend und erhob die Beschul-
digung, Allen habe versucht, bei ihm die Bestätigung seiner
Ansprüche durch schwere Bestechung zu erlangen.
Wirkungen der Weggabe des Bodens
Die Weggabe der ausgedehnten Ländereien und der
willkürliche Ausschluß der Masse vom Bodenbesitz erzeugte
eine nicht ungefährliche Lage. Eine plötzliche scharfe Spal-
tung in Klassen war die Folge, Der Farmarbeiter, der sech-
zehn Stunden täglich für 40 Cent arbeitete, der Zimmermann,
der sich für 52 Cent täglich abmühte, der Schuhmacher und
        <pb n="63" />
        — 18 —
der Schmied, die für 73 und 70 Cent schufteten — sie
dachten, über ihre Arbeit gebeugt, über diese Ungerech-
tigkeit nach. Sie konnten ihr Leben lang bei ehrlicher Arbeit
schwitzen und Werte hervorbringen und doch eine ständige
Beute der Armut sein — während einige Wenige sich durch
Bestechung in den Besitz von Ländereien gesetzt hatten,
die zehn- und zwanzigtausend Pfund wert waren.

Befragt man historische Werke, so merkt man, daß darin
auch nicht die leiseste Erkenntnis dieser tiefen Bitterkeit
aufdäimmert, die die sogenannten niederen Klassen erfüllte,
nicht die leiseste Andeutung des unaufhörlichen Kampfes
zwischen der Landaristokratie und dem gewöhnlichen
Volke, der bald schwelte, bald offen tobte.

Den Widerstand der armen Kolonisten gegen das Hörig-
werden und die Wegnahme des Landes schilderte der Gou-
verneur von Massachusetts und New York Graf von Bello-
mont deutlich in einem Brief vom 28. November 1700
an die Lords des Handels. Er führte Klage darüber, daß
„das Volk aus Mangel an Boden hier so eingeengt ist, daß
mehrere Familien nach meiner eigenen Beobachtung in
das neue Land (so bezeichnen sie Pennsylvanien und
Jersey) hinübergegangen sind, denn, wie Herr Graham
and viele andere sich mir gegenüber ausdrückten, müßte
man ja ein Narr sein, um ein elender Pächter des Herrn
Dellius, des Obersten Schuyler, des Herrn Livington (und
so durchlief er die ganze Reihe der mächtigen Grund-
besitzer) zu werden, wenn man bloß den Hudson zu
kreuzen braucht, um drüben in Jersey für einen Pappen-
stiel ein hübsches Freigut zu bekommen“.

Wenn der Einwanderer die nötige Summe aufbringen
konnte, so wurde er wirklich ein unabhängiger Ackerbauer
in New Jersey oder in Teilen von Pennsylvanien und ver-
3ah sich mit dem, was zur Produktion nötig war. Aber viele
Einwanderer kamen mit leeren Taschen an und wurden
Arbeiter, die von der Gunst der Landbesitzer abhingen.
Was die Handwerker anbetrifft — die Zimmerleute, Maurer,
Schneider, Schmiede —, so blieben sie entweder in den
Städten und Ortschaften, wo ihr Geschäft hauptsächlich
vor sich ging, oder verdingten sich den Grundherren,
        <pb n="64" />
        Der Versuch einer Güterkonfiskation wird abgeschlagen
Einer der ersten Vorschläge Bellompnts zur Hebung der
Übelstände war der, daß die heimische Regierung allen Gou-
verneuren überall in den Kolonien verbieten sollte, ohne
königlichen Dispens mehr als tausend Morgen an einen ein-
zelnen zu vergeben, und eine Extrasteuer von einer halben
Krone auf je hundert Morgen legen sollte zugunsten
des königlichen Schatzes. Auf diesen Vorschlag ging man
Nicht ein. Er wandte sich jetzt an den Landtag von New
York und verlangte, daß er die großen Schenkungen für
nichtig erkläre. Dabei sah er aber, daß die mächtigsten
Mitglieder des Landtages selbst Großgrundbesitzer waren
und ihm Hindernisse über Hindernisse in den Weg legten.
Nach großen Mühen setzte er es schließlich durch, daß
der Landtag wenigstens zwei dieser Schenkungen, die an
Evans und Bayard gemachten, aufhob — wahrscheinlich,
um Bellomont und der öffentlichen Meinung den Mund
zu stopfen, und weil Evans und Bayard weniger Einfluß
hatten als die anderen. Abgeordneten. Aber die Eigentümer
der anderen Besitzungen hielten zäh daran fest. Das Volk
sah in Bellomont einen ehrlichen und glühenden Reformator,
die Grundbesitzer und ihr Gefolge aber stellten ihn als
einen Störenfried und Aufwiegler hin. So blieb das Überge-
wicht der Grundherren im großen und ganzen unerschüttert.

Wie die Herren des Bodens lehten
Ein flüchtiges Bild von einem dieser Großgrundbesitzer
wird uns zeigen, wie sie lebten, und was man damals von
ihrem Luxus dachte. Als einer der „hervorragendsten
Männer seiner Zeit“ in den Kolonien lebte der Oberst
Smith in entsprechendem Stil. Dieser finstere Mann mit
buschigen Augen, der die Allgemeinheit um ein großes
Areal Landes beraubt hatte, der als oberster Richter mit
unbeugsamer Strenge Strafen an arme "Teufel austeilte
und immer auf dem Posten war, die Rechte des Besitzes
7u verteidigen, war der Grundherr von St. Georg in der Graf-
schaft Suffolk. Die feinsten Seiden und Spitzen bedeckten
seine gewichtige Persönlichkeit. Seine gestickten Gürtel,
        <pb n="65" />
        die 110 Pfund Sterling gekostet hatten, bezeugten sogleich
seinen großen Wohlstand und seine hohe Stellung. Er
besaß die außerordentliche Menge von 104 Silberknöpfchen
zum Schmuck seiner Kleider. Wenn er spazieren ging,
stützte er sich auf einen Stock mit schwerer silberner Krücke,
und beim Reiten saß er in einem eleganten Sammetsattel.
Seine drei Degen waren von feinster Machart; zuweilen
bevorzugte er einen türkischen Krummsäbel. Wenige
Uhren in den Kolonien konnten sich mit seiner massiv
silbernen Taschenuhr vergleichen. Seine Tafel war ver-
schönt von schwerem Silberzeug im Werte von 150 Pfund,
mit eingraviertem Wappen. Zwölf Negersklaven gehorchten
seinem Kopfnicken; er hatte eine große Zahl leibeigener
Lehrlinge und abhängiger Arbeiter.

Sein Landhaus sah nieder auf zwanzig Morgen Weizen
und zwanzig Morgen Mais; seine Pferde und sein Vieh
waren der Neid des. Landes. In seinen letzten Jahren be-
3aß er dreißig Pferde, vierzehn Ochsen, sechzig Stiere,
achtundvierzig Kühe und zwei Bullen. Er lebte wüst,
ar trank, er fluchte, er betrog — und sprach Recht.

Eine der besten und genausten Schilderungen von
einem etwa gleichzeitigen Landmagnaten im Süden, von
dem virginischen Pflanzer Robert Carter, gibt Philipp Vickers
Fithian, der in Carters Familie Erzieher war, in seinen
Briefen und Tagebüchern (1767—1774). Carter erbte seine
Ländereien von seinem Großvater, dessen Grundbesitz
und andere Güter so ausgedehnt waren, daß man ihn
„König Carter“ nannte.

Robert Carter schwelgte in Nomini Hall, einem großen
kolonialen Herrensitz in der Grafschaft Westmoreland.
Dieser wurde zwischen 1725 und 1732 aus Ziegelstein mit
fester Mörtelbedeckung erbaut, was ihm eine vollkommen
weiße Fassade verlieh, und war 76 Fuß lang und 40 Fuß
breit. Das Innere war für jene Zeit von ungewohnter Pracht,
wie nur die Allerreichsten sie sich leisten konnten. Es be-
stand aus acht großen Zimmern; eins davon war ein dreißig
Fuß langer Tanzsaal. Carter verwandte die. meisten seiner
Mußestunden auf das Studium des Rechtes und der Musik;
seine Bibliothek enthielt 1500 Bände, und er besaß auch eine
        <pb n="66" />
        21 —
reiche Sammlung von Musikinstrumenten. Er war Eigen-
tümer von 60000 Morgen Land in allen Grafschaften
Virginias und Herr von sechshundert Negersklaven.. Der
größte Teil der ertragreichen Eisenwerke bei Baltimore
gehörte ihm, und bei seinem Landhause stand eine Korn-
mühle, die 25 000 Scheffel Weizen jährlich mahlen konnte.
Carter war nicht bloß einer der großen Pflanzer der Zeit,
sondern auch einer der großen Kapitalisten; alles, was er zu
tun hatte, war eine Generalaufsicht — seine Aufseher über-
wachten den Betrieb der verschiedenen Erzeugungszweige
im einzelnen. Wie die anderen großen Landbesitzer gehörte
ar zur aktiv regierenden Klasse; als Mitglied des Provinzial-
rates hatte er großen Einfluß auf die Gesetzgebung. Er
war, wie uns berichtet wird, durch und durch ein Gentle-
man und sorgte gut für seine Sklaven und für seine weißen
Arbeiter, die in Arbeitshäusern und kleinen Hütten ım
Bereich seines Landhauses untergebracht waren. Innerhalb
seines Gebietes übte er eine Art von wohlwollendem Des-
potismus. Er war einer der ersten, welche erkannten, daß
Leibeigenschaft lange nicht so einträglich sei wie freie
Arbeit, und rechnete sich aus, daß aus dem weißen Arbeiter,
für den man keine Verantwortung für Behausung, Kleidung
und Nahrung zu übernehmen brauchte, mehr Geld heraus-
zuziehen wäre als aus dem Negersklaven, dessen Krankheit,
Arbeitsunfähigkeit und Tod immer einen direkten finan-
ziellen Verlust bedeuteten. Vor seinem Tode gab er einer
Anzahl seiner Sklaven die Freiheit. — Das ist, in kurzem,
das eher geschmeichelte Bild. eines der hervorragendsten
teichen Pflanzer im Süden.

Das Entstehen der Handelsklasse

Landbesitz blieb die Hauptquelle des Wohlstandes der
Reichen bis nach der Revolution. Die verschiedenen von Eng-
land gemachten Gesetze hatten den Aufschwung der Han-
delsklasse hintangehalten. Nach Überwindung dieser Gesetze
stiegen die Händler schnell von ihrer untergeordneten Stel-
lung zur höchsten Wohlstandsstufe hinauf.

Keine tiefere Untersuchung der Strömungen und Be-
        <pb n="67" />
        wegungen vor der Revolution ist nötig, um zu verstehen,
daß die Revolution von der unbefriedigten Handelsklasse
herbeigeführt worden ist, als einziges Mittel, dem Handel
völlige Freiheit zu sichern. Obgleich sie oft als eine altrui-
stische Freiheitsbewegung hingestellt wird, war sie wesent-
lich ein ökonomischer Kampf, der von‘ der Handelsklasse
und einem Teil der Landinteressenten ausging. Dazu ge-
zellte sich ein aufrichtiges Streben nach freien politischen
Verhältnissen. Dieses Streben galt aber nicht dem Wohle
aller Klassen, sondern nur der besseren Vertretung der
Interessen der besitzenden Klasse. Die von der Armut
gebeugten Kämpfer, die für diese Ansprüche fochten, er-
kannten nach dem Kampfe, daß die Verfassung so ange-
legt war, das allgemeine gleiche Stimmrecht zu vereiteln
ınd die Macht unversehrt in den Händen der Reichen zu
erhalten. Wären nicht Radikale, wie Jefferson und Paine
und andere, gewesen, so ist es sogar zweifelhaft, ob dem
Volk solche Zugeständnisse gemacht worden wären, wie
ihm gemacht worden sind. Der lange Kampf um allge-
meines Stimmrecht in verschiedenen Staaten bezeugt zur
Genüge das bewußte Streben der Besitzinteressenten, in
ihren eigenen Händen und in denen einer ihnen günstigen
Gefolgschaft die Stimmgewalt zu konzentrieren.

Mit dem Erfolg der Revolution schnellte die Handels-
klasse zur ersten Stelle empor. Die Unveräußerlichkeit
der Erbbesitze und das Recht der Erstgeburt wurden ab-
geschafft, und die großen Ländereien schmolzen allmählich
hinweg. Mehr als anderthalb Jahrhunderte lang hatten die
Landinteressenten die soziale und politische Arena be-
herrscht. Nun hörten sie als anerkannte, beständige Organi-
sation auf zu existieren. Große Ländereien gingen nicht
mehr unverändert, in allem Wechsel das einzig Bleibende,
von Generation auf Generation über. Sie wurden not-
wendigerweise unter die Kinder verteilt; und in den Wechsel-
fällen der folgenden Jahre glitten sie Stück für Stück durch
viele Hände. Veränderte Gesetze führten den allmählichen
Zerfall individueller Besitzungen herbei, während sie dem
Eigentum von Körperschaften keine Änderung brachten.
So hat z. B. die Dreieinigkeits-Gesellschaft in der Stadt
        <pb n="68" />
        79
New York den großen Besitz, der ihr vor der Revolution
gegeben wurde, zusammengehalten — mit Ausnahme
solcher Teile. die sie freiwillig verkauft hat.

Der Zertall der großen Ländereien
Die Landinteressenten blieben jedoch noch mehrere
Jahrzehnte nach der Revolution im Vordergrund vermöge
des Vorsprungs, den langer Besitz und der Verdienst
daraus ihnen gegeben hatte. Das Vermögen Washingtons,
das sich bei seinem Tode auf 530 000 Dollar belief, war eins
der größten im Lande und bestand hauptsächlich in Grund
and Boden. Er besaß 9774 Morgen, auf zehn Dollar pro
Morgen geschätzt, am Ohio in Virginia, 3075 Morgen ım
Werte von 200000 Dollar am Großen Kenawa und auch
anderwärts Grund und Boden in Virginia und Maryland,
Pennsylvanien, New York, Kentucky, in der Stadt Wa-
shington und an anderen Orten.

Ein halbes Jahrhundert später konnte sogar sein Geburts-
haus nur durch ständige öffentliche Sammlungen für die
Nation gerettet werden — so sehr war sein Besitz zerteilt
und geschwächt worden. Benjamin Franklin hatte nach
einer langen glücklichen Laufbahn ein für damalige Verhält-
nisse großes Vermögen zusammengebracht. Es stammte
aber nicht aus Fabrikation und Erfindungen, für die er
so viel .getan hatte, sondern aus Landbesitz. 1788, zwei
Jahre vor seinem Tode, wurde es auf 150 000 Dollar, zum
größten Teil Immobilien, geschätzt. — In den ersten
Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts blieben nur wenige der
großen Besitzungen bestehen. Einer der letzten Patrone

war Stephan van Rensselaer, der am 26. Januar 1839 im
Alter von 75 Jahren starb und zehn Kinder hinterließ.
Bis zu seiner Zeit war sein Besitz immer auf den ältesten
Sohn übergegangen; wenn er auch durch verschiedene
Verkäufe etwas vermindert war, so war er immer noch von
großer Ausdehnung. Nun wurde er unter die zehn Kinder
verteilt, und (nach Schuyler) waren die 700 000 Morgen,
die ursprünglich zu dem Großgut gehörten, in weniger als
fünfzig Jahren nach seinem Tode in fremden Händen.
        <pb n="69" />
        dA
Lange bevor der alte van Rensselaer hinschied, hatte er
den Aufstieg und das Anwachsen der Händler- und Fabri-
kantenklasse und einer neuen Art Landaristokratie ge-
sehen und mit hochmütiger Bitterkeit bemerkt, wie sie an
Wohlstand und Macht die beinahe ausgestorbene Feudal-
aristokratie in den Schatten stellten. Ein paar hundert-
tausend Dollar waren nicht mehr der Gipfel eines großen
Vermögens; die Zeit der Millionäre war gekommen. Die
müßige Herrenwelt von ehedem war durch eine fieberhafte
Tätigkeit in Handel und Industrie ersetzt worden, die der
Gesellschaft ihre eigenen neuen Anschauungen, Meinungen
und Ideale als treibende Kräfte aufzwang.

Drittes Kapitel
DER AUFSCHWUNG DER HANDELSKLASSE

reben der Errichtung großer Landbesitze ging ein nur
a + langsames Fortkommen des Kleinhändlers und Klein-
kaufmanns her. Natürlich setzten sie sich zuerst in den
Seehäfen fest, wo der Handel konzentriert war.

Mancherlei Hindernisse hielten sie lange nieder. Die
großen verbrieften Gesellschaften monopolisierten die ein-
träglichen Erzeugnisse des Landes. Die Landmagnaten
verlangten einen Tribut für die Gewährung des kleinsten
Rechtes. Der Krämer durfte die Waren, welche die Gesell-
schaften ihm verkauften, weiterverkaufen — aber er durfte
nichts fabrizieren. Und nachdem die alten Monopolsgesell-
schaften verschwunden waren, brauchte die Landaristo-
kratie ihre Gewalt, um jedwede unbequeme Initiative auf
seiner Seite zu unterdrücken.

Die Grundherren monotdolisieren den Handel
Das war besonders in New York der Fall, wo alle Macht
in den Händen weniger Grundbesitzer konzentriert war.
Die Massen waren bloße Untertanen — wie in den Mon-
archien Europas. Der Feudalherr war zugleich der Haupt-
        <pb n="70" />
        7,
fabrikant und Haupthändler. Er zwang die von ihm Ab-

hängigen, Kontraktezu unterzeichnen, wonach sie mit nichts

anderem als mit den Erträgnissen seiner Grundherrschaft

handeln durften, wonach sie ihre Waren nur aus seinem

Lager entnehmen durften; wonach sie ihr Mehl nur auf
seiner Mühle mahlen, Brot nur in seiner Bäckerei, Bretter

nur in seiner Sägemühle und Schnaps nur in seiner Bren-
nerei kaufen durften. Auf diese Weise konnte er nicht
bloß durch exorbitante Preise den letzten Pfennig aus ihnen
herauspressen, sondern sie sogar ewig in Schulden halten.
Der Grundherr verlangte und erhielt in seinem Gebiet ein
Monopol für jedweden Handelszweig, den er nur anfangen
wollte. Und diese Feudalrechte wurden gesetzlich fest-
gelegt; wehe dem Untertan, der sich dagegen verging!
Der kleine Händler wagte es nicht, wegen der Handels-
monopole eines Grundherrn vor der feudalen Gerichtsbar-
keit Streit zu führen. Unter diesen Umständen blieb die
Stellung des Kaufmanns anderthalb Jahrhunderte lang eine
niedere, wenn er auch hoch über dem schuftenden Arbeiter
stand. Die Kaufleute griffen dafür um so mehr zu gewagten
und oft bedenklichen Mitteln des Gelderwerbs. Sie han-
delten und schacherten keck darauf los, waren immer auf
dem Posten, umschmeichelten die Aristokratie und saugten
den Arbeiter aus.

Zum mindesten in New York war der unverschämteste
Wucher schon frühzeitig ein beliebtes Mittel, sich den
Besitz anderer zu verschaffen. Diese anderen waren un-
wandelbar der Handwerker und der Arbeiter; denn der Kauf-
mann durfte es nicht wagen, den Aristokraten zu über-
teuern, dessen Macht er mit gutem Grunde fürchtete.
Das Geld, das durch den Verkauf von Rum und von wert-
vollen Fellen, die man den dummen Indianern abschwatzte,
verdient worden war, wurde zu entsetzlich drückenden
Zinsen ausgeliehen. Konnten die Zinsen nicht bezahlt
werden, so schoß der Geldverleiher ohne Gnade auf den
Unglücklichen herab und steckte seinen Besitz ein.

In der Provinz New York war der reichste Kaufmann
jener Zeit Cornelius Steenwyck, ein Spirituosenhändler,
der im Jahre 1686 starb. Er hinterließ ein Vermögen von
        <pb n="71" />
        _ 26
4382 Pfund Sterling und eine lange Liste von Schuld-
nern, aus der hervorging, daß in der Stadt New York fast
jeder einzelne ihm Geld schuldete, zum Teil für Rum, zum
Teil für Darlehen. Dasselbe galt von Peter Jakob Marius,
einem reichen Kaufmann, der 1706 starb und ein Heer von
Schuldnern hinterließ, „wozu fast die ganze männliche Be-
völkerung der Manhattan-Insel gehörte“. Dieser mächtige
Geldmann wurde „wie ein Gentleman begraben‘. Bei sei-
nem Begräbnis wurden große Summen für Bier und Wein,
Punsch und Teekuchen, Tabak und Pfeifen, Gewürze und
Zucker ausgegeben — ganz nach ehrwürdigem holländischen
Brauch. Das Barvermögen, das einige dieser reichen Leute
hinterließen, war eine seltsame Sammlung aller möglichen
Münzen, woraus hervorging, wie gemischt ihre Kundschaft
gewesen war. Da waren spanische Pistolen, Guineen,
arabische Münzen, Bank-Dollar, holländisches und fran-
zösisches Geld — ein buntscheckiger Haufe. Zweifellos
waren jene unternehmenden Piratenkapitäne, Kidd und
Burgeß, mit ihrer Mannschaft gute Kunden dieser willigen
und nicht mäkligen Kaufleute. Zu dieser Zeit war nur
wenig Geld im Umlauf, und es galt dreimal so viel. Für ein
Volk, das hauptsächlich durch Tausch verkehrte und als
allgemeines Zahlmittel vorwiegend nur Muschelschnüre,
Pelzwerk und andere Gegenstände verwendete, hatte es
einen ganz besonderen Reiz, Gold und Silber anzufassen
and klingen zu lassen. Die Seeräuber Kidd und Burgeß
verdienten den Kredit schon deshalb, weil sie nach New
York so viel mannigfache Gold- und Silbermünzen hinein-
brachten, und man glaubt, daß sie lange Zeit einige der
führenden Kaufleute zu Verbündeten hatten, indem diese
die erbeuteten Waren unterbrachten, ihnen Nachrichten
zukommen ließen und ihnen Schutz boten.
Die Methoden der Händler

Auf die eine oder die andere Weise gelangten einige der
New Yorker Kaufleute jener Zeit zu einem Wohlstand,
welcher dem vieler Landmagnaten gleichkam. William
Lawrence von Vlissingen, auf Long-Island, war ein Mann von
        <pb n="72" />
        — 27
großem Wohlstand und hoher sozialer Stellung. Wie die
anderen seiner Klasse trug er später Verachtung für die
Kaufleute zur Schau. Nach seinem Tode ergab eine Auf-
nahme seines Vermögens den Wert von 4032 Pfund Sterling;
es bestand hauptsächlich in Grundbesitz und in Sklaven.
Während die Grundbesitzer oft viel von ihrer Zeit mit
Saufen, Jagen und Spielen verbrachten undihr Geld vertaten,
waren die Kaufleute wie der Teufel hinter jeder Gelegen-
heit her, wo es Geld zu verdienen gab. Sie vertaten keine
Zeit, kümmerten sich nicht um Skrupel und Sentimentali-
täten, brachten auf tausenderlei Weise Geld zusammen
and dachten bei Tag und bei Nacht nur an ihre Geschäfte.

In allen Kolonien, Pennsylvanien nicht ausgenommen,

nutzten die Kaufleute und Händler die Indianer auf hinter-
listige Weise aus. Die Agenten der verbrieften Gesell-
schaften und die Grundherren hatten den Trick erfunden,
die Indianer betrunken zu machen und dann für beinahe
nichts, für ein Paar Flaschen Rum, eine Wolldecke oder eine
Axt, die Pelze zu bekommen, die diese gesammelt hatten.
Nachdem die Freibriefe der Gesellschaften erloschen
waren, blieben die Grundbesitzer bei dieser Praxis, und die
Kaufleute verbesserten sie auf mancherlei scharfsinnige
Weise. „Die Indianer‘, so berichtet Felt, „waren immer
bereit, ihre Pelze für Messer, Beile, Glasperlen, Wolltücher
herzugeben, und besonders gierig waren sie nach Flinten
und Pulver, Tabak und gebranntem Wasser; letzteres war
ein mächtiges Werkzeug für den hinterlistigen Händler,
um die gröbsten Betrügereien zu vollführen. Ungeheure
Mengen Pelze wurden mit großem Verdienst nach Europa
verschifft.“

Diese Schilderung gilt im großen ganzen auch für
New York, New Jersey und den Süden. In New York
bestanden strenge Gesetze gegen Indianer, die sich betran-
ken, und in der Kolonie Massachusetts wurde ein betrunken
aufgefundener Indianer zu einer Buße von zehn Schilling
oder zur Strafe des Durchpeitschens verurteilt, je nach
Belieben des Richters. Gegen die Weißen aber, die die
Indianer, um Geschäfte zu treiben, betrunken machten,
vab es sonderbarerweise kein Gesetz. Jeder wußte, daß
        <pb n="73" />
        8
der Trunk die Indianer zu Aufständen aufreizen und das
Leben der Männer, Weiber und Kinder gefährden konnte.
Aber die Rücksicht auf den Handel war sogar stärker als
der Instinkt der Selbsterhaltung, und die Praxis ging ruhig
weiter, obschon sie nicht selten die Niedermetzelung von
anschuldigen weißen Opfern und große Kosten für das
ganze Gemeinwesen herbeiführte.

Strenge Gesetze, welche Strafen für Unfrömmigkeit und
Unterlassen des Kirchenbesuches aussprachen, schwiegen
dazu, daß man die Indianer systematisch um Land und
Pelze betrog. Dafür hatte man zwei starke Gründe: erst-
lich waren die Indianer Heiden, und die Zivilisation ging
vor; sie wurden als Freibeute betrachtet. Zweitens die
Forderungen des Handels, durch den die Kolonien blühten.
In der Tat wurde allmählich überall der Sittenkodex der
Handelsklasse herrschend und verdrängte sogar die strengen,
fast asketischen Anschauungen der Puritaner. Das gemeine
Volk — das hauptsächlich aus Lohnarbeitern bestand —
betrachtete die Methoden der Reichen mit Mißtrauen
und Feindschaft und hatte das deutliche Bewußtsein, daß
die Vermögen nur durch einseitige Gesetze und durch
Betrug aufgehäuft wurden. Einige der berühmten Seeräuber
jener Zeit benutzten wiederum diese Volksstimmung als
Vorwand, den Handel zu plündern.

In Virginia hing die Existenz der Gemeinschaft vom
Ackerbau ab; daher sah man die Sklaverei für den Grund-
pfeiler der Verfassung an und verteidigte sie eifrig. In
Massachusetts und in New York war Handel der Haupt-
{aktor, und alles, was den Umfang und den Profit des
Handels vermehrte, wurde als ein Segen für das Gemein-
wesen betrachtet und gebilligt. Die Gesetze, die Richter,
welche sie aufzwangen, und der Zeitgeist spiegelten nicht so
sehr die Moral des Volkes wider, wie ihre Handelsnot-
wendigkeiten. Beides wird oft miteinander verwechselt.

Die Knechtung von Arbeitern
Das zeigte sich wiederholt in den Handelskonflikten zwi-
schen den konkurrierenden Kaufleuten, in ihrem System,
        <pb n="74" />
        20 —
Arbeiter durch Kontrakte auf lange Jahre zu fesseln, und
in den endlosen Streitigkeiten zwischen den Händlern in
den Kolonien und denen in England, die in der Revolution
gipfelten. In den Kirchen beteten die Kolonisten zu Gott
als zum Vater aller Menschen und bezeigten große Demut.
{n der Praxis aber erkannten die Besitzenden keinerlei Brüder-
lichkeit und dergleichen an und schenkten sich auch die
Demut. Die Kaufleute ahmten in kleinerem Maßstabe das
Grandseigneurtum der Land-Nabobe nach. Nur wenig
Kaufleute handelten nicht mit Negersklaven, und nur
wenige hatten nicht einen oder zwei verdungene Arbeiter,
über deren Arbeitskraft und deren Lebensgang sie für eine
lange Reihe von Jahren beliebig verfügten. Eine Knecht-
schaft mit gewissen Einschränkungen, Lehrlingschaft ge-
nannt, war allgemein verbreitet: arme Burschen, Mädchen
und Erwachsene wurden durch bittere Not zum Dienste
gegen Kost und Wohnung, fast ohne Lohnzahlung gepreßt.
Die Fischereien Neu-Englands
Gegen Ende des siebzehnten Jahrhunderts waren die
Kaufleute Bostons die reichsten in den Kolonien. In Boston
ging der Handel am flottesten. Nach den Berichten der
Historischen Gesellschaft in Massachusetts gab es in Boston
um 1687 zehn bis fünfzehn Kaufleute, deren Gesamt-
vermögen sich auf 50 000 Pfund Sterling oder je 5000 Pf. St.
belief — und fünfhundert Personen, die je 3000 Pf. St. „wert
waren‘, Einige von diesen Vermögen kamen von Pelzen,
von Nutzholz und von Warenabsatz.

Die Hauptquelle aber waren die Fischereien an der Küste
von Neu-England. Bellomont schrieb im Jahre 1700 den
größeren Handel von Massachusetts der Tatsache zu, daß
Fletcher die besten Grundstücke der Provinz New York
betrügerisch verkauft und auf diese Weise schlechte Ver-
hältnisse herbeigeführt hatte. Andernfalls hätte New York
die Provinz Massachusetts schnell an Bevölkerung und Han-
del überflügelt. Während nun die Bevölkerung des Südens
hauptsächlich vom Ackerbau lebte und die New Yorker
Kaufleute sich mit der bequemeren Methode begnügten,
        <pb n="75" />
        — 30 —

Geld durch Warenverschleiß und Wucher einzunehmen,
nahm ein großer Teil von den 12 000 Einwohnern Bostons
und denen von Salem und Plymouth große Gefahren auf
sich, um der See ihre Schätze zu entreißen. So entwickel-
ten sich energische Charaktere und eine kühne Abenteurer-
lust, die mit der Zeit eine regsame Rasse erzeugten, welche
handeltreibend die Welt umsegelte.

Die berühmten Vermögen der frühen Jahrzehnte des
18, Jahrhunderts stammten von der Schiffahrt. Die erste
Quelle dieses Vermögens war der Fischfang. Der Stockfisch
als Wahrzeichen am Staatshause von Massachusetts ist ein
Überbleibsel aus den Tagen, als Fischfang die größte und
einträglichste Quelle des Reichtums und der Hauptansporn
zu allen Arten des Handels war. Der Fischfang wurde als
so wichtig für die Existenz des ganzen Gemeinwesens von
Neu-England betrachtet, daß öfters Schiffe durch öffent-
liche Sammlungen erbaut wurden, wie z. B. einmal in Ply-
mouth.

Entsprechend der allgemeinen unausgesetzten Nachfrage

nach Schiffen kam das Gewerbe des Schiffbaues schnell
empor; damals gab es allein in Boston nahezu dreißig
Werften, und sechzig Schiffe wurden jährlich erbaut. Es
war eine lukrative Industrie. Der Preis für ein Schiff war
hoch — die Löhne für die Zimmerleute, die Schmiede,
die Kalfaterer und die Spierenmacher waren niedrig. Nicht
wenige von den Kaufleuten und Händlern oder von ihren
Söhnen, die Kapital erworben hatten, indem sie die In-
dianer betrunken machten und betrogen, gingen zu diesem
äußerst einträglichen Gewerbe über und wurden Männer
von größerem Wohlstand. Um 1700 verschiffte Boston
50 000 Zentner Stockfische in jedem Jahr. Die Fische
wurden sortiert; die Prima-Qualität ging nach den katho-
lischen Ländern, wo große Nachfrage danach war, besonders
nach Bilboa, Lissabon und Oporto. Der Abfall wurde nach
den Westindischen Inseln geschafft und dort an die N eger-
sklaven und die Arbeiter verkauft. Der Preis schwankte. 1699
betrug er achtzehn Schilling für den Zentner; im nächsten
Jahre fiel er auf zwölf Schilling, weil die französischen Fische-
reien drüben den Markt überschwemmt hatten.
        <pb n="76" />
        — 31 -

Gewalt wider Gewalt

Außer mit den Fischereien wurden in Neu-England, wie
auch anderwärts in den Kolonien, auch mit der Verschiffung
von Nutzholz bedeutende Vermögen verdient. Energische
Händler konnten die Indianer und die Grundbesitzer leicht
übervorteilen, indem sie ihnen das Privileg abkauften,
Holz zu fällen. In einigen Fällen, vor allem in New Hamp-
shire, worauf Allen Anspruch erhob, wurde das Nutz-
holz einfach ohne Erlaubnis erbeutet. Man sagte sich,
man dürfe Gewalt mit Gewalt, Betrug mit Betrug ent-
gelten. Allen hatte die Provinz durch Gewalt und durch
Bestechung bekommen; er sollte den Holzfällern nur Ein-
halt gebieten, wenn er es wagte! — Holz zum Schiffbau
wurde in den europäischen Häfen eifrig gefragt. Von
sınem Bostoner Kaufmann wird berichtet, er habe eine
Ladung von diesem Holz nach Lissabon verschifft und
bei einer Ausgabe von 300 Pfund Sterling einen Verdienst
von 1600 Pfund Sterling eingestrichen. „Einige von den
Salemer Kaufleuten,‘ berichtete Bellomont 1700 nach
London; „befrachten ein Schiff jetzt mit 12000 Fuß von
dem edelsten Schiffsholz, das man je sah.‘

Um diese Zeit entwickelte sich auch der Walfischfang
und warf große Verdienste ab. Ursprünglich verfuhr man
so, daß man den Wal von einem Ausguck an der Küste
sichtete, ein Schiff loslöste, ihn erlegte und mit dem Ka-
laver an die Küste zurückkehrte. Aus der Specklage gewann
man den Tran und verkaufte ihn sogleich. Als die Wale um
Neu-England herum selten wurden, wagten sich die Wal-
üschfänger in kleinen Fahrzeugen auf den Ozean. In
fünfzig Jahren gingen mindestens sechzig Fahrzeuge bei
dem Wagnis verloren; allmählich baute man immer größere
and größere Schiffe, bis man begann, Kap Horn zu um-
segeln, und manchmal anderthalb bis drei Jahre unterwegs
olieb. Die Anstrengungen einer solchen Fahrt wurden oft
reich belohnt mit tausend Tonnen Walrat und 250 "Ton-
aen Tran.
        <pb n="77" />
        22 —

Die Taktik der britischen Händler
Um die Mitte des 17, Jahrhunderts waren die Kaufleute
der Kolonien so weit, daß sie Manufakturen zur Konkur-
renz mit der englischen gründen konnten. Eine seefahrende
Rasse und eine Handelsflotte bahnten sich kämpfend ihren
Weg, und ehrgeizige Pläne wurden geschmiedet, einen Teil
des britischen Einfuhr- und Ausfuhrhandels zu erobern. Die
Reeder der Kolonien, die Tabak, Getreide, Nutzholz oder
Fische nach Europa schickten, sahen nicht ein, warum sie
ihre Schiffe bei der Rückfahrt nicht wieder mit Waren be-
laden und doppelten Verdienst haben sollten. Jetzt legte
sich die britische Handelsklasse ins Mittel und brauchte die
Macht der Regierung dazu, eine Konkurrenz, die sie be-
ingstigte, im Keim zu ersticken.

Schwere Ausfuhrzölle wurden nun auf jeden Artikel
der Kolonien gelegt, der in das Monopol eingriff, das die
britische Handelsklasse besaß und weiter besitzen wollte,
und die nichtbritische Einfuhr mußte überaus hohe Zölle
tragen. Die Fabriken in den Kolonien wurden durch eine
bündige Gesetzgebung im Keime erstickt. Im Jahre 1699
ordnete das Parlament an, kein Wollgarn und kein Woll-
artikel aus den amerikanischen Kolonien dürfe irgendwohin
exportiert werden. An diesem Bissen hatte man schwer
zu kauen, da fast jede Bauernfamilie in den Kolonien
Schafe hielt und Flachs zog und in der Fabrikation von
rauhem Leinen und Wollkleidern erfahren war. Kaum be-
gannen die Kolonisten Papier zu fabrizieren, als auch diese
Industrie erdrosselt wurde. Mit Hüten ging es genau so.
Kaum hatten die Kolonisten angefangen, nach Spanien,
Portugal und Westindien Hüte zu exportieren, als auch schon
die britische Hutmacher-Innung sich an die Regierung
wandte, damit sie dieser kolonialen Konkurrenz den Garaus
mache. Sogleich nahm das Parlament ein Gesetz an, das
den Export von Hüten aus irgendeiner amerikanischen Ko-
lonie und den Verkauf von Hüten aus einer Kolonie an eine
andere verbot. Eisenwerke begannen in den Kolonien zu
arbeiten — prompt erklärte man sie für unrechtmäßig, und
das Parlament verbot Anlagen zur Gewinnung von Stab-
        <pb n="78" />
        323 -
und Walzeisen, erlaubte aber gütigerweise, daß Roh- und
Stabeisen aus England eingeführt würde. Brennereien waren
weitverbreitet; Melasse wurde hierzu in weitem Umfange
bei der Rumgewinnung und auch von den Fischern ge-
braucht; — eine schwere Steuer wurde auf Melasse und
Zucker wie auch auf Tee, Nägel, Gläser und Farben ge-
legt. Nun begann ein allgemeines Schmuggeln; eine Er-
zählung von den Schlichen, zu denen man griff, würde
einen interessanten Bericht abgeben. . . .

Diese gesetzlichen Beschränkungen riefen sogleich die
verschiedensten Resultate hervor. Sie wiegelten nicht bloß
die ganze Handelsklasse und damit die große Masse der
Kolonisten gegen Großbritannien auf, sondern sie wirkten
auch dahin, daß sie die Privatvermögen ‚niederhielten,
indem sie die Möglichkeiten, in denen das Geld der Einzelnen
verwendet werden konnte, beschränkten. So wurde viel
Geld der schöpferischen Verwendung entzogen und in
Bodenbesitz und Hypotheken angelegt. Doch blieben trotz
der drückenden Gesetze, mit denen die Kapitalisten der
Kolonien zu kämpfen hatten, die Fischereien eine ständige
Verdienstquelle. Um 1765 beschäftigten sie 4000 Matrosen
and besaßen 28000 Tonnen an F ahrzeugen und machten
ein Geschäft, das auf etwas mehr als eine Million Dollar
geschätzt wurde.

Viertes Kapitel
DIE REEDERVERMÖGEN

S° gehörten zur Zeit der Revolution die wichtigsten

Vermögen den Schiffsbesitzern und waren hauptsäch-
lich in Neu-England konzentriert. Einige handelten nur
mit Waren, während andere große Summen dadurch ver-
dienten, daß sie Fische, Tabak, Getreide und Nutzholz
ausführten und ihre Schiffe bei der Rückfahrt mit Neger-
sklaven beluden, für die sie im Süden entsprechenden
Absatz fanden. Viele Mitglieder des. Nordamerikanischen
        <pb n="79" />
        Kongresses waren Reeder oder hatten ihr Vermögen von
reichen Reedern ererbt, wie z. B. Samuel Adams, Robert
Morris, Henry Laurens aus Charleston, John Hancock,
der sein 350 000 Dollar betragendes Vermögen von seinem
Onkel hatte, Francis Lewis aus: New York, und Joseph
Hewes aus Nord-Carolina. Andere waren Mitglieder ver-
schiedener konstitutioneller Konvente oder wurden hohe
Beamte in den Regierungen des Bundes oder der Einzel-
staaten. Die Revolution vernichtete die koloniale Schiffahrt
beinahe ganz, und der Handel stockte.
Kaperschiffe

Jedoch nicht ganz, denn das Kapern brachte vieles wieder
ein. George Cabot aus Boston, der Sohn eines wohlhabenden
Reeders, fegte während der Revolution mit seinem Bruder
auf zwanzig Kaperschiffen, deren jedes sechzehn bis zwanzig
Kanonen besaß, die Küste entlang. Vier oder fünf Jahre
lang machten sie reiche Beute, aber gegen Ende des Krieges
schnappten britische Kanonenboote ihnen den größten
Teil der Besatzung weg, so daß die Brüder schwere Verluste
hatten. ‘George wurde dann Senator in den Vereinigten
Staaten. Israel Thorndike, der als Küferlehrling anfing,
1832 im Alter von 75 Jahren starb und „das größte Ver-
mögen hinterließ, das je in Neu-England hinterlassen
wurde‘, verdiente große Summen als Teilhaber und
Kommandant eines Kaperschiffes, das viele erfolgreiche
Fahrten ausführte. Dieses Geld legte er in Fischereien,
überseeischem Handel und Grundbesitz und später in
Fabriken an. Er stand an der Spitze seiner Zeit und galt
wegen seiner genialen Unternehmungen Tausenden als
Leitstern. Das Vermögen, das er hinterließ, galt für un-
zeheuer. Jedem seiner drei Söhne vermachte er gegen
500 000 Dollar und andere Summen einem anderen Sohne,
dessen Witwe und Töchtern. Im ganzen beliefen sich seine
Vermächtnisse an die überlebenden Mitglieder seiner Fa-
milie auf etwa I 800 000 Dollar.

Ein anderer „ausgezeichneter Kaufmann“ (wie man
rühmte), der sich mit dem Kapern befaßte, war Nathaniel
        <pb n="80" />
        25 —
Tracy, der Sohn eines Kaufmanns aus Newburyport.
Nachdem er, wie die meisten Söhne reicher Kaufleute,
studiert hatte, zog er 25jährig mit einer Anzahl Kaper-
schiffen aus und kehrte nach vielen Jahren beutebeladen zu-
rück. Um seinen Biographen zu zitieren: „Er lebte in groß-
artigem Stil, besaß mehrere Landsitze und große Farmen
mit eleganten Sommervillen und schönen Fischteichen —
kurz alles, was ein britischer Edelmann brauchte, um
glücklich zu sein und seinem Stande zu genügen. Seine
Pferde waren von edelster Rasse, seine Kutschen von
glänzendster Machart.““ Aber ach! diese herrliche Laufbahn
wurde jäh abgeschnitten, als gefühllose britische Fregatten
und Kanonenboote seine kecken Kaperschiffe enterten
and er total ruiniert dastand. |

Viel glücklicher war Joseph Peabody. Als junger Mann
schrieb er sich als Offizier auf Derbys Kaperschiff „Bunker
Hill“ ein, machte seine zweite Fahrt auf Cabots Kaper-
schiff „„Pilgrim“, das ein reichbeladenes britisches Kauf-
fahrteischiff wegnahm, kehrte Studien halber an die
Küste zurück und nahm dann die Kaperei wieder auf.
Einige seiner Taten, wie George Atkinson Ward sie erzählt,
and schauerlich 8cnug, um in den blutigsten Kriminal-
geschichten Platz zu finden. Mit dem Gelde, das er als
Beuteanteil verdiente, kaufte er ein Schiff, das er selbst
befehligte, und unternahm verschiedene Fahrten nach
Europa und Westindien. Um 1791 hatte er ein großes
Vermögen beisammen. Nun brauchte er nicht mehr selbst
auf die See zu gehen; nun war er Großkaufmann und konnte
andere bezahlen, damit sie sich um seine Schiffe kümmerten.
Diese vermehrten sich so, daß er schließlich 83 eigene in
Salem erbaute Schiffe besaß, die er, befrachtet, in alle be-
kannten Erdteile ausschickte, Er beschäftigte 7000 Ma-
trosen. Seine Schiffe waren in Kalkutta, Kanton, Sumatra,
St. Petersburg und einem Dutzend anderer Häfen bekannt.
Sie kehrten zurück mit Ladungen, die er durch Küstenschiffe
an die verschiedenen amerikanischen Häfen verteilte. Voller
Staunen erzählten sich seine Zeitgenossen, er bezahle etwa
200 000 Dollar an Staats-, Kreis- und Gemeindesteuern in
Salem, wo er wohnte. Er starb 1844 im Alter von 84 Jahren.
„A
        <pb n="81" />
        16 —
Asa Clapp, der 1848 bei seinem Tode im Alter von
85 Jahren als der reichste Mann in Maine galt, begann als
Offizier auf einem Kaperschiff. Nach dem Kriege befeh-
ligte er viele Handelsschiffe und richtete sich 1796 eine
eigene Reederei ein mit dem Hauptsitz in Portland. Seine
Schiffe handelten mit Europa, Ost- und Westindien und
Südamerika. In seinen letzten Jahren legte er sich auf
Bankgeschäfte. Über die Höhe seines Vermögens wissen
wir nichts.

Ein Blick auf andere Reedervermögen
Das sind Beispiele von reichen Leuten, deren erstes
Kapital vom Kapern kam, das als legitime Methode der
Vergeltung angesehen wurde. Was den Anfang der Ver-
mögen anderer bedeutender Kapitalisten jener Zeit be-
trifft, so sind in den meisten Fällen nur wenige Einzelheiten
bekannt. Von den Lebensumständen des Bostoner Reeders
Thomas Russell, der 1796 starb und „wahrscheinlich das
größte Vermögen hinterließ, das bis dahin in Neu-England
angesammelt worden war‘, weiß man wenig. Die Größe
seines Vermögens ist nicht zu ermitteln. Russell war einer
der ersten nach der Revolution, welcher Handel mit Ruß-
land anknüpfte und gute Geschäfte machte. Er baute sich
ein stattliches Haus in Charleston und fuhr alle Tage mit
einer von vier schwarzen Rossen gezogenen Kutsche nach
Boston. Im Geschäftsverkehr war er unbeugsam; außer-
halb der Geschäfte gab er Almosen. Von Cyrus Butler,
einem anderen Reeder und Händler, der wahrscheinlich
der reichste Mann in Neu-England war und, einem anderen
Gewährsmann zufolge, ein Vermögen zwischen drei und vier
Millionen Dollar hinterließ, ist auch nur wenig Näheres
bekannt. Er war der Sohn von Samuel Butler, einem
Schuhmacher, der um 1750 von Edgartown in Massachusetts
nach Providence übersiedelte und Kaufmann und Reeder
wurde, Cyrus trat in seine Fußtapfen. Als dieser Millionär
1849 im Alter von 82 Jahren starb, erregte die Größe seines
Vermögens in ganz Neu-England Erstaunen, Bei dieser
Gelegenheit sei die Tatsache erwähnt, daß von den reichen
        <pb n="82" />
        27
Reedern, soweit sie gesund waren, nur wenige nicht die
Achtzig erreichten.

Die Schnelligkeit, mit der große Vermögen gemacht
wurden, ist kein Rätsel. Die Arbeitskräfte waren billig
und nicht organisiert, und die Handelsgewinne waren
enorm. Nach Weeden war gegen Ende des 18. Jahrhunderts
bei Musselin und Kattun hundert Prozent der übliche
Verdienst, Kaffeefrachten warfen mitunter drei- oder vier-
mal soviel ab. Weeden führt eine Ladung von farbigen
Trinkgläsern an, die weniger als 1000 Dollar gekostet hatte
und in Isle of France für ı2 000 Dollar verkauft wurde.

Die Aussichten auf blendende Reichtümer, die rasch
zu erraffen waren, verführten die Kapitalisten, die ge-
fährlichsten Sachen zu wagen. Brüchige Schiffe, ‚ober-
lächlich instandgesetzt, wurden ausgesandt in der Hoffnung,
daß sie mit Glück und Geschicklichkeit die Reise schon
überstehen und Vermögen heimbringen würden. Mann-
schaft auf Mannschaft wurde der rasenden Geldgier ge-
opfert, aber man dachte sich nichts dabei. In seiner Bio-
graphie von Peter Charndon Brooks, einem der ersten
Kaufleute der Zeit, und seinem Schwiegervater erzählt
Everett von einem Schiff, das unter dem Kommando eines
neunzehnjährigen Jünglings von Kalkutta nach Boston
segelte. Warum und wie dieser Knabe den Posten bekam,
wird nicht gesagt. Er hatte nichts einer Karte Ähnliches
an Bord außer einer kleinen Erdkarte aus einem Atlas.
Er machte die Fahrt mit Erfolg. Später, als er ein reicher
Bostoner Bankier geworden war, bildete die Erzählung
Jieses Heldenstückchens einen seiner Haupttriumphe und,
wenn sie wahr ist, mit Recht.

Whitneys bekannte Erfindung der Entkörnungsmaschine
zum Reinigen der Baumwolle im Jahre 1793 hatte dem
Anbau der Baumwolle in den Südstaaten einen verblüf-
fenden Aufschwung verliehen. Da die Reeder vornehmlich
in Neu-England konzentriert waren, so brachte die Ausfuhr
dieses Artikels ihrem Handel und ihrem Vermögen einen
bedeutenden Zuwachs. Man sollte, nebenbei gesagt,
meinen, Whitney selber hätte an seiner Erfindung, die den
Pflanzern und den Händlern Millionen einbrachte. ein
        <pb n="83" />
        — 28
gewaltiges Vermögen verdienen müssen. Aber seine er-
finderische Geschicklichkeit und Ausdauer brachten ihm,
wenigstens bei der Baumwollmaschine, kaum etwas anderes
als Patentverletzungen, Zahlungsverweigerungen und ärger-
liche und kostspielige Prozesse, um seine Rechte durch-
zusetzen. Verzweifelt wandte er sich 1808 wieder der
Fabrikation von Feuerwaffen für die Regierung in New
Haven zu, und hier glückte es ihm, ein Vermögen zu machen.
— Aus dem Handel mit Kanton und Kalkutta zog Thomas
Handasyd Perkins, ein Bostoner Reeder, ein Vermögen von
2 Millionen Dollar. Seine Schiffe machten drei Reisen um
die Welt. Dieser fürstliche Kaufmann erreichte das ehr-
würdige Alter von 90 Jahren; als er aber 1854 verschied,
war sein Vermögen, obgleich es intakt geblieben war, im
Vergleich zu ein paar anderen, die inzwischen aufgestiegen
waren, zu einem bescheidenen geworden.

William Gray, der als „einer der erfolgreichsten amerika-
nischen Kaufleute“ beschrieben wird und in Salem, einem
Platze, wo mehrere der größten Vermögen der Vereinigten
Staaten beisammen waren, als einer der wohlhabendsten
galt, besaß auf seinem Höhepunkt mehr als 60 Segel.

Die heutigen Millionen des Brown-Vermögens von
Rhode-Island stammen in weitem Maße von der Handels-
tüchtigkeit von Nicholas Brown und der Vermehrung,
die der Zuwachs der Bevölkerung und der Werte mit sich
brachten. Nicholas Brown wurde 1760 in Providence als
Sohn eines wohlhabenden Vaters geboren. Er besuchte
das Rhode-Island-Gymnasium (das später wegen seiner
Schenkungen ihm zu Ehren genannt wurde) und vermehrte
sein Vermögen beträchtlich durch Reedereihandel.

Es hat jedoch keinen Zweck, noch weitere Beispiele dafür
zu geben, daß fast all die großen aktiven Vermögen vom
letzten Teile des 18. und der ersten Periode des 19. Jahr-
hunderts aus dem Reedergeschäft stammten und haupt-
sächlich in Neu-England konzentriert waren. Diese Ver-
mögen wurden in Fabriken, Kanälen, Chausseen und später
in Eisenbahnen, Telegraphenlinien und Expreßgesellschaften
angelegt. Das so verwendete Geld ist jedoch selten wirklich
auf die Nachkommen des Mannes, der es zusammenbrachte,
        <pb n="84" />
        — 39 —
übergegangen, sondern ist seitdem zu Leuten gelangt,
die es durch größere Schlauheit fertig gebracht haben,
las Kapital in ihre eigenen Hände zu bekommen. Eine
Ausnahme von der allgemeinen Regel, daß die großen
Reedervermögen in Neu-England dicht zusammengedrängt
waren, bildet Thomas Pym Coke, ein Quäker aus Phila-
delphia, der zwischen Philadelphia und Baltimore einen
lebhaften Schiffsverkehr unterhielt und die erste regel-
mäßige Paketbootverbindung begründete; das so verdiente
Geld legte er in Kanalbauten und Eisenbahnunternehmun-
gen an. Und in New York und in anderen Häfen: gab es
eine Anzahl Reeder, deren jeder ein Vermögen von mehreren
Millionen Dollar verdiente.

Der magere Anteil der Arbeiter
Offenbar taten diese Millionäre nichts, als daß sie die
durch die Anstrengung und Geschicklichkeit von Millionen
Arbeitern geschaffenen Produkte über die ganze Welt ver-
teilten. Aber die Arbeiter, die diese Produkte erzeugten,
bekamen dafür nur einen schmalen Lohn, der kaum aus-
reichte, auch nur die gewöhnliche Notdurft des Lebens zu
decken. Ja, die Arbeiter des einen Landes wurden gezwungen,
für die von den Arbeitern des anderen Landes hergestellten
Waren exorbitante Preise zu zahlen. Dennoch darf man nicht
übersehen, daß die Reeder ihre bestimmte, nützliche Rolle
spielten in einer Zeit, die auf allerintensivste Konkurrenz
gerichtet und in der gemeinsten Weise individualistisch ge-
ännt war.

Fünftes Kapitel

DIE REEDER UND IHRE ZEIT

E® „Popularschriftsteller‘“, der sich vermaß, vom
Ursprung eines der größten der heutigen Vermögen,
des Astor-Vermögens, zu handeln und auch wenigstens
für ein oder zwei von Astors Landgeschäften die Tatsachen
        <pb n="85" />
        zibt, wenn auch konventionell interpretiert, übergeht die
Grundtatsachen von seinen Reeder-Unternehmungen mit
einer Phrase und hat keine Ahnung von den Sonder-
privilegien, die Millionen Dollar wert waren und die Astor
zusammen. mit anderen Kaufleuten‘ als Liebesgabe von
der Regierung erhielt. Diese Unwissenheit ist bezeichnend
— läßt sie doch den Leser völlig im unklaren über die
Art der Methoden, die Astor anwandte, um als Reeder
Millionen anzuhäufen, die es ihm erst ermöglichten, sich in
der großzügigsten Weise mit Landankäufen zu befassen. —
In bezug auf die beiden hervorragendsten Millionäre der
ersten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts, Stephen Girard
und John Jacob Astor, kann man sich allerdings nicht
über Mangel an Daten beklagen — aber von fast allen
anderen mächtigen Kaufleuten der Zeit sind sogar die
Namen im tiefsten Dunkel untergegangen. Die Namen
Girards und Astors aber sind noch lebendig — der eine
wegen einer denkwürdigen Stiftung, der andere als Begrün-
der von einem der größten Vermögen der Welt.
Handel und Betrug
Ihrer unerreichten Erfolge wegen waren diese beiden
die Zielscheiben einerseits für die bitteren Invektiven
ihrer Konkurrenten, anderseits für die Lobpreisungen
ihrer Freunde und Wohltatenempfänger. Auf beide Art
hat man Bedeutendes geleistet — aber wenn wir uns bloß
an die Tatsachen halten, so merken wir, daß sie nicht
schlechter waren als die anderen Millionäire der Zeit —
höchstens dem Grade nach. Das ganze Handelssystem
gründete sich auf eine Kombination von überlegener Ge-
schicklichkeit und überlegener Schlauheit — einer Geschick-
lichkeit, die nicht darin bestand, Produkte zu erzeugen,
sondern darin, die von anderen erzeugten in Besitz zu be-
zxommen und zu verteilen.

Schwindelhafte Surrogate spielten bei vielen, wenn nicht
bei allen Reedervermögen eine aktive Rolle. Die Reeder
und die Kaufleute vollführten gegen das unaufgeklärte
Volk die gröbsten Betrügereien. Walter Barrett, jener
        <pb n="86" />
        Pseudokaufmann, der selbst daran teilnahm und der sie
als „hübsche Handelstricks“ beschreibt, gibt in den Bänden,
worin er von den Kaufleuten jener Zeit handelt, mancherlei
Beispiele.

Die Firma F. &amp; G. Carnes, so erzählt er, war eine der
vielen, die durch den Handel mit China viel Geld verdien-
ten. Diese Firma fand, daß das Holz eines vielverbreiteten
chinesischen Strauches, sobald es in entsprechende Größen
geschnitten wurde, eine große äußere Ähnlichkeit mit echtem
türkischen Rharbarber hatte. Die Brüder Carnes ließen nun
das Holz in China in Schachteln packen, die die Verpackung
des echten türkischen Produktes nachahmten. Dann begannen
ie einen regelrechten Handel mit diesem untergeschobenen
und schädlichen Stoff und verkauften ihn als echte türkische
Ware zum mehrfachen Kostenpreis. Er verdrängte das
echte Produkt gänzlich. Dieselbe Firma schickte auch
Proben von italienischen, französischen und englischen
Seiden nach China; die Chinesen machten sie getreulich
nach, und die Schwindelprodukte wurden nach den Ver-
einigten Staaten gebracht und dort als echte europäische
Waren verkauft. Die Brüder Carnes waren bloß ein Typus
ihrer Klasse. Barrett erwähnt, daß die Reeder Proben von
den beliebtesten Pariser und Londoner Artikeln in Saucen,
Gewürzen, Konserven, Konfitüren, Sirupen und anderen
Sachen nach China schickten, wo sie bis auf die gedruckten
Gepäckzettel nachgemacht wurden. Ladungen solcher
Surrogate wurden in den Vereinigten Staaten zu hübschen
Preisen verkauft.

Kaufleute als Stützen der Gesellschaft
Aber der moralische Einfluß der Händler war so stark,
daß diese Schwindeleien als legitime Geschäftsmethoden
zalten. Dieselben Leute, die den Nutzen davon hatten,
waren die Stützen der Kirche, und nicht nur das — sie
waren auch diejenigen, die die verschiedenen Komitees bil-
deten, die strenge Gesetze gegen Arme und armselige Ver-
brecher forderten. So zeigt eine Durchsicht der Namen
der Männer, die 1818—18223 die New Yorker Gesellschaft
        <pb n="87" />
        — 42 —
zur Verhütung der Armut bildeten, daß fast alle zu den
Schiffern und Kaufleuten gehörten, die an den üblichen
kaufmännischen Schwindeleien teilhatten.

Girard und Astor waren die feinsten Produkte dieses
Systems; sie taten in größerem Maßstabe, was andere in
kleinerem taten. Die neidischen Angriffe ihrer Konkur-
renten schrieben ihre Erfolge ‚ihrer Hartherzigkeit und
Gemeinheit zu, während ihre Bewunderer sie für Genies
erklärten. Beides ist falsch. Ihr Millionenerfolg ist bloß
eine ungewöhnliche Bekundung des ganz gewöhnlichen
Strebens der Handelsklasse. Ihre Methoden waren nur eine
geschickte Verfeinerung allgemein üblicher Methoden. Sie
spielten mit vielen anderen zusammen das Spiel, bei dem
Millionen gewonnen und das Volk gleichzeitig dem tiefsten
Elend überantwortet wurde — und sie gewannen am meisten.

Der Besitz regiert
Die Verfassung der Vereinigten Staaten wurde so zu-
geschnitten, daß sie dem Volke so viel direkte Macht weg-
nahm, wie die Klassen der Besitzer und der Händler haben
wollten. Die meisten Staatsverfassungen wiesen schroffe
Unterscheidungen in bezug auf den Besitz auf. In Massa-
chusetts konnte niemand Gouverneur werden, der nicht
Christ mit 1000 Pfund Sterling netto war; in Nord-Carolina
mußte er für 1000 Pfund Sterling Grundbesitz aufweisen, in
Georgia 500 Morgen Land und 4000 Pfund Sterling, in
New Hampshire für 500 Pfund Sterling Landbesitz. In Süd-
Carolina wurden 1500 Pfund Sterling in schuldenfreiem
Grundbesitz gefordert. In New York durften nach der Ver-
fassung von 1777 nur dort residierende Grundbesitzer mit
100 Pfund Sterling in schuldenfreiem Boden bei der Wahl
des Gouverneurs und anderer Staatsbeamten stimmen.

Der Theorie nach waren religiöse Grundsätze maßgebend,
in Wirklichkeit aber die Anschauungen der besitzenden
Klasse. In der Kirche wurde von Gleichheit, Demut und
anderen Tugenden geredet, aber der Besitzlose bekam kein_
Stimmrecht, So klafften in Gemeinden, wo in Verfassung,
Sitte und Gesetz immerfort die stärksten religiösen Über-
        <pb n="88" />
        — 47
zeugungen betont wurden, tiefe Klassenunterschiede. Und
wenn die Geistlichen die armen Leute zu Demut, Gehor-
3am und Genügsamkeit ermahnten, ihnen himmlische Be-
lohnungen versprachen und die großen Kaufleute als er-
wählte Männer Gottes priesen, so handelten sie auch nur
im Interesse der Besitzenden, die, um Geld zu machen,
eben Arbeiter brauchten, die schließlich den Wohlstand er-
zeugten. Und die großen Kaufleute ließen diese Predigten
drucken und verteilen.

Da die Gesetze die Besitzenden bevorzugten und ihnen
geradezu die Regierungsgewalt verliehen, konnten diese die
Arbeiter mit schmeichelhaften Worten von der Würde der
Arbeit abspeisen und’ die wertvollsten Privilegien, wie
Bankkonzessionen, Kanalbau-, Handelsprivilegien und
Liebesgaben in die Tasche stecken.

Strenge Gesetze gegen die Armen
Zugleich mit diesen Bevorzugungen gab es lange Zeit Ge-
setze, die die Armen in erschreckendem Grade bedrückten.

Arme Schuldner konnte man so lange, wie man wollte,
ins Loch stecken, wie gering die geschuldete Summe auch
war.

Es war leicht, den Armen um seinen mageren Lohn zu
betrügen, da er ja kein Anrecht auf die Produkte seiner
Arbeit hatte, auch wenn man ihn nicht bezahlte. Seine
Arbeitskraft war alles, was er zu verkaufen hatte, aber
während die Produkte seiner Arbeit, sobald sie „Eigen-
tum“ des Unternehmers geworden waren, den stärksten
gesetzlichen Schutz genossen, schützte dasselbe Gesetz
den Wert seiner Arbeitskraft nicht im geringsten. Schulden
zu haben war für einen Arbeiter ein Verbrechen, ja schlim-
mer als ein Verbrechen, denn während man einen Ein-
orecher oder Taschendieb eine Zeitlang einsperrte und
dann wieder freiließ, mußte der arme Arbeiter so lange im
Loch sitzen, wie es seinem Gläubiger beliebte.

Der Bericht der Gesellschaft für Gefängnisdisziplin für 1829
besagt, daß in den Vereinigten Staaten ganze 75000 Menschen
lährlich Schulden halber eingesperrt wurden, und daß mehr
        <pb n="89" />
        als die Hälfte davon weniger als zwanzig Dollar schuldete.
Und dabei wurden in diesen Schuldgefängnissen alle ohne
Unterschied des Geschlechts, des Alters oder des Charakters
zusammengepfercht. Sogar im rauhen Klima des Nordens
waren diese Löcher oft so mangelhaft hergerichtet, daß sie
gegen die Elemente keinen hinreichenden Schutz gewährten.

In den‘ Zeitungen jener Zeit findet man Aufrufe von
mildtätigen Gesellschaften oder von einzelnen um Nah-
rung, Feuerung und Kleidung für die Häftlinge dieser Ge-
ängnisse. Dem Dieb und dem Mörder in seinem Gefängnis
zing es besser als den armen Schuldnern.

Gesetzliche Milde gegen die Großhändler
Mit der gesetzgebenden Handelsklasse hingegen verfuhr
das Gesetz ganz anders. Die Bundes- und Staatsgesetze über
den Bankrott, die für Kaufleute, Bankiers und Laden-
besitzer galten, waren so allgemein abgefaßt, wurden so
lax durchgeführt und juristisch so günstig interpretiert,
daß es nicht schwer sein mußte, die Gläubiger zu betrügen
und sich mit dem Raube davonzumachen. Ein reicher Bankier
konnte bankrott machen, seine Aktiven aufs trockene
bringen und geschickte Rechtsanwälte mieten, die ihn mit
Wortverdrehungen freikriegten — ein System, das, wenn
auch in geringerem Grade, ja noch heute besteht,

Aber Schuldhaft war nicht das einzige Schicksal, das die
Besitzlosen befiel. Nach dem „jährlichen Bericht des Vor-
standes der Gesellschaft zur Verhütung der Verarmung
in New York“ gab es 1820 dortselbst ı2 000 Verarmte.
Die bedeutenden Kaufleute, welche in dieser Gesellschaft
saßen, die den Staat von der Belästigung des Pauperismus
vefreien wollte, hatten eigene Ansichten über die Gründe
der Verarmung. Sie kannten deren sieben: ı. Unwissen-
heit (und zwar „weil von 25000 nur 15000 Familien in die
Kirche gingen‘), 2. Unmäßigkeit, 3. die Leihhäuser (weil

sie zu Diebstahl und Faulheit verleiteten), 4. die Lotterien,
5. die wohltätigen Einrichtungen, 6. die verrufenen Häuser,
7. das Spiel. Viele von diesen Armen waren entwurzelte
Iren, die, nachdem sie von den anderwärts wohnenden
        <pb n="90" />
        /
Landherren und den Kapitalisten ihrer eigenen Heimat
ausgeplündert und um Hab und Gut gebracht worden
waren, ihren letzten Pfennig den Reedern für die Überfahrt
nach Amerika hatten zahlen müssen. Nun gab es Gesetze,
wonach die Schiffsmeister über diese armen Teufel Listen
führen und dafür Sorge tragen mußten, daß die Auswanderer
in Amerika nicht der Allgemeinheit zur Last fielen. Diese
Gesetze wurden systematisch und erfolgreich umgangen:
man setzte die armen Auswanderer einfach irgendwo an
einem dunklen Orte der Küste ab — von da aus könnten
sie sich, so gut es ging, mit ihrer Bagage und ihren Betten
zu einer Stadt schleppen. Cadwallader D. Colden, ‚der
einige Jahre lang Bürgermeister von New York war, berich-
tet, wie ein Todesfall nach dem andern die Folge dieser
grausamen Aussetzung war.

Wenn nun der Einwanderer oder der Eingeborene dem
letzten Elend nahe war und zum Leihhaussging oder zum
Diebstahl griff — was geschah? Das Gesetz verbot den
Pfandleihern, für Objekte von über 25 Dollar Wert mehr
als 7 Prozent zu nehmen; für Objekte unter diesem Wert
aber durften sie bis zu 25 Prozent nehmen.

Der Arme aber besaß natürlich selten ein Objekt über
25 Dollar; infolgedessen keuchte er unter dem schwersten
gesetzlichen Wucher. Nach dem Bericht eines städtischen
Ausschusses von 1832 waren drei Fünftel der verpfändeten
Objekte weniger als ı!l/, Dollar wert.

Dafür konnten aber die Besitzenden nicht bloß zu an-
genehm niedrigen Zinsen Geld bekommen, sondern ver-
fügten auch, wie wir sehen werden, vermittels der Regie-
rungsgewalt frei über die öffentlichen Gelder bis zur Höhe
von vielen Millionen Dollar.
Straten tür die Armen
Wenn jemand äußerste Not litt und zum Diebstahl griff,
um sich und die Seinen vor dem Hungertode zu bewahren,
so fiel sofort die ganze Schwere des Gesetzes auf ihn herab.
Eine Sache von 25 Dollar Wert zu stehlen galt schon als
schwerer Diebstahl und wurde mit drei Jahren Gefängnis
        <pb n="91" />
        16 —
bei schwerer Arbeit bestraft. Der Unglückliche wurde
gewöhnlich mit Leidensgefährten zusammengekettet und
gezwungen, an den Landstraßen zu arbeiten. Straßenbettel
war durch harte Gesetze verboten; Armut war tatsächlich
ein Verbrechen. Stahl der Arme, so war er ein geborener
Verbrecher; stahl der Reiche, so konnte das Gericht „die
verbrecherische Absicht nicht erkennen“. Dafür lassen sich
Hunderte von Beweisen beibringen; z. B. Samuel Swartwout,
der lange Zeit im New Yorker Hafen Steuereinnehmer war
und gleichzeitig in Landspekulationen arbeitete. 1838 stellte
sich heraus, daß er der Regierung I 222 705 Dollar ge-
stohlen und verspekuliert hatte. Eine Zeitlang entzog er
sich der Justiz, dann erklärte man ihn für ein „Opfer der
Umstände“ — im Gefängnis saß er niemals.

Mit Geld war alles zu machen. Der Besitzende konnte
jedes Verbrechen begehen, Mord nicht ausgeschlossen —
gegen Bürgschaft kam er frei. Was aber geschah mit dem
Armen? ; Folgendes sagt ein Bericht der Gesellschaft zur
Verhütung der Verarmung für 1821: „In Bridewell sind
weiße Frauen jeder Art, von der Unschuldigen, die schließ-
lich freigesprochen wird, bis zur niedrigsten Dirne, in dem-
selben Raume zusammengedrängt. In den Gefängnissen
der weißen Männer ist es nur wenig anders... Ebenso
verhält es sich mit den farbigen Gefangenen beider Ge-
schlechter.“

Wurde der Reiche verklagt oder wollte er selbst jemand
verklagen, so brauchteer nur eine Bürgschaft dafür zu hinter-
legen, daß er zum Termin auch erscheinen würde. Wurde
aber der Arme verklagt, oder wollte er jemand verklagen,
und konnte er keine Bürgschaft für sein Erscheinen beim
Termin beibringen, so zwang das Gesetz die Behörden,
ihn so lange einzulochen.. So wurde in Maryland eine junge
Frau tätlich angegriffen und stellte Strafantrag. Da sie
aber keine Bürgschaft stellen konnte, wurde sie 18 Monate
lang als Zeugin in Untersuchungshaft gehalten! Das ist
nur ein Beispiel aus Tausenden, wie sie in den Debatten
der Verfassungs-Versammlung von 1846 aus New York,
Maryland, Pennsylvanien und anderen Staaten vorgebracht
wurden.
        <pb n="92" />
        LA
A

Meister und Lehrling

Geschäft und Meister zu verlassen war für den Lehrling
dem Gesetz nach ein Verbrechen; wurde er eingefangen,
30 setzte man ihn ins Kittchen, bis der Meister ihn abholte.
Wie sehr der Meister ihn auch mißhandelte — der Lehrling
hatte vor dem Gesetz keine Rechte. Fast jeden Tag erschien
in den Zeitungen des 18. und teilweise noch im 19. Jahr-
hundert eine Änzeige, daß jemand eine Belohnung für die
Wiederergreifung eines entlaufenen Lehrlings!) aussetzte;
nach den Zeitungen von Pennsylvanien, New York und
anderen Kolonien müssen damals Tausende dieser Lehrlinge
ihrer Knechtschaft entlaufen sein. Die ausgebotenen Be-
lohnungen schwankten zwischen 5 und 20 Dollar.

Auch da, wo der Theorie nach im Zivilrecht gleiches
Recht für alle bestand, war die Prozeßführung (absichtlich
oder nicht) so kostspielig gemacht, daß die Justiz in Wirk-
lichkeit ein Zeitvertreib war, wobei der Reiche den Armen
mit Leichtigkeit aus dem Felde schlug. Ich will jedoch
hier nicht lange über den nichtswürdigen Schwindel reden,
die Rechtsprechung zu einem kostspieligen Luxus zu machen
und dem Volke noch obendrein vorzureden, vor dem Ge-
setz seien alle gleich. Was uns hier mehr interessiert,
ist die Tatsache, daß die Gesetze darauf hinausliefen, den
Reichen noch mehr zu bereichern und den Armen noch mehr
auszupowern. Zur selben Zeit, als der Besitz aufgeklärten
Anträgen auf Aufhebung der Schuldhaft, auf Zuerkennung
eines Pfandrechtes auf das Produkt an den Handwerker und
Erweiterung des Stimmrechtes energischen Widerstand ent-
gegensetzte, brauchte er die öffentlichen Gelder für seine
privaten Unternehmungen. Aus Werken, die sich mit
jener Zeit beschäftigen, gewinnt man nur selten einen
Einblick in die Methoden der Handelsklasse. Die Wahrheit
°rfährt man höchstens aus Walter Barretts (der selber sech-
zig Jahre lang im Handel tätig war) konventionellem, aber
interessantem Buche „Die alten New Yorker Kaufleute‘.

2) In Ostelbien noch heute üblich. Siehe „Berliner Tageblatt“ Nr, 377 vom
28. Juli 1913, Seite 3, Spalte 1. (Anmerkung des Übersetzers.}
        <pb n="93" />
        18 —
Daraus geht hervor, daß der Erfolg der Reeder nicht ihren
Talenten zuzuschreiben ist, sondern zum großen Teil
ihrer Unterstützung durch die Regierung.

Die ungeheure Begünstigung der Reeder
Den Griswolds in New York gehörte das Schiff „„Panama‘‘,
das sie mit unreinem Zink, Blei, Eisen und anderen Pro-
dukten nach China schickten und mit Tee, falschem Zimt
und verschiedenen anderen Artikeln aus China zurück-
kehren ließen. Der Zoll darauf war äußerst hoch. Aber
die Regierung war gegen die Kaufleute weit nachsichtiger,
als diese gegen ihre armen Schuldner waren: sie wartete
generöserweise 9, 12 und 18 Monate lang, bevor sie Bezah-
lung der Zölle verlangte. Kam also ein Schiff an, so ver-
kaufte man die Ladung mit 50 Prozent Nutzen, bezahlte
aber die Zölle nicht, sondern riskierte für neue Unter-
nehmungen statt des eigenen lieber das Geld, das dem
Volke gehörte. Und so ging es lustig weiter. Nach Barrett war
die Regierung allen Kaufleuten gegenüber so nachsichtig:
es war nur üblich, daß ein Kaufmann mit 4—500000 Dollar,
lie eigentlich dem Staate gehörten, frei wirtschaftete.

„Eine einzige Firma, Thomas H. Smith und Söhne,“
sagt Barrett, „legte sich stark auf den Handel mit Kanton,
und obgleich sie mit ein paar tausend Dollar anfingen,
reüssierten sie dermaßen, daß sie bei ihrem Konkurs den
Vereinigten Staaten drei Millionen schuldig waren, wovon
sie nicht einen Pfennig bezahlten.“ Wurde Smith ins
Schuldgefängnis geworfen? Nicht die Spur.

Aus diesen Enthüllungen versteht man erst, wie es mög-
lich war, daß „eine Firma, die 260 000 Dollar in Bar be-
saß, schon mit ungewöhnlich großem Kapital arbeitete“.
So machten die Gesetze die Reichen reich und die Armen
arm. Denn die ungeheuren Profite der Kaufleute mußte
natürlich der Arbeiter tragen, dem man dürftige Löhne
zahlte und sie ihm durch hohe Preise für Tee, Wolle, Baum-
wolle, Zucker, Kaffee usw. wieder abnahm. So brachten
ihn die Reeder um einen großen Teil der Früchte seiner
Arbeit; und was sie übrig ließen, nahm der Grundbesitzer.
        <pb n="94" />
        40 —
Wenn dann der Arbeiter in Schulden geriet, wanderte er
ins Schuldgefängnis. Diese Institution wurde erst um 1836
nach langen Kämpfen gegen den Widerstand des Besitzes
in den verschiedenen Staaten modifiziert oder abgeschafft.

Gegen die Arbeiter sind die Besitzenden einig
Die Arbeiter erklärten diese verschiedene‘ Behandlung
für ungerecht. Aber sie konnten nichts dagegen tun. Die
besitzenden Klassen setzten ihre Zwecke durch und zwangen
die Stimmberechtigten gewöhnlich, für Männer und Maß-
regeln zu stimmen, die ihnen genehm waren. Ihre Interessen
lagen sich manchmal in den Haaren, wie z. B. damals, als
ein Teil von Neu-England ein Zentrum der Fabrikation
wurde und hohe Schutzzölle verlangte, denen die Impor-
teure sich natürlich widersetzten. Dann pflegten sich die
Besitzenden zu teilen, und jede Partei wandte sich mit
flammenden patriotischen Reden an das stimmberechtigte
Volk, es möge ihr helfen, oder das Vaterland würde zu“
grunde gehen. Verlangten die Arbeiter aber bessere Ge-
setze, so hielten die Besitzenden wie Ein Mann zusammen
und leisteten erbitterten Widerstand. Wie sehr sie auch
in den Fragen der Zölle, der Staatsbanken usw. auseinander-
gingen — im Kampf gegen das allgemeine Stimmrecht,
gegen die Bewegungen für Abschaffung der Schuldhaft
und für Einführung kürzerer Arbeitszeit und eines gesetz-
lichen Pfandrechts auf den Arbeitsertrag waren sie einig.

Da die politischen Einrichtungen und die Gesetzgebung
unter der Kontrolle der Handelsklasse standen, waren die
Bedingungen für die Anhäufung großer Vermögen außer-
ordentlich günstig, besonders auf seiten der Reeder, der
alles beherrschenden Klasse. Den Höhepunkt in der
stolzen Reihe großer Vermögen zwischen 1800 und 1831
bezeichnet das Vermögen von Girard. Was er zusammen-
Srachte, wurde auf die riesige Summe von über zehn
Millionen Dollar geschätzt; jeden andern Renner ließ er
weit hinter sich, mıt Ausnahme von Astor, der ihn um
17 Jahre überlebte und während dieser Zeit sein Vermögen
auf das Doppelte von dem brachte, was Girard hinterließ.
        <pb n="95" />
        Sechstes Kapitel
GIRARD, DER REICHSTE DER REEDER

Ge wurde 1750 zu Bordeaux als ältestes der fünf
Kinder des Kapitäns Pierre Girard geboren. Im Alter
von acht Jahren wurde er auf einem Auge blind, und diese
Verunstaltung brachte ihm schwere Nervenkrisen und machte
ihn mürrisch und verschlossen. Er beklagte sich noch als
alter Mann darüber, daß er, während seine Brüder aufs
Gymnasium gingen, als häßliche Ente der Familie zu Hause
hocken mußte und unter der Vernachlässigung durch den
Vater und der Reizbarkeit seiner Stiefmutter zu leiden
hatte. Als er etwa vierzehn war, erlöste er sich von dieser
Misere seines Vaterhauses und ging zur See. In den neun
Jahren, die er zwischen Bordeaux und Westindien herum-
segelte, stieg er vom Schiffsjungen zum Maat. Unter
Umgehung des französischen Gesetzes, wonach niemand
Kapitän werden durfte, der nicht zwei Reisen in der
königlichen Marine ausgeführt hatte und 25 Jahre alt war,
bekam Girard die Führung eines Handelsschiffes schon
mit 22. Dabei lud er heimlich Frachten auf eigene Rechnung
und verkaufte sie mit bedeutendem Profit. Im Mai 1776
geriet er auf dem Wege von New Orleans nach einem
kanadischen Hafen auf der Höhe von Kap Delaware in
einen Nebel und signalisierte um Hilfe; und als der Nebel
sich verzog und ein amerikanisches? Schiff ihm zu Hilfe
kam, erfuhr er, daß Krieg war. Daher eilte er nach Phila-
delphia, verkaufte das Schiff und die Ladung, die ihm nur
zum Teil gehörte, und machte mit dem Ertrag einen kleinen
Zider- und Weinladen mit Krämereiwaren auf.

Girard wurde schnell reich und verheiratete sich 1777
mit Mary Lum, die als ein Dienstmädchen von großer
Schönheit und äußerst heftigem Temperament geschildert
wird, Das unglückliche Weib verlor später den Verstand,
wozu zweifellos die Knauserigkeit und Herrschsucht ihres
Ehemanns viel beitrug, Er selbst wird von einem seiner
Biographen, der ihm mit am günstigsten gesinnt war,
        <pb n="96" />
        folgendermaßen beschrieben: „Er war klein und gedrungen
und hatte unregelmäßige, abstoßende Gesichtszüge, die
durch seine buschigen Brauen und sein einsames Auge bei-
nahe häßlich anmuteten. Er war kühl und zurückhaltend
und unbeliebt bei seinen Nachbarn, von denen die meisten
vor ihm Angst hatten.“

Während der britischen Besetzung Philadelphias wurde
er von den Aufständischen des frechsten Doppelspiels an-
geklagt, indem er einerseits behauptete, Patriot zu sein,
und den Kolonien den Eid der Änhänglichkeit leistete,
und anderseits heimlich mit England Handel trieb.
Keiner von seinen Biographen bestreitet das. Während
von den andern Kaufleuten einer nach dem andern durch
die Blockade kaputt ging, machte Girard immerfort Geld.
Um 1780 war er wieder Reeder und schickte seine Schiffe
zwischen den amerikanischen Häfen und New Orleans und
San Domingo umher; seine Einnahmen stammten, wie man
sagt, nicht zum letzten aus Sklavenhandel.

Wie er seine Schiffe baute
Ein unruhiges Kompaniegeschäft mit seinem Bruder,
Kapitän Jean Girard, dauerte nur kurze Zeit; die Brüder
konnten sich nicht verständigen. Als sie sich 1790 aus-
einandersetzten, belief sich der Anteil Girards auf 30 000
Dollar. Den größten Coup machte er einige Jahre später
bei Gelegenheit des Negeraufstandes in San Domingo gegen
die Franzosen. Damals hatte er zwei Schiffe in einem
Hafen der Insel liegen. Bei den ersten Anzeichen der Ge-
fahr brachten mehrere Pflanzer ihre Habseligkeiten auf diese
Schiffe und kehrten noch einmal zu ihren Wohnhäusern
zurück, um auch das übrige zu holen. Sie kamen aber nicht
wieder, offenbar, weil sie der Wut der Aufständischen zum
Opfer gefallen waren. Die Schiffe gingen nach Philadelphia,
und Girard annoncierte andauernd, die Eigentümer der
Sachen möchten sich melden. Als sich aber niemand mel-
dete, verkaufte er die Waren und legte das Geld, 50 000 Dol-
lar, auf sein eigenes Bankkonto. „Das“, so sagt Houghton,
„War eine große Hilfe für ihn, und im nächsten Jahre fing
        <pb n="97" />
        — 52 —
er an, jene prächtigen Schiffe zu bauen, mit denen er sich
30 eifrig auf den Handel mit China und Westindien legen
konnte.“

Seitdem verdiente er unheimlich. Seine Schiffe segelten
mehrmals um die Welt, und jede Fahrt trug ihm ein Ver-
mögen ein. Er pflegte seinen Kapitänen die genauesten
Direktiven zu geben, wie sie z. B. beim Einkauf von Kaffee
zu Batavia schlau und verschlossen sein sollten. „Sei vor-
sichtig‘“, schrieb er einem, „behalt den Zweck der Reise und
die Höhe des Bargeldes für dich, denn dann wirst du billiger
einkaufen und deine Tauschwaren teurer verkaufen können.“

Um 1810 veranlaßte er die Barings in London, eine halbe
Million Dollar, die ihm gehörten, in Anteilen der Bank
der Vereinigten Staaten anzulegen. Als deren Privileg
erlosch, war er der Hauptgläubiger der Bank und kaufte
sie für 120 000 Dollar. Im Mai 1812 machte er dann die
Girard-Bank auf mit einem Kapital von 1 200 000 Dollar,
die er im nächsten Jahre um 100000 Dollar vermehrte.

Als er die Girard-Bank eröffnete, merkte er, daß der Staat
den Angestellten, die er übernahm, höhere Gehälter ge-
zahlt hatte, als sie anderwärts bekamen, und sogleich setzte
er sie auf den üblichen Satz herab. Der Wächter hatte
von der früheren Bank zu Weihnachten immer einen Über-
zieher bekommen, Girard aber machte dem ein Ende.
Keinem seiner Angestellten gab er eine Gratifikation, ver-
suchte aber doch, sie zu noch größerer Dienstwilligkeit zu
zwingen, als andere Leute empfingen, die mehr Lohn zahlten
und Geschenke machten. Unterstützungsgesuche ließ er
anbeantwortet. Kein Armer kam mit vollen Händen
von ihm. Er war taub gegen die in .Konkurs geratenden
Kaufleute, die ihn baten, er möchte ihnen doch wieder auf
die Beine helfen. Er war weder edelmütig noch mildtätig.
Als sein Kassierer starb, der ihm lange Jahre treu gedient
hatte, legte er die größte Gleichgültigkeit für die Hinter-
bliebenen dieses braven Mannes an den Tag und ließ sie
sich durchschlagen, so gut sie konnten. „

Houghton bringt unabsichtlich einige Daten bei, welche
zeigen, was für exorbitante Profite Girard bei seinen ver-
schiedenen Unternehmungen einstrich. Im Frühjahr 1813
        <pb n="98" />
        53 —
wurde eins seiner Schiffe von einem britischen Kreuzer
an der Mündung des Delaware gekapert. Aus Furcht,
diese Prise könnte ihm von einem amerikanischen Kriegs-
schiff wieder abgenommen werden, verständigte der eng-
lische Admiral den Girard dahin, er würde ihm das Schiff
gegen ein Lösegeld von 180 000 Dollar in bar zurückgeben.
Girard bezahlte diese Summe und steckte trotzdem beim
Verkauf der aus Seide, Nanking und Tee bestehenden Ladung
noch einen Verdienst von einer halben Million Dollar ein. =
Sogar diejenigen von seinen Handlungen, die er scheinbar in
öffentlichem Interesse tat, brachten ihm hübsche Profite.
Mehrmals, als der Bankdiskont so hoch war, daß die Ge-
schäfte stockten, veranlaßte er die Gebrüder Baring, Geld-
summen in den Vereinigten Staaten anzulegen. Das pries
man als öffentliche Wohltat. Aber was tat Girard? Er
stellte das Geld der Bank den Vereinigten Staaten zur Ver-
fügung und berechnete 10 Prozent.

Bestechung und Einschüchterung
Die Neueinrichtung und der Aufschwung dieser Bank
waren hauptsächlich seinen Bemühungen und seinem Ein-
uß zu danken; nun wurde er ihr größter Aktionär und einer
der Direktoren. Kein Geschäftsunternehmen der ersten
drei Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts übte einen so ver-
hängnisvollen und verdunkelnden Einfluß aus wie diese
Monopol-Bank.

Um ihren Freibrief von Zeit zu Zeit erneuert zu bekom-
men und ihre außerordentlichen Privilegien aufrecht-
zuerhalten, bestach die Bank der Vereinigten Staaten
3ystematisch Politiker und den käuflichen Teil der Presse;
ınd als 1832—1834 eine kritische Zeit kam, weil die Masse
des Volkes den Präsidenten Jackson in seinem Bemühen,
die Bank aufzuheben, unterstützte, da befahl sie der ganzen
Presse, den Ruf zu erheben von „den schrecklichen Kon-
jequenzen der Revolution, Anarchie und Gewaltherrschaft“,
die sicher eintreten würden, wenn Jackson wiedergewählt
würde. Die Besitzer einer mächtigen New Yorker Zeitung
ließen Jackson plötzlich fallen und begannen ihn anzugreifen,
        <pb n="99" />
        ‘4
und zwar, wie die vom Kongreß angeordnete Untersuchung
ergab, weil sie von der „Bank der Vereinigten Staaten“
50 000 Dollar geliehen hatten, und diese ihnen die Alter-
native stellte, sofort zu bezahlen oder die Bank gegen Jackson
zu unterstützen. Eine 1840 von den gesetzgebenden Fak-
toren Pennsylvaniens angestellte Untersuchung ergab, daß
dieselbe Bank dort 130 000 Dollar an Bestechungsgeldern
für die Erneuerung ihres Privilegs ausgegeben hatte.

Girards Anteile an dieser Bank brachten ihm Millionen
ein. Vermöge ihres Privilegs und vermöge ihrer Kontrolle
über die bei ihr deponierten Regierungsgelder beherrschte
diese Bank den ganzen Geldmarkt der Vereinigten Staaten
und machte, was sie wollte, ließ die Preise sinken oder
steigen, wie es ihr beliebte. Girard und seine Mitdirek-
toren wurden des öfteren wegen der Willkürherrschaft,
die sie ausübten, hart angegriffen, aber, wohlgemerkt,
diese Angriffe kamen fast immer von seiten der andern
Bankiers, die die „Bank der Vereinigten Staaten“ aus
dem Felde schlagen wollten, um sich an ihre Stelle zu
setzen. Der Kampf vollzog sich immer zwischen zwei
Parteien von Kapitalisten.
Der einsame Krösus

Girard selber lebte später als einsamer vertrockneter
Greis in einem vierstöckigen Hause in der Water-Street,
verfolgt von der Verachtung aller, auch derer, die ihm
aus Berechnung Schmeicheleien sagten. Kinder hatte er
keine, und seine Frau war lange tot. Sein großer Reich-
tum brachte ihm keinerlei Bequemlichkeit; die Umgebung,
die er sich schuf, war dürftig und schmutzig; viele seiner
Schreiber lebten besser. In dieser elenden Behausung lebte
dieser dürre Veteran des Handels und vertiefte sich in die
Werke von Voltaire, Diderot, Paine und Rousseau, die er
sehr bewunderte und nach denen er viele seiner Schiffe
benannte,

Dieser mürrische Geizhals hatte wenigstens Eine versöhn-
liche Eigenschaft: er war ehrlich gegen sich selbst. Er
tat nicht so, als ob er religiös wäre; er hatte einen Abscheu
        <pb n="100" />
        55
vor Heuchelei. Er schritt, ein grausamer Gauner, durch
die Welt und spähte mit kalten Augen nach Beute, aber
er verbarg seine Motive nie unter einer berechneten
Miene von Frömmigkeit oder Wohlwollen. Er betrog
Tausende über Tausende, denn Geschäft ist Geschäft,
aber sich selber betrog er nicht. Seine bitteren Ausfälle
gegen das, was er theologischen Blödsinn und Aberglauben
nannte, und seine heftige Art, Geistliche abzuweisen, die
Geld von ihm wollten, trugen sicherlich nicht wenig dazu
bei, ihm den Ruf zu verleihen, in dem er stand. Er kümmerte
sich den Teufel um die kirchlichen Drohungen mit gött-
lichen Strafen; er lebte in seiner Welt des Handels, wühlte
sie um und steckte sich die Taschen voll. Bis zuletzt
flammte sein vulkanischer Geist ungebrochen, selbst als er,
achtzigjäihrig, mit abgeschnittenem Ohr, mit zerquetschtem
Gesicht und ohne Augenlicht dalag, weil er von einem
Lastwagen überfahren worden war.

Die ganzen achtzig Jahre lang hatte das Mitleid keinen
Platz in seinem Herzen. Als er aber im Dezember 1831
starb und sein Testament geöffnet wurde, war das Staunen
groß! Alle seine Verwandten bekamen Legate; sogar seine
Lehrlinge empfingen je 500 Dollar, seine alten Diener Pen-
sionen. Hospitäler, Waisenhäuser und andere mildtätige Ein-
richtungen waren bedacht. 500 000 Dollar gingen an die
Stadt Philadelphia für öffentliche Bauten; 300 000 Dollar
für die Kanäle Pennsylvaniens; ein Teil seines wertvollen
Gutes in Louisiana an die Stadt New Orleans zur Ver-
schönerung dieser Stadt. Den Rest seines Vermögens,
atwa sechs Millionen, bekam ein Kurator zur Errichtung
and Ausstattung eines Waisen-Gymnasiums, das denn auch
nach ihm benannt wurde.

Nun erhob sich ein allgemeines Staunen und Lobpreisen,
Wer hatte jemals einen derartigen Gemeinsinn gesehen?
Wo gab es eine so hohe Seele, die man so mißverstanden
hatte? — Hier und da wurden schwache Proteststimmen
laut: Girards Reichtum stamme aus der Allgemeinheit,
und es sei nur recht und billig, wenn er wieder an die
Allgemeinheit zurückgehe; seine Geschäftsmethoden hätten
Witwen und Waisen verursacht, und es sei nur recht und
        <pb n="101" />
        6° —
billig, daß er für die Witwen und Waisen sorge. Diese
Proteste erklärte man stirnrunzelnd für das krankhafte
Wüten ohnmächtigen Neides. Der tote Girard wurde
mit Applaus überschüttet; sogar seine Kleider hob man als
shrwürdige Andenken auf.

Der große W ohltäter
Alle Stiftungen anderer reicher Leute versanken im Ver-
gleich zu Girards Stiftungen in das Nichts. Seine Kon-
kurrenten und seine Kumpane hatten Wohltätigkeit geübt,
aber keiner in solchem Maßstabe wie er. Ausgezeichnete
Redner wetteiferten miteinander, ihn zu preisen, und die
Presse beweihräucherte den größten Wohltäter des Jahr-
hunderts. Sie taten es in gutem Glauben, denn sie waren
in den Anschauungen der Handelsklasse aufgewachsen und
ließen sich durch den Geist der Zeit und durch das Gerede
der Nationalökonomen verleiten, immer nur auf den
mächtigen, erfolgreichen Einen zu blicken und an der
Lage der Volksmassen vorbeizusehen.

Einige Tatsachen über das Leben der übrigen Bevölkerung
findet man bei Matthew Carey, einem orthodoxen National-
ökonomen, der in einer Flugschrift von 1829 folgendes
Bild zeichnet, das zugleich einen starken Kontrast und
eine notwendige Folge zu den großen Goldanhäufungen
der Multimillionäre bietet. deren Prototyp Girard war:

Ein schneidender Kontrast zu den großen Reichtümern
„Tausende von unseren Arbeitern reisen Hunderte von
Meilen auf der Suche nach einer Beschäftigung beim
Kanalbau für 62!/, bis 871, Cent Tagelohn, und bezahlen
1,50 bis 2,00 Dollar wöchentlich für Kost und Wohnung
und lassen Familien zurück, die von ihnen abhängen. Sie
arbeiten häufig in sumpfigem Gelände und atmen seuchen-
erregende Miasmen ein, die ihre Gesundheit oft für immer
zerstören. Sie kehren mit ruinierter Konstitution und mit
elendem Lohn zurück, den sie sich fleißig verdient haben,
und müssen sich krank und arbeitsunfähig ins Bett legen.
        <pb n="102" />
        Hunderte werden alle Jahre dahingerafft und viele hinter-
lassen eine zahlreiche und hilflose Familie. "Trotz ihres
oJenden Geschickes werden ihre Plätze sogleich wieder von
andern besetzt, obgleich ihnen der Tod ins Gesicht starrt.
Hunderte arbeiten fleißig an den Chausseen, mühen sich
vom Morgen bis in die Nacht hinein für 1/ bis */, Dollar
täglich und sind der sengenden Sommersonne und allen
Härten unserer strengen Winter ausgesetzt. Es ist ständig
Überfluß an Holzhackern in unseren Städten, obgleich
deren Löhne so niedrig sind, daß sie bei äußerster Anstren-
gung nicht mehr als 35 bis 50 Cent täglich verdienen können,
‚.. Kurz, es gibt überhaupt keine Beschäftigung, wie un-
angenehm, wie ekelhaft, wie schädlich, wie schlechtbezahlt
sie auch sei, für die sich nicht Leute finden, die sie lieber
annehmen, als daß sie betteln oder stehlen.“
        <pb n="103" />
        <pb n="104" />
        Zweiter Teil:
DIE GROSSEN LANDVERMÖGEN
        <pb n="105" />
        <pb n="106" />
        Erstes Kapitel
DER URSPRUNG DES GROSSEN GRUNDBESITZES
IN DEN STÄDTEN

Die feudalen Grundherren schwinden dahin
Mr als zwei Jahrhunderte lang hatten die Grundherren
eine hervorragende öffentliche Rolle gespielt. Durch
lie Umwälzungen der Revolution mancher Rechte beraubt,
hatten sie noch immer einen großen Teil ihres Bodens und
Besitzes behalten. Doch wechselnde Gesetze und wechselnde
5konomische Verhältnisse stürzten sie auf der Leiter immer
mehr hinunter, bis man sogar die Namen vieler aus
dem Gesicht verliert. Während sie im Strudel versanken,
tauchten plötzlich andere Klassen von reichen Leuten auf,
Dazu gehörten vor allem die städtischen Grundbesitzer,
zuerst armselige Handelsleute und Bodenspekulanten, die
sich schließlich zu Multimillionären erheben. Ursprüng-
lich hatte, wie wir sahen, der Grundherr selber die Ge-
setze gemacht und Recht gesprochen; aber in den zwei Jahr-
hunderten hatten große Veränderungen stattgefunden.
Jetzt mußte er geradezu um seine Existenz kämpfen.

So sahen sich beispielsweise 1839 die Grundherren im
Staate New York einer verhängnisvollen Bewegung gegen-
über: auf den Gütern von Rensselaer, Livington und
anderen Feudalbesitzungen revoltierten die Untergebenen.
Sie wollten ein System, das den Grundherren dieselben
Rechte über sie gab, wie ein englischer Lord über seine
Pächter ausübte, nicht länger dulden. In den Pachtverträgen,
die die Grundherren ihre Untergebenen zu unterschreiben
zwangen, standen drückende Anachronismen. Wollte der
        <pb n="107" />
        — 62 —
Untergebene einen Besucher 24 Stunden lang bei sich im
Hause behalten, so mußte er schriftlich um Erlaubnis ein-
kommen. Er mußte sich verpflichten, mit keinen anderen
Waren als den Produkten des Gutes Handel zu treiben. Er
konnte sein Mehl nirgends als auf der Gutsmühle mahlen
lassen, ohne seinen Kontrakt zu verletzen und sich der Aus-
weisung auszusetzen; er durfte auch nur im Magazin des
Grundherrn kaufen. Derartige Rechte waren den Guts-
besitzern nach der Revolution noch geblieben, weil es die
Rechte des Privateigentums waren. )

Die Grundherren ihrerseits meinten, Selbstinteresse, Stolz
und Anhänglichkeit an die alten Traditionen verlange den
Fortbestand ihrer Willkürherrschaft auf ihren Gütern.
Sie weigerten sich, anzuerkennen, daß das Gesetz das
geringste Recht besäße, sich in das zu mischen, was sie als
ihre Privatangelegenheiten betrachteten. Während sie ihre
polizeiliche Macht eifrig dazu benutzten, jeden aufsässigen
oder zahlungsunfähigen Untergebenen auszuweisen und
Protestversammlungen zu unterdrücken, erklärten sie gleich-
zeitig das Gesetz für tyrannisch, sobald es daran ging,
moderne und humanere Verhältnisse in der Verwaltung
ihrer Güter einzuführen. Sie hielten zäh an der alten
Pachtwirtschaft fest und wehrten hartnäckig jeden Ein-
griff in ihre vermeintlichen Besitzrechte ab.

Die feudale Abhängigkeit wird abgeschaftt
Es begann,eine intensive Agitation. Die Bodenreformer
verfügten. über eine derartige politische Macht!) und ver-
setzten den ganzen Staat in einen solchen Rausch radikaler
Diskussion, daß die Politiker des Tages aus Furcht vor den
Wirkungen einer derartigen Bewegung die Landmagnaten
zwangen, nachzugeben und ihre Ländereien in kleinen Far-
men zu verkaufen, was sie denn auch zu exorbitanten
Preisen taten. Doch aus der Bewegung, gegen die sie sich
so scharf gewehrt hatten, zogen sie große Profite. Erschreckt
über die mächtige Volksbewegung und in der Hoffnung,
1) 1847 und 1849 brachten sie im Staate New York über 5000 Stimmen auf.
        <pb n="108" />
        sie aufzuhalten, nahm die Verfassungs- Versammlung von
New York im Jahre 1846 ein verfassungsmäßiges Verbot
aller feudalen Abhängigkeit an, das gesetzlich so festgelegt
wurde, daß keine spätere Gesetzgebung es modifizieren
konnte.
So gingen in diesem Endkampfe die letzten Spuren der
Macht der allgewaltigen Patrone der alten Zeit unter. Sie
waren archaisch geworden. Sie konnten sich den neueren
Wirtschaftsverhältnissen gegenüber unmöglich behaupten,
denn sie repräsentierten eine überwundene ökonomische
und soziale Ara, Ihre Macht schrieb sich lediglich von der
Größe ihrer Besitzungen und von ungleichen Gesetzen her.
Als diese aufgehoben wurden, war es mit ihrer Bedeutung
als Spitzen des Reichtums und des Einflusses vorbei. Sie
konnten sich noch ihrer Abstammung, ihrer aristokratischen
Kultur und sozialen Stellung rühmen, aber das war auch
der einzige Trost, der ihnen blieb,

Die Zeit war dem Fortbestande großer, aus ländlichem
ınd kleinstädtischem Bodenbesitz stammenden Ver-
mögen nicht günstig. Vielerlei Einflüsse vereinigten sich,
den Landbesitz zu einem schwankenden Wertobjekt zu
machen, während dieselben Einflüsse, oder ein Teil davon,
dem städtischen Grundbesitz eine sich immer noch ver-
mehrende Stetigkeit des Wertes verliehen, #Das Anwachsen
des Reederhandels baute Städte auf und zog Arbeiter und
Volk im allgemeinen an. Das Aufkommen des Fabriksystems
im Jahre 1790 hatte eine zwiefache Wirkung. Es begann,
zanze Landstriche von den jüngeren Generationen zu
sntblößen, und es vergrößerte sofort die Wirtschaftsbetäti-
gung der Städte, Ein anderer, noch bedeutenderer Teil der
ackerbauenden Bevölkerung wanderte beständig vom Osten
nach dem Westen und dem Südwesten mit ihren hoffnungs-
vollen Aussichten. Einige Landstriche wurden dünner und
dünner bevölkert; andere blieben stationär. Aber ob die
Landbevölkerung sich vermehrte oder nicht — es gab noch
andere Faktoren, durch die der Wert der Ackerländer
hinauf und herunter ging. Ein Kanalbau pflegte den Boden-
wert des einen Landstriches zu vermehren und Stillstand
oder Rückgang in einem andern, nicht so begünstigten
        <pb n="109" />
        64 —
hervorzurufen. Aber auch ein solcher Aufschwung war oft
nur vorübergehend. Mit jeder frischen Besiedlung im
Westen, mit dem Bau jeder Eisenbahn, die als Pionier aus-
geschickt wurde, entstanden neue vielseitige Beziehungen,
die im allgemeinen den Wert des Bodens im Osten herab-
drückten. Ein Landbesitz, der in der einen Generation
noch einen stattlichen Wert repräsentiert hatte, mußte
in der nächsten Generation oft schon verpfändet werden.
x“
Die neue Aristokratie

Die in städtischem Grundbesitz angelegten Vermögen
aber wuchsen mit mathematischer Sicherheit und Stetigkeit.
Der städtische Boden war nicht den enormen Schwan-
kungen ausgesetzt, die den Wert des ländlichen Bodens
so sehr beeinträchtigten. Alle Strömungen der Zeit be-
günstigten den Aufstieg einer auf städtischen Boden-
besitz gegründeten Aristokratie. Im Vergleich mit ihren
jetzigen kolossalen Proportionen waren die Städte damals
bloße Dörfer. Sie hatten einen Kern von vielleicht ein bis
zwei Meilen Häusern, die von Feldern und Obstgärten,
Wiesen und Brachland umgeben waren. Diese waren für
eine unbedeutende Summe zu kaufen. Bei dem fortschrei-
tenden Wachstum des Handels und der Bevölkerung, bei
der sich ständig mehrenden Einwanderung mußte der Wert
des Bodens jedes Jahr zunehmen. Es konnte gar nicht
anders sein.

Seit 1825 diskutierte man die Frage, ob die reichsten
Grundbesitzer in New York, in Philadelphia, in Boston
oder in Baltimore aufkommen würden. Eine Zeitlang
marschierte Philadelphia in bezug auf Ausdehnung des
Handels stark an der Spitze. Aber die Eröffnung des Erie-
kanals entschied diese Frage sogleich. Mit einem Sprung
erreichte New York den Rang der bedeutendsten Handels-
stadt in den Vereinigten Staaten und schlug seine Kon-
kurrenten vollständig aus dem Felde. Die Bodenpreise
begannen verblüffend zu steigen. Die Sümpfe, die felsigen
Brachfelder und das Land unter Wasser wurden in wenigen
Jahren zu ergiebigen Geldquellen. Land, das zehn oder
        <pb n="110" />
        65 —
zwanzig Jahre vorher für einen lächerlichen Preis zu haben
war, erreichte ganz plötzlich einen bedeutenden Wert
und stieg im Laufe der Zeit, aus denselben Gründen,
aber in beschleunigtem Tempo, auf einen Wert von Hun-
derten von Millionen Dollar. Unter diesen Umständen
ist es nicht verwunderlich, daß die reichsten Grundbesitzer
zuerst in New York auftauchten und daß sie imstande
waren, ihre Vormacht zu halten.

Der Reichtum der Grundbesitzer stellte den der Reeder
bald vollständig in den Schatten. So enorm die Verdienste
der Reeder waren, sie galten nur für den Augenblick.
In dem Kampfe um Reichtum mußten die Reeder not-
wendig ins Hintertreffen geraten. Ihr Gewerbe brachte
besondere Unsicherheiten mit sich. Die Zufälle des Meeres,
die Schwankungen und Wechselfälle des Handels, der erbit-
terte Konkurrenzkampf jener Zeit brachten für ihre Ge-
schäfte immer neue Umwälzungen. Viele der reichen Reeder
sahen das sehr wohl ein und legten die Überschüsse ihres
aus dem Handel gewonnenen Vermögens in Boden, Banken,
Fabriken, Chausseen, Versicherungsgesellschaften, Eisen-
bahnen und zuweilen in Lotterien an. Die Reeder-Millio-
näre aber, die sich ausschließlich auf den Seehandel legten,
sanken in der Skala der reichen Klasse, besonders als die
Zeit kam, wo fremde Reeder sich in weitem Maße des bis
dahin in amerikanischen Kuttern betriebenen Handels
vbemächtigten. Andere Reeder, die ihre Überschüsse in an-
deren Zweigen des Handels oder in Grundbesitz anlegten,
kamen rapid in die Höhe.

Städtischer Grundbesitz als Hautttfaktor
Zwischen Grundbesitz und anderen Geschäften bestand
jedoch ein großer Unterschied. Die Wirtschaft war damals
bis zum äußersten individualistisch, an den Einzelnen ge-
Sunden; das Kunstgebilde der Aktiengesellschaft lag noch
in den ersten Anfängen. Die Erben eines Besitzers von
sechzig Handelsschiffen besaßen möglicherweise nicht
denselben Fleiß, dieselbe Geschicklichkeit, dieselbe Ge-
wandtheit, dieselbe List — um Nicht zu sagen die-
        <pb n="111" />
        _ 66
selbe Skrupellosigkeit — wie der Gründer des Unter-
nehmens; infolgedessen ging das Geschäft zurück oder
ging in die Hände eines Schlaueren oder Glücklicheren
über. Bei den Fabriken lagen die Dinge ungefähr ebenso; und
nach dem Auftreten der Arbeiterorganisationen war die
Möglichkeit eines Streiks eine ewige Gefahr für die Renta-
bilität. Auch die Banken waren durchaus keine festen,
unveränderlichen Unternehmungen. Wie bei anderen
Mitteln zum Profitmachen hing auch bei ihnen die Aus-
dehnung der Macht und des Verdienstes von den obwal-
tenden Umständen und zum großen Teil von der Gunst
oder der Politik der Regierung ab. Die die Regierung
beherrschende Partei konnte jeden Augenblick wechseln
und im Bankwesen, im Zollwesen und in anderen Gesetzen
konnte eine diametral verschiedene Politik in Kraft gesetzt
werden.

Diese wechselnden Gesetze kamen freilich nicht den
Volksmassen zugute, denn sie wurden immer nur zu-
gunsten der einen oder der anderen Klasse von Besitzenden
gemacht, einer der streitenden Parteien zu genügen. Jeder
einzelne Kaufmann, jede Firma oder Aktiengesellschaft ver-
suchte die Konkurrenz aus eigener Kraft oder mit Hilfe der
Gesetze niederzuringen, und je nachdem ihnen das gelang
oder nicht, wechselten die Handelsprofite.
Der unverwundbare Grundbesitz
Der Grundbesitzer war der ruhende Pol in der Er-
scheinungen Flucht. Er konnte so viel Land kaufen, wie er
wollte, und damit machen, was er wollte. Er hatte die Ge-
setze, die er brauchte, und diese Gesetze waren unwandelbar.
Die Interessen aller Grundbesitzer waren identisch — die
der Händler waren verschieden und einander widerstrebend.
Die Grundbesitzer durften den Fortbestand der Grund-
gesetze über den Bodenbesitz annehmen, während der Ree-
der, der Fabrikbesitzer, der Bankier niemals wußte, was für
neue Gesetze der nächste Tag bringen würde.

Mehr noch: der Grundbesitzer hatte ein wirksames und
nie versagendes Hilfsmittel. Die Gesellschaft war sein Teil-
        <pb n="112" />
        . 67 -
haber; aber es war ein Kompaniegeschäft, wobei der
Verdienst ausschließlich in die Tasche des Grundbesitzers
floß. Der Hauptfaktor; von dem er abhing, war die Arbeit
der Gesamtheit, die seinen Boden um immer größere Werte
vermehrte. Anders gesagt: er war der stille Teilhaber;
er brauchte bloß zuzuschauen; er brauchte bloß das Land
in der Hand zu behalten. Seine Söhne, seine Enkel, seine
Nachkommen bis ins letzte Glied brauchten auch nicht
mehr zu tun; sie konnten sich müßig ihres Erbes freuen,
es erweitern, die nötige Geschicklichkeit zur Verwaltung
mieten, und größere und immer größere Reichtümer muß-
ten ihnen in den Schoß fallen. Die Gesellschaft arbeitete ja
fieberhaft für die Grundbesitzer. Jede Straße, die angelegt
und kanalisiert wurde, jedes Kind, das geboren wurde,
jeder Einwanderer, der zuströmte, jede Fabrik, jedes
Waren- oder Wohnhaus, das gebaut wurde — alle diese
und noch mehr Faktoren trugen zum anormalen An-
schwellen seines Reichtums bei.

Eine ergiebige Hecke des Reichtums
Unter solchem System war Bodenbesitz das einzige
aussichtsvolle, leichte und dauernde Mittel, ein Vermögen
zusammenzuscharren, das alles in den Schatten stellte.
Durch den ausschließlichen Besitz des Bodens war man mit
den elementarsten Volksbedürfnissen unlösbar verbunden.
Handel und Geld kann ein Volk zur Not entbehren, Land
aber muß es haben, und wäre es auch nur, um sich hinzu-
legen und zu sterben.

Der ausgepowerte Arbeitslose, der dem Elend gegenüber-
stand, muß seine kostbaren paar Geldstücke gezwungener-
maßen an den Hausbesitzer weggeben und kann zusehen, wo
or Nahrung und das Übrige herbekommt. Besonders wird
Boden stark begehrt bei einem komplizierten Industrie-
;ystem, welches bewirkt, daß viel Volk nach den Industrie-
und Handelszentren gravitiertundsich dort zusammendrängt.

Ein furchtbareres System zur Gründung und Erweiterung
lauernder Vermögen hat niemals existiert. Es pflanzte
sich automatisch weiter fort. Das zeigt sich am besten
        <pb n="113" />
        — 68 —
darin, daß die großen Reedervermögen eines Jahrhunderts
zuvor jetzt im allgemeinen so vergessen sind, wie die da-
mals üblichen Methoden veraltet sind; der Boden da-
gegen ist Boden geblieben, und die so angelegten Ver-
mögen haben sich zu großer nationaler und teilweiser
internationaler Bedeutung ausgewachsen.

Durch die Gunst der Verhältnisse konnte so der Grund-
stock zu großen, auf Bodenbesitz basierenden Vermögen
gelegt werden. Nach den verschiedenen Volkszählungen
in den Vereinigten Staaten war und ist bei weitem der größte
Teil der Reichtümer des Landes in bezug auf Bodenbesitz
auf die Nord-Atlantische und die Nord-Zentral-Abteilung
konzentriert, wovon die eine Städte wie New York, Phila-
delphia und Boston, die andere Chikago, Cincinnati und
andere Städte umfaßt. Von einer Gesamtsumme von
39 544 333 000 Dollar, die das Vermögen an Bodenwerten
und Meliorationen repräsentieren, kamen nach der Zählung
von 1890: 13 905 274. 364 Dollar auf die Nord-Atlantische
Abteilung und eine Kleinigkeit mehr als 15 Milliarden Dollar
auf die Nord-Zentral-Abteilung. In den großen Städten
waren die großen Bodenvermögen zu finden. Die größten
von diesen Vermögen waren die von Astor, Goelet und
Rhinelander im Osten, und im Westen sind die Besitz-
tümer von Longworth und Field bekannte Beispiele. Wollte
man von all diesen überragenden Reichtümern sprechen —
man würde niemals fertig. Für die Zwecke dieses Werkes
mag es genügen, ein paar der im Superlativ großen Ver-
mögen herauszugreifen, als repräsentativ für die auf Grund-
besitz aufgebauten.

Große Reichtümer aus Grundbesitz
Das hervorragendste aller amerikanischen Vermögen,
die aus dem Bodenbesitz stammen, ist das Astor-Vermögen.
Seine jetzige Höhe, die Seitenzweige der Familie inbegriffen,
wird von einigen Autoritäten auf über 300 Millionen Dollar
geschätzt. Man hält das aber allgemein für zu niedrig ge-
griffen: schon 1889, als die Bevölkerung der Stadt New York
viel kleiner war als jetzt — schätzte Thomas G. Shearman,
        <pb n="114" />
        ‚69 —
ein tüchtiger Kenner der Verhältnisse, das Gesamtvermögen
der Astors auf 250 Millionen Dollar. Die verblüffende
Größe: dieses Vermögens zeigt sich erst, wenn man es mit
der Lage der Volksmassen vergleicht. Nach einer Unter-
suchung der Zählung von 1900 in den Vereinigten Staaten,
die Lucien Sanial angestellt hat, ‚besaß bei einem auf über
95 Milliarden geschätzten Gesamtvermögen des Landes
die Proletarierklasse, die hauptsächlich aus Lohnarbeitern
und einer dünnen Schicht von Angehörigen der freien
Berufe bestand und 20393 137 Personen zählte, nur über
vier Milliarden Dollar. Durch einen derartigen Kontrast,
welcher zeigt, wie eine einzige Familie, die Astors, mehr
besaß als viele Millionen Arbeiter, beginnen wir erst eine
Vorstellung von der überwältigenden, kolossalen Macht
eines einzelnen Vermögens zu bekommen. Das Goelet-
Vermögen war von ähnlicher Höhe; es ist verschieden,
zwischen 200 und 225 Millionen Dollar, geschätzt worden,
obgleich sein genauer Umfang einigermaßen im Dunkeln
bleiben wird.

Denn bei diesen großen Vermögen ist es wohl nahezu
unmöglich, eine sichere Vorstellung davon zu bekommen,
wie weit sie reichen. Sie alle sind in erster Linie auf Grund-
besitz basiert, umfassen aber auch viele andere Kapital-
formen, wie Bankanteile, Kohlen- und andere Minen,
Eisenbahnen, städtische Beförderungsmittel, Gasanstalten
und Industriegesellschaften. Selbst die unermüdlichsten
Taxatoren erklären jeden Versuch, das persönliche Ver-
mögen dieser Multimillionäre herauszubekommen, für
eine Angabe, die sich bloß auf Vermutungen stützt oder auf
gut Glück abgegeben worden ist. Der Umfang ihres Grund-
besitzes ist bekannt — er läßt sich nicht im Gewölbe eines
Safe verstecken. Aber die anderen Arten ihrer Besitztümer
werden vor der Öffentlichkeit sorgsam verborgen. Eben
darum ist es höchst wahrscheinlich, daß die Reichtümer
dieser Familien noch beträchtlich größer sind, als man
gewöhnlich glaubt. Der Fall von Marshall Field, einem
Chikagoer Krösus, der ein auf 100 Millionen Dollar taxiertes
Vermögen hinterließ, ist ein Schulbeispiel. Dieser Mann
besaß in Chikago allein 20 Millionen Dollar in Boden-
        <pb n="115" />
        70 —
werten. Es wurde aber nicht gesagt, wie hoch sein gesamter
Besitz sich belief, denn er weigerte sich, Jahr für Jahr mehr
als für 21, Millionen Dollar Personalvermögen Steuern zu
bezahlen. Nach seinem Tode im Jahre 1906 aber ergab
eine Inventur seines Vermögens ein sicheres steuerpflichtiges
Personalvermögen von fast 50 Millionen. Er war bedeutend
reicher, als er wahrhaben wollte.

Zweites Kapitel
DER ANFANG DES ASTOR-VERMÖGENS

DS Begründer des Astor-Vermögens war John Jakob
Astor, der Sohn eines Metzgers. Er wurde in Waldorf
(in Deutschland) am 17. Juli 1763 geboren). Nach den
traditionellen Berichten ging er achtzehnjährig nach London,
wo einer seiner Brüder, Georg Peter, in einem Musik-
instrumentengeschäft tätig war. Zwei Jahre später wanderte
er „mit einem guten Sonntagsanzug, sieben Flöten und
etwa hundert Mark“ nach Amerika aus. Er landete in
Baltimore und zog weiter nach New York.

Hier wurde er Lehrling bei Georg Dieterich, einem Bäcker
in der Perlstraße, für den er mit Kuchen hausieren ging,
wie damals Brauch war. Walter Barrett betont ausdrück-
lich, daß dies seine erste Beschäftigung in New York war.
Später machte er sichselbständig. „Lange Zeit,“ sagt Barrett,
„hausierte er mit Pelzen und kaufte sie auf, wo er nur konnte;
er tauschte sie für billige Schmucksachen usw. ein und trug
immer sein Päckchen auf dem Rücken.“ Nach einer anderen
Erzählung war er für 2 Dollar die Woche und freie Station
im Laden von Robert Browne, einem New Yorker Pelzwaren-
händler, mit dem Ausklopfen von Pelzen beschäftigt; in
dieser Stellung hätte er großes Geschick dafür bekundet.

1) Astor hat in seinem hessischen Geburtsdorfe eine Armenanstalt gestiftet,
in der bis zu 40 Personen untergebracht werden können. Am 17. Juli 1913 hat
die Familie aus Anlaß seines 150. Geburtstages weitere 50000 Mark für diese
Anstalt gestiftet. (Anmerkung des Übersetzers)
        <pb n="116" />
        — 71 —
lie Trapper, welche kamen, um Pelze zu verkaufen, aus-
zuhorchen, und so hätte er große Kenntnisse über die
Pelztiere gewonnen. Als Browne älter wurde, hätte er
Astor lange, anstrengende Reisen zu den Indianerstämmen
der Adirondacks und Canadas machen lassen, damit er
von ihnen Pelze einhandle.

Astors erste Laufbahn
Astor brachte genug Geld zusammen, um sich 1786 in
inem kleinen Laden der Waterstraße im Pelzhandel selbst-
‚ständig machen zu können. Es ist nicht unangebracht, zu
vermuten, daß er zu dieser Zeit, wie alle Pelzhändler da-
mals, die gangbaren Methoden, die Indianer zu betrügen,
mitmachte. Sicher ist, daß er es fertig brachte, ihre wert-
vollsten Pelze für ein paar Rumflaschen, für allerlei Tand
and Flitterkram zu bekommen. Von solchen Geschäfts-
reisen zurückgekehrt, pflegte er große Mengen von Pelzen
nach London zu verschiffen, wo sie mit großem Profit
verkauft wurden.

Seine Heirat mit Sarah Todd, einer Kusine von Henry
Brevoort, brachte ihm eine gute Ehefrau, welche die
glänzende Eigenschaft der Sparsamkeit besaß, und einen
Zuwachs an Geldmitteln und wichtige Familienkonnexionen.
Die neuen Geldmittel verwandte er auf die Erweiterung
seines Geschäfts. Um 1794 war er eine Art Großkaufmann;
Scharen von Trappern und Agenten plünderten auf seinen
Befehl die Wildnis. In bestimmten Zeiträumen verschiffte
er große Mengen Pelze nach Europa. Seine bescheidene,

fast knickrige Lebensführung in einer Wohnung über
seinem Laden war nicht dazu angetan, den Eindruck großer
Reichtümer zu erwecken, Es war immer seine Gewohn-
heit, die anderen über seine Gelder und seine Pläne zu
täuschen. Als er aber 1800 nach dem Broadway, Ecke
Veseystraße, zog, damals eine vornehme Gegend, mußte
man ihn notwendigerweise für einen Mann von nicht un-
bedeutenden Mitteln halten. Er war damals in der Tat,
soweit sich das ermitteln läßt, eine viertel Million Dollar
schwer — ein monumentales Vermögen für eine Zeit, wo
        <pb n="117" />
        &gt;
ein Mann mit 50 000 schon für reich galt; wo ein gutes
Wohnhaus schon für 350 Dollar jährlich zu mieten war
und die jährlichen Ausgaben einer durchschnittlich gut
lebenden Familie schon mit 750 bis 800 Dollar bestritten
werden konnten.

Seine großen Verdienste im Pelzhandel führten ihn natür-
lich dazu, sein eigener Reeder zu werden, denn er war ein
ausgezeichneter Organisator und sah die Überflüssigkeit
der Zwischenhändler sehr wohl ein. Ein Biberfell, das er
für einen Dollar von einem Indianer oder einem weißen
Trapper im Westen des Staates New York kaufte, ließ sich
in London für 6'/, Dollar verkaufen. Mit allen anderen
Pelzarten ließ sich ebensoviel verdienen. Außerdem aber
sah Astor noch die Möglichkeit, seine Profite wesentlich
zu erhöhen, indem er das Geld, das er in England mit dem
Verkauf seiner Pelze verdiente, in englischen Waren anlegte
und sie nach den Vereinigten Staaten importierte. Auf
diese Weise konnte der Profit aus einem einzigen Biber-
fell zehn Dollar erreichen. Um diese Zeit hingen die Ver-
einigten Staaten in vielen Artikeln von den britischen
Fabrikanten ab, besonders in gewissen Arten von Woll-
und Messerschmiedwaren. Diese wurden an das ameri-
kanische, Volk mit ungeheurem Nutzen verkauft. Diesen
Handel betrieb Astor auf eigenen Schiffen. ;
Seine Geschäftsmethoden
Es ist von größter Wichtigkeit, Astors Methoden beim
Pelzhandel kennen zu lernen, denn hauptsächlich bei diesen
Geschäften raffte er die enormen Summen zusammen, die
es ihm dann möglich machten, Großgrundbesitzer zu
werden. Was für Methoden er in seinen Anfängen prakti-
zierte, ist in Dunkel gehüllt; es gibt keine Dokumente, aus
denen sicheres hervorgeht. Anders verhält es sich mit
den Methoden des größten und erfolgreichsten von seinen
Pelzgewinnungsunternehmen, der Amerikanischen Pelzge-
sellschaft, obgleich darüber nichts in seinen Biographiensteht.
&amp;:; Die Erlegung und Vertilgung von Pelztieren war im
Osten so unermüdlich betrieben worden, daß das Land bald
        <pb n="118" />
        +73 —
&gt;rschöpft war. Man mußte notwendigerweise in die noch
jungfräulichen Gebiete des Mississippi, des Missouri und
der Rocky Mountains vordringen. Die Nordwest-Gesell-
schaft, die unter britischer Flagge segelte, bearbeitete
damals die Wälder im Westen und Nordwesten der großen
Seen. Ihre jährlichen Pelzverschiffungen waren enorm:
[793 waren es allein 106000 Biberfelle! — Astor malte
sich die unvergleichlich größeren Profite aus, die er haben
würde, wenn er seinen Eifer bis zu den Gebieten des
wilden Westens ausdehnte, der so ergiebig in Pelzen war.

1808 gründete er die Amerikanische Pelz-Gesellschaft.
Das war zwar eine Gesellschaft, tatsächlich aber bestand
sie aus ihm. Er persönlich brachte das Anfangskapital von
500 000 Dollar ein und er diktierte jede Phase der Geschäfts-
führung. Sein erster ehrgeiziger Plan war die Gründung
einer Niederlassung Astoria in Oregon, aber der Krieg
von 1812 machte die Pläne zunichte, und die Expedition,
die er dorthin geschickt hatte, mußte wieder umkehren.
Dabei verriet er nach einem Briefe des Regierungsagenten
Matthew Irwin vom 18. Juni 1818 die amerikanische Sache,
um seine Pelze vor einer Beschlagnahme durch die Briten
zu bewahren. Wäre sein Plan gelungen, so wäre Astor, wie
er selbst versicherte, der reichste Mann der Welt gewesen,
und der jetzige Reichtum seiner Nachkommen betrüge statt
450 Millionen Dollar viele Male so viel.

Monorole aut Grund von Gewalt

Nachdem sein Projekt, ein Monopol für den unüber-
sehbaren Reichtum an Pelzen im äußersten Nordwesten
zu erhalten, durchkreuzt war, konzentrierte er seine An-
strengungen auf die weiten Regionen längs des Missouri,
weit nordwärts nach den großen Seen, westwärts nach den
Rocky Mountains bis in den Südwesten hinein. Das Gebiet
hatte einen Überfluß an Pelztieren und wurde damals von
[ndianerstämmen bewohnt; hier und da war eine weiße
Niederlassung. Durch die Günstlingswirtschaft bei der
Regierung und unverhohlene Anwendung von Betrug und
Bestechung erhielt er ein unumschränktes Monopol, so un-
        <pb n="119" />
        7A
umschränkt und willkürlich, wie es nur irgendein Feudal-
herr über seine Untertanenländereien besaß. Dem Namen
nach regierten die Vereinigten Staaten diesen großen Land-
strich, machten sie die Gesetze und handhabten ihre Aus-
führung. In Wirklichkeit aber war Astors Gesellschaft sich
selber Gesetz. Daß sie sowohl Gewalt wie Betrug anwandte
und sich den Teufel um die vom Kongreß beschlossenen
Gesetze kümmerte, ergibt sich klar wie der Tag aus den
Regierungsberichten jener Zeit.

Die Amerikanische Pelz-Gesellschaft unterhielt drei
Hauptniederlagen zum Empfang und zur Verteilung der
Pelze: die eine zu St. Louis, die andere zu Detroit, die
dritte zu Mackinac. In dieser wilden Gegend, wo die Re-
gierung im besten Falle durch ein paar "T'ruppenteile ver-
treten war und wo die Agenten der Gesellschaft schwer
bewaffnet umhergingen, war es klar und wurde es als Tat-
sache hingenommen, daß kein Agent irgendeines Konkur-
renzunternehmens oder ein einzelner Händler wagen durfte,
sich zu zeigen. Das hieß, sich den schwersten Gefahren
aussetzen, und auch vor offenbarem Mord schreckten die
Agenten nicht zurück. Schon um 1827 hatten sie den
Handel mit den Indianern am Missouri vollständig mono-
polisiert. Die Amerikanische Pelz-Gesellschaft beherrschte
alles und verbreitete ringsumher Furcht und Schrecken;
sie pfiff auf die Vorstellungen der Regierung und erkannte
keinen an, der höher stände, und keine Gesetze als solche,
wie ihre eigenen Interessen verlangten. Die Ausbeutung,
die sie betrieb, war eine der raffiniertesten, grausamsten
und haarsträubendsten, die je in einem Lande stattfanden.
Wie man die Indianer betrunken machte
Wenn es damals ein schweres Verbrechen gab, so war es
die Versorgung der Indianer mit Whisky. Die Regierung
hatte denn auch volles Verständnis für die schrecklichen
Folgen, die daraus entstehen mußten, und ging durch
strenge Gesetze mit schweren Strafen dagegen vor. Astors
Gesellschaft aber verletzte dieses Gesetz mit frecher Stirn,
genau so, wie sie die anderen Gesetze verletzte, die ihren
        <pb n="120" />
        — 75
Profitinteressen zuwiderliefen. Sie schmuggelte erstaun-
liche Mengen Rumein. Der alte Trick der Händler, die In-
dianer betrunken zu machen und sie dann um Pelze und
Land zu beschwindeln, wurde von Astor zu ungeahnter
Vollkommenheit ausgebildet. Wenn gesagt wird, Astor
habe nichts davon gewußt, was seine Agenten taten, SO 1st
das eine Bemäntelung, auf die einzugehen sich nicht
verlohnt; er war ein Mann, der seine mannigfachen Ge-
schäfte bis in die kleinsten Einzelheiten überwachte. Noch
dazu wurde der Schnaps auf seinen direkten Befehl zu Schiff
nach New Orleans befördert und von da aus den Mississippi
hinauf nach St. Louis und anderen Grenzpunkten. Die
grauenhaften Folgen dieses Handels und die folgenden
Plünderungen wurden von zahlreichen Regierungsbeamten
dargelegt.
Oberst Snelling, der die Garnison von Detroit befehligte,
schickte einen entrüsteten Protest an James Barbour, den
Kriegsminister, vom 23. August 1825 datiert: „Wer den
meisten Whisky hat, trägt gewöhnlich die meisten Pelze
davon,‘ schreibt er, und fährt fort: „Die Umgebung
der Geschäftshäuser, wo Whisky verkauft wird, bietet
einen widerlichen Schauplatz der Betrunkenheit, Ausschwei-
fung und Verkommenheit; das ist die Quelle aller unserer
Schwierigkeiten und fast aller Mordtaten, die im Indianer-
lande begangen werden... Für meine Familie habe ich
zin Haus in drei Meilen Entfernung von der Stadt genom-
men, und wenn ich hin oder her fahre, habe ich täglich Ge-
legenheit, die Straße mit den Leibern von Männern, Frauen
und Kindern in den letzten Stadien brutaler Betrunkenheit
bedeckt zu sehen. Allerdings gibt es im Lande Gesetze, die
den Verkauf von Whisky beschränken sollen, sie werden aber
aicht befolgt . . .‘ Oberst Snelling fügt hinzu, „daß in jenem
Jahre einem Agenten der Amerikanischen Pelz-Gesellschaft
in Mackinac (die dort, wie wir gesehen haben, eines ihrer
Hauptquartiere und das Monopol für die Gegend besaß)
kontraktlich 3300 Gallonen Whisky und 2500 Gallonen
Sprit ausgeliefert worden sind. Letzterer wurde von
den Agenten bevorzugt, da er ‚nach Belieben gestreckt
werden konnte‘“. Oberst Snelling schließt: „Ich möchte
        <pb n="121" />
        —
hinzufügen, daß eine Untersuchung über die Art und
Weise, wie der Handel mit den Indianern getrieben wird,
besonders von der Nordamerikanischen Pelzgesellschaft,
eine Sache von nicht geringer Bedeutung für die Sicher-
heit der Grenzbezirke wäre.“ ;

Gesetzesverletzung
Ein ähnlicher Bericht wurde im nächsten Winter von
Thomas L. McKenney, dem Bundesleiter der Indianer-
angelegenheiten, an den Kriegsminister erstattet. Unterm
14. Februar 1826 schrieb er: „Dieser verbotene und ver-
heerende Artikel, der Whisky, wird als so wesentlich für
einträglichen Handel betrachtet, daß dies nicht bloß die
Gefühle der Scham unterdrückt, sondern die Händler auch
veranlaßt, den drohendsten Gefahren zu trotzen und auf
verschiedene Weise die angedrohten Geldstrafen zu um-
gehen.“ Der Oberaufseher berichtet dann von einer kürz-
lich stattgehabten Beschlagnahme einer beträchtlichen
Menge Whisky, der zum großen Teil der Amerikanischen
Pelzgesellschaft gehörte, durch General "Tipton. „Der
Händler mit dem Whisky,“ fährt er fort, „kann, wie zu-
gegeben werden muß, sicher sein, die meisten Pelze zu be-
kommen... Es sind viele ehrliche und edeldenkende Bürger
in diesem Handel, aber die Konkurrenz besiegt ihre Einwände
und versöhnt sie des Profits wegen mit diesen Methoden.“
Die Regierung hatte ihre eigenen Handelsposten, die
sogenannten Faktoreien oder Agenturen, eingerichtet, deren
Zweck es war, den Indianern im Austausch mit Pelzen und
mit Land Waren zu vermitteln oder, wo es nötig war, ihre
elende Lage zu beheben. Diesen Handelsposten der Re-
gierung war es streng untersagt, mit geistigen Getränken
zu handeln. Der Amerikanischen Pelz-Gesellschaft aber
gelang es, den Handel dieser Agenturen zu unterminieren
und schließlich ihre Aufhebung zu veranlassen. Gerade
der ungesetzliche Ausschank von Branntwein durch die
Amerikanische Pelz-Gesellschaft war eines ihrer mächtigsten
Mittel, die Indianer den Handelsposten der Regierung
abspenstig zu machen; eine andere erfolgreiche Methode
        <pb n="122" />
        77 —
bestand darin, daß man ausstreute, die Waren der Regierung
seien minderwertig. Diese beiden Gründe führt Matthew
Irwin, Indianer-Agent der Vereinigten Staaten zu Green-
Bay in Wisconsin, für den schlechten Geschäftsgang der
Regierungsposten an. Dasselbe sagt ein Brief des schon
erwähnten Oberaufsehers McKenney an den Senator
Johnson vom 22. Februar 1822.

Major Biddle gibt in einem Briefe vom 29. Oktober
1819 an Oberst Atkinson, aus dem Camp Missouri ge-
schrieben, folgende Schilderung der privaten Händler:
„Diese Händler bemühen sich immerfort, sich gegenseitig
in den Augen der Indianer herabzusetzen, und zwar nicht
bloß durch Schimpfworte, sondern auch durch allerhand
niedrige Tricke und Manöver. Wenn ein Händler einem
Indianer Ware vorschießt, so gibt sich sein Konkurrent
die größte Mühe, ihm die Felle, die er dafür geben muß,
abzukaufen und auf jede Weise zu verhindern, daß jener
zu seinem Gelde kommt; jeder Händler setzt sich mit einem
Einzelhäuptling in Verbindung, was nicht. nur zu inneren
Zwistigkeiten und Spaltungen innerhalb des Stammes An-
laß gibt, sondern auch den Einfluß des Oberhäuptlings
untergräbt, der immer unter der Kontrolle der Regierung
stehen sollte. Die Einführung starker Getränke (Whisky
usw.) ist eine der unseligsten Folgen dieser Gegnerschaft
der Händler untereinander; die Vorliebe der Indianer dafür
ist so groß, daß derjenige, welcher am meisten davon gibt,
sicher sein kann, Pelze zu bekommen, während jemand,
der ohne ihn Handel zu treiben versuchen würde, sicher
sein könnte, von seinem Konkurrenten aus dem Felde ge-
schlagen zu werden. Kein Handel wird jemals ohne Whisky
abgeschlossen, und das Gesetz dagegen wird dadurch um-
gangen, daß sie vorgeben, sie verkauften ihn nicht, sondern
verschenkten ihn.“

Nebenbei sei hier eine Antwort von Major Biddle an-
geführt auf eine Anfrage des Senators Johnson:

Frage Biddles: Wissen die Indianer die Qualität der
Waren, mit denen sie handeln, die Angemessenheit der
Preise, den Wert ihrer eigenen Pelze und Felle richtig zu
beurteilen ?
        <pb n="123" />
        — 8
Antwort: Die Indianer sehen sich alles sehr genau an
und gelten als gute Beurteiler der Artikel, die sie zu kaufen
pflegen. Ihre Fähigkeiten für den Tauschhandel, den sie
treiben, sollen viel größer sein, als man gewöhnlich meint.
Der Hauptbetrug, mit dem sie hineingelegt werden, soll der
Verkauf gefälschter Liköre sein; darauf schlägt der Verkäufer
einen Preis, der im Verhältnis zu der Geldstrafe steht,
die er bei Abfassung zu gewärtigen hätte.

Um noch einmal auf Major Thomas Biddles Bericht

an Oberst Atkinson zurückzukommen, so schließt er ihn
folgendermaßen: „Bei meiner Ankunft (bei dem Maha-
stamm der Indianer) fand ich die wichtigsten Leute be-
trunken. Der ‚große Elch‘, der so sehr unser Freund ist
und der früher unbegrenzte Gewalt über seinen Stamm
besaß, war zwei Tage lang so betrunken, daß ich ihm
Ihren Brief nicht aushändigen konnte; als ich es dann tat,
ließ ich ihm durch einen Dolmetscher sagen, ich hätte
zwei Tage warten müssen, um ihm einen Brief von Ihnen
auszuhändigen, und hätte ihn zu meiner großen Ver-
wunderung betrunken gefunden. Er schien darüber be-
troffen und gab zu, wie unwürdig es für ihn sei, in solcher
Lage befunden zu werden, und auch, daß er dadurch viel
an Macht verloren habe. Er tadelte die Weißen, daß sie
Spirituosen in das Land brächten, und sagte, wenn er wisse,
daß kein Schnaps zu haben sei, so fühle er kein Bedürfnis
danach; wenn er aber in der Nähe und zugänglich wäre,
so sei sein Verlangen danach unwiderstehlich . . .

Auf diese Weise ist ein wertvoller und tüchtiger Indianer
seinem Stamm und der Regierung verloren gegangen, und
so ist ein Mann, der einige Züge besitzt, die der mensch-
lichen Natur zur Ehre gereichen, erniedrigt und vertiert
worden.“
Im Dokument 60 der ersten Session des siebzehnten
Kongresses findet sich ein Auszug aus einem Briefe von
einem Agenten der Vereinigten Staaten unter den In-
dianern zu Green-Bay im Staate Wisconsin, an den Ober-
aufseher McKenney: „Es läßt sich beweisen, daß fast in
jedem Falle die von Herrn Astors Hauptagenten, Herrn
Crooks (der britischer Untertan ist), als Händler envagierten
        <pb n="124" />
        Personen tatsächlich britische Untertanen sind; viele davon
haben unter der britischen Regierung Posten bekleidet
und während des letzten Krieges (des von 1812 bis 1815)
Indianer angeführt.“

Es folgt eine Beschreibung, wie der heimliche Handel
mit Whisky von Astors Agenten betrieben wurde, und zur
Erklärung wird angeführt, daß man es für ungesetzlich
erachte, das Zeugnis eines Indianers gelten zu
lassen! Mit anderen Worten: man durfte die Indianer
betrunken machen, beschwindeln, ausplündern und hin-
morden, wie wir gesehen haben, aber ihr Zeugnis im Zivil-
oder Strafprozeß wurde nicht als rechtsgültig anerkannt.
Der Bericht zeigt weiter, wie Astor ehrliche Beamte, die
seine Methoden darlegten, verdächtigte und zu erreichen
suchte, daß sie aus dem öffentlichen Dienst entfernt
wurden,

Am 14. Januar 1822 legte Senator Johnson dem Senat
der Vereinigten Staaten über Astors Ämerikanische Pelz-
gesellschaft einen langen Bericht von McKenney vor, der
von dem „abenteuerlichen Kaufmann“ spricht, „geschickt
in den Künsten des Betruges und der Spekulation, der nur
immer auf Profitmachen aus ist“, und wie offensichtlich
lie Wirkungen auf die Indianer seien: Bedürftigkeit, Leid
und Tod.

McKenney weist mit Betrübnis auf den Anblick in-
tellektueller und moralischer Erniedrigung hin, wozu ein
derartiger Handel diese unglückliche Rasse verdamme,
und beschreibt den Handel als „wesentlich erniedrigend
in seinem Charakter und verhängnisvoll in seinen Kon-
sequenzen, denn es ist das Hauptgeschäft solcher Händler,
allem, was wie eine Reform aussieht, Widerstand zu leisten.
Das sind die Gründe für die Armut und das Elend, das
zinen so großen Teil ihres Volkes bedrückt. Schuld ist die
überlegene Intelligenz und die grenzenlose Geldgier auf
der einen Seite, die sich über politische und moralische
Bedenken hinwegsetzt, und die unaufgeklärte und abhängige
Lage der anderen Seite.“ McKenney fährt fort:

» +. Es kann nicht zugegeben werden, daß das Gerede
von der Hinterlist und Grausamkeit des Indianers ein
        <pb n="125" />
        80 —
richtiges Bild von seiner moralischen Konstitution gibt.
Die häßlichen Handlungen sind vielmehr die Resultate
der Selbstverteidigung, wie er sie versteht, und der
Notwehr gegen den Verrat, der gegen ihn geübt wird;
seine Rachetaten sind bloß Aufwallungen seines reiz-
baren Temperaments. Wir sehen, wie der Indianer durch
Ungerechtigkeit und Betrug zur Verzweiflung getrieben
wird.“

Sibley, der indianische Agent der Vereinigten Staaten
am Fort Osage, berichtet dem Oberaufseher McKenney
unterm 16. April 1819 von den Versuchen, di&amp; hauptsächlich
von seiten der Amerikanischen Pelz-Gesellschaft unter-
nommen wurden, die Aufhebung der Handelsposten der
Regierung herbeizuführen. Voller Bitterkeit schrieb er:
„Die beklagenswerte Gier der Händler wird nicht länger
einzudiämmen sein; der Handel mit den Indianern muß
ja an ‚private Unternehmungen‘, an mitleidlose Leute
abgegeben werden . . . an grundsatzlose Pioniere des Handels
von jeglicher Gattung und Gestalt.“ Würde das geschehen,
so führte er aus, so könnte man den Siedlern ebensogut
sagen: „Euer Vermögen wird geopfert, eure Familien
ermordet, eure Farmen zerstört werden; aber diese Männer
bestehen auf ihren Rechten, und der Pelzhandel muß
ihnen überlassen bleiben ... Was ist auch der blutende
Skalp eines Kindes im Vergleich zu dem reichen Pelz eines
Bibers ?““

Alle diese Proteste hatten keinen Zweck; durch eine
Kampagne von falschen Berichten und dreister Bestechung
setzte Astor schließlich die Abschaffung der Handelsposten
der Regierung durch, und nun konnte er die Indianer-
stämme ohne jede Handelskonkurrenz von seiten der Re-
gierung betrunken machen und betrügen. Aber während
die‘ indianischen Agenten der Vereinigten Staaten Astor
wegen seiner: außerordentlich empörenden Praktiken an-
klagten, und zwar mit Recht, hätten sie sich selber wegen
der Betrügereien anklagen sollen, die sie beim Ankauf von
großen Arealen für die Regierung gegen die Indianer be-
gingen. Oberaufseher McKenney berichtet, diese Länder
hätten der Regierung durchschnittlich nur zwei Cent
        <pb n="126" />
        — 81 —
proMorgen gekostet! ZweiCent pro Morgen, so steht
es da; und den Indianern wurde diese Summe oftmals in
Waren ausgezahlt. Ein großer Teil der Armut, und fast
alle Trunksucht, aller Betrug, alle Morde und Massaker
können Astor mit Recht zur Last gelegt werden, aber für
einen Teil des Elends war die Regierung selbst verantwort-
lich, die die unaufgeklärten Indianer solchermaßen über-
vorteilte und ihnen ihr wertvolles Ackerland, ihr Nutzholz
und ihre Mineralschätze für so gut wie nichts abschwatzte.
Und wie wir sehen, kamen denn auch sofort Kapitalisten
herbei und sicherten sich durch Betrug große Striche dieses
Landes voll Nutzholz und Mineralschätzen, während die
Vertreter der Arbeiterklasse vergeblich an den Kongreß
petitionierten, man möge den Arbeitern billigen Zugang
zu dem Boden gewähren eder das Land öffentliches Eigen-
tum bleiben lassen zum Nutzen des ganzen Volkes.

# Wie alle anderen Besitzinteressenten, betrachtete Astors
Gesellschaft das Gesetz als etwas, das rigoros gegen die Ar-
men, die Hilf- und Wehrlosen anzurufen sei, um das man sich
aber nicht zu kümmern brauche, wenn es den Ansprüchen,
Plänen und der Anmaßlichkeit des Besitzes im Wege stand.
Oberaufseher McKenney berichtet, alle Gesetze seien im
Indianerlande wirkungslos und totes Papier. In einem
Briefe an den Kriegsminister beschreibt Andrew S. Hughes
aus St. Louis im Oktober 1831 den „betrübenden Einfluß
der Agenten der Amerikanischen Pelzgesellschaft‘“, die
keinen Respekt vor unsern Bürgern, Agenten, Beamten oder
vor der Regierung, ihren Gesetzen und ihrer Polizei hätten,
und sagt: „Das Kapital, das in den Handel mit den In-
dianern gesteckt wird, muß sehr groß sein, besonders der
Teil, der jedes Jahr für den Verkauf von Whisky und
Alkohol im Indianerlande zu Zwecken des Handels mit den
Indianern aufgewendet wird. Man glaubt nicht einmal,
daß der Oberaufseher auch nur für jede hundertste Gallone,
die ins Indianerland eingeführt wird, um Erlaubnis an-
gegangen wird, Der Whisky wird vor den Augen der Regie-
rungsagenten an die Indianer verkauft. Die Indianer
werden betrunken gemacht und betragen sich natürlich
dementsprechend . . .“
        <pb n="127" />
        — 2

Die Profitmacherei und ihre I. olsen
Die Indianer wurden jedoch nicht bloß in der ausgespro-
chenen Absicht, sie zu beschwindeln, betrunken gemacht,
sondern bei dieser Roheit wurden noch dazu enorme
Profite beim Verkauf des Whiskys gemacht. Das war nur
eine Manifestation der Ethik der Handelsklasse, die ja die
Regierung bildete, die Herrschaft ausübte, Gesetze machte
und interpretierte und die führende, überlegene und
exklusive Gruppe der feinen Gesellschaft ausmachte. Hug-
hes fährt fort: „Ich habe erfahren, es bestehe nur wenig
Zweifel darüber, daß dieses Jahr ein Reingewinn von mehr
als 50000 Dollar durch den Verkauf von Whisky an die
Indianer am Missouri erzielt worden ist; die Preise sind
zwischen 25 und 50 Dollar die Gallone (4'/2 1). Major
Morgan, der Lagerhalter der Vereinigten Staaten im Kan-
tonnement Leavenworth, erklärt, in diesem Jahre hätten
Tausende von Alkohol-Gallonen diesen Posten passiert,
für das Indianerland bestimmt.“

Diese offiziellen Berichte werden ergänzt durch einen
anderen über dasselbe Thema von William M. Gordon
an General William Clark, der damals Oberaufseher der
Indianerangelegenheiten war. Zweifellos hat Astor sich
durch diese Mittel in den Besitz großer Partien Landes
in Wisconsin und anderwärts im Westen gesetzt. Wenn
man die Indianer benebelt und ihnen ihre Pelze abgenom-
men hatte, bezahlte man sie dann in bar? Nicht die Spur.
Ware bekamen sie von Astor und seiner Amerikanischen
Pelzgesellschaft. Große Warenmengen, besonders Woll-
waren, die von unterbezahlten Erwachsenen und Kindern
in England und in Amerika fabriziert worden waren und
den Schweiß und die Leiden der Arbeiter darstellten,
wurden von ihm regelmäßig nach dem Westen verschifft.
Für diese Waren wurde den Indianern wieder anderthalb
mal mehr und darüber berechnet, als was jeder Artikel
nach Bezahlung aller Transportkosten wert war. Für eine
wollene Bettdecke, die ihn 4 Dollar kostete, mußten sie
10 Dollar bezahlen; für eine Biberfalle zum Einkaufspreis
von 2!/, Dollar berechnete er 8 Dollar; für eine Büchse
        <pb n="128" />
        83 —
für 11 Dollar bezahlten sie 30 Dollar; einen Messingkessel,
den Astor für 48 Cent das Pfund kaufen konnte, berechnete
er den Indianern mit 30 Dollar; Schießpulver, das er für
20 Cent das Pfund bekam, verkaufte er zu 4 Dollar das
Pfund; Tabak erstand er für 10 Cent das Pfund und ver-
schleißte ihn in kleinen Rollen zu 6 Dollar usw. B

In einem Bericht aus St. Louis vom 24. Oktober 1831
an den Kriegsminister gibt Thomas F orsyth eine Schilderung
dieser Phase in den Geschäften der Amerikanischen Pelz-
gesellschaft: „Im Herbst eines jeden Jahres (wenn die
Jagdzeit begann) vermeidet der Händler es sorgsam, den
Indianern auf irgendwelche teuren Artikel, wie Silbersachen,
Wampums, scharlachfarbene Stoffe, feine Sattelzäume usw.,
oder auch auf Wollsachen, wie Bettdecken, groben Decken-
stoff usw., Kredit zu geben, außer wenn er den betreffenden
Indianer als einen kennt, der alle Schulden bezahlt.

Sonst aber geben die Händler gerne Pulver, Flinten,
Blei, Messer, Streitäxte, Hacken und Wollwaren usw. auf
Kredit, und zwar mit einem Aufschlag von 300—400%,
and wenn ein Viertel des Preises bezahlt wird, so haben sie
schon reichlich verdient.“

Das waren aber nicht die letzten Ungerechtigkeiten und
Infamien, die auf die unberatenen Eingeborenen gehäuft
wurden. Nicht genug, daß sie ausgeplündert wurden, daß
die Rechte, die die Regierung ihnen durch feierliche
Verträge zugesichert hatte, von der bewaffneten Macht
der Amerikanischen Pelzgesellschaft wie Papier hinweg-
geblasen wurden; daß ganze Stämme durch Rum demorali-
siert und dann betrogen wurden; daß wertlose Ware, für
die nirgends ein Markt zu finden war, ihnen zu so unglaub-
lich hohen Preisen aufgezwungen wurde, daß sie betteln
gehen mußten. Wie die Regierungsberichte zeigen, mußten
viele Stämme der Gesellschaft Astors nicht nur ihre ganzen
Pelze überlassen, sondern waren ihr gegenüber noch tief
verschuldet. Im Jahre 1829 schuldeten die Winnebago-,
die Sac- und Fox-Stämme den Agenten der Amerikanischen
Pelzgesellschaft "40 000 Dollar; 1831 waren die Schulden
auf 50 000 oder 60 000 Dollar angewachsen. Die Pawnees
chuldeten ihr reichlich ebensoviel, und auch die Cherokees,
        <pb n="129" />
        Q qq
die Chikasaws, die Sioux und andere Stämme staken schwer
in Schulden. Niemals sind menschliche Wesen so ent-
setzlich ausgebeutet worden wie diese unwissenden, ver-
trauensseligen Wilden des Westens. Wenn sie den langen
Winter über durch die Wälder und Prärien gestrichen
waren und emsig Pelze erjagt hatten, die die Aristokratie
Amerikas, Europas und Asiens schmücken sollten, und wenn
sie dann im Frühjahr mit ihrer Beute zu den Händlern
kamen, so wurden sie nicht bloß durch Alkohol betäubt,
sondern auch noch beim Wägen der. Pelze betrogen.
Eine lange Liste von Gewalttaten
Die Regierung, besonders aber die Gerichte, beeilten sich
großmütig, Astors Gesellschaft den größten Schutz und den
weitesten Spielraum zu gewähren. Wenn aber die Indianer
die Räubereien und Ungerechtigkeiten, denen sie bis zur
Unerträglichkeit ausgesetzt waren, übelnahmen, so wurden
sie einfach hingemordet. Man ermordete sie mit frecher Stirn
und kaltem Blut und erhob dann in Washington dringende,
alarmierende Vorstellungen, die Indianer seien in Rebellion,
worauf dann Truppen hingeschickt wurden, um sie nieder-
zumetzeln. Die Indianer hinwiederum, von Rachsucht
angestachelt, griffen zur Gewalt und lauerten den weißen
Agenten auf, beraubten und ermordeten sie. Forsyth meint,
an so gut wie allen diesen Morden trügen die Weißen die
Schuld.

Zwischen 1815 und 1831 wurden mehr als 150 Händler
von Indianern beraubt oder getötet. Die Liste ist aber nicht
vollständig, die genaue Zahl konnte die Regierung nicht
ermitteln. Viele davon waren von Astor beschäftigt. Wie-
viele Indianer aber von den Weißen getötet worden sind,
hat nie jemand erfahren; nicht einmal, ob die Zahl groß
oder klein war.

Ist es nicht erschütternd zu sehen, wie weit Menschen
gehen müssen, wie weit sie ihr Gefühl vergessen können,
um ihren Unterhalt zu verdienen, wenn Astor ein Heer
von ; Leuten . bekam, die bereit waren, die Indianer in
TTrunkenheit zu versetzen, sie zu beschwatzen und zu
        <pb n="130" />
        8
berauben, und das alles, um wieder beraubt und vielleicht
zetötet zu werden ? Zehn oder elf Monate im Jahre streiften
Astors Untergebene emsig durch Wälder und Felder und
ciskierten Krankheit, alle Gefahren der Wildnis und plötz-
lichen Tod. Sie raubten nicht zu ihrem Vorteil, sondern
weil sie dafür bezahlt wurden; und man erwartete von ihnen,
daß sie die ständige Todesgefahr als in ihren Kontrakt
mitinbegriffen ansahen.

Was bekamen sie dafür? Nicht mehr als 130 Dollar für
zehn oder elf Monate. Sie wurden aber nicht etwa in bar
ausgezahlt. Die armen Teufel, die für Astor ihre Arbeit
und oft Gesundheit und Leben hingaben, wurden selbst
ausgeplündert, oder ihre Erben, wenn sie welche hatten.
Die Bezahlung wurde fast immer in Waren geleistet, die zu
sxorbitanten Preisen berechnet wurden. Alles, was sie
brauchten, mußten sie aus Astors Lager entnehmen; hatten
3ie ein Jahr‘ lang ihren Lebensunterhalt entnommen, so
hatten sie nicht bloß nichts mehr zu bekommen, sondern
waren gegen Astor noch in Schulden. Astors Profite aus
dem Pelzhandel im Westen aber waren für die damalige
Zeit einfach verblüffend. Aber es war charakteristisch. für
seine Geschäftsmethode, daß er bei der Regierung um
Zölle auf ausländische Pelze petitionierte mit der Begrün-
dung, die Gesellschaft habe auf den amerikanischen Märkten
mit der Konkurrenz der britischen Pelzgesellschaften
zu kämpfen. Zu einer Zeit, als er in den Vereinigten
Staaten de facto das Monopol im Pelzhandel hatte!

AÄstors enormer Verdienst
Ungefähr zu derselben Zeit, als John Jacob Astor sich
immerfort beklagte, die Gesellschaft verdiene nichts, schrieb
sein Sohn und Kompagnon, William B. Astor, am 25. No-
vember 1831 an den Kriegsminister, die Gesellschaft be-
Sitze ein Kapital von über ı Million Dollar; „unsere jähr-
lichen Einnahmen aber können Sie mit einer halben Million
Dollar beziffern.‘“ Nicht weniger als 1/, Million jährliche
Einnahme bei einem Kapital von ı Million! Das waren
damals unbegreifliche Einkünfte. "Thomas J. Dongherty,
        <pb n="131" />
        86 —
indianischer Agent im Kamp Leavenworth, taxierte, daß
1815 bis 1830 der Pelzhandel am Missouri und seinen
Nebenflüssen sich auf 3 330 000 Dollar mit einem Rein-
gewinn von I 650 000 Dollar belaufen habe. Diese Zahlen
sind aber fraglos bedeutend zu niedrig gegriffen.

Es ist kaum nötig zu sagen, daß Astor, der verantwortliche
Leiter und Nutznießer, für die zahlreichen Verletzungen
von Straf- und Zivilgesetzen, die ohne Unterschied unter
seiner Leitung und zu seinem Nutzen von der Amerikani-
schen. Pelzgesellschaft verübt worden sind, niemals ge-
setzlich verfolgt wurde. Mit den Millionen, die einkamen,
konnte er nicht nur über die Dienste der bedeutendsten
Rechtsanwälte verfügen, damit sie ihn vor den gesetzlichen
Strafen bewahrten, sondern auch einige der bekanntesten
und mächtigsten Politiker des Tages zu seinen bezahlten
Lakaien machen. Ein Eintrag vom 3. Mai 1817 in die
Geschäftsbücher der Amerikanischen Pelzgesellschaft, die
im März 1909 in New York ausgestellt wurden und die der
Verfasser selbst eingesehen hat, zeigt, daß Lewis Caß
35 000 Dollar für nichtspezifizierte Dienstleistungen er-
hielt. Zweifellos hatte Astor die besten Gründe, die Zah-
lung nicht zu erläutern; Caß war Gouverneur des Terri-
torlums Michigan, oder war es gewesen, und er war der
spätere Kriegsminister, an den so viele Klagen über Ver-
brechen von Astors Amerikanischer Pelzgesellschaft ge-
richtet wurden. Senator Benton aus Missouri, eine Leuchte
der demokratischen Partei, war nicht nur sein gesetzlicher
Vertreter im Westen und focht seine Sachen durch, sondern
führte auch als Senator der Vereinigten Staaten auf dem
Kongreß Maßtegeln ein, die Astor und nur Astor zugute
kamen. So bietet sich uns das Bild eines notorischen Ver-
letzers der Gesetze, der die Hilfe der Gesetze anruft, um
sich noch mehr zu bereichern; — aber dieser Umstand
fordert keine besondere Kritik heraus, denn die ganze
Handelsklasse im allgemeinen verfuhr genau ebenso.
        <pb n="132" />
        Drittes Kapitel

DAS ANWACHSEN DES ASTOR-VERMÖGENS

[8° Zeit wohnte Astor in einem großen Doppelhause
auf dem Broadway, das von einem stattlichen Lauben-
gang mit Säulen und Bogen umgeben war. In diesem Hause
vereinigte er den Stil des aufsteigenden Kapitalisten mit
der Ausstattung eines Kontors. Es diente gleichzeitig als
Wohnhaus, Büro und Verkaufsraum. Im Erdgeschoß be-
fand sich der Laden, mit Pelzen vollgepfropft; und hier
konnte man einen seiner Söhne und Haupterben erblicken,
William B. Astor, einen Jüngling, der emsig die Pelze aus-
klopfte, damit die Motten nicht hineinkämen. Astors
Gemütsart war phlegmätisch, seine Gewohnheiten waren
außerordentlich, einfach und genau abgezirkelt. Er pflegte
regelmäßig um drei Uhr zu Mittag zu essen und gönnte
sich dann drei Schachpartien und ein Glas Bier. Die
meisten seiner langen Arbeitstage verbrachte er damit, all
seine Geschäftsinteressen zu überwachen, von denen keine
Einzelheit ihm entging. Wie sehr man ihn auch im Gebiete
der Indianer weit im Westen verabscheute — in New York
spielte er den patriotischen, ehrwürdigen und tüchtigen
Geschäftsmann, den man ihm auch einigermaßen glaubte.
Astor ist über das Gesetz erhaben
Während derselben Jahre, als er in den Pelzregionen
zrobe Verfehlungen gegen Gesetze dirigierte, von deren
Befolgung geradezu das Leben von Männern, Weibern
und Kindern, von Weißen und Rothäuten abhing, bog
Astor im Osten andere Gesetze zu seinem persönlichen
Vorteil um. Im Westen ein Dutzend Indianerstämme
ausplündernd, führte er im Osten öffentliche Gelder in
seinen Privatgeldschrank über und brauchte sie als per-
sönliches Kapital in seinen Reederunternehmungen.

„John Jacob Astor,“ sagt Barrett voller Bewunderung,
„hatte immer mehrere Schiffe unterwegs, die zum Atlan-
        <pb n="133" />
        — SB
tischen Ozean gingen und Pelze von da nach Kanton
brachten, die mit großem Profit verkauft wurden. Für die
Teefrachten, die er dort aufnahm, brauchte er die enormen
Zölle an die Regierung der Vereinigten Staaten erst in
anderthalb Jahren zu zahlen. Er aber verkaufte diese
Teefrachten gegen gute vier- und sechsmonatliche Wechsel,
vielleicht sogar gegen Kasse, so daß er achtzehn oder
zwanzig Jahre lang von der Regierung eigentlich ein zins-
freies Darlehn von über fünf Millionen Dollar hatte.“

Es ist im höchsten Grade bezeichnend für den Charakter
einer von kommerziellen Interessen beherrschten Regierung,
daß man Astor im Westen Raub und Mord erlaubte, während
dieselbe Regierung ihm wie den anderen Reedern im Osten
die freie Benutzung von Geldern gestattete, die aus der
Besteuerung des ganzen Volkes, d. h. vor allem der Arbeiter,
stammten. Dafür betrogen die begünstigten Klassen, be-
wußt oder unbewußt, freiwillig oder unfreiwillig die Re-
gierung um fast die Hälfte der vorgestreckten Summen.
Vom Beginn der Vereinigten Staaten bis 1837 gab es neun
verschiedene Handelskrisen, die für die Lohnarbeiter ent-
setzliches Elend mit sich brachten. Griff die Regierung
ein und half ihnen? Niemals. Aber während all dieser
Jahre überließ sie den Reedern bereitwilligst öffentliche
Gelder und war außerordentlich nachsichtig mit ihnen,
wenn sie nicht bezahlten. Von 1789 bis 1823 verlor die
Regierung über 250 Millionen Dollar an Zöllen, die die
Reeder nicht zahlen konnten oder nicht zahlen wollten.
Und keinerlei Strafverfahren wurde gegen irgendeinen
von diesen Defraudanten eingeleitet.

Astors Monoßole
Astors Profit an einer einzigen Fahrt nach China erreichte
zuweilen 70000 Dollar; der Durchschnittsertrag jeder
Reise war 30 000 Dollar. Während des Krieges 1812 bis
1815 stieg der Preis für Tee auf das Doppelte. Astor hatte
immer Glück damit, daß seine Schiffe dem Kapern ent-
gingen. Eine Zeitlang war er der einzige Kaufmann, der
eine Ladung Tee auf den Markt bringen konnte. Er setzte
        <pb n="134" />
        89
die Preise selber fest, und man konnte ihn daran nicht
hindern.

Inzwischen machte Astor sich zum reichsten und größten
Grundbesitzer im Lande. Ihm gehörten zwar nicht der
Größe, wohl aber dem Werte nach die besten Stücke. Er
wollte ein großer städtischer, nicht ein ländlicher Grund-
herr werden. Man schätzte seinen jährlichen Reingewinn
aus Pelzen und den damit verbundenen Handelsunter-
nehmungen auf über zwei Millionen Dollar. Die Schätzung
ist offenbar unrichtig. Er erraffte nicht bloß im Pelzhandel
enorme Profite, sondern auch aus Bankprivilegien, bei
denen er bedeutend beteiligt war.

Bei einem seiner Besuche in London, so geht die Sage,
erfaßte ihn zuerst die Idee, ein Familienerbe mit außerordent-
lich reichem Grundbesitz zu gründen. Er bewunderte, wie
man erzählt, die großen Landbesitzungen der britischen
Aristokratie und beobachtete das Vorurteil gegen die Kaste
der Händler und die entsprechend hohe Stellung der Grund-
besitzer. Mag diese Geschichte wahr sein oder nicht —
so viel ist sicher, daß die wachsende Macht und die Stabilität
eines auf Grundbesitz gebauten Vermögens und das Prestige,
las davon ausstrahlte, Eindruck auf ihn machten.

Die soliden Bodenwerte New Yorks boten blendende Mög-
lichkeiten, Reichtum und Macht zu gewinnen, womit er seine
Geldgier befriedigen und die Reichen beherrschen konnte.

Astor ist keine Ausnahme
Es. soll besonders betont werden, daß Astors Methoden
in Handel und Bodenerwerb nicht einfach als persönliche
Manie verdammt und der Neugier der Nachwelt nicht als
:in Einzelfall von Gewissenlosigkeit hingestellt werden
dürfen, von seiner Zeit und seiner Generation losgelöst
and davon unabhängig. Die Tatsachen ergeben immer
and immer wieder, daß Männer wie er bloß die sichtbaren
Gipfel des herrschenden Systems im kommerziellen und
politischen Leben waren. Die ganze besitzende Klasse
srwarb ihre Reichtümer durch Methoden, die mit den
seinen wenn nicht identisch, so doch nahe verwandt waren.
        <pb n="135" />
        Alles, was auf geschäftlichem Gebiete Profit abwarf,
ob es Betrug, Raub oder Meuchelmord war, wurde durch
irgendeinen Sophismus gerechtfertigt. Astor reizte nicht
zum Trunk, verwüstete keine Dörfer und veranlaßte keine
Metzeleien, weil er daran Vergnügen fand. Vielleicht —
um das Beste anzunehmen — wäre es ihm lieber gewesen,
wenn er es hätte vermeiden können. Aber das gehörte
mit zu den unumgänglichen Notwendigkeiten des Ge-
schäftsbetriebes, weil eben humane und ethische Erwägungen
mit der eifrigen Jagd nach Reichtümern nicht vereinbar
waren.

In der Wildheit des Westens konnte Astor durch seine
Agenten Indianer betrunken machen, berauben und er-
schlagen — ungestraft. Da er dort tatsächlich die regie-
rende Körperschaft bildete und nicht zu fürchten brauchte,
gehindert zu werden, konnte er in der willkürlichsten und
gewalttätigsten Weise vorgehen. Im Osten dagegen, wo
es so etwas wie Gesetze gab, mußte er zu Methoden
greifen, die nicht offen das Mal der Brutalität trugen.
Er mußte ein heimtückischer Ränkespinner werden, der
statt durch bewaffnete Macht durch schneidige Rechts-
anwälte vorging. Daher machte er in seinen Operationen
im Osten den Schwindel zu einer Wissenschaft und brauchte
jedwedes Instrument des Betruges, das ihm zu Gebot
stand. Das Ergebnis war genau das gleiche wie im Westen,
nur daß die Folgen nicht so offen vor aller Augen lagen
und sein Vorgehen nicht so leicht zu durchschauen war.
Im Westen ging der Tod Schritt für Schritt neben Astors
sich häufenden Reichtümern her; im Osten war es ebenso:
nur war im Gegensatz zum Pelzlande hier der Tod von
jener langsamen, lauernden Art, die aus Mangel, Elend,
Krankheit und Siechtum entspringt.

Astors Geriebenheit zeigte sich niemals besser als durch
die Art, wie er sich in den Besitz einer unermeßlichen
Länderei in der Grafschaft Putnam (im Staat New York)
setzte. Während der Revolution war ein 51 012 Morgen
großes Areal, das Roger Morris und seine Frau, die zur
Partei der Torys gehörten, innehatten, vom Staat New
York konfisziert worden. Dieses Land war ein Teil des Be-
        <pb n="136" />
        sitzes von Adolphus Phillips, dem Sohne Frederick Phillips,
der den Seeräuber-Kapitän Samuel Burgeß bei seinen Raub-
fahrten finanzierte und beschützte und einen äußerst
großen Beuteanteil einheimste. Es mag erwähnt werden,
daß die britische Regierung nach dem Revolutionskriege
den Familien von Phillips und Morris 96 075 Dollar als
„Entschädigung“ gezahlt hatte. Mary Morris stammte von
Adolph Phillips ab und bekam jenen Teil des Besitzes durch
Erbschaft. Dieser Besitz umfaßte fast ein Drittel des
Putnam-Landes. Nach der Konfiskation verkaufte der
Staat das Areal in kleinen Partien an verschiedene Farmer.
Um 1890 waren siebenhundert Familien auf der Besitzung
angesiedelt, und niemand verfiel darauf, ihren Rechts-
anspruch auch nur im mindesten anzuzweifeln. Er war ja
doch vom Staate garantiert.

Eine bekannte Bodentransak tion

Im Jahre 1809 erklärte ein gerissener Advokat dem
Astor, diese 700 Familien hätten kein gesetzliches Recht
auf den Boden; der Staat habe kein gesetzliches Recht ge-
habt, den Morris-Besitz zu konfiszieren, insofern die Morris
nur eine lebenslängliche Pacht innegehabt hätten, und
kein Staat könne eine lebenslängliche Pacht konfiszieren.
Das Besitztum gehöre in Wirklichkeit den Kindern des
FEhepaares Morris, auf die es übergehen müsse, wenn der
lebenslängliche Pachtvertrag ihrer Eltern erloschen sei.
Gesetzlich seien sie ebensogut Besitzer wie zuvor. Astor
versicherte sich, daß dieser Punkt vor den Gerichten stand-
halten würde. Dann spürte er die Erben auf und kaufte
ihnen durch eine Reihe von Manövern, die der Feder eines
Balzac würdig wären, ihre Ansprüche ab.

In den 33 Jahren, die seit der Konfiskation verstrichen
waren, war der Boden wesentlich verbessert worden. Plötz-
lich erfuhren die ahnungslosen Farmer, daß das Land
Nicht ihnen, sondern Astor gehöre. Alle Bauten, die sie
geschaffen hatten, alle Früchte ihrer dreiunddreißigjährigen
Arbeit beanspruchte er für sich auf Grund der Tatsache,
daß siesich auf seinem Grund und Boden unbefugt aufhielten.
        <pb n="137" />
        72
Verdutzt verlangten sie, daß er sein Recht beweise, worauf
seine Advokaten, mit der Terminologie und den Spitz-
findigkeiten der Juristerei vollgepfropft, ankamen und ihnen
ernsthaft erklärten, das Gesetz sage so und so, nach den
und den Paragraphen, und sei unzweifelhaft auf seiten
Astors. Die schwer arbeitenden Farmer hörten es verblüfft
und konsterniert. Sie verstanden nicht, wie der Boden,
den sie oder ihre Väter bezahlt hatten und auf dem sie
geackert und gebaut hatten, plötzlich einem Fremden ge-
hören sollte, der niemals einen Spaten darauf gewandt,
der es nie gesehen hatte, und zwar einfach deshalb, weil
er den Vorzug hatte, die juristischen Fachausdrücke zu
kennen und ein mit ein oder zwei Siegeln geschmücktes
Papier besaß.
Die öffentliche Empörung über Astors Ansprüche
Sie wandten sich an die gesetzgebende Körperschaft.
Diese weigerte sich unter dem Einfluß der öffentlichen
Empörung über die "Transaktion, Astors Rechte anzu-
erkennen. Der ganze Staat bebte vor Entrüstung, man sah
Astors Ansprüche als ein gewagtes Räuberstückchen an.
Er behauptete, das Gesetz, wonach bei konfiszierten Gütern
Pächtern für ihre Meliorationen eine Abfindung gezahlt
werden müsse, beziehe sich nicht auf ihn. Kurz, er ver-
langte das Recht, sämtliche siebenhundert Familien auf
die Straße zu setzen, ohne gesetzlich oder moralisch ver-
pflichtet zu sein, ihnen auch nur einen Pfennig für ihre Be-
triebsverbesserungen zu zahlen. Bei der öffentlichen Er-
regung entschlossen sich die Beamten des Staates New York,
seine Ansprüche anzufechten. Astor erbot sich, sie dem
Staate für 667000 Dollar zu verkaufen. Aber die allgemeine
Empörung über die Dreistigkeit eines Mannes, der für
100.000 Dollar einen erloschenen Anspruch gekauft hatte
und dann versuchte, ihn dem Staate für mehr als sechsmal
soviel zu verkaufen, war eine derartige, daß die Gesetz-
gebung nicht zuzustimmen wagte.

Der Streit kam vor die Gerichte und zog sich dort viele
Jahre hin. Schließlich aber gewann Astor; es wurde ent-
        <pb n="138" />
        schieden, seine Ansprüche seien rechtsgültig. Im Jahre
1827 verstand die gesetzgebende Körperschaft sich zu einem
Kompromiß, obgleich die öffentliche Meinung noch genau
so empört war wie vorher: der Staat gab Astor für die Auf-
gabe seiner Ansprüche 500000 Dollar in einer fünfprozentigen
Staatsanleihe, die eigens zu diesem Zwecke aufgenommen
wurde. Die verschiedenen gesetzgebenden Körperschaften
des Staates New York waren Herde der Korruption; die
von 1827 war es besonders. So wurde also das ganze Volk
besteuert, damit man zu exorbitantem Preise einem Manne
Ansprüche ‚ abkaufen konnte, die er durch Schiebungen
bekommen hatte, und damit er Kapital und Zinsen wieder
zum Ankauf von Grund und Boden in der Stadt New York
verwenden konnte!

Während Astor sich in Wisconsin, Missouri, Jowa und
anderen Teilen des Westens der Reihe nach in den Besitz
großer Areale setzte und vom dritten Teil des Putnam-
Landes seinen Zoll erhob, konzentrierte er den Schwer-
punkt seiner Terrainspekulationen auf die Stadt New
York. Um fortwährend in dem Maße wie er kaufen zu kön-
nen, bedurfte es eines ständigen Einkommens. Dieses Ein-
kommen schöpfte er, wie wir gesehen haben, aus seinen
Praktiken beim Pelzhandel und aus seinen Reederunter-
nehmungen. Aber damit sind die Mittel, durch die er ein
hervorstechender Großgrundbesitzer wurde, noch nicht
erschöpft. Ein weiteres war das Bankprivileg, das das Ge-
setz so gestaltet hatte, daß seine Inhaber damit die Reich-
tümer, die von der arbeitenden und ackerbauenden Klasse
geschaffen wurden, aufsaugen und die schaffenden Stände
mit entsetzlichen Opfern belasten konnten. Und vor allem
machte Astor in Gemeinschaft mit seiner ganzen Klasse
den vorteilhaftesten Gebrauch vom Gesetz, indem er es
entweder verletzte oder gegen andere anwandte. .

Liest man die oberflächlichen Darstellungen von Schrei-
bern, die einer Zeit, die den Reichtum anbetet, geben, was
sie lesen will, und nicht, was sie wissen müßte, so erscheint
er im Lichte eines braven, die Gesetze achtenden Mannes,
der durch seine Geschicklichkeit in ehrlichen Unternehmun-
gen viel Geld verdiente. Sieht man aber tiefer zu, so er-
        <pb n="139" />
        kennt man, daß Astor nicht einmal die Gesetze seiner Zeit,
die ihm wie der gesamten Handelsklasse doch so überaus
günstig waren, befolgt hat, sondern auch in New York
die Stadtgewalt und die Regierung durch unlautere Mittel
dahin gebracht hat, daß sie ihm für so gut wie nichts un-
geheuer wertvolle Landbewilligungen und andere Rechte
und Privilegien zubilligten, die zur Gesamtsumme seines
wachsenden Wohlstandes noch hinzukamen.
Unlautere Bewilligungen städtischen Bodens
Bei diesem Vorgehen tat er nur, was eine ganze Anzahl
seiner Zeitgenossen, wie Peter Goelet, die Rhinelanders, die
Lorillards, die Schermerhorns und andere auch taten, die
damals im Begriff waren, mächtige Familien von Grund-
besitzern zu gründen. Die Methoden, wodurch diese
sich große Landareale sicherten, die jetzt ungeheure Sum-
men wert sind, waren unzweifelhaft verdächtig, wenn auch
die beweisenden Tatsachen nicht so vollständig zu belegen
sind, wie z. B. die auf Fletcher bezüglichen, der im siebzehn-
ten Jahrhundert gegen Bestechung große Areale bewilligte,
oder wie die Korruption in den verschiedenen Gesetzgebun-
gen New Yorks seit 1805. Wenn man aber den Charakter
der regierenden Politiker erwägt und die Skandale, die durch
die Landbewilligungen und -verkäufe in der Stadt New
York hervorgerufen sind, kann man den Schluß nicht von
der Hand weisen, daß unlautere Mittel angewandt wurden.

Eine ganze Anzahl der Bewilligungen und Verkäufe von
Grund und Boden, der der Stadt New York gehörte, an
Einzelpersonen geschah während der Jahre, als der bestech-
liche Benjamin Romaine Rechnungsführer der Stadt war.
Romaine wurde so sehr in eine Reihe von Skandalen ver-
wickelt, die aus Verschenkungen und verdächtigen‘ Ver-
käufen von Land hervorgingen, daß 1806 der von seiner
eigenen Partei beherrschte Gemeinderat es ratsam fand, ihn
wegen Unregelmäßigkeiten seiner Stellung zu entheben.
Was ihm besonders zur Last gelegt wurde, war die Tat-
sache, daß er sich wertvollen Grund und Boden ohne
Zahlung verschafft hatte. Man mußte etwas tun, um die
        <pb n="140" />
        öffentliche Meinung zu beruhigen, und so wurde Romaine
geopfert. Er war aber bei weitem nicht der einzige käuf-
liche Beamte, der mit den Betrügereien zu tun hatte, die
an der Tagesordnung waren. Diese Betrügereien bestanden
weiter, gleichgültig, welche Partei und was für Beamte am
Ruder waren. Mehrere Jahre nach der Absetzung Romaines
wurde John Bingham, ein mächtiges Mitglied des Finanz-
Komitees der Ratsherren, dem diese verschiedenen Land-
bewilligungen durch die Hände gingen und der sie billigte,
von öffentlichen Kritikern beschuldigt, er habe veranlaßt,
daß die Stadt an seinen Schwager Grund und Boden ver-
kaufte und ihn später zu exorbitanten Preisen zurückkaufte.
Durch die Stimmung des Volkes gereizt, verlangte der
Gemeinderat seine Entlassung. — Daß die verschiedenen
Stadtverwaltungen korrupt waren, ist mehr als wahr-
scheinlich, ist nach den Zeitungsberichten und den öffent-
lichen Skandalen unbestreitbar. Mindestens geht es aus
den Kommentaren der achtbareren Zeitungen unzweifel-
haft hervor. Weder Astor noch Goelet waren direkt Mit-
glieder der wechselnden politischen Cliquen, die die
städtischen Angelegenheiten kontrollierten. Wahrschein-
lich standen sie mit diesen Cliquen etwa in denselben
Beziehungen wie die Großindustriellen und Finanzleute
von heute: sie waren allem Anschein nach von jeder Be-
teiligung an der Politik weit entfernt und übten doch mit
Hilfe ihres Geldes aus dem Hintergrund einen starken
und bestimmenden Einfluß aus. Die Brüder Rhinelander
dagegen, William und Frederick, waren wichtige Mit-
glieder der politischen Maschinerie. So finden wir William
Rhinelander 1803 zum Steuereinschätzer des fünften Be-
zirkes gewählt (was damals ein bedeutsames und kostspieliges
Amt war), während sowohl er wie Frederick zur gleichen
Zeit Wahlaufseher waren.

Die Vergebung von Land durch die städtischen Beamten
an sich selber, an politische Freunde und an Günstlinge
(die, wie wahrscheinlich, wenn auch nicht zu beweisen ist,
Bestechung übten) geschah auf zweierlei Weise: es wurde
Land unter Wasser und es wurde städtischer Grund und
Boden bewilligt. Damals war die Bodengestaltung Man-
        <pb n="141" />
        hattans durch Teiche, Flüsse und Sümpfe gekennzeichnet,
und die Ränder des Hudson und des East-Flusses er-
streckten sich viel weiter ins Land als jetzt. Wenn nun
jemand eine sog. Wasserbewilligung erhielt, so hieß das: Land
unter seichtem Wasser, wo er das Recht hatte, Kaie und
Werften zu erbauen und es aufzufüllen und soliden Boden
daraus zu machen. Aus diesen Wasserbewilligungen wurde
Land gemacht, das jetzt hundert und aber hundert Mil-
lionen Dollar wert ist. Damals war es nicht viel wert, aber
die Aussicht auf Wertsteigerung war ungeheuer. Diese
Tatsache wurde auch in den offiziellen Berichten der
Zeit anerkannt, welche darlegen, wie rapid Bevölkerung
und Handel der Stadt im Wachsen waren. — Was den
städtischen Grund und Boden an sich betrifft, so besaß die
Stadt nicht bloß große Areale von alten Schenkungen und
Konfiskationen her, sondern kam noch immer weiter in
den Besitz von Grund und Boden infolge Nichtbezahlung
von Steuern.

Die Vorwände, unter denen die städtischen Beamten
ihre kurzsichtigen und schwindelhaften Bewilligungen von
Wasserrechten und städtischem Grund und Boden verhüll-
ten, waren verschieden. Einer war der, die Bewilligungen
geschähen zur Unterstützung religiöser Einrichtungen.
Diese Ausrede wurde aber nur ausnahmsweise gebraucht.
Die Hauptentschuldigung, die man vierzig Jahre lang vor-
brachte, war die, die Stadt brauche Geld. Das war Tatsache:
die verschiedenen Stadtverwaltungen hatten die städtischen
Gelder so schwindelhaft und unsinnig vertan, daß die Stadt
immerfort in Schulden war. Vielleicht machten sie diese
Schulden eigens zu dem Zwecke, einen plausiblen Grund
für die Weggabe des städtischen Bodens zu haben, Dessen
wurden sie damals allgemein bezichtigt.
Die Stadt schafft Großgrundbesitzer
Sehen wir zu, was die religiösen Motive bewirkten. Am
ro. Juni 1794 gab die Stadt der Dreieinigkeitskirche eine
Wasserbewilligung für den ganzen Grund und Boden
von der, Washingtonstraße bis an den Nordfluß zwischen
        <pb n="142" />
        der Chambers- und der Reade-Straße. Der jährliche Zins
betrug einen Schilling für den Quadratfuß, war aber erst
nach Ablauf von 42 Jahren zu zahlen. Bald nach dieser
Bewilligung übertrug die Dreieinigkeitskirche das Land
an William Rhinelander, zusammen mit dem gesamten
Grund und Boden zwischen der Jay- und der Harrison-
Straße, von der Greenwich-Straße bis an den Nordfluß.
Durch eine Vereinbarung zwischen der Dreieinigkeit und
der Stadt ging dieses ganze Land mit gewissen anderen
Grundstücken der Dreieinigkeitskirche in den Besitz von
William Rhinelander über, und mit Zustimmung des Ge-
meinderats vom 20. Mai 1797, bestätigt unterm 16. Novem-
ber 1807, erhielt er auch alle möglichen Rechte an den Fluß-
niederungen, die sein Besitztum begrenzten, zu einem absurd
niedrigen Pachtzins. Diese Wassergrundstücke wurden dann
aufgefüllt und wurden ungeheuer wertvoll.

Ebenso energisch wie Rhinelander war Astor dabei, von
den städtischen Beamten Landbewilligungen zu bekommen.
1806 erhielt er zwei große Grundstücke auf der Ostseite;
1808 ein ausgedehntes Stück am Hudson, das an die alte
Burr-Besitzung angrenzte, die in seinen Besitz gelangt war
— und zwar auf Grund eines günstigen Berichtes vom
Finanzkomitee, dem der zur Genüge bekannte John
Bingham angehörte; 1810 erhielt er drei weitere Bewilli-
gungen in der Nachbarschaft der Hubert-, Laight-, Charl-
ton-, Hammersly- und Clarkson-Straße und 1828 drei
an der zehnten Avenue, der 12., 13., 14. und 15. Straße.
Das waren einige der Bewilligungen, die er bekam. Aber
sie umfassen nicht das Land im Herzen der Stadt,
das er beständig von Privateigentümern aufkaufte oder
durch die unlautere Nachsicht der städtischen Beamten
erwarb.

Was taten aber die Beschenkten, nachdem sie die Wasser-
grundstücke und anderen Boden durch Betrug erlangt hat-
ten, dann? Sie machten den Boden nutzbar, aber nicht auf
eigene Kosten, sondern in großem Maße auf Kosten der
Gemeinde. Das Tiefland wurde aufgefüllt, Abzugskanäle ge-
graben, Straßen geöffnet, reguliert und kanalisiert — von den
Kosten aber bezahlten die Grundbesitzer nur das kleinste
        <pb n="143" />
        Minimum. Unter unlauterer Beihilfe seitens der städti-
schen Behörden wälzten sie den größten Teil der Ausgaben
auf die Steuerzahler ab. Wieviel Geld die Stadt auf diese
Weise in den ersten Jahrzehnten des neunzehnten Jahr-
hunderts verloren hat, hat niemand erfahren. Aber 1855
unterbreitete der Kontrolleur Flagg dem Gemeinderat
eine detaillierte Rechnungslegung für die Zeit von 1850
bis 1855, worin er auf die „überraschende Tatsache“ hin-
wies, daß während dieser fünf Jahre die Ausgaben für
Auffüllungen und Straßenregulierungen die Einnahmen
um mehr als zwei Millionen Dollar überstiegen.

An den Betrügereien nehmen viele teil
Handelte es sich um sogenannte Wassergrundstücke, so lag
gewöhnlich ein belangloser Pachtzins darauf. Fast immer
jedoch wurde dieser in die Zahlung einer bestimmten
kleinen Summe umgewandelt, worauf der Betreffende dann
alle Eigentumsrechte bekam. An diesem Kampf um die Be-
willigung von Wassergrundstücken — von denen viele jetzt
große Geschäfts- und Wohnhäuser tragen — beteiligten
sich viele von den Vorfahren jener Familien, die sich jetzt
mit ihrer Exklusivität brüsten. Die Lorillards, die Goelets,
William F. Havemeyer, Cornelius Vanderbilt, W. H. Webb,
W. H. Kissam, Robert Lenox, Schermerhorn, James
Roosevelt, William E. Dodge junior — all diese und viele
andere — Astors Amerikanische Pelzgesellschaft nicht
zu vergessen — bekamen zu verschiedenen Zeiten bis zur
Periode des unvergeßlich korrupten Tweed-Ringes große
Bewilligungen durch korrupte Stadtverwaltungen. Einige
dieser Wasserrechte, nämlich die paar Stücke, die zu Lade-
plätzen und Werften gehören, hat die Stadt New York vor
einigen Jahren zu exorbitanten Preisen zurückkaufen
müssen. Seit Errichtung der Dock-Abteilung bis zum
Jahre 1906 einschließlich hat die Stadt 70 Millionen Dollar
zum Ankauf von Ladeplätzen und für deren Ausbau aufge-
wendet. All die Jahre hindurch seit 1800 bearbeitete Astor,
in Verbindung mit anderen Grundbesitzern, nicht bloß die
Stadtverwaltung, sondern auch die Staatsregierung. [Jetzt
        <pb n="144" />
        bekommt er von der Bank der Ratsherren das Anrecht auf
einen Teil dieser oder jener alten Landstraße auf Man-
hattan, welche die Stadt aufschließt; wieder und wieder
bekommt er Rechte auf Land unter Wasser. Er geht die
Bank der Ratsherren immerfort um dieses oder jenes Privi-
leg an und bekommt es fast immer. Keine Besitzung und
keine Geldsumme ist für seine Klaue zu klein. Im Jahre
1832, als die achte Avenue zwischen der 13. und der
23. Straße planiert wird und die weggeschaffte Erde von
der Stadt an einen Unternehmer für 3000 Dollar verkauft
wird, petitionieren Astor, Stephan D. Beekman und Jacob
Taylor um Überlassung eines Teiles von dem Gelde, das
aus der Erde gegenüber ihren Grundstücken erzielt worden
war. Das betrachtete man als einen so niedrigen Übervor-
teilungsversuch, daß die Ratsherren es eine „unvernünftige
Eingabe“ nennen und sich weigern, ihr Folge zu geben. Im
Jahre 1834 billigen ihm die Ratsherren einen Teil der alten
Hurlgate-Landstraße zu und Rhinelander einen Teil der
Southampton-Landstraße. Kein Jahr vergeht, ohne daß er
zin paar neue Rechte und Privilegien von der Stadtregierung
erhält. Auf sein Ansuchen werden die und die Straßen
planiert und reguliert; die Regulierung anderer Straßen,
die nicht in seinem Interesse liegt, wird aufgeschoben.

Es muß aber erwähnt werden, daß die Leute, die man so
mit Wohltaten überhäufte, von Gesetzes wegen noch andere
Vorteile genossen. Für städtischen Grund und Boden, den
sie gekauft hatten, konnten sie mit bequemen Fristen zahlen;
nicht selten mußte die Stadt schließlich klagen, um Bezah-
lung zu erlangen. Aber die Mieter dieser Großgrundbesitzer
mußten ihren Zins auf den Tag zahlen, wo er fällig war —
sie durften nicht mehr als drei Tage im Rückstand bleiben,
ohne Exmission gewärtigen zu müssen. Das war aber nicht
der ganze Unterschied. Für den Grund und Boden, den
sie auf schwindelhafte Weise von der Stadt erhalten hatten
und den sie sich weiter noch auffüllen, regulieren, planieren
oder sonstwie auf Kosten der ganzen Gemeinde verbessern
ließen, weigerten sich die Grundbesitzer, pünktlich Steuern
zu bezahlen, Was war die Folge? „Einige unserer wohl-
habendsten Bürger,“ berichtet der Revisor 1831, „haben
        <pb n="145" />
        IO0O —
die Gewohnheit, die Bezahlung der Steuern sechs Monate
lang und weiter hinauszuschieben, und der Gemeinderat
ist genötigt, Geld gegen Zinsen aufzunehmen, um die
laufenden Ausgaben der Stadt bestreiten zu können.“
Wenn der Arme mit der Steuerzahlung zurückblieb, so
wies die Stadt ihn aus, und wenn ein Mieter dieser reichen
Grundbesitzer die Miete nicht zahlen konnte, so übernahm
die Stadt die Exmission für ihn. Der reiche Grundbesitzer
selber aber konnte zahlen, wann er wollte, da die Regierung
ja immer nur seine Interessen und die seiner Klasse vertrat.
Statt daß die Strafe für die Nichtzahlung der Steuern auf
ihn fiel, legte man sie in Form von zinspflichtigen Anleihen
der ganzen Gemeinde auf.

Plünderung, Profite und Grundbesitz
Im Jahre 1810, so wird erzählt, bot Astor ein Grundstück
in der Wall-Straße für 8000 Dollar aus. Der Preis war so
niedrig, daß sofort ein Käufer erschien. „Ja, Sie wundern
sich,“ sagte Astor. „Aber Sie wissen nicht, was ich mit
den 8000 Dollar machen will. Dieses Grundstück in der
Wall-Straße wird in ein paar Jahren allerdings 12 000 Dollar
wert sein. Aber ich will für die 8000 Dollar achtzig Grund-
stücke oben in der Kanal-Straße kaufen, und wenn Ihr
Grundstück 8000 Dollar wert ist, werden meine achtzig
Grundstücke 80 000 Dollar wert sein.“ Das ist eine der
arbaulichen Geschichten, die seine Voraussicht zeigen und
beweisen sollen, daß sein Vermögen ausschließlich von
seinen Fähigkeiten und seinem Fleiß stammte.

Sie trägt aber den Stempel der Erfindung nur allzu
deutlich an sich. Astor war bemerkenswert schweigsam und
heimlichtuerisch und enthüllte seine Pläne niemandem.
Parzellen kaufte er allerdings, aber er sagte niemandem
vorher etwas davon.

Damals kaufte er für je 200 bis 300 Dollar Parzellen
am unteren Broadway, die damals zum größten "Teil eine
leere Wüste waren. Worauf er rechnete, war das sichere
Anwachsen der Stadt und der immens steigende Wert,
den er seinem Grund und Boden nicht etwa selber geben
        <pb n="146" />
        — IOIl —
würde, sondern der ihm aus der Arbeit einer vermehrten
Bevölkerung zuwachsen mußte. Diese Grundstücke sind
jetzt eng mit Geschäftshäusern besetzt und jedes zwischen
300 000 und 400 000 Dollar wert.

Die ersten Jahrzehnte des neunzehnten Jahrhunderts
hindurch kaufte er immerfort Land auf der Manhattan-
Insel. — So gut wie alles Land kaufte er nicht mit der Ab-
acht, es zu benutzen, sondern es von der künftigen Bevöl-
kerung tausendmal so wertvoll machen zu lassen. Eine
Ausnahme bildete nur sein Landsitz von dreizehn Morgen
zu Hurlgate (Hellgate) in der Nähe der 60. Straße und des
Ostflusses. (Es ist reizvoll, zurückzuschauen auf die Tat-
sache, daß vor weniger als hundert Jahren die oberen Teile
der Manhattan-Insel aus Landgütern bestanden — jetzt sind
sie dicht mit ungeheuren Mietskasernen und einigen Pri-
vathäusern besetzt. Zu jener Zeit, nicht anders als heute,
sah man einen Landsitz als notwendiges Zubehör zu den
Besitzungen eines reichen Mannes an. Astor kaufte Hurl-
gate als Landsitz; das ist es aber schon lange nicht mehr,
obgleich das Land niemals aufgehört hat, den Astors zu
gehören.)

Welches waren die wirklichen Mittel, wodurch er Land
kaufte, das jetzt Hunderte von Millionen Dollar wert ist?
Wir bekommen eine leise Ahnung aus Barrett, welcher sagt:
„Astors Laufbahn geht über verarmte Familien, verschwen-
derische Söhne, Hypotheken und Subhastationen. Viele
seiner Opfer waren die Höchsten in Staat und Kirche.
So erwarb er für 75 000 Dollar die Hälfte des herrlichen
Landsitzes des Gouverneurs George Clinton zu Greenwich
in dem alten Dorfe Greenwich auf der Manhattan-Insel).
Nach dem Tode des Gouverneurs drängte er sich an die
Erben heran, lieh ihnen Geld und erwarb noch andere
Stücke des Familienbesitzes . .. Jetzt haben Astors Nach-
kommen fast zwei Drittel der früheren Clinton-Farm inne,
die mit Massen von Geschäftshäusern bedeckt ist, woraus
le ein jährliches Einkommen ableiten, das auf 500 000 Dollar
veschätzt wird.“
        <pb n="147" />
        — I02 —

Das Unglück anderer Astors Gewinn
In dieser "Transaktion sehen wir die Anfänge jener
Eroberungsperiode, in der die ganz Reichen ihre größeren
Kapitalien gebrauchen, um die weniger Reichen zu vernich-
ten — einer Periode, die mit Astor beginnt und in letzter
Zeit erst recht zur Blüte gekommen ist. Clinton galt seiner
Zeit als reicher Mann, mit Astor verglichen aber war er
ein Zwerg. Bei seinem ständigen Zufluß an Vermögen war
Astor in der Lage, jeden Augenblick die Schwierigkeiten
der weniger Reichen auszunutzen und sich in den Besitz
ihrer Güter zu setzen, Ein großer Betrag seines Vermögens
war in Hypotheken angelegt. In Zeiten periodischer
finanzieller und industrieller Krisen konnten die Schuldner
ihren Zahlungsverpflichtungen nicht nachkommen. Auf
diese Zeiten wartete Astor, zu solchen Zeiten schritt er
ein ‚und setzte sich selbst, mit verhältnismäßig geringen
Kosten, in den Besitz von noch mehr großen Landarealen.

Auf diese Weise wurde er Eigentümer der damaligen
Cosine-Farm, die sich auf dem Broadway von der 35. bis
zur 37. Straße und westlich bis an den Hudson erstreckte.
Dieser Besitz, den er für 23 000 Dollar erwarb, indem er eine
Hypothek zur Subhastation brachte, liegt jetzt im Herzen
der Stadt und trägt viele Geschäftshäuser und alle Arten
von Mietkasernen und wird mit sechs Millionen Dollar
bewertet. Auf dieselbe Weise erwarb er die Eden-Farm
in derselben Gegend, die den Broadway entlang läuft,
nördlich der 42. Straße, und bis zum Hudson hinunter-
geht. Diese Farm war schuldenhalber verpfändet. Plötzlich
brachte Astor mit einer ausstehenden Hypothek die Sache
zum Klappen, meldete Subhastation an und bekam für insge-
samt 25 000 Dollar ein Besitztum, das jetzt dicht mit riesigen
Hotels, Theatern, Bürohäusern, Läden und langen Reihen
von Wohnhäusern und Mietkasernen bebaut und aller-
mindestens 25 Millionen Dollar wert ist. Jeder, der Geld
suchte und genügende Sicherheit an Grundbesitz bieten
konnte, fand Astor außerordentlich entgegenkommend.
Aber wehe dem unglücklichen Schuldner, wer es auch sein
mochte, wenn er seinen Verpflichtungen auch nur zu einem
        <pb n="148" />
        Bruchteil nicht nachkam! Weder persönliche Freund-
schaft, religiöse Erwägungen oder die leisesten Gefühle
von Sympathie halfen ihm.

Wo aber das Gesetz nicht genügte, wurden neue Gesetze
zeschaffen, die die Macht der Grundbesitzer vergrößerten,
ihnen Land in die Hände spielten oder seinen Wert ver-
besserten, oder ihnen außerordentliche Sonderrechte in
Form von Bankprivilegien verliehen. Und deshalb muß
hier auch von Astors Tätigkeit im Bankwesen gesprochen
werden, denn neben seinen größeren Handelsgewinnen ist
er in zweiter Linie durch sie imstande gewesen, seine Geld-
türme aufzubauen. Die Verhältnisse, die zum Aufkommen
gewisser mächtiger Bankinstitute geführt haben, bei denen
er und andere Großgrundbesitzer Hauptaktionäre waren,
die Methoden und die Macht dieser Banken und ihre Wir-
gungen auf die große Masse des Volkes müssen als Faktoren
bei der Analyse seiner Operationen in Rechnung gezogen
werden. Doch nicht Einer von Astors Biographen hat seine
Verbindungen mit dem Bankwesen erwähnt. Sie zu be-
schreiben ist aber von großer Wichtigkeit, insofern sie
einerseits mit seinem Handel und anderseits mit seinen
Bodenerwerbungen aufs engste verknüpft waren.

Viertes Kapitel
DIE SEITENZWEIGE DES ASTOR-VERMÖGENS

Asor blühte gerade zu jener Zeit, als die Händler und
die Grundbesitzer, mit Einnahmen überschüttet, die
Hände ausstreckten zur Schaffung und Beherrschung des
hochbedeutsamen Geschäfts, berufsmäßig mit Geld zu
handeln und persönlich und direkt festzusetzen, über wie-
viel Geld das Volk verfügen dürfe.

Das bedeutete den nächsten Schritt in der Vergrößerung
individueller Vermögen. Die Wenigen, die von Gnaden
der Regierung das Bankwesen, das Hantieren mit dem
Umlaufsgeld und die Einschränkung oder Vermehrung
        <pb n="149" />
        der Geldausgabe in ihren Händen konzentrieren konnten,
waren sogleich mit außerordentlicher Macht bekleidet.
Diese Macht war ein mächtiges Werkzeug dazu, das von
den Vielen Produzierte in die Hände einer kleinen exklusiven
Clique hinüberzuspielen.

Der Teil der Händler, Gewerbetreibenden und Grundbe-
sitzer, der von diesen Privilegien ausgeschlossen war, war dem
anderen Teil auf Gnade und Ungnade überliefert. Die Banken
konnten jederzeit unter diesem oder jenem Vorwand der letz-
teren Klasse den Kredit oder Zahlungserleichterungen ver-
weigern oder ihre Opfer in anderer, ebenso vernichtender
Weise quälen. Da das Geschäft in großem Maße gegen
Erwartung der Bezahlung, mit anderen Worten auf Kredit,
betrieben wurde, wie es noch jetzt ist, so war dies ein
schwerer, oft erdrückender Schlag gegen den Unter-
nehmer, der in Verlegenheit war. Die Banken waren tat-
zächlich von Gesetzes wegen mit der Macht ausgestattet,
jeden Einzelnen und jede Gruppe von Individuen zu rui-
nieren oder zu bereichern. Da die Banken damals von
Männern gegründet und innegehabt wurden, die selbst
Händler oder Grundbesitzer waren, so wurde diese Macht
rücksichtslos gegen die Konkurrenten ausgeübt. Mit der
Gewalt des Gesetzes ausgestattet, setzten die Banken die
Handelswelt in Schrecken, gediehen auf Kosten der In-
dustrie, brachten andere in Unglück und Ruin und be-
herrschten die Politik und die Wahlen. Die Bankleute liehen
einander Geld zu lächerlich geringen Zinsen. Für Dar-
lehen an alle andern aber verlangten sie äußerst hohe Zinsen,
die in Zeiten kommerzieller Krisen den Schuldnern das
Genick brachen. Offiziell waren die Banken auf eine ge-
wisse Zinshöhe beschränkt, durch verschiedene Spitzfindig-
keiten aber umgingen sie diese Bestimmungen mit Leichtig-
keit und verlangten Wucherzinsen.
Die Banken und ihre Macht

Das waren aber bei weitem nicht ihre schlimmsten Züge.
Das unschuldigste von ihren großen Privilegien war das,
daß sie Hasard spielen konnten mit dem Gelde, das ihnen
        <pb n="150" />
        — 105
vertrauensvoll übergeben worden war von einem Schwarm
von Deponenten, die entweder dafür arbeiteten oder
gegebenenfalls dafür stahlen, denn die Bankiers stellen
ja, wie die Pfandleiher, keine Fragen. Das größte ihrer
Privilegien aber war das Recht, Geld zu fabrizieren. Der
industrielle Fabrikant konnte keine Waren herstellen, wenn
or nicht die nötigen Anlagen, Rohmaterialien und Arbeits-
kräfte hatte. Der Bankier aber konnte, einigermaßen wie
die berühmten Alchimisten, das luftige Nichts in Bank-
noten verwandeln und dann gesetzlich ihre Anerkennung
erzwingen. Der einzelne Händler oder Grundbesitzer ohne
die Unterstützung des Gesetzes konnte kein Geld fabri-
zieren. Aber man lasse Händler und Grundbesitzer sich
zusammentun, man lasse sie ein gewisses Ding, das sich
Gesetzgebung nennt, beschwatzen und bestechen, ihnen
ein Stück Papier mit dem Namen Konzession zu verleihen,
und siehe da! sie sind sogleich in Geldfabrikanten ver-
wandelt.

Aber wie waren diese Staats- oder Regierungs-Autori-
sationen, Konzession genannt, zu erlangen ? Verbot nicht die
Bundesverfassung den Einzelstaaten, den Banken das Recht
zu geben, Geld in Umlauf zu setzen? Waren nicht private
Geldfabriken ausdrücklich ausgeschlossen durch die Klausel
der Verfassung, daß kein Staat „Geld prägen, Kredit-
zeld emittieren oder irgendein anderes gesetzliches Zah-
lungsmittel außer Gold und Silber einführen dürfe“?

Hier zeigte sich wieder einmal in schönster Pracht, wie
die Regierung von der Unternehmerklasse beherrscht wurde.
Der einseitige Aufschwung der Handelsklasse konnte durch ein
so gewichtiges Hindernis wie einen Verfassungsparagraphen
nicht aufgehalten werden. Immer, wenn die Verfassung
den wirtschaftlichen Wünschen im Wege stand, ist sie ab-
geschafft worden, nicht durch Widerruf, sondern durch
das wirksame Auskunftsmittel juristischer Deutelei. Die
Unternehmerklasse verlangte Banken mit dem Recht, Geld
in Umlauf zu setzen; und da die Gerichte in den langen
Zeitläufen unerschrocken den Interessen und Wünschen
der beherrschenden Klasse gehorcht haben, so fällten sie
denn auch prompt die Entscheidung, der Ausdruck „Kredit-
        <pb n="151" />
        — 106 —
geld‘ habe die Banknoten nicht miteinbegreifen sollen.
Die Entscheidung war etwas verblüffend, wurde aber zum
Gesetz erhoben und war nun tausendmal mehr bindend
als die Verfassung,
Gerichte und Verfassung
Diese Entscheidung der hohen Gerichtshöfe öffnete den
Weg zu einer Orgie von Korruption und Betrug. In New
York, Massachusetts, New Jersey, Pennsylvanien, Mary-
land und anderen Staaten folgte eine wilde Jagd nach
Bank-Freibriefen. Die meisten Legislaturen waren aus
Männern zusammengesetzt, die vielleicht nicht von Natur
korrupt waren, aber den Lockungen seitens der Händler
nicht zu widerstehen vermochten. Unter den Mittel-
klassen — den Ladenbesitzern und den kleinen Kaufleuten
— herrschte eine tiefe Feindschaft gegen jedes Gesetz,
das darauf berechnet war, die Macht und die Vorrechte
der Großhändler und Großgrundbesitzer noch zu vermehren.
Bei den Massen der Arbeiter, von denen jedoch die meisten
kein Stimmrecht besaßen, wurde jeder Versuch, die Reichen
mit neuen Privilegien auszustatten, mit bitterem Groll auf-
genommen. Aber die Gesetzgebungen waren zugänglich;
einigen Mitgliedern, die von den reichen Familien hinein-
gebracht worden waren, brauchte man nur ein Wort zu
sagen, um ihrer Stimme sicher zu sein, andere, die das Volk
vertreten sollten, wurden durch Bestechung gewonnen.
So oder so zwangen die Händler und Grundbesitzer die ver-
schiedenen Legislaturen, zu tun, was sie wollten.

Von anderen Staaten absehend, wollen wir nur ein paar
bezeichnende "Tatsachen für den Staat New York anführen.
Der Bankschwindel beginnt
Um 1799 hatte New York nur Eine Bank, die „Bank von
New York‘; diese betrieb den Terror im Handel und in der
Politik so offen, daß sogleich eine oppositionelle Bewegung
zur Erlangung einer anderen Konzession einsetzte. Diese
einzige Bank wurde von den alten Grundbesitzerfamilien
        <pb n="152" />
        — 107 —
betrieben, welche die mit dem Triumph der demokratischen
Ideen, wie sie Jefferson repräsentierte, verbundenen Ge-
fahren in vollem Maße verstanden; Gefahren, die sie freilich
bei weitem überschätzten, da die besitzende Klasse ja trotz
aller Erfolge der demokratischen Prinzipien in ihrem Sieges-
lauf fortfuhr — aus dem einfachen Grunde, weil der Besitz
ihnen die Möglichkeit gab, das allgemeine Stimmrecht zu
ihrem eigenen Vorteil zu verwenden und auf den Trümmern
jeder ähnlichen Reform, die später versucht wurde, ihre
eigene Macht zu vergrößern. Die Bank von New York
warf sich lebhaft auf die Politik und bekämpfte die Ver-
breitung demokratischer Ideen mit schmutzigen, aber
wirksamen Mitteln. Wenn ein Kaufmann es wagte, „„ketze-
tische“ Ideen zu äußern, so setzte ihn die Bank sofort auf
die schwarze Liste und schnitt ihm den Kredit ab, wenn
er das Geld am nötigsten brauchte.

Dagegen schritt nun Aaron Burr, der geschickte Führer
der Opposition, ein. Von gewissen Händlern unterstützt oder
angestachelt, ging er daran, diese nützlichen und unendlich
wertvollen Bankprivilegien für seine Hintermänner zu er-
langen. Wie er das erreichte, wird folgendermaßen erklärt:
er habe unter dem Vorwand einer Epidemie von gelbem
Fieber, die damals in New York grassierte, scheinbar aus
philanthropischen Motiven ein Gesetz eingebracht, wonach
zur Minderung künftiger Seuchengefahr eine Gesellschaft,
die sogenannte Manhattan-Gesellschaft, zur Versorgung der
Stadt mit reinem, gesundem Wasser gegründet werden sollte.
In der Annahme, der verlangte Freibrief bewillige nichts
weiter als das, habe die Gesetzgebung den Antrag an-
genommen und sei höchst überrascht und betroffen ge-
wesen, als sich ergab, daß der Antrag so gewandt abgefaßt
war, daß er der Gesellschaft tatsächlich unumschränkte
Vollmachten und auch das Bankprivileg verlieh.

Diese Erklärung ist sicherlich oberflächlich und mangel-
haft. Viel wahrscheinlicher ist, daß man durch Bestechung
nachgeholfen hat, wenn man in Betracht zieht, daß die Ver-
leihung jedes folgenden Bankprivilegs mit Bestechung
verbunden war. Sechs Jahre später erhielt die Merkantil-
Bank eine Konzession für dreizehn Jahre — eine Konzession,
        <pb n="153" />
        — I08 —
die — was bestimmte Mitglieder der Versammlung offen
aussprachen —, durch Bestechung erlangt wurde. Diese
Beschuldigungen wurden nach dem Journal der Senats-
versammlung durch eine Untersuchungskommission in
vollem Umfange bestätigt. Im Jahre 1811 wurde die Ge-
werbe-Bank mit einem Freibrief auf Zeit ausgestattet,
ınter Umständen, die auf Bestechung deuten.

In der Tat wurde so oft bestochen und in so zahlreichen
Sitzungen der Gesetzgebung der Vorwurf der Korruption
ausgesprochen, daß die Versammlung 1812 in einer heroi-
schen Aufwallung von Tugendhaftigkeit eine Resolution
annahm, wonach jedes Mitglied feierlich erklären mußte,
es habe niemals „irgendwelchen Lohn oder Profit, direkten
oder indirekten, für irgendeine Abstimmung oder Maß-
regel‘ genommen, noch werde es dieses in Zukunft tun.
Diese Resolution wurde offenbar gefaßt, um das Publikum
zu blenden, denn in demselben Jahr erhielt die „Bank von
Amerika“ einen Freibrief unter Beschuldigungen klar am
Tage liegender Korruption. Ein Mitglied der Versammlung
erklärte unter Eid, man habe ihm für seine Stimme 500 Dol-
lar „und außerdem ein hübsches Geschenk“ angeboten.
Alle Banken, mit Ausnahme der Manhattan-Bank, hatten be-
grenzte Konzessionen; die Erneuerung dieser Konzessionen
wurde in so gut wie allen Fällen durch Bestechung erreicht.
So wurde 1818 die Konzession der Kaufmanns-Bank bis
1832 verlängert und auch dann noch erneuert. Auch die
Chemikalien-Bank, jenes heute so ehrbare und solide Unter-
nehmen in New York, wurde durch Bestechung ins Leben
gerufen. Die Chemikalien-Bank war ein Zweigunternehmen
der Chemikalien-Fabrikations-Gesellschaft, deren Geschäfts-

anlagen eigens als Vorwand für die Erlangung der Bank-
rechte angekauft wurden. Die Gebrüder Goelet‘ waren
unter den Gründern dieser Bank. In der Tat waren viele
von den großen Bodenvermögen untrennbar verbunden
mit den Betrügereien des Banksystems; das Geld aus dem
Grund und Boden wurde dazu benutzt, Gesetzgebungen
zu bestechen, und das aus den Banken gewonnene Geld
wurde zum Ankauf von weiterem Grund und Boden ver-
wandt. Die Förderer der Chemikalien-Bank legten die
        <pb n="154" />
        beträchtliche Summe von 50000 Dollar als Bestechungs-
fonds beiseite. Kaum hatte die Bank ihr Privileg bekommen,
als sie auch schon anfing, Berge von Papiergeld auszuspeien,
denen keinerlei Werte zugrunde lagen; damit bezahlte
sie ihre Angestellten und ließ es allgemein zirkulieren.

Bestechung nur dem Namen nach ein Verbrechen
Wurden diejenigen, welche die Bestechung verübten, je-
mals bestraft, wurden ihre unrechtmäßig erworbenen Kon-
zessionen. für nichtig erklärt, wurden sie selber von der
tugendhaften Gesellschaft in Acht und Bann getan? Keine
Spur. Sie standen auf der Zinne des sozialen Ansehens und
Einflusses oder erklommen sie bald, eben durch ihren Reich-
tum. Sie gehörten zu den bedeutendsten Grundbesitzern
and Unternehmern des Tages. Durch diese und viele, viele
andere Mittel häuften sie Schätze an oder vermehrten die
schon angehäuften Schätze. Die Ahnen von einigen der
hervorragendsten Multimillionär-Familien von heute waren
in großem Maßstabe an diesen ständigen Betrügereien be-
teiligt.

Astors Bankunternehmungen

Astor war Aktionär von mindestens vier Banken, deren
Konzessionen durch Betrug und Schwindel erlangt und
verlängert worden waren. Ihm gehörten 1000 Aktien
vom Grundkapital der Manhattan-Bank, 1000 von der
„Kaufmanns-Bank‘“, 500 von der „Bank von Amerika“
and 1604 von der „Gewerbe-Bank‘“. Eine Zeitlang war er
auch an der „National-Bank“ hervorragend beteiligt, die
zleichfalls dringend verdächtig war, der Bestechung ihre
Existenz zu verdanken.

Es macht beileibe nicht den Eindruck, als hätte er per-
sönlich die Bestechungen begangen oder wäre irgendwie
daran beteiligt gewesen. Bei allen parlamentarischen Unter-
suchungen infolge derartiger Beschuldigungen befolgte man
anwandelbar die Praxis, die Schuld auf die elenden Stroh-
Männer zu werfen und das naivste Erstaunen darüber zu
        <pb n="155" />
        —— 110 —
bekunden, daß jemand irgendeins von den Mitgliedern
des ehrenwerten Parlaments so verdächtigen könne. Die
Namen derer, die hinter den Kulissen die Bestechungen
leiteten, hat man niemals herausbekommen. Aber gleichviel,
ob Astor persönlich bestach oder nicht, er hat auf jeden Fall
von den Früchten der Bestechung bewußt profitiert; und
es ist kaum wahrscheinlich, daß seine Methoden im Osten
sich (außer in der Form) von der Verführung und der Aus-
beutung unterschieden, die er in den Pelzregionen zum
System erhoben hatte. Es liegt nicht außerhalb des Bereiches
vernünftigen Schließens, wenn man vermutet, er habe
den Gesetzgebern ebenso den Charakter verdorben, wie er
Ihn den Indianern verdarb.

Überdies genügen seine Beziehungen zu Burr in einer
famosen "Transaktion vollauf, um den Schluß zu recht-
fertigen, er habe die engsten Geschäftsverbindungen mit
diesem politischen Abenteurer unterhalten, der auf dem
Broadway neben ihm wohnte. Diese Transaktion war zum
Teil die Frucht der Errichtung der Manhattan-Bank und
für Astor und seine Nachkommen die Quelle eines Profits
von vielen Millionen Dollar,

Vor hundert Jahren oder mehr besaß die Dreieinigkeits-
kirche gerade dreimal so viel Grundbesitz, wie sie jetzt hat.
Ein beträchtlicher Teil davon war die Schenkung des
königlichen Gouverneurs Fletcher, der, wie gezeigt worden
ist, in der Bestechlichkeit ein Meister war. Lange Zeit
war ein Rechtsstreit im Gange von seiten des Staates New
York, der in zahlreichen offiziellen Berichten dargelegt
ist, wonach die Dreieinigkeitskirche das Land, das sie
Jahrhundertelang im Besitz gehabt hatte, usurpiert habe;
ihr Anspruch sei ungültig und komme von Rechts wegen der
Bevölkerung der Stadt New York zu. Im Jahre 1854 bis
1855 empfahlen die ‚Kommissare für Grundbesitz im Staate
New York‘ unter dem Eindruck der von Rutger B. Miller
angeführten Tatsachen dem Staate die Einbringung einer
Klage. Aber die Dreieinigkeitskirche erhob Widerspruch,

geheimnisvolle Einflüsse kamen dazwischen, und die Sache
wurde niedergeschlagen. Auf diese Einflüsse spielen die
Dokumente der Ratsherren häufig an.
        <pb n="156" />
        — III —
Im Jahre 1767 hatte die Dreieinigkeitskirche einem ge-
wissen Abraham Mortier gegen eine jährliche Gesamtrente
von 269 Dollar auf neunundneunzig Jahre einen Streifen
Landes vermietet, der 465 Parzellen in der Gegend der
heutigen Greenwich-, Spring- und Hudson-Straße umfaßte.
Mortier benutzte ihn als Landsitz bis 1777, wo das Parla-
ment von New York auf Initiative von Burr eine un-
heimliche Neugier entwickelte, was die Dreieinigkeits-
kirche mit ihrem Einkommen mache. Das war den
frommen Kirchenältesten höchst peinlich, denn man hegte
allgemein Verdacht, daß sie Frömmigkeit und Geschäft
in etwas anfechtbarer Weise verquickten. Damals be-
schränkte das Gesetz das Einkommen der Dreieinigkeits-
kirche aus ihren Gütern auf 12000 Dollar jährlich. Eine
Untersuchungskommission wurde eingesetzt, unter dem
Vorsitz von Burr.

Wie Astor sich einen Pachtvertrag sicherte
Burr dachte gar nicht daran, eine Untersuchung einzu-
‚eiten. Warum? Er erschien bald mit einer Zession von
Mortiers Pachtvertrag auf sich selbst. Sofort lieh die
Manhattan-Bank ihm 38 0oo Dollar, wobei er den Pacht-
vertrag als Sicherheit hinterlegte. Als er dann infolge
seines Duells mit Hamilton aus dem Lande fliehen mußte,
erschien Astor auf dem Plan und nahm ihm den Pacht-
vertrag ab, wofür er 32 000 Dollar gezahlt haben soll. Auf
jeden Fall war dieser höchst wertvolle Pachtvertrag jetzt
in seinen Händen. Er gab ihn sofort parzellenweise in
Unterpacht, und da die Stadt schnell wuchs und der ganze
Streifen sich mit Menschen und Häusern bedeckte, wurde
die Pachtung zu einer Quelle großer Einkünfte für ihn und
seine Erben. Als Lutheraner konnte Astor nicht Kirchen-
ältester der Dreieinigkeitskirche werden; wie aber nebenbei
bemerkt sei, verstand einer der Kirchenältesten, Anthony
Lispenard, Frömmigkeit und Geschäft so harmonisch zu
verbinden, daß er seinen Erben Millionen durch die
bloße "Tatsache verschaffte, daß er 1779 als Kirchen-
ältester einen 83jährigen Pachtvertrag für 81 Parzellen
        <pb n="157" />
        — I12 —
der Dreieinigkeitskirche neben dem an Astor verpach-
teten Land für eine Jahresrente von 177,50 Dollar erhielt.
Papiergeld

Mit Hilfe des Banksystems konnte die Unternehmerklasse
mit den natürlichen Erträgnissen des Landes umspringen, wie
sie wollte, und dabei stand Astor in der vordersten Reihe.
Viele Jahre lang hatten die Banken, besonders im Staate
New York, das gesetzliche Recht, bis zu dreimal so viel
Papiergeld in Umlauf zu setzen, als sie Kapital besaßen.
Der geprägten Münzen bemächtigten sich die Reeder und
häuften sie entweder auf oder exportierten sie in Mengen
nach Asien und nach Europa, wo man natürlich kein
Papiergeld annahm. Um 1819 hatten die Banken New Yorks
12!/„ Millionen Papiergeld ausgegeben, die Gesamthöhe
des Münzmetalls aber, womit sie diese Papierschnitzel
hätten einlösen können, belief sich nur auf zwei Millionen.
Diese Banknoten waren nichts als vage Zahlungsverspre-
chungen. Was wurde aus ihnen?
Was die Arbeiter als Lohn bekamen

Man zwang sie einfach den Arbeitern als Lohnzahlung
auf. Obgleich diese Banknoten ständig im Kurse sanken,
mußte der Arbeiter sie annehmen, als ob sie vollwertig
seien. Ging er dann aber Lebensmittel kaufen oder Miete
und Steuer bezahlen, so mußte er ein Drittel und oft ein halb-
mal so viel bezahlen, als diese Banknoten darstellten. Mitunter,
in Krisenzeiten, wurden sie ihm überhaupt nicht eingelöst
und er konnte sie als wehmütige Andenken behalten. Eine
schwache Anerkennung fand diese "Tatsache durch eine
Senatskommission im Staate New York, welche 1819 be-
richtete, man wende alle möglichen Kunstgriffe an, sie in
Umlauf zu bringen: wenn der Kaufmann dieses entwertete
Papier in die Hände bekäme, so „packe er es dem produktiven
Arbeiter auf“. „Auch der Farmer und der Handwerker,“
heißt es weiter, „sind veranlaßt worden, ihr Bargeld bei
der Bank anzulegen, und sind der Gier der Bankiers zum
        <pb n="158" />
        I123 —
Opfer gefallen. Die Folge war, daß der Umlauf von Metall-
geld aufhörte, daß das kommerzielle Vertrauen verloren
ging, fiktive Kapitalien auftauchten und Zivilprozesse und
Verbrechen sich mehrten.“

So ging das System Jahr für Jahr weiter, brachte große
Teile des Volkes an den Bettelstab und bereicherte die
Inhaber der Banken, denen es tatsächlich über den Arbeiter,
den Farmer und den sich abmühenden, um seine Existenz
kämpfenden Kleinhändler die Macht auf Tod und Leben
gab. Die Gesetze wurden nur leicht geändert. „Die großen
Profite der Banken,“ berichtete eine Senats-Kommission in
New York über Bank- und Versicherungswesen im Jahre
1834, „stammen aus ihren Papiergeld-Emissionen. Dieses
Privileg setzt sie tatsächlich in die Lage, Geld zu prägen,
das Metallgeld als Einlagen an sich zu ziehen und mehr,
als ihr tatsächliches Kapital beträgt, auszuleihen. Eine
Bank mit 100 000 Dollar Kapital darf 250 000 Dollar aus-
leihen, und so für 21/, mal soviel Geld, als sie tatsächlich
besitzt, Zinsen nehmen.“ Nach diesem Senatsbericht ver-
teilten sogar die Banken außerhalb der Stadt New York
1833 eine Dividende von ı1 Prozent und hatten einen Re-
servefonds von 16 Prozent ihres Kapitals. Die Banken in
New York zahlten höhere Dividenden.

Die Panik von 1837
So fabrizierten die Banken 33 Jahre lang Geld. 1804 hatte
das Parlament von New York zwar die sogenannte Ein-
schränkungsakte angenommen, aber diese verbot nur neuen
Gesellschaften, Banknoten in Umlauf zu setzen, und gab da-
mit den alten ein unumschränktes Monopol. Die Manhattan-
Gesellschaft hatte zwar ihren Freibrief eigens dafür be-
kommen, daß sie die Stadt New York mit reinem Wasser ver-
sorge, Diese Funktion zu erfüllen fiel ihr aber gar nicht
sein; und als die Stadt versuchte, den Freibrief der Bank
rückgängig zu machen, weil sie ihren Verpflichtungen nicht
Nachkäme, entschieden die Gerichte zugunsten der Bank.
Und das Parlament zwang die Behörden der Stadt, öffent-
liche Gelder bei der Manhattan-Gesellschaft anzulegen.
        <pb n="159" />
        — I1I4 —
Der große Krach kam 1837. Die Banken in New York
hatten damals 51/, Millionen Dollar öffentlicher Gelder in
Händen. Als sie ersucht wurden, auch nur eine Million
davon bar auszuzahlen oder wenigstens das Agio auszu-
gleichen, weigerten sie sich. Nach all ihren großen Profiten
wollten sie die Behörden wie das Publikum nicht anders
als durch ihre wertlosen Noten bezahlen. Als die Leute
in wahnsinniger Verzweiflung die Banken belagerten, um
ihr Geld herauszubekommen, füllten diese ihre Räume
mit schwerbewaffneten Wächtern, die die Weisung hatten,
auf die Menge zu feuern, falls sie versuchen würde, die
Bank zu stürmen.

In jedem Staat waren die Verhältnisse die gleichen.
In den Vereinigten Staaten stellten im Mai 1837 nicht
weniger als 800 Banken ihre Zahlungen ein und weigerten
sich, der Regierung, die 30 Millionen Dollar bei ihnen
deponiert hatte, und dem Volk, das 120 Millionen ihrer
Banknoten in Händen hatte, auch nur einen Pfennig zu
zahlen. Keine Münze war im Umlauf. Das Land wurde
mit kleinen Banknoten überschwemmt, die man Heft-
pflaster nannte. In jeder Größe und unter jedem Namen,
vom Nennwerte von fünf Cent (20 Pf.) bis zu fünf Dollar,
wurden sie von jedem Einzelgeschäft und jeder Handels-
gesellschaft ausgegeben, um die Arbeiter zu bezahlen. Diese
mußten sie für ihre Arbeit nehmen oder verhungern. Noch
dazu waren diese Heftpflaster so schlecht gedruckt, daß es
nicht schwer war, sie nachzumachen. Ihre Fälschung wurde
ein regelrechtes Geschäft; ungeheure Mengen des edlen
Stoffes wurden in Umlauf gesetzt. Der Arbeiter wußte
schließlich nicht mehr, ob die Anweisungen, die er für seine
Arbeit bekam, echt oder gefälscht waren, was übrigens in

bezug auf ihren Wert nicht von großer Bedeutung war.
Allgemeines Elend

Nun brach der Sturm los. Überall zeigte sich Verarmung,
Ruin und Bettel. Jeder Bankier in New York hätte wegen
der gröbsten Verbrechen verhaftet werden müssen, aber die
Behörden taten nichts. Im Gegenteil, der Einfluß der
        <pb n="160" />
        Banken auf die Verwaltung war so groß, daß sie eilends
die Regierung bewogen, ein Gesetz zu erlassen, das darauf
hinauslief, ihnen die Einstellung der Barzahlungen über-
haupt zu gestatten. Die Folgen waren schrecklich. „Tau-
sende von Fabriken, Handelsunternehmungen und anderen
nützlichen Einrichtungen in den Vereinigten Staaten,“
so berichtet eine Senatskommission für New York, „sind
durch die gegenwärtige Krisis zugrunde gerichtet oder
lahmgelegt worden... In allen großen Städten sind viele
Personen, die durch lange Jahre regelmäßigen Geschäfts-
ganges ihr Auskommen gefunden hatten, plötzlich mit ihren
Familien an den Bettelstab gebracht worden.“ Die Stadt
New York war mit Obdach- und Arbeitslosen vollgestopft.
Zu Anfang des Jahres 1838 war ein Drittel aller Personen, die
in New York von Handarbeit lebten, ganz oder so gut wie
ohne Beschäftigung. Nicht weniger als zehntausend Per-
sonen waren in äußerster Not und hatten keine anderen
Mittel, um den Winter zu überleben als die, welche sie durch
die Mildtätigkeit ihrer Nachbarn bekamen. Die Armen-
häuser und die anderen öffentlichen und wohltätigen Ein-
richtungen waren mit Insassen vollgepfropft, und dabei
xonnte für zehntausend Notleidende nicht gesorgt werden.

Fünftes Kapitel
DIE WEITERENTWICKLUNG DES ASTOR-VERMÖGENS

Zu dieser selben Zeit, in der Panik von 1837, zeigte
Astor eine staunenswerte Energie, aus der Verzweiflung
Nutzen zu schlagen. „Er vermehrte seine Reichtümer un-
geheuer,“ schreibt ein Zeitgenosse, „durch den Ankauf von
Staatspapieren, Schuldscheinen und Hypotheken in der
finanziellen Krisis von 1836—1837. Er kaufte den geld-
bedürftigen Inhabern ihre Hypotheken zu Spottpreisen ab,
und wenn sie verfielen, schritt er zur Subhastation und
caufte die verpfändeten Häuser zu den lächerlichen Preisen,
die damals gezahlt wurden.“
        <pb n="161" />
        — 116 —
Wurde seine Siebenprozentige nicht zur genauen Zeit
bezahlt, so machte er unbeugsam Gebrauch von jedem
Recht, das ihm das Gesetz gab. Die Gerichte arbeiteten
schnell für ihn. Parzelle auf Parzelle, Besitz auf Besitz
brachte er an sich. Die Angst der Familien, die Sorge und
Not der Gemeinde, die Verzweiflung, der Ruin, der viele
zu Bettel und Prostitution, andere zu Mord und Selbstmord
trieb, hatte auf ihn keine andere Wirkung, als ihn noch
eifriger und energischer in der Ausnutzung der Tragödien
anderer zu machen.

Nun zeigte sich die Wirkung jener zentripetalen Kraft,
die den periodischen Krisen anhaftet : daß sie nämlich nichts
als leichte Mittel sind, wodurch die ganz Reichen sich in den
Besitz von immer mehr von den allgemeinen Erzeugnissen
und Besitztümern setzen können. Die Reihen der kleinen
Grundbesitzer wurden durch die Krise von 1837 stark ge-
lichtet, und die Zahl der selbständigen Geschäftsleute ging
sehr zurück, ein beträchtlicher Teil beider Klassen wurde
in die Armee der Lohnarbeiter hinabgezwungen.

Astors Reichtum vervielfacht sich
Innerhalb weniger Jahre nach der Panik von 1837 ver-
vielfachte Astors Vermögen sich ins Ungeheure. Die Ge-
schäfte erholten sich, die Werte wuchsen. Jetzt strömte
die Einwanderung dicht herbei. Im Jahre 1843 kamen
60 000 Einwanderer im Hafen von New York an. Vier
Jahre später betrug ihre Zahl 129 000 im Jahr. Bald stieg
sie auf 300 000 und seitdem hat sie sich nur immer ver-
größert. Ein großer Teil dieser Einwanderer blieb in New
York. Die Nachfrage nach Grund und Boden war so groß
wie nie, die Stadt wuchs schneller und schneller. Was
vor wenigen Jahren noch ein Bauplatz gewesen war, trug
jetzt eine kleine Menschheit; Grundbesitzertum und Höhlen
der Armut blühten nebeneinander. Das abgelegene Farm-,
Felsen- und Sumpfland der Stadt New York von 1812 mit
seinen 100000 Einwohnern war 1840 eine dichtbesetzte Stadt
mit 317 712 Einwohnern und zählte 1850 nahezu eine halbe
Million. Wie schwer der Arbeiter auch schuftete, er wurde
        <pb n="162" />
        — 117
im allgemeinen ausgepowert durch den Umstand, daß die
Mieten andauernd gesteigert wurden, so daß er immer
mehr vom Ertrag seiner Arbeit für das bescheidene Recht,
sich in einem häßlichen und engen Loch aufhalten zu
dürfen, abgeben mußte.

Hatte Astor den Boden erst einmal in seine Klauen be-
kommen, so ließ er ihn nicht wieder los. Von Anfang an
handelte er nach dem Plan, den seine Nachkommen dann
mit religiöser Andacht befolgten, das Land für eine gewisse
Reihe von Jahren, gewöhnlich 21, zu verpachten. Breite
Streifen Landes im Herzen der Stadt ließ er brachliegen,
während die Stadt rundherum anwuchs und ihren Wert
enorm vermehrte. Er weigerte sich oft, zu bauen, obgleich
die dringende Notwendigkeit es erheischte. Seine Politik
bestand darin, abzuwarten, bis jene, die das Land dringend
brauchten, als Flehende zu ihm kamen und seine eigenen
Bedingungen unterschreiben mußten. Eine ganze Zeitlang
wollte niemand zu seinen drückenden Verträgen Grund
and Boden bei ihm pachten. Schließlich aber war das An-
wachsen der Bevölkerung und der Geschäfte derart, daß
das Land unentbehrlich wurde und allseits auf Pacht über-
nommen wurde.

Seine Forderungen bei der Verpachtung waren er-
drückend. Aber er pflegte keine Konzessionen zu machen.
Der Pächter mußte das Wohn- oder Geschäftshaus auf eigene
Kosten erbauen; und während der Periode der einund-
zwanzig Pachtjahre mußte er an Astor nicht bloß eine
Rente von fünf oder sechs Prozent des Bodenwertes zahlen,
sondern war auch für alle Steuern, Reparaturen und alle
anderen Lasten und Abgaben verantwortlich. Wenn die
Pacht erlosch, wurden die Gebäude Astors unumschränktes
Eigentum. Der Zwischeneigentümer, Pächter oder Besitzer
eines Geschäftshauses, der von Astor Grund und Boden pach-
tete und Mietkasernen oder sonstige Gebäude darauf er-
richtete, mußte sich natürlich für die hohen Tribute, dieer an
Astor zu zahlen hatte, schadlos halten. Dastater, indemerent-
weder dem Arbeiter exorbitante Mieten berechnete oder für
seine Waren übertriebene Profite verlangte; in beiden Fällen
mußten die Produzenten schließlich die Zeche bezahlen.
        <pb n="163" />
        — 118 —
Die Steuerdrückerei der Grundbesitzer
Astor und all die anderen Grundbesitzer brauchten
die ganze Maschine des Gesetzes aufs energischste, um ihre
Rechte als Grundbesitzer, Pachtgeber oder Pächter durch-
zusetzen. Wir haben nicht ein einziges Beispiel von Nach-
giebigkeit auf seiten Astors, wenn es sich darum handelte,
den rückständigen Mietern Frist zu geben. Ob in der Fa-
milie des Mieters Krankheit herrschte, ob er in äußerster
Notlage war — er wurde mit seinen sieben Sachen auf die
Straße geworfen.

Während er sich so die Härte des Gesetzes gegen Miet-
schulden zunutze machte, übertrat er selber ‘das Gesetz
immerfort, indem er sich vor der Besteuerung drückte.
Aber damit tat Astor keineswegs etwas Besonderes. So gut
wie die ganze besitzende Klasse tat es, nicht bloß einmal,
sondern so ständig, daß die offiziellen Berichte die Tatsache
Jahr für Jahr erwähnten. Ein Bericht der Ratsherren über
die Besteuerung für 1846 zeigt, daß 30 Millionen steuer-
pflichtigen Besitzes alljährlich der Besteuerung entgingen,
und daß die Steuerbeamten nichts dagegen taten: „Unsere
reichen Kaufleute und schweren Kapitalisten ... finden
Vorwände, ihre Familien nach nahen Orten ziehen zu lassen
und sich so vor jeder Besteuerung zu drücken, außer für die

Grundstücke, die sie benutzen. Mehr als zweitausend Ge-
schäftsfirmen in New York, deren Kapital in New York an-
gelegt ist und Geld einbringt, mit einem Personalvermögen
von 30 Millionen Dollar, entgehen so der Besteuerung.“
Die edle Kunst des Detraudierens
Die Kommission wies nach, daß bei dem Steuersatz von
ı Prozent die Stadt auf diese Weise um die Summe von
225 000 oder 300 000 Dollar jährlich betrogen wurde. Die
zweitausend Firmen, um die es sich handelte, waren die ein-
flußreichsten und angesehensten; von ihren Inhabern waren
die meisten fleißige Kirchgänger und Leiter oder Mitglieder
mildtätiger; Vereine, und sie alle waren einig im Wider-
stande gegen jede Bewegung der arbeitenden Klassen zur
        <pb n="164" />
        — II19 —
Verbesserung ihrer Lage und bezeichneten diese Bewegungen
als feindlich für die Sicherheit des Eigentums und als ge-
fährlich für die Wohlfahrt der Gesellschaft. Jede dieser
zweitausend Firmen betrog die Stadt Jahr für Jahr um
durchschnittlich 150 Dollar; aber niemals rief man das
Gesetz gegen sie an. Die Besteuerung, um die sie sich
drückten, fiel auf die arbeitenden Klassen, als Zulage zu
den vielen tausend anderen Formen mittelbarer Besteuerung,
die die Arbeiter schließlich zu tragen hatten. Wenn in-
dessen, wie wir oben erwähnt haben, der Arme Objekte
im Werte von 25 Dollar stahl, so wurde er wegen schweren
Diebstahls für lange Zeit ins Gefängnis gesteckt. In jeder
Stadt — in Boston, Philadelphia, Cincinnati, Baltimore,
New Orleans usw. — herrschten dieselben oder nahezu
dieselben Verhältnisse. Die Reichen wußten der Besteue-
rung zu entgehen, und wenn sie dazu einen Meineid
schwören mußten, so schworen sie den Meineid mit Grazie.
Astor war bei weitem keine Ausnahme.

Aber wie war es möglich, daß bei einer der Theorie nach
demokratischen und auf allgemeiner Abstimmung beruhen-
den . Regierungsform die Besitzenden die Regierungs-
funktionen unter ihre Kontrolle brachten? Wie konnten
sie die Abstimmung beherrschen und Gesetze geben oder
umgehen ?

Durch verschiedene Einflüsse und Methoden. In erster
Linie übten die alten englischen Ideen von der Überlegen-
heit der Aristokratie eine tiefe Wirkung auf die amerika-
nische Denkweise, auf Sitten und Gesetze. Jahrhunderte-
lang waren diese Ideen. von Predigern, Flugschriften-
schreibern, Politikern, Nationalökonomen und Verlegern
unaufhörlich ausgestreut worden. Während diese Auf-
fassung sich in England auf den Rang durch die Geburt
bezog, wurde sie in Amerika auf die eingeborene Aristo-
kratie, auf die Unternehmer und Grundbesitzer angepaßt.
In England war es eine Kombination von Rang und Besitz;
in Amerika, wo es keine Adelstitel‘ gab, wurde dieses An-
sehen ausschließlich ein Wahrzeichen der besitzenden Klasse.
Dem Volke wurde emsiglich beigebracht, der Besitz sei
heilig und unverletzlich, genau wie man es früher gelehrt
        <pb n="165" />
        — 120 —
hatte, demütig zur Majestät des Königs emporzublicken.
Die Besitzenden, so wurde gepredigt, repräsentierten die
Würde, Stabilität, Tugend und Intelligenz der Gemeinde.
Die Besitzlosen aber seien vulgär und ohne Verantwortung
und Bedeutung und ihre Meinungen und Bestrebungen
seien belanglos.

Wie die öffentliche Meinung gemacht wurde
Die Kirchen behaupteten, sie seien für alle da; sie hingen

aber in weitem Maße durch die Beiträge, die sie erhoben,
von den Besitzenden ab; außerdem gehörte die Geistlich-
keit, wenigstens soweit sie Einfluß hatte, selber zu den
Besitzenden. Der Unterricht in den Schulen und die Lehren
der Nationalökonomen entsprachen genau den Ansichten, die
die Unternehmerinteressenten jeweilen gelehrt haben wollten.
Viele der Schulen waren mit Geldern gegründet, die ganz
oder teilweise von Unternehmern gegeben worden waren. Die
Zeitungen existierten durch die Annoncen der Besitzenden.
Die verschiedenen gesetzgebenden Körperschaften rekru-
tierten sich hauptsächlich, und die Geschworenenbänke
gänzlich, aus den Kreisen der Rechtsanwälte, und diese
Rechtsanwälte hatten die Reichen als Klienten oder trach-
teten danach, sie als Klienten zu bekommen ; für die Armen
zeigten nur wenige besonderen Eifer. Sie waren tief durch-
drungen nicht vom Recht an sich, sondern von der Art
Recht, die ihnen durch die Jahrhunderte hindurch über-
liefert worden war. Aus Tradition und Eigennutz bekannten
sie sich durchaus zu der Lehre, bei der Abfassung und
Durchführung der Gesetze müsse ihre Rücksicht den Be-
sitzinteressen gelten. Mit wenigen Ausnahmen gingen sie
mit den Reichen.

Auf diese Weise kamen viele Einflüsse zusammen, um
die Idee, die Besitzenden seien der eigentliche Kern der
Gesellschaft, tief in den Geist aller Klassen zu graben, oft
sogar derjenigen, die unter den bestehenden Verhältnissen
so schwer litten. So erklärt es sich, daß auch die unbestech-
lichsten Volksvertreter so oft für den Besitz stimmten.
Die überspannte Meinung von der Bedeutung und Stellung
        <pb n="166" />
        — 121 —
des Privateigentums war die gefährlichste Korruption. Man
hielt es einfach nicht für möglich, daß ein Reicher ein Ver-
brecher und eine Gefahr für die Allgemeinheit sein könne.
In verschiedenen Einkleidungen setzten Kirche, Schule,
Zeitung, Politiker und Richter diese Grundanschauung aus-
zinander.

Das Volk wurde mit Lobgesängen auf den Besitz über-
schwemmt. Aber der Wirkung dieser Predigten wurde mit
anderen Methoden nachgeholfen: wir sahen, wie die be-
sitzende Klasse nach der Revolution den Besitzlosen das
Stimmrecht vorenthielt. Sie fürchteten, der Besitz würde
alsdann die Regierung nicht länger beherrschen können.
Allmählich aber sahen sie sich genötigt, dem Verlangen des
Volkes nachzugeben und das allgemeine Stimmrecht zuzu-
lassen. Das schien ihnen neu und furchtbar: wenn die
Führung der Regierung vom Stimmrecht abhängen sollte,
dann könnten ja die Besitzlosen, die doch in der Majorität
waren, sie möglicherweise überwinden und gänzlich neue
Gesetze erlassen!

Aber in einem Staat nach dem andern mußte die be-
sitzende Klasse, nach langen Kämpfen, den Bürgern eine
Stimme bewilligen, ob sie Besitz hatten oder nicht.

Korruttion bei den Wahlen
Nun begann eine systematische Korruption der Wähler.
Die Politik, gewisse Gesetzgeber zu bestechen, damit sie
für Bank-, Eisenbahn- und andere Konzessionen stimm-
ten, wurde bis in die Bezirkswahlen ausgedehnt, um schon
an der Quelle der Macht die Abstimmung zu fälschen.
Die Besitzenden wirkten mit einem Teil des bei ihren
Geschäftspraktiken erworbenen Geldes teils durch persön-
liches Eintreten, teils durch die kleinen Politiker des
Tages auf die Wahlversammlungen und die Urwahlen
ein. Das war sowohl in ländlichen wie in städtischen
Gemeinden der Fall. In vielen Landbezirken war die all-
gemeine Moral äußerst niedrig trotz des fleißigen Kirchen-
besuches. Und in den Städten gab es und gibt es immer
3inen gewissen Prozentsatz Männer, Produkte der Indu-
striestädte, die durch Elend, Trunk und Ausschweifung so
        <pb n="167" />
        — 122 —
weit heruntergekommen sind, daß sie keinen Funken von
Männlichkeit und Charakter mehr haben. Da kam nun
der Wahlfonds der Händler, Grundbesitzer und Bankiers
und verdarb diese Leute noch mehr, indem er ihre Stimme
kaufte und sie zu dem Verbrechen verleitete, zweimal zu
stimmen. Dieser Korruptionsfonds wuchs von Jahr zu Jahr,
bis zur Zeit der Krise von 1837 die Bankiers in New York
allein 60 000 Dollar aufbrachten. Obgleich diese Summe eine
Kleinigkeit war im Vergleich zu den enormen Korruptions-
geldern, diein den folgenden Jahren verwendet wurden, konnte
man damals schon etwas damit erreichen. Unwissende
Einwanderer wurden durch Geldanerbieten dazu gebracht,
so und so zu stimmen und ihre Stimme zweimal abzugeben.

Schließlich kam die Zeit, wo man Scharen von Zucht-

häuslern zur Wahl heranholte, die in manchen Bezirken
alles in Schrecken setzten. Die Wahlkorruption vollzog sich
sogar in neuen Territorien wie Neu-Mexiko. Viele Tat-
sachen wurden durch die Wahlproteste vor den Kongreß-
kommissionen zutage gefördert. (Man vergleiche die Kon-
greßdrucksache „Wahlproteste 1834.bis 1865“.) In dem Fall
Monroe contra Jackson im Jahre 1848 erbrachte James
Monroe gleichfalls den Beweis, daß sein Gegner durch die
Stimmen von Zuchthäuslern und anderen Nichtwählern
zu Unrecht gewählt worden war. Die Ratsherrenberichte
von New York erzählen dasselbe. Ähnliche Praktiken waren
in Philadelphia, Baltimore und in anderen Städten und
Landgemeinden gang und gäbe.

Diejenige Klasse von Wählern aber, die sich nicht be-
stechen ließ und nach ihrer Meinung unter den aufgestellten
Kandidaten abstimmte, suchte man durch politische Redner
und durch die Zeitungen zu beeinflussen. Diese wirksamen
Mittel, die Wählermasse zu beeinflussen, wurden von den
Besitzinteressenten auf die eine oder die andere Art be-
herrscht. Der Reichtum übte eine richtige Zensur aus:
wenn eine Zeitung es wagte, eine Kandidatur zu empfehlen,
die von den Besitzenden nicht gebilligt wurde, so fühlte sie
sogleich den Groll jener Klasse, indem ihr die Annoncen
entzogen wurden und jene Vorteile, die die Banken mit so
ruinösem Effekt vergeben oder versagen konnten.
        <pb n="168" />
        122 —

Politische Unterwürfigkeit

Schließlich standen die mächtigsten politischen Parteien
beide unter der Herrschaft des Reichtums; natürlich nicht
offen, aber im geheimen. Meinungsverschiedenheiten be-
standen zwar zwischen ihnen, aber diese Meinungen be-
:rafen die Grundstruktur der Gesellschaft in keiner Weise,
noch bedrohten sie irgendeines der fundamentalen Vor-
rechte der Reichen. Die politischen Schlachten waren mit
Ausnahme des späteren Kampfes, der über das Schicksal
der Leibeigenschaft entschied, bloße Scheingefechte.

Beide Parteien erhielten den größeren Teil ihres Wahl-
fonds von den Männern mit großem Reichtum, von den
Bankgesellschaften und anderen Interessenten. Astor z. B.
trug immer zum liberalen Fonds bei, für die Whig-Partei
und für die demokratische. Dafür betrachteten sich die
von diesen Parteien ins Parlament gesandten Politiker, die
zleichfalls gewählten Richter und Verwaltungsbeamten ge-
wöhnlich für verpflichtet gegenüber jenen, die ihre Wahlkam-
pagnen finanziert hatten und die die Macht besaßen, durch
Verweigerung des Fonds oder durch Unterstützung der an-
deren Partei ihre Wiederwahl zu hintertreiben. Die Massen
des Volkes waren in diesen politischen Kämpfen bloße Schach-
figuren, aber nur wenige von ihnen sahen ein, daß die Er-
regung, die Parteigeschäftigkeit und der Enthusiasmus, in
den sie sich warfen, keine andere Bedeutung hatte als die, sie
noch fester in ein System zu verketten, dessen Nutznießer
immerfort mehr Rechte bekamen auf Kosten des Volkes,
und deren Reichtum daher in beschleunietem Tempo wuchs.

Astor wird der vreichste Mann Amerikas

Astor war jetzt der reichste Mann in Amerika. Im Jahre
1847 wurde sein Vermögen auf volle 20 Millionen Dollar
geschätzt. In der ganzen Länge und Breite der Vereinigten
Staaten gab es keinen, dessen Reichtum dieser Summe auch
nur annähernd gleichkam. Wie überragend er dastand,
ergibt sich aus einer Gegenüberstellung mit den Reich-
tümern anderer Leute, die man für sehr reich ansah.
        <pb n="169" />
        — 124 —
1847 und 1852 erschien eine Schrift, die die reichen
Leute New Yorks aufzählte, unter Leitung von Moses
Jale Beach, des Herausgebers der „New York Sun“. Ihre
Angaben gelten als äußerst zuverlässig. Die Schrift zeigte,
daß es damals in der Stadt New York etwa 25 Männer
gab, die als Millionäre bezeichnet wurden. Die hervor-
ragendsten davon waren Peter Cooper mit einem beglau-
bigtem Vermögen von ı Million, die Goelets mit z Millionen,
die Lorillards mit ı, Moses Taylor mit ı, A. T. Stewart
mit 2, Cornelius Vanderbilt mit 1!/, und William B. Crosby
mit 1'/, Millionen. Es gab ein paar Vermögen von je einer
halben Million Dollar und mehrere Hunderte zwischen
100 000 und 300 000 Dollar. Das mittlere Vermögen be-
trug zwischen 100 000 und 200 000 Dollar. Eine ähnliche
in Philadelphia publizierte Flugschrift zeigte, daß die Stadt
einen Klüngel von neun Millionären barg und daß nur
zwei Einzelvermögen ı Million Dollar überschritten. Für
Boston und andere Städte sind keine Daten über die Privat-
vermögen zu bekommen.

Astors Riesenreichtum
Astor war der Koloß der Zeit und sein Vermögen ein
Gegenstand scheuer Bewunderung für alle, die nach Reich-
tümern jagten. Bei aller Notwendigkeit der Fabrikation
im sozialen und industriellen System nahm sie eine merk-
würdig inferiore Stellung ein als Hilfsmittelg große Vermögen
anzuhäufen. Nach einer Statistik von 1844 über die Fabri-
kation in den Vereinigten Staaten waren darin nur ins-
gesamt 307 Millionen Dollar angelegt. Danach betrug Astors
Vermögen ein Fünfzehntel des Gesamtbetrages, der im
ganzen Gebiet der Vereinigten Staaten in der Verarbeitung
oder Herstellung von Wolle und Baumwolle, Flachs, Leder,
Eisen, Glas, Zucker, Möbeln, Hüten, Seiden, Schiffen,
Papier, Seife, Kerzen, Eisenbahnwagen usw. angelegt war —
kurz von jeder Art Waren, die die Nachfrage der Kultur
unentbehrlich machte.

Die letzten Jahre dieses Magnaten spielten sich in einer
Atmosphäre von Luxus, Beweihräucherung und Macht ab.
        <pb n="170" />
        — 125 —
Auf dem Broadway, in der Nähe der Prince-Straße, baute
er sich ein gewichtiges Haus und schmückte es mit Kunst-
werken, bei denen es ihm mehr auf den Preis als auf die
Kunst ankam. Er war von mittlerer Größe und noch recht
stämmig, aber sein einst volles, schweres Gesicht und seine
tiefliegenden Augen begannen infolge seines äußerst vor-
geschrittenen Alters einzufallen. Man konnte ihn jeden
Werktag in seinem Kontor an der Prince-Straße über Ge-
schäftsberichten hocken sehen — in einem einstöckigen,
aus feuerfesten Kacheln errichteten Gebäude, dessen Fenster
mit schweren Eisenstangen bewehrt waren. Siech und kraft-
los, so schwach und gebrechlich, daß er seine Nahrung wie
ein Kind an der Mutterbrust einnehmen und in einer
Wolldecke geschüttelt werden mußte, damit er Bewegung
bekam, bewahrte er immer noch die Fähigkeit, jeden Rück-
stand seiner Mieten genau zu überwachen, und ließ sich
von seinem Verwalter täglich Bericht erstatten. Parton
erzählt in seiner Biographie Astors folgende Geschichte:

Eines Morgens trat der Verwalter gerade ein, als Astor
sich seiner Wolldecken-Bewegung erfreute. Der alte Mann
rief ihm mitten aus seiner Decke entgegen: „Hat Frau N.
ihre Miete bezahlt ?“ — „Nein,“ entgegnete der Verwalter.
„Aber sie muß sie endlich bezahlen,“ sagte der arme Greis.
— „Herr Astor, sie kann jetzt nicht zahlen; sie hat Unglücks-
fälle gehabt, wir müssen ihr Zeit geben.“ — „Nein, nein,“
3agte Astor, „ich sage Ihnen, sie kann bezahlen und sie
wird bezahlen. Sie verstehen bloß nicht, mit ihr umzu-
gehen.‘ Der Verwalter verabschiedete sich und erzählte
die Angst des alten Herrn wegen der unbezahlten Miete
dem Sohne Astors, der die verlangte Summe abzählte und
den Verwalter anwies, er solle sie dem Alten aushändigen,
als habe er sie von der Mieterin bekommen. „Na also,“
sagte Astor, als er das Geld bekam, „ich hab es Ihnen ja
gesagt, sie würde bezahlen, wenn Sie nur richtig mit ihr
umgehen.“
Der Tod John Facob Astors
So war Astors Geist bis zum letzten Augenblick mit
den erbärmlichen Dingen beschäftigt, woraus er sich eine
        <pb n="171" />
        — 126 —
Religion gemacht hatte, und mit einem Blick voll strahlenden
Entzückens auf die lange Liste seiner Besitzungen schied er
dahin, am 29. März 1848, als eben die Nachrichten von
der französischen Revolution eintrafen und die Arbeiter
zu begeisterten Umzügen veranlaßten.
Der alte Kaufmann hinterließ ein Vermögen, das auf über
20 Millionen beziffert wurde. Die Hauptmasse fiel William
B. Astor zu. Die Höhe des Reichtums, den das Testament
erschloß, machte gewaltigen Eindruck. Niemals war ein
so reicher Mann dahingeschieden; das Volk war nicht an den
Gedanken gewöhnt, daß ein Einzelner Millionen Dollar
besessen haben sollte. Die Zeitungen bemerkten, nachdem
sie sein persönliches Vermögen auf sieben oder neun Millio-
nen Dollar angegeben hatten, mit Recht, daß es für die
menschliche Vorstellungskraft gleich wäre, ob es sich um
eine, um sieben oder um neun Millionen handle. — Eine
gänzlich abweichende Meinung in all der Verhimmlung,
mit der man Astors Taten überschüttete, vertrat nur James
Gordon Bennett, der Besitzer und Herausgeber des New
Yorker „Herald“, der in der Nummer vom 5. April 1848
folgendes schrieb:

„Wir geben in unseren Spalten eine authentische Kopie
von der größten Kuriosität des Jahrhunderts — vom Testa-
ment John Jacob Astors, der über ein Vermögen von über
20 Millionen Dollar zugunsten seiner verschiedenen Nach-
kommen ersten, zweiten, dritten und vierten Grades ver-
fügt... Wären wir bei John Jacob Astor Teilhaber ge-
wesen... ., so hätten wir ihm vor allem die Idee beigebracht,
daß die Hälfte seines ungeheuren Vermögens —
mindestens zehn Millionen — der Bevölkerung
von New York zukommt. Während der letzten Jahre
seines Lebens hat sich sein Besitz durch die gemeinsame
Intelligenz, den Fleiß, die Unternehmungslust und den
Handel New Yorks um die volle Hälfte seines Wertes ver-
mehrt. Die Farmen und Grundstücksparzellen, die er vor
vierzig, vor zwanzig, vor zehn und fünf Jahren gekauft hat,

sind lediglich durch den Fleiß der Bürger New Yorks im
Werte gewachsen. Daher ist es so klar wie 2 X 2 = 4 daß die
Hälfte seines Vermögens der Allgemeinheit gehört.“
        <pb n="172" />
        — 127 —
Das einzige Legat für öffentliche Zwecke, das er hinter-
ließ, waren 400 000 Dollar zur Gründung der Astor-Biblio-
thek; dafür und allein dafür bewahrt man ihm das Andenken
eines Philanthropen. Man vergißt, daß die Ergebnisse der
Plünderung der Indianer während eines Jahres schon ge-
nügten, um dieses vielgepriesene Legat zu machen. Man
feiert einen Menschen, weil er der arbeitenden Bevölkerung
unermeßliche Summen entwendet hat und einen Brocken
davon wieder zurückgibt; man vergißt, daß niemand große
Reichtümer ansammeln kann, ohne daß so und so viele
gleichzeitig verarmen. (Natürlich liegt das nicht an dem
Einzelbesitzer oder an einer einzelnen Einrichtung, son-
dern am ganzen System.) So war denn zur Zeit seines
Todes 1/5 der Bevölkerung New Yorks gänzlich ver-
armt, und !/, mußte aus öffentlichen Mitteln unterstützt
werden. Ein großer Teil davon waren Einwanderer, die,
vor der heimischen Ausbeutung fliehend, in Amerika, dem
„Lande der unbegrenzten Geldquellen“, in Armut gerieten.
Die Arbeiter wurden eben nicht bloß als Produzenten,
sondern auch als Mieter und Käufer usw. ausgebeutet. —
Die oft gehörte Behauptung, vor dem Bürgerkriege habe es
in den Vereinigten Staaten keine Landstreicher gegeben,
ist gänzlich falsch.

Sechstes Kapitel

DIE FERNERE GESTALTUNG DES ASTOR-VERMÖGENS

A sein Vater starb, war William B. Astor, John Jacob
Astors Haupterbe, 56 Jahre alt. Er war ein großer,
wuüchtiger Mann mit kleinen, zusammengekniffenen Augen
ınd ziemlich leerem Blick; sein Gesicht war träge und aus-
druckslos, Äußerst schweigsam und ungesellig, zeigte er
niemals irgendwelche Erregung und schien gefühllos. Er
gefiel sich darin, schäbig und schlechtgekleidet umherzu-
gehen, als wolle er sagen, ein Mensch mit solchem Vermögen
habe das Vorrecht, sich um die Konventionen der Gesell-
        <pb n="173" />
        — 128 —
schaft nicht zu kümmern. In diesem schmutzigen Kerl
mit der kalten, leeren Miene hätte niemand den reichsten
Mann Amerikas vermutet.

Erwerbstrieb war sein ausgesprochenster Charakterzug.
Noch vor dem Tode seines Vaters hatte er durch Land-
spekulationen und Bankgeschäfte ein eigenes Vermögen
angesammelt, und eine halbe Million Dollar hatte er von
seinem Onkel Henry, einem Schlächtermeister, geerbt.
1846 soll er 5 Millionen Dollar Privatvermögen besessen
haben. Während der letzten Jahre seines Vaters war er
Präsident der Amerikanischen Pelzgesellschaft gewesen, und
er kannte auch sonst jede Einzelheit in den weitver-
zweigten Interessen und Besitzungen seines Vaters.

William B. Astors Zeit
Er wohnte in einem. für damalige Verhältnisse schönen
Hause am Lafayette-Platz, neben der Astor-Bibliothek.
Seine Möbel, sein Tischgeschirr waren prächtig, und Diener
aller Sprachen standen gehorsam seinem leisesten Winke
bereit. Aber er genoß seinen Reichtum nicht an sich, nicht
als froher Genießer, sondern nur wegen der Atmosphäre
von Macht, mit der er ihn umgab, und seine Kärglichkeit
war nicht der Ausfluß weiser Selbstbeschränkung, sondern
knickeriger Gewohnheiten. Er prüfte und überprüfte den
kleinsten Ausgabeposten. Wein brachte er selten an seine
Lippen, und der Durchschnittskaufmann gab mehr für die
Garderobe aus als er. Zu einer Zeit, wo die Reichen das
Gehen verabscheuten und sich von schnellen Pferden durch
die Straßen fahren ließen, machte er alle Geschäftsgänge
zu Fuß. Diese strenge Sparsamkeit übte er nicht bloß im
eigenen Haushalt, sondern übertrug sie auf jede Einzelheit
seiner Geschäfte. Er stand früh auf und erledigte seine
Privatkorrespondenz vor dem Frühstück, das pünktlich
um neun aufgetragen wurde. Dann begab er sich in sein
Kontor in der Prince-Straße.

Ein zeitgenössischer Autor sagt von ihm: „Er kannte
jeden Fußbreit Landes, der ihm gehörte, jeden Vertrag,
jeden Kontrakt, jede Verpachtung. Er wußte genau, was
        <pb n="174" />
        — 120 —
er zu bekommen hatte, wenn die Pacht ablief, und kassierte
sie persönlich ein. Kein Verwalter durfte einen Dollar
ausgeben oder eine Scheibe einsetzen lassen, ohne daß er
den Schaden persönlich. besichtigt hatte. Wenn die Ver-
walter einen Cent ohne seine Erlaubnis ausgaben, mußten
sie ihn selber bezahlen.

Im oberen Teile von New York sieht man mehrere
hundert Grundstücke, die von baufälligen Zäunen ein-
gehegt und durch Felsen und wüste Stellen verunstaltet
sind oder als Güterschuppen dienen. Ein großer Teil davon
liegt mitten zwischen eleganten Wohnhäusern. Die meisten
gehörten Herrn Astor, der sie weder verkaufen noch be-
dauen wollte, sondern diese Eckgrundstücke bis zu einer
Preissteigerung zurückbehielt. Er wußte, daß niemand im
Innern des Karrees schöne Häuser bauen kann, ohne daß die
Eckgrundstücke davon profitieren,

Er war düster und einsiedlerisch, gab wenig und verab-
scheute die Bettler.

Er pflegte zu sagen: ‚Wenn ich einen Cent ausgebe,
will ich einen Cent "wiederbekommen‘, und von seiner
abscheulichen Kleinlichkeit ließen sich viele Geschichten
erzählen. Er befolgte:in jeder Hinsicht die Methoden
seines Vaters weiter, die Gewalt der Stadtregierungen
dazu zu benutzen, sich wertvolle Wassergrundstücke für
50 gut wie nichts bewilligen zu lassen, und verwendete wie
jener alle Überschüsse zum Ankauf weiterer Grundstücke
and zur Anlage in vorteilhaften Unternehmungen. Seine
Gleichgültigkeit gegen moralische Hemmnisse zeigte sich
auf mannigfache Weise, nicht zuletzt durch seine offene
Unterstützung offensichtlich korrupter Stadt- und Staats-
verwaltungen.‘‘

Die herrschende Korruttion
War die Korruption schon in den ersten Jahrzehnten
des 19. Jahrhunderts mit Händen zu greifen, so war sie es
dreimal in der Mitte des Jahrhunderts. Das war die Zeit
aller Zeiten, wo im ganzen Lande die Gemeinderäte, die
Parlamente und die Kongresse bestochen wurden, damit
        <pb n="175" />
        190) —
sie Gerechtsame, Grundbesitz, Geld und Gesetze für eine
große Zahl öffentlicher Unternehmungen, Eisenbahnen
und anderer Projekte hergäben.

Der wichtige Gesichtspunkt, der sich hier aufdrängt, ist
der, daß in jedem Falle, ohne Ausnahmen, der durch Be-
trug angesammelte Reichtum sogleich wieder benutzt
wurde, weitere Betrügereien ins Werk zu setzen, und daß
das klare Endergebnis dieser unaufhörlichen Betrügereien in
den großen Privatvermögen von heute zu erblicken ist.
Wir haben gesehen, wie das ursprüngliche Vermögen der
Astors in breitem Maße aus der Anwendung von Gewalt
und Betrug bei den Indianern und von List und Bestechung
im Osten stammte. John Jacob Astors ungeheurer Reichtum
geht zum größten Teil auf William B. Astor über. Einer aus
der dritten Generation, John Jacob Astor junior, wiederum
braucht als Vertreter seines Vaters, William B. Astor, einen
großen Teil seiner Gelder, um ein Hauptaktionär der New
Yorker Zentraleisenbahn zu werden und die New Yorker
Gesetzgeber dahin zu bestechen, daß sie dieser Eisenbahn
noch weiterhin äußerst wertvolle Bewilligungen und Spezial-
gesetze mit unberechenbar wertvollen Befreiungen gab.
John Jacob Astor junior baute nie in seinem Leben eine
Eisenbahn, er hatte keine Ahnung von Eisenbahnen; aber
vermöge seiner großen Einkünfte, die er hauptsächlich aus
Mieten bezog, konnte er genug Aktien kaufen, um sich in
die Reihe der Hauptaktionäre zu stellen, Und dann bestach
er mit den anderen Aktionären die Gesetzgebung, sodaß
sie weitere Gesetze erließ, die den Wert ihrer Aktien un-
geheuer vermehrten.

Aus Untersuchungen und Berichten der Zeit geht klar
hervor, daß die New Yorker Zentraleisenbahn zu den
fleißigsten Parlamentsbestechern im Lande gehörte, wenn
das auch nicht viel besagen will in einer Zeit, wo jedes Staats-
parlament ohne Ausnahme Geschenke an öffentlichem
Besitz und an Gesetzen für Gegengeschenke in bar machte,
und wo auch der Kongreß, wie durch offizielle Unter-
suchungen festgestellt ist, in verschwenderischster Weise
ebenso verfuhr?).

1) Vgl. den Dritten Teil dieses Werkes.
        <pb n="176" />
        — 131 —
In den vierzehn Jahren bis 1867 hatte die New Yorker
Zentraleisenbahn über eine halbe Million Dollar ausge-
geben, um zu Albany Gesetze zu kaufen und „ihre Aktionäre
gegen schädliche Gesetzgebung zu schützen“. Als einer
der Hauptaktionäre der Eisenbahn muß auch John Jacob
Astor junior einer der maskierten Teilnehmer an diesen
ständigen Bacchanalien der Bestechung gewesen sein. Aber
die Korruption, die vor 1867 statthatte, ist, so schlimm sie
war, ziemlich unbedeutend im Vergleich zu dem Auf-
schwung, den sie 1868 und 1869 nahm. Und hier mag eine
bezeichnende Episode angeführt werden, die zur Genüge
beweist, wie die Kapitalistenklasse stets darauf aus ist,
ihr Geld denen in die Hände zu geben, die sich in der Er-
zielung großer Profite und in der Bestechung öffentlicher
Körperschaften als Meister erwiesen haben.
Bestechung und Geschäft
” Im Aufsichtsrat der New York- und Harlem - Eisen-
bahn hatte Cornelius Vanderbilt bewiesen, mit was für be-
merkenswerten Erfolgen er Parlamente und Stadtverord-
netenversammlungen mit Bestechungsgeldern zu über-
schwemmen und unlautere Bewilligung von Gerecht-
samen und Gesetzen zu erlangen wußte, die viele Hunderte
von Millionen Dollar wert waren. Eine Zeitlang kämpfte
die New Yorker Zentraleisenbahn gegen ihn; sie bestach,
wo er bestach; wenn er einschüchterte, schüchterte sie auch
ein. Aber Vanderbilt war bei weitem der gewiegtere.
Schließlich erkannten die Aktionäre, daß er der Mann sei,
ihre Sache auf die Beine zu bringen, und am 12. November
1867 übertrugen John Jacob Astor junior, Edward Cunard,
John Steward und andere, die mehr als 13 Millionen Dollar
an Aktien repräsentierten, die New Yorker Zentralbahn dem
Cornelius Vanderbilt zur Geschäftsführung fit der Be-
gründung, dieser Wechsel würde größere Dividenden für
die Aktionäre herbeiführen und (so schrieben sie zur Er-
bauung der Aktionäre) „die Interessen des Publikums ge-
waltig fördern“. Am Schluß sprachen sie von Vanderbilts
großer und anerkannter Geschicklichkeit. Kaum war
        <pb n="177" />
        — 122 —
Vanderbilt am Ruder, als er diese Geschicklichkeit hervor-
ragend entfaltete, indem er Bestechung und Bedrohung
in so erstaunlichem Maße anwandte, daß sogar ein an die
zynischste Korruption und den frechsten Terrorismus ge-
wöhntes Publikum starr war).

Genau in denselben Jahren bekamen die Astors, die
Goelets, die Rhinelanders und viele andere Grundbesitzer
und Kaufleute weitere Wassergrundstücke bewilligt unter
Mitwirkung der verschiedenen korrupten Stadtverwal-
tungen. Am 14. Juni 1850 bekommt William B. Astor das
Häuserviertel zwischen der 12. und 13. Straße, am Hudson,
zu dem lächerlichen Preise von 13 Dollar für den laufenden
Fuß. William E. Dodge bekommt ebenfalls Land am Hudson.
Die öffentliche Meinung verdammte diese Weggabe städti-
schen Besitzes aufs strengste, und es wurde eine besondere
Kommission aus den Stadtverordneten gebildet, die im Mai
1854 berichtete: „Die Praxis, städtisches Grundeigentum zu
verkaufen, außer wo es offenbar ist, daß es öffentlich nicht
nutzbar gemacht werden kann, ist ein finanzieller Irrtum,
der zu häufig vorgekommen ist; in der Tat hat die Erfahrung
von mehr als elf Jahren bewiesen, daß Verkäufe aus diesem
Besitz immer zu einer Zeit stattfinden, wo er wahrschein-
lich zu öffentlichen Zwecken benötigt wird, oder am Wor-
abend einer Wertsteigerung. Jeder Ladeplatz hätte in
städtischem Besitz bleijhen miissen

Bewilligungen von W assergrundstücken durch Tweed
Als aber der sogenannte Tweed-Ring zu voller Macht ge-
langte, mit seiner unverhüllten Praxis, jedem gefällig zu
sein, der genug Bestechung zahlen konnte, beeilten sich die
Grundbesitzer und Kaufleute, sich unter anderen Privi-
legien auch Wassergrundstücke bewilligen zu lassen. Am
27. Dezember 1865 wurde William C. Rhinelander mit der
Überlassung von Boden unter Wasser von der 91. bis zur
94. Straße, am Ostflusse, beschenkt. Am 21. März 1867
erhielt Peter Goelet von der Kommission für Schulden-
tilgung eine Bewilligung von Land unter Wasser am Ost-

1) Vgl. die Kapitel über Vanderbilt,
        <pb n="178" />
        — 133 —
fluß, gegenüber dem ihm gehörigen Grund. und Boden
zwischen der 81, und der 82. Straße. Dafür wurde der un-
bedeutende Preis von 75 Dollar für den laufenden Fuß ver-
langt. Die Beamten, die diese Bewilligung hergaben,
waren der Revisor Richard B. Connolly und der Straßen-
kommissär George W. McLean, die beide Erzkomplicen
von William M. Tweed und tief in die gigantischen Dieb-
stähle des Tweed-Ringes verwickelt waren. Dieselbe Be-
amtenclique gab Frau Laura A. Delano, einer Tochter
William B. Astors, eine Bewilligung am Hudson von der
55. bis zur 57. Straße für 200: Dollar pro Quadratfuß
und verlieh John Jacob Astor junior am 21. Mai 1867 Land
unter Wasser am Hudson zwischen der 49. und der
51. Straße für die lächerliche Summe von 75 Dollar
den Quadratfuß. Viele andere Bewilligungen wurden zur
selben Zeit verliehen. Das Publikum, so gewohnt es auch
an korrupte Beamten war, wollte diese Weggabe wertvollen
städtischen Besitzes für einfach nichts denn doch nicht
schlucken. Die heftige Kritik, die sich deswegen erhob,
veranlaßte die städtischen Beamten, zurückzustoppen, be-
sonders weil sie keine Lust hatten, dieser kleineren Dieb-
stähle wegen ihre größeren zu gefährden. Viele von diesen
Bewilligungen waren noch nicht endgültig; und nachdem
der „Tweed-Ring“ seiner Macht enthoben war, sahen sich
die „Kommissionäre für Schuldentilgung“ durch die öffent-
liche Erregung gezwungen, viele davon zu widerrufen.
Die Bewilligung an Rhinelander von 1865 aber gehörte
zu denen, die nicht widerrufen wurden.

Während seiner Herrschaft über die Stadtverwaltung,
von 1868 bis 1871, bestahl der „Tweed-Ring‘“ die Stadt
und das Land New York um eine Summe, die zwischen
45 und 200 Millionen Dollar geschätzt wird. Henry F.
Taintor, der mit der N achprüfung der Bücher des Revisors
Connolly betraut war, bezeugte 1877 vor der Sonderkommis-
sion der Ratsherren, er schätze die Unterschleife während
dieser dreieinhalb Jahre auf 45 bis 50 Millionen Dollar. Die
Kommission aber ‚meinte offenbar, die Unterschlagungen
beliefen sich auf 60 Millionen Dollar, denn sie fragte Tweed
während der Untersuchung, ob sie nicht diese Summe er-
        <pb n="179" />
        “m
reichten, worauf er keine bestimmte Antwort gab. Aber
Herrn Taintors Schätzung war, wie er selbst zugab, auch für
die dreieinhalb Jahre bei weitem nicht vollständig. Matthew
J. L’Rourke, der für die Enthüllungen verantwortlich war
und der eine äußerst sorgfältige Studie über die Manipula-
tionen des „Ringes“ gemacht hat, sprach die Meinung aus,
von 1869 bis 1871 habe der „Ring“ über 75 Millionen Dollar
gestohlen, und die Gesamtdiebstähle von 1865 bis 1871,
wozu die großzügige Ausgabe schwindelhafter Obligationen
gehört, beliefen sich auf 200 Millionen Dollar.

Man profitiert von gigantischen Diebstählen
Jeder intelligente Mensch wußte 1871, daß "Tweed,
Connolly und ihre Genossen kolossale Diebe waren. In
diesem Jahr aber wurde eine Kommission aus den führenden
Bürgern New Yorks, nämlich John Jacob Astor junior,
Moses Taylor, Marshall O. Roberts, E. D. Brown, George
K. Sistare und Edward Schell, veranlaßt, eine Unter-
suchung der Bücher des Revisors zu machen; sie erstattete
einen höchst lobenden Bericht, worin Connolly wegen seiner
Ehrlichkeit und Zuverlässigkeit empfohlen wurde. Warum?
Weil sie offenbar selbst in heimlichem Einverständnis mit
diesen politischen Banditen waren und von ihnen Sonder-
rechte und Befreiungen bekamen, deren Wert .sich auf
Hunderte von Millionen Dollar belief. Wir haben gesehen,
wie Connolly dieser Klasse führender Bürger Geschenke
aus städtischem Besitz machte. Ja, eine korrupte Ver-
waltung war gerade das, was die Reichen wollten, denn
mit einer solchen konnten sie nach Belieben Vereinbarungen
treffen, um der Besteuerung ihres Besitzes zu entgehen,
die Einschätzung ihres Grund und Bodens auf eine Kleinig-
keit herabzudrücken und sich öffentliche Gerechtsame aller
Art zu sichern.

Nicht der leiseste Zweifel kann darüber bestehen, daß
die Reichen, als Klasse, es gern gesehen hätten, wenn die
Tweed-Herrschaft noch länger gedauert hätte. Sie mochten
sich den Anschein großer Moralisten geben und die Armen
in Religion und Politik unterweisen lassen — diese Haltung
        <pb n="180" />
        — 135 —
war heuchlerisch, sie haben all die großen Diebereien, die
Tweed und Connolly ins Werk setzten, wohlbedachtsam
angestiftet, unterstützt und davon profitiert. Um nur
ein Beispiel anzuführen: die bedeutendsten Finanz- und
Geschäftsleute des Tages waren in der ‚„„Viaduktbahn“ als
Direktoren mit Tweed assoziiert. Dieser Verkehrsgesell-
schaft war das Recht auf Anlegung ihrer Schienenwege
„in und über jede Straße New Yorks“ gewährt. Ein
Paragraph des Gesetzentwurfes für diese nie dagewesene
Konzession zwang die Stadt, für 5 Millionen Aktien zu
übernehmen, ein anderer befreite den Besitz der Gesell-
schaft von Steuern und Abgaben. Ein Nachtragsentwurf
bewilligte zugunsten der Bahn die Erweiterung und
Planierung von Straßen, was einen „Coup“ bedeutete, der
50 bis 60 Millionen Kosten ersparte. Die Bill wurde von
der Gesetzgebung angenommen und von Tweeds Stroh-
mann, Gouverneur Hoffmann, unterzeichnet; und nur die
Bloßstellung der ’T'weed-Herrschaft, die ein paar Monate
später eintrat, verhinderte die volle Ausführung dieser fast
beispiellosen Übervorteilung.

Wenn man bedenkt, daß die reichsten, einflußreichsten
und respektabelsten Männer direkte Verbündete der T’weed-
Clique waren, so ist es nicht weiter verwunderlich, daß
Männer wie John Jacob Astor junior, Moses Taylor, Edward
Schell und Genossen gern bereit waren, für Revisor Con-
nollys Ehrlichkeit ein Zeugnis zu unterschreiben. Der
„Tweed-Ring‘“ glaubte, ein von diesen Männern unter-
zeichnetes Zeugnis würde auf das Publikum großen Ein-
druck machen. Aber da diese Männer größeres Ansehen
genossen, war ihr Verbrechen noch schlimmer als das von
T’weed, weil das schlechte Vorbild, das sie gaben, um so ver-
hängnisvoller wirkte. Die Astors hintergingen die Stadt
um enorme Summen an Grund und Boden und nicht-
gezahlten Steuern; Moses "Taylor tat dasselbe, wie durch
eine Untersuchungskommission des Senats 1890 klar be-
wiesen wurde; Roberts war während des Bürgerkrieges
in große Schwindeleien verwickelt gewesen; und was Ed-
ward Schell betrifft, so zwang er die Stadt durch die Mit-
wirkung von korrupten Beamten, ihm exorbitante Summen
für Grund und Boden zu zahlen, den die Stadt für öffent-
        <pb n="181" />
        — 126 —
liche Zwecke benötigte. Auch muß darauf hingewiesen
werden, daß T’weed, Connolly und Sweeny nur gewöhnliche
politische Diebe waren, die nur einen Kleinen Teil ihrer
Beute behielten, Tweed starb gänzlich arm im Gefängnis:
sogar das sehr ausgedehnte Areal, das er mit gestohlenem
Gelde gekauft hatte, verschwand (ein Teil ging als Honorar
an einen seiner Rechtsanwälte, Elihu Root, der unter Roose-
velt Minister war). Connolly floh mit 6 Millionen Dollar
von der Beute ins Ausland und starb dort, während Sweeny
sich mit der Stadt auf eine unbedeutende Summe einigte.
Die Leute, die von den gigantischen Diebstählen an Geld
und Gerechtsamen, Steuerbefreiung und anderen Maß-
regeln, die im Parlament oder im Gemeinderat durch-
gebracht wurden, wirklich profitierten (direkt oder indirekt),
waren reiche Männer im Hintergrunde, die ihre Reich-
tümer dadurch unermeßlich vermehrten und deren Nach-
kommen jetzt Riesenvermögen besitzen und Namen von
höchster „Ehrbarkeit“ tragen.

Mieten aus Krankheit und Tod
Die Häuser, aus denen die exorbitant hohen Mieten
flossen, waren keineswegs menschenwürdige Wohnstätten.
In ihrem ersten Bericht nach ihrer Gründung führte die
hauptstädtische Gesundheitskommission aus:

„Die erste und jederzeit ergiebigste Quelle der Krankheit
wurde in dem äußerst gesundheitswidrigen Zustand der
meisten Miethäuser der Städte New York und Brooklyn
gefunden. Diese Häuser sind im allgemeinen ohne jede
Rücksicht auf die Gesundheit und Bequemlichkeit ihrer
Bewohner gebaut, sondern lediglich in Hinsicht auf Er-
sparnis und Profit ihrer Besitzer. Sie sind fast ohne Unter-
schied übervölkert und ermangeln der Lüftung in solchem
Grade, daß die Luft darin beständig unrein und schäd-
lich ist.“

Hier folgt eine Menge ekelhafter Einzelheiten, die wir
dem Leser lieber ersparen möchten. Dann geht es weiter:

„Die Flure und Treppen sind gewöhnlich schmutzig und
Anster, die Wände und Treppengeländer faul und feucht,
        <pb n="182" />
        127
während die Böden in Ermanglung anderer Vorkehrungen
nicht selten zur Verrichtung der natürlichen Bedürfnisse
dienen. Die Wohnräume sind ihrer Größe nach zum
Wohnen gewöhnlich völlig ungeeignet, und die Schlaf-
zimmer sind einfach Kammern, zu denen Licht und Luft
lediglich durch eine einzige Tür Eingang findet... Das
ist der Charakter einer großen Anzahl von Miethäusern,
besonders im unteren Teil der Stadt und längs des Ost-
und Westrandes, In diesen Wohnhäusern herrschen be-
ständig Krankheiten, besonders in Form von Fiebern
typhoiden Charakters, die von Zeit zu Zeit zu einer Epidemie
ausarten.“‘“

„Einige dieser Mietkasernen,“ fügt der Bericht hinzu,
„gehören Persönlichkeiten von höchstem Charakter, denen
jedoch die Erkenntnis der Verantwortung, die auf ihnen
ruht, mangelt!‘ Also die Grundbesitzer konnten für mensch-
liche Wesen Schweineställe bauen und große Mengen Men-
schen darin zugrunde gehen lassen und viel Geld dabei
verdienen — und blieben doch „Persönlichkeiten von
höchstem Charakter“!

Reichlich ein Drittel der Todesfälle in New York und
Brooklyn resultierte aus ansteckenden Krankheiten, die in
diesen Häusern erworben worden waren ; doch nicht die
leisete Stimme wurde laut, nicht die entfernteste Andeutung
darüber, daß reiche Männer, die solchermaßen bewußt von
Krankheit und Tod profitierten, auf die Anklagebank  ge-
hörten — wenn auch schwach und schüchtern die Meinung
ausgesprochen wurde, sie möchten wohl moralisch schul-
dig sein.

Humanität spielt keine Rolle
Das menschliche Leben galt nichts; die Herrschaft der
Besitzidee lastete auf dem Denken und auf der Gesetzgebung
— nicht weil die Menschheit gegen Leid, Elend und
legalisierten Mord unempfindlich war, sondern weil Den-
ken und Gesetzgebung nur darstellten, was die Besitz-
interessenten verlangten. Wären die weißen Proletarier
gesetzliche Sklaven gewesen wie die Neger im Süden,
        <pb n="183" />
        Bo —
12
so hätte man auf ihre Ernährung und Behausung mehr
Sorgfalt verwandt, denn dann wären sie eben Besitz
gewesen, und wo hätte jemals ein Besitzender etwas, das
Geld einbringt, zerstört? Als „freie“ Männer, Frauen
und Kinder aber waren die Proletarier einfach ebensoviele
Fleischbündel, deren Krankheit und Tod für keinen Be-
sitzer einen pekuniären Verlust bedeutete. Daher war ihr
Minsiechen ohne große Bedeutung für eine Gesellschaft,
die man gelehrt hat, die Heiligkeit des Privateigentums zu
verehren, wie es in Häusern, Kleidern, Maschinen und
Möbeln verkörpert war, die, wenn auch leblos, sämtlich
die wichtigste Eigenschaft eines Kassenwertes hatten, den
der Arbeiter nicht aufweisen konnte.

Aber diese Grundbesitzer „von höchstem Charakter“
sammelten nicht bloß selber Mieten aus Wohnhäusern,
die die Kirchhöfe füllten, sondern trieben auch das einträg-
liche Geschäft, gewisse Mietkasernen an Mittelsleute ab-
zugeben, die ihnen eine bestimmte, unfehlbare jährliche
Pacht dafür garantierten. War ihnen dies gelungen, so
kümmerten die Grundbesitzer sich nicht im mindesten
darum, was diese Pächter taten — was für Mieten sie ver-
langten, oder in was für Zuständen sie ihre Mieter wohnen
ließen. „Die Mittelsleute,“ so berichtet die hauptstädtische
Gesundheitskommission, „sind häufig von herzlosestem und
skrupellosestem Charakter und machen mächtige Profite
durch das Aftervermieten. Sie lassen keinen Raum unver-
mietet: sie vermieten Schuppen und sogar Kellergeschosse
an Familien; sie teilen die Zimmer durch Zwischenwände
und bringen dann eine ganze Familie in einem einzigen
Raum unter, der als Küche, Wohn- und Schlafzimmer
dienen muß. Im vierten, sechsten, siebenten, zehnten und
vierzehnten Bezirk sind große, altmodische Wohnhäuser zu
finden, die ursprünglich für eine Familie gebaut waren
und jetzt in solcher Ausdehnung geteilt und untervermietet
sind, daß sogar die früheren Unterkeller von zwei oder mehr
Familien besetzt sind. Es gibt in New York eine Keller-
bevölkerung von nicht weniger als 20000 Menschen.“

Hier leuchtet wieder in blendendem Glanz die höhere
Moral der besitzenden Klasse. Es wird nicht von einem
        <pb n="184" />
        1239 —
einzigen Grundbesitzer berichtet, der sich geweigert hätte,
die großen Gewinste aus solchen Mietkasernen einzu-
sacken. Groß waren sie in der Tat, außerordentlich groß,
denn die Grundbesitzerklasse betrachtete Wohnhäuser als
„glänzende Kapitalsanlage‘“, und alle bis auf einen hielten
daran fest. Dieser eine war William Waldorf Astor von der
heutigen Generation, der, wie uns berichtet wird, „im Jahre
1890 wenig aussichtsreiche Miethäuser im Werte von einer
Million Dollar verkaufte“. Was mag William Waldorf
Astor bewogen haben, sich so von den überlieferten Ge-
wohnheiten seiner Kaste zu scheiden, daß er eine „glänzende
Kapitalsanlage‘“ fahren ließ! Graute ihm vor dem Ver-
mieten, oder wurde er in den Methoden wählerischer ?
Es sei bemerkt, daß bis dahin er und seine Familie die Ein-
künfte aus den Mieten mit großer Zähigkeit einkassiert
hatten — die Quelle, aus der das Geld floß, störte ihn also
offenbar nicht. Und beim Verkauf dieser Mietkasernen
mußte er sich sagen, daß die Käufer seinen Profit bei der
Transaktion wieder den künftigen Mietern aufbürden
würden und daß auf diese Weise nur eine größere Über-
völkerung entstehen mußte. Was war also der Grund?
5 Um das Jahr 1887 hatte sich in New York eine lebhafte
Agitation gegen die entsetzlichen Zustände in den Miet-
kasernen gebildet, und allgemein wurden Gesetze verlangt,
die ihnen ein Ende machen oder wenigstens einige Besserung
herbeiführen sollten. Die ganze Grundbesitzerklasse be-
kämpfte diese Agitation und diese Gesetzesvorschläge aufs
kräftigste. Da wurde bezeichnenderweise vom Bürger-
meister eine städtische Kommission gebildet, die diese
Zustände untersuchen sollte — und diese Kommission wurde
aus Grundbesitzern gebildet. William Waldorf Astor war
ein hervorragendes Mitglied dieser Kommission. Der Hohn,
der darin lag, daß man einen Mann, dessen Familie ganze
Meilen von Miethäusern besaß, für eine Kommission
wählte, deren Aufgabe es sein sollte, Mittel zur Besserung
der Zustände in den Miethäusern zu finden, entging dem
Publikum nicht; die arbeitende Bevölkerung war, und mit
Recht, skeptisch über den guten Glauben dieser Kommis-
sion. Jedes Gesetz, begonnen mit dem milden und wirkungs-
        <pb n="185" />
        — 140 —
losen von 1867, das den schaurigen Verhältnissen in den
Mietkasernen abhelfen wollte, war von den Grundbesitzern
hartnäckig bekämpft worden; und selbst als diese kindischen
Maßregeln angenommen waren, hatten die Grundbesitzer
sich ihrer Durchführung widersetzt. Ob es nun wegen der
bitteren Kritik geschah, die jetzt auf William Waldorf
Astor herabregnete, oder weil er sah, daß es eine gute Zeit
wäre, sich seiner Miethäuser als Geldquelle zu entledigen,
bevor weitere Gesetze gemacht würden, ist nicht sicher be-
kannt. Auf jeden Fall verkaufte William Waldorf Astor
große Massen Miethäuser.

Ein erhabener Kaptitalist
Um jedoch wieder zu William B. Astor zurückzukehren:
er war, nach einer Berechnung von 1875, Eigentümer von
über 700 Gebäuden und Wohnhäusern — der vielen Parzellen
unregulierten Landes, die er besaß, gar nicht zu gedenken.
Sein Einkommen aus diesen Besitzungen und aus den ver-
schiedenen Geschäften, in denen er seine Kapitalien an-
gelegt hatte, war verblüffend. Jedermann wußte, daß er,
wie die übrigen Grundbesitzer, große Einkünfte aus un-
beschreiblich übelriechenden Häusern bezog, die als mensch-
liche Wohnräume ungeeignet waren. Aber in den Organen
der öffentlichen Meinung und in den Predigten und Reden
des Tages ist wenig zu bemerken, was etwas anderes als
die größte Demut für ihn und seinen Schlag bekundet hätte.
Man schaute zu ihm als zu einem bedeutenden, hoch-
erhabenen Kapitalisten empor; keine Kirche verschmähte
seine Gaben!) — weit gefehlt: sie wurden eifrig erbeten
und dankbar, ja unterwürfig angenommen. Keiner fragte
nach den Quellen seines Reichtums — gewiß nicht die Leute

seiner eigenen Klasse, die sich sämtlich mehr oder weniger
derselben Methoden bedienten und sie als reinlich hin-
*) Die Moral der Kirchen war, wie am Beispiel der Dreieinigkeitskirche gezagt
wurde, nicht besser als die von Astor und seinesgleichen. Astor heuchelte wenig-
stens nicht. Die Zustände in den Häusern der Dreieinigkeitskirche waren genau
80 empörend wie nur irgendwo in New York. Die Kirchen wandten die Gesetze
genau 50 streng an und wußten die ihnen unbequemen genau so geschickt zu um-
gehen wie alle anderen Grundbesitzer.
        <pb n="186" />
        — I41 --
stellten, sowohl der Tradition wie dem Gesetz nach, und
als übereinstimmend mit den „natürlichen Gesetzen“ der
Gesellschaft.

Keine Verurteilung suchte Astor oder seinesgleichen
heim für die Profite, die sie aus den grauenhaften Ernten
von Krankheit und Tod erhoben. Als William B. Astor 1875
starb, 83 Jahre alt, in seinem braunen Palast an der
35. Straße und der Fünften Avenue, war sein Begräbnis
unter der Aristokratie der Stadt ein Ereignis; die Zei-
tungen publizierten die ausschweifendsten Anhimmlungen,
und die hundert Millionen, die er (schätzungsweise) hinter-
ließ, wurden dem ganzen Lande als leuchtendes, unver-
gängliches Vorbild eines Vermögens hingestellt, das man
durch Strebsamkeit, Unternehmungsgeist, Beharrlichkeit
und Geschicklichkeit erreichen könne.

Verwandtschaftlicher Reichtum

Dieses Vermögen ging in der Hauptsache zu beinahe
gleichen Teilen auf seine Söhne John Jacob jun. und William
über. Die Sprößlinge waren durch Erbschaften aus verschie-
denen Familienquellen und durch Heirat mit anderen
reichen Familien oder durch beides bereits reich. Da sie
außerdem die unermeßlichen Reichtümer ihres Vaters
hinter sich hatten, hatten sie sich äußerst günstige Gelegen-
heiten zunutze machen können, um auf eigene Rechnung
Reichtümer zu sammeln.

Im Jahre 1853 hatte William Astor eine aus der Schermer-
horn-Familie geheiratet. Die Schermerhorns waren mächtige
New Yorker Grundbesitzer; und wenn sie auch nicht ganz
auf demselben Gipfel des Reichtums standen wie die Astors,
so waren sie auf jeden Fall reich genug. Die ungeheuer
wertvollen Areale Landes, die damals den Schermerhorns
gehörten und noch jetzt in ihrem Besitz sind, waren zum
großen Teil mit genau denselben Mitteln erworben, wie die
Astors, die Goelets, die Rhinelanders und andere hervor-
ragende Grundbesitzerfamilien sie gebraucht hatten.

Die Politik, die die reichen Männer und besonders auch
die reichen Frauen von Anfang an befolgten, war die Heirat
        <pb n="187" />
        - 1242
innerhalb ihrer eigenen Klasse. Dadurch mußte natürlich
der Reichtum noch mehr auf den engen Kreis einiger
weniger Familien konzentriert werden. Wenn man daher
das Gesamtvermögen der Astors oder irgendein anderes
großes Vermögen abschätzt, so muß man nicht nur die
Reichtümer einer Familie, sondern den kombinierten
Reichtum der miteinander verwandten reichen Familien
betrachten.

Die Heirat William Astors war (wie die seines Sohnes
John Jacob Astors II. mit der Tochter einer der reichsten
Grundbesitzerfamilien in Philadelphia, 38 Jahre später)
das Ereignis des "Tages, wenn man nach der Aufregung
urteilt, die sie in der sogenannten höheren Klasse erweckte,
und nach der Aufmerksamkeit, mit der die Zeitungen sie
behandelten. In Wirklichkeit würden diese Heiraten kaum
Erwähnung verdienen, wenn sie nicht die Wirkung gehabt
hätten, das Geld zu konzentrieren, und wenn sie nicht ein
gutes Bild von den Vorstellungen der Zeit gäben.
Große Steuerhinterziehungen
Die direkte Aufopferung menschlichen Lebens bei den
Indianern und in den Miethäusern war jedoch nur Eine
Quelle des Astorvermögens. Wieviel sie durch Steuer-
hinterziehungen verdienten, läßt sich genau nicht sagen,
da man diese Tatsachen im allgemeinen sorgfältig verborgen
hat. Immerhin ergibt sich aus einer Zeugenaussage, die
Michael Coleman, der Präsident der Einschätzungskommis-
sion, 1890 vor einer staatlichen Senatskommission machte,
daß die Taxatoren gar nicht die Macht hatten, Einsicht in
die Mietsbücher zu verlangen, und sogar nicht wissen
konnten, wie hoch die Einkünfte der Grundbesitzer waren.
Coleman gab zu, daß weite Bodenstriche, die den Astors
gehörten, nur auf die Hälfte oder auf weniger als die Hälfte
ihres wahren Wertes eingeschätzt wurden, und daß man
den Aktiengesellschaften New Yorks, deren Personalver-
mögen auf 1650 Millionen Dollar geschätzt wurde, erlaubte,
es auf 294 Millionen herunterzuschwören. So halfen die
Steuerbehörden bei der Auspowerung der Massen.
        <pb n="188" />
        Die Gestaltung des Astor-Vermögens
Geben wir der Übersicht halber zunächst einen Stamm-
baum?!) der Astors:
1. John Jacob Astor
+ 1848: 20 Mill. Dollar

2. William B. Astor
+ 1875: 100 Mill. Dollar

aa

(50) (50)
3. John Jacob jun. Astor 4. William Astor
t 1890: 150 Mill. Dollar t 1892: 75 Mill, Dollar
as 3 .
5. William Waldorf Astor 6, John Jacob Astor II.
+ 1912: 100 Mill. Dollar

1
zz. William Vincent Astor
Das Vermögen, das John Jacob Astor jun. (3) 1890 hinter-
Heß, belief sich auf mehr als 150 Millionen Dollar; die
Hauptmasse davon ging auf seinen Sohn William Waldorf
Astor (5) über.

Die 75 Millionen Dollar, die William Astor (4) im Jahre
1892 hinterließ, vermachte er seinem Sohne John Jacob
Astor (6). Dieser war eins der Opfer der „Titanic“, die am
15. April 1912 unterging. Sein Vermögen war auf wenigstens
100 Millionen angewachsen. Nach dem Beispiel seiner
Vorfahren setzte er sein Testament so auf, daß sein Besitz
SO gut wie intakt blieb und auf seinen ältesten Sohn William
Vincent Astor (7) überging.

Damit haben wir die jetzige Generation erreicht. Wir
wollen nun nicht versuchen, ihre vielfältigen Unternehmun-
gen, die Grund und Boden, Eisenbahnen, Industrie, Ver-
sicherung und eine Menge anderer Kapitalanlagen um-
fassen, im einzelnen zu schildern; die Absicht dieses Werkes
ist vielmehr die Aufzeigung der näheren Umstände, unter

1) Vom Übersetzer hinzugefügt.
        <pb n="189" />
        - 144
denen die großen Privatvermögen entstanden und ge-
wachsen sind; im Falle der Astors ist das reichlich, vielleicht
allzu reichlich geschehen, obgleich viele Tatsachen mit
Absicht ausgelassen wurden, die eigentlich hineingehörten.,
Es bleiben aber noch ein paar bedeutsame Fakten übrig,
ohne die die Arbeit unvollständig wäre.

Wir sahen, wie sich das Astorvermögen im Jahre 1876
beim Tode William B. Astors (z) auf wenigstens 100 Millionen
Dollar belief, wahrscheinlich auf mehr. Sechzehn Jahre später,
um 1892, hatte es sich also in den Händen seiner beiden
Söhne (3 und 4), die zusammen 225 Millionen Dollar hinter-
ließen, mehr als verdoppelt. Die Methoden, wodurch dieses
Anwachsen erreicht wurde, sind bereits auseinandergesetzt
worden. Ein großer Teil kam aus der Wertsteigerung von
Grund und Boden, die nicht aus der kleinsten Bemühung
der Astors, sondern aus der Vermehrung der Bevölkerung
und der Arbeit der ganzen Arbeiterschaft stammte. Diese
Werte wurden von den Produzenten geschaffen, aber diese
waren bei weitem nicht Eigentümer oder auch nur "Teil-
haber dieser Werte, sondern wurden noch gezwungen,
immer schwereren Tribut in Form von Miete zu zahlen
für ebendieselben Werte, die sie geschaffen hatten. Wenn
die Astors und die anderen Grundbesitzer ständig in
Trance umhergewandelt wären, wären diese Werte genau
ebenso geschaffen worden. Aber nicht zufrieden mit den
Werten, die andere für sie schufen, betrogen die Grund-
besitzer die Stadt auch noch um den spärlichen Bruchteil
dieser Werte, den sie in Form von Steuern hätten zahlen
sollen.

Ein Rieseneinkommen
Das Gesamtvermögen der Astors beläuft sich, wie schon
gesagt wurde, auf 450 Millionen Dollar. Das ist jedoch
lediglich eine Schätzung, die hauptsächlich auf ihren
Liegenschaften basiert. Niemand als die Astors selber weiß,
was sie an Aktien und Obligationen jedweder Art besitzen.
Man kann mit Sicherheit annehmen, daß ihr Vermögen
450 Millionen noch weit übersteigt. Der Überschuß wächst
        <pb n="190" />
        so schnell, daß ein großer Teil davon andauernd in weiteren
Landankäufen angelegt wird. Mit dem unteren Teil von
Manhattan anfangend, kauften sie dann Land in Yorkville,
dann in Harlem und später im Bronx, und in diesem Stadtteil
New Yorks besitzen sie jetzt ungeheure Areale. Ihr Besitz
ist die ganze Zeit über größer und größer geworden.

An Mieten in New York allein kassieren sie, wie geschätzt
wird, jedes Jahr 25 bis 30 Millionen Dollar ein. Die „Astor-
Besitzungen“ werden von einem Zentralbüro aus verwaltet,
dessen Leiter 50000 Dollar jährliches Gehalt bekommen
soll und mit seinem Stabe von Untergebenen die gesamte
Verwaltung besorgt. Von diesen jährlichen Mieteinnahmen
wird ein Teil unter die verschiedenen Mitglieder der Familie
Astor je nach ihrem Anteil verteilt, der Rest wird
zu weiteren Landankäufen verwandt.

Die Paläste der Astors
Die Paläste der Astors gehören zu den prächtigsten der
Vereinigten Staaten und Europas. Das Wohnhaus in New
York an der Fünften Avenue und der 65. Straße, lange Zeit
von Frau William Astor (4) bewohnt, ist von außerordent-
lichem Glanz und Luxus. Daran anstoßend und damit ver-
bunden ist das gleichfalls prachtvolle Haus ihres Sohnes
John Jacob Astor (der mit der „Titanic“ unterging). In
diesen Häusern, oder vielmehr Palästen, ist Glanz auf
Glanz gehäuft. In Frau William Astors geräumigem Tanz-
saal und in ihrer Gemäldegalerie sind Bälle gegeben worden,
deren jeder über 100000 Dollar gekostet haben soll. Die Ge-
mäldegalerie glänzt in Weiß und Gold; die Wände wimmeln
von kostbaren Gemälden, und an einem Ende ist eine Ga-
lerie, wo bei festlichen Gelegenheiten Musikanten auf-
spielen. Die Speisesäle dieser Häuser sind unermeßlich.
Die Wände sind mit alter Eiche und Goldeinlagen ge-
schmückt und mit antiken Teppichen in schweren Eichen-

rahmen mit dicken Goldrändern behangen. Auf die Tafel
blickt eine prachtvolle Decke herab, eine farbige Lohe auf
schwarzer Eiche, die sich von schweren Goldrändern ab-
hebt. Gerade über dem Mittelpunkt der Tafel sind Blumen-

Sp]
        <pb n="191" />
        146 —
girlanden und Früchte gemalt, in deren Mitte Frau
Astors Monogramm in Goldbuchstaben prangt. Aus dieser
großen Halle mit ihren Reproduktionen von Gemälden der
Marie Antoinette und anderer Personen des alten franzö-
sischen Hofes, mit ihren kostbaren Vasen und Draperien
führt eine breite Marmortreppe mit eleganten Stufen auf-
wärts. Bei all den luxuriösen Einzelheiten dieser Paläste
zu verweilen ist gar nicht möglich: in beiden Häusern ist
jedes Zimmer eine Pracht.

Die Nachbarschaftt dieser Paläste

Von diesen Palästen ist nur ein Schritt zu Gegenden,
wo große Teile der Bevölkerung in den elendesten Miet-
kasernen zusammengestopft sind. Es ist unleugbare Tat-
sache, daß mehr als fünfzig Häuserblocke auf der Man-
hattan-Insel — deren jeder nicht viel größer ist als der Raum,
den die Astorpaläste bedecken — von je 3000 bis 4000
Personen wimmeln; in manchem Häuserblock drängen sich
sogar 6000 Personen zusammen. Im Jahre 1855, als man die
Verhältnisse schon für schlimm genug hielt, hatte die Sektion
im Süden der 14. Straße schon 417 476 Bewohner; 1907
waren es aber 750 000. Vor vierzig Jahren waren nur die
unteren Bezirke Manhattans übervölkert — jetzt hat sich
die Übervölkerung auf alle Teile Manhattans und auf
einige Teile von Bronx und Brooklyn ausgebreitet. In
manchen Teilen New Yorks leben auf einem Areal von
200 Morgen 200 000 Menschen, also 1000 auf einem Mor-
gen (= 40'/, a). Nicht selten findet man achtzehn Per-
sonen, Männer, Frauen und Kinder, die, von der Not ge-
zwungen, in drei engen, erstickenden Räumen schlafen.

Aber die Wohnungen der Astors in New York sind nur
ein kleiner Teil ihrer vielen Paläste. In Newport haben sie
stattliche Schlösser, die große Summen kosten; in Fern-
cliffe am Hudson hatte John Jacob Astor (6) ein Gut von
2000, Morgen; dieser Landsitz, in reiner italienischer
Architektur erbaut, ist mit jedweder Annehmlichkeit und
jedwedem Luxus ausgestattet. Sein Vetter William Waldorf
Astor hat sich vor einigen Jahren freiwillig aus der Heimat
        <pb n="192" />
        YET
verbannt und ist britischer Untertan geworden. Er kaufte
den Cliveden-Landsitz zu Taplow (Bucks) in England,
den alten Sitz des Herzogs von Westminster, des reichsten
Grundherrn in’England. Seitdem verachtet er seine Heimat
und denkt nicht daran, seine Besitzungen in New York, die
ihm ein so großes Einkommen abwerfen, auch nur anzusehen.
Dieser Grundbesitzer in der Fremde, für den schätzungs-
weise nicht weniger als hunderttausend Männer, Frauen und
Kinder fronen für die Miete, die sie ihm zahlen müssen,
hat sich in England mit der größten Exklusivität umgeben.
Das Recht, das das Publikum lange genossen hatte, sich
auf dem Cliveden-Gute zu ergehen, hat er aufgehoben,
strenge Befehle gegen Übertretungen erlassen und längs
der Straßen-hohe Mauern aufgerichtet mit Stacheldraht-
zäunen. Sein Sohn und Erbe, Waldorf Astor, hat erklärt,
britischer Untertan bleiben zu wollen. William Waldorf
Astor ist so etwas wie ein Macher der öffentlichen Meinung:
er besitzt in London eine Zeitung und eine Zeitschrift.

So hoffen wir die allgemeine Meinung widerlegt zu haben,
als wäre das Astorvermögen gerade eins von denen, die
durch ehrliche Mittel erworben worden sind.

Siebentes Kapitel
ANDERE LANDVERMÖGEN
Di Gründung und Vergrößerung anderer großer Privat-

vermögen aus Grundbesitz ist durch ganz ähnliche
oder gleiche Methoden vollzogen worden, wie beim Astor-
vermögen.

Nächst Astor hatten vielleicht die Goelets dem Werte
nach die größten städtischen Besitzungen in den Vereinigten
Staaten. Was sie allein auf der Manhattan-Insel besaßen,
wird auf volle 200 Millionen Dollar geschätzt.
Das Goeletvermögen
Gründer des Goeletvermögens war Peter Goelet, der
während und nach der Revolution Eisenhändler war. Sein

‚A.
        <pb n="193" />
        — 148
Großvater, Jacobus Goelet, war als Knabe und Jüngling
von Frederick Phillips erzogen worden, der als Anstifter
und Hehler von Seeräubern bereits erwähnt wurde. Von
Peter Goelets Geschäftsmethoden und von seiner Persön-
lichkeit ist kein Bericht vorhanden; von seinen Methoden,
Land an sich zu bringen, ist immerhin einiges bekannt.
Im Laufe dieses Werkes ist schon im einzelnen gezeigt
worden, wie Peter Goelet in Verbindung mit John Jacob
Astor, den Brüdern Rhinelander, den Schermerhorns, den
Lorillards und anderen Begründern von Multimillionär-
Dynastien sich im ersten und mittleren Teil des vorigen
Jahrhunderts betrügerischerweise große Striche Landes
gesichert hat, die damals oder jetzt im Herzen der Stadt
New York liegen.

Wie es auch bei John Jacob Astor der Fall war, stammte
das Vermögen der Goelets aus einer Mischung von Handels-
gewinn, Banken und Grundbesitz. Die Handelsprofite
wurden zum Ankauf weiteren Landes verwendet oder
wanderten zum Teil in den Korruptionsfonds, mit dem
die Gesetzgebung von New York zur Gewährung von Bank-
Konzessionen, Befreiungen und anderen Sondergesetzen
bestochen wurde. Die verschiedenen Anlagearten durch-
kreuzten und vermischten sich. Peter hatte zwei Söhne:
Peter P. und Robert P. Goelet. Diese beiden Söhne kopu-
lierten sich mit den vorteilhaften Töchtern von Thomas
Buchanan, einem reichen schottischen Kaufmann in New
York und eine Zeitlang Direktor der „Bank der Vereinigten
Staaten“. Daraus ergab sich, daß sie beim Tode ihres
Vaters nicht nur ein großes Geschäft und einen beträcht-
lichen Strich an Grund und Boden erbten, sondern auch
vermöge ihres Geldes und ihrer Verwandtschaft eine große
Rolle in der Leitung einiger der reichsten und despotischsten
Banken spielen konnten. Peter P. Goelet war mehrere
Jahre lang einer der Direktoren der „Bank von New York“,
und beide Brüder zogen Nutzen aus der korrupten Aufsicht
über die „Bank der Vereinigten Staaten“, und gehörten zu
den Hauptgründern der „Chemikalien-Bank“,

Diese Brüder hatten sich mit eiserner Entschlossenheit
vorgenommen, das größte Vermögen zu errichten, das sie
        <pb n="194" />
        — 149 —
nur errichten könnten, und ließen sich von keinem Hindernis
aufhalten, Wo Betrug nötig war, betrogen sie, wie die mei-
sten ihrer Klasse, ohne Zögern. Um die Konzession für die
bekannte Chemikalien-Bank zu bekommen, bestachen sie
Mitglieder der Gesetzgebung mit derselben Ruhe, als
handle es sich um ein gewöhnliches Geschäft. Diese Bank
wurde, wie wir gesehen haben, gegründet, nachdem eine
genügende Anzahl von Mitgliedern der Gesetzgebung mit
50 000 Dollar in Aktien und einer großen Summe Bargeld
bestochen worden war. Heute aber ist diese Bank eins der
reichsten und mächtigsten Unternehmungen in den Ver-
einigten Staaten, und da die verbrecherischen Vorgänge
bei ihrer Gründung niemandem außer dem historischen
Forscher bekannt sind, ist die Verbindung ihrer Ahnen
mit dieser Gründung für die Goelets ein Gegenstand des
Stolzes, so z. B. in einer korpulenten Biographie der reichen
Familien New Yorks, wozu die Familien selbst die Beiträge
eingesandt und vielleicht auch selbst geschrieben haben. So
werden die Verbrechen der einen Generation die Ruhmes-
taten der anderen! Die Aktien der Chemikalien-Bank, die
eine fabelhafte Höhe haben, gehören noch immer einer
kleinen, kompakten Gruppe, aus der die Goelets hervor-
stechen.

Aus den Betrügereien mit dieser Bank errafften die Goelets
starke Profite, die sie systematisch in New Yorker Grund
und Boden anlegten. Und ihre Mieteinnahmen aus diesem
Grundbesitz stiegen progressiv. Ihre Politik, nur immer
hinzuzukaufen, die sie wie die Astors streng verfolgten,
konntensie leicht durchsetzen, dasie einerseits die städtischen
Beamten Schlag auf Schlag zur Bewilligung von Grund und
Boden bestachen und anderseits immerwährend Über-
schüsse hatten.

Einst eine Farm; jetzt wertvoller Grundbesitz
Als William B. Astor 1846 den größeren Teil vom Ver-
mögen seines Vaters erbte, hatten die Brüder Goelet schon
die erste Reihe der damaligen Millionäre erreicht, obgleich
ihr Vermögen nur ein Bruchteil von dem der Astors war.
        <pb n="195" />
        Der große Anstoß zu dem plötzlichen Anwachsen ihres
Vermögens kam in der Zeit von 1850 bis 1870 durch
einen Landstrich, den sie in den früheren Außenbezirken
der Stadt besaßen. Dieses Land war einst eine Farm und
erstreckte sich etwa vom heutigen Union-Platz bis zur
47. Straße und zur Fünften Avenue. Es umfaßte eine lange
Sektion vom Broadway — die jetzt mit Riesenhotels,
Geschäftshäusern, Läden .und "Theatern bedeckt ist; es
schließt gleichfalls Häuserblock auf Häuserblock mit Wohn-
häusern und aristokratischen Villen ein. Zuerst am äußersten
Rande New Yorks gelegen, dann ein Teil der Vorstädte,
lag dieses Areal in einer Gegend, die seit 1850 großen Wert
vekam und zu Wohnungen für die Reichen äußerst gefragt
wurde, Um 1879 war es ein Mittelpunkt der Stadt und
brachte hohe Mieten ein. Dieselben Einflüsse, die den
Wert von Astors Land so ungeheuer vermehrten, wirkten
auch dahin, diese frühere Farm in enorm wertvolle städtische
Grundstücke zu verwandeln. Als die Bevölkerung wuchs und
die inneren Bezirke sich in Geschäftsviertel verwandelten,
wechselte die elegante Welt von Zeit zu Zeit die Quartiere
und zog immer weiter nach draußen, bis die Grundstücke
Goelets zu einer langen Reihe stattlicher Villen geworden
waren.

Wie die Astors, so hielten auch die Goelets bis jetzt zäh
an der Politik fest, beständig anzukaufen und selten oder nie
zu verkaufen, Bei einer Gelegenheit kauften sie achtzig
Parzellen in den Häuserblocken von der Fünften bis zur
Sechsten Avenue, von der 42. bis zur 43. Straße und be-
zahlten 600 Dollar für die Parzelle. Diese Parzellen haben
jetzt einen Gesamtwert von 25 Millionen Dollar und mehr,
wenn sie auch auf viel weniger eingeschätzt werden.
Millionenschwere Geizhälse

Die zweite Generation der Goelets — von dem Gründer
des Vermögens an gerechnet — war unglaublich sparsam.
Sie bildete den Geiz zu einer hohen Kunst aus. Von Peter
Goelet, einem Enkel des ersten Peter, sind viele Geschichten
über seine Knausrigkeit in Umlauf. Seine leidenschaftliche
        <pb n="196" />
        [SI
Sparsamkeit ging zu einer Zeit, wo sein Vermögen auf
5 bis 6 Millionen Dollar geschätzt wurde (1862), so weit,
daß er sich weigerte, seine Garderobe von einem Schneider
ausbessern zu lassen. Er war unverheiratet und besorgte
seine Bedürfnisse im allgemeinen selbst: zu mehreren Malen
fand man ihn in seinem Büro in der Chemikalien-Bank
eifrig mit dem Nähen seines Rockes beschäftigt. Als
Schreibpapier benutzte er leere Rückseiten von Briefen und
Umschlägen, die er sorgsam und systematisch aufbewahrte
und beiseite legte. Sein Haus an der 19. Straße, an der Ecke
des Broadway, war ein Raritätenladen. Im Kellergeschoß
hatte er eine Schmiede, wo er mit Instrumenten aller Art
hantierte, auf dem Boden aber eine juristische Bibliothek
von zehntausend Bänden, denn es war sein fester Ent-
schluß, niemals einen Advokaten für einen Rat zu bezahlen,
den er selber in Büchern lesen konnte.

Doch dieser alte Geizkragen, der sich vieles von den
alltäglichen Bequemlichkeiten und Annehmlichkeiten des
Lebens versagte und wegen einer lächerlichen Summe
stundenlang markten und feilschen konnte, gestattete sich
wenigstens Eine kostspielige Laune: seine Liebhaberei für
seltenes Geflügel und andere Tiere. Störche, Fasanen und
Pfauen waren in den Gärten um sein Haus herum zu sehen,
und auch eine Anzahl Meerschweinchen. In seinem Stall
hielt er eine Kuh, um sich mit frischer Milch zu versorgen;
er melkte sie oft selber.

Dieser millio-närrische Kerl war sehr melancholisch und
kümmerte sich, von seiner sonderbaren Sammlung zahmer
Tiere abgesehen, um nichts außer um Land und Häuser.
Wenn man ihn aufsuchte, fand man ihn gewöhnlich über
einer Liste seiner Besitztümer schwitzen. Dessen wurde er
nie müde, und er wurde nur dann wütend, wenn er zu
seinem Inventar nicht Häuser genug hinzufügen konnte.

Er starb 1879 im Alter von 79 Jahren, und wenige
Monate darauf verschied sein Bruder Robert, der auf
seine Art ebenso verdreht und geizig war wie er, im
70. Lebensjahre.
        <pb n="197" />
        Die dritte Generation
Das Vermögen der Brüder fiel an Roberts beide Söhne,
an den 1841 geborenen Robert und den 1846 geborenen
Ogden. Diese Erben eines Vermögens, das so groß war und
so schnell wuchs, daß sie ihm kaum mit den Augen folgen
konnten, gaben die starre Sparsamkeit der vorigen. Genera-
tion einigermaßen auf. Sie gestatteten sich luxuriöse Ge-
wohnheiten, die man allgemein schon für Verschwendung
hielt, die aber noch nicht ein Zehntel von den bloßen
Zinsen des Kapitals aufbrauchten: Robert Goelet hielt
sich eine kostbare Dampfjacht, die das ganze Jahr unter-
wegs war — 300 Fuß lang und mit allem Luxus und aller
Bequemlichkeit versehen, die man bis dahin erdacht hatte —
ein Spaß, den damals nur die ganz Reichen sich leisten
konnten. — Die beiden Brüder hatten ein Vermögen von
mindestens 150 Millionen Dollar. Der Grundstock war
Bodenbesitz in der Stadt New York, ein beträchtlicher Teil
aber bestand in FEisenbahnaktien und Obligationen und
besonderen Rechten, die sie sich erkauft hatten. So wurden
die Goelets, wie die Astors und andere reiche Bodeneigen-
tümer, teils durch Kapitalsanlagen im Handel, großenteils
auch durch Betrug, schließlich nicht nur Großgrund-
besitzer, sondern auch Teilhaber an dem zentralisierten
Eigentum der Transportmittel und Industrien des Landes.

Als Ogden Goelet starb, hinterließ er ein Vermögen von
mindestens 80 Millionen Dollar, all die verschiedenen For-
men seines Besitzes inbegriffen; und sein Bruder Robert
hinterließ bei seinem Tode im Jahre 1899 ein Vermögen
in etwa der gleichen Höhe. Jeder von den Brüdern hinter-
ließ zwei Kinder, Nun zeigte sich ein symptomatischer
Charakterzug der amerikanischen Geldaristokratie. Ein
Haufen Geld bringt Macht, aber keine rechte Stellung
innerhalb der 'Titel-Aristokratie. Der nächste Schritt ist die
Titel-Heirat. Die betitelten Nachkommen der räuberischen
Barone aus der Feudalzeit hatten generationenlang die Be-

sitztümer, welche sie Jahrhunderte zuvor durch Gewalt
und Raub gewonnen hatten, verschwendet und verpfändet.
Nun brauchten sie Geld. Anderseits sehnten die weiblichen
        <pb n="198" />
        - 153 —
Besitzer amerikanischer Millionen, von den Männern ihrer
Familien, die nach „blaublütigen‘“ Konnexionen strebten,
sicherlich angestiftet und unterstützt, sich nach der höheren
sozialen Stellung, wie ein Titel sie verleiht. Die Sachen
paßten also vortrefflich. Mit ihrer Heirat mit dem Herzog
von Roxburghe im Jahre 1903 folgte May Goelet, die
Tochter von Ogden, nur dem Beispiel, das ihr schon eine
große Anzahl von anderen amerikanischen Frauen aus
Multimillionär-Familien gegeben hatte. Ein Vergnügen,
das man sich, so groß die Kosten auch sein mögen, ruhig
leisten kann, denn das ausgegebene Geld wird in den Geld-
schränken der Millionäre durch die gemeinsame Arbeit
des amerikanischen Volkes in Form von Miete, Zinsen und
Handelsprofit sofort wieder ersetzt. In den letzten zehn
Jahren ist der Wert der Goeletschen Bodenbesitzungen
enorm gestiegen, und jetzt wäre man schon rückständig,
wenn man ihr Gesamtvermögen auf 200 Millionen Dollar
beziffern wollte.

Wie die Überschüsse angelegt wurden
Ein paar Leute, unter denen Grundbesitzer die Haupt-
rolle spielten, nahmen nun auch noch den Bau von Eisen-
bahnen in die Hände, dessen Kosten sie in weitem Maße aus
öffentlichen Geldern bestritten. Um nur Ein Beispiel aus
vielen zu geben:

Die Illinois-Zentral-Eisenbahn, die durch eine Gegend
voll Industrie und reichen Farmen geht und eine der ein-
träglichsten Bahnen in den Vereinigten Staaten ist, ist im
Verhältnis von 12 : I aus öffentlichen Geldern, die in Form
von Steuern in diesem Staate erhoben wurden, und durch
verschwenderische Bewilligungen von öffentlichem Grund
und Boden erbaut worden. Die 48 330 Dollar Kosten pro
Meile, die nach der Bilanz der Gesellschaft von 1873 be-
nötigt wurden, brachten sie auf: 1. durch den Verkauf
des Grund und Bodens, den sie vom Staate erhalten hatten,
mit 35 211 Dollar pro Meile; 2. durch „Wässern“ der
Aktien, d. h. durch bloß nominelle Erhöhung ohne neue
Einzahlung, mit 8189 Dollar pro Meile; und 3. durch Bar-
        <pb n="199" />
        To
einlage von nur 4930 Dollar pro Meile. 4930 Dollar pro
Meile war alles, was die Unternehmer bei einem Kosten-
betrag von 48 330 Dollar pro Meile bezahlten!

Durch diese Manipulation erhielten Privatleute nicht
nur diese ungeheuer wertvolle Eisenbahn für so gut wie
nichts, sondern bekamen auch noch — oder vielmehr die
Gesetze (die sie machen ließen) erkannten es ihnen zu —
sin Geschenk von nahezu 4 Millionen für die Geschicklich-
keit, dem Volke die Eisenbahn wegzunehmen. Und wer steht
jetzt an der Spitze der Bahn und tut mit ihr, was ihm ge-
fällt? — In Wirklichkeit (wenn auch der Staat Illinois
formell ein Wort mitzureden hat) sind es acht Männer, die
sie besitzen und regieren: Astor, Robert Walton Goelet,
E. H. Harriman, Cornelius Vanderbilt und vier andere.

John Jacob Astor (+ 1912) war einer der Direktoren des
„Westlichen Union-Telegraphen-Monopols“, das jährlich
29 Millionen Dollar Reingewinn abwirft, und wenn man
die vielen anderen Gesellschaften, in denen er und seine
Familie, die Goelets und die anderen kommandierenden
Grundbesitzer die Aktien haben, aufzählen wollte, so wäre
das eine stattliche Liste.

Dabei soll folgendes nicht übersehen werden. Wir haben
gesehen, wie John Jacob Astor von der dritten Generation
(3) den Cornelius Vanderbilt im Jahre 1867 höchst eifrig
bat, die Leitung der New Yorker Zentraleisenbahn zu
übernehmen, nachdem Vanderbilt sich nicht bloß als ge-
schickter Unternehmer, sondern auch als unermüdlicher
und erfolgreicher Bestecher gezeigt hatte; solange er hüb-
sche Dividenden herausbrachte, kümmerten Astor und seine
Mitdirektoren sich nicht um die Mittel, die er gebrauchte.
John Jacob Astor von der 4. Generation (+ 1912) folgt diesem
edlen Vorbild und tut sich, ebenso wie Goelet, mit dem
tüchtigen Harriman zusammen, gegen den die beweis-
kräftigsten Beschuldigungen, er habe kolossale Defrau-
dationen verübt, erhoben worden sind!). Aber es wäre
müßig, ein paar Kapitalisten als unanständig herauszu-
fischen, wo doch die ganze Klasse ohne Rücksicht auf An-
stand und Ehrlichkeit dem Profit nachjagte.

1) Siehe Dritter Teil: „Große Vermögen aus Eisenbahnen.“
        <pb n="200" />
        = 155

Die Rhinelanders

Der Reichtum der Familie Rhinelander wird gewöhnlich
auf über 100 Millionen Dollar beziffert. Das ist aber, wie
man gute Gründe hat zu glauben, eine absurd niedrige
Ziffer.

Vor fast anderthalb Jahrhunderten hatten William und
Frederick Rhinelander in New York, William-Straße, einen
Bäckerladen, und während der Revolution leiteten sie eine
Zuckerfabrik. Sie bauten auch Schiffe und machten in
großen Kommissionsgeschäften. In der Menge der lobenden
Biographien wird gewöhnlich dargelegt, wie ihre Strebsam-
keit und Geschicklichkeit den Grund zu dem ungeheuren
Vermögen der Familie gelegt hätten. Es ist aber wenig
Nachforschung nötig, um diesen Irrtum zu zerstreuen.
Daß sie ihr Geschäft nach den üblichen Methoden des "Tages
betrieben und große Schläue und Sparsamkeit zeigten,
ist allerdings wahr; aber dasselbe tat ein Heer von an-
deren Kaufleuten, deren Nachkommen auch jetzt noch in
Armut leben. Es muß also eine andere Erklärung ge-
funden werden für das phänomenale Anwachsen eines
ursprünglich so kleinen Vermögens und dafür, daß es so
intakt blieb.

Diese Erklärung findet man zum Teil in den betrügeri-
schen Mitteln, wodurch sie sich Jahrzehnt auf Jahrzehnt
von käuflichen Stadtverwaltungen Land- und Wasser-
bewilligungen sicherten, und in der besonders anrüchigen
Art und Weise, wie sie einen äußerst großen Bodenbesitz,
der jetzt mehrere zehn Millionen Dollar wert ist, von der
Dreieinigkeitskirche bekamen. Da alle Einzelheiten dieser
Transaktionen in früheren Kapiteln schon besprochen
sind, brauchen wir sie hier kaum zu wiederholen. Es
mag nur erwähnt werden, daß die Rhinelanders als
Hauptpersonen in Tammany-Hall, der herrschenden poli-
tischen Partei in der Stadt New York, die Gewalten der
Stadtregierung ausnutzten, um sich für einfach gar nichts
Bewilligung auf Bewilligung geben zu lassen. Von der
Dreieinigkeitskirche pachteten sie auf 99 Jahre ein großes
Areal, das jetzt den eigentlichen Knotenpunkt des New
        <pb n="201" />
        6m
IS
Yorker Geschäftsviertels bildet und das sie dann zu eigenem
Besitz ankauften. Ein anderer großer Bodenstrich in der
Stadt New York kam in ihren Besitz durch die Heirat von
William C. Rhinelander (von der dritten Generation) mit
einer Tochter von John Rutgers. Dieser Rutgers war ein
Seitenabkömmling von Anthony Rutgers, der 1731 von dem
königlichen Gouverneur Cosby den damaligen „Frisch-
wasser- Teich‘ geschenkt bekommen hatte — eine Fläche
von 70 Morgen, die damals wenig wert war, jetzt aber mit
geschäftigen Straßen und großen Bürohäusern bedeckt ist.
Unter welchen näheren Umständen diese Schenkung zu-
stande kam, ist nicht bekannt. Den Rhinelanders gehört
aber nicht bloß diese Fläche am nördlichen Broadway mit
ihren Geschäftshäusern, sondern sie bekommen auch blen-
dende Mieten aus einer Anzahl Mietkasernen.

Auch die Rhinelanders verwenden ihre großen Überschüsse
dazu, beständig mehr Land anzukaufen. Ihre aristokrati-
schen Aspirationen haben sie nicht bloß durch amerikanische
Villen befriedigt, die bei aller Riesenhaftigkeit und Groß-
artigkeit doch immerhin plebejisch sind; sie gingen darauf
aus, einen europäischen Palast mit garantierten königlichen
Beziehungen zu finden, und fanden einen in dem berühmten
Schloß Schonberg am Rhein bei Oberwesel, das sie gekauft
und wo sie sich verborgen haben. Wie groß der Reichtum
dieser Familie ist, mag man aus der Tatsache ersehen, daß
einer von ihnen, Williams, bei seinem Tode im Dezember
1907 einen Besitz im Schätzungswerte von 50 Millionen
Dollar hinterließ.

Die Schermerhborns

Die Faktoren, die beim Aufbau des Schermerhorn-Ver-
mögens eine Rolle spielten, waren fast genau die gleichen,
die. beim Astor-, Goelet- und Rhinelander-Vermögen
wirkten. Der Gründer dieses Vermögens, Peter Schermer-
horn, war ein Schiffskrämer zur Zeit der Revolution.
Einen Teil seiner Boden- und anderen Besitzungen kaufte
er aus den Profiten seines Geschäfts; andere Teile erhielt er,
wie gezeigt worden ist, von korrupten Stadtverwaltungen.
        <pb n="202" />
        — 157 —
Seine beiden Söhne führten sein Geschäft als Schiffs-
lieferanten weiter; einer von ihnen — „Peter der Jüngere“
— war besonders aktiv in der Erweiterung seines Grund-
besitzes durch korrupte Begünstigungen seitens der städti-
schen Beamten und durch Ankauf. Ein Landstrich, der sich
von der Dritten Avenue bis an den Ostfluß und von der 64. bis
zur 65. Straße erstreckt, und den er sich im ersten Teil des
19. Jahrhunderts sicherte, hatte schon an sich einen kolos-
Salen Wert. Er ist jetzt mit Läden, Geschäftsgebäuden
und dicht bevölkerten Mietkasernen bedeckt. „Peter der
Jüngere“ legte sich bald auf das einträgliche und ansehn-
liche Geschäft des Tages — auf das Bankwesen, mit seinem
Gefolge von Betrügereien, wie sie zum Teil in den früheren
Kapiteln beschrieben worden sind. Er war von 1814. bis
zu seinem Tode im Jahre 1852 Direktor der „Bank von
New York“.

Es erscheint ganz überflüssig, sich über den Ursprung der
großen Landvermögen in New York noch weiter zu ver-
breiten, die gegebenen Beispiele mögen genügen.
Wie Longworth anfıng
Während die Astors, die Goelets, die Rhinelanders und
andere, oder vielmehr die ganze Grundbesitzerkaste ihren
Grund und Boden zu immer höherem Wert ansteigen
ließen, ausgedrückt in Mieten von Hunderten von Mil-
lionen Dollar, bereicherte Nicholas Longworth sich ebenso
in Cincinnati.

Longworth wurde 1782 zu Newark (New Jersey) geboren
und wanderte, einunddreißigjährig, nach Cincinnati aus,
das damals ein bloßer Außenposten mit einer Bevölkerung
von 800 einzelnen Abenteurern war. Dort studierte er die
Rechte und wurde zur Praxis zugelassen. Houghton erzählt
über Longworths Anfänge als Grundbesitzer folgende Ge-
schichte: „Sein erster Klient war des Pferdediebstahls an-
geklagt. In dieser Zeit und dieser Gegend repräsentierte ein
Pferd eins der wertvollsten Besitztümer, und unter einem
System, das dem menschlichen Leben einen viel geringeren
Wert zusprach als der Heiligkeit des Eigentums, wurde
        <pb n="203" />
        158 —
Pferdediebstahl gewöhnlich mit dem Tode bestraft. Der
Fall schaute finster aus, aber Longworth brachte es irgend-
wie fertig, daß der Angeklagte freigesprochen wurde. Der
Mann hatte aber kein Geld, um Longworth zu bezahlen,
und besaß bloß zwei gebrauchte Destillierapparate. Diese
wurden aber auch nicht wenig geschätzt, denn man konnte
damit Whisky fabrizieren, und mit Whisky konnte man
dann die Indianerstämme betrunken machen und um Pelze
und Boden beschwindeln. Also nahm Longworth diese
Destillierapparate und verkaufte sie weiter an einen Kneipen-
besitzer, wofür er 33 Morgen Land in der Stadt bekam,
das man damals für wenig aussichtsvoll ansah. Von Zeit zu
Zeit kaufte er mit dem Gelde, das er bei der Advokaterei
verdiente, mehr Grund und Boden am damaligen Weich-
bild des Ortes und bezahlte für manche Parzelle bloß
zehn Dollar.“

Als die Einwanderung in den Westen hineinflutete und
Cincinnati sich ausdehnte, stieg sein Grund und Boden
beständig im Werte. Um 1830 zählte die Bevölkerung
24 831 Menschen, zwanzig Jahre später waren es 118 761
und 1860 schon 171 293, was für eine Stadt im Westen recht
viel war, und seitdem ist sie immer noch gewachsen. Long-
worths Grundbesitz lag jetzt im Zentrum der sich ausdeh-
nenden Stadt, im belebtesten Teil des Geschäftsviertels
und in der besten Gegend der Mietkasernen. Der Wert
seiner Grundstücke wuchs, bald nachdem er sie bekommen
hatte, so schnell, daß er seine Juristerei an den Nagel
hängen konnte. Seit 1819 beschäftigte er sich ausschließlich
mit der Verwaltung seiner Besitztümer. Ein ausgedehnter
Weinberg, den er in Ohio anlegte, führte ihm weitere
Reichtümer zu; dort kultivierte er die Catawba-Traube und
erzielte jährlich über 150 000 Flaschen.

Alle erreichbaren Berichte beschreiben ihn alseinen Mann,
der kein Erbarmen kannte. Er brachte die Hypotheken mit
tücksichtsloser Promptheit zur Subhastation, und seine ge-
schickte Kenntnis des Gesetzes, welche die eines skrupel-
losen Winkeladvokaten noch übertraf, setzte ihn instand, bei
jeder Transaktion die Oberhand zu gewinnen. Inseinen per-
sönlichen Gewohnheiten soll er eine Antipathie gegen Kon-
        <pb n="204" />
        1590 —
vention und Langeweile gehabt und auf seine Kleidung
keinen Wert gelegt haben, so daß er eher wie ein Bettler
als wie ein Millionär ausgesehen habe, und von einem
trockenen, kaustischen Humor gewesen sein, der nichts und
niemand verschonte.

Seine Schrullen

Auch in anderer Hinsicht sündigte er gegen die Kon-
vention und verblüffte die Philister: bei ihm konnte keiner,
der wie ein normaler anständiger Almosenbitter aussah,
etwas holen: er wurde barsch abgewiesen oder mit beißendem
Spott übergossen. Kam aber jemand, der das Reich der
Ehrbarkeit verlassen hatte, so pflegte er Longworth nicht
bloß zugänglich, sondern wirklich teilnahmvoll zu finden.
Der Trunkenbold, der Dieb, die Dirne, die Allerelendesten
der Menschheit konnten ihm ihre Geschichte erzählen und
Hilfe finden. Das war seine grimmige Art, einer Krämer-
gesellschaft, deren Lügen und schamlose Heucheleien er
kannte, weil er sie selbst praktizierte, eins auszuwischen.
Man hat guten Grund zu der Meinung, in ihm habe außer
dem habgierigen Geizkragen auch ein Philosoph gelebt.

Sicherlich war er ein ganz einzigartiger Millionärtypus,
Stephan Girard nicht unähnlich. Er hatte vielleicht das
Bewußtsein, wenn er den Armen und Elenden ein paar
Heller gab, daß er ihnen einen kleinen Bruchteil von dem
wiedergab, was das herrschende System dem ganzen Volke
raubte, zugunsten einiger Weniger, zu denen er in erster
Reihe gehörte.

Als er schon längst Multimillionär war, begann er ein
wildes, vielleicht spöttisches Vergnügen daran zu finden,
Dinge zu tun, die allen Vorstellungen, wie ein Millionär
zu handeln habe, Hohn sprachen. — Einmal kam ein Bettler
in das Kontor von Longworth und wies beredt auf seine
klaffenden Schuhe hin. Da streifte Longworth einen seiner
eigenen Stiefel ab und sagte zu dem Bettler, er solle ihn an-
probieren. Er paßte. Darauf gab er ihm auch den anderen.
Als der Bettler fort war, schickte Longworth einen Lauf-
burschen zum nächsten Schuhladen, um ein Paar Schuhe zu
        <pb n="205" />
        — 1060 —
kaufen, die aber auf keinen Fall mehr als 1!/, Dollar kosten
dürften.

Dieser merkwürdige Mann erreichte ein Alter von
81 Jahren; als er 1863 in einer prächtigen Villa, die er sich
im Herzen seines Weingartens erbaut hatte, starb, wurde
sein Vermögen auf 15 Millionen Dollar geschätzt. Er war
der größte Grundbesitzer in Cincinnati, und einer von den
größten in den Städten der Vereinigten Staaten. Der Wert
des Landes, das er hinterließ, ist beständig gestiegen;
in den Händen seiner verschiedenen Nachkommen ist es
heute viele Male soviel wert wie damals, als er starb.
Cincinnati, das nach der Volkszählung von 1900 eine Be-
völkerung von 325 902 Seelen zählte, zahlt in Form von
Miete einen ewigen Tribut an die Nachkommen des Mannes,
dessen Haupttätigkeit darin bestand, das Land an sich zu
halten, das er fast umsonst bekommen hatte.

Dem Gründer des Vermögens unähnlich, weicht die
jetzige Generation der Longworths nicht im leisesten von
den strengen Formeln der Konvention ab; sie ist mit
anderen reichen Familien Ehebündnisse eingegangen, und
Nicholas, ein Namensvetter und Enkel des Originals und
Mitglied des Kongresses, hat mit großem Pomp eine Toch-
ter des Präsidenten Roosevelt geheiratet und so ein großes
Vermögen mit der Herrschgewalt des Tages und Reichtum
mit politischer Macht klug verbunden.

Derselbe Prozeß der Ansammlung großer Vermögen
aus Bodenbesitz spielte sich in jeder großen Stadt ab. In
Chicago, mit seinem phänomenal schnellen Anwachsen der
Bevölkerung und seiner großen Arbeiterarmee, wurden in
erstaunlich kurzer Zeit ungeheure Vermögen erbeutet.
Hier spielt sich das Anwachsen großer Privatvermögen mit
viel größerer Geschwindigkeit ab als im Osten, obgleich
diese Vermögen nicht so groß sind wie die im Osten auf
Bodenbesitz aufgebauten.
        <pb n="206" />
        — 161 —
Marshall Field und Leiter

Die größten Grundbesitzer, die sich in Chicago heraus-
bildeten, waren Marshall Field und Levi Z. Leiter.

Im Jahre 1895 stellte das Arbeitsbüro in Illinois, das in
diesem Jahre ausnahmsweise unter der Leitung von ge-
schickten und gewissenhaften Beamten stand, eine sorgfältige
Untersuchung der Bodenwerte in Chicago an. Es wurde
taxiert, daß die 266 Morgen Land, die allein in dieser
einen Sektion, der Südseite, Einzelpersonen und Privat-
gesellschaften gehörten, 319 Millionen Dollar wert seien.
Diese Schätzung wurde zu einer Zeit gemacht, als das
Land sich von der Panik von 1892 bis 1894, wie die
Redensart heißt, langsam erholte, und die Bodenwerte
nicht im Steigen waren. Der Betrag von 319 Millionen
Dollar wurde lediglich als Wert des Bodens angegeben,
die Bauten darauf, die auf viel mehr geschätzt wurden,
nicht gerechnet. Der Hauptbesitzer in diesem einen Viertel,
der anderen Viertel dieser Riesenstadt gar nicht zu gedenken,
war Marshall Field, mit Grund und Boden im Werte von
11 Millionen Dollar; der nächste war Leiter, der in dieser
Gegend auf 101!/, Millionen Dollar taxiertes Land besaß. Es
ergab sich aus dem Bericht, daß bei einem Gesamtwert von
319 Millionen Dollar 18 Personen Land im Werte von 65 Mil-
lionen, und daß 88 Personen 136 Millionen Dollar Boden-
wert besaßen, d. h. die Hälfte des ganzen Geschäftsviertels
von Chicago, Wenn man die Werte der Baulichkeiten zu
den Werten des Bodens hinzurechnet und demgemäß
die für Field und Leiter angegebenen Summen ver-
doppelt, so erhält man für Fields Besitzungen in diesem
einen Viertel 22 Millionen Dollar und für Leiter fast das-
selbe. Diese Schätzung wurde in überraschendem Maße
bestätigt durch das Inventar, das die Testamentsvollstrecker
Fields Anfang 1907 vor den Gerichten aufnahmen. Diese
bezifferten den Wert allein seines Grundbesitzes in Chicago
auf 30 Millionen Dollar. In dieser Schätzung sind die
8 Millionen Bodenwert nicht einbegriffen, die er laut den
Testamentsvollstreckern in der Stadt New York besessen
hat, und auch nicht seine sonstigen Landbesitzungen.
        <pb n="207" />
        — 162 —

Fields Besitzungen
Field hinterließ nach Schätzung der ’Testamentsvoll-
strecker ein Gesamtvermögen von über 200 Millionen Dol-
lar, das er hauptsächlich seinen beiden Enkeln vermachte,
die beide noch Knaben waren. Mindestens 55 Millionen des
Vermögens, wie es damals aufgenommen wurde, bestanden
in einer Anzahl von Obligationen und Aktien aller möglichen
Industrie-, Verkehrs-, Versicherungs- und Minenunter-
nehmungen. Die Mannigfaltigkeit von Fields Besitzungen
und Anlagearten ist eine derartige, daß wir beständig Ge-
legenheit haben werden, in folgenden Teilen dieses Werkes
eingehender auf seine Laufbahn zurückzukommen.

Die Lebensbahn von Field, Leiter und mehreren an-
deren Chicagoer Multimillionären lief in beinahe parallelen
Gleisen. Field war der Sohn eines Farmers. Er wurde 1835 zu
Conway, Mass., geboren. Im Alter von einundzwanzig Jahren
ging er nach Chicago und arbeitete dort in einem Engroshaus
für Schnittwaren. 1860 wurde er zum Teilhaber gemacht.
Während des Bürgerkrieges ging auch diese Firma, wie die
gesamte kaufmännische Welt, so vor, daß sie der Nation in
einer Zeit der Not ihre exorbitanten Preise diktierte!
Die Regierung und das Publikum mußten für die elendeste
Ware die höchsten Summen zahlen. Es stand fest, daß die
Regierungsbeamten mit den Lieferanten unter einer Decke
steckten. Diese Erpressung bezeichnet eins der traurigsten
und schimpflichsten Kapitel des Bürgerkrieges (wie eines
jeden Krieges), aber die herkömmliche Geschichtschreibung
schweigt über diesen Punkt, und man ist genötigt, sich
anderwärts umzusehen nach den Tatsachen, wie die Han-
delshäuser der Armee und der Flotte, die für ihre In-
teressen kämpften, verlumptes Material und halbverfaulte
Nahrung aufzwangen!). Einer von Fields lobpreisenden
Biographen sagt, „die Firma machte damals viel Geld“ —
ein Satz, der Bände spricht.

Die Mitinhaber der Firma wechselten einige Male: im

*) In den Teilen dieses Werkes, die von den großen Eisenbahn- und Industrie-
vermögen handeln, wird diese Phase des kaufmännischen Lebens näher beleuchtet
werden.
        <pb n="208" />
        — 162
Jahre 1865 assoziierten sich Field, Leiter und Potter
Palmer unter der Firma Field, Leiter &amp; Palmer. Der große
Brand von 1871 zerstörte die Gebäude der Firma, sie
wurden aber wieder aufgebaut. Dann erhielt die Firma
den Namen Field, Leiter &amp; Co., und schließlich 1887 den
Titel: Marshall Field &amp; Co.'). Die Firma machte Geschäfte
en gros und en detail „gegen Kasse‘, wie man im Kauf-
mannsjargon sagt, d. h. sie verkaufte nur gegen sofortige
Bezahlung und gab keinen Kredit. Der Umfang des Ge-
schäftes stieg enorm: 1884 erreichte er eine Gesamthöhe
von 30 Millionen jährlich, 1901 wurde er auf volle 50 Millio-
nen jährlich geschätzt.

Achtes Kapitel
ÜBERBLICK ÜBER DAS FIELDVERMÖGEN

Gr» ähnlich dem Ausgangspunkt, den Astor und viele
andere Begründer großer Landvermögen nahmen, war
auch bei Marshall Field der Handel das ursprüngliche
Mittel, wodurch er das Geld erlangte, das er dann in
Grund und Boden anlegte. Später verzweigten sich die
Arten, auf die er sein Geld anlegte, mehr und mehr. War
die Maschine erst einmal in Bewegung, so arbeitete sie von
selbst in der mannigfachen, stets gesteigerten Art und
Weise weiter und fabrizierte die großen Vermögen, die wir
heute sehen.

Man kann das genau durch das Bild von hundert goldenen
Flüssen ausdrücken, die aus ebenso vielen Quellen zu einem
Zentralpunkt fließen. Aus Bodenbesitz, aus Geschäften,
aus Eisenbahnen, aus Straßenbahnen, Versicherungsgesell-
schaften und Industrieunternehmungen — aus diesen und
vielen anderen Kanälen strömten und strömen noch jetzt
Profite in Hülle und Fülle herbei. Diese aber wiederum
bildeten neue Knotenpunkte für Kapitalanlagen. Dieser
1) Ein Schriftsteller sagt, Field habe an Leiter, der damals ausschied, „eine
unbekannte Anzahl von Millionen ausgezahlt“!
        <pb n="209" />
        — 164 —
Prozeß verleiht sich durch seine unwiderstehliche Schwung-
kraft eine ständige Eigenbeschleunigung.

Grund und Boden fast umsonst
Lange bevor die Geschäfte der Firma Marshall Field
&amp; Co. die jährliche Gesamthöhe von 50 Millionen Dollar
erreicht hatten, hatten Field, Leiter und ihre Teilhaber be-
gonnen, in Chicago Land zu kaufen. Wenig Kapital war dazu
nötig. Das tatsächliche Wachstum Chicagos erklärt zur Ge-
nüge, wie ein paar Dollar, die vor fünfzig und sechzig Jahren
in Bodenbesitz gesteckt wurden, seitdem ein automatisch
wachsender Fonds von Millionen geworden sind. Vor
einem Jahrhundert etwa war ja das Blockhaus von John
Kinzie die einzige Wohnstätte auf einer Fläche, die jetzt
von einer wimmelnden und wachsenden Bevölkerung von
1 700 000 Seelen bewohnt wird (nach der Zählung von
1900). Wo sich einst eine einsame Prärie erstreckte, steht
jetzt eine Riesenstadt und preßt, schwarz von F abriken,
eine dumpf murmelnde Bevölkerung in sich zusammen,
Fast zwei Millionen menschlicher Wesen leben dort in
einem Wirbel von Erregung und Tumult und weisen Ex-
treme von Reichtum und Elend auf: die Vielen in schmutzi-
gen Gassen und die Wenigen in fürstlichem Luxus. Man
sagt allgemein, die Stadt beherberge jetzt mehr Millionäre,
als sie 1840 an Wählern besaß.

Im Jahre 1830 war ein Viertelmorgen für 20 Dollar zu
haben — dafür konnte der Käufer sich eine Urkunde sichern,
die ihm das ständige Recht ausschließlichen Eigentums
für sich und alle seine Nachkommen verlieh. Je mehr die
Bevölkerung wuchs, um so größer wurde der Wert, den sie
dem Boden gab; und je dringender ihr Bedürfnis wurde,
um so schwerer wurde es für sie, Land zu bekommen.

Innerhalb von zehn Jahren — etwa um das Jahr 1840 —
war der Preis für einen Viertelmorgen im Zentrum der Stadt
auf 1500 Dollar gestiegen. Ein Jahrzehnt später war der
festgesetzte Wert 17 500 Dollar, 1860 schon 28 000 Dollar.
Chicago wuchs mit großer Schnelligkeit; ein Netzwerk
von Eisenbahnen umspannte die Stadt: Riesenfabriken.
        <pb n="210" />
        — 165
Mühlen, Korn-Elevatoren, Schlachthöfe — eine bunte
Menge von Fabrik- und Handelsunternehmungen tat sich
auf und zog Scharen von Arbeitern mit ihren Familien
herbei. Je größer aber der Zustrom von Arbeitern war, um
so mehr vergrößerte sich der.Wert des Landes. Die größte
Übervölkerung mußte unweigerlich daraus entstehen.

Um 1870 klomm der Preis für einen Viertelmorgen im
Herzen der Stadt auf 120 000 Dollar, und 1880 auf 130 000
Dollar empor.

Ein Viertelmorgen eine Million wert
Während des nächsten Jahrzehnts — eines Jahrzehnts
voll bitterer Not für die arbeitende Bevölkerung der Ver-
einigten Staaten — schoß der Preis zu 900 000 Dollar empor.
Um 1894 — einem Krisenjahr, in dem Millionen Menschen
arbeitslos und dem entsetzlichsten Elend preisgegeben
waren — erreichte ein Viertelmorgen den gigantischen
Wert von 1ı'/, Million Dollar (achter Jahresbericht des
Arbeitsbüros für Illinois), Zu derselben Zeit bettelten
große Scharen von Arbeitern, deren Klasse diese Werte in
so reichem Maße geschaffen hatte, vergeblich um Arbeit,
und zu Zehntausenden wurden sie in Chicago auf die Straße
gesetzt, weil sie für ihre elenden Wohnlöcher die Miete
nicht zahlen konnten.

Dadurch, daß jemand, als Chicago noch in den Windeln
lag, ein paar hundert oder ein paar tausend Dollar gegen
ein Stück Papier umgetauscht hatte, das man Urkunde be-
namst, wurde er nach Verlauf einer Spanne Zeit ein Millio-
när. Es war gleich, wie und woher er das Geld zum Ankauf
des Papierfetzens genommen hatte: ob er es erschwindelt,
ob er’s gestohlen, geerbt oder auf ehrliche Weise erworben
hatte — solange das Papier nicht gefälscht war, war das
Recht auf seiner Seite. Wenn er das Land einmal hatte, so
brauchte er nichts weiter zu tun, als es festzuhalten, was
er ebensogut tun konnte, ob er nun in Chicago war oder in
den Tiefen Kamtschatkas begraben. Wenn er wollte, konnte
er sich andauernd betrinken, konnte spielen oder faulenzen
— er brauchte keinen Schlag Arbeit zu tun. Nichtsdesto-
        <pb n="211" />
        — 166
weniger gehörten das Land und die Werte, die die Arbeit
anderer ihm gab, auf ewig ihm; er besaß es und konnte
darüber verfügen, wie es ihm Spaß machte.

Das war und das ist das System. Im Gesetz tief ver-
nietet, wurde es als eine vernünftige, segensreiche und ewige
Grundlage zivilisierten Lebens betrachtet —d. h. von seinen
Nutznießern.

Und da diese kraft ihrer Besitzungen auch zu den tat-
sächlichen Regenten des Landes gehörten, so wurden ihre
Auffassungen und Interessen in Gesetz, in Denken und
Brauch als Wahrspruch der Kultur verkörpert. Bei dieser
Sachlage fand man nichts Anormales darin, daß ein Ein-
zelner Grund und Boden monopolisierte und die Einkünfte
daraus ausschließlich in seine Tasche steckte. Im Gegen-
teil: man betrachtete ihn noch als eine Leuchte höheren

Strebens und kaufmännischer Schläue. So sah man auch in
Marshall Field einen höchst scharfsinnigen Geschäftsmann.

Fields Bodenbesitz
Field kaufte viel Land, wenn es verhältnismäßig billig
war, und hielt es mit Zähigkeit fest. In seinen letzten
Lebensjahren waren seine Einkünfte aus seinen Liegen-
schaften ohne Unterbrechung enorm.

„Grund und Boden nach dem Innern Chicagos zu,“ so
schreibt einer der typischen Biographen Fields, „ist Fuß
für Fuß ungefähr ebenso wertvoll wie in den besten Wohn-
gegenden New Yorks. 8000—15 000 Dollar für den Quadrat-
fuß an der Straßenseite sind für Grund und Boden im
Norden der Kongreßstraße, im Geschäftsviertel Chicagos,
keine ungewöhnlichen Ziffern.

„Marshall Field besitzt in diesem Viertel nicht weniger
als 20 prima Plätze und Gebäude, wobei diejenigen, die
er für sein Kaufhaus benutzt, nicht mitgerechnet sind.
In der Nähe der Chicagoer Universitätsgebäude besitzt
er Block auf Block von wertvollem Lande. Weiter südlich
aber, im Calumetviertel, hat er Hunderte von Morgen
von einem Grund und Boden, der für Fabrikzwecke un-
schätzbar ist. “
        <pb n="212" />
        — 167 —
Die Ausdehnung und Konzentrierung des Grundbesitzes
war von genau den gleichen Resultaten begleitet, wie sie
in anderen Städten zu spüren waren — wenn diese Resultate
auch die Folge des ganzen sozialen und industriellen
Systems und nicht bloß einer einzelnen Phase dieses Systems
waren. Die Armut wuchs in gleichem Verhältnis wie die
großen Vermögen; eins setzte das andere voraus. Chicago
füllte sich mit engen, stinkenden, übervölkerten Vierteln;
und wenn die Dichte der Bevölkerung nicht so groß war
wie in New York, Boston und Cincinnati, so lag es ledig-
lich an den günstigen geographischen Bedingungen.

Field häufte sein Vermögen etwa in den letzten zwanzig
Jahren seines Lebens an. Die Schnelligkeit seines An-
wachsens kam von der Mannigfaltigkeit seiner Unterneh-
mungen. Um auch nur eine ungefähre Idee davon zu geben,
wie schnell ihm der Reichtum zufloß, muß man das Bild
von Millionen von Männern, Frauen und Kindern malen,
die Tag für Tag, jahrein, jahraus fronden, um etwas weni-
ger als zwei Elftel von den Werten zu bekommen, die sie pro-
duzierten, während fast neun Elftel ganz oder teilweise an ihn
flossen. Aber das war nicht alles. Man füge zu diesen Mil-
lionen von Arbeitern den Rest der Bevölkerung der Ver-
einigten Staaten, die von den vielen Gesellschaften, an denen
Field als Aktionär beteiligt war, kaufen oder ihnen sonst-
wie Tribut zahlen mußten, und man wird eine annähernde
Vorstellung von den zahllosen Goldströmen bekommen,
die in jeder Minute, jeder Sekunde des Tages in Fields
Geldschränke flossen, ob er wach oder schlafend, gesund
oder krank war, ob er arbeitete oder faulenzte.

Field verdient 500 bis 700 Dollar die Stunde
Field konnte nicht mehr als drei Mahlzeiten täglich hin-
unterschlucken, sein tägliches Einkommen aber hätte hin-
gereicht, um ihm tagtäglich zehntausend herrliche Mahl-
zeiten mit exquisiten Leckerbissen zu bieten, während
die, die für ihn frondeten, mitunter zufrieden gewesen
wären, wenn sie überhaupt etwas zu essen gehabt hätten.
Nur wenige von seinen Arbeitern bekamen ganze 2 Dollar
        <pb n="213" />
        — 168 —
täglich, Field aber verdiente schätzungsweise über 500 Dol-
lar bis 700 Dollar in der Stunde.

In erster Linie aus seinem Warenhausgeschäft en gros
und en detail. Es war und ist dies eine Branche, in der die
freie Konkurrenz noch lange bestand, als die anderen Ge-
schäftszweige schon zum 'Trustwesen übergegangen waren.
Um mit seinen Konkurrenten Schritt halten und hohe
Profite erzielen zu können, mußte man unbedingt nicht
bloß zu denselben Tricken und Manipulationen greifen wie
die Konkurrenz, sondern sie womöglich noch übertreffen
und verbessern. Field bewies allezeit, daß dies möglich
war. Sobald eine Konkurrenzfirma die Löhne ein wenig
herabsetzte, folgte Field sofort nach, um die Waren so
billig wie nur möglich auf den Markt werfen zu können.
Die Hungerlöhne der Angestellten
In seinen Läden beschäftigte er nicht weniger als zehn-
tausend Männer, Frauen und Kinder. Er zwang sie, für
Löhne zu arbeiten, die in sehr vielen Fällen für die bloße
Existenz nicht hinreichten. 95% bekamen 12 Dollar die
Woche oder weniger. Den Frauen, die den ganzen langen
Tag über die Nähmaschine gebeugt waren, um die in den
Läden Fields verkauften Kleider herzustellen, bezahlte er
den elenden Lohn von 6,75 Dollar die Woche. Strumpf-
wirken bezahlte er mit 4:75—35,75 Dollar wöchentlich. Die
Arbeitszeit schwankte zwischen 59 und 59% Stunden
in der Woche. Die Möbelarbeiter bekamen: Maschinen-
arbeiter 11,02 Dollar und Tapezierer 12,47 Dollar wöchent-
lich. Alle Lohnarbeiter wurden stundenweise bezahlt;
wurden sie krank, oder kam eine flaue Zeit, so wurde ihr
Lohn entsprechend verkürzt.

Das Elend, worin viele von diesen Arbeitern lebten und
noch leben (denn dieselben Verhältnisse bestehen noch),
war unbeschreiblich. Selbst in einer kleinen Stadt, wo die
Mieten nicht so hoch waren, würden diese traurigen
Löhne zu einer halbwegs anständigen Lebensführung
nicht hingereicht haben. In Chicago aber mit seinen
wahnsinnigen Mieten, seinen ständig steigenden Lebens-
        <pb n="214" />
        — 169 —
mittelpreisen und all den anderen Ausgaben, die die
Großstadt für Verkehrsmittel usw. mit sich bringt, waren
sie völlig ungenügend.

Kehrten sie nach des Tages Arbeit in ihre elenden Löcher
zurück, so stärkten sie ihre ermüdeten Glieder durch eine
genau und spärlich bemessene Nahrung, die aus dem Aller-
billigsten bestand, was es gab — gewöhnlich aus altem Brot.
Butter galt als unerschwinglicher Luxus. Der Morgenimbiß
bestand aus einem Stück Brot, das mit „Kaffee“ hinunter-
gespült wurde, d.h. mit einem Surrogat, das nur gerade
einen schwachen Geruch von wirklichem Kaffee hatte. Zu
Mittag gab es Brot mit einer Zwiebel oder einem Stück
Hering oder billigem Käse, dazu allenfalls als Dessert eine
bemalte Süßigkeit. Zum Abendbrot genossen sie billiges
Schweine- oder Suppenfleisch, das im Sommer gelegentlich
mit welkem Gemüse garniert war, dazu einen Aufguß,
der sich Tee nannte. Wenige dieser Arbeiter hatten mehr
als eine Garnitur Kleider. Sie konnten sich keine Ver-
gnügungen leisten und waren zu müde, um zu lesen oder
sich zu unterhalten. In der Nacht schliefen oft acht bis
zehn in einem einzigen Raum; auf diese Weise verbilligte
sich jeder die Miete.

Field ist oft beschuldigt worden, seine Hungerlöhne
hätten große Scharen von Frauen und Mädchen der Prosti-
tution in die Arme getrieben. Aber während andere
Phasen des kapitalistischen Schwindels durch offizielle
Untersuchungen aufgedeckt worden sind, haben wir hier
keinerlei Berichte über die ökonomischen oder psycho-
logischen Faktoren dieser Verhurung oder über die Zustände
in den Warenhäusern. Auch die Zeitungen versagen hier.

Woher kommt diese Parteilichkeit? Warum steht keine
Zeile in den Zeitungen von den Greueln, die sich in den
Warenhäusern abspielen, von der Behandlung der Frauen
und Mädchen, von den zahlreichen Verboten, die und die
verfälschten Waren noch weiter zu verkaufen, über die der
und der geschädigte Kapitalist Klage geführt hat oder die
die Gesundheitskommission als schädlich beschlagnahmt hat ?

Einfach, weil dieselben Warenhäuser die größten An-
noncen bezahlen. Die Zeitungen, die nach dem Titelkopf für
        <pb n="215" />
        170 —
Wahrheit und Gerechtigkeit kämpfen, verkaufen den Waren-
häusern so viel Platz, wie sie nur wünschen, und hüten sich
wohl, im sogenannten „Haupt“teil etwas gegen dieselben
Unternehmer zu schreiben. So wird das Publikum eifrig
in Unwissenheit gehalten über die Abscheulichkeiten, die
sich in den großen Warenhäusern abspielen.
Lieber in Schande als in Sklaverei

Trotz dieses Schweigens ist bekannt, daß die Warenhäuser
oft Herde der Prostitution sind: durch niedrige Löhne
und durch schlechte Umgebung. Die "Tatsache läßt sich
nicht hinwegleugnen. So zitiert W. T. Stead in seinem
Werke „Wenn Christus nach Chicago käme“ eine Bordell-
wirtin, namens Dora Claflin, die ihm sagte, die Insassinnen
ihrer Häuser bekäme sie aus den Warenhäusern, besonders
aus solchen, wo die Arbeitszeit lang und die Bezahlung
niedrig sei. Mehr als dieses Sensationsbuch beweist der
Bericht der Industriekommission für die Vereinigten Staaten,
Nachdem er die niedrigen Löhne der Frauen in den ver-
schiedenen Städten angeführt hat, sagt der Bericht: „Aus
diesen Zahlen erhellt, daß der Verdienst in vielen Fällen
geringer ist, als die notwendigen Ausgaben jetzt erfordern.
Bei dieser Sachlage sind sie zu einem unmoralischen Lebens-
wandel gezwungen, und es ist in der Tat nicht zweifelhaft,
daß die niedrigen Löhne, die den Frauen gezahlt werden,
aine der häufigsten Ursachen der Prostitution sind. Wenn
viele arbeitende Frauen sich ihre "Tugend trotz der
niedrigen Löhne und der gefährlichen Umgebung be-
wahren, so sind sie dafür nur hochzuschätzen!“

Welch ein Hohn auf dieses sogenannte Jahrhundert der
Kultur und Humanität, daß der Verkauf des Leibes mehr
abwirft als ehrliche Arbeit! Die Frauen müssen ihren Leib
hier wie dort verkaufen — wer kann es ihnen verdenken,
daß sie die Methode wählen, die müheloser ist und mehr
einbringt ? Etwa weil eine lasterhafte Gesellschaft diese Art
des Verkaufes mit dem Makel des Lasters behaftet hat?
7 Es ist wiederholt festgestellt worden, daß fast die Hälfte
der Prostituierten in Chicago aus den Warenhäusern kam.
        <pb n="216" />
        — 171 —
Der Jahresbericht der Fabrikinspektoren in Illinois für
1903—1904 zeigt auch, daß in den großen Schnittwaren-
manufakturen und Warenhäusern Chikagos Kinder unter
sechzehn Jahren beschäftigt wurden und zwar von 8 oder
9 Uhr morgens bis 10 oder 11 Uhr abends, und daß alle
Verbote der Kinderarbeit bei den Unternehmern auf den
heftigsten Widerstand stießen und sich erst nach zahl-
reichen Bestrafungen durchsetzen ließen.

Die Firma Marshall Field &amp; Co. gedieh aber nicht bloß
durch diese Methoden. Was man Field auch vorwerfen
mag, er war ein geschickter Organisator, der es verstand, mit
anderen Leuten umzuspringen und sie auszunutzen, und
im Handel seine wichtige und sehr notwendige Rolle
spielte, wie ihm zugestanden werden muß. Seine Methoden,
so niedrig sie waren, wichen in keiner Hinsicht von den Me-
thoden der gesamten Handelswelt ab. Der einzige Unter-
schied war der, daß er mehr Erfolg hatte.

Field konzentriert alle Profite auf sich
Zu einer Zeit, als sich das ganze Geschäftsleben auf
den chaotisch wirren Gleisen des reinen -Konkurrenz-
kampfes bewegte, kam Field zu der Einsicht, daß der
Ladenbesitzer mit seinen Waren von der Gnade des Fabri-
kanten und des Engroshändlers abhängig war; mindestens
ging der Profit in drei Teile, von denen der Ladenbesitzer
nur einen bekam.

Nach dieser Einsicht handelte Field schon viele Jahre
früher, bevor sie den anderen Kleinhändlern aufdimmerte.
Er wurde sein eigener Fabrikant und Großhändler. So
konnte er seine Läden nach Wunsch mit Waren versorgen
und selber die Profite einstecken, die sonst an den Fabri-
kanten und den Großhändler gegangen wären. Dabei
zahlte er seinen Angestellten nur so viel, wie die anderen
Ladenbesitzer, die erst vom Großhändler kaufen mußten,
der seinerseits vom Fabrikanten kaufte, ihren Angestellten
bezahlten. So konnte er 50 Millionen Dollar jährlich um-
setzen, während Tausende von seinen Angestellten für einen
Jammerlohn arbeiteten. Er hätte ihnen viele Male soviel
        <pb n="217" />
        172
bezahlen können, als sie bekamen, und hätte noch tüchtige
Profite eingestrichen. Aber damit hätte er ja eine schwach-
sinnige Verletzung jenes heiligen Geschäftsgrundsatzes
begangen, der da lautet: Bezahle deine Angestellten so
niedrig, wie du kannst, und verkaufe deine Waren so hoch,
wie du kannst.

Field war einer der größten Schnittwarenfabrikanten
der Welt. Er besaß, so berichtet ein Schriftsteller, ganze
Scharen von enormen Fabriken in England, Irland und
Schottland. ‚Die Provinzen Frankreichs sind mit seinen
Betrieben übersät. Das Geklapper seiner Webstühle ist in
Spanien, in Italien, in Deutschland, in Österreich und in
Rußland zu hören. Auch der Orient wird‘ von diesem
Fabrikherrn nicht vernachlässigt. Schwitzende Chinesen
und geschickte Japaner stehen zu Tausenden auf der Zahl-
rolle dieses Chicagoer Kaufmanns und Fabrikanten. Auf der
anderen Seite des Äquators hat er große Wollfabriken in
Australien, und die Kette erstreckt sich bis nach Süd-
amerika, mit seinen Fabriken in Brasilien und in anderen
von unseren Nachbarrepubliken.“

In all diesen Fabriken wurde die Arbeit der Männer,
Frauen und Kinder bis zum Äußersten ausgebeutet;
in fast allen waren die Arbeiter nicht organisiert und ent-
behrten daher jeder Spur von Selbstschutz. Knaben und
Mädchen im zartesten Alter wurden erbarmungslos zu
Dollaren zermahlen; das Blut ihres jungen Lebens düngte
den Boden, aus dem Field seine Reichtümer zog. Aber
damit tat er nur, was die ganze Handelsklasse in der ganzen
Welt auch tat.

Wie einträglich das Geschäft von Marshall Field &amp; Co.
war (und ist), kann man daraus ersehen, daß seine Aktien
(es wurde in eine eingetragene Aktiengesellschaft um-
gewandelt) auf 1000 standen. Marshall Field besaß bei
seinem Tode 3400 dieser Aktien, die seine Testaments-
vollzieher mit 3 400 000 Dollar bewerteten. Welche anderen
Faktoren außer der Ausbeutung der Arbeiter und der
Verfälschung der Waren es Field ermöglicht haben, selbst
entfernte Konkurrenten auszustechen, ist nicht immer
yanz klar. Jedenfalls wies D. R. Anthony, ein Konegreß-
        <pb n="218" />
        173
Abgeordneter für Kansas, am 4. Dezember 1907 dem
Generalpostmeister Meyer nach, daß das Haus Marshall
Field &amp; Co. für die Verschiffung seiner Artikel im ge-
heimen niedrigere Frachten zahlte, als festgesetzt waren.

Aus diesen Quellen floß das Geld, wodurch er Groß-
grundbesitzer wurde und womit er Politiker und Abge-
ordnete bestach, um Konzessionen für Straßen- und Hoch-
bahnen, Gas-, Telephon- und elektrische Lichtanlagen zu
bekommen, die in Wahrheit unberechenbare Summen
wert sind. Mit dem Gelde, das er aus seinen elend bezahlten
Angestellten und seinen von Miete erdrückten Mietern
herausquetschte, machte er sich zum Beherrscher der In-
dustrie. Das Inventar seines Vermögens, das seine Testa-
mentsvollstrecker vor Gericht aufnahmen, zeigte, daß er
Millionen an Obligationen und Aktien von über ı 50 Ge-
sellschaften besaß, z. B. von Eisenbahnen, mit deren Bau
und Betrieb er nicht das Geringste zu tun hatte. Die Ge-
schichte fast all dieser Bahnen ist mit Diebstählen von
öffentlichen und privaten Geldern, mit Bestechung aller
Arten von staatlichen und städtischen Beamten, mit Weg-
nahme von Land, Betrug, widerrechtlichen "Transaktionen,
Gewalt und Bedrückung nicht bloß der unmittelbaren
Arbeiter, sondern der ganzen Bevölkerung verbunden).
Ihm gehörten — um nur ein paar Beispiele zu geben —
1!/, Millionen Dollar von der Baltimore und Ohio-Eisen-
bahn, 600000 Dollar von der Atchison-, Topeka- und
Sante Fe-Bahn, ı 860 000 Dollar von der Chicago- und der
Nordwestbahn und weitere 10 Millionen Aktien von über
15 anderen Eisenbahnen.

Er besaß auch eine reiche Sammlung von Aktien einer
großen Anzahl von Trusten. Die Geschäftsführung dieser
Truste ist vor Gericht schon dann und wann als mit Be-
trug, frechstem Terror und Gesetzesverletzungen übersät
erwiesen worden. Er hatte 450000 Dollar in Aktien
der Korn-Produkten- Gesellschaft (dem Glykose-Trust);
370 000 Dollar Aktien von dem sattsam bekannten Mäh-
maschinen-Trust, der dem Farmer 75 Dollar für eine
Maschine berechnet, die ihm marktfertig allenfalls auf

1) Einzelheiten siehe im Dritten Teil: „Große Vermögen aus Eisenbahnen.“
        <pb n="219" />
        vr

16 Dollar zu stehen kam, und dem ein großer Teil der
Farmerbevölkerung mit Händen und Füßen ausgeliefert
ist; 350 000 Dollar am Biskuit-Trust; 200000 Dollar am
Amerikanischen Blechbüchsen-"T'rust und große Mengen
Aktien bei anderen Trusten. All diese Aktien gehörten ihm
von Anfang an; er hatte das Prinzip, niemals Agio zu zahlen
oder zu Spekulationszwecken zu kaufen. Alles in allem
besaß er mehr als 55 Millionen Dollar in Aktien und Obli-
gationen.

Ein sehr beträchtlicher "Teil davon betraf Chicagoer
Gesellschaften für Straßen- und Hochbahnen, für Gas,
elektrisches Licht und Telephon. An der Korruption, die
mit der Ewerbung der Konzessionen dieser Gesellschaften
einherging, hatte er einen Hauptanteil.

Neuntes Kapitel
WEITERES VOM FIELDVERMÖGEN

u nur ein bezeichnendes Beispiel für Fields Methoden
in der Gründung von industriellen Körperschaften
zu geben, wollen wir hier ein wenig von der Pullman-Gesell-
schaft reden, die auch „Luxuswagen-Trust‘“ genannt wird.

Die Statuten der Gesellschaft waren so abgefaßt, daß
die einzelnen Mitglieder sich mit Leichtigkeit der persön-
lichen, der moralischen und oft auch der gesetzlichen Ver-
antwortung für ihre Handlungen entziehen konnten. Da
die Gesellschaft von einer Anzahl von Direktoren regiert
wurde, waren diese Handlungen nicht mehr individuell,
sondern kollektiv; wurde einer der Direktoren angegriffen,
so konnte er einfach sagen, er sei bloß einer von mehreren;
so wurde die Schuld auf die ganze Gesellschaft, ein blutloses
Phantom, abgewälzt.

Die Pullmanwerke Fields
Im Fall der Pullman-Gesellschaft aber kann man viel von
der moralischen Verantwortung Field direkt zuweisen, da
        <pb n="220" />
        175
er, wenn auch versteckt, der eigentliche Diktator der Ge-
sellschaft war; nach der Aufnahme seiner Testaments-
vollstrecker besaß er 8000 Aktien der Gesellschaft =
800 000 Dollar. 1901 versicherte ein Schriftsteller, der
wahrscheinlich von Field selbst inspiriert ist, man halte
George M. Pullman mit Unrecht für den maßgebenden
Faktor in diesem großen und einträglichen Unternehmen;
Pullman sei bloß ein Strohmann, und auch Robert
T. Lincoln, der Präsident der Gesellschaft, und Norman
B. Ream seien bloß Vertreter von Marshall Field, der der
Hauptaktionär des Unternehmens sei. Der Autor vergißt
aber, daß auch andere mächtige amerikanische Multi-
millionäre, wie die Vanderbilts, große Aktionäre der Ge-
sellschaft geworden waren, wenn auch Field die eigentliche
Seele des Unternehmens war.

Die Pullman-Gesellschaft beschäftigte, wie Moody in
„Die Wahrheit über die Truste‘“ berichtet, in allen Ab-
teilungen ihrer verschiedenen Fabriken an verschiedenen
Plätzen fast 20 000 Angestellte und beherrschte 85 Prozent
der ganzen Industrie. Da die Methoden der Gesellschaft
wenigstens teilweise Gegenstand offizieller Untersuchung
waren, sind ein paar Tatsachen zu erlangen.

Die Pullman-Gesellschaft wurde also. 1867 gegründet,
um Schlafwagen von einem praktischen Typ zu bauen,
der offiziell dem Pullman patentiert worden war. 1880
kaufte sie 500 Morgen Landes bei Chicago; 300 davon
verwendete sie zur Errichtung ihrer Anlagen und er-
baute mit viel Lärm und Reklame eine sogenannte
»„Musterstadt‘“ zugunsten ihrer Arbeiter. Ziegelhäuser,
Kirchen, eine Bibliothek und Sportplätze waren die
Hauptvorzüge, und das Projekt wurde weit und breit
als ein bemerkenswerter Fortschritt, als leuchtendes Bei-
spiel für’ den wachsenden Altruismus der Geschäftsleute
ausposaunt.

Eine „Musterstadt‘

Die Zeit enthüllte bald die wahre Natur des Unter-
nehmens. Die „Musterstadt“ erwies sich wie alle „Muster-
        <pb n="221" />
        — 176 —
städte‘ als ein schlauer Trick, der zwei Fliegen mit einer
Klappe schlug. Sie wirkte dahin, die Arbeiter ihren Aus-
beutern gegenüber in einer Art Sklaverei zu erhalten, und
gab der Gesellschaft weitere Möglichkeiten, die Arbeiter
noch über die üblichen Grenzen der Löhne und Profite
hinaus auszubeuten. Der Arbeiter befand sich in Abhän-
gigkeit wie unter dem Feudalsystem des Mittelalters,
ohne aber die Vorteile dieses Systems zu haben. Es
war nichts weiter als die scheinbar verbesserte Methode
der Kohlenminen in Pennsylvanien, Illinois und anderen
Staaten, wo die Arbeiter schlecht bezahlt und dann ge-
zwungen wurden, diese Löhne den Kohlengesellschaften
wieder zurückzugeben und sich noch dazu eine Schuldenlast
aufzuhalsen, indem sie alles, was sie brauchten, in den Läden
der Gesellschaft zu fabelhaften Preisen kaufen mußten.
Während die Kohlengesellschaften aber wenigstens offen
und ehrlich verfuhren, umgab die Pullman-Gesellschaft
die Ausbeutung mit trügerischen Beschönigungen,

Der Mechanismus war einfach. Während z. B. das Gas
die Gesellschaft nur 33 Cent für tausend Fuß kostete,
mußte jeder Arbeiter, der in der Musterstadt wohnte,
dafür 2,25 Dollar bezahlen. Wenn er seine Beschäftigung
behalten wollte, konnte er nicht umhin, zu bezahlen; die
Gesellschaft besaß das ausschließliche Recht, Gas zu
liefern, und sie war auch die ausschließliche Grundbesitzerin:
so hatte sie ihn unentrinnbar in den Klauen. Die Arbeiter
wurden in häßlichen kleinen Hütten untergebracht, die
in engen Reihen gebaut waren und je fünf Zimmer und
„Bequemlichkeiten‘“ hatten; dafür wurden 18 Dollar monat-
lich berechnet. Die Stadt Chicago, deren Beamte nur
Drahtpuppen oder Mietlinge der Industriemagnaten waren,
versorgte die Pullman-Gesellschaft generöserweise mit
Wasser für 4 Cent pro tausend Gallonen, wofür die Gesell-
schaft ihren Angestellten 10 Cent pro tausend Gallonen
oder über 71 Cent monatlich abnahm. Auf diese Weise
bekam die Gesellschaft ihren eigenen Bedarf an Wasser für so
gut wie umsonst. Sogar die Fensterladen an den Häusern
wurden den Arbeitern mit 50 Cent monatlich berechnet,
Das sind ein paar Proben von den verschiedenen Mani-
        <pb n="222" />
        pulationen der Gesellschaft, ihre Tausende von Arbeitern
an sich zu ketten und auszuplündern.

Im Krisenjahr 1893 setzte die Gesellschaft die Löhne um
ein Viertel herab, aber die Kosten für Miete, Gas und Wasser
blieben die gleichen. Da der jährliche Durchschnittslohn
von mindestens 4497 Arbeitern der Gesellschaft wenig
mehr als 600 Dollar (genau: 613,86 Dollar) betrug, so
lief diese Lohnherabsetzung darauf hinaus, daß man die
Arbeiter zwang, ihre Arbeit einfach umsonst zu leisten.
Zahlreiche Zeugenaussagen vor der Sonderkommission,
die später vom Präsidenten Cleveland eingesetzt wurde, er-
gaben, daß die vierzehntägigen Auszahlungen sich zuweilen
zwischen 4 Cent und ı Dollar bewegten — was die Gesell-
schaft nicht widerlegen konnte. So viel war die Gesellschaft
dem Arbeiter also noch schuldig, wenn sie ihm die Miete
und die Nebenabgaben abgezogen hatte. Diese Räubereien
erregten unter den Arbeitern bitteren Groll, besonders
da sie sicher wußten, daß die Gesellschaft nach ihren
eigenen Geschäftsberichten- enorme Profite erzielte. Zur
selben Zeit waren die Arbeiter allein mit der Miete um
70 000 Dollar im Rückstand.

Die Angestellten Pullmans streiken
Endlich faßten sie Mut — denn es war ein hoher Grad
moralischer Tapferkeit dazu nötig, für sich und ihre Fa-
milien die weitere Not auf sich zu nehmen, die aus einem
Streik unweigerlich folgen mußte — und verlangten eine
Wiedereinsetzung der alten Löhne. Eine arrogante Weige-
rung führte am 11. Mai 1894 zur Erklärung des Ausstandes.
Diesen Streik und den größeren, der folgte, erklärt Caroll
D. Wright, der eine Zeitlang Arbeits-Kommissär der Ver-
einigten Staaten war, für „vielleicht die kostspieligste und
schwerwiegendste Arbeits-Streitigkeit dieser Generation“,
Die Amerikanische Eisenbahner-Vereinigung, die aus Arbei-
tern verschiedenen Grades bei einer großen Zahl von Eisen-
bahnen bestand, erklärte einen allgemeinen Sympathie-
streik und wählte Eugene V. Debs zum Führer.

Der Streik hätte wahrscheinlich Erfolg gehabt, wenn nicht
ra
        <pb n="223" />
        — 178 —
die gesamten Machtmittel der Nationalregierung und die der
meisten von dem Streik betroffenen Einzelstaaten rücksichts-
los gebraucht worden wären, um diese mächtige Erhebung
der Arbeiter zu dämpfen. Die ganze Presse, mit wenigen
Ausnahmen, verbreitete die frechsten Unwahrheiten über
den Streik und seine Führung; Debs wurde persönlich mit
Anwürfen bedacht, die kaum ihresgleichen gehabt hatten.
Um die Streikenden ins Unrecht zu setzen reizten die Eisen-
bahngesellschaften die Arbeiter an, ihre eigenen Wagen
zu verbrennen oder zu zerstören (es waren billige, aus-
gediente Güterwagen), und überall hielten sie Lockspitzel,
die Gewalttaten provozieren sollten. Der Zweck war ein
dreifacher: die Ausständigen mit dem Makel einer gesetz-
losen Bande zu bedecken; den Zeitungen Gelegenheit zu
geben, mit abschreckender Wirkung gegen die Ausständigen
Stimmung zu machen und die Regierung zu veranlassen,
daß sie bewaffnete Truppen schicke, um die Ausständigen
niederzuschießen, einzuschüchtern oder sonstwie unschäd-
lich zu machen.

Die Regierung war in der Tat von den Eisenbahngesell-
schaften und den anderen Kompanien beherrscht. Die
Richter der Vereinigten Staaten fällten auf Geheiß der
Eisenbahngesellschaften (von deren Gnade sie angestellt
waren) außergewöhnliche, nie dagewesene Entscheidungen
gegen die Ausständigen; sie verboten ihnen sogar, ihre
Kameraden zur Arbeitsniederlegung zu überreden. Der-
artige Verbote entbehrten so völlig. jeder gesetzlichen
Basis, daß die Bundeskommission berichtete: „Es wird
ernsthaft bezweifelt, und mit guten Gründen, ob die Ge-
richte die Kompetenz besitzen, den Bürgern die gegenseitige
„Überredung“ in industriellen Angelegenheiten von ge-
meinsamem Interesse zu verbieten.“ Aber das Verbot wurde
durchgeführt; Debs und seine Kameraden wurden in einem
kritischen Moment des Streiks wegen Übertretung des
Gesetzes verhaftet und ohne Prozeß eingesperrt, weil sie
andere Arbeiter zu bewegen versucht hatten, die Sache
ihrer streikenden Brüder zu der ihren zu machen. Um
der Sache den letzten Schlag zu versetzen, beorderte Prä-
äident Cleveland eine Abteilung Soldaten nach Chicago
        <pb n="224" />
        — 179 —
unter dem Vorwande, die Ausständigen gefährdeten den
zwischenstaatlichen Handel und den Postverkehr.

Hohe Profite und niedrige Löhne
Die allgemeine Entrüstung, die das Verhalten der Re-
gierung während des Streiks erregte, zwang den Präsidenten
Cleveland, eine Untersuchungskommission für diesen Streik
einzusetzen. Cleveland war ein mittelmäßiger Politiker,
der durch eine Reihe günstiger Zufälle aus den Bezirks-
versammlungen zur Präsidentschaft emporgestiegen war.
Nachdem er die vereinte Macht der Bundesregierung
zur Vernichtung des Streiks gebraucht hatte, setzte er nach-
träglich eine Kommission ein, die die Gründe des Streiks
erforschen sollte — der übliche Trick eines typischen Poli-
tikers.

Diese Sonderkommission — aus Männern gewählt, die
man nicht im entferntesten der Parteilichkeit gegen die
Arbeiter beschuldigen konnte — ermittelte eine ganze
Reihe bezeichnender Tatsachen und händigte einen Be-
richt ein, der ‘sich durch unerwartete Redlichkeit aus-
zeichnete. Danach war das Kapital der Pullman-Gesell-
schaft in der Zeit von 1867 bis 1894, in 27 Jahren, von
ı Million auf 36 Millionen Dollar angewachsen. Sie hatte
mehr als zwanzig Jahre lang 8 Prozent Dividende bezahlt,
in manchen Jahren sogar 9%, bis ı2 Prozent, und dazu
25 Millionen Dollar als Reserven zurückgelegt. 1893 hatte
sie 2 520 000 Dollar Dividende und 7 223 719 Dollar Löhne
gezahlt, im nächsten Jahre hatte sie die Löhne um ein Viertel
beschnitten, dafür aber eine noch größere Dividende aus-
geschüttet: z 880 000 Dollar Dividende gegen 4471 701
Dollar für Löhne,

Während all der folgenden Jahre bis jetzt hat die Pullman-
Gesellschaft dem Publikum für die Benutzung ihrer Wagen
beständig ganz exorbitante Preise berechnet. In verschie-
denen Legislaturen sind zahlreiche Anträge gestellt worden,
die Gesellschaft zu einer Herabsetzung dieser Preise zu
zwingen. Es ist bekannt, daß sie ihren Schaffnern und
Gepäckträgern so armselige Löhne zahlt, daß die fünfzehn
12"
        <pb n="225" />
        — 180 —
Millionen Fahrgäste, die jedes Jahr in Pullman-Wagen
reisen, dem Mangel durch Trinkgelder abhelfen müssen.

War Fields Einkommen schon aus den Pullman-Werken
so groß, so kann man sich vorstellen, wie groß sein Gesamt-
einkommen aus den zahllosen Unternehmungen, die er
besaß, oder an denen er beteiligt war, gewesen sein muß.

In den letzten Jahren seines Lebens betrug sein Netto-
einkommen mindestens 5 Millionen Dollar jährlich. Das
ist eine sehr zurückhaltende Schätzung, und es ist wahr-
scheinlicher, daß es 10 Millionen im Jahr erreichte. Nimmt
man (um gut zu rechnen) das Durchschnittseinkommen,
wovon seine Arbeiter leben mußten, mit 800 Dollar jährlich
an, so war die Summe, die ihm jedes Jahr zufloß, ohne daß
sein Kapital sich im geringsten verminderte, gleich dem
Gesamteinkommen, das 6250 seiner Angestellten durch die
Geschicklichkeit ihrer Hände und ihres Kopfes erarbeiteten,
und womit sie sich und ihre Familien erhalten mußten.

Einem einzelnen stand also so viel zur Verfügung, wie
mehr als 6000 Menschen bekamen, die sich für die Gesamt-
heit nützlich machten. Field hatte für diese 5 Millionen
jährlich weiter nichts zu tun, als darüber nachzugrübeln,
was er mit diesem Rieseneinkommen machen sollte; für die
Verwaltung der Besitzungen und Kapitalien selbst mietete
er die Geschicklichkeit anderer. die ihm diese Sorge ab-
nahmen.

Eine solche Lawine von Reichtümern rollte auf ihn
zu, daß er, wie die Astors, die Goelets und andere Multi-
millionäre, beständig in der gräßlichen Verlegenheit war,
neue Felder zur Anlage seiner Kapitalien suchen zu müssen.
Um sein ganzes Einkommen zu vergeuden, hätte es einer
anderen Phantasie bedurft, als er sie besaß. Im Vergleich
zu einigen anderen Multimillionären lebte er übrigens
bescheiden. Von mittlerer Größe und viereckigem Gesicht,
machte er eher einen bescheidenen Eindruck. In seinen
letzten Lebensjahren waren seine Haare und sein Schnurr-
bart weiß. Seine Augen waren grau und kalt; sein Gesicht
hatte den Ausdruck der Entschlossenheit und offen ein-
gestandenen Selbstsucht. Seine Lobredner aber nennen ihn
„freigebig, menschenfreundlich und voller Gemeinsinn“.
        <pb n="226" />
        — I81 —

„Ein Muster von kaufmännischer Redlichkeit“
Ja, zu seinen Lebzeiten und noch nach seinem Hin-
scheiden ist immer wieder nachdrücklich betont worden,
er sei (um die übliche Zeitungsphrase zu gebrauchen)
„ein Geschäftsmann vom besten Typ“ gewesen. Aus dieser
Charakterisierung folgt, was für bescheidene Ansprüche man
an die Anständigkeit der Geschäftsleute im allgemeinen
stellte, denn seine Ausbeutungsmethoden waren ja kein
Geheimnis.

Dazu, daß man den Arbeiter versklavte, daß man ihn
um seine Arbeit bestahl, daß man blutige Gesetze gegen
ihn anwandte, daß man Männer, Frauen und Kinder zu
Lasttieren erniedrigte und gegen die Einschränkung der
Kinderarbeit (1907 arbeiteten nach den Debatten im Senat
mehr als eine halbe Million Kinder in Fabriken, Minen
und Ladengeschäften) auf heftigste protestierte — dazu
sagten diejenigen, die die öffentliche Meinung ausdrückten,
die Politiker und die Geistlichen, nichts. Im Gegenteil,
die regierende Unternehmerklasse und ihre Zuhälter ver-
suchten noch, die erfolgreichen Schwindler als unentbehr-
liche Männer hinzustellen, ohne welche die Industrie des
Landes nicht bestehen könne, und den Arbeitern, die sie
immer und immer wieder um die Früchte ihrer Mühe be-
trügen, einzureden, sie müßten diese Magnaten ehren und
ihnen dafür dankbar sein. daß sie ihnen Arbeit verschaffen.

Field stiehlt Millionen an Steuern

Aber die Anbeter des Erfolges, deren nicht wenige sind,
kamen schön in Verlegenheit, als sein Testament eröffnet
wurde und sich ergab, daß er sogar nach den bestehenden
Gesetzen, die dem Besitz so günstig waren, ein gewöhnlicher
Meineidiger und Betrüger gewesen war. Dieser Mann „von
strikter Ehrlichkeit“ unterschied sich in nichts von dem
Rest seiner Klasse.

Jahrelang hatte er darauf bestanden, nur für 2!/, Millio-
nen persönliches Vermögen zu versteuern: der fromme alte
Ladenbesitzer hatte gedroht, wenn die Steuerbehörden
        <pb n="227" />
        — I82 —
diese Einschätzung für zu niedrig halten sollten, so würde
er seine sieben Sachen packen und anderswo hingehen, wo
die Steuerbehörden sich hüten, allzusehr in die Geld-
schränke hineinzuriechen, Aber als vor Gericht das Ver-
zeichnis seiner Besitztümer aufgenommen wurde, ergab
sich, daß er viele Jahre lang mindestens 17'/A Millionen
persönliches Vermögen besessen hatte, das nach den Ge-
setzen des Staates Illinois steuerpflichtig war. Wieder
war ein Idol in den Staub gesunken, denn die Lobredner
des Reichtums hatten sich nicht genug tun können, darauf
hinzuweisen, daß Field sein Vermögen nur seiner absoluten
Redlichkeit und seinem reinen, makellosen Charakter ver-
dankte.

Zu einer anderen Zeit hätte man die Tatsachen über seine
Steuerunterschlagungen unterdrückt und totgeschwiegen.
Aber damals besaß Chicago zufällig einen halbwegs an-
ständigen Gemeinderat, der ı 730000 Dollar zu wenig
gezahlter Steuern einklagte. Die Sache lag so klar, daß
Fields Vermögensverwalter sich zu einem Vergleich ent-
schlossen und eine Million Dollar zahlten. Hätte man aber
zu den ı 730 000 Dollar, die Field hinterzogen hatte, die
Zinsen für all die langen Jahre gerechnet, so wäre man auf
z Millionen gekommen.

Meineid und Steuerhinterziehung sind durchaus üblich
Aber diese Steuerhinterziehungen waren keine Spezialität
Fields. Nicht bloß er persönlich, sondern auch die Ge-
sellschaften, an denen er beteiligt war, und die ganze
Handelsklasse im allgemeinen taten wie er. Was die Pull-
man-Werke betrifft, so waren ihre Steuerhinterziehungen
jahrelang ein öffentlicher Skandal; John P. Altgeld, der
1893—95 Gouverneur von Illinois war, spielte in Reden
und Artikeln oft genug darauf an. Der ungewöhnlich
gründliche Bericht des Arbeitsbüros von Illinois für 1894
wies nach, wie die wertvollsten Grundstücke und Ge-
bäude Chicagos immer nur mit dem kleinsten Bruchteil
ihres wahren Wertes angegeben wurden: die kostspieligsten
Handelsgebäude etwa mit einem Zehntel, die reichsten
        <pb n="228" />
        — 183 —
Privathäuser mit einem Vierzehntel ihres Wertes. Das
persönliche Vermögen figurierte auf den Steuerzetteln mit
einem minimalen Betrage.

Für Boston meinte die Steuer-Kommission für 1891,
die öffentliche Schatzkammer werde alljährlich um etwa
17 Millionen Dollar für Steuern betrogen. Für New
York haben wir gesehen, wie die Astors, die Schermer-
horns, die Goelets — die ganze Gesamtheit der besitzenden
Klasse — jahrzehntelang systematisch Steuern hinterzogen
haben. Man schätzt, daß gegenwärtig in der Stadt New
York nicht weniger als 5 Milliarden Vermögen gänzlich
der Besteuerung entgehen, und das ist eher zu niedrig ge-
griffen.

Spahr kam in seinem Buche „Die gegenwärtige Verteilung
des Reichtums in den Vereinigten Staaten“ vor mehr-als
einem Jahrzehnt zu dem Schluß: „Die Reichen zahlen
weniger als ein Zehntel der indirekten Steuern, die Wohl-
habenden weniger als ein Viertel, die relativ ärmeren Klassen
mehr als zwei Drittel.“ Er hätte hinzufügen müssen: wenn
die Reichen zahlen. Die Mieter der Kapitalisten müssen
ihre Miete rechtzeitig bezahlen, oder sie werden aufs Pflaster
gesetzt; die Kapitalisten selber aber lassen sich Zeit und
zahlen dann so viel, wie auf ihrem Steuerzettel noch übrig
bleibt, nachdem sie die Hauptmasse hinweggeschworen
haben. So sagte der Steuerkontrolleur Metz in New York
in einem öffentlichen Bericht vom 28. Februar 1908, die
Stadt hätte noch fast 103 Millionen unbezahlter Steuern
zu bekommen, die zum großen Teil schon jahrzehntelang
Pe staeng davon lagen rund 30 Millionen auf Grund-
esitz!
Aus dem August 1909 haben wir den Bericht der Steuer-
reform-Liga in Illinois an die Steuerreklamations-Kammer
von Chicago über Steuerhinterziehungen. Danach war u. a.
Edward Morris, Leiter einer großen Schlachthofgesellschaft,
überhaupt nicht zur Steuer auf persönlichen Besitz heran-
gezogen worden, während er für 43 Millionen Dollar
Papiere besaß, die die Liga im einzelnen aufführte. Ebenso
verlangte die Liga, daß J. Ogden Armour, einer der Haupt-
Macher im Beef-Trust, mit 30 840 000 Dollar persönlichem
        <pb n="229" />
        — 184 —
Vermögen herangezogen würde, während er nur 200 000
Dollar versteuerte. Das sind nur zwei Beispiele aus den
vielen, die der Bericht der Liga gibt. Man schätzte 1909,
daß die Stadt Chicago auf mindestens eine Milliarde Dollar
Aktienkapital von einer Menge Einzelpersonen und Gesell-
schaften noch Steuern zu bekommen hätte.

Wie die Astors, die Schermerhorns, die Rhinelanders
und eine Reihe anderer, gab auch Field große Summen
her; wie sie, wurde auch er mit Weihrauch überschüttet.
Millionen gab er zur Errichtung und Erhaltung des Field-
Columbian-Museums in Chicago und für die Chicagoer
Universität. In Klammern sei daran erinnert, daß er neben
letzterer viele Häuserblocke besaß, deren erhöhter Wert
nach Errichtung der Universität seine Schenkungen mehr
als deckte. Das könnte an sich ebenso Zufall wie kalte Be-
rechnung gewesen sein — aber nach Fields sonstigen Me-
:hoden zu schließen war es wahrscheinlich kein Zufall.

Daraus, daß jemand seine Angestellten erbarmungslos
ausbeutet und den Staat um Millionen für hinterzogene
Steuern betrügt, folgt freilich nicht, daß er außerhalb des
Geschäftlichen nicht ein gutherziger und freigebiger Mensch
sein könne, Unter der gegenwärtigen Wirtschaftsordnung
zwingt die Konkurrenz den einzelnen zu einem Kampf
bis aufs Messer, und in diesem Kampf würde derjenige
unterliegen, der weniger skrupellose Waffen brauchen wollte.
Field könnte also im Geschäftsleben ein Raubtier und im
Privatleben ein Wohltäter gewesen sein, und es fragt sich
nur, ob er es wirklich war.

Sei dem wie immer, es muß doch konstatiert werden,
daß die Beträge, die Field für, philanthropische Zwecke
gab, genau so hoch waren wie die Summen, um die er die
Stadt Chicago allein für Steuern hinterging. Sieht man
näher zu, so erkennt man, daß ein großer Teil all der Sum-
men, den die Multimillionäre hergegeben haben, nur
einen Bruchteil der Summen ausmacht, die sie an Steuern
hinterzogen haben. William C. Schermerhorn bedachte
die Columbia-Universität mit 300 000 Dollar; an Steuern
hinterzog er viel mehr. Läßt man also die Tatsache, daß
zie hundert Millionen Menschen um die Früchte ihrer
        <pb n="230" />
        185 —
Arbeit brachten, ganz beiseite, und betrachtet man nur die
Steuerhinterziehungen, so erkennt man, daß unsere
Magnaten sich durch gestohlene Gelder mit Nachruhm
versorgt haben.

„Die sein Vertrauen genießen,‘ so schrieb einer der
glühendsten Lobhudler Fields, „versichern, daß er die
Hauptmasse seines Vermögens öffentlichen Zwecken wid-
men wird.“ Aber diese Prophezeiung ging nicht in Er-
füllung.

140 Millionen für zwei Knaben
Fields Vermögen, gewöhnlich auf 100 Millionen Dollar
berechnet, in Wahrheit aber etwa 140 Millionen Dollar
groß, ging in der Hauptsache an seine beiden Enkel, Mar-
shall Field III und Henry Field. Der alte Field schweißte,
wie viele andere Multimillionäre seiner Zeit, sein Vermögen
zu einer festen Masse zusammen, so daß es nicht mehr ein
persönliches Attribut war, sondern ein abstraktes Wesen.
Er setzte nämlich testamentarisch fest, daß 72 Millionen
Dollar für Marshall III und 48 Millionen Dollar für Henry
von einem Kurator verwaltet und erst 1954 mit den Zinsen
ausgezahlt werden sollten.

Diese Summe bestand nicht aus Bargeld, obgleich er
allzeit eine hübsche Summe Goldes verstaut hatte (bei
seinem Tode besaß er etwa 4'/, Millionen in den Banken),
sondern hauptsächlich in Grundbesitz, in Obligationen und
Aktien. Diese hatten eine weit größere anhäufende Kraft
als Bargeld. Sie waren und sind unerbittliche Pfandbriefe
auf die Arbeit von Millionen von Arbeitern, Männern,
Frauen und Kindern, von jeglicher Beschäftigung. Durch
einen Streifen Papier, Testament genannt, der die Laune
eines Menschen verkörperte, bekamen diese Knaben, die
vollkommen außerstande waren, die Größe dieses Vermögens
auch nur zu kapieren, geschweige denn es im mindesten
zu verwalten, gesetzliche, bindende Macht über eine Volks-
masse für Generationen. Patterson sagt, daß in den Läden
Fields und in den Pullman-Fabriken 50000 Menschen
für diese Knaben arbeiten. Aber das sind nur die direkten
        <pb n="231" />
        — 186 —
Angestellten; wie wir gesehen haben, besaß Field Aktien
von mehr als ı50 Industrie-, Eisenbahn-, Minen- und
anderen Gesellschaften, und deren Arbeiter fronden alle
für diese Knaben.

Sie graben in Minen und riskieren Unfälle, Krankheit
und Tod, oder leben ein dumpfes Leben der Armut.
Tausende von Kohlengruben-Arbeitern werden jedes Jahr
getötet, und viele andere Tausende werden verletzt, damit
diese Knaben und andere aus ihrer Kaste Riesenprofite
schöpfen. Mehr als 10 000 Personen werden jedes Jahr bei
der Eisenbahn getötet und 97 000 verletzt, damit das Ein-
kommen, das diese Jungen und andere genießen, sich nicht
vermindert. Die Zahl der Getöteten pro 100 000 Berg-
werksarbeiter ist seit 1895 bis jetzt von 267 auf 355 ge-
wachsen. Und fast alle diese Unfälle passieren, weil man
spart, weil man die Arbeiter bis zur äußersten Ermüdung
anspannt, weil man billige, unerfahrene Arbeiter anstellt,
und weil man es unterläßt, für Schutzmaßregeln zu sorgen.
Weitere Millionen schuften in Eisenhütten und Fabriken,
auf Farmen, in Schlächtereien und Warenhäusern. Warum?
Damit sie essen und schlafen können, um weiter zu schuf-
ten, und Kinder zeugen, die wieder für andere schuften
werden.

Marshall Field III, der noch in kurzen Hosen geht,
bekommt 60 000 Dollar jede Woche; sein Bruder Henry
40 000 Dollar. Und diese Summe wächst beständig. Was
bekommen die Arbeiter, die dieses Einkommen beschaffen ?
Patterson gibt eine authentische Liste der Löhne:

Bei . den Pullman- Werken erhalten: Grobschmiede
16,43 Dollar wöchentlich; Kesselmacher 17 Dollar; Zimmer-
leute 12,38 Dollar; Maschinisten 16,65 Dollar; Maler
13,60 Dollar und Handlanger 9,90 Dollar wöchentlich.
Die niedrigeren Löhne, die in den Läden Fields gezahlt
werden, haben wir schon angeführt. Und abgesehen von
dieser Ausbeutung der Angestellten muß jede Person in
Chicago, die mit der Straßenbahn oder mit der Hochbahn
fährt, oder Gas, Elektrizität oder Telephon benutzt, diesen
Jungen direkten Tribut zahlen. Wie sind doch in diesen
Tagen die monarchischen Einrichtungen zerfallen: die
        <pb n="232" />
        — 187 —
Könige hängen durch ihre Zivilliste zumeist von Parla-
menten ab — der Kapitalismus aber braucht niemand
um Erlaubnis zu fragen: er nimmt, was ihm gefällt.

Das ist der jetzige Stand des Field-Vermögens. Mögen
die Sprößlinge der Fields ihr Geschick segnen, daß sie nicht
in einem Mittelalter leben, wo die Raubritter wenigstens
starke Arme haben mußten, wenn sie ihren Besitz behaupten
wollten.

Heute können sie Heere von Profitproduzenten für sich
fronen lassen, ohne daß sie von ihrem Spielzeug aufzu-
schauen brauchten. Jede Verteidigung, die erforderlich
ist, wird von der Gesellschaft mit ihren Regierungen und
ihren Richtern, ihrer dienstfertigen Advokatenschar und
ihrer bewaffneten Macht geleistet. Zwei zarte Knaben
wachsen in unermeßlichen Reichtümern und ungeheurer
Macht auf, während Millionen ihrer Mitmenschen im
Elend dahinvegetieren.
        <pb n="233" />
        <pb n="234" />
        Dritter Teil:
DIE GROSSEN VERMÖGEN AUS EISENBAHNEN
        <pb n="235" />
        <pb n="236" />
        Erstes Kapitel

DAS GERINGE ANWACHSEN DES FABRIKKAPITALS

[* den ersten Stadien des alten chaotischen Konkurrenz-
systems, wo eine Fabrik die andere bekriegte und ein er-
bitterter Kampf um Übermacht und Vorherrschaft das
ganze Fabrikwesen beherrschte, wurden keine ungewöhn-
lichen industriellen Vermögen erworben.

Als vermögend galt schon ein Fabrikbesitzer, der 250 000
Dollar sein eigen nannte. All die mannigfaltigen modernen
Faktoren, die so unbegrenzte Möglichkeiten bieten, Hun-
derte von Millionen zu erbeuten, waren noch unbekannt
oder erst im Anfange ihrer Entwicklung. Die Erfindungen
waren erst im Aufblühen, und Handarbeit herrschte bei
weitem vor. An die großen Fusionen dachte noch niemand;
der Effektenkapitalismus, wie er in der fiktiven Schaffung
ungeheurer Mengen von Aktien und Obligationen verkörpert
ist, gehörte noch nicht zu den Hilfsmitteln des Fabrik-
besitzers, obgleich die Banken und Versicherungsgesell-
schaften dies System bereits eingeführt hatten. Der Fabrik-
besitzer focht seine kommerziellen Kämpfe mit einer un-
erschütterlichen persönlichen Hartnäckigkeit aus. Hinter sei-
nem gelegentlichen Wohlwollen und seiner Religiosität ver-
barg sich der glühende Wunsch, die Konkurrenten in die
Enge zu treiben oder sie bankrott zu machen. Die Kon-
kurrenten waren seine Feinde; er bekämpfte sie mit allen
kaufmännischen Waffen und wurde von ihnen in gleicher
Weise bekämpft, und keiner gab Pardon.
        <pb n="237" />
        Die Macht der Eisenbahnbesitzer
Im Gegensatz zu dem langsamen, fast kriechenden Tempo
des Fabrikbesitzers auf dem Wege zum Reichtum gelangte
der Eisenbahnbesitzer mit einem Satz in die Reihen-der
Großkapitalisten, ausgerüstet mit weitgehenden Macht-
befugnissen, Privilegien und Besitztümern, neben denen die
des Industriellen recht unansehnlich waren. Es ist hier von
den Eisenbahnbesitzern die Rede, die scharf von den Er-
bauern der Eisenbahnen zu unterscheiden sind. Die einen
erbauten freilich die Bahn, aber es geschah häufig, daß eine
andere Gruppe von Männern sie durch Intrigen, Betrüge-
reien und Bestechungen ausdrängte und selbst den Besitz
an sich riß.

Wenn man den Gang der Ereignisse durch eine Reihe von
Jahren verfolgt und zusammenfaßt, ergibt sich, daß sozu-
sagen über Nacht zahlreiche Gesellschaften geschaffen
wurden, die mit außerordentlichen und weitgehenden
Machtbefugnissen und Besitzrechten ausgestattet waren.

Diese Gesellschaften wurden durch das Gesetz ins Le-
ben gerufen. Obwohl sie anfangs Geschöpfe des Gesetzes
waren, setzten gerade die Rechte, Privilegien und Besitz-
tümer, die sie mit Hilfe des Gesetzes erlangten, sie in den
Stand, Diktatoren und Herren des Gesetzes zu werden.
Die Rechte gehörten der Gesellschaft, nicht dem einzelnen;
daher vereinigte der Mann, der die Gesellschaft leitete,
Macht und Besitz sämtlich in seinen Händen. Die Fabrik
war in der Regel ein privates Unternehmen, das einem ein-
zelnen oder mehreren Kompagnons gehörte; um diesen
Besitz in die Hände zu bekommen, mußte man den Eigen -
tümer in finanzielle Verlegenheiten und zum Notverkauf
zu bringen suchen; denn in der Regel hatte er keine
Obligationen und Aktien ausgegeben. Die Eisenbahnge-
sellschaft aber war eine Aktiengesellschaft; wer die Majori-
tät der Aktien in Händen hatte, war ihr gesetzlicher Ver-
walter. Durch geschickte Manipulationen, Einschüch-
terungen, kühne Spitzbübereien und die korrupte Be-
herrschung des Gesetzes war es für alle, welche sich auf
die Wissenschaft der Beeinflussung des Aktienmarktes und
        <pb n="238" />
        — 193
die strategische Unterminierung verstanden, ein leichtes,
schwachen oder (im kommerziellen Sinne) unfähigen Aktio-
nären die Kontrolle zu entwinden.
Die Legalisierung der Intrigen
Diese Sachlage, die mit der theoretischen Majestät des
Gesetzes in so sonderbarem Widerspruch steht, stellte
sich häufig folgendermaßen dar: Mehrere Männer, die
sich selbst als eine Körperschaft bezeichnen, erwerben ein
dauerndes Privileg mit den ausgedehntesten Rechten und
Besitztümern. Das Gesetz aber bietet kein positives Hin-
dernis für irgendeine andere Gruppe von Leuten, diese
Besitztümer an sich zu reißen, wenn sie die Kraft dazu hat.
All dies geschah unter den nominellen Formen des Ge-
setzes, unterschied sich in Wirklichkeit aber nur wenig
von den Methoden des Mittelalters, wo ein Ritter dem
anderen durch bewaffnete Macht Schloß und Land nehmen
konnte und es in seinem Besitz behielt, bis ein stärkerer
Mann des Weges kam und ebenso sein Recht geltend
machte.

# Lange ehe die Eisenbahnen als eine handelsmäßig mög-
liche Unternehmung akzeptiert worden waren, hatten die
handeltreibenden und grundbesitzenden Klassen, wie wieder-
holt dargestellt worden ist, sehr erfolgreich gezeigt, wie die
Formen der Regierung verdreht werden konnten, um sich
selbst auf Kosten der arbeitenden Bevölkerung zu bereichern.

Von den hauptsächlichsten Betrügereien der Kapita-
listen bei der Aneignung großer Gebiete des Staatslandes
sind einige charakteristische Einzelheiten im vorhergehen-
den Kapitel erwähnt worden. Diese Einzelheiten sind in-
dessen nur aus einer Unzahl ähnlicher herausgegriffen. Als
die Regierung der Vereinigten Staaten organisiert wurde,
war das meiste Land im Norden und Osten bereits ver-
geben. Aber ungeheure Komplexe von Staatsländereien
waren noch im Süden und im mittleren Westen vor-
handen. Um viele Gebiete des früheren Koloniallandes
stritten sich lange Zeit die Einzelstaaten, bis sie es nach
und nach der Nationalregierung abtraten. Durch den

12
        <pb n="239" />
        — I04 —
Ankauf von Louisiana im Jahre 1805 erfuhr der öffentliche
Besitz eine ungeheure Erweiterung, ebenso nach dem mexi-
kanischen Kriege,

Landgesetze gegen die Armen
Vom Beginn der Regierung an wurden die Landgesetze
so eingerichtet, daß der arme Ansiedler beiseite geschoben
wurde. Statt daß die Gesetze dem Armen auf einfache
und billige Art den Landerwerb ermöglichten, wurden
sie zu einem höchst wirksamen Mechanismus ausgestaltet,
der Gesellschaften von Kapitalisten und einzelnen Kapi-
talisten weite Gebiete für lächerliche Summen sicherte.
Diese Kapitalisten behielten dann entweder das Land oder
zwangen die Ansiedler, für verhältnismäßig kleine Kom-
plexe ungeheure Preise zu zahlen. Es gab kein Gesetz,
welches von dem Käufer verlangte, daß er wirklich ein An-
siedler war. Der nicht im Lande lebende Grundbesitzer
war die Regel. Die kapitalistischen Gesellschaften setzten
sich größtenteils aus Kaufleuten und Bankiers aus dem
Norden, Osten und Süden zusammen. Es liegt klar am
Tage, daß sie in großem Maßstabe Bestechungen vornah-
men, sowohl um günstige Gesetze durchzubringen, als
auch um Gesetze zu verhindern, die zur Annahme vor-
geschlagen waren, indem sie systematisch das Einverständ-
nis der Beamten des leitenden Landamtes erkauften.

Durch einen Parlamentsakt vom 21. April 1792 z. B.
bekam die Ohio-Land-Company ein Areal von 100 000
Morgen, und im selben Jahre kaufte sie 892 900 Morgen für
642 856,66 Dollar. Aber diese Summe wurde nicht bar
bezahlt. Die Bankiers und Kaufleute, welche die Gesell-
schaft bildeten, hatten mit großem Diskont öffentliche
Schuldscheine und Heeresobligationen gekauft und durften
diese als Bezahlung entrichten!). Die Gesellschaft gab
dann ihr Land mit ungeheurem Gewinn an Ansiedler ab.
Fast alle Terraingesellschaften hatten banktechnische Ab-
# 1) U. S. Senate Executive Documents, Second Session, Nineteenth Congress
No. 62.
        <pb n="240" />
        — 195
teilungen. Der arme Ansiedler, der sich auf "Terrain an-
siedeln wollte, das noch kurz vorher Nationaleigentum
gewesen war, wurde zunächst gezwungen, der Terrain-
gesellschaft einen sehr hohen Preis zu zahlen ; er mußte
dann das Geld von der Bankfiliale borgen und eine große
Hypothek mit hohem Zinsfuß auf das Land eintragen
lassen!). Die Terraingesellschaften wußten sich immer die
besten Ländereien zu sichern. Die Verwaltungsakten dieser
Zeit wimmeln von Beschwerden, die von Parlamenten
und Privatpersonen über diese scheinbar rechtmäßig vor-
genommenen Okkupierungen der wertvollsten Terrains er-
hoben wurden, Diese beschlagnahmten Gebiete umfaßten
sowohl Waldungen und Erzlager als auch Ackerland.

Erwerb umfangreicher Gebiete durch Bestechung
Eine der skandalösesten Transaktionen der Terraingesell-
schaften war die einer Gruppe von Kapitalisten aus dem
Süden und aus Boston. Im Januar 1795 verkaufte die Re-
gierung von Georgia durch besonderen Akt Millionen von
Morgen in verschiedenen Gegenden des Staates Georgia
an vier Terraingesellschaften. Die Bevölkerung war über-
zeugt, daß dieser Kauf durch Bestechung zustande ge-
kommen sei. Es wurde eine Neuwahl vorgenommen und
eine Legislatur gewählt, die fast aus lauter neuen Mit-
gliedern bestand. Im Februar 1796 erließ diese Legislatur
die Ungültigkeitserklärung des vorausgegangenen Vertrages,
weil dieser durch „unzulässige Beeinflussung“ zustande ge-
kommen sei. Im Jahre 1803 wurden diese Gebiete von der
Regierung von Georgia an die Regierung der Vereinigten
Staaten abgetreten.

Die Georgia-Mississippi-Land-Company war eine von den
vier Gesellschaften. Sie hatte in der Zwischenzeit ihr Ter-
rain für 10Cent proMorgen an die New-England-Mississippi-
Land-Company verkauft. Obwohl eine Kongreßkommission
nach der andern berichtete, daß die New-England-Missis-
sippi-Land-Company nur einen ganz unwesentlichen Teil des
LI

1) U. S. Senate Documents, First Session, Twenty-fourth Congress, 1835—1836,
No, 216, 5. 16.
        <pb n="241" />
        — 106 —
Kaufpreises bezahlt hatte, versuchte die Gesellschaft, deren
Direktor einer der bedeutendsten Bostoner Kapitalisten
war, doch elf Jahre lang den Kongreß zu einem Erlaß zu
bewegen, der ihr eine große Entschädigung zusicherte.
1814 endlich genehmigte der Kongreß eine Entschädigungs-
vorlage, nach. der die Bostoner nach mehr als zehnjährigen
Bemühungen eine Abfindung von 1077 561,73 Dollar
aus der Staatskasse bekamen. Der Gesamtbetrag, der vom
Kongreß verausgabt wurde unter dem Vorwande, die An-
sprüche der verschiedenen Kapitalisten zu befriedigen, be-
lief sich auf 1 500 000 Dollar!). Begründet wurde die Aus-
gabe vom Kongreß mit der Entscheidung des obersten
Gerichtshofs der Vereinigten Staaten, daß, abgesehen von
den Mitteln, die zur Erlangung der Verträge dem Parlament
von Georgia gegenüber angewandt seien, die einmal voll-
zogene Abtretung den Charakter eines Kontrakts habe, der
durch ein späteres Parlament nicht widerrufen oder ungültig
gemacht werden könne. Dies war die erste einer langen Reihe
von Gerichtsentscheidungen, welche Verleihungen und Privi-
legien aller Art anerkannten, auch wenn sie durch Bestechung
und Betrügereien erlangt waren.

Wahrscheinlich war der Skandal, den diese Bestechung
des Parlaments von Georgia zur Folge hatte, die Ursache
der allgemeinen Gärung und der sich ergebenden Forde-
rung einer Gesetzesänderung. Im Jahre 1796 gab der
Kongreß die Absicht kund, das herrschende System des
Verkaufs von Millionen von Morgen an Gesellschaften
oder Privatpersonen aufzuheben. Das neue System solle,
nach dem Ausspruch des Kongresses, den Interessen von
Kapitalisten und armen Leuten gleichermaßen angepaßt
sein. Von jetzt an solle das Land in kleinen Parzellen auf
Kredit verkauft werden. Konnten sich Handwerker oder
Farmer ein besseres Gesetz wünschen? War jetzt nicht
auch dem Ärmsten Gelegenheit zum Erwerb von Land ge-
geben, das allmählich bezahlt werden konnte?

Aber dies Gesetz war noch vorteilhafter für die kapitali-

1) Senate Documents, Eighteenth Congress, Second Session, 1824—1825,
Bd. 2, No. 14, und Twenty-fourth Congress, 1836—1837, Bd. 2, No. 212.
        <pb n="242" />
        197 —
stische Klasse als das alte. Durch Bestechung der Beam-
ten gelang es den Kapitalisten, die begehrtesten Ländereien
auf betrügerische Art zurückzuhalten und sie von Stroh-
männern erwerben zu lassen. Auf diese Art wurden um-
fangreiche Territorien erworben. Dem Anschein nach
wurde das Land von einer großen Zahl von wirklichen An-
siedlern in Besitz genommen, die jedoch nur Mittels-
personen waren, um den Kapitalisten zu großen Arealen
in Form vieler kleiner Parzellen zu verhelfen. Wenn die
Kapitalisten auf diese Weise die besten Ländereien in Hän-
den hatten, behielten sie sie häufig so lange, bis die Nach-
frage sehr groß wurde, und zwangen die wirklichen Ansied-
ler, bedeutende Summen dafür zu bezahlen. All die Zeit
über hatten die Kapitalisten selbst das Land „auf Kredit“,
Einige von ihnen bezahlten vielleicht für die Ländereien
einen Teil des Gewinns, den sie durch die Ansiedler er-
zielt hatten, aber zahlreiche Käufer betrogen die Regierung
nahezu völlig um das, was sie ihr schuldeten!).

Die Kapitalisten dieser Epoche verstanden die Landge-
setze völlig zu ihrem eigenen Vorteil und Nutzen anzu-
wenden. 1824 ersuchte das Parlament von Illinois den Kon-
greß, die bestehenden Gesetze umzuändern. Mit ihrer
Hilfe, so hieß es, hätten sich nicht ansässige Spekulanten
die besten Ländereien reserviert; der Kongreß wurde nun
um Erlaß eines Gesetzes ersucht, wonach die noch verblie-
benen Ländereien für fünfzig Cent pro Morgen verkauft
werden sollten?). Andere Parlamente reichten ähnliche
Petitionen ein. Trotz der Tatsache aber, daß die Regie-
rungsbeamten und die Kongreßkommissionen ständig große
Betrügereien aufdeckten, trat doch keine wirkliche Ande-
rung zugunsten des armen Ansiedlers ein.

1) U. S. Senate Documents, Second Session, Eighteenth Congress, 1824—1825,
Bd. 2, No. 25. Ei ke
‚ *) Am 30. September 1822 schuldeten die „Kreditkäufer“ der Regierung:
in Ohio ı 260 870,87 Dollar, in Indiana ı 212 815,28 Dollar, in Illinois 841 302,80
Dollar, in Missouri 734 108,87 Dollar, in Alabama 5 760 728,01 Dollar, in Missis-
slppi 684 093,50 Dollar und in Michigan 50 584,82 Dollar, insgesamt etwa 10 550 000
Dollar, Executive Reports, First Session, Eighteenth Congress, 1824, No. 61. Die
meisten dieser Schuldner waren kapitalistische Bodenspekulanten,
        <pb n="243" />
        — 108 —

Die große Ausdehnung des Bodenschwindels
Der Bodenschwindel blühte unausgesetzt. In einem
langen Bericht vom 20. Juni 1834 erklärte die Senatskom-
mission für Staatsland, sie habe sich durch Augenschein
von der Tatsache überzeugt, daß in Ohio und anderswo
Vereinigungen von kapitalistischen Spekulanten gegründet
seien zu dem Zweck, bei den öffentlichen Landverkäufen
andere Käufer vom Markt zu verdrängen und Unvermö-
gende vom Bieten zurückzuschrecken, Die Kommission
legte dar, wie diese Gesellschaften und Einzelpersonen auf
betrügerische Art große Landkomplexe zu 1,25 Dollar pro
Morgen gekauft und später zu exorbitanten Preisen weiter-
verkauft hätten. Auch wurde erwähnt, daß sie, um diese
Betrügereien durchzuführen, die Register- und Kassen-
führung der Landämter nach Wunsch beeinflußten?).

Ein anderer erschöpfender Bericht wurde am 3. März
1835 von der Senatskommission erstattet. Viele der Speku-
lanten, hieß es darin, hätten hohe Ämter inne in Staaten,
in denen das von ihnen angekaufte Staatsland gelegen sei,
andere seien Leute von „Reichtum und Intelligenz“,
Sie alle aber „seien natürlich bestrebt, die amtlichen Unter-
suchungen dem Volke gegenüber zu verdächtigen‘“. Die
Kommission berichtet, es sei ein Versuch gemacht wor-
den, eins ihrer Mitglieder zu ermorden. „Der erste Schritt,“
fährt der Bericht fort, „der für jedes System der Bodenspe-
kulation nötig ist, ist, die Beamten zu bestechen durch ein
geheimes Abkommen zwischen den Parteien betreffs eines
bestimmten Gewinnanteils?).“ Die Kommission berichtet
weiter:

„Die Staaten Alabama, Mississippi und Louisiana sind der
Hauptschauplatz der Spekulationen und Betrügereien beim
Ankauf von fiskalischem Besitz und bei der Verteilung der
ganz unglaublichen Gewinne zwischen den Mitgliedern
der verschiedenen Gesellschaften und den Spekulanten.“

1) U. S. Senate Documents, First Session, Twenty-third Congress, 1833—1834,
Bd. 6, No. 461; S. 1—91.

2) U. S. Senate Documents, Second Session, T’wenty-third Congress, Bd. 4,
No. 161, 5.2.
        <pb n="244" />
        199
Das „„Kredit“system wurde allmählich von der Regie-
rung aufgegeben, aber das Auktionssystem wurde noch jahr-
zehntelang beibehalten. 1847 verkaufte die Regierung noch
große Gebiete für 1,25 Dollar pro Morgen, nominell an
Ansiedler, tatsächlich aber an kapitalistische Spekulanten.
Mehr als zwei Millionen Morgen sind lange Zeit hindurch
alljährlich verkauft worden. Die Kommission für Staatsland
enthüllte 1847 in einem Bericht, wie der größte Teil der
Ländereien von Kapitalisten aufgekauft wurde. Es wurde
der Fall aus dem Bezirk Milwaukee angeführt, wo bis 1847,
obwohl 6441 Landverkäufe vollzogen worden waren, doch
nur vierzig tatsächliche Ansiedler vorhanden waren. „Dies
beweist deutlich,‘ betont die Kommission, „daß diejenigen,
die das Land als Ansiedler erworben haben, entweder
Werkzeuge der Spekulanten sind, um diesen die besten
Ländereien zu sichern, .... oder die Erwerbung ist ledig-
lich eine Spekulation auf den Wiederverkauf?).“

Die Politik, ungeheure Terrains an Gesellschaften zu
geben, wurde zum Vorteil der Kanal- und Eisenbahngesell-
schaften wieder aufgenommen. Die erste Eisenbahngesell-
schaft, welcher der Kongreß Terrain bewilligte, war die
Illinois-Central-Gesellschaft, 1850. Sie bekam 2 595 053
Morgen in Illinois geschenkt. Wirkliche Ansiedler mußten
der Gesellschaft 5—15 Dollar pro Morgen bezahlen.

Große Areale, welche die Regierung von den Indianer-
stämmen gekauft hatte, gingen plötzlich durch Regie-
rungserlaß in den Besitz von Kanal- oder Eisenbahn-
gesellschaften über. Aus Kongreßakten vom Jahre 1840
(Senate Document No. 616) ging hervor, daß seit der
Begründung der Bundesregierung bis 1839 die Indianer-
stämme der Regierung insgesamt 442 866 370 Morgen abge-
treten hätten. Die Indianerstämme wurden durch ander-
weitige Landüberweisungen, sowie mit Geld oder Waren
bezahlt. Für diese 442 866 370 Morgen bekamen sie im Aus-
tausch Land im Werte von 53 757 400 Dollar und Geld und
Waren im Betrage von 31 333 403 Dollar.

1) Reports of Kommittees, First Session, Thirtieth Congress, 1847—1848,
Bd. 3, No. 732, 5. 6.
        <pb n="245" />
        200 —

Beeinflussung der Regierung
Während die Sozialpolitiker die Lehre verkündeten, daß
es nicht Sache der Regierung sei, sich mit anderen Geschäf-
ten zu befassen als mit dem Regieren — eine Lehre, die den
gewerbetreibenden Klassen gerade recht kam und ihren Wün-
schen entsprach —, entdeckten die kommerziellen Klassen
zu Beginn des 19. Jahrhunderts plötzlich, daß es eine Aus-
nahme gab. Sie brauchten Kanäle, und da sie für diesen
Zweck nicht genügend Mittel zur Verfügung hatten und
für sich selbst keinen unmittelbaren Vorteil sahen, ver-
langten sie vom Staate die Erbauung der Kanäle. Sie wünsch-
ten also die Durchführung einiger Kanalprojekte seitens
des Staates, da die Kanäle den Handel begünstigen wür-
den. Die Kanäle wurden gebaut, aber die kommerziellen
Klassen begingen die Dummheit, sie im Besitz des Volkes
zu lassen.

Dieser Mißgriff wurde nie wiederholt. Wenn Parlamente
und Kongresse so leicht zu veranlassen waren, Millionen
des Volksvermögens in Anlagen zu stecken, die dem Handel
nützten, warum sollte es nicht ebensoleicht sein, sich
außerdem auch den dauernden Betrieb dieser Unter-
nehmungen zu sichern? Warum sollte man sich mit einem
Teil begnügen, wenn man alles haben konnte?

Allerdings mußte mit der Volksstimmung gerechnet wer-
den; zu jener Zeit prüfte das Volk die Steuererhebüng mit
weit größerer Genauigkeit nach als heute, und man war
nicht willens, das Volksvermögen so anzulegen, daß ein-
zelne Privatpersonen den ausschließlichen Nutzen davon
ernteten. Aber es gab ein Mittel, die Wähler zu überlisten
und zu betrügen. Die gewerbetreibenden und grundbesit-
zenden Klassen kannten seine Wirksamkeit, denn sie hatten
es von 1795 an oft genug erprobt, indem sie Parlamente
und Kongreß zwecks Erlangung von Bank- und anderen
Privilegien bestochen hatten. Die Bestechung hatte sich
als höchst wirksam erwiesen. Die Wiederaufnahme dieser
Methode geschah auf viel breiterer Basis, mit weit größeren
Erfolgen und mit einer Geschicklichkeit, die deutlich zeigte,

daß die kapitalistische Klasse durch Erfahrung viel gelernt
        <pb n="246" />
        201 —
hatte, nicht nur, indem sie nach Machtbefugnissen strebte,
die ihr die vorhergehende Generation nicht zu gewähren
gewagt hätte, sondern indem sie es verstand, den Wähler,
der sich für den Urquell politischer Macht hielt, ihren
eigenen Zwecken dienstbar zu machen.

Subventionen der Kanalgesellschaften
Der erste große Kanal, der auf Verlangen der Kommer-
ziellen gebaut wurde, war der Eriekanal, vollendet im Jahre
1825. Dieser Wasserweg wurde auf Staatskosten gebaut und
gehörte dem Staat New York. Die Kommerziellen hatten
die Möglichkeit, ihn für ihre Zwecke und zu ihrem Vorteil
auszunutzen, und die Politiker konnten aus den späteren
Verträgen manchen Gewinn herausschlagen, aber für die
Anwendung der gewöhnlichen kapitalistischen Methode,
sich auf betrügerische Art in den Besitz von Land zu
setzen, sowie für eine Überkapitalisation war keine Gelegen-
heit gegeben.

Sehr bezeichnenderweise beginnt mit dem Augenblick
der Vollendung des Eriekanals die Ära der privaten, von
der Regierung finanzierten Kanalgesellschaften. Eine nach
der anderen dieser Kanalgesellschaften trat mit dem Er-
suchen um Gewährung staatlicher Gelder und Ländereien
hervor. Diese Gesellschaften hatten weder eigenes Kapital,
noch war Kapital nötig. Die Nationalregierung wie die Re-
gierungen der Einzelstaaten mußten dazu herhalten, sie
mit Kapital zu versehen.

Die Chesapeake- and Ohio-Canal-Company bekam bis
1839 die Summe von 2 500 000 Dollar aus dem Vermögen
der Vereinigten Staaten und ı 197 000 Dollar vom Staate
Maryland.

1824 begann die Staatsregierung für Kanalprojekte
Terrain zu bewilligen. Das geschah in der Regel auf die
Art, daß der Kongreß bestimmte Areale den verschiedenen
Staaten überwies, mit der Maßgabe, sie den einzelnen Kanal-
gesellschaften zur Verfügung zu stellen. Die Staaten ver-
kauften dies Land bisweilen zu einem Nominalbetrage von
1,25 Dollar pro Morgen an die Kanalgesellschaften. Der Er-
        <pb n="247" />
        nm DCOYT m
laß dieser Zahlung wurde später häufig durch Bestechung
der Parlamente erreicht.

Von 1824 bis 1834 bekam die Wabash- und die Erie-
Canal-Company von der Regierung Ländereien im Umfange
von 826 300 Morgen. Die Miami- und Dayton-Kanalgesell-
schaft sicherte sich 1828 und 1833 ein Gesamtareal von
333 826 Morgen. Die St. Marys Falls-Ship-Canal-Company
bekam 1852 750 000 Morgen, die Portage Lake und Lake
Superior Ship-Canal-Company 1865 bis 1866 400000 und
die Lac La Belle Ship-Canal-Company 1866 100000 Mor-
gen. Einschließlich einer Schenkung von 500000 Morgen
Staatsland für allgemeine Kanalzwecke, die 1828 durch
den Kongreß erfolgte, betrug der Gesamtumfang der Län-
dereien, die von der Nationalregierung zur Unterstützung
der Kanalgesellschaften abgetreten waren, 4 224. 073,06
Morgen, hauptsächlich in Indiana, Ohio, Illinois, Wisconsin
und Michigan belegen.

So umfangreich die politische Korruption auch gewesen
sein mag, die mit dem Bau der staatlichen Kanäle, wie z. B.
dem Eriekanal, zusammenhing, so war doch die Hauptsache
der Bau. Bei den privaten Kanalgesellschaften aber war die
Hauptsache der Profit. Die Kapitalisten, die an der Spitze
dieser Gesellschaften standen, hatten nur das eine Ziel,
schnell reich zu werden; in ihrem Interesse lag es, die Ar-
beit soviel wie möglich zu verzögern, denn auf diese Weise
konnten sie immer wieder sich an die Parlamente wenden
mit der Behauptung: die Projekte seien kostspieliger und
verursachten mehr Schwierigkeiten, als vorauszusehen ge-
wesen sei; die ursprünglichen Kapitalien seien verausgabt
und es seien, wenn die Projekte vollendet werden sollten,
neue Zuwendungen erforderlich. Ein großer Teil dieser

dauernden Zuwendungen an Geld oder Land, das verkauft
werden konnte, wurde auf mancherlei Art von den ver-
schiedenen Direktoren indirekt gestohlen. Die vielen
Akten des Parlaments von Maryland und die Berichte des
Gouverneurs von Maryland lassen zwar nicht in allen
Einzelheiten erkennen, wie das Chesapeake- und Ohio-
Kanal-Projekt ausgenutzt wurde, immerhin aber geben sie
hinreichend gründliche Informationen.
        <pb n="248" />
        — 203

Betrügerische Erlangung der Schenkungen
Viele der Kanalgesellschaften, die von der Regierung so
freigebig mit großem Landbesitz ausgestattet wurden, mach-
ten nur schwache Versuche, Kanäle zu bauen. Einige von
ihnen aber betrogen die Regierung um unschätzbar wert-
volle Erzlager, die in. die ursprünglichen Verleihungen
keineswegs eingeschlossen waren.

In seinem Jahresbericht von 1885 führte Commissioner
Sparks vom General-Land-Office (House Executive Docu-
ments 1885 bis 1886, Bd. 2), an, daß 1885 der Portage-
Lake-,„Kanal‘“ ein wertloser Graben und ein völliger
Schwindel war. Was hatte die Gesellschaft mit ihrem großen
Landbesitz gemacht? Anstatt das Terrain im Sinne des
Kongresses zu verwenden, hatte sie durch betrügerische
Vermessungen und zweifellos durch Beamtenbestechung
bewirkt, daß wenigstens 100 000 Morgen ihres Besitzes aus
den reichsten Kupferlagern Wisconsins bestanden.

Die ursprünglich vom Kongreß bewilligten Schenkungen
sollten sich auf Sumpfland erstrecken, d.h. auf Terrain,
das für landwirtschaftliche Ausnutzung nicht sonderlich
geeignet war, für andere Zwecke aber einen gewissen
Wert hatte. Erzhaltige Böden wurden ausdrücklich aus-
geschlossen. So lautete das Gesetz: in der Praxis wurde
wesentlich anders verfahren. Mit welcher Leichtigkeit die
Kapitalisten die Vermessung der wertvollsten Erz-, Weide-,
Acker- und Waldländereien als Sumpfland durchsetzten,
ist in diesem Werke an späterer Stelle geschildert.

Die oben erwähnten gestohlenen Kupferlager erhielt
die Regierung nie wieder, noch wurde überhaupt ein Ver-
such gemacht, sie einzuziehen. Sie bilden heute einen Teil
der großen Kupferminen des Kupfertrusts und gehören
der Standard-Oil-Company.

Auch die St. Marys Fall-Canal-Company unterschlug
große "Terrains mit reichen Kupferlagern. Dieser Fall
wurde in verschiedenen amtlichen Berichten aufgedeckt,
vor allem auch durch den Prozeß Chandler kontra Ca-
lumet- and Hecla-Mining-Company (U. S. Reports,
Bd. 149, S. 79—95). In diesem Prozeß wurde festgestellt,
        <pb n="249" />
        204.
daß die Minen der Calumet- and Hecla-Mining-Company

auf einem Teil des als „Sumpfland‘“ bezeichneten Terrains

lagen, das 1852 vom Kongreß zur Verfügung gestellt war.

Der Kläger, Chandler, beanspruchte eine Beteiligung an

den Minen. Am Schluß des Urteils zugunsten der Calumet-

and Hecla-Mining-Company steht die denkwürdige Be-
merkung (die für die kapitalistischen Beziehungen der Richter
so bezeichnend ist): „Mr. Justice Brown nahm an der

Urteilsfällung nicht teil, da er an dem Ausfall des Urteils

interessiert war.“

Was oberflächliche oder partelische Schriftsteller auch
über die segensreiche Entstehung der Eisenbahnen sagen,
Tatsache ist, daß der Eisenbahnbau durch eine weitver-
zweigte Korruption der Parlamente eingeleitet wurde, welche
die früheren Schwindeleien bei Bankgründungen in den
Schatten stellte. In fast jedem Buche über dies "Thema
findet sich die Feststellung, daß die Erbauer der Eisenbah-
nen als Volkswohltäter angesehen wurden und daß Volk und
Parlament ihnen mit der größten Freude die öffentlichen
Hilfsmittel zur Verfügung stellten. Ein Körnchen Wahr-
heit ist vielleicht in dieser oberflächlichen Geschichtschrei-
bung, aber nicht mehr. Das Volk war tatsächlich der eige-
nen Bequemlichkeit wegen lebhaft für die Erbauung der
Eisenbahnen. eingenommen, bewilligte aber nur sehr un-
gern die hohen Steuern, das schöne Staatsland und alle
Privilegien, die ein paar Menschen, teils Betrügern, teils
energischen und weitblickenden Männern, zu eigener Größe
verhelfen sollten. Gegen diese ablehnende Haltung wußten
die Fürsprecher der Eisenbahnen sehr verlockende Argu-
mente vorzubringen.

Durch die Presse, durch Reden und Flugschriften wurde
dem Volk in den verführerischsten und hochtrabendsten
Worten versichert, daß Eisenbahnen für die Erschließung
aller Schätze des Landes unumgänglich seien, daß sie eine
ungeheure Wohltat und eine unschätzbare Anregung zum
Fortschritt bedeuteten. Diese” Beweisführung fiel sehr
ins Gewicht, besonders bei der Bevölkerung eines so aus-
gedehnten Territoriums wie dem der Vereinigten Staaten.
Aber hierdurch allein wäre das gewünschte Ziel nicht er-
        <pb n="250" />
        205
reicht, wenn nicht erhebliche Gelder in die Taschen der
Verwaltung geflossen wären. Geld war das wirklich über-
zeugende Überredungsmittel. Umgekehrt konnten die ge-
nialen Gesetzgeber bei einer Anfrage ihrer Wähler, warum
sie privaten Gesellschaften so große Unterstützungen, so
ungeheure Ländereien und so weitgehende und beispiel-
lose Privilegien bewilligt hätten, auf die (durchaus ein-
leuchtende) Rechtfertigung zurückgreifen, daß öffentliche
Ermutigung und Unterstützung nötig sei, um den Bau von
Eisenbahnen zu verwirklichen.

Viele der Männer, die Eisenbahnen projektierten, waren
kleine Gewerbetreibende, Grundbesitzer, Fabrikbesitzer,
Kaufleute, Bankiers und ihnen nahestehende Politiker und
Juristen. Nicht selten jedoch geschah es, daß Privilegien
und Rechte von Politikern und Juristen erworben wurden,
die nichts wie geldbedürftige Gauner waren. Ihr Haupt-
besitz war die verbrecherische Kenntnis, wie man mancherlei
ohne Geld bekommen konnte. Mit pathetischer Miene und
einem wirkungsvollen Bluff pflegten sie eine Gesellschaft zu
gründen, um von einer Stadt zu einer andern eine Bahn zu
bauen, ein Unternehmen, das Millionen kostete, während sie
vielleicht ihr Abendbrot nicht bezahlen konnten. Ein Ab-
kommen mit einem Drucker, der Aktienscheine auf Kredit
herstellen mußte, war leicht getroffen; mit der Zusicherung
eines Haufens dieser Aktien bewogen sie dann eine ge-
nügende Anzahl von Parlamentariern, für die Gewährung
von Privilegien, Geldunterstützungen und Land zu stimmen.

Von da an war die Zukunft rosig. Bankiers fanden sich
immer, sei es in den Vereinigten Staaten, sei es im Ausland,
welche .die Konzession verkauften oder finanzierten. Tat-
sächlich wurden die Bankiers, die selbst in der Kunst der
Bestechung und anderen Formen der Korruption gut ge-
schult waren, häufig durch diese Abenteurer überlistet, und
sie waren froh, wenn sie als Bundesgenossen mit ihnen ver-
handeln konnten nach dem anerkannten kommerziellen
Grundsatz, daß der Erfolg die Kraft des Menschen be-
weise und daß alle Eigenschaften, die zu solchem Erfolg
verhelfen können, ausgenutzt werden müssen.

In anderen Fällen gründete eine Anzahl von Industriellen
        <pb n="251" />
        — 206 —
und Grundbesitzern eine Gesellschaft mit vielleicht 250000
Dollar. Wenn sie es unternommen hätten, mit dieser Summe
eine Eisenbahn zu bauen, hätten sie keine sehr große Strecke
fertigstellen können, bis sie hoffnungslos bankrott gewesen
wären.

Ihre Weisheit war die Weisheit ihrer Klasse; sie kannten
eine weit bessere Methode. Diese bestand darin, die Macht
der Regierung zu benutzen und sich vom Volk die nötigen
Mittel vorstrecken zu lassen. Beim Bau wären die 250 000
Dollar nur eine Lappalie gewesen. Aber sie genügten ge-
rade, um ein Parlament zu bestechen. Wenn sie diese
Summe verausgabten und damit die Majorität einer ein-
flußreichen Kommission und genügend Stimmen der gan-
zen Körperschaft kauften, konnten sie Millionen von Dar-
lehen, weite Areale und eine Reihe Privilegien bekommen,
die im Laufe der Zeit Hunderte und aber Hunderte von
Millionen wert waren.

Eine Periode der Bestechungen
So begann eine allgemeine, andauernde Korruption. Die
Korruption in Ohio war so offenkundig, daß sie zum Gegen-
stand einer peinlichen Diskussion in der Ohio-Verfassungs-
konvention 1850—1851 gemacht wurde‘).

Zwei Jahre später gab der Abgeordnete Walker aus
North Brookfield bei einer Sitzung der Verfassungs-
konvention von Massachusetts über die Verhältnisse in
diesem Staate ein Urteil ab. „Es ist sehr selten,“ sagte er,
„daß die Majorität in unserm Parlament nicht aus Präsi-
denten, Direktoren oder Aktionären von Gesellschaften
besteht. Dies ist eine Tatsache von sehr großer Bedeutung ?).“

Zwei Drittel allen Grundbesitzes in Massachusetts war, wie
Walker betonte, in Händen von Gesellschaften.

1857 gab es in der Jowa-Verfassungskonvention eine
erregte Debatte über den Versuch, den Eisenbahnen weitere
außerordentliche Machtbefugnisse einzuräumen. Dabei
hatte der Staat Jowa bereits eine Anleihe von 12 Millionen

2) Ohio Convention Debates, 1850—18571, Bd. 2, S. 174.

*) Debates in the Massachusetts Convention, 1853, Bd. 3, S. 59.
        <pb n="252" />
        207
Dollar für diese Unterstützung der Eisenbahngesellschaften
aufgenommen. „Ich fürchte,‘ ‘sagte der Abgeordnete
Traer, „es geschieht sehr oft, daß die Zustimmung (be-
züglich der Aufwendungen für Eisenbahnen) durch unlau-
tere Einflüsse erreicht wird und daß das Volk, sich selbst
überlassen, sie nach reiflicher Überlegung nie gegeben
hättel).“

Die Ohnmacht des Volkes
Dies sind nur einzelne Beispiele für die Verderbtheit
aller Parlamente in den Vereinigten Staaten. So wütend
das Volk auch gegen diese Fortgabe seines Besitzes und seiner
Rechte protestierte, so wußten die Kapitalisten ihren Willen
doch bei jeder Gelegenheit durchzusetzen. In einem Falle
war ein Parlament so verschwenderisch gewesen, daß die
Bevölkerung eine Verfassungsbestimmung verlangte, die
dem Staate verbot, zu Eisenbahnzwecken Geld aufzu-
nehmen. Die Verfassungskonvention genehmigte diese
Bestimmung. Aber kaum waren die Mitglieder ausein-
andergegangen, als das Volk merkte, wie schmählich man
es überlistet hatte. Das neue Gesetz hinderte freilich den
Staat an der Ausgabe von Anleihen, aber — und das war
der Trick — es verbot sie den Stadt- und Landgemeinden
nicht. Wie bisher setzten die Eisenbahnkapitalisten die
Annahme von Gesetzen durch und brachten durch Be-
stechung die städtischen Beamten im ganzen Staat dahin,
Anleihen auszugeben und ihnen bestimmte Terrains und
andere wertvolle Privilegien umsonst zu überlassen, ;

Hunderte von Millionen, die durch Besteuerung aus
dem Volke herausgepreßt wurden, gingen in die Hände der
Eisenbahngesellschaften über, und wenig von diesem Gelde
wurde je zurückgegeben. Das abgetretene Areal nahm
einen ungeheuren Umfang an. Von 1850—1872 gab das
Parlament nicht weniger als 155 504 994,59 Morgen des
Staatslandes entweder direkt an Eisenbahngesellschaften
oder an die verschiedenen Staaten, damit diese es den Ge-
sellschaften überließen.

*) Constitutional Debates, Jowa 1857, Bd. 2, S. 777.
        <pb n="253" />
        — 2068
Viele der riesigen Terrains wurden unter der Bedingung
fortgegeben, daß das Privileg verfiele, wenn die Eisen-
bahnen nicht gebaut würden. Aber den Kapitalisten machte
es keine Schwierigkeit, den durch und durch korrupten Kon-
greß zur Verlängerung der Erbauungsfrist zu bewegen, wenn
der Bau nicht ausgeführt war. Von den ı 55 Millionen Mor-
gen, darunter wertvolle Erz-, Kohlen-, Wald- und Acker-
terrains, wurden nur 607 741 Morgen durch Parlaments-
erlaß wieder eingezogen, und auch hiervon wurden die
meisten durch gerichtliche Entscheidungen den Eisen-
bahnen wieder zugesprochen?).

Steuerhinterziehungen
Diese riesigen Gebiete wurden nicht nur auf betrüge-
rische Art erworben, sondern nach ihrer Übernahme wurde
der Betrug fortgesetzt, um eine Besteuerung zu vermeiden.
Übrigens bezogen sich die Schenkungen nicht nur auf Land
für die Zwecke der geplanten Eisenbahnen. In einigen
Fällen, besonders dem der Union-Pacific-Eisenbahn, wurde
der Eisenbahn durch Erlasse aus dem Jahre 1862 und 1864
gestattet, alles Material, wie Steine, Holz usw., das für den
Bau nötig war, von dem öffentlichen Land zu nehmen.
Außer dem Geld und dem Terrain wurde also noch das
wesentliche Baumaterial aus dem Volksvermögen gewährt.
Kaum hatten die Eisenbahngesellschaften die Konzession
bekommen, als sie ein Gesetz nach dem andern durchsetzten,
das bald diese Beschränkung, bald jenen Vorbehalt aufhob,
bis sie unbeschränkte Herren von Hunderten von Millionen
Morgen waren, die kurz zuvor noch Nationaleigentum
gewesen.
„Diese riesigen Gebiete,“ schrieb 1886 William A. Phil-
lipps, ein Mitglied der Kommission für die öffentlichen

;2) Das hauptsächlichste dieser Urteile war das des Obersten Gerichts der Ver-
einigten Staaten im Prozeß Schluenberg kontra Harriman (Wallace’s Supreme
Court Reports, Bd. 21, 5. 44), In vielen der Schenkungsverträge war der Vor-
behalt gemacht, daß, falls die Eisenbahnlinien nicht zu bestimmt festgesetzten Ter-
minen fertiggestellt seien, die unverkauften Ländereien dem Staate wieder zu-
fallen sollten. Die Entscheidung des Obersten Gerichtshofs machte diesen Vorbehalt
wertlos und legalisierte so indirekt die krassesten Unterschleife.
        <pb n="254" />
        — 200 —
Ländereien, mit Bezug auf die Schenkungen an die Eisen-
bahnen, „sind gänzlich der Willkür der Eisenbahngesell-
schaften unterworfen. Sie können große Strecken veräußern,
wenn sie wollen, und es gibt keine Maßnahmen, diesen Teil
des Nationalbesitzes der ackerbautreibenden Klasse zu
sichern,“ Der ganze parlamentarische Apparat mußte nicht
nur dazu herhalten, den Farmer am Landerwerb zu hindern
und den Grund und Boden den Gesellschaften zu übergeben,
sondern wurde außerdem dazu gebraucht, diese Gesell-
schaften von der Besteuerung des auf betrügerische Art
erworbenen Landes zu befreien. „Um der Besteuerung zu
entgehen,“ fährt Phillips fort, „hatten die Eisenbahngesell-
schaften einen Zusatzparagraphen erwirkt, wonach sie
das Verleihungsdokument erst ausgehändigt bekamen, wenn
sie eine kleine Vermessungsgebühr bezahlt hatten. Die
Bezahlung dieser Summe vermieden sie ängstlich oder be-
zahlten sie doch erst, wenn sie an einen Käufer Terrain
verkaufen konnten, bei welcher Gelegenheit sie die Ver-
messungsgebühr bezahlten und die Dokumente über den
verkauften "Teil bekamen. Auf diese Art haben sie Millio-
nen von Morgen zu Spekulationszwecken zurückgehalten
und eine Preissteigerung abgewartet, ohne Steuern zu be-
zahlen, während die Farmer auf angrenzenden Terrains
Steuern bezahlen mußten“).

Phillipps streift diese Tatsache nur gelegentlich, als sei
sie nicht von großer Bedeutung.

Doch ist sie wohl einer näheren Erwägung wert. Die
Geldaristokratie der Vereinigten Staaten ist genau so vor-
gegangen wie die Aristokratie in der alten Welt, die auch
ihre Besitzungen durch Gewalt und Betrug bekommen
und dann die Gesetze so gestaltet hat, daß diese Be-
sitzungen steuerfrei blieben.

Freilich, um „den kleinen Leuten“ beizuspringen und
sie zu ermutigen, den Westen zu besiedeln, wurde an-
scheinend das „Wüstenland“gesetz ausgearbeitet, und
manche begeisterte und pathetische Rede wurde im Kon-
greß gehalten, als dies Gesetz zur Annahme kam. Kraft
dieses Gesetzes, hieß es, konnte ein Mann sich auf 640 Morgen

1) Labor, Land and Law, S. 338—339.
        <pb n="255" />
        — 210 —
ansiedeln und, wenn er einen Teil davon bewässerte und
1,25 Dollar pro Morgen bezahlte, sich das Besitzrecht
sichern. Auf einmal machte es den Eindruck, als wolle
der Kongreß die Interessen der kleinen Leute wahrnehmen.
Große Landdiebstähle
Aber der Beifall kam zu früh. Zur äußersten Über-
raschung des Volkes wirkte das Gesetz in umgekehrter Rich-
tung. Die Paragraphen waren genau genug geprüft worden.
Wo lag der Fehler? Er lag in ein paar geschickt eingefügten
Worten, die die Menge nicht beachtet hatte. Dies Gesetz,
das als eine große Wohltat für jeden, der nach Haus und
Land trachtete, begrüßt wurde, war so eingerichtet, daß
die kapitalistischen Viehzuchtsyndikate daraufhin ungeheure
Terrains erwerben konnten. Die Handhabe hierfür bot die
Auslassung jeglicher Bestimmung, die eine „sofortige Be-
siedlung“ verlangt hätte. Die Viehzuchtgesellschaften
schickten also ihre Horde Strohmänner in die „Wüsten“-
ländereien (von denen viele Terrains in Wirklichkeit keine
Wüste waren, sondern ganz ausgezeichnetes Weideland),
beauftragten sie, sich von der Regierung die Terrains ver-
traglich zu sichern und dann an sie abzutreten. Auf diese
Weise kamen die Viehzüchter in den Besitz ungeheurer
Gebiete; auch heute noch sind diese. betrügerisch erwor-
benen Komplexe in einer Hand: riesige Länderstrecken, auf
denen die Besitzer mitunter in aristokratischem Stil leben.

In zahlreichen Fällen wurde das Gesetz gänzlich un-
beachtet gelassen. Ausgedehnte Gebiete wurden einfach
von Schaf- und Rinderzüchtern in Besitz genommen, die
nicht einmal ein Besitzrecht erworben hatten. Indem sie
diese Ländereien einzäunten, betrachteten sie sie als ihr
Eigentum und dingten bewaffnete Wächter, die‘ jeden
Eindringling hinauszutreiben und. nötigenfalls zu töten
hatten!). Es wurde ein Mord nach dem andern begangen.

5 Wie Sparks berichtet, ist es bekannt, daß innerhalb der Viehzuchtgebiete die
wirklichen Besiedlungen allgemein verhindert und außer in der Nähe von Städten
unmöglich gemacht werden durch die ungesetzmäßige Beschlagnahmung des Landes,
die von den Viehzuchtgesellschaften ausgeübt wird. — U. S. Documents, 1885—1886
Bd. 8, No. 124, S. 4 u. 8.
        <pb n="256" />
        — 2I1I
In dieser Usurpation bestärkte sie der oberste Gerichtshof
der Vereinigten Staaten. Welches war der Grund für diese
Urteilsfällung ?
E Die sehr sonderbare Ansicht, daß ein Ansiedler kein
Vorkaufsrecht auf öffentliche Ländereien geltend machen
könne, die im Besitz eines anderen und von diesem ein-
gezäunt, besiedelt und kultiviert seien. Dies war die direkte
Umkehrung jeder überlieferten Rechtsauffassung. Kein
höherer oder niederer Gerichtshof hatte je die Ansicht ver-
treten, daß, weil die Art des Diebstahls verfeinert oder
etwas retuschiert war, der Geschädigte deshalb auf eine
Wiedererlangung nicht rechnen könne. Diese Entschei-
dung zeigte von neuem, daß die Gerichte, die den Niedrig-
stehenden und Unbemittelten gegenüber so eifrig auf eine
buchstäbliche Auslegung des Gesetzes hielten, ebenso
sehr darauf bedacht waren, Verklausulierungen zu er-
sinnen, die nicht immer, aber doch fast immer mit den
Wünschen und Interessen der kapitalistischen Klassen zu-
sammentrafen.

Keine Gruppe der kapitalistischen Klassen ist als allein
schuldig anzusehen, noch unterschieden sich Moral und
Commissioner Harrison vom General-Land-Office berichtete am 14. März 1884
dem Staatssekretär des Innern Teller in allen Einzelheiten über die riesige Ausdeh-
nung, die die ungesetzmäßige Einzäunung der Staatsländereien genommen habe,
Im Arkansas-Tal in Kolorado waren mindestens ı Million Morgen Staatsland un-
rechtmäßig in Besitz genommen. Die Prairie-Cattle-Company, die sich aus schot-
tischen Kapitalisten zusammensetzt, hatte in Kolorado mehr als eine Million
Morgen eingezäunt, und eine große Anzahl anderer Viehzuchtgesellschaften da-
selbst hatte sich Distrikte von 20 000—200 000 Morgen angeeignet, Harrison
berichtet weiter: „In Kansas sind, wie berichtet wird, ganze Grafschaften unrecht-
mäßig eingefriedigt. In Wyoming sollen 125 Viehzuchtgesellschaften Staatslände-
reien eingezäunt haben. Unter den Gesellschaften, bzw. Personen, die ‚ungeheure‘
üder ‚sehr große‘ Gebiete eingezäunt haben, befinden sich die Dubugue-, die Ci-
marron- und Renello-Viehzuchtgesellschaften in Kolorado, ferner der Marquis de
Morales in Kolorado, sodann die Wyoming-Cattle-Company (schottische Gesell-
schaft) in Wyoming und die Rankin-Live-Stock-Company in Nebraska,

In einer großen Anzahl von Fällen wurden Gebiete von 1000 bis 25000 Morgen
ünd mehr eingefriedigt.“ -

Aus den Berichten von Spezialexperten geht hervor, daß die betrügerische Be-
sitzergreifung von Staatsland innerhalb der Einfriedigungen in ausgedehntem Maße
auf Veranlassung und im Interesse von Kapitalisten geschehen ist, um über die
Tränkstätten für das Vieh zu verfügen.

Unauthorized Fencing of Public Lands, U, S. Senate Docs., First Session,
Forty-Eighth Congress, 1883—1884, Bd. 6, Doc. No. 127, S. 2.
        <pb n="257" />
        212
Ethik einer Gruppe von denen der anderen. Die ganze
kapitalistische Klasse war auf die gleiche Weise infiziert.
Die Reeder, die Kaufleute, die Grundbesitzer, die Banken
und Eisenbahngesellschaften, die Fabrikbesitzer, die Vieh-
zuchtsyndikate, die ganze Industrie, Bergwerksmagnaten,
Holzgesellschaften, sie alle nahmen auf verschiedene Art
an der Untergrabung aller Regierungsfunktionen für ihre
eigenen betrügerischen Zwecke teil, auf Kosten der ganzen
produzierenden Klasse.

Die Eisenbahngesellschaften standen sehr in Verruf, aber
worin unterschied sich ihr Vorgehen von dem der Vieh-
zuchtsyndikate, der Großindustriellen oder der Holzgesell-
schaften ?
Ein ausgedehntes Raubsystem
Die Holzkönige wünschten nicht minder ihren Raub-
anteil an dem öffentlichen Besitz. In gewissen Teilen des
Westens und des Südens befanden sich ausgedehnte, herr-
liche Waldungen mit jahrhundertealten Bäumen. Sie
zu wünschen und sie zu bekommen war dasselbe unter
einer Regierung, welche den Kapitalismus vertrat.

Wieder wurde der Schleichweg des „armen Ansiedlers“
benutzt. Auf Betreiben der Holzgesellschaften, bzw.
jener Abenteurer oder Politiker, die eine sehr leichte Art
kannten, Multimillionäre zu werden, indem sie einfach
ein Gesetz zur Annahme brachten, wurde das „Stein- und
Holz“gesetz 1878 vom Kongreß angenommen. Ein Zusatz-
gesetz von 1892 machte den Betrug noch leichter. Auch
dies war eines jener scheinbar wohltätigen Gesetze, die
dem Farmer günstige Ankaufsgelegenheiten boten. Kein
Mensch konnte, wie betont wurde, mehr sagen, daß. die
Regierung ihn hindere, Staatsland zu einem annehmbaren
Preise zu erwerben. War je eine bessere, günstigere Chance
dagewesen? Hier bot sich dem einzelnen Farmer die Ge-
legenheit, 160 Morgen Waldland zu dem niedrigen Preise
von 2,50 Dollar pro Morgen zu bekommen. Der Kongreß
wurde wegen seiner Weisheit und seines Gemeinsinns mit
Lobeserhebungen überhäuft.

Indessen bald erhob sich ein Schrei der Wut unter dem
        <pb n="258" />
        überlisteten Volke. Und die Ursache? Das Gesetz war
gerade wie das Wüstengesetz mit fein ausgetüftelten Klau-
seln behängt, welche die schlimmste Form der Ausplünde-
rung guthießen. Ganze Wagenladungen von Leuten, die mit
den Bodenspekulanten Hand in Hand arbeiteten, wurden
von den Holzsyndikaten in die reichsten Waldgebiete des
Westens transportiert; sie waren mit, der Kaufsumme aus-
gerüstet und traten, sobald sie für 160 Morgen 2,50 Dollar
pro Morgen bezahlt hatten, ihre Parzelle sofort an die Ge-
sellschaften ab. So bekamen die Holzsyndikate für 2,50
Dollar pro Morgen große Strecken des besten Landes, das
nach Schätzung von Verwaltungsbeamten vor 35 Jahren,
als das Holz noch nicht annähernd so wertvoll war wie
jetzt, hundert Dollar pro Morgen wert war.

Die nächste Entwicklung war charakteristisch für den
Fortschritt des Kapitalismus. Gerade wie die Gewerbe-
treibenden, die Banken, die Fabrikbesitzer, die Bergwerks-
und Eisenbahnmagnaten ihre Besitzungen größtenteils (in
verschiedenem Maße) sich durch betrügerische Manipu-
lationen gesichert hatten und dann kraft dieser Besitzungen
sich in hohe Staats- oder Gemeindestellen hatten wählen
lassen, so benutzten jetzt mehrere der Holzkönige einen
Teil der durch Betrug erworbenen Millionen, sich ihren
Weg in den Senat und zu anderen hohen Ämtern zu er-
kaufen. Sie hatten, wie die Vertreter der anderen Branchen
der kapitalistischen Klasse ihre Hand bei der Einsetzung
und Absetzung von Richtern, Gouverneuren, Parlamenten
und Präsidenten im Spiel, und schließlich wurde einer,
Russel A. Alger, 1897 Mitglied im Kabinett des Präsidenten.

Mit Hilfe dieses einen Gesetzes — des Holz- und Stein-
gesetzes —, ganz abgesehen von anderen gefälligen Gesetzen,
wurden in den letzten sieben Jahren nicht weniger als
57 Millionen Dollar allein der Regierung gestohlen, gemäß
siner Aufstellung, die der Abgeordnete Hitchcock aus Ne-
braska am 5. Mai 1908 dem Kongreß vorlegte. Er erklärte,
daß 8 Millionen Morgen für 20 Millionen Dollar verkauft
worden seien, während das Ministerium des Innern schrift-
lich den Gesamtwert des Landes nach den momentanen,
Bodenpreisen auf 77 Millionen Dollar eingeschätzt habe/
        <pb n="259" />
        — 214 —
Diese Ländereien, führte er an, seien in die Hände des
Holztrusts gekommen, und die Erzeugnisse daraus würden
an die Bevölkerung der Vereinigten Staaten mit einem Ge-
winn von 70 Prozent verkauft. Dieser Diebstahl von
57 Millionen Dollar umfaßt nur die Jahre 1901 bis 1908;
wahrscheinlich ist die gesamte gestohlene Summe bei
10 395 689,96 Morgen, die in den langen Jahren seit Erlaß des
Stein- und Holzgesetzes verkauft wurden, sehr viel höher,

Erstaunlich war, daß noch 1876 immer weiteres Staats-
land zu erlangen war. Die Regierung besaß noch 40 Millio-
nen Morgen im Süden, hauptsächlich in Alabama, Louisiana,
Florida, Arkansas und Mississippi, und zwar meistens wert-
volles Waldland und zum Teil, besonders in Alabama, große
Kohlen- und Kisenlager, was gewisse Kapitalisten sehr
wohl wußten, obwohl das Publikum keine Ahnung da-
von hatte.

Während des Bürgerkrieges konnte in dem kriegerischen
Süden nichts unternommen werden. Kaum war der Kon-
flikt vorbei, als eine Gruppe von Kapitalisten sich um dies
Land, wenigstens um seine wertvollsten Teile, bemühte.
Ungefähr um die Zeit, als sie alles vorbereitet hatten, ein
Gesetz im Kongreß durchzudrücken, entstand eine unglück-
liche Situation. Ein peinlicher öffentlicher Skandal war
die Folge der Bestechungsversuche an Parlamentsmit-
gliedern, die unternommen waren, um die Privilegien und
Unterstützungen der Union-Pacific-Eisenbahn und anderer
Eisenbahngesellschaften bestätigt zu bekommen. Also
mußte der Kongreß nach außen vorsichtig sein.

Das „Barverkaufs“- Gesetz
1876 indessen hatte die öffentliche Erregung sich wieder
gelegt. Die Zeit war günstig. Der Kongreß brachte ein
Gesetz zur Annahme, das sorgfältig für den Zweck ausge-
arbeitet war. Die Ländereien sollten in unbegrenzten
Terrains gegen Barzahlung verkauft werden. Es bestand
gar nicht die Absicht, den Verkauf auf eine bestimmte An-
zahl Morgen zu beschränken, die für den Alleingebrauch
des Einzelnen gedacht war. Jeder, der wollte, konnte eine
        <pb n="260" />
        Million oder zehn Millionen Morgen kaufen, wenn er nur
1,25 Dollar pro Morgen bar bezahlen konnte. Nun war es
leicht für die Kapitalisten, Millionen Morgen der begehrten
Eisen-, Kohlen- und Waldterrains für sozusagen nichts zu
kaufen. Zur selben Zeit verkaufte die Regierung Kohlen-
terrains in Kolorado für 10 bis 20 Dollar pro Morgen, und
selbst dieser Preis wurde als ungewöhnlich niedrig angesehen.
Kaum war dies „Barverkaufs-Gesetz‘“ akzeptiert, als die
auf der Lauer liegenden Kapitalisten sich auf die Terrains
im Süden stürzten und 8 Millionen Morgen Kohlen-, Eisen-
und Waldterrain in die Tasche steckten, deren wahrer
Wert Hunderte von Millionen betrug. Die Vermögen so
mancher Eisenbahn- und Industriemagnaten vergrößerten
sich mit einem Schlage ganz ungeheuer durch diese be-
trügerische Transaktion!). Hunderte von Millionen an ka-
pitalistischen Aktien und Obligationen, die in Wahrheit
wie zinswucherische Hypotheken auf dem Arbeitsertrag des
Volkes lasten, basieren heute auf dem Wert der Terrains,
die damals auf betrügerische Art beschlagnahmt wurden.
Der Schwindel war so andauernd und weitverbreitet,
daß wir nur einige einzelne und kurze Beispiele anführen
können. „Das gegenwärtige Gesetzsystem,‘“ berichtet eine
besondere Kongreßkommission, die 1883 beauftragt wurde,
den Verbleib des früheren ausgedehnten Staatslandes zu
erforschen, „scheint zum Betrug herauszufordern. Man
kann kein einziges staatliches oder öffentliches Dokument
über diesen Gegenstand in die Hand nehmen, von der Bot-
schaft des Präsidenten bis zum Bericht des Kommissionärs
des Washingtoner Landamtes, ohne in Verbindung mit der
Verfügung über das Staatsland irgendwelche Aufdeckungen
sines „Schwindels‘“ zu finden?). Etwas später wies Sparks
darauf hin, daß „die Nähe des Zeitpunkts, da die Ver-
einigten Staaten kein Land mehr zu vergeben haben, die
Anstrengungen der Kapitalisten und Gesellschaften an-
gespornt habe, entfernter gelegene Gebiete des Staats-
V House Ex. Doc. 47; Bd. 4, Forty-sixth Congress, Third Session, spricht
von der Fassung des Gesetzes als einem bloßen Deckmantel für Schwindeleien und
behauptet, daß dies Gesetz besonders „zum Nutzen der Kapitalisten‘ geschaffen
und „durch Bestechung im Kongreß zur Annahme gebracht sei‘.
?) House Ex. Doc. 47, S. 356.
        <pb n="261" />
        — 216 —
landes in Massen zu erwerben durch gesetzliche und un-
gesetzliche Mittel“. In demselben Bericht konstatiert er
ferner: „Während meiner Verwaltungstätigkeit kam mir
mit überzeugender Deutlichkeit zum Bewußtsein, daß das
Staatsland die Beute einer gewissenlosen Spekulation und
der schlimmsten Formen des Bodenmonopols geworden
ze11).

Das Landaustauschgesetz
Ohne länger bei einer Anzahl anderer Gesetze zu ver-
weilen, die alle den gleichen Zweck und die gleiche Wirkung
hatten, wollen wir auf die letzten meisterlichen Schach-
züge der Eisenbahnmagnaten eingehen, durch die sie sich
in den Besitz des letzten noch verbliebenen wertvollen
Staatslandes zu setzen wußten.

Dies geschah im Jahre 1900. An alle privilegierten
Eisenbahnen, d. h. alle Eisenbahngesellschaften, die von
der Regierung Unterstützungen in Gestalt von Geld und
Land bekamen, wurde in abwechselnden Sektionen?) Land
verteilt. Die Union-Pacific setzte beim Kongreß ein
„Darlehn“ von etwa 27 Millionen Dollar und die Verlei-
hung von 13 Millionen Morgen Land durch. Die Central-
Pacific bekam nahezu 26 Millionen Dollar und 9 Millionen
Morgen. An die Northern-Pacific wurden 47 Millionen
Morgen gegeben, an die Kansas-Pacific 12100 000, an die
Southern-Pacific ungefähr 18 Millionen Morgen. Seit 1850

hatte die Nationalregierung mehr als fünfzig Eisenbahnen
Unterstützungen bewilligt und, außer dem großen terri-
torlalen Besitz, der den schon erwähnten Eisenbahnen über-
lassen worden war, Barzahlungen von nicht weniger als
etwa 140 Millionen Dollar gemacht. Aber die auf be-
trügerische Weise erlangten Schenkungen der Regierungen
1 Report of the Commissioner of the General Land Office, Oktober 1885,
„48 u. 79.
° % Erläuterung zur deutschen Ausgabe: Die Landvermessung geschah in
Amerika seit jeher in schachbrettartigen Sektionen (Blocks). Um der Entstehung
allzu großer Landkomplexe vorzubeugen, wurden bei Landschenkungen immer
„alternierende Sektionen“ (also gewissermaßen nur die schwarzen, oder nur die
weißen Schachbrettfelder) vergeben, während die Zwischensektionen für die regel-
mäßige Besiedelung vorbehalten blieben.
        <pb n="262" />
        — 217 —
waren noch lange nicht alles. Im ganzen Lande machten
Staaten, Städte und Grafschaften Schenkungen in Form
von Vorrechten, finanziellen Beihilfen und Land.

Die Landverleihungen, besonders im Westen, waren so
ungeheuer, daß Parsons folgende Vergleiche zieht: Die
in Minnesota belegenen würden zwei Staaten von der
Größe von Massachusetts ergeben; in Kansas entsprächen
sie zwei Staaten von der Größe Connecticuts und New
Jerseys; in Jowa sei der Umfang der Eisenbahnländereien
größer als Connecticut und Rhode Island zusammen; in
Michigan und Wisconsin fast ebensogroß; in Montana sei
schon der Besitz einer einzigen Eisenbahn so groß wie
ganz Maryland, New Jersey und Massachusetts. Im Staate
Washington entsprächen die betreffenden Ländereien eben-
falls der Größe dieser drei Staaten. Drei Staaten von der
Größe New Hampshires könnten aus den Eisenbahn-
ländereien in California gebildet werden?).

Die verschiedenen Parzellen in diesen Staaten konnten
gutes oder wertloses Land sein; der Wert hing von der Lage
ab. Sie konnten das reichste und schönste Weide-, Erz-
oder Waldland sein oder unfruchtbare Steppe und felsige
Berggipfel.

Eine Zeitlang schienen die Eisenbahngesellschaften mit
ihren Besitzungen und Parzellen zufrieden zu sein. Aber
im Laufe der Zeit, als die Regierung immer mehr von ihnen
beeinflußt wurde, tauchte natürlich der Gedanke auf:
„Warum nicht das schlechte Land gegen gutes eintauschen ?
Da es ihnen so leicht geworden war, in den Besitz so aus-
gedehnter und wertvoller Areale des früheren Staatslandes
zu gelangen, so sahen sie keine Schwierigkeit darin, ein neues
Raubmanöver durchzuführen. Nötig war nur, beim Kon-
greß ein Gesetz durchzudrücken, nach welchem sie schlech-
tes Land gegen gutes eintauschen durften... -

Dies durfte indessen nicht zu offenkundig geschehen. Das
Volk mußte in dem Glauben erhalten werden, es handle
sich um eine Wahrung der öffentlichen Interessen. Die
Gelegenheit kam, als das Waldreservatgesetz dem Kongreß
vorgelegt wurde, ein Gesetz, das nationale Waldreservate
SS

*) The Railways, the Trusts and the People, S, 137,
        <pb n="263" />
        — 218 —
einführen wollte. Ein besseres- Gefährt für das verkleidet
einherschreitende Projekt hätte nicht gefunden werden
können. Dies Gesetz wurde überall als eine weise staats-
männische Maßregel zur Erhaltung der Wälder angesehen;
kapitalistische Interessen hatten in Verfolgung eines so-
fortigen Nutzens ungeheure Waldstrecken unbarmher-
zig geplündert und zerstört und dadurch Überschwem-
mungen und Vernichtung von Leben, Eigentum und
Ackerbau verursacht. Manche von den Ländereien, die
als Waldreservate bestimmt wurden, schlossen besiedelte
Terrains ein; es wurde daher für richtig angesehen, die
vertriebenen Farmer dadurch zu entschädigen, daß sie
sich anderswo Land auswählen durften.

Bis dahin war die Maßregel gut abgegrenzt. Aber als
3ie dem Beratungsausschuß der beiden Häuser des Kon-
gresses vorgelegt wurde, flickten die Vertreter der Eisen-
bahnen die vier bescheidenen Worte: „oder jedem anderen
Antragsteller“ geschickt hinein. Dies Wortquartett er-
möglichte den Eisenbahnmagnaten, Millionen Morgen
Wüsten- und abgeschlagenes Waldland, unfruchtbare Hügel-
länder und mit ewigem Schnee bedeckte Berggipfel gegen
Millionen Morgen des reichsten Landes einzutauschen, das
noch in dem sehr verminderten Besitz der Regierung ver-
blieben war.

So heimlich wurde diese Transaktion betrieben, daß die
Öffentlichkeit nichts davon wußte. Die subventionierten
Zeitungen brachten kein Wort darüber; das Gesetz ging
in völligem Schweigen durch. Der erste Protest wurde
von Senator Pettigrew aus Süd-Dakota am 31. Mai 1900
im Senat der Vereinigten Staaten erhoben. In einer er-
bitterten Rede deckte er die ungeheuren Diebstähle auf,
die unter dem Schutz dieses Gesetzes ausgeführt waren.
Der Kongreß, der völlig unter der Herrschaft der Eisen-
bahnen stand, unternahm nichts, hier Einhalt zu tun. Erst
als der Betrug völlig‘ durchgeführt war, gestatteten die
Eisenbahnen dem Kongreß, die öffentlichen Interessen durch

eine Aufhebung des“Gesetzes wahrzunehmen).
*) In einem Brief an den Verfasser führt Senator Pettigrew als Beispiel die
Northern-Pacific an. „Die Northern-Pacific,“ schreibt er, „die den Gipfel des Mount
        <pb n="264" />
        Fortgabe der Kohlenterrains

Die kapitalistischen Interessen durften nicht nur mit

Hilfe dieser verschiedenen Gesetze dem Volk seinen Be-
sitz rauben, sondern es wurde vom Kongreß noch ein
anderes Gesetz angenommen, das „Kohlenterraingesetz“,
das den Zweck hatte, den Eisenbahngesellschaften die Über-
nahme großer Kohlengebiete zu ermöglichen. „Es ist,“
schrieb Präsident Roosevelt in einem Bericht an den Kon-
greß, in welchem er die Aufhebung der Stein- und Holz-
gesetze, des Wüstengesetzes, des Kohlenterraingesetzes und
ähnlicher Gesetzesbestimmungen beantragte, „wahrschein-
lich die Hälfte des gesamten Areals hochwertiger Kohlen
im Westen in private Verwaltung gelangt. Dieser Privat-
besitz beläuft sich auf nicht weniger als 30 Millionen Mor-
gen“. Sein Antrag blieb erfolglos in einem Kongreß, dessen
Mitglieder zum Teil ihre Millionen mit Hilfe eben dieser
Gesetze erlangt hatten, und der, als Körperschaft, völlig
unter der Kontrolle der herrschenden Klassen, der Kapi-
talisten, stand. Die Oligarchie des Reichtums war unbe-
stritten; es war eine Torheit, zu erwarten, sie würde
nachgeben, wo sie siegen, und Zugeständnisse machen, wo
sie plündern konnte‘).
Tacoma mit seinem ewigen Schnee und felsigen Schluchten mit übernommen hatte,
die in das Waldreservat einbegriffen waren, konnte jetzt die wertlosen Ländereien
gegen die schönsten Talstriche und Weideländer eintauschen, welche die Regierung
besaß. Auf diese Weise erwarb die Northern-Pacific Erz-, Wald- und Ackerterrains
im Umfang von mehr als zwei Millionen Morgen.“

!) Sie gab auch nicht nach. Roosevelts Beschwerden behinderten in keiner Weise
den ständigen Entäußerungsprozeß, Bei der schwebenden Okkupierung weiter
Kohlendistrikte in Alaska (1909) können wir das altüberlieferte Verfahren mit
eigenen Augen verfolgen. Im Jahre 1909 verursachte eine Auseinandersetzung
zwischen dem Minister des Innern, Ballinger, und dem Vertreter des Forstwesens
der Vereinigten Staaten, Gifford Pinchot, einen großen Skandal, Es wurde be-
kannt, daß mehrere mächtige kapitalistische Syndikate betrügerische Ansprüche auf
Kohlendistrikte in Alaska geltend gemacht hatten, die schätzungsweise einen Wert
von 75 Millionen bis 1000 Millionen Dollar hatten. Jetzt sind, wie bekanntgegeben
ist, ihre Forderungen durch die Regierung geprüft, Es wurde darauf hingewiesen,
daß der Minister des Innern, Ballinger, nach seiner Amteniederlegung der Vertreter
des mächtigsten dieser Syndikate wurde.

{In einer kürzlich stattgehabten Sitzung des Irrigation-Congresses in Spokane,
Washington, behauptete Pardee, der Gouverneur von California, daß Wald, Erz und
Boden schon lange die Beute von Korporationen gewesen waren, deren politischer
Einfluß auf Staatsbeamte notorisch ist.
        <pb n="265" />
        — 220 —
Der Diebstahl von Staatsland ist ohne Unterbrechung
bis auf den heutigen Tag fortgesetzt worden und wird
zweifellos erst aufhören, wenn das letzte gute Land fort-
gegeben ist.

Ein vor kurzem erschienener Bericht von H. H. Schwartz,
dem Vorsitzenden der Ackerbauabteilung im Ministerium
des Innern, der an Sekretär Garfield vom gleichen Departe-
ment gerichtet ist, läßt erkennen, daß allein in den beiden
Jahren 1906—1908 Staatsland im Werte von annähernd
110 Millionen Dollar hauptsächlich westlich vom Mississippi
von kapitalistischen Gesellschaften und Privatpersonen
auf betrügerische Art beschlagnahmt sei. Dieser Bericht
enthält mehr als 32 000 Fälle solcher Bodenschwindeleien.
Die Betrügereien seitens der verschiedenen kapitalistischen
Gesellschaften zur Erlangung großer Erzlager in Alaska
und unschätzbar wertvoller T’errains mit Wasserkraft in
Montana und anderswo führen einen der großen öffent-
lichen Skandale herbei, der an anderer Stelle in diesem
Buche ausführlich besprochen werden wird,

Wenn man die kleinen, verwirrenden Einzelheiten der
letzten siebzig Jahre beiseite läßt und das Augenmerk auf die
große Entwicklung richtet, ergibt sich das folgende ver-
blüffende Resultat: Vor hundert Jahren gab es keine Eisen-
bahnen; heute haben die Eisenbahnen nicht nur einen er-
staunlich großen Besitz, der dem Volk genommen wurde,
sondern sie diktieren, zusammen mit verbündeten kapita-
listischen Interessen, das politische, wirtschaftliche und so-
ziale Schicksal des amerikanischen Volkes. Diese ganze
Umgestaltung hat sich in verhältnismäßig kurzer Zeit
vollzogen, meistens sogar in unseren Tagen. Gar nicht
lange vorher noch bettelten und klagten die Gründer
der Eisenbahnen, bestachen und betrogen; und wäre das
Gesetz zur Anwendung gekommen, so wären sie als Ver-
brecher verurteilt und mit Gefängnis bestraft. Und heute
sind diese selben Männer oder ihre Erben in dem blen-
denden Glanze ihres Reichtums ungekrönte Könige, die die
volle Verwaltungsmacht in Händen haben und imperiale
Befehle erteilen, denen Kongreß, Parlamente, Konvente
und Volk gehorchen müssen.
        <pb n="266" />
        221

Weitere bestimmende Faktoren

Aber dies ist nicht der einzige bestimmende Faktor. Ein
viel wichtigerer liegt in der erstaunlichen Leichtigkeit,
mit der die Volksmassen benachteiligt, ausgebeutet und
unterdrückt worden sind. "Theoretisch hat das Volk bis
hinunter zum bescheidensten Wähler die Regierungsmacht
in Händen. Diese Macht indessen ist zu einem Werkzeug
gemacht worden, das eben die Leute unterjochte, die die
politischen Führer sein sollten.

Während Kongreß, Parlamente und Verwaltungen öffent-
lichen Besitz, öffentliche Gelder und dauernde Privilegien
freigebig den Eisenbahn- und anderen Gesellschaften be-
willigten, haben sie die Interessen des Volkes gänzlich außer
acht gelassen.

Je mehr Kapitalisten sie schufen, desto schwerer wurde es
für den Armen, eine Farm vom Staatsland zu bekommen.
Der Kongreß brachte immer neue Gesetze zur Annahme,
durch die in den meisten Fällen das Land in die Hände
der Gesellschaften. geriet. Wirkliche Ansiedler mußten
es zu schwindelnden Preisen kaufen. Dies war in fast
allen Staaten und Territorien der Fall. Sehr viele Leute
konnten den von den Eisenbahnen geforderten Preis nicht
zahlen und wurden folglich in den Industriezentren zu-
sammengepfercht. Sie wurden skrupellos vom Grunderwerb
abgeschnitten. Diese Situation war bereits vor 25 Jahren
akut. „Das Areal besiedlungsfähigen Landes,‘ bemerkte
Ministerialsekretär Teller in einem Rundschreiben vom
22. Mai 1883, „ist nicht groß im Vergleich zu der stei-
genden Nachfrage und seiner rapiden Abnahme.“ Alle
anderen amtlichen Berichte weisen auf die gleiche Sachlage
hin2).

So oft eine kommerzielle Krise eintrat, fanden die Kapi-
talisten geneigtes Gehör, und ihre Maßnahmen wurden
prompt durchgeführt. Aber Millionen von Arbeitern lebten

1) Sparks berichtet: „Die Landbücher meines Büros zeigen, daß alles ver-
fügbare Staatsland schon zum großen Teil mit Eintragungen und Ansprüchen be-
legt ist.“ Der wirkliche Ansiedler war, wenn ihm überhaupt gestattet wurde,
sich anzusiedeln, gezwungen, die „Rechte“ aufzukaufen. — U. S. Senate Ex. Docs.,
1885—1886, Bd. 7, No. 134, S. 4.
        <pb n="267" />
        — 222 —
in gezwungenem Müßiggang und Entbehrung, und es
wurde kein Finger gerührt, ihnen den Zugang zu dem Staats-
land zu erschließen, ihnen Geld zur Verfügung zu stellen
oder gemeinnützige Arbeiten einzuleiten. Eine so geartete
Politik wurde als „„Paternalismus‘“ bezeichnet, ein Schlag-
wort der Zeiten, die die Meinung vertraten, daß die Für-
sorge der Regierung nicht den Unglücklichen, Schwachen
and Hilflosen gelten sollte.

Hier lag die Anomalie der sogenannten demokratischen
Regierung in Amerika. Es wurde als gesetzmäßig und nötig
angesehen, das Kapital zu ermutigen, für ungesetzmäßig
aber, die Interessen der Nichtbesitzenden zu berücksich-
tigen. Kapitalisten gab es nur wenige, der Nichtbesitzen-
den, die eine überwältigende Stimmenmehrheit ausmach-
ten, waren viele. Die Regierung war nicht mehr und nicht
weniger als ein Ratgeber für die entstehende kapitalistische
Klasse bei der Ausarbeitung ihrer unvermeidlichen Ab-
sichten; die Mehrheit des Volkes aber, das die Macht der
Regierung erbarmungslos spüren mußte, wurde beständig
in dem Glauben gehalten, daß die Regierung ihre Interessen
vertrete. Ob Föderalisten oder Antiföderalisten, Whigs,
Republikaner oder die demokratische Partei am Ruder war,
immer schritt die kapitalistische Klasse siegreich und un-
besiegbar vorwärts, was durch ihre heutige fast unbe-
pgrenzte Macht und ihren Besitzstand bewiesen wird.

Zweites Kapitel

EIN NOTWENDIGER KONTRAST

Wan die ganze Macht der Regierung sich für die Ver-
größerung und Erhaltung einer Geldaristokratie ein-
setzte, wie verhielt sie sich dann im besonderen gegen die
arbeitende Klasse? Über die wenigen Mächtigen — seien
es Politiker, seien es Industrielle — hat die konventionelle
Geschichtschreibung gröblich ausgeschmückte und ent-
stellte Berichte überliefert. Diese Wenigen sind von der
        <pb n="268" />
        223 —
Masse isoliert, und ihre Größe ist verherrlicht, während die
Millionen dunkler Existenzen nirgend wahrheitsgetreu ge-
schildert werden. Diese sterilen Geschichtschreiber verfahren
nach der oberflächlichen Methode jener Zeiten, als das
Herrschertum aufs Äußerste gesteigert war und nur die
Handlungen der mächtigen Wenigen von irgendwelcher
Bedeutung, während die Taten der Massen nicht erwähnens-
wert waren.

Die Vorherrschaft der Besitzinteressen
Daher kommt es, daß in den meisten Fällen die Geschichte
ein bloßes Verzeichnis von Namen und Daten, von dummen
oder hochtönenden, abgenutzten Phrasen ist, die keinen
Einblick in die tatsächlichen Verhältnisse gewähren.

In dieser Hinsicht wird von der Geschichte der Verei-
nigten Staaten am schwersten gesündigt. Hier wird der
Gedanke vertreten, daß dieser oder jener anerkannte Staats-
mann, dieser oder jener Präsident oder Politiker oder diese
oder jene Gruppe von Politikern für die öffentlichen An-
gelegenheiten entscheidend gewesen sei. Ein größerer Irr-
tum ist nicht auszudenken. Hinter den imponierenden, pom-
pösen offiziellen Persönlichkeiten der verschiedenen Epochen
haben die Männer des Besitzes über Gesetz und Politik
entschieden. Sie waren es, die in Wirklichkeit auf der
Bühne und hinter den Kulissen der Politik herrschten.

Sie waren es, die, bisweilen offenkundig, bisweilen mehr
heimlich, die ganze Regierungssphäre beeinflußten und nach
ihrem Willen lenkten.

Sie waren es, welche die Stürme verursachten, die das
Volk in zwei kämpfende Lager teilten und häufig die Stim-
mung des Volkes bewölkten und verwirrten. Ihre mate-
riellen Ideale und Interessen waren es, die der Gesellschaft
aufgeprägt und zur herrschenden Richtschnur erhoben
wurden.

Von Anfang an war die Regierung der Vereinigten
Staaten 'das, was als ein Regime des Besitzes bezeichnet
werden kann.

Die Revolution war, wie wir gesehen haben, eine Be-
        <pb n="269" />
        224 —
wegung der inländischen Besitzinteressen, die über ihr
Schicksal selbst bestimmen wollten ohne Einmischung der
kommerziellen Klassen Großbritanniens. Die Verfassung
der Vereinigten Staaten wie der verschiedenen Einzel-
staaten und die Gesetze waren, wie weiter dargestellt
worden ist, sämtlich durch die Interessen, Zwecke und
Vorurteile der Besitzenden beeinflußt, die denen der Nicht-
besitzenden entgegengesetzt waren. Zunächst diktierten
die Grundbesitzer und die Reeder die Gesetze. Dann
bildete sich aus diesen beiden Klassen und den Groß-
händlern eine dritte Klasse, die Banken, die nach einer
fortdauernden Orgie der Bestechung zu großer Macht
gelangten. Zu gleicher Zeit nahmen andere Klassen Be-
sitzender in verschiedener Art an der Beeinflussung der
Regierung teil. Eine dieser Klassen war die der Sklaven-
halter im Süden, welche nur um so verzweifelter ihre Klauen
in die Regierung schlugen, je mehr ihre Einrichtungen be-
droht wurden, Auch die Fabrikbesitzer standen nicht
zurück, Wie erbittert auch die Interessen der Besitzenden
gegeneinander um die Oberherrschaft kämpften, so gab
es doch nie eine Zeit, wo die Mehrzahl der Kongreßmit-
glieder, der Parlamente oder der Richter nicht die Interessen
oder Ideale einer oder mehrerer dieser Gruppen der be-
sitzenden Klassen vertreten hätte.

Schließlich bildete sich aus den Grundbesitzern, den
Sklavenhaltern, den Bankiers, den Reedern, den Fabrik-
besitzern und Großhändlern eine neue Klasse von großer
Macht, nämlich die Klasse der Eisenbahnbesitzer. Von
1845—18090 war dies die einflußreichste regierende Klasse
in den Vereinigten Staaten, und sie verlor erst an Ein-
fluß, als die industriellen Truste immer mächtiger wurden
and die Zeit kam, da ein einziger Trust, die Standard-Oil-
Company, ungeheure Eisenbahnlinien allein besaß.
Die Lage der Nichtbesitzenden
Hier ist nicht der Platz für einen ausführlichen Bericht
über die industrielle Entwicklung der Vereinigten Staaten.
Wir können uns hier nicht damit aufhalten, einen genauen
        <pb n="270" />
        DB mn
Bericht über Ursprung und Wachstum des Fabriksystems
zu geben, das in den gigantischen Trusten der Jetztzeit
seinen Höhepunkt erreicht hat. Auch bei den mannig-
faltigen Umständen und Methoden dieser Entwicklung
können wir nicht verweilen.

Die Geschichte der industriellen Unternehmungen, wie
sie die Funktionen der Regierung für ihre eigenen Zwecke
ausnutzten, wie sie Erfindungen stahlen und die Erfinder in
Armut und Tod trieben, wie sie die Allgemeinheit durch
Steuerhinterziehung um unglaubliche Summen betrogen,
wie sie ihre Arbeiter in einer Weise unterdrückten, die
kommenden Zeiten wie Handlungen einer Klasse erschei-
nen wird, die den Wilden an Roheit übertraf, wie sie ohne
Unterbrechung stahlen, Legionen von Männern, Frauen
und Kindern in der Jagd nach dem Gewinn hinopferten,
die Völker des Erdballs gewissenlos ausbeuteten, alles dies
und mehr, das ein verhängnisvolles, grauenhaftes Kapitel
im Fortschritt der Rasse darstellt, soll später erschöpfend
behandelt werden.

Die volltönenden Grundsätze der Unabhängigkeits-
erklärung lassen sich gut lesen, aber sie waren nicht für
den Arbeiter gedacht. Die vielgerühmte Unabhängigkeit
war die Freiheit des Kapitalisten, zu tun, was ihm beliebte.
Nur wenige Beschränkungen, wenn überhaupt welche,
waren ihm auferlegt; gewisse Scheinbeschränkungen, wie
sie von Zeit zu Zeit aufgestellt wurden, wurden nicht
durchgeführt.‘ Anderseits kamen gegen den Arbeiter die
strengsten Gesetze zur Anwendung. Lange Zeit hindurch
war es für ihn ein Verbrechen, zu streiken. In dem ersten
Streik dieses Landes, über den sich ein Bericht findet —
einem Streik der Matrosen in New York 1803 zur Erlangung
besserer Löhne — wurde der Führer verhaftet, unter An-
klage gestellt und zu Gefängnis verurteilt. Die Regie-
Tungsgewalt wurde von den herrschenden kommerziellen
und grundbesitzenden Klassen zu doppeltem Zwecke an-
gewandt. Einerseits verlangten sie, daß das Kapital unter-
stützt würde, welche Phrase, in die Praxis übersetzt, be-
deutete, daß die Regierung große Landkomplexe austeilen,
ungeheure Darlehen zinsenlos bewilligen, Steuerfreiheit
        <pb n="271" />
        — 226 —
und weitgehende Privilegien gewähren, Schutzgesetze er-
lassen und klar umschriebene gesetzliche Rechte bewilligen
sollte.

Die Übermacht der Arbeitgeber
Während sich die Kapitalisten selbst in jeder Richtung
bereicherten, indem sie durch die Macht der Regierung
sich die öffentlichen Hilfsquellen zugänglich machten, er-
klärten sie es gleichzeitig als ein feststehendes Prinzip, daß
die Regierung keine Fürsorgeregierung sein solle; sie er-
klärten nicht nur, daß es keineswegs Obliegenheit der Re-
gierung sei, die Interessen der Arbeitermasse wahrzu-
nehmen, sondern sie gingen sogar noch weiter.

Das Beispiel des englischen Gesetzes vor Augen, hielten
sie daran fest, daß es Pflicht der Regierung sei, die Arbeiter
streng innerhalb der Grenzen zu halten, welche die Arbeit-
geber gezogen hatten. In dürren Worten bedeutete dies,
daß der Kapitalist sein Geschäft ganz nach eigenen Wün-
schen einrichten durfte. Er konnte seine Angestellten aus-
nutzen, ihnen die niedrigsten Löhne zahlen und sie hin-
opfern, indem er sie zwang, unter Bedingungen zu
arbeiten, wo das menschliche Leben geringer geachtet
wurde als die Erzielung von Gewinn, oder indem er sie
zwang, an ungesunden Orten zu arbeiten oder zu leben}).
Das Gesetz, das der genaue Ausdruck für die Interessen der
Kapitalisten war, unterstützte ihn in all diesem. Wenn aber

4) Das Proletariat der Vereinigten Staaten vermehrte sich rapid. Wie der
Seventh Special Report of the U. S. Commissioner of Labor — The Slums of Great
Cities, 1894, feststellt, beträgt die Zahl der Verarmten in Baltimore etwa 25 000 Per-
sonen, in Chicago etwa 162 000, in New York etwa 360 000, in Philadelphia etwa
35 000 (S. ı2). Die Statistik der durchschnittlichen Wochenlöhne pro Kopf der
Arbeiterbevölkerung zeigte, warum ein so großes Proletariat vorhanden war. In
Baltimore betrugen die wöchentlichen Löhne 8,651/„ Dollar, in Chikago 9,881/,
Dollar, in New York 8,36 Dollar und in Philadelphia 8,68 Dollar (S. 64).

In seinen Modern Social Conditions gibt Bailey auf Grund der Statistik der Ver-
einigten Staaten von 1900 an, daß 109 750 Personen im Jahre 1900 an Tuberkulose
starben. „Viel frische Luft und Sonnenlicht,‘ schrieb er, „tötet die Bazillen,
dennoch werden schätzungsweise 8 Millionen Menschen an der Schwindsucht ster-
ben, wenn nicht energische Anstrengungen zur Bekämpfung der Krankheit gemacht
werden. In schlechter Luft arbeitend, in dumpfen, engen, schlecht ventilierten
Räumen lebend, werden diese Arbeiter in der Großstadt leicht ein Opfer der ver-
heerenden Krankheit, der Schwindsucht.‘“ (S. 265.)
        <pb n="272" />
        »9m
die Arbeiter protestierten, wenn sie ihre Lage zu verbessern
gedachten, indem sie sich zu dem gemeinsamen Vorgehen
zusammenschlossen, das als Streik bezeichnet wird, wurden
sie von demselben Gesetz als Verbrecher abgeurteilt. Die
ganze Macht des Gesetzes mit Polizei, Militär und Richtern
wurde gegen sie mobil gemacht und trieb sie entweder
an ihre Arbeit zurück oder steckte sie ins Gefängnis.

Die Verhältnisse, unter denen die Kapitalisten ihre Ge-
winne erzielten und die Arbeiter sich abmühen mußten,
waren für die Arbeiter sehr ungünstig. Der damalige
Arbeitstag währte von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang.
Im allgemeinen bedeutete das, besonders in den Jahres-
zeiten mit den langen Tagen, zwölf und sehr oft vierzehn
und sechzehn Arbeitsstunden täglich. Und doch sahen
die sogenannten Staatsmänner jener Zeit und die angeb-
lich kultivierten und verfeinerten Klassen in dieser Aus-
nutzung nichts Unrechtes. Der Grund lag klar auf der
Hand. Ihre Macht, ihre eleganten Häuser, ihre Seiden
und Samte, ihre Equipagen und ihre Zerstreuungen, alles
basierte auf dem Schweiß und Blut dieser sogenannten
freien weißen Männer, Frauen und Kinder im N orden, die
noch schwerer arbeiten mußten als der schwarze Sklave
des Südens und an die nicht entfernt so viel Fürsorge
und so viele Gedanken verschwendet wurden wie an den
schwarzen Sklaven. Die Kapitalisten des Nordens hatten
ein viel wirksameres Sklavereisystem als die des Südens,
ein System, dessen wirtschaftliches Übergewicht das der
Sklavenhaltung zerstören sollte.

Die meisten Geschichtschreiber, die sich die intellek-
tuelle Unterwürfigkeit zur Richtschnur nahmen, welche die
herrschenden besitzenden Klassen von ihnen verlangten,
stellen mit Vorliebe jene Epoche als „die gute alte Zeit“
hin, wo die Kapitalisten mildtätig und liebenswürdig wa-
ren und die Arbeiter in Frieden und Überfluß lebten.

Eine unaufhörliche Fehde
Die Geschichte ist insofern in der Hauptsache eine In-
stitution zur Verbreitung von Lügen gewesen. Tatsache ist,
        <pb n="273" />
        — 228
daß seit Tausenden von Jahren, seit das System des pri-
vaten Besitzes entstand, eine unaufhörliche, unerbittliche
Fehde zwischen Unterdrückern und Unterdrückten be-
standen hat. Abgesehen von den Klassenunterschieden und
den Härten, die in diesem Lande in den Zeiten der Be-
siedlung und Kolonisierung eingeführt wurden — in ei-
nem früheren Kapitel ist hierüber berichtet worden — ist
das ganze neunzehnte Jahrhundert und das zwanzigste bis
auf diesen Tag ein andauernder industrieller Kampf ge-
wesen. Dies war der wirkliche Krieg der modernen Zeit.

In diesem Kampf hatten die besitzenden Klassen von
Anfang an einen großen Vorsprung. Jahrhunderte der
Herrschaft hatten sie gelehrt, daß die Kontrolle der Re-
gierung das Geheimnis der Oberherrschaft sei. Dadurch,
daß sie die Regierung in der Hand hatten, hatten sie die
Macht, Gesetze zu geben und diese Gesetze durchzuführen
oder nicht durchzuführen, hatten Polizei, Armee, Flotte,
Gerichtshöfe, Zuchthäuser und Gefängnisse unter sich —
all diese furchtbaren Instrumente; mit denen jeder Ver-
such eines Protestes auf friedliche oder nicht friedliche Art
unterdrückt wird. "Trotz dieser Anhäufung von Macht
und Gewalt ist die arbeitende Klasse niemals passiv oder
gefügig gewesen. Sie hat sich übers Ohr hauen lassen; sie
hat es sich gefallen lassen, daß ihre Reihen durch verräte-
tische Angriffe gesprengt wurden, sie ist oft in kritischen
Zeiten blind gewesen und hat niemals eine ernstliche An-
strengung gemacht, sich der großen strategischen Haupt-
punkte — der Regierungsmacht — zu bemächtigen. Trotz-
dem, trotz dieser Fehler, ist sie in einem Zustande stän-
diger Auflehnung gewesen, und die Tatsache, daß es so
war, daß ihre Bestrebungen nicht durch Kerker, Gefäng-
nisse und Kanonen, nicht durch Unterdrückung und Hunger
zu ersticken waren, ist die preiswürdigste Leistung in den
Annalen der Menschlichkeit.

Der Kampf der Arbeiter um bessere Lebensbedingungen
Wieder und wieder versuchten die Arbeiter, einige ihrer
Ketten abzuwerfen, und jedesmal wurde die ganze Macht
        <pb n="274" />
        — 220 —
der Gesellschaft gegen sie mobil gemacht.‘ 1825 entstand
eine Agitation für den zehnstündigen Arbeitstag. Die Poli-
tiker begeiferten die Bewegung, die kultivierten Klassen
sahen sie mißfällig an; die Zeitungen belächelten oder miß-
brauchten sie, die Beamten bereiteten umfassende Maß-
nahmen vor, sie niederzuhalten. Die Kapitalisten aber,
die Reeder, die Schuhfabrikanten, die Eisenkönige und andere,
stritten den Arbeitern nicht nur das Recht ab, sich zu orga-
nisieren, während sie sich für durchaus berechtigt ansahen,
sich zusammenzuschließen, sondern sie protestierten auch
gegen den Zehnstundentag als gegen „unvernünftige Be-
dingungen, die nur die Torheit und Anmaßung vereinzelter
Handarbeiter diktieren könnte“. „Eine sehr große Summe,“
sagt Mc. Neill, „wurde von den Kaufleuten aufgebracht,
um die Zehnstundenbewegung zu unterdrücken!).‘“ Und
als einen Beweis für die lebhafte Opposition gegen die For-
derung der Arbeiter, den vierzehnstündigen Arbeitstag auf
einen zehnstündigen herabzusetzen, führt Mc. Neill folgende
Notiz aus einer Bostoner Zeitung aus dem Jahre 1832 an:
„Hätte dieser ungesetzliche Zusammenschluß das Ziel ver-
folgt, eine Erhöhung der Tagelöhne herbeizuführen, würde
er unbeachtet geblieben sein; jetzt aber trifft er den Nerv
des Fleißes und der guten Sitten, indem er die Arbeitsstunden
vorschreibt, über die guten alten Regeln unserer Väter hin-
wegschreitet und den direkten Weg zur Armut bezeichnet.
Denn das Nichtstun in den nützlichsten Morgen- und
Abendstunden wird sicherlich zu Unmäßigkeit und zum
Ruin führen.“

So war im allgemeinen die Beweisführung der Kapita-
listen jener Zeit beschaffen; hinzu kam noch die wieder-
holte Versicherung, daß es unmöglich sei, bei einem zehn-
stündigen Arbeitstag ein Geschäft aufrechtzuerhalten. Die
Wirkung des vierzehnstündigen Arbeitstages auf die Arbeiter
war verderblich. Da sie keine Zeit zum Lesen, zur Selbst-
erziehung, zu Verkehr und gegenseitigem Kennenlernen
hatten, legten sie oft ganz brutale Neigungen an den Tag.
Je länger diese gewissenlose Ausnutzung dauerte, um so
mehr. degenerierten sie moralisch und intellektuell. Dies

1) The Labour Movement, 5. 2329.
        <pb n="275" />
        — 230 —
war eine sehr bekannte Tatsache und wurde oft von Kri-
tikern jener Zeit hervorgehoben. Auch ihren Arbeitgebern
konnte es nicht entgehen, und trotzdem behaupteten sie,
mit wenigen Ausnahmen, daß jede Agitation für eine Ver-
kürzung des Arbeitstages die guten Sitten schädige.,
Diese Behauptung bedarf indessen keines weiteren Kom-
mentars. Stets hat die besitzende Klasse sich selbst zum
stolzen Wächter der Sitten berufen gefühlt, obwohl nur
der gemeinste Eigennutz und nichts anderes ihre Trieb-
feder war. Viele Arbeiter wurden zu Trunk, Verbrechen
und Selbstmord getrieben durch die immer schlechter
werdenden Verhältnisse, unter denen sie arbeiten mußten.
Sowie sie nur im geringsten die Grenzen des Gesetzes über-
schritten, fiel die Obrigkeit mit strengen Strafen über sie
her. Die Gefängnisse waren damals voll von Hand-
werkern, die durch Abhängigkeit und Armut zu Verbrechen
und anderem veranlaßt waren. Wie geringfügig das Ver-
gehen auch sein mochte und wie entschuldbar es sich dar-
stellte, das Gesetz übte keine Milde; die Paragraphen waren
peinlich genau ausgearbeitet und wurden mit harter Hand
durchgeführt.

Die Taktik der Kapitalisten
Die Gesellschaft in ihrer Gesamtheit machte gegen die
schwergeplagte arbeitende Klasse Front. Die Arbeit-
geber waren empört über die Unverschämtheit der Arbeiter,
Gewerkschaften zu bilden und eine Verkürzung des Ar-
beitstages anzustreben. Die Kapitalisten änderten ihre
Taktik mit akrobatischer Gewandtheit. Wenn die Arbeiter
für einen weniger mühevollen Arbeitstag streikten,‘ ver-
sicherte der Kapitalist ihnen, daß er eine so unhaltbare
Forderung nicht bewilligen könne; ihren Bestrebungen,
höhere Löhne zu bekommen, stände. er sympathischer
gegenüber, aber den Versuch, die Arbeitstage zu verkürzen,
müsse er bekämpfen.

Wenn aber die Arbeiter in der Hauptsache für höhere
Löhne streikten, dann rief der Kapitalist die Gerichte um
Unterstützung an, wie es 1836 in New York geschah, als
        <pb n="276" />
        — 231 —
21 Schneidergesellen von Richter Edwards zu Geldstrafen
von 100 bis 150 Dollar verurteilt wurden. Da viele von
ihnen diese Summe nicht bezahlen konnten, wurden sie in
Haft genommen. Die Geistlichkeit bekämpfte die Gewerk-
schaftsbewegung aufs heftigste. „Wir müssen leider feststel-
len,“ heißt es in dem Protokoll einer Generalversammlung
der Handwerker Bostons und Umgegend, die am 8. Januar
1834 stattfand, „daß keiner unserer angesehenen Geistlichen
zugegen ist. Es ist an 22 verschiedene Gesellschaften das
Gesuch gerichtet worden, der Gewerkschaft für diesen Tag
einen Versammlungsraum zur Verfügung zu stellen, aber
sie alle haben ihre Türen vor uns verschlossen... .“

Jahr für Jahr dauerte der Kampf um einen zehnstündigen
Arbeitstag im Norden und Osten. Mal für Mal wurden
die Arbeiter durch die äußerste Not an ihre Arbeit
zurückgetrieben. So oft sie auch zurückgeschlagen wurden,
immer wieder erneuten sie den Versuch. Überall, wo sie
um Hilfe oder Sympathie baten, trat man ihnen mit Feind-
seligkeit entgegen.. Im Jahre 1836 machte eine Gewerk-
schaft in Baltimore beim Kongreß eine Eingabe, den
Arbeitstag für die in staatlichen Betrieben beschäftigten
Arbeiter auf zehn Stunden zu beschränken. Diese vergebliche
Mühe! So unaufhörlich waren die Arbeiter von Politikern,
Zeitungen, Geistlichen und Arbeitgebern belogen worden,
daß sie, wenn sie sich an den Kongreß oder irgendeine
andere Behörde wendeten, nicht wußten, daß sie von Män-
nern etwas erbaten, die die Interessen ihrer eigenen Arbeit-
geber vertraten. Nach kurzer Debatte ließ der Kongreß die
Petition unter den Tisch fallen.

Eine Denkschrift eines „Teils der arbeitenden Klassen
der Stadt New York hinsichtlich des Geldmarktes“ be-
schwerte sich 1833 beim Kongreß, daß die Macht der Re-
gierung gegen die arbeitenden Klassen ausgenutzt würde.

„Es ist Ihnen nicht unbekannt,“ hieß es, „daß unsere
einzelstaatlichen Gesetzgebungen durch Usurpation der
Macht, die ausdrücklich dem Bunde vorbehalten ist, vielen
Gesellschaften die Herstellung von Papiergeld gestattet
haben und daß die Not die arbeitenden Klassen gezwungen
hat, es in Umlauf zu setzen.
        <pb n="277" />
        — 222 —
„Das stärkste Argument gegen diese Maßnahmen ist, daß
dadurch, daß ein Mann oder eine Gruppe von Männern
privilegiert ist, Geld zu fabrizieren, statt es zu verdienen,
er gleichzeitig ermächtigt wird, so viel vom Volksvermögen
an sich zu reißen, wie er nur Lust hat, ohne im geringsten
etwas dafür zu leisten — eine so ungeheure Ungerechtigkeit,
daß eine Verteidigung unmöglich und ein Kommentar
nicht nötig ist.

„Daß die Gewinne des Kapitals von den Verdiensten des
Arbeiters abgezogen werden, und daß diese Abzüge, wie
alle anderen Besteuerungen des Fleißes, dazu beitragen,
den Wert des Geldes zu vermindern, indem sie die Preise
für alle Früchte der Arbeit erhöhen, ist über jede Diskussion

erhaben; ebenso unbestreitbar ist, daß es einen Punkt gibt,

über den die Kapitalisten nicht hinausgehen können, ohne
sich selbst zu schädigen, denn wenn durch ihre "Taktik der

Wert des Geldes im Inlande so weit herabgemindert wird,

daß es im Auslande angelegt wird, so werden sehr viele ihre

Beschäftigung verlieren und sind damit nicht nur außer

stande, ihre Steuern zu bezahlen, sondern gezwungen, un-
redliche Wege einzuschlagen, wenn sie nicht verhungern
wollen.“

Diese Denkschrift enthielt viele eherne und düstere
Wahrheiten, wenn auch ihre Wirtschaftsanschauungen
deutlich die Spuren ihrer Zeit tragen; es ist eine Peti-
tion, die sehr wesentlich von den flehenden, kriecherischen
Petitionen abwich, die von den konservativen, unterwür-
figen Arbeiterführern späterer Zeiten dem Kongreß zag-
haft unterbreitet wurden. Die Denkschrift fährt folgender-
maßen fort:

„Dem verbleibenden Arbeiter werden dann weitere
Lasten auferlegt, um Gesetze und Gefängnisse und ste-
hende Heere zur Aufrechterhaltung der Ordnung zu unter-
halten; es werden große: Kriege ins Werk gesetzt, nur um
für einige Zeit den Schrei nach Beschäftigung zu über-
täuben; jede neue Last vergrößert das Elend, und es wird

aur beendet durch den Tod der Nation.“

Die Macht des Kapitals lag, wie es in der Denkschrift
weiter heißt, „in der Natur der Dinge, bestimmt durch
        <pb n="278" />
        das Verhältnis der Zahl der Kapitalisten und der Heftig-
keit ihrer Konkurrenz zu der Zahl der Arbeiter und ihrer
Not“. Der einzig sichere Weg zu gedeihlicher Arbeit,
„und der Weg, der für alle Klassen der heilsamste sein
dürfte“, wäre, die Not der arbeitenden Klassen zu ver-
mindern. Und die Abhilfe, welche die Denkschrift vor-
schlägt? Es sollte von Staats wegen durch den Kongreß
das Prinzip aufgestellt werden, daß aller noch vorhandene
staatliche Grundbesitz auf immer Eigentum der Nation
bleiben sollte, „von Zeit zu Zeit je nach Bedarf der Be-
völkerung in kleine Farmen mit einer geeigneten Menge
von Baulichkeiten für die Arbeiter parzelliert werden, zum
freien Gebrauch jedes eingeborenen Bürgers und seiner
Nachkommen, die imstande wären, sie urbar zu machen.
Diese Politik würde ein dauerndes Gegengewicht gegen
die alleinige Macht des Kapitals darstellen.‘ Die Denk-
schrift schloß folgendermaßen: „Diese Ländereien sind mit
öffentlichem Geld erworben worden, von dem jeder Pfennig
schließlich vom Verdienst der arbeitenden Klasse herstammt.
Und während das Volksvermögen freigebig dafür ver-
wendet ist, den Handel zu schützen und zu pflegen, hat
die Regierung unseres Wissens niemals auch nur eine
Maßnahme (außer dem Schutzzollsystem) gutgeheißen,
welche direkt die Interessen der Arbeiter im Auge hatte;
und alle Vorteile dieser einen Maßnahme sind durch die
Übermacht des Kapitals wettgemacht worden?!).‘‘

Die Anwendung der Miliz gegen die Arbeiter
Aber nicht nur die Nationalregierung stemmte sich
mit ihrer ganzen Regierungsgewalt gegen die Arbeiter;
Staats- und städtische Behörden taten desgleichen. Im
Jahre 1836 streikten die Hafenarbeiter New Yorks, um
höhere Löhne zu erzielen. Ihre Arbeitgeber stellten un-
verzüglich an ihrer Stelle nichtorganisierte Arbeiter ein.
Als die organisierten von Dock zu Dock gingen, um die
Neulinge zu sich herüberzuziehen, behaupteten die Reeder,
es sei ein Aufruhr im Gange, und verlangten von der Be-

1) Executive Documents, First Session, 23. Congreß, 1834, No. 104.
        <pb n="279" />
        234 —
hörde seine Unterdrückung. Der Bürgermeister ließ die
Miliz mit geladenen Gewehren ausrücken. In Philadel-
phia spielten sich ähnliche Szenen ab. Da die Streikenden
von den Soldaten verhindert wurden, ihre Kameraden zu
beeinflussen, so unterlagen sie natürlich in dem Streik.
Obwohl beständig arbeitsparende Maschinen erfunden und
die vorhandenen verbessert wurden, um Handarbeit zu er-
setzen, und obwohl die Arbeiter infolgedessen weit mehr
Waren herstellten als in früheren Jahren, bestanden die
„Herren“, wie die Kapitalisten damals oft genannt wurden,
darauf, daß die Arbeiter auch weiterhin für die seit langem
üblichen Löhne und auch die gleiche Stundenzahl wie bis-
her täglich arbeiten mußten.
1840 aber waren die Arbeitergewerkschaften endlich
so weit gekommen, daß sie in einigen Branchen durch-
drangen und die Arbeitgeber widerwillig einsehen mußten,
daß die Zeit vorbei war, wo der Arbeiter als Sklave be-
handelt werden konnte. Einzelne kluge Arbeitgeber be-
willigten aus freien Stücken den zehnstündigen Arbeitstag,
nicht aus Gründen der Menschlichkeit, sondern weil sie
wußten, es würde auf seiten ihrer Arbeiter eine größere
Leistungsfähigkeit zur Folge haben. Viele Kapitalisten
mußten gezwungen der Forderung nachgeben. Andere Kapi-
talisten beschlossen, die Arbeiterorganisationen zu vernich-
ten unter der Begründung, daß sie eine Verschwörung dar-
stellten. Auf Veranlassung mehrerer Schuhfabrikanten wurde
gegen die Gewerkschaft der Bostoner Schuhmachergesellen
Klage erhoben. Das Gericht entschied gegen die Schuh-
macher und verurteilte sie. Im Wiederaufnahmeverfahren
am Supreme Court (Obersten Gerichtshof) widerlegte Ro-
bert Rantoul, der Vertreter der Vereinigung, die Punkte
der Anklage in so geschickter Weise, daß der Gerichtshof
nicht anders konnte, als das Urteil der vorhergehenden In-
stanz zu verwerfen?).
1) Commonwealth, ferner Metcalfs Supreme Court Reports 4, Bd. 3. Die
Anklage gründete sich auf das alte englische Gesetz aus den Zeiten der Königin
Elisabeth, das es für Arbeiter zu einem Kriminalvergehen machte, sich zu weigern,
unter einem bestimmten Lohnsatz zu arbeiten. Dieses Gesetz war, wie Rantoul
betonte, nicht ausdrücklich als gemeines Recht von den Vereinigten Staaten nach
der Revolution angenommen.
        <pb n="280" />
        235
Vielleicht blieb die wachsende Macht der Arbeiter-
gewerkschaften nicht ohne Wirkung auf diese edlen Geister,
auf die Gerichte. Der Arbeiter war nicht mehr von seinen
Kameraden losgelöst, er konnte nicht mehr als ein schwaches,
hilfloses Individuum achtlos beiseite geschoben werden.
Jetzt hatte er die Macht der Vereinigung und der Organi-
sation. Das eventuelle Übergreifen dieser Macht auf die
Politik erschreckte die herrschenden Klassen. Während bis-
her die Politiker alle Petitionen der Arbeiter mit Gering-
schätzung behandelt hatten in der Überzeugung, daß sie
doch immer blindlings die gewöhnlichen Parteizettel ab-
geben würden, dämmerte ihnen jetzt die Ahnung, daß es
klüger sein möchte, einen Schein von Nachgiebigkeit zu
zeigen und einige Konzessionen zu machen, die, wenn auch
unerheblich, so doch anscheinend wichtig waren. Die
Arbeiterpartei des Jahres 1829 hatte ahnen lassen, was die
Arbeiter ausrichten konnten, wenn sie zu einer bewußten
Klassenaktion aufgerufen würden.

Das Werben um die Stimmen der Arbeiter

In dieser Zeit nun begannen die Staatsmänner die be-
kannte Politik des Werbens um die Stimmen der Arbeiter.
Einige imaginäre Versprechungen von Dingen, die sie tun
wollten, im Verein mit einigen gelegentlichen Gesetzes-
brocken — das bildete den Köder, den die Politiker auswarfen.
Jener geschickte Meister der politischen Kniffe, Präsident
van Buren, erließ am 10. April 1840 schleunigst eine Ver-
fügung, die den zehnstündigen Arbeitstag für die Marine-
werkstätten vom April bis September festsetzte. Vom letzten
Oktober aber bis zum 31. März sollte der Arbeitstag von
Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang währen, welche Zeit
ungefähr nach Abzug der Mahlzeiten zehn Stunden ent-
sprach.

Der politische Trick, den Arbeitern Köder hinzuwerfen,
wurde lange Zeit mit Erfolg betrieben. Aber er wurde
durch andere Methoden verdrängt. Indem versucht
wurde, die Arbeiterführer von ihrem feindlichen Standpunkt
in die bestehenden politischen Parteien hinüberzuziehen
        <pb n="281" />
        — 226 —
und zu verhüten, daß die Arbeiter selbst eine eigene Partei
bildeten, schlugen die Politiker eine hinterlistige Methode
sin, um diese Führer zu Verrätern zu machen. Dies er-
reichte man dadurch, daß man ihnen irgendwelche unter-
geordneten politischen Ämter zuwies oder ihnen Geld
gab. In manchen Fällen wurden die Arbeitergewerkschaften
in den folgenden Dezennien auf das gröblichste verraten.

Außerdem ließen die Politiker noch große Summen aus
Wahlfonds verteilen, die ihnen von Kaufleuten, Bankiers,
Großgrundbesitzern, Eisenbahnbesitzern — von allen Teilen
der kapitalistischen Klasse — zur Verfügung gestellt wurden.
Diese Fonds wurden zur Bestechung der wählenden und
der gesetzgebenden Körperschaften benutzt. Vorversamm-
lungen und Urwahlen wurden arrangiert, Stimmen gekauft,
Wahlurnen gefüllt und die Wahlergebnisse gefälscht. Es
kam den Gesellschaften in der Regel nicht darauf an, welche
der alten. politischen Parteien am Ruder war; einzelne
Fabrikanten oder Kaufleute mochten auf dieser oder jener
Seite stehen, weil sie an der Wiedereinführung des Schutz-
zolls oder der Aufrechterhaltung des Freihandelssystems
selbst stark interessiert waren, in der Regel aber verteilten
die Gesellschaften Geld an beide Parteien.

Die Basis der golitischen Parteien
Wenn diese Parteien in verschiedenen Punkten auch
auseinandergingen, traten sie doch beide für die Fortdauer
des bestehenden sozialen und industriellen Systems ein,
das sich auf den kapitalistischen Besitz gründete. Die Ten-
denz der republikanischen Partei, die 1856 begründet war,
gegen die Abschaffung der Negersklaverei, stimmte mit
den Zielen und den grundlegenden Interessen der Fabrik-
besitzer des Nordens völlig überein. Die einzige Gefahr,
welche die kapitalistische Klasse fürchtete, war die Bildung
einer gut organisierten, zielbewußten, ausgesprochenen
Arbeiterpartei. Diese würde, das wußten sie genau, im Falle
ihres Sieges die Ungerechtigkeiten und Unterdrückungen,
auf denen sie, die Kapitalisten, fußten, ernstlich gefährden
und auszurotten versuchen. Um dies zu verhindern wurde
        <pb n="282" />
        jedes Mittel versucht: Hohn, Intrigen, Bestechung, Ge-
walt, Freiheitsstrafen — alle diese und andere Methoden
wurden von dieser verderbten herrschenden Klasse ange-
wandt, die sich selbst einen so hohen Grad von Kultur,
Moral und Patriotismus anmaßte.

Wenn man indessen die geschichtlichen Ereignisse von
einem höheren Standpunkt betrachtet, ist es keineswegs
bedauerlich, daß der Kapitalismus seinen eigenen Weg
sich bahnte und daß sein Wachstum nicht gehemmt wurde.
Seine Entwicklung bis zu einem unerträglichen Maximum
mußte erfolgen, um einer neuen Phase der Zivilisation
den Weg zu ebnen. Der Kapitalist war ein Auswuchs der
Verhältnisse, die vor und während seiner Zeit existierten.
Er ist seiner Zeit so angepaßt, wie der Raubritter der
Feudalzeit.

In dieser Skizze aber haben wir es nicht so sehr mit
historischen Ursachen oder Wirkungen zu tun, als mit Er-
eignissen und Gegensätzen. Der Zweck ist, eine hinreichend
historische Übersicht über die Zeiten zu geben, als die
Regierungsgewalt von der kapitalistischen Klasse zu eigener
Vergrößerung und zu Verderb und Unterdrückung der
Millionen von Arbeitern ausgenutzt wurde..

Die Möglichkeit einer Aktion der arbeitenden Klasse
war für den Kapitalisten eine ständige und störende Dro-
hung. Um nur eins von den vielen Beispielen anzuführen,
wie die Arbeiter allmählich die Notwendigkeit einer solchen
Aktion erkannten und wie die Kapitalisten ihr entgegen-
traten, sollen hier die Beschlüsse der Arbeitervereinigung
von New England, die 1845 gefaßt wurden, angeführt
werden. Mit einem Hinweis darauf, wie die Regierung
von den Kapitalisten dazu benutzt worden war und in stei-
gendem Maße noch immer benutzt wurde, sich Ländereien
und dieser und den kommenden Generationen gesetzlich
festgelegte Rechte und Privilegien zu verschaffen, erklärte
die Genossenschaft in der Vorrede:

„Da wir, die Handwerker und Arbeiter New Englands,
durch jahrelange traurige Erfahrungen zu der Ansicht ge-
kommen sind, daß bei der heutigen sozialen Ordnung die
Arbeit der Sklave des Reichtums ist und sein muß, da ferner
        <pb n="283" />
        die Erzeuger alles Reichtums, nicht nur seines Genusses,
sondern auch aller sozialen und bürgerlichen Rechte, die
dem Menschen zukommen, beraubt sind —, da wir ferner
überzeugt sind, daß eine Reform dieser Mißstände nur von
uns angeregt werden kann —, da wir ferner glauben, daß die
Kraft nur im Verstande liegt, so erklären wir, durch Einigung
nach Macht zu streben, nach der Macht, die Menschheit
glücklich zu machen, und zur Förderung dieses Zwecks
schließen wir uns in eine Genossenschaft zusammen.“

Einer der Führer dieser Bewegung war ein junger Intellek-
tueller, Charles A. Dana, ein Mensch von großen Gaben und
ungewöhnlichen Kenntnissen. Infolgedessen wurde er
mit einem politischen Amt gekauft, Er wurde nicht nur
ein Überläufer der gemeinsten Sorte, sondern tat sich mit
den größten Dieben jener Zeit, z. B. mit Tweed und Jay
Gould, zusammen, bekam hohe Summen dafür, daß er sie
und ihre Interessen in einer Zeitung verteidigte, deren Eigen-
tümer er wurde — die „New York Sun“ — und verbrachte
seine letzten Lebensjahre mit erbitterten und zynischen
Angriffen, mit Verhöhnungen und Entstellungen der
Arbeiterbewegung, und warf sich selbst zum Verteidiger
jeder diebischen plutokratischen oder kapitalistischen Maß-
nahme auf.

Das Jahr 1884 etwa stellte den Zenith der Okkupierung
des Staatslandes durch die Kapitalisten dar. Eisenbahn-
und andere Gesellschaften hatten sich eines großen Teils
des Areals bemächtigt, das jetzt ihr Eigentum war. Zu
dieser Zeit nun war ein Heer von Arbeitern, schätzungs-
weise zwei Millionen Menschen, beschäftigungslos. Trotz-
dem wurde es nicht als ein kritisches Jahr angesehen;
allerdings waren die industriellen Unternehmungen nicht
so betroffen wie im Jahre 1873 und in früheren Perioden.
Die Städte waren mit Armen und Obdachlosen überfüllt;
auf allen Landstraßen und an den Eisenbahnstrecken konnte
man Männer sehen, die, einzeln oder paarweise, auf Suche
nach Arbeit von Ort zu Ort wanderten.

Viele von diesen Arbeitslosen waren eingeborene Ameri-
kaner. Doch waren auch viele Ausländer darunter, die
durch die verlockenden Berichte der Dampfschiffgesell-
        <pb n="284" />
        schaften, denen eine möglichst große Massenbeförderung
Vorteil brachte, zur Einwanderung veranlaßt waren, fer-
ner durch die Werbetätigkeit der Agenten der amerika-
nischen Gesellschaften, die unter den unterdrückten Men-
schen der Alten Welt einen genügenden Bestand an billigen,
nicht organisierten Arbeitern auswählten, oder auch durch
die plötzlich auftauchende Aussicht, ihre Lage wirtschaft-
lich oder politisch zu verbessern.

Millionen von armen Europäern wurden auf diese Weise
beredet, hinüberzugehen, nur um zu erkennen, daß die
ihnen gemachten Versprechungen leere Worte waren.
Sie erfuhren, daß sie in den Vereinigten Staaten noch
schlimmer ausgebeutet wurden als in ihrem Heimatlande.
In bezug auf ihre politische Freiheit waren ihre kühnen
Hoffnungen bald zerstört. Sie waren zwar nach einer ge-
wissen Zeit der Seßhaftigkeit wahlberechtigt, aber sie er-
kannten — wenigstens die Intelligenten unter ihnen —, daß
die Gesetze der Vereinigten Staaten von den Großkapitalisten
gemacht wurden. Das Volk wurde zur Abstimmung zu-
gelassen; aber die Interessen der Geldleute bestimmten
durch ihre Kontrolle alle Schritte der herrschenden poli-
tischen Parteien, wer die Kandidaten und welches die so-
genannten Prinzipien dieser Parteien sein sollten, Dies
Programm wurde bei jeder Wahl aufgestellt. Der Wähler
wurde durch künstliche Erregung und Begeisterung über
falsche Resultate und aufoktroyierte Kandidaten wegge-
bracht. Je mehr Macht und Reichtum der kapitalistischen
Klasse sich vergrößerten, um so offenkundiger wurde die
Regierung ultrakapitalistisch.

Reichtum und direkte Machtstellung
In dieser Zeit war es, als der Senat der Vereinigten Staaten
eine Umgestaltung erfuhr, die deutlich zeigte, wie sehr
überdrüssig die Großkapitalisten des Systems waren, durch
Mittelspersonen zu regieren. Bis dahin hatten die indu-
striellen, Eisenbahn- und Bankinteressen es für klüger ge-
halten, ihre Macht nicht direkt, sondern indirekt auszuüben.
Weitaus die meisten Kongreßmitglieder wurden durch
        <pb n="285" />
        240 —
ihren Einfluß und mit Hilfe ihrer Gelder gewählt. Die
breiten Schichten kannten die geheimen Vorgänge bei die-
sen Wahlen nicht. Die Presse, die im großen und ganzen
die Interessen der kapitalistischen Klasse wahrnahm, stellte
die Gesetzgeber beständig als große und patriotische Staats-
männer hin.

Aber die Magnaten erkannten, daß die Zeit gekommen
war, wo ein paar leere demokratische Regierungsformen
beiseite geschoben und die Macht offen und direkt von
ihnen ausgeübt werden konnte. Jetzt erleben wir, daß
Männer wie Leland Stanford, dem Pacific-Eisenbahn-
Quartett angehörend, einer der Erzbetrüger und Diebe der
damaligen Zeit, in den Senat der Vereinigten Staaten ge-
wählt werden, nach Bestechung des Parlaments von
California, ebenso George Hearst, ein Bergwerksmagnat,
und andere dieser Klasse.

Mehr und mehr nahm diese unmittelbare Aneignung der
Macht zu, bis nach heutiger Berechnung wenigstens achtzig
Millionäre im Kongreß sind. Viele von ihnen sind Multi-
millionäre und beherrschen oder vertreten Gesellschaften, die
große Industrie-, Verkehrs- und Banksysteme repräsentieren
— Männer wie Senator Elkins aus West-Virginia, Clark aus
Montana, Platt und Depew aus New York, Guggenheim aus
Kolorado, Knox aus Pennsylvania, Foraker aus Ohio und
eine Menge andere. Das populäre Scherzwort, der Senat der
Vereinigten Staaten sei ein „Millionärklub“, ist veraltet;
er könnte passender ein „Multimillionärklub“ genannt wer-
den. Soweit in beiden Häusern des Kongresses Gesetzgeber
sind, welche die fast ausgestorbene Mittelklasse vertreten,
sind ihre Stimmen unwirksam, wie ihre Reden banal sind.
Die Regierung der Vereinigten Staaten ist, als Gesamtheit
and nicht in unwichtigen Ausnahmen betrachtet, heute
eine ausgesprochener kapitalistische Regierung als je zuvor.
Was die verschiedenen Parlamente betrifft, so begnügen sich
die Magnaten, die keinen Sitz in diesen Körperschaften
haben, damit, ihr altes System weiterzuverfolgen durch
direkte Bestechung oder durch Kontrolle der politischen
Führer, welche die politische Maschinerie zu verwalten
haben.
        <pb n="286" />
        — 241 —
Da die Interessen der Kapitalisten von Anfang an denen
der Arbeiter und überhaupt der Leute, denen sie ihren Ver-
dienst verdankten, völlig entgegengesetzt waren, hat die
Ablehnung der Regierung, das Wohl des Arbeiters zu ver-
treten, auch wo es sich nur um Kleinigkeiten handelt,
nichts Erstaunliches. Aber es ist äußerst interessant und
lehrreich, die Gegensätze scharf gegeneinanderzustellen.
Es kommen noch einige allgemeine Faktoren hinzu. Die
kühlen, leidenschaftslosen Akademiker, die in der höflichsten
und kühlsten Tonart Trugschlüsse und Lügen weiter-
verbreiten, werden der Konstatierung widersprechen, daß
alle Institutionen der Regierung in der Hand von Dieben
gewesen sind, von großen, nicht von kleinen Dieben. Und
doch rechtfertigen die Tatsachen, wie wir gesehen haben (und
weiter sehen werden) diese Behauptungen in vollem Maße.
Die Regierung wurde beeinflußt und im Grunde beherrscht
von den großen Dieben, wie es heute klar am Tage ist.

Der Mittelstand

Der Mittelstand, d. h. die kleinen Geschäftsleute und
Fabrikanten, hielt hartnäckig an den überlieferten Ge-
schäftsprinzipien fest. Sein einziger Begriff von Industrie
waren die Methoden des Jahres 1825. Er wollte nicht ein-
sehen, daß die Zentralisation der Industrie unvermeidlich
war und einen Fortschritt bedeutete. Er jammerte über
den Verfall seiner eigenen Macht und versuchte mit allen
zur Verfügung stehenden Mitteln, die Zwecke der Truste
zu durchkreuzen. Dieser Mittelstand hatte bestochen, be-
trogen und den Arbeiter ausgenutzt. Jahrzehnte hindurch
hatte er der öffentlichen Meinung die Ansicht aufgezwun-
gen, daß „Konkurrenz die Seele des Handels“ sei. Er hatte
durch Schaffung dieser Ansicht eine große Zahl von Arbei-
tern auf seiner Seite, die nur die anfänglichen Fehler und
nicht all die guten Seiten sahen, welche die wissenschaft-
liche Organisation und Zentralisation der Industrie mit sich
brachte. Der Mittelstand brachte Antitrustgesetze und
andere Maßnahmen zur Annahme, die gegen die großen Zu-
sammenschlüsse gerichtet waren.
        <pb n="287" />
        242 —
Diese großen Zusammenschlüsse hatten also einen doppel-
ten Kampf zu bestehen. Einerseits hatten sie sich gegen die
Gewerkschaften zu wehren, anderseits gegen den Mittel-
stand. Es war für ihre Interessen nötig, daß die Zentrali-
sation der Industrie fortgesetzt wurde. Tatsächlich war das
auch historisch und wirtschaftlich nötig. Folglich mußten
sie alles daran setzen, jeden Versuch der Regierung, die Anti-
trustgesetze durchzuführen, zu entkräften. Es war undenk-
bär, daß die industrielle Entwicklung durch einen Mittel-
stand aufgehalten werden sollte, der aus Egoismus einen
Stillstand herbeigeführt hätte.

Nachdem der Mittelstand eine Zeitlang in der Durch-
setzung gewisser Gesetze, von denen die Vernichtung der
Truste erhofft wurde, triumphiert hatte, wurde er hoff-
nungslos geschlagen und beiseite geschoben. Infolge ihrer
viel größeren Hilfsmittel und Geldquellen waren die Magna-
ten imstande, die Durchführung dieser Gesetze zu verhin-
dern und allmählich sich oder ihren Werkzeugen die höch-
sten Machtbefugnisse zu sichern. Der Mittelstand ist jetzt
nur noch eine Reminiszenz. Sogar die lärmenden Be-
strebungen Roosevelts zu seinen Gunsten hatten nicht das
geringste Resultat; die Truste sind mächtiger als je und üben
einen Einfluß aus, der über jede Diskussion erhaben ist.

Die Truste und die Arbeitslosen
Mit dieser neueren Organisation und Zentralisation der
Industrie vermehrte sich die Zahl der Arbeitslosen in er-
schreckender Weise. In der Krisis des Jahres 1893 stieg sie
auf etwa 3 Millionen, 1908 auf vielleicht 6, sicher aber
5 Millionen. Diesem höchst bedauerlichen Zustand gegen-
über blieb die Regierung gleichgültig. Die Gründe waren
zweifacher Natur: die Regierung lag in Händen der kapi-
talistischen Klasse, die ein Interesse daran hatte, keine Maß-
nahme zu genehmigen, welche die Arbeiter unterstützen
oder das Überangebot vermindern konnte. Der zweite
Grund war der, daß die Regierung die herrschende wirt-
schaftliche Auffassung vertrat, daß die Forderungen des Be-
sitzes denen des menschlichen Lebens übergeordnet seien.
        <pb n="288" />
        Es ist keine Übertreibung, wenn man sagt, daß ein hoher
Beamter der gesetzgebenden Körperschaften oder der Ver-
waltungen nach dem anderen und ein Magnat nach dem
anderen nicht nur einmal, sondern dauernd das Strafgesetz
vergewaltigt hat. Sie blieben unangefochten; da sie die
Macht hatten, es zu verhindern, würden sie sich wohl auch
schwerlich der Farce einer Anklage unterzogen haben. Ver-
einzelte Beschuldigungen, die mit verdächtigem Elan von der
Regierung gegen die Standard-Oil-Company, gegen den
Zuckertrust, den Tabaktrust und andere erhoben wurden,
erwiesen sich als absolut harmlos und hatten nur das eine
Resultat, die Stellung der Truste zu befestigen. Die Magna-
ten gewannen ihren Reichtum durch eine unendliche Kette
von Betrügereien und Diebstählen. Im Moment aber, wo
der Reichtum oder die Basis dieses Reichtums im entfern-
testen durch irgendein Gesetz oder eine Bewegung bedroht
wurde, trat sofort die ganze Regierung, Verwaltung, Gesetz-
geber, Gerichte ein, um ihn zu schützen.

# Die Arbeiter indessen, denen der Reichtum geraubt
wurde, wurden von dem Gesetz in dem Augenblick, wo sie
verarmten, als Verbrecher angesehen. Wenn sie obdachlos
waren und ohne ersichtliche Subsistenzmittel, wurden sie als
Vagabunden verhaftet. Teilweise wurden sie ins Gefängnis
gesteckt oder zu Zwangsarbeit verurteilt. Wenn sie es unter-
nahmen, Massenversammlungen abzuhalten, um die Re-
gierung zur Inangriffnahme einer Anzahl von öffentlichen
Arbeiten zu veranlassen, durch welche die Arbeitslosen be-
schäftigt würden, wurden ihre Versammlungen aufgehoben
und die Versammelten auf brutale Weise auseinandergetrie-
ben, wie es in Tompkins-Square in New York 1873, in
Washington 1892 und in Chicago und im Union-Square in
New York 1908 geschah. Die Zeitungen stellten diese Ver-
sammlungen als Taten unverantwortlich handelnder Agi-
tatoren hin, die den „Mob“ zu Gewalttaten aufreizten.
Das Auseinandertreiben der Beschäftigungslosen und der
Justizmord gegen ihre Wortführer ist lange Zeit eine be-
liebte Unterdrückungsmethode seitens der Behörden ge-
wesen. Dagegen hat scheinbar die Gewährung der Redefrei-
heit, die Berücksichtigung der Leiden der Arbeiter und
16%
        <pb n="289" />
        244 —
irgendein Versuch zur Verbesserung ihrer Lage nicht in den
Bereich der Regierung gehört, die mit jedem einzigen
Schritt eine erbitterte, bald offenkundige, bald versteckte
Feindseligkeit gegen die arbeitenden Klassen bewies.

Diese schnelle Skizze, die durch die genauesten Details zu
ergänzen ist, gibt einen genügenden Einblick in die Er-
niedrigung und Beraubung der arbeitenden Klassen, wäh-
rend die Kapitalisten die Regierung als ein Plünderungs-
werkzeug benutzten. Wie erging es aber in dieser Zeit der
ackerbautreibenden Klasse? Welches waren die Folgen der
Besitzergreifung des größten Teils des Staatslandes seitens
einzelner Männer für diese große Klasse?

Die Lage der ackerbautreibenden Bevölkerung
Die Verhältnisse wurden für die ackerbautreibende Be-
völkerung, gerade wie für die Arbeiterklasse, beständig
schlechter. In der Hoffnung, ihre Lage zu verbessern,
wanderte eine große Anzahl von den östlichen Staaten
westwärts; auch Europa schickte eine ständige Zufuhr von
Landwirten.

Nur verhältnismäßig wenigen gelang es, direkt von der
Regierung Land zu bekommen. Natürlich folgte diese aus-
gedehnte Westwanderung den Verkehrswegen, d.h. den
Eisenbahnen. Genau das hatten die Eisenbahngesellschaften
vorausgesehen. In der Regel fanden die einwandernden
Farmer die besten Ländereien bereits im Besitz der
Eisenbahnen oder der Viehkönige. Um einen genauen Begriff
von der Ausdehnung dieser Eisenbahnbesitzungen in den
verschiedenen Staaten zu geben, genügt folgende Tabelle,
die bis 1883 reicht: In den Staaten Florida, Louisiana,
Alabama und Mississippi zusammen etwa 9 Millionen Mor-
gen; in Wisconsin 3 553 865 Morgen; Missouri 2 605 251
Morgen; Arkansas 2613631 Morgen; Illinois 2 595053 Mor-
gen; Iowa 41810929 Morgen; Michigan 3355943 Morgen;
Minnesota 9 830450 Morgen; Nebraska 6 409 376 Morgen;
Kolorado 3 Millionen Morgen; im Staate Washington
11700000 Morgen; New Mexiko ır 500000 Morgen;
in den Dakotas 8 Millionen Morgen; Oregon 5 800 000
        <pb n="290" />
        Morgen; Montana 17 Millionen Morgen; California
16387 000 Morgen; Idaho ı 500 000 Morgen und in Utah
1 850 000 Morgen).

Die künftigen Farmer mußten den Eisenbahnen un-
geheure Preise für das Land bezahlen. Sehr oft hatten sie
nicht genügende Kapitalien; es wurden eine oder zwei
Hypotheken aufgenommen, und wenn der Farmer eine oder
„wei schlechte Ernten hatte und die Zinsen nicht mehr be-
zahlen konnte, wurde er gepfändet. Ob nun aber die Ernten
gut oder schlecht waren, auf dem Weltmarkt mußte der
amerikanische Farmer immer mit den billigen indischen und
russischen Erzeugnissen konkurrieren. Im Osten wie im
Westen, im Norden wie im Süden war er unerbittlich zwi-
schen zwei Feuern gefangen.

Einerseits mußte er, um mit den sich allmählich ent-
wickelnden kapitalistischen Farmen konkurrieren zu können,
die primitiven Geräte aufgeben und die modernsten land-
wirtschaftlichen Maschinen kaufen. Für diese mußte er
das Fünf- und Sechsfache der Herstellungs- und Verkaufs-
kosten des Fabrikanten bezahlen. Wenn er sie nicht be-
zahlen konnte, ließ sich der Fabrikant gewöhnlich eine
Hypothek auf seine Farm geben.

Außerdem war die Zeit vorbei, wo der Farmer seine
Kleidung und viele andere Gegenstände selbst herstellte.
Für alles, was er kaufte, mußte er schwindelnde Preise be-
zahlen. Er mußte noch mehr als selbst die Industriearbeiter
zu dem Verdienst der Fabrikanten beitragen; hinzu kamen
noch die hohen Eisenbahnfrachtkosten.

Anderseits gehörte den großkapitalistischen Agenturen,
welche mit der Ernte zu tun hatten — den Schlachthäusern,
den Baumwoll- und Produktenbörsen, — tatsächlich durch
allerlei Manipulationen ein großer Teil seiner Ernten, wenn
sie noch auf dem Halm standen. Diese Ernten wurden zu
ungeheuren Preisen an die arbeitenden Klassen verkauft.
Die kleinen Farmer arbeiteten unermüdlich und wurden nur
immer ärmer. Zu politischen Zwecken wurde der Wohl-
stand des Farmers in glühenden Farben geschildert; aber
je größere Ernten er erzielte, desto größer war der Profit

1) The Public Domain, House Ex, Doc. No. 47, Third Session, Forty-sixth
Congress, S. 273.
        <pb n="291" />
        -46
für die Eisenbahngesellschaften und verschiedene andere
Zweige der kapitalistischen Klasse. Sein war die Arbeit
und die Mühe: die finanziellen Erfolge ernteten sie.

Die Methoden der Großgrundbesitzer
Da auf diese Weise die Früchte der Arbeit des Farmers
von den verschiedenen kapitalistischen Gesellschaften mit
Beschlag belegt wurden, waren die Farmer vieler Staaten,
besonders der reichen Ackerbaustaaten des Westens, nicht
imstande, sich gegen die Anmaßung, die Macht und die
betrügerischen Methoden der großkapitalistischen Grund-
besitzer zu behaupten.

Jose Limanhour gelang es, durch Privilegien, die ihm ein
Gouverneur von Mexiko bewilligt hatte, und durch Kom-
plotte mit Beamten mehr als eine halbe Million Morgen zu
stehlen. Henry Miller, der 1850 in die Vereinigten Staaten
sinwanderte, ist heute Besitzer von 14.539 000 Morgen des
reichsten Landes in California und Oregon. Sein Besitz
umfaßt mehr als 22 500 Quadratmeilen, ein Territorium,
das dreimal so groß ist wie New Jersey. Die erstaunlichen
Bodenschwindeleien in den westlichen und den Pazifik-
Staaten, durch welche die Kapitalisten ein „Kaiserreich an
Land, Wald und Bergwerken“ erhielten, sind in zahlreichen
Dokumenten aus dieser Zeit ausführlich beschrieben. Diese
Landdiebe hatten, wie durch amtliche Untersuchungen
festgestellt wurde, ihre Werkzeuge und Verbündeten im
Ministerium für Landwirtschaft, in der Verwaltung und
in beiden Häusern des Kongresses, Die Bodenspekulanten
taten alles, um die kleinen Farmer von ihrem Land zu ver-
treiben. Bailey Millard, der den Bodenschwindel in Cali-

fornia eingehend erforschte, sagt nach Anführung sämtlicher
Einzelheiten:

„Wenn man diese Dinge hört, begreift man leicht, wie
hundert Menschen in dem großen Sacramento Valley in den
Besitz von mehr als 17 Millionen Morgen gekommen sind,
während es im Joaquin Valley nichts Ungewöhnliches ist,
wenn ein einzelner Mann über 100000 Morgen verfügt. Diese
Beschlagnahmung weiter Distrikte hat mehr als alles andere
        <pb n="292" />
        247
die Einwanderung in Kalifornien gehemmt, Eine Familie,
die auf einer kleinen Farm in einer weiten Ebene wohnt,
kaum ein Haus in Sehweite, wird sehr bald ganz einsam
und in wenigen Jahren froh sein, wenn der Bodenkönig,
dessen Besitzung benachbart ist, ihre Farm ankauft. Tau-
sende von kleinen Farmen sind auf diese Weise von den
großen Besitzern zu den üblichen Preisen erworben wor-
den1!).“

Okkupierung riesiger Areale durch betrügerische Manipulationen
Amtliche Berichte aus der Zeit, in der die ersten Boden-
schwindeleien durchgeführt wurden, geben weit genauere
Einzelheiten über die Methoden, mittels derer das Land in
Besitz genommen wurde. Von den zahlreichen Berichten
der Parlamentskommissionen von California soll hier nur
einer erwähnt werden, und zwar der Bericht der Sumpfland-
Untersuchungskommission von 1873. In Zusammenhang
mit den Betrugsmanövern, durch die riesige Gebiete des
besten Landes in California als „Sumpfland“ nahezu um-
sonst erworben wurden, berichtet die Kommission, indem
sie sich auf die Wucht der Beweise stützt, daß „in geheimem
Einverständnis Experten ernannt seien, die als ‚Sumpfland‘
Terrains begutachteten, die keineswegs Sumpfland waren.
Die im Bodendepartement der Bundesregierung bestehende
Korruption unterstützte diese Betrugsmanöver“‘.

„Daher,“ bemerkt die Kommission mit bitterer Ironie,
„haben die elastischen Gesetze des Staates, die über alle
Arten des Staatslandes verfügen können, wohlhabende
Interessenten in den Stand gesetzt, große Gebiete davon zu
erlangen unter Verhältnissen, die in Ländern, wo die Ge-
setze weniger nachgiebig und die Ausdrucksweise weniger
kultiviert ist, als betrügerisch bezeichnet würden; wir aber
können es nur als kühne Voraussicht und (für die Boden-
spekulanten) weise Auslegung elastischer, unzweckmäßiger
Gesetze bezeichnen).

1) „The West Coast Land Grabbers‘“. Everybody’s Magazine, Mai 1905.
2) Report of the Swamp Land Investigating Committee, Appendix to California
Journals of Senate and Assembly, Twentieth Session, 1874, Bd. 4, No. 5, 5. 3.
        <pb n="293" />
        — 2148 —
„Früher bestand die Gewohnheit, einem Bewerber um
wirkliche oder angebliche Sumpfländereien auf eine unend-
liche Reihe von Jahren eine Option zu geben. In diesen
Fällen brauchten die Parteien ‚innerhalb des Land-Office-
Rings‘ nur zu warten, bis sich irgend jemand fand, der
diese Ländereien in gutem Glauben erwerben wollte; dann
konnten sie ihm ihre ‚Rechte‘ auf das Land ‚abtreten‘,
für die sie nie einen Pfennig bezahlt hatten, noch zu be.
zahlen gedachten.

„Oder, wenn der Charakter des Landes zweifelhaft war,
pflegten sie alle Untersuchungen zu verschieben bis zur
Hochflut der Flüsse während der Regenzeit, wo dann die
Experten, die mit ihnen unter einer Decke steckten, aus-
gesandt wurden, um einen günstigen Bericht betreffs der
‚Sumpfigkeit‘ des Landes zu erstatten. In den Bergtälern
und jenseits der Sierra ist das Terrain bei der Schnee-
schmelze überschwemmt, also gerade zu einer Zeit, wo das
Wasser am nötigsten ist; aber dies bloße Vorhandensein von
Wasser genügt, um den Spekulanten den Beweis zu liefern,
daß das ‚Terrain‘ sumpfig ist, und bietet daher die gün-
stigste Gelegenheit für ihre Beutegier!).“

In seinem ausführlichen Bericht vom Jahre 1885 schilderte
der Kommissionär Sparks vom General-Land-Office sehr
eingehend die großen Betrügereien, die beständig bei der
Verleihung angeblich „sumpfiger‘“ Terrains und bei den
betrügerischen Vermessungen in vielen Staaten und Terri-
torien ausgeübt wurden ?). „Ich konstatierte, daß dies Amt,“
schrieb er, „ein bloßes Werkzeug in der Hand der Spekulan-
ten war‘“2),

Sechzehn Areale, die 1885 in Kolorado inspiziert wurden,
waren überhaupt nur auf dem Papier vermessen; eine wirk-
liche Besichtigung hatte niemals stattgefunden‘). Von
22 anderen Gebieten Kolorados, die angeblich durch einen
1886 beglaubigten Spezialvertrag vermessen worden waren,

wurden die Vermessungen in sieben Fällen als völlig be-
1) Report of the Swamp Land Investigating Committee, etc., 5. 5.

*) House Documents, First Session, Forty-ninth Congress, 1885—1886, Bd. 2.
°) A.a.O. 5, 166.

') Aa. 0,5. 1665,
        <pb n="294" />
        — 249 —
trügerisch befunden, während bei den anderen fünfzehn
sehr viele Schwindeleien ausgeübt worden waren!).

Die Vermessungen wurden so eingerichtet, daß sie eine
ganze Anzahl Terrains umfaßten, von denen der „größere
Teil“ keinen erzhaltigen Charakter haben „solle“. Diese „Re-
gulierungen“‘, die nichts weiter waren als eine außergesetzliche
Konzession für die Bodenspekulanten, erstreckten sich auch
auf die Vermessung von Wüsten und Waldterrains im Namen
des Waldlandgesetzes. Nach dem Buchstaben dieses Ge-
setzes brauchten diejenigen, welche Wüsten- und Wald-
terrains erwarben, keine wirklichen Ansiedler zu sein.
Folglich war es für die von den Bodenspekulanten gekauften
Vermessungsbeamten nur nötig, gutes Weide-, Acker- und
Waldland sowie Erzterrains als „Wüstenland‘“ auszugeben,
um einzelnen Personen oder Gesellschaften die Okkupierung
ungeheurer Gebiete mit Leichtigkeit zu ermöglichen.

Zwei Sondergesetze trugen direkt zur Wirksamkeit dieses
Raubsystems bei. Ein Gesetz, das am 30. März 1862 vom
Kongreß angenommen wurde, genehmigte die Vornahme
von Vermessungen auf Kosten der Ansiedler in den Be-
zirken, deren Vermessung der Ansiedler wünschte. Ein
anderes Gesetz, das Hinterlegungsgesetz, das 1871 zur An-
nahme kam, bestimmte, daß die von den Ansiedlern hinter-
legten Beträge teilweise als Bezahlung für die auf diese Art
vermessenen Ländereien angesehen werden sollten. Diese
beiden Gesetze zusammen machten den Bodendiebstahl im
großen Maßstab zu einer ganz einfachen Sache. Der „An-
siedler‘“ (was in Wirklichkeit sehr oft der Kapitalist be-
deutete) konnte sich das geheime Einverständnis des Land-
Office sichern und betrügerische Vermessungen vornehmen
lassen. Durch diese Vermessungen konnte er ungeheure
Strecken des wertvollsten Landes mit Beschlag belegen und
sie als „Sumpfterrain‘“ oder „Wüstenland““ anerkennen lassen,
Er konnte die Grenzen der ihm ursprünglich bewilligten
Bezirke beliebig erweitern, und die Tatsache, daß ein Teil
seiner Auslagen für die Vermessung als Bezahlung für diese
Ländereien angesehen wurde, machte seine Ansprüche
gewissermaßen rechtskräftig.

1) House Documents etc. 1885—1886, S. 165,
        <pb n="295" />
        + 250 —

Ausschließung der wirklichen Ansiedler vom Staatsland
„Reiche Spekulanten und mächtige Syndikate,“ berichtet
Sparks, „nehmen die Staatsländereien für sich in Anspruch,
und die Vermessung ist der erste Schritt zur Erfüllung ihrer
Wünsche. Zahlreiche Vermessungen sind in Wald- und
Weidedistrikten erfolgt, und die vermessenen Ländereien
sind sofort auf Grund der Waldterrain-, der Vorkaufs-, der
Farmaustausch-, der Kultivierungs- und Wüstenlandgesetze
in Besitz genommen. So sorgfältig ist dieses ganze System
zur Herbeiführung der Vermessung und der ungesetzlichen
Besitzergreifung des Landes organisiert gewesen, daß Agen-
ten und Advokaten, die sich mit diesem Geschäft befaßten,
von jedem amtlichen Vorgehen unterrichtet und in die
Lage versetzt wurden, das Land in dem Moment mit Be-
schlag zu belegen, wo die Vermessungspläne in den betreffen-
den Ämtern entworfen wurden.

„Bevollmächtigte von Holzfirmen und Gesellschaften be-
reisen das Land und machen die wertvollsten Walddistrikte
in California, Oregon, Washington oder anderswo ausfindig;
die Bewerbungen des Ansiedlers werden als Basis für die Ver-
messungen betrachtet; Verträge werden abgeschlossen und
dem General-Land-Office zu schleuniger Bestätigung vor-
gelegt; ein Vermessungsentwurf wird gemacht. Kauf-
verträge, die durch bevollmächtigte Rechtsanwälte vollzogen
werden, werden in Menge abgeschlossen, und die Käufer
übernehmen das Land ... Das ist bisher der Gang der Ent-
wicklung gewesen“1).

Sparks schildert einen Fall, der von seinen speziellen
Agenten in California aufgedeckt wurde: eine englische
Firma hatte 100 000 Morgen des besten Rotholzwaldes in
diesem Staate sich gesichert. Diese Ländereien wurden da-
mals auf 100 Dollar pro Morgen geschätzt. Die Kosten für
die Vermessung und die betrügerischen Verträge überstiegen
höchstwahrscheinlich 3 Dollar pro Morgen nicht.

„In derselben Weise,“ fährt Sparks fort, „sind ausgedehnte
Kohlenlager in den westlichen Bezirken durch beschleunigte
Vermessungen und betrügerische Verkäufe, sowie Farm-

1) The Documents etc., 188%-—1886, 5. 167.
        <pb n="296" />
        — 251 —
vertauschungen erbeutet worden‘1). Er berichtet weiter,
daß fast das ganze Territorium (der heutige Staat) von
Wyoming und große Teile von Montana unter dem Schutz
dieses Hinterlegungssystems vermessen wurden und daß die
Ländereien an den Flüssen betrügerischerweise als Wüsten-
terrains okkupiert worden waren unter Ausschluß des wirk-
lichen Farmers. Fast ganz Kolorado, die besten Viehzucht-
gebiete von New Mexiko, die reichen Waldungen Cali-
fornias, die prächtigen Wälder Washingtons und der Haupt-
teil der ausgedehnten Nadelwälder von Minnesota wurden
auf betrügerische Art beschlagnahmt?). „Um der herein-
drängenden Flut der Einwanderung nach dem Westen die
Möglichkeit zu geben, Farmen auf dem Staatsland zu er-
werben,‘ bemerkt Sparks, „ist es nötig, daß Hunderte von
Millionen Morgen staatlichen Landes, das jetzt vergeben
ist, den ungesetzlichen Besitzern entrissen werden. Aber es
geschah nichts, diese gestohlenen Ländereien wiederzuer-
langen. Zu der Zeit, als Sparks — einer der sehr wenigen
unbestechlichen Kommissionsmitglieder des Land- und
Forstwesens — dies schrieb, machten die Bodenspekulanten
die größten Anstrengungen, seine Absetzung zu erwirken.
Während der Zeit seiner Amtsführung war er die Zielscheibe
ihrer erbittertsten Angriffe und Feindseligkeiten. Als er das
Amt niederlegte, bekamen sie das Land Commissioner’s
Bureau völlig in die Hand.
Die riesigen privaten Bodenschwindeleien

Eine der bemerkenswertesten dieser Betrügereien war die
Beaubin und Miranda-Konzession, die vor dreißig Jahren
als Maxwell-Landkonzession bekannt war. Sie kann hier
nicht übergangen werden. Durch diese Transaktion sowie
durch verschiedene ähnliche erlangte einer der amerikani-
schen Multimillionäre seine ersten Millionen. Es war dies
Stephen B. Elkins, heute ein mächtiges Mitglied des Senats
der Vereinigten Staaten, ein Angehöriger der Oligarchie des
Reichtums. Er soll ein Vermögen von wenigstens so Millio-
1) A. a. 0.5, 167.
2) A.a,O.S. 168.
        <pb n="297" />
        262 —
nen Dollar besitzen, und seine Tochter wurde bezeichnen-
derweise dem Vernehmen nach dem Herzog der Abruzzen
als Gattin zugedacht, einem Mitglied der italienischen
Königsfamilie.

Die Neu-Mexikanische Konzession Beaubin und Miranda,
die L. B. Maxwell bewilligt war, wurde 1869 von der Re-
gierung anerkannt, jedoch nur für 96000 Morgen. Der Be-
zitzer weigerte sich, sich diesem Gesetz zu unterwerfen, und
1874 verfügte das Ministerium des Innern, daß dieses Gebiet
als Staatsland zu behandeln und der Besiedelung zu er-
schließen sei. Trotz dieses Erlasses behandelten die Regie-
rungsbeamten in New Mexiko im Einverständnis mit ande-
ren interessierten Parteien das Gebiet als Privatbesitz. Im
Jahre 1877 wurde ein Scheinverkauf arrangiert, und das
ganze Territorium, das durch allerlei Betrügereien auf
[714 764,54 Morgen vergrößert war, wurde von M. M. Mills
angekauft, einem Mitglied der Legislatur von New Mexiko.
Er trat den Kaufvertrag an T. B. Catron ab, den Bundes-
anwalt für New Mexiko. Dann tauchte Elkins als Haupt-
besitzer auf. Die Einzelheiten, wie dies Territorium ver-
schiedentlich als durch Betrügereien erworben von Kongreß-
und Ministeriumskommissionen hingestellt wurde, wie die
Ansiedler in New Mexiko diese Verleihung anfochten und
ihre Nichtigkeitserklärung sowie die Geltendmachung der
Gesetze anstrebten!), und wie Elkins, der selbst einige
Jahre lang Kongreßdelegierter für New Mexiko war, schließ-
lich die Anerkennung der Verleihung in Hinblick auf tech-
nische Gründe durchsetzte und „gerichtlich“ von allem
Betrugsverdacht „freigesprochen“ wurde durch eine ver-
blüffende Entscheidung des höchsten Gerichtshofes der
Vereinigten Staaten — eine Entscheidung, die den später
aufgedeckten Tatsachen direkt widersprach — alle diese
Einzelheiten sind in einem anderen Teile dieses Werkes ein-
zehend besprochen.

Die Fälschungen und betrügerischen Vermessungen,

7) Land Titles in New Mexico and Colorado, House Reports, First Session,
Fifty-second Congress, 1891—1892, Rd. 4, No. 1253. Ferner House Reports, First
Session, Fifty-second Congress, 1891—1892, Bd. 7, No. 1824 sowie. House Reports,
First Session, Forty-ninth Congress, 188:—1886, 2, 5. 170.
        <pb n="298" />
        durch die diese ungeheuren. Gebiete beschlagnahmt wurden,
waren erstaunlich verwegen und häufig. Zahlreiche Land-
verleihungen an Private, die von verschiedenen Kommissions-
mitgliedern beanstandet wurden, wurden von dem korrup-
ten Kongreß bestätigt. Im Jahre 1870 suchten die Erben
eines gewissen Gervacio Nolan die Bestätigung von zwei
Landverleihungen nach, die einem Vorfahren durch die Kolo-
nisationsgesetze von New Mexiko gewährt worden waren. Sie
beanspruchten mehr als ı 500 000 Morgen, aber der Kon-
greß bestätigte ihnen nur 48 000 Morgen unter der Begrün-
dung, daß die mexikanischen Gesetze das Gebiet staatlichen
Landes, das einer Person verliehen werden konnte, auf die-
sen Umfang beschränkt hätten. Im Jahre 1880 beschäftigte
sich das Land-Office von neuem mit dieser Konzession, und
es wurde eine neue Vermessung vorgenommen von Feld-
messern, die mit den Bewerbern im Einverständnis und von
ihnen bestochen waren. Als der Bericht über diese Ver-
messung in Washington eintraf, konstatierten die Beamten
des Land Office, daß das Territorium von 48 000 Morgen auf
575 000 Morgen, also auf das Zwölffache des gesetzlichen Um-
fangs, angewachsen war?). Die wirklichen Ansiedler waren
verdrängt. Ein Phantast würde meinen, daß die Beamten
erstaunten; aber das taten sie nicht; solche betrügerischen
Vergrößerungen waren an der Tagesordnung.

Der neumexikanische Besitz des Francis Martinez, dem
auf Grund der mexikanischen Gesetze ein Gebiet von
48000 Morgen verliehen worden war, war durch betrügerische
Vermessungen auf 594.515,55 Morgen ausgedehnt und 1881
bestätigt worden?). Ein angeblich im Jahre 1742 in New-
Mexiko dem Salvador Gonzales erteiltes Privilegium, das
„ein Stück Land“ umfaßte, „auf dem er für die Ernährung
seiner Familie ein Kornfeld anlegen konnte“, wurde durch
betrügerische Vermessungen auf 103 959,31 Morgen aus-
gedehnt — eine Vermessung, die später durch Reduzierung
des Areals auf 22661 Morgen korrigiert wurde?). Das B. M.

1) House Reports, First Session, Forty-ninth Congress, 1885—1886, Bd. 2;
S. 171.

2) Aa. O.S. 172.

3) Ebenda.
        <pb n="299" />
        — 254 —

Montaya - Territorium in New Mexiko, das ursprünglich,
unter den mexikanischen Kolonisationsgesetzen, 48 000 Mor-
gen umfaßte, wurde durch betrügerische Vermessungen auf
151056,97 Morgen vergrößert, Das Estancia-Territorium in
New Mexiko, das ebenfalls durch die Kolonisationsgesetze
auf 48 000 Morgen beschränkt worden war, wurde durch be-
trügerische Vermessung auf 415 036, 56 Morgen vergrößert).
Im Jahre 1768 bewarben sich Tgnacio Chaves und andere in
New Mexiko-um ein Gebiet von ungefähr 10000 Morgen.
Eine betrügerische Vermessung erhöhte dies Gebiet auf
243 036,43 Morgen?).

Dies sind nur einzelne aus der großen Zahl der durch
Fälschungen oder andere Betrügereien ‚erlangten Terri-
torien.

Einige davon wurden vom Kongreß verworfen, viele aber

trotz der Proteste des Land-Office bestätigt. Durch diese
betrügerischen und korrupten Manipulationen wurden in
New Mexiko, Kolorado und in anderen Teilen riesige Gebiete
erbeutet. Die Pablo-Montaya-Konzession umfaßte im
ganzen 655 468,07 Morgen, die Mora-Konzession 827 621,01
Morgen, das Tierra-Amarilla-Terrain 594515 Morgen und
das Sangre de Cristo- Terrain 998 780,46 Morgen, die sämt-
lich durch Bestechungen erlangt wurden?). Eine Unmenge
weiterer kleiner Areale wurde bestätigt. Während der Amts-
führung von Sparks wurden vom Kongreß Bewerbungen
am 8 500000 Morgen allein in New Mexiko entschieden. Ein
umfassender Bericht über die Manipulationen der Boden-
spekulanten ist in dem Kapitel über das Elkinssche Ver-
mögen niedergelegt.

Fälschungen, Meineide und betrügerische 7, ermessungen
In einem Bericht an den Ausschuß des General-Land-
Office im Jahre 1881 schrieb Henry M. Atkinson, der Leiter

1) A. a. 0. S, 173.

3) Ebenda.

’) Vgl. die Beschlußfassung des” House” Committee on” Private Land Claims,
Juni 1892, betreffs Einleitung einer eingehenden Untersuchung. Das Haus unter-
nahm keine Schritte in dieser Richtung, — Report No. 1824, 1802.
        <pb n="300" />
        255 —
der allgemeinen Landvermessung in New Mexiko, daß die
„Inspektion dieses Amtes gezeigt habe, daß einige der
urkundlichen Schenkungen in den letzten fünf Jahren
gefälscht seien“. Er fuhr fort, daß, wenn die Instanzen,
welche über diese Bewerbungen zu entscheiden hätten,
nicht freien Zugang zu den Archiven hätten, sie. durch
gefälschte Dokumente leicht zu hintergehen wären?!). Tat-
sächlich schildern sehr viele amtliche Berichte, mit wel-
cher Frechheit die Bewerber um diese großen Areale ihre
Papiere fälschten und mit welcher Leichtigkeit sie Zeugen
kauften, die für sie einen Meineid leisteten. Da es den Ge-
richten unmöglich war, dem so bestätigten und bezeugten
„ Tatbestand‘ auf den Grund zu gehen, waren sie häufig
gezwungen, zugunsten der Bewerber zu entscheiden. In
Sachen des Luis Jamarillo-Anspruchs auf 18000 Morgen in
New Mexiko sagte der Generalinspektor von New Mexiko,
Julian, der die Verwerfung des Anspruchs befürwortete und
die Aufmerksamkeit auf einen geleisteten Meineid hin-
lenkte:

„Wenn man diese Tatsachen erwägt in Verbindung mit
der weiteren allgemein bekannten Tatsache, daß solche
Zeugen von den Bodenspekulanten mit Leichtigkeit ge-
funden werden und daß auf diese Art die ungeheuerlichsten
Betrügereien in bezug auf die Ausdehnung der verliehenen
Ländereien in New Mexiko verübt sind, kann man unmöglich
der Aussage dieses Zeugen in bezug auf die Westgrenze des
verliehenen Gebietes Glauben schenken, die er in einer Ent-
fernung von der Ostgrenze angibt, welche mehr als das
Vierfache des tatsächlich bewilligten Gebietes einschließt‘“?).

„Die unter der Bevölkerung dieses Landes weitverbrei-
tete Ansicht,‘ schrieb Sparks 1885, ‚daß das Land-
departement größtenteils die Spekulation und die Mono-
pole von Privatpersonen und Gesellschaften, statt der
Interessen des Volkes begünstigt hat, habe ich durch Ent-
hüllungen in jedem Zweige dieses Amtes bestätigt ge-

1) The Public Domain etc. 1124.
FT 2) "Senate Executive Documents, First Session,‘ Fiftieth Congress, 1887—1888,
Bd. 1, Private Land Claim No. 103, Ex. Doc, No. 20, 5, 3. Die Akten Nr. 3—11,;
13—33, 25—29 und 238 im gleichen Bande behandeln ähnliche Angelegenheiten,
        <pb n="301" />
        — 256 —
funden... Ich habe mich überzeugt, daß Tausende von
Schenkungen, die Millionen von Morgen staatlichen Landes
umfassen, ohne gesetzliche oder auch nur berechtigte Be-
gründung alljährlich bestätigt sind auf die einfache Angabe
hin, daß außer der Regierung niemand ein gegenteiliges
Interesse habe. Der große Apparat des Forst- und Domänen-
amtes hat hauptsächlich dazu herhalten müssen, das Besitz-
recht der Vereinigten Staaten auf die staatlichen Ländereien
durch betrügerische Verträge zu tilgen unter dem Schutze
elastischer Gesetze?).“

Es ist 1892 berechnet worden, daß mehr als dreißig Jahre
lang in New Mexiko und Kolorado 57 Millionen Morgen von
Staatsbeamten ungesetzlicherweise so behandelt worden sind,
als seien sie von Mexiko an die Vereinigten Staaten abge-
treten. Hierhin gehörten die Maxwell-, Sangre de Cristo-,
Nolan- und andere Schenkungen. Das House Committee on
Private Land Claims berichtete am 29. April 1892: „Eine
lange Liste mexikanischer und spanischer Schenkungen
innerhalb der Grenzen der Texaszession sind bestätigt
worden oder wurden durch den Kongreß zur Besitznahme
freigegeben unter der falschen Vorspiegelung, daß die ge-
nannten Gebiete in dem durch Vertrag abgetretenen Teile
New Mexikos belegen seien?).“

In Texas waren die betrügerischen und oft gewaltsamen
Methoden der Besitzergreifung der Ländereien durch die
Kapitalisten genau so ausgeprägt wie anderswo.

Bei seinem Eintritt in die Union behielt Texas die Ver-
fügung über seine fiskalischen Ländereien. Ungefähr bis
zum Jahre 1864 war fast das ganze Areal von Texas, das einen
Umfang von 274356 Quadratmeilen hatte, eine unge-
heure, freie Weide für Rinder, Pferde und Schafe. Etwa
um das Jahr 1874 begann die landwirtschaftliche Bewegung;
eine große Anzahl von Farmern wanderte in Texas ein,
zum Teil in der Absicht, Rinder zu züchten, was damals
ein höchst einträgliches Geschäft war. Sie fanden große
Gebiete bereits durch Verkauf in den Händen von einzelnen
Kapitalisten oder von Gesellschaften. In vielen Fällen

7) House Ex, Docs, 1885—1886, Bd. 2, S. 156.

?) House Report, 1892, No. 1252, 5,8.
        <pb n="302" />
        — 257 —
hatten Einzelkapitalisten nach einem Bericht der Kongreß-
kommission vom Jahre 1884, der die Ländereien in Texas
behandelt, das Besitzrecht auf mehr als 250000 Morgen
pro Person erworben.

„Es ist eine bekannte Tatsache,‘ berichtet diese Kom-
mission, „daß die Landgesetze, obwohl sie zu dem aus-
drücklichen Zweck entstanden sind, den staatlichen Besitz
zu verbessern, seine Reichtümer zu erschließen und die
wirklichen Ansiedler zu schützen, in weitem Maße um-
gangen und vergewaltigt worden sind. Einzelpersonen und
Gesellschaften haben sich durch Ankauf der beglaubigten
Claims oder durch Vermittlung von scheinbaren Ansied-
lern, die für sie den Vertrag abschlossen, das Besitzrecht auf
große Areale gesichert“1). Die Kommission schilderte dann
weiter, wie in weitem Maße „begüterte Ausländer“ diese
großen Areale erlangt und die Rinderzucht aufgenommen
hätten, und wie die Ländereien nicht nur von Einzelperso-
nen, sondern auch von ausländischen Gesellschaften be-
schlagnahmt worden seien. „Viele von diesen Ausländern
sind Adlige. Einige von ihnen haben aus Europa Kuhhirten
und andere Angestellte. in beträchtlicher Anzahl mit-
gebracht, die zu ihnen in einem Vasallenverhältnis stehen,
wie es für die Bauern auf den großen Gütern Europas cha-
rakteristisch ist.‘ Zwei britische Syndikate z. B. hatten in
Texas 7 500 000 Morgen im Besitz?).

Dieser Raub des Staatslandes war eine der Hauptsorgen
der National Greenback-Labor party von 1880. Diese Partei
setzte sich zum großen Teil aus der ackerbautreibenden Be-
Völkerung des Westens zusammen. In dem Briefe, in dem
General Weaver, der selbst seit Jahren Kongreßmitglied für
Jowa war, seine Kandidatur für die Präsidentschaft der Ver-
einigten Staaten durch diese Gesellschaft annahm, schrieb er:

„Ein Areal unseres Staatslandes, das größer ist als das
Territorium des großen deutschen Kaiserreiches, ist an
reiche Gesellschaften weggeschenkt worden, während ein
von Hon. Hendrick B. Wright aus Pennsylvania eingebrach-
*) House Reports, Second Session, Forty-eigth Congress, 1884—1885, Bd. 29,
Ex, Doc. No, 267, 5. 43.
?) House Reports etc. 1884—1885, No. 267, 5. 46..
        <pb n="303" />
        258
ter Gesetzentwurf, der unserer armen Bevölkerung das wenige
noch verbliebene Land erreichbar machen sollte, im Kon-
greß bespöttelt, belächelt und abgelehnt wurde. Infolge des
rücksichtslosen Systems der Bodenspekulanten sind Millio-
nen junger Amerikaner und weitere Millionen arbeitsamer
Ausländer, die in der Neuen Welt eine Heimat suchten, ob-
dachlos gemacht und in Not gebracht. Das Staatsland muß
den wirklichen Ansiedlern reserviert bleiben, und wo die
Gesellschaften sich nicht genau an den Buchstaben ihrer
Verträge gehalten haben, müßten die Terrains ohne weiteres
3»ingezogen werden.“

Vermehrung der Farmpachtungen
Ursprünglich hatte das Staatsland einen Umfang von
1 815 504 147 Morgen gehabt, wovon beträchtlich mehr
als die Hälfte, und zwar gerade das beste Acker-, Weide-,
Erz- und Waldterrain bereits 1880 vergeben war. 1896 waren
bereits 806 532 362 Morgen abgetreten. Von dem ursprüng-
lichen Areal wurden etwa 50 Millionen Morgen Wald von der
Regierung aus dem Staatsland ausgeschieden und in Forst-
reservate umgewandelt. Große Gebiete derjenigen Acker-,
Weide-, Erz- und Waldterrains, die bis 1880 noch nicht
von den verschiedenen Gesellschaften und den bevorzugten
Einzelpersonen beschlagnahmt waren, wurden später noch
abgetreten, besonders westlich vom Mississippi, und vor
allem in Alaska wird dieser Prozeß noch immer fortgesetzt.
Die offiziellen Berichte des General-Land-Office in bezug
auf die Anzahl der Farmen haben wenig Wert und sind sehr
irreführend. Eine große Anzahl der vertragschließenden
Farmer war, wie erwähnt, nichts als bezahlte Strohmän-
ner, mit deren Hilfe riesige Gebiete unter dem Schein des
Rechts okkupiert wurden. Es ist über jede Diskussion er-
haben, daß Hunderte von Millionen Morgen des Staats-
landes durch offenkundige Betrügereien erworben sind.
Ungeachtet der Tatsache, daß noch wenige Jahre zuvor
die Regierung genügend Land zur Verfügung hatte, um
jedem Landwirt eine Farm geben zu können, hatte sich doch
1880 schon eine große Farmpächterklasse entwickelt. Nicht
        <pb n="304" />
        — 250 —
weniger als I 024 061 der 4. 008 907 Farmen in den Vereinig-
ten Staaten waren von Pächtern besiedelt. Ein Viertel aller
Farmen in den Vereinigten Staaten wurde von Männern be-
baut, denen sie nicht gehörten. Überdies, was noch augen-
fälliger ist, gab es 3 323 876 Farmarbeiter, Männer, die nicht
einmal Pachtland hatten. Ebenso bezeichnend war die stei-
gende Tendenz zur Bewirtschaftung großer Farmen durch
Kapitalisten mittels gedungener Arbeiter. Von den bebau-
ten Farmen, die eine Größe von 100 bis 500 Morgen hatten,
waren fast ein und eine halbe Million — 1 416 618, um die
genaue Zahl zu geben — im Besitz von Kapitalisten und
wurden durch Arbeiter bewirtschaftet?).

Phillips, der die beste Gelegenheit hatte, die wirklichen
Tatsachen kennen zu lernen, und dessen Abhandlung über
dieses Thema Beachtung verdient, führt aus:

„Es zeigt sich, daß unter den in unserem Lande in der
Landwirtschaft beschäftigten 7 670 493 Personen 1 024 601
sind, welche Pacht an Leute bezahlen, die den Boden nicht
bewirtschaften, ferner I 508 828 Kapitalisten oder speku-
lierende Besitzer, denen der Boden gehört und die Lohn-
arbeiter beschäftigen, 804 522 gut situierte Farmer, die
Arbeiter beschäftigen, und 670 0944 Personen, die tat-
sächlich selbst den ihnen gehörigen Boden bestellen; der
Rest sind angestellte Arbeiter.“

Phillips fährt fort:

„Noch auf eine Tatsache muß verwiesen werden: daß eine
große Anzahl der 2 984 306 Farmer, die Land besitzen, von
den Geldverleihern Hypotheken darauf genommen haben.
Nach Beobachtung des Verfassers dürften vierzig Prozent
von ihnen zu tief verschuldet sein, um ihre Zinsen bezahlen
zu können. Dieser Aussaugungsprozeß vollzieht sich auf
einem Zinsfuß von 8 und 10% und führt in der Regel zu
dem gleichen Ende?).““

?) Tenth Census, Statistics of Agriculture, S. 28,

?) Labor, Land and Law, S. 253.

Es ist schwierig, eine zuverlässige Statistik über die Zahl der Hypotheken auf
Farmen und über die Zahl der Farmpächter zu erhalten. Nach der Schätzung der
U. S. Industrial Commission waren 1902 50% der Gehöfte im östlichen Minne-
sota mit Hypotheken belastet. Obwohl diese Situation als allgemein zutreffend ge-
schildert wird, gibt die Kommission in ihrem Schlußbericht an, daß eine große An-
        <pb n="305" />
        — 260

Ein enteignetes Volk
Dies ist die Statistik einer Regierung, die sie bekanntlich
so günstig wie möglich für das herrschende Regime aufzu-
stellen sucht. Aus ihr geht hervor, daß der Enteignungs-
prozeß der Industriearbeiter, des Mittelstandes und der
kleinen Landwirte unaufhörlich fortschreitet. Wenn dieser
Prozeß schon 1900 so ausgeprägt war, wie muß er jetzt be-
schaffen sein! Alle Faktoren, die am Werke sind, die acker-
bautreibende Bevölkerung der Vereinigten Staaten arm zu
machen und sie in besitzlose Pächter zu verwandeln, haben
sich in den letzten zehn Jahren tausendfach vergrößert und
verschärft, was 1898 mit der bemerkenswerten Bildung von
Hunderten von Trusten seinen Anfang nahm. Obwohl der
Farmer für seine Erzeugnisse höhere Preise erzielt, wie es
1908 und 1909 der Fall war, sind die Gewinne immer un-
sicherer, während der Enteignungsprozeß anhält.

Es gab eine Zeit, wo die Farmen in Ohio, Illinois, Minne-
sota, Indiana, Wisconsin und in vielen anderen Staaten sehr
hoch eingeschätzt wurden. Aber in den letzten Jahren hat
äich eine außergewöhnliche Erscheinung bemerkbar ge-
macht. Hunderttausende der amerikanischen Farmer zogen
in die jungfräulichen Gebiete von Nordwest-Kanada und
siedelten sich dort an — eine unheilvolle Bewegung, die
bezeichnend ist für die Notlage, in die der amerikanische
Farmer geraten ist.

Zahlreiche Farmen im Osten sind verlassen; im Staate
New York sind allein 22 000 verzeichnet. Bisher hat sich der
Farmer selbst als eine Art Kapitalist betrachtet: wenn er
den Industriearbeitern nicht feindlich gegenüberstand, blieb
er gewöhnlich gleichgültig. Jetzt aber ist er selbst zu einer
völligen Abhängigkeit gelangt und wird ganz zweifellos seine
Interessen mit denen seiner Brüder in den Fabriken und
Läden vereinen.

Mit dieser Gegenüberstellung der Faktoren, die den
zahl von Hypotheken in bestimmten Staaten abgelöst worden sei. Nach der Zeit-
schrift Political Science Quarterly (Bd. 11, No. 4, 1896) zeigt die Statistik von 1890
:ine merkliche, nicht nur absolute, sondern auch relative Steigerung der Zahl der
Farmpächter. Es ist kaum zu bezweifeln, daß die Farmpachtung sich rapid vermehrt
ınd aus verschiedenen Gründen sich noch weiter vermehren wird.
        <pb n="306" />
        — 261 —
Wenigen Königreiche an Staatsland gaben, während sie die
vielen Millionen des Volkes um Hab und Gut brachten,
wollen wir jetzt zu der Betrachtung einiger der Vermögen
übergehen, die durch Eisenbahnen zusammengebracht
wurden.

Drittes Kapitel

DIE ANFÄNGE DES VANDERBILTSCHEN VERMÖGENS

V® den Riesenvermögen, die sich aus dem Besitz und Be-
trieb von Eisenbahnen herleiteten, ist zunächst das des
Cornelius Vanderbilt zu besprechen. Die Havemeyers und
andere Industrielle, deren Nachkommen heute zu den
hervorragendsten Multimillionären gehören, waren noch im
Embryonalzustand, als Vanderbilt eine Klasse für sich bildete
mit einem Vermögen von 105 Millionen Dollar. In unserer
Zeit der ungeheuren Vermögensanhäufungen und Zentrali-
sierungen des Reichtums erregt der persönliche Besitz von
105 Millionen Dollar keine Spur von dem. Erstaunen, das es
1877 bei Cornelius Vanderbilts Tode hervorrief. Da die heu-
tige Generation den Anblick von Milliardären und Halb-
milliardären gewohnt ist, ist nicht zu erwarten, daß sie über
Vermögen geringeren Umfangs irgendwelches Erstaunen an
den Tag legt.

Neunzig Millionen in fünfzehn Fahren
Aber vor dreißig Jahren waren rund. hundert Millionen
etwas Ungeheures und Unerhörtes für die Leute: 1847
waren Millionäre noch so selten, daß sogar das Wort Millio-
när zur Hervorhebung gesperrt gedruckt wurde. Und hier
war nun ein Mann, der, bildlich gesprochen, hundert Millio-
näre in sich vereinigte. Im Vergleich mit seinem Reich-
tum schrumpften die zehn und fünfzehn Jahre zuvor noch
großen Vermögen zu Bagatellen zusammen. Während des
Bürgerkrieges war ein Vermögen von 15 Millionen Dollar als
eine Ungeheuerlichkeit angesehen worden. Sogar das riesige
        <pb n="307" />
        — 262 —
Astorsche Vermögen, das alle Konkurrenten so weit überragte,
verlor seine Ausnahmestellung und war nicht länger das ein-
zige, unerreichte Beispiel ungeheuren Reichtums. Ein Jahr-
hundert des Betrugs hatte das Astorsche V ermögen begründet.
Der größere Teil von Cornelius Vanderbilts Reichtum wurde
in seinen fünfzehn letzten Lebensjahren aufgehäuft.

Dies war für seine Generation das erstaunliche, beispiellose
Charakteristikum. Innerhalb von fünfzehn kurzen Jahren
hatte er mehr als 90 Millionen Dollar in seinen Besitz ge-
bracht. Sein Reichtum floß .ihm mit 6 Millionen Dollar
jährlich zu. Dieser Vermögenszuwachs macht auf die Men-
schen unserer Tage keinen Eindruck, denn sie sind die Grazie
gewohnt, mit der John D. Rockefeller und andere Multi-
millionäre seit langem geradezu fabelhafte Jährliche Revenuen
sinstreichen. Mit seinem jährlichen Einkommen von rund
30 oder 85 Millionen Dollar!) kann Rockefeller mit lächelnder
Verachtung auf den Aufruhr blicken, der sich bei der Berech-
nung von Cornelius Vanderbilts 6 Millionen Dollar erhob.

Aber jede Periode für sich. Cornelius Vanderbilt war das
leuchtende Wunder seiner Zeit, ein Magnat von so umfassen-
lem, viekeitigem Reichtum und solcher Macht, wie die Ver-
sinigten Staaten noch keinen gekannt hatten. Aber es ist
eine unnötige Wiederholung, wenn man zwischen Reichtum
und Macht unterscheidet. Diese beiden waren damals nicht
weniger identisch als heute. Reichtum war die wirkliche Macht.
Keiner wußte das besser und war stolzer darauf als der alte
Vanderbilt, als er mit zunehmendem Alter immer arroganter
und heftiger wurde und immer weniger Lust hatte, die Stürme
zu besänftigen, die er durch seine unverschämten Ausfälle
gegen die breiten kriecherischen Massen hervorrief. Wenn
er von Konkurrenten oder gelegentlich von öffentlichen Beam-
ten mit Anrufung des Gesetzes bedroht wurde, pflegte er sie
zu verhöhnen und rühmte sich seiner Verachtung. Kurz und
bündig und ungeniert proklamierte er die Tatsache, daß Geld

Gesetz sei und daß es die Gesetze kaufen oder Straffreiheit er-
wirken könne.

1) ‚New York Commercial“, eine ultra-konservative Finanz- und Handels-
zeitschrift, schätzte im Januar 1905 sein jährliches Einkommen auf 72 Millionen
Dollar, Augenscheinlich hat es sich in jedem Jahr bedeutend vermehrt.
        <pb n="308" />
        — 263 —
Da Reichtum wirtschaftliche und politische Macht be-
deutete, ist es nicht schwierig, Vanderbilts Stellung in seiner
Zeit zu berechnen.

Weit unter ihm, in bezug auf den Besitz, lebten die so Mil-
lionen Menschen, welche die Bevölkerung des Landes aus-
machten. Fast 10 Millionen davon waren Lohnarbeiter, und
unter den 10 Millionen waren rund 500 000 Kinder. Die best-
bezahlten unter den gelernten Arbeitern bekamen im gün-
stigsten Falle nicht mehr als 1040 Dollar jährlich. Der durch-
schnittliche Wochenlohn schwankte zwischen 12 und 20 Dol-
lar; der Durchschnittslohn der einfachen Arbeiter betrug
350 Dollar jährlich. Mehr als 7 500 000 Personen pflügten,
mähten und ernteten auf den Farmen des Landes; verhältnis-
mäßig wenige von ihnen konnten einigermaßen angemessen
leben, und ein großer Teil war verschuldet. Die Einkommen
des Mittelstandes, d. h. der einzelnen Arbeitgeber, der
Geschäftsleute, Handwerker und kleinen Bürger bewegten
sich zwischen 1000 bis 10 000 Dollar jährlich.

Wie unglaublich winzig erschienen sie alle neben Vanderbilt!
Er sah eine Schar von vielen Millionen erbittert um den Dollar
kämpfen, der Lebensunterhalt oder Vermögen bedeutete;
diese kleinen Stücke Metall oder Papier, welche alle Lebens-
notdurft, Komfort und Luxus herbeizauberten, das Gegen-
gift gegen nackte Armut und die Gewähr für ein angenehmes
Leben, welche die Dienstleistungen ehrenhafter und häufig
auch unehrenhafter Männer, Frauen und Kinder komman-
dierten, — für die man Köpfe und Seelen kaufen konnte, und
die ihr schmutziges Siegel auch auf die heiligsten Güter drück-
ten. Und er hatte wohl 105 Millionen von diesen Metall-
stückchen, bzw. einen dementsprechenden Besitz irgend-
welcher Art. Millionen von Menschen hatten keinen einzigen
Dollar, Hunderttausende hatte einige wenige, Tausende hat-
ten hunderttausende; wenige hatten Millionen. Er hatte mehr
als alle.

Aber bei all seinem Reichtum, so groß er für damalige Zeit
war, würde er schwerlich eine Erwähnung verdienen, wäre er
nicht der Begründer einer Dynastie des Reichtums gewesen.
Darin liegt die heutige Bedeutung seiner Laufbahn.
        <pb n="309" />
        — 264 —

Ein Vermögen von 700 Millionen Dollar
Von den hinterlassenen 105 Millionen Dollar ist das Vander-
biltsche Vermögen auf rund 700 Millionen Dollar angewach-
sen. Das ist nur eine annähernde Schätzung; der wirkliche
Betrag kann höher oder niedriger sein. 1889 gab Shearman
das Vermögen von Cornelius und William K. Vanderbilt, der
Enkel des ersten Cornelius, auf je 100 Millionen Dollar an
und das des Frederick W. Vanderbilt, eines Bruders dieser
beiden, auf 20 Millionen Dollar 1). Wenn man die Vermögen
der verschiedenen anderen Mitglieder der Familie Vanderbilt
hinzurechnet, so besaßen die Vanderbilts damals etwa 300 Mil-
lionen Dollar. Seit dieser Zeit haben sich Bevölkerung und
Einnahmequellen der Vereinigten Staaten erheblich vergrößert
der in den Händen Weniger befindliche Reichtum ist schärfer
zentralisiert worden; große Vermögen sind über ihre bereits
außerordentlich weit gesteckten Grenzen in den letzten
zwanzig Jahren weit hinausgegangen; der Besitz der Vander-
bilts hat sich ausgedehnt und hat überall an Wert zugenom-

men, obwohl kürzlich die Standard-Oil-Oligarchie diese
Besitzungen geschmälert hat. Sehr wahrscheinlich ist, daß
das gesamte Vanderbiltsche Vermögen rund 700 Millionen
Dollar beträgt. Aber die beiläufige Erwähnung einer solchen
Unsumme von Geld verschafft keinen hinreichenden Begriff
von der Macht dieser Familie. Nominell setzt sie sich aus
privaten Bürgern zusammen, die theoretisch die gleichen
Rechte und Pflichten haben wie jeder andere Bürger, Aber
das ist nur eine Phantasterei. In Wirklichkeit gehört die Fa-
milie Vanderbilt zur Dynastie der außerordentlich reichen
Familien, welche industriell und politisch die Vereinigten
Staaten beherrschen. Viele Eisenbahnlinien und Industrie-
zesellschaften sind völlig in ihren Händen, an weiteren sind
ale gemeinsam mit anderen Mächtigen Männern oder Familien
beteiligt. Den Vanderbilts direkt unterstehen Eisenbahn-
linien, die sich über 21 000 Meilen ausdehnen und in die ein
Kapital von 600 Millionen Dollar in Aktien und 700 Millionen
Dollar in Obligationen investiert ist. Ein Mitglied der Fa-
1) „Wem gehören die Vereinigten Staaten?“ — The Forum Magazine, No-
vember 1889.
        <pb n="310" />
        — 266 —
milie, William K. Vanderbilt, allein ist Direktor von 73 T'rans-
port- und Industriegesellschaften und Syndikaten.
Große und mächtige Potentaten
Die Vanderbilts sind Potentaten. Ihre Macht ist durch kein
Gesetz beschränkt; sie gehören zu der kleinen Gruppe von
Mitpotentaten, welche bestimmen, was Gesetz sein und wie es
durchgeführt werden soll. Nicht ernste, selbstbeherrschte
Männer und Frauen sind sie, wie künftige mondsüchtige
Novellisten und Chronisten, die eine legendarische Wissen-
schaft schaffen wollen, sie schildern werden. Die meisten sind
Lebemänner, die durch ein glänzendes Leben und ausschwei-
fende Vergnügungen übersättigt sind. Schwächlinge, ohne
besondere Gaben des Geistes und Gemüts, haben sie das Geld,
Gehirne zu engagieren, die für sie Projekte ersinnen und ent-
werfen, sie vertreten, für sie die Aufsicht führen und für sie
arbeiten. Wenn sie plötzlich ihrer Aktien und Obligationen
beraubt wären, würden sie sich selbst in der äußersten Hilf-
losigkeit finden. Mit diesen Aktien und Obligationen aber
sind sie die direkten absoluten Herren eines Heeres von An-
gestellten. Bei der New Yorker Zentraleisenbahn sind allein
von den Vanderbilts 50 000 Arbeiter angestellt. Das ist nur
eins ihrer Eisenbahnsysteme. Ebensoviele oder nahezu soviele
arbeiten auf ihren anderen Eisenbahnlinien für sie.

Angenommen, daß hunderttausend Männer ebensoviele
Familien bedeuten. Wenn man durchschnittlich fünf Köpfe
auf eine Familie rechnet, sind hier also fünfhunderttausend
Menschen mit ihrem Unterhalt lediglich von der Willkür
der Familie Vanderbilt abhängig. Gegen diese Willkür gibt
es keinen Schutz. Heute mag sie sich sehr gnädig äußern;
morgen, nach einem Anfall von Verdauungsbeschwerden oder
nach schlechten Träumen, kann sie in das Extrem der knau-
serigsten Revanche umschlagen. Von den Schwankungen die-
ser Willkür hängt das Schicksal der hunderttausend Arbeiter
ab. Wenn diese Willkür bestimmt, daß der Lohn der Männer
herabgesetzt werden muß, wird er herabgesetzt, ungeachtet
ihrer Proteste, daß eine Verminderung ihrer ohnehin schon
niedrigen Löhne eine noch größere Not bedeutet. Scheinbar
        <pb n="311" />
        — 266 —
freie und unabhängige Bürger, gehört dies Heer von Arbeitern
in allem Wesentlichen der Familie Vanderbilt. Ihre Arbeit
gehört den Vanderbilts. Die Interessen und Beschlüsse einer
Familie sind maßgebend.

Die Entwicklung und Ausdehnung dieser ungeheuren Macht
begann mit der Tätigkeit des ersten Cornelius Vanderbilt, des
Gründers dieser Säule des Reichtums. Er wurde 1794 geboren.
Seine Eltern lebten auf Staten Island, sein Vater beförderte
Passagiere in einem Boot von oder nach New York hin-
über — ein fleißiger, unbeholfener Mann, der seine Hantie-
rung yerrichtete und seiner Frau die Wirtschaftssorgen über-
ließ. Regelmäßig und gehorsam lieferte er seinen Verdienst an
sie ab. Sie sparte sorglich jeden überflüssigen Pfennig und
benutzte eine.alte Uhr als Sparkasse.
Die Fugend des Begründers
Vanderbilt war ein ungestümer, eigensinniger, unzähmbarer,
unwissender Knabe. Mit zwölf Jahren konnte er kaum seinen
eigenen Namen schreiben. Aber er kannte alle Wasserwege
and begann schon als Knabe Passagiere und Gepäck von Staten
Island nach New York überzusetzen, und umgekehrt. Aus Bü-
chern machte er sich nichts; die Genüsse des Lebens ver-
schmähte er. Seine einzige Leidenschaft war Geld. Er war
geldgierig, unternehmend, roh. und herrschsüchtig. Von den
wirklichen Einzelheiten seiner Jugend ist wenig bekannt
außer dem, was von Schriftstellern, die ihn verherrlichten,
geschrieben wurde. Wir wissen nur, daß, als er allmählich
Geld verdiente und sparte, er sich selbst Boote baute und den
Küstenhandel vermittelte. Die Erfindung und der Erfolg des
Dampfschiffs, wird weiter erzählt, gaben ihm die Überzeu-
gung, daß die Tage des Segelschiffs bald vorbei sein würden.
Er verkaufte deshalb seine Boote und ließ sich als Kapitän
auf einem Dampfer anheuern, der zwischen New York und
einigen Orten an der Küste von New Jersey verkehrte. Seine
Frau vergrößerte gleichzeitig die Einnahmen, indem sie in
New Brunswick in New Jersey, wohin Vanderbilt übergesie-
delt war, eine Kneipe aufmachte.

1829, als er ein Vermögen von 30 000 Dollar erworben hatte,
        <pb n="312" />
        967
gab er seine Stellung auf und begann selbst Dampfer zu bauen.
Nach und nach schlug er manchen Konkurrenten aus dem
Felde. Dies gelang ihm durch seine kühnen, rücksichtslosen
und gut durchdachten Schachzüge*). Er war streng gegen
seine Arbeiter und zwang sie, lange Stunden für geringen Lohn
zu arbeiten. - Er bewies eine seltene Geschicklichkeit, die
Konkurrenten unschädlich zu machen. Sie mochten noch so
niedrige Löhne bezahlen, er bezahlte noch niedrigere; sie
mochten die Passagier- und Frachttarife noch so sehr herab-
setzen, er übertraf sie darin. Seine Politik in dieser Zeit war,
die Konkurrenten zu ruinieren und, wenn er das Monopol in
Händen hatte, hohe Preise zu fordern. Das Volk, das ihn wegen
seiner billigeren Tarife als Wohltäter begrüßte und seine Linie
überall bevorzugte, mußte die verfrühte und kurzsichtige
Freude teuer bezahlen. In den ersten fünf Jahren beliefen sich
seine Finnahmen nach Croffut auf jährlich 30000 Dollar
und verdoppelten sich in den folgenden Jahren. Als er vierzig
Jahre alt war, verkehrten seine Dampfer zwischen vielen
Küstenstädten, und er hatte ein Vermögen von einer halben
Million Dollar aufgehäuft.

1) Einen Einblick in Vanderbilts Tätigkeit und Methode am Anfang seiner
Karriere gewähren die Gerichtsprotokolle. Im Jahre 1827 wurde er zu einer Geld-
strafe von 5o Dollar verurteilt, weil er sich geweigert hatte, das Dampfschiff „The
Thistle‘‘, das ihm gehörte, von einer Werft des Northriver wegzubringen, um für
ein Konkurrenzschiff „The Legislature‘“, Platz zu machen. Er verteidigte sich
damit, daß der Hafenmeister Adams kein Recht habe, ihn zur Entfernung des Schif-
fes zu zwingen. Das Gericht entschied gegen ihn, und die höchste Instanz bestätigte
dies Urteil. (Adams contra Vanderbilt. Cowen’s Reports. Cases in Supreme Court
of the State of New York, Bd. 7, S. 349-—353.)

Im Jahre 1841 verklagten die Eagle Iron Works Vanderbilt auf Zahlung von
2.957,15 Dollar, die Vanderbilt ihnen auf Grund eines am 8. März 1838 gemachten
Kontraktes schuldete. Dieser Kontrakt verpflichtete Vanderbilt zur Zahlung von
10 800 Dollar in drei Raten für den Bau einer Dampfmaschine für den Dampfer
„Wave‘‘. Vanderbilt zahlte 7900 Dollar, weigerte sich jedoch, den Rest zu bezahlen
unter dem Vorwand, daß die Schwungriemen nicht geliefert wären. Wie das Gericht
feststellte, kosten diese Riemen nur 75—100 Dollar. Der höchste Gerichtshof ver-
urteilte Vanderbilt. Dieser legte Berufung ein, doch der Richter Nelson vom höch-
sten Gerichtshof bestätigte 184.1 das Urteil. — Vanderbilt contra Eagle Iron Works,
Wendell’s Reports, Cases in the Supreme Court of the State of New York, Bd. 25,
S, 662-668.
        <pb n="313" />
        — 268 —

Vernichtung der Konkurrenten
Nach den Berichten seiner Zeitgenossen zu urteilen, war

eins seiner wirksamsten Mittel zur Beseitigung der Konkurren-
ten die Bestechung des Gemeinderats von New York, der ihm
Hafenprivilegien zubilligen und den anderen abschlagen sollte.
Da die Docks der Stadt gehörten, hatte der Gemeinderat das
alleinige Verfügungsrecht über ihre Verpachtung. Es verging
kein Jahr, wo nicht die Segelboot- und Dampferbesitzer,
die Großgrundbesitzer und andere Kapitalisten die Stadträte
durch Bestechung bewogen, ihnen wertvollen städtischen Be-
sitz zu verpachten oder schenkungsweise zu überlassen. Viele
Skandale waren die Folge, und sie gipfelten n dem großen
Skandal des Jahres 1853, als die Grand Jury am 26. Februar
einen Bericht veröffentlichte, der in allen Einzelheiten dar-
legte, wie gewisse Stadträte Bestechungsgelder bekommen
hätten gelegentlich der Verfügung über die städtischen
Wassergerechtsame, die Kaiprivilegien und andere Besitz-
tümer, und wie ungeheure Bestechungsgelder!) verausgabt
seien, um Bahnkonzessionen in der Stadt zu bekommen.
Vanderbilt war in diese Betrügereien nicht offenkundig ver-
wickelt, jedenfalls nicht mehr als die Astors, die Rhinelanders,
die Goelets und andere sehr reiche Leute, die sich vorsichtig
im Hintergrunde hielten und die Stadt durch die Mitwirkung
von Mittelspersonen ausplünderten.

Vanderbilt wurde einer der bedeutendsten Reeder in den
Vereinigten Staaten und einer der gefürchtetsten Arbeit-
geber. Er hatte hundert Schiffe zugleich unterwegs. Tau-
sende von Schiffszimmermeistern, Technikern und anderen
Arbeitern plagten sich jahrelang für ihn bei einem Tagelohn
von 1,50 Dollar für 14—16 Stunden täglich. Der tatsächliche
Wert dieses Lohnes verminderte sich in demse ben Maße, wie
sich die Miete und die anderen Lebensbedürfnisse verteuerten.
Das machte sich besonders nach den großen Goldfunden in
California bemerkbar, als die Preise für alle Lebensbedürf-
nisse abnorm in die Höhe gingen, und die Arbeiter aller Bran-
chen gezwungen wurden, zur Erlangung höherer Löhne zu
streiken, um leben zu können. Die meisten dieser Streike

7) Proceedings of the New York Board of Aldermen, Bd, 8, S. 423—421.
        <pb n="314" />
        waren erfolgreich, aber ihre Resultate waren, was die Löhne
betrifft, belanglos; die den Arbeitern gewährte Zulage ent-
sprach keineswegs den erhöhten Unterhaltskosten.
Ein kommerzieller Freibeuter

Die Ausbeutung der Arbeiter indessen ist für seine Erfolge
als Geldmacher ohne Belang. Viele andere Männer taten das
gleiche und wurden doch durch die Wechselfälle des Geschäfts-
lebens ruiniert; es gab viele Wracke im Fahrwasser des
Geschäftslebens. Vanderbilts Erfolg beruhte auf seiner Vernich-
tungstaktik gegen seine Konkurrenten. Er galt allgemein als
der Freibeuter unter den Reedern. Er sah in aller Ruhe zu, wie
andere Männer einträgliche Dampferlinien einrichteten, dann
ersann er Methoden, die eine unvermeidliche Alternative stell-
ten: entweder mußten seine Konkurrenten ihm ungeheure
Abgaben bezahlen, oder aber er bekam die unbestrittene Ober-
herrschaft. Sein Hauptbiograph, Croffut, dessen Ausfüh-
rungen eine einzige Kette von Lobeserhebungen sind, stellt
diese Methode als Beweise eines großen Scharfsinns hin und
fährt fort: „Seine schwache Seite war die ‚Opposition‘; wo
immer sein scharfes Auge eine Linie entdeckte, die mit großem
Gewinn arbeitete, kehrte er sich gegen sie und drückte sie an die
Wand, indem er zu niedrigerem Tarif bessere Leistungen
bot!).“ Diese Behauptung ist nur teilweise zutreffend; was
sie unterdrückt, ist bezeichnender als das, was sie ausdrückt.

Weit entfernt davon, das „schöpferische Genie“ zu sein,
als das er in jedem biographischen Werke dargestellt wird,
war Vanderbilt der bedeutendste kaufmännische Pirat und
kommerzielle Gauner seiner Zeit.

So hart diese Bezeichnungen klingen, sie sind durch die
Tatsachen mehr als gerechtfertigt. Seine Verehrer entwerfen,
gerade wie die anderer: reicher Männer, zur Erbauung der
Nachwelt ein schönes Bild von einem großzügigen, edel-
gesinnten Manne, dessen hervorstechende Tugend Ehrenhaf-
tigkeit war und dessen Geschicklichkeit in der Erschließung
und Ausdehnung der Einnahmequellen des Landes durch ein
s 1) „The Vanderbilts and the Story of their Fortune‘, W. A. Croffut, 1886,

: 45—46,
        <pb n="315" />
        — 270 —
großes Vermögen und den Dank seiner Generation belohnt
wurde. Das ist so falsch wie möglich. Wer die geringste Kennt-
nis von den niedrigen Schlichen und der verderbten Moral
der gewerbetreibenden Klasse und von den Eigenschaften hat,
die den Erfolg herbeiführten, wird ohne weiteres die Unrich-
tigkeit dieser absonderlichen Darstellung wittern, auch wenn
Jie wirklichen Tatsachen nicht zugänglich wären.

Aber in dieser Beziehung gibt es keine Schwierigkeit. Es
liegt auf der Hand, daß auf jede betrügerische kommerzielle
oder politische Transaktion, die an die Öffentlichkeit dringt,
Hunderte und Tausende solcher "Transaktionen kommen,
die verborgen bleiben. Es sind aber immer noch in den amt-
lichen Berichten genügend Tatsachen vorhanden, welche die
besondere Methode Vanderbilts bei Erwerbung seiner Millio-
nen zeigen. Doch scheint sich bisher niemand die Mühe ge-
macht zu haben, sie ans Licht zu bringen; sogar die ernst zu
nehmenden Schriftsteller, denen man keine Anbetung des
Reichtums oder eigenmächtige Entstellung des Tatbestandes
vorwerfen kann, haben sämtlich, ohne Ausnahme, ihre An-
gaben über Vanderbilts Laufbahn der erdichteten Dar-
stellung seiner literarischen Anbeter entnommen. So kommt
es, daß überall die Überzeugung herrscht, daß Vanderbilt,
wie betrügerische Manipulationen er auch in seiner späteren
Laufbahn vornahm, im wesentlichen doch ein ehrenhafter,
aufrichtiger Mann gewesen ist, den nur der Selbsterhaltungs-
trieb zwang, gewissenlose Konkurrenten oder Widersacher zu
bekämpfen, und der eine angeborene Abneigung gegen
Intrigen und jegliche Betrügereien hatte. UÜberall wird
Vanderbilt als ein geistig äußerst hochstehender Mann ge-
schildert, der niemals zu Listen, Täuschungen und Verräte-
reien seine Zuflucht nahm und dessen erste Millionen jeden-
falls auf die damals übliche Art erworben wurden.
Erpressung und gemeiner Diebstahl
In Wahrheit sind Vanderbilts erste Millionen in der Haupt-
sache das Ergebnis von Erpressung, Betrug und Diebstahl.
Auf welche Weise gelang es Vanderbilt, die vielen Millionen
zu erpressen? Die Methode war äußerst einfach; viele ihrer
        <pb n="316" />
        271 —
Details kamen im Senat der Vereinigten Staaten in der De-
batte über das Postdampfergesetz am 9. Juni 1858 zur Sprache.
Die Regierung hatte damals vor mehr als einem Jahrzehnt
die Politik eingeschlagen, den Dampfschiffgesellschaften große
Subsidien für die Beförderung der Post zu bezahlen. Doch
waren diese Subsidien nicht die einzige Bezahlung, welche die
Schiffseigentümer erhielten. Hinzu kam noch das „Porto“ —
d. h. der Vollertrag der Portobelastung der beförderten
Briefe. In damaliger Zeit war das Überseeporto ungeheuer
hoch und lastete besonders schwer auf einer Klasse von Men-
schen, die am wenigsten imstande war, es zu tragen. Etwa drei
Viertel aller mittels der Dampfer beförderten Briefe war von
Auswanderern geschrieben. Sie mußten für einen einzelnen
Brief 24 oder 29 Cent bezahlen. 1851 betrug das Übersee-
porto nicht weniger als eine Million Dollar; drei Viertel dieser
Summe stammten direkt von der arbeitenden Klasse.
Die Beamtenbestechung
Um ihre Subsidien außer dem „Porto“ zu bekommen,
bestachen die Schiffseigentümer die Postbeamten und die
Kongreßmitglieder auf mancherlei Art. „Ich habe kon-
statiert,“ sagte Senator Toombs in einer Rede im Senat der
Vereinigten Staaten am 9. Juni 1858, „daß niemals eine Ver-
waltung Energie genug gehabt hat, die Dampferverträge ab-
zulehnen ... Ich könnte mehr als ein Dutzend solcher Kon-
trakte anführen . .. Eine Million Dollar jährlich ist ein Faktor,
der sich bemerkbar machen wird. In zehn Jahren sind es
zehn Millionen Dollar, und dann wird es sich bemerkbar ge-
macht haben. Ich weiß, die Gesetzgebung wird dadurch
demoralisiert. Ich habe gesehen, wie die Staatskasse mit
Hilfe dieser Gelder geplündert wurde . . .1)“

Mit Hilfe dieser systematischen Bestechung erlangten die
Schiffseigentümer viele Millionen Dollar aus Staatsmitteln.
Und was wurde aus diesen erbeuteten Millionen? Zum Teil
betrachteten die Schiffseigentümer sie als Verdienst, zum Teil
wurden sie als privates Kapital zur Erbauung neuer Schiffe

?) The Congressional Globe, First Session, Thirty-fifth Congress, 1857—58,
Bd. 3, S. 2839.
        <pb n="317" />
        — 272 —
verwendet. Vanderbilts Schiffe kosteten ihn in Wirklich-
keit keinen Pfennig; sie wurden auf Staatskosten erbaut.
Tatsächlich beweist eine genaue Betrachtung der Geschichte
all der staatlich unterstützten Dampfschiffgesellschaften,
daß die vom Staate erbeuteten Summen mehr als hinreichend
waren, ihre ganzen Dampfer zu bauen und auszurüsten,
Eine der subventionierten Dampferlinien war die von
E. K. Collins &amp; Co., die zwischen New York und Liverpool
verkehrte. Collins bestach die Postbeamten und den Kongreß
so wirksam, daß er 1847 eine Zuwendung von 387 000 Dollar
jährlich erhielt und später eine weitere Zuwendung von
475 000 Dollar für fünf Jahre. Zusammen mit dem „Porto“
belief sich also die Gesamtunterstützung für diese eine Linie
während der späteren Jahre des Vertrags auf etwa ı Million
Dollar jährlich. Der Parlamentserlaß besagte indessen nicht
genau, daß der Vertrag zehn Jahre laufen sollte. Die Post-
beamten erklärten, daß er von 1850 an zehn Jahre währen
sollte und veranlaßten die entsprechenden Zahlungen. Der
Gesetzentwurf, der am Schluß der Session 1858 dem Kongreß
vorlag, war die gewöhnliche jährliche Autorisation der Be
zahlung dieser und anderer Zuwendungen an Postdampfer
Vanderbilts riesiger Beuteanteil
Im Laufe der Debatten wurden einige bemerkenswerte Tat-
sachen aufgedeckt in bezug auf die ständige Plünderung der
Regierung und das 5 Millionen Dollar betragende Defizit
des Postwesens. Während über diese Bill verhandelt wurde,
waren Abgesandte der verschiedenen Dampfergesellschaften im
Kongreßgebäude selbst am Werke, sich Stimmen zu erkaufen.

Fast der ganze Senat tat tagelang nichts weiter, als diese
oder jene Partei zu verteidigen, als wenn sie bezahlte Advo-
katen wären, welche die Interessen Collins oder Vanderbilts
zu vertreten hätten. Scheinbar tobte zwischen diesen beiden
Millionären ein heftiger Konflikt. Vanderbilts subventio-
nierte Europalinien gingen nach Southampton, Havre und
Bremen; Collins’ nach Liverpool. Verschiedene Anzeichen
deuteten darauf hin, daß jahrelang ein geheimes Abkommen
zwischen Collins und Vanderbilt bestanden hatte, demgemäß
        <pb n="318" />
        273
sie die Subventionsgelder teilten. Um jedoch nicht den Schein
eines solchen Einverständnisses zu erwecken, bekriegten sie
sich vor der Öffentlichkeit. Durch diese Kriegslist konnten
sie jeden Angriff gegen ein Monopol abwehren und grö-
ßere Unterstützungen bekommen, als wenn man um ihre
Zusammenarbeit gewußt hätte. Charakteristisch für die
Geschäftsmethoden war aber, daß Vanderbilt und Collins
während ihrer Geschäftsverbindung beständig einander zu
ruinieren suchten. ;

Ein Senator nach dem andern legte sich mit glühender
Beredsamkeit für Collins oder Vanderbilt ins Zeug. Die An-
hänger Collins’ brachten die schwerwiegendsten Argumente
vor, warum Collins besonders unterstützt werden und warum
man ihm erlauben müsse, seinen europäischen Hafen nach
Southampton zu verlegen. Vanderbilts Parteigänger be-
kämpften diese Verlegung, die, wie sie behaupteten, das Unter-
nehmen eines hervorragenden, patriotischen Kapitalisten
vernichten würde. :

An diesem Punkt der Debatte brachte Senator Toombs,
welcher keiner der beiden Parteien angehörte, eine Reihe von
Belastungsmomenten vor, welche den ganzen Schwindel ent-
hüllten. Er stellte Collins wie Vanderbilt als Freibeuter hin
und beschuldigte dann besonders Vanderbilt, viele Millionen
ergaunert zu haben. „Ich will versuchen,“ sagte Senator
Toombs, „die Regierung gegen Einverständnisse zu schützen,
nicht gegen Konflikte. Ich weiß nur das eine, daß diese Par-
teien im Einverständnis handeln. Ich bezweifle. nicht im
entferntesten, daß alle diese Leute im Zusammenhang stehen.
Gegen dies Einverständnis kämpfe ich. Wenn sie zusammen
arbeiten — warum sollte dann Vanderbilt bloß für den Porto-
betrag die Post nach Southampton befördern, wenn Collins
387 000 Dollar für den Transport nach demselben Hafen
bekommen kann? Warum sollte dann nicht Collins seine
Schiffe verkaufen, in New York bleiben und zu Vanderbilt sagen :
‚Ich will dir 230 000 Dollar geben und 157 000 Dollar jedes
Jahr in die Tasche stecken?‘ Das ist die reine, unverhüllte
Tatsache. Es ist in erster Linie meine Pflicht, jedes Komplott
zu verhindern und das Land vor der Ausbeutung zu bewahren,
es mit Hilfe des Gesetzes zu schützen, so. gut ich kann.“
8
        <pb n="319" />
        Mit Bezug auf die kalifornischen Posten erinnerte Senator
Toombs den Senat an die vor elf Jahren erfolgte Gewährung
angeheurer Subsidien an zwei kalifornische Dampferlinien —
die Pacific Mail Steamship Company und die United States
Mail Steamship Company, auch Harris- und Sloo-Linie
genannt. Er berichtete, daß Vanderbilt, indem er ihnen mit
seiner Konkurrenz und einer öffentlichen Agitation, welche
alle Betrügereien aufdecken würde, gedroht habe, sie ge-
zwungen hätte, ihm für sein Schweigen und seine Neutrali-
tät riesenhafte Summen zu bezahlen. Zahlungsfähige Kapi-
talisten hätten sich, wie Senator Toombs erwähnte, zur Be-
förderung der Posten nach California für 550000 Dollar er-
boten. „Jeder Mensch weiß,“ sagte er; „daß es für den
halben Betrag geschehen kann, den wir jetzt bezahlen. War-
um also sollten wir weiter das Volksvermögen verschleudern ?“*
Senator Toombs setzte’fort:

„Sie bezahlen 900 000 Dollar jährlich für die Beförderung
der Post nach California, und Vanderbilt zwingt die Ver-
tragsinhaber, ihm monatlich 56 000 Dollar für sein Schweigen
zu bezahlen. Das ist die Wirkung Ihrer Subventionen.
Die Linien bezahlen Unterhändler, Agenten, wenden sich
ans Parlament, weil jeder etwas haben will, und ich weiß,
daß diese Kontrakte der Sloo-Linie vor Jahren in New York
das Kanzleigericht beschäftigt haben!). Das Ergebnis dieses
1) Der von Senator Toombs erwähnte Kanzleigerichtsprozeß war zweifellos
derjenige von Sloo u. Gen. contra Law u. Gen, (Case No. 12 957, Federal Cases,
Bd, 12, 5. 355—364).

Aus dem Urteil, das auf diesen verwickelten Fall sehr ausführlich einging, ging
nervor, daß zwar Albert G. Sloo die United States Mail Steamship Company ge-
gründet hatte, daß aber die wirklichen Inhaber George Law, Marshall O. Roberts,
Prosper M. Wetmore und Edwin Crosswell waren, denen Sloo seinen Vertrag ab-
getreten hatte. Law war der erste Vorsitzende der Gesellschaft; sein Nachfolger war
Roberts. Es wurde sodann ein Reservefonds gebildet. Wie im Urteil ausgeführt ist,
signete sich Law in betrügerischer Weise Aktien im Werte von 700 000 Dollar an,
ebenso erhebliche Summen aus dem Reservefonds. Dieser selbe Law bestach im
Jahre 185% — wahrscheinlich mit einem Teil seines Raubes — die New Yorker Stadt-
ältesten, ihm die Konzession für die Niveaubahnen der 2. und 9. Avenue zu geben.
Roberts eignete sich in Aktien der United States Mail Steamship Company 600 000
Dollar an. Die ungeheuren Schwindeleien, die Roberts während des Bürgerkrieges
ausführte, sind in späteren Kapiteln dieses Werkes beschrieben. Wetmore bestach
notorisch die Kongreßmitglieder. Der Postvertrag, den sie, mit der Regierung
abgeschlossen hatten, mußte in 10 Jahren 2 900 000 Dollar abwerfen.

Vanderbilt begann nun, diese Räuber zu berauben. Während der ganzen Zeit,
        <pb n="320" />
        275 —
Systems ist, daß jetzt ein Mann kommt — und ein Mann
scheint der alte Vanderbilt zu sein; ich habe ihn nie gesehen,
aber seine Operationen haben meine Bewunderung erregt —,
der gerade auf sie losgeht und ihnen ihre Beute abjagt.“ Es
ist der Hecht, der all die kleinen Räuber auffrißt, die um den
Kongreß herumschwimmen. Er sagt einfach: ‚Gebt mir von
dem Gelde monatlich 56 000 Dollar ab, damit ich mit meinen
Schiffen im Hafen liegen kann,“ und sie tun es“1),

Durch dies betrügerische Verfahren also erbeutete
Vanderbilt viele Millionen. Ohne daß er einen Pfennig
tiskierte oder Gefahr lief, ein einziges Schiff zu verlieren,
wurde alljährlich an ihn eine Summe abgeführt, wie sie
der tüchtigste Kaufmann nach einem Leben fieberhaften
Erwerbs nicht sein eigen nannte. Nur zu Erpressungs-
zwecken richtete er eine Dampferlinie nach California ein,
die mit den Interessen der beiden anderen Linien konkur-
tieren sollte.

Der Abgeordnete Davis drängte wiederholt auf eine end-
gültige Erwiderung bezüglich der Wahrheit dieser Behaup-
tungen. Die Verfechter des Gesetzes antworteten aber
stets ausweichend?).

Die Bestätigung der Erpressung
Das Postdampfergesetz gewährte, als es endlich vom
Kongreß verabschiedet wurde, den Interessen der Reeder
großes Entgegenkommen. Die fingierte Fehde zwischen
in der er mit der Gesellschaft konkurrierte, betrug der Preis für die einfache Zwischen-
deckfahrt zwischen Kalifornien und New York 35 Dollar. Nachdem er der Gesell-
schaft das Dampfschiff „North Star‘ für 400 000 Dollar verkauft und durch Er-
pressung hohe Summen für sein Stillschweigen und sein Zurücktreten von der Kon-
kurrenz erhalten hatte, wurde der Preis einer Zwischendeckfahrt auf 125 Dollar
erhöht.

Die Ursache des Prozesses war ein Streit unter den Direktoren über die Teilung
des Raubes. Einer der Direktoren verweigerte dem anderen die Einsicht in die Bü-
cher. Der Richter Ingersoll erließ ein Verbot, derartige Bücher und Akten den
anderen vorzuenthalten.

') The Congressional Globe, 1857—1858, Bd. 3, S. 2843.

*) The Congressional Globe, Teil 3, 1857—1858, S. 3029. Der Washingtoner
Korrespondent der ‚Times in New York telegraphierte am 2. Juni 1858, daß das
Postsubsidiengesetz vom Hause genehmigt wurde, ohne daß zwanzig Mitglieder
die Einzelheiten kannten.
        <pb n="321" />
        — 276 —
ihnen hatte ihren Zweck erreicht; es bekam jeder so viel
Subvention, wie er wollte. Der Generalpostinspektor,
dem durch das Gesetz die Verlegung des Collinschen Europa-
hafens nach Southampton freigestellt wurde, war, wie sich
später ergab, Vanderbilts Werkzeug.

Wie verliefen aber die gegen Vanderbilt erhobenen An-
klagen? Beruhten sie auf Wahrheit oder auf Verleumdung ?
Zwei Jahre lang machte der Kongreß keinerlei Anstrengung,
dies zu ergründen. 1860 indessen häuften sich die Be-
schwerden über Korruption im Postwesen und in anderen
Verwaltungszweigen derart, daß der Kongreß am 5. März
1860 beschloß, eine Untersuchungskommission einzusetzen.
Diese Kommission, die nach ihrem Vorsitzenden die
Covode-Kommission hieß, prüfte die Angaben über Vander-
bilts erpresserische Transaktionen nach. Die 1858 von
Senator Toombs und dem Abgeordneten Davis erhobenen
Anschuldigungen bestätigten sich im vollen Umfange.

Ellwood Fisher, ein Direktor der United States Mail
Steamship Company, sagte am 2. Mai aus, daß während der
größeren Zeit seiner Amtsführung Vanderbilt von der
Gesellschaft 10 000 Dollar monatlich und gleichzeitig von
der Pacific Mail Steamship Company 30 000 Dollar monat-
lich aus dem gleichen Grunde ‚erhalten hatte. Es war ab-
gemacht worden, daß die Zahlung aufhören solle, falls er
mit den Gesellschaften in Konkurrenz träte. Im ganzen
wurden während dieser Zeit 480 000 Dollar jährlich ge-
zahlt. Am 5. Juni 1860 sagte Fisher ferner noch aus:

„Während der viereinhalb Jahre, da ich dem Direktorium
angehörte, waren die Gewinne der Linie sehr groß, aber
der größere Teil des Geldes kam infolge der Erpressung in
Vanderbilts oder anderer Hände‘“1). William H. Davidge,
Präsident der Pacific Mail Steamship Company, gab zu, daß
die Gesellschaft lange Zeit Erpressungsgelder an Vander-
bilt bezahlt hatte. „Der Vertrag,“ sagte er, „war auf den
Verzicht jeder Konkurrenz gerichtet, und dem entprach

1) House Reports, 36. Congress, First Session, 1859—1860, Bd. 5, 5. 785—9786
and 829. Fisher erklärte, daß hierdurch Vanderbilt für die Verhinderung jeglicher
Konkurrenz interessiert wurde, und daß sein Name und Geld abschreckend auf andere
wirkten, die eventuell die Errichtung von Dampferlinien planten,
        <pb n="322" />
        277 —
die Summe*“?). Horace F. Clark, Vanderbilts Schwieger-
sohn, gab ebenfalls die "Transaktion zu®. Die Frage, ob
Vanderbilt von der Regierung strafrechtlich oder zivil-
gerichtlich verfolgt wurde, ist überflüssig. Er blieb nicht nur
unangetastet, sondern zwei Jahre später setzte er, wie wir
sehen werden, einen anderen Riesenschwindel gegen die
Regierung unter besonders erschwerenden Bedingungen in
Szene.

Diese fortgesetzte Plünderung des Volksvermögens er-
klärt den Umstand, wie Vanderbilt viele Millionen erobern
konnte zu einer Zeit, als Millionäre selten waren. Vander-
bilt soll 1853 damit geprahlt haben, daß er elf Millionen
Dollar zu 25% angelegt habe. Ein sehr großer Teil dieses
Vermögens stammte direkt von seinen verwegenen kommer-
ziellen Erpressungen her. Die Postsubsidien waren der
eigentliche Grundstock seines Vermögens?). Viele Zei-
tungen und Broschüren jener Zeit erwähnen die Tatsache.
Nur wenige der wichtigen Einzelheiten über den Charakter

1) A. a. O.S. 795£.

2) A. a. OS. 824.

Aber Roberts und seinen Mitdirektoren gelang es, sich in bedeutendem Maße
von der Regierung für die Summen entschädigen zu lassen, die Vanderbilt von ihnen
erpreßt hatte.

Sie behaupteten, daß die Regierung eine große Summe, etwa 2 Millionen Dollar,
der United States Mail Steamship Company für Beförderung von Postsachen schulde,
außer dem im Sloo-Kontrakt vorgesehenen Betrage. 1859 begannen sie die Unter-
handlungen mit dem Kongreß zwecks Anerkennung dieser Forderung. Der Vorschlag
wurde für so unverschämt befunden, daß der Kongreß ihn ablehnte. Elf Jahre lang
versuchten sie nun Jahr für Jahr beim Kongreß eine Verfügung zu ihren Gunsten
durchzubringen, Am 14. Juli 1870 endlich hatten sie Erfolg, zu einer Zeit, in der die
Bestechung im Kongreß überhand nahm. Es wurde eine Verfügung getroffen,
welche den Court of Claims anwies, die Forderung in ihren hauptsächlichen Punkten
zu prüfen.

Das Gericht erklärte sich nicht für zuständig, und Richter Drake führte aus,
daß die Verfügung derart konstruiert werden müsse, „daß eine Überlistung der Re-
gierung verhindert und ihr nicht Zahlungsverpflichtungen aufgebürdet würden,
wo der Kongreß nur eine Untersuchung der Frage der Verpflichtung angeordnet
habe, (Marshall O. Roberts u. Gen. Direktoren contra Vereinigte Staaten, Court
of Claims Reports, Bd. 6, S. 84—9g0). Bei der Berufung entschied der oberste
Gerichtshof der Vereinigten Staaten jedoch, daß die Verfügung des Kongresses,
die Übergabe dieses Rechtsfalles an den Court of Claims tatsächlich eine An-
erkennung des Anspruches bedeute (Court of Claims Reports, Bd. 11, S. 98—126).
Auf diese Weise wurde dieser kühne Raubzug vollständig gutgeheißen.

3) Zweifellos verhält sich dies so, nur sind die genauen Summen nicht fest-
zustellen.
        <pb n="323" />
        278
dieser Methoden sind aus den Berichten ersichtlich. Aber
diese wenigen gestatten einen ganz klaren Überblick. Mit
einem Teil der erbeuteten Gewinne richtete er ein raffinier-
tes Bestechungssystem ein, durch das er und die anderen
Schiffseigentümer Mal für Mal nicht nur den Kongreß und
die Postbehörden beeinflußten, sondern auch postalische
Reformen verhindern konnten. Vierzehn Jahre lang gelang es
Vanderbilt und seinen Genossen, jedes Gesetz im Kongreß
zu Fall zu bringen, das eine Reduzierung der Postbeför-
derungsentschädigung bezweckte.
Das Ende von Vanderbilts Reederlaufbahn
Der Bürgerkrieg mit seinem Kapersystem war eine un-
günstige Zeit für die amerikanischen Handelsschiffe, Jetzt
segann Vanderbilt seine Laufbahn als Eisenbahneigentümer.

Er war damals 69 Jahre alt, ein schlanker, robuster,
kräftiger Mann mit einem finsteren Gesicht von auffallend
roher Kraft. Die Unwissenheit seiner Jugend war nicht
geschwunden; er konnte die einfachsten Worte nicht richtig
schreiben, und seine Sprache war ein sonderbares Gemisch
von Rot- und Kauderwelsch, von Dialekt und Roheit. Es
wurde von ihm erzählt, er könne heftiger, häufiger und
mannigfaltiger fluchen als alle seine Zeitgenossen. Gleich
den Astors war er zynisch, mißtrauisch, verschwiegen und
zeizig. Seine Pläne behielt er vollständig für sich. In seinen
geschäftlichen Angelegenheiten hat er bekanntermaßen nie-
mals die geringste Nachsicht geübt; er verlangte den letzten
Heller, den man ihm schuldig war. Sein Geiz war so sehr
Passion bei ihm, daß er jahrelang nicht dazu zu bringen war,
die völlig verbrauchten, alten Teppiche in seinem Hause,
Washingtonplatz 10, durch neue zu ersetzen. Er las nie
etwas anderes als die Zeitungen, die er beim Frühstück über-
flog. Seinen Kindern gegenüber war er unnachsichtlich
streng; Croffut gibt zu, daß sie Furcht vor ihm hatten. Die
einzigen Zerstreuungen, die er sich gönnte, waren Jagen und
Whistspielen.

Das ist in kurzen Zügen das Bild des Mannes, der in den
nächsten Jahren seine gestohlenen Millionen benutzte, um
        <pb n="324" />
        — 279 —
große Eisenbahnlinien in seinen Besitz zu bringen. Croffut
gibt an, er habe 1861 ein Vermögen von 20 Millionen Dollar
gehabt; andere Autoren behaupten, sein Reichtum habe
10 Millionen Dollar nicht überstiegen. Er verstand nichts
von Eisenbahnen, nicht einmal die ersten Anfangsgründe
ihrer Technik oder Verwaltung. Er verließ sich nur auf
eins: auf die brutale Macht des Geldes mit ihren Hilfs-
mitteln, Intrigen, Bestechungen und Betrügereien.

Viertes Kapitel

DIE ENTWICKLUNG DES VANDERBILT-VERMÖGENS

N Ausbruch des Bürgerkrieges, als die See den
Kaperschiffen preisgegeben war, hatten die ameri-
kanischen Reeder auf einmal eine Menge überflüssiger
Schiffe. Da sie sich gezwungenermaßen vom Seehandel
zurückziehen mußten, sahen sie sich nach zwei Auswegen
um, erstens nach einer Verwendung für ihre Schiffe, zwei-
tens nach einer neuen und sicheren Methode, Millionen zu
erwerben.

Die meisten ihrer Schiffe waren so miserabel gebaut, daß
ausländische Kapitalisten sie zu keinem Preise kaufen woll-
ten. Viele dieser Dampfer, die in dem kurzen Zeitraum von
neunzig Tagen in aller Eile gebaut waren, nur in Hinblick auf
sofortigen Gewinn und ohne sonderliche Rücksicht auf ihre
Leistungsfähigkeit, waren in besorgniserregendem Zu-
stande. Daß sie überhaupt Reisen überstanden, war reine
Glückssache; Jahr für Jahr ging eins dieser so gebauten Schiffe
nach dem anderen unter. Collins hatte viele seiner Schiffe
verloren, ebenso andere Dampfschiffgesellschaften. Die
Chronik der Seereisen war eine lange, grauenvolle Kette von
Tragödien; alle Augenblicke kamen Berichte über unter-
gegangene oder vermißte Schiffe. Tausende von Ein-
wanderern, die im Zwischendeck einfach eingeschlossen
wurden, kamen um, ohne auch nur um ihr Leben kämpfen
zu können. Die Kajütenpassagiere hatten es besser; ihnen
        <pb n="325" />
        — 280 —
war die Möglichkeit gegeben, die Rettungsboote zu be-
nutzen, falls Zeit und Raum es gestatteten. Auch im
günstigsten Falle ist eine Seereise ein Hasard; die schönsten
Schiffe können Unglück haben. Aber hier erhoben sich
nach den Katastrophen bittere Anklagen hinsichtlich der
Korruption, der ungenügenden Mannschaft und unfähigen
Offiziere, wegen defekter Maschinen und verfaulten Holzes,
wegen Mangel an geeigneter Aufsicht und Sicherheits-
maßregeln.

Der Ausweg
Die Ratlosigkeit der Reeder dauerte nicht lange. Da sie
ihre Schiffe nicht mehr benutzen konnten, war das ein-
fachste, sie der Regierung aufzuhalsen. Dafür war die Zeit
äußerst günstig; die Regierung brauchte Schiffe, weil ur-
plötzlich ein riesiges Heer zusammenzubringen und zu be-
fördern war. Betreffs der anderen Frage, welche momentan
die Kapitalisten bewegte, der Frage nach einem neuen Ge-
biet, auf das sie ihre Geschäfte verlegen konnten, zeigte
Vanderbilt sehr bald, auf welche Weise Eisenbahnen ein viel
größeres Vermögen abwerfen könnten als der Handel.

Der. große Konflikt, der zwischen Norden und Süden
ausbrach, fand die Bundesregierung völlig unvorbereitet.
Freilich hatte der Kongreß, als er den Ozeandampfergesell-
schaften die Postsubsidien bewilligte, durch die viele der Ge-
sellschaften erst begründet und finanziert wurden, den Vor-
behalt gemacht, daß diese subventionierten Schiffe als
„Kriegsschiffe erster Klasse“ gebaut und in Kriegsfällen zur
Verfügung gestellt werden sollten. Aber dieser Vorbehalt
stand nur auf dem Papier. Genau wie die Harris- und Sloo-
Linien eine jährliche Postsubvention von 900 000 Dollar
vekommen und die Regierungsbeamten bewogen hatten,
ihre minderwertigen Schiffe abzunehmen, so hatte es
auch die Collinslinie gemacht. Der Bericht einer Anzahl
Sachverständiger hatte gezeigt, daß die Dampfer Collins

nicht vertragsmäßig gebaut waren, daß sie bei dem Feuer
ihrer eigenen Batterien in die Luft gehen und eine ein-
zige feindliche Kanone sie in Atome zersplittern würde.
        <pb n="326" />
        81
Trotzdem waren sie vom Marinedepartement abgenommen
worden.

In den Friedenszeiten hatten die kommerziellen Interessen
die erheblichsten Schwindeleien in Szene gesetzt, indem sie
der Regierung allerhand wertlose Gegenleistungen ver-
sprachen. Das waren gerade die Leute, die ihren begeister-
ten Patriotismus so lebhaft betonten. Der Bürgerkrieg
stellte diesen angeblichen Patriotismus auf die Probe. Wenn
je in einem Kriege Regierung und Volk jeden Nerv und jede
Hilfsquelle anspannen mußten, um einen großen Konflikt
durchzufechten, so war das im Bürgerkriege der Fall.
Dieser Krieg hatte nur das eine Ergebnis, daß die Neger-
sklaverei gegen eine Ausdehnung des Systems der Lohn-
sklaverei ausgetauscht wurde. Aber das durchschaute das
Volk nicht deutlich. Die Soldaten der nördlichen Staaten
glaubten für die edelste Sache zu kämpfen, und die Masse des
Volkes hinter ihnen war zu jedem Opfer bereit, um in einem
Kampfe zu siegen, dessen Ziel die Einschränkung oder die
Aufhebung der Negersklaverei war. ,

Wie handelte nun die kapitalistische Klasse gegen die Re-
gierung oder vielmehr gegen Heer und Marine, die so
heroisch ihr Blut in den Schlachten vergossen und ihr Leben
im Feldlager, in Hospitälern und Militärgefängnissen aufs
Spiel setzten?

Die Plünderung während des Bürgerkrieges
Die Kapitalisten bewiesen ihren glühenden Patriotismus
in weitem Maße, indem sie aus der großen Krisis riesige Ver-
mögen herausschlugen. Sie belasteten die Regierung mit
den zehnfachen Herstellungskosten für die Kriegsmunition,
eine Munition, die häufig so wertlos war, daß sie nach dem
Ankauf weggeworfen werden mußte‘). Sie lieferten schlechte

*) Am 28, Februar 1863 wies der Abgeordnete J. W. Wallace im Unterhaus des
Kongresses auf die Notwendigkeit der Errichtung weiterer staatlicher Gewehr- und
Geschützfabriken hin: „Waffen wie Munition, die von der Regierung von privaten
Lieferanten und ausländischen Fabriken bei Beginn des Bürgerkrieges gekauft wur-
den, hätten außer ihrem wirklichen Herstellungswert wohl zehnmal so viel gekostet,
wie für Errichtung und Betrieb der durch Kommissionsbeschluß empfohlenen
Gewehr- und Geschützfabriken erforderlich gewesen wäre. Ich bin überzeugt, daß
        <pb n="327" />
        -2„
Uniformen und Decken und miserables Schuhzeug; die
Nahrungsmittel waren so minderwertig, daß sie Fieber-
erscheinungen und häufig Todesfälle herbeiführten 3 sie
schmuggelten mit Hilfe der Bestechung abgenutzte, morsche
Schiffe für Soldatentransporte ein. Es gab keine Gewinn-
möglichkeit, die nicht auf die betrügerischste Weise aus-
genutzt wäre. Durch eine Reihe unehrlicher Maßnahmen
plünderten die Banken Staatskasse und Volk und entzogen
ihre Banknoten der Besteuerung. Die Kaufleute betrogen
die Regierung um viele Millionen, indem sie die Zoll-
beamten bestachen, eine geringere Wertangabe der Ein-
fuhrsendungen gutzuheißen!). Der Zollschwindel war so
allgemein bekannt, daß der Kongreß durch die öffentliche
Meinung gezwungen wurde, eine Untersuchungskommission
einzusetzen. Der Vorsitzende dieser Kommission, der Abge-
ordnete C. H. Van Wyck (New York), sagte, nachdem er die
Untersuchungsbefunde in einer Rede am 23. Februar 1863
zusammengefaßt hatte, voll Erbitterung: „Der hungernde,
mittellose Mann, der ein Brot stiehlt, um sein Leben zu
retten, wird ins Gefängnis gesteckt; das Heer von groß-
spurigen Wegelagerern aber, die dem Volke Zehntausende
stehlen, gehen ungestraft aus und dürfen die Früchte
ihrer Verbrechen genießen. So ist es unter früheren Re-
gierungen gegangen, so ist es leider auch unter dieser“ 2).
Das Bundesheer hatte in einem verzweifelten Kriege
nicht nur einen offenen Feind zu bekämpfen, sondern war
gleichzeitig die wehrlose Zielscheibe für die Glücksjäger aus
ihrem eigenen Lager, welche hinterlistig Unmengen von
ihnen hinmordeten — nicht aus reiner Mordlust freilich,
sondern weil die Gewinnsucht alle ehrenhaften und mensch.
lichen Instinkte in ihnen tötete und sie gegen alle Begleit-
die Regierung, weil sie ausreichend Waffen beschaffen mußte, durchschnittlich un-
zefähr 22 Dollar pro Flinte bezahlt hat, während sie in unseren nationalen Werkstätten
für die Hälfte des Geldes hätten hergestellt werden können.“ — Anhang zum
Tongressional Globe, 37. Congress, Third Session, 186z—1863, Teil 2, S. 136.
Genauere Angaben finden sich in den folgenden Kapiteln,

1) Der Staatssekretär des Reichsschatzamtes, Salmon P, Chase, schrieb in seinem
Bericht von 1862: Es ist bekannt, daß beim Zollamt täglich betrügerische Zoll-
Jeklarationen vorgelegt wurden.

?) Anhang zum Congressional Globe, 37. Congress, Third Session, 1862—1863,
Teil 2, 5. 118.
        <pb n="328" />
        283 —
umstände abstumpfte. Die Schlachtfelder waren nicht ver-
hängnisvoller als die von den Kapitalisten gelieferten Ma-
terialien?).

Als einer der bedeutendsten Kapitalisten seiner Zeit ist
Cornelius Vanderbilt immer als ein großer und vorbildlicher
Patriot hingestellt worden. Genau wie Croffut Vanderbilts
Beteiligung an den Postschwindeleien nicht erwähnt, son-
dern im Gegenteil ihm bei seiner Postbeförderung den
leuchtendsten Patriotismus nachrühmt, so heben er und
andere Autoren die patriotischen Taten des alten Magnaten
während des Bürgerkrieges rühmend hervor. Auf diese
Weise ist manches erdichtet worden, obwohl die wirklichen
Tatsachen feststellbar waren. Diese Tatsachen beweisen, daß
1) Hier sei eines von vielen Beispielen angeführt: der Geschützfabrikant Philip S.
Justice in Philadelphia schloß im Jahre 186r einen Vertrag auf Lieferung von
4000 Flinten ab. Er berechnete pro Stück 20 Dollar. Es stellte sich jedoch heraus,
daß die Gewehre für die Soldaten, die sie benutzten, direkt gefährlich waren, so daß
die Regierung es für einen Teil der Flinten ablehnte, den geforderten Preis zu zahlen,
Daraufhin strengte Justice einen Prozeß an. Vgl. Court of Claims Reports, Bd. 8,
S. 37—54. In den Verhandlungsberichten finden sich folgende Angaben:

Der Generalstabsoffizier William H. Harris besichtigte das Lager in Hamilton,
Virginia, und inspizierte die Waffen des dort stationierten 85. Regiments der Frei-
willigen von Pennsylvania, Er berichtete darüber: Dieses Regiment ist mit Flinten
bewaffnet, die am Lauf die Firma P, S. Justice, Philadelphia, tragen und im Kaliber
zwischen 65 und 70 varlieren. Viele dieser Flinten sind unbrauchbar und auch nicht
zu reparieren, da die Hauptteile defekt sind; viele sind aus Gewehrteilen hergestellt,
die von dem inspizierenden Offizier beanstandet wurden. Die Kolben sind über-
haupt nicht von einem Offizier anerkannt, noch mit einem Kontrollzeichen versehen.
Sie sind aus weichem, nicht ausgetrocknetem Holz hergestellt und in der Konstruk-
tion fehlerhaft. Das Visier ist nur an den Lauf angelötet und bricht bei der gering-
sten Berührung ab usw. usw.

Der Oberst und spätere General Thomas D. Doubleday berichtete wie folgt
über seine Inspizierung: „Die Waffen, die in Philadelphia hergestellt sind, sind
von der allerschlechtesten Sorte und anscheinend aus alten beanstandeten Ge-
wehren hergestellt. Viele davon zerbrechen, die Visiere fallen nach dem Entladen
ab, die Läufe sind sehr leicht, kein zwanzigstel Zoll dick, die Kolben sind aus grünem
Holz, das so eingetrocknet ist, daß die Beschläge sich lockerten. Die Bajonette sind
derart zerbrechlich, daß sie sich wie Blei biegen. Viele zerbrechen schon bei der
Inspizierung. Man kann sich kaum so wertlose Waffen vorstellen, die für den Ge-
brauch gänzlich ungeeignet und sogar gefährlich sind.“ (S. 44.) Ähnliches schreibt
General John Buford.

Aus streng technischen Gründen entschied der Court of Claims zugunsten von
Justice, aber das Oberste Gericht der Vereinigten Staaten verwarf das Urteil und
wies die Klage ab. Das Oberste Gericht bestätigte den Standpunkt der Regierung,
„daß die Waffen unbrauchbar und zugleich für die Handhabenden gefährlich wären“.

Viele weitere derartig spezifische Beispiele sind in den folgenden Kapiteln
dieses Werkes enthalten.
        <pb n="329" />
        — 284 —
Vanderbilt während des Bürgerkrieges die umfangreichen
Betrügereien fortsetzte, die er seit langem betrieben hatte.

Als das Kabinett Lincoln 1862 beschloß, eine große Heeres-
und Flottenmacht unter General Bank nach New Orleans
zu entsenden, war eine der ersten Erwägungen, ob für den
Transport die erforderlichen Schiffe in der Eile aufzutreiben
wären. An wen wandte sich die Regierung in dieser Not-
lage? An dieselbe kaufmännische Klasse, die seit Gründung
der Vereinigten Staaten unaufhörlich den Staatsschatz ge-
plündert hatte. Die Eigentümer der Schiffe hatten sehn-
lich auf eine Gelegenheit gewartet, sie zu hohen Preisen an
die Regierung zu verkaufen oder zu verpachten. Und wem
fiel das Amt zu, sie anzukaufen, auszurüsten und zu in-
spizieren? Keinem andern als Cornelius Vanderbilt.

Jeder Staatsmann mußte wissen, daß Vanderbilt viele
Millionen durch seine betrügerischen Kontrakte mit ver-
schiedenen subventionierten Postdampferlinien erbeutet
hatte. Er war als gewinnsüchtig und gewissenlos bekannt.
Trotzdem wurde er vom Kriegsminister Stanton als Be-
vollmächtigter der Regierung ausersehen. In dieser Zeit
posierte Vanderbilt als glühender Patriot. Sehr ostentativ
hatte er der Regierung für Flottenzwecke eines seiner
Schiffe geliehen, ein Schiff, für das er selbst keine Ver-
wendung hatte und das tatsächlich mit gestohlenem staat-
lichen Gelde erbaut worden war. Durch dies Geschenk kam
er billig in den Ruf, ein begeisterter Patriot zu sein. Es muß
noch hinzugefügt werden, daß der Kongreß ihm ein Schnipp-
chen schlug, indem er dies Schiff als ein Geschenk an die
Regierung ansah, es zu Vanderbilts großem Erstaunen be-
hielt und ihm feierlich für die Gabe dankte.
Vanderbilts Methoden während des Krieges
Die Ausrüstung der Bankschen Expedition war so mangel-
haft, daß sie einen ernstlichen Skandal hervorrief. Wenn es
sich nur darum gehandelt hätte, daß der Staatsschatz um
viele Millionen beschwindelt worden wäre, so hätte der
Kongreß die Angelegenheit unterdrücken können. Überall
wurden Riesenbetrügereien von den Kapitalisten verübt.
        <pb n="330" />
        285 —
In diesem besonderen Falle aber waren die Proteste” der
Tausende von Soldaten an Bord der Transportschiffe zu
zahlreich und schwerwiegend, um übergangen oder nicht
beachtet zu werden. Es waren keine gemeinen Soldaten
ohne Einfluß und Beziehungen; es waren Freiwillige, die
Freunde und Verwandte hatten, welche eine Untersuchung
forderten. Ihre Beschwerden wegen überfüllter und un-
sicherer, abgenutzter Schiffe strömten von allen Seiten her-
bei und alarmierten das ganze Land. Eine allgemeine Er-
regung war die Folge. Der Kongreß setzte eine Unter-
suchungskommission ein. ;

Die Beweisaufnahme war äußerst charakteristisch. Sie
zeigte, daß Vanderbilt einen gewissen TI‘. B. Southard als
Zwischenhändler beim Ankauf der Schiffe benutzt hatte.
Von zahlreichen Schiffseigentümern wurde bezeugt, daß
Vanderbilt den Ankauf der Schiffe ablehnte, wenn er nicht
durch Southard vollzogen wurde, der einen Anteil an der
Kaufsumme verlangte, bevor er sich bereit erklärte, das Ge-
schäft abzuschließen. Kein Schiffseigentümer, der einen
veralteten Dampfer oder ein Segelschiff loszuwerden
wünschte, begegnete irgendwelchen Schwierigkeiten, wenn
er auf Southards Bedingungen einging.

Die von Vanderbilt akzeptierten und zu hohen Preisen an-
gekauften Schiffe waren in einem unglaublich schlechten
Zustande. Vanderbilt war einer von den wenigen, welche
in die Zwecke der Bankschen Expedition eingeweiht waren;
er wußte, daß die Schiffe eine Ozeanfahrt machen sollten.
Trotzdem kaufte er für 10000 Dollar den Niagara, ein altes
Boot, das vor fast zwanzig Jahren für den Verkehr auf dem
Ontariosee gebaut worden war. „Bei völlig stillem Wetter,“
berichtete Senator Grimes (Jowa) „und ruhiger See wurden
Planken losgerissen, und die entsetzten Soldaten sahen zu
ihrem Erstaunen, daß das Holz verfault war. Die Kom-
mission hat in ihrem Sitzungszimmer ein großes Stück von
einem der Stützbalken dieses Schiffes aufbewahrt, an wel-
chem man sehen kann, daß nicht einmal mehr ein Nagel
darin haften konnte?).‘“ Senator Grimes fährt fort:

1) The Congressional Globe, 37. Congress, Third Session, 1862-—1863, Teil ı,
S, 610.
        <pb n="331" />
        — 286 —
„Wenn die Senatoren Seite 18 dieses Berichtes einsehen,
werden sie finden, daß Vanderbilt für den Dampfer Eastern
Queen 900 Dollar täglich für die ersten dreißig-und 800
Dollar für die übrigen Tage bezahlt hat, während dieser von
der Regierung für die Burnside Expedition für 500 Dollar
täglich gechartert war, was einen Unterschied von 300—400
Dollar täglich ausmacht. Er bezahlte für die Quinebang
250 Dollar täglich, während dieser Dampfer von der Re-
gierung bei einer anderen Gelegenheit für 130 Dollar täglich
gechartert war. Für den Shetucket, der früher für 150 Dollar
täglich in Regierungsdiensten war, bezahlte er 250 Dollar
:äglich usw. usw?).“

Dies waren einzelne von den vielen Schiffen, die von
Vanderbilt durch Southard für die Regierung gechartert
wurden. Für die käuflich erworbenen Schiffe wurden un-
gewöhnliche Summen bezahlt. Ambrose Snow, ein be-
kannter Reeder, sagt aus, daß „alle, die zu Kommodore
Vanderbilt kamen, an Southard verwiesen wurden; allen,
die zu Southard kamen, wurde mitgeteilt, daß sie an ihn
eine Provision von fünf Prozent entrichten müßten?).“

Andere Reeder bestätigten diese Aussagen. Die Methoden
und die Ausdehnung dieser Betrügereien lagen klar am Tage.
Wenn die Schiffseigentümer sich bereit erklärten, Southard
fünf Prozent — sehr oft forderte er auch zehn Prozent?) —
abzugeben, bezahlte Vanderbilt ihnen- enorme Summen.
In seiner eigenen Aussage suchte Vanderbilt zu beweisen,
daß er von den patriotischsten Motiven geleitet wäre. Aber
as war außer allem Zweifel, daß er mit Southard im Ein-
vernehmen stand und den größeren "Teil des Raubes bekam.

Aus Gewinnsucht begangene Schändlichkeiten

Auf einigen der von Vanderbilt gecharterten Schiffe, die
für nur 300 Passagiere bestimmt waren, wurden 950 Soldaten
zusammengepfercht. Die meisten Schiffe waren alt und

1) Ebenda,

2) A.a.O.; vgl. auch Senate Report No. 84, 1863, der die vollständige Beweis-
aufnahme enthält.

8) Senator Hale behauptet, in Boston und anderen Städten von einer Provision
von zehn Prozent gehört zu haben.
        <pb n="332" />
        287
ungeeignet, nicht wenige waren direkt verfallen. Nach einer
oberflächlichen Reparatur wurden sie an die Regierung ab-
geliefert. Obwohl Vanderbilt wußte, daß nur Ozeanschiffe
gebraucht wurden, charterte er Fahrzeuge, die bis dahin
lediglich Binnengewässer befahren hatten. Keine einzige
Vorsichtsmaßregel wurde von ihm oder seinen Genossen ge-
troffen, um das Leben der Soldaten zu schützen.

Unter den Kommerziellen war es Brauch, daß wenigstens
zwei Seekundige an Bord sein mußten, besonders auf
offener See. Obwohl nun das Leben von Tausenden von
Soldaten auf dem Spiel stand und alte, schlechte Schiffe
zur Verwendung kamen, unterließ Vanderbilt es nach Aus-
sage der Zeugen in mehr als einem Falle, mehr als einen
Seemann anzuwerben und die nötigen Instrumente und
Karten zu besorgen. Bei Erwähnung dieser Tatsachen sagte
Senator Grimes: „Als Kommodore Vanderbilt und andere
mit der Expedition in Verbindung stehende Herren befragt
wurden, warum sie keine Seeleute, Instrumente und Karten
an Bord nähmen, war die Antwort, daß die Versicherungs-
gesellschaften und die Eigentümer der Schiffe das Risiko
übernähmen, obwohl“ — fährt Senator Grimes fort — „die
Regierung doch für das Leben ihrer tapferen Untertanen, die
sie unter ihrem Banner versammelt und mit dieser Expe-
dition hinausgesandt hatte, gar kein Risiko wollte“1). Wenn
die Expedition bei Kap Hatteras z. B. einen schweren Sturm
erlebt hätte, wären wahrscheinlich die meisten der Schiffe
gescheitert. Glücklicherweise war das Wetter für die Fahrt
günstig.

Die Betrügereien bleiben ungestraft
Machte nun die Regierung auch nur im geringsten Miene,
Vanderbilt und seine Werkzeuge zu verhaften, unter An-
klage zu stellen und zu bestrafen? Nein. Das komödienhafte
Ergebnis war, daß dem Senat der Vereinigten Staaten eine
Resolution vorgelegt wurde, auf Fahrlässigkeit zu erkennen.

Vanderbilt ließ sofort seine Drähte spielen, und als die
s A. The Congressional Globe, 37. Congress, Third Session, 1862—1863, Teil ı,

„ 5306,
        <pb n="333" />
        298
Resolution zur Abstimmung kam, sprangen zahlreiche Sena-
toren unter Führung von Senator Hale auf, um Vander-
bilts Namen zurückzuziehen. Daraufhin erhob Senator
Grimes die schwerwiegendsten Beschuldigungen gegen
Vanderbilt. „Die ganze Transaktion,“ sagte er, „ist von
Anfang bis zu Ende Schwindel.“

Sein Plädoyer war indessen vergeblich. Vanderbilts
Name wurde gestrichen und Southard zum Sündenbock ge-
macht. Diese Affäre erregte das Volk aufs höchste, war aber
doch nur ein Glied in der Kette der tragischen Ereignisse,
welche die Unzulänglichkeit der kapitalistischen Wirt-
schaftsführung und das kapitalistische Grundübel, jede
menschliche Rücksichtnahme der Gewinnsucht unterzu-
ordnen, dokumentierten. Vanderbilt war nur ein Typ
seiner Klasse; obwohl er entlarvt wurde, war er nicht härter
zu verurteilen als Tausende von den anderen — großen
und kleinen — Kapitalisten, deren Methoden sich im
Grunde von den seinen nicht unterschieden!).

Wenn Vanderbilts Dampfschiffstransaktionen auch zum
Teil in Dunkel gehüllt sind, so sind dagegen seine Methoden
bei der Okkupierung von Eisenbahnen aus den amtlichen
Archiven mit Leichtigkeit festzustellen.

“. Ende des Jahres 1862, ungefähr um die Zeit, als er den
Millionen, die er mit Hilfe der Postsubventionen erbeutet
hatte, die ungeheuren Gewinne hinzufügte, die ihm durch
seine Manöver im Zusammenhang mit der Bankschen Ex-
pedition zugeflossen waren, beschloß er, die Aktien der
New York- und Harlem-Eisenbahn anzukaufen.
“ 1) Eine der gröbsten und verbreitetsten Betrugsarten bestand darin, dem
Bundesheer kranke Pferde zu verkaufen. Bedeutsame Manöver der Kavallerie wurden
hierdurch oft verzögert und gefährdet. In dem Prozeß einer dieser Pferdelieferanten
zegen die Regierung (Daniel Wormser contra Vereinigte Staaten) wegen Zahlung für
lie 1864 für die Kavallerie gelieferten Pferde wies der höchste Gerichtshof die Rich-
ügkeit der von den staatlichen Pferdeinspektoren erhobenen Behauptungen nach,
laß die Kläger sich des Betrugs schuldig gemacht hätten, und wiesen die Klage ab.
Bradley sagte in seinem Urteil: Die Regierung hat zweifellos das Recht, Vorschriften
für die Untersuchung der Pferde zu machen. Genauigkeit ist dringend geboten,
da Betrügereien an der Tagesordnung sind... Bekanntlich können Pferde so
zurechtgemacht werden, daß sie für ein paar Stunden schön und gesund aussehen.
Court of Claims Report, Bd, 7, S. 267-—262,
        <pb n="334" />
        — 289 -

Die Geschichte einer Konzession
Die Eisenbahn, die erste in New York, hatte vom New Yorker
Gemeinderat 1832 die Konzession zur alleinigen Benutzung
der 4. Avenue, nördlich von der 23. Straße, erhalten,
eine Konzession, die, wie öffentlich behauptet wurde, durch
Verteilung von Bestechungsgeldern in Form von Aktien
unter den Stadträten erlangt wurde.

Diese Konzession war von der Stadt nicht als dauernd ge-
dacht; es waren gewisse Vorbehalte gemacht, die einen
Widerruf gestatteten. Aber, wie wir sehen werden, bestach
Vanderbilt nicht nur 1872 die Legislatur, eine Verfügung zu
erlassen, nach der die Kosten der Tieferlegung der Schienen
zur Hälfte der Stadt zur Last fielen, sondern gab diesem
Gesetz eine so geschickte Fassung, daß die Konzession
dauernde Geltung bekam. Außer der Berechtigung, die
4- Avenue zu passieren, erhielt die Eisenbahngesellschaft 1832
die steuerfreie Konzession, zur Bequemlichkeit ihrer Passa-
giere von der Eisenbahnstation (die damals in der Vorstadt
von New York lag) Omnibusse bis nach der Prince Street im
Süden verkehren zu lassen. Später wurde diese Konzession
auf die Walker Street und 1851 auf Park Row ausgedehnt.
Dies waren die Anfangsstadien der Fourth Avenue-Niveau-
bahn, die sich zu einem Wertobjekt von vielen Millionen
entwickelt hat. 1858 wurde die New York- und Harlem-
Eisenbahngesellschaft vom Gemeinderat auf Veranlassung
der reichen Bewohner von Murray Hill aufgefordert, den
Dampfbetrieb über die 42. Straße hinaus einzustellen.
Sie richtete deshalb von dieser Straße eine Pferdebahnlinie
bis zum Astorschen Hause ein.

Diese Darlegung der bisherigen Verhältnisse erleichtert
das Verständnis für die Ereignisse, die nach Vanderbilts
Ankauf der Aktien der New York- und Harlem-Eisenbahn
eintraten. Die Aktien wurden damals mit 9 Dollar pro Stück
verkauft. Im Betrieb dieser Eisenbahn wurde, wie es damals
ausnahmslos bei allen Eisenbahnen der Fall war, seitens der
Eigentümer auf die öffentlichen Interessen und die öffent-
liche Sicherheit nur die unumgänglichste Rücksicht ge-
nommen. Gerade wie die Gemeindebehörde theoretisch

‚a
        <pb n="335" />
        als eine Körperschaft angesehen wurde, der die Regierung
die Ausführung gewisser, das Volk interessierender Dinge
übertrug, so galt die Eisenbahn theoretisch als ein öffent-
liches Verkehrsmittel, das der Bequemlichkeit des Publikums
dienen sollte. Aus diesem einleuchtenden Grunde erhielten
die Eisenbahngesellschaften Konzessionen, Privilegien, Besitz-
tümer usw. Der Staat New York hatte allein 8 Millionen
Dollar in Staatspapieren beigesteuert und verschiedene Be-
zirke, Städte und Gemeinden im Staate New York nahezu
31 Millionen Dollar durch Ankauf von Aktien und Obli-
zationen!). Die Theorie war in der "Tat nicht schlecht,
blieb aber immer nur eine Fiktion.

Kaum hatten die Eisenbahneigentümer bekommen, was
ie wollten, so setzten sie ihre Ausbeutung der Gemeinden
fort, denen sie ihren Besitz verdankten und denen sie an-
geblich nützen sollten. Die verschiedenen Eisenbahnen
wieder wurden von Unternehmergruppen betrogen. Der
Betrieb wurde vernachlässigt und einer guten Austattung
keine Aufmerksamkeit geschenkt. Oft ließ man mit Absicht
die Schienen, die Bahndämme und die Wagen verfallen, um
den Wert der Linien herabzusetzen und damit auch den Wert
der Aktien zu verringern. Auf diese Weise war es zum Beispiel
sehr wohl möglich, daß Vanderbilt in seinem Bestreben,
eine Eisenbahn zu niedrigem Preise in seine Hände zu be-
kommen, unter den Direktoren und Beamten der betreffen-
den Eisenbahn Bundesgenossen hatte, die jeden Verbesse-
rungsversuch verhindern oder verzögern und damit ein
ständiges Sinken der Gewinne herbeiführen konnten. Mit
dem Sinken der Dividenden fielen auch die Aktien im Kurse.
Die wechselnden Gruppen der KEisenbahnunternehmer
waren von den Börsenmanipulationen zu sehr in Anspruch
genommen, um den Betrieb geordnet durchzuführen. Es
machte ihnen nichts aus, daß diese Nachlässigkeit häufig
erschütternde Katastrophen herbeiführte; sie waren gesetz-
lich für den Verlust an Menschenleben nicht verantwort-
lich. Tatsächlich waren die Eisenbahnkatastrophen häufig
für ihr Bestreben, die Aktien zu entwerten, von Nutzen.

1) Bericht der Spezialkommission für Eisenbahnen im Repräsentantenhaus des
Staates New York, 1879, Bd. ı, 5. 7.
        <pb n="336" />
        Diese Behauptung klingt zwar unglaublich, ist aber durch
die Tatsachen völlig bewiesen.

Vanderbilt bekommt eine Eisenbahn

Nachdem es Vanderbilt durch mancherlei Manipulatio-
nen, die zu verwickelt sind, um hier geschildert zu werden,
gelungen war, einen Kurssturz der Aktien der New York- und
Harlem-Eisenbahn herbeizuführen und die Majorität der-
selben anzukaufen, begannen die Preise zu steigen. Mitte
April 1863 kostete eine Aktie 50 Dollar. Die Steigerung von
9 Dollar auf 50 Dollar war recht erheblich; augenscheinlich
hatte er zur Herbeiführung dieser Steigerung einige Trans-
aktionen unternommen, welche den Nutzen der Linie un-
geheuer erhöht hatten. Welcher Art waren diese Trans-
aktionen?

Allerlei dunkle Gerüchte waren über die Dinge im Umlauf,
die der Abend des 21. April 1863 enthüllte. Er hatte den
Gemeinderat der Stadt New York bestochen, der New York-
und Harlem-FEisenbahn eine dauernde Konzession für eine
Straßenbahn von der Battery zum Union Square den Broad-
way entlang zu erteilen. Er hatte getan, was Salomon
Kipp und andere 1852 getan hatten, als sie 50 000 Dollar
unter die Stadträte verteilten, um die Konzession zur An-
legung der Niveaubahnen in der 6. und 8. Avenue zu er-
halten*); was Elijah F. Purdy und andere im selben Jahr getan
hatten, indem sie die Stadträte mit 28 000 Dollar bestachen,
um die Konzession für eine Niveaubahn in der 3. Avenue zu
erhalten‘); was George Law und andere Kapitalisten 1852
getan hatten, indem sie die Stadträte durch Bestechung
veranlaßten, ihnen Pferdebahnlinien in der 2. und 9. Avenue
zu konzessionieren. Erst 1860 hatte Vanderbilt mit ange-
sehen, wie Jacob Sharp und andere bei der New Yorker
Legislatur (die im selben Jahre ein Gesetz erlassen hatte,
das den New Yorker Gemeinderat des Rechtes beraubte,
Konzessionen zu erteilen) durch Bestechung durchsetzten,

1) Vgl. Darlegung der Grand Jury vom 26. 2. 18 53 und die beigefügten Zeugen-
aussagen, Documents of the (New York) Board of Aldermen No. XXI, Teilz, No, 55.
2) Aa. O., S. 1333—1335.
        <pb n="337" />
        — 292 —
daß sie die Konzession für Pferdebahnlinien in der 7. und
10. Avenue, in der 42. Straße, in der Avenue D und für die
„Belt“-Linie erhielten. Es wurde allgemein angenommen,
daß die Durchsetzung dieser fünf Erlasse die Unternehmer
250 000 Dollar in bar und in Aktien gekostet habe, die
unter die käuflichen Mitglieder der Legislatur verteilt wor-
den seien!).

Von allen New Yorker Straßenbahnen wurde die Broadway-
Linie als die rentabelste angesehen. Ihre momentanen und
künftigen Chancen wurden so hoch bewertet, daß 1852
Thomas E. Davies und seine Kompagnons sich als Ver-
zütung für die Konzession erboten hatten, die Passagiere
für eine Taxe von drei Cent zu befördern und der Stadt eine
Tantieme von ı Million Dollar zu zahlen. Andere unter-
nehmungslustige Kapitalisten beeilten sich, der Stadt eine
dauernde Vergütung von 100000 Dollar jährlich anzu-
bieten. Ähnliche nutzlose Versuche, die Konzession zu be-
kommen, wurden Jahr für Jahr gemacht. «Die reichen
Anwohner des Broadways widersetzten sich einer Pferde-
bahnlinie, da sie annahmen, sie würde ihnen nur Lärm
und Unbequemlichkeit verursachen; ebenso opponierten
die Droschkenkutscher, die sich ihr Monopol erhalten woll-
ten. 1863 wurde der Wert der Broadway-Konzession an sich
auf rund 10 Millionen Dollar geschätzt. Um die Konzession
bewarben sich jetzt Vanderbilt und George Law. Während
Vanderbilt den Gemeinderat bestach, bestach Law die
Staatsgesetzgebung?). Eine derartige Konkurrenz seitens der
Kapitalisten bei der Bestechung öffentlicher Körper-
schaften war sehr häufig.

Überlistung der Stadträte
Aber die Stadträte waren in den üblichen Handels-
praktiken keineswegs unerfahren. Sie entwarfen einen Plan,
&amp;)) Vel. „The History of Public Franchises in New York City“, S. 120—125,

?) Die geschäftliche Rivalität zwischen Vanderbilt und Law wurde verstärkt
durch eine heftige persönliche Feindschaft auf seiten Laws. Als einer der Haupt-
:igentümer der United States Mail Steamship Company war Law äußerst erbittert
Jarüber, daß es Vanderbilt gelingen konnte, von ihm und Roberts so große Summen
Zu erpressen,
        <pb n="338" />
        203 —
wie sie Vanderbilts Bestechungsgelder annehmen und ihn
dann um noch größere Beträge plündern könnten. Sie
wußten, daß, selbst wenn sie ihm die Konzession gäben, sie
von den Gerichten nicht anerkannt werden würde. Die
Staatslegislatur nahm das alleinige Recht der Konzessions-
erteilung für sich in Anspruch, und scharfsinnige Juristen
versicherten, daß sie hiervon auch nicht abgehen würde. Die
Stadträte beschlossen nun, der New York- und Harlem-
Eisenbahn die Broadway-Konzession zu erteilen. Eine plötz-
liche Kurssteigerung der Aktien würde die Folge sein. Die
Legislatur nun würde sicher Law die Konzession für die
gleiche Linie erteilen. Wenn die Gerichte gegen den
Gemeinderat entschieden, wollte dieser ‚voll Devotion‘
ohne weiteres die erteilte Konzession widerrufen. In der
Zwischenzeit wollten die Stadträte und die mit ihnen ver-
bündeten Politiker und Bankiers Verkaufsverträge über
große Mengen der New York- und Harlem-Aktien ab-
schließen.

Die Methode war einfach. Wenn diese Eisenbahnaktien
mit 100 Dollar pro Stück in Hinblick auf die Broadway-
Konzession verkauft wurden, würden die Stadträte sicher
sehr viel Leute finden, die sich verpflichteten, bei ihrer Lie-
ferung in einem Monat einen Preis von vielleicht 9o Dollar
pro Aktie zu zahlen. Durch den Widerruf der Konzessions-
erteilung oder infolge der ungünstigen gerichtlichen Ent-
scheidungen würden die Aktien zweifellos ganz erheblich
sinken. Zu diesem niedrigen Preise wollten die Stadträte
und ihre Bundesgenossen die Aktien kaufen und dann die
Vertragskontrahenten zwingen, den verabredeten Preis von
90 Dollar pro Aktie zu zahlen. Der Unterschied zwischen
diesem Verkaufspreis und dem wirklichen Kurswert — 30,
40 oder 50 Dollar pro Aktie — sollte den Gewinn ausmachen.

Zum Teil glückte dieser Plan glänzend. Die Legislatur
erließ eine Verfügung, welche Law die Konzession zubilligte.
Vanderbilt beabsichtigte, durch Bestechung Tweeds, des
allmächtigen politischen Beherrschers der Stadt und des
Staates New York, dessen rechte Hand, den Gouverneur
Seymour, zu veranlassen, diese Verfügung aufzuheben. Wie
die Stadträte vorausgesehen hatten, ging die gerichtliche
        <pb n="339" />
        Entscheidung dahin, daß der Gemeinderat zu einer Kon-
zessionserteilung nicht berechtigt sei. Folglich war Vander-
bilts Konzession null und nichtig. Bis dahin wies der Raub-
zug gegen Vanderbilt keine Lücke auf.

Aber ein unvorhergesehenes Hindernis entstand. Vander-
bilt hatte irgendwie Wind von der Sache bekommen und
kaufte mit ungeheurer Energie sofort alle ihm irgend erreich-
baren Aktien der New York- und Harlem-Eisenbahn auf.
Er hatte Geld genug flüssig, um es zu können. So bekam er
genug Aktien zusammen, um seine Gegner schmählich zu
schlagen. Er setzte nun selbst den Kurs fest, und zwar auf
170 Dollar pro Aktie. Um die Aktien zu bekommen, zu
deren Verkauf sie sich kontraktlich verpflichtet hatten,
mußten die Politiker, Bankiers und Makler sie von ihm zu
dem von ihm festgesetzten Preise kaufen; es waren sonst
nirgends Aktien zu haben. Der alte Mann war mitleidlos;
er nahm ihnen pro Aktie 170 Dollar ab. Croffut sagt hier-
über: „In diesem Börsenmanöver nahmen Vanderbilt und
seine Partner dem Gemeinderat eine Million Dollar ab
und anderen Persönlichkeiten weitere Millionen‘“1),

Die New York- und Harlem-Eisenbahn gehörte jetzt ihm,
fast so ausschließlich wie die Kleider, die er trug. Es machte
wenig aus, daß er nicht alle Aktien besaß; die Majorität, die
er hatte, war groß genug, um die Eisenbahn so despotisch zu
verwalten, wie er nur wollte. Keinen Fuß breit davon hatte
er geplant oder erbaut; dies Werk war durch. die geistige
und physische Arbeit von Tausenden von Tagelöhnern ge-
leistet worden, die auch nicht im geringsten daran beteiligt
waren. Für all ihre Mühe ernteten diese Tagelöhner nichts

als Armut. Vanderbilt aber hatte sich eine Eisenbahnlinie
angeeignet, indem er nur rücksichtslos und listig ein paar
von den Millionen verausgabte, welche er dem National-
vermögen entwendet hatte.

V’anderbilt beschlagnahmt eine zweite Kisenbahn
Da ihm die Erlangung der einen Eisenbahn so leicht ge-
worden war, ging er sofort ans Werk, weitere in seinen Besitz
1) „The Vanderbilts“ etc., 5. 75.
        <pb n="340" />
        zu bekommen. 1864 wurde er Eigentümer der Mehrheit der
Aktien der New York- und Hudson River-Eisenbahn.
Diese Linie fuhr am Hudson entlang und endete im unteren
Teile der Stadt New York. In gewisser Weise machte sie der
New York- und Harlem-Eisenbahn Konkurrenz.

Jetzt kam dem alten Magnaten ein hervorragender Ge-
danke. Warum sollte er diese beiden Eisenbahnen nicht
verschmelzen ? Allerdings war dafür die Genehmigung der
New Yorker Legislatur nötig. Doch diese mußte unschwer
zu erlangen sein. Vanderbilt kannte die Mittel gut, sich
seinen Weg zu bahnen. In jenen Jahren, als das Volk die
Konkurrenz als unerläßlich anzusehen gelernt hatte, be-
stand eine allgemeine lebhafte Opposition gegen Konsoli-
dierungen. Man befürchtete, daß hierdurch Monopole ent-
ständen.

Die Kosten für die Bestechung der Gesetzgeber, eine
Verfügung so allgemein aufreizenden Charakters zu er-
lassen, würden erheblich sein, aber immerhin würde es sich
im Vergleich mit den ungeheuren Gewinnen, die er erzielen
würde, um eine Kleinigkeit handeln. Die Konsolidierung
würde ihm auch erlauben, das Aktienkapital der vereinigten
Bahnen höher anzusetzen. Obwohl er in Wirklichkeit Besitzer
der beiden Eisenbahnen war, stellten diese gesetzlich zwei
getrennte Begriffe dar. Als Besitzer der einen Linie konnte
er mit sich selbst als dem Eigentümer der andern unter-
handeln und den Kaufpreis bestimmen. So konnte er durch
eine Schiebung ungeheure Mengen Aktien und Obligationen
an sich bringen, die ihn persönlich keinen Pfennig kosteten.
Die einzige Ausgabe, die Bestechungsgelder und die Emis-
sionskosten, legte er seinen Gesellschaften zur Last. Wenn
die Tarife erhöht und die Löhne herabgesetzt würden,
konnte für alle Aktien eine Dividende bezahlt und damit ihr
dauernder Wert außer allen Zweifel gestellt werden.

List gegen List
Die Mehrheit des New Yorker Parlaments war gekauft.
Es hatte den Anschein, als würde der Konsolidierungsantrag
ohne Schwierigkeit durchgehen. In aller Stille aber taten
        <pb n="341" />
        — 206 —
sich gewisse führende Mitglieder der Legislatur mit den

Wallstreet-Gegnern Vanderbilts zusammen, um den Trick

zu wiederholen, den 1863 die New Yorker Stadträte ver-

sucht hatten, Der Gesetzentwurf sollte vorgelegt und gün-
stig besprochen werden; nach außen hin sollte der Schein
gewahrt werden, daß sie Vanderbilts Partei nähmen; darauf-

hin würde der Aktienkurs steigen. Sie planten, dann im

letzten Moment das Gesetz irgendwie zum Scheitern zu

&gt;ringen und inzwischen in Baisse zu spekulieren.

Vanderbilt wurde rechtzeitig von dieser Verräterei unter-
cichtet. Er rächte sich dafür genau so wie an den Stadträten,
trieb den Kurs der New York- und Harlem-Aktien auf 285
Dollar und hielt ihn in dieser Höhe, bis alles arrangiert war.
Zusammen mit seinem Hauptpartner John Tobin soll er
viele Millionen dabei eingeheimst haben.

Als Vanderbilt zwei Eisenbahnen besaß, ging er auf Er-
veutung der dritten aus, und zwar der New Yorker Zen-
:;Taleisenbahn, einer der reichsten des Landes,

Vanderbilts Lobredner, die ihn als einen vorbildlichen Or-
zanisator hinstellen, behaupten, daß er als erster die Nutz-
losigkeit der Konkurrenz erkannt und die New Yorker Zen-
traleisenbahn aus getrennten, untereinander nicht in Ver-
bindung stehenden kleinen Eisenbahnen geschaffen habe.
Das ist ein großer Irrtum.

Diese Konsolidierung fand schon 1853 statt, als Vander-
bilt aus dem Staatsschatz der Vereinigten Staaten die Millio-
nen erbeutete, mit denen er neun Jahre später Eisenbahnen
zu kaufen begann. Die New Yorker Zentraleisenbahn ent-
stand durch Verschmelzung vom zehn kleinen Eisenbahnen,
die auf der Strecke zwischen Albany und Buffalo ver-
kehrten, und weiteren projektierten Bahnen, die jedoch be-
reits finanziert waren.

Die Baukosten für die elf Linien beliefen sich auf 10 Mil-
lionen Dollar, sie wurden aber mit 23 Millionen Dollar
kapitalisiert. Bei der Konsolidierung im Jahre 1853 wurde
das Kapital auf 35 Millionen Dollar erhöht. Dieses Schein-
kapital basierte zum "Teil auf Linien, die überhaupt noch
nicht gebaut waren und nur auf dem Papier existierten. Nun
wurde eine Reihe gesetzlicher Verfügungen erlassen, die
        <pb n="342" />
        297
der Gesellschaft weitere wertvolle Privilegien gewährte
und ihr die Erhebung von Wuchertarifen, Erhöhung des
Aktienkapitals und Steuerhinterziehungen ermöglichte,
Auf welche Art diese Verfügungen durchgesetzt wurden,
läßt sich aus der Aussage des Schatzmeisters der New Yorker
Zentraleisenbahn vor einer staatlichen Kommission beur-
teilen. Dieser Beamte gab an, daß die New Yorker Zentral-
eisenbahn von 1853 bis 1867 Hunderttausende für „Legis-
laturzwecke‘“ ausgegeben habe — mit anderen Worten für
die Erkaufung der Gesetze in Albany.

Erwerb durch Ruinierung
Vanderbilt hielt es für unnötig, die Aktien der New Yorker
Zentraleisenbahn zu kaufen, um die Bahn in die Hände zu
bekommen. Er hatte einen viel besseren und schlaueren Plan.
Die Hudson River-Eisenbahn war damals die einzige durch-
gehende Linie von New York nach Albany. Die Passa-
giere und Frachtgüter der New Yorker Zentraleisenbahn, die
nach New York befördert werden sollten, mußten in Albany
den Zug wechseln. Vanderbilt begann jetzt planmäßig
die New Yorker Zentraleisenbahn zu ruinieren. Er erließ
1865 an alle Beamten der Hudson River-Eisenbahn den
Befehl, die Verbindung mit der New Yorker Zentraleisen-
bahn abzubrechen und keine weitere Fracht anzunehmen.

Die Hudson River-Züge, die nordwärts fuhren, kreuzten
den Hudson nicht mehr; sie hielten eine halbe Meile östlich
von der Brücke an, die in die Stadt Albany führte. Dadurch
wurde es unmöglich, die Fracht umzuladen. Die Züge
wurden des Nachts eigenmächtig angehalten, die Lokomotiv-
feuer ausgelöscht, und die Passagiere mußten sich, so gut sie
konnten, nach Albany begeben, zu Fuß oder zu Wagen.
Sie wurden sämtlich aus dem Zuge ausgesetzt — Männer,
Frauen und Kinder —, auf Geschlecht und Gesundheit
wurde keine Rücksicht genommen.

:. Die Legislatur gab sich den Anschein, als solle diese ab-
scheuliche Gewalttätigkeit, wie sie von der öffentlichen
Meinung bezeichnet wurde, näher untersucht werden.
Vanderbilt begegnete dieser Untersuchungskommission mit
        <pb n="343" />
        — 208 —
unverhohlener Verachtung. Als er gefragt wurde, warum er
so eigenmächtig seine Züge verhindert habe, über den Fluß
zu fahren, lächelte der alte Fuchs grimmig und zeigte ihnen
zu ihrer äußersten Überraschung ein altes Gesetz (das bis
dahin ein toter Buchstabe gewesen war), das der Hudson
River-Eisenbahn verbot, über den Hudson hinüberzu-
fahren. Dies Gesetz war auf eine Anregung der New
Yorker Zentraleisenbahn zurückzuführen, die westlich von
Albany keinen Konkurrenten haben wollte. Als die Kom-
mission sich von ihrem Staunen erholt hatte, fragte ihr
Vorsitzender schüchtern, warum Vanderbilt die Züge nicht
bis an den Fluß habe gehen lassen.

„Ich war nicht da, meine Herren“, sagte Vanderbilt,

„Aber was taten Sie, als Sie es erfuhren ?“

„Nichts.“

„Warum nicht? Wo waren Sie?“

„Ich war zu Hause, meine Herren,“ antwortete Vander-
5ilt in aller Seelenruhe, „und spielte eine Partie Whist, und
wenn ich Whist spiele, lasse ich mich von nichts stören.
Dabei ist, wie Sie wissen, ungeteilte Aufmerksamkeit nötig.“

Wie Vanderbilt vorausgesehen hatte, fielen die Aktien der
New Yorker Zentraleisenbahn rapid; als sie nicht tiefer fallen
konnten, kaufte er große Mengen davon auf. Seine Gegner,
Edward Cunard, John Jacob Astor, John Steward und
andere Aktionäre der New Yorker Zentraleisenbahn, sahen auf
diese Weise das Direktorium ihren Händen entwunden. Mit
ihnen geschah das gleiche, was sie gegen die Pruyns, Martins,
Pages und andere ins Werk gesetzt hatten. Sie fanden in
diesem 73jährigen Manne einen Gegner, der zu schlau und
zu machtvoll war, um ihn vernichten zu können. Um nicht
alles zu verlieren, zogen sie es vor, ihn zum Direktor zu
wählen; ihm waren Fähigkeiten eigen, gegen die sie nicht
aufkommen konnten und denen sie sich unterwerfen mußten.
Am 12. November 1867 ergaben sie sich gänzlich und
bedingungslos. Vanderbilt berief jetzt seinen eigenen Stab
von Direktoren und nahm einen neuen Raubzug in Angriff,
gegen den alle bisherigen verhältnismäßig unbedeutend
waren.
        <pb n="344" />
        Fünftes Kapitel

DAS VANDERBILTSCHE VERMÖGEN VERVIELFACHT
SICH

V anderbiles Ehrgeiz war, der reichste Mann Amerikas zu
werden. Im Besitz von drei Eisenbahnen, suchte er
sich nun der vierten zu bemächtigen — der Erie-Eisenbahn.
Dies war ebenfalls eine von den Bahnen, die größtenteils mit
staatlichem Gelde gebaut waren. Der Staat New York hatte
3 Millionen Dollar beigesteuert, und auch sonst waren wert-
volle Unterstützungen gewährt worden.

Gleich im Anfang begann die Bestechung!). Die Ge-
werbetreibenden, Grundbesitzer und Bankiers, welche die
Gesellschaft bildeten, bestachen die Legislatur, die staatliche
Beteiligung abzulösen, und dann plünderten sie die Eisen-
bahn so gründlich, daß sie, um den Bankrott zu ver-
hüten, von Daniel Drew Geld borgen mußten. Dieser Mann
war seinerzeit eine hervorragende finanzielle Persönlichkeit.
Ohne Schulbildung, gewissenlos, charakteristisch gerade
durch seine Schlechtigkeiten, war er früher Viehtreiber ge-
wesen und hatte dann mit Vanderbilt zusammen das Dampf-
schiffgeschäft angefangen. Er hatte seinen Reichtum teil-
weise durch diese Dampferlinie zusammengescharrt, teil-
weise auch durch allerhand betrügerische Manipulationen.
Da ihm sein Darlehn nicht zurückgezahlt wurde, entschä-
digte er sich, indem er 1857 die Verwaltung der Erie-Eisen-
bahn übernahm.

In den nächsten neun Jahren dirigierte er die Aktien nach
seinem Belieben und trieb die Kurse hinauf oder hinunter,
wie es für seine Börsenmanöver paßte. Die Eisenbahn wurde
so heruntergewirtschaftet, daß eine Fahrt mit ihr eine Ge-
fahr bedeutete; eine Katastrophe folgte der andern. Drew
setzte seine Aktienmanipulationen fort und kümmerte sich
nicht um den Zustand der Bahn. Niemals wurde ihm auch
nur die Ungelegenheit bereitet, von öffentlichen Behörden

1) Bericht der New York und Erie Eisenbahngesellschaft, New York State
Assembly Document, No. 50, 1842.
        <pb n="345" />
        befragt zu werden. Im Gegenteil wurden sein Prestige und
seine Macht um so größer und seine Stellung um so glänzen-
der, je mehr Millionen er zusammenbrachte. Die herr-
schende Gesellschaft, die nur von Geldwerten beeinflußt
wurde, begrüßte ihn als einen erfolgreichen Mann, der seine
Millionen besaß, und sie stellte keine neugierigen Nach-
forschungen an, wie er in ihren Besitz gekommen war. Er
war ein unantastbarer Mann; seine Schurkereien wurden
als große Geschicklichkeit, seine gemeinen Intrigen als
bewundernswerte Weisheit angesehen.

Gould ‚betrügt Vanderbilt
Vanderbilt beschloß, Drew die Erie-Eisenbahn zu ent-
winden. Nachdem er heimlich ihre Aktien aufgekauft hatte,
war er 1866 in der Lage, seine Absichten auszuführen. Er
setzte Drew und seine Direktoren ab; da er aber Drews Ver-
wendbarkeit erkannte, stellte er ihn wieder an unter der Be-
dingung, einzig für die Vanderbiltschen Interessen zu arbei-
ten. Daraufhin stellte Drew als Mitdirektoren zwei junge,
damals unbekannte Leute an, von denen die Welt viel hören
sollte — James Fisk jr. und Jay Gould. Das Nähere darüber,
wie diese Männer sich gegen. Vanderbilt verbündeten, wie
sie ihn bei jeder Gelegenheit betrogen und überlisteten,
sich. als aller Ränke Meister zeigten, ihm große Mengen ge-
fälschter Aktien verkauften, ihn in den Bestechungskünsten
äbertrafen, mehr als 50 Millionen Dollar unterschlugen und
— Gould wenigstens — den Hauptraub behielten, findet
sich in dem Kapitel über das Gouldsche Vermögen, wo von
Goulds Laufbahn in Zusammenhang mit der Erie-Fisen-
bahn die Rede ist.

Getäuscht in seinem eifrigen Bestreben, die Eisenbahn in
seine Oberhoheit zu bekommen — wodurch er viele Millio-
nen Dollar verdient hätte, indem er das Aktienkapital auf
betrügerische Art erhöhte und dann das Parlament bestach,
wie Gould es tat —, setzte Vanderbilt unverzüglich einen
Plan in Szene, der ihm 44 Millionen Dollar abwarf, wovon
der größere Teil seinem Vermögen zufloß.

Das Jahr 1868 wurde ein besonders tatenreiches für
        <pb n="346" />
        301 —
Vanderbilt. Er steckte in einem verzweifelten Kampf mit
Gould. Vergebens streuten seine Agenten und Unter-
händler Unsummen aus, um genügend Stimmen für die
Hintertreibung des Gesetzes zu kaufen, durch das Goulds
betrügerische Aktienemission legalisiert werden sollte. Die
Mitglieder der Legislatur ließen sich gleichmütig von beiden
Parteien das Geld zustecken. Gould erschien persönlich in
Albany mit 500 000 Dollar in Banknoten, die im Umsehen
verteilt waren. Ein Senator bekam, wie durch eine Unter-
suchungskommission. festgestellt wurde, von Vanderbilt
75 000 Dollar und von Gould 10 000 Dollar, behielt beide
Summen und stimmte mit der Gouldschen Mehrheit. Erst
nach vielen strafrechtlichen und Zivilklagen, die Vanderbilt
anstrengte, erreichte der alte Mann, daß Gould und seine
Komplicen verurteilt wurden, ihn für die gefälschten Aktien
zu entschädigen. Die besten Bedingungen, die er erreichen
konnte, waren ein unbefriedigendes Arrangement, bei dem
er noch immer mehr als zwei Millionen verlor. Niemals war
dieser alte Gauner überlistet worden; sein ganzes Leben lang,
außer bei einer Gelegenheit?), hatte er mit seinen Betrüge-
reien Glück gehabt; aber dem gewandten, ebenso schlauen,
korrupten und reichen Gould war er nicht gewachsen. Van-
derbilt brauchte einige Zeit, um das einzusehen, und erst
nach mehreren kostspieligen Erfahrungen mit Gould ge-
stand er sich ein, daß er nicht hoffen konnte, Gould zu be-
siegen.

Eine neue Konsolidierung geplant
Vanderbilt entschädigte sich aber schnell und reichlich
für die Verluste, die er in seinem Eriemanöver erlitten hatte.
Warum, dachte er, nicht die New Yorker Zentral- und die
Hudson River-Eisenbahn in eine Gesellschaft verschmelzen
and daraufhin das Aktienkapital erheblich steigern?

Die Zeit war reif für eine neue Belastung der Arbeit jener
Generation und der folgenden. Die Bevölkerung wuchs un-

Ai 1) Im Jahre 1837, als er einem Unternehmer, der die Post zwischen Washington
und Richmond befördern wollte, ein Betriebskapital vorgeschossen und sich eine
Sicherheit hatte geben lassen, die sich als wertlos erwies.
        <pb n="347" />
        geheuer und damit der Verkehr. Jahrelang hatte die New
Yorker Zentraleisenbahn eine Dividende von 8% gezahlt.
Aber dies war nur ein Teil der Gewinne. 1850 war ein Gesetz
erlassen, welches das Parlament ermächtigte, einzuschreiten,
wenn die Dividende mehr als 10% betragen würde, und zu
bestimmen, was mit dem Überschuß geschehen solle. Dies
Gesetz hatte nur den Zweck, die Bevölkerung der Vereinig-
ten Staaten zu täuschen und sie glauben zu machen, daß
sie eine Entschädigung bekäme für die großen Subventio-
nen, die aus Staatsmitteln der Bahn bewilligt worden
waren. Zu einer solchen Entschädigung kam es aber nicht.
Vanderbilt und die verschiedenen Unternehmergruppen
vor ihm hatten diese Klausel geschickt umgangen. Die
Gewinne der New Vorker Zentraleisenbahn waren weit
höher als 8%; durch Betrügereien und Meineide aber ge-
lang es den Direktoren, die Summen zu behalten, die eigent-
lich an den Staat hätten fallen müssen. Alljährlich stellten
sie eine falsche Bilanz über Einnahmen und Ausgaben auf,
die sie den Staatsbeamten unterbreiteten; sie behaupteten,
daß sie alljährlich Millionen für Bauarbeiten ausgäben,
Arbeiten, die in Wirklichkeit überhaupt nicht ausgeführt
wurden?!). Unter diesem Vorwand, dessen sich später viele
Eisenbahngesellschaften und andere Korporationen mit Vor-
liebe bedienten, ließen sie das Geld in ihre Tasche fließen.

Trotzdem dies Gesetz nie in Kraft getreten war, bildete
es doch ein Hindernis für Vanderbilts Pläne. Ebenso ein
anderes, das der New Yorker Zentral- und der Hudson River-
Eisenbahn eine Vergrößerung ihres Aktienkapitals verbot.
Um zu begreifen, warum dies Gesetz erlassen wurde, muß
daran erinnert werden, daß die Mittelklasse stets durch die
Macht des Gesetzes die zu starke Entwicklung der Gesell-
schaften zu verhindern suchte, weil sie mit Recht befürch-
tete, die Gesellschaften würden schließlich sie, ihr Ver-
mögen und ihre Bedeutung untergraben. Sie wußten, was
jede neue Aktienemission zu bedeuten hatte: daß nämlich
entweder die gegenwärtigen hohen Frachtsätze beibehalten
oder noch mehr erhöht würden.
1) Vgl. Report of New York Special Assembly Committee on Railroads, 1879
Bd, 4, S. 3804.
        <pb n="348" />
        Aufruhr unter der gewerbetreibenden Klasse
Vanderbilt sah die Opposition der verschiedenen Gruppen
dieser Klasse voraus. Er war völlig im klaren darüber, daß
in dem Moment, wo er mit einer Konsolidierungsidee an die
Öffentlichkeit trat, überall die Handelsvertretungen gegen
ihn Front machen, Anschuldigungen gegen ihn erheben,
Massenversammlungen einberufen, die Unerläßlichkeit der
Eisenbahnkonkurrenz betonen und Abgeordnete an den
Kongreß schicken würden. Mögen sie toben, sagte Vander-
bilt gleichmütig. Während sie ihre Wut in Reden ausließen,
würde er in Albany eine Menge schweigender Argumente
in Gestalt von Geld konzentrieren und sich die nötige
Stimmenzahl sichern; das war seine ganze Sorge.

Nun spielte sich eine der vielen Komödien ab, die dem
Beobachter parlamentarischer Vorgänge vertraut sind. Es
war amüsant, mit anzusehen, wie Abordnungen sich nach
Albany begaben und umfangreiche Schriftstücke über-
reichten, welche die Parlamentarier überhaupt nicht lasen,
und mit ungeheurer Wichtigkeit den bereits bestochenen
Kommissionen stundenlange Vorträge hielten. Es war zu
Tweeds Zeiten, als die öffentlichen Geldmittel der Stadt
und des Staates New York in großem Maßstabe von den
herrschenden „Politikern“ geplündert wurden und weit
mehr noch durch die kommerziellen Klassen, die T'weed und
Genossen zu neuen Raubzügen animierten.

Ein legalisierter Diebstahl von 44 Millionen Dollar
Ein Gesetz nach dem anderen wurde von Vanderbilt 1868
und 1869 in der Staatslegislatur durchgesetzt. Am 20. Mai
1869gerhielt er durch einen einzigen Erlaß das Recht, die Eisen-
bahnen zu verschmelzen, ferner eine kostenlose Konzession
und andere Privilegien, die Hunderte von Millionen wert
waren; auch das Aktienkapital durfte er ungeheuer erhöhen.

Die Druckereien mußten Überstunden machen, um die
neu ausgegebenen Aktien im Betrage von 44. Millionen Dollar
herzustellen. Das Aktienkapital der beiden Bahnlinien
wurde also verdoppelt. Obwohl Vanderbilt behauptete,
        <pb n="349" />
        2304 —
daß die konsolidierten Eisenbahnen einen großen Überschuß
hätten, ließ er diesen nicht zur Verteilung kommen, sondern
gab neue Aktien den Aktionären als Prämie. Die Erzählung
von dem Überschuß war natürlich nur ein Vorwand, aber
jede Aktie von 100 Dollar wurde daraufhin gegen ein Zerti-
fikat, auf 180 Dollar lautend, ausgetauscht: auf je 100 Dollar
srbeutete man also 80 Dollar 2).

Trotzdem wurde gar nicht einmal der Versuch gemacht,
Vanderbilt strafrechtlich zu verfolgen; es wäre ja auch doch
nur eine Farce daraus geworden, weil die Gerichte, welche
die kleinen Gesetzesübertreter gar nicht schnell genug ins
Gefängnis stecken konnten, mit zu der politischen Maschi-
nerie gehörten, die in Dienst und Sold der großen Verbrecher
stand.
„Die ganzen 44 Millionen Dollar,“ führt Simon Sterne,
zin bekannter Jurist, aus, der 1879 die ganze Sache aufdeckte,
„repräsentierten nicht mehr Arbeit, als die Drucklegung
der Aktien erforderte.“ Der geheime und offenkundige Ge-
winn der konsolidierten Eisenbahnen war so groß, daß der
Kurs 1869 von 75 Dollar pro Aktie auf 120 und dann auf
z00 Dollar stieg.

Und Vanderbilts Anteil an diesen 44. Millionen Dollar?
Sein Chronist, Croffut, der diese Transaktion beschönigend
schildert, entwirft folgenden Bericht von dem freudigen
Ereignis: „Eines Abends, um Mitternacht, holte er (Cor-
nelius Vanderbilt) aus dem Büro Horace F. Clarks, seines
Schwiegersohns, 6 Millionen Dollar in Banknoten als seinen
Anteil an dem Gewinn ab, außerdem hatte er noch neue
Aktien im Werte von 20 Millionen Dollar“2).

Durch diesen Coup verdoppelte Vanderbilt seinen bis-
herigen Reichtum ungefähr. Kaum hatten sich die merkan-
tilen Interessen von der Bestürzung über ihre Niederlage

X) Report of Assembly Committee on Railroads, Aussage Alexander Robert-
sons, eines Sachverständigen, 1879, Bd. 1, 5. 994-—999.

?) „The Vanderbilts‘“, S. 103. In einer Fußnote erzählt Croffut folgende
Anekdote: Als zuerst das Porträt Vanderbilts auf den Anteilscheinen erschien,
besuchte ihn eines Tages ein Aktionär und sagte: „Ich freue mich, Ihr Bild auf den
Anteilscheinen zu sehen. Es ist 10 Prozent wert. Es flößt jedermann Vertrauen ein.“
Vanderbilt lächelte grimmig — die einzige Erwiderung, die er für Komplimente
hatte. „Denn,“ fuhr der Besucher fort, „wenn wir dies schöne, vornehme Gesicht
schen, so denken wir, daß Sie nie einen anderen zum Stehlen kommen lassen werden.“
        <pb n="350" />
        — 305 —
erholt, als Vanderbilt triumphierend neue Eisenbahnen
seinem Besitz einverleibte.

Die Erwerbung ging jetzt schon mit fast automatischer
Leichtigkeit von statten.

Ankauf weiterer Bahnlinien
Die Druckerschwärze auf den 44 Millionen Dollar war
kaum trocken geworden, als er schon einen Teil davon
benutzte, um die Majorität der Aktien der Lake Shore-
Eisenbahn, einer Konkurrenzlinie, aufzukaufen. Auf die
gleiche Weise bemächtigte er sich der Canada Süd- und der
Michigan-Zentralbahn.

In einem Staat nach dem anderen setzte er die Aufhebung
alter Gesetze oder den Erlaß neuer durch, bis er die Voll-
macht hatte, verschiedene Bahnlinien, die er zwischen
Buffalo und Chikago erworben, in eine Strecke von
etwa 1300 Meilen Länge zu verschmelzen. Die kommer-
ziellen Klassen waren entsetzt über den Gedanken, eine so
ungeheure Bahnstrecke — damals hielt man sie für unge-
heuer — in den Händen eines kühnen, sieggewohnten Man-
nes vereinigt zu sehen, der die Macht hatte, einen beliebigen
Tribut zu erzwingen. Wieder setzte Vanderbilt die Drucke-
reien in Nahrung, und weitere Millionen Aktien, alles
fiktives Kapital, kamen zu dem bereits stark erhöhten Ka-
pital der Lake Shore- und der Michigan Southern-Eisen-
bahngesellschaft hinzu. Von dem ganzen Aktienkapital
von 62 Millionen Dollar im Jahre 1871 basierte die eine ganze
Hälfte nur auf der Gewißheit, durch Erhebung einer hohen
Fracht- und Passagiertaxe gute Dividenden dafür zahlen zu
können. Bald darauf wurde der Betrag auf 73 Millionen
Dollar erhöht, doch wurde auch dies Kapital in der Folge
noch gesteigert.

Vanderbilt hatte jetzt ein vollständiges Eisenbahnsystem
von New York nach Chikago mit ausgedehnten Zweig-
bahnen. An dieser Stelle müssen wir eine sonderbare An-
erkennung seiner Methode erwähnen, die aus jener Zeit
in unsere übernommen ist. Freilich gaben seine Bewun-
derer damals — wie auch heute — zu, daß Vanderbilt bei der

70)
        <pb n="351" />
        206 —
Erwerbung seines Besitzes nicht allzu wählerisch zu Werke
ging. Dafür sind aber, wie sie hervorheben, die Verbesse-
rungen zu beachten, die er bei den Eisenbahnen einführte,
die in seinen Besitz kamen; die Erneuerung der Bahndämme,
die Anschaffung neuer Lokomotiven und Wagen, der Ab-
bruch der alten, abgenutzten Bahnhöfe. Dies Lob ist.ihm
und seinen Methoden gespendet worden,

Wenn man aber der Sache auf den Grund geht, findet man,
daß dies schmeichelhafte Bild, wie alle ähnlichen, sinnreich
gefälscht ist. Tatsächlich wurden diese Verbesserungen nicht
in erster Linie mit Rücksicht auf die Bequemlichkeit des
Publikums vorgenommen, sondern aus zwei ganz anderen
Gründen. Zunächst erwog man, daß, wenn die Dividenden
für das ungeheure Aktienkapital bezahlt werden sollten,
die Bahn natürlich in einen Zustand gebracht werden
mußte, der sie befähigte, die nach Chikago verkehrenden
Konkurrenzlinien auszustechen. Zweitens waren die Ent-
schädigungsansprüche bei Eisenbahnunfällen, die durch un-
genügende Sicherheitsmaßregeln und schlechtes Material
entstanden, so groß, daß es auf die Dauer billiger wurde,
Millionen für Verbesserungen auszugeben.
Staatsgelder für private Zwecke
Anstatt diese Verbesserungen mit einigen wenigen Millio-
nen von dem erhöhten Aktienkapital zu bezahlen, zwang
Vanderbilt (und alle andern Eisenbahnmagnaten in ähn-
lichen Fällen taten das gleiche) den Staatsschatz, einen
großen Teil der Kosten zu decken. Eine gute Illustration
seiner Methode bot der Ausbau seines Passagierbahnhofs in
New York. Von Anfang an verkehrten die Züge auf der
Oberfläche der 4. Avenue. Dutzende von gefährlichen
Straßenkreuzungen hatten Unglücks- und Todesfälle ver-
ursacht. Die allgemeine Forderung, daß die Schienen tiefer
gelegt würden, war nicht erfüllt worden.

Statt diese Forderung noch länger zu ignorieren, kam
Vanderbilt jetzt auf den Gedanken, sie sich zunutze zu
machen; er sah nicht nur die Möglichkeit vor Augen, einen
großen Teil der Kosten auf die Stadt abzuwälzen, sondern
        <pb n="352" />
        — 2307
auch die, eine dauernde Konzession zu bekommen. So
konnte er aus dem allgemeinen Ruf nach einer Reform Vor-
teile herausschlagen, die ihm Millionen ersparen und gleich-
zeitig seine Privilegien erweitern mußten.

Der erste Schritt war, den Gemeinderat der Stadt New
York zum Erlaß einer Verfügung zu bewegen, durch die
Vanderbilt aufgefordert wurde, die gewünschten Ver-
besserungen vorzunehmen, wobei die Stadt die Hälfte der
Kosten zu tragen sich bereit erklärte und ihm eine dauernde
Konzession erteilte. Dies war zu Tweeds Zeiten, als der
Gemeinderat größtenteils aus ganz korrupten Persönlich-
keiten bestand und Tweeds Marionette, Hall, Bürger-
meister war. Die öffentliche Opposition gegen diesen Be-
schluß war so groß, daß die „Politiker“ zurückschreckten;
jedenfalls genehmigte Bürgermeister Hall aus irgendwelchen
Gründen diesen Beschluß nicht.

Darauf wandte sich Vanderbilt 1872 an die Staatslegislatur
— dieselbe Legislatur, deren Mitglieder er so oft wie Vieh
gekauft hatte. Dies Parlament aber war 1871 gewählt, kurz
nach der Aufdeckung der Betrügereien des Tweed-Kon-
zerns. Es wurde als eine „Musterreformkörperschaft““ an-
gesehen. Die Pseudo-,,Reform“-Beamten oder Körper-
schaften, die vom amerikanischen Volke in der vergeblichen
Hoffnung gewählt werden, der Korruption ein Ende zu
machen, gehen oft viel weiter in ihrer Verfügung über
Rechte und Interessen des Volkes als die verwegensten Poli-
tiker, weil ihnen nicht der Verdacht der Korruptheit an-
haftet und ihre Maßnahmen scheinbar das Wohl des Volkes
im Auge haben. Die Tweed-Clique war gesprengt, aber die
Kapitalisten, die deren Mitglieder so eifrig bestochen und
von ihren politischen Maßnahmen so ungeheuer profitiert
hatten, waren unangetastet und mächtiger als je. Die
Quelle all der Korruption war in keiner Weise beeinträch-
tigt. Tweed, der Politiker, wurde geopfert, kam ins Ge-
fängnis und starb dort; die Kapitalisten, welche die reprä-
sentativen Körperschaften überall in den Vereinigten Staa-
ten vor und während seiner Zeit korrumpiert hatten, waren
geehrt und geachtet und in der Lage, ihre Bestechungen
fortzusetzen.
        <pb n="353" />
        308 —
Die „Reform“-Legislatur bewilligte 1872 Vanderbilt alles,
was er wollte. Das Gesetz war so geschickt abgefaßt, daß
es, obwohl es nominell keine dauernde Konzession verlieh,
tatsächlich aber die Einschränkungen der Verfügung von
1832 aufhob. Es enthob ihn auch mitleidsvoll der Not-
wendigkeit, etwa 4 Millionen Dollar für die Verlegung des
Bahnkörpers zu bezahlen, indem es diese Kosten der Stadt
New York auferlegte.

Die Verfügungen der „Reform“
Aber dies waren nicht die einzigen Vorteile, die er durch
die ,„Reform“-Legislatur erhielt. Die Harlemer Eisenbahn be-
saß, wie erwähnt, eine Pferdebahn in der 4. Avenue. Ob-
gleich sich diese damals nur bis zur 79. Straße erstreckte, war
die Linie in jener Zeit die zweiteinträglichste in New York.
1864. z. B. beförderte sie nahezu 6 Millionen Passagiere
und hatte eine Bruttoeinnahme von 735 000 Dollar. Steuer
bezahlte sie keinen Pfennig. 1872 war die Bevölkerung der
Stadt auf 950000 Menschen angewachsen. Vanderbilt
hielt die Zeit für günstig, einige weitere Meilen von den
Sffentlichen Straßen für sich zu reservieren.

Die Legislatur war nachgiebig. $ 325 der Gesetze von
1872 erlaubte ihm, die Linie von der 79. Straße so weit nach
Norden auszudehnen, wie später die Madison-Avenue
angelegt wurde. Dabei betonte die Legislatur aber, wie sehr
sie auf die öffentlichen Interessen bedacht gewesen sel.
„Wir haben alle Bruttoeinnahmen auf der neuen Strecke mit
fünf Prozent besteuert,“ Als diese Steuer aber erhoben
werden sollte, gab Vanderbilt vor, er könne unmöglich fest-
stellen, auf welcher Strecke der Linie, auf der steuerfreien
oder auf der neuen besteuerten, die Einnahme gemacht
worden sei. Nie haben die städtischen Beamten auch nur
den Versuch gemacht, dieser betrügerischen Ausflucht auf
den Grund zu gehen. Folglich ist das einzige Einkommen,
das die Stadt aus dieser Linie gehabt hat, ein paar tausend
Dollar jährlich.

Zur selben Zeit, als Vanderbilt das Aktienkapital erhöhte,
auf betrügerische Art Dauerkonzessionen erlangte und Staa-
        <pb n="354" />
        — 309 —
ten und Städte um ungeheure Steuerbeträge beschwin-
delte?!), zwang er die Fahrer und Kondukteure der Fourth-
Avenue-Niveaubahn, fünfzehn Stunden täglich zu arbeiten,
und reduzierte ihren Tagelohn von 2,25 auf 2 Dollar.

Er tat es unter dem Vorwand, sparen zu müssen, und
die ganze Last des Sparprozesses wurde, wie es bei den
Kapitalisten Sitte war, auf die bereits überlasteten Arbeiter
abgewälzt. Dieser Abzug von 25 Cent täglich erlegte den
Straßenbahnkondukteuren und ihren Familien manche
harte Entbehrung auf; bei so niedrigen Löhnen zählte jeder
Cent im Haushalt. Aber die Methoden der kapitalistischen
Klasse, ihren Gewinn auf Kosten der arbeitenden Klasse
aufzuhäufen, traten in diesem Falle besonders deutlich
hervor (wie schon in zahllosen anderen Fällen) durch die
Mitteilung in den Wallstreet-Berichten, daß dieser Lohn-
herabsetzung eine sofortige Kurserhöhung der Aktien
folgte. Je niedriger die Löhne, desto höher die Dividenden.

Die weitere Geschichte der Niveaubahn in der 4. Avenue
kann hier nicht im Detail dargestellt werden. Es ist nur
noch zu erwähnen, daß die Vanderbilts 1894 diese Linie
auf 999 Jahre an die Metropolitan Street Railway Company
verpachteten, deren Hauptaktionäre die Geldleute William
C. Whitney und andere waren, deren riesige Bestechereien
und Diebstähle häufig durch amtliche Untersuchungen auf-
gedeckt wurden. Für tausend Jahre werden die Vanderbilts,
wenn die Verhältnisse sich nicht völlig ändern, allein aus dem
Besitz dieser Konzession ein fürstliches Einkommen haben.

Es ist nicht erforderlich, im einzelnen auf all die Gesetze
einzugehen, die Vanderbilt bei Legislaturen und Gemeinde-
räten durch Bestechungen durchsetzte — Gesetze, die ihm
wertvolle Ländereien und alle möglichen Privilegien und
Rechte sowie die Ermächtigung zu Konsolidierungen und
Aktienemissionen verschafften.

1) Nicht er allein. In einer am 1. Februar 1872 veröffentlichten Statistik be-
stätigt der New York Council of Political Reform, daß die Stadt New York allein von
den Niveaubahnen jährlich um mindestens eine Million Dollar betrogen wor-
den ist. Diese Schätzung war niedrig gegriffen. Alle anderen Gruppen der kapitali-
stischen Klasse begingen ebenfalls Steuerhinterziehungen.
        <pb n="355" />
        y anderbilis Hauptstütze
Sein hauptsächlichstes Instrument während all dieser
Jahre war der Advokat Chauncey M. Depew, dessen Spezi-
alität es war, die Öffentlichkeit durch honigsüße Reden zu
betören. Jeder, der irgendwie zu gebrauchen war, wurde
„warm gehalten‘. Große Summen wurden in Vanderbilts
Namen in den Legislaturen verteilt. Zum Überfluß wurde
ein noch hinterlistigeres Bestechungssystem ausfindig ge-
macht. Auf den Bahnen wurde freigebig freie Fahrt be-
willigt; keinem Politiker wurde sie je verweigert; Zeitungs-
verleger, Schriftsteller und Reporter bekamen immer freie
Reise, wenn sie darum einkamen; auf diese Weise legte man
ihnen die Verpflichtung auf, sich einer Kritik zu enthalten
und keine Schwindeleien aufzudecken. Alle Fisenbahn-
gesellschaften benutzten diese Art der Bestechung.

Hauptsächlich mit Hilfe dieser Reisestipendien erreichte
Depew, der Beauftragte Vanderbilts, nicht nur eine all-
gemeine Neutralität der Zeitungskritik, sondern sogar
äußerst günstige Besprechungen. Das Volk, das sich auf die
Zeitungen als Informationsquelle verließ, wurde ständig ge-
täuscht und betrogen, teils durch die Unterdrückung gewis-
ser Nachrichten, teils auch durch ihre Fälschung und Auf-
bauschung. Dieser Depew war fast ein halbes Jahrhundert

hindurch das geschickteste Werkzeug der Familie Vander-
bilt. So erstaunlich es erscheinen mag: unter den Nicht-
informierten galt er als Ehrenmann; sein Lob wurde be-
ständig in allen Tonarten gesungen; einmal war er als Kan-
didat zur Präsidentenwahl aufgestellt, und 1905, als die
Familie Vanderbilt einen direkten Vertreter im Senat der
Vereinigten Staaten haben wollte, veranlaßte sie die New
Yorker Legislatur, die ganz in ihren Händen war, ihn in diese
Körperschaft zu wählen. Während seiner Senatorenzeit ent-
hüllten die 1905 angestellten Untersuchungen der Ge-
schäftsführung gewisser Lebensversicherungsgesellschaften
seitens einer Kommission der New Yorker Legislatur, daß
Depew seit langer Zeit als juristischer Ratgeber an den gigan-
tischen Betrügereien und Bestechungen Hydes, des Gründers
und Direktors der Equitable Lebensversicherungsgesellschaft
        <pb n="356" />
        beteiligt gewesen war. Die weitere Laufbahn Depews ist
für die Nachwelt nicht von Interesse.

So war der greise Vanderbilt der reichste Magnat der
Vereinigten Staaten geworden. Sein Ehrgeiz war erfüllt;
was kümmerte es ihn, daß sein Vermögen durch Erpressun-
gen und Ausbeutungen, durch Betrug und Diebstahl er-
worben war ? Jetzt, da er seine hundert Millionen zusammen
hatte, konnte er Schmeichelei und scheinbare, wenn nicht
wirkliche Achtung verlangen. Die kommerzielle Welt be-
wunderte ihn, obwohl sie ihn anfeindete; in seinen Metho-
den erkannte sie im Grunde ihre eigenen, in geschickterer An-
wendung und größerem Maßstab, und während sie über ihre
eigene abnehmende Bedeutung und Macht trauerte, huldigte
sie seinem ungeheuren Vermögen in scheuer Ehrerbietung.

Vanderbilt ging jetzt daran, sich die gesellschaftliche und

kirchliche Achtung zu kaufen, wie er Gesetze gekauft hatte.
Die erkaufte Absolution ist immer eine bequeme und billige
Methode gewesen, die Verzeihung der Gesellschaft für
Diebstähle zu erhalten. Im Mittelalter geschah es auf kirch-
lichem Wege; in unseren überlegenen Zeiten ist es zu einem
sozialen Handel geworden. Wenn ein Mann kolossale Sum-
men gestohlen hat und dann einen kleinen Teil davon für
mildtätige, kirchliche und Erziehungszwecke hingibt, hört
er plötzlich auf, ein Dieb zu sein, und ist mit einem Schlage
ein edler Wohltäter. Vanderbilt verlor jetzt seine lebens-
längliche Unehrerbietigkeit und schenkte einem Geist-
lichen der presbyterianischen Kirche, Deems, die Church
of the Strangers in der Mercer Street und stiftete I Million
Dollar für die Gründung der Vanderbilt-Universität in
Nashville (Tennessee). Daraufhin huldigten ihm Presse,
Kirche und die gebildete Welt als einem Wunder christlicher
Mildtätigkeit und Freigebigkeit.
Die Predioten der „oberen Klassen‘
Als der hervorragendste Magnat seiner Zeit erfreute sich
Vanderbilt einer außerordentlichen Popularität; er wurde
von Interviewern und Reportern umdrängt; seine Kämpfe
gegen die rivalisierenden Kapitalisten waren öffentliche An-
        <pb n="357" />
        — 212 —
gelegenheiten; das geringste Unwohlsein wurde von den
Handelskreisen mit atemloser Spannung verfolgt. Scharen
von Männern, Frauen und Kindern kamen alljährlich in Fa-
briken und Bergwerken und ihren elenden Behausungen um,
Vanderbilts geringster Erkrankung aber wurde eine durch.
zreifende Bedeutung beigemessen, während das Hinsterben
unter den Armen und Hilflosen völlig unbeachtet blieb.
Vanderbilt verkörperte in sich die Eigenschaften, die die
&lt;apitalistische Gesellschaft im ganzen übte und schätzte.
„Starke Männer,“ sagt Croffut, „liebte und schätzte er,
nicht Schwächlinge; Leute, die sich zu helfen wußten,
nicht die Hilflosen. Er hatte das Empfinden; daß alle Bitt-
steller Faulpelze oder Trunkenbolde waren, die von der Aus-
plünderung der Nüchternen und Fleißigen zu leben ver-
suchten.“ Dies schlimme Mißtrauen gegen die Mitmen-
schen, dieser beißende Zynismus, dies Unterschieben schlech-
ter Absichten war charakteristisch für die kapitalistische
Klasse als Ganzes. Da sie selbst die gemeinsten und unedel-
sten Methoden verfolgte, von den niedrigsten Motiven ge-
leitet, und selbst überall auf Raub auszog, sah sie jedes Mit-
glied ihrer eigenen Klasse mit Argwohn und Raubgier an.
Dann ging sie weiter und legte all ihre eigenen Laster und
Verbrechen den armen Schichten zur Last, die in Amerika
wie überall durch ihr eigenes System entstanden waren.
Der Verteidiger dieser Klasse mag sagen, daß die kom-
merziellen Klassen nicht nach Vanderbilts Methoden und
Eigenschaften beurteilt werden dürften. Tatsächlich aber
war Vanderbilt nicht unmenschlicher als viele der zeit-
zenössischen Größen der Geschäftswelt.

Sechstes Kapitel
DAS ERBE

Ji reicher Vanderbilt wurde, desto knauseriger wurde er.
Gelegentlich gab er wohl hier und da eine große Summe für
kirchliche oder philanthropische Zwecke, aber für gewöhn-
        <pb n="358" />
        313 —

lich war er von unglaublicher Filzigkeit. In ihm vereinigte
sich die kleinliche Schacherseele des Kaufmanns mit der un-
geheuren Raubgier der Magnaten. Wenn er bei seinen
großen Betrügereien viele Millionen mit einem Griff ein-
steckte, merkte er es sofort, wenn ein paar Cent oder Dollar
fehlten. Sein Erwerbssinn war aber durch die lange Ent-
wicklung so ausgeprägt, daß er weit über die Grenzen der
Passion hinausging und zur Monomanie geworden war.
Vanderbiltis Charakteristik

Er beherrschte ihn dermaßen, daß er, selbst als er schon
100 Millionen Dollar sein eigen nannte, noch immer um
jeden Dollar feilschte und seine Freunde auf die niedrigste
und hinterlistigste Art betrog. Freunde im wahren Sinne
des Worts hatte er nicht; diejenigen, die sich selbst als seine
Freunde betrachteten, waren kühle Naturen, die größten-
teils nur aus Berechnung handelten. Aber wenn sie hofften,
aus dieser Intimität Gewinn zu ziehen, waren sie in einem
großen Irrtum; sie entdeckten im Gegenteil fast immer,
daß sie in irgendeine Falle gegangen waren, und um eine
Erfahrung reicher, aber mit kleinerem Geldbeutel, waren sie
froh, wenn sie sich in eine sichere Entfernung von dem alten
Manne zurückziehen konnten. „Freunde wie Feinde,‘
schrieb ein Bewunderer unmittelbar nach seinem Tode,
„standen in seiner Wertschätzung gleich, und wenn ein
Freund es wagte, ihm den Weg zu verstellen, war er ge-
zwungen, sich zu wehren.“

Einmal, so wird erzählt, als ein politischer Kandidat eine
Unterstützung erbat, gab Vanderbilt ihm 100 Dollar und
eine gleiche Summe für einen Freund, der ebenfalls an der
New Yorker Zentraleisenbahn beteiligt war. Wenige Tage
später unterrichtete Vanderbilt diesen Freund von seinem
Vorgehen und verlangte die 100 Dollar zurück. Das Geld
wurde bezahlt. Nicht lange darauf wurde dieser Freund
ebenfalls um eine politische Unterstützung angegangen,
worauf er 100 Dollar gab und den gleichen Betrag für Van-
derbilt auslegte. Als Vanderbilt aufgefordert wurde, die
Schuld zu bezahlen, weigerte er sich und schloß die Unter-
        <pb n="359" />
        314 —
redung mit dem lakonischen Ausspruch: „Wenn ich etwas
gebe, gebe ich es selbst.“ Ein andermal versprach Vanderbilt
einem Freunde, ihm tausend Anteile der New Yorker Zentral-
eisenbahn zu überlassen. Der Kurs stieg auf 155 Dollar pro
Aktie und fiel dann auf 90 Dollar. Gleich darauf, vor der Ein-
bringung eines wichtigen Gesetzentwurfes, der, wie Vander-
bilt wußte, den Wert der Aktien wesentlich erhöhen würde,
ging der alte Magnat zu dem Freunde und stellte ihm vor,
daß, da der Aktienkurs gesunken, es nicht recht sei, den
Freund einem Verlust auszusetzen. Vanderbilt bat um Rück-
gabe der Aktien und erhielt sie, Als das Gesetz herauskam,
stiegen die Aktien rapide, zum äußersten Entsetzen des ver-
trauensvollen Freundes, der einen Gewinn vorn 80 000 Dollar
auf diese Weise in Vanderbilts Hände fließen sah?).

In seinen persönlichen Ausgaben vermied Vanderbilt in
der Regel alles, was er als überflüssig ansah. Er trug eine
denkbar einfache Kleidung, und Juwelen bewilligte er sich
überhaupt nicht. Das Menü überwachte er mit mehr als
kritischen Augen. Sogar physische Gründe konnten ihn
nicht veranlassen, für kostspielige Arzneien Geld auszu-
geben. Wenige Tage vor seinem Tode verordnete ihm sein
Arzt Champagner zur Anregung. „Champagner!“ rief
Vanderbilt mit vorwurfsvollem Blick, „Champagner kann
ich nicht bewilligen. Eine Flasche jeden Morgen! Soda-
wasser wird’s auch tun, denke ich!“

Aus allen Berichten ist ersichtlich, daß er auch in seinem
eigenen Hause eine Atmosphäre der Verbitterung um sich
schuf. Er wird als streng, eigensinnig, herrisch und knau-
serig geschildert; in seinem Hause spielte er den Tyrannen
and bekam Wutanfälle, wenn seine Stimmungen, Absichten
und Pläne auf Widerspruch stießen, Seine Gattin schenkte
ihm dreizehn Kinder, von denen zwölf am Leben blieben.
Da sie eine Frau von fast ländlicher Einfachheit des Geistes
und der Gewohnheiten war, fügte sie sich willenlos seiner
eisernen Disziplin. Croffut sagt von ihr, sie beugte sich
„nachgiebig und geduldig seinem beherrschenden Willen
und seinen Launen“, Er fährt fort: „Der Umstand, daß
1) Diese und ähnliche Anekdoten finden sich in einer Biographie in der NewYorker
„Times“ vom 5, Januar 1877,
        <pb n="360" />
        - 315 —
sie mit einem so eigensinnigen Manne in harmonischer Ehe
leben konnte, zeugt für ihren Charakter.“‘““1)

Wenn man den Berichten Glauben schenken kann, mußte
sie Mal für Mal die heftigsten Szenen über sich ergehen
lassen, weil sie sich für einen ihrer Söhne, Cornelius Jeremiah,
einsetzte. Denn für die Nervosität und die schwache Ge-
sundheit dieses Sohnes hatte der Vater nicht viel Sympathie;
aber ein in seinen Augen unentschuldbares Verbrechen war,
daß Cornelius für die kaufmännische Karriere weder Neigung
noch Talent verriet. Wenn Cornelius an der Börse gespielt
hätte, hätte sein Vater ihn als einen außerordentlich unter-
nehmenden, achtbaren und vielversprechenden Mann an-
gesehen. Aber er zog es vor, Karten zu spielen. Dieser
rebellische Mangel an Geschäftsinteresse im Verein mit
Zerstreutheit versetzte den alten Mann so in Wut, daß er
Cornelius aus dem Hause wies und ihm beinahe zwei Jahr-
zehnte lang nur zuweilen einmal einen Besuch gestattete,
wenn die Mutter mit ihren Tränen und Klagen durch-
gedrungen war. Nach einem mühevollen Leben starb
Vanderbilts Gattin im Jahre 1868; etwa ein Jahr später be-
gab sich der alte Magnat mit einem jungen Vetter, Frank
A. Crawford, auf Reisen; bei seiner Rückkehr aus Kanada
gab er zur grenzenlosen Überraschung und äußersten Miß-
billigung seiner Kinder seine Wiedervermählung bekannt.
Der Tod des alten Magnaten
Jetzt wurde seinem langen Leben aber schnell ein Ziel
gesetzt. Nach einigen weiteren Jahren des Gelderwerbs er-
krankte er am 10. Mai 1876 lebensgefährlich. Acht Monate
lang war er bettlägerig, und seine kräftige Natur kämpfte
einen verzweifelten Kampf um das Leben. Zwei seiner
Ärzte starben darüber weg; erst am Morgen des 4. Januar
1877 machten sich die Anzeichen des nahen Todes bemerk-
bar. Als man das bemerkte, wurden an seinem Lager rüh-
rende Gesänge angestimmt: „Come, Ye Sinners, Poor and
Needy,‘“ — „Nearer, My God, to Thee“ und „Show Ye
Pity, Lord.“ Er starb einen konventionell religiösen Tod,

1) „The Vanderbilts‘“, S. 113.
        <pb n="361" />
        — 316 —
der viel besprochen wurde; alle Zeremonien waren erfüllt
worden; diese rührende Totenbettszene lieferte den Text
zu mancher Predigt, aber während die Aufmerksamkeit der
Geistlichen und Journalisten in dieser Weise auf den Tod
des größten Kapitalisten Amerikas hingelenkt wurde, ge-
schah in Kirchen und Zeitungen mit keinem Worte all der
Todesfälle Erwähnung, die Jahr für Jahr durch Unglücks-
fälle und Krankheiten, oft‘ auch durch Selbstmord und
Hunger, unter den armen, elenden Industriearbeitern her-
beigeführt wurden. Außer den Armen selbst kümmerte sich
niemand um diese Opfer.

Schon während Vanderbilts Krankheit zerbrach man sich
über seine testamentarischen Verfügungen den Kopf. Wer
würde den ganzen Reichtum erben? Die Verlesung seines
Testaments ergab eine sehr scharfe Teilung. Etwa 90 Millio-
nen Dollar hinterließ er seinem ältesten Sohne, William H.,
und eine Hälfte der verbleibenden 15 Millionen Dollar
wurde unter die ‚vier Söhne des Haupterben verteilt?),
Ein paar Millionen bekamen die anderen noch lebenden Kin-

1) Dem „ungeratenen‘“ Sohn Cornelius J. Vanderbilt wurden nur die Zinsen von
200 000 Dollar vermacht unter der Bedingung, daß er selbst dieses Legats verlustig
gehen sollte, wenn er das Testament anfechten würde. Trotzdem fing er einen Prozeß
an. William H, Vanderbilt brachte einen Vergleich zustande, indem er seinem Bru-
der ein Einkommen von ı Million Dollar zugestand. Am 2. April 1882 endete Cor-
nelius J. Vanderbilt durch Selbstmord; er erschoß sich. Croffut gibt folgenden Be-
richt über den Vergleich in dem Prozeß:

„Mindestens zwei der Schwestern waren mit Cornelius’ Prozeß einverstanden
und unterstützten ihn, da sie den Haupterben nicht liebten und jahrelang kein Wort
mit ihm gewechselt hatten; jetzt aber fügte er den seinen Schwestern vermachten Be-
;rägen von seinem eigenen Anteil je 500 000 Dollar zu.“

„Eines Abends fuhr er aus und nahm diese großmütigen Geschenke in seinem
Wagen mit, Er trug die Aktien eigenhändig ins Haus und übergab sie jeder der
Schwestern. Bei dieser Schenkung ereigneten sich zwei interessante Zwischenfälle.
{In einem Fall sagte der betreffende Gatte: ‚William, ich habe schnell eine Kalkula-
tion aufgestellt und sehe, daß die Aktien nicht ganz 500 000 Dollar wert sind;
es fehlen 150 Dollar nach dem heutigen Kurs.‘ Der Geber lächelte, setzte sich und
schrieb einen Scheck aus, um die Differenz auszugleichen.“

In einem anderen Falle sagte ein Gatte, nachdem er die 500 000 Dollar in Emp-
lang genommen und nachgezählt hatte und den großmütigen Besucher zur Tür ge-
leitete: „Übrigens, wenn Sie sich entschließen sollten, den anderen Schwestern mehr
zukommen zu lassen, so lassen Sie uns doch bitte auch nicht zu kurz kommen.“
Der Geber sprang in den Wagen und führ, ohne etwas zu entgegnen, ab. Zu seinen
Begleitern aber sagte er lachend: ‚Nun, wie finden Sie das?‘ „The Vanderbilts‘“,
S. I51—162,
        <pb n="362" />
        317 —
‚der des Erblassers und verhältnismäßig kleine Summen
wurden Wohltätigkeits- und Erziehungsanstalten über-
wiesen. Die Dynastie Vanderbilt hatte begonnen.
Die Persönlichkeit des Haupterben
Zu dieser Zeit war William H. Vanderbilt 56 Jahre alt.
Bis 1864 hatte er auf Staten Island als Landwirt gelebt; er
wohnte zuerst in einem kleinen, viereckigen, schmucklosen
zweistöckigen Hause am Meer, das an einer Seite einen Anbau
für eine Küche hatte. Die Erklärung, warum der Sohn eines
Millionärs eine Farm bewirtschaftete, lag darin, daß der
Alte Müßiggang und Luxus verachtete und eine ebenso
große Bewunderung für den Selfmademan hatte. Da
William H, Vanderbilt dies wußte, war er eifrig bestrebt, sei-
nem Vater zu gefallen, stimmte allen seinen Launen und
Wünschen bei und bewies, daß er selbständig existieren
konnte. Er wird geschildert als ein phlegmatischer Mann
von schwerfälligem und langsamem Denken, einem vulgären
Geschmack und großer Liebe für seine Kinder. Sein Vater
(so erzählen die Chroniken) glaubte nicht, daß er „es je zu
etwas bringen würde“, aber durch unendliche Mühen,
indem er von seinen Arbeitern die schwerste Arbeit for-
derte, allerlei unrechtmäßige Gebietserweiterungen vor-
nahm und überhaupt mancherlei Tricke zur Anwendung
brachte, gewann er allmählich das Vertrauen und die Ach-
tung des alten Mannes, dem man durch glückliche Schwin-
delmanöver immer imponieren konnte. Croffut führt eine
Anzahl von Beispielen für Williams Intrigen an und fährt
dann fort: „Von Kind an hatte er sich dem despotischen
Willen seines Vaters bereitwillig. und völlig unterworfen
und hatte grenzenlose Opfer gebracht, seinen Beifall zu er-
ringen. Die meisten Menschen hätten sich trotzig der
drückenden Kontrolle entzogen; er aber dachte zweifellos,
daß er für die Chance, einmal der Erbe von 100 Millionen
Dollar zu werden, wohl in der passiven Haltung eines be-
argwöhnten Prinzen verharren könne.“

Der alte Autokrat änderte schließlich seine verächtliche
Meinung und gab ihm einen Direktorposten bei der New
        <pb n="363" />
        — 2318 —
York- und Harlem-FEisenbahn. Später machte er ihn zu einer
Art Kompagnon, indem er ihn zum Vizepräsidenten der
New Yorker Zentraleisenbahn und zum Mitdirektor anderer
Eisenbahnen ernannte. Es soll eine Qual gewesen sein, die
unermüdliche Ausdauer mit anzusehen, mit der William
H. Vanderbilt tagtäglich versuchte, in die Einzelheiten der
Bahnverwaltung einzudringen. Er gelangte denn auch zu
einer gründlichen Kenntnis. Aber seinem Vater war es
nicht so sehr darum zu tun, daß er das Verwaltungssystem
kennen lernte. Tüchtige Männer für die Verwaltung konnte
man immer engagieren. Sein Vater lehrte ihn die wesent-
licheren Obliegenheiten eines Eisenbahnmagnaten; die
Operationen mit Aktien, Gemeinderäten und Legislaturen;
die Unschädlichmachung der. Konkurrenten und die Aus-
dehnung von Besitz und Macht sowie die Unterdrückung
und, wenn möglich, Vernichtung der Arbeiterorganisatio-
nen.‘ Mit einem Wort, seine Erziehung war ein Duplikat
der Tätigkeit seines Vaters: die Methode des Vaters wurde
dem Sohne eingeimpft.

Für die Situation, in der er sich befand, und in An-
betracht der besonderen Eigenschaften, die für die Ent-
wicklung kapitalistischer Unternehmungen erforderlich
waren, war dies die geeignetste Schule, die er hätte haben
können. Gelehrsamkeit und die Kultivierung vornehmer
Allüren wären gänzlich deplaciert gewesen; seines Vaters
Lehren waren gerade das, was erforderlich war, um seinen
Besitz zu erhalten und zu vergrößern. Bei jedem Schritt
stieß er auf Konkurrenten, die, wenn sie die Möglichkeit
gehabt hätten, ihn ohne Bedenken ruiniert haben würden,
oder auch auf andere Mitglieder seiner eigenen Klasse, die
ihn mit Freuden betrogen hätten. Diese altgewohnten
Geschäftskniffe aber wurden von neuen und unerwarteten
Verhältnissen überflügelt, gegen die es jetzt Stellung zu
nehmen galt.

Anstatt vieler kleiner, einzelner Eisenbahnen, die unab-
hängigen Gesellschaften gehörten und von ihnen betrieben
wurden, waren jetzt kolossale Eisenbahnsysteme begründet
worden. Im Osten waren die kleinen Eisenbahnbesitzer
schonungslos ausgemerzt und ihr Besitztum in den Händen
        <pb n="364" />
        — 319 —
weniger Aktionäre vereinigt, während im Westen Tausende
von Meilen neuer Strecken vor kurzem gebaut waren. Nach-
dem die Eisenbahnkönige die kleinen Eigentümer größten-
teils verdrängt hatten, fingen sie jetzt an, sich gegenseitig
Schwierigkeiten zu machen und zu bekämpfen. Es war eine
charakteristische Periode, als die Eisenbahnmagnaten be-
ständig in die erbittertsten Feindseligkeiten verwickelt
waren, nur um einander zu ruinieren, zum Bankrott zu
treiben und, wenn möglich, des anderen Besitz an sich
zu reißen.

Die Gründung des ersten Trusts
Diese Konflikte boten die Gelegenheit zu einem Um-
schwung von universeller Bedeutung, dessen ganze Trag-
weite damals noch nicht erkannt wurde. Die Kriege zwi-
schen den Eisenbahnmagnaten nahmen mancherlei Formen
an, eine der beliebtesten war die Herabdrückung des Fracht-
tarifs. Jede Eisenbahn bemühte sich verzweifelt, der ande-
ren den Verkehr durch günstigere Angebote abzuschneiden.
In dieser Art der Konkurrenz sah eine Gruppe junger Leute
aus der Ölbranche, deren Führer John D. Rockefeller war,
eine günstige Chance.

Das Bohren und Raffinieren des Petroleums hatte, ob-
wohl es verhältnismäßig noch in den ersten Stadien stand,
bereits einen großen Umfang angenommen. Jede Eisenbahn
bemühte sich eifrig, den größten Anteil am Transport des
Petroleums zu bekommen. Rockefeller, der in seiner klei-
nen Raffinerie in Cleveland (Ohio) Zeit zum Nachdenken
hatte, war auf den revolutionären Gedanken gekommen,
sich ein Monopol für die Produktion und den Verkauf von
Petroleum zu verschaffen, das den Zwischenhändler aus-
schaltete und das ganze Geschäft organisierte und zentra-
lisierte.

In dieser Stunde wurde der moderne Trust geboren; und
von den ersten Anfängen der Standard Oil Company an
verfolgten Rockefeller und seine Genossen hartnäckig ihre
Absichten mit einer Geschicklichkeit und Rücksichtslosig-
keit, wie sie seit dem Entstehen des Kapitalismus nicht da-
        <pb n="365" />
        220 —
gewesen war. Eine Eisenbahn nach der anderen wurde
überredet ‚oder gezwungen, ihnen geheime‘. Tarife und
Rabatte zu bewilligen, die eine Konkurrenz“ unmöglich
machten. Die Eisenbahnmagnaten — William H. Vander-
bilt z. B. — wurden an der Standard Oil Company inter-
essiert, indem man sie zu Aktionären machte. Mit Hilfe
dieser Geheimtarife konnte die Standard Oil Company eine
Unzahl kleiner Konkurrenten und Zwischenhändler völlig
aus dem Felde schlagen und den Petroleumhandel nicht
nur der Vereinigten Staaten, sondern fast der ganzen Welt
mit Beschlag belegen. Es wurden so fabelhafte Gewinne er-
zielt, daß im Verlauf von vierzig Jahren, nach mancherlei
industriellen Gründungen sowie kriminellen Vergehen, die
Standard Oil Company sich mit Leichtigkeit sehr einträg-
licher Eisenbahnlinien und anderer Unternehmungen be-
mächtigen und die Nachkommen der Magnaten völlig ver-
drängen konnte, die sie drei oder vier Jahrzehnte zuvor um
Gewährung von Begünstigungen umschmeichelt hatte.

Die Gesellschaften und die Arbeiterorganisationen
Die Wirkungen dieses großen industriellen Umschwungs
traten 1877 deutlich zutage, so deutlich, daß Vanderbilt,
prophetischer als er selbst glaubte, der Hepburn-Kommission
gegenüber äußerte: „Wenn diese Dinge so weitergehen,
werden die Petroleummänner die Bahnen in die Hände be-
kommen.“ Gleichzeitig machten sich weitere industrielle
Veränderungen bemerkbar. Mit dem Auftommen und dem
Wachstum gigantischer Kapitalkombinationen oder -kon-
zentrationen und dem allmählichen Verschwinden der klei-
neren Faktoren im Bahnbetrieb und in anderen Geschäfts-
zweigen, waren die Lohnarbeiter durch die neuen Bedingun-
gen gezwungen, sich fester zu organisieren.

Zunächst organisierte sich jeder Beruf örtlich, getrennt
von den anderen Gewerkschaften. Da aber die Arbeiter die
Nutzlosigkeit dieser zersplitterten Organisation erkannten,
hatten sie seit einiger Zeit angefangen, sich in eine mächtige
Körperschaft zusammenzuschließen, die sich über einen
großen Teil der Vereinigten Staaten erstreckte. Wohl be-
        <pb n="366" />
        hielt jede einzelne Branche ihre Organisation und Selbst-
verwaltung, aber doch als Teil einer nationalen Organi-
sation, die alle Gewerbe umfaßte und von einer Zentral-
stelle aus geleitet wurde. Auf diese Art rüsteten die
Arbeiter sich Schritt für Schritt gegen die Organisation
des Kapitals; die beiden Mächte bereiteten sich auf eine
Reihe großer industrieller Schlachten vor.

Das Kapital hatte den Reichtum, die Hilfsquellen und die
Werkzeuge auf seiner Seite; die Arbeiter hatten nur ihre
Arbeitskraft, Wie die Dinge lagen, war es ein ungleicher
Streit, in welchem alle Vorteile auf seiten des Kapitals
waren. Die Arbeiter konnten sich weigern, zu arbeiten,
aber das Kapital konnte.sie aushungern, bis sie sich ergaben.
Dies waren aber nur die scheinbaren Unterschiede zwischen
ihnen. Der wirkliche, ungeheure Unterschied war, daß das
Kapital die politische Macht völlig in Händen hatte, und
zwar, so sonderbar es klingt, mit Hilfe der Stimmen der-
selben arbeitenden Klasse, die in der industriellen Arena in
dauerndem Kampfe mit ihm lag.

Eine der ersten denkwürdigen Schlachten zwischen den
beiden feindlichen Mächten fand 1877 statt. In ihrem Tarif-
kampf hatten die Eisenbahnmagnaten unaufhörlich einer
des anderen Nutzen geschmälert, Die dauernden Gewinner
waren neue oder bereits gut entwickelte Truste und Kom-
binationen gewesen, wie z. B. die Standard Oil Company.
Jetzt versuchten die Magnaten, das alte kapitalistische Prin-
zip durchzusetzen, sich selbst zu rangieren, indem sie die
Arbeiter zwangen, ihre Verluste wettzumachen.

Aber ihr Defizit war nur ein relatives. In der Tat besaß
jede Eisenbahn ein ungeheures Aktienkapital, für das be-
stimmte Abgaben und Dividenden bezahlt werden mußten.
Im Verhältnis zur Größe dieses Kapitals hatten sich die
Einnahmen allerdings vermindert. Aber trotz der Tarif-

konkurrenz und dem allgemeinen Geschäftsniedergang,
welcher der Krisis von 1873 folgte, erübrigten die Eisen-
bahnen große Summen.

Außer den Einnahmen aus der gewöhnlichen Fracht be-
mächtigten sich die Eisenbahnen überdies alljährlich großer
Beträge vom Volksvermögen auf betrügerische Weise. Eine

x
        <pb n="367" />
        — 222 —
dieser Methoden — die erwähnenswert ist, weil sie noch
heute und in größerem Maße als je zuvor, ausgeübt wird —,
war die Ausraubung des Volkes bei der Beförderung der
Post. Durch betrügerische Abfassung der Postgesetze im
Jahre 1873 hatte die Eisenbahnen unaufhörlich enorme
Summen erbeutet, indem sie die Gewichtsangaben der be-
förderten Post fälschten und seit jener Zeit zehnmal soviel
für die Postbeförderung erhoben haben wie die Expreß-
gesellschaften (welche sehr hohe Reingewinne haben) für
den gleichen Transport. Außer der gewöhnlichen Fracht-
taxe hat die Regierung lange Zeit hindurch den Eisenbahn-
gesellschaften eine Extragratifikation von 6250 Dollar jähr-
lich als Pacht für jeden zu Postzwecken benutzten Wagen
bezahlt, obwohl amtlich festgestellt ist, daß die gesamten Her-
stellungskosten eines solchen Wagens durchschnittlich nur
2500—65000 Dollar betragen. Allein an Pacht sind jährlich
5 Millionen für Wagen bezahlt worden, die einen Wert von
etwa 4 Millionen hatten. Aus amtlichen Statistiken ergibt
sich, daß die Eisenbahnen lange Zeit hindurch das Volk um
wenigstens 20 Millionen Dollar jährlich betrogen haben,
was seit 1873 etwa eine halbe Milliarde Dollar ausmacht. Die
Familie Vanderbilt ist an dieser fortgesetzten Ausbeutung
hauptsächlich beteiligt gewesen!). Ab und zu haben die
Postbeamten sich den Anschein gegeben, als wollten sie die-
ser Ausplünderung einen Riegel vorschieben, eine nennens-
werte Wirkung ist aber nicht dadurch erzielt worden.
Der große Streik von 1877
Einige der Eisenbahnlinien, die laute und bewegliche
Klagen über ihre abnehmenden Einkünfte führten, machten
sich daran, ihre angeblichen Verluste auf die Arbeiter ab-
zuwälzen, indem sie ihnen die Löhne beschnitten. Sie
hatten diese bereits auf die niedrigste Stufe herabgesetzt,
und jetzt erließen sie die Verfügung, daß die Löhne wieder
um zehn Cent pro Dollar zu vermindern seien. Die Balti-
more- und Ohio-Eisenbahn, damals in den Händen der

') Postmaster General Vilas, Annual Report for 1887, S. 66.
        <pb n="368" />
        Familie Garrett, die auf eine Laufbahn fortgesetzter
politischer Bestechung und Betrügerei zurückblickte,
welche in gewisser Weise die der Vanderbilts noch über-
traf, war die erste, welche die Löhne ihrer Arbeiter
reduzierte. Die Pennsylvania - Eisenbahn folgte, ‘und
dann ordneten die Vanderbilts eine noch weitere Herab-
setzung an.

Die Angestellten der Baltimore- und Ohio-Eisenbahn
widersetzten sich dem und erklärten den Streik; die An-
gestellten der Pennsylvaniabahn folgten ihrem Beispiel. Um
sich die Sympathie der Öffentlichkeit zu sichern und einen
Vorwand zu haben, den Streik mit bewaffneter Macht zu
unterdrücken, stifteten die Eisenbahnen — nachweislich —
in Martinsburg und in Pittsburg einen Aufruhr an. Es
wurden Soldaten zu Hilfe gerufen, die auf den sogenannten
Mob schießen mußten, wobei eine Anzahl der Streikenden
getötet und viele verwundet wurden.

Daß die Eisenbahnen ihren eigenen Besitz vorsätzlich
zerstörten und dann die Schuld auf die Streikenden schoben,
wurde allgemein behauptet. Eine so konservative Autorität
wie Caroll D. Wright, der lange Zeit Commissioner of Labor
in den Vereinigten Staaten war, erzählt, daß die Agenten
der Eisenbahnen in Pittsburg eine große Anzahl alter, ver-
brauchter, wertloser Güterwagen in Brand gesetzt und
dann die Streikenden dieser Tat beschuldigt hätten. Er
gibt ferner an, daß die Pennsylvania-Eisenbahn später
viele Millionen aus dem Staatsschatz zu ergattern wußte
durch den Hinweis, daß die Wagen bei dem Aufruhr
zerstört seien. Wright bemerkt, daß, nach all seinem
Material zu urteilen, die Berichte über die künstliche
Anstiftung der Tumulte auf Wahrheit beruhen müßten?).
Vanderbilt ging weiser zu Werk als die anderen Magnaten.
Er nahm einen versöhnlichen Standpunkt ein und beugte
auf seinen Linien einem Streik vor, indem er die alten
Lohnsätze wiederherstellte und allerlei besänftigende Maß-
nahmen traf.

4) „The Battles of Labor“, S. 122. Alles in allem erhielten die Eisenbahngesell-
schaften in Pennsylvanien annähernd 22 Millionen Dollar aus dem Staatsschatz als
Entschädigung für das während dieser „Aufstände“ zerstörte Besitztum.
        <pb n="369" />
        — 224 —
Er wurde jetzt von anderer Seite angegriffen. Der
lange angesammelte Groll und Ärger der verschiedenen
Zweige der Mittelklasse gegen den Reichtum, der sich
eine so diktatorische Macht angemaßt hatte, kam in
ebenso lehrreicher wie unwirksamer Weise zum Aus-
bruch.

In New York wurde 1879 die Legislatur gezwungen, eine
Untersuchungskommission zu ernennen. Vanderbilt und
andere Eisenbahnbesitzer sowie zahlreiche Industrielle wur-
den zur Zeugnisablegung herangezogen — Aktientrans-
aktionen Vanderbilts und Goulds wurden eingehend und
in ‚allen Einzelheiten erörtert, ebenso die Methoden der
Eisenbahnen, gewisse Gesellschaften und kaufmännische
Unternehmungen durch Gewährung von Vorzugspreisen bei
der Frachtbeförderung zu begünstigen.

Diese lang andauernde Untersuchung vermochte nicht im
zeringsten die Macht der Eisenbahnbesitzer oder ihren Ein-
Auß auf die Regierung zu brechen.

Das ergaunerte Geld kommt zu Ansehen

So ging die große Untersuchung von 1879 vorbei, ohne
die ständig wachsende Macht und den Reichtum von Leuten
wie Vanderbilt und Gould zu beeinträchtigen. Jede neue
Entwicklung zeigte, daß die schwer kämpfende Mittelklasse
allmählich aber sicher ausgerottet wurde. Ein unvorher-
gesehenes, bedeutendes Ereignis aber hatte diese Unter-
suchung von 1879.

Was William H. Vanderbilt jetzt tat, verdient Beachtung.
Als Besitzer von 400000 Aktien der New Yorker Zentral-
eisenbahn war er von der Mittelklasse als ein den Interessen
des Volkes gefährlicher Plutokrat bezichtigt worden. Er kam
zu der Überzeugung, daß es klug sei, einen großen Teil dieser
Aktien zu verkaufen; durch diesen Schachzug konnte er
einen Teil seines Vermögens mit Vorteil anderweitig an-
legen und die plausible Behauptung aufstellen, daß die New
Yorker Zentraleisenbahn keineswegs das Unternehmen eines
Einzelnen sei, sondern sehr vielen Aktionären gehöre. Im
November 1879 verkaufte er durch J]. Pierpont Morgan mehr
        <pb n="370" />
        325 —
als 200000 Aktien an ein Syndikat, das indessen in der Haupt-
sache aus britischen Aristokraten bestand.

Dieser Verkauf beeinträchtigte seinen Einfluß auf die
Verwaltung der New Yorker Zentraleisenbahn in keiner
Weise; er behielt nicht nur eine genügende Menge von
Aktien, sondern hatte auch die Obligationen zum Teil in
Händen. Der Verkauf der Aktien brachte ihm 35 Millionen
Dollar. Was tat er mit dieser Summe? Er legte sie un-
verzüglich in Staatsobligationen an. Das war zweifellos
ein sehr kluges Unternehmen. Aktien haben kein so so-
lides, ehrenhaftes Ansehen wie Bundesobligationen; nichts
ist vornehmer und achtbarer als der Besitzer von Staats-
obligationen.

Von dem Erpresser, Bestecher und Betrüger der einen
Generation zu dem braven Besitzer von Staatsobligationen
in der nächsten war kein langer Schritt, aber er ge-
nügte. Vanderbilt setzte diese Ankäufe von Staatsobli-
gationen fort; in wenigen Jahren besaß er etwa 54 Millio-
nen Dollar zu vier Prozent. 1884 mußte er 10 Millionen
davon verkaufen, um die Verluste einzubringen, die sein
Sohn an der Börse gehabt hatte, aber er kaufte später wieder
für 10 Millionen Dollar nach. Auch besaß er für 4 Millionen
Dollar dreieinhalbprozentige Staatsobligationen, viele Mil-
lionen Stadtobligationen, mehrere Millionen Dollar In-
dustrieaktien und Hypotheken und 22 Millionen Dollar
Eisenbahnaktien. Dieselbe Regierung, die sein Vater um
Millionen betrogen hatte, stand jetzt als direkte Garantie
hinter wenigstens 70 Millionen Dollar seines Reichtums,
und die ganze Bevölkerung der Vereinigten Staaten mußte
Steuern bezahlen, um diese Aktien zu verzinsen, die mit dem
von Cornelius Vanderbilt gestohlenen staatlichen Gelde
gekauft waren.

In den Jahren nach seines Vaters Tode fügte William H.
Vanderbilt ohne Schwierigkeiten einige weitere Eisenbahn-
linien seinem Besitz hinzu und vermehrte seinen Reichtum
mit einem Schlage um viele Millionen.
        <pb n="371" />
        226 —-

Der Ankauf weiterer Eisenbahnen
Sein Riesenvermögen litt keinen Widerstand. Da er die
finanzielle und politische Macht hatte, wurde sein Geld mit
vernichtender Wirkung gegen jeden Konkurrenten an-
gewandt, der ihm im Wege stand. Wenn er die Eigentümer
einer Eisenbahn, deren Besitz ihm erstrebenswert war, nicht
überreden konnte, sie ihm zu einem von ihm festgesetzten
Preise zu verkaufen, so schlug er die Vernichtungstaktik ein,
die sein Vater so erfolgreich ausgeübt hatte.

Die West-Shore-Eisenbahn, eine Konkurrenzlinie, die am
Westufer des Hudson entlang führte, wurde von ihm zum
Bankrott getrieben und schließlich, 1883, im Zwangsver-
fahren angekauft. Indem er seine Frachtsätze herabsetzte,
nahm er ihr das Hauptgeschäft weg; eine Reihe von Jahren
brauchte er seine große politische Macht dazu, sie schikanie-
ren zu lassen; er durchkreuzte ihre Pläne und hinderte sie
‚nsgeheim in ihren Gesuchen um Darlehen oder andere Unter-
stützungen. Noch weitere offene und versteckte Mittel
wurden angewandt, um ihren Ruin herbeizuführen. Als
er schließlich ihre Eigentümer in die Enge getrieben hatte,
trat er in aller Ruhe hervor und kaufte die Aktienmajorität
&gt;illig auf; dann gab er viele Millionen neue Aktien aus.

Er versuchte in das Territorium einzudringen, das von
der Pennsylvania-Eisenbahn durchkreuzt wurde, indem er
eine Konkurrenzlinie baute, die Süd-Pennsylvania-Eisen-
bahn. Den Bau dieser Linie betrieb er im Einverständnis
mit der Philadelphia-und Reading-Eisenbahn, die sehr leb-
haft mit der Pennsylvania-Bahn konkurrierte; für seinen
Bau wurde er an der Reading-Eisenbahn mit einer großen
Summe beteiligt.

Dieses Arrangement zog höchst wichtige Folgen nach sich,
die damals wenige voraussahen — nämlich die allmähliche
Okkupierung eines großen Teils der Aktien der Anthrazit-
Kohlenminen seitens der Familie Vanderbilt.

Vanderbilt, der das Bestreben hatte, an dem reichen Koh-
len- und Petroleumtransport beteiligt zu sein, leitete den
Bau der Süd-Pennsylvania-Eisenbahn ein. Aber es waren mit
Leichtigkeit viele Millionen zu bekommen, bevor die Bahn
        <pb n="372" />
        527
überhaupt eröffnet war, nämlich durch die weit verbreitete
betrügerische Methode, eine Scheinbaugesellschaft zu grün-
den und den Bau der Eisenbahn drei- bis viermal so hoch zu
veranschlagen, als seine tatsächlichen Kosten betrugen.
Vanderbilt brachte so eine Scheinbaugesellschaft zusammen,
die aus einigen seiner Angestellten und Makler zusammen-
gesetzt war und schoß etwa 6 500 000 Dollar zum Bau vor.
Dafür veranlaßte er diese Gesellschaft, Obligationen in Höhe
von 20 Millionen Dollar und ebensoviele Aktien auszugeben.
Von diesen 40 Millionen Dollar Sicherheiten waren mehr
als 30 Millionen Dollar glatter Profit?).

Wenn aber Vanderbilt annahm, die Pennsylvania-Eisen-
bahn würde sich während des Baues der Konkurrenzlinie
ganz geduldig und passiv verhalten, so mußte er bald ein-
sehen, wie sehr er sich geirrt hatte. Diesmal stand er keinem
schwachen, furchtsamen oder unerfahrenen Konkurrenten
gegenüber, sondern einer Gruppe der mächtigsten und ge-
schicktesten Organisatoren und Bestecher. Ihr Vorgehen in
Pennsylvania und anderen Staaten war genau das gleiche
wie das Vanderbilts in New York; ihre politische Macht war
in ihrem Bereich ebenso groß wie seine in New York. Sein
Einbruch in das Gebiet, das sie selbst ausbeuten wollten,
wurde nicht nur übel aufgenommen, sondern begegnete dem
heftigsten Widerstande. Überwältigt von den gewaltigen
finanziellen und politischen Waffen, mit denen sie ihn be-
kämpften, sah Vanderbilt sich zu einem Kompromiß ge-
zwungen, indem er ihnen die Linie abtrat.

Das „Ehbrenwort eines Gentlemans”

Vanderbilts Methoden und sein doppeltes Spiel in dieser
Affäre wurden in den gerichtlichen Prozessen aufgedeckt,
die der Staat Pennsylvania anstrengte. Aus den Zeugenaus-
sagen ging hervor, daß er sich der Reading-Eisenbahn, der
erbittertsten Konkurrentin der Pennsylvania-Eisenbahn,
gegenüber ehrenwörtlich zu einer engen Verknüpfung der

1) Van Oss’: American Railroads S. 126, Irrtümlicherweise schreibt Professor
Frank Parson£f in seinem Werk: „Railways, the Trusts and the People‘“ diese
Manöver Kommodore Vanderbilt zu.
        <pb n="373" />
        — 228 —
Interessen verpflichtet habe. Vanderbilt besaß 82 000 Aktien
von der Reading-Bahn, die er größtenteils auf Grund dieses
Kontraktes bekommen hatte. Da die Direktoren dieser Bahn
seinem Wort unbedingt vertrauten, gaben sie weitere große

Summen zur Errichtung von Bauten in Harrisburg und

anderen Orten her, um die Verbindung mit der von ihm ge-

planten Süd-Pennsylvania-Eisenbahn herzustellen.

Die Pennsylvania-Eisenbahn aber suchte sich durch ver-
schiedene wirksame Mittel zu revanchieren. In diesem
Moment griff J, Pierpont Morgan ein. Morgan war Vander-
bilts finanzieller Bevollmächtigter, und er war es, ent-
sprechend seiner eigenen Aussage vor dem Untersuchungs-
richter am 13. Oktober 1885, der jetzt die Arrangements
zwischen. Vanderbilt und den Magnaten der Pennsylvania-
Eisenbahn einleitete und zuwege brachte, durch welche die
Süd-Pennsylvania-Eisenbahn Eigentum der Pennsylvania-
Linie und die Magnaten der Reading-FEisenbahn fast völlig
ruiniert wurden. Eine gleich verwegene Verräterei war
kaum je in der Geschäftswelt verübt worden.

Zu ihrem großen Erstaunen merkten die Besitzer der
Reading-Bahn eines Morgens, daß Vanderbilt und seine
Genossen sie gründlich betrogen hatten, indem sie die
Majorität der Aktien der teilweise gebauten Süd-Pennsyl-
vania-Linie an die Pennsylvania-Linie überschreiben ließen
für 5 600 000 Dollar dreiprozentige Eisenbahnschuldver-
schreibungen. Es ist interessant, festzustellen, wer außer
Vanderbilt an dieser Transaktion beteiligt war. Es waren

John D. Rockefeller, William Rockefeller, D. O. Mills,
Stephen B. Elkins, William C. Whitney und andere Begrün-
der großer Vermögen, Zum erstenmal in seiner Laufbahn
begegnete Vanderbilt in der Pennsylvania-Eisenbahn einem
Konkurrenten, der mächtig genug war, ihn zu einem Kom-
promiß zu. zwingen,

An anderen Orten hatte er mehr Erfolg. Durch die
fruchtbaren Weizen-, Mais- und Viehdistrikte in Wisconsin,
Minnesota, Jowa, Dakota und Nebraska führte die Chikago-
und Northwestern-Eisenbahn, eine 4000 Meilen lange
Strecke, die in der Hauptsache mit staatlichem Gelde und
mit Hilfe großer Landverleihungen gebaut worden war.
        <pb n="374" />
        — 220 —
Ihre Geschichte war eine Kette von korrupten Parlaments-
und Kongreßerlassen neben den gewohnten Aktienemissionen
und Ausbeutungen. Durch verschiedene Manipulationen
eroberte sich Vanderbilt 1880 die Majorität der Aktien die-
ser Eisenbahn, so daß er jetzt eine vollständige Linie von
New York nach Chikago und von da weit in den Nordwesten
hinein hatte. Auch noch andere Eisenbahnlinien hatte er
sich im Laufe dieser Jahre gesichert.

V’anderbilt beginnt eine glänzende Lebensführung
Zu dieser Zeit etwa gab er in Übereinstimmung mit der
Metamorphosenneigung der meisten Millionäre seine bis-
herige einfache Lebensführung auf und umgab sich mit
verschwenderischer Pracht. Inder 5. Avenue, an der 51. und
52. Straße, baute er einen geräumigen Palast aus Granit-
quadern. In Wirklichkeit waren es zwei zusammenhängende
Paläste; den südlichen Teil wollte er selbst bewohnen, der
nördliche Teil war für seine beiden Töchter bestimmt.
Anderthalb Jahre lang arbeiteten sechshundert Handwerker
an der inneren Ausstattung; sechzig Maurer wurden aus
Europa importiert.

Eine solche Geräumigkeit, so viel Pracht und Luxus in der
Ausstattung waren in den Vereinigten Staaten noch nicht
dagewesen.

All der Luxus, mit dem dieser Palast überladen wurde,
war, wie man allgemein wußte, die Frucht von Betrügereien
über Betrügereien; aber niemand konnte leugnen, daß
Vanderbilt völlig dazu berechtigt war durch Gesetze,
deren Beherrschung in den Händen desjenigen lag, der
sie am besten anzuwenden und zu mißbrauchen verstand.
Und Herrscher müssen einen herrschermäßigen Wohnsitz
haben; es ist nicht angängig, daß die Leute, welche
Hilfsmittel, Arbeit und Regierung eines Volkes befehligen,
ihre Befehle in einem schlichten und ärmlichen Milieu
erteilen. Nur die Pseudoherrscher, wie Gouverneure und
Präsidenten, müssen mit einfachen, schmucklosen Amts-
wohnungen zufrieden sein, die das Volk ihnen stellt. Da-
ldurch erhalten sie den Anschein der viel besprochenen re-
        <pb n="375" />
        publikanischen Einfachheit aufrecht, der ein Teil der poli-
tischen Dogmen ist. Die finanziellen und industriellen Herr-
scher sind an derartige Vorschriften der Tradition nicht ge-
bunden.

Dieselbe Bevölkerung, die murrt und sich entrüstet, wenn
ihre politischen Beamten eine Neigung zu Pomp verraten,
findet es ganz natürlich, daß ihre finanziellen und in-
dustriellen Herrscher nach außen ihre Größe markieren.
Diese Zwillingspaläste Vanderbilts, die noch heute von der
Familie Vanderbilt bewohnt werden, waren durchaus an-
gemessen gebaut und sind in Wahrheit der Sitz der Regie-
rung, mehr als die amtlichen Gebäude. Denn die Magnaten
sind in diesen modernen Zeiten die wahren Herrscher der
Nation gewesen; sie haben in der Regel bestimmen können,
wer die politischen Herrscher sein sollten ; die politischen
Parteien sind einfach ihre Werkzeuge gewesen, die Parla-
mente und die Gerichte ihr Sprachrohr. Sie haben, wenn
auch im geheimen, die Macht gehabt, die Staatsbeamten
zu wählen oder abzusetzen und das Parlament anzuerkennen
oder aufzulösen. Warum also sollten sie sich nicht goldene
Paläste bauen lassen?

Ein plötzlicher Umschwung
Der Präsident der Vereinigten Staaten lebte in der
schlichten Einfachheit des Weißen Hauses. William H.
Vanderbilt aber nahm seine Mahlzeiten in einem großen,
luftigen Speisesaal ein, der 26 zu 37 Fuß groß war, im
Renaissancestil ausgeführt, mit einer Täfelung von goldig
schimmernder, köstlich geschnitzter englischer Eiche an
allen vier Wänden und einer reich mit Jagdszenen bemalten
Decke. Auch sein Salon war ein riesiges, fürstlich aus-
gestattetes Gemach, dessen Wände mit schwerem blaß-
rotem Samt dekoriert waren, der mit Blättern, Blumen und
Schmetterlingen gestickt und mit Kristallen und kostbaren
Steinen besetzt war.

Aber sein größter Stolz war seine Gemäldegalerie. Er
verstand nichts von Kunst und machte sich im Grunde wenig
daraus, denn er war ein völliger Materialist: aber es war
        <pb n="376" />
        vornehm geworden, eine Gemäldesammlung zu haben; er
gab also nach rechts und links Geld aus, um eine Sammlung
zusammenzubekommen.

Er beauftragte Agenten mit dem Ankauf genau so gleich-
mütig, als handelte es sich um Eisenbahnverträge. Und in
der Regel war er mit dem Ankauf um so zufriedener, je
größer die Bilder waren; für ihn wurde die Kunst nach
Quadratmetern gemessen. Nicht wenige der Gemälde, die
ihm aufgeredet wurden, waren trotz ihrer Berühmtheit
recht alltägliche Motive in nachlässiger und traditioneller
Ausführung, aber er sonnte sich an der Berühmtheit, die in
den hohen Preisen ihren Grund hatte, die man ihm dafür
abgeschwindelt hatte. Für eins der Meissonierschen Bilder,
„Die Ankunft im Schlosse‘“, bezahlte er 40 000 Dollar und
bei einem seiner Besuche in Paris ließ er Meissonier für
sieben Bilder 188 000 Dollar zukommen. Erst wenn seine
künstlerischen Ratgeber überzeugt waren, daß ein Maler in
Mode kam, war Vanderbilt zu bewegen, Proben seiner Werke
zu kaufen. Es grenzte ans Wunderbare, wie leicht und billig
ar in den Ruf eines „Kunstkenners‘“ kam. Es waren keine
Kenntnisse und kein Urteil erforderlich; durch wenige
100 000 Dollar verwandelte er sich aus dem schwerfälligen,
unkultivierten Geldjäger in einen leidenschaftlichen „Kunst-
xenner und Mäzen‘“. Und diese Anmaßung wurde von den
Nichtinformierten, die sich ihre Meinung aus den Zeitungen
bildeten, gläubig angenommen.
„Das verdammte Volk”

Wenn er in gewissen Beziehungen vorsichtiger gewesen
wäre, hätte er für einen äußerst leutseligen, philanthropi-
schen Mann gelten können. Nach jedem großen Schwindel,
den er vollführt hatte, pflegte er dem Volk einige bedeutende
Stiftungen hinzuwerfen. Das lieferte dann für den Chor der
Schmeichler einen neuen Grund, seine guten Eigenschaften
zu preisen. Aber er hatte seines Vaters Reizbarkeit und seine
Verachtung für das Volk, das er ausbeutete, geerbt. Zu
seinem Unglück ließ er bei einer denkwürdigen Gelegenheit
seinen Gefühlen freien Lauf. Von einem Reporter befragt,
        <pb n="377" />
        222 —
warum er bei seinen Bahnen auf die Bequemlichkeit des
Publikums keine Rücksicht nehme, platzte er heraus: „Das
verdammte Publikum!“

Frage und Antwort waren sicher überflüssig; aber sie
erregten eine allgemeine tiefe Verstimmung. Er wurde die
Zielscheibe allgemeiner Anschuldigungen und Verwün-
schungen, sehr mit Unrecht, denn er hatte nur dem leiten-
den Prinzip der ganzen kapitalistischen Klasse offenen und
deutlichen Ausdruck gegeben. Die Moral dieses Zwischen-
falls prägte sich den Gemütern der Reichen tief ein und
hat bis auf diesen Tag die Politik ihres äußeren Benehmens
beeinflußt. Sie machten die Erfahrung, daß sie wohl priva-
tim über das Volk, das zu ihrer Bequemlichkeit und Bereiche-
rung geschaffen war, lächeln konnten, daß sie aber ihre Mei-
nung nicht so öffentlich kundtun durften. Es ist weit klü-
ger, haben sie eingesehen, sich der Heuchelei zu bedienen
und äußerlich eine sehr liebevolle und rührende Fürsorge
für die Interessen des Volkes an den Tag zu legen.

Hundert Millionen Dollar in sieben Fahren neu erworben
Aber William H. Vanderbilt ließ sich durch diesen Aus-
5ruch der öffentlichen Wut wenig stören. Er konnte zynisch
darüber lächeln, solange ihm seine Privilegien, seine Macht
und sein Besitz nicht dadurch geschmälert wurden. Seit
dem Tode seines Vaters hatte er seinen Reichtum um rund
(oo Millionen Dollar vermehrt. Der alte Vanderbilt hatte
mehr als 30 Jahre gebraucht, um das Vermögen von 105
Millionen Dollar zu sammeln, das er hinterließ. Da William
H. Vanderbilt auf breiterer Grundlage arbeiten konnte, ver-
doppelte er dies Vermögen in sieben Jahren. Im Januar ı 883
vertraute er einem Freunde an, daß er 194 Millionen Dollar
vesitze. „Ich bin der reichste Mann der Welt,“ fuhr er fort.
„Der Herzog von Westminster soll 200 Millionen Dollar be-
sitzen, aber das ist hauptsächlich Grundbesitz und Häuser und
bringt keine zwei Prozent‘“1). Im selben Atemzuge, wo er mit
seinem Reichtum prahlte, klagte er über seine schwache Ge-
sundheit; er litt an Schlaflosigkeit und Verdauungsstörungen.

1) Erzählt in der New Yorker Times vom 9. Dezember 1885.
        <pb n="378" />
        — 2333 —
Bei einem jährlichen Einkommen von 10 350 000 Dollar
beschränkte er seine gewöhnlichen Ausgaben auf 200 000
Dollar jährlich. Mit wie großem Gleichmut er auch seine
erhabene Rolle als „Kunstsammler‘® durchführte, war er
doch in den meisten anderen Dingen unglaublich knauserig.
Er lebte in der Annahme, daß „jeder Mensch es darauf an-
lege, Vorteile durch ihn zu haben‘; und betrachtete
„Männer und Frauen in der Regel als eine ziemlich
schlechte Gesellschaft‘“1). Folgendes Beispiel, das neben
vielen ähnlichen von Croffut angeführt wird, zeigt seine
Geschicklichkeit, Betrügereien aufzudecken:

Wenn er im Büro beschäftigt war, hatte er die Gewohn-
heit, sein Frühstück, das der Kellner aus einem benachbarten
Restaurant brachte, an seinem Pult einzunehmen.

Er bezahlte die Rechnung wöchentlich und prüfte die
Beträge stets mit größter Sorgfalt nach. „War ich vorigen
Donnerstag hier ?“ fragte er einen Angestellten am Neben-
“sch.
„Nein, Herr Vanderbilt, Donnerstag waren Sie zu Hause.“

„Ich dachte es mir,“ sagte er und strich den Tag von der
Rechnung. Ein andermal äußerte er: „Am vorigen Dienstag
habe ich keinen Kaffee bestellt,“ und strich auch diesen Be-
trag aus.

Bis in seine letzten Tage war sein Sinn mit geschäftlichen
Plänen ausgefüllt ;während einer Konferenz über Eisenbahn-
projekte, die er in seinem Hause am 8. Dezember 1885 mit
Robert Garrett hatte, fiel er plötzlich vornüber vom Stuhl,
vom Schlage getroffen, und war sofort tot. Diener rannten
aufgeregt ab und zu; Boten wurden ausgesandt, seine Söhne
zu holen; Telegramme verkündeten die Botschaft nah und
fern.

Das Hinscheiden des größten aller Menschen hätte nicht
entfernt eine so große Aufmerksamkeit und Erregung her-
vorrufen können wie William H. Vanderbilts Tod. Die
Zeitungen füllten eine Seite um die andere mit Schilderun-
gen, nicht ohne Grund. Denn er war, obwohl er ungekrönt
und mit keiner Amtsgewalt bekleidet war, in Wirklichkeit
doch ein Autokrat; und wenn der Mann auch starb, so lebte

3) „The Vanderbilts‘, S. 127.
        <pb n="379" />
        = 334 —
doch sein Reichtum, das wirkliche Zentrum der Regierungs-
macht, ungeschmälert fort.

V’anderbilts Tod ein bemerkenswertes Ereignis
Vanderbilts Tod war ein Ereignis von umfassender Be-
deutung und wurde so behandelt. Keine Adjektive waren
glänzend genug, seinen Unternehmungsgeist, seine Vor-
sicht, Weisheit und Rechtschaffenheit zu schildern. Sehr
betont wurde auch, daß er sein Vermögen auf ehrliche,
rechtmäßige Art vergrößert habe — eine Behauptung, die
durch gewisse oberflächliche oder bestechliche Schrift-
steller noch weiterverbreitet wird, deren Beruf es ist, einen
orthodoxen Glauben an bestehende Verhältnisse zu predi-
gen. Die wahre Basis seiner Laufbahn wurde bemäntelt,
und es erhob sich eine widerliche Lobhudelei. Wem war es
unbekannt, daß er eine Legislatur nach der anderen bestochen
and stets mit Intrigen und Betrügereien gearbeitet hatte?
Keinem seiner Lobredner war das verborgen; die Berichte
darüber waren zu öffentlich und unwiderleglich, um einen
Zweifel an ihrer Wahrheit zuzulassen. Der Umfang seiner
Besitzungen. und seines Vermögens ‚erregte Staunen, aber
es fiel niemandem ein, den ungeheuren Reichtum eines ein-
zelnen Mannes mit der schrecklichen Armut der Massen zu
vergleichen oder diese Verhältnisse in einen Zusammenhang
zu bringen.

Zur Zeit, als sein Reichtum auf 200 Millionen Dollar
eingeschätzt wurde, waren nicht weniger als eine Million
Lohnarbeiter beschäftigungslos!), während die Millionen
Arbeitender die kärglichsten Löhne bekamen. Nahezu
3 Millionen Menschen waren völlig verarmt und mußten
auf diese oder jene Art auf Staatskosten erhalten werden.

Die Steuerhinterziehungen
Wir haben gesehen, wie die Vanderbilts sich viele Millio-
aen Obligationen durch Schwindeleien aneigneten. Ver-
1) „Es ist anzunehmen, daß diese Gesamtsumme von rund ı Million Arbeits-
loser auf die Vereinigten Staaten jederzeit zutrifft,‘ sagt Carroll D. Wright in dem
United States Labor Report 1886.
        <pb n="380" />
        3235 —
schiedene ihrer Eisenbahnaktien waren von persönlichen
Steuern befreit, die Eisenbahnobligationen aber galten als
versteuerbarer Privatbesitz. Jahr um Jahr hatte William
H. Vanderbilt den Meineid geleistet, daß sein persönlicher
Besitz 500 000 Dollar nicht übersteige. Mehr als diesen Be-
trag wolle er nicht versteuern. Als bei seinem Tode sein
Testament der Öffentlichkeit seinen Vermögensstand offen-
barte, machte die Einkommensteuerkommission der Stadt
New York den scheinbaren Versuch, einige der Millionen
einzuziehen, um die er die Stadt betrogen hatte. Da trat
der willfährige Depew, der in der Hörigkeit der Vanderbilt-
generationen alt und grau geworden war, mit seiner Dro-
hung hervor, „Er teilte nur mit,“ führt Michael Cole-
man, der Vorsitzende der Kommission, aus, „daß, wenn wir
versuchten, zuviel herauszupressen, er Maßnahmen treffen
würde, durch welche die meisten Wertpapiere unserem
Bereich so entrückt würden, daß wir sie nicht besteuern
könnten. Die Familie Vanderbilt könne alles, was sie habe,
in steuerfreie Papiere konvertieren, wie z. B. in Obliga-
tionen der New Yorker Zentraleisenbahn, in Staats- und
Stadtobligationen, in Aktien der Delaware- und Lacka-
wanna- sowie der Delaware- und Western-Eisenbahn, und
keinen Dollar bezahlen, wenn sie es nicht wolle‘),

Die Vanderbilts bezahlten also der Stadt nur einen kleinen
Teil der schuldigen Summe; der größte Teil des Besitzes
blieb wie bisher steuerfrei; dies Vorgehen entsprach nur
dem der ganzen besitzenden Klasse, wie 1890 vom Städte-
ausschuß des New Yorker Senats untersucht wurde.

Testamentarische Verfügung über 200 Millionen Dollar
William H. Vanderbilt vermachte nicht wie sein Vater
den größeren Teil seines Vermögens einem Sohne. Er
hinterließ jedem seiner beiden Söhne, Cornelius und William
K. Vanderbilt, so Millionen Dollar. Durch die Erbschaft
schwoll ihr Privatvermögen auf 100 Millionen Dollar an —
etwa dieselbe Summe, die ihr Vater selbst geerbt hatte.
Die verbleibenden 100 Millionen Dollar wurden in William

1) „The New York Senate Committee of Cities,“ 1890, Bd. 3, 5. 2355.
        <pb n="381" />
        -- 226 —
H. Vanderbilts Testament folgendermaßen verteilt: 40 Mil-
lionen Dollar in Eisenbahn- und anderen Papieren wurden
als Reservefonds reserviert, dessen Erträge unter seine acht
Kinder gleichmäßig verteilt werden sollten. Hierdurch hatte
jedes von ihnen ein jährliches Einkommen von 500000 Dollar,
Dieser Fonds sollte sich auf ihre Kinder vererben, wie sie
testamentarisch zu bestimmen hatten. Weitere 40 Millionen
Dollar wurden gleichmäßig unter seine acht Kinder geteilt.
Die letzten 20 Millionen Dollar wurden verschieden verteilt:
den größeren Teil bekam seine Witwe; 2 Millionen Dollar
fielen als besonderes Legat Cornelius zu, ı Million Dollar
sinem Lieblingsenkel, verschiedene Beträge anderen Ver-
wandten und Freunden, und etwa ı Million Dollar wurde
mildtätigen und anderen öffentlichen Einrichtungen über-
wiesen.

Er wurde in einem Mausoleum begraben, das 300 000
Dollar kostete und das auf seinen eigenen Wunsch in New
Dorp auf Staten Island erbaut worden war; dort liegen heute
seine Überreste in der prächtigen Grabstätte, während
Millionen der lebenden Ausgeplünderten und Enterbten
im Elend verkommen müssen.

Siebentes Kapitel
DAS VANDERBILTSCHE VERMÖGEN IN DER HEUTIGEN
GENERATION

Mi} dem Ableben William H. Vanderbilts hörte das
Vanderbiltsche Vermögen auf, eine einzige Person zu
repräsentieren. Obwohl es unter die acht Kinder verteilt
wurde, hatten die beiden Haupterben — Cornelius und
William K. Vanderbilt — bei weitem das Übergewicht.
An sie gingen die ausgedehnten Eisenbahnlinien mit allen
dazugehörigen Besitzungen über, die ihr Großvater und
Vater sich angeeignet hatten. Diese beiden Erben waren in
die Bahnverwaltungsgeschäfte gründlich eingeweiht wor-
den; alle finanziellen Kunstgriffe und die großen taktischen
        <pb n="382" />
        A4m
Pa
und strategischen Verwaltungsmanöver waren ihnen mit
ungeheurer Sorgfalt eingeimpft worden.

Das erste, was sie taten, als sie ihr Erbe antraten, war,
sich prachtvolle Wohnsitze zu schaffen, die ihrer Ver-
mögenslage entsprachen. Dazu bedurfte es nur eines Feder-
strichs. Architekten und Scharen von Handwerkern traten
in Tätigkeit und bauten ihnen Paläste, dem einen an der
5.Avenue und 52. Straße, dem anderen an der 5. Avenue
und der 57. Straße.

Millionen wurden verschwenderisch verausgabt. Für sein
Heim in der 5. Avenue allein verausgabte Cornelius 5 Millio-
nen Dollar. Um Platz für die Blumenbeete und ein paar
Quadratmeter Rasen zu bekommen, wurde ein benachbartes
Haus niedergerissen und der Garten mit einem Kostenauf-
wand von 400 000 Dollar angelegt. George, ein anderer
Bruder, der ein sehr zurückgezogenes Leben führte, gab
6 Millionen Dollar für ein fürstliches Haus inmitten der
North-Carolina-Berge aus. Dreihundert Mann wurden drei
Jahre lang an diesem Bau beschäftigt, und er kaufte immer
mehr angrenzendes Terrain an, bis sein Besitztum 180 Qua-
dratmeilen umfaßte. Sein Jagdgebiet wurde vergrößert,
bis es sich über 20 000 Morgen erstreckte. So lebten sie,
dreißig Jahre nachdem ihr Großvater seine ersten Millionen
durch Schwindeleien erbeutet hatte, wie Fürsten und in
größerem Luxus und größerer Macht als die wirklichen
Fürsten alter oder moderner Zeiten. Aber diese prächtigen
Wohnsitze standen oft unbewohnt. Ihre Besitzer veran-
laßten die Erbauung majestätischer, geräumiger Paläste
in Newport, wohin einige der Vanderbilts in der heißen
Jahreszeit ihre erhabene Residenz verlegten.

Neuerwerb von Bahnen und Kohlengruüuben
Wenn William H. Vanderbilt sich veranlaßt gesehen hatte,
die Erregung der Mittelklasse zu dämpfen, indem er den
Aktienbesitz der New Yorker Zentraleisenbahn aufteilte,
ließen seine Söhne Cornelius und William diese Erregung un-
beachtet. In äußerster Verachtung der besonders im Westen
herrschenden erbitterten Stimmung gegen die Vereinigung
        <pb n="383" />
        238 —
der Bahnen in den Händen der wenigen Mächtigen mach-
ten sie sich in aller Ruhe ans Werk, weitere Bahnen an sich zu
bringen, z. B. die Cleveland-Cincinnati-Chikago-St. Louis-
Eisenbahn, die sie 1890 erwarben. Es würde indessen zu
weit führen, die verwickelten Methoden näher zu schildern,
die sie anwandten, um in den Besitz der Bahnen zu kommen.
Anfang 1893 umfaßten die Vanderbiltlinien wenigstens
12 000 Meilen mit einem kapitalistischen Wert von mehre-
zen hundert Millionen Dollar und einem Gesamtbrutto-
gewinn von mehr als 60 Millionen Dollar jährlich. „Die
besten Bahngebiete,“ sagt John Moody in seiner Skizze
‚The Romance of the Railways‘, „außerhalb New Englands,
Pennsylvanias und New Jerseys wurden von Vanderbilt-
bahnen durchkreuzt, und keine andere Bahnlinie im Lande,
mit der einzigen bemerkenswerten Ausnahme der Pennsyl-
vania Eisenbahn, durchkreuzte ein annähernd ebenso großes
Areal reichen und bebauten Landes oder berührte so viele
bedeutende Städte. New York, Buffalo, Chikago, Cleveland,
St. Louis, Cincinnati, Detroit, Indianapolis, Omaha —
das sind ein paar von den großen Zentren, welche den Van-
derbilts reserviert waren.“ Die Vanderbilts waren so un-
denkbar reich und mächtig und hatten so einträgliche
Eisenbahnen und so viele Hilfsquellen, finanzielle Ein-
richtungen und Legislaturen zu ihrer Verfügung, daß die
Krisis von 1893 ihnen, statt ihr Vermögen zu schmälern,
günstige Gelegenheiten gab, sich des Besitzes schwächerer
Bahnlinien zu bemächtigen.

In dieser Zeit sahen sie die Möglichkeit, einen großen Teil
der fabelhaft reichen Kohlenminen von Pennsylvania in
ihre Verwaltung zu bekommen. Diese Kohlengruben hatten
arsprünglich verschiedenen Gesellschaften bzw. Unter-
nehmern gehört, die voneinander unabhängig waren. Aber
etwa um das Jahr 1867 hatten die Bahnen, welche das
Kohlengebiet durchfuhren, den Gedanken gefaßt, selbst
Eigentümer der Gruben zu werden. Warum sollten sie nur
den "Transport der Kohle vermitteln? Warum sollten sie
nicht selbst diese riesigen Kohlenterrains besitzen und alle
Gewinne einstecken, statt bloß Einnahmen aus dem Trans-
port?
        <pb n="384" />
        20 —
Der Plan war wirklich ganz ausgezeichnet; er konnte mit
geringen Kosten leicht zur Ausführung kommen. Die Bah-
nen brauchten den Unternehmern nur ungeheure Abgaben
aufzubürden und sie in jeder Weise zu bedrücken!). Wie
aus verschiedenen Prozessen hervorgeht, lehnten die Bahnen
es häufig ab, für diese oder jene Mine Kohlen zu transpor-
tieren unter dem Vorwand, keine verfügbaren Wagen zu
haben. Es wurde jedes Mittel versucht, die unabhängigen
Unternehmer zu ruinieren und den Verkaufswert ihres Be-
sitzes herabzusetzen. Es war ein Vernichtungskrieg; im
Gesetz hieß so etwas verbrecherisches Komplott; aber die
Eisenbahnen übten es fortgesetzt aus, ohne weitere Belästi-
gung als ein paar langwierige Zivilprozesse, und sie zwangen
schließlich eine Anzahl der fast bankrotten unabhängigen
Unternehmer, ihren Besitz an sie für verhältnismäßig mini-
male Summen zu verkaufen.

Durch diese Methoden setzten sich Eisenbahnen wie die
Philadelphia- und Reading-Bahn, die Delaware-Lackawana-
und Western-Bahn, die New Jersey-Zentraleisenbahn,
die Lehightal-Bahn und andere, im Lauf der Jahre all-
mählich in den Besitz großer Kohlengruben. Die mächti-
geren unter den unabhängigen Unternehmern schlugen sie
anfangs zurück, indem sie 1873 in Pennsylvania eine gesetz-
liche Verfügung durchsetzten, wonach Eisenbahnen der
Erwerb und Betrieb von Kohlengruben untersagt wurde.
Die Eisenbahnen umgingen dies Gesetz mit Leichtigkeit
durch ungesetzliche Verpachtungen und durch Gründung
nominell unabhängiger Gesellschaften, deren Aktien in der
Tat ihnen gehörten.

Die Männer, welche die wirkliche Arbeit in den Gruben
leisteten — die Bergleute —, sahen diesen Besitzwechsel
ohne Aufregung mit an. Tatsächlich gaben sie sich zuerst der
kühnen Hoffnung hin, daß ihre Lage, die unter dem alten
System recht verzweifelt und unerträglich gewesen warf,
sich bessern werde. Die kleinen Kohlengrubenbesitzer,
die über ihre eigene Bedrückung durch die Eisenbahnen

1) Vgl. die Zeugenaussagen vor der Kommission zur Prüfung der Philadelphia-
und Reading-Eisenbahngesellschaft in Pennsylvania und der Philadelphia and Reading
Coal and Iron Company, Pennsylvania, Legislative Documents 1876, Bd. 5, No. 2.
a
        <pb n="385" />
        — 2340 —
so bewegliche Klagen angestimmt hatten, hatten ihre Zehn-
tausende von Arbeitern lange Zeit unbarmherzig ausgebeu-
tet. Ein Mißbrauch war dem anderen gefolgt. Die Bergleute
wurden pro Tonne bezahlt; die Gesellschaften hatten die
Tonnen betrügerischerweise vergrößert, so daß die Arbeiter
mehr Arbeit zu leisten hatten, während die Löhne sich nicht
srhöhten, sondern sogar herabgesetzt wurden.

Einer der schlimmsten Nachteile aber waren die so-
genannten Gesellschafts- oder „„Truck‘“läden. Um die
elenden Löhne, die zur Auszahlung gekommen waren, zu-
rückzubekommen, hatten die Gesellschaften sich genialer-
weise Verkaufsläden zugelegt, aus denen die Arbeiter ihre
Bedürfnisse decken mußten. In manchen Gruben wurde
der Bergarbeiter überhaupt nicht bar bezahlt, sondern be-
kam eine Anweisung auf die Grubenläden und wurde ge-
zwungen, minderwertige Waren zu unglaublich hohen
Preisen zu kaufen.

In den Minen mußte gesprengt werden; den Sprengstoff
mußten sich die Arbeiter auf eigene Kosten kaufen und
mußten 2,75 Dollar pro Faß bezahlen, obgleich der Verkaufs-
wert nicht mehr als 1,10 Dollar oder 90 Cent betrug. In
jeder Richtung wurde der Bergmann betrogen und aus-
geplündert. „Häufig,‘“ erzählt John Mitchell, der lang-
jährige Führer der Bergleute, dessen spätere Laufbahn aber
beweist, daß er keine tiefwurzelnde Feindschaft gegen die
Interessen der Kapitalisten hegte, „arbeitete ein Mann und
seine Kinder monatelang, ohne einen Dollar bares Geld zu
bekommen, und sehr oft fand er am Ende des Monats in
seiner Börse nur die Bescheinigung, daß er der Gesellschaft
so und so viel Dollar mehr schuldig sei‘?). Mitchell fügt
hinzu, daß die Legislatur von Pennsylvania Antitruckgesetze
erließ, „aber die Unternehmer, die am lautesten gegen jede
ungesetzliche Handlung der Bergarbeiter Front gemacht
hatten, übertraten dies Gesetz offenkundig und ohne Zögern
und umgingen es in verschiedener Richtung‘“?). Die elenden
1) Organized Labor, S. 359. Mitchells Darlegungen wurden vollständig be-
stätigt durch die umfassende Beweisaufnahme, welche die United States Anthracite
Coal Commission 1902 einleitete. Ein paar Jahre später (1909) war er bei der Civic
Federation angestellt, einer von Kapitalisten finanzierten Organisation. Ihr Zweck
ist, zwischen Kapital und Arbeit eine „Harmonie“ herzustellen, 2) A. a. O,
        <pb n="386" />
        — 341 —
Baracken, welche die Bergarbeiter bewohnten, „dienten
ebenfalls,‘ führt Mitchell an, „als Erpressungsmittel und
in vielen Fällen als Waffe gegen die Bergarbeiter‘“. Wenn
sich die Bergleute beschwerten oder streikten, wurden sie
unerbittlich aus ihren Behausungen „ausgetrieben‘“. Auch
sonst gab es viele Arten der Ausbeutung. Im ganzen Jahre
arbeiteten die Bergleute durchschnittlich nur 190 Tage —
mit zehn Arbeitsstunden täglich — und wurden natürlich
nur für diese Arbeitszeit bezahlt. Nach Spahr arbeiteten
350 000 Bergleute für einen durchschnittlichen Jahreslohn
von 350 Dollar?).

Dies Sklavereisystem stand in voller Blüte, als die Eisen-
bahnen viele der kleinen Unternehmer ausdrängten und
gewaltsam die Gruben in ihren Besitz brachten. Vergeblich
ersuchten die Arbeitergewerkschaften die Eisenbahnmagna-
ten um irgendwelche Abhilfe. Die Magnaten schlugen ihnen
alles kurz ab und erweiterten ihre Macht in jeder Richtung.
Die Vanderbilts gewannen bedeutenden Einfluß in der
Delaware- und Hudson-Eisenbahn sowie in der Delaware-,
Lackawana- und Western-Eisenbahn, welche sich der reich-
sten Kohlenlager im Bezirk Wyoming bemächtigt hatte;
auch in der Leitung der Lehightal-Eisenbahn bekamen die
Vanderbilts die Oberhand.

Die bedeutendste Eisenbahn mit Kohlengrubenbesitz in-
dessen, die sie mit anderen Magnaten in Händen hatten,
war die Philadelphia- und Reading-Eisenbahn. Ihr gehört
wenigstens die Hälfte der Anthrazitkohlenlager von Penn-
sylvania. William H. Vanderbilt hatte vor Jahren eine Be-
teiligung daran erworben, aber die tatsächliche Leitung
lag in den Händen einer Gruppe von Kapitalisten zweiten
Grades aus Philadelphia, die 300 000 Anteile besaßen.

Zum Unglück für diese Gruppe war für die Philadelphia-
und Reading-Eisenbahn ein Präsident gewählt worden, ein
gewisser Arthur A. McLeod, der nicht nur schrankenlos
ehrgeizig, sondern unbesonnen genug war, den Weg der
wirklich mächtigen Magnaten zu kreuzen.

Mit ungeheurem Vertrauen in seine Pläne und seine Ge-
schicklichkeit, sie auszuführen, ging er daran, die Anthrazit-
1) The Present Distribution of Wealth in the United States, S. 110 f,
        <pb n="387" />
        kohlengewinnung zu monopolisieren und die Reading-Eisen-
bahn zu einer großen Stammlinie zu machen. Um dies
Monopol zu verwirklichen pachtete er einige Kohlentrans-
portbahnen und machte mit anderen einen „ehrenwört-
lichen Vertrag‘; in Verfolgung seiner Politik, die Bedeutung
der Bahn zu heben, borgte er große Summen für die Erbau-
ung neuer Bahnhöfe und Anschlußgleise und für die Aus-
stattung.

Al diese Pläne aber waren den Zielen und Wünschen
der viel bedeutenderen Magnaten sehr hinderlich. Diese
erkannten sofort die verblüffenden Möglichkeiten eines
Kohlenmonopols — das Hunderte von Millionen Profit
bringen würde — und faßten den Entschluß, daß sie und
niemand anders sich dies Monopol sichern wollten.  Fer-
ner hatte McLeod in seinem Bestreben, eigene Bahnver-
bindungen mit den dichtbevölkerten Industriebezirken New
Englands herzustellen, mit Hilfe verschiedener kleiner
Eisenbahnen eine vollständige Linie von den Kohlenlagern
Pennsylvanias bis in das Herz New Englands errichtet.
Damit überschätzte er seine Macht. Er mußte bald er-
sgennen, wie töricht es war, die Interessen der Magnaten
zu kreuzen.

Die Methode

Die beiden Mächte, welche die großen Eisenbahnen der
New England-Staaten unter sich hatten, waren die Vander-
bilts und J. Pierpont Morgan. Dem einen gehörte die
New Yorker Zentralbahn, der andere beherrschte die New
York-, New Haven- und Hartford-Eisenbahn. Aber auch die
Pennsylvania-Eisenbahn war durchaus nicht gesonnen, einen
3o mächtigen Konkurrenten in ihrem eigenen Bezirk zu
dulden. Diese Magnaten sahen mit ungeheurem Staunen
auf die Frechheit dieses Eindringlings. Obwohl diese beiden
Mächte bisher beständig miteinander um die Übermacht
zekämpft hatten, machten sie jetzt gemeinsame Sache.

Sie alle trafen Vorbereitungen, McLeod zu stürzen
und die Eisenbahn, deren Leiter er war, zum Bankrott zu
treiben. Hierdurch würden sie drei höchst wichtige Ziele
        <pb n="388" />
        343 —
erreichen; erstens, die Philadelphia- und Reading-Eisenbahn
in ihren gemeinsamen Besitz zu bekommen, zweitens die
von McLeod gepachteten Eisenbahnen ebenfalls zu okku-
pieren und endlich das unbestrittene Verfügungsrecht über
einen großen Teil der Anthrazitkohlenlager. Der Krieg
begann jetzt ohne jene seltsamen Zeremonien, Proklama-
tionen und Botschaften, welche die Regierungen als ein
so unerläßliches Vorspiel für die Metzeleien ansehen. Diese
Formalitäten spart man. sich bei kommerziellen Kämpfen.

Zunächst veranlaßte die Morgan-Vanderbiltgruppe die
Veröffentlichung aufregender Berichte, wonach der Erlaß
gewichtiger Gesetze, die den Kohlenkombinationen un-
günstig wären, bevorstände. Sofort ließ der Kurs der Rea-
ding-Aktien an der Börse nach. Dann ließen die beiden
Verbündeten noch verderblichere Nachrichten folgen. Die
Vermögenslage der Philadelphia- und Reading-Eisenbahn
wurde als sehr schlecht hingestellt. Da die Eisenbahn
ungeheure Summen geborgt hatte, mußten von Zeit
zu Zeit an die Gläubiger erhebliche Zahlungen geleistet
werden. Um diese aufzubringen mußte die Eisenbahn neue
Anleihen machen; als aber der Kredit der Eisenbahn an-
gegriffen wurde, fand sie plötzlich alle Geldquellen ab-
geschnitten. Die Philadelphiaer Kapitalisten hatten bereits
große Summen entliehen und Reading-Aktien als Sicher-
heit gegeben. Als der Aktienkurs fiel, wurden sie aufgefordert,
die Darlehen zurückzuzahlen. Als sie dazu nicht fähig, bzw.
nicht bereit waren, wurden die 50 000 hinterlegten Aktien
verkauft. Dieser Verkauf drückte den Kurs noch weiter
herunter.

Zu diesen Philadelphiaer Kapitalisten gehörten Leute, die
als Geschäftsgenies betrachtet wurden, George M. Pull-
man, Thomas Dolan, einer von dem Straßenbahnsyndikat,
dessen Bestechungen von Legislaturen und Gemeinde-
räten und dessen Manipulationen mit Straßeneisenbahnen
in Philadelphia und anderen Städten so großes Aufsehen
gemacht hatten; John Wanamaker, der Frömmigkeit und
Geschäftssinn vereinigte, das waren drei von ihnen. Aber
sie waren keine Gegner für die mächtigere und gerissenere
Vanderbilt-Morgan-Partei. Sie wurden rücksichtslos ge-
        <pb n="389" />
        344 —
zwungen, ihre Reading-Aktien mit großem Verlust auf
den Markt zu werfen. Die meisten der Aktien wurden so-
fort von J. P. Morgan &amp; Co. und den Vanderbilts auf-
gekauft, die dann in aller Ruhe die Beute unter sich teilten.

Diese Transaktion (nach dem Buchstaben des Gesetzes
wäre sie als eine Verschwörung zu bezeichnen) ermöglichte
eine Anzahl sehr wichtiger Veränderungen. Die Vanderbilts
und Morgan teilten unter sich die Mehrheit der Aktien
der Philadelphia- und Reading-Eisenbahn mit ihren großen
Kohlenlagern und ihrem Kohlentransport!). Die New
York-, New-Haven und Hartford-Bahn beschlagnahmte die
New York und New England-Bahn, und noch weitere Be-
sitzveränderungen traten ein?). Es war nur eins von den
vielen Beispielen, wo die Großbkapitalisten die kleineren
Geldleute verdrängen und ihnen den Besitz wegnehmen,
den diese seinerzeit durch allerlei Schwindeleien sich an-
geeignet haben).

1) Eine im Jahre 1905 vorgenommene Untersuchung ergab, daß die Baltimore-
und Ohio-Eisenbahn und die New York Central- und Hudson-Eisenbahn ungefähr
43,3% des gesamten Aktienkapitals der Philadelphia- und Reading-Eisenbahngesell-
schaft besaßen. „Report on Discriminations and Monopolies in Coal and Oil,
Interstate Commerce Commission 1907‘, S. 46.

?) Einen guten Bericht über dies Enteignungsverfahren gibt Wolcott Drew,
„The Reading Crash in 1903‘, Moody’s Magazine (eine führende finanzielle
Zeitschrift), Januar 1907,

3) Eins der unwiderleglichsten Beispiele für die ungenierten Betrügereien, durch
welche ungeheure Kohlendistrikte erlangt worden waren, ist die Aufteilung der Be-
sitzung John Nicholsons.

Als Nicholson im Dezember 1800 starb, hinterließ er eine Besitzung von etwa
3 bis 5 Millionen Morgen, Nicholson war einer der Leiter der Pennsylvania Land
Company, die den größten Teil ihres ausgedehnten Landbesitzes auf betrügerische
Art erworben hatte, Einige der Landbesitzungen Nicholsons lagen in Virginia, in
Kentucky, in North- und South-Carolina, in Georgia und anderen Staaten, aber die
Hauptmasse lag in Pennsylvania und umfaßte ausgedehnte Strecken der reichsten
Kohlenlager,

Der Staat Pennsylvania hatte ein Pfandrecht auf Nicholsons Besitzung für un-
bezahlte Steuern in Höhe von 300 coo Dollar. Trotz dieses Pfandrechtes brachten
verschiedene Privatpersonen und Gesellschaften es fertig, nahezu das ganze Areal

in ihren Besitz zu bringen. Wie sie das anfingen, ist aus zahlreichen Dokumenten
ersichtlich, Die Betrügereien und Diebstähle, die damit zusammenhingen, gaben
»inen großen Skandal in Pennsylvania, der sich 45 Jahre lang hinzog. Es sei hier nur
eines dieser Dokumente angeführt: Der Richter J- B. Anthony vom Nicholson-
Gericht, einem Gericht, das extra für die Angelegenheiten der Aufteilung des Nichol-
zonschen Besitztums eingesetzt war, schrieb am 24. Januar 1842 folgendes an den
Obmann des Judiciary Committees:
        <pb n="390" />
        — 345 —
Der Vanderbiltsche Besitz an Aktien von Bahnen, welche
Kohlengruben betreiben, läßt sich folgendermaßen zu-
sammenfassen. Durch die Lake Shore-Eisenbahn, welche
ihnen fast ganz gehörte, besitzen sie, oder besaßen sie we-
nigstens bis vor kurzem von der Philadelphia- und Reading-
Eisenbahn mit ihren riesigen Anthrazitkohlenlagern Aktien
im Betrage von 30 Millionen Dollar, ferner besaßen sie
lange Zeit große Mengen Aktien von der Lehigh-Valley-
Eisenbahn mit ihren unerschlossenen Kohlenlagern von
400 Millionen Tonnen. 1908 traten sie diese Lehigh Valley-
Eisenbahnaktien gegen andere Werte ab. Die Delaware-,
Lackawana- und Western-Eisenbahn ‚mit ihren ebenso
großen unerschlossenen Kohlenlagern gehört der Familie
Vanderbilt und der Standard Oil Company je zur Hälfte,
Die Vanderbilts besitzen nach den letzten amtlichen Be-
richten auch große Mengen Aktien von der Delaware- und
Hudson-Eisenbahn, der New York-, Ontario- und Western-
Bahn, 12 500 000 Dollar Aktien von der Chesapeake-Ohio-
Eisenbahn und große Mengen Aktien anderer Eisenbahnen,
die Kohlen transportieren oder fördern?).

Hier haben also die Vanderbilts einen weiteren wichtigen
Schritt zur Okkupierung der Einnahmequellen des Landes
getan.

Die Herrschaft über die Kohlengruben
Die Vanderbilt- und Morgan-Partei erhöhte sofort den
Preis der Anthrazitkohle um 1.25 bis 1,25 Dollar pro Tonne.
„Am 11. April 1825 erließ der Gouverneur den Befehl, Agenten zu beauftragen,
bei einer Provision von 25% die Nicholsonschen Ländereien zu besichtigen und
zu verauktionieren. Es wurde auch ein besonderer Aufsichtsrat gebildet, um mit
den Reklamanten zu verhandeln. Nach allem, was hinsichtlich dieses Erlasses zu
meiner Kenntnis gelangt ist, bin ich überzeugt, daß das Volksvermögen durch die
Art, wie dieser Erlaß von einigen Agenten gehandhabt wurde, ernstlich geschädigt
ist. Die unbedeutenden Summen, die die Staatskasse für große und wertvolle,
verkaufte und vertraglich veräußerte Ländereien erhielt, zeigen, daß die listigen und
schlauen Landmakler den Aufsichtsrat in Harrisburgleicht übervorteilen konnten . . .“
Richter Anthony sagt ferner: „Sehr viele der einflußreichsten, scharfsinnigsten
und intelligentesten Einwohner und Herren von hohem Stande“ hatten an den
Betrügereien teil.“ Pennsylvania House Journal, 1842, Bd. 2, No. 127, 5. 700—9704.

1) Vgl. Special Report No. ı der Interstate Commerce Commission on Intercor-
porate Relationship of Railroads, S. 39, ferner: Carl Snyder: American Railways as
Investments, 5. 473.
        <pb n="391" />
        246 —
1900 traten sie mit einem neuen, ungeheuren Konsoli-
dierungsprojekt an die Öffentlichkeit, das ihnen die abso-
Iute Kontrolle der Produktion und der Preise sicherte. Daß
in der Hauptsache die Familie Vanderbilt und Morgan
an dieser Kombination beteiligt sein sollten, war Tatsache?).
Die ohnehin schon hohen Preise wurden für die damals pro-
duzierten 40 Millionen Tonnen noch weiter erhöht und
beständig in die Höhe getrieben, so daß die Konsumenten
etwa das Siebenfache der Produktions- und T-ransport-
kosten bezahlen mußten.

Die Bevölkerung war völlig von der Gnade weniger
Magnaten abhängig; alljährlich, sobald der Winter kam, er-
höhte der Kohlentrust die Preise. In den Bedürfnissen und
Leiden von Millionen von Menschen fand er ein gutes Mittel,
immer schwerere Tribute zu erheben. Durch die Willkür
des Kohlentrusts mußten die Familien weitere 70 Millionen
Dollar aufbringen außer den 40 Millionen Dollar, die durch
die hohen Preise der vorhergehenden Jahre erpreßt worden
waren. Auf einen Hieb konnten die Magnaten die Arbeit
der Bevölkerung der Vereinigten Staaten nach ihrem Gefallen
an sich reißen. Eine Hilfe dagegen gab es nicht; denn diese
Magnaten kontrollierten sämtliche Verwaltungszweige.

Und die Bergarbeiter? Wie wurden sie behandelt, wäh-
rend der Trust den Konsumenten zwang, unglaubliche
Preise zu zahlen? Die Frage ist fast überflüssig. Die
Eisenbahnen machten kaum ein Hehl aus ihrer Feind-
schaft gegen die Arbeitergewerkschaften und lehnten es
ab, irgendwelche Reformen durchzuführen oder Kon-
zessionen zu machen. Infolgedessen brach im Jahre 1900
ein Streik aus, durch den die Grubenarbeiter eine Lohn-
erhöhung von 10% und das Versprechen halbmonatlicher
Lohnzahlung in bar durchsetzten. Sie hatten aber kaum
die Arbeit wieder aufgenommen, als sie die Hohlheit dieser
Zugeständnisse erkannten. Es vergingen zwei Jahre nutz-
loser Bemühungen um bessere Bedingungen, und dann tra-
ten 1902 150000 Männer und Knaben in den Ausstand.
Dieser Streik dauerte 163 Tage. Die Magnaten galten all-
gemein für arrogant und eigenwillig; sie behaupteten, daß

1) Final Report of the U. S. Industrial Commission, 1902, Bd. 19, 5. 462£.
        <pb n="392" />
        — 247
sie nicht nachgeben könnten*), und ließen sich erst auf eine
Einigung ein, als Präsident Roosevelt ihnen mit der ganzen
Strafgewalt der Regierung drohte,

Durch diesen Vertrag erhielten die Grubenarbeiter eine
Lohnerhöhung (die in Gestalt höherer Preise auf den Kon-
sumenten abgewälzt wurde) und mehrere kleinere Zuge-
ständnisse. Doch ist ihre Lage immer noch äußerst hart.
Dr. Peter Roberts, der keineswegs ein Parteigenosse der
arbeitenden Klasse ist, konstatierte wenige Jahre später, daß
die Löhne der Kontraktgrubenarbeiter etwa 600 Dollar jähr-
lich (1907) betrugen. Und. doch gibt, wie Roberts bemerkt,
das Statistische Amt von Massachussetts an, daß „eine Familie
von fünf Personen 754 Dollar jährlich für ihren Lebens-
unterhalt braucht“. Durchschnittlich umfaßt die Familie
eines Grubenarbeiters fünf bis sechs Personen. ‚Dies kleine
Einkommen,“ sagt Roberts, „zwingt viele unserer Arbeiter,
in billigen, ungesunden Häusern zu leben, wo jedes Scham-
und Anstandsgefühl in früher Jugend zerstört wird und
wo sie keine häusliche Bequemlichkeit finden, die der An-
ziehungskraft der Kneipe ein Gegengewicht böte.‘“ Hun-
derte der Arbeiterhäuser sind nach Roberts ungeeignet als
Wohnräume, und „in den Häusern der Grubenangestellten
aller Nationalitäten herrscht eine erschreckende Kinder-
sterblichkeit 2“.

Die Braunkohlenlager werden ebenfalls okkupiert
Die Vanderbilts haben ihre Hand aber nicht nur auf die
Anthrazitkohlen-, sondern auch auf ausgedehnte Braun-
kohlenlager in Pennsylvania, Maryland, West-Virginia,
Ohio und anderen Staaten gelegt. Dadurch, daß sie In-
haber der New Yorker Zentraleisenbahn sind, besitzen sie
verschiedene angeblich unabhängige Braunkohlengesell-
schaften. Hierher gehören die Clearfield-Gesellschaft. die
1) Bei dieser Gelegenheit rechtfertigte George F. Baer, der Präsident der Phila-
delphia- und Reading-Eisenbahn, die Haltung der Eisenbahngesellschaften in dem
berühmten Ausspruch von „den christlichen Männern und Frauen, denen Gott in
seiner unendlichen Weisheit die Besitzinteressen des Landes anvertraut hat‘. Be-
weisen konnte er diese angebliche göttliche Sanktionierung allerdings nicht.

2) „The Anthracite Coal Communities‘, S, 246£.
        <pb n="393" />
        — 2348 -
Pennsylvania-Kohlen- und Koksgesellschaft und die West-
Branch-Kohlengesellschaft. Infolge ihrer großen Beteili-
gung an anderen Eisenbahnen, welche diese Braunkohlen-
gebiete durchqueren, sind die Vanderbilts im Besitz von
etwa der Hälfte aller Braunkohlenlager in den östlichen und
den meisten Staaten des mittleren Westens.

Nach einem Bericht der Interstate Commerce Commis-
sion vom Jahre 1907 besaßen die New Yorker Zentral- und
die Pennsylvania-Eisenbahn in diesem Jahre etwa 45 Pro-
zent der Aktien der Chesapeake- und Ohio-Eisenbahn, und
die New Yorker Zentraleisenbahn besaß große Mengen Ak-
tien anderer Eisenbahnen. „Die Kommission kommt daher
zu dem Schluß,“ fährt der Bericht nach eingehender Be-
sprechung der Besitzverteilung fort, „daß die Baltimore-
und Ohio-Eisenbahngesellschaft, die Norfolk- und Western-
FEisenbahngesellschaft und die Philadelphia- und Reading-
Eisenbahngesellschaft sich in der Tat in Händen der Penn-
sylvania-Eisenbahngesellschaft und der New Yorker Zentral-
und Hudson-River-Eisenbahngesellschaft befinden, wodurch
jeder wesentliche Wettbewerb zwischen den Kohlentrans-
porteuren in den betreffenden Gebieten vernichtet ist.“
Obwohl die Standard Oil Oligarchie jetzt beträchtliche
Mengen Aktien der Vanderbiltschen Eisenbahnen besitzt,
haben doch die Vanderbilts ohne Zweifel in weitem Maße
die Verfügung über Stein- und Braunkohlenlager.
Die ungeheuren Gewinne an den Kobhlengruben
Die genauen Gewinne der Vanderbilts und anderer
Eisenbahnbesitzer aus ihrer Verwaltung der Anthrazit-
und größtenteils auch der Braunkohlenlager kennt nie-
mand und kann niemand angeben. Wie bereits gesagt, ver-
schleiern die Eisenbahnmagnaten ihre Tätigkeit, indem sie
ihre Operationen durch Hilfsgesellschaften vornehmen las-
sen. Daß ihre Ausbeute jährlich Hunderte von Millionen
Deträgt, ist Tatsache.

Außer der bereits erwähnten Beschlagnahme der Ar-
beit der Bevölkerung der Vereinigten Staaten wird auch
das Leben der Menschen hingeopfert. Die jährlichen Ver-
        <pb n="394" />
        349 —
luste an Menschenleben in den Kohlengruben der Vereinig-
ten Staaten wachsen ständig. Der Bericht des Geolo-
gischen Amtes der Vereinigten Staaten für das Jahr 1908
ergab, daB 3125 Grubenarbeiter im laufenden Jahre durch
Unglücksfälle getötet und 5316 verletzt seien. Es ereigneten
sich 1033 mehr Unfälle als 1906. „Diese Zahlen,“ fährt der
Bericht fort, „stellen nicht die genaue Ausdehnung der
Unglücksfälle dar, da aus gewissen Staaten, die keine Gru-
beninspektoren haben, keine Berichte zu erlangen waren.“
Angesichts dieser erschreckenden Statistik muß wieder auf
den bereits erwähnten Umstand hingewiesen werden: daß die
Besitzer der Kohlengruben sich stets heftig dem Erlaß
irgendwelcher Gesetze widersetzt haben, welche größere
Sicherheitsmaßnahmen beim Betrieb der Gruben bezweck-
ten. Da sie zu gleicher Zeit Besitzer der Eisenbahnen
waren, ist ihr Widerstand gegen Schutzmaßregeln auch auf
diesem Gebiet ebenso hartnäckig gewesen.
Verbesserungen sind kostspielig; das menschliche Leben
ist lächerlich billig; solange es ein Überangebot an Ar-
beitern gibt, wäre es kommerziell eine 'Torheit, unnötige
Ausgaben zu machen, um einen Handelsartikel zu schützen,
der so billig zu haben ist. Menschliche Tragödien werden
bei der Aufstellung des Gewinn- und Verlustkontos nicht
gebucht, wohl aber die Ausgaben für mechanische Anlagen.
Wir leben in einem Geschäftszeitalter, wo der Profit allen
anderen Erwägungen vorangeht; dieser Grundsatz ist durch
eine lange Reihe von gerichtlichen Entscheidungen auf-
gestellt und bestätigt worden. Und dieselben Magnaten,
deren Macht auf Gewalt und Betrug beruht, bestimmen,
welche Männer den allwissenden Gerichtshöfen angegliedert
werden sollen, vor deren Urteilsspruch sich alle Menschen
in wortloser Ehrfurcht beugen sollen?).

1) Dies ist durchaus keine rhetorische Redewendung. Wie die Ernennung von
Richtern durch die Standard Oil Company erfolgte (die jetzt riesige Bahnlinien und
“ndustrielle Unternehmungen besitzt), geht aus gewissen authentischen Korrespon-
denzen hervor, die 1908 während der Wahlkampagne veröffentlicht wurden.
        <pb n="395" />
        Achtes Kapitel
WEITERE SEITEN DES VANDERBILTSCHEN VERMÖGENS

D&lt; Eisenbahnschwindel und die tatkräftige Okkupie-
rung der Kohlengruben waren keineswegs die einzigen
Fortschritte der Familie Vanderbilt in der neueren Zeit.
So farblos die dritte Generation war, ohne irgendwelche
scharfen Wesenseigentümlichkeiten, äußerst alltäglich in
ihrer Lebensführung, so bewies sie sich doch als ein wür-
diger Nachfolger von Kapitän Vanderbilt. Die Lektionen,
die er bezüglich der Erwerbung von Reichtümern erteilt
hatte, wurden von seinen Nachkommen getreulich be-
folgt, und all die ererbten Methoden wurden auch von der
dritten Generation gepflegt. Wie sehr sie auch nach einer
gewissen Rechtschaffenheit und nach großer Ehrbarkeit
strebten, zwischen ihren Geschäftsmethoden und denen des
alten Vanderbilt bestand nicht der geringste Unterschied.
Die Zeiten hatten sich geändert, das war alles. Was früher
als ungesetzlicher Diebstahl und Raub angesehen worden
war, wurde jetzt mit hochtönenden Phrasen wie „korpora-
tive Ausdehnung“ und „Hochfinanz‘“ und andere Schlag-
worte belegt, die darauf berechnet waren, den öffentlichen
Argwohn und Groll zu beschwichtigen. Eine Verfeine-
rung der Phraseologie war eingetreten und erwies sich als
zweckmäßig.

In dieser Periode der ökonomischen Entwicklung des
Landes, wo ungeheure Diebstähle ausgeführt wurden, mußte
ein Betrug mindestens 50 Millionen Dollar umfassen, wenn
er als großer Betrug angesehen werden sollte. Das Gesetz
freilich behandelte jeden Diebstahl, der mehr als 25 Dollar
umfaßte, als „Großdiebstahl‘“, doch fand dies Gesetz aus-
schließlich auf die Armen Anwendung. Die Reichen stan-
den über allen Gesetzen und wußten, daß sie ihre Fassung
und ihre Auslegung nach Gefallen beeinflussen konnten.
Unter den hervorragenden, verwegenen Kapitalisten
schrumpfte ein Betrug um ein paar lumpige Millionen zu
einer kleinen, beiläufigen Operation zusammen. Summiert
        <pb n="396" />
        aber ergaben diese kleinen Betrügereien große Resultate
und wurden dementsprechend bewertet.

Ein Areal im Werte von 8 Millionen Dollar beschlagnahmt
Ein so kleiner Betrug z. B. war die Beschlagnahme eines
ganzen Stadtviertels von New York durch die Vander-
bilts. Im Jahre 1887 kamen sie zu der Ansicht, daß sie für
Bahnhofszwecke ein Straßenviertel von der 6o. bis zur
»2. Straße an der Hudson River-Eisenbahn dringend be-
nötigten. Was tat es, daß dies Gebiet von der Stadt mit
erheblichen Kosten angekauft und angelegt worden war?
Die Vanderbilts beschlossen, es sich kostenlos zu verschaffen.
Mit Hilfe besonderer von ihnen diktierter Gesetze nahmen
sie es darauf in Besitz. Diese Methode war unglaublich
einfach.

Im Jahre 1887 erließ das Parlament, das ihren Interessen
immer willfährig und gewöhnlich aus Männern zusammen-
gesetzt war, die von ihnen gewählt waren oder ihre Interessen
vertraten, ein Gesetz, das die Stadtbehörde zwang, das ge-
wünschte Straßenviertel für den Verkehr zu sperren. Darauf-
hin stellten die städtischen Beamten das Areal für den aus-
schließlichen und dauernden Gebrauch der New Yorker Zen-
tral- und Hudson River-Eisenbahn zur Verfügung. Unter
den lebhaftesten Beteuerungen der Rücksichtnahme auf die
öffentlichen Interessen zögerten die Eisenbahnbeamten kei-
nen Augenblick, den Vertrag mit den städtischen Be-
hörden zu unterzeichnen. In diesem Schriftstück verpflich-
teten sie sich, dem Straßenbauausschuß das Recht zu er-
teilen, die Straßen zu beliebiger Zeit wieder dem Verkehr
zu erschließen. Dieser Vertrag war nur für die unmittel-
bare Wirkung auf die Öffentlichkeit berechnet. Ein solcher
Antrag auf Wiedereröffnung wurde nie gestellt; die Straßen
blieben der Öffentlichkeit verschlossen, welche, zum min-
destens theoretisch, die Rechte behalten hatte. Tatsäch-
lich verschwand der Vertrag auf sonderbare Art aus dem
Büro des Aufsichtsrats der Gesellschaft und wurde erst
zwanzig Jahre später wieder aufgefunden, wo er zufällig und
höchst geheimnisvoll in der Lenox-Bibliothek auftauchte.
        <pb n="397" />
        352 —
Wie kam er an diesen sonderbaren Ort? Die Frage bleibt
unbeantwortet.  - EEE Sue

Für 171/, Morgen dieses‘ beschlagnahmten Landes, das
jetzt auf etwa 8 Millionen Dollar bewertet wird, hat die
New Yorker Zentral- und Hudson River-Eisenbahn keinen
Pfennig Zinsen oder Steuern bezahlt, seit 1887 das Gesetz
erlassen wurde. Auf der Insel Manhattan allein werden
Jahr für Jahr 70000 arme Familien exmittiert, weil sie
die Miete nicht bezahlen können — ein tief tragisches Er-
eignis, das einen bemerkenswerten Gegensatz bildet zu
der verblüffenden Leichtigkeit, mit der die besitzenden
Klassen die Gesetze entweder kaufen oder umgehen und
alles an sich reißen, was ihnen paßt. Dies Gesetz von 1887
war so schlau abgefaßt, daß, während die Stadt New York
gezwungen wurde, der Gesellschaft dieses große Gebiet
zum ausschließlichen Gebrauch zur Verfügung zu stellen,
doch das Besitzrecht — der leere Name — der Stadt ver-
blieb. Die Eisenbahngesellschaft konnte nicht besteuert
werden, solange die Stadt das Besitzrecht hatte?).

Es ist geschildert worden, wie Kommodore Vanderbilt
1872 im Parlament ein Gesetz zur Annahme brachte, das
die Stadt New York zwang, 4 Millionen Dollar für den
Umbau des Schienenweges in der Parkavenue zu be-
zahlen. Seine Enkel wiederholten diese Methode jetzt.
1892 faßte die Regierung der Vereinigten Staaten den Be-
schluß, einen Schiffskanal durch den Harlem-Fluß zu bauen.
Das Kriegsministerium, dem alle schiffbaren Gewässer unter-
standen, erließ an die New Yorker Zentralbahn den Befehl,
ihre Brücke auf eine bestimmte Höhe zu bringen, damit
große Schiffe darunter durchfahren konnten.

Um diesen Befehl ausführen zu können mußte das
Niveau der Gleise nördlich und südlich vom Harlem ge-
hoben werden. Hätte ein gewöhnlicher Bürger, der von
der Behörde aufgefordert wäre, Verbesserungen oder Ver-
änderungen an seinem Besitz vorzunehmen, versucht, die
Stadt zu veranlassen, die Kosten ganz oder teilweise zu
tragen, so wäre er ausgelacht worden. Die Vanderbilts

1) Minutes of the New York City Board of Estimate and Apportionment —
Financial and Franchise Matters, 1907, S. 1071—-1085.
        <pb n="398" />
        — 352 —
aber waren keine gewöhnlichen Bürger. Da sie die Macht
hatten, die Parlamente nach ihrem Willen zu lenken, folgten
sie jetzt einfach dem Beispiel ihres Großvaters und zwangen
die Stadt, die kostspielige Eisenkonstruktion größtenteils
zu bezahlen.

Öffentliche Besteuerung als Ersatz für privates Kapital
Die Staatslegislatur von 1892 war besonders willfährig.
Dies Parlament war ganz offenkundig korrupt, wie durch
die skandalöse Frechheit bewiesen wurde, mit der verschie-
dene Plünderungsmaßnahmen genehmigt wurden.

Ein Gesetz kam zur Annahme, das die Stadt New York
zwang, die Hälfte der Kosten der projektierten erhöhten
Bahndimme in Höhe von 1 600 000 Dollar zu bezahlen.
Die Stadt New York mußte also 800 000 Dollar für den
Bau der Strecke südlich vom Harlem bezahlen. Wenn,
führt das Gesetz aus, die Kosten den Betrag von 800 000
Dollar übersteigen, muß die New Yorker Zentralbahn das
Weitere bezahlen. Es wurden weitere Bestimmungen ge-
troffen, durch welche die Stadt New York gezwungen
wurde, die Baukosten der Strecke nördlich vom Harlem
zu bezahlen. Aber wer schloß alle Bauverträge ab und
setzte die Kosten fest? Die Eisenbahngesellschaft selbst.
Sie setzte für Material und Arbeitslohn an, was ihr be-
liebte, und hatte freie Hand in allen Gelddingen. Die
Kontrollkommission der Stadt mußte all ihre eigenmächtigen
Forderungen bewilligen und hatte nicht die Macht, die
Ausgabenaufstellung zu prüfen oder zu beanstanden. Außer
den Beamten der New Yorker Zentralbahn weiß heute nie-
mand, wie hoch die Kosten tatsächlich gewesen sind; es
existieren nur die Aufstellungen der Gesellschaft.

Südlich vom Harlem haben die Kosten diesen Aufstellungen
nach 800 000 Dollar betragen, nördlich vom Harlem 400 000
Dollar. Ohne selbst tatsächlich irgendwelche Kosten zu
haben, bekamen die‘ Vanderbilts einen massiven, vierglei-
sigen erhöhten Bahnkörper, der meilenlang über die Straßen
der Stadt hinführte. Die Einwohner der Stadt New York
mußten insgesamt I 200 000 Dollar Steuern bezahlen, ohne
        <pb n="399" />
        + 354 —
den geringsten Vorteil davon zu haben. Diese Bahnkörper
gehören ausschließlich den Vanderbilts; das Volk ist mit
keinem Pfennig daran beteiligt. Zusammen mit den 4 Millio-
nen Dollar, die Kommodore Vanderbilt 1872 erbeutete, ist
das eine Summe von 5200000 Dollar, die dem Volks-
vermögen. mit Hilfe des Gesetzes entzogen ist zum Zwecke
von Verbesserungen, an denen die Leute, welche die Kosten
getragen haben, nicht das geringste Besitzrecht haben?).
Die Vanderbilts haben den Vermögenswert dieser Bauten
zrhalten, als ob diese mit privatem Gelde ausgeführt wären?).
An dieser Stelle ist eine wichtige Bemerkung zu machen.
Während diese und andere Betrügereien ins Werk gesetzt
wurden, stellte sich Cornelius Vanderbilt als ein begeister-
ter „Reformator‘ der Politik hin. Er war z. B. ein her-
vorragendes Mitglied der Kommission der Siebzig, die
1894 gebildet wurde, um die Tammany-Korruption zu be-
kämpfen und zu beseitigen! So sind also, wie wir wieder-
holt beobachtet haben, die Leute beschaffen, welche die
Reformbewegungen leiten. Obwohl sie größtenteils Spitz-
buben sind, erobern sie sich Beifall und Ehrbarkeit, indem
sie die kleine, gewöhnliche politische Korruption, die sie
sehr oft veranlaßt haben, aufdecken und dadurch die Auf-
merksamkeit von ihren eigenen Schurkereien ablenken.
Eine Menge weiterer Erwerbungen
Wir wollen uns bei zahlreichen anderen Betrügereien
nicht lange aufhalten, die den Reichtum und die Besitzungen
der Familie Vanderbilt vergrößerten. Eine nach der an-

1) Einzelheiten über die durch das Gesetz von 1892 verursachten Ausgaben
wurden dem Verfasser von einem Mitgliede der „Change of Grade Commission‘,
der die Kontrolle der Arbeiten oblag, Herrn Ernest Harvier, mitgeteilt,

?) Die New Yorker Zentralbahn hat lange Zeit die New York-, New Haven- und
Hartford-Eisenbahn gezwungen, 7 Cent Zoll für jeden Passagier zu zahlen, der süd-
lich von Woodlawn befördert wurde, sowie ferner ein Drittel der Unterhaltungs-
zosten der Bahnstrecke einschließlich Zinsen. Über die Bemühungen der New York-,
New Haven- und Hartford-Eisenbahn, eine Änderung dieser Bestimmungen herbei-
zuführen, berichtet die „Times“ in ihrem Finanzteil vom 25. Dezember 1908:
Wie die Dinge jetzt liegen, ist die New Haven-Eisenbahn verpflichtet, ein Drittel
der Ausgaben zu tragen, die durch die Vergrößerung des in der Zentraleisenbahn
investierten Kapitals verursacht sind.
        <pb n="400" />
        — 2355 —
deren wurde durchgeführt, zuweilen heimlich, zuweilen aber
auch mit aller Ungeniertheit. Die Parlamentsmaßnahmen in
New York und vielen anderen Staaten wurden so geschickt
abgefaßt, daß Vorbehalte, welche die größten Betrüge-
reien zuließen, darin versteckt waren und der Öffentlich-
keit erst zum Bewußtsein kamen, wenn der Betrug bereits
ausgeführt war. Hierhin gehören die korrupten Gesetze,
die weite Landstrecken in den Adirondack Mountains an
Eisenbahngesellschaften weggaben, die jetzt den Vander-
bilts gehören. Hierhin gehören auch die Gesetze, welche
diese oder jene Aktien, bzw. Besitzungen von der Besteue-
rung ausschlossen, wertvolle Konzessionen verliehen und
weitere Konsolidierungen zuließen. Im Staate New York
kamen Gesetze heraus, die mit ihrer Wirkung den Eriekanal
(der die Bevölkerung 100 Millionen Dollar gekostet hatte)
als einen Konkurrenten der New Yorker Zentraleisenbahn
zerstörten. All diese und andere Maßnahmen aber ver-
schwinden neben den besonders großen und bemerkens-
werten "Transaktionen, durch die William K. Vanderbilt
1898 seinem Vermögen 50 Millionen Dollar auf einen Hieb
hinzufügte.

Die Besitzverhältnisse der Vanderbilts in bezug "auf
ihre verschiedenen Eisenbahnen waren recht verwickelt.
Eine Gruppe von Eisenbahnen, deren Aktienmajorität tat-
sächlich der Familie Vanderbilt gehörte, wurde dem Scheine
nach zum Eigentum verschiedener und scheinbar getrennter
Eisenbahngesellschaften gemacht. Dies umständliche Ar-
rangement war getroffen, um die wirklichen Besitzverhältnisse
zu verschleiern und einen plausiblen Einwand gegen die Be-
schuldigung zu haben, daß viele Eisenbahnen in einer Hand
vereinigt seien und ein Monopol bildeten, das den Ver-
kehr hinderte. Die Verhältnisse lagen folgendermaßen:
Die Vanderbilts besaßen die New Yorker Zentral- und Hud-
son River-Eisenbahn. Umgekehrt besaß diese Eisenbahn,
als Gesellschaft, die Majorität des 50 Millionen Dollar
betragenden Aktienkapitals-der Lake Shore-Eisenbahn. Die
Lake Shore-Bahn wieder war die Hauptbeteiligte an anderen
Eisenbahnen usw.

1897 begann William K. Vanderbilt in aller Heimlichkeit
74H
        <pb n="401" />
        256 —
darauf hinzuarbeiten, die New Yorker Zentral- und die Lake
Shore-Bahn unter eine Zentralverwaltung zu bringen. Dies
Projekt stand mit der Tendenz der Zeit völlig im Einklang
und hatte den unstreitigen Vorteil, daß große Summen der
Verwaltungskosten dadurch erspart wurden. Aber diese
Ersparnis war nicht die Hauptsache. Es bot sich eine ver-
Jockende Gelegenheit zu einem ungeheuren Beutezug. Der
Enkel befolgte wieder die Lehren seines genialen Groß-
vaters; sein Projekt war nichts als eine Wiederholung dessen,
was der alte Kommodore bei seinen Konsolidationen getan
hatte.

Ende 1897 wurde der Markt der Lake Shore- Aktien
künstlich beeinflußt. Durch die Festsetzung einer Divi-
dende von 7% wurde der Kurs von 115 auf etwa 200
gesteigert. Der Zweck dieser Manipulation war, eine
Rechtfertigung dafür zu haben, daß 100 Millionen Dollar
31/,prozentiger New York Zentral-Obligationen zum An-
kauf der siebenprozentigen Stammaktien der Lake Shore-
Bahn verwandt wurden. Durch seine persönlichen Mani-
pulationen trieb außerdem William K. Vanderbilt die Kurse
der New York Zentral-Aktien gleichzeitig in die Höhe.

Der Zweck wurde geheim gehalten, kurz bevor der Plan
am 4. Februar 1898 zur Ausführung kam. An diesem Tage
versammelten sich William K. Vanderbilt und seine Mit-
direktoren, gewichtige und imposante Persönlichkeiten, um
den Sitzungstisch und beschlossen, die Lake Shore-Aktien
zu kaufen. Mit den nötigen Förmlichkeiten wurde dann
die Sitzung aufgehoben, und die Herren begaben sich an
einen anderen Tisch, wo sie die Direktionssitzung der
Lake Shore-Eisenbahn für eröffnet erklärten und feier-
lich beschlossen, das Angebot anzunehmen.

Jetzt aber wurde ein ärgerliches Hindernis entdeckt. Es
stellte sich heraus, daß das Aktiengesellschaftsgesetz des
Staates New York ausdrücklich verbot, daß die Obligations-
schulden einer Gesellschaft den Wert des Aktienkapitals
überstiegen. Diese Entdeckung störte aber nicht weiter;
das Hindernis war durch richtig angewandte Freigebigkeit
leicht zu beseitigen. In aller Eile wurde ein Gesetzentwurf
gemacht, um die Situation zu retten, und wurde dem Par-
        <pb n="402" />
        257
lament, das in Albany tagte, unterbreitet. Das Parla-
ment weigerte sich, dies Gesetz zu genehmigen. Nach
kurzer Zeit aber sah das Parlament die Sache in einem an-
deren Lichte und brachte es am 3. März zur Annahme. Ge-
rade zu dieser Zeit konnte ein notorischer „Lobbyist“ in
Albany mit einer Summe von 500 000 Dollar prahlen, und
die Parlaments- und Senatsmitglieder schienen ungewöhn-
lich reichlich mit Geld versehen zu sein!) !

Eine sehr lehrreiche "Transaktion zweifellos, die einen
philosophischen Kommentar verdient. Dieser Kommentar
soll jedoch unterbleiben und die Aufmerksamkeit zunächst
auf die Besitzergreifung der Boston- und Albany-Eisen-
bahn durch die Vanderbilts gelenkt werden.

Die Vanderbilts werden Besitzer der Boston- und Albany-Eisenbahn
Diese Eisenbahn war größtenteils auf Staatskosten ge-
baut worden, mit Geld, das durch Steuern aufgebracht
war, wobei die Stadt Albany 1 Million Dollar und der
Staat Massachusetts 4 300 000 Dollar beisteuerte. An-
fangs hatte es den Anschein, als ob die öffentlichen In-
teressen völlig gewahrt blieben. Aber allmählich, Schritt
für Schritt gingen die raublustigen korporativen Interessen
an ihre heikle Arbeit und veranlaßten Parlamente und
Staatsbeamte, das Volk zu betrügen. Der staatliche Aktien-
besitz wurde völlig unterdrückt, und bald war eine pri-
vate Gesellschaft der tatsächliche Besitzer.

1899 endlich löschte das Parlament von Massachusetts
das letzte Besitzrecht des Staates, indem es diese sehr ein-
trägliche Eisenbahn den Vanderbilts auf immer verpachtete
gegen eine Entschädigung von 2 Millionen Dollar jährlich.
Der Erwerb dieser Eisenbahnen ermöglichte der New Yorker
Zentralbahn die direkte Verbindung mit Boston und mit
vielen Punkten der Küsten New Englands und fügte dem
Fisenbahnnetz der Vanderbilts etwa 400 Meilen hinzu.

1) Diese Information erhielt der Verfasser von einem Beamten, der in dieser wie
in den folgenden Legislaturperioden die gesetzlichen Interessen der Stadt New York
vertrat. Siehe Kapitel 80 der Laws von 1898, ferner Laws of New York 1898,
Bd. 2, S. 142. Die Gesetzänderung bestimmte, daß Paragraph 24 des Aktiengesell-
schaftsgesetzes auf Eisenbahngesellschaften nicht anwendbar sel.
        <pb n="403" />
        358 —
Die Regierung ein Werkzeug der Tyrannei
Die Beschwerden und Nöte der Arbeiter fanden keinen
anderen Widerhall als Hohn, Zwang und allerlei Repressa-
lien. Das National-, Staats- und Stadtvermögen, das durch
Steuern aufgebracht war, die schwer auf den Arbeitern
lasteten, stand den Besitzinteressen ständig zur völligen
Verfügung und wurde ebensoschnell erschöpft, wie es
zusammengebracht wurde. Die Armen und Hilflosen ließ
man verhungern; ihnen streckte sich keine helfende Hand
entgegen, und kein Pfennig wurde ihnen gegeben, wenn sie
sich beklagten. Der Staat, der durch die Arbeiter erhalten
wurde, war durch und durch ein kapitalistischer Staat, in
dem die Kapitalisten die Oberhand hatten und ihn nach
Belieben gestalten konnten. Sie benutzten den politischen
Mechanismus des Staates, um die Massen zu plündern, und
veranlaßten bei dem geringsten Versuch der Arbeiter, sich
diesen drückenden Ungerechtigkeiten und Lasten zu wider-
setzen, den Staat, seine bewaffnete Macht. auszuschicken,
um diese gefährliche Unzufriedenheit zu unterdrücken.

In Buffalo waren 1890—1891 von hundert Armen 31
durch Arbeitslosigkeit verarmt, in New York 21 von hun-
dert!). Hunderte von Millionen wurden in barem Gelde
den Kapitalisten gegeben, aber um den Beschäftigungslosen
Arbeit zu verschaffen wurde kein Pfennig verausgabt. In
der Krisis des Jahres 1893, als Millionen von Männern, Frauen
und Kindern ohne Arbeit waren, leisteten Staat und Ge-
meinden nicht die geringste Hilfe, im Gegenteil suchten sie
die Agitation zu unterdrücken und Versammlungen zu
verhindern, indem sie die Arbeiterführer ins Gefängnis
steckten. Spahr, der seine Statistik auf den Senatsbericht
von 1893 (Aldrich) stützt — einen den kapitalistischen Inter-
essen sehr günstigen Bericht, da Senator Aldrich anerkannter-
maßen das senatoriale Sprachrohr der großkapitalistischen
Interessen war — stellt fest, daß der höchste Tagelohn
durchschnittlich 2,04 Dollar betrug?).

Mehr als drei Viertel aller Bahnarbeiter in den Vereinigten
1) Encyclopedia of Social Reform, Ausgabe 1897, S. 1073.
1) The Present Distribution of Wealth in the United States.
        <pb n="404" />
        359 — ,
Staaten bekamen weniger als zwei Dollar täglich. Vielfach
mußten sie zwölf bis vierzehn Stunden pro Tag arbeiten,
wodurch ihre Arbeitskraft und ihr Gesundheitszustand
geschwächt wurden. Zeitweise wurden viele entlassen und
damit zum Müßiggang gezwungen, eine erschreckend große
Menge wurde bei Ausübung ihres Dienstes verletzt oder ge-
tötet!). Diese Arbeiter, die schwer oder tödlich verletzt
wurden, weil die Eisenbahngesellschaften für die Einfüh-
rung der verbesserten automatischen Kuppelung kein.Geld
ausgeben wollten, waren auf die ungerechten und bedrücken-
den Bestimmungen der wertlosen Haftpflichtgesetze an-
gewiesen, die von den Rechtsvertretern der Gesellschaften
so abgefaßt waren, daß dem Arbeiter oder seiner Familie in
der Regel fast gar kein Anspruch zustand. Auch die Richter,
die diese Prozesse zu entscheiden hatten, waren meistens
von den Eisenbahngesellschaften ernannt.

Diese unmenschlichen Zustände herrschten auf den
Vanderbiltschen Eisenbahnen noch schlimmer als auf an-
deren; es war bekannt, daß Vanderbilt nicht nur in seinem
Betrieb halb veraltete Methoden anwandte, sondern daß
sein Bahnpersonal auch elend bezahlt und äußerst ausge-
nutzt wurde?®). In Erledigung fortgesetzter Agitationen
für eine günstigere Arbeitszeit seitens der Vanderbiltschen
Angestellten erließ die New Yorker Staatslegislatur 1892
ein Gesetz, das nominell den Arbeitstag der Eisenbahn-
angestelltenaufzehn Stunden beschränkte. Das war ein Licht-
strahl, aber als die Verfügung kritisch untersucht wurde,
nachdem sie Gesetz geworden war, stellte sich heraus, daß
aus der Terminologie der Advokaten ein kleiner Passus in
ihr Gefüge eingeschmuggelt worden war. Die versteckte
1) Nach einem Bericht der Wisconsin Railway Commissioners 1894, Bd. 13,
wurden erst kürzlich in einem Jahr mehr als dreimal soviel Angestellte der Eisenbahn
getötet, als in der Schlacht von Lookout Mountain, Missionary Ridge und Orchard
Knob zusammen. In dem blutigen Krimkriege verloren die Engländer 21 000 Mann,
weniger also, als Eisenbahnarbeiter in einem Jahre getötet und zermalmt oder schwer
verletzt werden. Verschiedene Berichte der Interstate Commerce Commission kon-
statieren die gleichen Tatsachen.

2) „Halb veraltete Methoden.“ Erst kürzlich bezeichnete die „Railway Age
Gazette“ vom Januar 1909 die Direktoren der New Yorker Zentralbahn als fast aus-
nahmslos physisch unzulänglich und ungeeignet, bzw. in hohem Maße unbeständig
und uninteressiert.
        <pb n="405" />
        — 360 —
Klausel hatte folgenden Sinn: daß die Eisenbahngesell-
schaften von ihren Angestellten Überstunden gegen Extra-
vergütung verlangen dürften. Diese Klausel machte das
ganze Gesetz illusorisch.

So nahmen die Dinge ihren Lauf ; im August 1892 streik-
ten die bei verschiedenen in Buffalo zusammenlaufenden
Eisenbahnen angestellten Arbeiter, um höheren Lohn und
kürzere Arbeitszeit zu erhalten. Der Streik gewann an Aus-
dehnung und wurde mit taktischem Erfolge geführt; die
Streikenden zogen die Männer, welche eingestellt waren,
um ihre Stellen auszufüllen, ohne Schwierigkeiten auf ihre
Seite. Was taten nun die Vanderbilts und ihre Verbündeten?
Sie griffen zu dem alten Hilfsmittel, bewaffnete Macht
herbeizurufen, um das zu unterdrücken, was sie als
Gewalt bezeichneten. Diese Leute, welche die Gesetze ge-
kauft und beständig übertreten hatten, behaupteten jetzt,
ihre Besitzinteressen seien durch die „Gewalttätigkeit des
Mobs““ gefährdet, -und verlangten Soldaten, um „Gesetz
und Ordnung wiederherzustellen“. Das war ein Vorwand,
der sofort wirkte.

Der Gouverneur des Staates New York alarmierte sofort
die ganze Staatsmiliz, 8000 Mann stark, und entsandte sie
nach Buffalo. Die Streikenden waren jetzt von Bajonetten
und Kanonen bedroht. Das Militär verhinderte die Strei-
kenden, die Streikbrecher zu überreden, ihre Stellen nicht
anzutreten. Gegen dieses Übergewicht war der Streik ver-
loren.

Wenn. die Vanderbilts auch ihren Arbeitern nicht täglich
sin paar Cent Tagelohn mehr bewilligen konnten, so konn-
ten sie doch Millionen für Heiraten mit ausländischen Ari-
stokraten hingeben. Diese Exkursionen in das Gebiet des
europäischen Hochadels haben die Familie Vanderbilt etwa
15 bis 20 Millionen Dollar gekostet. Wenn verarmte Gra-
fen, Lords, Herzöge und F ürsten, die ihr ursprünglich
durch Raub erworbenes und durch Raub vergrößertes Erbe
verschwendet haben, ängstlich nach einer reichen Heirat
Ausschau halten und die amerikanischen Geldmagnaten,
die mit Reichtum gesättigt sind, sich nach aristokratischen
Konnexionen sehnen, kommt das Arrangement leicht zu-
        <pb n="406" />
        — 261 —
stande!). Romantik ist dabei überflüssig und die Prälimi-
narien werden den Notaren überlassen.

Zehn Millionen für einen Herzogstitel
1895 wurde bekanntgegeben, daß eine Heirat zustande
gekommen sei zwischen Consuelo, einer jungen Tochter
William K.Vanderbilts, und dem Herzog von Marlborough.
Die Hochzeitsfeier zeigte eine Pracht sondergleichen, Hoch-
zeitsgeschenke im Werte von Millionen wurden dem Paare
überreicht. Weitere Millionen in barem Gelde, die eben-
falls der arbeitenden Bevölkerung Amerikas abgepreßt wa-
ren, wurden verwandt, um das Schloß Blenheim instandzu-
setzen mit seinen zweihundert Dienern und seinem jährlichen
Ausgabenetat von 100 000 Dollar, Weitere Millionen wurden
aus dem Vanderbiltschen Besitz für Jachten und sonstigen
Luxus bezahlt. Nicht weniger als 2 500 000 Dollar wurden
für den Bau von Schloß Sutherland in London verausgabt.
So groß diese Ausgaben waren, verursachten sie doch dem
Vater der Herzogin keine Schwierigkeiten; seine 1898 er-
schwindelten 50 Millionen Dollar machten diese extra-
vaganten Ausgaben mehr als wett. Der Titel Marlborough
war recht kostspielig; es stellte sich heraus, daß es besser
sei, ihn zu behalten als den Mann, der ihn führte; nach
dreizehnjähriger Ehe beschloß das Paar, sich zu trennen, aus
„guten und hinreichenden Gründen“, die zu erforschen
nicht unsere Sache ist. Alles in allem soll der Herzogstitel
William K. Vanderbilt rund 10 Millionen Dollar: gekostet
haben.

Ohne sich durch die Erfahrungen ihrer Kusine Consuelo
abschrecken zu lassen, vermählte sich Gladys Vanderbilt,
eine Tochter von Cornelius, 1908 ebenfalls mit einem Ari-
stokraten, mit dem Grafen Laslo Szechenyi, einem Ange-
hörigen des ungarischen Feudaladels. „Die Hochzeits-
feier,‘ berichtet naiv ein Journalist, „zeichnete sich durch
elegante Einfachheit aus: ihr wohnten dreihundert Ver-

1) Mehr als 500 Amerikanerinnen haben ausländische Aristokraten geheiratet.
Nach einer Schätzung aus dem Jahre 1900 haben sie etwa 220 Millionen Dollar nach
Europa gebracht.
        <pb n="407" />
        ‚AM

3
wandte und intime Bekannte der Braut und des Bräuti-
gams bei.“ Die elegante Einfachheit bestand in Geschenken,
deren Wert auf rund eine Million Dollar geschätzt wurde,
und in einer kostspieligen Feier. Ob die Braut schön und
der Bräutigam klug war, wurde mit keinem Wort erwähnt;
es rief nur der eine allmächtige Umstand Begeisterung
hervor, daß die Braut ein eigenes Vermögen von etwa
ı2 Millionen Dollar hatte.

Die genaue Summe, die den Grafen veranlaßte, seinen
Titel zu verkaufen, wußte niemand außer den beteiligten
Parteien. Ihr Vater war 1899 gestorben und hatte ein Ver-
mögen hinterlassen, das sich nominell auf etwa 100 Millionen
Dollar belief, Sein tatsächlicher Umfang war viel größer.
Es war seit langer Zeit, wie die Steuerveranlagungskom-
mission für den Staat New York 1903 angab, bei den sehr
reichen Leuten üblich, die Erbsteuer durch ein betrüge-
:isches Verfahren zu vermeiden. Sie legten z. B. Aktien
oder Geld in Briefumschläge und verteilten diese auf dem
Totenbett unter die Erben, bzw. hinterließen sie ihnen
heimlich!). Wie sein Vater war Cornelius Vanderbilt am
Schlage gestorben. In seinem Testament fand er seinen äl-
testen Sohn Cornelius mit ein paar lumpigen Millionen ab.
Und der Grund für diese väterliche Härte? Er hatte Cor-
nelius’ Heirat nicht gebilligt. Seinem Sohn Alfred, dem
vielfachen Multimillionär, hinterließ er den größten Teil
seines Vermögens und vermachte seiner Witwe, seinem
Sohn Reginald und seinen zwei Töchtern viele Millionen.
Cornelius protestierte gegen die Ungerechtigkeit und
Härte, mit ein paar Millionen zum Bettler gemacht zu
werden, und drohte mit einer gerichtlichen Klage, worauf
Alfred, dem die Notlage, in die sein Bruder Cornelius
versetzt war, leid tat, ihm sechs oder sieben Millionen
schenkte, damit er die dringendsten Bedürfnisse befrie-
digen konnte.

Die Ehen mit ausländischen Aristokraten sind ein Ventil
für das Vanderbiltsche Vermögen geworden, obwohl die
Vanderbilts dank ihrem großen Einfluß auf die Gesetze

1) Vgl. Annual Report of the New York State Board of Taw Commissioners,
New York Senate Document, No. 8, 1903, S. 10.
        <pb n="408" />
        263 —
und ihrer Beteiligung an industriellen Unternehmungen im-
mer in der Lage sind, sich nach Belieben schadlos zu halten.
Anderseits haben die Ehen, die von dieser Familie ge-
schlossen wurden, andere große Vermögen mit ihrem eigenen
verschmolzen.
Eine der Vanderbiltschen Töchter heiratete Harry
Payne Whitney, dessen Vater, William C. Whitney, ein
großes Vermögen hinterließ, das zum Teil durch die Stand-
ard Oil Company erworben war, zum Teil aber auch durch
eine Kette von Schwindeleien und Diebstählen. Der ältere
Whitney bestach, wie aus vielen amtlichen Untersuchungen
and Prozessen hervorgeht, Parlamente und Gemeinderäte
mit dem Erfolge, daß sie ihn und seinen Kompagnons Kon-
zessionen für Straßenbahnen und für andere Institutionen
bewilligten, und sie stahlen viele Millionen bei dem Betrieb
von Straßenbahnen in verschiedenen Städten. Seine Ver-
brechen und die seiner Kompagnons waren so umfangreich
und verwegen, daß selbst die zynische kaufmännische Welt
darüber erstaunte. Cornelius Vanderbilt jr. heiratete eine
Tochter R. T. Wilsons, des Multimillionärs, dessen Ver-
mögen größtenteils aus in der Stadt Detroit erhaltenen Kon-
zessionen herrührte. Die Geschichte dieser Straßenbahn
und ihres Betriebes, sowie anderer Konzessionen in jener
Stadt ist ein Kapitel der erstaunlichsten Betrügereien.
William K. Vanderbilt jr. heiratete eine Tochter des Multi-
millionärs Senator Fair aus California, der sich mit seinem
durch Bergwerksbetrieb erworbenen Vermögen einen Sitz
im Senat der Vereinigten Staaten kaufte. Auf diese Weise
sind die Vermögen verschiedener Multimillionäre durch
diese amerikanischen Heiraten vereinigt worden.

Die Mannigtaltigkeit der V anderbiltschen Besitzungen
Das Vermögen der Familie Vanderbilt ist zurzeit durch
die mannigfachsten Besitzarten verkörpert. Eisenbahnen,
Straßenbahnen, Elektrizitätswerke, Bergwerke, industrielle
Anlagen, Expreßgesellschaften, Grundbesitz und staatliche
und städtische Obligationen — das sind einige von diesen
Formen. Aus einer industriellen Unternehmung allein
        <pb n="409" />
        — der Pullman-Gesellschaft — haben die Vanderbilts eine
jährliche Einnahme von Millionen. Auf den fernen Philippi-
nen sind die Vanderbilts mit anderen Magnaten an der Aus-
beutung der Regierung und der eingeborenen Bevölkerung
beteiligt. Die Visayan-Eisenbahn zählt einen Vanderbilt zu
ihren Direktoren. Diese Bahn hat von der Regierung be-
reits eine Unterstützung von 500000 Dollar bekommen
außer der völlig freien Konzession, unter der Begründung,
„die Eisenbahn sei für die Entwicklung des Archipels
nötig“.

Der Hauptbesitz der Vanderbilts aber besteht in dem
New Yorker Zentralbahnsystem. Die Union Pacific-Eisen-
bahn, die von den Harriman Standard Oil-Interessen ge-
leitet wird, besitzt jetzt 14 Millionen Dollar Aktien von
dem New Yorker Zentralbahnsystem. Aller Wahrschein-
lichkeit nach geht die Majorität der New Yorker Zentral-,
der Lake Shore- und anderer Vanderbiltscher Bahnen in
die Hände der Standard Oil-Gruppe über. Es bedeutet
dies, daß es nur eine Frage kurzer Zeit ist, daß alle oder
die meisten Eisenbahnen der Vereinigten Staaten von
ainem allmächtigen und alles umfassenden Trust verwaltet
werden. N

Aber keinesfalls bedeutet es, daß die Vanderbilts ihren
Reichtum eingebüßt haben. Wenn sie auch ihre Aktien
abtreten, die ihnen die Majorität sicherten, so wird es sich,
wie bei William H. Vanderbilt, doch immer zeigen, daß
sie einen ungeheuren Betrag an Eisenbahn- und anderen
Obligationen in Händen haben. Wie die Astors und andere
reiche Familien 1867 völlig damit einverstanden waren, daß
Kommodore Vanderbilt die Verwaltung der New Yorker
Zentralbahn übernahm, weil unter seiner kühnen Lei-
tung ihre Gewinne und Beute größer sein würden, so haben
vielleicht die Vanderbilts der heutigen Generation denselben
Eindruck von Harriman, der .seine Geschicklichkeit, be-
trügerische Aktienemissionen und Konsolidationen vor-
zunehmen und kleinere Magnaten auszudrängen, bewiesen
hat. Heute ist die New Yorker Zentralbahn noch Vander-
biltscher Besitz, nicht so ausgesprochen freilich wie vor
zwanzig Jahren, aber doch immer noch völlig unter ihrem
        <pb n="410" />
        265 —
Einfluß. Nach Moody betrug der Nettogewinn dieser Bahn
1907 34 Millionen Dollar. Nach genauer Darstellung ihrer
gegenwärtigen und künftigen Chancen fährt Moody fort 2)
„In erster Linie geht sie bis ins Herz der Stadt New York
und hat ausgedehnte Passagier- und Güterbahnhöfe, die
sich im Laufe der Jahre ständig vergrößern werden, da
New Yorks Bevölkerung und Reichtum zunimmt. Sie hat
ferner eine nahezu ebene Linie auf der ganzen Strecke von
New York nach Chikago und damit einen großen Vorteil
gegenüber Linien wie der Frie-, der Lackawana- und anderer
Bahnen, die viele Steigungen, Kurven usw. zu überwinden
haben. Sie hat Myriaden von kleinen Zweigbahnen in be-
völkerten und aussichtsreichen Teilen des Staates New York,
wie auch in den westlicheren Gebieten. Sie berührt die
großen Seen an verschiedenen Punkten und vermittelt für
Frachten den Schiffsverkehr nach allen Teilen der Seen; sie
geht auf ihren eigenen Gleisen bis Chikago und konkurriert
lebhaft mit der Pennsylvania-Bahn in allem Verkehr nach und
vom Mississippi-Valley- und dem West- und Südwest-
System. Die Gefahr einer erheblichen Konkurrenz in ihrem
eigenen Gebiet besteht nicht; dagegen hat sie ständig be-
trächtliche Einnahmen aus einem Netz von Zweigbahnen,
welches das "Territorium einiger ihrer größten Rivalen
durchzieht.“‘‘

Die autgewandte Geschicklichkeit
Die besondere Geschicklichkeit, durch die ein Mann und
später seine Nachkommen in den Besitz dieses großen Eisen-
bahnsystems und anderer Besitze kam, haben wir kennen-
gelernt. Es war lange üblich, dem Kommodore Vanderbilt
und den späteren Generationen der Vanderbilts ein fast
„übernatürliches Organisationstalent““ zuzuschreiben und
durch diese glatte Phrase die Erlangung ihres kolossalen
Reichtums zu erklären. Diese Erklärung ist eine plumpe
Fiktion, die der historischen Prüfung nicht standhält. Sobald
die Tatsachen genauer geprüft werden, erlischt der Glanz
besonderer Begabung und Achtbarkeit, und das Vanderbilt-

1) Moodys Magazine, August 1908,
        <pb n="411" />
        — 366 —
sche Vermögen präsentiert sich wie alle anderen Vermögen
als das Ergebnis fortgesetzter Betrügereien.

Gerade wie vor fünfzig Jahren Kommodore Vanderbilt
seine ersten Millionen ungestraft erpreßte, so kümmern sich
auch heute die Vanderbilts nicht um die Gesetze. Von der
Begründung des Vanderbiltschen Vermögens an ist die Ge-
schichte die gleiche und immer die gleiche — durch Be-
stechung legalisierter Diebstahl und Gesetzlosigkeit durch
Umgehung oder Übertretung des Gesetzes. Mit Betrug hat
°s angefangen, durch Betrug ist es vergrößert und ausgedehnt
worden und durch Betrug besteht es weiter.

Neuntes Kapitel
ENTSTEHUNG DES GOULD-VERMÖGENS

D“ größere Teil dieses einflußreichen Vermögens wurde,
wie das Vanderbiltsche, ursprünglich in fünfzehn Jahren
und ungefähr um die gleiche Zeit aufgehäuft. Jetzt eines der
mächtigsten Vermögen der Vereinigten Staaten, hat es die
Kontrolle über eine Bahnstrecke von mehr als 18 000 Mei-
len, die insgesamt durch erheblich mehr als eine Milliarde
Dollar Aktien und Obligationen verkörpert wird. Das
Gouldsche Vermögen steht außerdem offenkundig oder
heimlich in mancher Telegraphen-, Kabel-, Bergwerk-,
Terrain- und Industriegesellschaft an der Spitze.

Seinen genauen Umfang kennt niemand außer der Familie
Gould selbst. Daß es viele hundert Millionen Dollar um-
faßt, steht außer allem. Zweifel, obwohl der genaue Umfang
nicht leicht festzustellen ist.

In den Jahren 1908 und 1909 wurde das Gouldsche Ver-
mögen, wenn die Berichte auf Wahrheit beruhen, etwas ver-
mindert durch die Angriffe des Kisenbahnkönigs E. H. Harri-
man, der ohne viel Zeremonien sich einen Teil der Aktien-
majorität von einigen Bahnlinien sicherte, die seit langer
Zeit den Goulds gehörten. "Trotz dieses angeblichen Ver-
lustes ist das Gouldsche Vermögen noch immer ungeheuer
        <pb n="412" />
        und äußerst einflußreich, da es Hunderte von Millionen in
bar, Terrain, Häusern oder gewinnbringendem Besitz in
Form von Obligationen und Aktien umfaßt. Sein Einfluß
und seine Verzweigungen reichen wie die des Vanderbilt-
schen und anderer Riesenvermögen direkt oder indirekt bis
in alle bewohnten Teile der Vereinigten Staaten, Mexikos
und anderer Länder.

Fay Goulds Kindheit
Der Begründer dieses Vermögens war Jay Gould, der
Vater der jetzt lebenden Generation. Er war der Sohn eines
Farmers im Bezirk Delaware, New York, und wurde 1836
geboren. Als Kind mußte er auf der Farm seines Vaters die
verschiedensten Arbeiten verrichten. Beim Kühehüten
mußte er barfuß gehen, aus Armut, und häufig zerstachen
Disteln seine Füße — eine Erfahrung, die einen so tiefen
und unauslöschlichen Eindruck auf ihn gemacht zu haben
scheint, daß er, als er vierzig Jahre später von einer Unter-
suchungskommission des Senats der Vereinigten Staaten ver-
nommen wurde, noch jetzt mit einem Zittern der Stimme
davon sprach. Sein Vater war tatsächlich so arm, daß er ihn
nicht in die öffentliche Schule schicken konnte. Der Junge
aber traf ein Abkommen mit einem Hufschmied, von dem
er erzogen wurde gegen gewisse Dienstleistungen. Diese kolli-
dierten mit seinem Schulbesuch nicht. Mit fünfzehn Jahren
wurde er Kommis in einem Kramladen, eine Beschäftigung,
die ihn, wie er erzählte, von morgens sechs bis abends zehn
Uhr in Anspruch nahm. Es wird ferner erzählt, daß er drei
Jahre lang morgens um drei Uhr aufstand und Mathematik
lernte und dadurch die Anfangsgründe der Verwaltung
kennen lernte.

Nach Goulds eigener Erzählung engagierte ihn ein In-
genieur, der eine Karte des Bezirks Ulster aufnahm, als
Assistenten mit 20 Dollar monatlich und Beköstigung. Dies
Engagement aber verlief unbefriedigend (warum, ist uns
nicht bekannt). Gould sah sich gezwungen, sich seinen
Lebensunterhalt zu verdienen, indem er die Grenzregelungen
für Farmen erledigte. Die beiden anderen jungen Leute, die
        <pb n="413" />
        mit ihm an der Karte von Ulster gearbeitet hatten, kauften
ihm seinen Anteil für 500 Dollar ab, und mit dieser Summe
als Kapital ging er daran, Karten von Albany und Delaware
anzufertigen. Diese Karten verkaufte er, wenn wir seinen
eigenen Angaben glauben können, für 5000 Dollar.

Gould tritt in die Gerbindustrie ein

Nun begründete Gould eine Gerberei in Pennsylvania,
mit Hilfe von Zadoc Pratt, einem New Yorker Kaufmann,
Politiker und Kongreßabgeordneten von gewisser Bedeu-
tung). Pratt war scheinbar von der Energie und der ge-
wandten, liebenswürdigen Redeweise des jungen Gould be-
stochen und schoß das nötige Kapital von 120 000 Dollar
vor. Gould war, wie man so sagt, tatsächlich ein Bluff; und
er operierte so geschickt und wußte den alten Mann so zu
verblenden, daß es eine ganze Zeit dauerte, bis Pratt er-
kannte, was eigentlich geschehen war. Als er schließlich miß-
trauisch wurde, wo die Gewinne aus der Gouldsboro-Ger-
berei (die nach Gould genannt war) blieben, bestand er auf
einer genauen Untersuchung.

Gould wußte diesem Schritt geschickt zuvorzukommen.
Auf seinen Reisen nach New York hatte er einen reichen
Lederhändler, Charles M. Leupp, kennen gelernt. Diesem
schlug er vor, Pratts Geschäftsanteil zu übernehmen. Als
Gould in die Gerberei zurückkehrte, entdeckte er, daß Pratt
das Hauptbuch revidiert hatte. Es gab eine Szene, und Pratt
verlangte, daß Gould das Unternehmen kaufen oder ver-
kaufen solle. Gould war bereit und bot ihm 60 0o0o Dollar,
welches Anerbieten angenommen wurde.

Dieses Geld ließ sich Gould von Leupp geben.

Leupp wurde ebenfalls nach einiger Zeit mißtrauisch und
hatte anscheinend auch allen Grund dazu. Die Folgen waren
tragisch. In einer Nacht, während der Krisis von 1857,
erschoß Leupp sich in seinem schönen Hause in der Madison-
a 9 Pratt war als einer der führenden landwirtschaftlichen Sachverständigen seiner
Zeit bekannt. Seine 365 Morgen große Farm stand in dem Rufe, eine Musterwirtschaft
zu sein. In den U. S. Senate Documents, Second Session, Thirty Seventh Congress,
1861-—1862, Bd. 5, S. 411—415, befindet sich eine Beschreibung seiner Farm, die
ron ihm herrührt und mit Holzschnitten versehen ist.
        <pb n="414" />
        Avenue und 25. Straße. Sein Selbstmord rief in New York
große Aufregung hervor?).

Kauf von Eisenbahnobligationen mit dem gestohlenen Gelde
Drei Jahre später, 1860, ließ sich Gould als Lederhändler
in New York nieder; das New Yorker Adreßbuch für das
Jahr enthält die Notiz: „Jay Gould, Lederhändler, 39.
Spence-Street; Haus Newark.‘“ Viele Jahre lang tauchte
dann sein Name im Adreßbuch nicht wieder auf.

Er war indessen in das Eisenbahngeschäft eingedrungen
mit Hilfe der Summen, die er Pratt und Leupp gestohlen
hatte. Zur selben Zeit, als Leupp Selbstmord beging,
kaufte Gould die ersten Obligationen der Rutland- und
Washington-Eisenbahn — eine kleine Bahn, 62 Meilen lang,
die von Troy in New York nach. Rutland in Vermont fuhr.
Diese Obligationen, die er mit 10 Prozent kaufte, verschaff-
ten ihm die Oberhand bei dieser bankrotten Eisenbahn. Er
engagierte Leute mit Verwaltungstalent, ließ die Eisenbahn
von ihnen verbessern und konsolidierte sie dann. mit anderen
kleinen Eisenbahnen, deren Aktien er angekauft hatte.

Als die Krisis von 1857 vorbei war und die ungeheure
Korruption der Bürgerkriegperiode eintrat, konnte Gould
allerlei Manipulationen mit seinen Obligationen und Aktien
machen, bis sie einen ansehnlichen Umfang erreicht hatten.
Mit einem Teil des Spekulationsgewinns aus den Obligatio-
nen der Rutland- und Washington-Eisenbahn kaufte er
so viel Aktien der Cleveland- und Pittsburg-Eisenbahn, daß
er die Majorität in Händen hatte. Diese behielt er, bis ihr
Kurs erheblich stieg, dann verkaufte er die Linie an die
Pennsylvania-Eisenbahngesellschaft.

Von 1867 an war seine Laufbahn auf ihrem Gipfel;

1) Obwohl im Laufe der Zeit allgemein behauptet wurde, daß Gould an Leupps
Selbstmord schuld war, ließ sich diese Beschuldigung doch offiziell nicht be-
weisen. Nach Meinung der Richter hatte Leupp an Melancholie gelitten, die
zweifellos auf geschäftliche Ursachen zurückzuführen war.

Aber sogar Houghton schildert in seiner flammenden Lobeshymne, wie Gould
Pratt und Leupp betrogen und Leupp sich das Leben genommen habe. In Über-
einstimmung mit Houghton geben auch Leupps Freunde Gould die Schuld an
Leupps Selbstmord. Vel. „Kings of Fortune‘, S. 266£.
        <pb n="415" />
        _. 2370 —
eine Unzahl amtlicher Berichte und Untersuchungen und
gerichtlicher Feststellungen liefern ein klares Bild. Er
wurde als der kaltblütigste Erpresser, Bestecher und finan-
zielle Pirat seiner Zeit hingestellt, und er verdiente diesen
Ruf so absolut, daß er ihm bis an das Ende seiner Tage treu
blieb und ihn überlebte, als ständiger Vorwurf gegen seine
Nachkommen. Fast ein halbes Jahrhundert lang ist der
Name Jay Gould ein Hohn- und Schimpfwort gewesen, ein
Gegenstand öffentlicher Schmähungen und Feindseligkeit,
die Bezeichnung für jedes gemeine und unlautere Ver-
gehen, wobei die Habsucht triumphiert.

Hier mag sich nun, wenn auch zum erstenmal, die Frage
erheben, warum gerade Jay Gould als Objekt dieses beson-
deren Hasses ausersehen wurde. Was für eine sonderbare,
irrige, wankelmütige Kritik, die diesen einen Mann zum
Sündenbock der kommerziellen Gesellschaft macht, während
sie seinen kaufmännischen Zeitgenossen die vollste Ehrerbie-
tung zubilligt!

Die Lehren der Umgebung
Um die Methoden und Ursachen von Goulds Laufbahn zu
verstehen, muß man die Umgebung kennen, in der er auf-
wuchs, ihren Geist und ihre Lehren. Er war, wie viele seines-
gleichen, nur ein Produkt seiner Zeit; und nicht der Mensch,
sondern die Zeiten sind von hauptsächlichem Interesse,
denn sie geben den Schlüssel zum Verständnis.

Was sah Jay Gould als junger Mensch? Er sah in erster
Linie, .daß die Gesellschaft, so wie sie organisiert war, weder
Geduld noch Mitleid mit der Armut hatte, die doch durch
ihr groteskes System geschaffen war. Wohl schwatzten die
höheren Klassen von dem Segen der Armut, wohl hielten
sie weitschweifige Predigten über die Tugend eines nütz-
lichen Lebens, das in „ehrenvoller Armut dahinfloß‘. Aber
all diese Lehren waren in gewisser Beziehung leeres, sinn-
loses Geschwätz; gerade die Klassen, welche sie so eifrig
predigten, waren am meisten bestrebt, allen nur irgend er-
reichbaren Besitz an sich zu raffen. In anderer Beziehung
hatten diese Lehren eine große Wirkung, wenn sie den
        <pb n="416" />
        — 371 —
Geistern der Massen mit den anderen überlieferten Lebens-
anschauungen eingeflößt wurden, die sie zu willenlosen
Opfern für die Raubgier ihrer Ausbeuter machen sollten.

Diese „oberen Klassen“ diktierten die Gesetze; und die
Gesetze bewiesen (wie auch heute noch), wie diese vorneh-
men Moralisten in Wahrheit gegen die Armen gesonnen
waren. Armut wurde offenkundig als Verbrechen hinge-
stellt. Die Verarmten wurden vom Gesetz als Bettler an-
gesehen, und der Ausdruck Bettler war so anstößig und die
Behandlung des Bettlers so demütigend, daß zahllose Arme
lieber Not litten und schweigend starben, als daß sie die
karge und verletzende Hilfe der Öffentlichkeit angerufen
hätten, die ihnen nur zuteil wurde, wenn sie sich selbst als
Bettler bekannten.

Krankheit, Arbeitsunfähigkeit, hohes Alter und sogar ein
normales Leben in Armut war eine erschreckende Aussicht.
Die einzig sichere Möglichkeit, dem zu entgehen, war,
Reichtümer zu erwerben. Die einzige Sicherheit war Reich-
tum, vorausgesetzt, daß sein Besitzer ihn gegen die Raublust
seiner eigenen Klasse schützen konnte, Alle Einflüsse wirk-
ten dahin, den Menschen zu verzweifelten Versuchen anzu-
spornen, dem Schimpf und der Sklaverei der Armut zu ent-
gehen und durch Reichtum wirtschaftliche Unabhängigkeit
and eine soziale Stellung zu erlangen.

Wie aber war dieser Reichtum zu erringen? Hier ver-
einigten sich Einflüsse anderer Art mit den vorigen, um
alle Zweifel, Bedenken und Widerstände, die der Empor-
strebende haben mochte, zu verscheuchen oder zu unter-
drücken. Der verdienende Jüngling sah bald ein, daß die
Arbeit für den Profit anderer ihm selbst nichts als Armut
brachte oder günstigstenfalls einige kärgliche Ersparnisse,
die beständig gefährdet waren. Um reich zu werden mußte
er nicht nur seine Mitmenschen ausplündern, sondern durfte,
das sah er ein, in seinen Methoden nicht wählerisch. sein.
Diese Lehre wurde von der ganzen kapitalistischen Klasse
überall wirksam und energisch erteilt.

Die konventionellen Schriftsteller haben mit großer
Entrüstung auf Goulds Bestechungen der Parlamente und
seine Betrügereien und Schwindeleien hingewiesen. Ohne
        <pb n="417" />
        — 372 —
wieder auf die Korruption einzugehen, die weit zurückreicht
and bereits vor seiner Zeit existierte, wollen wir einfach
einige der Verhältnisse schildern, die er als junger Mensch
mit ansah oder die in seiner Jugend allgemein verbreitet
waren.

Welchen Geschäftszweig man auch nimmt, man findet
immer, daß Reichtum nicht nur durch betrügerische Me-
thoden aufgehäuft wurde, sondern auch durch Methoden,
die oft eine tatsächliche Gefahr für das menschliche Leben
bedeuteten. Die Methoden waren die gleichen bei großen
oder kleinen Kaufleuten und unterschieden sich nur durch
ihren Umfang.

Betrug im ganzen Geschäftsleben
Eine Kongreßkommision, die 1847/48 den Verkauf von
Arzneien nachprüfte, stellte fest, daß es kaum einen Engros-
oder Detaildrogisten gab, der nicht wissentlich gefälschte
Arzneien verkaufte, die eine Gefahr für das menschliche
Leben bedeuteten. Dr. M. J. Bailey, Arzneiinspektor im
New Yorker Zollamt, war einer der vielen Sachverständigen,
die Zeugnis ablegten. „Mehr als die Hälfte von vielen der
wichtigsten chemischen und medizinischen Präparate,‘
sagt Dr. Bailey, „ebenso wie große Mengen Roharzneistoffe
kommen in so verfälschtem Zustande zu uns, daß sie als
Medizin nicht nur wertlos; sondern oft gefährlich sind.“
Diese Arzneien wurden überall in den Vereinigten Staaten
zu hohen Preisen verkauft!). Nirgends findet sich eine Notiz
über ein strafrechtliches Verfahren gegen die Leute, die
aus dem Verkauf dieser giftigen Arzneien ihren Gewinn
zogen.

Bei Herstellung und Verkauf patentierter Medizinen
wurden riesige Betrügereien verübt. Damals hatten die
Zeitungen (verhältnismäßig) mehr Nutzen von der Annon-
zierung patentierter Medizinen als heute, und obwohl durch

1) Report of Select Committee on the Importation of Drugs. House Reports,
Thirtieth Congress, First Session, 1847—1848, Report No. 664, S. 9. Ein vorher-
gehendes Kapitel behandelt andere Auszüge aus diesem Bericht, in denen diese
Betrügereien im einzelnen behandelt sind.
        <pb n="418" />
        373 —
eine Kongreßkommission die Natur dieser Geheimmittel
aufgedeckt war, brachten die Zeitungen fortgesetzt diese
betrügerischen Anpreisungen.

Nach einem ausführlichen Bericht über die gefälschten
und gefährlichen Zutaten, die für eine große Zahl paten-
tierter Medizinen gebraucht wurden, fuhr die Justiz-
kommission. des Hauses der Abgeordneten in ihrem Bericht
vom 6. Februar 1849 fort: „Die Zeitungen veröffentlichten
ausnahmslos diese Anpreisungen und Versprechungen. Der
jährliche Annoncenbetrag für Brandeth’ Pillen belief sich auf
100 000 Dollar. Morrison bezahlte mehr als das Doppelte
für die Ankündigung seiner todbesiegenden Hygiene.“ Die
Kommission führte aus, daß Morrisons Arzneien häufig
stark wirkende Gifte enthalten hätten, und fährt dann fort:
„Morrison ist vergessen, und Brandeth ist auf dem gleichen
Wege. T. W. Conway erwarb, nach der äußersten Armut,
Millionen durch den Verkauf seiner Arzneimittel und fuhr
sechsspännig im Triumph durch die Straßen von Boston.
Ein Stalljunge in New York schwang sich zu einem der reich-
sten Männer in Philadelphia auf durch den Verkauf eines
Universalmittels, das Quecksilber und Arsen enthielt.
Zahllose ähnliche Fälle können aufgeführt werden?).“ Nicht
wenige der heutigen Multimillionäre verdanken ihren Reich-
tum den ungeheuren Verdiensten, die ihre Väter und Groß-
väter bei der Herstellung und dem Verkauf dieser giftigen
Medizinen erzielten.

Der Ertolg ist alles
Die Schwindeleien unter den Kaufleuten und Fabri-
kanten waren noch viel umfangreicher. In Friedenszeiten
waren sie schon verabscheuungswürdig genug, in Kriegs-
zeiten aber waren sie unsagbar abstoßend und gemein.
Während des mexikanischen Krieges lieferten die Schuh-
fabrikanten des Nordens dem Heer Schuhe, die so minder-
wertig waren, daß sie im Privathandel nicht verkauft wer-
den konnten: diese Schuhe stellten sich als so absolut wertlos
1) Report Nr. 52, Reports of Committee, Thirtieth Congress, Second Session,
Bd. ı, S. 231.
        <pb n="419" />
        270
heraus, daß die amerikanischen Soldaten sie in Mexiko voll
Wut wegwarfen. Im Bürgerkriege aber zogen die Kapita-
listen des Nordens Reichtümer aus dem nationalen Unglück
und aus dem Blut des Heeres, das für ihre Interessen kämpfte.

In den Kapiteln über das Vanderbiltsche Vermögen ist
darauf hingewiesen worden, wie Kommodore Vanderbilt
und andere Reeder der Regierung für schwindelnd hohe
Summen zum Transport der Soldaten Schiffe verkauften
oder verpachteten, die so veraltet oder sonst seeuntüchtig
waren, daß sie außer Betrieb gesetzt werden mußten,
In jenen Kapiteln wurde diese Methode hauptsächlich
Vanderbilt zur Last gelegt; tatsächlich bildet sie aber nur
einen Teil der allgemeinen Betrügereien. Während
Vanderbilt, als Bevollmächtigter der Regierung, morsche
Schiffe pachtete oder kaufte und Millionen dabei verdiente,
drehten die bekanntesten und geachtetsten Reeder jener
Zeit ihre alten Kähne der Regierung zu unglaublichen
Preisen an.

Einer der allergeachtetsten Kaufleute, der im damaligen
geschäftlichen und gesellschaftlichen Leben eine große Rolle
spielte, war z. B. Marshall O. Roberts. Das war derselbe
Roberts, der bei den Betrügereien hinsichtlich der Post-
subsidien so stark beteiligt war, derselbe scheinheilige
Roberts, der, wie in den Kapiteln über das Astorsche
Vermögen erwähnt wird, mit John Jacob Astor und an-
deren zusammen ein Zeugnis unterschrieb, das die Ehren-
haftigkeit des Tweed-Regimes bezeugte. Eine Kongreß-
kommission, welche die Regierungsverträge von 1826/63
nachprüfte, brachte Tatsachen ans Licht, die selbst eine
an die übliche politische Korruption gewöhnte Kommission
in Erstaunen setzten. Es soll hier nur ein Beispiel angeführt
werden: Samuel Churchman, ein staatlicher Schiffssach-
verständiger, der von Weller, dem Marineminister, engagiert
war, erzählte in Einzelheiten, wie Roberts und andere Reeder
und Kapitalisten es möglich machten, alte verbrauchte
Schiffe der Regierung anzuhängen; bei einem weiteren Ver-
hör am 3. Januar 1863 wurde Churchman gefragt:

Frage: „Verkaufte oder verpachtete Roberts noch andere
Schiffe an die Regierung?“
        <pb n="420" />
        — 375 —

Antwort: „Jawohl. Er verkaufte Winfield Scott und
Union.“

Frage: „Für welchen Preis ?““

Antwort: „Für je hunderttausend Dollar; eins davon war
völlig unbrauchbar, das andere mußte einige Tage, nachdem
es in See gegangen war, für untauglich erklärt werden*).“

Im Verlauf der weiteren Untersuchungen gab Churchman
an, daß die Regierung durch die Übernahme solcher
Schiffe um wenigstens 25 Millionen Dollar betrogen sei,
soweit er nach „den ihm bekannten gecharterten und ge-
kauften Schiffen und den ungeheuren, dabei verschwendeten
Summen“ schätzen könne‘). Diese 25 Millionen Dollar,

um welche die Regierung allein in betreff der Schiffe be-
trogen war, bilden die Grundlage manches heutigen Riesen-
vermögens.
Die geachteten Betrüger
Aber dies war keineswegs die einzige Lehre, die Gould
von der geachteten Geschäftswelt empfing. Man kann ruhig
sagen, daß es keinen einzigen Geschäftszweig gab, in dem
nicht die schamlosesten Betrügereien gegen Staat und Volk
verübt worden wären. Die Importeure und Fabrikanten von
Waffen durchkreuzten Europa, um wertlose Waffen aufzu-
kaufen, und betrogen dann die Regierung um Millionen,
da diese Waffen völlig untauglich waren?). Eine Kongreß-
kommission, die 1862 ernannt worden war, um die Verbin-
dung zwischen Staatsbeamten einerseits und Beamten und
anderen Firmen anderseits zu untersuchen, stellte schließ-
lich fest, daß die Firmen in der Regel die staatlichen In-
spektoren bestachen, um ihre schlechten Waren los zu

werden 9).
1) Report of Select Committee to Inquire into Government Contracts, House
Reports, Thirty-seventh Congress, "Third Session, 1862—1863, Report Nr. 491 S. 95.

2) a. a. O. 5. 95—907-

8) House Reports of Committees, Thirty-seventh Congress, Second Session
:861—1862, Bd. 2, Report 2, 1 XXIX.

4) House Reports, Thirty-seventh Congress, Second Session, 1862—1863,
Report Nr. 64. Der Vorsitzende dieser Kommission, C. H. van Wyck-New York,
machte in seinem Bericht an das Unterhaus des Kongresses folgende erläuternde Be-
merkungen: „In der ersten Zeit des Krieges waren Betrügereien und Unterschleife
nicht zu vermeiden. Es war naturgemäß, daß die Ehrgeizigen aus den Nöten der
        <pb n="421" />
        — 376 —
Während des Bürgerkrieges gründeten hervorragende
Kaufleute unter Betonung ihrer patriotischen Gesinnung
Verteidigungskomitees in verschiedenen Städten des Nor
dens und veranstalteten Sammlungen zur Fortführung
des Krieges. Von der Kongreß-Untersuchungskommission
wurde festgestellt, daß die leitenden Mitglieder dieses
Komitees nicht nur ihren Patriotismus ausnutzten, um sich
allerlei Verträge zu sichern, sondern daß sie in große
Schwindeleien gegen die Regierung verwickelt waren.

So gab z. B. Marcellus Hartley, ein bekannter Waffen-
händler und der Begründer eines Multimillionenvermögens!?),
zu, daß er einen großen Posten Hallscher Karabiner an ein
Mitglied des New Yorker Verteidigungskomitees verkauft
habe. In einem plötzlichen Anfall von Reue fügte er hinzu:
„Ich glaube, diese Hallschen Karabiner sind das Schlech-
teste, das dieser Regierung je aufgeschwatzt ist; sie sind,
glaube ich, auf 22,50 Dollar aufgetrieben worden?).“ Er
hätte ruhig hinzufügen können, daß diese Karabiner gerade-
zu gefährlich seien; es stellte sich heraus, daß ihr Mechanis-
mus so mangelhaft war, daß sich Soldaten, die damit

hantierten, ‘ die Daumen abgeschossen haben würden.
Hartley gehörte zu den Importeuren, welche die zurück-
gewiesenen Waffen aus Europa herüberbrachten und sie zu

Nation Vorteil ziehen und reich werden wollten trotz des Murrens im Volke, daß,
wenn das Kapital bedroht und die Eisenbahnverbindungen abgeschnitten waren,
die unglaublichsten Preise für Dampfer und Segelboote gefordert werden konnten,
daß, wenn die Arsenale keine Waffen mehr zur Verfügung hatten, Kanonen und
Gewehre mit Gold aufgewogen werden mußten, und daß die Regierung zu ent-
schuldigen sei, wenn sie sich übervorteilen ließ, Aber nach Verlauf von zwei Jahren
herrscht immer noch das gleiche System der Ausbeutung, und die Betrügereien
werden immer unverschämter, da sie nicht bestraft werden, und jene Schwindeleien,
die die Nation im Frühling 1861 empörten, haben zugenommen. Die Straffreiheit,
die es den ersten Räubern ermöglichte, ihre unrechtmäßig erworbenen Gewinne
zu genießen, scheint nur gar zu viele der Regierungsbeamten demoralisiert zu
haben.“ Appendix to The Congressional Globe, Third Session, Thirty-seventh
Congress, 1862—1863, Teil 2, S. 117.

7) Als Marcellus Hartley im Jahre 1902 starb, schätzte man sein persönliches Be-
sitztum allein auf 11 Millionen Dollar, sein Gesamtvermögen auf annähernd go Mil-
lionen Dollar,’ Sein Haupterbe, Marcellus Hartley Dodge, ein Enkel, heiratete im
Jahre 1907 Edith Geraldine Rockefeller, eine der reichsten Erbinnen der Welt.
Hartley war der Haupteigentümer von großen Patronen-, Gewehr- und anderen
Fabriken.

?) House Report No. 2, etc., 1861—1862, Bd. 2, S. 200—204.
        <pb n="422" />
        — 377 —
ungeheuren Preisen an die Regierung verkauften. Er be-
kannte, daß er mit verschiedenen der Einzelstaaten Ver-
träge über diese wertlosen Waffen in Höhe von 600 000
Dollar abgeschlossen habe?).

Der begeisterte Patriot und philanthropische Multimillio-
när unserer Tage, J]. Pierpont Morgan, profitierte, wie wir
sehen werden, ebenfalls von dem Verkauf der Hallschen
Karabiner an die Regierung während des Bürgerkrieges.

Eine der Kongreßkommissionen, welche die Lieferungs-
verträge für Waffen und Ausrüstung nachprüfte, fand augen-
scheinliche Beweise für riesige Betrügereien. Es wurden un-
geheure Summen erpreßt für wertlose Zelte; die Soldaten
behaupteten, „sie blieben ohne diese Zelte besser trocken,
als wenn sie darunter lägen?).“ Auch bei den Warenliefe-
rungen an die Arsenale wurde viel betrogen. Ein Fabrikant
besonders, Charles C. Roberts, hatte vertraglich 50 000
Tornister und 50 000 Schnappsäcke zu liefern. „Mit jedem
dieser Tornister wurde die Regierung betrogen,‘ bemerkt
ein Sachverständiger, „denn sie waren nicht aus Leinen?).“
Eine Kongreßkommission stellte fest, daß die vertragsmäßig
gelieferten Waren entweder schädlich oder unbrauchbar
waren. Hauptmann Beckwitt, ein amtlicher Kommissar,
bestätigte, daß der Kaffee „absolut zu nichts zu gebrauchen
und wertlos sei‘,

„Es scheint eine Mischung von gerösteten Erbsen, Lakrit-
zen und verschiedenen anderen Substanzen zu sein, mit
nur so viel Kaffee dazwischen, daß ein Aroma und Geschmack
davon vorhanden ist%).“

Diese Kommission schaffte noch weitere Beweise, die
bekundeten, wie alle anderen Waren von der gleichen
schlechten Qualität gewesen seien. Schließlich schilderte sie
auch, wie die Eisenbahnen bei Frachtbeförderungen von der
Regierung 50 Prozent mehr erhoben hätten als von privaten
Personen®). Simon Cameron, der Leiter der korrupten Po-
litik von Pennsylvania und gleichzeitig Leiter einer Fisen-

1 a.a. O.

?*) House Report No, 64 etc., 1862—1862, 5. 6.

“aa. O0.

‘) House Report No. 2. etc., 1862—1863, Bd. 2, 5. 1459.

“ a.2a.0. Bd. 24.
        <pb n="423" />
        2378 -
bahn?!), war damals Kriegsminister. Wen ernannte er zum
obersten Beamten über den Eisenbahnfrachtverkehr? Nie-
mand anders als Thomas A. Scott, den Vizepräsidenten der
Pennsylvania-Eisenbahn. Scott war, wie erwähnt werden
muß, auch einer der Kapitalisten, deren "Tätigkeit so oft als
die „eines bemerkenswerten organisatorischen . Talents“
hingestellt ist. Das Talent, das er während des Bürgerkrieges
entfaltete, war ganz unzweideutig. Mit seinem Einver-
ständnis verübten die Eisenbahnen eine Erpressung nach
der andern. Die Kommission berichtete, wie nach seiner
Ernennung die Gewinne der Eisenbahnen in einem Jahre um
volle fünfzig Prozent stiegen, und wie Rentmeister und andere
Personen bestochen wurden, um von ihnen den "T’'ransport
von Regimentern überwiesen zu bekommen. „Dies,“ be-
merkt die Kommission, „läßt erkennen, welche ungeheuren
und unnötigen Summen von der Regierung zum Vorteil
der Eisenbahnen verschleudert wurden nach dem Tarif,
den der Vizepräsident der Pennsylvania-FEisenbahn unter
Beihilfe Camerons aufgestellt hatte.?)“

„Diese vielen betrügerisch erpreßten Millionen,“ fährt
die Kommission fort, „kamen aus dem verarmten und ge-
leerten Staatsschatz der Vereinigten Staaten, zu einer Zeit,
da ihre Kraft und ihre Mittel aufs Äußerste in Anspruch ge-
nommen wurden, um den Krieg durchzuführen®).

Dies sind nur ein paar Tatsachen aus der erstaunlichen
Korruption, die auf jedem Gebiete des merkantilen und
finanziellen Geschäftslebens herrschte. So groß und frech
Goulds Diebstähle später auch sein mochten, so standen sie
doch nicht auf dem unbeschreiblich niedrigen Niveau wie
die während des Bürgerkrieges von Männern begangenen, von
denen die meisten ihres „soliden Vermögens“ wegen hoch-
geachtet waren. Während des Bürgerkrieges traten so viel
plötzliche Ereignisse ein, daß inmitten all der Vorbereitun-
1) Er war in wenigstens einen Skandal verwickelt, der von einer Kommission des
Parlaments von Pennsylvania untersucht wurde; ebenso war er an zweifelhaften Eisen-
bahntransaktionen in Maryland beteiligt.

2) House Report No. 2, etc., 1861—1862, 19. So erzielte beispielsweise die
Pennsylvania-Eisenbahn im Jahre 1862 rund ı 350 237,79 Dollar Mehrgewinn gegen
das vorhergehende Jahr.

3) a.a. 0.5.4.
        <pb n="424" />
        2379 —
gen, Schlachten und Aufregungen diese: Schwindeleien
nicht die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf sich lenk-
ten, was zu anderer Zeit unvermeidlich gewesen wäre.
Infolgedessen gelang es den Männern, die sie verübten, sich
hinter den größeren Ereignissen jener Jahre zu verbergen.
Gould dagegen beging seine Diebstähle zu einer Zeit, als
die Öffentlichkeit durch nichts anderes in Anspruch ge-
nommen war; daher erschienen sie dem Volke auffällig
groß und bedeutend.

Schon 1857, gleich im Anfang seiner Laufbahn, hatte
Gould als Eisenbahnbesitzer Gelegenheit, sich die wertvolle
und ganz kostenlose Kenntnis zu erwerben, auf welche Art
Eisenbahn- und Landkonzessionen vom Kongreß zu erlangen
seien. Er war damals erst einundzwanzig Jahre alt, sehr lern-
eifrig, aber natürlich ohne Erfahrung hinsichtlich der Be-
handlung gesetzgebender Körperschaften. Aber die älteren
Kapitalisten, die Veteranen der Bestechung, die jahrelang
Kongreß und Parlamente korrumpiert hatten, versahen ihn
mit den nötigen Informationen.

Sie taten es nicht freiwillig; ihr bester Bundesgenosse war
die Heimlichkeit; aber eine Gruppe von ihnen hatte den
Kongreß zu unverfroren bestochen, damit er für ein Gesetz
stimmen sollte, das der Des Moines Navigation and Rail-
road Company ungeheure Ländereien in Jowa, Minnesota
und anderen Staaten verlieh. Die aufgedeckten Tatsachen
müssen für Gould eine wertvolle Lehre gewesen sein, wie
die Dinge im Kongreß gehandhabt wurden. Die Beschul-
digungen wirbelten in den ganzen Vereinigten Staaten un-
geheuer viel Staub auf, und das Haus der Abgeordneten
mußte zur Selbstverteidigung eine Kommission ernennen
zur Untersuchung der Sache.

Diese Kommission erstattete einen beachtenswerten Be-
richt. Für gewöhnlich stellten bei Bestechungsbeschuldi-
gungen die Untersuchungskommissionen höchst unschuldig
fest, daß, obwohl vermutlich eine Bestechung vorgelegen
habe, sie doch keine Beweise für die Annahme von Be-
stechungsgeldern seitens der Mitglieder erbringen könnten;
fast regelmäßig wälzten diese Kommissionen die Schuld
an diesen nutzlosen Nachforschungen auf die Unterhändler.
        <pb n="425" />
        — 2380 —
Aber diese eine Kommission erstattete nicht solche ober-
Hächlichen Berichte, die eine Weißwaschung bezweckten.
Sie bestätigte, daß korrupte Zusammenschlüsse von Kongreß-
mitgliedern existierten, und sie empfahl den Ausschluß
von vier Mitgliedern, die sie beschuldigte, Geld oder
Land für die Abgabe ihrer Stimmen bekommen zu haben.
Eins dieser vier ausgeschlossenen Mitglieder, Erasmus B.
Matteson, war allem Anschein nach ein Führer einer
korrupten Gruppe).

Aber seine hauptsächlichste Unterrichtung in der großen
Kunst, sich durch Bestechung gesetzgebender Körper-
schaften Besitztümer und Privilegien anzueignen, bekam
Gould während des Bürgerkrieges. Während viele Gruppen
der kapitalistischen Klasse aus einem schwer bedrückten
Lande Hunderte von Millionen herauspreßten und Ver-
mögen ernteten, indem sie die Verteidiger ihrer Interessen
ausbeuteten, brachten andere Gruppen, die den Patriotis-
mus genau so laut im Munde führten, im Kongreß und
in den Staatslegislaturen ein Gesetz nach dem andern zur
Annahme, das Riesendiebstähle legalisierte,
Patriotismus zu fünfzig Prozent
Einige dieser Gesetze, die von den Banken veranlaßt waren,
erlegten der Bevölkerung der Vereinigten Staaten wahre
Wucherzinsen für Darlehne auf. Diese Bankparagraphen
waren so abgefaßt, daß die Zinsen nominell nicht hoch er-
schienen; in Wirklichkeit aber waren die nationalen und
internationalen Bankiers berechtigt, 20 bis 50, oft sogar
100 Prozent Zinsen zu verlangen, und zwar für Geld, das
irgendwann, irgendwie aus den Bürgern der Vereinigten
Staaten oder aus irgendeinem anderen politischen Kreis
herausgepreßt war.

Anderseits waren die Banken gänzlich von der Steuer-
zahlung befreit; sie hatten ein Gesetz durchgebracht, das
Regierungsobligationen von der Besteuerung ausschloß. Heere
1) Reports of Committees, House of Representatives, Thirty-fourth Congress,
Third Session, 1856—1857; Report No. 243, Bd. 3. In den folgenden Kapiteln
finden sich zahlreiche Details über die während dieser Zeit ausgeübten Bestechungen.,
        <pb n="426" />
        281
wurden hingemetzelt und Legionen von Haushalten zer-
stört, aber für die Bankiers war es eine reiche und sichere
Zeit; die Banken waren sehr häufig in der Lage, Dividenden
von 20, 40 und bisweilen sogar 100 Prozent auszuschütten.

Gould sah, wie all die anderen Geldjäger zu ihrem Ver-
mögen kamen; und die Methoden, die er jetzt anwandte,
entsprachen nur den ihren, ein wenig kühner und brutaler
waren sie vielleicht, aber trotzdem nur eine Wiederholung
dessen, was seit langer Zeit in der ganzen Sphäre des Kapi-
talismus Brauch gewesen war.

Zehntes Kapitel
DIE ZWEITE EPOCHE DES GOULDSCHEN VERMÖGENS

D“&lt; erste Schritt, durch den Jay Gould viele Millionen
in seinen Besitz brachte, war die Vernichtung der
Erie-Eisenbahn. Wenn die äußere Erscheinung als ein Maß-
stab für die Begabung anzusehen ist, so würde niemand auf
die Vermutung kommen, daß in Gould die Anlage zu einem
der kühnsten und geschicktesten finanziellen Freibeuter
steckte, der je existiert hatte. Etwa fünf Fuß sechs Zoll groß
und von schlankem Wuchs, machte er den Eindruck eines
milden, sanften Mannes von äußerster Schüchternheit.
Sein Gesicht war braun und von einem dicken schwarzen
Backenbart teilweise verdeckt; seine Augen waren dunkel,
listig und stechend, seine Stirn hoch. Seine Stimme war sehr
leise. sanft und einschmeichelnd.

Die orivate Kontiszierung der Erie-Eisenbahn
Die Erie-Eisenbahn, die von New York nach Buffalo und
von da westwärts nach Chikago geht, wurde 1832 gegründet.
Allein vom Staate New York, abgesehen von anderen Staaten,
bekam sie aus Staatsmitteln einen Zuschuß von 3 Millionen
Dollar und eine Hypothek von 3 217 000 Dollar, insgesamt
also 6 217 000 Dollar. Die Bezirke, Städte und Gemeinden,
        <pb n="427" />
        2, —_
die sie passierte, wurden veranlaßt, Geld, Terrain und
Privilegien beizusteuern. Von Privatpersonen im Staate
New York wurden ihr Terrains überwiesen, die damals
400 000 bis 500 000 Dollar!), heute aber viele Millionen
wert sind. Außerdem wurden ihr mancherlei besondere
Privilegien und Freiheiten bewilligt. Das geschah in allen
Staaten, welche die Eisenbahn berührte. Die Bau- und
Anlagekosten wurden fast völlig durch diese Subventionen
gedeckt ?).

Im Vertrauen auf die schönen Versprechungen der Unter-
nehmer wiegte sich das Volk in der frohen Zuversicht, daß
sein Anteil gesichert sei. Aber einmal ums andere wurden
die Parlamente durch Bestechung veranlaßt, geheime Ver-
fügungen zu erlassen, nach denen die Eisenbahn unein-
geschränkt in den Besitz einer kleinen Gruppe von Unter-
nehmern und Spekulanten überging. Das Volk wurde nicht
nur um die Summen betrogen, die durch allgemeine Steuern
aufgebracht und zum Bau der Bahn verwendet waren — wie
es bei den meisten Eisenbahnen der Fall war —, sondern
dieses selbe Geld wurde von den kapitalistischen Besitzern
als Privatkapital betrachtet, es wurden daraufhin riesige
Mengen Obligationen und Aktien ausgegeben, und der Be-
völkerung wurden hohe Verkehrsspesen abgenommen, um
die erforderlichen Zinsen und Dividenden für diese riesigen
Emissionen zu bezahlen.

Der Spekulant Drew wird Direktor

Die wechselnden Leiter der Erie-Eisenbahn, die mit dem
Verschlucken der öffentlichen Subventionen noch nicht zu-
frieden waren, plünderten auch noch das Gesellschaftsver-
mögen und betrogen ihre Aktionäre. Es wurde so wenig Wert

1) Report on the New York and Erie Railroad Company, New York State
Assembly Document No. 50, S. 1842; ferner: Investigation of the Railroads of the
State of New York, 1879, 1, S. 100.

?) „Die Erie-Eisenbahn wurde von den Bürgern dieses Staates mit dem Gelde
des Volkes erbaut. Der Staat überwies der Korporation 3 Millionen Dollar. Durch
betrügerische Ausgabe von mehr als 50 Millionen Dollar Aktien wurde das Besitztum
der Linie gestohlen, wenn man es beim rechten Namen nennen will“... „An Analy-
sis of the Erie Reorganisation etc.‘“, die dem Parlament durch John Livingstone,
Esq., den Rechtsanwalt der Aktionäre der Erie-Eisenbahn, eingereicht wurde.
        <pb n="428" />
        auf eine tüchtige Verwaltung gelegt, daß in kurzen Zwischen-
räumen bedenkliche Katastrophen eintraten. Es kam aber
eine Zeit, wo die alten Lokomotiven, Wagen und Gleise
in so verfallenem Zustande waren, daß eine Neuanschaffung
nicht länger aufgeschoben werden konnte. Dazu war Geld
erforderlich, und das Vermögen der Gesellschaft war durch
ständige Schröpfung erschöpft.

Die Direktoren fanden endlich einen Geldmann in Daniel
Drew. Für sein Darlehn forderte Drew die übliche Sicher-
heit. 1855 hatte er fast 2 Millionen Dollar vorgestreckt —
500 000 in bar, das übrige in Anweisungen. Die Direktoren der
Erie-Bahn konnten nicht zurückzahlen, und die Bahn ging in
seine Hände über. Obwohl er mit der Eisenbahnverwaltung
ebensowenig Bescheid wußte wie mit Buchführung, gab er
sich keine Mühe, dies zu lernen; während des folgenden
Jahrzehnts benutzte er die Erie-Eisenbahn einfach als Mittel,
um ihren Aktienkurs an der Börse zu beeinflussen. Auf
diese Weise nahm er einer großen Zahl von spekulierenden
Dummköpfen insgesamt viele Millionen ab.

Der alte Cornelius Vanderbilt sah es voll Ungeduld mit
an. Er sah die ungeheuren Gewinne vor Augen, die ihm zu-
fließen würden, wenn er Besitzer der Erie-Eisenbahn wäre,
daß er den Wert der Bahn beträchtlich erhöhen könnte,
indem er sie besser ausstattete, und daß er dieselben Aktien-
emissionen durchführen konnte wie bei seinen andern Trans-
aktionen. Viele Millionen würden sein eigen sein, wenn er
sich die Majorität der Aktien aneignete. Außerdem würde
die Eisenbahn wahrscheinlich in einiger Zeit ein gefähr-
licher Konkurrent seiner eigenen Bahnen werden. Vander-
bilt fing im geheimen an, Aktien zu kaufen. 1866 hatte er
die Majorität in Händen. Drew und seine Scheindirektoren
wurden abgesetzt. und Vanderbilt stellte seine eigenen ein.

Vanderbilt verdrängt Drew und setzt ıhn dann wieder ein
Der Wechsel wurde mit Vanderbilts gewohnter brüsker
Schnelligkeit durchgeführt. Drew war scheinbar ruiniert.
Er hatte aber noch ein letztes Mittel, und dies wandte er
jetzt mit schauspielerischer Geschicklichkeit an. In Tränen
        <pb n="429" />
        2384 —
ging er zu Vanderbilt und bat ihn, einen alten Mann, der
sich gerade wie er selbst heraufgearbeitet habe, nicht auszu-
drängen und zu ruinieren. Diese Bitte fand Gehör. Wäre
der Bittsteller irgendein anderer gewesen, so hätte Vander-
bilt ihn verhöhnt. Aber für den alten ungebildeten Vieh-
händler, dessen Laufbahn in so vieler Hinsicht seiner eigenen
ähnelte, hatte er im Grunde Sympathie. Seine Tränen und
Klagen hatten Erfolg; in einem Augenblick sentimentaler
Schwäche — einer Schwäche, die ihm teuer zu stehen kam —
ließ Vanderbilt sich erweichen. Es wurde ein Vertrag auf-
gesetzt, wonach Drew den Direktorposten wiederbekam
und Vanderbilts Interessen und Absichten zu vertreten hatte.

Als Drew sein Amt wieder angetreten hatte, zeigte
er eine Zeitlang eine absolute Unterordnung. Um
Vanderbilts Pläne ganz ausführen zu können, überredete er
den Magnaten, ihm zu gestatten, zwei Männer als Direkto-
ren einzustellen, auf deren Gefügigkeit, sagte er, man sich
verlassen könne. Das war Jay Gould, der ernste und überall
beliebte, und James Fisk jr., ein stattlicher, protziger, ver-
schwenderischer Bonvivant. In seinen jungen Jahren war
Fisk in Vermont Hausierer gewesen und hatte später einen
Wanderzirkus geleitet. Dann war er Börsenmakler gewor-
den. So argwöhnisch und schlau der alte Vanderbilt war,
und obwohl er von vornherein ein Mißtrauen gegen diese
beiden Leute hatte, gestattete er Drew doch, aus irgend-
welchen unerklärlichen Motiven, Gould und Fisk als Di-
rektoren anzustellen. Er kannte Goulds Ruf und sah in ihm
nur wie in Fisk wahrscheinlich Werkzeuge, die seine
„schmutzige Hantierung‘“ ohne Fragen erledigen würden.
Er legte die Verwaltung der Erie-Bahn in Drews, Goulds
und Fisks Hände, In dieser Eigenschaft konnten sie Aktien
und Obligationen ausgeben, Verbesserungen veranlassen und
hatten überhaupt gänzliche Vollmacht.
Drew, Gould und Fisk betrügen Vanderbilt
Zunächst gaben sie sich den Anschein, als fügten sie sich
gehorsam Vanderbilts Wünschen. Da Vanderbilt es für
günstig hielt, möglichst viele Erie-Aktien zu kaufen, um
        <pb n="430" />
        386
einerseits eine größere Garantie für sein Übergewicht zu
haben, und anderseits selbst den Kurs bestimmen zu
können, kaufte er unausgesetzt neue Aktien an. Das Trio
aber hatte in aller Stille einen Plan entworfen, durch den
es Vanderbilts Kontrolle abschütteln konnte.

Scheinbar um Mittel zur Verbesserung der Eisenbahn zu
beschaffen, beschlossen sie, eine Menge neuer Obligationen
auszugeben. Hiervon behielten sie große Mengen selbst als
Sicherheit für angebliche Darlehen. Diese Obligationen
wurden heimlich in Aktien umgewandelt und dann unter
Maklerfirmen verteilt, an denen die drei beteiligt waren.
Vanderbilt, in seinem Bestreben, möglichst viele Aktien in
seine Hände zu bekommen, kaufte ohne Argwohn die Aktien
an. Dann kam die Verräterei der drei Männer ans Licht,
und ihre Absicht, weitere Aktien auszugeben, wurde lautbar.

Vanderbilt zögerte nicht einen Augenblick. Er beeilte sich,
den juristischen Beistand von George C.Barnard vom Obersten
Gerichtshof New Yorks anzurufen. Er wußte, daß er auf
Barnard rechnen konnte, den er zu dieser Zeit durch Be-
stechungen beeinflußte. Dieser Richter war ein offen-
kundiges Werkzeug der korporativen Interessen und des
politischen T’weedrings; wegen seiner vielen Vergehen wurde
er später unter Anklage gestellt!). Barnard erließ auf der
Stelle eine Verfügung, welche die Erie-Direktoren an
weiteren Aktienemissionen hinderte und ihnen befahl, ein
Viertel der bereits ausgegebenen dem Gesellschaftsvermögen
zurückzugeben. Ferner wurde jede weitere Umwandlung
von Obligationen in Aktien mit der Begründung verboten,
daß es eine betrügerische Manipulation sei.

Dies wurde als ein so ausgesprochener Sieg Vanderbilts
angesehen, daß der Kurs der Erie-Aktien um 30 Prozent
stieg. Aber die Intriganten hatten eine List in Reserve.
Indem sie scheinbar Barnards Anordnung gehorchten,
ließen sie die Aktienhefte von einem Messengerboy beiseite
schaffen, der den Auftrag bekommen hatte, sie in eine
Depositenkasse in der Pine Street zu bringen. Sie behaup-
teten in aller Unschuld, nicht zu wissen, wer der Dieb sei;

1) Bei seinem Tode fanden sich ı Million Dollar teils in Obligationen, teils in bar
unter seinen Effekten.
        <pb n="431" />
        der Messengerboy „wußte ebenfalls von nichts“. Diese
hunderttausend Aktien warfen Drew, Gould und Fisk sofort
auf den Aktienmarkt. Niemand hatte den leisesten Verdacht,
daß die gerichtliche Verfügung übertreten wurde. Folglich
kauften Vanderbilts Makler für Millionen von diesen Aktien
an; auch andere Personen kauften. Sobald die Schecks ein-
gingen, verwandelten Drews und seine Partner sie in bares
Geld.

Gould und seine Partner flüchten mit Millionen
Der Tag war noch nicht zu Ende, als Vanderbilt zu seiner
Wut und Überraschung erkannte, daß er um 7 Millionen
Dollar gepreillt worden war. Auch andere Käufer waren um
Millionen betrogen. Der alte Mann war in die Falle gegan-
gen: diese Tatsache quälte ihn am meisten. Sobald aber der
erste Wutanfall vorüber war, entwarf er seinen Kriegsplan.
Schon am nächsten Morgen wurden Haftbefehle gegen
Drew, Fisk und Gould erlassen. Sie wurden rechtzeitig ge-
warnt und flüchteten nach Jersey, außerhalb Barnards
Machtbereich, und nahmen ihre Beute mit. Nach Charles
Francis Adams’ Angaben in seinen „Chapters of Erie“
führte einer von ihnen in einer Mietkutsche Ballen mit
Banknoten im Werte von 6 Millionen Dollar fort!). Die
anderen beiden Flüchtlinge waren mit Handtaschen beladen,
die mit Obligationen und Aktien vollgestopft waren.

Dies war in mehr als einem Sinne eine lehrreiche und denk-
würdige Situation. Vanderbilt, der größte Betrüger seiner
Zeit, der Plünderer des Staatsschatzes während des Bürger-
krieges, der Erzbestecher, rief offenkundig die Hilfe des
Gesetzes an, weil man ihn betrogen hatte! Drew, Gould und
Fisk machten sardonische Witze darüber. Aber wenn sie
auch darüber scherzten, daß sie einen Mann überlistet
hatten, dessen Spezialität der Betrug war, so verkannten
sie doch nicht, daß ihre Lage gefährlich war. Barnards Ver-
fügung hatte ihre Aktienverkäufe als Betrug bezeichnet und
damit ungültig gemacht; außerdem war ihnen, wie die
Dinge lagen, wenn sie nach New York zurückzukehren

1) „„Chapters of Erie“, S. 30.
        <pb n="432" />
        wagten, die sofortige Verhaftung gewiß, mit Verhören und
eventueller Gefängnisstrafe. Vor sich selbst entschuldigten
sie ihre Diebstähle mit der tröstlichen Erklärung, daß sie
Vanderbilt genau das gleiche zugefügt hätten, was er anderen
getan hatte und ihnen getan haben würde. Aber sie hatten
nicht sich selbst Rechenschaft zu geben, sondern den Ge-
setzen. Vanderbilt gab sich alle Mühe, sie ins Gefängnis zu
bringen.

Wie konnten sie diesem drohenden Geschick entgehen?
Sie fanden sehr bald einen Ausweg. Während Vanderbilt
seiner Wut freien Lauf ließ und nach Herzenslust fluchte,
gingen sie in aller Ruhe daran, eine Lehre in die Praxis um-
zusetzen, die er selbst erteilt hatte. Er beeinflußte die
Richter; warum sollten sie nicht das Parlament bestechen,
wie er es oft getan hatte? Sie entwarfen den Plan, die New
Yorker Staatslegislatur zu veranlassen, durch ein Gesetz
ihre betrügerischen Aktienemissionen anzuerkennen.

Gould besticht das Parlament mit 500 000 Dollar
Mit 500000 Dollar begab sich Gould heimlich nach
Albany. Als er dort erkannt und verhaftet wurde, ließ man
ihn nur gegen eine hohe Kaution frei, die ein Komplice
hinterlegte. Er erschien ein paar Tage später vor dem New
Yorker Gericht und erreichte eine Vertagung der Verhand-
lung. Er verlor keine Zeit. „Er bemühte sich eifrig,‘ sagt
Adams, „um ein Einverständnis zwischen ihm und dem
Parlament.‘ Unter heftigen Beschuldigungen, daß eine
Bestechung erfolgt sei, kam das Gesetz, das die betrügerische
Aktienemission legalisierte, zur Annahme. Vanderbilt be-
stach die Parlamentsmitglieder vergeblich, dagegen zu stim-
men; wenn sie von Vanderbilt Geld angenommen hatten,
bestach Gould sie mit größeren Summen. Ein Senator
z. B. bekam, wie bereits erwähnt, von Vanderbilt 75 000
Dollar und von Gould 100 000 Dollar und behielt die bei-
den Summen.

Natürlich war ein Riesenskandal die Folge. Der Senat des
Staates New York griff am 10. April 1868 zu dem gewöhn-
lichen Mittel. eine Untersuchungskommission zu ernennen.
        <pb n="433" />
        283 —
Diese Kommission hatte es nicht nötig, erst die grund-
legenden Tatsachen zu erforschen; diese kannte sie bereits.
Aber es gehörte zur Komödie dieser Untersuchungskom-
missionen, mit der Miene kindlicher Unwissenheit vorzu-
gehen.

Es wurden viele Zeugen vernommen, und manche Prü-
fung fand statt. Die Kommission berichtete, daß, nach
Drews Aussage, 500 000 Dollar dem Vermögen der Erie-
Bahn entnommen seien, angeblich für Prozeßkosten, und
daß zweifellos aus dem Gesellschaftsvermögen große Sum-
men stammten, die in Albany verausgabt seien und für die
sich in den Büros der Gesellschaft keine Belege fänden.
Die Kommission konstatierte ferner, daß während der
Session 1868 große Summen für Bestechungszwecke von
Gesellschaften verausgabt wurden, die an den Eisenbahn-
gesetzen interessiert waren.

Aber wer verübte die hauptsächlichen Bestechungen?
Und welches waren die bestochenen Parlamentsmitglieder ?
Die Kommission gab an, darüber nichts Genaues zu wissen.
Die Untersuchung endete, wie fast immer in ähnlichen Fäl-
len, damit, daß die Schuld auf gewisse „reich gewordene“
Agenten geschoben wurde. Diese Agenten waren Männer,
deren Gewerbe es war, die Bestechung der Parlamentsmit-
glieder zu vermitteln. Gould und Thompson — letzterer ein
Mitschuldiger — gaben an, daß sie an Payn, einen Agenten,
der später ein mächtiger republikanischer Politiker wurde,
10 000 Dollar bezahlt hatten, dafür, daß er wenige Tage sich
in Albany für das Erie-Gesetz verwandte; ferner wurde fest-
gestellt, daß den Agenten Luther Caldwell und Russell
F, Hicks 100 000 Dollar gezahlt wurden, damit sie das Parla-
ment und durch die Presse auch die öffentliche Meinung be-
einflußten. Caldwell hat scheinbar große Summen von
Vanderbilt wie auch von Gould bekommen?). Eine spätere
Untersuchungskommission, die sich 1873 mit anderen Be-

schuldigungen beschäftigte, berichtete, daß allein im Jahre
1868 die Direktoren der Erie-Eisenbahn, nämlich Drew,
Gould, Fisk und ihre Verbündeten, mehr als eine Million

1) Report of the Select Committee of the New York Senate, Senate Document
No. 52, 1869, S. 3—12, 137, 140—146,
        <pb n="434" />
        280 —
Dollar für „Extra- und Gesetzgebungs-Leistungen‘“ veraus-
gabt und „die Gepflogenheit hatten, alljährlich große
Summen für Beeinflussung der Wahlen und der Parla-
mente hinzugeben!)“.

Als die ungeheuren Diebstähle legalisiert waren, kehrten
Drew, Gould und Fisk nach Jersey zurück. Aber ihr Weg
war noch nicht frei. Vanderbilt hatte verschiedene Zivil-
prozesse in New York gegen sie angestrengt; außerdem wur-
den sie wegen Übertretung der gerichtlichen Verfügungen
verurteilt. Jetzt begannen die Unterhandlungen. Unter
den ernstesten Drohungen, was die Gerichte im Weigerungs-
falle tun würden, verlangte Vanderbilt, daß sie die Aktien
zurückkauften, die sie ihm aufgehalst hatten.

Drew war als erster zu dem Kompromiß bereit; Gould
und Fisk folgten bald darauf. Sie bezahlten Vanderbilt
2 500 000 Dollar in bar, ı 250 000 Dollar in Papieren für
50 000 Erie-Aktien und eine weitere Million Dollar für das
Privilegium, ihn für die verbleibenden 50000 Aktien inner-
halb vier Monaten jederzeit in Anspruch nehmen zu können,
Obwohl diese Vereinbarung Vanderbilt um etwa z Millionen
Dollar schädigte, erklärte er sich bereit, seine Klagen zurück-
zuziehen. Die drei verließen nun ihre Zufluchtsstätte in
Jersey und verlegten die Büros der Erie-Bahn in das Grand
Opera House in der Achten Avenue und 23. Street in New
York. Dieser Zusammenstoß mit Vanderbilt war für Gould
eine gute Lehre, die er von nun an nie aus den Augen ließ;
daß es nämlich nicht genügte, die Gemeinderäte und Parla-
mente zu bestechen, sondern daß auch die Richter beeinflußt
werden mußten. Die Ereignisse zeigten, daß er die Ver-
handlungen sofort aufnahm.
1) Report of the Select Committee of the Assembly, Assembly Documents 1873,
No, 98, Bd. 19. Die Kommission berichtete: Was die Erie-Gesellschaft getan hat,
das tun zweifellos andere große Gesellschaften ebenfalls Jahr für Jahr, und durch
den Zusammenschluß der Gesellschaften wird die Macht dieser großkapitalistischen
Gesellschaften eine ständige Gefahr für die Freiheiten des Volkes. Die Eisenbahn-
agenten werfen ihre schmutzigen Gewinne dem Parlamente zu, und in unserer gan-
zen Politik macht sich die herabziehende Wirkung dieses Einflusses fühlbar (S. 18).
        <pb n="435" />
        Gould und Fisk ruinieren Drew

3090 —

Die nächste Entwicklung war charakteristisch. Da Gould
und Fisk ihren alten Mitschuldigen nicht länger brauchten,
fielen sie in hinterlistiger Weise über Drew her, drängten ihn
aus der Verwaltung aus und führten seinen finanziellen
Ruin herbei. Es war Drews Gewohnheit, sooft seine Pläne
durchkreuzt wurden oder er sehr niedergeschlagen war, sich
schleunigst zu Bett zu legen, sich in den Decken zu ver-
kriechen und in Seufzern und Mitleid mit sich selbst oder
im Gebet Trost zu suchen — denn bei all seiner Gewissen-
losigkeit war er orthodox veranlagt. Als Drew merkte, daß
er ausgeplündert und betrogen worden war, wie er es so oft
bei anderen gemacht hatte, suchte er sein Bett auf und ver-
steckte sich lange voll Verzweiflung unter den Decken. Der
wunderliche alte Gauner erlangte seinen Reichtum und
seine Stellung nie wieder. Nach Drews Beseitigung machte
sich Gould selbst zum Präsidenten und Geschäftsführer der
Erie-Eisenbahn und Fisk zum Vizepräsidenten und Direktor.

Als Gould und Fisk nun mit der Ausgabe weiterer Aktien

begannen, beschlossen verschiedene betrogene Aktionäre,
dagegen einzuschreiten. Das war ein neues Hindernis,
aber es wurde kaltblütig beseitigt. Gould und Fisk warben
eine Rotte Bewaffneter an, die diese Aktionäre verhindern
sollten, sich der Bücher der Gesellschaft zu bemächtigen.
Dann wurde wieder das New Yorker Parlament bestochen.

Es wurde ein Gesetz erlassen, das Goulds und Fisks ge-
setzliche Kontrolle sicherte. Dies Gesetz bestimmte, daß
nur ein Fünftel des Direktoriums in jedem Jahre zurückzu-
treten habe.

Um aber zu verhindern, daß die betrogenen Groß-
aktionäre sich durch die Gerichte der Bahn bemächtigten,
wurde eine weitere Verfügung erlassen. Diese bestimmte,
daß von keinem Gericht ein Urteil auf Absetzung von Di-
rektoren erlassen werden dürfe, wenn der Prozeß nicht vom
Kronanwalt der Vereinigten Staaten eingeleitet sei. Gould
und Fisk hatten also nur nötig, sich des Kronanwalts völlig
zu versichern (was sie natürlich auch taten), um den betro-
genen Aktionären den Gerichtsweg zu verschließen.
        <pb n="436" />
        Vereinbarungen mit korrupten Politikern und Richtern
Von 1868 bis 1872 gab Gould, unterstützt von willfähri-
gen Direktoren, 235 000 weitere Aktien aus!). Dieser Betrug
konnte sehr leicht ausgeführt werden, da der Tweedsche
Apparat zur Verfügung stand. Um Tweeds Einverständnis
zu erlangen, wurde er zum Direktor der Erie-Eisenbahn ge-
macht und außerdem mit bedeutenden Summen be-
stochen?). Mit Tweed als Verbündetem hatten sie alle Richter
„u kommandieren, die ihm ihr Avancement verdankten.
Barnard, eines der willigsten Werkzeuge Tweeds, ließ sich
ebenfalls von Gould und Fisk kaufen. Als die englischen
Aktionäre eine große Anzahl Aktien einreichten, die für
eine neue Verwaltung stimmen sollten, ließ Barnard es zu,
daß die Stimmen für Gould und Fisk gezählt wurden. Ein
andermal sprachen Gould und Fisk bei Barnard vor und
setzten eine gerichtliche Verfügung durch, während er beim
Frühstück saß.

Größtenteils mit Hilfe dieser korrupten Allianz mit dem
Tweed-Konzern konnte Gould die Riesenschwindeleien
der Jahre 1868 bis 1872 durchführen.

Gould war unstreitig die Seele dieser Transaktionen;
Fisk und die anderen führten nur seine Angaben aus. Gould
gab 1873 einer Untersuchungskommission des New Yorker
Parlaments gegenüber zu, daß er in den drei voraufgehenden
Jahren große Summen an Tweed und andere gezahlt
und daß er weitere große Beträge verausgabt habe, die der
Beeinflussung der Parlamente oder der Wahlen dienen
sollten. Diese Summen wurden in den Büchern der Erie-
Bahn scherzhafterweise auf das „Kautschuk-Konto““ gesetzt.

Gould gab in seiner zynischen Weise weitere Auskünfte.
Er könne sich genau erinnern, sagte er, daß er die Gewohn-
heit gehabt hätte, Geld in die verschiedenen Bezirke des
Staates zu senden, um die Wahlen von Senatoren und Kon-

greßmitgliedern zu beeinflussen. Er fügte hinzu, daß „diese

Ausgaben sich in der Regel besser bezahlt machten, als
1) Fisk wurde 1872 von einem Nebenbuhler in einem Streit um seine Mätresse
ermordet. Sein Tod änderte nichts an Goulds Plänen,
2) Documents of the Board of Aldermen 1877, Teil 2, Nr. 8. S. 49.
        <pb n="437" />
        -- 392 —
wenn man wartete, bis die Männer nach Albany kamen“,
Bezeichnend ist seine Bemerkung, daß es ebenso unmöglich
sel, die verschiedenen Fälle aufzuzählen, als wenn man sich
erinnern sollte, wieviele Güterwagen Tat für Tag auf der
Erie-Eisenbahn verkehrt hätten“, Seine Bestechung dehnte
sich über vier verschiedene Staaten aus, wie er gleichmütig
angab. „In einem republikanischen Bezirk war ich Republi-
kaner, in einem demokratischen Bezirk Demokrat, in einem
neutralen Bezirk neutral, aber immer wahrte ich die Inter-
essen der Erie-Bahn?).“ Die Beträge, die er für diese aus-
gedehnte Bestechung verausgabte, stammten aus den Er-
gebnissen seiner großen Diebstähle her; er hätte mit ebenso
großer Wahrheit hinzufügen können, daß er mit diesem ge-
stohlenen Gelde einige der hervorragendsten Advokaten
jener Zeit beschäftigen und Richter kaufen konnte.

Die Schriftsteller, die sich mit den oberflächlichen Tat-
sachen begnügen oder denen das Verständnis für den Gang
der Geschehnisse fehlt, konstatieren meistens, daß Gould nur
durch diese Bestechungen und Intrigen seine Betrügereien
durchführen konnte. Solche Behauptungen sind völlig in-
korrekt. Um zu tun, was er tat, brauchte man die Billigung
oder zum mindesten die Duldung seitens eines beträchtlichen
Teils der öffentlichen Meinung. Diese erlangte er. Auf
welche Art? Indem er sich als eifrigen Antimonopolisten
hinstellte.

Die Antimonopolbewegung war der größte Fetisch der
ganzen Mittelklasse; diese Klasse beobachtete mit Besorgnis
die wachsende Konzentration des Reichtums; und da ihre
Interessen durch eine große Anzahl der Organe der öffent-
lichen Meinung vertreten wurden, beeinflußten sie die Ge-
danken eines nicht kleinen Teils der arbeitenden Klasse.

Während Gould seine Bestechungen in aller Heimlichkeit
betrieb, legte er der Öffentlichkeit eine Reihe von Argu-
Menten vor, an denen es ihm nie mangelte. Er stellte sich
selbst als den Vorkämpfer der Mittelklasse und der arbeiten-
den Klasse hin, indem er Vanderbilt zu verhindern suchte,
ein Eisenbahnmonopol zu bekommen. Er benutzte ge

1) Report of, and Testimony before, the Select Assembly Committee, 1873,
Assembly Documents, Nr. 08, 20 ete.
        <pb n="438" />
        — 2303 —
schickt die Besorgnisse, den Neid und den mächtigen
Egoismus der Mittelklasse, indem er darauf hinwies, wie
sehr sie von der Gnade Vanderbilts abhängig sein würde,
wenn es diesem gelänge, die Erie-Eisenbahn und andere
Bahnen seinem ohnehin beträchtlichen Bestand hinzuzu-
fügen.

Solche Argumente mußten Erfolg haben; und daß sie ihn
hatten, ergibt sich aus der Bereitwilligkeit, mit der die ge-
werbetreibenden Klassen seine Bestechungen und Betrü-
gereien entschuldigten, weil er der einzige Mann zu sein
schien, der bewies, daß er Vanderbilt hindern konnte, die
ganze Eisenbahnverwaltung der Stadt New York zu ent-
reißen. Mit großer Naivität nahm die Mittelklasse an,
daß er um ihretwillen kämpfe.

Gould kannte die erbitterten Gefühle gegen Vanderbilt
sehr gut; er benutzte sie und drang Schritt für Schritt vor,
immer in der Maske des großen Befreiers.

Die kleinen Aktionäre der Erie-Eisenbahn konnte Gould
leicht beschwichtigen, indem er eine höhere Dividende aus-
schüttete, als sie unter dem früheren Regime bekommen
hatten. Das machte er durch das Schwindelmanöver der
Neuausgabe von Obligationen möglich, indem er aus dem
daraus resultierenden Verdienst Dividenden bezahlte.

Trotzdem stand jetzt das Ende der Gouldschen Aus-
plünderung der Erie-Eisenbahn bevor. Wenn die kleinen
Aktionäre auch einverstanden waren, so waren doch die
englischen Aktionäre entschlossen, selbst die Verwaltung an
sich zu reißen.

Goulds Direktoren bestochen
Sie machten nicht wieder den Versuch, zum Gesetz ihre
Zuflucht zu nehmen. Sie schickten an ihre amerikanischen
Agenten die Summe von 300 000 Dollar, womit eine Anzahl
der Direktoren Goulds bestochen werden sollte. Da Gould
diese Direktoren als Werkzeug benutzt hatte, waren sie
ärgerlich, weil er die ganze Beute selbst behalten hatte.
Wenn er ihnen nur einen Teil abgegeben hätte, wäre ihre
Stimmung eine ganz andere gewesen, Die 300 0o0o Dollar
        <pb n="439" />
        2304
wurden unter sie verteilt, und sie erfüllten ihren "Teil des
Planes, indem sie ihr Amt niederlegten?).

Als die englischen Aktionäre ihr eigenes Direktorium
wählten, setzte Gould bei den Gerichten einen Einhaltsbefehl
durch. Dies Dokument blieb völlig unbeachtet, und die
Anti-Gould-Partei ergriff am ıı1. März 1872 mit Gewalt
Besitz von den Büros und Büchern der Gesellschaft. Wur-
den diese Männer wegen verbrecherischer Anschläge von den
Gerichten bestraft? Es wurde nicht der leiseste Versuch
gemacht. Viele Arbeiter und Gewerkschaftsführer wurden
wegen verbrecherischer Anschläge zu Gefängnis verurteilt,
aber die Gerichte haben augenscheinlich die Absicht ge-
habt, alle Anschläge der mächtigen Reichen ruhig hinzu-
nehmen.
Neue Parlamentsbestechungen
Es scheint, daß alles in allem, einschließlich der großen
Beträge, die an Agenten und Advokaten gezahlt wurden,
von den englischen Kapitalisten bei der Ausdrängung Goulds
750 000 Dollar verausgabt wurden. Bestritten sie diese
Ausgaben aus ihrer eigenen Tasche? Keineswegs. Sie
deckten ihre Auslagen, indem sie selbst dafür stimmten,
daß diese Summe aus dem Gesellschaftsvermögen an sie
zurückzuzahlen sei?, d.h. sie zwangen das Publikum, die
Kosten zu tragen, indem es schließlich die Zinsen für die
höhere Schuldbelastung aufzubringen hatte.

Um noch mehr Einfluß zu bekommen, bestachen sie das
New Yorker Parlament dahin, das Klassifikationsgesetz zu
widerrufen.

Goulds direkte Eriebahn-Diebstähle betrugen 12 Millionen Dollar
Wie hoch belief sich Goulds Beute? Seine direkten Dieb-
stähle, die mit seinen Erie-Schwindeleien zusammenhingen,

1) Assembly Document, Nr. 98, 1873, Bd. ı2 u. 12. Die englischen Aktionäre
liefen bei dieser Gelegenheit keine Gefahr, Nach einem Bericht der Kommission
bekamen die Direktoren ihre Bezahlung erst, wenn sie zurückgetreten waren.

2) Assembly Document No. 98, 1873, Bd. ı2 u. 16.
        <pb n="440" />
        — 295
scheinen mehr als 12 Millionen Dollar betragen zu haben,
die er ganz, oder doch nahezu ganz, persönlich behielt.

Bei den nach der Krisis von 1873 fallenden Preisen für
Lebensmittel und im Vergleich mit den heutigen Unter-
haltskosten entsprach diese Summe etwa dem doppelten
Betrage in unseren Tagen.

Ohne seine Gier, und seine dauernde Unfähigkeit, seinen
Verbündeten treu zu bleiben, hätte Gould diese gestohlenen
Summen behalten können. Sein Verrat an einem von ihnen,
Henry N. Smith, der sein Kompagnon gewesen war in der
Maklerfirma Smith, Gould &amp; Martin, hatte.schlimme Fol-
gen. Gould veranstaltete einen „Corner“ in Aktien der
Chikago- und Northwestern-Eisenbahn, oder, verständlicher
gesprochen: er kaufte die vorhandenen Aktienvorräte auf
undtrieb dann den Kurs von 75 auf 250. Smith gehörte zu den
Börsianern, die, wie Gould beabsichtigt hatte, durch diese
Operation schwer geschädigt wurden. Um sich zu rächen
übergab Smith die Bücher der Firma, die sich in seinem
Besitz befanden, dem General Barlow, dem Beirat der pro-
testierenden Aktionäre der Erie-Eisenbahn!). Sehr bald
wurden die großen Diebstähle entdeckt, und es wurde ein
Verfahren eingeleitet, das Gould zwingen sollte, etwa
ı2 Millionen Dollar zurückzugeben. Ebenso wurde ein
strafrechtliches Verfahren gegen ihn anhängig gemacht,
und Gould wurde verhaftet und unter Anklage gestellt.

Fine außerordentliche Rückerstattung‘
Scheinbar war Gould verloren. Aber die Sache nahm
einen wunderbaren und unerwarteten Verlauf, der die Schar
der Börsianer mit Bewunderung für seine List und Kühnheit
erfüllte. Er faßte den Plan, die Rückerstattung selber zu be-
nutzen, um weitere Millionen durch Spekulation zu er-
beuten; er wußte, daß, wenn bekannt wurde, daß er sich
zur Zahlung entschlossen hätte, der Kurs der Aktien sofort
in die Höhe gehen und zahlreiche Käufer auftauchen würden.

Insgeheim kaufte er so viele Aktien auf, als ihm irgend
erreichbar waren. Dann gab er mit größtmöglichem Elan

1) Railroad Investigation of the State of New York, 1879, Bd. 2, 531.
        <pb n="441" />
        206 —
seine Absicht kund, die Entschädigung zu zahlen. Gab das
eine Sensation! Der Kurs der Erie-Aktien schnellte in die
Höhe, und seine Makler verkauften große Mengen mit
riesigem Profit für ihn. Die Aktionäre erklärten sich mit
seinem Anerbieten einverstanden, die Erie-Bahn abzu-
treten, und wollten Papiere und Aktien in Zahlung nehmen,
die anscheinend einen Wert von 6 Millionen Dollar hatten.
Aber als die Aktionäre ihre Klage zurückgezogen hatten,
entdeckten sie, daß sie wieder betrogen waren. Die Summe,
die Gould ihnen überwiesen hatte, hatte nur einen Markt-
wert von 200 000 Dollar).

1) Railroad Investigation usw., 1879, Bd. 3, S. 2503. Einer der sehr seltenen
Fälle, wo es einem Opfer Goulds gelang, ihn zu einer Entschädigung zu zwingen,
wird in folgender Anekdote erzählt, welche die Runde durch die Presse machte:

Ein alter Freund kam zu Gould und erzählte ihm, es sci ihm gelungen, sich
etwa 20 000 Dollar zu sparen. Er bat ihn nun um einen Rat, wie er das Kapital am
besten anlegen könne, damit es für seine Familie absolut sichergestellt sei, Gould
riet ihm, es in gewissen Aktien anzulegen, und versicherte ihm, daß die Anlage ein
sicheres Einkommen gewähre und daß außerdem der Kurs in Kürze sehr steigen
würde,

Der Mann befolgte den Rat Goulds, aber die Papiere begannen sogleich zu fallen.
Als sie tiefer und tiefer gingen und der Mann die ständig niedrigeren Preisnotierun-
gen sah und darüber reden hörte, daß keine Dividenden gezahlt werden würden,
fragte er bei Gould an, ob die Anlage noch gut sei. Gould erwiderte auf den Brief
seines Freundes, daß die Gerüchte einer tatsächlichen Begründung entbehrten
und nur eines Börseneffekts wegen in Umlauf gesetzt seien.

Indes fielen die Aktien weiter. Jeden Tag sank der Preis an der Börse tiefer,
und schließlich wurden die Gerüchte, daß die Direktoren keine Dividende verteilen
würden, zur Tatsache. Der Mann sah. die Ersparnisse vieler Jahre in wenigen Mo-
naten verloren gehen und erkannte, daß er ruiniert war.

Wie vom Wahnsinn getrieben stürzte er an dem Nachmittag, als die Direktoren
das Ausfallen der Dividende bekanntgaben, in Goulds Bureau und erklärte Gould,
daß er in der gröbsten Weise betrogen und dadurch ruiniert sei und daß er ihn er-
schießen werde.

Augenscheinlich war er ganz irre und von dem Wunsch, seine Drohung auszu-
führen, besessen. Gould wandte sich zu ihm und sagte: „Mein lieber —,“
indem er ihn beim Namen anredete, „Sie sind in einem großen Irrtum, Ihr Geld
ist nicht verloren. Wenn Sie morgen früh auf meine Bank gehen, so werden Sie da-
selbst einen Saldo von 25 000 Dollar zu Ihren Gunsten finden. Ich verkaufte Ihre
Aktien vor einiger Zeit, vergaß jedoch, Sie davon in Kenntnis zu setzen.“ Staunend
und zweifelnd sah der Mann ihn an und verließ sodann das Büro.

Sobald er sich entfernt hatte, gab Gould der Bank Order, dem Mann 25 0006 Dol-
lar auf seinem Konto zu kreditieren., Der Mann verbrachte zwischen Angst und
Zweifel eine schlaflose Nacht, Als die Bank geöffnet wurde, war er der erste, und er

war nahezu sprachlos, als der Kassierer ihm die Summe, die Gould am’Nachmittag
vorher genannt hatte, aushändigte, BEE

Gould war sich augenscheinlich darüber klar gewesen, daß der Mann entschlossen
        <pb n="442" />
        — 307 —
Diese Plünderung der Erie-Eisenbahn war aber nur eine
seiner vielen betrügerischen Transaktionen in diesen ge-
schäftigen Jahren. Gleichzeitig benutzte er diese gestohle-
nen Millionen, um in den Goldvorräten zu spekulieren.
In diesem „Black-Friday‘“-Komplott (so wurde es genannt)
erbeutete er weitere 11 Millionen Dollar im Verlaufe. einer
finanziellen Krisis, die eine Kette von Bankrotten, Selbst-
morden und viel Mißgeschick und Elend mit sich brachte.

Elftes Kapitel

DAS STÄNDIGE ANWACHSEN DES GOULDSCHEN VER-
MÖGENS

D* „Gold-Komplott‘“, das von Gould ausgedacht und
geleitet wurde, wurde seinerzeit als eins der schänd-
lichsten Ereignisse in der Geschichte Amerikas bezeichnet.
Diese Beurteilung war eine Übertreibung und Verdrehung,
die typisch war für eine Gesellschaft, welche sich nur um das
kümmerte, was in ihren oberen Schichten passierte. Die
theatralische Natur dieser Episode und das Verderben, das
sie in den Reihen der Geldleute und der Industriellen ver-
breitete, war schuld, daß ihre Wichtigkeit hochgradig ent-
stellt und übertrieben wurde.

Es war nicht annähernd so verwerflich wie die giganti-
schen und abstoßenden Schwindeleien, die Kaufleute und
Bankiers während der schweren Jahre des Bürgerkrieges ver-
übt hatten. Dieselben Kaufleute und Bankiers, die Gould
wegen seines „Gold-Komplotts‘“ in den Bann taten, hatten
ihre Vermögen auf blutgetränkte Armeeverträge begründet.
Auch konnten die schlimmsten Seiten des Gouldschen
Komplotts, so gemein sie waren, in keiner Weise an ver-
derhblichen Resultaten mit den offenkundigen und ab-

war, ihn zu töten, und daß der einzig mögliche Weg, Leben und Ehre zu retten, der
war, den er wählte, nämlich dem Manne die verlorene Summe nebst einem Gewinn
auszuzahlen. Aber auf die kaltblütige Geistesgegenwart Goulds wirft diese Geschichte
ein interessantes Streiflicht.
        <pb n="443" />
        — 398 —
gefeimten Greueln des Fabrik- und Landmagnatensystems
konkurrieren.

Nach Beginn des Bürgerkrieges war Gold äußerst knapp
und nur gegen Prämie zu haben. Die Vorräte von diesem
Metall, dem gelben Golde, die die relativen Werte der
Löhne und Lebensbedürfnisse regelten, waren monopoli-
siert durch die mächtigen Banken. 1869 waren nur 15 Mil-
lionen Dollar Gold in den Vereinigten Staaten in Umlauf.

Gould faßte nun den Plan, sich der vorhandenen 15 Mil-
lionen Dollar Gold zu bemächtigen und selbst die Preise
dafür zu bestimmen. Er wollte nicht nur von dem wirk-
lichen Handel seinen Tribut fordern, sondern die ganze
Gruppe der Goldspekulanten bis aufs Blut aussaugen, denn
damals wurde in sehr ausgedehntem Maße in Gold spekuliert.

Um den vielen Goldspekulanten entgegenzukommen
hatte die Börse einen „Goldraum“ eingerichtet, der aus-
schließlich für den spekulativen Verkauf und Ankauf von
Gold bestimmt war. Gould war überzeugt, daß sein Plan
nicht mißlingen würde, wenn die Regierung nicht einen
Teil von den 25 Millionen Dollar Gold in Umlauf setzte,
die im Staatsschatz als Reserve aufbewahrt wurden.

Die Hauptsache war also, sich zu vergewissern, ob die Re-
gierung beabsichtigte, diese Summe gänzlich von der Zir-
kulation auszuschließen.

Gould besticht die Regierungsbeamten
Um diese Information zu bekommen bestach er A. R.
Corbin, einen Schwiegersohn des Präsidenten Grant, und
gewann ihn damit für seine Interessen. Es wurde verabredet,
daß Gould für 2 Millionen Dollar Goldanleihen auf Corbins
Rechnung kaufen sollte, ohne irgendwelche Sicherheit zu
verlangen*). Auf diese Weise gedachte sich Gould einen Spion
innerhalb des Weißen Hauses zu sichern. Als der Preis des
Goldes dauernd stieg, hatte Corbin von seinem Anteil einen
wöchentlichen Profit von 25 000 Dollar. Um das weitere

*) Gold Panic Investigation, House Report, No. 31, Forty-first Congress,
Second Session, 1870, S. 157. Corbins Empfänglichkeit für Bestechungen war be-
kannt. Er gab seine Teilhaberschaft 1857 vor einer Untersuchungskommission zu.
        <pb n="444" />
        399 —
Gelingen seines Plans zu sichern bestach Gould den General
Butterfield, dessen Ernennung zum Unterschatzsekretär
von New York Corbin veranlaßt haben wollte. Gould sagte
1870 aus, er habe Butterfield ein privates Darlehn gegeben
und I 500 000 Dollar durch Spekulationen für Butterfield
verdient. Diese Angaben bestritt Butterfield?).

Durch Corbin versuchte Gould, Grants Politik zu er-
forschen, und mit Fisk als Vermittler versuchte er,
persönlich den Präsidenten auszufragen. Zu ihrer Be-
stürzung entdeckten sie, daß Grant keineswegs geneigt war,
ihre Argumente zu begünstigen. Die Aussichten waren
sehr trübe, Gould rettete die Situation mit’ beispielloser
Frechheit. Indem er allerlei detaillierte Gerüchte aus-
sprengte und die Zeitungsberichte durch feile Journalisten
beeinflußte, versetzte er nicht nur die ganze Börse, sondern
auch seine eigenen Bundesgenossen fälschlich in den Glau-
ben, daß hohe Regierungsbeamte mit ihm im Einverständ-
nis wären. Es wurde eifrig das Gerücht verbreitet, daß die
Regierung nicht beabsichtige, einen Teil ihrer Goldreserven
in Umlauf zu setzen. Infolgedessen stieg der Preis auf 146.
Bald darauf kam verschiedenen finanziellen Gruppen der
Argwohn, daß Gould nur einen Bluff beabsichtigte. Da
sich die Ansicht verbreitete, daß er sich auf die Unter-
stützung der Regierung nicht verlassen könne, fiel der
Preis des Goldes, und Goulds eigene Makler wandten sich
gegen ihn und verkauften Gold,

Gould betrügt seine Partner
In dieser Bedrängnis erkannte Gould, daß etwas ge-
schehen müsse, und zwar schnell geschehen, wenn er dem
völligen Ruin entgehen wollte, da er das ganze Gold in
Händen hatte, das von ihm zu hohen Preisen angekauft
war. Durch eine geschickte Manipulation überzeugte er Fisk
davon, daß Grant tatsächlich ein Bundesgenosse sei. Gould
hatte die Majorität der Tenth-National-Bank angekauft.
Dies Institut benutzten Gould und Fisk nun zur betrügeri-
schen Herstellung von bankbeglaubigten Schecks; von diesen

1) Gold Panic Investigation etc., S. 160.
        <pb n="445" />
        gaben sie ein Mehrfaches von 10 Millionen Dollar aus. Mit
diesen gefälschten Schecks kauften sie 30 bis 40 Millionen
Gold!). Ein solcher Betrag war natürlich nicht in Umlauf.
Aber das Gesetz gestattete die Spekulation darin, als ob es
wirklich existiere. Gewöhnliche Kartenspieler, die um wirk-
lich vorhandenes Geld spielten, wurden vom Gesetz bestraft.
Aber die spekulativen Börsenspieler, die Werte kauften und
verkauften, die häufig gar nicht existierten, führten ihre
Betrügereien mit voller Genehmigung des Gesetzes durch.
Goulds Plan war nicht schwierig. Dauernde Ankäufe von
Gold mußten — nach den Gesetzen des Handels — na-
türlich ständig seinen Preis steigern.

Im September 1869 hatten Gould und seine Partner
nicht nur alles in Umlauf befindliche Gold in Händen, son-
dern sie hatten auch Verträge abgeschlossen, nach denen
ihnen Bankiers, Fabrikanten, Kaufleute, Makler und Speku-
lanten weitere 70 Millionen Dollar von diesem Metall zu
beschaffen hatten. Die Banken, Fabriken und Importfirmen
hatten ständig einen großen Bedarf an Gold für verschiedene
Geschäftstransaktionen: um internationale Schulden zu be-
zahlen, Zinsen für Obligationen, Zoll oder zum Ankauf der
Ernten. Sie waren gezwungen, es zu borgen zu einem von
Gould festgesetzten Preise. Gould gab öffentlich bekannt,
daß er keine Gnade kennen würde. Er hatte z. B. ein Ver-
zeichnis von 200 New Yorker Kaufleuten, die ihm Gold
schuldeten; er drohte ihnen, ihre Namen in den Zeitungen
veröffentlichen zu lassen, wenn sie nicht gleich zahlten, und
hätte das ausgeführt, wenn seine Rechtsanwälte ihm nicht
abgeraten hätten, weil dieser Schritt als Anschlag straf-
rechtlich verfolgt werden könnte?).

Die allgemeine Erregung und Not in Geschäftskreisen
war so groß, daß Präsident Grant beschloß, von dem
Golde der Regierung etwas in Umlauf zu setzen, wenn auch
die Reserven dadurch vermindert würden. Auf mysteriöse
Weise erfuhr Gould hiervon. Am Tage vor dem „Black
Friday“ entschloß er sich, seine Partner zu betrügen und
heimlich Gold zu verkaufen, bevor der Preis fiel. Um das

1) Gold Panic Investigation, S. 13.

2) Ebenda S, 13.
        <pb n="446" />
        = 401 —
mit Erfolg tun zu können mußte er zugleich die Ankäufe
fortsetzen, damit der Preis noch weiter in die Höhe ginge.
Solche Methoden waren vom Börsenkodex untersagt,
der gewisse Regeln vorschrieb; denn wenn auch die Börsen-
mitglieder sich gegen außenstehende Elemente keinerlei
Beschränkung auferlegten, bestanden doch unter ihnen
selbst gewisse Regeln, die jegliches Doppelspiel im Verkehr
untereinander verboten. Vergleichsweise war es genau so,
als wenn eine Gruppe gewerbsmäßiger Falschspieler, die
ohne Bedenken den Ahnungslosen ausplündern, darauf be-
stände, daß unter ihresgleichen die peinlichste Ehrlichkeit
gewahrt werden sollte. Ob aber Vorschrift oder Nichtvor-
schrift, niemand konnte die Tatsache leugnen, daß viele der
hervorragendsten Geldleute häufig und erfolgreich dieselben
Methoden angewandt hatten, die Gould jetzt einschlug.
Während Gould heimlich seine Goldvorräte absetzte,
animierte er seine Verbündeten und seine Schar von fünfzig
oder mehr Maklern, mehr Gold zu kaufen!). In dieser Zeit
scheinen Fisk und sein Partner im Maklergeschäft, Belden,
eine Ahnung von Goulds wirklichen Absichten gehabt zu
haben; doch beschränkte sich ihr Wissen auf die Bruchstücke,
die Gould ihnen anvertraute, und etliche eigene Mut-
maßungen. Gould ließ gerade so viel verlauten, um ihre
Beutegier anzureizen. Sicher hat Gould mit ihnen ein gehei-
mes Abkommen getroffen, nach welchem er die in ihrem Na-
men gemachten Goldankäufe nicht anzuerkennen. brauchte.
Außerhalb der Börse machte Fisk einen recht albernen und
liederlichen Eindruck mit seiner Putzsucht, seiner Eitel-
keit und Protzerei, seinem soldatischen Wesen, seinen
protzigen, albernen Manieren und seinem Hofstaat von
Dirnen. In der Wall-Street aber war er ein mächtiger Ge-
schäftsmann. Gerade die Eigenschaften, die ihn im gesell-
schaftlichen Leben gewissermaßen lächerlich machten,
wandelten sich zu kraftvoller Geschlossenheit unter der
Schar der Spekulanten. Fisk hatte eine teuflische Frechheit
an sich, die imponierte, einschüchterte und irreleitete; er
war ein guter Deckmantel für Goulds Intrigen und Kom-
plotte im Hintergrunde.
1) Gold Panic Investigation etc., S. 12.

A
        <pb n="447" />
        AL =
Der denkwürdige „Schwarze Freitag‘
Der nächste Tag, der 24. September 1869, der „Schwarze
Freitag“, brachte den Geldleuten gefährliche Erregungen
und dunkle Befürchtungen. Sogar die Börsen im Auslande
wurden von der Unruhe angesteckt. Gould gab Auftrag, alles
Gold in Fisks Namen zu kaufen; Fisks Makler trieben den
Preis auf 151 und dann auf 161. Die Kurse der Eisenbahn-
aktien fielen rapid; eine der Wall-Street-Firmen nach der
anderen meldete.Konkurs an, und es gingen Vermögen ver-
loren. In der Befürchtung, daß der Preis des. Goldes auf
200 steigen könne, gaben die Fabrikanten und andere Ge-
schäftsleute im ganzen Lande ihren Agenten die Weisung,
zu jedem Preise Gold zu kaufen. Während dieser ganzen
Zeit verkaufte Gould durch bestimmte Makler heimlich
Gold, und während er das tat, machten Fisk und Belden
auf seine Weisung immer neue Ankäufe.

Die Börse bot nach der Schilderung vieler Augenzeugen
an jenem Tage einen außergewöhnlichen Anblick. Die
Szenen, die sich sonst bei irgendwelchen Anlässen dort ab-
spielten, mögen den ausländischen Beobachter mit un-
ermeßlichem Erstaunen erfüllt haben. Aber niemals hatte
sie einen so tumultuarischen, nahezu wahnsinnigen Anblick
geboten wie an diesem Tage, dem „Schwarzen Freitag‘;
niemals hatte die Geldgier und die daraus resultierende
Furcht sich in so entsetzlicher Form gezeigt.

Man konnte viele der Großkapitalisten zitternd und
jammernd herumlaufen sehen, wie sie einander mit ent-
färbten und verzerrten Gesichtern beiseite stießen und dann
wieder mit wilder Energie und noch wilderen Bewegungen
einen Auftrag oder einen Fluch herausschrien. Die kleinen
Spekulanten hatten längst ihr Schmerzensgeheul eingestellt
und waren ruiniert, völlig ausgelöscht; nur die großen
Spekulanten oder ihre Kommissionäre blieben in der Arena,
und viele von ihnen liefen wie gehetzte Ratten von Pult zu
Pult. Der kleine Springbrunnen im „Goldzimmer“ sprühte
und gluckste wie gewöhnlich, doch ging das Geräusch in dem
schrecklichen Aufruhr verloren; ein Mann stürzte darauf zu
and ließ sich das kühle Wasser über sein schweißtriefendes
        <pb n="448" />
        Gesicht rinnen. Die Ausdünstungen waren entsetzlich:
der triefende, krankhafte Schweiß einer Menschenmasse,
die bis an die Grenzen menschlicher Kraft erregt war.

Getäuschte Geldgier und zerschellte Intrigen und Ränke,
die sich gegen sie selbst wandten, konnte man aus den Ge-
sichtern der Männer lesen, die aus dem „Goldzimmer““ ohne
Hut und dem Wahnsinn nahe herausstürzten, als der Preis
des Goldes auf 162 stieg. In den benachbarten Straßen hatte
sich eine lärmende Menge versammelt, die teils aus Neugier
und Aufregung hierher gekommen war, teils auch aus ein-
gebildetem Interesse; es war sicher nur ein eingebildetes
Interesse, denn es war nur ein Kampf der Spitzen der
Börsenritter- und -spielergesellschaft.

Plötzlich, früh am Nachmittag, kam die Nachricht, daß
der Staatsschatz Gold verkaufe; sie schien auf Wahrheit zu
beruhen. In einer Viertelstunde war die ganze Gold-
spekulation vorbei. Es wird erzählt, daß der Mob nach
Gould fahndete, um ihn zu Iynchen, aber er und Fisk hatten
sich durch eine Hintertür entfernt und sich in die Stadt be-
geben. Es wurde allgemein angenommen, daß Gould un-
rettbar ruiniert sei. Daß er heimlich zu ungeheuren Preisen
Gold verkauft hatte, war nicht bekannt; selbst seine Ver-
trauten, ausgenommen ‚vielleicht Fisk und Belden, wußten
nichts davon. Bekannt war nur, daß er Kaufverträge über
riesige Mengen fiktiven Goldes zu sehr hohen Preisen ab-
geschlossen hatte. Tatsächlich hatten ihm seine geheimen
Verkäufe einen Gewinn von 11 bis 12 Millionen Dollar ge-
bracht. Aber wenn die Kaufverträge in Kraft traten, würde
nicht nur dieser Gewinn, sondern auch sein ganzes Vermögen
verloren sein.

Gould, der nie um einen Rat verlegen war, rettete sich
aus dieser schwierigen Lage. Er verfiel auf die Bestechung
der Gerichte. Unter verschiedenen durchsichtigen Vor-
wänden verschafften er und Fisk sich an einem Tage zwölf
gerichtliche Verfügungen!). Diese verboten im allgemeinen
sowohl der Börse wie den Mittelsmännern von Gould und
Fisk, ihre Geschäfte weiter zu verfolgen und zu erledigen.

1} Gold Panic Investigation etc., S, 18.
        <pb n="449" />
        404 —
Das Resultat war, daß Gould im Einverständnis mit den
Gerichten den ganzen „Gewinn“ einstecken durfte, der
sich, wie die Kongreßkommission von 1870 berichtete,
auf etwa ır Millionen Dollar belief, während er der Not-
wendigkeit enthoben war, seine viel größeren Verluste zu
bezahlen. Fisks Anteil an den ıı Millionen war nicht
nennenswert; Gould behielt eigentlich die ganze Summe
für sich. Goulds Verbündete und Agenten waren finanziell
und moralisch ruiniert; eine Unzahl von Bankrotten,
Dutzende von Selbstmorden, die Beraubung eines ganzen
Volkes waren die Ergebnisse von Goulds Unternehmung.

Die Union-Pacifice-Bahn

Durch seine Erie-Bahn-Diebstähle, das Goldkomplott
und andere Raubzüge war jetzt Gould in den Besitz von
etwa 25 bis 30 Millionen Dollar gelangt. Vielleicht war die
Summe auch viel größer. Nachdem er bis zu seiner Aus-
drängung im Jahre 1873 die Erie-Eisenbahn geplündert
hatte, sah er sich nach weiteren Raubmöglichkeiten um.

Er hatte mehr als genügend Kapital, um mit den reich-
sten Magnaten zu konkurrieren; und was ihm an Kapital
etwa fehlte, wenn er von einer Magnatengruppe bekämpft
wurde, ersetzte er vollauf durch seine Kampfmethoden. Er
hatte jetzt die Union-Pacific-Eisenbahn als äußerst ein-
trägliches Gebiet für eine neue Reihe von Diebstählen ins
Auge gefaßt. Er irrte sich auch nicht. Die Summe, um die
er diese und verbündete Eisenbahnen in Gemeinschaft mit
Russell Sage und anderen beraubte und seinem Reichtum
hinzufügte, wurde auf etwa 60 Millionen Dollar und mehr
geschätzt, wovon Gould den größeren Teil behielt.

1873 wurde allgemein angenommen, daß die Union-
Pacific- Eisenbahn so völlig geplündert sei, daß für neue
Räubereien jetzt kaum noch eine Handhabe gegeben war.
Aber Gould hatte ein außerordentliches Talent, neue
Plünderungssysteme ausfindig zu machen. Er entdeckte an
Stellen, die andere als unfruchtbar aufgegeben hatten,
riesige Beutemöglichkeiten. Wieder und wieder wurde
gegen Gould die Anklage erhoben, daß er ein Zerstörer des
        <pb n="450" />
        — 405 —
Besitzes sei, ein finanzieller Strandräuber, der zerstörte, um
Gewinn zu haben. In dem besonderen Sinne, in dem diese
Anklagen gemeint waren, waren sie Verdrehungen der Tat-
sachen. In fast allen Fällen waren die von Gould okkupierten
Eisenbahnen bereits ruiniert, ehe er die Verwaltung über-
nahm; er für sein Teil erneuerte diesen Zerstörungsprozeß
nur und erweiterte ihn. So war es bei der Erie-Eisenbahn
gewesen, so war es auch jetzt wieder bei der Union-Pacific-
Eisenbahn.

Diese Eisenbahn war 1862 vom Kongreß konzessioniert wor-
den, um den Verkehr zwischen einer Bahn in Nebraska und
der Westgrenze von Nevada zu vermitteln, Die tatsächliche
Geschichte ihrer Erbauung und ihrer Anfänge unterscheidet
sich sehr von den stereotypen Berichten, die von den meisten
Schriftstellern verbreitet werden. Diese Phantasten, die sich
durch ihre Kriecherei und durch den Mangel an Wissen aus-
zeichnen, möchten uns einreden, daß die Unternehmungen
ursprünglich leuchtende und denkwürdige Beweise des
Patriotismus, der Kühnheit und des Könnens waren. Wenn
die Phantasie aber in die Archive geholt und den nüchternen
Tatsachen gegenübergestellt wird, bricht die alte Dame in
haltlosem Erstaunen zusammen.

Das Gesetz, das der Kongreß im Jahre 1862 zur Annahme
brachte, erteilte die Konzession zum Bau der Union-Pacific-
Eisenbahn mit einem Kapital von 100 Millionen Dollar.
Der Gesellschaft wurde nicht nur ein Bahnkörper zur Ver-
fügung gestellt, der, 100 Fuß breit, 1000 Meilen lang, durch
staatliches Terrain führte, sondern weiter das Recht, von
dem staatlichen Terrain alles Baumaterial zu nehmen, das sie
brauchte, der Kongreß überwies ihr auch als Schenkung an
der ganzen Linie entlang jede zweite Sektion innerhalb
eines 20 Meilen breiten Terrains. Außerdem wurde die
Gesellschaft ermächtigt, die Regierung zur Gewährung
großer Gelddarlehen heranzuziehen.

Es war höchst wahrscheinlich, daß dies Gesetz durch Be-
stechung erlangt war, ebenso war es mit dem Zusatzgesetz
von 1864. Die Direktoren und Aktionäre der Gesellschaft
waren mit den umfangreichen Privilegien, die sie bereits er-
halten hatten. nicht zufrieden. Es war. wie sie wußten. sehr
        <pb n="451" />
        “pr”
leicht, weitere zu bekommen. Unter diesen Aktionären
waren viele der hervorragendsten Kaufleute und Bankiers
des Landes. Als Köder benutzten sie den Vorwand, daß
„das Kapital weiter ermutigt werden müsse, sein Geld an-
zulegen“. Aber dies Argument dürfte im Kongreß kaum
ausschlaggebend gewesen sein. Nach dem Bericht der
Senatskommission von 1873 — der Wilson-Kommission —
wurden nahezu 436 000 Dollar verausgabt, um das Gesetz
vom Juli 1864 durchzusetzen).

Für diese 436 000 Dollar, welche die Union-Pacific-Eisen-
bahn verteilte, erlangte sie deri Erlaß eines Gesetzes, der ihr
weitere günstige staatliche Zuwendungen gewährte, die pro
Meile 16 000 bis 48 0oo Dollar betrugen, je nach der Be-
schaffenheit des Landes. Auch die Terrainschenkung wurde
von 20 Meilen Breite auf 40 Meilen Breite ausgedehnt, so
daß sie etwa 12 Millionen Morgen umfaßte, und die Vor-
behalte des ursprünglichen Gesetzes wurden so abgeändert
und verdreht, daß der Regierung wenig Chancen blieben,
ihre Auslagen zurückzubekommen.

Die Kapitalisten, die hinter diesem Projekt standen,
hatten jetzt Gerechtsame, Schenkungen und Darlehen, die
viele hundert Millionen Dollar wert waren. Aber um dies
Geld aus dem Nationalvermögen zu bekommen mußten sie
zunächst verschiedene Meilen ihrer Bahnen fertig bauen.
Die Kapitalisten des Ostens hatten selbst so viele Raub-
gebiete, in denen sie ihr Geld anlegen konnten, daß viele
von ihnen nicht in der Lage waren, es in den unbevölkerten
Gebieten des fernen Westens anzulegen. Die Banken woll-
ten, wie bereits erwähnt wurde, 20 und oft 50, ja sogar 100
Prozent haben; sie sahen keine Möglichkeit, bei der Pacific-
Bahn annähernd so viel herauszuschlagen.

Alles Kapital, das die Union-Pacific-Eisenbahngesell-
schaft 1865 privatim auftreiben konnte, war die ungenü-
gende Summe von 500 000 Dollar. Es war also ein größerer
Ansporn nötig, die Kapitalisten zu interessieren. Ames,

1) Reports of Committees, Credit Mobilier Reports, Forty-second Congress,
Third Session, 1872—1873, No. 78, 18. Nach dem Berichte der Kommission war diese
Summe zweifellos in Zusammenhang mit der Annahme des Zusatzgesetzes vom
z. Juli 1862 verausgabt.
        <pb n="452" />
        der Vorsitzende der Gesellschaft und Mitglied des
Kongresses, machte schließlich eine günstige Methode aus-
findig. Es war dieselbe Methode, die die Vanderbilts,
Gould, Sage, Blair, Huntington, Stanford, Crocker und
andere Eisenbahnmagnaten anwandten, um ungeheure
Summen zu erschwindeln.

Ames entwarf den verlockenden Plan einer Baugesellschaft.
Diese gediegene Gesellschaft sollte aus ihm selbst und
seinen Konzessionsmitinhabern bestehen, sollte aber formal-
rechtlich trotzdem eine von der Union-Pacific-Eisenbahn-
gesellschaft scheinbar getrennte Gesellschaft sein. Ihr Zweck
war, die Eisenbahn zu bauen, und es bestand die Absicht,
die Union-Pacific mit ungeheuren Summen für die Bau-
arbeiten zu belasten. Nötig war nur eine Gesellschaft,
welche berechtigt war, den Bau auszuführen. Das Ge-
wünschte fand sich in der Credit Mobilier Company of
America, einer Pennsylvaniaer Gesellschaft, die sehr weit-
gehende Vollmachten besaß. Die Aktien dieser Gesellschaft
wurden für ein paar tausend Dollar angekauft, und nun
war der Weg frei für den geplanten Riesenschwindel.

Die Aussichten auf Gewinn und Beute waren so beispiellos
günstig, daß die Kapitalisten jetzt begeistert und eifrig
darauf los stürzten. Man braucht nur das Verzeichnis der
Aktionäre der Credit Mobilier Company von 1867 durchzu-
sehen, um diese Tatsache zu erkennen. Angesehene Bankiers,
wie Morton, Bliß &amp; Co. und William H. Macy; Besitzer
großer industrieller Unternehmungen und Begründer von
Milliardenvermögen, wie Cyrus H. McCornick und George
M. Pullman; Kaufleute, Fabrikbesitzer, Großgrundbesitzer
und Politiker — es war sehr lehrreich, wieviele angesehene
Kapitalisten sich jetzt um die Credit-Mobilier-Aktien be-
mühten?).

Der Bauvertrag wurde mit der Credit-Mobilier-Gesell-
schaft abgeschlossen. Diese engagierte wieder Unterkontra-
henten. Die Arbeit wurde tatsächlich von diesen Unterkon-

1) Die vollständige Liste dieser Aktionäre befindet sich in Docs. No. 77 u. 78,
Reports of U. S. Senate Committees, 1872—1873, Morton, Bliß &amp; Co. hatten für
18 500 Dollar Aktien, Pullmann für 8400 usw. Morton, Levi P. Morton, wurde
später (1888—1892) von den Großkapitalisten zum Vizepräsidenten der Vereinigten
Staaten gewählt.
        <pb n="453" />
        — 408 —
trahenten geleistet mit ihrem Stabe schlecht bezahlter Ar-
beiter. Ames und seine Partner taten nichts, als daß sie aus
angemessener Entfernung zusahen und die Beute einsteck-
ten. Sobald eine bestimmte Bahnstrecke fertig war, er-
hielt die Union-Pacific-Eisenbahn Obligationen aus dem
Nationalvermögen. Im ganzen beliefen sich diese Obliga-
tionen auf 27 213 000 Dollar, um welche Summe die Re-
gierung später regelrecht betrogen wurde.

Große Bestechung und enorme Diebstähle
Von verschiedenen Privatpersonen und in der Presse
wurden der Credit Mobilier Company riesige Diebstähle
und Bestechung des Kongresses zur Last gelegt. Ein all-
gemeiner Tumult war die Folge; der Kongreß wurde mit
Denunziationen überschwemmt; er zog daraus den Schluß,
daß irgend etwas unternommen werden müsse. Man einigte
sich auf den traditionellen, schwächlichen Ausweg, eine
Untersuchungskommission zu ernennen.

Der Kongreß war ehrlich empört; die Kommission, die
vom Senat der Vereinigten Staaten ernannt wurde, legte
einen wirklichen Untersuchungseifer an den Tag. Sehr bald
gerieten die ehrenwerten Kongreßmitglieder in äußerste
Besorgnis. Denn aus Verhören ergab sich, daß einige der
mächtigsten Männer im Kongreß in die Credit-Mobilier-
Korruption verwickelt waren, Männer wie James G. Blaine,
einer der bedeutendsten republikanischen Politiker jener
Zeit, und James A, Garfield, der später ins Weiße Haus ge-
wählt wurde. Es wurde alle erdenkliche Anstrengung ge-
macht, diese Männer weißzuwaschen; die Kommission
stellte fest, daß betreffs ihrer Beteiligung „nichts bewiesen“
sei; aber so lebhaft sie auch ihre Unschuld beteuerten, der
Schmutz blieb an ihnen haften. .

Die Diebstähle der Credit Mobilier Company gab die
Kommission offen zu. Ames und seine Leute hatten, wie
die Tatsachen bewiesen, fast 44. Millionen Dollar gestohlen,
und zwar mehr als die Hälfte davon in barem Gelde. Die
Kommission allerdings war nicht so brutal, es Diebstahl zu
nennen; mit echt parlamentarischer Rücksicht auf Zartheit
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        und Unangreifbarkeit des Ausdrucks stellte der Kommissions-
bericht es als „Profit“ hin.

Nach vielen Sitzungen, und nachdem die Protokolle der
Zeugenaussagen Bände füllten, stellte die Kommission fest,
wie es in ihrem Bericht verzeichnet ist, daß die gesamten
Baukosten der Union-Pacific-Eisenbahn etwa 50 Millionen
Dollar betrugen. Und was hatte die Credit Mobilier Com-
pany veranschlagt? Fast 94 Millionen Dollar oder, um die
genaue Summe anzugeben, 93 546 827,28 Dollar*). Die
Kommission fügte hinzu, „daß die Bahn größtenteils mit
staatlichen Mitteln erbaut sei?)“. Das ist ein entschiedener
Irrtum; sie ist vollständig damit erbaut. Die Kommission
selbst wies nach, daß die gesamten Baukosten der Bahn
„durch die Einnahmen aus den staatlichen Obligationen
und den ersten hypothekarischen Obligationen völlig ge-
deckt seien“ und daß aus den Aktien, Vermögensobligatio-
nen und Landschenkungsbonds die Erbauer einen baren Ge-
winn von 23 366 000 Dollar hatten — etwa 48 Prozent
der gesamten Kosten?).

Große Summen, die ausdrücklich zum Bau der Bahn auf-
genommen waren, waren mit einem Schlage erbeutet worden
und wurden als Dividende auf Aktien verteilt, für die diese
Clique gegen Recht und Gesetz keinen Pfennig bezahlt
hatte.
Die Bestechung wird beständig fortgesetzt
Als das Gesetz von 1864 erlassen wurde, wies der Kongreß
auf die weisen Vorsichtsmaßregeln hin, die er getroffen
hätte, um die rechtliche Verwendung der staatlichen Zu-
schüsse zu sichern. „Beachtet,‘“ sagte tatsächlich dieser
Kongreß, „die Sicherheitsmaßregeln, mit denen wir dieses
Gesetz ausstatten. Wir sehen die Ernennung von staatlichen
Direktoren vor, welche die Arbeiten zu kontrollieren und
auf die Wahrung der staatlichen Interessen zu achten haben.“
Das war allerdings eine sehr passende Maßnahme von einem
Kongreß, der sich seinen Verrat der Interessen des Volkes
mit 436 000 Dollar hatte bezahlen lassen.

1) Doc. No. 78, Credit Mobilier Investigation, XIV.

2) a.a. O.XX. 3) a. a. O. XVII
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        Aber Ames und seine kapitalistischen Kollegen bestachen
einen der staatlichen Direktoren mit 25000 Dollar dahin,
daß er an den Betrügereien teilnahm?). Das war ein billig
gekauftes Werkzeug, dieser Direktor. Und unmittelbar
nachdem die Eisenbahn gebaut und in Betrieb genommen
war, streuten die Besitzer weitere Millionen ihrer Beute aus,
wenn sie ein Gesetz beim Kongreß durchsetzen konnten,
das ihnen riesige Summen für den Transport von Truppen,
staatlichen Vorräten und der Post zubilligte. Sie veraus-
gabten, wie es scheint, 126 000 Dollar für Bestechungszwecke,
um dieses Gesetz vom 3. März 1871 durchzusetzen?).

Und das Ergebnis all dieser Untersuchungen? Neuer
Lärm. Die Kommission beschränkte sich darauf, die Aus-
schlieBung von Ames und James Brooks aus dem Kon-
greß anzuempfehlen. Die Regierung strengte denn auch
auf Grund vieler Beschuldigungen einen Zivilprozeß gegen
die Union-Pacific- Eisenbahngesellschaft an wegen Miß-
brauchs staatlicher Subventionen. In diesem Prozeß blieb
die Gesellschaft siegreich; der oberste Gerichtshof der Ver-
einigten Staaten verwarf 1878 die Klage, weil die Regierung
erst klageberechtigt sei, wenn 1895 die Schuld der Gesell-
schaft fällig werde?).

Auf diese Weise gingen diese großen Diebe in strafrecht-
lichen und in Zivilprozessen straffrei aus, was sie auch gar
nicht anders erwarteten und was allerdings vorauszusehen
war. Die ungeheure Beute und den gestohlenen Eisenbahn-
besitz durften die Urheber dieser riesigen Schwindeleien be-
halten. Der Kongreß hätte dann und wann aus gesetzlichen
Gründen die Konzession der Union-Pacific-FEisenbahn zu-
rückziehen können. Solange er das nicht tat, und solange
sie im Besitz ihrer Beute unbehindert blieben, konnten die
beteiligten Kapitalisten die Beschimpfungen ruhig über
sich ergehen lassen, die bald wieder aufhörten und kein
anderes Resultat hatten, als daß sie den bereits erschreckend
angewachsenen Untersuchungsakten der Regierung einige
weitere umfangreiche Bände hinzufügten.

1) Document No. 78, Credit Mobilier Investigation, Bd. 14.
?) Doc. No. 78, etc. Bd. 27.
3) 98, U. S. 569.
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        — AIl —
In dieser Zeit — Ende 1873 — war der Kurs der Union-
Pacific-Eisenbahn sehr niedrig. Die ungeheuren Unter-
schlagungen Ames’ und seiner Verbündeten hatten sie mit
Schulden überlastet. Da für große Mengen Obligationen
festgesetzte Zinsen zu zahlen waren, so sahen nur wenige
Kapitalisten eine Möglichkeit, wie die Aktien wieder ge-
winnbringend gemacht werden könnten. Jetzt zeigte sich
die völlige Hohlheit der Behauptung dieser Kapitalisten,
daß sie bei der Erschließung des Westens vom öffentlichen
Interesse geleitet seien. Dieser Vorwand hatte zu allen
möglichen Diensten herhalten müssen. Sobald die beteilig-
ten Kapitalisten überzeugt waren, daß die Credit-Mobilier-
Clique aus der Eisenbahn allen irgend erdenkbaren Profit
herausgezogen hatte, ließen sie in aller Seelenruhe auch das
Projekt fallen und brachen jede weitere Verbindung damit
ab. Ihre Aktien wurden größtenteils zum Verkauf gestellt.

Fay Gould springt ein
In diesem Augenblick griff Jay Gould begierig zu. Jahre-
lang hatte er den Operationen der Credit-Mobilier-Gesell-
schaft lüstern zugesehen und war natürlich nicht imstande
gewesen, sich jedes Versuchs einer Beteiligung an diesen
Diebstählen zu enthalten. Er und Fisk hatten wiederholt
versucht, sich einzudrängen, und hatten bei den Gerichten
erkünstelte Prozesse anhängig gemacht, um aber immer zu-
rückgewiesen zu werden. Jetzt kam seine Zeit.

Was machte es, daß 50 Millionen Dollar, gestohlen waren ?
Gould wußte, daß weitere große Einnahmequellen vorhan-
den waren; denn außer den 27 Millionen Dollar staatlicher
Obligationen, die die Union-Pacific-Eisenbahn bekommen
hatte, war ihr vom Kongreß ein Terrain von 12 Millionen
Morgen als Schenkung überwiesen worden. Ein Teil dieses
Terrains war von der Eisenbahngesellschaft zum durch-
schnittlichen Preise von etwa 4,50 Dollar pro Morgen ver-
kauft worden, aber der größere Teil war noch vorhanden.
Ebenso konnten, wie sich in der Folge erwies, noch viele
Millionen Morgen neu erbeutet werden.

Außerdem wußte Gould — denn er hielt sich immer auf
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        612
dem laufenden —, daß zwanzig Jahre vorher staatliche Geo-
logen über ausgedehnte Kohlenvorkommen in Wyoming
und anderen Gebieten des Westens berichtet hatten. Diese
Kohlenlager mußten einen unschätzbaren Wert haben;
und obwohl sie in die Bahnprivilegien nicht eingeschlossen
waren, waren einige bereits gestohlen, und es mußte leicht
sein, auf betrügerischem Wege viele weitere zu bekommen.
Daß er in dieser Berechnung sich nicht täuschte, wurde
durch die Tatsache bewiesen, daß die Union-Pacific-Eisen-
bahn und andere unter seiner Verwaltung vereinigte Bahnen
später durch Gewalt und Betrug sich in den Besitz vieler
dieser Kohlenlager setzten. Gould wußte auch, daß all-
jährlich ein Einwandererstrom sich in den Westen ergoß,
daß in kurzer Zeit die Bevölkerung, der Ackerbau und die
Industrie des Westens ein reiches Feld der Ausbeutung
bieten würden. Nach den gut erfaßten Gesetzen des Kapi-
talismus konnte dieses Zukünftige im voraus kapitalisiert
werden. Außerdem hatte er noch andere Pläne, durch die
mit Hilfe des Gesetzes viele Millionen gestohlen werden
konnten.
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