J. Kohler, Rechtsphilosophie und Universalrechtsgeschichte. 55 in ihrem Kreise eine neue Gemeinschaft bilden, eine Gemeinschaft der durch das Zu— sammenwohnen wachgerufenen Interessen und eine Gemeinsamkeit der durch das Zusammen— leben von selbst erregten Bestrebungen. Sao tritt an Stelle der Geschlechterverfassung die Gemeindeverfassung mit ihren eigenen Oberhäuptern und ihrer eigenen Vertretung. Dies hat natürlich auch viel dazu beigetragen, die Kolonisten und die Geschlechter einander anzunähern; die Geschichte der römischen Tributkomitien ist ein beredtes Zeugnis der Macht solcher lokalen Verbände. Bedeutsam sind derartige Gemeinschaften namentlich in Ostafien: die chinesische Gesellschaft beruht auf den Verbänden der Chia und der Pao mit ihren Chia- und Pao-Häuptern, und auch die japanische Gesellschaft war früher auf solche Verbände, Go-nin-kumi und Kash ir a, angelegt. Aber auch im germanischen Leben hat diese Gemeindeverfassung wesentlich dazu beigetragen, die Macht der Geschlechter zu brechen, die allerdings lange Zeit als ein engerer Verband, als ein Staat im Staate mit besonderen Vorrechten sich zu halten sfuchten, dann aber zuletzt weichen mußten. Ze mächtiger sich im Territorialstaat die Mannigfaltigkeit entwickelt, je mehr sich diese auf der anderen Seite mit einer gewissen gemeinsamen Denkungsweise verbindet, um so reicher wird die Kultur sein, die der Staat entwickelt. Wir brauchen zur Kultur viele und verschiedenartige Begabungen; wir brauchen aber auch wieder ein gemeinsames geistiges Fluidum, in dem diese Begabungen sich vereinen und zusammenwirken. Das ist die Kulturbedingung unserer Staaten. s 40. Staat als Verwirklichung der sittlichen Idee. Diese Entwicklung des Staates gibt auch seine Rechtfertigung: der Staat muß sein, weil nur in einer solchen Gemeinschaft die menschliche Kultur sich entwickeln kann, weil, wenn die Menschen als Einzelne sich zerblättern, alle Errungenschaften menschlichen Geistes zu Grunde gehen. Die Verbindung muß eine autoritative, machtvolle sein, wenn über— haupt die Kulturaufgaben gegen die Umsturzmächte bestehen bleiben sollen, und ebenso muß die Verbindung eine dauernde und folgerichtige sein, wenn nicht unsere Kultur— entwicklung ständig den größten Schwankungen unterliegen soll. Auf diese Weise ist der Staat die Verwirtlichung goöltlichen Geistes, die Verwirklichung der in der Weltgeschichte tätigen Kulturmächte und Gewalten. Dies, was das Wesen des Staates betrifft. Wie sich die Staaten im einzelnen entwickeln, ist Sache des Waltens geschichtlicher Kräfte, wobei allerdings Volksgeist und Volksbewußtsein eine große Rolle spielen. Ob ein Volk Per— onen erzeugt, welche eine maächtige Häuptlingsstellung einnehmen können, ob das Volk Beschmeidigkeit genug besitzt, um fich dem Häuptlingtüm zu fügen, das hängt natürlich nicht nur von den ãußeren Geschichtsverhälinissen, sondern auch von dem Volkscharakter und dem Bildungsgange des Volkes ab. dige Im übrigen hat die Anschauung von der Bedeutung und Rechtfertigung des Staates, seitdem man daruber nachdachte, wesenilihe Wandlungen durchgemacht. Amg iefsten und nernünftigsten hat im Allerium Arusto Leles die Soche erfaßt, und sein Werk. über die ee bietet noch dem jehigen Leser eine Fulle von Belehrung, ist auch für die mittel— alterliche Weltanschauung“ von entscheidender Bedeutung gewesen. Allerdings trat im Mittelalter die christliche Idee der Gottesherrschaft auf, und da Staat und Kirche als göttlich erschienen, so enlwidelte sich die berühmte Frage, ob der Staat unmittelbar von Gott ains sett sei, oder ob er erst der Kirche seine Autorität zu verdanken habe. Es war dies ie Frage, welche das ganze Mittelalter seit Gregor VII. beherrschte und auch nachträglich nicht völlig zur Ruhe kam“ Die Kirche beanspruchte die alleinige unmittelbare Göttlichkeit und erklärte daß der Slaat Feine Rechte von der Kirche herleite, ebenso wie der Mond sein Licht von der Sonne. So entftand die Theorie der zwei Schwerter, indem die Kirche ‚wei Schwerter habe, von denen sie das eine dem Staat übergebe, u. s. w. Die Kirche leitete daraus die Befugnis ab, die kaiserliche Macht zu beaufsichtigen und nötigenfalls den Kaiser abzusetzen. Der praͤgnanteste Ausdruck des Kurialismus war die berühmte Bulle Unam vanciam von Bonifaz VIII., den Dante stets in der leidenschaftlichsten