II. Das Antlitz der Diplomatie

Im Zeitalter der absoluten Monarchie
 und des Feudalsystems lag
die Diplomatie ganz in Händen der
herrschenden Klasse. Wegen der
damals großen Schwierigkeiten in
Ueberwindung geographischer Entfernungen
 hatte die Diplomatie besondere
 Methoden hervorgebracht
and waren die Gesandtschaften mit
außerordentlichen Vollmachten ausgerüstet.
 Die gesellschaftliche und
wirtschaftliche Umwälzung im 19.
Jahrhundert und die Entwicklung
der modernen Verkehrsmittel haben
 den Geist und die Methoden der
Diplomatie wohl geändert, aber
manches von Anno dazumal hat
sich bis heute erhalten können, sei
es in der Methode, in der Etikette
oder in der Rekrutierung der Diplomaten.


Schon während des Ersten Weltkrieges,
 deutlich dann in der Zwischenkriegszeit
 und auffallend stark
im Zweiten Weltkrieg, hat sich gezeigt,
 wie sehr die klassische Auffassung
 von der Diplomatie überlebt
 ist, und wie tief sich das Wesen
 der Diplomatie geändert hat. Je
nach dem Standort wird von einer
Krise oder von einer Wandlung der
Diplomatie gesprochen.

Ohne Zweifel hat sich der Bereich
zwischenstaatlicher Beziehungen in
den letzten Jahrzehnten gewaltig
ausgeweitet. Neben die politischen
Probleme treten die wirtschaftlichen,
 finanzpolitischen, kulturel-{en
 und rein militärischen. Zur Beurteilung

 der Ereignisse und der
daraus sich ergebenden Verhältnisse
 ist auch das umfassende Verständnis
 für die soziale Frage unerläßlich
 geworden. Ungleich stärker
 als früher wird heute vom
diplomatischen Beamten außer
Sprach- und Völkerkenntnissen eine
vielseitige Bildung verlangt. Die
Verhältnisse haben außerdem dazu
geführt, daß einzelne Aufgaben der
Gesandtschaft an besondere Beamten
 mit speziellen Kenntnissen
zur Erledigung überwiesen werden
mußten. Auch im zwischenstaatlichen
 Verkehr drängen sich neue
Methoden auf. Das Verhältnis von
Staat zu Staat hat sich in den letzten
 Jahren derart von Grund auf
gewandelt, daß für die Lösung der
Probleme die klassische Diplomatie
nicht mehr genügt. In immer grö-Berem
 Umfange wird der Berufsdiplomat
 vom Politiker verdrängt,
und die Aufgaben werden auf Konferenzen
 gelöst, wo der Politiker
mit einem ganzen Troß von Fachleuten,
 die ihn in Sachfragen zu beraten
 haben, erscheint.
Je nach der weltpolitischen Stellung
 des Landes offenbart sich
mehr oder minder die Wandlung
der Diplomatie im Antlitz seiner
auswärtigen Vertretung. Auch der
auswärtige Dienst der Schweiz
konnte sich dieser Entwicklung
nicht entziehen, und er mußte sich
den neuen Verhältnissen anpassen.
Eines der Produkte dieses Wandlungsprozesses
 ist der Sozialattache
in den schweizerischen Gesandtschaften
 zu Paris, London und
Washington.