Die „Internationalisierung“ der Prisengerichtsbarkeit. 55

sei. Es war ein Däne, MARTIN HÜBNER, der seinen Namen in der
Theorie der Prisengerichtsbarkeit durch einen Reformvorschlag unsterblich
 gemacht hat. Will man sein Werk und die treibenden
politischen Faktoren, die ihn zu seinen Reformideen geführt haben,
richtig würdigen, so muß man sich außer dem preußisch-englischen
Konflikt die Geschichte der englischen Kaperei und die Tätigkeit
der englischen Prisengerichte in den Jahren 1739 bis 1759 vor Augen
halten. Denn HÜBNER schrieb unter dem lebendigen Eindruck,
welchen der Mißbrauch der zur See übermächtigen Engländer bei
allen Patrioten der kleineren Seestaaten hervorrufen mußte1). Diese
Periode englischer Kriegführung hat in MAXIMILIAN LEEDER einen
trefflichen Geschichtsschreiber gefunden 2).
Nach dem Ausbruch des englisch-französischen Seekriegs im
Frühjahr 1756 wurde die Kaperei wiederum von beiden Seiten ins
Leben gerufen. Anfangs war die Beteiligung der englischen Privaten
keine allzu lebhafte. Seitdem aber Pitt im Juni 1757 nicht ganz
drei Monate nach seiner Entlassung von neuem Secretary of State
geworden war, wurde die Vernichtung der französischen Seemacht
und des französischen Handels mit allen Kräften betrieben. Pitt's
entschlossener Geist wußte das gesamte englische Volk mit Feindeshaß
 und Tatendrang und Beutegier zu erfüllen. Binnen kurzem bedeckte
 eine ungeheuere Menge meist kleiner Kaperschiffe die Meere
Europas. Pitt erkannte die Notwendigkeit, entweder die französischen
Kolonien in Amerika zu erobern oder wenigstens Frankreichs Handel
mit Amerika abzuschneiden. Der französisch-amerikanische Verkehr,
der es Frankreich ermöglichte, die ungeheuren Lasten des Krieges
zu tragen, wurde aber während der Dauer des Krieges kraft der
von Frankreich abgeschlossenen Handelsverträge durch Neutrale,
meist Holländer, vermittelt. Diesen Verkehr galt es zu unterbinden,
Die Engländer begegneten ihm dadurch, daß sie ein jedes Schiff,
das bei diesem Handel betroffen und aufgebracht wurde, für
gute Prise erklärten und samt der Ladung kondemnierten, ohne
Rücksicht, wem das Schiff oder die Ladung gehörte, Das wurde
die „rule of the sevenyears war“ oder nach dem Anfangsjahr des
Krieges „rule of 1756“ genannt3). 1756 und 1758 wurden vor die
englischen Admiralitätsgerichte insgesamt 205 neutrale und an 500
französische Fahrzeuge gebracht. Daneben kam es vor, daß ein neutrales
 Schiff im Kanal nacheinander durch 11 Fahrzeuge geplündert
1) C. W. AsHER, Beiträge zu einigen Fragen über die Verhältnisse der neuiralen
 Schiffahrt in Kriegszeiten, Hamburg 1854, S. 36.
2) Vgl. zum Folgenden LEEDER, a, a. O. 5. 35.
3) C. W. ASHER, a. a. O., S. 27, 44; ferner MARTIN HÜBNER in Journal de
Commerce. Novembre 1759, p. 58, 54; C. BERGBOHM, Bewaffnete Neutralität S, 33f.;
W. KAUFMANN, Welt-Zuckerindustrie S. 392; HERMANN WOoOTHKE, Die Theorie der
Einheit der Reise der Kriegskonterbandegüter (Tübinger Dissertation) 1910, S. 43,
dort weitere Literaturangaben.