Hl. F. Das Urteil des Prisenhofs, 179

mächte in Betracht kommen, in einer für diese Großmächte ungleich
folgenschwereren Weise betreffen würden als die kleineren Staaten.
Der wahre Grund der Nichthinzuziehung vieler Haager Konferenzstaaten
 zu dem Londoner Kongreß waren die schlechten Erfahrungen,
die man in der vierten Kommission im Haag gemacht hatte. Ihr
Mißerfolg war nicht in letzter Linie auch auf die zu große Zahl der
vertretenen Staaten zurückzuführen. Außer Österreich-Ungarn, Frankreich,
 dem Deutschen Reich, Italien, Japan, Rußland. und den Vereinigten
 Staaten von Amerika wurden noch Spanien und nachträglich
 die Niederlande zur Teilnahme an der Seekriegsrechtskonferenz
aufgefordert 1).
Die Konferenz gelangte zu einer Einigung über die meisten ihrer
Programmpunkte, jedoch nicht über alle. Man verständigte sich
über eine Reihe von Regeln, die zum Gegenstand haben: Die
Blockade in Kriegszeiten, die Kriegskonterbande, neutralitätswidrige
Unterstützung, Zerstörung neutraler Prisen, Flaggenwechsel, feindliche
 Eigenschaft des Schiffes und teilweise auch der Ware, das
Geleit durch neutrale Kriegsschiffe, Widerstand gegen die Durchsuchung,
 Schadenersatz bei ungerechtfertigter Beschlagnahme.
Zwei wichtige Fragen (Weißbuch v. 20. März 1909 S. 2), deren
Lösung nach dem Londoner Programm erstrebt werden sollte und
deren Nichtlösung die Bedeutung des Gesamterfolges der Konferenz
wesentlich mindert?), sind offen geblieben: einmal die Rechtmäßigkeit
 der Umwandlung eines Kauffahrteischiffes in ein Kriegsschiff
auf hoher See und zweitens die Frage, ob die Staatsangehörigkeit
oder der Wohnsitz des Eigentümers für die feindliche oder neutrale
Eigenschaft des Eigentümrs der an Bord feindlicher Kauffahrteischiffe
befindlichen Ware maßgebend ist,
In der Umwandlungsfrage ist man in London nicht über das
Ergebnis der Haager Konferenz von 1907 hinausgekommen. Die
beiden sich stracks zuwiderlaufenden Auffassungen wurden mit großem

1) Als Grund für die nachträgliche Einladung Hollands gibt ein Zirkular des
Foreign Office vom 14, September 1908 an: „La situation particuliere occupee par
ce pays comme Stant le siege de la Cour Internationale des Prises dont la er&amp;ation
a 6te proposee et le lien de reunion des premi@re et seconde Conferences de la Paix“.
ASSER (Onze Eeuw, Dezember 1908, p. 366) führt die Zuziehung der Niederlande auf
das energische Auftreten ihres Ministers der auswärtigen Angelegenheiten zurück,
außerdem auf die ansehnliche holländische Handelsflotte. Interessant ist ASSERS
Hinweis auf die diplomatische Konferenz vom März bis zum Juni 1885, die in Paris
zur Vorbereitung des Vertrages über die freie Fahrt durch den Suezkanal abgehalten
wurde, und woran außer den Großmächten auch Spanien und die Niederlande teilnahmen;
 auf dieser Konferenz vertrat ASSER seinen Heimatstaat. Ausschlaggebend
für die Einladung war wohl die Tatsache, daß die heutige niederländische Praxis und
Rechtsanschauung in einigen Hauptregeln des Seerechts mit der englischen Auffassung
übereinstimmt (so richtig KRAUEL in Deutsche Revue, Juni 1909).
2) Anderer Ansicht das deutsche Weißbuch v, 20. März 1909 S. 2,
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