Fünfundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.

Allein inzwischen waren Jahrzehnte heraufgezogen, in denen
der höchste und reinste Aufschwung der ersten Periode subjekti—
distischer Kultur verflog. Ein neuer Bereich von ästhetischen
Werten war gefunden, ein neuer Kodex von intellektuellen Wahr⸗
heiten und sittlichen Forderungen war geahnt worden: jetzt galt
es den breiten Ausbau dieser neuen Kultur im einzelnen, und
er konnte nur im geduldigen Eingehen auf das einzelne, in
der trockenen Rationalisierung vieler Enthusiasmen, in der Ein—
führung von höchsten Idealen in die Wirklichkeit erfolgen.
Lag da nicht die Gefahr nahe, daß der Spiritus schließlich
zum Teufel ging und das Phlegma blieb? Schon die dreißiger
und vierziger Jahre durchzieht es in dieser Richtung wie eine
bange Ahnung; in den fuünfziger und sechziger Jahren stehen
sogar die Zeitgenossen selbst schon unter dem Eindruck, daß sie Epi—
gonen seien: offenkundig treten Schlußerscheinungen, wenn man
will Verfallserscheinungen der großen Zeiten der Väter, Groß—
oäter und Ahnen zutage. Und es gewährt zunächst einen geringen
Trost, daß sich im Wirtschaftsleben und in Anfängen sozialer
Umbildung sowie in vereinzelten Früherscheinungen auch geistiger
Art schon die Vorboten einer neuen, höheren subjektivistischen
Periode, des Lebens der heutigen Gegenwart, zu zeigen be—
zinnen.
Ist dies die allgemeine kulturgeschichtliche Ansicht der vier—
ziger bis sechziger Jahre des 19. Jahrhunderts, so ist doch
andererseits nicht zu verkennen, daß sich bis zu ihnen hin die
Kultur der ersten Periode des Subjektivismus noch keineswegs
ausgelebt hatte. Ja es lag in ihrem Wesen, daß sie eigentlich
erst jetzt allen gleich sichtbar hervortrat und auch der Umwelt
der europäischen Völker sich aufdrängte. Der fast einzigartige
Umstand, daß die Periode mit der Schöpfung alsbald höchster
zeistiger, vornehmlich phantasiereicher Werte begonnen hatte,
führte dazu, daß die Durchbildung ihrer Ergebnisse für das
offentliche Wesen, ja für die materielle Kultur überhaupt,
für wirtschaftliche, soziale Entwicklung und Staat sehr lange
auf sich warten ließ: so lange, daß sie eigentlich erst in den
Verfallszeiten voll lebendig wurde. Und so erhielten denn die