Erster Kampf alter und neuer Weltanschauung in Kirche und Staat. 7

und des ihm zugrunde liegenden Wirtschafts- und Gesellschafts—
lebens erreicht worden, ganz abgesehen davon, daß die Wirkungen
aller dieser Vorgänge doch partikular waren und im Verlaufe
der ersten Hälfte des Jahrhunderts vielfach Abschwächungen
erfuhren. Aber doch stand um 1840 fest, daß in den Einzel⸗
staaten das Verhältnis der Untertanen zu den Fürsten immer
mehr ein staatsbürgerliches wurde; daß in den patrimonialen
Lerhältnissen, soweit sie nicht gänzlich aufgehoben waren, an
Stelle mehr privatrechtlicher Willkür die Strenge eines öffent—
lichen Zustandes einzog; und daß für die Volkswirtschaft jene
subjektivistische Freiheit ungehinderten Wettbewerbes gewonnen
war, die nicht nur zu völlig veränderten, ja fast ganz neuen
Formen eines Wirtschaftslebens der Unternehmung führen
mußte, sondern auch alle Kraft zur Zertrümmerung der alten
sozialen Verhältnisse in sich trug.
Waren damit auf weltlichem Gebiete alle nächsten Forderungen
einer Liquidation des Alten, soweit sie aus Grundprinzipien
des Subjektivismus abgeleitet werden konnten, erfüllt oder ihre
Erfüllung wenigstens eingeleitet, so standen die Dinge auf
geistlichem Gebiete anders. Da hatte der große Umsturz der
Napoleonischen Zeit allerdings die geistlichen Territorien mit
weggerissen. Allein an eine Stellung der Kirchen nur auf sich,
wie wir uns heute ausdrücken würden, an eine Trennung von
Kirche und Staat, dachte niemand. Und doch erscheint diese
Trennung als eine der selbstverständlichsten Folgen und Folge—
rungen aus dem subjektivistischen Grundsatze der Gewissensfreiheit
und der Pflicht jedes einzelnen zur Bildung einer persönlichen
Weltanschauung. Denn es ist klar, daß eine solche Freiheit
und Pflicht in Zeiten augenscheinlich stark divergierender Ver—
anlagungen der Einzelpersonen nur zu Sektenbildung, vielleicht
unter generellem Festhalten einiger allgemeinster Weltanschauungs⸗
grundsätze, führen kann; und das Beispiel Englands wie der
Vereinigten Staaten von Nordamerika zeigt, daß eine solche
Entwicklung sich sehr wohl mit Autorität und Ordnung ver—
trägt.
Nun waren zu einer solchen Entwicklung auch in Deutsch—