Erster Kampf alter und neuer Weltanschauung in Kirche und Staat. 11

sich unter diesen Umständen die von allen diesen Anzeichen be⸗
sonders bedrohte katholische Kirche neu; es geschah noch in
romantisch-restaurativer Zeit unter Abschluß von Konkordaten
zwischen der Kurie und den verschiedenen, auch protestantischen
Staatsbildungen auf deutschem Boden, und daher dermaßen
konservativ, daß den Staaten sehr rasch, bei leisester Fort⸗
entwicklung in subjektivistischem Sinne, Anlaß zum Einschreiten
gegen den Katholizismus gegeben war. Und so wurde die Zeit
denn durch kirchenpolitische Kämpfe eröffnet. Aber wir werden
sehen, wie der Staat in ihnen besiegt wurde — und wie siegend
über ihn hinweg sich in der katholischen Kirche eine immer
demokratischere Strömung des Klerikalismus, eine katholische
Laienherrschaft der unteren Massen und damit der religiös noch
halb mittelalterlich empfindenden Kreise erhob.
Aber in gleicher Zeit fast legten die religiös-kirchlichen
Angriffe auch der evangelischen Kirche mindestens einen Ver—
fassungsausbau im subjektivistischen Sinne nahe, der dann, bei
dem engen Verhältnis der Kirche zum Staate, nur von dem
größten protestantischen Staatswesen, Preußen, ausgehen konnte.
Wir werden jedoch erleben, wie diese Entwicklung ohne eigent⸗
liche Frucht in sich versank, und im Protestantismus, im Gegen⸗
satze zur katholischen Kirche, eine reaktionäre Orthodoxie der
Geistlichkeit zu triumphieren begann.
Inzwischen hatte sich aber auch auf staatlichem Gebiete der
Ansturm des neuen subjektiven Geisteslebens erhoben: nun
endlich ins praktische Leben eingreifend hatten sich konservative
wie liberale Neigungen in gleicher Weise in der Forderung
eines neuen organischen Staates als Ausdruckes des neuen
Seelenlebens zufammengefunden. Allein in der weileren Em—
wicklung der ftaatlichen Möglichkeiten hatte dann der Liberalis—
mus als die durch das Geranke alter Traditionen minder be—
hinderte Form des politischen Denkens die Führung über—⸗
nommen; und während sich in ihm infolge des Widerstandes
der herrschenden staatlichen Gewalten immer radikalere Schattie—
cungen von Vorstellung zu Forderung entwickelten, hatte ihn
die enge Verquickung mit der nationalen Einheitsidee, deren