6 Fünfundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.

Doch erschien es unter diesen Umständen von vornherein als
gleichsam selbstverständlich, daß das päpstliche Regiment archaisch
var: hätte es anders angemutet, so würde es dem Genius loci
widersprochen, die Illusionen der frommen Laienpilger gestört
haben. Trotz aller angeblichen Reformen des klugen Kardinals
Consalvi, wie sie dem Kirchenstaat äußerlich den Charakter
des absolutistischen französischen Beamtenstaates von Napoleons
Gnaden verliehen, und wie sie Ranke in verschönenden Farben
geschildert hat, blieb es bei der alten geistlichen Regierung des
Landes, bei Verpachtung aller Staatsfunktionen bis auf die
Ernährung der Gefangenen und bei dem Brigantenwesen in den
Abruzzen, in den Albanischen Bergen, ja in Rom selbst, sowie
bei allen den Folgen, welche der Bestand einer zahlreichen
weiberlos regierenden Kaste für das bürgerliche Leben mit sich
zu bringen pflegt.
Aber es erstanden auch die alten Kardinalskongregationen
von neuem, wurden Index und Inquisition wieder lebendig.
So erging schon 1815 ein Verbot gegen politische Bücher,
darunter auch Alfieris patriotische Gedichte, so erhoben sich
durch ein einziges Edikt 1824 Mönchs- und 622 Nonnenklöster
von neuem. Und kein Zweifel konnte sich halten, daß die
Kurie die alte geblieben war trotz des sanften Wesens des ersten
Restaurationspapstes. Wie an ihm, so bestätigte es sich an den
folgenden, sehr verschieden gearteten Charakteren auf dem Stuhl
Petri, daß die Politik der Kurie auf tausendjährigen, grundsätzlich
festgelegten Geleisen daherfährt, gegenüber deren Zwang eine
wvechselnde Zügelführung nur nebensächliche Bedeutung hat.
Wie falsch war man also in den Kreisen der europäischen
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papalen Ziele durch die angeblich ohnmächtigen Statthalter
Christi in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts dahin
auslegte, diese müßten nun einmal an dem alten Kurialstil
festhalten: im Grunde aber sei das bloße Floskel und nicht
eben ernst gemeint. Diese Fiktion ermöglichte es den Päpsten,
ohne jede Störung das alte Ideal der römischen Politik zum
Vortrag zu bringen: den Anspruch einer geistlichen Herrschaft,