20 Fünfundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.

Protestantismus hat sie dann auch ihre größten Früchte ge—
zeitigt.
Aber auch die katholische Kirche war von ihr erfaßt worden,
teilweise unter Vermittlung des Protestantismus: so war es in
Osterreich schon zur Kirchenpolitik Josephs II. unter mancherlei
indirekter Einwirkung Friedrichs des Großen gekommen; im
Reiche hatten unter verwandten Einflüssen die Emser Punktationen
die deutsche Kirche vom Papste freizustellen gesucht; und die
Staatsmänner waren keineswegs geneigt gewesen, demgegenüber
der Kurie zu Hilfe zu kommen, wie denn z. B. in sterreich
Reste des Josephinismus bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts
fortgelebt haben.
So war es möglich geworden, daß trotz aller grund—
stürzenden Vorgänge während der Revolutions- und Freiheitskriege
 dennoch alte episkopalistische, antikuriale Ideen unter
dem deutschen Klerus fortwährten. Zwar waren die Bischöfe
jetzt nirgends mehr Landesherren: hatten also jene Sicherung
gegen die Kurie verloren, die in der Kombination weltlicher
und geistlicher Macht lag, und die ihnen der Kurie gegen⸗
über von vornherein, im Vergleiche mit dem außerdeutschen
Episkopate, eine besondere Stellung gab. Aber andererseits
wurden sie doch in ihrer Selbständigkeitsauffassung durch
mancherlei Elemente der Gesamtstimmung der Zeit noch ge—
halten.
Die hervorragendste Stätte der aus alledem ersprießenden
Auffassung des Katholizismus war lange Zeit hindurch das
Bistum Konstanz unter dem Generalvikariat des Freiherrn
von Wessenberg, das dieser erst 1827 niedergelegt hat, nach—
dem er wiederholt von den süddeutschen Bevölkerungen für
andere Bischofssitze, Freiburg und Rottenburg, in Aussicht ge⸗
nommen war. Unter ihm erblühte in der Diözese, und über sie
hinaus, ein inniges Leben in gemäßigtem Kultus und praktischer
Frömmigkeit; und die Gemeinden genossen trefflich ausgebildeter
Pfarrer. Eine reiche liturgische und katechetische Literatur
schoß empor; christkatholisch — so bezeichnete man sich gern —
wandte man sich gegen die übertriebenen Prozessionen, die