32 Fünfundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.

aus bildete sich Rothe den Schluß: „Um kaltblütig gegen alle
etwaigen Machinationen des Katholizismus gegen den Pro—
testantismus zu werden und alle Gespensterfurcht vor ihm zu
verlieren, darf man nur nach Rom kommen.“
Dieser Verkennung Roms in Rom entsprach dann auch die
Verkennung des Katholizismus in der Heimat. Während hier
die Regierungen den Episkopalismus und den Drang des Klerus
nach selbständiger katholisch-wissenschaftlicher Auffassung hätten
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der alten Kirche nur die zerfallenen Reste einer weit zurück—
liegenden Vergangenheit. Die Folge war, daß die katholische
Bevölkerung, von den protestantischen Regierungen in ihren
kirchlichen Interessen ignoriert, sich daran gewöhnte, sich mit
ihren Wünschen nach Rom zu wenden: so daß Rom weit in
die Rolle eines Vertreters deutsch-katholischer Wünsche gegen—
über den Regierungen hineinwuchs und damit für diese Be—
völkerung eine moralische Autorität von nicht geringer Be—
deutung wurde.
Nun ist klar, wie verhängnisvoll eine so allseitig an den
Tag tretende Kurzsichtigkeit auf jede Verhandlung mit der Kurie
wirken mußte. Bei dieser Lage machte dann insbesondere
Preußen, der größte protestantische Staat, die schlimmsten
Erfahrungen; es ließ sich von der Kurie zu Zugeständnissen
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zeichnet worden sind.
Als es sich darum handelte, die Verhältnisse der katho—
lischen Kirche in dem neuen Preußen der Zeit nach den Freiheits—
kriegen zu ordnen, war der rheinische Oberpräsident Graf
von Solms-Laubach, ein genauer Kenner der Lage in den
katholischen Landesteilen des Westens, um Rat gefragt worden.
Er hatte geantwortet: vor allem solle man kein Konkordat
schließen, sondern ganz im Sinne der bewährten Politik
Friedrichs des Großen von Fall zu Fall entscheiden und sich
verständigen, für jedes Verständnis mit Rom aber als Vor—
bedingung fordern: die Anerkennung des Westfälischen Friedens,
dementsprechend die öffentliche Anerkennung der Parität der