36 J Fünfundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.

Bewegungskräften des 19. Jahrhunderts, nur in ihrer Kampfes-⸗
stellung bemerkenswert. Um so mehr hatte man Anlaß, gegen
die hohe Blüte der katholischen Theologie in Deutschland mit
den äußeren Mitteln des Zwanges und der Vernichtung, Inder,
Widerrufsprozessen, Bann und Absetzung vorzugehen.
Der erste und zugleich gewaltigste Streich, der hier ge⸗—
führt wurde, galt der Lehre und Schule des Bonner Professors
Hermes. Hermes hatte versucht, den Inhalt der katholischen
Glaubenslehre vom Kantschen Kritizismus aus zu gewinnen!.
Der systematische Zweifel wird nach ihm durch die innere
Nötigung der Vernunft in dem Sinne überwunden, daß diese
die drei Erkenntnisgrundlagen des Katholizismus, die Schrift,
die Tradition und das unfehlbare Lehramt der Kirche, als
ihrem Wesen konform und daher als notwendig erkennt. Auf
diesen Unterbau stellte dann Hermes die korrekte Lehre der
katholischen Dogmatik.
Diese Lehre nun, wie sie eine Versöhnung des Katholi—
zismus und der subjektivistischen Philosophie versuchte, war von
Hermes zuerst in einem Büchlein „Über die innere Wahrheit
des Christentums“ 1805 in ihren frühesten Andeutungen vor⸗
getragen, dann in wenigen späteren Schriften, aber einer um
so ausgedehnteren Lehrtätigkeit an der Bonner Universität weiter
entwickelt worden. In den zwanziger Jahren beherrschte sie
nicht bloß die Bonner Fakultät fast ganz, sondern ebenso die
Fakultäten und Seminarien von Breslau und Braunsberg,
Köln und Trier, Kulm und Ermland. Um so mehr galt es,
ihr den Garaus zu machen.
Es geschah nicht in wissenschaftlichem Kampfe, sondern
durch die Gewalt päpstlicher Verdammung. Zwar fanden selbst
die Jesuiten, deren einer, Perrone, vornehmlich das Material zu
der entscheidenden Bulle zusammenbrachte, an Hermes' System
nichts auszusetzen: um so mehr aber wandten sie sich gegen
die Methode. Und diese nun verdammte der Papst: Hermes
habe, „kühn abweichend von der Heerstraße der heiligen Väter,

1Val. Bd. X S. 489.