18 — Fünfundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.

Nur war bei der Gründung der Union unklar geblieben,
was sie eigentlich bedeuten sollte. Schleiermacher, damals noch
der theologische Führer, sah in ihr eine Vereinigung der
evangelischen Kirchen zum Schutze gegen Rom; die dogmatische
Seite beachtete er weiter nicht; er glaubte, daß hier die Ent—
wicklung des Protestantismus im 18. Jahrhundert die Frage
nach absoluter dogmatischer Übereinstimmung schon unnötig ge⸗
macht habe; und er erwartete höchstens eine lebhafte theologische
und dogmatische Fortbildung auf der neuen, gemeinsamen, nicht
weiter bekenntnismäßig festzustellenden Grundlage.
Aber ganz anders sah Friedrich Wilhelm III. die Sache
an. Ihm lag eben eine dogmatische Einigung am Herzen, und
als sich diese bald als ausgeschlossen herausstellte, wenigstens
eine liturgische. Er ließ daher auf Grund seines angeblichen
liturgischen Rechtes als Summepiskopus der preußischen Landes⸗
kirche eine Agende ausarbeiten und setzte ihre Einführung seit
dem Jahre 1821 nicht immer mit den besten Mitteln durch.
Weitaus unduldsamer zeigte sich der König dann in den
dreißiger Jahren. In Schlesien war damals unter Scheibel,
Huschke und Steffens eine altlutherische Bewegung entstanden,
die von der Union nichts wissen mochte; der König aber wollte
ihr wenigstens seine Agende aufdrängen. Als die Altlutherischen
sie ablehnten, kam es zu höchst widerlichen Szenen: Absetzung
von Geistlichen, Bequartierungen; und viele Geistliche und
Gemeindemitglieder entzogen sich weiteren Quälereien durch Aus⸗
wanderung nach Amerika.
Gleichzeitig aber hatten nun jene großen geistigen Be⸗
wegungen auf dem protestantischkirchlichen Gebiete eingesetzt, die
wir schon kennen!: 1885 war das „Leben Jesu“ von Strauß er⸗
schienen, seit 1838 gab Ruge die „Hallischen Jahrbücher“ heraus;
1841 folgte Feuerbachs „Wesen des Christentums“; seit 1846
kam es zur Bildung freier Gemeinden. Neben die Orthodoxie
und die Schleiermachersche Vermittlungstheorie stellte sich damit
eine kirchliche Linke, die den vorhandenen dogmatischen Bestand

1S. Bd. X S. 492 ff.