50 Fünfundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.

stimmten Lehrgehalt wegfallen. Eine mittlere Meinung endlich
ging auf eine neue dogmatische Formulierung, die der Union
positiven Inhalt geben und das alte reformierte und lutherische
Bekenntnis aufheben oder wenigstens nur neben dem neuen be—
sttehen lassen sollte: hierfür sprachen die Männer der sogenannten
vositiven Union: Karl Immanuel Nitzsch, Julius Müller.
Natürlich gab die ganze Frage Anlaß zu unendlichen Er—
örterungen. Und es war schon viel, daß man sich endlich auf
einen Mittelweg einigte zwischen Lehrfreiheit und dogmatischem
Zwang; das Formular des Bekenntnisses sollte nicht aus dem
hisherigen Symbolum, sondern aus Worten allein der Heiligen
Schrift genommen werden.
In diesem Resultat aber erschöpfte sich nun auch die Tätig⸗
keit der Synode; es wurde zudem alsbald von den Orthodoxen
in und außer der Synode grimmig angefeindet und ging in der
Praxis verloren; zur Beratung aber einer ständigen Gemeinde—
und Synodalverfassung gelangte die Generalsynode nicht mehr.
Und so versandete denn der große Anlauf zu einer evangelischen
Kirchenverfassung elendiglich: auf dogmatischem Gebiete blieb
alles beim alten; die Kirchenverfassung blieb ebenfalls die alte;
und neu begründet wurde als ihre logische Krönung nur der
preußische Oberkirchenrat.
Damit war denn die Initiative Friedrich Wilhelms IV. den
kirchlichen und dogmatischen Schwierigkeiten der Zeit gegenüber
ohne Ausnahme ausgewichen und völlig gescheitert.
Sollte die Entwicklung auf politischem Gebiete mit anderem
Ergebnis schließen?