Erster Rampf alter und neuer Weltanschauung in Kirche und Staat. 88

Anteilnahme an dieser Vertretung je nach ihrer besonderen
politischen Energie, Leistungsfähigkeit und Inanspruchnahme
schon durch die unteren politischen Kreise zu finden war.
Darauf also kam es bei der Konstruktion des neuen Staates
neben manchen anderen Gesichtspunkten vor allem an, den
Anteil jedes einzelnen Subjektes nicht gleichmäßig und mechanis ch,
wie es der Individualismus getan hatte, durch ein mathematisch
konstruiertes Wahlrecht zu regeln, sondern organisch aus der
spezifischen politischen Bedeutung dieses Subjektes hervorwachsen
zu lassen.
In diesem Ideal, das wir das demokratische nennen, waren
alle einig, die überhaupt über den Staat nachdachten, konservativ
denkende Männer der Restauration ebenso wie zu liberalen Auf⸗
fassungen neigende Männer der Zeit der Freiheitskriege und der
darauf folgenden Jahrzehnte: es war der gemeinsame Ausgangs⸗
punkt alles schöpferischen politischen Denkens im 19. Jahrhundert.
Allein in der konkreten Durchführung des Prinzips ergab
sich bald ein bemerkenswerter Unterschied. Die konservativ ge⸗
richteten Köpfe sahen in den alten Berechtigungen der deutschen
Stände Ansätze zur Lösung des organischen Staatsaufbaus, die
nur noch mehr oder minder auszubauen wären, oder sie sahen
wohl gar in deren Berechtigungen das Problem schon gelöst.
Nun hätten sie zu diesen Anschauungen niemals gelangen können,
hätte sich um das Jahr 1800 das deutsche Wirtschaftsleben
schon rapid entwickelt, und wären infolgedessen in der für die
politischen Fragen entscheidenden Zeit, in den zwanziger und
dreißiger Jahren, schon soziale Revolutionen und die Anfänge
völlig neuer Standesbildungen und damit auch völlige Um—
bildungen der politischen Bewertung der Einzelsubjekte gegenüber
dem sozialen Bestande des 18. Jahrhunderts hervorgetreten.
Allein das war bekanntlich nicht der Fall; erst die zweite
Periode des Subjektivismus hat seit den vierziger und fünf—⸗
ziger Jahren im Verlaufe von ein bis zwei Menschenaltern diese
Wandlungen gebracht und damit die sogiale Plattform der
politischen Erwägungen, von denen man in den zwanziger und
dreißiger Jahren ausgehen konnte, von Grund aus verschoben.