Erster Kampf alter und neuer Weltanschauung in Kirche und Staat. 58

alten individualistischen Naturrechts aus der Revolutionszeit und
allenfalls aus den folgenden Jahrzehnten: gewiß in manchen
Einzelheiten moderne Produkte, im ganzen aber sozusagen politisch⸗
theoretische Ladenhüter: Lehren vor allem, die nicht das Sub—
jekt, sondern das Individuum, nicht die politisch abgestufte
Tätigkeit des einzelnen, sondern die mathematisch gleiche Wahl—
stimme jeder Person dem werdenden Staate zugrunde legten.
Man sieht leicht: es war im eigentlichsten der Ersatz der
organischen Staatsanschauung durch eine mechanische, soviel
man auch noch von Organismus reden mochte; und es bildete
sich daher von hier aus schließlich ein ganz anderes Staatsideal
als das rein subjektivistisch- demokratische, ein Ideal, das im
Gegensatze zu diesem mit vollem geschichtlichen Rechte als das
spezifisch liberale, als das Ideal des deutschen Liberalismus des
19. Jahrhunderts und insbesondere der ersten deutschen Periode
des Subjektivismus bezeichnet werden kann.
Was aber dieses Ideal in Deutschland so außerordentlich
kräftig und wirksam machte, das war nicht so sehr sein eigent⸗
licher Inhalt wie seine Verquickung mit der Idee der natio—
nalen Einheit: erst aus ihr empfing es Frische, Volkstümlich—
keit, lebendige Gegenwart; und eben der Umstand, daß die
Einheitsidee bei den Konservativen schon vor 1848 wenig Pflege
fand und nach 1848 auch von den österreichischen Konservativen
abgelehnt wurde, hat zu jener untrennbaren Einheit von natio⸗
nalen und liberalen Bestrebungen geführt, unter deren Im—
pulsen sich Verfassungswerk und Gesetzgebung vornehmlich in
den sechziger und siebziger Jahren vorwärts bewegt haben.
Dann freilich ist der liberale Gedanke mehr zurückgetreten,
unter dem Drucke der ersten großen sozialen und geistigen Er—
scheinungen der zweiten subjektivistischen Periode stellte sich eine
Deroute des politischen Denkens überhaupt ein; sozialpartikulare
Interessen gewannen die Oberhand; und erst langsam zeigt sich
in der Gegenwart eine geistige Erholung, die auf das ursprüng—
liche subjektiv-demokratische Ideal zurückgreift, es immer inniger
und deutlicher umfaßt und von ihm aus die wahre Verwirk⸗
lichung des subjektivistischen Staates anzubahnen bestrebt ist.