—56 Fünfundzwanzigstes Buch. Erstes Kapitel.

Kehren wir indes von diesen weiten Aussichten in die
Vorperiode unserer Erzählung, in die zwanziger bis vierziger
Jahre des 19. Jahrhunderts zurück, so bewegen wir uns in
ihnen, unter dem langsamen Absterben des fruchtbaren Ideen⸗
gehaltes der Konservativen, zunächst in den Anfängen der
liberalen Gedankenbildung.
Und da wissen wir schon aus der eingehenden früheren
Darstellung dieser Verhältnissei, daß das liberale Denken zu—
nächst mit noch recht abstrakten Anschauungen begann, so sehr
man sich auch dem praktischen Leben und wenigstens der poli—
tischen Kritik zuzuwenden suchte. Kann es wundernehmen, daß
unter diesen Umständen die vollentwickelte, kräftigere Ideenwelt
Westeuropas eindrang? Zumal, da an dieser Wendung in
Deutschland kosmopolitische Elemente, Juden, Gelehrte, an
erster Stelle mit beteiligt waren? Schon in die dreißiger Jahre
bringt die junge Strömung, soweit sie ein Programm hat, die
Belastung mit fremden Ideen mit.
In dem neuen Jahrzehnt freilich wurde man dann in vielem
Betracht eingehender und, insofern man dadurch den heimischen
Verhältnissen näher trat, auch mehr deutsch. So vertiefte
man sich außer in die politischen Zustände auch in die soziale
Lage; und blieb man auch hier fast ganz bei der Kritik, so
mußte doch selbst sie schon auf diesem zunächst untergeordneten
Gebiete schließlich auch mehr nationale Forderungen zeitigen.
Im übrigen aber war für das Jahrzehnt bezeichnend, daß seine
Kritik literarisch-ästhetisch war: das Junge Deutschland hatte
die Führung. Daraus ergab sich allerdings eine außerordentliche
Ausdehnung der in die Kritik hineingezogenen Kreise; die „Ge—
bildeten“ als solche wurden gewonnen; das politische Publikum
begann mit dem weit größeren literarischen Publikum zusammen⸗
zufallen. Allein war damit ein Übergang zur Tat gegeben?
Nichts ist in dieser Hinsicht charakteristischer, als daß die
Produktion der Jungdeutschen die erzählenden Gattungen der
Dichtung bevorzugte, den leidenschaftlichen fernblieb. Rur An—

S. Bd. X S. 460 f.